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Auf dem höchsten Punkt liegt +eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt +selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen +Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte +Frankreichs zusammenhängen. + +Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr +streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les +bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von +Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie +hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande +dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit +verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete. + +Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von +Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz +blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier +macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner +Devise. + +Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger +Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und +Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt, +welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von +den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers +die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt. + +Es war an einem Februarabend des Jahres 1870. + +Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die +Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort +aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den +Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des +Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende +Gegend. + +Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner +von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei +Männer auf und nieder. + +Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht +vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben +jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine +von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war +geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse +natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der +Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des +französischen Arbeiterstandes war. + +Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und +Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich +ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem +kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine +gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche +zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm +schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig +Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte +weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von +jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen, +insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist. + +Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre +1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der +Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der +Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei; +der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das +Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in +Saint-Dizier stationirt waren. + +"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt +wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn +Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das +Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration +auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert +Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und +ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort +gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben +mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing +dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren +Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich +täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir +uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und +dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot +erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann." + +"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er +stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist +unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und +Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne +sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als +bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann +steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath +zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch +nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch +wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz. +Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir +nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt, +so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine +Familie gründen können." + +"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid +und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu +heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht +recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch +militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr +zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter +hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen +Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen +und nach preußischem Commando exerciren?" + +"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe +ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich +der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich +verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen +größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere +Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht +als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld +zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine +Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu +werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein +einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde +ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die +Heimath aufzugeben. + +"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu +tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an? +Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir +wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch +meine Liebe bestimmen lassen." + +"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen +möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin +zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat +uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin +kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen +Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben +und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch +überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten +immer die Liebe mitspricht--" + +Ungeduldig erwiderte Cappei: + +"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe +ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und +uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde +hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit +mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen +Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König +uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt +und kann als ehrlicher Mann thun was ich will." + +Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die +Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur +spärlich erleuchtet war.------ + +Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten +Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche, +welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von +etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden +Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff, +das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles, +glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei +Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon +unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den +eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber +doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den +französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen +dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten +sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund +sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines +Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand. + +Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas +gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter +Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen +sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes +Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer +Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht. + +"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit +lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie +für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben. +Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine +Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts +gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück, +mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich +keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so +glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr +Schicksal mit dem meinigen zu verbinden." + +"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge +Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich +bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig +meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu +lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten +Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie +ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug. + +"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht +ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch +die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal +offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß +Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten." + +"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und +lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen +verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre +Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf +dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum +drängen Sie mich fortwährend?" + +"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es +nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende +Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr +entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit +unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher +war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie +gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und +widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige +Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so +glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit +Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles +anders--seit--" + +"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem +kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen +musternd, "seit--?" + +"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit +brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen +Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling, +von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein +gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener +Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie +Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an +Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden, +welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin +Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes +mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit +grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich +die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je, +seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück +meines Lebens geraubt hat." + +Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren +Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine +fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre +Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein +Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren +festgeschlossenen Mund. + +"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie +mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier, +Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu +andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und +Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über +Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu +antworten. + +"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so +eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer +Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und +unwiderruflichen 'Nein' beantworte." + +Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen +Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem +freundlichen Lächeln. + +"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem +jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur +leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe +mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung +sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist." + +Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte +unbeweglich in die Kaminglut. + +Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen +Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.-- + +Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen, +aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das +kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der +Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle +Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast +schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders +erinnerte. + +Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die +peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden. + +"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so +bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir +alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen +Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse +bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen +lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten +Friedensversicherungen enthalten." + +"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher +sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet +berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das +Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es +schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen +Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche +und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein +wenig mißtrauisch. + +"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder +große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt +hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes +erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er +lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch +sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit +empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt +und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer +erschüttert und immer tiefer untergraben wird." + +Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf. + +"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er, +"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit +Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng +verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung +gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der +Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht +nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen. + +"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe +kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit +den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die +allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich +aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die +Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und +Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum +zu verantworten sein." + +"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich +auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen +und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament +giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege +rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl +daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe, +welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich +würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung +ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--" + +"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die +Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die +Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich +bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die +Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die +alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren +in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich +erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist +und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige +gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser +Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung +ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich +jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath +berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen." + +"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr +Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so +laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt +dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des +Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen +Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die +Satelliten der römischen Kaiser." + +"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die +kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß +man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen +militairischen Ruhm vorziehen wird." + +Er blickte auf seine Uhr. + +"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend +still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters +mit Herrn Vergier zu achten. + +Luise erhob sich. + +"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat +versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick +sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen +zusammenbiß und sich abwendete. + +Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein. + +Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge +Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand +und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn +Vergier streifte: + +"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre +Abwesenheit sehr bedauert haben." + +Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er +machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine +Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen +Verneigung Herrn Vergier. + +Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen +Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein +Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem +Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den +einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte +eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um +ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei. + +Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen +aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich +der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis +heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der +Gesellschaft. + +Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr +Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen +und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze +Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, +schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten +mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit +dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier +hinübersah. + +Das Diner verlief schweigsam. + +Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner +schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte. + +Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und +hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch +welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, +von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte. + +Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache +Lampe erleuchteten Salon zurück. + +Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte, +die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um +seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte, +das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu +machen. + +Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines +Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge +Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und +ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte. + +"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die +französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich +fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine +vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen +Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir +für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt." + +"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der +Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, +"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu, +"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres +Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde +ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen +wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken +betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist +Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines +so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht +ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--" + +"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern, +ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner +Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu +geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--" + +"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft, +"genügt Dir diese Heimath nicht?"-- + +Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton: + +"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige, +die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen +Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als +je--" + +"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns +trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in +welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die +Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz +hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und +Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden +Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm +Glück Nichts mehr im Wege stehen." + +Er blickte düster vor sich hin. + +"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher +Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte +ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion +aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner +Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines +Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande +bin Dir eine Zukunft zu schaffen." + +"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall +in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in +unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater," +fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu +gründen--" + +"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser +Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des +Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so +kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine +Existenz schaffen lassen. + +Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn +ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines +Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch +ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine +sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie +wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das +Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch +während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst." + +Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und +blickte ihm tief in die Augen. + +"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun +wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird +jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die +deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir +beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen +bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind." + +Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen +zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!-- + +Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte +sich in ihren Sessel zurück. + +Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts. + +Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen +Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung +bewegten Stimme. + +"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand +ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß +in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier +eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt +und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will. + +"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um +auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über +Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr +thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--" + +Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf +den Schnurrbart und schwieg. + +"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine +Geliebte anblickend. + +"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise. + +"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der +Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer +gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir +beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen." + +Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater +zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon. + +Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig +erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; +doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht +lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter +schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den +Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte +keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen +würde. + + + + +Zweites Capitel. + + +Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen +Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in +den Tuilerien. + +Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden +Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, +sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren +geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck +tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den +Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der +ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte +in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des +Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in +convulsivischen Zuckungen. + +Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher +Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen +schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf +kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck +theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen +schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da +liegenden Souverain. + +An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton +beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von +Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein +geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er +auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er +doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit +dem Zustande seines Patienten beschäftigt. + +Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, +aufmerksam dem Pulsschlag folgend. + +"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend; +"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät +gern einige Tropfen Aethergeist einflößen." + +"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung +hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist +ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird +das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den +Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und +hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont +bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es +sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen." + +Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an +seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend, +auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien. + +Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen, +seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die +Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher. + +"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese +entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?" + +"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. +Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben +werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich +hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können." + +"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie +glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige +gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden +kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine +Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und +zu handeln." + +"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in +diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen. +Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation +durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber +Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als +andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden +überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und +je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr +werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich +auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung." + +Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben +meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was +mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um +das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft +die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre +ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die +denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen +können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen +ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn +zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für +mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja +nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die +nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen +Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für +welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens +angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner +irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft +aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze +Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses +Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet +habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige +Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein." + +"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen +Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und +hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten +legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und +unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn +der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst +berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen +Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen +natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. +Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die +Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die +Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der +Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht." + +Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf. + +"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie +wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, +das ich immer mehr verliere. + +"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte +Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann +besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das +ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe. + +"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch +wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser +Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen +Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des +öffentlichen Lebens." + +Dr. Conneau lächelte. + +"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets +unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit +solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie +diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse +der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer +hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre +Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des +öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät +geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten +Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des +Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden +niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an +Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern." + +"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich +weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus +dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen +wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare +Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist +da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer +Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend +hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es +gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu +stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so +ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den +Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein +möchte.-- + +"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu +Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht +vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle +es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach +Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa +bewegen konnte. + +"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich +einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny, +Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein. + +"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf +den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand +reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht +helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur +helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben +einzuflößen vermöchten. + +"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte +allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr +werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln +die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer +augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm +nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen +gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht +fortsetzen.-- + +"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das +Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick +kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über +meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt. + +"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich +einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte. +Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm +Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und +sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu +sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der +pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem +Tode aufhört. + +"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen +fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen. + +"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil +er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte? + +"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein +unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich +habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau +und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine +ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn." + +In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff +dessen Hand und führte sie an seine Lippen. + +"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder +Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den +kaiserlichen Prinzen hinzugeben."-- + +"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst +die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und +meinem Sohn den höchsten Dienst leisten." + +Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem +Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige +Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem +Glase Wasser. + +"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas +reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu +erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät +die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung +hervorgerufen hatte." + +Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne +opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner +Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere +Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender +Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und +der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte. + +Er stand langsam auf. + +"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte +Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird +der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten +Unfähigkeit herabstimmen." + +"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem +Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor +und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl." + +"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu +gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der +Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig +herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den +Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse, +denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse." + +Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen +und verließ das Schlafgemach seines Herrn. + +Der Kaiser klingelte. + +"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle +Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir +eine so liebe Gewohnheit geworden war." + +Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine +Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die +Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur +sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte +von seiner gebrochenen Kraft. + +"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den +Spiegel. + +"Zu Befehl, Sire." + +"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein +Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer +erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer +den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz +gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den +Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den +Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte. + +Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern +verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der +Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte. + +Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen, +früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus +wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des +Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt. +Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht +gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in +seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit +langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl +ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und +entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich +phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim +ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich +während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie +von einer dunkeln Gluth durchschimmert. + +Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch +völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, +welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief. + +"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher +Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir +zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und +bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem +Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung +Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind." + +"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu +sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen +Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich +sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut +ausspreche." + +"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß +diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig +abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es +gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben +den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen +des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was +sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß +ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln +und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu. + +"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine +Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den +Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand +einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner +wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich +Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die +Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die +Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät +werden das wirklich Richtige zu erkennen." + +"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er +sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois +einen Sessel neben sich bezeichnete. + +Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, +blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn +gerichtete Frage zu antworten: + +"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß +gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den +Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden +Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was +ich gesehen." + +Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den +Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes +spielend, aufmerksam zu. + +"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern +Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt +hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß +der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie +früher." + +Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch +blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne +gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren. + +"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter, +"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen +Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der +Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird. +Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation +berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen +gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit +freut sich der Ruhe und Ordnung. + +"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die +Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich +versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes, +Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die +Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen +versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten +Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid +geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal +gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen. +Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich +gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch +Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu +zerstören. + +"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu +citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht +scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der +Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen, +keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir +wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am +Hute tragen.'" + +Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig +unter den Augenlidern. + +"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in +Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer +Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren +zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen +wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat +man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde." + +Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach +mit ruhigem Lächeln: + +"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich +treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie +mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben +keine Gefahr bringen." + +"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut +und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich +erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden, +sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese +Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was +man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man +ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man +weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie +das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger +Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand +der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift." + +"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber," +fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten +Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?" + +Clément Duvernois schwieg einen Augenblick. + +Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete, +dunkelglühende Auge zum Kaiser auf. + +"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich, +Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner +Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen +nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten +undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch +über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge +faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung +geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm +aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der +aber--" + +"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit +gespannter Erwartung aufblickend. + +"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des +Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern +Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch +untergraben." + +"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich +daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines +persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und +sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten +und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt +werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die +persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der +Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich +ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige +rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser." + +"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne +ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre +Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, +würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät +bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen +Händen lägen." + +Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ +den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton: + +"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die +treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken +kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, +welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie +sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, +eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des +Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe." + +Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen. + +"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen, +Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den +Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen +habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes +besitzen?" + +"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes +und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer +Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir +Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu +sprechen. + +"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur +von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache, +daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem +Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des +Orleanismus--" + +"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet +mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?" + +"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf +Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber, +Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille +angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben +und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der +constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer +Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens +setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen +Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet +sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration. +Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät +Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die +Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des +französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen +befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des +Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen +zieht. + +"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen +Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's +wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips +als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen +ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der +Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her +ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es +kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den +Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein +dastehen werden. + +"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der +Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen +Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich +befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von +Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit, +das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern." + +Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht. + +"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin +gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie +verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren +schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer +eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?" + +"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die +Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen +sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche +Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf +gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine +Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel +des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an +den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe +reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten +Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen." + +Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster +vor sich nieder. + +Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so +brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner +Seele lesen. + +"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung +geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den +Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner +Freunde zu legen?" + +"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach. +Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung +eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem +Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden +neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu +kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird. + +"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß +in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in +Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den +Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen +und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der +Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk +giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten +besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige +Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu +überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren +hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze +Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle +Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche +Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome +zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem +Boden des realen Volkslebens loszulösen. + +"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort, +während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das +Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist +Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf +den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der +orleanistischen Agitation. + +"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich +fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer +Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen +Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die +Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen +wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen, +ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste +und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen +Dynastie sind." + +"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren +Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie +bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie +glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden +können. + +"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht, +welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin, +Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene +Fragen lösen zu können glauben." + +"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine +Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise +Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation +beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während +der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit +zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt +des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die +parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt +worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen +Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich +befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie +ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst. + +"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des +Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und +durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein +solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das +ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer +Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen +mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel +parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin +ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, +verschwinden." + +Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit +und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. + +"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie +haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe +neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für +den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie +allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage +meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat +und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. +Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu, +"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben +Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten +und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die +Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten. + +"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des +Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und +den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen." + +"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so +wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; +diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich +unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt +bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten +wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, +werden verschwinden. + +"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn," +fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre +alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der +richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen +erstehen werden." + +Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin +und sprach: + +"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick +überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung +und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die +Wahrheit gesagt. + +"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über +einen Punkt Ihre Meinung hören. + +"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das +nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die +Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief +verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht +Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer +Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des +großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von +Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden +kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen +Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen +Frankreichs wieder herzustellen." + +"Man räth Eurer Majestät," fiel Clément Duvernois ein, "ganz einfach den +Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in +seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne +Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht +Europa's sich vollziehen können; man räth," fuhr er mit erhöhter Stimme +fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun, +was Sie--verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire--unmittelbar nach der +Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen." + +Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme: + +"Und was meinen Sie zu diesem Rath?" + +"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer +Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber +nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer +Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde +aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich +freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen +Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß +ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende +preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in +den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--" + +"Aber?" fragte der Kaiser gespannt. + +"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure +Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit +der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren +Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu +können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und +die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf +bestimmen zu können? + +"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann +ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht +besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage +beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht +vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so +geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte +Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu +versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche +abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein +unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in +Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde +des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln." + +"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim, +vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen +Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick +besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber +kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die +Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber +gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst +sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee +übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den +Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit +ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber +ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das +Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va +banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren +kann. + +"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte +über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die +französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und +Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König +Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens +geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in +diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun +haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa +Franca möglich sein." + +"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben +gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste +Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel +des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen +bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und +für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der +gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem +Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges +sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie +langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor, +denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste +geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder +später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch +das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann." + +Der Kaiser stand auf. + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in +diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich +diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer +so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden. + +"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er +Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher +treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden." + +Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck +stolzer Befriedigung: + +"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden, +meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze +Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören." + +Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief +vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und +verließ das Cabinet. + +"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er +hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich +darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und +zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in +mir fühle." + +Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief: + +"Ihre Majestät die Kaiserin!" + +Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen. + + + + +Drittes Capitel. + + +Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes +in das Cabinet. + +Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer +edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden. +Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar +zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre +großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer. + +Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und +reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung +ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an +seine Lippen führte. + +"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der +Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und +schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum +können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr +Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat +unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses +unruhigen Frankreichs." + +"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie +sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie +wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich +gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter +fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem +Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, +den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere +Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der +Stadt stattgefunden? + +"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise +vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer +gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den +Haß gegen die Regierung zu schüren." + +"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen +stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung +gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten." + +"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht +erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung +vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen. + +"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn +einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten +Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu +spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr +bedenkliche Aufregung." + +Der Kaiser lächelte. + +"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir +die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint +bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man +kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu +lassen. + +"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, +"den genauen Bericht." + +Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines +Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr +Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem +Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn +zurückgestrichenem Haar in das Cabinet. + +Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem +Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede +des Kaisers erwartend. + +"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und +der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon. + +"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht +ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles +beendet." + +"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich +neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte. + +"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der +Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das +dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am +Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die +Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten +gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig +zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um +nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des +Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu +heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das +Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung +und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue +Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu +Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden +einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville +abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in +der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen +vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der +Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum +Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort +vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der +Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen +ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die +Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen +sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles +beendet." + +"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst +den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern, +wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen +Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine +solche Bewegung annehmen kann." + +Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf. + +"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung +Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am +Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner +Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine +große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige +Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an +Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach +meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?" + +Pietri verneigte sich. + +"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, +"daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem +Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch +diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht. +Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich +geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man +sich nicht darum gekümmert hätte." + +"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit +flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der +Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es +wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz +zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll +man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die +Macht der kaiserlichen Regierung glauben? + +"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen +Glauben zu verlieren." + +Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri: + +"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen +zu lassen." + +Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung. + +"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin. +"Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine +Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen +geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen +und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan +wird." + +"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie +vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist +doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben." + +"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen +noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem +man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns +dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme +Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem +Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester +und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser +Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--" + +--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über +seinen Knebelbart streichend. + +"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz +Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde +erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr +persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von +Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende +preußische Macht." + +Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er +zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte: + +"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit +einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich +verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de +but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären +könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische +Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher +ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."-- + +"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten +Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt +haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel +gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere +Armee für vollkommen schlagfertig--" + +"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser +ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die +Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."-- + +"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter, +ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe +ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie +Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die +Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr +Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen +und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich +werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte +Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur +eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von +1866 wieder zu zertrümmern." + +"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?" +fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den +Beistand, den wir dort finden können." + +"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter, +"ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die +genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle +jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit +Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen." + +Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke +in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig +ansah. + +"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der +Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten +Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt +das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. +Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem +vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des +Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt +nicht der geeignete Augenblick." + +"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren +Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt +sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus +den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"-- + +"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren +Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den +Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und +seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete +Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie +Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu +machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren +Lebensbedingung der Friede quand même ist?"-- + +"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister? +Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben +sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen +von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen +Frankreichs erfüllen müssen. + +"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von +unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche +Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn +nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen, +und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch +ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist." + +"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an +seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat, +eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, +um Frankreich mit sich fortzureißen?" + +"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer +zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein +und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir +im Sinne liegt--" + +Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber. + +"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung, +daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut +machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont +kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen +Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen +können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und +unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, +da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist. +Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie +Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird +sich von selbst machen." + +"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick +vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen +Sie mich darüber nachdenken--" + +"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu +lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend, +indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen +Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur +um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft +unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee, +diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst +die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über +die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das +militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist +der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen +Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen. + +"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen +Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich +verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem +ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern, +kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu +machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen +haben." + +Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner +Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches, +goldschimmerndes Haar.-- + +"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine +alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie +mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben +Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht +erlöschen wird." + +Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige +Augenblicke schweigend neben ihm stehen. + +"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die +Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt +habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen +Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß +ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe." + +"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß +die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es +mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern +lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen." + +Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf +die Stirn. + +"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es +scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, +langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der +eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den +Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm +Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und +seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch +Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und +ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der +Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der +Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen, +das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den +Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen? +Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand +zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?-- + +"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich +die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht +ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er +seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll +wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen +Händen liegen.-- + +"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse +Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken, +"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es +versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich +weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin +kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des +Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend." + +Er bewegte die Glocke. + +"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden +Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé +da?" + +"Der General wartet im Vorzimmer." + +"Führen Sie ihn herein!" + +Der Kammerdiener öffnete die Thür. + +Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein. + +Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug +reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des +Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem +schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges. + +Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in +seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig +nieder. + +General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran +und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der +Tuilerien. + +Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche +gekommen war, befahl er langsam zu fahren. + +Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen +Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während +die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden +blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen +Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die +sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten +die Herandrängenden zurückweisen. + +"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich +den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte. + +Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit +lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß. + +Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des +kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut +schallendem Ton: + +"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den +Meuterern!" + +Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards. + +Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von +einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der +Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend. + +"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle +diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit +einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen +mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß +diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er +sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen." + +Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen. + +"Nach Belleville!" rief Napoleon. + +Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze +versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!" +aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden +Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden. + +"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem +unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre? +Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit +etwas ängstlicher Miene hinzu. + +"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser, +stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt +machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß +ich mich noch als seinen Herrn fühle." + +Man war in Belleville angekommen. + +Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis +zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. +Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen +meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage +nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit +verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit +dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles +verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein +Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören. + +Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen +genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht +von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu +räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen +Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden. + +Der Kaiser ließ halten. + +An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene +düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten +glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden +Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte +den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an +den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der +nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster +hinschweifen. + +Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben. +Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete +ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor +sich hin. + +"Vorwärts!" befahl Napoleon. + +Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch +nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden. + +Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend +eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme. + +"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich +vor dem Richterstuhl der Geschichte!" + +Der Kaiser zuckte zusammen. + +"Halt!" rief er. + +Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den +Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr +und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so +schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick +seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen. + +Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite +hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen. + +"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und +ruhig. + +Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die +Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an +der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu +fahren. + +Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern +Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An +der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé +seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde +an. + +Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten +dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens. + +"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser. + +"Zu Befehl, Sire." + +Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch +das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an +dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das +Innere des Hotels führte. + +In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere +langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator +und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt +war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein +kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck +und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten +noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, +grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken +Augenbrauen hervor. + +Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser +und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme: + +"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am +Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so +vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu +eilen." + +"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte +der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser +ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß +ich wohl zu Ihnen kommen." + +Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten. + +Sie traten in den großen Empfangssalon. + +"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät +zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt." + +"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. +Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen +plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten." + +Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines +Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von +dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze +Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen +Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, +Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön +gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer. + +Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd +zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder. + +Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete +schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in +sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte. + +"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon +endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den +Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist +ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er +halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen +und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus +diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und +mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange +der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in +dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als +bei Ihnen." + +Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts +zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige +Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine +Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen. + +"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit +überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und +begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den +Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von +Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung +der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen +Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten, +auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten." + +Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt. + +"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch +heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät +Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick +unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der +Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich +militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die +französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare +Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der +Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat." + +"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von +den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten +konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich +damals Unrecht gehabt."-- + +"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte +Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil +Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät +wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, +die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich +damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen +Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und +mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen." + +"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon, +"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren +Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines +der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief +seufzend--"denn ich habe viel verloren." + +"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf +denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, +und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und +Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält, +sagen, als es Ihr Minister gethan hat." + +"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die +Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler +machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht +verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu +Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an +mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath +zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich +laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie +dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen," +fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des +Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene +Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die +Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht +verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen +Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß +die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem +geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich +den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen +und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals +garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen, +bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie +man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem +Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während +der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es +zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee +sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die +Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. +Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann +aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von +erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die +europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, +und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische +Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber +Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle +Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden, +jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir +entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall +mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?" + +Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, +dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck +lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und +langsam, jedes Wort scharf betonend: + +"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche +nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort, +"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht +hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, +der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig +befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute +oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich +zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen +darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell +anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet +später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit. +Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine +Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem +Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum +Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg +von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager +Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen +Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur +die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über +den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein +Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den +man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des +Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine +einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.-- + +"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und +verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem +sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht +früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise +reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs +sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es +sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich +ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem +Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich +selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache +Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg +Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage +so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit +gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner +Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann +Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als +Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen +Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche +Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner +Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir +noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich +mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter +Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein +Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur +geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen." + +"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen +Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns +Hülfe und Beistand." + +"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß +man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug +wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin +liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich +um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart +statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und +frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken +Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in +welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese +ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden +Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem +Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen +ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland +wieder aufzunehmen." + +"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß +Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen +und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der +Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche +Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich +betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas +Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert." + +"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und +kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte +Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. +Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, +nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder +verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre +vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben +irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen +Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?" + +"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, +"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz +Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche +Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer +activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, +"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben +aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer +deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde, +in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu +finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland +eingewilligt hat." + +Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de +L'huys' ernste Züge. + +"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in +der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der +vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne +Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen +das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große +Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire," +rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich +in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke +Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen +Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und +bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß +sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich +kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die +Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber +niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste +entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich +eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance +allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene +preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den +Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, +auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung +Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß +auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung +die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus +bietet." + +"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst +zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen +tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik +nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten +und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf +die alte Höhe zurückführen soll?" + +"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer +Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in +diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen +Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die +Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich +muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge +jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die +bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen +kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen +Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das +Aeußerste zu wagen." + +"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in +der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner +militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg +will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der +Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer +Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den +Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse +ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der +großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz +Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen +gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der +Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen +ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie +aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der +Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät +meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das +Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf +lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise +Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem +Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen, +würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde +Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen +Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache +betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf +einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, +ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines +Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste +Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches +Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des +Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen +Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes +preisgegeben sehen." + +Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem +Schnurrbart. + +"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer +Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er. + +"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem +Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein," +sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne +Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch +Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können." + +Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender +Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann +beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm +die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme. + +"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich +im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit +gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde +geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's +Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden +müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in +welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er +nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den +kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien +Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es +will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen +werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen, +daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt +Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe +hervorgerufen." + +"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler +gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach +meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen +befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen +Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche +Folgen gehabt hat." + +"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend +und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend. + +"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen +einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen, +welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der +niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und +links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung +in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er +fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen +immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch +Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor +Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der +freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es +auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder +gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu +lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das +öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher +nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube +ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu +inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben +wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, +"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln +durch ihn durchführen zu lassen." + +Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört. + +"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch +darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht, +betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um +dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu +stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der +Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht. + +"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne +Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu +lassen--" + +"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar +Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr +folgen." + +"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den +neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit +auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten +Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit +einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben +herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen +Lebens geworden ist." + +Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge +des Kaisers. + +"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr +Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?" + +"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend +fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr +als an Daru und Buffet." + +Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf. + +"Und Ollivier?" fragte er dann. + +"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die +ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen +Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die +Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und +festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer +Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, +den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen +anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel +erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen +Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so +ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und +ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner +Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere +und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so +unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, +wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an +eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen +militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des +Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte." + +Der Kaiser erhob sich. + +"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre +Unterstützung nicht fehlen wird." + +"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick +bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich +nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie +dieselben acceptiren, auszuführen." + +"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich +verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an +guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys +meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht +derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um +meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur +Ausführung zu bringen." + +Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg +mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den +Tuilerien zurück. + + + + +Viertes Capitel. + + +In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße +saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten +Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren +in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe +Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde. + +Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck +seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle +Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende +graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt, +und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas +zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den +preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten +scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade +aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus +der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand +hielt. + +Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit +einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen +hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen +Vermögen und seiner Pension lebte. + +Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer +Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des +Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus +zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz +bewegte. + +Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige +Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme +Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung +verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, +wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war +fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne +Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er +sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ +Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich +wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob +seine Gedanken anderswo weilten. + +Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte +leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne +desselben. + +"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit +einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies +Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die +Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend +hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner +Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein +Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir +überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit +der Zeit zu steif und schwerfällig geworden." + +"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der +Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, +wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann +kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die +Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken." + +"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt. +"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich +nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner +Wirthschaft entziehst." + +"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von +Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich +in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem +Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann +gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald +zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle +bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es +sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine +angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht +die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen." + +"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas +wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen +kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich +hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren +Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche +Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein +Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. +Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben +geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß +unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der +Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge +hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den +Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen +dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß +den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf +demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist." + +"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck +phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht +einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst +nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und +einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen +verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte +er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu +können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat." + +"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend, +"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das +Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung +und Entbehrung gebracht hat?" + +"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen +nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines +Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im +militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette +für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den +entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für +alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt +hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den +fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte +anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese +Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein +alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch +mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt +und gearbeitet hast." + +"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den +Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige +Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum +Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt. +Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich +haben möge." + +"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem +leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja +in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in +den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der +andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle +Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum +Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu, +"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen +vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen +auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit +bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die +Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen, +brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd +hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten." + +Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb +verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber. + +"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen +Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf +Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter +Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung +eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und +in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende +Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast +nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir +gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich +nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit +dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen. +Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet +werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie +werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein +können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine +Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine +Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe." + +"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von +Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde +hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt +beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den +ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will, +so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen. +Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe +geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz +nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit +gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an +seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir +zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer +Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden +Besitzes zu erhalten im Stande ist." + +Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf. + +"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht +allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast +der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen +erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden +zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen +mußten." + +"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow +lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine +Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte +nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich +besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen +haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz +den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow +führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn +ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz +sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben, +ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen +entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten +muß?" + +"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant. +"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals +mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen." + +Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der +Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer +starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm +geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren +früherer großer Schönheit zeigte. + +Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas +altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem +breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter +Hauslivree das Theegeschirr aufstellte. + +"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es +wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn +Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem +leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht +großartiges Fest zu geben." + +"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem +Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist +immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen +ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause +geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich +nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich +zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen +heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet." + +"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen +Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung +der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu +nehmen." + +"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar +recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu +nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien +zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise +verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf +ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu +viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich +will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen," +fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof +macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn +Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr +gut erzogen und sehr fein gebildet." + +"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn +nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf +setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte." + +"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines +Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr +Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er +wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der +Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den +einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch +Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht +arrangiren lassen." + +"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der +Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch +wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine +Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf +meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes +Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter +zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die +Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes +Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen +Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu +würde ich niemals meine Zustimmung geben." + +"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd, +indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie +sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als +er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit +dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht +in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier +zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance +sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute +hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des +Fräulein Cohnheim." + +"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich +amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte +Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen +habe, vollkommen mit mir theilt." + +Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu +der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die +Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu +behandeln. + +Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern +vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der +schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der +Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das +dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören. + +Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der +Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch +nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet +waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die +Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der +ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den +Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den +Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst +beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der +Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große +Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch +guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines +Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des +wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben +zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher +nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in +den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und +einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen. + +Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte +Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa +fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig +über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar +leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen +Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas +aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden +Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um +seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus +gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl +zusammengesetzt war. + +Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte +von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine +strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige +große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er +sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich +ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen +Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren +Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine +goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur +Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte. + +Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon +seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit +ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des +Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen. + +Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit +ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden +jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte. +Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren +Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der +Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr, +und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen +öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem +mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln. + +In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand +ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr. +Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von +zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen +übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen +geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That +waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste +Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer +jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man +gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit +findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen +eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht +des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie +von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen +blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten +feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches +Lächeln. + +Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen +Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken, +steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen +im Knopfloch. + +Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die +Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe, +indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen +gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der +Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge +doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden +Damen erhebe. + +Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der +Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden +jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends +feststellten. + +Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang +seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit +die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau +abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte +er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit +einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl +seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen +Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang +der Neueintretenden zurückzuwenden. + +Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt, +deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer +Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt; +mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch +vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel +die Hand. + +Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge +Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften +zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er +diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat +und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche +Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde. + +Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen +präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen, +welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen +läßt erfüllte die Räume. + +Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen +geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging +rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten. + +Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der +Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben +Hauses am Theetisch seines Freundes saß. + +Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem +Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und +anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das +wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben +lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas +gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In +seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene +Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm +berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und +höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und +leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths +mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein +hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre +gebe, als empfange. + +In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien, +durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt +zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld. + +Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest +und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf +geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und +Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende +Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest +zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder +Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus +ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in +einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen. + +Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem +jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher +Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte. + +"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr +Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es +verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu, +indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck +zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen." + +"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit +leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg +nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht +haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine +Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen." + +"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie +gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir +sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann +nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die +Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch +einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter +klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu +der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld +weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den +Tanzsaal eintrat. + +Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter +gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen +begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu +ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten. + +Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte +von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche +sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von +Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte +Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen +Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche +sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die +Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem +Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow +schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal, +indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer, +in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand. + +Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter +Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des +Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim. + +"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er. +"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß +Sie noch einen Tanz für mich frei haben?" + +"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die +Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die +Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze +sind besetzt." + +"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während +er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht +verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich +übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung +gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu +reserviren." + +Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter. + +"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den +Cotillon angenommen." + +"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese +glückliche Ueberraschung gemacht haben?" + +"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst +und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen +Officier hinüberflog. + +Dieser trat rasch heran und sprach: + +"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie +mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?" + +"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit +freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr +sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim +Cotillon notirt." + +Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant +von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und +wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow +mit leichter Verbeugung zurücktrat. + +Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare +traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die +junge Dame in die Reihen. + +Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen +Augenblick neben einander stehen. + +"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem +sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir, +nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten, +und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen, +was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist +sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die +commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble +Partie." + +Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe +stehende Paare. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow +flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick +seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den +anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an +ihm vorbeischwebte. + +Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die +ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den +unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in +mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare +ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren +Herren. + +Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen +Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und +gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche +ihm aufmerksam zuhörten. + +"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag +mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und +Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber +es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der +Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir +jetzt weiter entfernt als je vorher." + +"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer +Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit +verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene +eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche +ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet. +"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen +Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in +der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem +mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene +deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders +begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften +Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende +Berichte." + +"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath," +erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn +gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane +katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den +Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich +hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering +anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit +gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit +denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen +Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr +deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische +bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß +auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht." + +"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die +ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur +deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen. +Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse +haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht +schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen +katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich +im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen." + +"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine +vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des +Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen +es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt +voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber +in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden +müssen." + +"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man +dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So +viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für +unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder +menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in +Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche +Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken +auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen." + +"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der +Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der +Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen, +wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort, +"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste +Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns +nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will, +daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer +deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist +es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt +wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem +Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht, +mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche +Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen +lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher +Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein +italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch +seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in +welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen +Deutschland sehr wenig genehm sein möchten." + +"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich +glaube, wir können es ruhig abwarten." + +"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab, +sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict +entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so +dürsten die Consequenzen sehr fatal werden." + +"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor +Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt +gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe +Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen +Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und +ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit +solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der +Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man +zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen +Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich +durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische +Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die +Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat +die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das +von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick +müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen +die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen, +und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze +Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom +herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem +Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit +energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten +Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche +Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt +hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich, +wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder +den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe +jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe +kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer +sein, sie wieder von Rom zu trennen." + +"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender +Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir +haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten +und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten +Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht." + +"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist +noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung +des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem +Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct +ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder +Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein." + +Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis. + +"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im +Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten +Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im +letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden +ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor +Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu, +"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine +gute Cigarre erschwingen können." + +"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der +Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen, +die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten +können." + +"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der +Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!" + +Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich +ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für +die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das +Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen. + +"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem +Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins +der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron +von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in +Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große +Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große +Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit, +ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich +glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich +dabei zu betheiligen." + +Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke +des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres +und eingehenderes Gespräch. + +Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten +feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt +tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die +Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden +des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und +theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor +ihnen. + +Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach +mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die +Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig +sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des +Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast +traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur +zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter +des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem +Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah. + +Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt +nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin- +und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine +Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder +einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas +besonders empfohlenen Weins zu serviren. + +Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger +Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden +Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht, +sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen +Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine +Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden. + +Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum +Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und +begaben sich in den Tanzsalon. + +Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des +Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der +Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung +die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter +einer Decoration von grünen Gewächsen standen. + +Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann. + +"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld," +sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt +Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim +Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die +Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend +Etwas übel genommen?" + +"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick +tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die +leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen +ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin +verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft +traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein." + +"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig +zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit +sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte +übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig +machen könnte." + +"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest +und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger +machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem +fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich +von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele +Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz +eingezogen wären." + +Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige +Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder +hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit +einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme. + +"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen? +Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung +sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil +werden kann." + +Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes. + +"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter +Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--" +fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner +Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben." + +Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an. + +"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es +muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn +die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe +Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei +und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?" + +Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog +durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie +dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein +rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte +mit herzlichem Ton: + +"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?" + +"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend, +"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele +Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes +Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen +bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger +mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt +habe." + +"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht +schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene +Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?" + +Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen +Blick und verstand die stumme Frage. + +"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück, +wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--" + +Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn. + +Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen +Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich +wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort: + +--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft +unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als +begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine +Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen +mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der +Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das +ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem +brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für +mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann +ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den +unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu +erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine +zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde +vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern +Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und +Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, +während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum +ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen +los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach +er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich +machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der +unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären." + +Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr +Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit +legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich +ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser +Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend. + +"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich +kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast +befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies +gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht +allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen, +so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen +nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen +Glanz verloren haben." + +"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche +Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber +mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht +möglich." + +"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir +nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen," +fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben +umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem +Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind +wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe +abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen." + +Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen +mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an. + +"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter +Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie +einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine +Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr +er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung +nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes." + +"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen +_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens +_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im +Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die +untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem +Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar +weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich +Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?" + +"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige +Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf +hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken +darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen +fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben +Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er," +sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons +benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?" + +"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher +Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben +würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?" + +Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit +reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren +vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem +Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren +Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die +Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer +Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons +hinblickten. + +Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen, +trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen +und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses. + +Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach +der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die +tanzenden Paare verfolgt hatte: + +"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um +Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so +unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise +fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten, +welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen +den Vergleich nicht aushalten kann." + +Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte +sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das +kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte. + +"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen +gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu +benutzen, um Ihnen Freude zu machen." + +Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine +Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den +folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte +Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges +Gespräch nicht mehr möglich war. + +Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein +Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen +waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen +Druck ihrer Hand zurück. + +Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und +indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter +Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die +seinigen tauchten. + +"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld. +Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte +Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie +nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige +Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe +ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht +ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist +Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man +einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der +Zukunft zu haben." + +Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter +angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig +zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe +Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ. + +Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt +sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und +als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich +bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu: + +"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig +gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen," +fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron, +wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren." + +Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner +Frau und zu seiner Tochter. + +"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend, +"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er +vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von +Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr +gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause +zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt +werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu. + +"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die +schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife +nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um +ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist, +mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im +zerstreuten Ton. + +"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte +ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in +demselben Ton hinzu. + +"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du +hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu +tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung +und unsere Beziehungen nimmst." + +Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie +Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren +Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück. + +Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener +Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen +hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die +verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in +den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten. + + + + +Fünftes Capitel. + + +Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam +und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien +auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und +ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken +Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein +bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen +schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur +das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen +Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher. + +Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand +und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche +Schrift welche das Papier bedeckte. + +"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen +bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher +einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit +fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich +dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort, +"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten +mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens, +und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, +überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten +zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu +erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der +unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich +bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies +arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen +kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde +zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu, +"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere +Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und +selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte +desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die +Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände +Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in +Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern, +würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in +Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus +den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren +Factoren treiben dort ihr Spiel-- + +--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt, +durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im +Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche +seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der +unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen +Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen +können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der +politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre +Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie +können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen +vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken." + +Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den +einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand. + +"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und +Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die +Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam +sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen +Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben +würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen +mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage +für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht +glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln, +mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da +fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und +will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines +Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's +Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles +das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866 +noch übrig geblieben ist." + +Er blickte abermals auf den Bericht. + +"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische +Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse +eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte +Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die +Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun +einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist. +Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte +Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt +werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was +bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in +Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich +unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das +italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt +dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine +Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders +gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich +sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--" + +"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und +gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht +zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es +in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine +innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des +Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer +militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende +meines Werkes sein." + +Er warf den Bericht auf den Tisch. + +"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe +es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu +stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des +Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt +wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn +niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder +Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man +aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde, +dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die +achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen." + +Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag, +durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die +Schlußworte: + +"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der +Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die +Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn +in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer +Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische +Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen +und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph +das Band der Unterthanentreue annehmen würde." + +"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand +stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen +für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und +unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den +König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den +Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des +Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen, +was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich +pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der +Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des +Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem +solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische +Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in +welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die +Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige +Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser +Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern +Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals +werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen +österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat. +Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle +meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten. + +"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick +fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig +ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich +geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste +Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es +versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte +hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu +erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber +von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden +so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die +unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte." + +Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen. + +Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den +Sectionschef, Baron Hoffmann. + +Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf. + +Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des +Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm +verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen +Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des +Reichskanzlers Platz. + +Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen +Schreibtisch gelegt und sagte. + +"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der +unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die +äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die +Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich, +Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er +fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich +lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für +unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, +wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch +für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte +doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde, +dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche +ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg +versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst +Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr +formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst +muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es +dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter +Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein, +zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie +weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden +Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor +Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm +persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte." + +"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive +Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen +Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß +man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht +hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man +nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen +Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die +Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen +Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das +italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer +europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen +wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie +ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des +Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge +geschehen ist." + +"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen +Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer +freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen, +niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft +Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und +Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne +des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen +österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem +Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber +acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran +denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel +passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des +Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also +noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen +mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit +unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt +werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und +auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er +ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter +Umständen viel schaden." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. + +"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen." + +Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort. + +"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher +sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München +berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf +Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König +Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel +befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der +großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die +Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich +versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen +berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll +Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung +des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und +von Thüngen lebhaft besprochen haben." + +"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf +die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas +Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn +in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der +mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums +Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.-- + +"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so +vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte +Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, +im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines +Vertrauens giebt." + +Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern +Unmuths. + +"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in +den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall +fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt +man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der +äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont +verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder +hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht +verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein +persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam +aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in +Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des +offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung, +mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er +fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann, +aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist +er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort, +"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die +Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste +verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade +in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu +verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des +Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig +entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin +aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die +Arme treiben. + +"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen +eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über +denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung +auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.-- + +"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere +Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist, +demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu +sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein +Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen +Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne +politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile +bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu +verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz +von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache +eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen +gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine +königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen +Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe +dispensirt.-- + +"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter, +"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist +nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die +Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in +intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition +sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter +Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf +Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen +darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder +gut zu machen-- + +"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das +Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter +darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München +nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof +klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit +beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die +Entwickelung des Staatslebens zu brechen." + +Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont. + +Graf Beust erhob sich. + +"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er. +"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen, +nachdem ich mit Grammont gesprochen habe." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet +verlassen, trat der französische Botschafter ein. + +Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines, +fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm +gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts +gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit +und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen +ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der +ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem +Schreibtisch nieder. + +"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich +Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen +Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls +den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner +Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings +schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder +vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit +welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und +ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und +geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht." + +"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit +leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, +die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß +von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen +Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne +Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, +welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben +gerufen hat." + +Herr von Beust schwieg einen Augenblick. + +"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog +grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr +persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um +dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form +zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine +Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm +gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz +gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint +als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie +wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien +wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische +Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich +gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen +Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu +sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können, +dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser +zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht +hat." + +Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und +freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn +gerichteten Blick des Grafen Beust aus. + +"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über +die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach +angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die +Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, +soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die +Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action +Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber +gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da +in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die +Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im +Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth +erscheinen möchten." + +Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und +spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der +Decke des Schreibtisches. + +"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen +Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber +eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen +Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber +geworden." + +"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche +zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen +Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß +eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit +bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch +direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen, +die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher +ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir +eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende +Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine +solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden +Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls +glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche +Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen +Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."-- + +"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf +Beust rasch und bestimmt. + +"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte +der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über +die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer +Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht +berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich +selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich +auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains +über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube." + +Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine +Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller +Aufmerksamkeit auf den Herzog. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in +Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine +energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen +läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige +Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind +wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und +Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen +sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin +übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied +für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen +Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend +zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für +mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen +großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer +solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, +dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem +italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die +vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin +würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das +italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, +wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen +Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch +unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, +Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche +man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches +_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem +Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob +das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere +ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen +der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend +erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde +dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer +erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln +sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und +durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach +anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse +wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie +sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie +ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch +Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den +eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des +Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht +unterlassen könnte." + +"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem +beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris +discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre +Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich +kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, +"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein +würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man +sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, +klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und +nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich +meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem +Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen +Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht +anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise +zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die +Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der +Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist +ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten +täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind +schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in +Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten +wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen +schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns +Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--" + +"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die +Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen +Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat +bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active +militairische Hülfe verspricht." + +"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er +eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn +ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick +wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer +eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch +nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens +einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche +Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, +daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict +siegreich hervorgehen sollte--" + +"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton +eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart +emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit +Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine +solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben." + +"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance +kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem +Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das +Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik +muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen +bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion +führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten +noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben +Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, +eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem +Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer +Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?" + +Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe +und bestimmte Frage. + +"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch +erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch +die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer +bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser +hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue +französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im +Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche +und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien +Volkswillens erhalten haben werden--" + +Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, +dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen +Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit +welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte. + +"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die +Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs +wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die +Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne +Frankreichs Genehmigung zu lenken." + +"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und +völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe +nicht ein--" + +"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich +verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich +begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten +Kriegsfall zu finden--" + +"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also +Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?" + +"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier +natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste +Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das +deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme, +uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am +sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus +deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, +welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der +süddeutschen Staaten einzutreten." + +"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den +leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war, +vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem +Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere +persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren +oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen +könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen +auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer +maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf +absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens +zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren +Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals, +so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer +Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die +Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie +vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, +sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten +nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu +erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit +größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation +blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt +habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen +mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen +Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es +läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf +solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich +trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die +Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität +zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im +_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung +liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben +scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der +gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen +Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals +die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von +ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der +Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus +irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. +Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative +übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für +meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche +natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse +Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel +über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten +erscheint." + +"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in +dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser +beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche +Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich +die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie +dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik +dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte, +daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung +könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt +haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den +politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz +unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu +trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden." + +"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die +Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich +sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr +er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann +möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten +sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung +bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt +würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er +im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in +diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle +aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte." + +Der Herzog erhob sich. + +"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der +König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris +gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig +bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große +Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen +persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem +bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon +ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch +die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, +immer schwieriger zu machen." + +"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß +diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe +werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen +Charakter zu nehmen." + +"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen +Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns +nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von +1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, +wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland +zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich +auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action +entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz +ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen +Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen +Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden +werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, +indem er ihm die Hand zum Abschied drückte. + +Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann +nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück. + +"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, +schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. +Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich +darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je +unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte +für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, +"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf +eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den +Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen." + +Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth. + +Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf. + +"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich +halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem +Besinnen. + +Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. +Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe +weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen +abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der +großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte +zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten +dunklen Ueberrocks noch höher erschienen. + +Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener +europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich +doch ein wenig abwehrende Kälte mischte. + +"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn +Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich +glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht," +fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des +Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß +nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier +Rücksichten zu nehmen sind--" + +"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick +herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch +habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen, +was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören +wollen." + +"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf +Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von +besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben." + +"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die +Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem +Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen +Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge +ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von +1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man +meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will." + +Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath. + +"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was +hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von +unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese +eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation +des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen +ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt +und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich +unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der +Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird +auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr, +kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen +Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der +kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das +unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große +Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der +politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit +so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem +Willen so richtig und exact spielte!" + +"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes +ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir +müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu +behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz +persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf +betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch +auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie +nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt +hat." + +Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des +Staatsraths. + +"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich +beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich +nicht theile." + +"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste +Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung, +wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da +doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die +auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des +Kaisers abhängt." + +"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die +auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig. +Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen +fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen +andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um +das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den +Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für +die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten +fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton, +"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht +zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise +ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen +Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort +die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende +Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner +Schwäche kämpft." + +"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit +dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie +wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen +werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den +äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen +Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der +persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können. +Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die +Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--" + +"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist +ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das +Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten." + +"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und +den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"-- + +"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper +angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der +Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend +auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche +Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über +allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung +als Spielwerk hinwirft." + +"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine +beschlossene Sache ist?" + +"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß +ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache +vollkommen gewiß bin." + +"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings +ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor +hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--" + +"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name, +den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät +der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem +Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal +dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_." + +"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin +wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen +ausführen wollen?" + +"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin, +Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß +und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr +Ollivier--" + +"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des +Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung +möglich." + +"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der +soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre +habe." + +Graf Beust neigte sinnend das Haupt. + +"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer +solchen Aufgabe gewachsen hält?" + +"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur +Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl +richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes +altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der +Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte +er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat." + +Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken +versunken. + +"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden, +welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs +auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In +Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu +bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"-- + +"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath +kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor, +deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man +demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird." + +Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an. + +"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen +Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des +Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt +und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches +Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick +ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee +suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle +Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits +den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und +erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame +gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum +Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee +zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein +Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde +ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien +sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder +sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien +ist." + +Graf Beust lachte. + +"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber +gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen +gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der +Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und +verschwinden." + +"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch +diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch +ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten +des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden +sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen." + +"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt. + +"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät +Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine +Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den +Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen +kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den +definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar +nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so +Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar +machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--" + +"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz," +warf Graf Beust ein. + +"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im +nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz +Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem +Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen +Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den +Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation +glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen +versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen +Kriegsfall haben." + +Herr von Beust lächelte abermals. + +"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte +Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie +Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß +ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die +Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn +ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die +Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare +Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die +Grenzen des Möglichen überschreiten." + +Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander, +richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit +scharfer Betonung: + +"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, +was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung +von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner +Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. +Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im +besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt +convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm +stellt." + +Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch +die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts +weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit. + +"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu +rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath +bitten?" + +"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener +Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch +des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie +in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage +mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche +Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich +auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet +seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige +Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle +Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und +Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich +sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath, +das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war +nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter +die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, +wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden +deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der +Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar +nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren +Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch +wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen +schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu +danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere +Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach +der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen +wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und +Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich +nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern +Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen +haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung +in die Ereignisse hineintreiben zu lassen." + +"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.-- + +"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um +einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester +Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen +und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings +unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder +hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa +beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches; +wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen +wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 +verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine +vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im +ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde. +Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich +mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. +Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen; +vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die +unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin +nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn +Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen +Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische +Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber +würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer +aufgegeben werden müssen." + +Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher +Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges. + +"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er. + +"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in +welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des +großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung +jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten +Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem +spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an +Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist +_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen," +fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der +Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort +seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. +Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit +der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten +preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird. +Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz +reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur +dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist +dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern +geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich +vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser +Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein +hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem +sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen +hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht +nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden." + +"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton. + +"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter +Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, +wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von +innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte, +dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig +nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen +Collegen." + +Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und +sprach: + +"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen +für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich +hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er +mit einem fragenden Blick hinzu. + +"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und +mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die +Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten." + +"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre +Beobachtungen weiter au courant zu halten." + +Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner +eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ. + +"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen +Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die +Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut +unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu +seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber +nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig +genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg +zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten +Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen +für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den +Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich +zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir +vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung +noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche +Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig +richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im +Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an +innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde +ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, +den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß +diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge +mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch +unüberlegtes Handeln gefährde." + +Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben +aufgehäuften Depeschen zu durchlesen. + + + + +Sechstes Capitel. + + +In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der +König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter +rother Decke überhangenen Tisch. + +Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und +rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze. + +Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem +Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die +Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm. + +Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter +geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn +auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein +alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die +scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als +sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht +einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war. + +Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit +pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem +Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde +und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen +Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr +einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle +Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen, +durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen +Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht +aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige +Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät. + +Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, +welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien, +und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor +sich hinblies. + +"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in +diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich +berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß--daß +Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu +geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und," +fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts +vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten." + +"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn +gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne +erscheint--und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd +hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige +von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von +ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das +Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen." + +"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner +rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben, +ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor +mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der +Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die +Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines +General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz +übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und +vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner +Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle +auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben +habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das +höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?" + +"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von +Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig +unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière +aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch, +wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten +finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte +sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem +Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie +nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man +dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen +Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man +aufklären müßte." + +"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend, +indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft +gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die +bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und +meiner Sache zu schaden." + +"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der +Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der +Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch +unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für +ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa," +fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen +und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden." + +"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die +Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal +gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders +sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher +berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach +kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,--ich will die ganze +Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und +die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung." + +"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es +dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose +Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?--Windthorst +hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten." + +"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation +zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines +Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht +habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit +zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen." + +Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms +in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu +Seiner Majestät Befehl. + +"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein +Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der +Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn +reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte. + +"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann +zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt +hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete. +Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den +sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters. + +Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten +des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des +verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten +Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung +wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine +Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas +langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war +sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und +abgespannt. + +Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte +die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der +großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem +Herrn. + +"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die +Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für +unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es +haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn +Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz +zwei Millionen Gulden davonkommen werden." + +Der König seufzte tief auf. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld +an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In +diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten +Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und +die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser +an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel +sind ja ohnehin schon beschränkt genug." + +"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen +Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf +Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr +er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser +unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche +bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr +dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so +schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt, +so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive +Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen, +Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade +oder Ungnade zu ergeben." + +"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein +Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere +damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie +verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der +letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären, +was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die +traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem +ungewissen Schicksal überlassen zu müssen." + +Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's +Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex. + +Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, +fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in +ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät +machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte +Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und +Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten +und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der +Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern +verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase +und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen, +war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines +Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich +seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die +liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte. + +Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer +trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine +auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich +zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen +Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine +kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug +von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille. + +Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu +demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann +setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der +Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm. + +"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den +Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln +auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der +Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen, +durchzuführen." + +"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich +zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen, +genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung +stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung +Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten +werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr +hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem +Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher +Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre +Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir +erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende +Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von +vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch +Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz +schaffen kann." + +"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den +Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß. + +"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den +Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu +schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach +verläßt." + +"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend +bemessen ist." + +"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für +Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das +freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich +herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich +nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung +der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig +entsprechenden Weise widersetzen." + +Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart. + +"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von +Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu +sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich +halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren +Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm +nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das +Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene +Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen +werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht +haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung +herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in +Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten." + +"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den +Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten +dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken +nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften +Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen +sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. +Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es +sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion +verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr +unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in +ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im +Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen." + +"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in +Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein +können. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von +der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht +gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze +Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die +Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je +weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns +wieder zur Last zu fallen." + +"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend. +"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen +Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem +habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der +Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen." + +"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher +Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine +Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber +nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April +Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer +Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von +Adelebsen dorthin zu senden, so--" + +Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit +schweigend nach. + +"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf +emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem +Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am +einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu +vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath +Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere +hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und +die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache +bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht +erklären kann, den man mir entgegensetzt." + +Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen +Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte: + +"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie +Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über +die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer +Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure +Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß +dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu +gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also +ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige +Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit +bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze +Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit +einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber, +"der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im +Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich +der Wille und Befehl Eurer Majestät sei." + +"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell. + +"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem +leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht +vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn +selbst anhörten." + +"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe," +rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach +einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor +Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die +Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von +mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben." + +Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne +indeß etwas zu sagen. + +"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die +Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten +Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch--" + +Ein Schlag an der Thür ertönte. + +"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme. + +Der Kammerdiener trat ein und sprach: + +"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß, +Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen." + +"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert. + +Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren, +etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten +Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe +und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich +in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene +eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu +gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät +und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf +den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah. + +Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern +hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im +Ton dienstlicher Meldung: + +"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind +von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer +sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz." + +Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter +freudiger Schimmer flog über seine Züge. + +"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er. + +"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und +welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch +hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß, +denselben Eurer Majestät mitzutheilen." + +"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz +und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten. + +"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren +letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei +Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu +betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen +der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten." + +"Ganz Recht," sagte der König. + +"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für +ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit +unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen +angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des +Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht +schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für +verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und +Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht +glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher +ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei, +von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts +unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift +auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants +von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken +vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen +Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere +Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen." + +Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er +biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals +den Athem aus seinen Lippen. + +Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf +die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder. + +"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die +Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine +königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten +Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen, +welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben +war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen +herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt +über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu +treten." + +"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst +unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren +Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben +abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich +gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer +Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders +nicht für gültig erkennen können." + +"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich +sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich +nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam +unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an +welcher sie keinen Zweifel werden hegen können." + +Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der +Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer. + +"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl +niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls +vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen +lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen +ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort +übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die +Auflösung der Legion durchzuführen." + +"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist +des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen +scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen. +Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant +von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger +bestimmen lassen." + +"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen. +Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort +meine weiteren Bestimmungen abwarten." + +Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das +Gesicht mit den Händen. + +"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath +mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in +Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu +tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen +wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der +französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät +auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung +desselben für immer aufgeben?" + +"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen +könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind, +und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer +solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen." + +"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht. +Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon +aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze, +ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt +hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich +durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals +aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes +Recht zu kämpfen." + +Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und +sagte: + +"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein." + +Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher +sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der +Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein. + +Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in +dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche +seine Brust bewegten. + +"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen +Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt, +dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und +nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück +theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir +wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe +verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die +Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und +opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich +gegen mich auflehnen!" + +Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein +edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten +sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches +ihn umgab. + +"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist, +den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine +Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht +hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von +Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden +an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem +Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die +mich hier mit Rath umgeben--" + +Er seufzte tief auf. + +"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche +den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen +ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel +nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene +Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie +von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst +ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen +ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht-- + +"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die +Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich +würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt." + +Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände +und blieb lange in tiefem Sinnen versunken. + +Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er +die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm +stand. Der Kammerdiener trat ein. + +"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch. + +"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem +Kronprinzen." + +"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen." + +Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf +Platen abermals in dem Cabinet des Königs. + +"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann. +Ist er hier? Ich will ihn sprechen." + +Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte +dann: + +"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen +Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten +erstattet." + +"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz. + +Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von +etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen +Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück. + +Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße, +sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes +Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige +Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag +jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen +Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch +seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann +in militairisch dienstlicher Haltung stehen. + +"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der +König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher +gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter +denselben vorgeht." + +Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit +dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem +er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte. + +"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren, +was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich, +noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind." + +"Und warum nicht," fragte der König kurz. + +"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach +Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich +commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten, +haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei, +für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine +neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre, +für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen. + +"Weiter," sprach der König. + +"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin +zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber +für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er +die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt +gehen. + +"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er +abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der +Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die +Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät +die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire +entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu +gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns +nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien +nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns +aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns +gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich +sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung +die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine +gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel +hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr +Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die +Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen +wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer +Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um +womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen." + +"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und +seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur +Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine +Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung +aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben +deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in +andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration +befindlichen Soldaten." + +"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst, +Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden +müssen, als die große Masse der Emigranten." + +"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche +eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden. +Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit +fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese +Verpflichtung erfüllen können?" + +"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister. + +"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät +versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer +Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein, +ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und +wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von +abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten." + +"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie +nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein +Unterkommen finden." + +"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel. + +"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb +leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß +in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er +abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die +Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine +Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß +im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen +dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde +gehen?" + +Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann +sprach er: + +"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt +worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe," +fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so +Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr +wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man +hat sich so Manches erzählt." + +Er schwieg abbrechend. + +"Was hat man sich erzählt?" fragte der König. + +"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer +Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte." + +"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?" + +"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und +fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand +da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter, +da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn +kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu +cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man +mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute +anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht +gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die +ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die +Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr +einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden. +Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu +unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken; +aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von +verschiedenen Seiten hört." + +Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein +Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des +Kronprinzen. + +"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan, +darum dieser Widerstand gegen meinen Willen." + +Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen. +Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann +zum König gewendet: + +"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den +Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer +zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin +beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der +Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät +aufklärt." + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe +Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der +Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll." + +Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus. + +"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich +die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so +schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl, +daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den +Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion +bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will +einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge +Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit +denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen." + +Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine +österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen +gestützt, schritt er in den Park hinaus. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig +nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als +sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah +noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken +pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig +einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und +zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal +eine Zusammenrottung zu bilden. + +Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken, +und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien, +ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen. + +Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von +Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der +noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne +daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können. + +Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die +Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß +dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein +zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des +äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die +Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die +Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend +gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht +fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen +die Furcht keine Macht hat. + +Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem +kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten +den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige +Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer +Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses +Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte, +die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen +war. + +An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem +hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber +nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und +bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und +den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und +feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken +gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei. + +Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in +kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand. + +"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend +in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem +neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem +großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart +freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr +schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht +rosig." + +"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von +Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer +Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer +Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer +schaudervollen Zukunft entgegen." + +Alle lachten. + +"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst +werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch +wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle +diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können +noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere +Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in +der Tasche in die Welt hinaus schickt." + +"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz +mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit +hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die +Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie +in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine +Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen +Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander, +blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, +die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend-- + +"Mauvais général." + +"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von +Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem +Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der +panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen." + +"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt, +wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch +nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube +wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, +daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein +Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er +unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die +Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen +ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die +Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die +armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben +werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des +Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes +fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur +Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann +nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er +aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht," +fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie +gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten +straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem +König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm +unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund +gegen seine Befehle demonstriren." + +"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere +Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen +und Heyse empfangen und hören wird?" + +"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich +glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu +verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der +That eine zu große Nichtswürdigkeit." + +Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf. + +"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr +erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich +auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach +Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich +geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine +Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren +Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich +ist." + +"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein +junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet +Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas +verschwiegen würde?" + +"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring, +"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus +Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in +einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt +werden, die ich niemals gemacht habe." + +"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen +den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz +nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse +unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und +Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend." + +"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach +der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich +ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner +Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen +Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, +niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig +übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute +sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so +trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und +Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, +daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der +Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die +orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in +Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden." + +"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief +Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade +in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt +wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf +eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige +Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen." + +Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in +einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf +dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein +Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel +hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein +Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger +scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase +hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und +beobachtend umher. + +Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch +trat. + +"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten +können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein +geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für +die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich +es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht +dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen." + +"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem +bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks, +Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager +Friedens endlich ausgeführt wird?" + +Herr Hansen wehrte mit der Hand ab. + +"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig, +"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man +fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir +für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen +werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit +wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort +für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür +thun." + +"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr +von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren +scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in +militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort +überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre +steht." + +"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton +fragen." + +"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der +Doctor Nélaton jetzt die Politik?" + +"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann +der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn +man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die +Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen +an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die +Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. +Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des +politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des +Anstoßes findet." + +"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König +von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben +wird?" + +Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden. + +"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte +Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten +werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt +hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt." + +Herr Hansen schüttelte den Kopf. + +"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange +gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler. +Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum +Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er +die Mittel dazu in Händen behalten." + +"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn +Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers +besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren." + +Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer +Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte +sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer +Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der +einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der +Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn +Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene, +wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner +Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und +des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu +ruhen pflegte. + +Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch +den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin, +trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener +im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons +öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden +hineinrief. + +Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's +waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck +derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf +kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen +Oelgemälden vorzüglicher Meister. + +Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer +standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch +beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf +einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, +magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen +Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der +Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende +Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen +bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, +sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, +mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der +Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der +Wissenschaft Theil zu nehmen. + +Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie +und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger +bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war. + +Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine +hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit +beschäftigt. + +In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem +eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, +saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte +Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs +beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn +Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete. + +Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die +hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den +Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub +sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das +runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten, +weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen +Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch +lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des +gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel +begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so +scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren +geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun +pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen +Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr +vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören. + +Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame +Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen +ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem +leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und +zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück. + +Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des +Fensters mit einander unterhielten. + +In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des +Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu +errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für +seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich +bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen. + +Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig +belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in +seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, +sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über +die neue Entwicklung des Kaiserreichs. + +"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so +ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt +haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung +vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den +Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs +wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere +Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders +geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System, +welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen +Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich +geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes +hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und +des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen. +Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der +Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den +Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich +aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete +Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und +Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die +Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen +oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere +Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so +weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden +Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus +ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen." + +"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium +sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und +klar denkenden Mannes rechnen kann--" + +"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen +Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die +Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen +mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit +derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß +gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem +Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in +der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu +machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der +einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das +constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen +Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am +Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger +Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in +besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden +liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und +dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer +constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine +mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung +der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, +so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur +eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei +die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation +erstrebt und gesucht wird." + +"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener +in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten +französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung +und der greise General des Julikönigthums herein. + +General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine +etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines +ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache +natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten +ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und +ungesuchtester Natürlichkeit. + +Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon. + +Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen +geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl +erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche +ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er +sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den +Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre +Complimente machten. + +Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren +Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und +indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, +etwas scharfen Stimme sprach: + +"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich +selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der +Gesellschaft zurückzieht." + +"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich +bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. +Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit." + +"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört +immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die +Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu +lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die +gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische +des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist." + +"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven +und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."-- + +"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die +Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser +schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die +Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe +Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch +halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal +nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden." + +"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine +Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv +abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so +bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung." + +"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder +öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen +übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller +patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja +auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen +noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird." + +Der General lächelte bitter. + +"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie +scherzen." + +"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person +in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse; +und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person +dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser +Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich +entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine +Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür +bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd. + +"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte +Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich +wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben, +daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur +Richtschnur seiner Handlungen macht? + +"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt, +aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen +hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen." + +"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht +wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie +er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden +Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.-- + +"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und +erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein +Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und +anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage +Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von +Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten +und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten, +welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der +Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte +seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf +welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen +Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen +Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese +Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich +und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller +derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der +Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen +in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher +aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle +zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten +uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der +General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen +wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen +Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch +heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von +Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und +Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann +in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand +durchgeführt." + +Herr Thiers lächelte. + +"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten +Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm +getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will +er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten, +sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für +Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General +kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von +der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf +dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den +Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System." + +"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird +wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in +wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere +Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir +in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns +das europäische Gleichgewicht veränderte." + +"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die +Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen +Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man +ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die +Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander +schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter +sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen +Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der +Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern +Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt +Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg +ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können +nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander +geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum +Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß +es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine +Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der +Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge +heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln +gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige +Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist +England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon +wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und +namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr +vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln. + +"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke +nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner +ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren +Charakter der Nation Vertrauen einflößen. + +"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht +kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie +uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky, +welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher +stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein +könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum +Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der +auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz +andere Richtung hätte nehmen müssen." + +Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General +Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er +blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu +Boden. + +Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach +dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer +beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen. + +Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger +Herzlichkeit. + +"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über +die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden +Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald +Etwas davon zu sehen bekommen?" + +"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich +mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin +entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht +lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum +zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt +entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über +sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das +könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der +friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung +habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen +gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr +lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über +Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte, +dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die +reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel +hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen +Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete +Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach +meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch +kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu +leben haben." + +"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener. + +Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium +der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen +Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm +freundlich die Hand hinstreckte. + +Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des +ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen +und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war, +mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme +Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht +mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen +Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der +selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge +theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein +philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist. + +Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte, +bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar +war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte. + +"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen +Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?" + +"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte +der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte," +fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen +könnte." + +Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf. + +"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten +gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine +persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich +dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen +Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und +der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter +Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der +Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über +einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen." + +"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und +daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen +ist." + +"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann. + +"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also +begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der +Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm +sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und +Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des +Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch +den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher +auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive +Zustimmung geben." + +"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die +übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch +folgte. + +"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des +Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen +natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit +fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche +Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die +Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu +stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die +öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem +solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch +nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach +deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen +mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums +auszusetzen Lust haben werden." + +"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich. +"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie +steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir +mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen. +Wie stehen Sie mit Preußen?" + +"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch +durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden +Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten, +sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf +eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu +wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße +Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen." + +"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf +Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die +Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?" + +"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite +nicht der Anfang gemacht wird." + +"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere +zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das +Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich +die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß, +sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten +ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte +ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich +darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--" + +Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer +Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im +Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe +für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der +Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er +weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der +Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz +Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie +haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben +den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand +gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine +energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen, +entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie +rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die +gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'" + +Er hielt inne und fragte abbrechend: + +"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen, +welches Ollivier bereits acceptirt hat?" + +"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen +sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige +Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große +Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns +fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der +öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner +Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation +von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich +entgegentreten." + +"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das +Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem +Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch +wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen +zwischen den Kaiser und die Volksmasse." + +"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm +des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons +zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch. + +Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und +lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen +Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur +Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin +und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen +würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die +Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand +behielt. + +Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru +beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne +einen Wink. + +Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das +Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn +Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein +strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden, +nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich +zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die +Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes +Alter hinein ein treuer Freund geblieben war. + +Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem +kleinen Hotel an der Place de St. George. + + + + +Ende des ersten Bandes. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster +Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13657 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..539abd6 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #13657 (https://www.gutenberg.org/ebooks/13657) diff --git a/old/13657-0.txt b/old/13657-0.txt new file mode 100644 index 0000000..4852b1a --- /dev/null +++ b/old/13657-0.txt @@ -0,0 +1,6753 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster Band. +by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Todesgruß der Legionen. Erster Band. + +Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657] +Last Updated: May 18, 2016 + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Todesgruß der Legionen. + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Erster Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der +Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa +fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht +die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu +zerschneiden--außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von +Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz +seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine +bedeutende Wohlhabenheit erreicht. + +Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich +unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden +Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt +eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt +selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen +Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte +Frankreichs zusammenhängen. + +Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr +streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les +bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von +Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie +hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande +dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit +verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete. + +Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von +Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz +blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier +macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner +Devise. + +Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger +Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und +Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt, +welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von +den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers +die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt. + +Es war an einem Februarabend des Jahres 1870. + +Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die +Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort +aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den +Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des +Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende +Gegend. + +Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner +von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei +Männer auf und nieder. + +Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht +vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben +jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine +von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war +geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse +natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der +Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des +französischen Arbeiterstandes war. + +Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und +Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich +ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem +kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine +gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche +zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm +schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig +Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte +weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von +jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen, +insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist. + +Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre +1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der +Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der +Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei; +der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das +Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in +Saint-Dizier stationirt waren. + +"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt +wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn +Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das +Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration +auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert +Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und +ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort +gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben +mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing +dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren +Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich +täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir +uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und +dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot +erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann." + +"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er +stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist +unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und +Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne +sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als +bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann +steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath +zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch +nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch +wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz. +Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir +nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt, +so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine +Familie gründen können." + +"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid +und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu +heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht +recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch +militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr +zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter +hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen +Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen +und nach preußischem Commando exerciren?" + +"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe +ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich +der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich +verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen +größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere +Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht +als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld +zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine +Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu +werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein +einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde +ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die +Heimath aufzugeben. + +"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu +tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an? +Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir +wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch +meine Liebe bestimmen lassen." + +"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen +möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin +zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat +uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin +kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen +Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben +und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch +überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten +immer die Liebe mitspricht--" + +Ungeduldig erwiderte Cappei: + +"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe +ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und +uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde +hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit +mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen +Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König +uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt +und kann als ehrlicher Mann thun was ich will." + +Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die +Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur +spärlich erleuchtet war.------ + +Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten +Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche, +welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von +etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden +Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff, +das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles, +glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei +Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon +unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den +eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber +doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den +französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen +dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten +sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund +sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines +Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand. + +Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas +gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter +Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen +sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes +Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer +Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht. + +"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit +lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie +für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben. +Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine +Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts +gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück, +mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich +keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so +glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr +Schicksal mit dem meinigen zu verbinden." + +"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge +Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich +bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig +meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu +lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten +Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie +ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug. + +"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht +ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch +die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal +offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß +Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten." + +"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und +lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen +verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre +Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf +dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum +drängen Sie mich fortwährend?" + +"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es +nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende +Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr +entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit +unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher +war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie +gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und +widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige +Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so +glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit +Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles +anders--seit--" + +"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem +kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen +musternd, "seit--?" + +"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit +brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen +Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling, +von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein +gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener +Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie +Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an +Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden, +welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin +Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes +mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit +grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich +die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je, +seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück +meines Lebens geraubt hat." + +Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren +Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine +fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre +Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein +Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren +festgeschlossenen Mund. + +"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie +mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier, +Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu +andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und +Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über +Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu +antworten. + +"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so +eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer +Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und +unwiderruflichen 'Nein' beantworte." + +Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen +Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem +freundlichen Lächeln. + +"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem +jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur +leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe +mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung +sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist." + +Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte +unbeweglich in die Kaminglut. + +Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen +Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.-- + +Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen, +aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das +kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der +Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle +Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast +schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders +erinnerte. + +Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die +peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden. + +"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so +bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir +alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen +Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse +bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen +lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten +Friedensversicherungen enthalten." + +"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher +sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet +berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das +Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es +schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen +Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche +und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein +wenig mißtrauisch. + +"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder +große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt +hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes +erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er +lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch +sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit +empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt +und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer +erschüttert und immer tiefer untergraben wird." + +Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf. + +"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er, +"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit +Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng +verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung +gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der +Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht +nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen. + +"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe +kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit +den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die +allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich +aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die +Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und +Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum +zu verantworten sein." + +"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich +auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen +und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament +giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege +rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl +daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe, +welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich +würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung +ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--" + +"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die +Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die +Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich +bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die +Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die +alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren +in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich +erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist +und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige +gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser +Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung +ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich +jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath +berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen." + +"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr +Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so +laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt +dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des +Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen +Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die +Satelliten der römischen Kaiser." + +"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die +kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß +man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen +militairischen Ruhm vorziehen wird." + +Er blickte auf seine Uhr. + +"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend +still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters +mit Herrn Vergier zu achten. + +Luise erhob sich. + +"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat +versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick +sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen +zusammenbiß und sich abwendete. + +Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein. + +Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge +Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand +und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn +Vergier streifte: + +"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre +Abwesenheit sehr bedauert haben." + +Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er +machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine +Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen +Verneigung Herrn Vergier. + +Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen +Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein +Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem +Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den +einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte +eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um +ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei. + +Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen +aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich +der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis +heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der +Gesellschaft. + +Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr +Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen +und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze +Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, +schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten +mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit +dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier +hinübersah. + +Das Diner verlief schweigsam. + +Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner +schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte. + +Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und +hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch +welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, +von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte. + +Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache +Lampe erleuchteten Salon zurück. + +Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte, +die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um +seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte, +das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu +machen. + +Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines +Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge +Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und +ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte. + +"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die +französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich +fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine +vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen +Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir +für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt." + +"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der +Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, +"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu, +"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres +Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde +ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen +wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken +betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist +Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines +so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht +ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--" + +"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern, +ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner +Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu +geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--" + +"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft, +"genügt Dir diese Heimath nicht?"-- + +Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton: + +"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige, +die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen +Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als +je--" + +"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns +trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in +welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die +Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz +hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und +Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden +Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm +Glück Nichts mehr im Wege stehen." + +Er blickte düster vor sich hin. + +"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher +Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte +ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion +aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner +Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines +Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande +bin Dir eine Zukunft zu schaffen." + +"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall +in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in +unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater," +fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu +gründen--" + +"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser +Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des +Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so +kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine +Existenz schaffen lassen. + +Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn +ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines +Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch +ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine +sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie +wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das +Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch +während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst." + +Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und +blickte ihm tief in die Augen. + +"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun +wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird +jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die +deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir +beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen +bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind." + +Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen +zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!-- + +Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte +sich in ihren Sessel zurück. + +Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts. + +Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen +Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung +bewegten Stimme. + +"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand +ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß +in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier +eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt +und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will. + +"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um +auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über +Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr +thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--" + +Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf +den Schnurrbart und schwieg. + +"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine +Geliebte anblickend. + +"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise. + +"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der +Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer +gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir +beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen." + +Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater +zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon. + +Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig +erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; +doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht +lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter +schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den +Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte +keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen +würde. + + + + +Zweites Capitel. + + +Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen +Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in +den Tuilerien. + +Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden +Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, +sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren +geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck +tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den +Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der +ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte +in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des +Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in +convulsivischen Zuckungen. + +Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher +Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen +schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf +kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck +theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen +schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da +liegenden Souverain. + +An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton +beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von +Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein +geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er +auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er +doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit +dem Zustande seines Patienten beschäftigt. + +Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, +aufmerksam dem Pulsschlag folgend. + +"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend; +"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät +gern einige Tropfen Aethergeist einflößen." + +"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung +hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist +ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird +das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den +Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und +hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont +bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es +sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen." + +Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an +seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend, +auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien. + +Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen, +seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die +Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher. + +"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese +entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?" + +"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. +Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben +werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich +hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können." + +"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie +glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige +gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden +kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine +Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und +zu handeln." + +"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in +diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen. +Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation +durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber +Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als +andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden +überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und +je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr +werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich +auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung." + +Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben +meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was +mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um +das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft +die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre +ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die +denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen +können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen +ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn +zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für +mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja +nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die +nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen +Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für +welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens +angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner +irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft +aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze +Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses +Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet +habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige +Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein." + +"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen +Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und +hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten +legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und +unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn +der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst +berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen +Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen +natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. +Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die +Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die +Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der +Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht." + +Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf. + +"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie +wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, +das ich immer mehr verliere. + +"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte +Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann +besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das +ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe. + +"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch +wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser +Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen +Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des +öffentlichen Lebens." + +Dr. Conneau lächelte. + +"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets +unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit +solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie +diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse +der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer +hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre +Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des +öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät +geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten +Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des +Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden +niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an +Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern." + +"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich +weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus +dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen +wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare +Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist +da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer +Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend +hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es +gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu +stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so +ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den +Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein +möchte.-- + +"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu +Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht +vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle +es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach +Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa +bewegen konnte. + +"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich +einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny, +Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein. + +"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf +den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand +reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht +helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur +helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben +einzuflößen vermöchten. + +"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte +allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr +werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln +die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer +augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm +nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen +gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht +fortsetzen.-- + +"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das +Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick +kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über +meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt. + +"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich +einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte. +Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm +Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und +sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu +sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der +pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem +Tode aufhört. + +"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen +fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen. + +"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil +er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte? + +"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein +unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich +habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau +und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine +ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn." + +In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff +dessen Hand und führte sie an seine Lippen. + +"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder +Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den +kaiserlichen Prinzen hinzugeben."-- + +"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst +die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und +meinem Sohn den höchsten Dienst leisten." + +Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem +Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige +Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem +Glase Wasser. + +"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas +reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu +erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät +die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung +hervorgerufen hatte." + +Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne +opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner +Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere +Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender +Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und +der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte. + +Er stand langsam auf. + +"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte +Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird +der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten +Unfähigkeit herabstimmen." + +"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem +Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor +und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl." + +"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu +gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der +Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig +herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den +Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse, +denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse." + +Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen +und verließ das Schlafgemach seines Herrn. + +Der Kaiser klingelte. + +"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle +Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir +eine so liebe Gewohnheit geworden war." + +Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine +Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die +Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur +sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte +von seiner gebrochenen Kraft. + +"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den +Spiegel. + +"Zu Befehl, Sire." + +"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein +Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer +erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer +den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz +gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den +Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den +Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte. + +Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern +verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der +Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte. + +Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen, +früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus +wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des +Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt. +Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht +gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in +seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit +langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl +ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und +entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich +phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim +ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich +während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie +von einer dunkeln Gluth durchschimmert. + +Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch +völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, +welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief. + +"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher +Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir +zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und +bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem +Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung +Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind." + +"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu +sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen +Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich +sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut +ausspreche." + +"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß +diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig +abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es +gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben +den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen +des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was +sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß +ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln +und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu. + +"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine +Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den +Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand +einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner +wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich +Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die +Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die +Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät +werden das wirklich Richtige zu erkennen." + +"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er +sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois +einen Sessel neben sich bezeichnete. + +Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, +blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn +gerichtete Frage zu antworten: + +"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß +gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den +Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden +Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was +ich gesehen." + +Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den +Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes +spielend, aufmerksam zu. + +"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern +Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt +hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß +der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie +früher." + +Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch +blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne +gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren. + +"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter, +"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen +Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der +Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird. +Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation +berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen +gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit +freut sich der Ruhe und Ordnung. + +"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die +Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich +versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes, +Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die +Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen +versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten +Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid +geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal +gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen. +Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich +gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch +Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu +zerstören. + +"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu +citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht +scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der +Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen, +keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir +wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am +Hute tragen.'" + +Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig +unter den Augenlidern. + +"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in +Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer +Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren +zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen +wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat +man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde." + +Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach +mit ruhigem Lächeln: + +"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich +treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie +mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben +keine Gefahr bringen." + +"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut +und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich +erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden, +sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese +Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was +man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man +ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man +weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie +das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger +Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand +der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift." + +"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber," +fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten +Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?" + +Clément Duvernois schwieg einen Augenblick. + +Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete, +dunkelglühende Auge zum Kaiser auf. + +"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich, +Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner +Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen +nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten +undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch +über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge +faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung +geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm +aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der +aber--" + +"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit +gespannter Erwartung aufblickend. + +"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des +Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern +Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch +untergraben." + +"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich +daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines +persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und +sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten +und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt +werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die +persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der +Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich +ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige +rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser." + +"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne +ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre +Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, +würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät +bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen +Händen lägen." + +Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ +den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton: + +"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die +treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken +kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, +welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie +sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, +eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des +Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe." + +Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen. + +"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen, +Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den +Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen +habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes +besitzen?" + +"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes +und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer +Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir +Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu +sprechen. + +"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur +von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache, +daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem +Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des +Orleanismus--" + +"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet +mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?" + +"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf +Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber, +Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille +angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben +und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der +constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer +Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens +setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen +Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet +sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration. +Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät +Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die +Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des +französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen +befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des +Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen +zieht. + +"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen +Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's +wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips +als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen +ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der +Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her +ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es +kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den +Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein +dastehen werden. + +"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der +Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen +Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich +befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von +Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit, +das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern." + +Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht. + +"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin +gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie +verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren +schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer +eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?" + +"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die +Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen +sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche +Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf +gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine +Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel +des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an +den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe +reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten +Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen." + +Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster +vor sich nieder. + +Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so +brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner +Seele lesen. + +"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung +geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den +Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner +Freunde zu legen?" + +"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach. +Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung +eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem +Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden +neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu +kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird. + +"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß +in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in +Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den +Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen +und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der +Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk +giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten +besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige +Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu +überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren +hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze +Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle +Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche +Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome +zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem +Boden des realen Volkslebens loszulösen. + +"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort, +während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das +Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist +Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf +den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der +orleanistischen Agitation. + +"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich +fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer +Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen +Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die +Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen +wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen, +ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste +und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen +Dynastie sind." + +"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren +Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie +bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie +glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden +können. + +"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht, +welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin, +Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene +Fragen lösen zu können glauben." + +"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine +Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise +Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation +beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während +der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit +zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt +des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die +parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt +worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen +Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich +befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie +ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst. + +"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des +Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und +durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein +solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das +ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer +Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen +mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel +parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin +ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, +verschwinden." + +Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit +und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. + +"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie +haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe +neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für +den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie +allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage +meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat +und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. +Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu, +"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben +Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten +und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die +Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten. + +"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des +Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und +den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen." + +"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so +wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; +diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich +unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt +bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten +wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, +werden verschwinden. + +"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn," +fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre +alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der +richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen +erstehen werden." + +Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin +und sprach: + +"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick +überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung +und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die +Wahrheit gesagt. + +"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über +einen Punkt Ihre Meinung hören. + +"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das +nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die +Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief +verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht +Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer +Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des +großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von +Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden +kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen +Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen +Frankreichs wieder herzustellen." + +"Man räth Eurer Majestät," fiel Clément Duvernois ein, "ganz einfach den +Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in +seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne +Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht +Europa's sich vollziehen können; man räth," fuhr er mit erhöhter Stimme +fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun, +was Sie--verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire--unmittelbar nach der +Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen." + +Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme: + +"Und was meinen Sie zu diesem Rath?" + +"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer +Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber +nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer +Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde +aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich +freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen +Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß +ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende +preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in +den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--" + +"Aber?" fragte der Kaiser gespannt. + +"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure +Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit +der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren +Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu +können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und +die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf +bestimmen zu können? + +"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann +ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht +besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage +beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht +vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so +geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte +Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu +versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche +abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein +unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in +Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde +des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln." + +"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim, +vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen +Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick +besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber +kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die +Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber +gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst +sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee +übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den +Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit +ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber +ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das +Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va +banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren +kann. + +"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte +über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die +französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und +Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König +Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens +geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in +diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun +haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa +Franca möglich sein." + +"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben +gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste +Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel +des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen +bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und +für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der +gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem +Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges +sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie +langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor, +denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste +geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder +später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch +das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann." + +Der Kaiser stand auf. + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in +diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich +diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer +so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden. + +"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er +Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher +treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden." + +Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck +stolzer Befriedigung: + +"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden, +meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze +Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören." + +Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief +vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und +verließ das Cabinet. + +"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er +hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich +darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und +zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in +mir fühle." + +Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief: + +"Ihre Majestät die Kaiserin!" + +Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen. + + + + +Drittes Capitel. + + +Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes +in das Cabinet. + +Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer +edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden. +Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar +zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre +großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer. + +Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und +reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung +ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an +seine Lippen führte. + +"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der +Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und +schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum +können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr +Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat +unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses +unruhigen Frankreichs." + +"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie +sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie +wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich +gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter +fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem +Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, +den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere +Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der +Stadt stattgefunden? + +"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise +vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer +gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den +Haß gegen die Regierung zu schüren." + +"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen +stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung +gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten." + +"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht +erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung +vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen. + +"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn +einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten +Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu +spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr +bedenkliche Aufregung." + +Der Kaiser lächelte. + +"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir +die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint +bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man +kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu +lassen. + +"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, +"den genauen Bericht." + +Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines +Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr +Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem +Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn +zurückgestrichenem Haar in das Cabinet. + +Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem +Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede +des Kaisers erwartend. + +"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und +der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon. + +"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht +ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles +beendet." + +"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich +neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte. + +"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der +Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das +dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am +Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die +Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten +gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig +zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um +nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des +Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu +heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das +Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung +und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue +Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu +Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden +einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville +abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in +der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen +vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der +Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum +Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort +vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der +Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen +ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die +Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen +sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles +beendet." + +"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst +den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern, +wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen +Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine +solche Bewegung annehmen kann." + +Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf. + +"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung +Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am +Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner +Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine +große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige +Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an +Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach +meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?" + +Pietri verneigte sich. + +"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, +"daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem +Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch +diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht. +Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich +geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man +sich nicht darum gekümmert hätte." + +"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit +flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der +Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es +wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz +zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll +man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die +Macht der kaiserlichen Regierung glauben? + +"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen +Glauben zu verlieren." + +Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri: + +"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen +zu lassen." + +Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung. + +"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin. +"Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine +Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen +geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen +und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan +wird." + +"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie +vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist +doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben." + +"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen +noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem +man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns +dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme +Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem +Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester +und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser +Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--" + +--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über +seinen Knebelbart streichend. + +"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz +Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde +erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr +persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von +Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende +preußische Macht." + +Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er +zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte: + +"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit +einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich +verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de +but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären +könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische +Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher +ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."-- + +"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten +Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt +haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel +gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere +Armee für vollkommen schlagfertig--" + +"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser +ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die +Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."-- + +"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter, +ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe +ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie +Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die +Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr +Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen +und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich +werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte +Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur +eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von +1866 wieder zu zertrümmern." + +"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?" +fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den +Beistand, den wir dort finden können." + +"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter, +"ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die +genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle +jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit +Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen." + +Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke +in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig +ansah. + +"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der +Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten +Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt +das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. +Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem +vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des +Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt +nicht der geeignete Augenblick." + +"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren +Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt +sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus +den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"-- + +"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren +Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den +Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und +seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete +Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie +Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu +machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren +Lebensbedingung der Friede quand même ist?"-- + +"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister? +Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben +sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen +von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen +Frankreichs erfüllen müssen. + +"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von +unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche +Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn +nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen, +und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch +ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist." + +"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an +seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat, +eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, +um Frankreich mit sich fortzureißen?" + +"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer +zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein +und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir +im Sinne liegt--" + +Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber. + +"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung, +daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut +machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont +kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen +Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen +können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und +unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, +da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist. +Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie +Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird +sich von selbst machen." + +"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick +vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen +Sie mich darüber nachdenken--" + +"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu +lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend, +indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen +Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur +um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft +unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee, +diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst +die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über +die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das +militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist +der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen +Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen. + +"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen +Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich +verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem +ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern, +kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu +machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen +haben." + +Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner +Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches, +goldschimmerndes Haar.-- + +"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine +alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie +mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben +Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht +erlöschen wird." + +Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige +Augenblicke schweigend neben ihm stehen. + +"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die +Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt +habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen +Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß +ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe." + +"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß +die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es +mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern +lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen." + +Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf +die Stirn. + +"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es +scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, +langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der +eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den +Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm +Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und +seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch +Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und +ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der +Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der +Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen, +das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den +Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen? +Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand +zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?-- + +"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich +die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht +ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er +seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll +wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen +Händen liegen.-- + +"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse +Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken, +"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es +versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich +weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin +kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des +Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend." + +Er bewegte die Glocke. + +"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden +Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé +da?" + +"Der General wartet im Vorzimmer." + +"Führen Sie ihn herein!" + +Der Kammerdiener öffnete die Thür. + +Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein. + +Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug +reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des +Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem +schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges. + +Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in +seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig +nieder. + +General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran +und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der +Tuilerien. + +Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche +gekommen war, befahl er langsam zu fahren. + +Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen +Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während +die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden +blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen +Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die +sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten +die Herandrängenden zurückweisen. + +"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich +den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte. + +Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit +lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß. + +Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des +kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut +schallendem Ton: + +"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den +Meuterern!" + +Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards. + +Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von +einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der +Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend. + +"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle +diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit +einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen +mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß +diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er +sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen." + +Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen. + +"Nach Belleville!" rief Napoleon. + +Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze +versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!" +aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden +Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden. + +"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem +unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre? +Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit +etwas ängstlicher Miene hinzu. + +"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser, +stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt +machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß +ich mich noch als seinen Herrn fühle." + +Man war in Belleville angekommen. + +Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis +zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. +Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen +meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage +nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit +verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit +dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles +verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein +Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören. + +Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen +genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht +von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu +räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen +Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden. + +Der Kaiser ließ halten. + +An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene +düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten +glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden +Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte +den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an +den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der +nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster +hinschweifen. + +Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben. +Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete +ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor +sich hin. + +"Vorwärts!" befahl Napoleon. + +Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch +nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden. + +Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend +eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme. + +"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich +vor dem Richterstuhl der Geschichte!" + +Der Kaiser zuckte zusammen. + +"Halt!" rief er. + +Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den +Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr +und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so +schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick +seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen. + +Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite +hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen. + +"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und +ruhig. + +Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die +Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an +der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu +fahren. + +Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern +Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An +der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé +seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde +an. + +Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten +dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens. + +"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser. + +"Zu Befehl, Sire." + +Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch +das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an +dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das +Innere des Hotels führte. + +In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere +langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator +und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt +war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein +kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck +und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten +noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, +grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken +Augenbrauen hervor. + +Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser +und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme: + +"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am +Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so +vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu +eilen." + +"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte +der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser +ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß +ich wohl zu Ihnen kommen." + +Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten. + +Sie traten in den großen Empfangssalon. + +"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät +zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt." + +"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. +Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen +plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten." + +Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines +Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von +dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze +Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen +Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, +Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön +gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer. + +Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd +zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder. + +Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete +schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in +sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte. + +"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon +endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den +Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist +ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er +halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen +und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus +diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und +mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange +der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in +dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als +bei Ihnen." + +Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts +zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige +Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine +Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen. + +"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit +überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und +begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den +Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von +Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung +der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen +Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten, +auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten." + +Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt. + +"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch +heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät +Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick +unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der +Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich +militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die +französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare +Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der +Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat." + +"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von +den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten +konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich +damals Unrecht gehabt."-- + +"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte +Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil +Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät +wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, +die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich +damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen +Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und +mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen." + +"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon, +"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren +Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines +der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief +seufzend--"denn ich habe viel verloren." + +"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf +denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, +und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und +Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält, +sagen, als es Ihr Minister gethan hat." + +"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die +Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler +machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht +verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu +Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an +mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath +zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich +laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie +dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen," +fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des +Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene +Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die +Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht +verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen +Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß +die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem +geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich +den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen +und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals +garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen, +bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie +man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem +Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während +der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es +zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee +sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die +Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. +Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann +aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von +erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die +europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, +und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische +Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber +Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle +Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden, +jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir +entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall +mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?" + +Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, +dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck +lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und +langsam, jedes Wort scharf betonend: + +"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche +nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort, +"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht +hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, +der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig +befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute +oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich +zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen +darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell +anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet +später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit. +Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine +Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem +Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum +Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg +von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager +Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen +Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur +die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über +den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein +Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den +man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des +Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine +einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.-- + +"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und +verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem +sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht +früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise +reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs +sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es +sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich +ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem +Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich +selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache +Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg +Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage +so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit +gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner +Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann +Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als +Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen +Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche +Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner +Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir +noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich +mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter +Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein +Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur +geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen." + +"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen +Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns +Hülfe und Beistand." + +"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß +man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug +wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin +liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich +um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart +statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und +frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken +Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in +welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese +ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden +Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem +Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen +ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland +wieder aufzunehmen." + +"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß +Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen +und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der +Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche +Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich +betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas +Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert." + +"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und +kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte +Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. +Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, +nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder +verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre +vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben +irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen +Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?" + +"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, +"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz +Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche +Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer +activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, +"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben +aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer +deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde, +in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu +finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland +eingewilligt hat." + +Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de +L'huys' ernste Züge. + +"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in +der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der +vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne +Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen +das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große +Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire," +rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich +in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke +Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen +Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und +bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß +sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich +kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die +Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber +niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste +entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich +eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance +allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene +preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den +Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, +auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung +Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß +auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung +die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus +bietet." + +"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst +zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen +tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik +nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten +und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf +die alte Höhe zurückführen soll?" + +"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer +Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in +diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen +Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die +Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich +muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge +jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die +bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen +kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen +Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das +Aeußerste zu wagen." + +"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in +der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner +militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg +will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der +Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer +Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den +Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse +ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der +großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz +Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen +gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der +Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen +ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie +aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der +Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät +meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das +Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf +lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise +Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem +Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen, +würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde +Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen +Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache +betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf +einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, +ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines +Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste +Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches +Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des +Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen +Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes +preisgegeben sehen." + +Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem +Schnurrbart. + +"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer +Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er. + +"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem +Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein," +sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne +Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch +Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können." + +Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender +Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann +beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm +die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme. + +"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich +im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit +gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde +geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's +Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden +müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in +welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er +nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den +kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien +Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es +will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen +werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen, +daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt +Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe +hervorgerufen." + +"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler +gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach +meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen +befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen +Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche +Folgen gehabt hat." + +"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend +und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend. + +"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen +einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen, +welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der +niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und +links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung +in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er +fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen +immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch +Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor +Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der +freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es +auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder +gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu +lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das +öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher +nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube +ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu +inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben +wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, +"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln +durch ihn durchführen zu lassen." + +Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört. + +"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch +darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht, +betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um +dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu +stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der +Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht. + +"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne +Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu +lassen--" + +"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar +Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr +folgen." + +"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den +neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit +auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten +Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit +einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben +herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen +Lebens geworden ist." + +Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge +des Kaisers. + +"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr +Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?" + +"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend +fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr +als an Daru und Buffet." + +Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf. + +"Und Ollivier?" fragte er dann. + +"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die +ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen +Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die +Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und +festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer +Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, +den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen +anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel +erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen +Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so +ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und +ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner +Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere +und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so +unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, +wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an +eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen +militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des +Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte." + +Der Kaiser erhob sich. + +"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre +Unterstützung nicht fehlen wird." + +"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick +bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich +nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie +dieselben acceptiren, auszuführen." + +"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich +verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an +guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys +meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht +derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um +meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur +Ausführung zu bringen." + +Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg +mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den +Tuilerien zurück. + + + + +Viertes Capitel. + + +In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße +saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten +Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren +in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe +Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde. + +Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck +seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle +Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende +graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt, +und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas +zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den +preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten +scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade +aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus +der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand +hielt. + +Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit +einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen +hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen +Vermögen und seiner Pension lebte. + +Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer +Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des +Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus +zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz +bewegte. + +Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige +Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme +Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung +verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, +wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war +fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne +Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er +sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ +Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich +wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob +seine Gedanken anderswo weilten. + +Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte +leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne +desselben. + +"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit +einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies +Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die +Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend +hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner +Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein +Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir +überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit +der Zeit zu steif und schwerfällig geworden." + +"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der +Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, +wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann +kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die +Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken." + +"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt. +"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich +nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner +Wirthschaft entziehst." + +"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von +Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich +in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem +Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann +gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald +zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle +bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es +sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine +angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht +die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen." + +"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas +wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen +kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich +hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren +Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche +Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein +Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. +Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben +geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß +unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der +Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge +hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den +Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen +dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß +den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf +demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist." + +"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck +phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht +einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst +nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und +einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen +verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte +er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu +können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat." + +"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend, +"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das +Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung +und Entbehrung gebracht hat?" + +"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen +nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines +Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im +militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette +für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den +entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für +alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt +hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den +fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte +anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese +Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein +alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch +mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt +und gearbeitet hast." + +"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den +Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige +Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum +Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt. +Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich +haben möge." + +"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem +leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja +in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in +den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der +andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle +Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum +Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu, +"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen +vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen +auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit +bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die +Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen, +brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd +hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten." + +Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb +verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber. + +"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen +Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf +Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter +Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung +eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und +in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende +Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast +nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir +gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich +nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit +dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen. +Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet +werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie +werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein +können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine +Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine +Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe." + +"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von +Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde +hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt +beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den +ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will, +so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen. +Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe +geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz +nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit +gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an +seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir +zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer +Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden +Besitzes zu erhalten im Stande ist." + +Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf. + +"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht +allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast +der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen +erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden +zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen +mußten." + +"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow +lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine +Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte +nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich +besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen +haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz +den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow +führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn +ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz +sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben, +ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen +entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten +muß?" + +"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant. +"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals +mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen." + +Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der +Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer +starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm +geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren +früherer großer Schönheit zeigte. + +Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas +altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem +breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter +Hauslivree das Theegeschirr aufstellte. + +"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es +wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn +Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem +leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht +großartiges Fest zu geben." + +"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem +Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist +immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen +ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause +geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich +nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich +zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen +heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet." + +"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen +Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung +der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu +nehmen." + +"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar +recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu +nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien +zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise +verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf +ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu +viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich +will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen," +fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof +macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn +Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr +gut erzogen und sehr fein gebildet." + +"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn +nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf +setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte." + +"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines +Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr +Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er +wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der +Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den +einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch +Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht +arrangiren lassen." + +"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der +Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch +wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine +Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf +meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes +Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter +zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die +Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes +Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen +Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu +würde ich niemals meine Zustimmung geben." + +"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd, +indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie +sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als +er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit +dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht +in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier +zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance +sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute +hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des +Fräulein Cohnheim." + +"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich +amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte +Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen +habe, vollkommen mit mir theilt." + +Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu +der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die +Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu +behandeln. + +Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern +vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der +schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der +Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das +dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören. + +Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der +Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch +nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet +waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die +Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der +ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den +Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den +Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst +beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der +Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große +Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch +guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines +Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des +wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben +zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher +nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in +den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und +einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen. + +Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte +Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa +fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig +über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar +leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen +Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas +aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden +Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um +seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus +gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl +zusammengesetzt war. + +Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte +von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine +strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige +große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er +sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich +ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen +Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren +Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine +goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur +Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte. + +Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon +seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit +ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des +Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen. + +Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit +ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden +jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte. +Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren +Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der +Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr, +und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen +öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem +mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln. + +In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand +ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr. +Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von +zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen +übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen +geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That +waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste +Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer +jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man +gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit +findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen +eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht +des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie +von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen +blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten +feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches +Lächeln. + +Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen +Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken, +steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen +im Knopfloch. + +Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die +Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe, +indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen +gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der +Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge +doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden +Damen erhebe. + +Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der +Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden +jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends +feststellten. + +Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang +seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit +die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau +abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte +er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit +einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl +seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen +Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang +der Neueintretenden zurückzuwenden. + +Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt, +deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer +Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt; +mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch +vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel +die Hand. + +Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge +Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften +zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er +diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat +und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche +Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde. + +Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen +präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen, +welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen +läßt erfüllte die Räume. + +Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen +geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging +rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten. + +Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der +Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben +Hauses am Theetisch seines Freundes saß. + +Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem +Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und +anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das +wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben +lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas +gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In +seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene +Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm +berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und +höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und +leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths +mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein +hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre +gebe, als empfange. + +In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien, +durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt +zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld. + +Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest +und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf +geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und +Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende +Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest +zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder +Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus +ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in +einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen. + +Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem +jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher +Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte. + +"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr +Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es +verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu, +indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck +zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen." + +"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit +leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg +nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht +haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine +Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen." + +"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie +gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir +sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann +nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die +Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch +einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter +klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu +der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld +weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den +Tanzsaal eintrat. + +Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter +gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen +begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu +ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten. + +Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte +von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche +sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von +Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte +Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen +Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche +sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die +Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem +Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow +schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal, +indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer, +in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand. + +Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter +Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des +Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim. + +"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er. +"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß +Sie noch einen Tanz für mich frei haben?" + +"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die +Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die +Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze +sind besetzt." + +"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während +er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht +verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich +übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung +gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu +reserviren." + +Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter. + +"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den +Cotillon angenommen." + +"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese +glückliche Ueberraschung gemacht haben?" + +"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst +und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen +Officier hinüberflog. + +Dieser trat rasch heran und sprach: + +"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie +mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?" + +"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit +freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr +sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim +Cotillon notirt." + +Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant +von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und +wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow +mit leichter Verbeugung zurücktrat. + +Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare +traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die +junge Dame in die Reihen. + +Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen +Augenblick neben einander stehen. + +"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem +sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir, +nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten, +und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen, +was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist +sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die +commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble +Partie." + +Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe +stehende Paare. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow +flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick +seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den +anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an +ihm vorbeischwebte. + +Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die +ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den +unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in +mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare +ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren +Herren. + +Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen +Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und +gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche +ihm aufmerksam zuhörten. + +"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag +mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und +Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber +es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der +Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir +jetzt weiter entfernt als je vorher." + +"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer +Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit +verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene +eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche +ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet. +"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen +Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in +der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem +mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene +deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders +begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften +Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende +Berichte." + +"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath," +erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn +gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane +katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den +Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich +hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering +anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit +gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit +denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen +Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr +deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische +bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß +auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht." + +"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die +ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur +deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen. +Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse +haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht +schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen +katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich +im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen." + +"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine +vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des +Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen +es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt +voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber +in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden +müssen." + +"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man +dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So +viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für +unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder +menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in +Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche +Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken +auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen." + +"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der +Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der +Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen, +wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort, +"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste +Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns +nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will, +daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer +deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist +es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt +wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem +Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht, +mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche +Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen +lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher +Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein +italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch +seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in +welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen +Deutschland sehr wenig genehm sein möchten." + +"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich +glaube, wir können es ruhig abwarten." + +"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab, +sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict +entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so +dürsten die Consequenzen sehr fatal werden." + +"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor +Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt +gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe +Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen +Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und +ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit +solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der +Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man +zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen +Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich +durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische +Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die +Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat +die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das +von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick +müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen +die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen, +und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze +Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom +herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem +Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit +energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten +Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche +Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt +hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich, +wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder +den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe +jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe +kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer +sein, sie wieder von Rom zu trennen." + +"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender +Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir +haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten +und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten +Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht." + +"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist +noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung +des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem +Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct +ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder +Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein." + +Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis. + +"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im +Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten +Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im +letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden +ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor +Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu, +"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine +gute Cigarre erschwingen können." + +"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der +Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen, +die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten +können." + +"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der +Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!" + +Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich +ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für +die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das +Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen. + +"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem +Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins +der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron +von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in +Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große +Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große +Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit, +ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich +glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich +dabei zu betheiligen." + +Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke +des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres +und eingehenderes Gespräch. + +Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten +feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt +tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die +Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden +des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und +theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor +ihnen. + +Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach +mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die +Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig +sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des +Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast +traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur +zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter +des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem +Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah. + +Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt +nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin- +und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine +Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder +einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas +besonders empfohlenen Weins zu serviren. + +Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger +Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden +Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht, +sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen +Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine +Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden. + +Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum +Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und +begaben sich in den Tanzsalon. + +Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des +Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der +Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung +die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter +einer Decoration von grünen Gewächsen standen. + +Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann. + +"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld," +sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt +Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim +Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die +Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend +Etwas übel genommen?" + +"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick +tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die +leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen +ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin +verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft +traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein." + +"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig +zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit +sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte +übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig +machen könnte." + +"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest +und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger +machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem +fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich +von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele +Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz +eingezogen wären." + +Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige +Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder +hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit +einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme. + +"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen? +Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung +sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil +werden kann." + +Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes. + +"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter +Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--" +fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner +Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben." + +Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an. + +"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es +muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn +die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe +Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei +und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?" + +Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog +durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie +dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein +rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte +mit herzlichem Ton: + +"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?" + +"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend, +"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele +Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes +Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen +bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger +mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt +habe." + +"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht +schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene +Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?" + +Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen +Blick und verstand die stumme Frage. + +"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück, +wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--" + +Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn. + +Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen +Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich +wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort: + +--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft +unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als +begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine +Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen +mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der +Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das +ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem +brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für +mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann +ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den +unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu +erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine +zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde +vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern +Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und +Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, +während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum +ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen +los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach +er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich +machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der +unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären." + +Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr +Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit +legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich +ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser +Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend. + +"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich +kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast +befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies +gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht +allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen, +so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen +nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen +Glanz verloren haben." + +"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche +Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber +mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht +möglich." + +"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir +nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen," +fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben +umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem +Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind +wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe +abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen." + +Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen +mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an. + +"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter +Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie +einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine +Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr +er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung +nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes." + +"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen +_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens +_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im +Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die +untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem +Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar +weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich +Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?" + +"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige +Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf +hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken +darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen +fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben +Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er," +sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons +benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?" + +"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher +Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben +würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?" + +Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit +reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren +vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem +Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren +Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die +Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer +Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons +hinblickten. + +Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen, +trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen +und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses. + +Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach +der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die +tanzenden Paare verfolgt hatte: + +"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um +Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so +unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise +fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten, +welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen +den Vergleich nicht aushalten kann." + +Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte +sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das +kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte. + +"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen +gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu +benutzen, um Ihnen Freude zu machen." + +Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine +Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den +folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte +Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges +Gespräch nicht mehr möglich war. + +Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein +Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen +waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen +Druck ihrer Hand zurück. + +Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und +indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter +Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die +seinigen tauchten. + +"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld. +Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte +Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie +nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige +Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe +ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht +ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist +Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man +einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der +Zukunft zu haben." + +Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter +angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig +zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe +Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ. + +Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt +sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und +als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich +bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu: + +"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig +gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen," +fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron, +wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren." + +Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner +Frau und zu seiner Tochter. + +"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend, +"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er +vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von +Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr +gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause +zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt +werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu. + +"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die +schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife +nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um +ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist, +mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im +zerstreuten Ton. + +"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte +ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in +demselben Ton hinzu. + +"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du +hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu +tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung +und unsere Beziehungen nimmst." + +Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie +Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren +Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück. + +Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener +Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen +hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die +verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in +den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten. + + + + +Fünftes Capitel. + + +Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam +und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien +auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und +ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken +Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein +bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen +schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur +das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen +Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher. + +Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand +und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche +Schrift welche das Papier bedeckte. + +"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen +bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher +einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit +fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich +dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort, +"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten +mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens, +und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, +überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten +zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu +erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der +unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich +bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies +arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen +kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde +zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu, +"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere +Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und +selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte +desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die +Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände +Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in +Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern, +würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in +Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus +den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren +Factoren treiben dort ihr Spiel-- + +--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt, +durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im +Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche +seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der +unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen +Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen +können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der +politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre +Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie +können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen +vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken." + +Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den +einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand. + +"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und +Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die +Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam +sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen +Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben +würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen +mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage +für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht +glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln, +mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da +fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und +will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines +Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's +Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles +das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866 +noch übrig geblieben ist." + +Er blickte abermals auf den Bericht. + +"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische +Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse +eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte +Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die +Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun +einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist. +Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte +Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt +werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was +bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in +Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich +unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das +italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt +dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine +Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders +gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich +sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--" + +"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und +gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht +zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es +in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine +innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des +Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer +militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende +meines Werkes sein." + +Er warf den Bericht auf den Tisch. + +"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe +es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu +stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des +Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt +wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn +niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder +Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man +aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde, +dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die +achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen." + +Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag, +durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die +Schlußworte: + +"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der +Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die +Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn +in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer +Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische +Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen +und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph +das Band der Unterthanentreue annehmen würde." + +"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand +stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen +für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und +unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den +König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den +Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des +Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen, +was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich +pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der +Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des +Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem +solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische +Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in +welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die +Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige +Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser +Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern +Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals +werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen +österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat. +Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle +meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten. + +"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick +fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig +ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich +geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste +Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es +versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte +hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu +erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber +von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden +so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die +unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte." + +Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen. + +Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den +Sectionschef, Baron Hoffmann. + +Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf. + +Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des +Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm +verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen +Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des +Reichskanzlers Platz. + +Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen +Schreibtisch gelegt und sagte. + +"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der +unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die +äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die +Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich, +Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er +fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich +lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für +unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, +wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch +für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte +doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde, +dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche +ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg +versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst +Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr +formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst +muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es +dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter +Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein, +zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie +weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden +Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor +Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm +persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte." + +"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive +Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen +Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß +man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht +hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man +nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen +Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die +Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen +Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das +italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer +europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen +wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie +ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des +Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge +geschehen ist." + +"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen +Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer +freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen, +niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft +Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und +Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne +des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen +österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem +Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber +acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran +denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel +passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des +Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also +noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen +mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit +unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt +werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und +auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er +ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter +Umständen viel schaden." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. + +"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen." + +Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort. + +"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher +sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München +berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf +Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König +Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel +befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der +großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die +Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich +versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen +berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll +Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung +des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und +von Thüngen lebhaft besprochen haben." + +"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf +die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas +Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn +in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der +mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums +Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.-- + +"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so +vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte +Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, +im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines +Vertrauens giebt." + +Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern +Unmuths. + +"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in +den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall +fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt +man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der +äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont +verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder +hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht +verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein +persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam +aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in +Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des +offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung, +mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er +fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann, +aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist +er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort, +"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die +Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste +verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade +in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu +verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des +Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig +entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin +aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die +Arme treiben. + +"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen +eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über +denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung +auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.-- + +"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere +Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist, +demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu +sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein +Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen +Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne +politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile +bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu +verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz +von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache +eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen +gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine +königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen +Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe +dispensirt.-- + +"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter, +"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist +nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die +Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in +intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition +sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter +Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf +Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen +darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder +gut zu machen-- + +"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das +Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter +darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München +nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof +klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit +beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die +Entwickelung des Staatslebens zu brechen." + +Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont. + +Graf Beust erhob sich. + +"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er. +"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen, +nachdem ich mit Grammont gesprochen habe." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet +verlassen, trat der französische Botschafter ein. + +Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines, +fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm +gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts +gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit +und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen +ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der +ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem +Schreibtisch nieder. + +"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich +Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen +Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls +den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner +Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings +schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder +vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit +welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und +ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und +geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht." + +"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit +leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, +die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß +von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen +Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne +Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, +welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben +gerufen hat." + +Herr von Beust schwieg einen Augenblick. + +"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog +grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr +persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um +dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form +zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine +Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm +gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz +gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint +als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie +wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien +wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische +Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich +gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen +Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu +sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können, +dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser +zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht +hat." + +Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und +freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn +gerichteten Blick des Grafen Beust aus. + +"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über +die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach +angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die +Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, +soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die +Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action +Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber +gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da +in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die +Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im +Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth +erscheinen möchten." + +Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und +spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der +Decke des Schreibtisches. + +"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen +Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber +eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen +Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber +geworden." + +"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche +zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen +Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß +eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit +bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch +direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen, +die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher +ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir +eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende +Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine +solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden +Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls +glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche +Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen +Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."-- + +"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf +Beust rasch und bestimmt. + +"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte +der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über +die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer +Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht +berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich +selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich +auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains +über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube." + +Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine +Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller +Aufmerksamkeit auf den Herzog. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in +Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine +energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen +läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige +Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind +wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und +Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen +sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin +übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied +für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen +Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend +zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für +mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen +großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer +solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, +dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem +italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die +vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin +würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das +italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, +wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen +Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch +unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, +Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche +man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches +_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem +Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob +das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere +ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen +der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend +erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde +dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer +erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln +sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und +durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach +anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse +wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie +sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie +ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch +Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den +eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des +Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht +unterlassen könnte." + +"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem +beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris +discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre +Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich +kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, +"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein +würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man +sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, +klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und +nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich +meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem +Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen +Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht +anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise +zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die +Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der +Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist +ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten +täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind +schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in +Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten +wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen +schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns +Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--" + +"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die +Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen +Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat +bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active +militairische Hülfe verspricht." + +"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er +eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn +ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick +wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer +eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch +nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens +einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche +Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, +daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict +siegreich hervorgehen sollte--" + +"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton +eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart +emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit +Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine +solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben." + +"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance +kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem +Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das +Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik +muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen +bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion +führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten +noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben +Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, +eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem +Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer +Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?" + +Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe +und bestimmte Frage. + +"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch +erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch +die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer +bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser +hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue +französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im +Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche +und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien +Volkswillens erhalten haben werden--" + +Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, +dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen +Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit +welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte. + +"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die +Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs +wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die +Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne +Frankreichs Genehmigung zu lenken." + +"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und +völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe +nicht ein--" + +"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich +verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich +begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten +Kriegsfall zu finden--" + +"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also +Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?" + +"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier +natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste +Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das +deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme, +uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am +sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus +deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, +welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der +süddeutschen Staaten einzutreten." + +"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den +leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war, +vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem +Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere +persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren +oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen +könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen +auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer +maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf +absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens +zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren +Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals, +so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer +Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die +Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie +vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, +sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten +nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu +erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit +größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation +blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt +habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen +mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen +Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es +läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf +solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich +trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die +Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität +zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im +_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung +liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben +scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der +gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen +Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals +die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von +ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der +Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus +irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. +Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative +übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für +meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche +natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse +Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel +über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten +erscheint." + +"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in +dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser +beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche +Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich +die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie +dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik +dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte, +daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung +könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt +haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den +politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz +unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu +trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden." + +"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die +Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich +sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr +er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann +möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten +sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung +bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt +würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er +im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in +diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle +aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte." + +Der Herzog erhob sich. + +"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der +König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris +gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig +bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große +Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen +persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem +bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon +ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch +die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, +immer schwieriger zu machen." + +"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß +diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe +werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen +Charakter zu nehmen." + +"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen +Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns +nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von +1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, +wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland +zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich +auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action +entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz +ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen +Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen +Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden +werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, +indem er ihm die Hand zum Abschied drückte. + +Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann +nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück. + +"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, +schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. +Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich +darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je +unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte +für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, +"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf +eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den +Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen." + +Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth. + +Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf. + +"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich +halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem +Besinnen. + +Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. +Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe +weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen +abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der +großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte +zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten +dunklen Ueberrocks noch höher erschienen. + +Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener +europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich +doch ein wenig abwehrende Kälte mischte. + +"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn +Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich +glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht," +fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des +Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß +nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier +Rücksichten zu nehmen sind--" + +"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick +herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch +habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen, +was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören +wollen." + +"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf +Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von +besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben." + +"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die +Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem +Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen +Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge +ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von +1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man +meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will." + +Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath. + +"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was +hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von +unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese +eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation +des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen +ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt +und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich +unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der +Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird +auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr, +kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen +Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der +kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das +unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große +Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der +politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit +so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem +Willen so richtig und exact spielte!" + +"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes +ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir +müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu +behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz +persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf +betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch +auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie +nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt +hat." + +Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des +Staatsraths. + +"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich +beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich +nicht theile." + +"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste +Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung, +wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da +doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die +auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des +Kaisers abhängt." + +"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die +auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig. +Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen +fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen +andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um +das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den +Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für +die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten +fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton, +"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht +zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise +ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen +Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort +die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende +Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner +Schwäche kämpft." + +"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit +dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie +wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen +werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den +äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen +Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der +persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können. +Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die +Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--" + +"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist +ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das +Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten." + +"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und +den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"-- + +"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper +angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der +Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend +auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche +Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über +allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung +als Spielwerk hinwirft." + +"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine +beschlossene Sache ist?" + +"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß +ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache +vollkommen gewiß bin." + +"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings +ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor +hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--" + +"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name, +den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät +der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem +Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal +dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_." + +"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin +wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen +ausführen wollen?" + +"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin, +Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß +und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr +Ollivier--" + +"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des +Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung +möglich." + +"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der +soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre +habe." + +Graf Beust neigte sinnend das Haupt. + +"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer +solchen Aufgabe gewachsen hält?" + +"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur +Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl +richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes +altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der +Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte +er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat." + +Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken +versunken. + +"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden, +welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs +auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In +Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu +bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"-- + +"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath +kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor, +deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man +demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird." + +Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an. + +"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen +Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des +Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt +und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches +Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick +ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee +suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle +Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits +den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und +erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame +gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum +Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee +zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein +Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde +ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien +sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder +sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien +ist." + +Graf Beust lachte. + +"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber +gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen +gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der +Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und +verschwinden." + +"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch +diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch +ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten +des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden +sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen." + +"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt. + +"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät +Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine +Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den +Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen +kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den +definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar +nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so +Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar +machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--" + +"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz," +warf Graf Beust ein. + +"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im +nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz +Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem +Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen +Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den +Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation +glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen +versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen +Kriegsfall haben." + +Herr von Beust lächelte abermals. + +"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte +Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie +Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß +ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die +Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn +ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die +Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare +Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die +Grenzen des Möglichen überschreiten." + +Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander, +richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit +scharfer Betonung: + +"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, +was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung +von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner +Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. +Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im +besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt +convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm +stellt." + +Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch +die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts +weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit. + +"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu +rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath +bitten?" + +"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener +Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch +des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie +in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage +mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche +Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich +auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet +seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige +Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle +Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und +Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich +sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath, +das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war +nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter +die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, +wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden +deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der +Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar +nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren +Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch +wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen +schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu +danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere +Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach +der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen +wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und +Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich +nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern +Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen +haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung +in die Ereignisse hineintreiben zu lassen." + +"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.-- + +"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um +einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester +Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen +und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings +unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder +hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa +beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches; +wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen +wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 +verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine +vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im +ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde. +Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich +mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. +Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen; +vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die +unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin +nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn +Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen +Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische +Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber +würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer +aufgegeben werden müssen." + +Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher +Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges. + +"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er. + +"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in +welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des +großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung +jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten +Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem +spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an +Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist +_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen," +fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der +Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort +seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. +Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit +der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten +preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird. +Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz +reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur +dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist +dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern +geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich +vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser +Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein +hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem +sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen +hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht +nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden." + +"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton. + +"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter +Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, +wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von +innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte, +dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig +nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen +Collegen." + +Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und +sprach: + +"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen +für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich +hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er +mit einem fragenden Blick hinzu. + +"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und +mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die +Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten." + +"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre +Beobachtungen weiter au courant zu halten." + +Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner +eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ. + +"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen +Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die +Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut +unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu +seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber +nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig +genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg +zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten +Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen +für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den +Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich +zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir +vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung +noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche +Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig +richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im +Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an +innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde +ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, +den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß +diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge +mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch +unüberlegtes Handeln gefährde." + +Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben +aufgehäuften Depeschen zu durchlesen. + + + + +Sechstes Capitel. + + +In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der +König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter +rother Decke überhangenen Tisch. + +Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und +rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze. + +Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem +Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die +Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm. + +Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter +geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn +auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein +alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die +scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als +sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht +einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war. + +Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit +pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem +Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde +und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen +Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr +einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle +Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen, +durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen +Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht +aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige +Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät. + +Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, +welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien, +und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor +sich hinblies. + +"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in +diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich +berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß--daß +Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu +geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und," +fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts +vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten." + +"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn +gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne +erscheint--und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd +hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige +von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von +ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das +Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen." + +"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner +rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben, +ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor +mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der +Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die +Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines +General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz +übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und +vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner +Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle +auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben +habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das +höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?" + +"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von +Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig +unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière +aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch, +wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten +finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte +sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem +Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie +nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man +dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen +Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man +aufklären müßte." + +"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend, +indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft +gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die +bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und +meiner Sache zu schaden." + +"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der +Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der +Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch +unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für +ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa," +fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen +und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden." + +"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die +Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal +gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders +sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher +berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach +kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,--ich will die ganze +Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und +die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung." + +"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es +dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose +Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?--Windthorst +hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten." + +"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation +zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines +Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht +habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit +zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen." + +Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms +in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu +Seiner Majestät Befehl. + +"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein +Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der +Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn +reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte. + +"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann +zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt +hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete. +Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den +sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters. + +Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten +des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des +verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten +Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung +wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine +Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas +langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war +sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und +abgespannt. + +Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte +die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der +großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem +Herrn. + +"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die +Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für +unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es +haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn +Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz +zwei Millionen Gulden davonkommen werden." + +Der König seufzte tief auf. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld +an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In +diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten +Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und +die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser +an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel +sind ja ohnehin schon beschränkt genug." + +"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen +Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf +Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr +er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser +unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche +bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr +dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so +schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt, +so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive +Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen, +Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade +oder Ungnade zu ergeben." + +"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein +Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere +damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie +verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der +letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären, +was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die +traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem +ungewissen Schicksal überlassen zu müssen." + +Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's +Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex. + +Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, +fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in +ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät +machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte +Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und +Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten +und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der +Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern +verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase +und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen, +war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines +Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich +seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die +liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte. + +Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer +trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine +auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich +zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen +Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine +kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug +von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille. + +Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu +demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann +setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der +Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm. + +"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den +Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln +auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der +Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen, +durchzuführen." + +"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich +zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen, +genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung +stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung +Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten +werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr +hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem +Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher +Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre +Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir +erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende +Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von +vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch +Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz +schaffen kann." + +"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den +Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß. + +"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den +Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu +schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach +verläßt." + +"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend +bemessen ist." + +"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für +Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das +freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich +herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich +nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung +der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig +entsprechenden Weise widersetzen." + +Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart. + +"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von +Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu +sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich +halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren +Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm +nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das +Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene +Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen +werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht +haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung +herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in +Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten." + +"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den +Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten +dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken +nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften +Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen +sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. +Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es +sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion +verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr +unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in +ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im +Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen." + +"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in +Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein +können. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von +der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht +gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze +Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die +Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je +weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns +wieder zur Last zu fallen." + +"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend. +"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen +Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem +habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der +Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen." + +"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher +Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine +Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber +nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April +Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer +Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von +Adelebsen dorthin zu senden, so--" + +Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit +schweigend nach. + +"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf +emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem +Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am +einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu +vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath +Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere +hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und +die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache +bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht +erklären kann, den man mir entgegensetzt." + +Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen +Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte: + +"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie +Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über +die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer +Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure +Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß +dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu +gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also +ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige +Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit +bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze +Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit +einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber, +"der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im +Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich +der Wille und Befehl Eurer Majestät sei." + +"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell. + +"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem +leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht +vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn +selbst anhörten." + +"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe," +rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach +einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor +Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die +Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von +mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben." + +Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne +indeß etwas zu sagen. + +"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die +Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten +Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch--" + +Ein Schlag an der Thür ertönte. + +"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme. + +Der Kammerdiener trat ein und sprach: + +"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß, +Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen." + +"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert. + +Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren, +etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten +Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe +und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich +in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene +eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu +gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät +und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf +den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah. + +Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern +hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im +Ton dienstlicher Meldung: + +"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind +von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer +sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz." + +Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter +freudiger Schimmer flog über seine Züge. + +"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er. + +"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und +welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch +hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß, +denselben Eurer Majestät mitzutheilen." + +"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz +und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten. + +"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren +letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei +Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu +betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen +der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten." + +"Ganz Recht," sagte der König. + +"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für +ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit +unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen +angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des +Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht +schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für +verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und +Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht +glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher +ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei, +von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts +unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift +auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants +von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken +vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen +Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere +Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen." + +Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er +biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals +den Athem aus seinen Lippen. + +Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf +die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder. + +"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die +Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine +königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten +Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen, +welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben +war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen +herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt +über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu +treten." + +"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst +unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren +Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben +abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich +gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer +Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders +nicht für gültig erkennen können." + +"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich +sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich +nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam +unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an +welcher sie keinen Zweifel werden hegen können." + +Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der +Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer. + +"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl +niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls +vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen +lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen +ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort +übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die +Auflösung der Legion durchzuführen." + +"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist +des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen +scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen. +Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant +von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger +bestimmen lassen." + +"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen. +Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort +meine weiteren Bestimmungen abwarten." + +Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das +Gesicht mit den Händen. + +"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath +mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in +Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu +tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen +wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der +französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät +auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung +desselben für immer aufgeben?" + +"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen +könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind, +und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer +solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen." + +"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht. +Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon +aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze, +ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt +hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich +durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals +aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes +Recht zu kämpfen." + +Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und +sagte: + +"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein." + +Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher +sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der +Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein. + +Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in +dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche +seine Brust bewegten. + +"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen +Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt, +dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und +nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück +theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir +wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe +verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die +Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und +opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich +gegen mich auflehnen!" + +Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein +edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten +sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches +ihn umgab. + +"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist, +den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine +Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht +hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von +Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden +an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem +Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die +mich hier mit Rath umgeben--" + +Er seufzte tief auf. + +"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche +den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen +ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel +nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene +Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie +von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst +ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen +ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht-- + +"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die +Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich +würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt." + +Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände +und blieb lange in tiefem Sinnen versunken. + +Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er +die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm +stand. Der Kammerdiener trat ein. + +"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch. + +"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem +Kronprinzen." + +"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen." + +Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf +Platen abermals in dem Cabinet des Königs. + +"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann. +Ist er hier? Ich will ihn sprechen." + +Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte +dann: + +"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen +Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten +erstattet." + +"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz. + +Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von +etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen +Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück. + +Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße, +sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes +Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige +Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag +jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen +Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch +seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann +in militairisch dienstlicher Haltung stehen. + +"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der +König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher +gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter +denselben vorgeht." + +Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit +dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem +er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte. + +"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren, +was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich, +noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind." + +"Und warum nicht," fragte der König kurz. + +"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach +Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich +commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten, +haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei, +für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine +neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre, +für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen. + +"Weiter," sprach der König. + +"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin +zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber +für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er +die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt +gehen. + +"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er +abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der +Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die +Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät +die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire +entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu +gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns +nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien +nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns +aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns +gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich +sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung +die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine +gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel +hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr +Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die +Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen +wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer +Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um +womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen." + +"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und +seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur +Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine +Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung +aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben +deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in +andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration +befindlichen Soldaten." + +"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst, +Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden +müssen, als die große Masse der Emigranten." + +"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche +eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden. +Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit +fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese +Verpflichtung erfüllen können?" + +"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister. + +"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät +versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer +Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein, +ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und +wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von +abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten." + +"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie +nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein +Unterkommen finden." + +"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel. + +"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb +leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß +in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er +abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die +Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine +Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß +im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen +dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde +gehen?" + +Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann +sprach er: + +"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt +worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe," +fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so +Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr +wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man +hat sich so Manches erzählt." + +Er schwieg abbrechend. + +"Was hat man sich erzählt?" fragte der König. + +"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer +Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte." + +"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?" + +"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und +fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand +da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter, +da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn +kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu +cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man +mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute +anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht +gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die +ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die +Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr +einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden. +Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu +unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken; +aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von +verschiedenen Seiten hört." + +Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein +Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des +Kronprinzen. + +"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan, +darum dieser Widerstand gegen meinen Willen." + +Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen. +Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann +zum König gewendet: + +"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den +Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer +zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin +beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der +Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät +aufklärt." + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe +Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der +Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll." + +Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus. + +"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich +die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so +schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl, +daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den +Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion +bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will +einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge +Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit +denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen." + +Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine +österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen +gestützt, schritt er in den Park hinaus. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig +nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als +sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah +noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken +pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig +einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und +zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal +eine Zusammenrottung zu bilden. + +Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken, +und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien, +ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen. + +Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von +Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der +noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne +daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können. + +Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die +Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß +dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein +zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des +äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die +Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die +Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend +gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht +fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen +die Furcht keine Macht hat. + +Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem +kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten +den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige +Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer +Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses +Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte, +die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen +war. + +An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem +hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber +nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und +bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und +den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und +feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken +gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei. + +Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in +kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand. + +"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend +in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem +neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem +großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart +freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr +schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht +rosig." + +"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von +Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer +Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer +Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer +schaudervollen Zukunft entgegen." + +Alle lachten. + +"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst +werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch +wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle +diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können +noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere +Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in +der Tasche in die Welt hinaus schickt." + +"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz +mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit +hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die +Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie +in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine +Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen +Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander, +blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, +die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend-- + +"Mauvais général." + +"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von +Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem +Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der +panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen." + +"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt, +wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch +nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube +wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, +daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein +Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er +unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die +Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen +ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die +Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die +armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben +werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des +Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes +fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur +Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann +nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er +aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht," +fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie +gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten +straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem +König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm +unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund +gegen seine Befehle demonstriren." + +"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere +Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen +und Heyse empfangen und hören wird?" + +"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich +glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu +verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der +That eine zu große Nichtswürdigkeit." + +Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf. + +"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr +erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich +auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach +Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich +geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine +Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren +Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich +ist." + +"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein +junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet +Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas +verschwiegen würde?" + +"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring, +"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus +Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in +einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt +werden, die ich niemals gemacht habe." + +"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen +den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz +nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse +unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und +Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend." + +"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach +der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich +ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner +Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen +Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, +niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig +übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute +sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so +trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und +Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, +daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der +Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die +orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in +Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden." + +"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief +Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade +in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt +wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf +eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige +Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen." + +Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in +einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf +dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein +Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel +hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein +Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger +scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase +hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und +beobachtend umher. + +Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch +trat. + +"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten +können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein +geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für +die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich +es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht +dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen." + +"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem +bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks, +Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager +Friedens endlich ausgeführt wird?" + +Herr Hansen wehrte mit der Hand ab. + +"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig, +"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man +fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir +für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen +werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit +wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort +für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür +thun." + +"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr +von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren +scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in +militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort +überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre +steht." + +"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton +fragen." + +"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der +Doctor Nélaton jetzt die Politik?" + +"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann +der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn +man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die +Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen +an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die +Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. +Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des +politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des +Anstoßes findet." + +"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König +von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben +wird?" + +Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden. + +"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte +Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten +werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt +hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt." + +Herr Hansen schüttelte den Kopf. + +"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange +gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler. +Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum +Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er +die Mittel dazu in Händen behalten." + +"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn +Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers +besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren." + +Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer +Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte +sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer +Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der +einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der +Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn +Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene, +wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner +Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und +des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu +ruhen pflegte. + +Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch +den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin, +trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener +im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons +öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden +hineinrief. + +Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's +waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck +derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf +kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen +Oelgemälden vorzüglicher Meister. + +Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer +standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch +beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf +einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, +magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen +Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der +Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende +Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen +bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, +sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, +mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der +Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der +Wissenschaft Theil zu nehmen. + +Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie +und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger +bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war. + +Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine +hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit +beschäftigt. + +In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem +eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, +saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte +Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs +beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn +Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete. + +Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die +hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den +Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub +sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das +runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten, +weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen +Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch +lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des +gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel +begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so +scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren +geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun +pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen +Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr +vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören. + +Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame +Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen +ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem +leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und +zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück. + +Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des +Fensters mit einander unterhielten. + +In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des +Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu +errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für +seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich +bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen. + +Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig +belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in +seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, +sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über +die neue Entwicklung des Kaiserreichs. + +"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so +ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt +haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung +vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den +Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs +wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere +Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders +geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System, +welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen +Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich +geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes +hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und +des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen. +Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der +Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den +Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich +aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete +Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und +Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die +Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen +oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere +Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so +weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden +Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus +ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen." + +"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium +sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und +klar denkenden Mannes rechnen kann--" + +"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen +Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die +Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen +mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit +derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß +gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem +Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in +der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu +machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der +einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das +constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen +Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am +Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger +Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in +besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden +liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und +dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer +constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine +mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung +der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, +so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur +eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei +die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation +erstrebt und gesucht wird." + +"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener +in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten +französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung +und der greise General des Julikönigthums herein. + +General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine +etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines +ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache +natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten +ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und +ungesuchtester Natürlichkeit. + +Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon. + +Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen +geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl +erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche +ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er +sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den +Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre +Complimente machten. + +Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren +Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und +indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, +etwas scharfen Stimme sprach: + +"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich +selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der +Gesellschaft zurückzieht." + +"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich +bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. +Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit." + +"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört +immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die +Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu +lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die +gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische +des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist." + +"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven +und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."-- + +"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die +Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser +schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die +Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe +Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch +halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal +nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden." + +"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine +Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv +abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so +bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung." + +"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder +öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen +übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller +patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja +auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen +noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird." + +Der General lächelte bitter. + +"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie +scherzen." + +"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person +in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse; +und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person +dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser +Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich +entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine +Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür +bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd. + +"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte +Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich +wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben, +daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur +Richtschnur seiner Handlungen macht? + +"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt, +aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen +hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen." + +"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht +wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie +er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden +Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.-- + +"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und +erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein +Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und +anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage +Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von +Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten +und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten, +welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der +Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte +seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf +welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen +Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen +Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese +Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich +und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller +derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der +Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen +in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher +aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle +zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten +uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der +General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen +wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen +Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch +heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von +Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und +Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann +in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand +durchgeführt." + +Herr Thiers lächelte. + +"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten +Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm +getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will +er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten, +sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für +Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General +kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von +der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf +dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den +Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System." + +"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird +wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in +wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere +Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir +in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns +das europäische Gleichgewicht veränderte." + +"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die +Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen +Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man +ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die +Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander +schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter +sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen +Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der +Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern +Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt +Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg +ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können +nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander +geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum +Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß +es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine +Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der +Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge +heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln +gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige +Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist +England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon +wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und +namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr +vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln. + +"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke +nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner +ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren +Charakter der Nation Vertrauen einflößen. + +"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht +kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie +uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky, +welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher +stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein +könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum +Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der +auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz +andere Richtung hätte nehmen müssen." + +Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General +Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er +blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu +Boden. + +Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach +dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer +beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen. + +Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger +Herzlichkeit. + +"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über +die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden +Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald +Etwas davon zu sehen bekommen?" + +"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich +mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin +entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht +lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum +zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt +entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über +sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das +könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der +friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung +habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen +gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr +lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über +Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte, +dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die +reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel +hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen +Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete +Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach +meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch +kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu +leben haben." + +"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener. + +Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium +der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen +Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm +freundlich die Hand hinstreckte. + +Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des +ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen +und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war, +mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme +Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht +mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen +Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der +selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge +theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein +philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist. + +Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte, +bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar +war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte. + +"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen +Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?" + +"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte +der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte," +fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen +könnte." + +Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf. + +"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten +gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine +persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich +dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen +Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und +der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter +Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der +Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über +einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen." + +"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und +daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen +ist." + +"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann. + +"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also +begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der +Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm +sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und +Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des +Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch +den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher +auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive +Zustimmung geben." + +"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die +übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch +folgte. + +"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des +Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen +natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit +fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche +Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die +Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu +stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die +öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem +solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch +nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach +deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen +mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums +auszusetzen Lust haben werden." + +"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich. +"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie +steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir +mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen. +Wie stehen Sie mit Preußen?" + +"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch +durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden +Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten, +sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf +eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu +wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße +Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen." + +"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf +Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die +Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?" + +"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite +nicht der Anfang gemacht wird." + +"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere +zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das +Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich +die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß, +sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten +ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte +ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich +darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--" + +Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer +Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im +Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe +für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der +Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er +weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der +Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz +Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie +haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben +den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand +gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine +energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen, +entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie +rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die +gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'" + +Er hielt inne und fragte abbrechend: + +"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen, +welches Ollivier bereits acceptirt hat?" + +"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen +sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige +Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große +Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns +fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der +öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner +Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation +von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich +entgegentreten." + +"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das +Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem +Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch +wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen +zwischen den Kaiser und die Volksmasse." + +"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm +des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons +zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch. + +Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und +lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen +Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur +Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin +und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen +würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die +Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand +behielt. + +Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru +beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne +einen Wink. + +Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das +Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn +Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein +strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden, +nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich +zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die +Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes +Alter hinein ein treuer Freund geblieben war. + +Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem +kleinen Hotel an der Place de St. George. + + + + +Ende des ersten Bandes. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster +Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. *** + +***** This file should be named 13657-8.txt or 13657-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13657/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/13657-0.zip b/old/13657-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b3f3874 --- /dev/null +++ b/old/13657-0.zip diff --git a/old/13657-8.txt b/old/13657-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c62c029 --- /dev/null +++ b/old/13657-8.txt @@ -0,0 +1,6752 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster Band. +by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Todesgruß der Legionen. Erster Band. + +Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Todesgruß der Legionen. + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Erster Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der +Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa +fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht +die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu +zerschneiden--außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von +Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz +seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine +bedeutende Wohlhabenheit erreicht. + +Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich +unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden +Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt +eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt +selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen +Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte +Frankreichs zusammenhängen. + +Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr +streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les +bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von +Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie +hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande +dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit +verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete. + +Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von +Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz +blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier +macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner +Devise. + +Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger +Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und +Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt, +welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von +den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers +die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt. + +Es war an einem Februarabend des Jahres 1870. + +Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die +Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort +aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den +Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des +Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende +Gegend. + +Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner +von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei +Männer auf und nieder. + +Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht +vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben +jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine +von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war +geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse +natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der +Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des +französischen Arbeiterstandes war. + +Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und +Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich +ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem +kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine +gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche +zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm +schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig +Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte +weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von +jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen, +insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist. + +Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre +1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der +Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der +Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei; +der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das +Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in +Saint-Dizier stationirt waren. + +"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt +wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn +Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das +Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration +auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert +Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und +ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort +gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben +mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing +dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren +Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich +täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir +uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und +dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot +erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann." + +"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er +stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist +unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und +Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne +sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als +bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann +steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath +zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch +nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch +wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz. +Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir +nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt, +so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine +Familie gründen können." + +"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid +und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu +heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht +recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch +militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr +zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter +hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen +Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen +und nach preußischem Commando exerciren?" + +"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe +ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich +der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich +verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen +größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere +Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht +als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld +zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine +Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu +werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein +einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde +ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die +Heimath aufzugeben. + +"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu +tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an? +Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir +wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch +meine Liebe bestimmen lassen." + +"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen +möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin +zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat +uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin +kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen +Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben +und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch +überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten +immer die Liebe mitspricht--" + +Ungeduldig erwiderte Cappei: + +"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe +ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und +uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde +hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit +mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen +Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König +uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt +und kann als ehrlicher Mann thun was ich will." + +Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die +Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur +spärlich erleuchtet war.------ + +Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten +Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche, +welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von +etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden +Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff, +das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles, +glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei +Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon +unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den +eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber +doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den +französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen +dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten +sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund +sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines +Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand. + +Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas +gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter +Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen +sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes +Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer +Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht. + +"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit +lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie +für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben. +Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine +Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts +gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück, +mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich +keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so +glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr +Schicksal mit dem meinigen zu verbinden." + +"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge +Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich +bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig +meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu +lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten +Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie +ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug. + +"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht +ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch +die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal +offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß +Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten." + +"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und +lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen +verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre +Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf +dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum +drängen Sie mich fortwährend?" + +"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es +nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende +Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr +entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit +unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher +war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie +gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und +widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige +Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so +glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit +Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles +anders--seit--" + +"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem +kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen +musternd, "seit--?" + +"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit +brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen +Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling, +von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein +gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener +Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie +Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an +Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden, +welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin +Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes +mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit +grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich +die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je, +seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück +meines Lebens geraubt hat." + +Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren +Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine +fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre +Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein +Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren +festgeschlossenen Mund. + +"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie +mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier, +Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu +andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und +Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über +Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu +antworten. + +"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so +eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer +Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und +unwiderruflichen 'Nein' beantworte." + +Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen +Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem +freundlichen Lächeln. + +"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem +jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur +leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe +mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung +sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist." + +Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte +unbeweglich in die Kaminglut. + +Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen +Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.-- + +Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen, +aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das +kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der +Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle +Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast +schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders +erinnerte. + +Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die +peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden. + +"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so +bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir +alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen +Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse +bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen +lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten +Friedensversicherungen enthalten." + +"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher +sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet +berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das +Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es +schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen +Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche +und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein +wenig mißtrauisch. + +"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder +große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt +hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes +erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er +lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch +sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit +empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt +und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer +erschüttert und immer tiefer untergraben wird." + +Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf. + +"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er, +"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit +Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng +verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung +gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der +Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht +nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen. + +"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe +kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit +den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die +allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich +aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die +Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und +Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum +zu verantworten sein." + +"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich +auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen +und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament +giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege +rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl +daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe, +welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich +würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung +ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--" + +"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die +Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die +Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich +bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die +Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die +alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren +in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich +erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist +und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige +gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser +Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung +ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich +jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath +berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen." + +"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr +Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so +laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt +dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des +Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen +Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die +Satelliten der römischen Kaiser." + +"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die +kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß +man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen +militairischen Ruhm vorziehen wird." + +Er blickte auf seine Uhr. + +"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend +still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters +mit Herrn Vergier zu achten. + +Luise erhob sich. + +"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat +versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick +sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen +zusammenbiß und sich abwendete. + +Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein. + +Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge +Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand +und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn +Vergier streifte: + +"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre +Abwesenheit sehr bedauert haben." + +Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er +machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine +Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen +Verneigung Herrn Vergier. + +Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen +Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein +Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem +Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den +einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte +eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um +ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei. + +Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen +aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich +der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis +heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der +Gesellschaft. + +Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr +Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen +und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze +Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, +schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten +mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit +dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier +hinübersah. + +Das Diner verlief schweigsam. + +Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner +schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte. + +Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und +hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch +welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, +von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte. + +Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache +Lampe erleuchteten Salon zurück. + +Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte, +die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um +seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte, +das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu +machen. + +Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines +Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge +Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und +ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte. + +"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die +französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich +fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine +vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen +Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir +für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt." + +"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der +Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, +"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu, +"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres +Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde +ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen +wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken +betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist +Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines +so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht +ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--" + +"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern, +ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner +Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu +geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--" + +"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft, +"genügt Dir diese Heimath nicht?"-- + +Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton: + +"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige, +die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen +Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als +je--" + +"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns +trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in +welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die +Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz +hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und +Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden +Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm +Glück Nichts mehr im Wege stehen." + +Er blickte düster vor sich hin. + +"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher +Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte +ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion +aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner +Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines +Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande +bin Dir eine Zukunft zu schaffen." + +"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall +in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in +unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater," +fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu +gründen--" + +"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser +Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des +Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so +kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine +Existenz schaffen lassen. + +Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn +ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines +Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch +ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine +sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie +wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das +Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch +während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst." + +Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und +blickte ihm tief in die Augen. + +"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun +wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird +jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die +deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir +beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen +bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind." + +Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen +zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!-- + +Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte +sich in ihren Sessel zurück. + +Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts. + +Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen +Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung +bewegten Stimme. + +"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand +ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß +in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier +eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt +und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will. + +"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um +auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über +Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr +thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--" + +Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf +den Schnurrbart und schwieg. + +"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine +Geliebte anblickend. + +"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise. + +"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der +Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer +gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir +beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen." + +Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater +zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon. + +Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig +erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; +doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht +lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter +schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den +Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte +keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen +würde. + + + + +Zweites Capitel. + + +Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen +Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in +den Tuilerien. + +Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden +Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, +sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren +geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck +tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den +Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der +ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte +in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des +Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in +convulsivischen Zuckungen. + +Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher +Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen +schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf +kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck +theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen +schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da +liegenden Souverain. + +An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton +beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von +Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein +geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er +auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er +doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit +dem Zustande seines Patienten beschäftigt. + +Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, +aufmerksam dem Pulsschlag folgend. + +"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend; +"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät +gern einige Tropfen Aethergeist einflößen." + +"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung +hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist +ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird +das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den +Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und +hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont +bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es +sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen." + +Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an +seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend, +auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien. + +Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen, +seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die +Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher. + +"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese +entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?" + +"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. +Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben +werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich +hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können." + +"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie +glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige +gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden +kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine +Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und +zu handeln." + +"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in +diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen. +Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation +durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber +Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als +andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden +überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und +je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr +werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich +auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung." + +Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben +meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was +mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um +das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft +die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre +ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die +denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen +können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen +ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn +zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für +mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja +nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die +nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen +Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für +welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens +angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner +irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft +aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze +Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses +Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet +habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige +Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein." + +"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen +Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und +hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten +legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und +unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn +der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst +berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen +Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen +natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. +Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die +Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die +Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der +Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht." + +Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf. + +"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie +wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, +das ich immer mehr verliere. + +"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte +Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann +besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das +ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe. + +"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch +wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser +Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen +Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des +öffentlichen Lebens." + +Dr. Conneau lächelte. + +"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets +unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit +solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie +diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse +der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer +hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre +Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des +öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät +geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten +Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des +Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden +niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an +Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern." + +"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich +weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus +dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen +wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare +Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist +da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer +Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend +hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es +gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu +stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so +ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den +Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein +möchte.-- + +"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu +Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht +vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle +es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach +Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa +bewegen konnte. + +"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich +einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny, +Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein. + +"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf +den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand +reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht +helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur +helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben +einzuflößen vermöchten. + +"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte +allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr +werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln +die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer +augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm +nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen +gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht +fortsetzen.-- + +"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das +Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick +kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über +meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt. + +"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich +einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte. +Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm +Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und +sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu +sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der +pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem +Tode aufhört. + +"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen +fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen. + +"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil +er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte? + +"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein +unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich +habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau +und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine +ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn." + +In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff +dessen Hand und führte sie an seine Lippen. + +"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder +Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den +kaiserlichen Prinzen hinzugeben."-- + +"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst +die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und +meinem Sohn den höchsten Dienst leisten." + +Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem +Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige +Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem +Glase Wasser. + +"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas +reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu +erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät +die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung +hervorgerufen hatte." + +Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne +opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner +Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere +Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender +Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und +der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte. + +Er stand langsam auf. + +"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte +Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird +der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten +Unfähigkeit herabstimmen." + +"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem +Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor +und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl." + +"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu +gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der +Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig +herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den +Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse, +denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse." + +Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen +und verließ das Schlafgemach seines Herrn. + +Der Kaiser klingelte. + +"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle +Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir +eine so liebe Gewohnheit geworden war." + +Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine +Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die +Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur +sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte +von seiner gebrochenen Kraft. + +"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den +Spiegel. + +"Zu Befehl, Sire." + +"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein +Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer +erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer +den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz +gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den +Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den +Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte. + +Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern +verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der +Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte. + +Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen, +früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus +wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des +Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt. +Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht +gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in +seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit +langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl +ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und +entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich +phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim +ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich +während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie +von einer dunkeln Gluth durchschimmert. + +Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch +völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, +welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief. + +"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher +Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir +zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und +bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem +Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung +Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind." + +"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu +sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen +Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich +sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut +ausspreche." + +"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß +diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig +abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es +gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben +den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen +des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was +sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß +ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln +und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu. + +"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine +Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den +Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand +einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner +wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich +Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die +Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die +Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät +werden das wirklich Richtige zu erkennen." + +"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er +sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois +einen Sessel neben sich bezeichnete. + +Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, +blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn +gerichtete Frage zu antworten: + +"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß +gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den +Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden +Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was +ich gesehen." + +Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den +Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes +spielend, aufmerksam zu. + +"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern +Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt +hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß +der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie +früher." + +Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch +blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne +gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren. + +"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter, +"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen +Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der +Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird. +Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation +berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen +gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit +freut sich der Ruhe und Ordnung. + +"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die +Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich +versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes, +Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die +Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen +versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten +Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid +geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal +gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen. +Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich +gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch +Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu +zerstören. + +"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu +citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht +scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der +Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen, +keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir +wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am +Hute tragen.'" + +Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig +unter den Augenlidern. + +"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in +Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer +Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren +zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen +wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat +man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde." + +Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach +mit ruhigem Lächeln: + +"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich +treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie +mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben +keine Gefahr bringen." + +"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut +und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich +erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden, +sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese +Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was +man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man +ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man +weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie +das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger +Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand +der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift." + +"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber," +fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten +Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?" + +Clément Duvernois schwieg einen Augenblick. + +Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete, +dunkelglühende Auge zum Kaiser auf. + +"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich, +Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner +Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen +nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten +undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch +über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge +faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung +geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm +aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der +aber--" + +"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit +gespannter Erwartung aufblickend. + +"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des +Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern +Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch +untergraben." + +"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich +daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines +persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und +sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten +und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt +werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die +persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der +Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich +ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige +rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser." + +"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne +ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre +Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, +würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät +bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen +Händen lägen." + +Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ +den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton: + +"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die +treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken +kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, +welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie +sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, +eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des +Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe." + +Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen. + +"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen, +Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den +Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen +habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes +besitzen?" + +"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes +und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer +Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir +Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu +sprechen. + +"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur +von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache, +daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem +Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des +Orleanismus--" + +"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet +mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?" + +"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf +Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber, +Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille +angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben +und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der +constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer +Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens +setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen +Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet +sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration. +Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät +Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die +Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des +französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen +befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des +Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen +zieht. + +"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen +Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's +wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips +als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen +ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der +Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her +ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es +kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den +Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein +dastehen werden. + +"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der +Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen +Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich +befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von +Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit, +das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern." + +Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht. + +"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin +gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie +verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren +schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer +eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?" + +"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die +Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen +sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche +Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf +gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine +Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel +des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an +den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe +reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten +Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen." + +Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster +vor sich nieder. + +Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so +brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner +Seele lesen. + +"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung +geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den +Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner +Freunde zu legen?" + +"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach. +Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung +eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem +Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden +neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu +kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird. + +"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß +in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in +Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den +Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen +und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der +Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk +giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten +besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige +Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu +überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren +hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze +Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle +Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche +Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome +zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem +Boden des realen Volkslebens loszulösen. + +"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort, +während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das +Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist +Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf +den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der +orleanistischen Agitation. + +"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich +fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer +Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen +Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die +Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen +wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen, +ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste +und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen +Dynastie sind." + +"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren +Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie +bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie +glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden +können. + +"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht, +welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin, +Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene +Fragen lösen zu können glauben." + +"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine +Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise +Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation +beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während +der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit +zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt +des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die +parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt +worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen +Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich +befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie +ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst. + +"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des +Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und +durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein +solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das +ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer +Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen +mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel +parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin +ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, +verschwinden." + +Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit +und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. + +"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie +haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe +neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für +den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie +allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage +meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat +und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. +Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu, +"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben +Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten +und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die +Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten. + +"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des +Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und +den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen." + +"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so +wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; +diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich +unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt +bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten +wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, +werden verschwinden. + +"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn," +fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre +alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der +richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen +erstehen werden." + +Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin +und sprach: + +"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick +überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung +und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die +Wahrheit gesagt. + +"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über +einen Punkt Ihre Meinung hören. + +"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das +nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die +Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief +verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht +Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer +Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des +großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von +Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden +kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen +Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen +Frankreichs wieder herzustellen." + +"Man räth Eurer Majestät," fiel Clément Duvernois ein, "ganz einfach den +Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in +seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne +Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht +Europa's sich vollziehen können; man räth," fuhr er mit erhöhter Stimme +fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun, +was Sie--verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire--unmittelbar nach der +Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen." + +Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme: + +"Und was meinen Sie zu diesem Rath?" + +"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer +Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber +nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer +Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde +aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich +freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen +Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß +ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende +preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in +den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--" + +"Aber?" fragte der Kaiser gespannt. + +"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure +Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit +der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren +Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu +können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und +die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf +bestimmen zu können? + +"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann +ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht +besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage +beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht +vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so +geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte +Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu +versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche +abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein +unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in +Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde +des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln." + +"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim, +vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen +Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick +besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber +kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die +Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber +gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst +sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee +übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den +Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit +ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber +ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das +Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va +banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren +kann. + +"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte +über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die +französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und +Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König +Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens +geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in +diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun +haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa +Franca möglich sein." + +"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben +gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste +Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel +des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen +bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und +für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der +gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem +Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges +sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie +langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor, +denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste +geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder +später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch +das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann." + +Der Kaiser stand auf. + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in +diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich +diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer +so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden. + +"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er +Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher +treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden." + +Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck +stolzer Befriedigung: + +"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden, +meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze +Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören." + +Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief +vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und +verließ das Cabinet. + +"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er +hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich +darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und +zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in +mir fühle." + +Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief: + +"Ihre Majestät die Kaiserin!" + +Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen. + + + + +Drittes Capitel. + + +Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes +in das Cabinet. + +Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer +edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden. +Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar +zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre +großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer. + +Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und +reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung +ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an +seine Lippen führte. + +"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der +Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und +schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum +können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr +Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat +unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses +unruhigen Frankreichs." + +"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie +sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie +wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich +gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter +fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem +Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, +den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere +Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der +Stadt stattgefunden? + +"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise +vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer +gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den +Haß gegen die Regierung zu schüren." + +"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen +stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung +gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten." + +"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht +erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung +vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen. + +"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn +einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten +Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu +spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr +bedenkliche Aufregung." + +Der Kaiser lächelte. + +"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir +die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint +bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man +kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu +lassen. + +"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, +"den genauen Bericht." + +Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines +Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr +Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem +Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn +zurückgestrichenem Haar in das Cabinet. + +Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem +Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede +des Kaisers erwartend. + +"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und +der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon. + +"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht +ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles +beendet." + +"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich +neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte. + +"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der +Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das +dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am +Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die +Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten +gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig +zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um +nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des +Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu +heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das +Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung +und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue +Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu +Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden +einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville +abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in +der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen +vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der +Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum +Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort +vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der +Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen +ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die +Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen +sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles +beendet." + +"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst +den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern, +wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen +Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine +solche Bewegung annehmen kann." + +Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf. + +"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung +Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am +Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner +Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine +große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige +Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an +Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach +meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?" + +Pietri verneigte sich. + +"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, +"daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem +Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch +diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht. +Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich +geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man +sich nicht darum gekümmert hätte." + +"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit +flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der +Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es +wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz +zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll +man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die +Macht der kaiserlichen Regierung glauben? + +"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen +Glauben zu verlieren." + +Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri: + +"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen +zu lassen." + +Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung. + +"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin. +"Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine +Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen +geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen +und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan +wird." + +"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie +vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist +doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben." + +"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen +noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem +man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns +dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme +Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem +Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester +und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser +Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--" + +--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über +seinen Knebelbart streichend. + +"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz +Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde +erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr +persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von +Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende +preußische Macht." + +Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er +zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte: + +"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit +einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich +verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de +but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären +könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische +Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher +ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."-- + +"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten +Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt +haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel +gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere +Armee für vollkommen schlagfertig--" + +"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser +ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die +Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."-- + +"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter, +ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe +ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie +Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die +Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr +Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen +und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich +werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte +Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur +eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von +1866 wieder zu zertrümmern." + +"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?" +fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den +Beistand, den wir dort finden können." + +"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter, +"ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die +genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle +jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit +Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen." + +Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke +in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig +ansah. + +"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der +Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten +Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt +das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. +Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem +vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des +Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt +nicht der geeignete Augenblick." + +"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren +Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt +sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus +den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"-- + +"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren +Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den +Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und +seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete +Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie +Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu +machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren +Lebensbedingung der Friede quand même ist?"-- + +"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister? +Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben +sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen +von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen +Frankreichs erfüllen müssen. + +"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von +unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche +Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn +nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen, +und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch +ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist." + +"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an +seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat, +eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, +um Frankreich mit sich fortzureißen?" + +"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer +zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein +und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir +im Sinne liegt--" + +Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber. + +"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung, +daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut +machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont +kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen +Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen +können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und +unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, +da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist. +Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie +Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird +sich von selbst machen." + +"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick +vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen +Sie mich darüber nachdenken--" + +"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu +lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend, +indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen +Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur +um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft +unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee, +diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst +die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über +die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das +militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist +der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen +Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen. + +"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen +Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich +verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem +ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern, +kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu +machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen +haben." + +Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner +Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches, +goldschimmerndes Haar.-- + +"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine +alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie +mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben +Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht +erlöschen wird." + +Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige +Augenblicke schweigend neben ihm stehen. + +"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die +Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt +habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen +Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß +ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe." + +"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß +die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es +mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern +lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen." + +Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf +die Stirn. + +"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es +scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, +langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der +eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den +Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm +Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und +seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch +Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und +ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der +Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der +Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen, +das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den +Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen? +Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand +zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?-- + +"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich +die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht +ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er +seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll +wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen +Händen liegen.-- + +"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse +Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken, +"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es +versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich +weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin +kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des +Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend." + +Er bewegte die Glocke. + +"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden +Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé +da?" + +"Der General wartet im Vorzimmer." + +"Führen Sie ihn herein!" + +Der Kammerdiener öffnete die Thür. + +Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein. + +Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug +reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des +Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem +schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges. + +Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in +seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig +nieder. + +General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran +und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der +Tuilerien. + +Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche +gekommen war, befahl er langsam zu fahren. + +Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen +Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während +die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden +blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen +Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die +sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten +die Herandrängenden zurückweisen. + +"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich +den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte. + +Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit +lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß. + +Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des +kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut +schallendem Ton: + +"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den +Meuterern!" + +Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards. + +Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von +einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der +Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend. + +"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle +diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit +einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen +mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß +diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er +sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen." + +Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen. + +"Nach Belleville!" rief Napoleon. + +Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze +versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!" +aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden +Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden. + +"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem +unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre? +Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit +etwas ängstlicher Miene hinzu. + +"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser, +stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt +machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß +ich mich noch als seinen Herrn fühle." + +Man war in Belleville angekommen. + +Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis +zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. +Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen +meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage +nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit +verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit +dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles +verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein +Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören. + +Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen +genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht +von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu +räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen +Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden. + +Der Kaiser ließ halten. + +An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene +düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten +glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden +Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte +den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an +den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der +nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster +hinschweifen. + +Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben. +Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete +ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor +sich hin. + +"Vorwärts!" befahl Napoleon. + +Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch +nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden. + +Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend +eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme. + +"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich +vor dem Richterstuhl der Geschichte!" + +Der Kaiser zuckte zusammen. + +"Halt!" rief er. + +Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den +Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr +und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so +schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick +seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen. + +Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite +hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen. + +"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und +ruhig. + +Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die +Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an +der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu +fahren. + +Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern +Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An +der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé +seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde +an. + +Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten +dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens. + +"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser. + +"Zu Befehl, Sire." + +Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch +das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an +dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das +Innere des Hotels führte. + +In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere +langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator +und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt +war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein +kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck +und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten +noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, +grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken +Augenbrauen hervor. + +Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser +und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme: + +"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am +Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so +vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu +eilen." + +"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte +der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser +ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß +ich wohl zu Ihnen kommen." + +Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten. + +Sie traten in den großen Empfangssalon. + +"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät +zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt." + +"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. +Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen +plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten." + +Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines +Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von +dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze +Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen +Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, +Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön +gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer. + +Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd +zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder. + +Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete +schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in +sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte. + +"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon +endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den +Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist +ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er +halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen +und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus +diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und +mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange +der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in +dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als +bei Ihnen." + +Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts +zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige +Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine +Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen. + +"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit +überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und +begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den +Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von +Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung +der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen +Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten, +auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten." + +Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt. + +"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch +heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät +Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick +unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der +Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich +militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die +französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare +Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der +Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat." + +"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von +den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten +konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich +damals Unrecht gehabt."-- + +"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte +Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil +Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät +wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, +die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich +damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen +Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und +mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen." + +"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon, +"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren +Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines +der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief +seufzend--"denn ich habe viel verloren." + +"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf +denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, +und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und +Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält, +sagen, als es Ihr Minister gethan hat." + +"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die +Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler +machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht +verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu +Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an +mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath +zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich +laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie +dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen," +fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des +Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene +Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die +Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht +verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen +Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß +die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem +geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich +den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen +und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals +garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen, +bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie +man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem +Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während +der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es +zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee +sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die +Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. +Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann +aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von +erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die +europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, +und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische +Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber +Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle +Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden, +jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir +entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall +mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?" + +Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, +dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck +lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und +langsam, jedes Wort scharf betonend: + +"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche +nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort, +"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht +hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, +der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig +befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute +oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich +zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen +darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell +anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet +später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit. +Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine +Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem +Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum +Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg +von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager +Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen +Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur +die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über +den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein +Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den +man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des +Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine +einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.-- + +"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und +verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem +sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht +früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise +reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs +sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es +sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich +ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem +Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich +selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache +Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg +Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage +so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit +gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner +Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann +Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als +Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen +Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche +Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner +Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir +noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich +mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter +Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein +Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur +geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen." + +"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen +Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns +Hülfe und Beistand." + +"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß +man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug +wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin +liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich +um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart +statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und +frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken +Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in +welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese +ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden +Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem +Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen +ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland +wieder aufzunehmen." + +"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß +Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen +und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der +Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche +Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich +betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas +Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert." + +"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und +kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte +Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. +Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, +nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder +verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre +vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben +irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen +Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?" + +"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, +"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz +Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche +Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer +activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, +"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben +aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer +deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde, +in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu +finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland +eingewilligt hat." + +Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de +L'huys' ernste Züge. + +"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in +der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der +vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne +Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen +das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große +Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire," +rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich +in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke +Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen +Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und +bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß +sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich +kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die +Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber +niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste +entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich +eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance +allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene +preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den +Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, +auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung +Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß +auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung +die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus +bietet." + +"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst +zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen +tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik +nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten +und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf +die alte Höhe zurückführen soll?" + +"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer +Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in +diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen +Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die +Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich +muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge +jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die +bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen +kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen +Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das +Aeußerste zu wagen." + +"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in +der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner +militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg +will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der +Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer +Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den +Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse +ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der +großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz +Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen +gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der +Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen +ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie +aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der +Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät +meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das +Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf +lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise +Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem +Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen, +würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde +Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen +Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache +betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf +einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, +ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines +Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste +Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches +Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des +Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen +Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes +preisgegeben sehen." + +Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem +Schnurrbart. + +"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer +Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er. + +"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem +Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein," +sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne +Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch +Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können." + +Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender +Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann +beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm +die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme. + +"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich +im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit +gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde +geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's +Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden +müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in +welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er +nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den +kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien +Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es +will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen +werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen, +daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt +Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe +hervorgerufen." + +"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler +gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach +meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen +befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen +Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche +Folgen gehabt hat." + +"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend +und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend. + +"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen +einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen, +welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der +niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und +links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung +in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er +fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen +immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch +Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor +Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der +freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es +auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder +gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu +lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das +öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher +nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube +ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu +inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben +wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu, +"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln +durch ihn durchführen zu lassen." + +Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört. + +"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch +darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht, +betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um +dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu +stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der +Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht. + +"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne +Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu +lassen--" + +"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar +Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr +folgen." + +"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den +neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit +auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten +Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit +einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben +herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen +Lebens geworden ist." + +Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge +des Kaisers. + +"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr +Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?" + +"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend +fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr +als an Daru und Buffet." + +Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf. + +"Und Ollivier?" fragte er dann. + +"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die +ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen +Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die +Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und +festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer +Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, +den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen +anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel +erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen +Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so +ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und +ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner +Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere +und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so +unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, +wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an +eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen +militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des +Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte." + +Der Kaiser erhob sich. + +"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre +Unterstützung nicht fehlen wird." + +"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick +bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich +nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie +dieselben acceptiren, auszuführen." + +"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich +verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an +guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys +meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht +derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um +meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur +Ausführung zu bringen." + +Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg +mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den +Tuilerien zurück. + + + + +Viertes Capitel. + + +In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße +saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten +Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren +in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe +Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde. + +Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck +seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle +Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende +graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt, +und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas +zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den +preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten +scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade +aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus +der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand +hielt. + +Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit +einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen +hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen +Vermögen und seiner Pension lebte. + +Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer +Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des +Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus +zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz +bewegte. + +Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige +Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme +Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung +verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, +wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war +fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne +Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er +sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ +Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich +wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob +seine Gedanken anderswo weilten. + +Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte +leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne +desselben. + +"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit +einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies +Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die +Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend +hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner +Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein +Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir +überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit +der Zeit zu steif und schwerfällig geworden." + +"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der +Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, +wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann +kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die +Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken." + +"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt. +"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich +nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner +Wirthschaft entziehst." + +"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von +Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich +in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem +Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann +gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald +zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle +bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es +sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine +angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht +die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen." + +"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas +wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen +kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich +hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren +Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche +Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein +Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. +Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben +geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß +unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der +Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge +hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den +Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen +dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß +den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf +demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist." + +"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck +phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht +einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst +nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und +einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen +verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte +er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu +können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat." + +"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend, +"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das +Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung +und Entbehrung gebracht hat?" + +"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen +nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines +Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im +militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette +für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den +entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für +alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt +hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den +fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte +anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese +Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein +alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch +mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt +und gearbeitet hast." + +"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den +Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige +Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum +Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt. +Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich +haben möge." + +"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem +leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja +in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in +den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der +andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle +Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum +Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu, +"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen +vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen +auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit +bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die +Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen, +brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd +hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten." + +Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb +verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber. + +"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen +Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf +Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter +Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung +eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und +in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende +Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast +nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir +gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich +nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit +dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen. +Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet +werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie +werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein +können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine +Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine +Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe." + +"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von +Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde +hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt +beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den +ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will, +so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen. +Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe +geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz +nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit +gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an +seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir +zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer +Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden +Besitzes zu erhalten im Stande ist." + +Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf. + +"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht +allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast +der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen +erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden +zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen +mußten." + +"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow +lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine +Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte +nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich +besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen +haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz +den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow +führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn +ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz +sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben, +ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen +entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten +muß?" + +"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant. +"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals +mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen." + +Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der +Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer +starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm +geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren +früherer großer Schönheit zeigte. + +Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas +altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem +breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter +Hauslivree das Theegeschirr aufstellte. + +"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es +wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn +Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem +leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht +großartiges Fest zu geben." + +"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem +Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist +immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen +ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause +geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich +nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich +zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen +heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet." + +"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen +Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung +der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu +nehmen." + +"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar +recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu +nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien +zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise +verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf +ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu +viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich +will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen," +fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof +macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn +Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr +gut erzogen und sehr fein gebildet." + +"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn +nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf +setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte." + +"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines +Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr +Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er +wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der +Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den +einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch +Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht +arrangiren lassen." + +"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der +Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch +wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine +Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf +meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes +Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter +zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die +Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes +Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen +Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu +würde ich niemals meine Zustimmung geben." + +"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd, +indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie +sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als +er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit +dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht +in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier +zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance +sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute +hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des +Fräulein Cohnheim." + +"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich +amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte +Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen +habe, vollkommen mit mir theilt." + +Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu +der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die +Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu +behandeln. + +Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern +vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der +schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der +Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das +dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören. + +Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der +Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch +nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet +waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die +Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der +ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den +Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den +Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst +beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der +Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große +Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch +guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines +Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des +wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben +zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher +nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in +den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und +einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen. + +Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte +Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa +fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig +über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar +leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen +Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas +aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden +Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um +seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus +gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl +zusammengesetzt war. + +Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte +von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine +strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige +große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er +sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich +ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen +Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren +Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine +goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur +Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte. + +Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon +seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit +ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des +Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen. + +Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit +ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden +jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte. +Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren +Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der +Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr, +und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen +öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem +mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln. + +In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand +ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr. +Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von +zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen +übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen +geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That +waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste +Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer +jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man +gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit +findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen +eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht +des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie +von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen +blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten +feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches +Lächeln. + +Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen +Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken, +steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen +im Knopfloch. + +Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die +Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe, +indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen +gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der +Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge +doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden +Damen erhebe. + +Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der +Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden +jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends +feststellten. + +Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang +seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit +die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau +abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte +er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit +einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl +seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen +Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang +der Neueintretenden zurückzuwenden. + +Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt, +deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer +Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt; +mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch +vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel +die Hand. + +Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge +Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften +zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er +diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat +und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche +Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde. + +Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen +präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen, +welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen +läßt erfüllte die Räume. + +Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen +geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging +rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten. + +Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der +Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben +Hauses am Theetisch seines Freundes saß. + +Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem +Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und +anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das +wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben +lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas +gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In +seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene +Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm +berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und +höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und +leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths +mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein +hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre +gebe, als empfange. + +In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien, +durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt +zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld. + +Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest +und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf +geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und +Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende +Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest +zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder +Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus +ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in +einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen. + +Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem +jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher +Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte. + +"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr +Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es +verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu, +indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck +zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen." + +"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit +leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg +nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht +haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine +Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen." + +"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie +gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir +sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann +nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die +Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch +einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter +klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu +der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld +weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den +Tanzsaal eintrat. + +Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter +gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen +begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu +ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten. + +Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte +von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche +sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von +Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte +Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen +Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche +sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die +Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem +Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow +schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal, +indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer, +in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand. + +Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter +Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des +Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim. + +"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er. +"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß +Sie noch einen Tanz für mich frei haben?" + +"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die +Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die +Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze +sind besetzt." + +"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während +er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht +verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich +übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung +gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu +reserviren." + +Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter. + +"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den +Cotillon angenommen." + +"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese +glückliche Ueberraschung gemacht haben?" + +"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst +und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen +Officier hinüberflog. + +Dieser trat rasch heran und sprach: + +"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie +mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?" + +"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit +freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr +sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim +Cotillon notirt." + +Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant +von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und +wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow +mit leichter Verbeugung zurücktrat. + +Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare +traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die +junge Dame in die Reihen. + +Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen +Augenblick neben einander stehen. + +"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem +sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir, +nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten, +und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen, +was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist +sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die +commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble +Partie." + +Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe +stehende Paare. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow +flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick +seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den +anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an +ihm vorbeischwebte. + +Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die +ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den +unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in +mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare +ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren +Herren. + +Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen +Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und +gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche +ihm aufmerksam zuhörten. + +"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag +mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und +Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber +es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der +Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir +jetzt weiter entfernt als je vorher." + +"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer +Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit +verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene +eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche +ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet. +"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen +Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in +der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem +mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene +deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders +begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften +Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende +Berichte." + +"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath," +erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn +gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane +katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den +Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich +hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering +anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit +gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit +denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen +Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr +deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische +bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß +auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht." + +"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die +ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur +deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen. +Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse +haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht +schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen +katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich +im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen." + +"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine +vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des +Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen +es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt +voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber +in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden +müssen." + +"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man +dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So +viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für +unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder +menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in +Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche +Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken +auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen." + +"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der +Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der +Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen, +wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort, +"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste +Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns +nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will, +daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer +deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist +es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt +wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem +Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht, +mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche +Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen +lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher +Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein +italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch +seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in +welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen +Deutschland sehr wenig genehm sein möchten." + +"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich +glaube, wir können es ruhig abwarten." + +"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab, +sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict +entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so +dürsten die Consequenzen sehr fatal werden." + +"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor +Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt +gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe +Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen +Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und +ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit +solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der +Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man +zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen +Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich +durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische +Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die +Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat +die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das +von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick +müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen +die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen, +und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze +Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom +herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem +Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit +energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten +Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche +Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt +hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich, +wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder +den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe +jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe +kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer +sein, sie wieder von Rom zu trennen." + +"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender +Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir +haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten +und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten +Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht." + +"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist +noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung +des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem +Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct +ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder +Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein." + +Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis. + +"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im +Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten +Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im +letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden +ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor +Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu, +"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine +gute Cigarre erschwingen können." + +"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der +Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen, +die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten +können." + +"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der +Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!" + +Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich +ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für +die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das +Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen. + +"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem +Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins +der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron +von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in +Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große +Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große +Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit, +ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich +glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich +dabei zu betheiligen." + +Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke +des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres +und eingehenderes Gespräch. + +Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten +feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt +tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die +Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden +des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und +theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor +ihnen. + +Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach +mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die +Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig +sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte. + +Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des +Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast +traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur +zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter +des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem +Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah. + +Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt +nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin- +und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine +Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder +einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas +besonders empfohlenen Weins zu serviren. + +Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger +Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden +Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht, +sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen +Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine +Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden. + +Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum +Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und +begaben sich in den Tanzsalon. + +Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des +Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der +Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung +die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter +einer Decoration von grünen Gewächsen standen. + +Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann. + +"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld," +sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt +Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim +Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die +Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend +Etwas übel genommen?" + +"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick +tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die +leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen +ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin +verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft +traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein." + +"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig +zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit +sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte +übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig +machen könnte." + +"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest +und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger +machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem +fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich +von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele +Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz +eingezogen wären." + +Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige +Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder +hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit +einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme. + +"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen? +Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung +sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil +werden kann." + +Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes. + +"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter +Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--" +fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner +Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben." + +Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an. + +"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es +muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn +die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe +Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei +und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?" + +Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog +durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie +dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein +rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte +mit herzlichem Ton: + +"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?" + +"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend, +"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele +Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes +Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen +bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger +mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt +habe." + +"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht +schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene +Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?" + +Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen +Blick und verstand die stumme Frage. + +"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück, +wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--" + +Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn. + +Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen +Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich +wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort: + +--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft +unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als +begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine +Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen +mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der +Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das +ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem +brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für +mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann +ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den +unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu +erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine +zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde +vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern +Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und +Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, +während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum +ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen +los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach +er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich +machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der +unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären." + +Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr +Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit +legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich +ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser +Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend. + +"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich +kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast +befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies +gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht +allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen, +so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen +nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen +Glanz verloren haben." + +"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche +Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber +mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht +möglich." + +"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir +nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen," +fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben +umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem +Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind +wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe +abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen." + +Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen +mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an. + +"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter +Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie +einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine +Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr +er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung +nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes." + +"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen +_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens +_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im +Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die +untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem +Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar +weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich +Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?" + +"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige +Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf +hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken +darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen +fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben +Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er," +sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons +benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?" + +"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher +Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben +würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?" + +Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit +reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren +vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem +Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren +Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die +Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer +Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons +hinblickten. + +Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen, +trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen +und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses. + +Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach +der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die +tanzenden Paare verfolgt hatte: + +"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um +Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so +unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise +fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten, +welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen +den Vergleich nicht aushalten kann." + +Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte +sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das +kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte. + +"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen +gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu +benutzen, um Ihnen Freude zu machen." + +Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine +Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den +folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte +Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges +Gespräch nicht mehr möglich war. + +Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein +Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen +waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen +Druck ihrer Hand zurück. + +Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und +indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter +Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die +seinigen tauchten. + +"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld. +Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte +Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie +nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige +Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe +ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht +ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist +Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man +einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der +Zukunft zu haben." + +Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter +angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig +zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe +Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ. + +Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt +sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und +als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich +bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu: + +"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig +gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen," +fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron, +wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren." + +Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner +Frau und zu seiner Tochter. + +"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend, +"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er +vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von +Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr +gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause +zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt +werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu. + +"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die +schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife +nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um +ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist, +mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im +zerstreuten Ton. + +"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte +ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in +demselben Ton hinzu. + +"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du +hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu +tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung +und unsere Beziehungen nimmst." + +Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie +Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren +Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück. + +Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener +Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen +hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die +verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in +den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten. + + + + +Fünftes Capitel. + + +Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam +und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien +auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und +ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken +Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein +bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen +schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur +das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen +Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher. + +Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand +und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche +Schrift welche das Papier bedeckte. + +"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen +bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher +einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit +fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich +dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort, +"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten +mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens, +und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, +überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten +zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu +erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der +unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich +bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies +arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen +kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde +zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu, +"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere +Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und +selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte +desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die +Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände +Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in +Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern, +würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in +Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus +den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren +Factoren treiben dort ihr Spiel-- + +--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt, +durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im +Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche +seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der +unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen +Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen +können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der +politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre +Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie +können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen +vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken." + +Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den +einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand. + +"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und +Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die +Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam +sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen +Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben +würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen +mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage +für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht +glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln, +mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da +fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und +will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines +Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's +Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles +das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866 +noch übrig geblieben ist." + +Er blickte abermals auf den Bericht. + +"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische +Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse +eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte +Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die +Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun +einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist. +Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte +Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt +werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was +bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in +Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich +unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das +italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt +dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine +Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders +gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich +sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--" + +"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und +gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht +zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es +in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine +innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des +Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer +militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende +meines Werkes sein." + +Er warf den Bericht auf den Tisch. + +"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe +es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu +stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des +Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt +wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn +niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder +Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man +aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde, +dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die +achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen." + +Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag, +durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die +Schlußworte: + +"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der +Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die +Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn +in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer +Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische +Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen +und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph +das Band der Unterthanentreue annehmen würde." + +"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand +stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen +für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und +unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den +König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den +Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des +Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen, +was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich +pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der +Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des +Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem +solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische +Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in +welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die +Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige +Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser +Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern +Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals +werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen +österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat. +Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle +meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten. + +"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick +fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig +ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich +geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste +Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es +versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte +hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu +erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber +von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden +so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die +unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte." + +Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen. + +Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den +Sectionschef, Baron Hoffmann. + +Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf. + +Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des +Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm +verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen +Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des +Reichskanzlers Platz. + +Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen +Schreibtisch gelegt und sagte. + +"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der +unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die +äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die +Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich, +Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er +fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich +lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für +unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, +wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch +für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte +doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde, +dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche +ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg +versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst +Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr +formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst +muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es +dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter +Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein, +zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie +weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden +Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor +Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm +persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte." + +"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive +Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen +Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß +man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht +hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man +nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen +Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die +Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen +Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das +italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer +europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen +wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie +ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des +Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge +geschehen ist." + +"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen +Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer +freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen, +niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft +Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und +Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne +des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen +österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem +Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber +acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran +denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel +passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des +Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also +noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen +mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit +unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt +werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und +auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er +ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter +Umständen viel schaden." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. + +"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen." + +Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort. + +"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher +sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München +berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf +Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König +Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel +befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der +großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die +Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich +versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen +berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll +Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung +des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und +von Thüngen lebhaft besprochen haben." + +"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf +die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas +Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn +in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der +mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums +Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.-- + +"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so +vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte +Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, +im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines +Vertrauens giebt." + +Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern +Unmuths. + +"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in +den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall +fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt +man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der +äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont +verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder +hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht +verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein +persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam +aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in +Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des +offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung, +mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er +fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann, +aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist +er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort, +"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die +Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste +verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade +in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu +verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des +Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig +entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin +aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die +Arme treiben. + +"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen +eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über +denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung +auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.-- + +"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere +Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist, +demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu +sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein +Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen +Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne +politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile +bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu +verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz +von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache +eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen +gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine +königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen +Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe +dispensirt.-- + +"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter, +"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist +nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die +Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in +intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition +sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter +Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf +Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen +darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder +gut zu machen-- + +"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das +Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter +darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München +nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof +klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit +beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die +Entwickelung des Staatslebens zu brechen." + +Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont. + +Graf Beust erhob sich. + +"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er. +"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen, +nachdem ich mit Grammont gesprochen habe." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet +verlassen, trat der französische Botschafter ein. + +Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines, +fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm +gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts +gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit +und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen +ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der +ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem +Schreibtisch nieder. + +"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich +Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen +Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls +den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner +Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings +schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder +vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit +welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und +ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und +geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht." + +"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit +leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, +die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß +von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen +Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne +Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, +welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben +gerufen hat." + +Herr von Beust schwieg einen Augenblick. + +"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog +grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr +persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um +dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form +zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine +Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm +gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz +gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint +als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie +wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien +wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische +Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich +gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen +Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu +sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können, +dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser +zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht +hat." + +Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und +freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn +gerichteten Blick des Grafen Beust aus. + +"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über +die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach +angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die +Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, +soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die +Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action +Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber +gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da +in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die +Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im +Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth +erscheinen möchten." + +Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und +spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der +Decke des Schreibtisches. + +"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen +Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber +eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen +Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber +geworden." + +"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche +zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen +Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß +eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit +bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch +direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen, +die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher +ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir +eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende +Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine +solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden +Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls +glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche +Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen +Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."-- + +"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf +Beust rasch und bestimmt. + +"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte +der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über +die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer +Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht +berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich +selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich +auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains +über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube." + +Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine +Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller +Aufmerksamkeit auf den Herzog. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in +Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine +energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen +läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige +Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind +wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und +Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen +sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin +übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied +für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen +Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend +zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für +mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen +großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer +solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, +dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem +italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die +vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin +würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das +italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, +wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen +Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch +unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, +Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche +man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches +_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem +Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob +das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere +ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen +der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend +erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde +dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer +erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln +sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und +durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach +anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse +wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie +sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie +ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch +Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den +eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des +Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht +unterlassen könnte." + +"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem +beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris +discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre +Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich +kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, +"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein +würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man +sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, +klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und +nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich +meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem +Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen +Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht +anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise +zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die +Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der +Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist +ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten +täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind +schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in +Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten +wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen +schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns +Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--" + +"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die +Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen +Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat +bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active +militairische Hülfe verspricht." + +"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er +eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn +ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick +wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer +eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch +nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens +einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche +Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall, +daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict +siegreich hervorgehen sollte--" + +"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton +eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart +emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit +Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine +solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben." + +"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance +kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem +Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das +Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik +muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen +bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion +führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten +noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben +Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe, +eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem +Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer +Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?" + +Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe +und bestimmte Frage. + +"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch +erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch +die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer +bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser +hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue +französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im +Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche +und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien +Volkswillens erhalten haben werden--" + +Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, +dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen +Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit +welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte. + +"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die +Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs +wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die +Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne +Frankreichs Genehmigung zu lenken." + +"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und +völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe +nicht ein--" + +"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich +verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich +begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten +Kriegsfall zu finden--" + +"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also +Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?" + +"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier +natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste +Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das +deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme, +uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am +sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus +deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, +welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der +süddeutschen Staaten einzutreten." + +"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den +leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war, +vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem +Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere +persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren +oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen +könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen +auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer +maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf +absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens +zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren +Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals, +so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer +Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die +Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie +vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, +sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten +nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu +erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit +größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation +blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt +habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen +mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen +Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es +läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf +solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich +trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die +Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität +zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im +_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung +liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben +scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der +gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen +Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals +die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von +ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der +Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus +irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. +Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative +übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für +meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche +natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse +Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel +über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten +erscheint." + +"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in +dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser +beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche +Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich +die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie +dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik +dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte, +daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung +könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt +haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den +politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz +unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu +trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden." + +"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die +Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich +sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr +er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann +möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten +sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung +bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt +würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er +im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in +diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle +aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte." + +Der Herzog erhob sich. + +"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der +König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris +gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig +bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große +Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen +persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem +bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon +ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch +die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun, +immer schwieriger zu machen." + +"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß +diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe +werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen +Charakter zu nehmen." + +"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen +Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns +nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von +1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen, +wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland +zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich +auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action +entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz +ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen +Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen +Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden +werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, +indem er ihm die Hand zum Abschied drückte. + +Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann +nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück. + +"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden, +schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut. +Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich +darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je +unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte +für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, +"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf +eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den +Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen." + +Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth. + +Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf. + +"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich +halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem +Besinnen. + +Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. +Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe +weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen +abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der +großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte +zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten +dunklen Ueberrocks noch höher erschienen. + +Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener +europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich +doch ein wenig abwehrende Kälte mischte. + +"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn +Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich +glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht," +fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des +Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß +nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier +Rücksichten zu nehmen sind--" + +"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick +herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch +habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen, +was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören +wollen." + +"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf +Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von +besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben." + +"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die +Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem +Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen +Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge +ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von +1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man +meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will." + +Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath. + +"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was +hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von +unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese +eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation +des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen +ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt +und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich +unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der +Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird +auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr, +kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen +Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der +kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das +unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große +Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der +politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit +so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem +Willen so richtig und exact spielte!" + +"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes +ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir +müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu +behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz +persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf +betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch +auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie +nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt +hat." + +Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des +Staatsraths. + +"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich +beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich +nicht theile." + +"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste +Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung, +wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da +doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die +auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des +Kaisers abhängt." + +"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die +auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig. +Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen +fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen +andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um +das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den +Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für +die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten +fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton, +"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht +zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise +ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen +Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort +die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende +Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner +Schwäche kämpft." + +"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit +dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie +wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen +werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den +äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen +Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der +persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können. +Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die +Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--" + +"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist +ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das +Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten." + +"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und +den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"-- + +"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper +angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der +Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend +auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche +Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über +allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung +als Spielwerk hinwirft." + +"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine +beschlossene Sache ist?" + +"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß +ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache +vollkommen gewiß bin." + +"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings +ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor +hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--" + +"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name, +den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät +der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem +Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal +dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_." + +"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin +wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen +ausführen wollen?" + +"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin, +Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß +und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr +Ollivier--" + +"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des +Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung +möglich." + +"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der +soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre +habe." + +Graf Beust neigte sinnend das Haupt. + +"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer +solchen Aufgabe gewachsen hält?" + +"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur +Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl +richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes +altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der +Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte +er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat." + +Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken +versunken. + +"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden, +welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs +auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In +Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu +bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"-- + +"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath +kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor, +deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man +demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird." + +Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an. + +"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen +Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des +Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt +und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches +Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick +ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee +suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle +Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits +den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und +erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame +gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum +Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee +zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein +Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde +ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien +sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder +sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien +ist." + +Graf Beust lachte. + +"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber +gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen +gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der +Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und +verschwinden." + +"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch +diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch +ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten +des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden +sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen." + +"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt. + +"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät +Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine +Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den +Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen +kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den +definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar +nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so +Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar +machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--" + +"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz," +warf Graf Beust ein. + +"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im +nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz +Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem +Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen +Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den +Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation +glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen +versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen +Kriegsfall haben." + +Herr von Beust lächelte abermals. + +"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte +Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie +Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß +ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die +Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn +ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die +Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare +Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die +Grenzen des Möglichen überschreiten." + +Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander, +richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit +scharfer Betonung: + +"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, +was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung +von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner +Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. +Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im +besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt +convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm +stellt." + +Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch +die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts +weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit. + +"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu +rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath +bitten?" + +"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener +Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch +des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie +in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage +mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche +Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich +auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet +seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige +Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle +Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und +Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich +sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath, +das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war +nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter +die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, +wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden +deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der +Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar +nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren +Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch +wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen +schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu +danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere +Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach +der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen +wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und +Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich +nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern +Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen +haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung +in die Ereignisse hineintreiben zu lassen." + +"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.-- + +"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um +einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester +Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen +und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings +unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder +hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa +beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches; +wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen +wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 +verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine +vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im +ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde. +Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich +mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. +Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen; +vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die +unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin +nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn +Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen +Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische +Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber +würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer +aufgegeben werden müssen." + +Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher +Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges. + +"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er. + +"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in +welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des +großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung +jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten +Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem +spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an +Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist +_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen," +fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der +Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort +seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. +Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit +der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten +preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird. +Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz +reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur +dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist +dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern +geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich +vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser +Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein +hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem +sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen +hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht +nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden." + +"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton. + +"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter +Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, +wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von +innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte, +dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig +nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen +Collegen." + +Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und +sprach: + +"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen +für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich +hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er +mit einem fragenden Blick hinzu. + +"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und +mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die +Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten." + +"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre +Beobachtungen weiter au courant zu halten." + +Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner +eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ. + +"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen +Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die +Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut +unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu +seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber +nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig +genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg +zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten +Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen +für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den +Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich +zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir +vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung +noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche +Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig +richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im +Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an +innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde +ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, +den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß +diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge +mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch +unüberlegtes Handeln gefährde." + +Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben +aufgehäuften Depeschen zu durchlesen. + + + + +Sechstes Capitel. + + +In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der +König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter +rother Decke überhangenen Tisch. + +Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und +rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze. + +Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem +Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die +Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm. + +Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter +geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn +auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein +alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die +scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als +sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht +einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war. + +Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit +pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem +Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde +und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen +Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr +einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle +Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen, +durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen +Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht +aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige +Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät. + +Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, +welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien, +und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor +sich hinblies. + +"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in +diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich +berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß--daß +Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu +geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und," +fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts +vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten." + +"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn +gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne +erscheint--und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd +hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige +von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von +ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das +Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen." + +"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner +rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben, +ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor +mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der +Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die +Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines +General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz +übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und +vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner +Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle +auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben +habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das +höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?" + +"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von +Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig +unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière +aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch, +wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten +finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte +sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem +Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie +nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man +dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen +Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man +aufklären müßte." + +"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend, +indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft +gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die +bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und +meiner Sache zu schaden." + +"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der +Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der +Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch +unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für +ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa," +fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen +und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden." + +"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die +Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal +gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders +sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher +berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach +kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,--ich will die ganze +Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und +die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung." + +"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es +dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose +Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?--Windthorst +hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten." + +"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation +zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines +Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht +habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit +zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen." + +Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms +in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu +Seiner Majestät Befehl. + +"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein +Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der +Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn +reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte. + +"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann +zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt +hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete. +Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den +sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters. + +Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten +des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des +verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten +Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung +wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine +Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas +langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war +sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und +abgespannt. + +Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte +die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der +großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem +Herrn. + +"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die +Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für +unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es +haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn +Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz +zwei Millionen Gulden davonkommen werden." + +Der König seufzte tief auf. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld +an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In +diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten +Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und +die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser +an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel +sind ja ohnehin schon beschränkt genug." + +"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen +Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf +Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr +er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser +unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche +bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr +dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so +schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt, +so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive +Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen, +Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade +oder Ungnade zu ergeben." + +"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein +Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere +damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie +verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der +letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären, +was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die +traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem +ungewissen Schicksal überlassen zu müssen." + +Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's +Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex. + +Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, +fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in +ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät +machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte +Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und +Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten +und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der +Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern +verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase +und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen, +war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines +Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich +seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die +liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte. + +Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer +trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine +auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich +zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen +Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine +kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug +von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille. + +Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu +demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann +setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der +Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm. + +"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den +Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln +auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der +Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen, +durchzuführen." + +"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich +zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen, +genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung +stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung +Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten +werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr +hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem +Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher +Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre +Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir +erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende +Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von +vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch +Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz +schaffen kann." + +"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den +Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß. + +"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den +Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu +schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach +verläßt." + +"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend +bemessen ist." + +"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für +Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das +freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich +herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich +nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung +der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig +entsprechenden Weise widersetzen." + +Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart. + +"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von +Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu +sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich +halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren +Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm +nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das +Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene +Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen +werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht +haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung +herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in +Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten." + +"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den +Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten +dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken +nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften +Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen +sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. +Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es +sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion +verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr +unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in +ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im +Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen." + +"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in +Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein +können. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von +der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht +gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze +Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die +Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je +weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns +wieder zur Last zu fallen." + +"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend. +"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen +Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem +habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der +Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen." + +"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher +Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine +Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber +nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April +Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer +Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von +Adelebsen dorthin zu senden, so--" + +Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit +schweigend nach. + +"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf +emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem +Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am +einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu +vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath +Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere +hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und +die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache +bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht +erklären kann, den man mir entgegensetzt." + +Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen +Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte: + +"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie +Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über +die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer +Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure +Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß +dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu +gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also +ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige +Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit +bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze +Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit +einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber, +"der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im +Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich +der Wille und Befehl Eurer Majestät sei." + +"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell. + +"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem +leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht +vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn +selbst anhörten." + +"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe," +rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach +einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor +Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die +Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von +mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben." + +Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne +indeß etwas zu sagen. + +"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die +Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten +Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch--" + +Ein Schlag an der Thür ertönte. + +"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme. + +Der Kammerdiener trat ein und sprach: + +"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß, +Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen." + +"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert. + +Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren, +etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten +Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe +und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich +in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene +eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu +gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät +und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf +den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah. + +Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern +hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im +Ton dienstlicher Meldung: + +"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind +von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer +sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz." + +Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter +freudiger Schimmer flog über seine Züge. + +"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er. + +"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und +welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch +hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß, +denselben Eurer Majestät mitzutheilen." + +"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz +und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten. + +"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren +letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei +Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu +betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen +der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten." + +"Ganz Recht," sagte der König. + +"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für +ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit +unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen +angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des +Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht +schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für +verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und +Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht +glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher +ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei, +von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts +unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift +auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants +von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken +vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen +Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere +Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen." + +Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er +biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals +den Athem aus seinen Lippen. + +Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf +die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder. + +"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die +Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine +königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten +Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen, +welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben +war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen +herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt +über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu +treten." + +"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst +unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren +Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben +abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich +gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer +Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders +nicht für gültig erkennen können." + +"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich +sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich +nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam +unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an +welcher sie keinen Zweifel werden hegen können." + +Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der +Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer. + +"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl +niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls +vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen +lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen +ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort +übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die +Auflösung der Legion durchzuführen." + +"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist +des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen +scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen. +Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant +von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger +bestimmen lassen." + +"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen. +Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort +meine weiteren Bestimmungen abwarten." + +Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das +Gesicht mit den Händen. + +"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath +mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in +Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu +tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen +wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der +französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät +auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung +desselben für immer aufgeben?" + +"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen +könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind, +und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer +solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen." + +"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht. +Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon +aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze, +ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt +hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich +durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals +aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes +Recht zu kämpfen." + +Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und +sagte: + +"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein." + +Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher +sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der +Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein. + +Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in +dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche +seine Brust bewegten. + +"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen +Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt, +dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und +nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück +theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir +wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe +verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die +Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und +opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich +gegen mich auflehnen!" + +Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein +edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten +sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches +ihn umgab. + +"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist, +den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine +Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht +hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von +Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden +an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem +Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die +mich hier mit Rath umgeben--" + +Er seufzte tief auf. + +"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche +den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen +ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel +nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene +Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie +von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst +ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen +ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht-- + +"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die +Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich +würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt." + +Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände +und blieb lange in tiefem Sinnen versunken. + +Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er +die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm +stand. Der Kammerdiener trat ein. + +"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch. + +"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem +Kronprinzen." + +"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen." + +Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf +Platen abermals in dem Cabinet des Königs. + +"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann. +Ist er hier? Ich will ihn sprechen." + +Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte +dann: + +"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen +Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten +erstattet." + +"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz. + +Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von +etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen +Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück. + +Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße, +sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes +Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige +Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag +jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen +Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch +seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann +in militairisch dienstlicher Haltung stehen. + +"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der +König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher +gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter +denselben vorgeht." + +Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit +dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem +er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte. + +"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren, +was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich, +noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind." + +"Und warum nicht," fragte der König kurz. + +"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach +Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich +commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten, +haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei, +für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine +neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre, +für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen. + +"Weiter," sprach der König. + +"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin +zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber +für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er +die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt +gehen. + +"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er +abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der +Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die +Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät +die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire +entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu +gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns +nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien +nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns +aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns +gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich +sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung +die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine +gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel +hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr +Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die +Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen +wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer +Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um +womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen." + +"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und +seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur +Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine +Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung +aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben +deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in +andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration +befindlichen Soldaten." + +"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst, +Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden +müssen, als die große Masse der Emigranten." + +"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche +eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden. +Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit +fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese +Verpflichtung erfüllen können?" + +"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister. + +"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät +versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer +Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein, +ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und +wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von +abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten." + +"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie +nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein +Unterkommen finden." + +"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel. + +"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb +leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß +in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er +abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die +Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine +Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß +im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen +dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde +gehen?" + +Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann +sprach er: + +"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt +worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe," +fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so +Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr +wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man +hat sich so Manches erzählt." + +Er schwieg abbrechend. + +"Was hat man sich erzählt?" fragte der König. + +"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer +Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte." + +"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?" + +"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und +fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand +da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter, +da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn +kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu +cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man +mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute +anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht +gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die +ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die +Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr +einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden. +Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu +unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken; +aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von +verschiedenen Seiten hört." + +Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein +Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des +Kronprinzen. + +"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan, +darum dieser Widerstand gegen meinen Willen." + +Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen. +Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann +zum König gewendet: + +"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den +Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer +zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin +beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der +Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät +aufklärt." + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe +Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der +Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll." + +Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus. + +"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich +die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so +schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl, +daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den +Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion +bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will +einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge +Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit +denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen." + +Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine +österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen +gestützt, schritt er in den Park hinaus. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig +nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als +sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah +noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken +pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig +einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und +zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal +eine Zusammenrottung zu bilden. + +Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken, +und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien, +ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen. + +Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von +Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der +noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne +daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können. + +Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die +Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß +dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein +zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des +äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die +Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die +Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend +gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht +fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen +die Furcht keine Macht hat. + +Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem +kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten +den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige +Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer +Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses +Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte, +die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen +war. + +An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem +hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber +nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und +bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und +den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und +feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken +gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei. + +Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in +kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand. + +"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend +in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem +neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem +großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart +freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr +schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht +rosig." + +"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von +Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer +Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer +Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer +schaudervollen Zukunft entgegen." + +Alle lachten. + +"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst +werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch +wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle +diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können +noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere +Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in +der Tasche in die Welt hinaus schickt." + +"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz +mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit +hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die +Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie +in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine +Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen +Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander, +blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, +die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend-- + +"Mauvais général." + +"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von +Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem +Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der +panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen." + +"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt, +wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch +nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube +wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, +daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein +Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er +unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die +Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen +ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die +Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die +armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben +werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des +Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes +fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur +Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann +nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er +aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht," +fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie +gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten +straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem +König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm +unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund +gegen seine Befehle demonstriren." + +"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere +Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen +und Heyse empfangen und hören wird?" + +"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich +glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu +verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der +That eine zu große Nichtswürdigkeit." + +Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf. + +"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr +erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich +auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach +Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich +geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine +Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren +Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich +ist." + +"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein +junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet +Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas +verschwiegen würde?" + +"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring, +"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus +Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in +einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt +werden, die ich niemals gemacht habe." + +"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen +den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz +nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse +unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und +Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend." + +"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach +der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich +ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner +Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen +Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war, +niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig +übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute +sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so +trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und +Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, +daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der +Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die +orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in +Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden." + +"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief +Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade +in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt +wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf +eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige +Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen." + +Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in +einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf +dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein +Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel +hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein +Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger +scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase +hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und +beobachtend umher. + +Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch +trat. + +"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten +können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein +geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für +die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich +es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht +dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen." + +"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem +bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks, +Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager +Friedens endlich ausgeführt wird?" + +Herr Hansen wehrte mit der Hand ab. + +"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig, +"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man +fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir +für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen +werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit +wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort +für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür +thun." + +"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr +von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren +scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in +militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort +überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre +steht." + +"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton +fragen." + +"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der +Doctor Nélaton jetzt die Politik?" + +"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann +der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn +man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die +Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen +an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die +Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. +Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des +politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des +Anstoßes findet." + +"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König +von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben +wird?" + +Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden. + +"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte +Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten +werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt +hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt." + +Herr Hansen schüttelte den Kopf. + +"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange +gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler. +Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum +Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er +die Mittel dazu in Händen behalten." + +"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn +Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers +besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren." + +Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer +Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte +sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer +Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der +einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der +Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn +Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene, +wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner +Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und +des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu +ruhen pflegte. + +Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch +den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin, +trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener +im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons +öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden +hineinrief. + +Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's +waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck +derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf +kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen +Oelgemälden vorzüglicher Meister. + +Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer +standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch +beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf +einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, +magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen +Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der +Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende +Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen +bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, +sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, +mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der +Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der +Wissenschaft Theil zu nehmen. + +Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie +und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger +bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war. + +Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine +hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit +beschäftigt. + +In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem +eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, +saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte +Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs +beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn +Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete. + +Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die +hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den +Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub +sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das +runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten, +weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen +Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch +lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des +gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel +begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so +scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren +geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun +pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen +Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr +vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören. + +Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame +Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen +ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem +leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und +zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück. + +Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des +Fensters mit einander unterhielten. + +In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des +Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu +errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für +seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich +bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen. + +Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig +belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in +seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, +sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über +die neue Entwicklung des Kaiserreichs. + +"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so +ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt +haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung +vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den +Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs +wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere +Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders +geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System, +welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen +Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich +geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes +hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und +des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen. +Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der +Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den +Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich +aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete +Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und +Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die +Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen +oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere +Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so +weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden +Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus +ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen." + +"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium +sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und +klar denkenden Mannes rechnen kann--" + +"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen +Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die +Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen +mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit +derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß +gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem +Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in +der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu +machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der +einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das +constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen +Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am +Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger +Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in +besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden +liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und +dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer +constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine +mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung +der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, +so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur +eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei +die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation +erstrebt und gesucht wird." + +"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener +in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten +französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung +und der greise General des Julikönigthums herein. + +General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine +etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines +ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache +natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten +ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und +ungesuchtester Natürlichkeit. + +Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon. + +Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen +geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl +erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche +ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er +sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den +Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre +Complimente machten. + +Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren +Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und +indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, +etwas scharfen Stimme sprach: + +"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich +selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der +Gesellschaft zurückzieht." + +"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich +bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. +Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit." + +"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört +immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die +Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu +lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die +gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische +des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist." + +"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven +und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."-- + +"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die +Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser +schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die +Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe +Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch +halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal +nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden." + +"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine +Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv +abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so +bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung." + +"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder +öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen +übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller +patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja +auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen +noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird." + +Der General lächelte bitter. + +"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie +scherzen." + +"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person +in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse; +und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person +dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser +Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich +entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine +Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür +bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd. + +"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte +Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich +wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben, +daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur +Richtschnur seiner Handlungen macht? + +"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt, +aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen +hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen." + +"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht +wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie +er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden +Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.-- + +"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und +erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein +Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und +anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage +Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von +Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten +und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten, +welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der +Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte +seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf +welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen +Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen +Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese +Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich +und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller +derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der +Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen +in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher +aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle +zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten +uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der +General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen +wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen +Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch +heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von +Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und +Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann +in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand +durchgeführt." + +Herr Thiers lächelte. + +"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten +Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm +getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will +er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten, +sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für +Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General +kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von +der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf +dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den +Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System." + +"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird +wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in +wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere +Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir +in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns +das europäische Gleichgewicht veränderte." + +"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die +Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen +Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man +ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die +Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander +schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter +sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen +Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der +Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern +Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt +Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg +ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können +nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander +geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum +Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß +es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine +Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der +Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge +heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln +gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige +Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist +England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon +wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und +namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr +vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln. + +"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke +nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner +ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren +Charakter der Nation Vertrauen einflößen. + +"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht +kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie +uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky, +welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher +stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein +könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum +Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der +auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz +andere Richtung hätte nehmen müssen." + +Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General +Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er +blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu +Boden. + +Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach +dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer +beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen. + +Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger +Herzlichkeit. + +"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über +die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden +Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald +Etwas davon zu sehen bekommen?" + +"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich +mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin +entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht +lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum +zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt +entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über +sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das +könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der +friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung +habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen +gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr +lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über +Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte, +dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die +reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel +hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen +Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete +Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach +meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch +kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu +leben haben." + +"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener. + +Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium +der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen +Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm +freundlich die Hand hinstreckte. + +Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des +ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen +und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war, +mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme +Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht +mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen +Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der +selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge +theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein +philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist. + +Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte, +bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar +war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte. + +"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen +Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?" + +"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte +der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte," +fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen +könnte." + +Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf. + +"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten +gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine +persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich +dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen +Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und +der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter +Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der +Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über +einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen." + +"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und +daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen +ist." + +"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann. + +"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also +begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der +Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm +sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und +Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des +Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch +den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher +auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive +Zustimmung geben." + +"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die +übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch +folgte. + +"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des +Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen +natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit +fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche +Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die +Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu +stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die +öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem +solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch +nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach +deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen +mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums +auszusetzen Lust haben werden." + +"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich. +"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie +steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir +mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen. +Wie stehen Sie mit Preußen?" + +"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch +durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden +Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten, +sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf +eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu +wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße +Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen." + +"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf +Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die +Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?" + +"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite +nicht der Anfang gemacht wird." + +"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere +zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das +Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich +die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß, +sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten +ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte +ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich +darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--" + +Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer +Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im +Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe +für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der +Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er +weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der +Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz +Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie +haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben +den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand +gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine +energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen, +entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie +rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die +gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'" + +Er hielt inne und fragte abbrechend: + +"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen, +welches Ollivier bereits acceptirt hat?" + +"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen +sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige +Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große +Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns +fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der +öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner +Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation +von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich +entgegentreten." + +"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das +Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem +Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch +wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen +zwischen den Kaiser und die Volksmasse." + +"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm +des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons +zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch. + +Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und +lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen +Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur +Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin +und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen +würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die +Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand +behielt. + +Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru +beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne +einen Wink. + +Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das +Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn +Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein +strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden, +nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich +zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die +Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes +Alter hinein ein treuer Freund geblieben war. + +Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem +kleinen Hotel an der Place de St. George. + + + + +Ende des ersten Bandes. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster +Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. *** + +***** This file should be named 13657-8.txt or 13657-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13657/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Todesgruss der Legionen. Erster Band. + +Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + +Der Todesgruss der Legionen. + + + +Zeit-Roman + +von + +Gregor Samarow. + + + +Erster Band. + + + + +Berlin, 1874. + +Druck und Verlag von Otto Janke. + + + + +Erstes Capitel. + + +Am Ufer der Marne, in der Naehe der kreidereichen weissen Ebene der +Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa +fuenftausend Einwohnern, deren Industrie zum grossen Theil darin besteht +die auf der Marne herabgefloessten Holzstaemme in Bretter zu +zerschneiden--ausserdem befinden sich dort beruehmte Manufacturen von +Eisenwaaren und durch diese Gewerbthaetigkeit hat der ganze Ort trotz +seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine +bedeutende Wohlhabenheit erreicht. + +Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich +unregelmaessigen Strassen in einer verhaeltnissmaessig bedeutenden +Laengenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem hoechsten Punkt liegt +eine alte Kirche von hohen Baeumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt +selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen +Erinnerungen ist, die innig mit grossen Momenten der Geschichte +Frankreichs zusammenhaengen. + +Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr +streitbare und kriegerische Maenner, man nannte sie im Mittelalter les +bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von +Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kaempfer Franz I.; sie +hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande +dadurch wichtige Dienste, fuer welche der ritterliche Koenig sie mit +verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete. + +Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von +Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz +blickt sie auf ihre Geschichte zurueck und jeder Buerger von Saint-Dizier +macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner +Devise. + +Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger +Entfernung erheben sich kleine Anhoehen mit niedrigen Laubwaldungen und +Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt, +welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbaeder von +den Bewohnern der Umgegend haeufig besucht wird und waehrend des Sommers +die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfuellt. + +Es war an einem Februarabend des Jahres 1870. + +Rauh und kalt wehte der Wind ueber die ebene Umgebung der Stadt; die +Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort +aufgehaeuften Holzbloecke; durch die in zerrissenen Flocken ueber den +Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des +Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die oede und kalt daliegende +Gegend. + +Auf einem ebenen Wege am Flussufer, der an schoenen Tagen fuer die Bewohner +von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei +Maenner auf und nieder. + +Beide waren hoch und kraeftig gewachsen und wenn das Mondlicht +voruebergehend ihre Gesichtszuege beleuchtete, so konnte man in denselben +jenen eigenthuemlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine +von ihnen mochte etwa fuenfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war +geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse +natuerliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollstaendig mit der +Kleidung uebereinstimmte, die er trug und die ungefaehr diejenige des +franzoesischen Arbeiterstandes war. + +Sein Gesicht war scharf geschnitten und drueckte Intelligenz, Muth und +Willenskraft aus; ueber der leicht aufgeworfenen Oberlippe kraeuselte sich +ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem +kleinen runden Hut hervor und in den grossen blauen Augen lag eine +gewisse schwaermerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche +zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm +schritt ein bedeutend aelterer Mann von etwa vierzig bis fuenfundvierzig +Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte +weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von +jener beinahe eigensinnigen Zaehigkeit, welche dem norddeutschen, +insbesondere dem niedersaechsischen Bauernstamme eigen ist. + +Beide Maenner gehoerten der hannoeverschen Emigration an, welche im Jahre +1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der +Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der +Juengere der beiden Maenner war der fruehere hannoeversche Dragoner Cappei; +der Aeltere war der fruehere Unterofficier Ruehlberg, welcher das +Commando ueber die kleine Abtheilung Emigranten fuehrte, welche in +Saint-Dizier stationirt waren. + +"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "ueberlegt +wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn +Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das +Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, dass der Koenig die Emigration +auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert +Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und +ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort +gegeben--er weiss mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben +mir geschrieben, dass dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing +dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren +Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich +taeusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir +uns vier Jahre lang fuer den Koenig in der Welt herumgeschlagen haben und +dann muss Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot +erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann." + +"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er +stehen blieb und lebhaft mit dem Fusse auf den Boden trat; "es ist +unmoeglich, dass Seine Majestaet seine treuen Soldaten, die in der Noth und +Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne +sich um ihr Schicksal zu kuemmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als +bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann +steht mein Entschluss ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath +zurueck, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preussen koennen uns doch +nicht Alle todtschiessen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch +wenigstens in der Heimath und haben festen Grund fuer unsere Existenz. +Ich habe ein kleines Gehoeft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir +nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt, +so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine +Familie gruenden koennen." + +"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid +und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Franzoesin zu +heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht +recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, dass Ihr noch +militairpflichtig seid und dass man Euch jedenfalls, wenn Ihr +zurueckkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter +hannoeverscher Garde du Corps, der sich so lange der preussischen +Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preussische Uniform anziehen +und nach preussischem Commando exerciren?" + +"Wenn der Koenig seine Getreuen wirklich verlaesst," rief Cappei, "was habe +ich, der einzelne Mensch fuer eine Veranlassung oder fuer ein Recht mich +der preussischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, dass ich +verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen +groesseren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere +Euch--Gott ist mein Zeuge--dass der Koenig und seine Sache mir hoeher steht +als meine Liebe und wenn der Koenig mich heute riefe um fuer ihn in's Feld +zu ziehen, so wuerde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine +Luise wuerde nicht von mir verlangen, dass ich meiner alten Fahne untreu +werden sollte--wenn aber der Koenig uns gehen laesst, so bin ich ein +einzelner freier Mensch und habe nur fuer mich zu sorgen und dann werde +ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die +Heimath aufzugeben. + +"Hart wird es freilich fuer mich sein die fremde Uniform zu +tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an? +Schickt der Koenig uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir +wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluss nur durch +meine Liebe bestimmen lassen." + +"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, dass es nicht dazu kommen +moege. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurueck; ich bin +zu alt geworden, um in den neuen Verhaeltnissen leben zu koennen. Man hat +uns ja eine schoene Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin +kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gruende mir dort im fernen +Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben +und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch +ueberlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglueck, dass bei Euch jungen Leuten +immer die Liebe mitspricht--" + +Ungeduldig erwiderte Cappei: + +"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "dass es nicht die Liebe +ist, welche mich bestimmt--wenn der Koenig uns nach Algier schickte und +uns sagen liesse: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich wuerde +hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit +mir gehen wollte, so wuerde mich das zwar traurig machen, aber keinen +Augenblick in meinem Entschluss irre werden lassen. Wenn aber der Koenig +uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfuellt +und kann als ehrlicher Mann thun was ich will." + +Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die +Strasse der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur +spaerlich erleuchtet war.------ + +Um dieselbe Zeit sass in dem Wohnzimmer eines grossen, durch einen weiten +Vorhof von der Strasse getrennten Hauses in der Naehe der alten Kirche, +welches dem Holzhofbesitzer Challier gehoerte, ein junges Maedchen von +etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden +Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff, +das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles, +glaenzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei +Flechten zusammengebunden, deren reiche Fuelle jeden kuenstlichen Chignon +unnoethig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den +eigentuemlichen, scharf geistvollen, beinah etwas hoehnischen, dabei aber +doch wieder zugleich sentimental gefuehlsreichen Ausdruck, der den +franzoesischen Frauen eigenthuemlich ist. Ihre mandelfoermig geschnittenen +dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen ueberwoelbten Augen blickten +sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, waehrend ihr kleiner frischer Mund +sich ein wenig spoettisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines +Mannes von etwa dreissig Jahren zuhoerte, der vor ihr stand. + +Dieser Mann war mittelgross und von hagerer Gestalt; sein etwas +gelbliches nicht schoenes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter +Aufregung, die Blicke seiner grossen tief liegenden dunkeln Augen +spruehten in nervoeser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes +Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer +Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwaerts gedreht. + +"Es ist unrecht von Ihnen, Fraeulein Luise," rief er, seine Worte mit +lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, dass Sie +fuer die Versicherungen meiner Liebe nur ein hoehnisches Laecheln haben. +Sie wissen, dass seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehoert;--meine +Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts +gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwaehrend meine Bitte zurueck, +mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich +keine einschraenkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so +glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr +Schicksal mit dem meinigen zu verbinden." + +"Ich habe Ihnen schon oefter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge +Maedchen, "dass ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich +bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig +meine Freiheit zu geniessen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu +lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fuerchten +Sie, dass ich Ihnen zu alt werde," fuegte sie laechelnd hinzu, indem sie +ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug. + +"Da antworten Sie mir wieder in diesem hoehnischen Ton, den ich nicht +ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch +die Haare fuhr; "es waere wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal +offen und ehrlich sagten, dass Sie Nichts von mir wissen wollen, als dass +Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten." + +"Warum erfuellen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und +lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen +verlangt, als dass Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht ueber Ihre +Heirathsplaene sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf +dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum +draengen Sie mich fortwaehrend?" + +"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "taeglich deutlicher sehe, dass es +nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende +Antwort verschieben laesst, sondern dass sich Ihr Herz mir mehr und mehr +entfremdet. Oh!" sagte er naeher zu ihr herantretend, indem er sie mit +unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "frueher +war das anders; frueher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie +gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie laechelten freundlich und +widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine kuenftige +Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so +gluecklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zaehne zusammenbeissend und mit +Muehe einen heftigen Ausdruck zurueckhaltend--"jetzt ist das Alles +anders--seit--" + +"Seit?" fragte das junge Maedchen den Kopf emporwerfend und mit einem +kalten, fast hochmuethigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Fuessen +musternd, "seit--?" + +"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit +brennenden Blicken, indem seine Gesichtszuege sich durch einen haesslichen +Ausdruck von Zorn und Hass entstellten, "jener heimathlose Fluechtling, +von dem man nicht weiss woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein +gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener +Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie +Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an +Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden, +welcher jener deutschen Nation angehoert, die stets die Feindin +Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes +mehr als einmal verwuesteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit +grimmigem, dumpf gepresstem Tone fort, "ich habe sie gehasst so lange ich +die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je, +seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glueck +meines Lebens geraubt hat." + +Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren +Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine +fliegende helle Roethe Luisens Gesicht ueberzogen, dann oeffneten sich ihre +Augen gross und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein +Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren +festgeschlossenen Mund. + +"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie +muehsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier, +Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen ueber meine Beziehungen zu +andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und +Beleidigungen zu knuepfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um ueber +Ihre Wuensche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnaechst zu +antworten. + +"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so +eben gehoert, so wird die Folge davon sein, dass ich, ohne weiter einer +Frist zu beduerfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und +unwiderruflichen 'Nein' beantworte." + +Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklaerung des jungen +Maedchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem +freundlichen Laecheln. + +"Verzeihung, Fraeulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem +jungen Maedchen naeher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur +leicht mit den Spitzen ihrer Finger beruehrte--"Verzeihung, ich habe +mich hinreissen lassen von meinem Gefuehl, aber gerade diese Bewegung +sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist." + +Luise antwortete nicht, schlug die Arme uebereinander und blickte +unbeweglich in die Kaminglut. + +Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen +Maedchens, der Holzhaendler Challier in den Salon.-- + +Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen, +aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das +kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schlaefen wie ueber der +Stirn zurueckgestrichen, so dass das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle +Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast +schwarzen Augenbrauen an jene alten Koepfe aus der Zeit des Puders +erinnerte. + +Der alte Herr begruesste Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die +peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden. + +"Wir haben heute die Arbeit spaet geschlossen," sagte er, "es sind so +bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, dass wir +alle Haende voll zu thun haben um denselben zu genuegen; nach diesen +Vorbereitungen sollte man fast glauben, dass grosse Ereignisse +bevorstehen, waehrend doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen +lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten +Friedensversicherungen enthalten." + +"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher +sehr zufrieden damit zu sein schien, dass die Unterhaltung ein Gebiet +beruehrte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das +Gespraech zwischen ihm und Fraeulein Luise gebildet hatte--"wir haben es +schon oefter erlebt, dass unmittelbar vor den grossen Conflicten in allen +Tonarten der Weltfriede verkuendet wurde und mich machen so feierliche +und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein +wenig misstrauisch. + +"Ich weiss, dass auch auf dem Gebiet meines Geschaefts neuerdings wieder +grosse Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt +hat das Gefuehl, dass in der schwuelen Luft dieser Zeit ein grosses +erschuetterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er +lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wuensche, so muss ich doch +sagen, dass ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthaetigkeit +empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt +und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer +erschuettert und immer tiefer untergraben wird." + +Der alte Challier schuettelte langsam den Kopf. + +"Mir fehlt es wahrlich nicht an franzoesischem Nationalgefuehl," sagte er, +"und gerade die Buerger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit +Jahrhunderten gehoert, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng +verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, dass und wie die Achtung +gebietende Stellung unseres Landes bedroht waere und ich glaube dass der +Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht +nachzugeben, welche sich seit laengerer Zeit so oft bemerkbar machen. + +"Er hat Frankreich auf eine Hoehe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe +kaum jemals frueher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit +den sicheren und leichten Absatz verschafft und es waere ohne die +allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich +aufbluehendes Land in die Gefahren eines grossen Krieges zu stuerzen. Die +Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und +Blut gekostet hat, sind kaum ueberwunden und ein neuer Krieg wuerde kaum +zu verantworten sein." + +"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "dass der Kaiser sich +auf die Dauer wird halten koennen, wenn er nicht durch einen gluecklichen +und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament +giebt? Man sagt ja, dass seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege +rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl +daraus gemacht, dass ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe, +welche Frankreich dauernd zu Glueck und fester Groesse fuehren kann und ich +wuerde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkuerlichen Regierung +ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--" + +"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die +Jugend liebt die Veraenderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die +Neigung zur Veraenderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfuellt; ich +bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die +Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die +alten legitimen Koenige von Frankreich zurueck, mit denen unsere Vorfahren +in der grossen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich +erkenne an, dass das legitime Koenigthum fuer Frankreich abgeschlossen ist +und dass in dem Kaiserreich die einzige Garantie fuer eine ordnungsmaessige +gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser +Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung +ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich +jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Maenner in seinen Rath +berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen." + +"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr +Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er frueher so +laut und emphatisch aussprach, Stueck fuer Stueck geopfert hat--besitzt +dieser, taeglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des +Volkes?--Dieser Mann, der aeusserlich den anspruchslosen und einfachen +Buerger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Hoefling ist als die +Satelliten der roemischen Kaiser." + +"Nun," sagte Herr Challier das Gespraech abbrechend, "ich hoffe, dass die +kriegerischen Befuerchtungen auch diesmal unbegruendet sein werden und dass +man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen +militairischen Ruhm vorziehen wird." + +Er blickte auf seine Uhr. + +"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwaehrend +still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespraech ihres Vaters +mit Herrn Vergier zu achten. + +Luise erhob sich. + +"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muss jeden Augenblick kommen; er hat +versprochen heute bei uns zu essen," fuegte sie hinzu, indem ihr Blick +sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen +zusammenbiss und sich abwendete. + +Die Thuer oeffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein. + +Herr Challier begruesste ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge +Maedchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand +und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn +Vergier streifte: + +"Wir fuerchteten schon, dass Sie nicht kommen wuerden und wuerden Ihre +Abwesenheit sehr bedauert haben." + +Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er +machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine +Lippen fuehren--dann trat er zurueck und begruesste mit einer hoeflichen +Verneigung Herrn Vergier. + +Eine huebsche Dienerin in der zierlichen Tracht der franzoesischen +Landmaedchen oeffnete die Thuer des anstossenden Speisezimmers. Fraeulein +Luise, welche als die einzige Tochter ihres frueh verwittweten Vaters dem +Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick ueber den +einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte +eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurueck, um +ihrem Vater zu sagen, dass Alles bereit sei. + +Man setzte sich zu Tisch. Fraeulein Luise machte mit der den Franzoesinnen +aller Staende so eigenthuemlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich +der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis +heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrueckte Stimmung auf der +Gesellschaft. + +Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr +Vergier beobachtete mit scharfen spaehenden Blicken den jungen Deutschen +und Fraeulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze +Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor, +schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten +mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit +dem Ausdruck von Trotz und hoehnischer Herausforderung zu Herrn Vergier +hinuebersah. + +Das Diner verlief schweigsam. + +Der junge Deutsche bewies seinen Dank fuer die Aufmerksamkeiten seiner +schoenen Nachbarin mehr durch glueckstrahlende Blicke als durch Worte. + +Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und +hoerte mit gezwungenem Laecheln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch +welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte, +von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte. + +Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache +Lampe erleuchteten Salon zurueck. + +Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschaefte, +die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurueck, um +seiner Gewohnheit gemaess einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte, +das heisst in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu +machen. + +Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines +Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge +Maedchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und +ergriff zaertlich ihre Hand, die sie ihm reichte. + +"Meine suesse Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die +franzoesische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich +fuerchte, dass der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine +vielleicht lange Zeit trennen muessen und ich bedarf der festen +Zuversicht und des unerschuetterlichen Vertrauens, dass Deine Liebe mir +fuer alle Wechselfaelle des Schicksals gesichert bleibt." + +"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der +Hand ueber sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah, +"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fuegte sie laechelnd hinzu, +"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres +Koenigs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde +ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken fuer meine Liebe einzustehen +wissen. Der Kampf dafuer," fuhr sie, ihn immer mit entzueckten Blicken +betrachtend fort, "wird uebrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist +Dir persoenlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie fuer die Sache Deines +so ritterlichen ungluecklichen Koenigs.--Er liebt mich und ich sehe nicht +ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--" + +"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern, +ruhigen Geschaeftslebens und er wird und muss fuer die Zukunft seiner +Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu +geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Fluechtling--" + +"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft, +"genuegt Dir diese Heimath nicht?"-- + +Er kuesste zaertlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton: + +"Das ist fuer mein Herz die schoenste, die ich finden kann, die einzige, +die ich suche, aber wir beduerfen auch des festen Bodens im wirklichen +Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als +je--" + +"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, dass wir uns +trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "dass der Augenblick naht, in +welchem Du fuer Deinen Koenig zu Felde ziehen musst?--Glaube mir, die +Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz +hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und +Gott und die heilige Jungfrau, die ich stuendlich anrufen werde, werden +Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm +Glueck Nichts mehr im Wege stehen." + +Er blickte duester vor sich hin. + +"Waere es so wie Du sagst," sprach er, "so wuerde ich mit froher +Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fuerchte +ich, dass die Zukunft sich anders gestaltet. Ich hoere, dass die Legion +aufgeloest werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner +Heimath zurueckzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines +Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande +bin Dir eine Zukunft zu schaffen." + +"Das waere traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall +in Deine Heimath zurueckkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in +unserm schoenen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater," +fuegte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu +gruenden--" + +"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser +Fluechtling sein, so lange ich einer grossen Sache diene--der Sache des +Koenigs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache faellt, so +kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine +Existenz schaffen lassen. + +Ich muss dann den festen Fuss in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn +ich sie verlasse, wenn ich hierher zurueckkehre, um dem Zuge meines +Herzens zu folgen, so muss es offen und frei geschehen und ich muss auch +ohne die Huelfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine +sichere Grundlage zu geben, moege dieselbe so bescheiden sein, wie sie +wolle. Ich werde keine Muehe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das +Einzige was ich von Dir erbitte ist, dass Du mir vertraust und auch +waehrend meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst." + +Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und +blickte ihm tief in die Augen. + +"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschliessest, was Du thun +wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird +jemals Dein Bild aus meinem Herzen reissen koennen. Man sagt, die +deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir +beweisen, dass die feurigern Gefuehle, welche das Herz der Franzoesinnen +bewegen, darum nicht minder treu und bestaendig sind." + +Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drueckte seine Lippen +zaertlich auf ihr duftiges, glaenzendes Haar!-- + +Rasche Tritte ertoenten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte +sich in ihren Sessel zurueck. + +Cappei rueckte das Tabouret einen Schritt seitwaerts. + +Der Unterofficier Ruehlberg trat ein. Er begruesste mit einer etwas steifen +Verbeugung das junge Maedchen und sprach mit einer von innerer Erregung +bewegten Stimme. + +"Was wir befuerchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand +ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, dass +in der naechsten Zeit eine Commission zur Aufloesung der Legion hier +eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt +und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will. + +"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiss, wohin ich gehen werde, um +auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon ueber +Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr +thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschliessen--aber das kommt--" + +Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Maedchen, biss sich auf +den Schnurrbart und schwieg. + +"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine +Geliebte anblickend. + +"Und die Liebe und Treue wird sich bewaehren," erwiderte diese leise. + +"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der +Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fraeulein," schaltete er mit einer +gewissen muerrischen Hoeflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir +beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen." + +Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater +zu entschuldigen und verliess mit dem Unterofficier den Salon. + +Das junge Maedchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmaelig +erloeschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder; +doch war es kein trauriger und trueber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht +lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter +schweren Verhaeltnissen die Treue bewahren zu koennen. Der Kampf mit den +Verhaeltnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte +keinen Zweifel, dass Alles endlich sich zu gluecklichem Ausgang fuegen +wuerde. + + + + +Zweites Capitel. + + +Eine truebe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen +Fenstervorhaenge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in +den Tuilerien. + +Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden +Chaiselongue, eingehuellt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide, +sein Kopf war zurueckgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren +geschlossen und die bleichen Zuege seines Gesichts trugen den Ausdruck +tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den +Schlaefen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der +ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte +in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Haende des +Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in +convulsivischen Zuckungen. + +Zu den Fuessen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher +Leibarzt und langjaehriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen +schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf +kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck +theilnehmender Besorgniss und die tief liegenden, scharfblickenden Augen +schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da +liegenden Souverain. + +An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nelaton +beschaeftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von +Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein +geistvolles, etwas kraenkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er +auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinueber blickte, so schien er +doch mehr mit der sorgfaeltigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit +dem Zustande seines Patienten beschaeftigt. + +Dr. Conneau beugte sich ueber den Kaiser herab und ergriff dessen Hand, +aufmerksam dem Pulsschlag folgend. + +"Der Puls geht ruhig und gleichmaessig," sagte er sich zu Nelaton wendend; +"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich wuerde Sr. Majestaet +gern einige Tropfen Aethergeist einfloessen." + +"Ich halte das nicht fuer noethig" erwiderte Dr. Nelaton. "Die Sondirung +hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestaet ist +ungeheuer empfindlich fuer den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird +das Gleichgewicht der Kraefte sofort wieder herstellen. Ich ueberlasse den +Kaiser Ihrer Sorgfalt," fuegte er hinzu indem er sein Etui schloss, "und +hoffe, dass er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont +bleiben koennen, nur muss Seine Majestaet in der naechsten Zeit es +sorgfaeltig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen." + +Er verliess mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an +seinem Platz stehen, fortwaehrend das Gesicht des Kaisers beobachtend, +auf welchem allmaelig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien. + +Napoleon erhob die Haende langsam, faltete sie ueber der Brust zusammen, +seine Lippen oeffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die +Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher. + +"Ist Nelaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese +entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen muessen?" + +"Nelaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr. +Conneau, "und er hofft, dass Ew. Majestaet fuer lange Zeit Ruhe haben +werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich +hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu koennen." + +"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie +glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige +gewaltsame Erschuetterung leicht ueberwinden, aber diese fortwaehrenden +kleinen Schmerzen zerruetten mein Nervensystem, untergraben meine +Willenskraft und machen mich zuweilen vollstaendig unfaehig zu denken und +zu handeln." + +"Ich bitte Ew. Majestaet instaendigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in +diesen so erklaerlichen und natuerlichen Gefuehlen nicht gehen zu lassen. +Ew. Majestaet so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation +durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber +Ew. Majestaet," sprach er ernst mit volltoenender Stimme, "sind mehr als +andere Menschen. Ew. Majestaet grosser Geist muss die kleinen beiden +ueberwinden um die grossen Aufgaben Ihrer Stellung erfuellen zu koennen und +je mehr Ew. Majestaet die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr +werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich +auf Ihre endliche, vollstaendige Wiederherstellung." + +Der Kaiser schuettelte langsam und traurig den Kopf. "Die grossen Aufgaben +meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was +mich so niederdrueckt und laehmt--dass die Maschine den Dienst versagt, um +das ausfuehren zu koennen was nothwendig geschehen muss; ja, dass sogar oft +die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Waere +ich einer jener legitimen Koenige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die +denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger ueberlassen +koennen--oh, dann wuerde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen +ertragen. Ich fuerchte wahrlich den Tod nicht--fast moechte ich ihn +zuweilen wuenschen, denn die Genuesse und Freuden des Lebens sind fuer +mich--beendet; aber, mein Gott," rief er haenderingend, "ich darf ja +nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muss sorgen fuer die Zeit die +nach mir kommt; ich muss meinem Sohn das Erbe sichern, fuer dessen +Erwerbung mein grosser Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und fuer +welches ich in muehsamer Arbeit die Taetigkeit meines ganzen Lebens +angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner +irdischen Laufbahn erfuellen will und erfuellen muss, geht mir die Kraft +aus und wenn dieser elende Koerper zusammenbricht, so wird das stolze +Gebaeude in Truemmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses +Frankreich, das ich so sehr liebe, fuer das ich gestrebt und gearbeitet +habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zuruecksinken in unruhige +Zerruettung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein." + +"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen +Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begruendet im Innern und +hoch geachtet nach Aussen da. Es giebt vielleicht unter den alten +legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und +unerschuetterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestaet und wenn +der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhueten moege, dereinst +berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen +Richtungen hin vollendetes, grossartiges Werk vorfinden, dessen +natuerliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew. +Majestaet Werk ist wahrlich groesser als das Ihres Oheims, denn die +Schoepfungen jenes Riesengeistes stuetzten sich doch immer nur auf die +Spitze seines Degens, waehrend Ew. Majestaet Bau breit und ruhig auf der +Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht." + +Der Kaiser schuettelte abermals den Kopf. + +"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "taeuscht der Schein--oder Sie +wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben, +das ich immer mehr verliere. + +"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte +Nachwehen nervoeser Schmerzen ueber sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann +besser wie jeder Andere die Schwaechen dieses Kaiserreichs erkennen, das +ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe. + +"Fest begruendet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch +wogt und gaehrt es in dieser so leicht beweglichen Pariser +Bevoelkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen +Stuerme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des +oeffentlichen Lebens." + +Dr. Conneau laechelte. + +"Ew. Majestaet ueberschaetzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets +unruhige Bevoelkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit +solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie +diejenige Ew. Majestaet ist hat das nichts zu bedeuten. Die grosse Masse +der Bevoelkerung Frankreichs, namentlich die laendlichen Grundbesitzer +haengen an Ew. Majestaet und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre +Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des +oeffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestaet +geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Moeglichkeit der reichsten +Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Hoehe des +Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Koepfe in Paris werden +niemals die Macht haben, die tiefe Anhaenglichkeit des ganzen Volkes an +Ew. Majestaet und Ihre Dynastie zu erschuettern." + +"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich +weiss wie Sie, dass das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und dass aus +dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen +wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare +Gewalt--eine unvernuenftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist +da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglueck, bei irgend einer +Schwaeche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fuegte er seufzend +hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es +gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu +stuerzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so +ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den +Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein +moechte.-- + +"Und nach Aussen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu +Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht +vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fuehle +es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach +Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa +bewegen konnte. + +"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich +einst auf der Hoehe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny, +Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein. + +"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf +den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand +reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie koennen mir nicht +helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie koennten mir nur +helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben +einzufloessen vermoechten. + +"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge spruehte, "ich wollte +allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, ueber sie alle Herr +werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln +die Kraft der Jugend wiedergeben koennte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer +augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schueler von Niel, er hat ihm +nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausfuehrung seiner Ideen +gewesen--aber er ist kein Niel und der Schueler kann den Meister nicht +fortsetzen.-- + +"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehoert das +Schicksal; ich fuerchte, ich fuerchte, mein treuer Conneau, der Augenblick +kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend ueber +meinem Haupt erblickte, er hat sich in truebe, truebe Wolken verhuellt. + +"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich +einen Fehler begangen dadurch, dass ich eine Dynastie gruenden wollte. +Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm +Jahrhundert nicht mehr moeglich; vielleicht staende ich groesser und +sicherer da, wenn ich mich haette entschliessen koennen nur der Caesar zu +sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der +pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem +Tode aufhoert. + +"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen +fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen. + +"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhoerte Caesar zu sein und weil +er der Begruender einer neuen dynastischen Legitimitaet werden wollte? + +"Aber, mein Gott," rief er die Haende ueber der Brust faltend, indem ein +unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zuegen erschien--"mein Gott, ich +habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau +und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine +ganze Arbeit gehoeren der Zukunft, gehoeren meinem Sohn." + +In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff +dessen Hand und fuehrte sie an seine Lippen. + +"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder +Stimme--"ich wollte, es waere mir vergoennt mein Leben fuer Sie und fuer den +kaiserlichen Prinzen hinzugeben."-- + +"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft laechelnd, "durch Ihre Kunst +die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und +meinem Sohn den hoechsten Dienst leisten." + +Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Flaeschchen von geschliffenem +Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige +Tropfen der hellen Fluessigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem +Glase Wasser. + +"Ich bitte Ew. Majestaet dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas +reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu +erfuellen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getraenk wird Ew. Majestaet +die Nervenkrise ueberwinden helfen, welche Nelatons Sondirung +hervorgerufen hatte." + +Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine gruene +opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervoese Spannung seiner +Gesichtszuege verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine roethere +Faerbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender +Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthuemlich war und +der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausuebte. + +Er stand langsam auf. + +"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte +Gott, Sie koennten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird +der Schmerz und die Schwaeche bald wieder meine Nerven zur alten +Unfaehigkeit herabstimmen." + +"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem +Elixir zu Huelfe kommt; der menschliche Willen ist ein maechtiger Factor +und selbst der kranke Koerper gehorcht seinem Befehl." + +"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich laechelnd--"um zu wollen, dazu +gehoert Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehoert Willen; wo ist der +Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig +herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "fuer den Augenblick habe ich den +Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhaeltnisse, +denn das ist die erste Quelle aller guten Entschluesse." + +Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt fuehrte dieselbe an seine Lippen +und verliess das Schlafgemach seines Herrn. + +Der Kaiser klingelte. + +"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle +Wechselfaelle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir +eine so liebe Gewohnheit geworden war." + +Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine +Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zuegen und seiner Haltung die +Spuren der Schmerzen und der Erschoepfung fast ganz verschwanden; nur +sein schwankender, unsicherer und in den Hueften wiegender Gang zeugte +von seiner gebrochenen Kraft. + +"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den +Spiegel. + +"Zu Befehl, Sire." + +"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein +Cabinet trat, das sorgfaeltig gelueftet, von einem hellen Kaminfeuer +erwaermt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer +den Kaiser hier sah, haette sich unmoeglich von dem leidenden, ganz +gebrochenen Manne ein Bild machen koennen, der noch kurz vorher unter den +Haenden der Aerzte seufzte und der gequaelt von den Leiden des Koerpers den +Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte. + +Napoleon trat heiter laechelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern +verborgen, dem Journalisten Clement Duvernois entgegen, dem soeben der +Huissier die Thuer des Cabinets geoeffnet hatte. + +Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen, +frueher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus +wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhaenger des +Kaisers zu sein, war damals etwa fuenf und dreissig bis vierzig Jahr alt. +Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht +gerundeten Corpulenz, welche die Koenigin von Daenemark fuer Hamlet in +seinem Kampf mit Laertes fuerchten laesst. Sein etwas grosser Kopf war mit +langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl +liess,--die Zuege seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und +entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich +phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim +ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich +waehrend der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie +von einer dunkeln Gluth durchschimmert. + +Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch +voellig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand, +welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief. + +"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher +Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir +zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gaehrt und +bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem +Rath ueberschuettet,--dass es mir wirklich Beduerfniss ist, auch die Meinung +Derjenigen zu hoeren, welche meine wahren Freunde sind." + +"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu +sein," erwiderte Clement Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen +Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast moechte ich +sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestaet, obgleich ich es laut +ausspreche." + +"Und gehoeren Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, dass +diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, dass man nur ruhig +abwarten duerfe, bis sie sich voellig wieder verlaeuft?--Sie haben es +gelernt," fuhr er fort, "die oeffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben +den klaren Blick, den die Hoehe nicht blendet,--und der vor den Tiefen +des Abgrundes nicht zurueckschaudert,--was sehen Sie auf der Hoehe,--was +sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, dass +ich zu hoeren und zu lernen verstehe," fuegte er mit freundlichem Laecheln +und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu. + +"Ich habe Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "meine +Ergebenheit stets dadurch bewiesen, dass ich vor Ihrem Angesicht den +Kaiser vergass und nur den grossen und geistvollen Mann sah, dem Niemand +einen groesseren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner +wahren und unverhuellten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich +Eurer Majestaet auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die +Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die +Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestaet +werden das wirklich Richtige zu erkennen." + +"Sie halten also die Situation fuer ernst?" fragte der Kaiser, indem er +sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken liess und Herrn Duvernois +einen Sessel neben sich bezeichnete. + +Clement Duvernois stuetzte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels, +blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn +gerichtete Frage zu antworten: + +"Eure Majestaet haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniss +gegeben, dass mein Blick gewoehnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den +Hoehen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden +Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestaet frei sagen, was +ich gesehen." + +Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herueber, stuetzte den +Arm auf sein Knie und hoerte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes +spielend, aufmerksam zu. + +"In den Tiefen, Sire," sagte Clement Duvernois, "sehe ich die finstern +Daemonen, welche die maechtige Hand Eurer Majestaet lange Zeit gefesselt +hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fuehlen, dass +der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie +frueher." + +Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch +blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne +gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren. + +"Die friedlichen Buerger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter, +"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen +Buerger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fuersorge und Kraft der +Regierung, waehrend der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhoehlt wird. +Auf der Oberflaeche scheint Alles ruhig,--die Repraesentanten der Nation +berathen ueber die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen +gut zu verwalten, die Geschaefte erholen sich und die ehrliche Arbeit +freut sich der Ruhe und Ordnung. + +"Was aber, Sire," fuhr er mit erhoehter Stimme fort,--"was birgt die +Tiefe unter dieser Oberflaeche des Friedens und Gedeihens? Taeglich +versammeln sich vier bis fuenftausend Individuen--Feinde des Besitzes, +Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die +Thaetigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen +versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der aeussersten +Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid +geschworen; sie missbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal +gegeben worden und ueberlassen sich den masslosesten Ausschreitungen. +Diese Leute fuehren die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich +gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch +Gewalt umzustuerzen, den Staat ueberhaupt und die Gesellschaft zu +zerstoeren. + +"Eure Majestaet moegen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu +citiren, welche man dort haelt und welche Ihre Polizei sich vielleicht +scheuen moechte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der +Tribuene dieser wuesten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen, +keine Moerder mehr, moegen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir +wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stueck Speck am +Hute tragen.'" + +Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhuellte sich voellig +unter den Augenlidern. + +"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgaengen in +Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer +Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren +zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen +wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mande, Sire, hat +man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen wuerde." + +Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois gross und klar an und sprach +mit ruhigem Laecheln: + +"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich +treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe waere. Hat das Schicksal sie +mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben +keine Gefahr bringen." + +"Ich weiss," erwiderte Duvernois, "dass Eure Majestaet keine Gefahr scheut +und es ist nicht um Eure Majestaet vor einem Attentat zu warnen, dass ich +erzaehle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden, +sind keine Ravaillacs. Fuer heute und morgen, Sire, haben noch alle diese +Bewegungen keine gefaehrliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was +man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fuehlt, dass man +ungestraft die Zerstoerung der Gesellschaft predigen darf, so wird man +weiter und weiter gehen und die grosse Masse der ruhigen Buerger wird, wie +das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger +Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand +der Regierung schuetzend in diese gefaehrliche Bewegung eingreift." + +"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenueber," +fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten +Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Hoehen gesehen?" + +Clement Duvernois schwieg einen Augenblick. + +Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das grossgeoeffnete, +dunkelgluehende Auge zum Kaiser auf. + +"Auf der Hoehe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich, +Sire, einen grossen Fuersten, der durch maechtige und edle Arbeit seiner +Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in grossherzigem Vertrauen +nicht daran zu glauben vermag, dass diese Nation fuer so viele Wohltaten +undankbar sein koennte, dessen Gedanken erfuellt sind von dem Streben auch +ueber seinen Tod hinaus, den er mit kaltbluetigem Heldenmuth in's Auge +fasst, seinem Volk das Glueck zu sichern, welches seine Regierung +geschaffen hat; einen Fuersten, der sich anschickt, dem von ihm +aufgerichteten Gebaeude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der +aber--" + +"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch hoeher erhebend und mit +gespannter Erwartung aufblickend. + +"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Kroenung des +Baues beschaeftigt, vergisst die Fundamente desselben gegen die finstern +Gewalten zu schuetzen, welche dieselben langsam und systematisch +untergraben." + +"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich +daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines +persoenlichen Willens und meiner persoenlichen Kraft ruhten die breite und +sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten +und edelsten Kraefte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt +werden sollen. Diese Institutionen sollen staerker sein als die +persoenliche Macht des Souverains, so dass, wenn auch ein kaum der +Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich +ruhig und unerschuettert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Koenige +rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser." + +"Die edle Absicht Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "erkenne +ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre +Entschluesse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen, +wuerden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestaet +bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausfuehrung in anderen +Haenden laegen." + +Ein Zug von duesterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er liess +den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton: + +"Und in wessen Haende sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die +treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken +kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen, +welche mit mir die Zeit des Ungluecks und Leidens getheilt hatten--sie +sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es, +eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Hoeflinge des +Kaisers aber nicht als Gefaehrten des Verbannten kennen gelernt habe." + +Er versank einen Augenblick in duesteres Schweigen. + +"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen, +Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den +Maennern zu misstrauen, welche ich gegenwaertig in meinen Rath berufen +habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes +besitzen?" + +"Misstrauen?" sagte Clement Duvernois ein wenig zoegernd, "ist ein hartes +und schweres Wort; es enthaelt eine Anklage, die ich gegen Eurer +Majestaet Minister auszusprechen nicht unternehmen moechte. Erlauben mir +Eure Majestaet zunaechst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu +sprechen. + +"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestaet nur +von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthuemliche Thatsache, +dass die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Haenden des dem +Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Haenden des +Orleanismus--" + +"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "dass Graf Daru, dass Buffet +mich verrathen koennten--dass sie mit den Orleans conspiriren?" + +"Nein, Sire," antwortete Clement Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf +Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafuer; aber, +Sire, diese Maenner, die gewiss, nachdem sie Eurer Majestaet Portefeuille +angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben +und denken in den Doctrinen des Orleanismus, dass heisst der +constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer +Repraesentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens +setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen +Glied fuer Glied bis in das Cabinet Eurer Majestaet fortsetzt, befindet +sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration. +Ohne es zu wollen, ohne klar darueber zu denken, werden Eurer Majestaet +Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestaet um sich, die +Maenner der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des +franzoesischen Staatslebens und unter den Anhaengern der Doctrinen +befinden sich jedenfalls auch Anhaenger der Personen. Die Partei des +Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zustaenden +zieht. + +"Eure Majestaet kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen +Propaganda;--nicht dass diese Leute jemals das Koenigthum Louis Philippe's +wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips +als ihre Vorkaempfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen +ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der +Regierung in den Haenden der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her +ein maechtiger Stoss gegen die Staatsautoritaet gewagt wird, so kann es +kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, dass die Maschine den +Dienst versagt und dass Eure Majestaet auf Ihrer Hoehe einsam und allein +dastehen werden. + +"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der +Orleans ist gross, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen +Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich +befindet. Zum grossen Theil sind diese Agenten Besitzer von +Buchdruckereien oder Buchhaendler und sie versaeumen keine Gelegenheit, +das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschuettern." + +Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht. + +"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwaehrend dahin +gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stuerzen, und die es nie +verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren +schwaechlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu koennen, das einer +eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?" + +"Gewiss wuerden sie nicht faehig sein," erwiderte Duvernois, "die +Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Haende gelangen +sollte, aber gewiss auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche +Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf +gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestaet meine +Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel +des Kaiserreichs in den orleanistischen Haenden und schon erhebt sich an +den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe +reuessiren, so werden mit veraenderten Personen und unter veraenderten +Umstaenden die Zeiten der Beschwoerung von Cellamare sich wiederholen." + +Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster +vor sich nieder. + +Dann schlug er die Augen gross auf und sah Clement Duvernois mit einem so +brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner +Seele lesen. + +"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was muesste nach Ihrer Ueberzeugung +geschehen, um einer solchen Beschwoerung vorzubeugen und um den +Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Haende--in die Haende meiner +Freunde zu legen?" + +"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach. +Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung +eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollstaendig nach dem +Willen Eurer Majestaet bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden +neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu +kraeftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird. + +"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "dass +in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in +Eurer Majestaet Regierung massgebend ist; die Minister halten mit den +Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen +und deren Amendements und vergessen darueber, dass es ausserhalb der +Cabinette und ausserhalb der Sitzungssaele der Kammern ein Volk +giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten +besteht und welches schliesslich eine sehr laute Stimme und sehr kraeftige +Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu +ueberschreien und eine Regierung, welche die Fuehlung mit ihm verloren +hat, zu zertruemmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze +Geschichte Frankreichs sich zusammenfasste in das constitutionelle +Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese kuenstliche +Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome +zerfiel, so laeuft Eurer Majestaet Regierung jetzt Gefahr, sich von dem +Boden des realen Volkslebens loszuloesen. + +"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort, +waehrend Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhoerte--"das +Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist +Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestaet nicht hinueberlocken auf +den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehoert der +orleanistischen Agitation. + +"Wenn Eure Majestaet," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich +fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer +Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen +Grundsaetzen, die jetzt die Autoritaet zersetzen, zugleich auch die +Personen verschwinden, welche von diesen Grundsaetzen emporgetragen +wurden; gerade auf diesem Gebiet koennen Eure Majestaet die Probe machen, +ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste +und unerschuetterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen +Dynastie sind." + +"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren +Gedanken Vieles was mit meinen Ideen uebereinstimmt; doch moechte ich Sie +bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen ueber die Art und Weise, wie Sie +glauben dass Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgefuehrt werden +koennen. + +"Sie haben so tief und eingehend ueber den Kern der Fragen nachgedacht, +welche die augenblickliche Situation bestimmen, dass ich ueberzeugt bin, +Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene +Fragen loesen zu koennen glauben." + +"Gewiss," erwiderte Clement Duvernois, "habe ich auch darueber meine +Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, dass auf eine einfache Weise +Eure Majestaet alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation +beseitigen koennen. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, waehrend +der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit +zuhoerte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, dass der Schwerpunkt +des ganzen politischen Lebens allmaelig ausschliesslich in die +parlamentarischen Koerperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt +worden ist; nach meiner Ueberzeugung muessen Eure Majestaet diesen +Schwerpunkt wieder dahin zurueckverlegen, wo die wahre Macht sich +befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie +ihre einzig wahre und dauernde Stuetze finden kann, in das Volk selbst. + +"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des +Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und +durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heissen zu lassen; ein +solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, dass das +ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer +Majestaet, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen +maechtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel +parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin +ihre Ausfuehrung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet, +verschwinden." + +Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen oeffneten sich gross und weit +und ein stolzes und freudiges Laecheln spielte um seine Lippen. + +"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie +haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als gross und wahr; ich habe +neue Stuetzen, sichere Garantien fuer die Zukunft meiner Dynastie und fuer +den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie +allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage +meines Reiches, diese Grundlage, welche mein grosser Oheim verlassen hat +und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen. +Ich danke Ihnen," fuegte er mit unendlich liebenswuerdigem Ausdruck hinzu, +"Sie haben mir in dieser Stunde einen grossen Dienst geleistet, Sie haben +Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten +und sobald die Klarheit der Erkenntniss da ist, laesst auch die +Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten. + +"Ich werde meine Entschluesse ueber die formelle Ausfuehrung des +Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und +den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen." + +"Wenn Eure Majestaet diesen Schritt thun," sprach Clement Duvernois, "so +wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen; +diejenigen Ihrer Raethe, welche wirklich das volksthuemliche Kaiserreich +unterstuetzen, staerken und erhalten wollen, werden, wie ich ueberzeugt +bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestaet beschreiten +wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen, +werden verschwinden. + +"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit fuehren und wenn," +fuegte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestaet Ihre +alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich ueberzeugen, dass auf der +richtigen und wahrhaft grossen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen +erstehen werden." + +Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin +und sprach: + +"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick +ueberzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, dass ich noch ueber Hingebung +und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rueckhalt die +Wahrheit gesagt. + +"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich moechte noch ueber +einen Punkt Ihre Meinung hoeren. + +"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "dass das +nationale Gefuehl in Frankreich durch die preussischen Siege, durch die +Herstellung des maechtigen preussischen Uebergewichts in Deutschland tief +verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht +Frankreichs in Europa ist gewissermassen eine Lebensbedingung einer +Regierung, welche den Namen Napoleon fuehrt und auf die Traditionen des +grossen Kaisers gestuetzt ist. Man raeth mir von vielen Seiten und zwar von +Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden +kann--die schwuele Luft, welche ueber Europa liegt, durch einen kraeftigen +Wetterstrahl zu klaeren und die militairische Stellung des napoleonischen +Frankreichs wieder herzustellen." + +"Man raeth Eurer Majestaet," fiel Clement Duvernois ein, "ganz einfach den +Krieg gegen Preussen zu fuehren, diesen uebermaechtig gewordenen Staat in +seine Grenzen zurueckzuweisen und der Welt zu zeigen, dass ohne +Frankreichs Genehmigung keine Veraenderungen in dem Gleichgewicht +Europa's sich vollziehen koennen; man raeth," fuhr er mit erhoehter Stimme +fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestaet Das jetzt zu thun, +was Sie--verzeihen Sie meine Kuehnheit, Sire--unmittelbar nach der +Schlacht bei Sadowa haetten thun sollen." + +Der Kaiser liess die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme: + +"Und was meinen Sie zu diesem Rath?" + +"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer +Anhaenger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestaet koennen also darueber +nicht im Zweifel sein, dass meinem Gefuehl der Rath, den man Eurer +Majestaet ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz wuerde +aufwallen, mein Blut sich erwaermen, mein patriotischer Stolz sich +freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen +Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen wuerde und ich verkenne nicht, dass +ein maechtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende +preussische Macht den Thron Eurer Majestaet immer fester und dauernder in +den Sympathieen des ganzen Volkes begruenden wuerde--aber--" + +"Aber?" fragte der Kaiser gespannt. + +"Aber zuvor, Sire, moechte ich mir die Frage erlauben, sind Eure +Majestaet des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit +der franzoesischen Armee wirklich auf der Hoehe, um einem so furchtbaren +Gegner wie Preussen mit der Gewissheit des Sieges entgegentreten zu +koennen? Sind Eure Majestaet ferner sicher, Preussen isoliren zu koennen und +die Gegner, welche ihm 1866 gegenueber standen, zu einem neuen Kampf +bestimmen zu koennen? + +"Wenn Eure Majestaet ueber diese Punkte voellig klar und sicher sind, dann +ist der Krieg ein gutes Mittel, dann wuerde ein grosser Sieg vielleicht +besser als alle inneren Massregeln die Schwierigkeiten der Lage +beseitigen. Sind aber Eure Majestaet eines solchen Erfolges nicht +vollkommen sicher, muessen Sie befuerchten, dass es dem so kuehnen und so +geschickten preussischen Staatsmann gelingen koennte, das gesammte +Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu +versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche +abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein +ungluecklicher Feldzug, eine Niederlage wuerde die Stellung Frankreichs in +Europa fuer lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde +des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung ueberhaupt entfesseln." + +"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Waere ich mein Oheim, +vermoechte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen +Frankreichs zu lenken--ich wuerde mich wahrlich keinen Augenblick +besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu loesen--aber +kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die +Haende meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenueber +gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst +sprechend, "ihm haette ich mit vollem Vertrauen die Fuehrung meiner Armee +uebergeben koennen.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den +Schoepfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, dass Alles bereit +ist--man sagt mir, dass die franzoesische Armee unueberwindlich sei, aber +ein banges Misstrauen erfuellt mich; und wenn es misslaenge--es waere das +Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va +banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren +kann. + +"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte +ueber die preussische Armee-Organisation--es ist nicht genug, dass die +franzoesische Armee wohl geruestet sei, sie muss auch in der Tactik und +Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbuertig sein, welche Koenig +Wilhelm und die grossen und genialen Interpreten seines Willens +geschaffen haben, denn wir duerfen niemals vergessen, dass wir es in +diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun +haben wuerden, und diesem Grafen Bismarck gegenueber wuerde kein Villa +Franca moeglich sein." + +"Mir genuegt," sagte Clement Duvernois, "was Eure Majestaet mir so eben +gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste +Zweifel lebt, dann Sire, beschwoere ich Eure Majestaet, das Wuerfelspiel +des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg koennte niemals so grossen Nutzen +bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten wuerde, und +fuer die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa wuerde der +gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem +Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges +sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestaet diesen Weg und bereiten Sie +langsam und vorsichtig eine militairische Aktion fuer die Zukunft vor, +denn nicht immer wird ja diese preussische Militairmacht von dem Geiste +geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird frueher oder +spaeter die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch +das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann." + +Der Kaiser stand auf. + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in +diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich ueberzeugen, dass ich +diesen Ideen gemaess handeln werde und ich hoffe, dass Sie mich mit Ihrer +so gewandten und scharfen Feder unterstuetzen werden. + +"Ich wuensche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Laecheln fort, indem er +Duvernois auf die Schulter klopfte, "dass Sie mir dereinst noch naeher +treten und mir auf hoeherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden." + +Clement Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck +stolzer Befriedigung: + +"Wohin immer Eure Majestaet mich zu stellen fuer gut befinden werden, +meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze +Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehoeren." + +Er zog sich langsam zurueck, verneigte sich an der Thuer noch einmal tief +vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulaechelte und +verliess das Cabinet. + +"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zuruecksinkend--"er +hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkaempfen, sondern zu erhalten; ich +darf das grosse Spiel nicht spielen, zu dem man mich draengen moechte und +zu dem ich," sagte er mit duesterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in +mir fuehle." + +Der Huissier oeffnete die beiden Thuerfluegel und rief: + +"Ihre Majestaet die Kaiserin!" + +Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen. + + + + +Drittes Capitel. + + +Ihre Majestaet die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes +in das Cabinet. + +Das roethlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten ueber ihrer +edlen hochgewoelbten Stirn wie ein natuerliches Diadem zusammengewunden. +Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar +zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre +grossen dunkelblauen Augen flammten in gluehendem Feuer. + +Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und +reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung +ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an +seine Lippen fuehrte. + +"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der +Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und +schoene Gemahlin ansehe, moechte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum +koennen Sie," fuegte er mit einem leicht wehmuethigen Laecheln hinzu, "Ihr +Geheimniss, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat +unvergaengliche Jugend noethiger als ein Regent auf dem Thron dieses +unruhigen Frankreichs." + +"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie +sich in einen Lehnstuhl warf, "dass Sie jene Jugend und Energie +wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich +gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter +fort, "dass man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem +Kaiser spricht, sondern dass Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist, +den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausfuehrlichere +Nachrichten ueber die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der +Stadt stattgefunden? + +"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise +vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populaerer +gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwuehlen und den +Hass gegen die Regierung zu schueren." + +"Ich habe gehoert," erwiderte der Kaiser ruhig, "dass einige Unruhen +stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung +gewesen zu sein; ausfuehrliche Berichte habe ich noch nicht erhalten." + +"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "dass man Ihnen das noch nicht +erzaehlt hat; es scheint, dass in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung +vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen. + +"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzufuehren, statt ihn +einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten +Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Maertyrer-Rolle zu +spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzaehlt, eine sehr +bedenkliche Aufregung." + +Der Kaiser laechelte. + +"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "dass man mir +die Lage und die Ereignisse des Tages zu guenstig darstellt, so scheint +bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenueber scheint man +kleine unbedeutende Dinge zu grossen Erschuetterungen anschwellen zu +lassen. + +"Doch hoeren wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin, +"den genauen Bericht." + +Er trat zu der Portiere, welche die Thuer zu dem Zimmer seines +Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr +Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem +Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn +zurueckgestrichenem Haar in das Cabinet. + +Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem +Kopfnicken seinen Gruss erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede +des Kaisers erwartend. + +"Ist ein genauer Bericht ueber die Ereignisse des gestrigen Abends und +der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon. + +"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestoerungen sind nicht +ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles +beendet." + +"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich +neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte. + +"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der +Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das +dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am +Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die +Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten +gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig +zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um +nach dem Gefaengniss von St. Pelagie gefuehrt zu werden. Die im Innern des +Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgeloest, wobei es zu +heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das +Aufloesungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung +und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue +Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu +Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden +einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville +abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in +der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen +vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der +Praefectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum +Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort +vereitelt. Gegen Mitternacht zogen grosse Haufen von Arbeitern nach der +Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, pluenderten dieselbe und nahmen +ungefaehr dreihundert Revolver und fuenfzig Gewehre mit sich fort. Die +Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen +sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles +beendet." + +"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "dass die Sache ernst ist; wenn man erst +den Anfang hat machen koennen, ungestraft die Gewehrfabriken zu pluendern, +wenn auf diese Weise die Aufruehrer in den Besitz von vortrefflichen +Waffen kommen, so laesst sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine +solche Bewegung annehmen kann." + +Der Kaiser schuettelte mit missmuthigem Ausdruck den Kopf. + +"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, dass man bei der Verhaftung +Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am +Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner +Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine +grosse Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemaess die unruhige +Bewegung ueber ganz Paris verbreiten musste. Schreiben Sie sogleich an +Ollivier und verlangen Sie Auskunft darueber, warum man diesen nach +meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?" + +Pietri verneigte sich. + +"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend, +"dass ich mich ueberhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem +Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch +diesen an sich so unbedeutenden Menschen gross und einflussreich gemacht. +Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich +geist- und witzlose Machwerk waere von selbst untergegangen, wenn man +sich nicht darum gekuemmert haette." + +"So haetten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit +flammenden Augen, "dass elende Pamphletisten nicht nur die Autoritaet der +Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen dass sie es +wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz +zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll +man in dem uebrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die +Macht der kaiserlichen Regierung glauben? + +"Und in der That," fuegte sie bitter hinzu, "man faengt bereits an, diesen +Glauben zu verlieren." + +Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri: + +"Haben Sie die Guete," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen +zu lassen." + +Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung. + +"Sie muessen einen ernsten Entschluss fassen, Louis," sagte die Kaiserin. +"Die Zustaende koennen unmoeglich so weiter bestehen. Es ist eine +Zuegellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen +geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen muessen +und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan +wird." + +"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "dass mit aller Energie +vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist +doch die Autoritaet der Regierung mit leichter Muehe Sieger geblieben." + +"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen +noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem +man nicht mehr Herr ueber die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns +dieser Bewegung gegenueber in der Defensive und das ist eine schlimme +Position; es muss mit einem grossen, gewaltigen und kuehnen Schlage mit dem +Allen ein Ende gemacht werden. Sie muessen die Verhaeltnisse mit fester +und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schluessel zu all dieser +Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--" + +--"Und dieser Schluessel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand ueber +seinen Knebelbart streichend. + +"Er liegt in dem tiefen Gefuehl," rief die Kaiserin, "welches ganz +Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde +erfuellt, dass die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, dass Ihr +persoenliches Prestige in Europa schwer erschuettert ist, ja taeglich von +Neuem verhoehnt wird durch diese taeglich anmassender auftretende +preussische Macht." + +Ein Zug schmerzlicher Ermuedung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er +zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte: + +"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fuegte er mit +einer ganz feinen Nueance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich +verstehen, Ihnen ihre Ideen einzufloessen,--glauben sie denn, dass ich de +but en blanc an die Grenzen marschiren und Preussen den Krieg erklaeren +koennte? Dazu gehoeren doch vor Allem sehr ernste militairische +Vorkehrungen dazu gehoert denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher +ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muss."-- + +"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten +Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt +haben; es ist allerdings ein grosses Unglueck, dass der vortreffliche Niel +gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklaerte er unsere +Armee fuer vollkommen schlagfertig--" + +"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser +ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die +Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Haenden befunden."-- + +"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter, +ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe +ja voellig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie +Frankreichs geschlossen worden und Preussen verletzt taeglich die +Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Daenen ihr +Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen +und in Sueddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; taeglich +werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte +Selbststaendigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur +eine kraeftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schoepfungen von +1866 wieder zu zertruemmern." + +"Sind Sie so genau ueber die Stimmung in Sueddeutschland unterrichtet?" +fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den +Beistand, den wir dort finden koennen." + +"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter, +"ist von tiefem Hass gegen Preussen erfuellt und wenn Frankreich fuer die +genaue Erfuellung des Prager Friedens eintreten wuerde, so wuerden alle +jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit +Napoleons I. maechtig sind, Frankreich als seinen Retter begruessen." + +Der Kaiser schuettelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke +in Gedanken versunken, waehrend die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig +ansah. + +"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "dass eine geschickte Behandlung der +Verhaeltnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten +Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden laesst +das deutsche Nationalgefuehl auf die Seite unserer Gegner zu bringen. +Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwaegung, da wir vor Allem +vermeiden muessen, vor den Augen des uebrigen Europa als die Stoerer des +Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt +nicht der geeignete Augenblick." + +"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren +Unruhen immer uebermaechtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt +sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus +den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"-- + +"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren +Gedankengange folgend--"muss ich mit Maennern umgeben sein, welche den +Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen gross aufschlagend und +seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, dass Daru der geeignete +Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie +Ollivier fuer geeignet, den Krieg im Lande selbst populaer zu +machen--diese Maenner der parlamentarischen Doctrin, deren +Lebensbedingung der Friede quand meme ist?"-- + +"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswaertiger Minister? +Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben +sich, der, obgleich er den Namen des grossen Kaisers traegt, doch keinen +von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen +Frankreichs erfuellen muessen. + +"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Laecheln von +unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche +Reden voll Eloquenz und Begeisterung fuer den Krieg halten, wenn Sie ihn +nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir ueberlassen wollen, +und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch +ganz Frankreich ueberzeugen, dass der Krieg eine Nothwendigkeit ist." + +"Und wenn Graf Daru abtraete?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an +seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kuehnheit hat, +eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen, +um Frankreich mit sich fortzureissen?" + +"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "dass ein solcher Mann nicht zu schwer +zu finden sein wuerde; ich wuerde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein +und Sie haben ja selbst schon frueher an Denjenigen gedacht, welcher mir +im Sinne liegt--" + +Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinueber. + +"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung, +dass nur ein grosser nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut +machen und Frankreich wiederum auf seine alte Hoehe heben kann. Grammont +kennt auf das Genaueste die Verhaeltnisse in Oesterreich, der einzigen +Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen +koennen; Grammont ist aufrichtig und ohne Rueckhalt dem Kaiserreich und +unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande, +da er mit allen grossen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknuepft ist. +Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie +Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird +sich von selbst machen." + +"Sie koennten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick +vollstaendig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen +Sie mich darueber nachdenken--" + +"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu +lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend, +indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zaertlichen +Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, dass es sich nicht nur +um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern dass auch die Zukunft +unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee, +diese edle franzoesische Armee ist unsere einzige Stuetze wie sie einst +die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden ueber +die lange Unthaetigkeit, ueber die untergeordnete Stellung, zu welcher das +militairische Frankreich in Europa herabgedrueckt wird. Unser Kind ist +der Armee noch fremd, aber er ist gross genug, um in einem nationalen +Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen. + +"Denken Sie, dass die franzoesische Armee in grossen, siegreichen +Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, dass sein Name sich +verknuepft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem +ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern, +kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu +machen, das Sie fuer ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen +haben." + +Der Kaiser drueckte seine Lippen auf die marmorweisse Stirn seiner +Gemahlin und strich langsam mit der Hand ueber ihr weiches, +goldschimmerndes Haar.-- + +"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "dass Sie in meine +alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend giessen. Lassen Sie +mich alle Fragen der Situation ruhig pruefen und ueberlegen und glauben +Sie, dass der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzuendet, nicht +erloeschen wird." + +Sie lehnte den schoenen Kopf an seine Schulter und blieb einige +Augenblicke schweigend neben ihm stehen. + +"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die +Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, dass ich im Alter gelernt +habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fuerchten--ich will festen +Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, dass +ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe." + +"Ich weiss es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drueckend, "dass +die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, dass es +mir vergoennt sein moege, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern +lorbeergekroent zurueckkehren zu sehen." + +Der Kaiser geleitete sie bis zur Thuere und kuesste sie nochmals innig auf +die Stirn. + +"Meine Gemahlin moechte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es +scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte, +langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der +eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er wuerde auch den +Krieg predigen, wie er schliesslich Alles vertheidigen wuerde, was ihm +Gelegenheit giebt eine schoene Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und +seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch +Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und +ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberflaeche der +Dinge. Es ist ihm unmoeglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der +Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier wuerden den Krieg machen, +das ist wahr.--Sie wuerden auch in einem augenblicklichen Elan den +Nationalgeist mit sich fortreissen. Aber wohin wuerde dieser Krieg fuehren? +Wuerden jene Maenner im Stande sein, im Falle des Ungluecks den Widerstand +zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?-- + +"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich +die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht +ein.--Sie wird freilich taeglich naeher an mich herantreten," sprach er +seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht koennen. Dann aber soll +wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen +Haenden liegen.-- + +"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse +Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken, +"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es +versteht das durchzufuehren, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich +weiss es. Aber auf persoenliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin +kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des +Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend." + +Er bewegte die Glocke. + +"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden +Kammerdiener.--"Grosse Attelage, offene Kalesche! Ist der General Fave +da?" + +"Der General wartet im Vorzimmer." + +"Fuehren Sie ihn herein!" + +Der Kammerdiener oeffnete die Thuer. + +Der General Fave im schwarzen Morgenanzuge trat ein. + +Der Kaiser liess sich seinen Hut und einen warm gefuetterten Morgenanzug +reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des +Generals stuetzend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem +schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges. + +Langsam und etwas schwerfaellig mit leichtem schmerzlichem Zucken in +seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig +nieder. + +General Fave nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran +und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der +Tuilerien. + +Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche +gekommen war, befahl er langsam zu fahren. + +Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen +Gespanns im Schritt ueber die Mitte der grossen Boulevards hin, waehrend +die Piqueurs etwa dreissig Schritt vorausrittten. Die Voruebergehenden +blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen +Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Naehe des Kaisers. Die +sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten +die Herandraengenden zurueckweisen. + +"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich +den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Laecheln begruesste. + +Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit +lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruss. + +Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des +kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut +schallendem Ton: + +"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den +Meuterern!" + +Diese Rufe wiederholten sich weit hin ueber die Boulevards. + +Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von +einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der +Hand und freundlichem Kopfnicken gruessend. + +"Sehen Sie," sagte er laechelnd, sich zum General Fave wendend, "alle +diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit +einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute gruessen +mich und rufen mir ihre Anhaenglichkeit und Treue entgegen. Man muss +diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er +sofort seine grossen und gefaehrlichen Dimensionen." + +Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen. + +"Nach Belleville!" rief Napoleon. + +Er gruesste noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze +versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltoenendes "Vive l'Empereur!" +aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden +Bevoelkerung der Residenz bewohnten Gegenden. + +"Fuerchten Eure Majestaet nicht," sagte der General Fave, "dass in jenem +unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen waere? +Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fuegte er mit +etwas aengstlicher Miene hinzu. + +"Wer die Gefahr fuerchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser, +stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt +machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muss erkennen, dass +ich mich noch als seinen Herrn fuehle." + +Man war in Belleville angekommen. + +Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis +zerstoerte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht. +Wenige Menschen gingen auf der Strasse, an den Thueren der Haeuser standen +meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage +nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit +verworrenem Haar und struppigen Baerten, welche ihre duestern Blicke mit +dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles +verhielt sich schweigend, kein gruessender Ruf ertoente, aber auch kein +Laut feindlicher Kundgebung liess sich hoeren. + +Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen +genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht +von sergeants de ville beschaeftigt, die Truemmer derselben hinweg zu +raeumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen +Fiakern und Asphaltstuecken des Trottoirs bestanden. + +Der Kaiser liess halten. + +An den Fenstern des naechsten Hauses erschienen in grosser Anzahl jene +duesteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten +glaenzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgaehrenden +Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte +den Fuehrer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an +den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der +naechtlichen Vorgaenge, dann liess er den Blick ueber die Fenster +hinschweifen. + +Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Strasse stehen geblieben. +Napoleon gruesste artig mit der Hand hinueber, aber kein Ruf antwortete +ihm. Alle diese Maenner und Frauen blickten finster und unbeweglich vor +sich hin. + +"Vorwaerts!" befahl Napoleon. + +Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen ueber die noch +nicht ganz fortgeraeumten Truemmer der Barrikaden. + +Da ertoente aus einem der umliegenden Haeuser wie aus der Luft herklingend +eine tiefe, rauhe und heiser toenende Stimme. + +"Fahre hin, blutiger Caesar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich +vor dem Richterstuhl der Geschichte!" + +Der Kaiser zuckte zusammen. + +"Halt!" rief er. + +Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den +Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Strasse standen starr +und still. Niemand schien die Worte gehoert zu haben, welche eben so +schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser liess den brennenden Blick +seiner grossen duester aufleuchtenden Augen rings umher schweifen. + +Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite +hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen. + +"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und +ruhig. + +Dann legte er sich in den Wagen zurueck, blickte einige Minuten auf die +Truemmer der Barrikaden, gruesste nochmals mit wuerdiger Handbewegung die an +der Seite der Strasse stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu +fahren. + +Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser ueber die aeussern +Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue Francois premier. An +der Ecke dieser Strasse hielt der Kutscher, welcher von dem General Fave +seine Instructionen erhalten hatte, vor einem grossen Hause die Pferde +an. + +Das Thor des Hauses oeffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten +dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens. + +"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser. + +"Zu Befehl, Sire." + +Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestuetzt, durch +das grosse Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an +dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fuenf Stufen in das +Innere des Hotels fuehrte. + +In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der fruehere +langjaehrige Minister der auswaertigen Angelegenheiten, jetziger Senator +und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt +war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfaelliger geworden; sein +kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiss, aber der Ausdruck +und die Farbe seines kraeftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten +noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren, +grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken +Augenbrauen hervor. + +Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit wuerdevoller Ruhe vor dem Kaiser +und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme: + +"Ich bitte um Verzeihung, Sire, dass ich Eure Majestaet nicht schon am +Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so +vollstaendig ueberrascht, dass ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu +eilen." + +"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte +der Kaiser, seinem fruehern Minister die Hand reichend, die dieser +ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muss +ich wohl zu Ihnen kommen." + +Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten. + +Sie traten in den grossen Empfangssalon. + +"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestaet +zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschaeftigt." + +"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren. +Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich moechte ein wenig mit Ihnen +plaudern. Der General wird die Guete haben mich hier zu erwarten." + +Drouyn de L'huys verneigte sich und fuehrte den Kaiser durch ein kleines +Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhaenge von +dunkelgruener Seide zur Haelfte verhuellt waren und dessen ganze +Ausstattung in einem grossen Tisch von Eichenholz, einigen grossen +Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken, +Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schoen +gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer. + +Napoleon legte seinen Ueberrock ab und liess sich, indem er froestelnd +zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder. + +Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete +schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in +sinnendem Nachdenken auf die zuengelnde Flamme blickte. + +"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon +endlich, indem er, wie einen raschen Entschluss fassend, sofort auf den +Gegenstand einging, der seine Gedanken beschaeftigte,--"die Lage ist +ernst, und ich muss darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fuegte er +halb scherzend, halb wehmuethig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen +und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer aelter und bevor ich aus +diesem irdischen Leben scheide, muss ich meine Angelegenheiten ordnen und +mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange +der Hueter dieses Hauses gewesen, dass ich in dem ernsten Augenblick, in +dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als +bei Ihnen." + +Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts +zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zuegen lag nur die ehrerbietige +Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen wuerde, aber keine +Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen. + +"Sie haben," sagte der Kaiser zoegernd und eine leichte Verlegenheit +ueberwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und +begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, dass ich den +Thatsachen gegenueber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von +Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung +der neuen preussischen Macht zu verhindern oder fuer Frankreich diejenigen +Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt haetten, +auch jener Macht gegenueber unsere Stellung zu behaupten." + +Drouyn de L'huys neigte betaetigend das Haupt. + +"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "dass jene Ansicht, welche auch +heute noch die meinige ist, damals unausfuehrbar war, weil Eurer Majestaet +Marschaelle erklaerten, dass eine militairische Action in jenem Augenblick +unmoeglich oder hoechst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der +Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "dass damals eine wirklich +militairische Action garnicht moeglich geworden waere, dass die +franzoesischen Fahnen am Rhein allein genuegt haetten, um unmittelbare +Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man spaeter, nachdem der +Frieden von Prag geschlossen war, so schnoede zurueckgewiesen hat." + +"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von +den Geschaeften zurueckgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten +konnte. Sie zuernen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich +damals Unrecht gehabt."-- + +"Ich wage nicht, Eurer Majestaet Handlungen zu beurtheilen," erwiderte +Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestaet zu zuernen, weil +Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestaet +wissen auch, dass ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik, +die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Dass ich mich +damals zurueckgezogen habe, dass ich mich seither von dem politischen +Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestaet natuerlich finden und +mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen." + +"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschuettert ist," sagte Napoleon, +"sehen Sie daraus, dass ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren +Rath zu hoeren,--den Rath eines Freundes, eines bewaehrten Freundes, eines +der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief +seufzend--"denn ich habe viel verloren." + +"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestaet auf +denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen, +und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und +Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er fuer die Wahrheit haelt, +sagen, als es Ihr Minister gethan hat." + +"Irgend ein grosser Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die +Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler +machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht +verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Laecheln zu +Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an +mich zu ueberzeugen, dass es weit besser gewesen waere, damals Ihrem Rath +zu folgen. Doch moechte ich nicht die zweite groessere Schuld auf mich +laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie +dies geschehen koenne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen," +fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des +Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene +Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die +Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht +verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persoenlichen Einfluss. Von allen +Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, dass man Recht hat, dass +die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem +geschwaechten Einfluss Frankreichs nach Aussen hin liege. Alles draengt mich +den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen +und dasjenige wieder zu zerstoeren, was man vielleicht besser damals +garnicht haette entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen, +bedarf ich ausser der Tuechtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie +man mich versichert, auch Maenner von festem, klaren und entschlossenem +Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und waehrend +der Ereignisse die Zuegel der Politik in starker Hand halten. Sollte es +zum Kampf kommen, so muss ich und werde ich persoenlich bei der Armee +sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon fuehrt, muss da sein, wo die +Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden. +Ich wuerde die Kaiserin als Regentin in Paris zuruecklassen muessen, dann +aber waere es vor Allem nothwendig, dass neben ihr ein Mann staende von +erprobter Treue, von erprobter Geschaeftskenntniss, ein Mann, welchem die +europaeischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen, +und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das franzoesische +Volk aufblickt. Ich wuesste keinen bessern Mann dafuer als Sie, mein lieber +Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle +Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es fuer nothwendig und fuer klug finden, +jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir +entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall +mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?" + +Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder, +dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck +lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und +langsam, jedes Wort scharf betonend: + +"Eure Majestaet haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche +nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort, +"dass ich den Fehler, den die franzoesische Politik im Jahre 1866 gemacht +hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel, +der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwaertig +befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute +oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muss ich ernstlich +zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen +darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell +anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet +spaeter in der allgemeinen Missachtung die Folgen seiner Unschluessigkeit. +Aber gewiss kann er sie dadurch nicht gut machen, dass er irgend eine +Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Fuer uns ist in diesem +Augenblick eine richtige, einer grossen Nation wuerdige Veranlassung zum +Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veraenderungen, welche der Krieg +von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager +Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen +Abschluss mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur +die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da ueber +den Wortlaut desselben hinausgehen, fuer Frankreich kann darin gewiss kein +Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den +man heute mit dem Einsatz aller Kraefte und der ganzen Machtstellung des +Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine +einfache militairische Demonstration haette vermieden werden koennen.-- + +"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und +verwundert anblickte, "ich sage nicht, dass der Conflict zwischen dem +sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht +frueher oder spaeter kommen muesse. Heute aber ist er noch in keiner Weise +reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs +sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es +sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht franzoesische. Frankreich +ist weder der vertragschliessende Theil, noch garantirende Macht bei dem +Prager Frieden. Geht Preussen ueber die Schranken hinweg, welche es sich +selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muss es zunaechst die Sache +Oesterreichs und der Sueddeutschen Staaten, das heisst, der in jenem Krieg +Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage +so gestellt wird, wenn die Sueddeutschen Staaten ihre Unabhaengigkeit +gegen Preussen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner +Verbuendeten die strenge Aufrechthaltung der Vertraege fordert, dann kann +Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstuetzen und als +Verbuendeter der deutschen Staaten, als Verbuendeter Oesterreichs gegen +Preussen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, dass das deutsche +Nationalgefuehl sich nicht als ein maechtiger Verbuendeter des Berliner +Cabinets uns gegenueberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir +noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er laechelnd, "obgleich ich +mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter +Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein +Zeichen bemerkt, dass die Sueddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur +geneigt waeren, einen energischen Widerstand gegen Preussen zu machen." + +"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen +Kreisen vielfache Sympathien fuer Frankreich laut. Man erwartet von uns +Huelfe und Beistand." + +"Um Huelfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muss +man zunaechst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestaet nicht genug +wiederholen, dass die hoechste Gefahr in einem Krieg gegen Preussen darin +liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich +um eine franzoesische Frage. Moegen die Herren in Muenchen und in Stuttgart +statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, moegen sie fest und +frei auftreten, moegen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken +Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in +welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese +ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden +Conflict zu endlicher Loesung zu bringen, das heisst auch dann nur in dem +Fall, dass Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen +ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland +wieder aufzunehmen." + +"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, dass +Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluss fassen +und ausfuehren wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der +Grundgedanke der oesterreichischen Regierung immer der, die deutsche +Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich +betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne dass darueber etwas +Bestimmtes stipulirt ist, fuer gesichert." + +"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und +kalt, "das Vertrauen Eurer Majestaet zu theilen. Selbst da, wo bestimmte +Vertraege vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen. +Gegenwaertig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann, +nicht einmal irgend eine fassbare Verhandlung zu existiren. Oder +verzeihen Eure Majestaet meine indiscrete Frage, die durch Ihre +vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben +irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen +Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?" + +"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit, +"indessen die Bestimmung, die ich selbst persoenlich bei dem Kaiser Franz +Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche +Grammont ueber die dortigen Verhaeltnisse macht, lassen mich an einer +activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort, +"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben +aussprachen--dringend zu wuenschen, dass der Kriegsfall nicht aus einer +deutschen Frage genommen werde, da es fuer Oesterreich schwer sein wuerde, +in einer solchen eine diplomatische Handhabe fuer seine Aktion zu +finden, nachdem es in seine voellige Ausschliessung aus Deutschland +eingewilligt hat." + +Ein leichtes hoehnisches, fast mitleidiges Laecheln glitt ueber Drouyn de +L'huys' ernste Zuege. + +"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in +der oesterreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der +vollstaendige cercle vitieux, das heisst mit andern Worten klar und ohne +Rueckhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen +das siegreiche Preussen niederwerfen, und dann will Oesterreich die grosse +Gnade haben, mit uns die Fruechte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire," +rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich +in diesem Augenblick keinen Krieg fuehren! Wir muessen feste und starke +Alliirte haben! Wir muessen des energischen Vorgehens der Sueddeutschen +Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und +bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiss +sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich +kommen mir vor wie das Verhaeltniss eines Herrn zu einer Dame, der ihr die +Cour macht, ihr Bouquets ueberreicht, ihr die Taschentuecher aufhebt, aber +niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste +entscheidende Action beginnen, so muss vor allen Dingen mit Oesterreich +eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance +allein kann verhindern, dass die ganze, so ungeheuer angewachsene +preussische Militaermacht sich in maechtig concentrirten Vorstoessen ueber den +Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande, +auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiss jede Verwickelung +Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluss +auf der pyrenaeischen Halbinsel zu zerstoeren und Eurer Majestaet Regierung +die maechtige Stuetze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus +bietet." + +"Und wuerden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst +zugehoert hatte und auf den die Worte seines frueheren Ministers einen +tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die franzoesische Politik +nach den Grundsaetzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten +und die grosse Action nachdruecklich vorzubereiten, welche uns wieder auf +die alte Hoehe zurueckfuehren soll?" + +"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer +Majestaet und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in +diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen +Krieg zu denken. Ich wuerde Eurer Majestaet rathen, zuerst die +Verhaeltnisse im Innern zur vollstaendigen Abklaerung zu bringen. Denn ich +muss Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, dass so wie die Dinge +jetzt liegen, auch ein nur voruebergehender Misserfolg unserer Armee die +bedenklichste und gefaehrlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen +kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen +Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das +Aeusserste zu wagen." + +"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in +der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner +militairischen Hoehe. Man sagt mir allgemein, dass die Nation den Krieg +will, und dass ein grosser nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der +Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "dass Diejenigen, die dies Eurer +Majestaet sagen, sich taeuschen. Ich habe seit meinem Ruecktritt von den +Geschaeften meine Musse mit dem Studium der oeconomischen Verhaeltnisse +ausgefuellt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Praesidenten der +grossen Gesellschaft der Landwirthe zu erwaehlen, welche sich ueber ganz +Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen +gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Praesident der +Gesellschaft, welche die grossen Grundbesitzer, wie die kleinen +laendlichen Eigentuemer und die Bauern umfasst. Ich hatte Gelegenheit wie +aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der +Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestaet +meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, dass das ganze Land, d.h. das +Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf +lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise +Massregeln Eurer Majestaet eroeffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem +Fluss zu bringen. Wuerde eine grosse Verwickelung in Deutschland entstehen, +wuerde die unterdrueckte Bevoelkerung der Sueddeutschen Staaten, wuerde +Oesterreich die Huelfe Frankreichs gegen Verletzungen der oeffentlichen +Vertraege anrufen, so wuerde es allerdings die Nation als eine Ehrensache +betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf +einzutreten. Wuerde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren, +ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfaelle eines +Krieges stuerzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste +Ueberzeugung aus, dann wuerde man vielleicht einiges chauvinistisches +Geschrei auf den Boulevards hoeren, aber die ganze grosse Bevoelkerung des +Landes wuerde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiss und Arbeit erworbenen +Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes +preisgegeben sehen." + +Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem +Schnurrbart. + +"Sie meinen also, dass die Consolidirung der innern Verhaeltnisse einer +Action nach Aussen vorhergehen muesse?" fragte er. + +"Ebenso gewiss," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem +Vorgehen an den Rueckzug denken muss. Eure Majestaet muessen sicher sein," +sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kuehne +Aufrichtigkeit--dass Sie nach einer immerhin moeglichen Niederlage noch +Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten koennen." + +Der Kaiser oeffnete weit die Augen. Ein eigenthuemlich durchdringender +Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann +beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinueber, reichte ihm +die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme. + +"Ich danke Ihnen fuer dieses Wort, ich habe mich nicht getaeuscht, als ich +im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit +gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde +geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, dass die in's +Schwanken gekommenen inneren Verhaeltnisse wieder befestigt werden +muessten, so haben Sie auch gewiss Ihre bestimmte Ansicht darueber, in +welcher Weise dies geschehen koennte.--Sie haben mir selbst," fuhr er +nach einer kleinen Pause fort, "frueher den Rath gegeben, den +kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien +Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es +will, dass mein Sohn im fruehen Juenglingsalter zur Herrschaft berufen +werde, diese Institutionen seinen Thron schuetzend umringen. Sie sehen, +dass ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt +Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe +hervorgerufen." + +"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestaet hierbei einen Fehler +gemacht haben. Das heisst," schaltete er, sich verneigend ein, "nach +meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen +befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in aehnlichen +Verhaeltnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche +Folgen gehabt hat." + +"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stuetzend +und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinueber neigend. + +"Eure Majestaet haben liberale Institutionen durch liberale Personen +einfuehren lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen, +welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der +niemals selbststaendig und fest handelt, sondern immer nach rechts und +links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen oeffentlichen Meinung +in jedem Augenblick am meisten zusagen moechte. Es ist aber," fuhr er +fort, "eine alte Regel der Staatskunst, dass man liberale Institutionen +immer durch sehr feste und energische Maenner einfuehren lassen muss, durch +Maenner, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor +Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der +freiern Bewegung die Zuegel nicht aus den Haenden verliert,--ebenso wie es +auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder +gar reactionaire Massregeln stets durch Persoenlichkeiten ausfuehren zu +lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Massregeln das +oeffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher +nicht, wie Eurer Majestaet bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube +ich, dass er der richtige Mann gewesen waere, um die freiere Bewegung zu +inauguriren, welche Eure Majestaet dem Staatsleben haben geben +wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fuegte er mit leichtem Laecheln hinzu, +"ganz der Mann sein wuerde, um etwa nothwendig werdende strenge Massregeln +durch ihn durchfuehren zu lassen." + +Der Kaiser hatte mit aeusserster Aufmerksamkeit zugehoert. + +"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch +darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht, +betritt man eine schiefe Ebene, und es gehoeren starke Kraefte dazu, um +dem zu schnellen Hingleiten nach der abschuessigen Bahn sich entgegen zu +stemmen.--Die Maenner aber, in deren Haenden gegenwaertig die Gewalt der +Regierung liegt, haben diese Kraefte nicht. + +"Sie meinen also," fuhr er fort, "dass um die freieren Grundsaetze ohne +Schaden fuer die Nationalitaet in das oeffentliche Leben hineinwachsen zu +lassen--" + +"Andere Maenner noethig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar +Maenner, welche die oeffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr +folgen." + +"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den +neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit +auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten +Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man koennte dadurch mit +einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben +herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des oeffentlichen +Lebens geworden ist." + +Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Zuege +des Kaisers. + +"Und Sire," fragte er, "wie wuerde sich Graf Daru, wie wuerde sich Herr +Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?" + +"Das weiss ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend +fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der franzoesischen Nation mehr +als an Daru und Buffet." + +Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verstaendnisses den Kopf. + +"Und Ollivier?" fragte er dann. + +"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die +ganze Sache in seine Haende legen. Seine frueheren parlamentarischen +Stuetzen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die +Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und +festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurueckzuziehen." + +"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer +Majestaet entnehmen zu duerfen, dass Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden, +den ich unter den augenblicklichen Verhaeltnissen nur als den richtigen +anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel +erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen +Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schuetzen, so +ist es gewiss richtig, diese Massregeln durch Ollivier vorbereiten und +ausfuehren zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner +Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zuegel der Regierung in festere +und kraeftigere Haende zu legen, wobei indess Herr Ollivier, der so +unendlich leitungsfaehig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire, +wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an +eine wohl ueberlegte und verstaendige Vorbereitung einer grossen +militairischen Action wird denken koennen, welche die Consequenzen des +Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein moechte." + +Der Kaiser erhob sich. + +"Und dann," sagte er, "duerfte ich auch darauf rechnen, dass mir Ihre +Unterstuetzung nicht fehlen wird." + +"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick +bereit sein, Eurer Majestaet meine Ideen, ueber welche ich reiflich +nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie +dieselben acceptiren, auszufuehren." + +"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich +verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an +guten Gedanken und Entschluessen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys +meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht +derangiren, denn ich moechte sogleich nach den Tuilerien zurueckkehren, um +meine Entschluesse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur +Ausfuehrung zu bringen." + +Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg +mit dem General Fave ein und fuhr durch die Champs Elyses nach den +Tuilerien zurueck. + + + + +Viertes Capitel. + + +In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstrasse +sassen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerueckten +Abendstunde eines dunklen und stuermischen Februartages zwei alte Herren +in bequemen Lehnstuehlen neben einem grossen Tisch, der durch eine hohe +Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde. + +Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck +seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle +Eigenthuemlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende +graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmaessig zugestutzt, +und das bleiche kraenkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas +zurueckhaltenden und fast dienstlich gleichmaessigen Ausdruck, welcher den +preussischen Officieren eigenthuemlich ist. Die dunklen Augen blickten +scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er sass grade +aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus +der grossen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand +hielt. + +Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Buechenfeld, welcher seit +einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen +hatte und in sehr einschraenkten Verhaeltnissen von seinem kleinen +Vermoegen und seiner Pension lebte. + +Neben ihm sass der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein grosser +Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des +Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein grosses Haus +zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz +bewegte. + +Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollstaendige +Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme +Eleganz, welche das Bewusstsein einer unabhaengigen Lebensstellung +verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten, +wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war +fast kahl, und der Blick seiner grossen blauen Augen war zwar nicht ohne +Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstaende, auf die er +sich richtete, nur leicht und oberflaechlich zu streifen, und liess +Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich +wirklich mit den Gegenstaenden der Unterhaltungen beschaeftigte oder ob +seine Gedanken anderswo weilten. + +Herr von Rantow sass bequem zurueckgelehnt in seinem Fauteuil und spielte +leicht mit den Fingern seiner vollen weissen Hand auf der Lehne +desselben. + +"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit +einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk fuer dies +Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die +Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fuegte er seufzend +hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner +Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein +Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthaetigkeit fehlt mir +ueberall, und mich dem geselligen Leben anzuschliessen, dazu bin ich mit +der Zeit zu steif und schwerfaellig geworden." + +"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der +Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben, +wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann +kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die +Bewegung im Freien Deine Kraefte wieder staerken." + +"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt. +"Das ist mir unendlich erfreulich," fuegte er hinzu, "doch begreife ich +nicht, dass Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner +Wirthschaft entziehst." + +"Ich habe einen sehr tuechtigen Verwalter," erwiderte der Baron von +Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich +in die Ferne zu richten schien, "Du weisst, mein Sohn ist in seinem +Staatsexamen begriffen, ich moechte das Resultat abwarten, um ihn dann +gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald +zuruecktreten, und ich wuensche, dass mein Sohn sich um diese Stelle +bewerben moege;--wenn er dereinst meine Besitzungen uebernimmt, so ist es +sehr gut fuer ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine +angenehme und nuetzliche Thaetigkeit, bedeutenden Einfluss und vielleicht +die Aussicht auf eine grosse Carriere zu schaffen." + +"Du bist gluecklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas +wehmuethigem Ton, "dass Du Deinem Sohn eine solche Perspective eroeffnen +kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich +hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren +Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichfoermige und wenig froehliche +Bahn. Man zehrt seine Kraefte im Dienst auf und dann bringt man sein +Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin. +Haette ich es mir recht ueberlegt oder waere meine Frau am Leben +geblieben,--vielleicht waere es anders geworden. Sie wollte immer, dass +unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der +Hand ueber die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge +hatte immer so grosse Freude an den Knoepfen der Uniform und den +Epauletten und bat so dringend, dass er auch des Koenigs Rock tragen +duerfe, dass ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muss +den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, dass er mehr Glueck und Freude auf +demselben finden moege, als mir zu Theil geworden ist." + +"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck +phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgueltigkeit auf seinem Gesicht +einen Augenblick von einem waermeren Gefuehl verdraengt wurde, "Du darfst +nicht vergessen, dass das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und +einfoermigen Gang dafuer aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen +verschont bleibt, die uns treffen und dass es doch auch schoen ist," fuegte +er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drueckend, "sich zuletzt sagen zu +koennen, dass man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfuellt hat." + +"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend, +"das ist Alles ganz schoen, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das +Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfuellung +und Entbehrung gebracht hat?" + +"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen +nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschraenkten Zeit eines +Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kraefte und Arbeit im +militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied fuer Glied, Kette +fuer Kette jene grosse gewaltige Macht, die Armee, die in den +entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und fuer +alle die Ideen, welche die geistige Thaetigkeit erzeugt und entwickelt +hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den +fuenfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofuer sie ihre Kraefte +anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese +Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein +alter Freund, gehoerst zu den Gluecklichen, denn Du hast jenes Jahr noch +mit erlebt und mit durchgekaempft. Du wenigstens weisst, wofuer Du gestrebt +und gearbeitet hast." + +"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich laechelnd den +Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige +Stein in einem grossen Bau nicht bemerkt, er gehoert doch auch mit zum +Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, dass er seinen Platz ausfuellt. +Ich wuensche nur, dass mein Sohn keine fuenfzig Friedensjahre vor sich +haben moege." + +"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem +leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja +in dieser Zeit eigentlich fortwaehrend zwischen Krieg und Frieden, und in +den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der +andern Seite des Rheins herueber. Frueher oder spaeter muessen alle +Conflicte, welche 1866 noch ungeloest geblieben, doch endlich wieder zum +Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fuegte er hinzu, +"ich bin in verschiedenen grossen Unternehmungen begriffen, welche einen +vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich moechte einige neue Industrieen +auf meinen Besitzungen einfuehren, welche dazu vortreffliche Gelegenheit +bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die +Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen, +brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fuegte er laechelnd +hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten." + +Der Oberstlieutenant schuettelte langsam den Kopf und blickte halb +verwundert, halb missbilligend zu seinem Freunde hinueber. + +"Du willst Consortien gruenden?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen +Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf +Deinen alten Besitzungen einzufuehren?--Nimm es mir nicht uebel, alter +Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung +eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schoen und +in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glaenzende +Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast +nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir +gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es vertraegt sich +nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit +dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu haeufen. +Und ausserdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet +werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie +werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein +koennen, wenn uns ueberhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine +Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine +Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe." + +"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von +Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde +hinueberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt +beherrscht, ebenso wie es frueher die koerperliche Ueberlegenheit in den +ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will, +so muss er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Haende bringen. +Sieh die grosse Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Hoehe +geblieben? Nur dadurch, dass sie es immer verstanden hat, ihren Besitz +nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit +gemaess fortwaehrend zu vergroessern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an +seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir +zugeben, dass auf die Dauer keine Familie sich auf der Hoehe ihrer +Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbeduerfnissen entsprechenden +Besitzes zu erhalten im Stande ist." + +Wieder schuettelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf. + +"Der Besitz ist eine schoene Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht +allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich moechte fast +der Meinung sein, dass die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen +erhaelt, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden +zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Geluebde der Armuth ablegen +mussten." + +"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow +laechelnd. Dann fuegte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine +Kinder, fuer die sie sorgen mussten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich haette +nur einen Sohn und er haette fuer sein Leben genug an dem, was ich +besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen +haben. Und ich moechte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz +den Kopf emporrichtend, "dass auch spaeter Jeder, der den Namen Rantow +fuehrt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn +ich nun sehe, dass durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz +sich vier- bis fuenfmal vergroessern kann, sollte ich da unthaetig bleiben, +ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen +entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast fuer verpflichtet halten +muss?" + +"Wir werden uns nicht darueber verstaendigen," sagte der Oberstlieutenant. +"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "wuerde mich niemals +mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen." + +Das Gespraech der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der +Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer +starken Fuelle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm +geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren +frueherer grosser Schoenheit zeigte. + +Die Dame begruesste den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas +altmodischen Hoeflichkeit die Hand kuesste, herzlich und nahm auf einem +breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter +Hauslivree das Theegeschirr aufstellte. + +"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es +wird eine sehr grosse Gesellschaft sich ueber uns bei dem Herrn +Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem +leichten Laecheln fort, "dass man Alles aufgeboten hat, um ein recht +grossartiges Fest zu geben." + +"Wir werden die Nacht recht gestoert werden," sagte der Baron, "von dem +Laerm ueber unsern Koepfen. Nun," fuegte er achselzuckend hinzu, "das ist +immer noch besser, als wenn wir haetten hingehen muessen. Ich bin einen +ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause +geblieben, um mein Unwohlsein recht natuerlich vorzustellen, damit ich +nicht genoethigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich +zwischen emporgekommenen Boersenspeculanten und einzelnen +heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet." + +"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen +Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung +der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Ruecksichten auf sie zu +nehmen." + +"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar +recht grosse Ruecksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu +nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien +zusammenbringen soll, und der mit grossem Eifer dabei ist, mir diese +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise +verletzen, ich nehme auch fortwaehrend die aeusserste Ruecksicht auf +ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu +viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich +will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen," +fuhr er laechelnd fort, "dass mein Sohn dem Fraeulein Cohnheim den Hof +macht, was er ausserdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn +Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schoenheit, dabei sehr +gut erzogen und sehr fein gebildet." + +"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn +nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf +setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte." + +"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines +Sessels trommelnd, "das waere eine Sache, die sich ueberlegen liesse. Herr +Cohnheim ist sehr reich, sein Vermoegen waechst taeglich und stuendlich. Er +wird nach kurzer Zeit sich auf die Hoehe der ersten Matadore der +Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den +einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch +Heirathen zu grossem Glanz gebracht,--die Sache wuerde sich vielleicht +arrangiren lassen." + +"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der +Oberstlieutenant. "Ich fuer meinen Theil, so arm ich bin, wuerde doch +wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, dass mein Sohn sich durch eine +Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf +meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch waere mir jedes +Maedchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter +zufuehrte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die +Gesellschaft durch ihre unnatuerlichen Speculation aussaugen, denen jedes +Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhaeufen, mit diesen +Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu +wuerde ich niemals meine Zustimmung geben." + +"Nun, lieber Buechenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich laechelnd, +indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie +sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als +er Sie glauben machen moechte. Hueten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit +dem Finger drohend fort, "dass Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsaetzen nicht +in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzaehlt hat, seit er hier +zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance +sehr fleissig und amuesirt sich sehr gut dort. Er wird gewiss auch heute +hier beim Commerzienrath sein in gefaehrlicher Naehe der schoenen Augen des +Fraeulein Cohnheim." + +"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich +amuesirt, doch bin ich vollkommen sicher, dass er an keine ernsthafte +Liaison denkt, und dass er die Grundsaetze, die ich vorhin ausgesprochen +habe, vollkommen mit mir theilt." + +Er nahm einen kraeftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu +der Baronin von Rantow mit einer gleichgueltigen Frage, welche die +Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gespraechsthema nicht weiter zu +behandeln. + +Inzwischen hoerte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern +vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der +schwerfaellig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage ueber der +Wohnung des Barons liess sich das Geraeusch zahlreicher Schritte und das +dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hoeren. + +Die weiten eleganten Raeume des obern Stockwerks, welche der +Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch +nicht geschmackloser, so doch etwas ueberladener Pracht ausgestattet +waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die +Fenster waren ueberall durch schwere seidene Vorhaenge verdeckt, der +ziemlich grosse Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den +Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemaelde an den +Waenden waren durch darueber angebrachte Schirmlampen in das moeglichst +beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, dass der +Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besass, grosse +Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch +guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Dass ueberall ein kleines +Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des +wirklich vornehmen Geschmacks ueberschritt oder hinter derselben +zurueckblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher +nach einem letzten Blick ueber die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in +den ersten Salon begab, um die Gaeste zu empfangen, die erst langsam und +einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen. + +Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte +Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa +fuenfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig +ueber die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar +leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen +Zuege, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas +aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspaehenden +Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, waehrend um +seinen Mund ein fast stereotypes Laecheln spielte, welches halb aus +gutmuethigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefuehl +zusammengesetzt war. + +Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte +von blendender Weisse. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine +strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige +grosse Hemdknoepfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er +sich nicht hatte versagen koennen. Im Knopfloch seines Fracks befand sich +ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen +Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren +Spitzen den weissen Handschuh nicht vollstaendig ausfuellten, hielt er eine +goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur +Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte. + +Waehrend er strahlend von liebenswuerdiger Hoeflichkeit in dem ersten Salon +seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienraethin mit +ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des +Tanzsaals stiess, um dort die Begruessung der Gaeste zu empfangen. + +Frau Commerzienraethin Cohnheim war eine grosse hagere Gestalt mit +ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden +juedischer Schnitt in ihrem gegenwaertigen Alter wenig Einnehmendes hatte. +Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren +Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der +Blick ihrer grossen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr, +und ihre etwas duennen, gewoehnlich fest zusammengeschlossenen Lippen +oeffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gaeste zu einem +mehr oder weniger hoeflichen und verbindlichen Laecheln. + +In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand +ihre Tochter, ein junges Maedchen von achtzehn Jahren, neben ihr. +Fraeulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von +zartestem weissem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen +uebersaeet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen +geschmueckt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That +waren auch die einfachen natuerlichen Blumen der schoenste und passendste +Schmuck fuer diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer +jener eigentuemlichen orientalischen Schoenheit ueberhaucht war, welche man +gewoehnlich mehr in den Schoepfungen der Kuenstler, als in der Wirklichkeit +findet. Der durchsichtige Teint des jungen Maedchen zeigte jenen +eigentuemlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht +des Suedens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie +von blaeulichem Phosphorschimmer uebergossen.--Ihre grossen dunklen Augen +blickten wie traeumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten +feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches +Laecheln. + +Die Saele fuellten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen +Finanzwelt mit ihren Frauen und Toechtern--es kamen Geheimraethe trocken, +steif und wuerdevoll mit mehr oder weniger dicht behaengten Ordenskettchen +im Knopfloch. + +Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und pruefend auf die +Toiletten der Frauen und Toechter der Commerzien- und Commissionsraethe, +indem sie durch ihren wuerdevollen und zurueckhaltenden Ernst zu erkennen +gaben, dass sie sich wohl bewusst seien, wie die Wuerde des Ranges und der +Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas duerftigen Anzuege +doch hoch ueber jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden +Damen erhebe. + +Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der +Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden +jungen Damen mischten und ihre Feldzugsplaene fuer die Taenze des Abends +feststellten. + +Der Commerzienrath war unerschoepflich in Liebenswuerdigkeit beim Empfang +seiner Gaeste. Doch wusste er dabei mit unendlicher Schaerfe und Feinheit +die Nuancirungen seiner Hoeflichkeit jedem Eintretenden gegenueber genau +abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begruesste +er die Geheimenraethe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit +einem kleinen auslaendischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl +seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen +Scherzworten bis zur Thuer des naechsten Zimmers, um sich dann zum Empfang +der Neueintretenden zurueckzuwenden. + +Mit wuerdevoller Zurueckhaltung begruesste er die Mitglieder der Finanzwelt, +deren Stellung an der Boerse noch nicht fest begruendet war. In tiefer +Ehrerbietung verneigte er sich vor den grossen Matadoren der Geldwelt; +mit cordialer Herzlichkeit drueckte er irgend einem rasch +vorueberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel +die Hand. + +Mit fast fuerstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge +Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu fuellen, in feine Gesellschaften +zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schuetzenden Maecens klopfte er +diesem oder jenem Kuenstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat +und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, dass der reiche +Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde. + +Die Saele waren schon stark gefuellt, Lakaien in reich gallonirten Livreen +praesentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme fluesternder Stimmen, +welches sich stets beim ersten Beginn grosser Gesellschaften vernehmen +laesst erfuellte die Raeume. + +Die Thueren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen +geblieben waren, oeffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging +rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten. + +Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Buechenfeld, der +Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben +Hauses am Theetisch seines Freundes sass. + +Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem +Vater. Sein Gesicht war huebsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und +anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das +wohlwollende, gutmuethige und freundliche Laecheln, welches auf demselben +lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas +gleichgueltigen oberflaechlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In +seinem Laecheln lag ein Zug hochmuetigen Selbstbewusstseins, der ohne jene +Beimischung von Gutmuetigkeit und Herzlichkeit beinahe haette unangenehm +beruehren koennen. Die ganze Haltung des mit aeusserster Eleganz und +hoechster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und +leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsraeume des Commerzienraths +mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewusstsein +hervorschimmerte, dass er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre +gebe, als empfange. + +In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien, +durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt +zurueckbleibend, der Lieutenant von Buechenfeld. + +Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest +und ritterlich, fast etwas starr, und die Zuege seines magern, scharf +geschnittenen bleichen Gesichts zeigten maennliche Kraft, Muth und +Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende +Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schoen geformten, fest +zusammengepressten Mundes kraeuselte sich ein leichter blonder +Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und liessen aus +ihrem eigentuemlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, dass sie in +einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen. + +Der Commerzienrath drueckte mit unendlich liebenswuerdigem Laecheln dem +jungen Baron von Rantow die Hand, waehrend er zugleich mit freundlicher +Hoeflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte. + +"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, dass Ihr Herr +Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es +verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fuegte er hinzu, +indem er seine laechelnden Zuege fast mit Gewalt zu einem trueben Ausdruck +zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen." + +"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit +leicht degagirten Ton, indem sein Blick ueber den Commerzienrath hinweg +nach dem andern Salon hinschweifte, "dass sie Ihrer Einladung nicht +haben Folge leisten koennen. Doch ist mein Vater stark erkaeltet und meine +Mutter, wie Sie begreifen koennen, wollte ihn nicht allein lassen." + +"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, dass Sie +gekommen und dass ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir +sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fuegte er hinzu, indem er den jungen Mann +nach dem Tanzsaal hinfuehrte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die +Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiss noch +einen Tanz aufgehoben," fuegte er dem jungen Mann auf die Schulter +klopfend hinzu und verliess denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu +der Eingangsthuer zurueckwendend, ohne den Lieutenant von Buechenfeld +weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den +Tanzsaal eintrat. + +Fraeulein Cohnheim hatte waehrend dieser Zeit neben ihrer Mutter +gestanden, meist nur mit hoeflicher schweigender Verbeugung die Damen +begruessend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu +ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten. + +Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte +von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend ueber die Gruppen hin, welche +sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von +Buechenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte +Roethe ueber das Gesicht des jungen Maedchens. Ihr Blick leuchtete einen +Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche +sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die +Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem +Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow +schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefuellten Saal, +indem er hier und dort einen Bekannten begruesste und trat in das Zimmer, +in welchem die Commerzienraethin mit ihrer Tochter sich befand. + +Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter +Liebenswuerdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des +Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fraeulein Cohnheim. + +"Ich bin etwas spaet gekommen, mein gnaediges Fraeulein," sagte er. +"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, dass +Sie noch einen Tanz fuer mich frei haben?" + +"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Maedchen mit einem Blick auf die +Tanzordnung, waehrend ihre Mutter ziemlich kalt und oberflaechlich die +Begruessung des Lieutenants von Buechenfeld erwiderte; "Alle meine Taenze +sind besetzt." + +"Das ist ja ein wahres Unglueck!" rief der junge Herr von Rantow, waehrend +er versuchte, den gleichgueltigen Ausdruck von seinem Gesicht +verschwinden zu lassen.--"ein Unglueck," fuegte er hinzu, "auf das ich +uebrigens haette gefasst sein muessen, wenn ich nicht die leise Hoffnung +gehabt haette, dass Sie vielleicht die Guete haben wuerden mir einen Tanz zu +reserviren." + +Die Commerzienraethin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter. + +"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement fuer den +Cotillon angenommen." + +"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese +glueckliche Ueberraschung gemacht haben?" + +"Ich bin fuer den Cotillon versagt," erwiderte Fraeulein Cohnheim ernst +und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen +Officier hinueberflog. + +Dieser trat rasch heran und sprach: + +"Darf ich hoffen, dass Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie +mir auf dem letzten Ball fuer den naechsten Cotillon gegeben?" + +"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit +freundlichem Laecheln den Gruss des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr +sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim +Cotillon notirt." + +Ein strenger hochmuetiger Blick der Commerzienraethin traf den Lieutenant +von Buechenfeld. Wie missbilligend schuettelte sie leicht den Kopf und +wandte sich von ihrer Tochter ab, waehrend der Referendarius von Rantow +mit leichter Verbeugung zuruecktrat. + +Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare +traten an. Der Taenzer des Fraeulein Cohnheim erschien und fuehrte die +junge Dame in die Reihen. + +Herr von Rantow und der Lieutenant von Buechenfeld blieben einen +Augenblick neben einander stehen. + +"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem +sein Blick ueber den Saal hinschweifte. "Das ist nicht huebsch von Dir, +nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten, +und ich moechte doch gern einmal laenger mit ihr sprechen, um zu sehen, +was denn eigentlich hinter diesem huebschen Gesicht steckt. Sie ist +sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die +commerzienraethlichen Eltern nicht waeren, es waere am Ende keine ueble +Partie." + +Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Naehe +stehende Paare. + +Der Lieutenant von Buechenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow +fluechtig erroethet, er sah ihn mit einem eigenthuemlich pruefenden Blick +seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den +anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an +ihm vorbeischwebte. + +Waehrend der Ball im grossen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, waehrend die +aeltern Damen theils an den Waenden des Tanzsaals, theils in den +unmittelbar daran stossenden Zimmern ihre Plaetze einnahmen und sich in +mehr oder weniger liebevollen Kritiken ueber die tanzenden Paare +ergingen, bildeten sich in den entfernteren Raeumen Gruppen der aelteren +Herren. + +Ein ziemlich starker Mann von etwa fuenfzig Jahren mit vollem rothen +Gesicht und rueckwaerts gekaemmtem Haar stand lebhaft sprechend und +gesticulirend in einem Kreise von fuenf bis sechs anderen Herren, welche +ihm aufmerksam zuhoerten. + +"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag +mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiss viel zur Einheit und +Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber +es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der +Vereinigung mit den Suedstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir +jetzt weiter entfernt als je vorher." + +"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast aengstlich magerer +Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit +verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene +eigenthuemliche, halb geheimnissvolle, halb ueberlegene Miene hatte, welche +ein besonderes Kennzeichen der hoehern preussischen Bureaukratie bildet. +"Die Vertraege, welche in militairischen Beziehungen mit den sueddeutschen +Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in +der Stunde der Gefahr gewiss bewaehren wuerde. Und gerade in Bayern, dem +maechtigsten der sueddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene +deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Koenige ganz besonders +beguenstigt wird. Wir haben darueber," fuegte er mit einer etwas gedaempften +Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende +Berichte." + +"Ihre Berichte moegen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath," +erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn +gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane +katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluss an den +Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man taeuscht sich +hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering +anschlaegt. Ich bin vor Kurzem in Muenchen gewesen und habe Gelegenheit +gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit +denen ich in Geschaeftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen +Kreisen gehoeren. Der Koenig, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr +deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische +bayerische Gefuehle, und die ultramontane Partei uebt einen grossen Einfluss +auf ihn aus, da sie ihn bei der religioesen Seite zu fassen versteht." + +"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, dass die +ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur +deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekaempfen. +Ausserdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei fuer ein Interesse +haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preussen nicht +schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen +katholischen Laendern, und sie wuerden sich selbst schaden, wenn sie sich +im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen." + +"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine +vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des +Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigaenger dieses Dogmas sprechen +es ganz offen aus, dass sie einen Kampf mit der preussischen Staatsgewalt +voraussehen und dass sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenueber +in Bayern einen Mittelpunkt fuer den deutschen Katholicismus bilden +muessen." + +"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, dass man +dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So +viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer fuer +unfehlbar gegolten, und schliesslich ist ja jede oberste Instanz in jeder +menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in +Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche +Nationalitaet wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken +auch nach dieser neuen Facon selig werden lassen." + +"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der +Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewoehnliche Fehler der +Herren am gruenen Tisch, dass sie die Folge der Dinge erst dann einsehen, +wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinlaender," fuhr er fort, +"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste +Autoritaet in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns +nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will, +dass eine fremde auslaendische Autoritaet ueber die Angelegenheiten unserer +deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist +es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt +wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem +Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwaechst allerdings eine Macht, +mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche +Unfehlbarkeit in Glaubenssachen koennten wir uns allenfalls gefallen +lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher +Bischof waere. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein +italienischer Kirchenfuerst, der nicht nur Priester ist, sondern auch +seine Politik macht, und es koennten denn doch Verhaeltnisse eintreten, in +welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen +Deutschland sehr wenig genehm sein moechten." + +"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Laecheln, "ich +glaube, wir koennen es ruhig abwarten." + +"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab, +sondern traefen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage spaeter ein Conflict +entsteht, ohne dass man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so +duersten die Consequenzen sehr fatal werden." + +"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor +Brandt, ein grosser Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt +gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe +Intelligenz ausdrueckte, obwohl die Augen von einer grossen glaesernen +Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und +ich wundere mich, dass man sich in massgebenden Kreisen so wenig mit +solchen Fragen zu beschaeftigen scheint, welche da am Horizont der +Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick muesste man +zugreifen, um die Unabhaengigkeit von Rom, um welche die deutschen +Bischoefe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich +durchzusetzen. Alle deutschen Bischoefe, der so geistvolle und energische +Kettler an der Spitze machten die groessten Anstrengungen gegen die +Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fuerst von Hohenlohe hat +die katholischen Maechte schon vor laengerer Zeit aufgefordert, gegen das +von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick +muesste man eingreifen. Wuerde die staatliche Autoritaet jetzt den Bischoefen +die Hand reichen, es liesse sich da vielleicht etwas Grosses erreichen, +und vielleicht liesse sich jetzt mit einem Male die durch das ganze +Mittelalter erstrebte Unabhaengigkeit der deutschen Kirche von Rom +herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem +Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit +energisch handeln. Die Herstellung eines vollstaendig geeinigten +Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche +Reich und die Autoritaet der Kaiser keinen gefaehrlicheren Feind gehabt +hat als die roemische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich, +wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder +den alten Gegner sich gegenueberstellen sehen. Wenn man die Bischoefe +jetzt im Stich laesst, wenn ihnen die Staatsautoritaet nicht zu Huelfe +kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird spaeter sehr schwer +sein, sie wieder von Rom zu trennen." + +"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender +Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schoen. Wir +haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten +und viele Ruecksichten zu nehmen, welche man ausserhalb der eingeweihten +Kreise nicht immer vollstaendig zu wuerdigen versteht." + +"Ruecksichten? Ruecksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Ruecksichten ist +noch niemals etwas Grosses geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung +des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem +Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct +ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder +Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spaet sein." + +Freundlich laechelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis. + +"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als waeren sie im +Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten +Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fuegte er hinzu, "dort im +letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden +ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor +Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fuegte er hinzu, +"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine +gute Cigarre erschwingen koennen." + +"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der +Geheimrath mit einem sauer-suessen Laecheln, "was sollen wir dann sagen, +die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten +koennen." + +"Dafuer aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der +Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluss!" + +Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich +ausdrueckte, dass Ehre und Einfluss ihm nicht vollwichtige Aequivalente fuer +die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das +Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen. + +"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem +Bankdirector, waehrend der Professor zu einem grossen Tisch trat und eins +der darauf ausgebreiteten Albums oeffnete, "ein Freund von mir, der Baron +von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in +Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung grosse +Capitalkraefte noethig sind, die dann allerdings aber auch eine grosse +Rentabilitaet verspricht. Ich beschaeftige mich diesen Augenblick damit, +ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich +glaube, dass es ein vortreffliches Geschaeft fuer Ihre Bank waere, sich +dabei zu betheiligen." + +Er ergriff den Arm des Bankdirectors, fuehrte ihn zu einem in der Ecke +des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein laengeres +und eingehenderes Gespraech. + +Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten +feierlich und wuerdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt +tanzte unermuedlich, die Locken der Damen begannen sich zu loesen, die +Blumen begannen allmaelig zu welken und die aelteren Damen an den Waenden +des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch truebe und +theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kaempfend in das Treiben vor +ihnen. + +Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach +mit vielen aelteren Damen unterhalten und sich dann neben die +Commerzienraethin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig +sprach, und welche mit der liebenswuerdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhoerte. + +Der Lieutenant von Buechenfeld war still und ruhig an der Thuer des +Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmuethigen, fast +traurigen Ausdruck blickte er ueber die bunte Gesellschaft hin, und nur +zuweilen leuchtete sein Auge hoeher auf, wenn er dem Blick der Tochter +des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem +Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinueber sah. + +Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt +nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht muede, hin- +und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gaeste auf irgend eine +Schuessel des vortrefflich bestellten Bueffets aufmerksam zu machen, oder +einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas +besonders empfohlenen Weins zu serviren. + +Fraeulein Cohnheim war auch hier wieder von einem grossen Kreise junger +Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen fluechtigen fragenden +Blick auf den jungen Officier, aber dieser naeherte sich ihr nicht, +sondern blieb in der Naehe des Bueffets und nahm nur mit wenigen kurzen +Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine +Plaetze mehr in dem Kreise der Damen gefunden. + +Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum +Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und +begaben sich in den Tanzsalon. + +Fraeulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thuere des +Speisezimmers genaehert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der +Lieutenant von Buechenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung +die Hand und fuehrte sie zu zwei Stuehlen, welche ein wenig abseits unter +einer Decoration von gruenen Gewaechsen standen. + +Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann. + +"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Buechenfeld," +sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt +Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim +Souper von unserm Kreise zurueckgezogen, oder haben Sie--" fuegte sie, die +Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend +Etwas uebel genommen?" + +"Wie koennte ich das," erwiderte Herr von Buechenfeld, indem sein Blick +tief und innig auf dem Antlitz des jungen Maedchens ruhte, welches die +leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schoener erscheinen +liess. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin +verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft +traurig--und fast wuenschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein." + +"Und warum das?" fragte Fraeulein Cohnheim, ihre grossen Augen treuherzig +zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit +sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu troesten. Ich wuesste +uebrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig +machen koennte." + +"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Buechenfeld, indem er ihr fest +und grade in die Augen sah, "so muss mich das eigentlich noch trauriger +machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem +froehlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich +von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Traeume, um viele +Hoffnungen aermer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz +eingezogen waeren." + +Das junge Maedchen neigte erroethend den Kopf und schwieg einige +Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder +hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit +einer festen, aber zugleich weichen und dabei zaertlichen Stimme. + +"Warum sollten Traeume, warum sollten Hoffnungen ungluecklich machen? +Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schoene Hoffnung +sich erfuellt, das ist ja das beste Glueck, das uns auf Erden zu Theil +werden kann." + +Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes. + +"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fraeulein Anna," sagte er mit lebhafter +Bewegung, "sollten mich uebergluecklich machen und dennoch--dennoch--" +fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfuellung meiner +Hoffnungen, an die schoene Wirklichkeit meiner Traeume nicht glauben." + +Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an. + +"Fraeulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluss folgend, "es +muss klar werden durch die trueben Nebel, welche mein Herz bedruecken, denn +die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe +Daemmerung widersprechender Gefuehle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei +und ohne Rueckhalt zu sagen, was mein Herz bedrueckt?" + +Abermals schlug sie erroethend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog +durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie +dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurueck, ein +rascher Blick glitt ueber den Saal ueber die Tanzenden hin, und sie sagte +mit herzlichem Ton: + +"Koennen Sie an meiner Theilnahme zweifeln?" + +"Nun, Fraeulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinueberneigend, +"Sie muessen es bemerkt haben, dass, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele +Ihnen entgegengeflogen ist, dass mein Fuehlen, mein Denken, mein ganzes +Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie muessen +bemerkt haben, dass ich Sie liebe, und dass diese Liebe immer maechtiger +mich durchdringt und erfuellt, je laenger ich mich in Ihrer Naehe bewegt +habe." + +"Ich habe es bemerkt," fluesterte sie fast unhoerbar, indem ein feucht +schimmernder Blick ihrer grossen Augen deutlich die unausgesprochene +Frage ausdrueckte, "und ist das denn ein so grosses Unglueck?" + +Herr von Buechenfeld hoerte die leise gefluesterten Worte. Er sah diesen +Blick und verstand die stumme Frage. + +"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe waere das hoechste Glueck, +wenn sie die Hoffnung haben koennte, Erwiderung zu finden--" + +Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn. + +Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen +Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich +wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Zuege--er fuhr fort: + +--"und wenn die Verhaeltnisse fuer diese Liebe eine glueckliche Zukunft +unmoeglich machten, Fraeulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als +begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine +Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thaetigkeit, auf einer langjaehrigen +muehevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der +Lage sein, an die Gruendung einer Haeuslichkeit zu denken, dem Wesen, das +ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem +brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme fuer +mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann +ich von Ihnen erwarten, dass Sie die Jahre der Jugend opfern, um den +unsichern Erfolg meiner Thaetigkeit, meines Ringens und Strebens zu +erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein koennte eine +zerstoerte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich wuerde +vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern +Lebens zerstoert sehen muesste, das so reich berechtigt ist zu Freude und +Glueck. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort, +waehrend sie ihn fortwaehrend mit ihren grossen Augen fest ansah, "darum +ist es besser, ich reisse mich jetzt kraftvoll von allen jenen Traeumen +los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach +er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch gluecklich +machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der +unerreichbar hoch ueber uns schwebt, mein Leben verklaeren." + +Anna hatte ernst und unbeweglich zugehoert; als er schwieg, leuchtete ihr +Blick hoeher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit +legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich +ein wenig zu dem jungen Officier hinueberneigte, sprach sie mit leiser +Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend. + +"Sie irren sich, Herr von Buechenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich +kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast +befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies +gesagt habe, duerfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie duerfen mich nicht +allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen, +so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen +nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen +Glanz verloren haben." + +"Fraeulein Anna," sagte er, muehsam seine Erregung unterdrueckend, "solche +Worte sollten mich auf die hoechste Hoehe der Glueckseligkeit erheben. Aber +mein Gott," sagte er, die Haende in einander faltend, "es ist ja nicht +moeglich." + +"Nicht moeglich," sagte sie sanft, "warum nicht moeglich? Haben wir +noethig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwoere Ihnen," +fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben +umgeben ist, ist mir immer gleichgueltig gewesen.--Aber in diesem +Augenblick danke ich Gott, dass mein Vater reich ist, denn dadurch sind +wir ueber die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glueck unserer Liebe +abhaengig von den Zufaelligkeiten dieses Lebens zu machen." + +Herr von Buechenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Maedchen +mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an. + +"Und wuerden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit muehsam gedaempfter +Stimme, "wuerden Sie, Fraeulein Anna, einen Mann lieben koennen, wuerden Sie +einem Mann Ihr Leben anvertrauen koennen, der seine Existenz, seine +Stellung in der Welt auf das Vermoegen seiner Frau begruendet?--Ich," fuhr +er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich wuerde eine solche Stellung +nicht annehmen, nicht um den Preis des hoechsten Glueckes." + +"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen +_vereinigt_, jenen elenden Besitz der aeusseren Gueter des Lebens +_theilen_? Wenn liebende Herzen das Hoechste und Goettlichste im +Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die +untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem +Andern gehoeren? Muss ich Sie bitten," fuegte sie mit einem wunderbar +weichen, fast demuethig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muss ich +Sie bitten, mir zu verzeihen, dass mein Vater reich ist?" + +"Mein Gott, Fraeulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige +Glueck, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fuegte er dumpf +hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken +darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen +fort, "dass, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenueber beugen koennte, glauben +Sie, dass Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er," +sagte er bitter, "wohl als Staffage fuer seine Gesellschaftssalons +benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen wuerde?" + +"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher +Blick hell aufleuchtete, "dass ich nicht die Kraft und den Muth haben +wuerde, auch fuer meinen Willen und mein Glueck zu kaempfen?" + +Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit +reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren +vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem +Hoehepunkt seines Interesses fuer die junge Welt, waehrend die aelteren +Herren nur noch muehsam und gezwungen ihre Gespraeche fortsetzten, und die +Muetter an den Waenden des Tanzsaals nur noch in lethargischer +Unbeweglichkeit gleichgueltig und starr auf die Touren des Cotillons +hinblickten. + +Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen, +trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen +und Rosenknospen und brachte es der schoenen Tochter des Hauses. + +Als Fraeulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurueckkehrte, sprach +der Lieutenant von Buechenfeld, welcher mit finstern Blicken die +tanzenden Paare verfolgt hatte: + +"Sehen Sie, Fraeulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um +Sie draengen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so +unendlich weit ueber mir stehen muessen. Und auch Sie," fuhr er leise +fort, "werden endlich unter allen diesen glaenzenden jungen Leuten, +welche Sie umschwaermen, mich vergessen muessen, da ich ja mit jenen Allen +den Vergleich nicht aushalten kann." + +Sie blickte ihn einen Augenblick gross und sinnend an, dann schuettelte +sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das +kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte. + +"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen +gebe, so moechte ich Alles, was mir das Leben an Bluethen bietet, nur dazu +benutzen, um Ihnen Freude zu machen." + +Er nahm die kleinen Blumen und drueckte sie wie begeistert an seine +Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den +folgenden Touren des Cotillon wurde Fraeulein Cohnheim als die gefeierte +Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, dass ein ruhiges +Gespraech nicht mehr moeglich war. + +Der Tanz war zu Ende. Langsam fuehrte Herr von Buechenfeld Fraeulein +Cohnheim zu ihrer Mutter zurueck. Als sie am Ende des Saales angekommen +waren, hielt das junge Maedchen ihn durch einen festen und energischen +Druck ihrer Hand zurueck. + +Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinueber, und +indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos laechelnden Ausdruck leichter +Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die +seinigen tauchten. + +"Ich will nicht, dass unser Gespraech zu Ende sei, Herr von Buechenfeld. +Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte +Sie dieselben taeglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, dass Sie +nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige +Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe +ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, waere es nicht +ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist +Ihnen unmoeglich. Ich habe Ihnen das hoechste Vertrauen bewiesen, das man +einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der +Zukunft zu haben." + +Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter +angelangt, stumm gegen ihren Taenzer, der sich, ohne eines Wortes maechtig +zu sein, zurueckzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe +Gedanken versunken, die Gesellschaftsraeume verliess. + +Allmaelig empfahlen sich die Gaeste. Der junge Herr von Rantow unterhielt +sich noch laengere Zeit mit der Commerzienraethin und ihrer Tochter. Und +als er endlich Abschied nahm, fuehrte der Commerzienrath ihn vertraulich +bis zur aeusseren Thuer und fluesterte ihm zu: + +"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, dass ich fuer unsere Unternehmung thaetig +gewesen bin, und dass ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die +Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschaefte machen," +fuegte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr kuenftiges Erbe, mein lieber Baron, +wird sich um das Dreissig- und Vierzigfache vermehren." + +Als die Raeume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner +Frau und zu seiner Tochter. + +"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnuegt die Haende reibend, +"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fuegte er +vergnuegt laechelnd hinzu, "ein gutes Geschaeft gemacht.--Der Baron von +Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr +gute Familie, es freut mich sehr, dass wir mit ihnen in diesem Hause +zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer naeher mit einander bekannt +werden," fuegte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu. + +"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienraethin, indem sie die +schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glaettete, "ich begreife +nicht, dass Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen koennen, um +ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist, +mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im +zerstreuten Ton. + +"Herr von Buechenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte +ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fuegte sie in +demselben Ton hinzu. + +"Du haettest eine kleine Ausrede machen koennen," sagte ihre Mutter. "Du +hast wirklich nicht noethig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu +tanzen. Ich wuensche, dass Du kuenftig mehr Ruecksicht auf unsere Stellung +und unsere Beziehungen nimmst." + +Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen oeffneten sich, als wolle sie +Etwas erwidern, doch unterdrueckte sie ihre Antwort, sie wuenschte ihren +Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurueck. + +Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zuendete eine jener +Regaliacigarren an, die er seinen Gaesten vorhin so dringend empfohlen +hatte, und Beide unterhielten sich noch laengere Zeit ueber die +verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, waehrend die Lakaien in +den uebrigen Zimmern die Gasflammen ausloeschten. + + + + +Fuenftes Capitel. + + +Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam +und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien +auf und nieder. Sein sorgfaeltig frisirtes Haar war ein wenig duenner und +ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner grossen schlanken +Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticitaet und Frische. Sein +bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen +schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht beruehrt worden zu sein; nur +das leicht ironische Laecheln seines seinen, etwas seitwaerts gezogenen +Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiss als frueher. + +Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand +und blickte von Zeit zu Zeit kopfschuettelnd auf die grosse und deutliche +Schrift welche das Papier bedeckte. + +"Die Katastrophe," sagte er, an einem der grossen Fenster stehen +bleibend und sinnend in die truebe Nebelluft hinausblickend, in welcher +einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit +fast vier Jahren wie eine Wetterwolke ueber Europa haengt, scheint sich +dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwuerdig," fuhr er fort, +"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preussen, sie betrachten +mich fortwaehrend als den geheimen Ruhestoerer des europaeischen Friedens, +und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet, +ueberall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten +zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu +erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der +unermuedlichste und eifrigste Waechter des Friedens in Europa, denn ich +bedarf den Frieden fuer mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies +arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen +kriegerischen Anstoss ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, wuerde +zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fuegte er seufzend hinzu, +"wuerde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere +Entwickelung dessen, was ich begonnen, von aussen her gestoert wuerde, und +selbst im Fall des Sieges wuerde nicht ich es sein, der die Fruechte +desselben pflueckte. Jeder Krieg, der in Europa ausbraeche, wuerde die +Leitung der oesterreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Haende +Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in +Ungarn, und um einer grossen politischen Action diese Kraft zu sichern, +wuerden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in +Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zuegel aus +den Haenden zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren +Factoren treiben dort ihr Spiel-- + +--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt, +durchblaetternd fort, "dieser General Tuerr mit seiner Coalitionsidee im +Gange, und es scheint in der That, dass Napoleon oder Diejenigen, welche +seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der +unruhigen Thaetigkeit dieses Generals steht.--Diese unzuenftigen +Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen +koennen, von Zeit zu Zeit mit uebereifrigen Haenden in das seine Gewebe der +politischen Faeden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz fuer die wahre +Staatskunst, welche nach vernuenftigen Plaenen ihre Ziele verfolgt. Sie +koennen es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen +vorzeitige Fruechte von den halb angewachsen Baeumen pfluecken." + +Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurueck und setzte sich in den +einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand. + +"Die Idee einer innigen Annaeherung zwischen Frankreich, Oesterreich und +Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die +Nothwendigkeit betont, in eine franzoesische Alliance, wenn sie wirksam +sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich koennte einer solchen +Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben +wuerde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen +mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage +fuer die Verhaeltnisse der Zukunft zu machen. Aber man muss nur nicht +glauben, dass die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln, +mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da +faellt dieser General Tuerr mit dem Saebel in die Diplomatie hinein und +will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines +Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kraeften in's +Feld ruecken, um vielleicht von Neuem in einer uebereilten Action Alles +das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfaellen von 1866 +noch uebrig geblieben ist." + +Er blickte abermals auf den Bericht. + +"Wohlwollende Neutralitaet Italiens," sprach er, "militairische +Huelfeleistung fuer den Fall, dass Russland activ in die Ereignisse +eingreifen sollte.--Und dafuer die italienisch redenden Districte +Tyrols.--Das klingt sehr schoen. Das Opfer waere nicht zu schwer fuer die +Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun +einmal Italien gegenueber das nationale Princip anerkannt worden ist. +Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte +Basis fuer eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt +werden wuerde. Der Koenig Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was +bedeutet die Billigung des Koenigs bei den gegenwaertigen Zustaenden in +Italien. Wuerde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich +unterzeichnet--wer buergt dafuer, dass im Augenblick des Handelns das +italienische Volk die Abmachung seines Koenigs gut heisst. Wer buergt +dafuer, dass nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine +Vorgaenger abgemacht haben, dass im Augenblick einer besonders +gefaehrlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich +sich unter gewaltigen und maechtigen Feinden isolirt sieht--" + +"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und +gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Groesse und zur Macht +zurueckfuehren, aber ich muss es erst innerlich gesund machen und darf es +in die Gefahren auswaertiger Verwickelungen erst dann stuerzen, wenn seine +innere eigene Kraft vollstaendig wieder hergestellt ist,--wenn ich des +Erfolges sicher bin, denn jeder unglueckliche Ausgang einer +militairischen Action wuerde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende +meines Werkes sein." + +Er warf den Bericht auf den Tisch. + +"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe +es unternommen, die kaiserliche Autoritaet an die Zunge der Wage zu +stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des +Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt +waere, wuerde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen muessen, denn +niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preussen oder +Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stuetzen koennen. Wie man +aber in Ungarn ein solches Verhaeltniss benutzen und ausbeuten wuerde, +dafuer spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die +achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Praesidentschaft angetragen." + +Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag, +durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die +Schlussworte: + +"Und doch spreche ich es aus, dass ich fuer den Fall, dass noch vor der +Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die +Rumpelkammer des ueberlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn +in meinem Leben das Ereigniss eintreten sollte, dass ein europaeischer +Sturm vom Haupte des Kaiser-Koenigs Franz Joseph die oesterreichische +Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen +und gegenueber dem ploetzlich zum Koenig von Ungarn reducirten Franz Joseph +das Band der Unterthanentreue annehmen wuerde." + +"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand +stuetzend, "sind eine deutliche Mahnung fuer mich, ein deutliches Zeichen +fuer das, was in Ungarn geschehen wuerde, wenn Oesterreich vorzeitig und +unvorsichtig sich in eine europaeische Action verwickeln sollte. Fuer den +Koenig von Ungarn wuerden sie kaempfen, diese Magyaren, aber nicht fuer den +Kaiser von Oesterreich!----Fuer den Augenblick beherrscht die Partei des +Ausgleichs das oeffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen, +was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich +pactirt, wuerde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der +Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stuetzen muesste. Die grosse Mehrzahl des +Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und wuerde in einem +solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische +Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in +welchem wir ihr Gelegenheit geben moechten, Rache zu nehmen fuer die +Vergangenheit--fuer eine Vergangenheit, an der ich und das heutige +Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser +Macht heraufbeschwoeren ohne eine andere Deckung, als den so unsichern +Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals +werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwuerdigen +oesterreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat. +Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfuellen, und ich werde alle +meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten. + +"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick +fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kraeftig und schlagfertig +ist, wenn die reichen Huelfsquellen seines oeconomischen Lebens sich +geoeffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste +Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es +versuchen, wieder in die Arena der grossen Kaempfe der europaeischen Maechte +hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu +erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber +von mir soll man nicht sagen, dass ich das Land, welches mir, dem Fremden +so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke uebergeben hat, in die +unheilvollen Zufaelligkeiten einer unreifen Action gestuerzt haette." + +Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen. + +Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den +Sectionschef, Baron Hoffmann. + +Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf. + +Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des +Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm +verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswaertigen +Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des +Reichskanzlers Platz. + +Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen +Schreibtisch gelegt und sagte. + +"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, dass er der +unruhigen und unklaren Thaetigkeit des Generals Tuerr gegenueber die +aeusserste Zurueckhaltung beobachten moege, ohne indessen irgend wie die +Idee einer immer enger zu knuepfenden Coalition zwischen Frankreich, +Oesterreich und Italien zurueckzuweisen. Es waere mir sogar lieb," fuhr er +fort, "wenn diese Negotiation--doch in moeglichst unbestimmter Form sich +lange hinzoege.--Sie gaebe uns immerhin eine zweckmaessige Handhabe fuer +unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz, +wie der General sie herstellen moechte, mir unerreichbar scheint, auch +fuer uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so koennte +doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet wuerde, +dahin fuehren, dass die freundschaftliche Annaeherung an Italien, welche +ich so sehr wuensche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg +versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt wuerde.--Der Fuerst +Metternich soll sich besonders hueten, ueber die von dem General Tuerr +formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeusserung zu machen. Erst +muss die allgemeine Annaeherung und Verstaendigung kommen, spaeter wird es +dann vielleicht moeglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter +Alliancevertraege einzugehen. Vor Allem aber wird es dann noethig sein, +zunaechst Fuehlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie +weit unsere Alliancevertraege die Zustimmung der dort herrschenden +Parteien finden koennten. Denn wir duerfen nicht vergessen, dass Victor +Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und dass ein mit ihm +persoenlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben koennte." + +"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "dass eine wirklich aktive +Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majoritaet der dortigen +Parteien jemals zu rechnen habe. Man fuehlt in Italien ganz genau, dass +man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preussen erreicht +hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, dass man +nur unter dem ferneren Beistand Preussens an das Endziel des betretenen +Weges gelangen, das heisst von Florenz nach Rom wuerde gehen koennen. Die +Stimme der oeffentlichen Meinung," fuhr er fort, "laesst darueber keinen +Zweifel, und ich glaube, dass trotz aller Vertraege, welche das +italienische Cabinet etwa schliessen koennte, im Augenblick einer +europaeischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen +wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie +ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des +Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Vertraege +geschehen ist." + +"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen +Nachdenken, "dass die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer +freundlichen Verstaendigung und einem naehern Verhaeltniss zu gelangen, +niemals zur Ausfuehrung gekommen sind. Wir beduerfen der Freundschaft +Italiens, wir beduerfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und +Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die ungluecklichen Actionsplaene +des Generals Tuerr einzugehen, das waere unverzeihlich fuer einen +oesterreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem +Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenueber +acceptiren; doch glaube ich nicht, dass Kaiser Napoleon ernstlich daran +denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwoeren, nachdem er viel +passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel groessere Chancen des +Erfolges zur Seite standen, hat voruebergehen lassen. Ich bitte Sie also +noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen +mitzutheilen.--Doch muss die ganze Sache mit grosser Vorsicht und mit +unendlicher Schonung aller persoenlichen Empfindlichkeiten behandelt +werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und +auch der General Tuerr darf in keiner Weise unangenehm beruehrt werden. Er +ist uns in Ungarn sehr nuetzlich gewesen, und koennte uns jedenfalls unter +Umstaenden viel schaden." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. + +"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen." + +Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort. + +"Ich muss um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher +sich in verschiedenen Blaettern findet und ueber einen Vorfall in Muenchen +berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf +Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der Koenig +Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsraethe zur Hoftafel +befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der +grossdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die fuer die +Misstrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich +versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen +berichten, eigentuemliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll +Fuerst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung +des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und +von Thuengen lebhaft besprochen haben." + +"Unterhaltungen bei einem Diner koennen nun allerdings nicht gerade auf +die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas +Demonstratives.--Die Presse fasst ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn +in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der +mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums +Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhaelt.-- + +"Ich glaube nicht, dass es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so +vorsichtig zurueckhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte +Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt, +im Augenblick, in welchem der Koenig demselben einen Beweis seines +Vertrauens giebt." + +Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern +Unmuths. + +"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in +den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall +fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stoesst +man fortwaehrend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der +aeussersten Muehe die Wolken des Misstrauens vom politischen Horizont +verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder +hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Plaene nicht +verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein +persoenliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das muehsam +aufrecht erhaltene gute Verhaeltniss mit Preussen getruebt, und man wird in +Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn fuer eine solche Handlung des +offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung, +mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er +fort, "Ingelheim wieder in Aktivitaet zu setzen. Er ist ein braver Mann, +aber das genuegt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist +er vollstaendig in den Haenden der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort, +"die Sache ist mir nach Preussen hin noch weniger unangenehm, als fuer die +Beziehungen zu Baiern selbst. Der Koenig Ludwig wird auf's Tiefste +verletzt sein, und doch ist es fuer uns von groesster Wichtigkeit, gerade +in Muenchen festen Fuss zu behalten, und das Vertrauen des Koenigs nicht zu +verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des +Grafen Ingelheim ihn gerade in ploetzlicher Aufwallung von uns voellig +entfremden, und wenn man diese Verhaeltnisse und Stimmungen von Berlin +aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die +Arme treiben. + +"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen +eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick ueber +denselben gleiten liess, "als----ich habe da eine merkwuerdige Mittheilung +auf privatem Wege erhalten ueber Vorgaenge in der koeniglichen Familie.-- + +"Sie wissen," sagte er, dass die klerikale Partei ganz besondere +Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemueht ist, +demselben einen moeglichst grossen Einfluss auf die Staatsgeschaefte zu +sichern. Es soll nun im Schooss der koeniglichen Familie ein +Project ernstlich ventilirt sein, den Koenig Ludwig durch einen +Regierungsbeschluss unfaehig erklaeren zu lassen. Prinz Otto, der ohne +politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persoenliche Vortheile +bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdruecklich zu +verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz +von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Koenigin die ganze Sache +eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stuermischen Scenen +gekommen, welche zur oeffentlichen Kenntniss freilich nur durch eine +koenigliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen +Soehnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe +dispensirt.-- + +"Die ganze Sache ist etwas mysterioes und fabelhaft," sprach er weiter, +"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist +nicht absolut zuverlaessig. Dennoch aber ist so viel gewiss, dass die +Prinzen mit den Fuehrern der klerikalen particularistischen Opposition in +intimen Verbindungen stehen, und dass der Koenig ueber diese Opposition +sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter +Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf +Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir muessen +darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder +gut zu machen-- + +"Zunaechst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das +Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter +darueber nachdenken.--Ich glaube, dass ein anderer Vertreter in Muenchen +nothwendig werden wird. Wir koennen doch wahrlich nicht am Muenchener Hof +klerikale Politik machen, waehrend wir hier in Oesterreich damit +beschaeftigt sind, den Einfluss der roemischen Hierarchie auf die +Entwickelung des Staatslebens zu brechen." + +Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont. + +Graf Beust erhob sich. + +"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er. +"Vielleicht koennen Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen, +nachdem ich mit Grammont gesprochen habe." + +Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet +verlassen, trat der franzoesische Botschafter ein. + +Der Herzog von Grammont war ruhig und laechelnd wie immer. Sein feines, +fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm +gleichgueltig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswaerts +gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstoerbarer Freundlichkeit +und Hoeflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen +ungeachtet nicht ohne Anmuth war, naeherte er sich dem Reichskanzler, der +ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und liess sich neben dem +Schreibtisch nieder. + +"Erlauben Sie zunaechst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "dass ich +Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche ueber die unruhigen +Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls +den Kaiser schmerzlich beruehrt haben muessen. Ich darf zugleich meiner +Freude darueber Ausdruck geben, dass jene Bewegungen,--wie ich allerdings +schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder +vollstaendig beendet sind. Fuerst Metternich hat mir berichtet, mit +welcher Sicherheit, Wuerde und Maessigung die Regierung verfahren ist, und +ganz Europa muss dem Kaiser Dank wissen, dass er mit so fester und +geschickter Hand die gaehrenden Elemente niederzuhalten versteht." + +"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit +leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen, +die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniss +von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen +Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kraeftig genug, um ohne +Erschuetterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen, +welche der Kaiser in richtiger Erkenntniss der Zeitbeduerfnisse in's Leben +gerufen hat." + +Herr von Beust schwieg einen Augenblick. + +"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog +grade anblickte,--"dass in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr +persoenlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um +dem Gedanken an eine naehere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form +zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Tuerr darueber eine +Andeutung, ueber welche ich damals allerdings nur oberflaechlich mit ihm +gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, dass jene Sache an Consistenz +gewonnen hat, und dass man namentlich von Florenz aus geneigter scheint +als frueher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie +wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhaeltniss mit Italien +wuensche und welchen Werth ich demselben fuer eine diplomatische +Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich +gegenwaertig ueber die Unterhandlungen hoere, die in Paris ueber diesen +Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu +sein, und ich wuerde, um eingehender darueber nachdenken zu koennen, +dringend wuenschen von Ihnen zu hoeren, wie Ihre Regierung und der Kaiser +zu diesen Ideen stehen, ueber welche man mir Privatmittheilungen gemacht +hat." + +Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und +freundlichen Gesichtsausdruck den fortwaehrend forschenden auf ihn +gerichteten Blick des Grafen Beust aus. + +"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris ueber +die Gedanken erhalten, welche durch den General Tuerr dort mehrfach +angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die +Billigung des Koenigs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich, +soviel mir darueber mitgetheilt worden, auf den Fall, dass Italien in die +Lage kommen koennte, bei einer gemeinsamen militairischen Action +Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darueber +gehoert, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da +in ihm, wenn der in's Auge gefasste Fall eintreten sollte, jedenfalls die +Grundlage zu bestimmten Vertraegen gefunden werden koennte, die sowohl im +Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wuenschenswerth +erscheinen moechten." + +Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und +spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der +Decke des Schreibtisches. + +"Wie mir der Fuerst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen +Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenueber +eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurueckhaltung, und vom hiesigen +Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darueber +geworden." + +"Bei den eigentuemlichen Verhaeltnissen," erwiderte der Herzog, "welche +zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen +Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, dass +eine Annaeherung zwischen beiden Maechten, namentlich eine Annaeherung mit +bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch +direkten Verkehr hergestellt werden koenne.--Auch giebt es Propositionen, +die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher +ist, dass sie angenommen werden. Unter solchen Verhaeltnissen scheint mir +eine vorlaeufige, nicht officielle und zunaechst nur sondirende +Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und fuer eine +solche Verhandlung koennte dann auch der neutrale Boden eines den beiden +Maechten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls +glaube ich annehmen zu duerfen, dass der General Tuerr in eine solche +Negotiation nicht eintreten wuerde, wenn er nicht der vollen persoenlichen +Zustimmung des Koenigs Victor Emanuel sicher waere."-- + +"Und wie denkt der Kaiser Napoleon ueber die ganze Sache," fragte Graf +Beust rasch und bestimmt. + +"Sie koennen natuerlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte +der Herzog mit vollkommener Ruhe, "dass ich Instructionen habe, mich ueber +die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestaet in Betreff einer +Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht +beruehrt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich +selbstverstaendlich nur eine ganz persoenliche Meinung aeussern, welche sich +auf die Kenntniss stuetzt, die ich von den Anschauungen meines Souverains +ueber die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube." + +Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Laecheln spielte eine +Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller +Aufmerksamkeit auf den Herzog. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "dass die Verhaeltnisse in +Europa sich fortwaehrend in einer Spannung befinden, welche eine +energische Action von einem Augenblick zum andern moeglich erscheinen +laesst. Wir haben uns frueher bereits mehrfach ueber derartige +Eventualitaeten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind +wir stets darin uebereingekommen, dass die Interessen Frankreichs und +Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenueber die gleichen +sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin +uebereingekommen, dass Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied +fuer das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen +Praemissen ausgehend," fuhr er fort, waehrend Herr von Beust schweigend +zuhoerte, "wuerde ich nun den Abschluss eines Vertrages, welcher fuer +moegliche Faelle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen +grossen Gewinn betrachten muessen.--Der Koenig Victor Emanuel ist zu einer +solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage, +dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem +italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafuer versprechen kann. Die +vollstaendige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin +wuerde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen wuerde das +italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten, +wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem kuenftigen +Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch +unversoehnlich gegenueber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort, +Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche +man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches +_Oesterreich_ zu gewaehren im Stande ist.--Wir koennen in diesem +Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob +das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere +ergaenzende Ausfuehrung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen +der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend +erscheint.--Nach meiner persoenlichen Auffassung," fuhr er fort, "wuerde +dieses Opfer nicht gross sein und es wuerde sich im Falle einer +erfolgreichen Action, an deren gluecklichen Ausgang nicht zu zweifeln +sein moechte, durch weit groessere und weit bedeutendere Vortheile und +durch die Wiedergewinnung der ganzen alten oesterreichischen Macht nach +anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse +wie Oesterreich, dass die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie +sich also zu jenem Opfer wuerden entschliessen koennen, so wuerden Sie, wie +ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch +Frankreich einen sehr grossen und sehr wichtigen Dienst leisten, fuer den +eine richtige franzoesische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des +Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethaetigen nicht +unterlassen koennte." + +"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem +beinahe gleichgueltigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris +discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, wuerde ihre +Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich +kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort, +"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein +wuerde, die Abmachungen des koeniglichen Cabinets gut zu heissen, muesste man +sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge, +klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmaessig und +nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausfuehrbar sei. Ich +meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem +Augenblick keine Veraenderung der seit Jahren bestehenden europaeischen +Verhaeltnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmaessigkeit nicht +anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder moeglicher Weise +zu schaffenden--vernuenftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die +Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der +Verhaeltnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist +ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitaeten +taeglich und stuendlich vorbereite. Die sueddeutschen Staaten sind +schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum geruestet und bei uns in +Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten +wir zu kaempfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gruenden +schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns +Russland, dem wir nicht gewachsen sind--" + +"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die +Spitze zu bieten im Stande waeren, wenn nicht nur Ihre italienischen +Grenzen vollkommen frei wuerden, sondern wenn wie der proponirte Tractat +bestimmt, Italien fuer den Fall der russischen Intervention seine active +militairische Huelfe verspricht." + +"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er +eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach voellig fern liegende Frage, "wenn +ich auch annehme, dass jene Versprechen im entscheidenden Augenblick +wirklich gehalten wuerden, wofuer--ich muss es wiederholen--immer schwer +eine Garantie gefunden werden zu koennen scheint, so glaube ich doch +nicht, dass Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Huelfe Italiens +einen Kampf mit Russland und die Aussicht auf eine spaetere unversoehnliche +Feindschaft Preussens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Fuer den Fall, +dass diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict +siegreich hervorgehen sollte--" + +"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton +eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart +emporkraeuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit +Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine +solche Moeglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben." + +"Sie muessen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance +kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem +Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das +Nationalgefuehl des franzoesischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik +muss sich stets auch durch Erwaegung der moeglich unguenstigen Chancen +bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion +fuehrt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten +noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunaechst mit derselben +Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenueber ausgesprochen habe, +eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, dass es aus irgend welchem +Grunde in den Absichten des Kaisers liegen koenne, wirklich in kurzer +Zeit zu einer ernsten Action ueberzugehen?" + +Der Herzog zoegerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe +und bestimmte Frage. + +"Ich glaube," sagte er, "dass der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch +erfuellt ist, den europaeischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch +die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmaelig zu einer +bedeutungslosen Passivitaet in Europa herabdruecken zu lassen. Der Kaiser +hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue +franzoesische Verfassung eingefuehrt hat, die Gruendung seines Gebaeudes im +Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wuensche +und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien +Volkswillens erhalten haben werden--" + +Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an, +dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen +Zuege wieder den Ausdruck gleichgueltig ruhiger Hoeflichkeit an, mit +welchem er das ganze Gespraech bisher gefuehrt hatte. + +"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die +Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Aussen hin der Stimme Frankreichs +wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, dass es auf die +Dauer nicht moeglich ist, die Schicksale der europaeischen Voelker ohne +Frankreichs Genehmigung zu lenken." + +"Aber," sprach Graf Beust, "dazu wuerde immer ein stichhaltiger und +voelkerrechtlich moeglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe +nicht ein--" + +"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja taeglich +verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und voelkerrechtlich +begruendetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begruendetsten +Kriegsfall zu finden--" + +"So," fragte Herr von Beust, den Herzog gross anblickend, "so sollte also +Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?" + +"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier +natuerlich nur meine ganz persoenlichen Ansichten aus,--dass der maechtigste +Verbuendete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das +deutsche Nationalgefuehl sein wuerde, und dass es wesentlich darauf ankaeme, +uns in Deutschland selbst Verbuendete zu schaffen. Das scheint mir am +sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus +deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird, +welcher Oesterreich das Recht giebt, fuer die Unabhaengigkeit der +sueddeutschen Staaten einzutreten." + +"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den +leichten Conversationston, in dem das Gespraech bisher gefuehrt war, +vollstaendig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem +Augenblick ueber theoretische Hypothesen fuehren und in welcher wir unsere +persoenlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem frueheren +oder spaeteren Moment eine Bedeutung fuer concrete Verhaeltnisse gewinnen +koennte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen +auszusprechen, welche auch bei einer solchen Moeglichkeit fuer mich immer +massgebend sein und bleiben wuerden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf +absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens +zehn Jahren, um seine inneren Kraefte wieder zu staerken und seine inneren +Verfassungszustaende zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals, +so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer +Action uebernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stuerzen und die +Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefaehrden wuerde. Wenn--wie Sie +vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte, +sein Prestige und seine Stellung unter den europaeischen Maechten +noethigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Hoehe zu +erheben, so wird, davon koennen Sie ueberzeugt sein, keine Regierung mit +groesseren Sympathien auf ein solches Streben der franzoesischen Nation +blicken, als die oesterreichische, welche, wie ich frueher constatirt +habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europaeischen Fragen +mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen +Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es +laesst sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf +solcher Ereignisse ein Augenblick kommen koennte, welcher Oesterreich +trotz seines Friedensbeduerfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die +Verhaeltnisse einzugreifen.--Ich vermoechte mir heute keine Eventualitaet +zu denken, welche ein solches moegliches Eingreifen Oesterreichs im +_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen koennte.--In dieser Anschauung +liegt die Haltung bezeichnet, welche mir fuer Oesterreich vorgeschrieben +scheint. Weiter zu gehen, ohne die aeusserste Notwendigkeit aus der +gebotenen Reserve herauszutreten, waere fuer einen oesterreichischen +Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem wuerde ich wenigstens niemals +die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von +ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Wuerde der +Kaiser eine Action fuer nothwendig halten, so muss der Grund dafuer aus +irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden. +Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative +uebernehmen. Dies bestimmt und rueckhaltslos auszusprechen, halte ich fuer +meine Pflicht, damit bei Erwaegung einer so wichtigen Frage, welche +natuerlich in Paris ausschliesslich nur mit Ruecksicht auf das Interesse +Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel +ueber die Haltung bestehe, welche fuer Oesterreich unabaenderlich geboten +erscheint." + +"Sie muessen natuerlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kaelte in +dem hoeflichen Ton seiner Stimme, "Sie muessen dies natuerlich besser +beurtheilen koennen als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche +Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich +die Bemerkung nicht unterdruecken, dass eine Zurueckhaltung, wie Sie +dieselbe so eben als die Aufgabe der oesterreichischen Politik +dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin fuehren koennte, +dass Oesterreich sich eines Tages isolirt saehe, und diese Isolirung +koennte unter Umstaenden gefaehrlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt +haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den +politischen Fragen fast ueberall decken, so moechte es mir nicht ganz +unbedenklich fuer Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu +trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden." + +"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die +Moeglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, dass Frankreich +sich jemals von Oesterreich trennen koenne.--Eine solche Trennung," fuhr +er mit feiner und scharfer Betonung fort, "koennte jedenfalls nur dann +moeglich werden, wenn die franzoesische Politik jemals Wege betreten +sollte, in welchen die gegenwaertig zu meiner so innigen Genugthuung +bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt +wuerde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fuegte er +im leichten Ton mit einem fluechtigen Laecheln hinzu, "tauschen wir ja in +diesem Augenblick auch nur unsere ganz persoenlichen Ansichten ueber Faelle +aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein duerfte." + +Der Herzog erhob sich. + +"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespraech abbrechend, "dass der +Koenig von Hannover die Legion aufloesen will, die er bisher in Paris +gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muss aufrichtig +bekennen, dass ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe grosse +Sympathien fuer den ungluecklichen Koenig und hohe Verehrung vor seinen +persoenlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, dass er auf dem +bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon +ohnehin beschraenkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch +die Moeglichkeit spaeter Etwas fuer seine Sache und sein Haus zu thun, +immer schwieriger zu machen." + +"Man schien frueher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "dass +diese hannoeversche Emigration unter Umstaenden eine nuetzliche Handhabe +werden koenne, um einem moeglichen Conflict mit Preussen den nationalen +Charakter zu nehmen." + +"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen +Emigranten in Frankreich wuerden weder der Sache des Koenigs, noch uns +nuetzen koennen; ob fuer den Fall des Zusammenbrechens der Schoepfung von +1866 Etwas fuer den Koenig geschehen koenne, das wird immer davon abhaengen, +wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das uebrige Deutschland +zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich +auf dem Standpunkt, dass wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action +entschliessen, wir auf alle kleinen Huelfsmittel verzichten und uns ganz +ausschliesslich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen +Alliirten verlassen muessen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen +Fall unter den mit uns befreundeten europaeischen Maechten dennoch finden +werden," fuegte er mit einem laechelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu, +indem er ihm die Hand zum Abschied drueckte. + +Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thuer und kehrte dann +nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurueck. + +"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist fuer den Frieden, +schon weil er alle Unruhe und koerperliche Anstrengungen scheut. +Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich taeuscht sich +darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je +unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie moechte +fuer sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er, +"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf +eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schoepfungen in Oesterreich nicht den +Zufaelligkeiten einer unueberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen." + +Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth. + +Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf. + +"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder fuer moeglich +halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem +Besinnen. + +Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet. +Er war ein Mann von weit ueber sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe +weisses Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den grossen +abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspaehenden Augen, der +grossen, breiten Nase und dem ausdruckvollen haesslichen Mund, steckte +zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten +dunklen Ueberrocks noch hoeher erschienen. + +Graf Beust begruesste den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener +europaeischer Hoefe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich +doch ein wenig abwehrende Kaelte mischte. + +"Was fuehrt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn +Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich +glaubte, Sie wollten fuer einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht," +fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des +Staatsraths fort, "vielleicht waere das besser gewesen.--Sie wissen, dass +nach den Vorgaengen mit der Wiener Bank und dem Koenig von Hannover hier +Ruecksichten zu nehmen sind--" + +"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick +heruebergekommen und denke nicht, hier acte de presence zu machen. Doch +habe ich nicht unterlassen koennen, hier Mittheilungen von dem zu machen, +was ich gesehen und gehoert, und was so Viele nicht sehen und nicht hoeren +wollen." + +"Ich weiss, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hoeren," sagte Graf +Beust laechelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von +besonderem Interesse sein zu hoeren, was Sie dort wahrgenommen haben." + +"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die +Haende ueber der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem +Kragen seines Rockes zurueckzog, dass das Kinn fast ganz in seiner weissen +Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, dass ein grosser Sturm im Anzuge +ist, welcher Europa noch tiefer erschuettern wird, als die Ereignisse von +1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man +meinen Rath hoeren, wenn man meine Warnung beachten will." + +Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath. + +"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was +hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von +unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig ueber diese +eigenthuemliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation +des General Tuerr befragt haben, welcher da ploetzlich in Paris erschienen +ist, um europaeische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt +und exerciren laesst.--Eine eigenthuemliche Zeit," sprach er, sich +unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der +Oberflaeche der linken trommelte, "eine eigenthuemliche Zeit, Alles wird +auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr, +kein System! Kein Wunder, dass sich da die Faeden zu einem gordischen +Knoten verschlingen, und dass Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der +kuehn--oder plump genug ist," fuegte er achselzuckend hinzu, "das +unloesbare Gewirr mit dem Saebel zu zerhauen.--Was wuerde der grosse +Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der +politischen Maschinerie Europa's sehen koennte, in welcher zu seiner Zeit +so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem +Willen so richtig und exact spielte!" + +"Nun," sprach Herr von Beust laechelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes +ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir +muessen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu +behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz +persoenlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf +betont. Ich glaube allerdings, dass man in Paris etwas energisch +auftreten moechte, und dass man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie +nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon oefter beruhigt +hat." + +Ein fast mitleidiges Laecheln zuckte ueber den breiten Mund des +Staatsraths. + +"Dass man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "dass man sich +beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich +nicht theile." + +"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand floesst ernste +Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die hoechste Ruhe und Schonung, +wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action moeglich sein, da +doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens fuer die +auswaertige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des +Kaisers abhaengt." + +"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die +auswaertige Politik haengt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig. +Aber von wem haengt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen +fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen +andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um +das jugendliche Haupt zu winden,--und waehrend dieser Lorbeer an den +Grenzen gepflueckt wird, beabsichtigt man, eine grosse Generalprobe fuer +die kuenftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten +fangen an, Ihre Majestaet zu langweilen," sprach er im hoehnischen Ton, +"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht +zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise +ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen +Rath Ihrer Majestaet ist der Krieg beschlossen, und taeglich werden dort +die Vorbereitungen dazu discutirt, waehrend dieser allmaelig absterbende +Kaiser unter den Haenden seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner +Schwaeche kaempft." + +"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehoert hatte, mit +dichtem Kopfschuetteln fort, "glauben Sie, dass es der Kaiserin, wenn sie +wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen +werde, den Kaiser, der schon in seinen frueheren Jahren so schwer zu den +aeussersten Entschluessen zu bringen war, jetzt zu einer so gefaehrlichen +Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der +persoenlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten koennen. +Und," fuhr er fort, "welche Organe wuerde die Kaiserin finden, um die +Verantwortlichkeit dafuer zu tragen. Glauben Sie, dass Graf Daru--" + +"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist +ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das +Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird ueber ihn dahinschreiten." + +"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und +den Staatsrath Klindworth gross ansah, "ein Plebiscit und warum das?"-- + +"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Koerper +angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der +Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend +auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persoenliche +Regiment und das persoenliche Regiment soll ungebunden und frei ueber +allem constitutionellen Kram stehen, den man der oeffentlichen Meinung +als Spielwerk hinwirft." + +"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "dass das Plebiscit eine +beschlossene Sache ist?" + +"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, dass +ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache +vollkommen gewiss bin." + +"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings +ernst, das deutet darauf hin, dass man Etwas wie einen Staatsstreich vor +hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--" + +"Le coup d'Etat europeen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name, +den man in dem geheimen Comite, in welchem die Politik Ihrer Majestaet +der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem +Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal +dem grossen europaeischen Staatsstreich _vorhergehen_." + +"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muss meine Frage von vorhin +wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen +ausfuehren wollen?" + +"Ihre Majestaet," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin, +Werkzeuge fuer ihre Plaene zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniss +und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr +Ollivier--" + +"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des +Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung +moeglich." + +"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der +soeben noch auf dem Platze sass, den ich jetzt einzunehmen die Ehre +habe." + +Graf Beust neigte sinnend das Haupt. + +"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, dass man Grammont einer +solchen Aufgabe gewachsen haelt?" + +"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur +Ausfuehrung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl +richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genuegende Mass jenes +altfranzoesischen Leichtsinns, welcher schon in frueheren Phasen der +Geschicke Frankreichs die unmoeglichsten Dinge unternommen, und," fuegte +er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgefuehrt hat." + +Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken +versunken. + +"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, dass sich Personen finden, +welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs +auf's Spiel setzen, so gehoert doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In +Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu +bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"-- + +"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath +kaltbluetig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor, +deren Faeden ganz zufaellig in meine Haende gekommen sind, und welche man +demnaechst gehoerig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird." + +Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an. + +"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "dass die spanischen +Angelegenheiten dem Kaiser sehr grosse Sorgen machen. Die Agitationen des +Herzogs von Montpensier erfuellen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er hasst +und fuerchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches +Koenigthum an der andern Seite der Pyrenaeen wuerde ihn keinen Augenblick +ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz huebsche Idee +suppeditirt. Sie erinnern sich, dass Madame Cornu, des Kaisers geistvolle +Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits +den jetzigen Fuersten von Rumaenien auf seinen so wenig sichern und +erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, dass diese Dame +gegenwaertig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum +Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee +zurueckgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein +Verwandter seines Hauses, er ist ihm persoenlich sehr geneigt und wuerde +ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien +sehen, der freilich ein wenig groesser und glaenzender, aber darum weder +sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fuerstenstuhl von Rumaenien +ist." + +Graf Beust lachte. + +"Ich habe frueher von diesem Gedanken gehoert," sagte er, "man hat darueber +gesprochen. Ich habe aber das Alles immer fuer eine von jenen Blasen +gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberflaeche der +Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und +verschwinden." + +"Es ist moeglich," erwiderte der Staatsrath, "dass diese Blase auch +diesmal wieder platzen und verschwinden wird, fuer den Augenblick jedoch +ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten +des Fuersten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden +sollte, sich daraus einen huebschen Kriegsfall zurecht machen." + +"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt. + +"Ganz gewiss," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestaet +Napoleon III. wird die Idee haben, dass er, indem er diese kleine +Negociation gewaehren laesst, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den +Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, dass er sich da einen +kleinen befreundeten Koenig von Spanien schafft, wenn er ueberhaupt an den +definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar +nicht darueber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so +Vieles gehen laesst. Dann aber wird man ihm eines schoenen Tages klar +machen, dass ein preussischer Prinz auf dem spanischen Thron--" + +"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preussischer Prinz," +warf Graf Beust ein. + +"Er traegt preussische Uniform, er heisst Hohenzollern, man wird ihn im +noethigen Augenblick fuer einen preussischen Prinzen halten und von ganz +Frankreich dafuer halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem +Kaiser auseinandersetzen, dass ein preussischer Prinz auf dem spanischen +Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den +Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze franzoesische Nation +glauben machen, und ploetzlich, ganz ploetzlich, ehe Jemand sich dessen +versehen wird, wird man einen sehr huebschen und sehr nationalen +Kriegsfall haben." + +Herr von Beust laechelte abermals. + +"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, dass ich das groesste +Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie +Ihre Nachrichten zu schoepfen pflegen. Sie muessen mir aber verzeihen, dass +ich das, was Sie mir da eben sagen, unmoeglich fuer Ernst nehmen kann. Die +Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn +ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die +Diplomatie hineingreifen, auch sehr kuehne und sehr wunderbare +Combinationen zutraue, so wuerde dies doch nach meiner Ueberzeugung die +Grenzen des Moeglichen ueberschreiten." + +Der Staatsrath Klindworth drueckte fest seine Lippen auf einander, +richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit +scharfer Betonung: + +"Ich wuerde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen, +was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung +von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner +Mittheilung haette. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen. +Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im +besten Glauben, fuer das unglueckliche Spanien einen aller Welt +convenirenden Koenig gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm +stellt." + +Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch +die Worte des Staatsraths nicht ueberzeugt, doch bemerkte er Nichts +weiter ueber den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit. + +"Sie haben mir vorhin gesagt, dass Sie gekommen waeren, zu warnen und zu +rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehoert, darf ich Sie nun um Ihren Rath +bitten?" + +"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener +Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, dass ich kurz vor Ausbruch +des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch saechsischer Minister waren, Sie +in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, ueber die damalige Lage +mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung ueber die unausbleibliche +Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich +auseinanderzusetzen, wie gut die saechsischen Ruestungen vorbereitet +seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehoert, als einzige +Gegenaeusserung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, fuer alle +Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und +Trutzbuendniss mit Oesterreich geschlossen haetten. Sie verneinten das, ich +sprach mein grosses Bedauern darueber aus und ertheilte Ihnen den Rath, +das Versaeumte, wenn es irgend moeglich sei, noch nachzuholen.--Es war +nicht mehr moeglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter +die kaempfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit, +wurde aber ebenso wie die uebrigen, gegen Preussen im Kampf stehenden +deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der +Willkuer des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar +nahe die bereits beschlossene Annectirung ueber dem Haupte Ihres frueheren +Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch +wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen +schnellem Entschluss, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu +danken ist. Eine aehnliche, nur gewaltigere und welterschuetterndere +Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach +der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen +wird, werden die Verhaeltnisse Europa's tiefe Erschuetterungen und +Veraenderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenueber muss Oesterreich +nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern +Verhaeltnissen damals Sachsen und die uebrigen deutschen Staaten begangen +haben--den Fehler naemlich, sich ohne festen Entschluss und feste Haltung +in die Ereignisse hineintreiben zu lassen." + +"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.-- + +"Ich meine," sagte der Staatsrath, "dass der Augenblick gekommen ist, um +einen entschiedenen Entschluss zu fassen, und sich entweder in fester +Allianz an Frankreich anzuschliessen oder rueckhaltlos und frei Preussen +und damit zugleich Russland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings +unter veraenderten Verhaeltnissen--jene alte Tripelallianz wieder +hergestellt werden wuerde, welche so lange die Schicksale von Europa +beherrschte. Fuer die eine, wie fuer die andere Seite spricht Manches; +wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen +wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866 +verloren wurde, und bei so maechtig vereinten Kraeften wird eine +vernichtende Niederlage beinahe unmoeglich gemacht, so dass also auch im +unguenstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben wuerde. +Eine feste und rueckhaltslose Allianz mit Preussen, damit auch zugleich +mit Russland wuerde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren. +Die norddeutschen Maechte wuerden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen; +vielleicht wuerden einer so maechtigen Coalition gegenueber selbst die +unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin +nachdenken--vielleicht wuerde der Krieg verhindert werden, wenn +Oesterreich im entscheidenden Moment erklaerte, dass es unter allen +Umstaenden auf der Seite Preussens stehen wuerde. Fuer die europaeische +Stellung Oesterreichs liesse sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber +wuerden auch die deutschen Traditionen dadurch vollstaendig und fuer immer +aufgegeben werden muessen." + +Graf Beust hatte aufmerksam zugehoert. Ein ganz leiser, fast unmerklicher +Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges. + +"Und zu welcher Seite dieser Alternative wuerden Sie rathen?" fragte er. + +"Die Erinnerungen an die grosse Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in +welche meine reichste Thaetigkeit faellt, die Erinnerungen an die Zeit des +grossen Fuersten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung +jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten +Schoepfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Ausserdem +spricht in diesem Fall die groessere Sicherheit fuer den Anschluss an +Preussen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist +_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen," +fuhr er fort, "auf die franzoesische Macht. Ich verstehe Nichts von der +Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehoert und gesehen, ist dort +seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen. +Ausserdem giebt man sich zu grossen Illusionen ueber die Unbesiegbarkeit +der franzoesischen Armee hin, und ich fuerchte, dass dem so wohl geschulten +preussischen Heer gegenueber der franzoesische Elan wenig ausrichten wird. +Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwaegungen, die ich Eurer Excellenz +reiflichem Nachdenken ueberlassen will. Mein dringender Rath geht nur +dahin, festen Entschluss zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist +dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthaetig fern +geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr moeglich sein, als sich +vollstaendig an Preussen und Russland anzuschliessen. Dann aber wird dieser +Entschluss keinen Werth mehr haben, waehrend heute noch fuer denselben ein +hoher Preis zu erlangen waere. Vor Allem aber," fuegte er hinzu, indem +sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen +hinueberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluss vielleicht +nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden." + +"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas veraendertem Ton. + +"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter +Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten, +wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von aussen und von +innen her verhindert wuerde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte, +dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollstaendig +nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen +Collegen." + +Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und +sprach: + +"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, dass ich Ihnen +fuer Ihre Mittheilungen, so wie fuer Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich +hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurueckgehen--?" fuegte er +mit einem fragenden Blick hinzu. + +"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und +mich ueber Stuttgart nach Paris zurueckbegeben, ich moechte mir dort die +Politik des Herrn von Varnbueler an Ort und Stelle betrachten." + +"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann ueber Ihre +Beobachtungen weiter au courant zu halten." + +Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner +eigenthuemlichen gebueckten, fast demuethigen Haltung das Cabinet verliess. + +"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen +Stuhl zuruecklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die +Sache ist zu abenteuerlich, zu unmoeglich!--Er ist zwar sonst gut +unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu +seiner Kenntniss kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darueber +nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig +genug sein, um sich auf so unerhoerte Weise in einen unuebersehbaren Krieg +zu stuerzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten +Beobachters diesmal ebenso wenig fuer richtig, als seine Mittheilungen +fuer zweifellos halten.--Ich habe es uebernommen," sprach er ernst, den +Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich +zu heilen, und um das zu erfuellen, was ich versprochen und was ich mir +vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung +noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glueckliche +Zufaelle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich fuer den einzig +richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im +Schooss der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an +innerer Kraft den uebrigen Maechten Europa's wieder gleich steht, so werde +ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend, +den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fuegte er leise hinzu, "dass +diese Zurueckhaltung mir selbst verhaengnissvoll werden sollte. Lieber moege +mein Werk von andern Haenden vollendet werden, als dass ich es durch +unueberlegtes Handeln gefaehrde." + +Er beugte sich ueber seinen Schreibtisch und begann die auf demselben +aufgehaeuften Depeschen zu durchlesen. + + + + +Sechstes Capitel. + + +In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing sass der +Koenig Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem grossen, mit golddurchwirkter +rother Decke ueberhangenen Tisch. + +Der Koenig trug den weiten Ueberrock seiner oesterreichischen Uniform und +rauchte aus einer langen hoelzernen Cigarrenspitze. + +Er war soeben aus dem grossen Garten der Villa von seinem +Morgenspaziergang zurueckgekehrt, und seine aelteste Tochter, die +Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm. + +Der Koenig war in den letzten Jahren seines Exils merklich aelter +geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn +auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein +alter Humor hervortrat. Sein duennes Haar begann grau zu werden, die +scharfen classischen Formen seines schoenen Profils traten markirter als +sonst hervor und gaben seinem frueher so weichen und jugendlichen Gesicht +einen Zug von Haerte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war. + +Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit +pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem +Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fuerstlicher Wuerde +und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schuechternen +Bescheidenheit. Die Prinzessin war gross und schlank gewachsen, ihr +einfach frisirtes, natuerlich gelocktes goldblondes Haar liess die edle +Woelbung der reinen und weissen Stirn fast ganz frei. Ihre grossen blauen, +durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drueckten muthigen +Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht +aufgeworfener, schoen gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige +Zurueckhaltung mit kindlicher Naivetaet. + +Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab, +welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefuehlen zu kaempfen schien, +und mit heftiger Bewegung der Lippen grosse Wolken blaeulichen Dampfes vor +sich hinblies. + +"Von allen schweren Schicksalsschlaegen," sagte der Koenig, "die mich in +diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich +beruehrt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muss--dass +Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglueck so treu +geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und," +fuhr er fort, "dass diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts +vollkommen verloren haben, dass sie es wagen, so gegen mich aufzutreten." + +"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weisst Du denn +gewiss, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne +erscheint--und wie vielleicht Manche," fuegte sie ein wenig zoegernd +hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige +von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Duering, und von +ihm kann ich doch unmoeglich annehmen, dass er irgend Etwas gegen das +Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen." + +"Ich auch nicht," rief der Koenig lebhaft, mit zwei Fingern seiner +rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben, +ich stehe vor einem unloesbaren Raethsel. Doch liegen die Thatsachen vor +mir, meine Officiere und Duering an ihrer Spitze widersetzen sich der +Ausfuehrung meiner Befehle. Ich habe Duering das Commando ueber die +Emigranten abgenommen und ihn der Fuehrung der Geschaefte meines +General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz +uebertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und +vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklaerung, dass er es mit seiner +Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen koenne, die Befehle +auszufuehren, die ich ihm in Betreff der Aufloesung der Emigration gegeben +habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das +hoechste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?" + +"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Duering, wie auch Herr von +Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle uebrigen Officiere freiwillig +unser Unglueck und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carriere +aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen oeffnete, und welche sie auch, +wie so viele andere Officiere der hannoeverschen Armee, in Preussen haetten +finden koennen. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fuegte +sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem +Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie +nicht muede werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man +dann nicht annehmen, dass sie irgend einen ehrenwerthen und verstaendigen +Grund dazu haben, dass irgend ein Missverstaendniss vorliegt, welches man +aufklaeren muesste." + +"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der Koenig, schmerzlich aufseufzend, +indem er den Kopf in die Hand stuetzte. "Das habe ich mir auch schon oft +gesagt, es ist ja doch unmoeglich, dass eine Anzahl von Maennern, die +bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und +meiner Sache zu schaden." + +"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der +Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Aufloesung der +Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch +unmoeglich anzunehmen, dass alle diese Herren nicht irgend einen Grund fuer +ihre uebereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa," +fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu pruefen +und nicht nach einseitigen Berichten und Vortraegen zu entscheiden." + +"Gott weiss es," rief der Koenig, "wie schwer es mir wird, ueberhaupt die +Legion aufzuloesen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal +gefolgt sind, sich selbst zu ueberlassen. Aber es kann ja nicht anders +sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher +beruehrt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach +kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hoeren,--ich will die ganze +Frage nochmals reiflich ueberlegen, denn ich stehe vor einer fuer mich und +die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung." + +"Und wenn die Legion aufgeloest wird," sagte die Prinzessin, "wuerde es +dann nicht noethig sein, fuer die armen Emigrirten die freie und straflose +Rueckkehr in die Heimath vom Koenig von Preussen zu erwirken?--Windthorst +hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten." + +"Niemals," rief der Koenig lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation +zu solchen Verhandlungen geben! Das hiesse die Annection meines +Koenigreichs anerkennen, das hiesse zugestehen, dass der Koenig ein Recht +habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhaenglichkeit und Ergebenheit +zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen." + +Nach einem kurzen Schlag an der Thuer trat des Koenigs Kammerdiener Thoms +in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu +Seiner Majestaet Befehl. + +"Er soll kommen," rief der Koenig lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein +Toechterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der +Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn +reichte, auf die er zaertlich seine Lippen drueckte. + +"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann +zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet gefuehrt +hatte und nun die beiden Fluegel der Thuer fuer die Prinzessin oeffnete. +Prinzessin Friederike verliess mit leichtem freundlichen Gruss gegen den +sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters. + +Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswaertigen Angelegenheiten +des frueheren Koenigreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des +verbannten Koenigs, war damals sechsundfuenfzig Jahre alt. Die letzten +Jahre hatten seine frueher noch jugendliche und kraeftige Erscheinung +wesentlich aelter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine +Bewegungen noch die fruehere Elasticitaet, auch trug sein volles, etwas +langes und gelocktes Haar noch eine gleichmaessig schwarze Farbe, doch war +sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszuege waren welk und +abgespannt. + +Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, kuesste +die Hand, welche der Koenig ihm reichte und setzte sich dann in einen der +grossen, mit schottischem Seidenstoff ueberzogenen Lehnstuhl neben seinem +Herrn. + +"Ich bin erfreut, Eurer Majestaet mitzutheilen," sagte er, "dass die +Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch guenstiger fuer +unsere Kasse stellen wird, als es anfaenglich den Anschein gehabt hat. Es +haben sich einige guenstige Verkaeufe realisiren lassen, so dass, wenn +Alles ferner gut geht, Eure Majestaet mit einem Verlust von nicht ganz +zwei Millionen Gulden davonkommen werden." + +Der Koenig seufzte tief auf. + +"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld +an sich fuer mich hat. Es ist fuer mich immer nur Mittel zum Zweck. In +diesem Augenblick muss es mir dienen, um den heiligsten und hoechsten +Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und +die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung beruehrt mich dieser +an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel +sind ja ohnehin schon beschraenkt genug." + +"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen +Haenden nunmehr wieder Eurer Majestaet Vermoegen gelegt ist," sagte Graf +Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr +er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser +ungluecklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche +bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestaet in jedem Jahr +dreihundertfuenfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so +schnell als moeglich aus Eurer Majestaet Ausgabenbudget verschwinden laesst, +so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive +Capitalsverzehrung wird Eure Majestaet endlich in die Lage bringen, +Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preussen auf Gnade +oder Ungnade zu ergeben." + +"Traurig, traurig!" rief der Koenig, "dass es dahin gekommen ist! Mein +Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere +damals vor der Amortisation verkauft haette, was Herr von Malortie +verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestaende vor der +letzten Beschlaglegung auf mein Vermoegen in Sicherheit gebracht waeren, +was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann waere ich niemals in die +traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem +ungewissen Schicksal ueberlassen zu muessen." + +Rasch oeffnete sich die Thuer. Der Kronprinz Ernst August trat in's +Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex. + +Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt, +fast noch hoeher, als sein Vater, doch waehrend die Gestalt des Koenigs in +ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Wuerde und Majestaet +machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte +Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und +Sicherheit. Das schoene glaenzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten +und von der schmalen zuruecktretenden Stirn aufwaerts emporgekaemmt. Der +Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit grossen Glaesern +verhuellte, war freundlich und gutmuethig. Seine platte, eingedrueckte Nase +und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schoenen frischen Zaehnen, +war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszuege seines +Vaters weit entfernt und das freundliche Laecheln, welches gewoehnlich +seinen Mund umspielte, beruehrte nicht so sympathisch als die +liebenswuerdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Koenigs erhellte. + +Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer +trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine +auffallend kleine, magere Gestalt war gebueckt und in sich +zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen +Haar zeigte einen stets muerrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine +kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug +von kritischer Ironie durch die Glaeser seiner feinen Brille. + +Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu +demselben herab, und der Koenig kuesste ihn herzlich auf die Stirn. Dann +setzte sich der Prinz zu dem Koenig und dem Grafen Platen, waehrend der +Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm. + +"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den +Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen ueber die Massregeln +auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Aufloesung der +Emigration, welche ich leider unabaenderlich habe beschliessen muessen, +durchzufuehren." + +"Majestaet," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich +zusammenschmiegte, "ich muss zunaechst noch einmal darauf zurueckkommen, +genau zu constatiren, dass mit den Allerhoechst Ihnen zur Verfuegung +stehenden Mitteln der koenigliche Hofhalt und die zur Geltendmachung +Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten +werden koennen, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr +hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jaehrlich nicht aus dem +Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniss zu machen, um zu gleicher +Zeit die Emigrirten, welche, um der koeniglichen Sache zu dienen, ihre +Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir +erlaubt, Eurer Majestaet vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende +Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von +vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch +Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz +schaffen kann." + +"Es wird eine grosse Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den +Zaehnen an den Naegeln seiner Finger biss. + +"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den +Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den Koenig vor dem Vorwurf zu +schuetzen, dass Seine Majestaet die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach +verlaesst." + +"Und ich hoffe," rief der Koenig lebhaft, "dass die Summe genuegend +bemessen ist." + +"Vollkommen genuegend, Majestaet," sagte Graf Platen, "um so mehr, da fuer +Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch ausserdem das +freie Reisegeld gewaehrt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich +herausgestellt, dass die Officiere der Emigration aus Gruenden, die ich +nicht begreifen kann," fuegte er achselzuckend hinzu, "sich der Ausloesung +der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig +entsprechenden Weise widersetzen." + +Der Koenig biss schweigend auf seinen Schnurrbart. + +"Eure Majestaet," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von +Tschirschnitz uebertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu +sein, die Massregeln Eurer Majestaet ruecksichtslos durchzufuehren. Ich +halte es deshalb fuer nothwendig, dass Eure Majestaet Allerhoechst Ihren +Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm +nicht nur die Geschaefte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das +Commando der Legion uebertragen, damit die nothwendige und befohlene +Aufloesung der Legion schleunigst und ohne Weitlaeufigkeit vollzogen +werde. Es scheint," sprach er weiter, "dass die Officiere die Absicht +haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstuetzung +herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in +Algerien auszufuehren, fuer welche sie sehr grosse Neigung hatten." + +"Die Idee waere durchaus nicht uebel," sagte der Koenig. "Nach den +Versprechungen der franzoesischen Regierung haette den armen Emigrirten +dort ein gutes Loos bereitet werden koennen, und ich habe den Gedanken +nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften +Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen +sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben. +Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es +sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion +verkauft werden, wie sie sich ausdrueckten. Sie haben zuweilen sehr +unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnaeckig in +ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich musste ja auf eine so allgemein im +Lande verbreitete Ansicht Ruecksicht nehmen." + +"Es moechte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in +Algerien ganz angenehm und vortheilhaft fuer die Leute gewesen sein +koennen. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von +der Tasche los werden koennen, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht +gegangen waere, so haette man immer auf uns recurrirt, und die ganze +Geschichte waere eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die +Hauptsache ist, dass die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je +weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns +wieder zur Last zu fallen." + +"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der Koenig, das Haupt erhebend. +"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen +Verhaeltnissen kann, fuer das Wohl meiner Leute zu sorgen, und ausserdem +habe ich die politische Ruecksicht zu nehmen, Ansichten und Wuensche der +Bevoelkerung meines Koenigreichs so viel als moeglich zu schonen." + +"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestaet nach reiflicher +Erwaegung beschliessen, die Legion definitiv aufzuloesen und eine +Auswanderung der Leute nach Algerien moeglichst zu inhibiren. Es ist aber +noethig, diesen Beschluss schleunigst auszufuehren, damit vor dem 1. April +Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer +Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestaet befehlen, den Major von +Adelebsen dorthin zu senden, so--" + +Der Koenig hatte das Haupt in die Hand gestuetzt und dachte laengere Zeit +schweigend nach. + +"Waere es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf +emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem +Kronprinzen hinwandte, "waere es nicht am besten, um die Sache am +einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu +vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath +Meding, den Major von Duering und vielleicht noch einige der Officiere +hierherkommen liess, um ihnen persoenlich meine Befehle zu ertheilen und +die Missverstaendnisse aufzuklaeren, welche doch wohl in der ganzen Sache +bestehen muessen, da ich mir anders den eigenthuemlichen Widerstand nicht +erklaeren kann, den man mir entgegensetzt." + +Graf Platen bog den Oberkoerper zusammen, warf einen schnellen +Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte: + +"Ich fuerchte, Majestaet, dass eine solche Massregel, wie +Allerhoechstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion ueber +die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausfuehrung der von Eurer +Majestaet gefassten Beschluesse noch weiter hinausschieben wuerde. Eure +Majestaet haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, dass +dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu +gegenseitiger Unterstuetzung fern halten sollen. Damit ist also +ausgeschlossen, dass irgend Etwas geschehen koenne, was die dortige +Sachlage aendert; wenn Eure Majestaet nunmehr den Major von Adelebsen mit +bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze +Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist uebrigens," fuhr er mit +einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinueber, +"der Feldwebel Stuermann von der Emigration hierher gekommen, um sich im +Auftrage seiner Kameraden persoenlich zu erkundigen, was denn eigentlich +der Wille und Befehl Eurer Majestaet sei." + +"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der Koenig schnell. + +"Nur fluechtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem +leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestaet nicht +vorgreifen. Vielleicht waere es zweckmaessig, wenn Hoechstdieselben ihn +selbst anhoerten." + +"Einen Feldwebel anhoeren, ohne dass ich meine Officiere gehoert habe," +rief der Koenig lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach +einem augenblicklichen Nachsinnen, "dass es am besten sein wird, vor +Allen Meding und Duering hierher kommen zu lassen, um zu hoeren, wie die +Sache dort liegt und was sie denn eigentlich fuer Gruende gegen die von +mir beschlossene Art der Aufloesung der Emigration haben." + +Graf Platen rieb sich die Haende und neigte den Kopf hin und her, ohne +indess etwas zu sagen. + +"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die +Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefassten +Beschluss wieder abgehen? Es scheint mir doch--" + +Ein Schlag an der Thuer ertoente. + +"Wer ist da?" fragte der Koenig mit seiner lauten hellen Stimme. + +Der Kammerdiener trat ein und sprach: + +"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniss, +Eurer Majestaet eine Meldung machen zu duerfen." + +"Er soll kommen," rief der Koenig etwas verwundert. + +Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren, +etwas ueber Mittelgroesse, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten +Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe +und unregelmaessigen Zuegen, welche wenig sympathisch beruehrten, obgleich +in ihnen mehr zurueckhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene +eigenthuemlich-charakteristische Haesslichkeit, welche auf die Dauer zu +gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstaet +und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf +den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah. + +Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des fruehern +hannoeverschen Garderegiments trug, naeherte sich dem Koenig und sprach im +Ton dienstlicher Meldung: + +"Majestaet, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind +von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestaet im Auftrage ihrer +saemmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz." + +Der Koenig richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter +freudiger Schimmer flog ueber seine Zuege. + +"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er. + +"Sie haben ein Schriftstueck mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und +welches ihren Auftrag enthaelt. Der Inhalt dieses Schriftstuecks jedoch +hat mich in so hohem Grade befremdet, dass ich fast Anstand nehmen muss, +denselben Eurer Majestaet mitzutheilen." + +"Sprechen Sie," sagte der Koenig im ernsten Ton, waehrend der Kronprinz +und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten. + +"Eure Majestaet," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren +letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei +Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstuetzung zu +betheiligen und sich ueberhaupt jedes Einflusses auf die Entschliessungen +der Soldaten ueber ihr kuenftiges Leben zu enthalten." + +"Ganz Recht," sagte der Koenig. + +"Die Officiere erklaeren nun," sagte Herr von Adelebsen, "dass sie es fuer +ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit +unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen +angeschlossen haetten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des +Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlasst haetten, nicht +schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich fuer +verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und +Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber koennten sie nicht +glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "dass der Befehl, welcher +ihnen allerdings mit Eurer Majestaet Unterschrift vorgelegt worden sei, +von Allerhoechstdenselben wirklich in voller Kenntniss des Inhalts +unterschrieben sei, da eine Bestaetigung der Allerhoechsten Unterschrift +auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie haetten desshalb die Lieutenants +von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestaet ihre Bedenken +vorzutragen und Allerhoechstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen +Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere +Allerhoechsteigenhaendig zu unterzeichnen." + +Der Koenig sprang empor, eine flammende Roethe flog ueber sein Gesicht, er +biss die Zaehne aufeinander und stiess mit einem zischenden Laut mehrmals +den Athem aus seinen Lippen. + +Der Kronprinz laechelte still vor sich hin, Graf Platen liess den Kopf auf +die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder. + +"Dahin ist es also gekommen," rief der Koenig mir lauter Stimme, "dass die +Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine +koenigliche Unterschrift traegt, dass sie von mir, ihrem obersten +Kriegsherrn, die Erfuellung jener constitutionellen Form verlangen, +welche fuer die Civilverwaltung des Koenigreichs gesetzlich vorgeschrieben +war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muss in jenen Kreisen +herrschen, wenn so Etwas moeglich ist. Welcher Daemon muss seine Gewalt +ueber diese Officiere ueben, dass sie es wagen, mir so gegenueber zu +treten." + +"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein hoechst +unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren +Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben +abzubringen. Aber," fuegte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich +gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer +Gegenwart von Eurer Majestaet vollzogen zu sehen, da sie denselben anders +nicht fuer gueltig erkennen koennen." + +"Sagen Sie den Herren," rief der Koenig mit zitternder Stimme, "dass ich +sie nicht empfangen wolle, dass ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich +nach Paris zurueckzureisen. Ich werde ihnen," fuegte er mit muehsam +unterdrueckter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an +welcher sie keinen Zweifel werden hegen koennen." + +Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Laecheln der +Befriedigung um seine Lippen spielte und verliess das Zimmer. + +"Graf Platen," rief der Koenig, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl +niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls +vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen +lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten fuer den Major von Adelebsen +ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Duering sofort +uebernehmen koenne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die +Aufloesung der Legion durchzufuehren." + +"Waere es nicht zweckmaessig, Majestaet," sagte Graf Platen, "bei dem Geist +des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen +scheint, die hauptsaechlichsten Fuehrer derselben von dort zu entfernen. +Ich meine insbesondere den Major von Duering und den Premierlieutenant +von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger +bestimmen lassen." + +"Gewiss," sagte der Koenig, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen. +Duering soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort +meine weiteren Bestimmungen abwarten." + +Er lehnte sich wie erschoepft in seinen Stuhl zurueck und bedeckte das +Gesicht mit den Haenden. + +"Wuerde es aber nicht zweckmaessig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath +mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Aufloesung der Legion in +Frankreich durchgefuehrt werden soll und werden wird, dafuer Sorge zu +tragen, dass diese Massregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen +wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der +franzoesischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestaet +auf Ihr Recht verzichten und jede Thaetigkeit fuer die Wiedererlangung +desselben fuer immer aufgeben?" + +"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "dass man die Sache so ansehen +koennte. Jedermann weiss, dass die Mittel Eurer Majestaet beschraenkt sind, +und Jedermann wird begreifen, dass Allerhoechstdieselben auf die Dauer +solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermoegen." + +"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht. +Lassen Sie durch Lume de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon +aufsetzen, worin ich ihm die Gruende meiner Massregeln auseinandersetze, +ihm fuer den Schutz, den er bisher den hannoeverschen Emigranten gewaehrt +hat, danke und zugleich erklaere, dass die Aufloesung der Legion lediglich +durch finanzielle Ruecksichten geboten sei und dass ich trotzdem niemals +aufhoeren wuerde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um fuer mein verletztes +Recht zu kaempfen." + +Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der Koenig auf und +sagte: + +"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein." + +Fluechtig beruehrte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher +sich ihm naeherte und dann das Cabinet verliess. Graf Platen und der +Geheime Cabinetsrath folgten und der Koenig blieb allein. + +Er liess den Kopf auf die Brust niedersinken. Laengere Zeit hoerte man in +dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzuege, welche +seine Brust bewegten. + +"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen +Thron und mein Koenigreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt, +dessen Glueck die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und +nun muss ich es erleben, dass auch Diejenigen, welche mein Unglueck +theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir +wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe +verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, dass sogar die +Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmuethig und +opferfreudig sich fuer mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich +gegen mich auflehnen!" + +Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein +edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten +sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches +ihn umgab. + +"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist, +den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine +Beschluesse gefasst, ich habe gethan, was ich fuer meine Pflicht +hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von +Denen, welche ich fuer die Treuesten hielt! Fast moechte ich irre werden +an dem, was ich fuer recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem +Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die +mich hier mit Rath umgeben--" + +Er seufzte tief auf. + +"Ich weiss, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche +den grossen Staatsmann machen, ich weiss, wie leicht er zu beeinflussen +ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel +nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene +Emigranten, die ich ferner nicht unterstuetzen kann, werden ja, wenn sie +von derselben Begeisterung fuer ihre Sache erfuellt sind, welche einst +ihre Vaeter auf allen Schlachtfeldern Europa's fuer ihren Koenig kaempfen +liess, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht-- + +"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, dass ich nur einmal die +Blicke und Mienen Derjenigen sehen koennte, die zu mir sprechen. Ich +wuerde leichter erkennen koennen, wo die Wahrheit liegt." + +Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stuetzte den Kopf in die Haende +und blieb lange in tiefem Sinnen versunken. + +Dann ploetzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er +die goldene Glocke, welche auf einem schoen ciselirten Teller vor ihm +stand. Der Kammerdiener trat ein. + +"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der Koenig rasch. + +"Zu Befehl, Majestaet, der Graf ist bei Seiner koeniglichen Hoheit dem +Kronprinzen." + +"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen." + +Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf +Platen abermals in dem Cabinet des Koenigs. + +"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stuermann. +Ist er hier? Ich will ihn sprechen." + +Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte +dann: + +"Der Feldwebel ist hier, Majestaet, er hat soeben noch Seiner Koeniglichen +Hoheit Bericht ueber die Verhaeltnisse und Stimmungen unter den Emigranten +erstattet." + +"Bringen Sie ihn her," sagte der Koenig kurz. + +Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von +etwa vier- bis fuenfundfuenfzig Jahren, dem man trotz seiner buergerlichen +Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurueck. + +Der Feldwebel Stuermann war eine hagere duerre Gestalt von Mittelgroesse, +sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes +Gesicht von graugelber Farbe drueckte Verschlossenheit und eigensinnige +Beschraenktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag +jene listige Verschlagenheit, welche man haeufig in dem niedersaechsischen +Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch +seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann +in militairisch dienstlicher Haltung stehen. + +"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der +Koenig in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher +gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter +denselben vorgeht." + +Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit +dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfaelligen Stimme, indem +er mit einer gewissen Muehe langsam die Worte hervorbrachte. + +"Ich bin hierher gekommen, Koenigliche Majestaet, um genau zu erfahren, +was denn eigentlich Eurer Majestaet Willen und Befehl ist, da weder ich, +noch meine Kameraden uns vollkommen klar darueber sind." + +"Und warum nicht," fragte der Koenig kurz. + +"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach +Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich +commandirt haben, und zu welchen wir Alle das groesste Vertrauen hatten, +haben uns vor einiger Zeit gesagt, dass es der Wille Eurer Majestaet sei, +fuer uns eine Colonie in Algerien zu gruenden, damit wir dort uns eine +neue Heimath schaffen und abwarten koennen, bis der Moment gekommen waere, +fuer das Recht Eurer Majestaet in den Kampf zu gehen. + +"Weiter," sprach der Koenig. + +"Wir haben uns Alle bereit erklaert," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin +zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzaehlt wurde. Aber +fuer Eure Majestaet und fuer unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er +die Hand auf die Brust legte, "wuerden wir ja bis an's Ende der Welt +gehen. + +"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er +abermals zum Grafen Platen hinueberblickte, "hat uns vor vier Wochen der +Herr Major von Adelebsen und der Herr von Muenchhausen, welche die +Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, dass Eure Majestaet +die Colonie in Algerien nicht wollten, dass Sie vielmehr die Legionaire +entlassen wuerden und Jeden auffordern liessen, zu erklaeren, wohin er zu +gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns +nun zwar bestaetigt, dass von Eurer Majestaet eine Colonie in Algerien +nicht mehr gegruendet werden wuerde. Dennoch aber haben sie uns +aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns +gegenseitig zu unterstuetzen, wollen auch versuchen, ob es nicht moeglich +sei, ohne Betheiligung Eurer Majestaet von der franzoesischen Regierung +die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine +gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen koennten. Es ist darueber viel +hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr +Glueck in Algerien versuchen. Wir aber, die aelteren und namentlich die +Unterofficiere wuerden uns einem solchen Unternehmen nur anschliessen +wollen, wenn wir bestimmt wuessten, dass wir darin dem Willen Eurer +Majestaet gemaess handelten. Und desswegen bin ich hierher gekommen, um +womoeglich Eure Majestaet zu fragen, was wir thun sollen." + +"Der Unterofficier Stuermann, Majestaet," fiel Graf Platen ein, "und +seine Kameraden moechten es besonders Allerhoechstdenselben zur +Beherzigung empfehlen, dass sie durch langjaehrige Dienstzeit eine +Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung +aus Hannover der preussischen Regierung gegenueber verwirkten, sie glauben +desshalb, dass Eure Majestaet Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in +andern Verhaeltnissen sich befinden, als die juengern in der Emigration +befindlichen Soldaten." + +"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "dass Du das gewiss anerkennen wirst, +Papa, und dass die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden +muessen, als die grosse Masse der Emigranten." + +"Gewiss," rief der Koenig lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche +eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden. +Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit +fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese +Verpflichtung erfuellen koennen?" + +"Ganz gewiss, Majestaet," erwiderte der Minister. + +"Dann," sagte der Feldwebel Stuermann, "kann ich Eurer Majestaet +versichern, dass alle meine alten Kameraden hoechst zufrieden und Eurer +Majestaet besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr gluecklich sein, +ihnen das gnaedige Versprechen Eurer Majestaet mittheilen zu koennen, und +wir werden unser Moeglichstes thun, um die juengern Soldaten von +abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten." + +"Am besten waere es," sagte der Kronprinz ein wenig zoegernd, "wenn sie +nach Amerika auswanderten. Dort koennen sie ja doch noch am ersten ein +Unterkommen finden." + +"Zu Befehl, Koenigliche Hoheit," sagte der Feldwebel. + +"Dann waeren sie aber fuer mich fuer immer verloren," sprach der Koenig halb +leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluss +in dieser Beziehung auf ihre Entschliessungen ueben. Doch," fuhr er +abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die +Leute eine so grosse Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, dass meine +Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, dass +im Lande Hannover die ganze Bevoelkerung eine grosse Abneigung gegen +dieses Project hat und befuerchtet, die Leute koennten dort zu Grunde +gehen?" + +Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann +sprach er: + +"Die Leute sind durch die Officiere fortwaehrend in dem Gedanken bestaerkt +worden, dass eine Colonie in Algerien fuer sie das Beste sei,--ich habe," +fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so +Manches gehoert--dass die franzoesische Regierung eine solche Colonie sehr +wuensche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man +hat sich so Manches erzaehlt." + +Er schwieg abbrechend. + +"Was hat man sich erzaehlt?" fragte der Koenig. + +"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer +Majestaet aber gar nicht erst wiedererzaehlen moechte." + +"Ich will Alles wissen," sagte der Koenig. "Was spricht man?" + +"Majestaet," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schoenes und +fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand +da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter, +da waere es denn der franzoesischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn +kraeftige deutsche Einwanderer ihnen helfen wuerden, das Land zu +cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man +mir in Paris erzaehlt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute +anzuwerben und dort hinzufuehren. Den Colonisten soll es schlecht +gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die +ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die +Unternehmer haben grosse Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr +eintraegliche Herrschaften, und sie sind grosse, reiche Herren geworden. +Nun, das koennte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu +unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken; +aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von +verschiedenen Seiten hoert." + +Der Koenig zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein +Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des +Kronprinzen. + +"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan, +darum dieser Widerstand gegen meinen Willen." + +Ein fast unwillkuerliches Laecheln glitt ueber die Lippen des Kronprinzen. +Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann +zum Koenig gewendet: + +"Es ist doch gut, dass Eure Majestaet die Gnade gehabt haben, den +Feldwebel Stuermann anzuhoeren. In unklaren Verhaeltnissen fuehrt es immer +zur richtigen Erkenntniss, wenn man die Sache von allen Seiten hin +beleuchten laesst.--Und es wird gewiss von grossem Nutzen sein, wenn der +Feldwebel seine Kameraden ueber den wahren Willen Eurer Majestaet +aufklaert." + +"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der Koenig, "ich gebe +Ihnen noch einmal das Versprechen, dass die Pensionsberechtigung der +Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll." + +Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus. + +"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "dass Sie sogleich +die Vollmachten fuer den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so +schnell als moeglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl, +dass er die Unterstuetzungen der franzoesischen Behoerden in den +Stationsorten der Emigration fuer die Aufloesung der Legion +bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will +einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge +Raum dieses Zimmers erdrueckt mich mit all den traurigen Gedanken, mit +denen diese bittern Erfahrungen mich erfuellen." + +Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine +oesterreichische Muetze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen +gestuetzt, schritt er in den Park hinaus. + + + + +Siebentes Capitel. + + +Die unruhige Bewegung auf den Strassen von Paris hatte ein wenig +nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine groessere Menge als +sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah +noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken +pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig +einhergingen, finstern Blickes die Spaziergaenger betrachtend und +zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal +eine Zusammenrottung zu bilden. + +Die sergeants de ville standen in verstaerkter Zahl an den Strassenecken, +und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien, +ersuchten sie das Publikum hoeflich, aber bestimmt, weiter zu gehen. + +Die Gruppen vor den Kaffeehaeusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von +Dreher, bei ihrem Grog americain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der +noch kalten frischen Luft im Freien sassen, sprachen lebhaft, doch ohne +dass man eine besonders bedenkliche Aufregung haette bemerken koennen. + +Der allgemeine Eindruck war, dass die Bewegung, welche durch die +Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorueber sei, und dass +dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein +zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des +aeussersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die +Popularitaet Napoleon III. war durch seine persoenliche Fahrt ueber die +Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend +gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, dass der Kaiser sich nicht +fuerchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, ueber welchen +die Furcht keine Macht hat. + +Vor einem der Cafes auf dem Boulevard des Italiens sassen an einem +kleinen Tische mehrere Officiere der hannoeverschen Legion und suchten +den unangenehmen Einfluss des nebelhaften feuchten Wetters durch einige +Glaeser norddeutschen Punsches zu bekaempfen, den sie sich nach ihrer +Anweisung von dem Garcon hatten bereiten lassen, der ein gewisses +Erstaunen ueber die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdruecken konnte, +die dem heissen Wasser gegenueber dem Arac in diesem Getraenk zugewiesen +war. + +An der Mitte des Tisches sass ein wenig zusammengebueckt auf einem +hoelzernen Stuhl der Major von Duering, eine kleine schmaechtige, aber +nervoese und muskelkraeftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und +bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und +den lebhaften, graublauen Augen drueckte muthige Entschlossenheit und +feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken +gedrueckt und liess die stark gewoelbte Stirn zur Haelfte frei. + +Er huellte sich ein wenig froestelnd in seinen Ueberrock und trank in +kleinen Zuegen das heisse dampfende Getraenk, welches vor ihm stand. + +"Ich sage," sprach Herr von Duering, nachdem er laengere Zeit schweigend +in das Treiben der Voruebergehenden geblickt und, indem er sich zu dem +neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem +grossen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart +freimuethige Offenheit ausdrueckte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr +schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht +rosig." + +"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von +Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer +Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer +Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer +schaudervollen Zukunft entgegen." + +Alle lachten. + +"Ich begreife nicht," sagte Herr von Duering, schnell wieder ernst +werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben koennt! Die Lage ist doch +wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle +diese armen Leute, fuer die wir doch mit verantwortlich sind, sie koennen +noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere +Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in +der Tasche in die Welt hinaus schickt." + +"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz +mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit +hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die +Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie +in der 'Grossherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, dass meine +Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen +Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander, +blickte Herrn von Duering mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte, +die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend-- + +"Mauvais general." + +"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Goetz von +Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit huebschem, etwas phlegmatischem +Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der +panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen." + +"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt, +wird er schon so zerpflueckt sein, dass keine Feder mehr daran ist, doch +nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube +wirklich nicht, dass die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig, +dass alle moeglichen Intriguen den Koenig umlagern, aber Er ist doch ein +Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefuehlen; wenn er +unsere Vorstellungen hoert, so wird er jedenfalls noch einmal ueber die +Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen +ja, dass seine schon so belastete Kasse von dieser grossen Ausgabe fuer die +Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, dass die +armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben +werden, sondern dass sie im Zusammenhang untereinander der Sache des +Koenigs erhalten bleiben. Will der Koenig die Vertheidigung seines Rechtes +fortsetzen, so muss er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur +Verfuegung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und dass kann +nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er +aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht," +fuegte er seufzend hinzu, "waere es bei der Art und Weise, wie sie +gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens fuer die Emigranten +straffreie Rueckkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muss doch dem +Koenig einleuchten, er muss sich ja doch ueberzeugen, dass wir, die wir ihm +unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund +gegen seine Befehle demonstriren." + +"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Goetz, "dass dem Koenige unsere +Vorstellungen zur Kenntniss kommen?--Glaubt Ihr denn, dass er Mengersen +und Heyse empfangen und hoeren wird?" + +"Das glaube ich gewiss!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich +glaube nicht, dass Jemand es wagen wuerde, dem Koenige Etwas zu +verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das waere doch in der +That eine zu grosse Nichtswuerdigkeit." + +Herr von Duering schuettelte langsam den Kopf. + +"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr +erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit laengerer Zeit erhalte ich +auf verschiedene Berichte, die ich ueber die Verhaeltnisse der Legion nach +Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich +geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine +Berichte vollstaendig missverstanden waeren, was doch bei der klaren +Fassung derselben und bei dem seinen Verstaendniss des Koenigs kaum moeglich +ist." + +"So haltet Ihr es fuer moeglich," rief der Lieutenant von Harling, ein +junger, dunkel bruenetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet +Ihr es fuer moeglich, dass dem Koenige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas +verschwiegen wuerde?" + +"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Duering, +"ich constatire nur die Thatsache, dass die Antworten, welche ich aus +Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, dass sogar in +einigen dieser Antworten mir ausdruecklich Aeusserungen untergelegt +werden, die ich niemals gemacht habe." + +"Es waere doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen +den Major von Duering gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz +nach Hietzing gegangen waeren. Ich weiss nicht, ob Mengersen und Heyse +unsere Sache richtig fuehren werden. Mengersen spricht etwas viel und +Heyse ist etwas bescheiden und zurueckhaltend." + +"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Duering lebhaft, "nach +der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich +ungehoert auf die schnoedeste und ruecksichtsloseste Weise meiner +Funktionen enthoben hat, deren Fuehrung doch wahrlich unter diesen +Verhaeltnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den Koenig war, +niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschaefte ordnungsmaessig +uebergeben, will so viel ich kann fuer das kuenftige Schicksal der Leute +sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so +trauriges Ende nimmt, fuer immer den Ruecken. Ich werde keine Muehe und +Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch, +dass mir das gelingen wird. In der Tuerkei braucht man Officiere, der +Vicekoenig von Aegypten sucht Instructeure fuer seine Armee. Ich kenne die +orientalischen Verhaeltnisse einigermassen durch meine Dienstzeit in +Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden." + +"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief +Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade +in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt +wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, haette die Aussicht auf +eine vortreffliche Carriere und haette nicht noethig, diese traurige +Erfahrung ueber die Undankbarkeit der Fuersten zu machen." + +Ein rasch vorueberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in +einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrueckten Hut auf +dem Kopf, blieb ploetzlich stehen und naeherte sich den Officieren. Sein +Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel +hatte jene helle, weiss und rothe Faerbung der nordlaendischen Race. Ein +Guertel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger +scharf hervortraten, lief ueber seine spitze, etwas hervorspringende Nase +hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und +beobachtend umher. + +Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruss, als er an ihren Tisch +trat. + +"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten +koennen, in dieser Kaelte hier auf der Strasse zu sitzen, dazu muss man ein +geborner Pariser sein, welcher gar kein Mass und keine Empfindung fuer +die Grade der Kaelte hat. Ich fuer meine Person friere hier mehr, als ich +es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht +dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen." + +"Sie sehen so vergnuegt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem +bekannten daenischen Journalisten und Agitator fuer die Sache Daenemarks, +Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, dass der Artikel V. des Prager +Friedens endlich ausgefuehrt wird?" + +Herr Hansen wehrte mit der Hand ab. + +"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb laechelnd, halb missmuthig, +"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man +fortwaehrend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir +fuer Muehe gegeben, dass dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen +werden moechte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit +wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort +fuer unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafuer +thun." + +"Glauben Sie denn, dass die Schwachheit und Unthaetigkeit," fragte Herr +von Duering, "mit welcher die Regierung hier gegenwaertig zu verfahren +scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "dass in +militaerischen Kreisen eine grosse Thaetigkeit herrscht, und man thut dort +ueberall so, als ob eine maechtige Action unmittelbar vor der Thuere +steht." + +"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiss ich nicht, danach muessen Sie Nelaton +fragen." + +"Nelaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der +Doctor Nelaton jetzt die Politik?" + +"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann +der Kaiser im Stande sein wird, ueberhaupt wieder Politik zu machen. Wenn +man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muss man nicht die +Minister, sondern die Leibaerzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen +an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die +Nachrichten ueber das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit. +Die oeffentliche Meinung fuehlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des +politischen Lebens liegt, und wo jede thaetige Action den Stein des +Anstosses findet." + +"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, dass der Koenig +von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben +wird?" + +Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden. + +"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte +Herr von Duering, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten +werden koennen. Sie wissen ja, dass man das Vermoegen des Koenigs confiscirt +hat, und dass ihm nur wenig uebrig bleibt." + +Herr Hansen schuettelte den Kopf. + +"Die einfache Ausloesung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange +gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, waere ein grosser Fehler. +Frueher oder spaeter wird ja doch die grosse europaeische Katastrophe zum +Ausbruch kommen. Wenn der Koenig ueberhaupt noch handeln will, so muss er +die Mittel dazu in Haenden behalten." + +"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn +Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers +besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren." + +Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit grosser +Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte +sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer +Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der +einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der +Strasse getrennt, lag das von Baeumen umgebene kleine Hotel des Herrn +Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwoertlich gewordene, +wunderbar schoene und sorgfaeltig gepflegte Rasen aus, auf dessen gruener +Flaeche das Auge des beruehmten Geschichtsschreibers der Revolution und +des Kaiserreichs waehrend seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu +ruhen pflegte. + +Einige Coupes hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch +den etwas auswaerts fuehrenden breiten Weg zu der innern Hausthuer hin, +trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener +im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thuer des Salons +oeffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden +hineinrief. + +Die beiden, nicht grossen Salons des frueheren Ministers Louis Philipp's +waren mit einer anspruchslosen Einfachheit moeblirt. Der einzige Schmuck +derselben bestand in aeusserst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf +kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen +Oelgemaelden vorzueglicher Meister. + +Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer +standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise gefuehrtem Gespraech +beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon sass auf +einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke, +magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen +Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der +Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende +Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen +buergerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, +sondern auch in ihrer Gespraechsweise, obgleich sie es zuweilen verstand, +mit grosser Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der +Unterhaltung ueber die ernstesten Gegenstaende der Politik oder der +Wissenschaft Theil zu nehmen. + +Neben ihr sass Fraeulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel juenger als sie +und ihr unverkennbar aehnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger +bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurueckhaltend war. + +Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine +hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit +beschaeftigt. + +In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie sassen und auf dem +eine grosse Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte, +sass in einem grossen Lehnstuhl fast verschwindend, der beruehmte +Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs +beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn +Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete. + +Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die +hohe Ruecklehne seines Sessels gestuetzt; die beiden Arme lagen auf den +Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub +sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weissen Halsbinde. Das +runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwaerts gekaemmten, +weissen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewoelbten Stirn, der feinen +Nase und dem breiten, fast immer halb gutmuethig, halb sarkastisch +laechelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des +gelehrten Doctrinaers mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel +begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so +scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren +geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun +pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen +Besuchern dieses einst so glaenzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr +vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stoeren. + +Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, gruesste Madame +Thiers und Fraeulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen +ebenfalls schweigend mit liebenswuerdiger Artigkeit, aber mit einem +leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und +zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurueck. + +Er naeherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Naehe des +Fensters mit einander unterhielten. + +In der Mitte derselben befand sich Herr Weiss, der fruehere Redacteur des +Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu +errichteten Ministerium der schoenen Kuenste, welches Herr Ollivier fuer +seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und fuer welches man sich +bemuehte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschaeftskreis herzustellen. + +Herr Weiss, ein mittelgrosser, schmaechtiger Mann mit blassem, geistig +belebtem Gesicht von mehr feinen, als maennlich kraeftigen Zuegen, in +seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd, +sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet ueber +die neue Entwicklung des Kaiserreichs. + +"Ich fuerchte," sagte Herr Mignet, "dass die Ueberfuehrung der so +ausschliesslich persoenlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt +haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschuetterung +voruebergehen kann,--nicht nur, dass der ganze Constitutionalismus den +Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs +wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere +Geschichte deutlich zeigt, dass die franzoesische Nation nicht besonders +geeignet ist fuer allmaelige und vermittelnde Uebergaenge. Das System, +welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des oeffentlichen +Willens durch Repraesentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich +geregelten Grundsaetzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes +hervorgehen, und unter denen natuerlich die Vertreter der Intelligenz und +des Besitzes den bedeutendsten Einfluss fuer sich in Anspruch nehmen. +Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der +Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den +Parteien die oeffentlichen Angelegenheiten zu fuehren. Das Kaiserreich +aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete +Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefuehlen und +Stimmungen sich bildenden Majoritaet der Massen. Hier stehen sich nur die +Autoritaet und die Masse gegenueber, welche entweder vereint herrschen +oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekaempfen muessen. Es ist eine schwere +Arbeit, welche das jetzige Ministerium uebernommen hat, diese beiden, so +weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenueber stehenden +Prinzipien mit einander zu versoehnen, und auf dem Boden des Caesarismus +ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen." + +"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium +sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und +klar denkenden Mannes rechnen kann--" + +"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiss mit seiner leisen und etwas monotonen +Stimme ein, "an deren Erfuellung ich glaube und zu der jedenfalls die +Regierung und Alle, die ihr angehoeren, den besten und redlichsten Willen +mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "dass die Schwierigkeit +derselben so gross ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, dass +gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem +Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in +der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu +machen, und dadurch wird am sichersten ein gefaehrlicher Ausbruch der +einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Ausserdem soll das +constitutionelle System das Land vor unueberlegten und gefaehrlichen +Actionen nach Aussen bewahren, zu dem Caesarismus und der Demokratie am +Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmaechtiger +Selbstherrscher sind von persoenlichen und augenblicklichen Eindruecken in +besonders hohem Grade abhaengig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden +liegt die Gefahr eines gefaehrlichen Spieles mit der nationalen Kraft und +dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, dass unter einer +constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine +mexikanische Expedition moeglich sein wuerde. Was uebrigens die Verbindung +der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft, +so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur +eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei +die Verstaendigung mit den verfassungsmaessigen Repraesentanten der Nation +erstrebt und gesucht wird." + +"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener +in den Salon und neben einander traten der Repraesentant des alten +franzoesischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung +und der greise General des Julikoenigthums herein. + +General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine +etwas noch militairisch kraeftige Erscheinung. Der Ausdruck seines +ernsten wuerdevollen Gesichts mit dem weissen Bart und Haar war einfache +natuerliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten +ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und +ungesuchtester Natuerlichkeit. + +Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon. + +Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen +geblinzelt, dann dieselben ganz geoeffnet und sich von seinem Stuhl +erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentuemliche +ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten naeherte er +sich der Eingangsthuer und begruesste mit vertraulicher Herzlichkeit den +Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre +Complimente machten. + +Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, waehrend deren +Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und +indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen, +etwas scharfen Stimme sprach: + +"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich +selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der +Gesellschaft zurueckzieht." + +"Ich habe nicht noethig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich +bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr. +Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit." + +"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehoert +immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die +Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu +lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf ueber die +gegenwaertige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische +des Herzens und der Empfindungen unterstuetzt ist." + +"Dazu gehoeren aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven +und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Masse wie Sie."-- + +"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die +Krankheit denkt, so raeumt man ihr keine Macht ueber uns ein. Unser +schlimmster Feind ist die Unthaetigkeit.--Ich habe mich immer durch die +Thaetigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehoert habe +Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch +halte ich mich im Stande," fuegte er laechelnd hinzu, "wenn es einmal +noethig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden." + +"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine +Thaetigkeit nicht willkuerlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv +abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so +bleibt uns nichts uebrig als die Reflexion und die Erinnerung." + +"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder +oeffnen. Es scheint ja, dass Frankreich jetzt zu besseren Zustaenden +uebergeht und dass eine Reihe seiner besten Soehne nicht mehr von aller +patriotischen Thaetigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja +auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen +noch einmal dem Vaterlande grosse Dienste zu leisten berufen sein wird." + +Der General laechelte bitter. + +"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie +scherzen." + +"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muss in der Politik niemals die Person +in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhaeltnisse; +und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person +dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser +Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich +entschliessen kann, so wuerde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine +Regierung zu unterstuetzen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafuer +bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er laechelnd. + +"Kann dieser Kaiser ueberhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte +Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich +wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben, +dass er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur +Richtschnur seiner Handlungen macht? + +"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt, +aber ich muss gestehen, dass ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen +hat, gern bereit bin ihn zu unterstuetzen." + +"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Masse getaeuscht +wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie +er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden +Widerstand gegen jenes Attentat unmoeglich zu machen.-- + +"Er liess mich," fuhr er fort, waehrend Herr Thiers ihn fragend und +erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein +Cabinet in dem Palais Elysee rufen und unterhielt sich eingehend und +anscheinend mit grosser Offenheit mit mir ueber die damalige Lage +Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Naehe von +Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten +und ergebenden seien, da moeglicher Weise Unruhen entstehen koennten, +welche im Stande sein moechten, die Freiheit der Verhandlungen der +Nationalversammlung zu beeintraechtigen.--Auf einem Tische in der Mitte +seines Zimmers lag eine grosse Karte von Frankreich ausgebreitet, auf +welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen +Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen +Truppentheile angegeben waren. Der Praesident ersuchte mich, durch diese +Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich fuer erforderlich +und zweckmaessig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller +derjenigen Regimenter, deren Fuehrer und deren Soldaten ich als der +Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen +in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Praesident, welcher +aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, dass er die erforderlichen Befehle +zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten +uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der +General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen +wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, liess er diejenigen +Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch +heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von +Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und +Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann +in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand +durchgefuehrt." + +Herr Thiers laechelte. + +"Ich muss gestehen," sagte er, "dass dies nicht eins der ungeschicktesten +Manoever dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich ueberhaupt in ihm +getaeuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will +er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten, +sondern nach den Thaten richten--so muss man ihn doch unterstuetzen. Fuer +Sie wuerde das uebrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General +kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von +der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf +dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den +Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System." + +"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird +wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kraefte in +wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere +Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir +in muthloser und schwankender Unthaetigkeit zugesehen, wie man ohne uns +das europaeische Gleichgewicht veraenderte." + +"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die +Regierung begangen hat, wird sich raechen, und zwar raechen durch einen +Krieg, der um so gewaltiger und erschuetternder sein wird, je mehr man +ihn zur Zeit, da er vernuenftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die +Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander +schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter +sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen +Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der +Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Daenemark, unsern +Alliirten, getoedtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkuer der Gewalt +Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglueck. Der Krieg +ist unvermeidlich. Zwei grosse Kraefte wie Frankreich und Preussen koennen +nicht immer, bis an die Zaehne bewaffnet, mit unter einander +geschlagenen Armen einer der andern gegenueber stehen, das muss einmal zum +Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiss es nicht und Niemand weiss +es.--Preussen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine +Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der +Augenblick kommen, in welchem die franzoesische Regierung, sie moege +heissen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln +gedraengt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kraeftige +Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein koennte, ist +England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon +wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und +namentlich seinen Worten keinen thaetigen Nachdruck geben. Er ist sehr +vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Massregeln. + +"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke +nicht allein auf tuechtige Generale, sondern auch auf Staatsmaenner +ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren +Charakter der Nation Vertrauen einfloessen. + +"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schaetze, wuerde vielleicht +kaum einer so grossartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie +uns auferlegen muss. Ich sehe ueberhaupt nach dem Tode von Walewsky, +welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser naeher +stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein +koennte.--Ich glaube auch, dass er noch in sehr nahen Beziehungen zum +Kaiser steht, aber er muss sehr unzufrieden sein mit dem Gang der +auswaertigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz +andere Richtung haette nehmen muessen." + +Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General +Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er +blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu +Boden. + +Die uebrige Gesellschaft hatte sich allmaelig ebenfalls mehr und mehr nach +dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer +beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen. + +Herr Mignet trat heran und begruesste den Hausherrn mit ehrerbietiger +Herzlichkeit. + +"Man erzaehlt mir," sagte er, "dass Sie sich mit einem grossen Werk ueber +die Philosophie der Geschichte beschaeftigen--der Inhalt wird fuer jeden +Historiker von grossem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald +Etwas davon zu sehen bekommen?" + +"Das wird davon abhaengen," sagte Herr Thiers laechelnd, "wie bald ich +mein Leben und damit meine Thaetigkeit beenden werde, denn ich bin +entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht +lebend ueber mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum +zu uebergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt +entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk ueber +sehr viele Dinge ganz ohne alle Ruecksicht die Wahrheit sagen, und das +koennte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der +friedlichen Musse meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung +habe. Ich glaube," fuhr er fort, "dass die gegenwaertige Welt einen +gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr +lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich ueber +Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn haette, +dem ich in einem Testament meine letzten Rathschlaege ertheile, um die +reichen Erfahrungen meines Lebens fuer ihn nuetzlich zu machen. Der Himmel +hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmuethig freundlichen +Laecheln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete +Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach +meinem Tode ein wenig nuetzlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch +kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu +leben haben." + +"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener. + +Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium +der auswaertigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen +Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm +freundlich die Hand hinstreckte. + +Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Grosswuerdentraegers des +ersten Kaisers, welcher spaeter mit der Julimonarchie innig liirt gewesen +und lange Zeit von jeder politischen Thaetigkeit fern geblieben war, +mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme +Erscheinung von wuerdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht +mit dem grauen Haar trug den Ausdruck hoeflicher Zurueckhaltung, in seinen +Zuegen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der +selbststaendigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge +theoretische Studien sich ueber alle ihm vorkommenden Dinge ein +philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist. + +Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung gefuehrt hatte, +bei welcher eine gewisse Preoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar +war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn laechelnd fragte. + +"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswaertigen +Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?" + +"Die auswaertigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte +der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte," +fuegte er hinzu, "dass ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen +koennte." + +Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf. + +"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch ueber die innern Angelegenheiten +gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, dass, obwohl ich keine +persoenliche Sympathie fuer dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich +dennoch anerkennen muss, wie die neue Aera der innern Politik allen +Anforderungen entspricht, die man vernuenftiger Weise machen kann, und +der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, dass Sie, mein verehrter +Freund, gegenwaertig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der +Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja ueber +einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen." + +"Vorausgesetzt, dass man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und +dass man nicht ebenso viele Schritte zurueckthut, als man voran gegangen +ist." + +"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann. + +"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also +begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, dass der +Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm +sagt, dass er ein Plebiscit fuer noethig halte, um die von dem Senat und +Gesetzgebenden Koerper genehmigte Veraenderung der Verfassung des +Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die fruehere Verfassung sei durch +den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es muesse derselbe daher +auch den gegenwaertigen Abaenderungen derselben seine definitive +Zustimmung geben." + +"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, waehrend die +uebrige Gesellschaft naeher herantrat und mit Spannung dem Gespraech +folgte. + +"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des +Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen +natuerlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit +fort, "sehe darin nur die Rueckkehr zu dem Grundsatz, dass das persoenliche +Regiment, auf den Willen der Masse gestuetzt, sich von Neuem ueber die +Verfassung und ueber das Votum der legalen Repraesentanten der Nation zu +stellen beabsichtigt. Wo ist ueberhaupt noch eine Sicherheit fuer die +oeffentlichen Zustaende, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem +solchen Plebiscit abhaengig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch +nur eine Komoedie ist und gegenueber einer starken Regierung immer nach +deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen +moegen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums +auszusetzen Lust haben werden." + +"Das ist ein eigenthuemlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich. +"Aber ich moechte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie +steht es mit der auswaertigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir +mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhaeltnissen. +Wie stehen Sie mit Preussen?" + +"Kalt und misstrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch +durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden +Seiten die Eroerterung aller Punkte, welche dahin fuehren koennten, +sorgfaeltig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf +eine gegenseitige Verminderung der militairischen Ruestungen hin zu +wirken, doch natuerlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die blosse +Eroerterung dieses Punktes ziemlich kurz zurueckgewiesen." + +"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf +Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die +Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?" + +"Wir koennen es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite +nicht der Anfang gemacht wird." + +"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, dass der Andere +zuerst abruesten soll. Ich muss Ihnen sagen," fuhr er fort, "dass mir das +Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich +die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, dass, +sobald die Frage der militairischen Abruestung zwischen zwei Maechten +ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte +ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muss ich +darauf zurueckkommen, was ich vorhin sagte--" + +Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Dass naemlich unser tapfrer +Freund hier doch noch Gelegenheit finden koennte, seinen Degen im +Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe +fuer so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der +Vorlaeufer einer auswaertigen Action. Der naechste Schritt," sprach er +weiter, "den England thun muss, wenn seine Vermittlung wegen der +Abruestung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schliesslich ganz +Europa wird anschliessen muessen, muss der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie +haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben +den Krieg fortwaehrend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand +gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine +energische Klaerung der Situation herbeizufuehren. Das Alles muss endigen, +entscheiden Sie sich Krieg zu fuehren, oder erklaeren Sie offen, dass Sie +rueckhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die +gegenwaertige Situation ist fuer ganz Europa unertraeglich--'" + +Er hielt inne und fragte abbrechend: + +"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenueber einnehmen, +welches Ollivier bereits acceptirt hat?" + +"Ich habe erst fluechtig darueber mit den mir gleich gesinnten Collegen +sprechen koennen," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige +Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine grosse +Popularitaet bei den Massen, und sich demselben widersetzen, wuerde uns +fast als die Vertreter reactionairer Grundsaetze vor den Augen der +oeffentlichen Meinung hinstellen! Doch muessen wir nach meiner +Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwaehrenden Appellation +von den gewaehlten Repraesentanten an das Volk selbst ernstlich +entgegentreten." + +"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, dass das +Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem +Gesetzgeben-Koerper ausgeschrieben werden duerfe. Dann hat die Sache doch +wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen +zwischen den Kaiser und die Volksmasse." + +"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm +des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons +zurueck und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespraech. + +Die Unterhaltungen der uebrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und +lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen +Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur +Missbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin +und fuehlten sehr wohl, dass derselben vollstaendig die Spitze abgebrochen +wuerde, wenn die Regierung der Kammermajoritaet gegenueber fortwaehrend die +Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand +behielt. + +Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespraech mit dem Grafen Daru +beendigt,--er naeherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fraeulein Dosne +einen Wink. + +Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das +Zeichen fuer die Gesellschaft, dass der Empfang beendet und dass fuer Herrn +Thiers, welcher seine Gesundheit und Ruestigkeit durch eine ungemein +strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden, +nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich +zurueckzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick ueber die Arbeit und die +Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes +Alter hinein ein treuer Freund geblieben war. + +Die Gesellschaft empfahl sich und bald erloeschten die Lichter in dem +kleinen Hotel an der Place de St. George. + + + + +Ende des ersten Bandes. + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen. Erster +Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. *** + +***** This file should be named 13657.txt or 13657.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13657/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/13657.zip b/old/13657.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a7ae3d2 --- /dev/null +++ b/old/13657.zip |
