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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13657 ***
+
+Der Todesgruß der Legionen.
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Erster Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der
+Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
+fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht
+die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu
+zerschneiden--außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von
+Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz
+seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
+bedeutende Wohlhabenheit erreicht.
+
+Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
+unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden
+Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt
+eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
+selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
+Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte
+Frankreichs zusammenhängen.
+
+Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
+streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les
+bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
+Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie
+hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
+dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit
+verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.
+
+Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
+Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
+blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier
+macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
+Devise.
+
+Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
+Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und
+Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
+welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von
+den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers
+die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt.
+
+Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.
+
+Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die
+Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
+aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den
+Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
+Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende
+Gegend.
+
+Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner
+von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
+Männer auf und nieder.
+
+Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht
+vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben
+jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
+von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
+geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
+natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der
+Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des
+französischen Arbeiterstandes war.
+
+Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und
+Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich
+ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
+kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine
+gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
+zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
+schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig
+Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
+weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
+jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen,
+insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist.
+
+Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre
+1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
+Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
+Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei;
+der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das
+Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in
+Saint-Dizier stationirt waren.
+
+"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt
+wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
+Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
+Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration
+auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
+Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
+ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
+gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
+mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
+dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
+Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
+täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
+uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und
+dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
+erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."
+
+"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
+stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist
+unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und
+Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
+sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
+bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
+steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
+zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch
+nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
+wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz.
+Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
+nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
+so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
+Familie gründen können."
+
+"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
+und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu
+heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
+recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch
+militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr
+zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
+hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen
+Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen
+und nach preußischem Commando exerciren?"
+
+"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe
+ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich
+der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich
+verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
+größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
+Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht
+als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld
+zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
+Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu
+werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein
+einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde
+ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
+Heimath aufzugeben.
+
+"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu
+tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
+Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
+wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch
+meine Liebe bestimmen lassen."
+
+"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen
+möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin
+zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat
+uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
+kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen
+Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
+und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
+überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten
+immer die Liebe mitspricht--"
+
+Ungeduldig erwiderte Cappei:
+
+"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe
+ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und
+uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde
+hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
+mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen
+Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König
+uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt
+und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."
+
+Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
+Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
+spärlich erleuchtet war.------
+
+Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten
+Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche,
+welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von
+etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
+Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
+das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
+glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
+Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon
+unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
+eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber
+doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den
+französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen
+dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten
+sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund
+sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
+Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand.
+
+Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas
+gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
+Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen
+sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
+Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
+Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht.
+
+"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit
+lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie
+für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben.
+Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine
+Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
+gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück,
+mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
+keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
+glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
+Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."
+
+"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
+Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
+bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
+meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
+lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten
+Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie
+ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.
+
+"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht
+ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
+die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
+offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß
+Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."
+
+"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
+lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
+verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre
+Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
+dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
+drängen Sie mich fortwährend?"
+
+"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es
+nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
+Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr
+entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit
+unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher
+war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
+gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und
+widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige
+Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
+glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit
+Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles
+anders--seit--"
+
+"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem
+kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen
+musternd, "seit--?"
+
+"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
+brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen
+Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling,
+von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
+gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
+Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
+Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
+Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
+welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin
+Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
+mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
+grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich
+die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
+seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück
+meines Lebens geraubt hat."
+
+Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
+Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
+fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre
+Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
+Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
+festgeschlossenen Mund.
+
+"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
+mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
+Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu
+andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
+Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über
+Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu
+antworten.
+
+"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
+eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer
+Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
+unwiderruflichen 'Nein' beantworte."
+
+Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen
+Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
+freundlichen Lächeln.
+
+"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
+jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
+leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe
+mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung
+sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."
+
+Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte
+unbeweglich in die Kaminglut.
+
+Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
+Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.--
+
+Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
+aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
+kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der
+Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
+Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
+schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders
+erinnerte.
+
+Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
+peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.
+
+"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so
+bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir
+alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen
+Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse
+bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
+lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
+Friedensversicherungen enthalten."
+
+"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
+sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet
+berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
+Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
+schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen
+Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche
+und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
+wenig mißtrauisch.
+
+"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder
+große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
+hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes
+erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
+lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch
+sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit
+empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
+und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
+erschüttert und immer tiefer untergraben wird."
+
+Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er,
+"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
+Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
+verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung
+gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der
+Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
+nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen.
+
+"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
+kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
+den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die
+allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
+aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die
+Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
+Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum
+zu verantworten sein."
+
+"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich
+auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen
+und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
+giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
+rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
+daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
+welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich
+würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung
+ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"
+
+"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
+Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
+Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich
+bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
+Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
+alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren
+in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
+erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist
+und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige
+gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
+Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
+ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
+jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath
+berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."
+
+"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
+Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so
+laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt
+dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
+Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen
+Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die
+Satelliten der römischen Kaiser."
+
+"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die
+kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß
+man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
+militairischen Ruhm vorziehen wird."
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend
+still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters
+mit Herrn Vergier zu achten.
+
+Luise erhob sich.
+
+"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat
+versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick
+sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
+zusammenbiß und sich abwendete.
+
+Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.
+
+Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
+Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
+und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
+Vergier streifte:
+
+"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre
+Abwesenheit sehr bedauert haben."
+
+Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
+machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
+Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen
+Verneigung Herrn Vergier.
+
+Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen
+Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein
+Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem
+Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den
+einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
+eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um
+ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei.
+
+Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen
+aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
+der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
+heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der
+Gesellschaft.
+
+Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
+Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen
+und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
+Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
+schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
+mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
+dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
+hinübersah.
+
+Das Diner verlief schweigsam.
+
+Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner
+schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.
+
+Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
+hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
+welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
+von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.
+
+Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
+Lampe erleuchteten Salon zurück.
+
+Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte,
+die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um
+seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
+das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
+machen.
+
+Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
+Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
+Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
+ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.
+
+"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
+französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
+fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
+vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen
+Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir
+für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt."
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
+Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
+"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu,
+"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
+Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
+ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen
+wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken
+betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
+Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines
+so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
+ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"
+
+"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
+ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner
+Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
+geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--"
+
+"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
+"genügt Dir diese Heimath nicht?"--
+
+Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:
+
+"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige,
+die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen
+Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
+je--"
+
+"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns
+trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in
+welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die
+Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
+hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
+Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden
+Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
+Glück Nichts mehr im Wege stehen."
+
+Er blickte düster vor sich hin.
+
+"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher
+Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte
+ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion
+aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
+Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
+Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
+bin Dir eine Zukunft zu schaffen."
+
+"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
+in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
+unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
+fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
+gründen--"
+
+"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
+Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des
+Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so
+kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
+Existenz schaffen lassen.
+
+Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
+ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines
+Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch
+ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
+sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie
+wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
+Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch
+während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."
+
+Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
+blickte ihm tief in die Augen.
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun
+wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
+jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die
+deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
+beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen
+bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind."
+
+Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen
+zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!--
+
+Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
+sich in ihren Sessel zurück.
+
+Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.
+
+Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen
+Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung
+bewegten Stimme.
+
+"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
+ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß
+in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier
+eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
+und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.
+
+"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um
+auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über
+Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
+thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--"
+
+Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf
+den Schnurrbart und schwieg.
+
+"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
+Geliebte anblickend.
+
+"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise.
+
+"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
+Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer
+gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
+beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."
+
+Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
+zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.
+
+Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig
+erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
+doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
+lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
+schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den
+Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
+keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen
+würde.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+
+Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
+Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
+den Tuilerien.
+
+Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
+Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
+sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
+geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck
+tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
+Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
+ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
+in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des
+Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
+convulsivischen Zuckungen.
+
+Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
+Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
+schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
+kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
+theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
+schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
+liegenden Souverain.
+
+An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton
+beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
+Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
+geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
+auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er
+doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
+dem Zustande seines Patienten beschäftigt.
+
+Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
+aufmerksam dem Pulsschlag folgend.
+
+"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend;
+"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät
+gern einige Tropfen Aethergeist einflößen."
+
+"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung
+hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist
+ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
+das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den
+Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und
+hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
+bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es
+sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."
+
+Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
+seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
+auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.
+
+Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen,
+seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
+Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.
+
+"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
+entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?"
+
+"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
+Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben
+werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
+hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können."
+
+"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
+glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
+gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden
+kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine
+Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und
+zu handeln."
+
+"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
+diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen.
+Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
+durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
+Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als
+andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden
+überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und
+je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
+werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
+auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung."
+
+Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben
+meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
+mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um
+das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft
+die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre
+ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
+denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen
+können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
+ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn
+zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für
+mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja
+nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die
+nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen
+Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für
+welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens
+angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
+irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft
+aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze
+Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
+Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet
+habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige
+Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."
+
+"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
+Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und
+hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten
+legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
+unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn
+der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst
+berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
+Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen
+natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
+Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die
+Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die
+Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der
+Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."
+
+Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.
+
+"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie
+wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
+das ich immer mehr verliere.
+
+"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
+Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
+besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das
+ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.
+
+"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
+wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
+Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
+Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
+öffentlichen Lebens."
+
+Dr. Conneau lächelte.
+
+"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
+unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
+solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
+diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse
+der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer
+hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
+Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
+öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät
+geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten
+Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des
+Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden
+niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an
+Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern."
+
+"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
+weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus
+dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
+wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
+Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
+da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer
+Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend
+hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
+gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
+stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
+ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
+Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
+möchte.--
+
+"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
+Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
+vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle
+es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
+Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
+bewegen konnte.
+
+"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
+einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
+Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.
+
+"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
+den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
+reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht
+helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur
+helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
+einzuflößen vermöchten.
+
+"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte
+allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr
+werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
+die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
+augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm
+nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen
+gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht
+fortsetzen.--
+
+"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das
+Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
+kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über
+meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.
+
+"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
+einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte.
+Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
+Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und
+sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu
+sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
+pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
+Tode aufhört.
+
+"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
+fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.
+
+"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil
+er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?
+
+"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein
+unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich
+habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
+und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
+ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn."
+
+In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
+dessen Hand und führte sie an seine Lippen.
+
+"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
+Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den
+kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--
+
+"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst
+die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
+meinem Sohn den höchsten Dienst leisten."
+
+Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem
+Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
+Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
+Glase Wasser.
+
+"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
+reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
+erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät
+die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung
+hervorgerufen hatte."
+
+Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne
+opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner
+Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere
+Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
+Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und
+der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.
+
+Er stand langsam auf.
+
+"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
+Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
+der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten
+Unfähigkeit herabstimmen."
+
+"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
+Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor
+und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl."
+
+"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu
+gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der
+Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
+herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den
+Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse,
+denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse."
+
+Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen
+und verließ das Schlafgemach seines Herrn.
+
+Der Kaiser klingelte.
+
+"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
+Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
+eine so liebe Gewohnheit geworden war."
+
+Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
+Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die
+Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur
+sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte
+von seiner gebrochenen Kraft.
+
+"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
+Spiegel.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein
+Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer
+erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
+den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz
+gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den
+Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den
+Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.
+
+Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
+verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der
+Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.
+
+Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
+früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
+wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des
+Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt.
+Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
+gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in
+seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit
+langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
+ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
+entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
+phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
+ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
+während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
+von einer dunkeln Gluth durchschimmert.
+
+Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
+völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
+welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.
+
+"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
+Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
+zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und
+bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
+Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung
+Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind."
+
+"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
+sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
+Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich
+sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut
+ausspreche."
+
+"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß
+diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig
+abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es
+gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
+den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
+des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was
+sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß
+ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln
+und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.
+
+"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine
+Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den
+Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
+einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
+wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
+Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
+Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
+Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät
+werden das wirklich Richtige zu erkennen."
+
+"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er
+sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois
+einen Sessel neben sich bezeichnete.
+
+Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
+blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
+gerichtete Frage zu antworten:
+
+"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß
+gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
+Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
+Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was
+ich gesehen."
+
+Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den
+Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
+spielend, aufmerksam zu.
+
+"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern
+Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt
+hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß
+der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
+früher."
+
+Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
+blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
+gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.
+
+"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
+"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
+Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der
+Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird.
+Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation
+berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
+gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit
+freut sich der Ruhe und Ordnung.
+
+"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die
+Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich
+versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
+Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
+Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
+versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten
+Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
+geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
+gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen.
+Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
+gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
+Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu
+zerstören.
+
+"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
+citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht
+scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
+Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
+keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
+wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am
+Hute tragen.'"
+
+Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig
+unter den Augenlidern.
+
+"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in
+Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
+Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
+zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
+wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat
+man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde."
+
+Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach
+mit ruhigem Lächeln:
+
+"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
+treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie
+mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
+keine Gefahr bringen."
+
+"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut
+und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich
+erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
+sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
+Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
+man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man
+ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
+weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie
+das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
+Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
+der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift."
+
+"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber,"
+fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
+Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?"
+
+Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.
+
+Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete,
+dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.
+
+"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
+Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner
+Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen
+nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten
+undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch
+über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge
+faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung
+geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm
+aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
+aber--"
+
+"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit
+gespannter Erwartung aufblickend.
+
+"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des
+Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern
+Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch
+untergraben."
+
+"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
+daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
+persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und
+sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
+und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
+werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die
+persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der
+Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
+ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige
+rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."
+
+"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne
+ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
+Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
+würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät
+bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen
+Händen lägen."
+
+Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ
+den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:
+
+"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
+treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
+kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
+welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie
+sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
+eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des
+Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe."
+
+Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.
+
+"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
+Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
+Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen
+habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
+besitzen?"
+
+"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes
+und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer
+Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir
+Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
+sprechen.
+
+"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur
+von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache,
+daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem
+Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des
+Orleanismus--"
+
+"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet
+mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?"
+
+"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
+Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber,
+Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille
+angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
+und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der
+constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
+Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
+setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
+Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet
+sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
+Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät
+Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die
+Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
+französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen
+befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des
+Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen
+zieht.
+
+"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
+Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's
+wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
+als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
+ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
+Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
+ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es
+kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den
+Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein
+dastehen werden.
+
+"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
+Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
+Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
+befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von
+Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit,
+das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern."
+
+Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.
+
+"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin
+gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie
+verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
+schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer
+eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"
+
+"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die
+Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen
+sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
+Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
+gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine
+Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
+des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an
+den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
+reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten
+Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen."
+
+Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
+vor sich nieder.
+
+Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so
+brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
+Seele lesen.
+
+"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung
+geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den
+Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner
+Freunde zu legen?"
+
+"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
+Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
+eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem
+Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
+neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
+kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.
+
+"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß
+in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
+Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den
+Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
+und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der
+Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk
+giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
+besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige
+Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
+überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren
+hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
+Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle
+Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche
+Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
+zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
+Boden des realen Volkslebens loszulösen.
+
+"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
+während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das
+Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
+Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf
+den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der
+orleanistischen Agitation.
+
+"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
+fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
+Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
+Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die
+Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen
+wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen,
+ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
+und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
+Dynastie sind."
+
+"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
+Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie
+bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie
+glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden
+können.
+
+"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht,
+welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin,
+Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
+Fragen lösen zu können glauben."
+
+"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine
+Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise
+Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
+beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während
+der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
+zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt
+des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die
+parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
+worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen
+Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich
+befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
+ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst.
+
+"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
+Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
+durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein
+solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das
+ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
+Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
+mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
+parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
+ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
+verschwinden."
+
+Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit
+und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.
+
+"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
+haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe
+neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für
+den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
+allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
+meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat
+und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
+Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu,
+"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben
+Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
+und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die
+Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.
+
+"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des
+Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
+den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."
+
+"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so
+wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
+diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich
+unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt
+bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten
+wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
+werden verschwinden.
+
+"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn,"
+fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre
+alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der
+richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
+erstehen werden."
+
+Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
+und sprach:
+
+"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
+überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung
+und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die
+Wahrheit gesagt.
+
+"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über
+einen Punkt Ihre Meinung hören.
+
+"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das
+nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die
+Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief
+verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
+Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer
+Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des
+großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von
+Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
+kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen
+Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen
+Frankreichs wieder herzustellen."
+
+"Man räth Eurer Majestät," fiel Clément Duvernois ein, "ganz einfach den
+Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in
+seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne
+Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht
+Europa's sich vollziehen können; man räth," fuhr er mit erhöhter Stimme
+fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun,
+was Sie--verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire--unmittelbar nach der
+Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen."
+
+Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:
+
+"Und was meinen Sie zu diesem Rath?"
+
+"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer
+Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber
+nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer
+Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde
+aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich
+freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
+Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß
+ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
+preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in
+den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--"
+
+"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.
+
+"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
+Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
+der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren
+Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu
+können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und
+die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf
+bestimmen zu können?
+
+"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann
+ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht
+besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage
+beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht
+vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so
+geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte
+Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
+versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
+abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein
+unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in
+Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
+des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln."
+
+"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim,
+vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
+Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick
+besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber
+kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
+Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber
+gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst
+sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee
+übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den
+Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit
+ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber
+ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das
+Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va
+banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
+kann.
+
+"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte
+über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die
+französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und
+Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König
+Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens
+geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in
+diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
+haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa
+Franca möglich sein."
+
+"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben
+gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste
+Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel
+des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen
+bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und
+für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der
+gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
+Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
+sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie
+langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor,
+denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste
+geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder
+später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
+das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."
+
+Der Kaiser stand auf.
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in
+diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich
+diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer
+so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden.
+
+"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er
+Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher
+treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."
+
+Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
+stolzer Befriedigung:
+
+"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden,
+meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
+Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören."
+
+Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief
+vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und
+verließ das Cabinet.
+
+"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er
+hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich
+darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und
+zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in
+mir fühle."
+
+Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief:
+
+"Ihre Majestät die Kaiserin!"
+
+Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
+in das Cabinet.
+
+Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer
+edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden.
+Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
+zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
+großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.
+
+Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
+reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
+ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
+seine Lippen führte.
+
+"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der
+Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
+schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
+können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr
+Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
+unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses
+unruhigen Frankreichs."
+
+"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
+sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie
+wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
+gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter
+fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
+Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
+den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere
+Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
+Stadt stattgefunden?
+
+"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
+vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer
+gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den
+Haß gegen die Regierung zu schüren."
+
+"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen
+stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
+gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."
+
+"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht
+erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
+vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.
+
+"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn
+einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
+Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu
+spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr
+bedenkliche Aufregung."
+
+Der Kaiser lächelte.
+
+"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir
+die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint
+bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man
+kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu
+lassen.
+
+"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
+"den genauen Bericht."
+
+Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines
+Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
+Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
+Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
+zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.
+
+Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
+Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
+des Kaisers erwartend.
+
+"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und
+der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.
+
+"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht
+ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
+beendet."
+
+"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich
+neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.
+
+"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der
+Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
+dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
+Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
+Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
+gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
+zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
+nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des
+Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu
+heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
+Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
+und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
+Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
+Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
+einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
+abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
+der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
+vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
+Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
+Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
+vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der
+Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen
+ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die
+Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
+sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
+beendet."
+
+"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst
+den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern,
+wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen
+Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
+solche Bewegung annehmen kann."
+
+Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf.
+
+"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung
+Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
+Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
+Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
+große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige
+Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an
+Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach
+meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"
+
+Pietri verneigte sich.
+
+"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
+"daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
+Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
+diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht.
+Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
+geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man
+sich nicht darum gekümmert hätte."
+
+"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit
+flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der
+Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es
+wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
+zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
+man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
+Macht der kaiserlichen Regierung glauben?
+
+"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen
+Glauben zu verlieren."
+
+Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:
+
+"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen
+zu lassen."
+
+Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.
+
+"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin.
+"Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine
+Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
+geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen
+und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
+wird."
+
+"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie
+vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
+doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben."
+
+"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen
+noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
+man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
+dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme
+Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem
+Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester
+und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser
+Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"
+
+--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über
+seinen Knebelbart streichend.
+
+"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz
+Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
+erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr
+persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von
+Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende
+preußische Macht."
+
+Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
+zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:
+
+"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit
+einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich
+verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de
+but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären
+könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische
+Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
+ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."--
+
+"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten
+Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
+haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel
+gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere
+Armee für vollkommen schlagfertig--"
+
+"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser
+ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die
+Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."--
+
+"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
+ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe
+ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
+Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die
+Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr
+Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
+und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich
+werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
+Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
+eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von
+1866 wieder zu zertrümmern."
+
+"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?"
+fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
+Beistand, den wir dort finden können."
+
+"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter,
+"ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die
+genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle
+jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
+Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen."
+
+Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
+in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
+ansah.
+
+"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der
+Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
+Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt
+das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
+Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem
+vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des
+Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
+nicht der geeignete Augenblick."
+
+"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren
+Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt
+sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
+den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--
+
+"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren
+Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den
+Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und
+seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete
+Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
+Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu
+machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren
+Lebensbedingung der Friede quand même ist?"--
+
+"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister?
+Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
+sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen
+von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
+Frankreichs erfüllen müssen.
+
+"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von
+unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
+Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn
+nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen,
+und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch
+ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist."
+
+"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an
+seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat,
+eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
+um Frankreich mit sich fortzureißen?"
+
+"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer
+zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
+und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir
+im Sinne liegt--"
+
+Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber.
+
+"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
+daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
+machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont
+kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen
+Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
+können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und
+unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
+da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist.
+Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie
+Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
+sich von selbst machen."
+
+"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick
+vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen
+Sie mich darüber nachdenken--"
+
+"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu
+lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend,
+indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen
+Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur
+um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft
+unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee,
+diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst
+die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über
+die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das
+militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist
+der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen
+Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.
+
+"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen
+Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich
+verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem
+ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern,
+kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
+machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
+haben."
+
+Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner
+Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches,
+goldschimmerndes Haar.--
+
+"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine
+alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie
+mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben
+Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht
+erlöschen wird."
+
+Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige
+Augenblicke schweigend neben ihm stehen.
+
+"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die
+Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt
+habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen
+Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß
+ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."
+
+"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß
+die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es
+mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
+lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen."
+
+Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf
+die Stirn.
+
+"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
+scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
+langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der
+eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den
+Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm
+Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
+seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
+Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
+ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der
+Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
+Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen,
+das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den
+Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen?
+Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand
+zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--
+
+"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich
+die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
+ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er
+seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll
+wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
+Händen liegen.--
+
+"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse
+Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,
+"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
+versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich
+weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
+kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
+Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden
+Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé
+da?"
+
+"Der General wartet im Vorzimmer."
+
+"Führen Sie ihn herein!"
+
+Der Kammerdiener öffnete die Thür.
+
+Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.
+
+Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug
+reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
+Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
+schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.
+
+Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
+seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
+nieder.
+
+General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran
+und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
+Tuilerien.
+
+Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
+gekommen war, befahl er langsam zu fahren.
+
+Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
+Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während
+die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden
+blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
+Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die
+sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
+die Herandrängenden zurückweisen.
+
+"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
+den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.
+
+Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
+lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß.
+
+Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
+kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
+schallendem Ton:
+
+"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
+Meuterern!"
+
+Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.
+
+Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
+einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
+Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.
+
+"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle
+diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
+einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen
+mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß
+diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
+sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen."
+
+Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.
+
+"Nach Belleville!" rief Napoleon.
+
+Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
+versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!"
+aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
+Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.
+
+"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem
+unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre?
+Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit
+etwas ängstlicher Miene hinzu.
+
+"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,
+stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
+machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß
+ich mich noch als seinen Herrn fühle."
+
+Man war in Belleville angekommen.
+
+Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
+zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
+Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen
+meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
+nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
+verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit
+dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
+verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein
+Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.
+
+Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
+genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
+von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu
+räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
+Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.
+
+Der Kaiser ließ halten.
+
+An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene
+düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
+glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden
+Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
+den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
+den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
+nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster
+hinschweifen.
+
+Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben.
+Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete
+ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
+sich hin.
+
+"Vorwärts!" befahl Napoleon.
+
+Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch
+nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.
+
+Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend
+eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.
+
+"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
+vor dem Richterstuhl der Geschichte!"
+
+Der Kaiser zuckte zusammen.
+
+"Halt!" rief er.
+
+Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
+Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr
+und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so
+schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick
+seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.
+
+Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
+hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.
+
+"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und
+ruhig.
+
+Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die
+Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an
+der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
+fahren.
+
+Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern
+Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An
+der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé
+seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde
+an.
+
+Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
+dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.
+
+"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch
+das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
+dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das
+Innere des Hotels führte.
+
+In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere
+langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator
+und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
+war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein
+kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck
+und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
+noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
+grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
+Augenbrauen hervor.
+
+Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser
+und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:
+
+"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am
+Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
+vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
+eilen."
+
+"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte
+der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser
+ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß
+ich wohl zu Ihnen kommen."
+
+Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.
+
+Sie traten in den großen Empfangssalon.
+
+"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät
+zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt."
+
+"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
+Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen
+plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines
+Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von
+dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze
+Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen
+Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
+Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön
+gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.
+
+Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd
+zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.
+
+Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
+schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
+sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.
+
+"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon
+endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den
+Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist
+ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er
+halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen
+und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus
+diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und
+mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
+der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in
+dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
+bei Ihnen."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
+zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige
+Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine
+Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.
+
+"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit
+überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
+begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den
+Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
+Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
+der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen
+Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten,
+auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten."
+
+Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.
+
+"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch
+heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät
+Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick
+unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
+Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich
+militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die
+französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare
+Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der
+Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat."
+
+"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von
+den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
+konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich
+damals Unrecht gehabt."--
+
+"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte
+Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil
+Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät
+wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
+die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich
+damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen
+Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und
+mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."
+
+"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon,
+"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
+Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines
+der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief
+seufzend--"denn ich habe viel verloren."
+
+"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf
+denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
+und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
+Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält,
+sagen, als es Ihr Minister gethan hat."
+
+"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die
+Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler
+machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
+verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu
+Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
+mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath
+zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich
+laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
+dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"
+fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des
+Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
+Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
+Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
+verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen
+Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß
+die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
+geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich
+den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
+und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals
+garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,
+bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
+man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem
+Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während
+der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
+zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee
+sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die
+Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
+Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann
+aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von
+erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die
+europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
+und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische
+Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber
+Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
+Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden,
+jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
+entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
+mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"
+
+Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
+dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
+lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
+langsam, jedes Wort scharf betonend:
+
+"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
+nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,
+"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht
+hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
+der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig
+befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
+oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich
+zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
+darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
+anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
+später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit.
+Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine
+Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem
+Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum
+Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg
+von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
+Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
+Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
+die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über
+den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein
+Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
+man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des
+Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
+einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.--
+
+"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
+verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem
+sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
+früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
+reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
+sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
+sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich
+ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem
+Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich
+selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache
+Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg
+Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
+so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit
+gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
+Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann
+Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als
+Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen
+Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche
+Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner
+Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir
+noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich
+mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
+Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
+Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
+geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen."
+
+"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
+Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns
+Hülfe und Beistand."
+
+"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß
+man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug
+wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin
+liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
+um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart
+statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und
+frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
+Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
+welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
+ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
+Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem
+Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
+ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
+wieder aufzunehmen."
+
+"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß
+Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen
+und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
+Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche
+Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
+betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas
+Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert."
+
+"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
+kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
+Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
+Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
+nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder
+verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre
+vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
+irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
+Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"
+
+"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
+"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz
+Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
+Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer
+activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
+"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
+aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer
+deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde,
+in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu
+finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland
+eingewilligt hat."
+
+Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de
+L'huys' ernste Züge.
+
+"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
+der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
+vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne
+Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
+das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große
+Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
+rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
+in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke
+Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen
+Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
+bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß
+sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
+kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
+Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber
+niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
+entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich
+eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
+allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene
+preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den
+Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
+auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung
+Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß
+auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung
+die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
+bietet."
+
+"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
+zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen
+tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik
+nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
+und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
+die alte Höhe zurückführen soll?"
+
+"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
+Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
+diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
+Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die
+Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich
+muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge
+jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die
+bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
+kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
+Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
+Aeußerste zu wagen."
+
+"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
+der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
+militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg
+will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
+Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer
+Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den
+Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse
+ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der
+großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz
+Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
+gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der
+Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen
+ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie
+aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
+Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät
+meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das
+Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
+lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
+Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
+Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen,
+würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde
+Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen
+Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
+betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
+einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
+ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines
+Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
+Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches
+Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des
+Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen
+Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
+preisgegeben sehen."
+
+Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
+Schnurrbart.
+
+"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer
+Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er.
+
+"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
+Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,"
+sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne
+Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch
+Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können."
+
+Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender
+Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
+beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm
+die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.
+
+"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich
+im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
+gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
+geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's
+Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden
+müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in
+welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
+nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den
+kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
+Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
+will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen
+werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen,
+daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
+Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
+hervorgerufen."
+
+"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler
+gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
+meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
+befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen
+Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
+Folgen gehabt hat."
+
+"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend
+und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.
+
+"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen
+einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
+welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
+niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
+links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung
+in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er
+fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen
+immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch
+Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
+Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
+freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es
+auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
+gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu
+lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das
+öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
+nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
+ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu
+inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben
+wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu,
+"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln
+durch ihn durchführen zu lassen."
+
+Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.
+
+"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
+darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
+betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um
+dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu
+stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der
+Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.
+
+"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne
+Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu
+lassen--"
+
+"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
+Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
+folgen."
+
+"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
+neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
+auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
+Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit
+einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
+herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen
+Lebens geworden ist."
+
+Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge
+des Kaisers.
+
+"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr
+Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"
+
+"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
+fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr
+als an Daru und Buffet."
+
+Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.
+
+"Und Ollivier?" fragte er dann.
+
+"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
+ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen
+Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
+Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
+festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
+Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
+den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen
+anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
+erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
+Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so
+ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und
+ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
+Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere
+und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so
+unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
+wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
+eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen
+militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des
+Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte."
+
+Der Kaiser erhob sich.
+
+"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre
+Unterstützung nicht fehlen wird."
+
+"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
+bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich
+nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
+dieselben acceptiren, auszuführen."
+
+"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
+verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
+guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
+meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
+derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um
+meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
+Ausführung zu bringen."
+
+Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
+mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den
+Tuilerien zurück.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+
+In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße
+saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten
+Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren
+in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe
+Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.
+
+Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
+seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
+Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
+graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt,
+und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
+zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den
+preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten
+scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade
+aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
+der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
+hielt.
+
+Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit
+einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
+hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen
+Vermögen und seiner Pension lebte.
+
+Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer
+Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
+Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus
+zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
+bewegte.
+
+Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige
+Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
+Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung
+verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
+wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
+fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne
+Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er
+sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ
+Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
+wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob
+seine Gedanken anderswo weilten.
+
+Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
+leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne
+desselben.
+
+"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
+einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies
+Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
+Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend
+hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
+Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
+Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir
+überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit
+der Zeit zu steif und schwerfällig geworden."
+
+"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
+Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
+wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
+kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
+Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken."
+
+"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
+"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich
+nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
+Wirthschaft entziehst."
+
+"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
+Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
+in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem
+Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann
+gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
+zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle
+bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es
+sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
+angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht
+die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen."
+
+"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
+wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen
+kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
+hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
+Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche
+Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein
+Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
+Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben
+geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß
+unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
+Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
+hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den
+Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen
+dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß
+den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf
+demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist."
+
+"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
+phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht
+einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst
+nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
+einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
+verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte
+er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu
+können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat."
+
+"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
+"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
+Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung
+und Entbehrung gebracht hat?"
+
+"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
+nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines
+Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im
+militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette
+für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den
+entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für
+alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt
+hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
+fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte
+anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
+Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
+alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
+mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt
+und gearbeitet hast."
+
+"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den
+Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
+Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum
+Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt.
+Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich
+haben möge."
+
+"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
+leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
+in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in
+den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
+andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle
+Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum
+Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu,
+"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen
+vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen
+auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
+bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
+Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
+brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd
+hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."
+
+Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb
+verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.
+
+"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen
+Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
+Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter
+Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
+eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und
+in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende
+Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
+nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
+gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich
+nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
+dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen.
+Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
+werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
+werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
+können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
+Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
+Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."
+
+"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
+Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
+hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
+beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den
+ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
+so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen.
+Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe
+geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
+nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
+gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
+seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
+zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer
+Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden
+Besitzes zu erhalten im Stande ist."
+
+Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.
+
+"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
+allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast
+der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
+erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
+zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen
+mußten."
+
+"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
+lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
+Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte
+nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich
+besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
+haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
+den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow
+führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
+ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
+sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben,
+ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
+entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten
+muß?"
+
+"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant.
+"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals
+mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."
+
+Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
+Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
+starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
+geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
+früherer großer Schönheit zeigte.
+
+Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
+altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem
+breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
+Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.
+
+"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
+wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn
+Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
+leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht
+großartiges Fest zu geben."
+
+"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem
+Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist
+immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen
+ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
+geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich
+nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
+zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen
+heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."
+
+"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
+Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
+der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu
+nehmen."
+
+"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
+recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
+nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
+zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
+verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf
+ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
+viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
+will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
+fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof
+macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
+Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr
+gut erzogen und sehr fein gebildet."
+
+"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
+nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
+setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."
+
+"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
+Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr
+Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er
+wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der
+Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
+einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
+Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht
+arrangiren lassen."
+
+"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
+Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch
+wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine
+Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
+meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes
+Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
+zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
+Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes
+Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen
+Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
+würde ich niemals meine Zustimmung geben."
+
+"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd,
+indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
+sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
+er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
+dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht
+in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier
+zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
+sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute
+hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des
+Fräulein Cohnheim."
+
+"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
+amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte
+Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen
+habe, vollkommen mit mir theilt."
+
+Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
+der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die
+Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu
+behandeln.
+
+Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
+vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
+schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der
+Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das
+dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören.
+
+Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der
+Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
+nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet
+waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
+Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der
+ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
+Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den
+Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst
+beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der
+Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große
+Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
+guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines
+Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
+wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben
+zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
+nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
+den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und
+einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.
+
+Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
+Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
+fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
+über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
+leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
+Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
+aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden
+Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um
+seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus
+gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl
+zusammengesetzt war.
+
+Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
+von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
+strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
+große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
+sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
+ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
+Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
+Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine
+goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
+Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.
+
+Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon
+seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit
+ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
+Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen.
+
+Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit
+ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
+jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
+Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
+Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
+Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
+und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
+öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem
+mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln.
+
+In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
+ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
+Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
+zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
+übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
+geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
+waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste
+Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
+jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man
+gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit
+findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen
+eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
+des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
+von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen
+blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
+feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
+Lächeln.
+
+Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
+Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken,
+steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen
+im Knopfloch.
+
+Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die
+Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe,
+indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen
+gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der
+Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge
+doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
+Damen erhebe.
+
+Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
+Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
+jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends
+feststellten.
+
+Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang
+seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit
+die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau
+abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte
+er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
+einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
+seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
+Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
+der Neueintretenden zurückzuwenden.
+
+Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt,
+deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer
+Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt;
+mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch
+vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
+die Hand.
+
+Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
+Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften
+zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er
+diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
+und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche
+Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.
+
+Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
+präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen,
+welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen
+läßt erfüllte die Räume.
+
+Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
+geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
+rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.
+
+Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der
+Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
+Hauses am Theetisch seines Freundes saß.
+
+Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
+Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
+anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
+wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben
+lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
+gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
+seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene
+Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm
+berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und
+höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
+leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths
+mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein
+hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
+gebe, als empfange.
+
+In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
+durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
+zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld.
+
+Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
+und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf
+geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und
+Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
+Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest
+zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder
+Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus
+ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in
+einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.
+
+Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem
+jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher
+Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.
+
+"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr
+Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
+verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu,
+indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck
+zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."
+
+"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
+leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg
+nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht
+haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine
+Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen."
+
+"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie
+gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
+sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann
+nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
+Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch
+einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter
+klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
+der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld
+weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
+Tanzsaal eintrat.
+
+Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter
+gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen
+begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
+ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.
+
+Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
+von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche
+sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
+Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
+Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen
+Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
+sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
+Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
+Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
+schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal,
+indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer,
+in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand.
+
+Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
+Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
+Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim.
+
+"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er.
+"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß
+Sie noch einen Tanz für mich frei haben?"
+
+"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die
+Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die
+Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze
+sind besetzt."
+
+"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während
+er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht
+verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich
+übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
+gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu
+reserviren."
+
+Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.
+
+"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den
+Cotillon angenommen."
+
+"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
+glückliche Ueberraschung gemacht haben?"
+
+"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst
+und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
+Officier hinüberflog.
+
+Dieser trat rasch heran und sprach:
+
+"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
+mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?"
+
+"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
+freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
+sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
+Cotillon notirt."
+
+Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant
+von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und
+wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow
+mit leichter Verbeugung zurücktrat.
+
+Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
+traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die
+junge Dame in die Reihen.
+
+Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen
+Augenblick neben einander stehen.
+
+"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
+sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir,
+nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
+und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen,
+was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist
+sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
+commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble
+Partie."
+
+Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe
+stehende Paare.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
+flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick
+seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
+anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
+ihm vorbeischwebte.
+
+Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die
+ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den
+unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in
+mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare
+ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren
+Herren.
+
+Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen
+Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und
+gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche
+ihm aufmerksam zuhörten.
+
+"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag
+mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und
+Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
+es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
+Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
+jetzt weiter entfernt als je vorher."
+
+"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer
+Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
+verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
+eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche
+ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet.
+"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen
+Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
+der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem
+mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
+deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders
+begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften
+Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende
+Berichte."
+
+"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"
+erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn
+gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
+katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den
+Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich
+hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
+anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit
+gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
+denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
+Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
+deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
+bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß
+auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht."
+
+"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die
+ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
+deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen.
+Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse
+haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht
+schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
+katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich
+im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."
+
+"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine
+vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
+Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen
+es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt
+voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber
+in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden
+müssen."
+
+"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man
+dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
+viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für
+unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder
+menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
+Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
+Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
+auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen."
+
+"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der
+Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der
+Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
+wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort,
+"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
+Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
+nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
+daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer
+deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
+es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
+wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
+Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht,
+mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
+Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen
+lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
+Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
+italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
+seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in
+welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
+Deutschland sehr wenig genehm sein möchten."
+
+"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich
+glaube, wir können es ruhig abwarten."
+
+"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,
+sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict
+entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
+dürsten die Consequenzen sehr fatal werden."
+
+"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor
+Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
+gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
+Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen
+Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
+ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit
+solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der
+Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man
+zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen
+Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
+durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische
+Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die
+Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat
+die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das
+von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
+müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen
+die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen,
+und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
+Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom
+herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
+Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit
+energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten
+Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
+Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt
+hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
+wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
+den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe
+jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe
+kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer
+sein, sie wieder von Rom zu trennen."
+
+"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
+Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir
+haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
+und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten
+Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht."
+
+"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist
+noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
+des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
+Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
+ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
+Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein."
+
+Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.
+
+"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im
+Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
+Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im
+letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
+ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
+Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu,
+"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
+gute Cigarre erschwingen können."
+
+"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der
+Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen,
+die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
+können."
+
+"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
+Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!"
+
+Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
+ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für
+die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
+Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.
+
+"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem
+Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins
+der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron
+von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
+Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große
+Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große
+Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit,
+ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich
+glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich
+dabei zu betheiligen."
+
+Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke
+des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres
+und eingehenderes Gespräch.
+
+Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
+feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
+tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die
+Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden
+des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und
+theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor
+ihnen.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
+mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die
+Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
+sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des
+Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast
+traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur
+zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter
+des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
+Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.
+
+Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
+nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin-
+und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine
+Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder
+einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
+besonders empfohlenen Weins zu serviren.
+
+Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger
+Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden
+Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht,
+sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen
+Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
+Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.
+
+Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
+Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
+begaben sich in den Tanzsalon.
+
+Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des
+Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
+Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
+die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter
+einer Decoration von grünen Gewächsen standen.
+
+Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.
+
+"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,"
+sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
+Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
+Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die
+Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
+Etwas übel genommen?"
+
+"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick
+tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die
+leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen
+ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin
+verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft
+traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."
+
+"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig
+zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
+sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte
+übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig
+machen könnte."
+
+"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest
+und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger
+machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem
+fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
+von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele
+Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
+eingezogen wären."
+
+Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige
+Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
+hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
+einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.
+
+"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen?
+Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung
+sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil
+werden kann."
+
+Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.
+
+"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter
+Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--"
+fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner
+Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben."
+
+Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.
+
+"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es
+muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn
+die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
+Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
+und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?"
+
+Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
+durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
+dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein
+rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte
+mit herzlichem Ton:
+
+"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"
+
+"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend,
+"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
+Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes
+Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen
+bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger
+mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt
+habe."
+
+"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht
+schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene
+Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?"
+
+Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen
+Blick und verstand die stumme Frage.
+
+"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück,
+wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--"
+
+Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.
+
+Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
+Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
+wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort:
+
+--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft
+unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als
+begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine
+Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen
+mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
+Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das
+ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem
+brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für
+mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
+ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
+unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu
+erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine
+zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde
+vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
+Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und
+Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
+während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum
+ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen
+los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach
+er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich
+machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
+unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären."
+
+Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr
+Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
+legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
+ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser
+Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.
+
+"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich
+kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast
+befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
+gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht
+allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
+so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
+nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
+Glanz verloren haben."
+
+"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche
+Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber
+mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht
+möglich."
+
+"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir
+nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen,"
+fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
+umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem
+Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind
+wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe
+abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen."
+
+Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen
+mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.
+
+"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter
+Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie
+einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine
+Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr
+er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung
+nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes."
+
+"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen
+_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens
+_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im
+Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
+untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
+Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar
+weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich
+Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?"
+
+"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige
+Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf
+hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
+darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
+fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben
+Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"
+sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons
+benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?"
+
+"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
+Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben
+würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?"
+
+Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
+reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
+vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
+Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren
+Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die
+Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
+Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons
+hinblickten.
+
+Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
+trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
+und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.
+
+Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach
+der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die
+tanzenden Paare verfolgt hatte:
+
+"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
+Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
+unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise
+fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten,
+welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen
+den Vergleich nicht aushalten kann."
+
+Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte
+sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
+kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.
+
+"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen
+gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu
+benutzen, um Ihnen Freude zu machen."
+
+Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine
+Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
+folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte
+Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges
+Gespräch nicht mehr möglich war.
+
+Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein
+Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen
+waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen
+Druck ihrer Hand zurück.
+
+Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und
+indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter
+Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
+seinigen tauchten.
+
+"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld.
+Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
+Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie
+nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
+Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
+ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht
+ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
+Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man
+einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
+Zukunft zu haben."
+
+Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
+angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig
+zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
+Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.
+
+Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
+sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und
+als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich
+bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:
+
+"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig
+gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen,"
+fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron,
+wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren."
+
+Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
+Frau und zu seiner Tochter.
+
+"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend,
+"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er
+vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von
+Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
+gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause
+zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt
+werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.
+
+"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die
+schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife
+nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um
+ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
+mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
+zerstreuten Ton.
+
+"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
+ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in
+demselben Ton hinzu.
+
+"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du
+hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
+tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung
+und unsere Beziehungen nimmst."
+
+Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
+Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren
+Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.
+
+Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener
+Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen
+hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die
+verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in
+den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
+und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
+auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und
+ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken
+Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein
+bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
+schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur
+das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen
+Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.
+
+Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
+und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche
+Schrift welche das Papier bedeckte.
+
+"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen
+bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher
+einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
+fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich
+dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort,
+"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten
+mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens,
+und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
+überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
+zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
+erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
+unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich
+bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
+arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
+kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde
+zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu,
+"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
+Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und
+selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte
+desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die
+Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände
+Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
+Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern,
+würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
+Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus
+den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
+Factoren treiben dort ihr Spiel--
+
+--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
+durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im
+Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche
+seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
+unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen
+Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
+können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der
+politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre
+Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie
+können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
+vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken."
+
+Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den
+einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.
+
+"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
+Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
+Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam
+sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen
+Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
+würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
+mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
+für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht
+glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
+mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
+fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und
+will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
+Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's
+Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles
+das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866
+noch übrig geblieben ist."
+
+Er blickte abermals auf den Bericht.
+
+"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische
+Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse
+eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte
+Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die
+Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
+einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist.
+Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
+Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
+werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
+bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in
+Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
+unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das
+italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt
+dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
+Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders
+gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
+sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--"
+
+"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
+gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht
+zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es
+in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine
+innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
+Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer
+militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
+meines Werkes sein."
+
+Er warf den Bericht auf den Tisch.
+
+"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
+es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu
+stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
+Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
+wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn
+niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder
+Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man
+aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde,
+dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
+achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen."
+
+Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
+durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
+Schlußworte:
+
+"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der
+Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
+Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
+in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer
+Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische
+Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
+und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph
+das Band der Unterthanentreue annehmen würde."
+
+"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
+stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen
+für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und
+unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den
+König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den
+Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des
+Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
+was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
+pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
+Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des
+Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem
+solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
+Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
+welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die
+Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
+Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
+Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
+Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
+werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen
+österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
+Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle
+meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.
+
+"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
+fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig
+ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich
+geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
+Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
+versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte
+hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
+erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
+von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden
+so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die
+unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte."
+
+Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.
+
+Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
+Sectionschef, Baron Hoffmann.
+
+Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
+Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
+verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen
+Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
+Reichskanzlers Platz.
+
+Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
+Schreibtisch gelegt und sagte.
+
+"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der
+unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die
+äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die
+Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich,
+Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er
+fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich
+lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für
+unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
+wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch
+für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte
+doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde,
+dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche
+ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
+versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst
+Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr
+formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst
+muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es
+dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
+Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein,
+zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
+weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden
+Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor
+Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm
+persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte."
+
+"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive
+Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen
+Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß
+man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht
+hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man
+nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen
+Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die
+Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen
+Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das
+italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer
+europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
+wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
+ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
+Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge
+geschehen ist."
+
+"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
+Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
+freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen,
+niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft
+Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
+Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne
+des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen
+österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
+Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber
+acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran
+denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel
+passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des
+Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also
+noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
+mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit
+unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt
+werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
+auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er
+ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter
+Umständen viel schaden."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich.
+
+"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."
+
+Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.
+
+"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
+sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München
+berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
+Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König
+Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel
+befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
+großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die
+Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
+versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
+berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
+Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
+des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
+von Thüngen lebhaft besprochen haben."
+
+"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf
+die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
+Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
+in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
+mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
+Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.--
+
+"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
+vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
+Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
+im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines
+Vertrauens giebt."
+
+Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
+Unmuths.
+
+"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
+den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
+fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt
+man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
+äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont
+verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
+hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht
+verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
+persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam
+aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in
+Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des
+offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
+mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
+fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann,
+aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
+er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
+"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die
+Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste
+verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade
+in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu
+verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
+Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig
+entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin
+aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
+Arme treiben.
+
+"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
+eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über
+denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung
+auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.--
+
+"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere
+Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist,
+demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu
+sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein
+Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen
+Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne
+politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile
+bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu
+verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
+von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache
+eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen
+gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine
+königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
+Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
+dispensirt.--
+
+"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter,
+"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
+nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die
+Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in
+intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition
+sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
+Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
+Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen
+darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
+gut zu machen--
+
+"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
+Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
+darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München
+nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof
+klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit
+beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die
+Entwickelung des Staatslebens zu brechen."
+
+Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.
+
+Graf Beust erhob sich.
+
+"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
+"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
+nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
+verlassen, trat der französische Botschafter ein.
+
+Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines,
+fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
+gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts
+gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit
+und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
+ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der
+ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem
+Schreibtisch nieder.
+
+"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich
+Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen
+Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
+den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner
+Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings
+schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
+vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit
+welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und
+ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und
+geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht."
+
+"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
+leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
+die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß
+von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
+Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne
+Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
+welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben
+gerufen hat."
+
+Herr von Beust schwieg einen Augenblick.
+
+"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
+grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
+persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
+dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
+zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine
+Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm
+gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz
+gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
+als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
+wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien
+wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische
+Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
+gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen
+Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
+sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können,
+dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser
+zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht
+hat."
+
+Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
+freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn
+gerichteten Blick des Grafen Beust aus.
+
+"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über
+die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach
+angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
+Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
+soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die
+Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
+Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber
+gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
+in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die
+Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im
+Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth
+erscheinen möchten."
+
+Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
+spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
+Decke des Schreibtisches.
+
+"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
+Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber
+eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen
+Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber
+geworden."
+
+"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche
+zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
+Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß
+eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit
+bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
+direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen,
+die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
+ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir
+eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende
+Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine
+solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
+Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
+glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche
+Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen
+Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."--
+
+"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf
+Beust rasch und bestimmt.
+
+"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
+der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über
+die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer
+Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
+berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
+selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich
+auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
+über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."
+
+Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine
+Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
+Aufmerksamkeit auf den Herzog.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in
+Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine
+energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen
+läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige
+Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
+wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und
+Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen
+sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
+übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
+für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
+Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend
+zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für
+mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
+großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer
+solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
+dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
+italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die
+vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
+würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das
+italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
+wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen
+Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
+unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
+Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
+man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
+_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem
+Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
+das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
+ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
+der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
+erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde
+dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer
+erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln
+sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und
+durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach
+anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
+wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
+sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie
+ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
+Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den
+eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
+Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht
+unterlassen könnte."
+
+"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
+beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
+discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre
+Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
+kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
+"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
+würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man
+sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
+klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und
+nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich
+meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
+Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen
+Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht
+anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise
+zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
+Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
+Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
+ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten
+täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind
+schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in
+Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
+wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen
+schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
+Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--"
+
+"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
+Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen
+Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
+bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active
+militairische Hülfe verspricht."
+
+"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
+eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn
+ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
+wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer
+eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch
+nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens
+einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche
+Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall,
+daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
+siegreich hervorgehen sollte--"
+
+"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
+eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
+emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
+Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
+solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."
+
+"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
+kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
+Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
+Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
+muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen
+bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
+führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
+noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben
+Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe,
+eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem
+Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer
+Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?"
+
+Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
+und bestimmte Frage.
+
+"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
+erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
+die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer
+bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser
+hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
+französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im
+Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche
+und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
+Volkswillens erhalten haben werden--"
+
+Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
+dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
+Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit
+welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.
+
+"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
+Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs
+wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die
+Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne
+Frankreichs Genehmigung zu lenken."
+
+"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und
+völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
+nicht ein--"
+
+"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich
+verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich
+begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten
+Kriegsfall zu finden--"
+
+"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also
+Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"
+
+"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
+natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste
+Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
+deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme,
+uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am
+sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
+deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
+welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der
+süddeutschen Staaten einzutreten."
+
+"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
+leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war,
+vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
+Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere
+persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren
+oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen
+könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
+auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer
+maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
+absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
+zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren
+Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
+so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
+Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die
+Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie
+vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
+sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten
+nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu
+erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit
+größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation
+blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt
+habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen
+mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
+Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
+läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
+solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich
+trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
+Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität
+zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im
+_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung
+liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben
+scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der
+gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen
+Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals
+die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
+ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der
+Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus
+irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
+Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
+übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für
+meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche
+natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse
+Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
+über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten
+erscheint."
+
+"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in
+dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser
+beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
+Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
+die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie
+dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik
+dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte,
+daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung
+könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
+haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
+politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz
+unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
+trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."
+
+"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
+Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich
+sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr
+er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann
+möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten
+sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung
+bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
+würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er
+im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in
+diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle
+aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."
+
+Der Herzog erhob sich.
+
+"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der
+König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris
+gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig
+bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große
+Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen
+persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem
+bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
+ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
+die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun,
+immer schwieriger zu machen."
+
+"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß
+diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe
+werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen
+Charakter zu nehmen."
+
+"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
+Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns
+nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von
+1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen,
+wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland
+zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
+auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
+entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz
+ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
+Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
+Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden
+werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
+indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.
+
+Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann
+nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.
+
+"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden,
+schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut.
+Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich
+darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
+unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte
+für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
+"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
+eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den
+Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."
+
+Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.
+
+Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.
+
+"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich
+halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
+Besinnen.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
+Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
+weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen
+abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der
+großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte
+zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
+dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.
+
+Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
+europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
+doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.
+
+"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
+Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
+glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
+fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
+Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß
+nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier
+Rücksichten zu nehmen sind--"
+
+"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
+herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch
+habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen,
+was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören
+wollen."
+
+"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf
+Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
+besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben."
+
+"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
+Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
+Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen
+Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge
+ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von
+1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
+meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will."
+
+Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.
+
+"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
+hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
+unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese
+eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
+des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen
+ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
+und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich
+unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
+Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird
+auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
+kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen
+Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
+kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das
+unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große
+Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
+politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit
+so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
+Willen so richtig und exact spielte!"
+
+"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
+ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
+müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
+behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
+persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
+betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch
+auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
+nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt
+hat."
+
+Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des
+Staatsraths.
+
+"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich
+beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
+nicht theile."
+
+"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste
+Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung,
+wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da
+doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die
+auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
+Kaisers abhängt."
+
+"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
+auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
+Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
+fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
+andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
+das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den
+Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für
+die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
+fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton,
+"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
+zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
+ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
+Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort
+die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende
+Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
+Schwäche kämpft."
+
+"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit
+dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie
+wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
+werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den
+äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen
+Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
+persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können.
+Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die
+Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--"
+
+"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
+ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
+Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten."
+
+"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
+den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--
+
+"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper
+angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
+Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
+auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche
+Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über
+allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung
+als Spielwerk hinwirft."
+
+"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine
+beschlossene Sache ist?"
+
+"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß
+ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
+vollkommen gewiß bin."
+
+"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
+ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor
+hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"
+
+"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
+den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät
+der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
+Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
+dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_."
+
+"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin
+wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
+ausführen wollen?"
+
+"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
+Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß
+und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
+Ollivier--"
+
+"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
+Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
+möglich."
+
+"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
+soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
+habe."
+
+Graf Beust neigte sinnend das Haupt.
+
+"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer
+solchen Aufgabe gewachsen hält?"
+
+"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
+Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
+richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes
+altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der
+Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte
+er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat."
+
+Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
+versunken.
+
+"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden,
+welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
+auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
+Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
+bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--
+
+"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
+kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
+deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man
+demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."
+
+Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.
+
+"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen
+Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des
+Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt
+und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
+Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick
+ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee
+suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
+Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
+den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und
+erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame
+gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
+Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
+zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
+Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde
+ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
+sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder
+sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien
+ist."
+
+Graf Beust lachte.
+
+"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber
+gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen
+gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der
+Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
+verschwinden."
+
+"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch
+diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch
+ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
+des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
+sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen."
+
+"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.
+
+"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät
+Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine
+Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
+Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen
+kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den
+definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
+nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
+Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar
+machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--"
+
+"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz,"
+warf Graf Beust ein.
+
+"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im
+nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz
+Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
+Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen
+Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
+Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation
+glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen
+versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen
+Kriegsfall haben."
+
+Herr von Beust lächelte abermals.
+
+"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte
+Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
+Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß
+ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die
+Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
+ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
+Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare
+Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
+Grenzen des Möglichen überschreiten."
+
+Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander,
+richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
+scharfer Betonung:
+
+"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
+was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
+von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
+Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
+Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
+besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt
+convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
+stellt."
+
+Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
+die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts
+weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.
+
+"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu
+rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath
+bitten?"
+
+"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
+Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch
+des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie
+in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage
+mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche
+Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
+auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet
+seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige
+Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle
+Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
+Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich
+sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
+das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war
+nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
+die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
+wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden
+deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
+Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
+nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren
+Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
+wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
+schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
+danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere
+Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
+der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
+wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und
+Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich
+nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
+Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen
+haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung
+in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."
+
+"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--
+
+"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um
+einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester
+Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen
+und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
+unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder
+hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa
+beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches;
+wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
+wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
+verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine
+vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im
+ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde.
+Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich
+mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
+Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
+vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die
+unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
+nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn
+Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen
+Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische
+Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
+würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer
+aufgegeben werden müssen."
+
+Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
+Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.
+
+"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er.
+
+"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
+welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des
+großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
+jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
+Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem
+spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an
+Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
+_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
+fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der
+Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort
+seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
+Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit
+der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten
+preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird.
+Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz
+reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur
+dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
+dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern
+geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich
+vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser
+Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein
+hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem
+sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
+hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht
+nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."
+
+"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.
+
+"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
+Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
+wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von
+innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
+dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig
+nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
+Collegen."
+
+Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
+sprach:
+
+"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen
+für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
+hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er
+mit einem fragenden Blick hinzu.
+
+"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
+mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die
+Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten."
+
+"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre
+Beobachtungen weiter au courant zu halten."
+
+Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
+eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.
+
+"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
+Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
+Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut
+unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
+seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber
+nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
+genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg
+zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
+Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen
+für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den
+Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
+zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir
+vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
+noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche
+Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig
+richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
+Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
+innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde
+ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
+den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß
+diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge
+mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch
+unüberlegtes Handeln gefährde."
+
+Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
+aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der
+König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter
+rother Decke überhangenen Tisch.
+
+Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und
+rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.
+
+Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem
+Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die
+Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.
+
+Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter
+geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
+auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
+alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die
+scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als
+sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht
+einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.
+
+Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
+pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
+Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde
+und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen
+Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr
+einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle
+Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen,
+durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen
+Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
+aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
+Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.
+
+Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
+welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien,
+und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor
+sich hinblies.
+
+"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in
+diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
+berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß--daß
+Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu
+geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,"
+fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
+vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."
+
+"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn
+gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
+erscheint--und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd
+hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
+von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von
+ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das
+Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."
+
+"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner
+rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben,
+ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor
+mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der
+Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die
+Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines
+General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
+übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
+vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner
+Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle
+auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben
+habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das
+höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"
+
+"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von
+Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig
+unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière
+aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch,
+wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten
+finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte
+sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem
+Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
+nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man
+dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen
+Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man
+aufklären müßte."
+
+"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend,
+indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft
+gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die
+bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
+meiner Sache zu schaden."
+
+"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
+Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der
+Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
+unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für
+ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,"
+fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen
+und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden."
+
+"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die
+Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
+gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders
+sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
+berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach
+kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,--ich will die ganze
+Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und
+die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."
+
+"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es
+dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose
+Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?--Windthorst
+hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."
+
+"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation
+zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines
+Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht
+habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit
+zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen."
+
+Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms
+in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
+Seiner Majestät Befehl.
+
+"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
+Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
+Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
+reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.
+
+"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann
+zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt
+hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete.
+Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den
+sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.
+
+Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten
+des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
+verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten
+Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung
+wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
+Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas
+langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war
+sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und
+abgespannt.
+
+Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte
+die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der
+großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem
+Herrn.
+
+"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die
+Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für
+unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es
+haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn
+Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz
+zwei Millionen Gulden davonkommen werden."
+
+Der König seufzte tief auf.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld
+an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In
+diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten
+Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und
+die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser
+an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
+sind ja ohnehin schon beschränkt genug."
+
+"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
+Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf
+Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr
+er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
+unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
+bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr
+dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
+schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt,
+so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
+Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen,
+Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade
+oder Ungnade zu ergeben."
+
+"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein
+Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere
+damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie
+verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der
+letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären,
+was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die
+traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
+ungewissen Schicksal überlassen zu müssen."
+
+Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's
+Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.
+
+Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
+fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in
+ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät
+machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
+Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
+Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
+und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der
+Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern
+verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase
+und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen,
+war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines
+Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich
+seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die
+liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.
+
+Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
+trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
+auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich
+zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
+Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
+kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
+von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.
+
+Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
+demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann
+setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der
+Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.
+
+"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den
+Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln
+auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der
+Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen,
+durchzuführen."
+
+"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
+zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen,
+genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung
+stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
+Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
+werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
+hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem
+Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher
+Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre
+Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
+erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
+Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
+vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
+Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
+schaffen kann."
+
+"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
+Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.
+
+"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den
+Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu
+schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
+verläßt."
+
+"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend
+bemessen ist."
+
+"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für
+Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das
+freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich
+herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich
+nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung
+der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
+entsprechenden Weise widersetzen."
+
+Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.
+
+"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von
+Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
+sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich
+halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren
+Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
+nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
+Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene
+Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen
+werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht
+haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung
+herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
+Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten."
+
+"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den
+Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten
+dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken
+nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
+Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
+sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
+Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
+sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
+verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr
+unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in
+ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im
+Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen."
+
+"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in
+Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein
+können. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
+der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
+gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze
+Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
+Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
+weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
+wieder zur Last zu fallen."
+
+"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend.
+"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
+Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem
+habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der
+Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen."
+
+"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher
+Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine
+Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber
+nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April
+Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
+Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von
+Adelebsen dorthin zu senden, so--"
+
+Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit
+schweigend nach.
+
+"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
+emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
+Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am
+einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
+vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
+Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere
+hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und
+die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache
+bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht
+erklären kann, den man mir entgegensetzt."
+
+Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen
+Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:
+
+"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie
+Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über
+die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer
+Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure
+Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß
+dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
+gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also
+ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige
+Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit
+bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
+Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit
+einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber,
+"der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
+Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich
+der Wille und Befehl Eurer Majestät sei."
+
+"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell.
+
+"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem
+leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht
+vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn
+selbst anhörten."
+
+"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe,"
+rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach
+einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor
+Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die
+Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von
+mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben."
+
+Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne
+indeß etwas zu sagen.
+
+"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
+Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten
+Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch--"
+
+Ein Schlag an der Thür ertönte.
+
+"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme.
+
+Der Kammerdiener trat ein und sprach:
+
+"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß,
+Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen."
+
+"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert.
+
+Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
+etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
+Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
+und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich
+in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
+eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu
+gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät
+und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
+den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.
+
+Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern
+hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im
+Ton dienstlicher Meldung:
+
+"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
+von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer
+sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."
+
+Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
+freudiger Schimmer flog über seine Züge.
+
+"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.
+
+"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
+welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch
+hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß,
+denselben Eurer Majestät mitzutheilen."
+
+"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz
+und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.
+
+"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren
+letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
+Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu
+betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen
+der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten."
+
+"Ganz Recht," sagte der König.
+
+"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für
+ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
+unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
+angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
+Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht
+schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für
+verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
+Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht
+glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher
+ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei,
+von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts
+unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift
+auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants
+von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken
+vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
+Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
+Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen."
+
+Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er
+biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals
+den Athem aus seinen Lippen.
+
+Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf
+die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.
+
+"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die
+Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
+königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten
+Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen,
+welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben
+war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen
+herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt
+über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu
+treten."
+
+"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst
+unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
+Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
+abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich
+gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
+Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
+nicht für gültig erkennen können."
+
+"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich
+sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
+nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam
+unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an
+welcher sie keinen Zweifel werden hegen können."
+
+Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der
+Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.
+
+"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
+niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
+vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
+lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen
+ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort
+übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
+Auflösung der Legion durchzuführen."
+
+"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist
+des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
+scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen.
+Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant
+von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
+bestimmen lassen."
+
+"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
+Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
+meine weiteren Bestimmungen abwarten."
+
+Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das
+Gesicht mit den Händen.
+
+"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath
+mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in
+Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu
+tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
+wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
+französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät
+auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung
+desselben für immer aufgeben?"
+
+"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen
+könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind,
+und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer
+solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen."
+
+"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
+Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
+aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze,
+ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt
+hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich
+durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals
+aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes
+Recht zu kämpfen."
+
+Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und
+sagte:
+
+"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."
+
+Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
+sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der
+Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.
+
+Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in
+dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche
+seine Brust bewegten.
+
+"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen
+Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
+dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
+nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück
+theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
+wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe
+verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die
+Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und
+opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
+gegen mich auflehnen!"
+
+Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
+edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
+sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
+ihn umgab.
+
+"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
+den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
+Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht
+hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
+Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden
+an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
+Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
+mich hier mit Rath umgeben--"
+
+Er seufzte tief auf.
+
+"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
+den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen
+ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
+nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
+Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie
+von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst
+ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen
+ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--
+
+"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die
+Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich
+würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt."
+
+Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände
+und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.
+
+Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
+die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm
+stand. Der Kammerdiener trat ein.
+
+"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch.
+
+"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem
+Kronprinzen."
+
+"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."
+
+Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
+Platen abermals in dem Cabinet des Königs.
+
+"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann.
+Ist er hier? Ich will ihn sprechen."
+
+Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
+dann:
+
+"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen
+Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten
+erstattet."
+
+"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz.
+
+Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
+etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen
+Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.
+
+Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße,
+sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
+Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige
+Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
+jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen
+Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
+seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
+in militairisch dienstlicher Haltung stehen.
+
+"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der
+König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher
+gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
+denselben vorgeht."
+
+Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
+dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem
+er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.
+
+"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren,
+was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich,
+noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind."
+
+"Und warum nicht," fragte der König kurz.
+
+"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach
+Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
+commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten,
+haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei,
+für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine
+neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre,
+für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.
+
+"Weiter," sprach der König.
+
+"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin
+zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber
+für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er
+die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt
+gehen.
+
+"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
+abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der
+Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die
+Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät
+die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire
+entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu
+gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns
+nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien
+nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns
+aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
+gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich
+sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung
+die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
+gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel
+hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
+Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die
+Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen
+wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer
+Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um
+womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen."
+
+"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und
+seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur
+Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine
+Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
+aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben
+deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
+andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration
+befindlichen Soldaten."
+
+"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst,
+Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
+müssen, als die große Masse der Emigranten."
+
+"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche
+eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
+Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
+fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese
+Verpflichtung erfüllen können?"
+
+"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister.
+
+"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät
+versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer
+Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein,
+ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und
+wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von
+abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."
+
+"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie
+nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein
+Unterkommen finden."
+
+"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel.
+
+"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb
+leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß
+in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er
+abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die
+Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine
+Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß
+im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen
+dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde
+gehen?"
+
+Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
+sprach er:
+
+"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt
+worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe,"
+fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
+Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr
+wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
+hat sich so Manches erzählt."
+
+Er schwieg abbrechend.
+
+"Was hat man sich erzählt?" fragte der König.
+
+"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer
+Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte."
+
+"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?"
+
+"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und
+fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
+da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
+da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
+kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu
+cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
+mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
+anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht
+gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
+ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
+Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
+einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden.
+Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
+unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
+aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
+verschiedenen Seiten hört."
+
+Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
+Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
+Kronprinzen.
+
+"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,
+darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."
+
+Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen.
+Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
+zum König gewendet:
+
+"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den
+Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer
+zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin
+beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der
+Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät
+aufklärt."
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe
+Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der
+Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."
+
+Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.
+
+"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich
+die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
+schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
+daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den
+Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion
+bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will
+einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
+Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
+denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen."
+
+Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
+österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
+gestützt, schritt er in den Park hinaus.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig
+nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als
+sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
+noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
+pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
+einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und
+zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
+eine Zusammenrottung zu bilden.
+
+Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken,
+und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
+ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.
+
+Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
+Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
+noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne
+daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.
+
+Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die
+Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß
+dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
+zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
+äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
+Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die
+Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
+gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht
+fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen
+die Furcht keine Macht hat.
+
+Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem
+kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten
+den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
+Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer
+Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
+Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte,
+die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen
+war.
+
+An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem
+hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber
+nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
+bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
+den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und
+feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
+gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.
+
+Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in
+kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.
+
+"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend
+in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
+neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
+großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
+freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr
+schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
+rosig."
+
+"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
+Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
+Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
+Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer
+schaudervollen Zukunft entgegen."
+
+Alle lachten.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst
+werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch
+wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
+diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können
+noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
+Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
+der Tasche in die Welt hinaus schickt."
+
+"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz
+mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
+hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
+Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie
+in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine
+Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
+Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,
+blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
+die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--
+
+"Mauvais général."
+
+"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von
+Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem
+Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
+panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."
+
+"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,
+wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch
+nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
+wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
+daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein
+Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er
+unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die
+Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
+ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die
+Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die
+armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
+werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
+Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes
+fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
+Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann
+nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
+aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"
+fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie
+gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten
+straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem
+König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm
+unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
+gegen seine Befehle demonstriren."
+
+"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere
+Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen
+und Heyse empfangen und hören wird?"
+
+"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich
+glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu
+verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der
+That eine zu große Nichtswürdigkeit."
+
+Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
+erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich
+auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach
+Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
+geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
+Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren
+Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich
+ist."
+
+"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
+junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
+Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
+verschwiegen würde?"
+
+"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring,
+"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus
+Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in
+einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt
+werden, die ich niemals gemacht habe."
+
+"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
+den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
+nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse
+unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und
+Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."
+
+"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach
+der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
+ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner
+Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen
+Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war,
+niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig
+übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute
+sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
+trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und
+Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
+daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der
+Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die
+orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in
+Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
+
+"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
+Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
+in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
+wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf
+eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige
+Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."
+
+Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
+einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf
+dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein
+Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
+hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein
+Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
+scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase
+hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
+beobachtend umher.
+
+Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch
+trat.
+
+"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
+können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein
+geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für
+die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich
+es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
+dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."
+
+"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
+bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks,
+Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager
+Friedens endlich ausgeführt wird?"
+
+Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.
+
+"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig,
+"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
+fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
+für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
+werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
+wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
+für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür
+thun."
+
+"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr
+von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren
+scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in
+militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort
+überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre
+steht."
+
+"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton
+fragen."
+
+"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
+Doctor Nélaton jetzt die Politik?"
+
+"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
+der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
+man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die
+Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
+an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
+Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
+Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
+politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des
+Anstoßes findet."
+
+"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König
+von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
+wird?"
+
+Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.
+
+"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
+Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
+werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt
+hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt."
+
+Herr Hansen schüttelte den Kopf.
+
+"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
+gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler.
+Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum
+Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er
+die Mittel dazu in Händen behalten."
+
+"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
+Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
+besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."
+
+Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer
+Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
+sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
+Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
+einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
+Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn
+Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene,
+wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner
+Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und
+des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
+ruhen pflegte.
+
+Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
+den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin,
+trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
+im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons
+öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
+hineinrief.
+
+Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's
+waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck
+derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
+kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
+Oelgemälden vorzüglicher Meister.
+
+Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
+standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch
+beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf
+einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
+magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
+Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
+Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
+Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
+bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
+sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
+mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
+Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der
+Wissenschaft Theil zu nehmen.
+
+Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie
+und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
+bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.
+
+Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
+hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
+beschäftigt.
+
+In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem
+eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
+saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte
+Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
+beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
+Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.
+
+Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
+hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den
+Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
+sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das
+runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten,
+weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen
+Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch
+lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
+gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
+begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
+scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
+geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
+pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
+Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
+vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.
+
+Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame
+Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
+ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem
+leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
+zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.
+
+Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des
+Fensters mit einander unterhielten.
+
+In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des
+Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
+errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für
+seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich
+bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.
+
+Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig
+belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in
+seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
+sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über
+die neue Entwicklung des Kaiserreichs.
+
+"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so
+ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
+haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung
+vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den
+Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
+wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
+Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders
+geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System,
+welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen
+Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
+geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
+hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und
+des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen.
+Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
+Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
+Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich
+aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
+Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und
+Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die
+Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen
+oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere
+Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so
+weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden
+Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus
+ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."
+
+"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
+sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
+klar denkenden Mannes rechnen kann--"
+
+"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen
+Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die
+Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen
+mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit
+derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß
+gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
+Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
+der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
+machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der
+einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das
+constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen
+Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am
+Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger
+Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in
+besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
+liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
+dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer
+constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
+mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung
+der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
+so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
+eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
+die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation
+erstrebt und gesucht wird."
+
+"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
+in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten
+französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
+und der greise General des Julikönigthums herein.
+
+General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
+etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
+ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache
+natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
+ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
+ungesuchtester Natürlichkeit.
+
+Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.
+
+Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
+geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl
+erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche
+ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er
+sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den
+Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
+Complimente machten.
+
+Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren
+Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
+indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
+etwas scharfen Stimme sprach:
+
+"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
+selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
+Gesellschaft zurückzieht."
+
+"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
+bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
+Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."
+
+"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört
+immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
+Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
+lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die
+gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
+des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist."
+
+"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
+und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."--
+
+"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
+Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser
+schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die
+Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe
+Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
+halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal
+nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."
+
+"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
+Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
+abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
+bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung."
+
+"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
+öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen
+übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller
+patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
+auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
+noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird."
+
+Der General lächelte bitter.
+
+"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
+scherzen."
+
+"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person
+in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse;
+und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
+dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
+Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
+entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
+Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür
+bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd.
+
+"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
+Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
+wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
+daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
+Richtschnur seiner Handlungen macht?
+
+"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
+aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
+hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen."
+
+"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht
+wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
+er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
+Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.--
+
+"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und
+erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
+Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und
+anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage
+Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von
+Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
+und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten,
+welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der
+Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
+seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
+welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
+Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
+Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese
+Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich
+und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
+derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der
+Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
+in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher
+aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle
+zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
+uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
+General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
+wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen
+Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
+heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
+Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
+Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
+in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
+durchgeführt."
+
+Herr Thiers lächelte.
+
+"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten
+Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm
+getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
+er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
+sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für
+Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
+kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
+der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
+dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
+Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."
+
+"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
+wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in
+wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
+Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
+in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns
+das europäische Gleichgewicht veränderte."
+
+"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die
+Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen
+Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man
+ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
+Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
+schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
+sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
+Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
+Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern
+Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt
+Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg
+ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können
+nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander
+geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum
+Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß
+es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
+Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
+Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge
+heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
+gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige
+Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist
+England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
+wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
+namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr
+vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.
+
+"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
+nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner
+ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
+Charakter der Nation Vertrauen einflößen.
+
+"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht
+kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
+uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky,
+welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher
+stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
+könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum
+Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
+auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
+andere Richtung hätte nehmen müssen."
+
+Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
+Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
+blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
+Boden.
+
+Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach
+dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
+beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.
+
+Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger
+Herzlichkeit.
+
+"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über
+die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden
+Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
+Etwas davon zu sehen bekommen?"
+
+"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich
+mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin
+entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
+lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
+zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
+entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über
+sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das
+könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
+friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
+habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen
+gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
+lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über
+Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte,
+dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die
+reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel
+hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen
+Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
+Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
+meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
+kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
+leben haben."
+
+"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.
+
+Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
+der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
+Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
+freundlich die Hand hinstreckte.
+
+Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des
+ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
+und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war,
+mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
+Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
+mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen
+Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
+selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
+theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein
+philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.
+
+Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte,
+bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
+war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.
+
+"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen
+Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"
+
+"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
+der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
+fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
+könnte."
+
+Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.
+
+"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten
+gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine
+persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
+dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen
+Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und
+der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter
+Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
+Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über
+einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."
+
+"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
+daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen
+ist."
+
+"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.
+
+"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
+begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der
+Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
+sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und
+Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des
+Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch
+den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher
+auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive
+Zustimmung geben."
+
+"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die
+übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch
+folgte.
+
+"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
+Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
+natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
+fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche
+Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die
+Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu
+stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die
+öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
+solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
+nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach
+deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
+mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
+auszusetzen Lust haben werden."
+
+"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
+"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
+steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
+mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen.
+Wie stehen Sie mit Preußen?"
+
+"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
+durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
+Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten,
+sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
+eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu
+wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße
+Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen."
+
+"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
+Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
+Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"
+
+"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
+nicht der Anfang gemacht wird."
+
+"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere
+zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das
+Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
+die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß,
+sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten
+ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
+ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich
+darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--"
+
+Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer
+Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im
+Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
+für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
+Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er
+weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der
+Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz
+Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
+haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
+den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
+gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
+energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen,
+entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie
+rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
+gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'"
+
+Er hielt inne und fragte abbrechend:
+
+"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen,
+welches Ollivier bereits acceptirt hat?"
+
+"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen
+sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
+Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große
+Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns
+fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der
+öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner
+Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation
+von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich
+entgegentreten."
+
+"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das
+Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
+Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch
+wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
+zwischen den Kaiser und die Volksmasse."
+
+"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
+des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
+zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.
+
+Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
+lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
+Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
+Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
+und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen
+würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die
+Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
+behielt.
+
+Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru
+beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne
+einen Wink.
+
+Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
+Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn
+Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein
+strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
+nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
+zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die
+Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
+Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.
+
+Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem
+kleinen Hotel an der Place de St. George.
+
+
+
+
+Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster
+Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13657 ***
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+The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster Band.
+by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Todesgruß der Legionen. Erster Band.
+
+Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657]
+Last Updated: May 18, 2016
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Todesgruß der Legionen.
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Erster Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der
+Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
+fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht
+die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu
+zerschneiden--außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von
+Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz
+seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
+bedeutende Wohlhabenheit erreicht.
+
+Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
+unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden
+Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt
+eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
+selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
+Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte
+Frankreichs zusammenhängen.
+
+Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
+streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les
+bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
+Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie
+hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
+dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit
+verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.
+
+Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
+Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
+blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier
+macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
+Devise.
+
+Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
+Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und
+Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
+welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von
+den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers
+die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt.
+
+Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.
+
+Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die
+Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
+aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den
+Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
+Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende
+Gegend.
+
+Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner
+von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
+Männer auf und nieder.
+
+Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht
+vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben
+jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
+von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
+geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
+natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der
+Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des
+französischen Arbeiterstandes war.
+
+Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und
+Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich
+ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
+kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine
+gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
+zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
+schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig
+Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
+weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
+jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen,
+insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist.
+
+Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre
+1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
+Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
+Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei;
+der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das
+Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in
+Saint-Dizier stationirt waren.
+
+"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt
+wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
+Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
+Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration
+auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
+Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
+ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
+gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
+mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
+dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
+Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
+täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
+uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und
+dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
+erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."
+
+"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
+stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist
+unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und
+Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
+sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
+bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
+steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
+zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch
+nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
+wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz.
+Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
+nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
+so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
+Familie gründen können."
+
+"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
+und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu
+heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
+recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch
+militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr
+zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
+hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen
+Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen
+und nach preußischem Commando exerciren?"
+
+"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe
+ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich
+der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich
+verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
+größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
+Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht
+als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld
+zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
+Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu
+werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein
+einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde
+ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
+Heimath aufzugeben.
+
+"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu
+tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
+Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
+wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch
+meine Liebe bestimmen lassen."
+
+"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen
+möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin
+zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat
+uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
+kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen
+Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
+und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
+überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten
+immer die Liebe mitspricht--"
+
+Ungeduldig erwiderte Cappei:
+
+"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe
+ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und
+uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde
+hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
+mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen
+Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König
+uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt
+und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."
+
+Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
+Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
+spärlich erleuchtet war.------
+
+Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten
+Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche,
+welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von
+etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
+Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
+das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
+glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
+Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon
+unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
+eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber
+doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den
+französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen
+dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten
+sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund
+sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
+Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand.
+
+Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas
+gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
+Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen
+sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
+Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
+Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht.
+
+"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit
+lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie
+für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben.
+Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine
+Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
+gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück,
+mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
+keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
+glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
+Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."
+
+"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
+Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
+bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
+meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
+lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten
+Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie
+ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.
+
+"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht
+ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
+die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
+offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß
+Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."
+
+"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
+lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
+verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre
+Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
+dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
+drängen Sie mich fortwährend?"
+
+"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es
+nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
+Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr
+entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit
+unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher
+war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
+gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und
+widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige
+Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
+glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit
+Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles
+anders--seit--"
+
+"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem
+kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen
+musternd, "seit--?"
+
+"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
+brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen
+Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling,
+von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
+gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
+Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
+Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
+Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
+welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin
+Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
+mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
+grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich
+die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
+seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück
+meines Lebens geraubt hat."
+
+Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
+Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
+fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre
+Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
+Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
+festgeschlossenen Mund.
+
+"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
+mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
+Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu
+andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
+Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über
+Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu
+antworten.
+
+"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
+eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer
+Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
+unwiderruflichen 'Nein' beantworte."
+
+Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen
+Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
+freundlichen Lächeln.
+
+"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
+jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
+leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe
+mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung
+sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."
+
+Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte
+unbeweglich in die Kaminglut.
+
+Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
+Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.--
+
+Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
+aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
+kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der
+Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
+Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
+schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders
+erinnerte.
+
+Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
+peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.
+
+"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so
+bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir
+alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen
+Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse
+bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
+lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
+Friedensversicherungen enthalten."
+
+"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
+sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet
+berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
+Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
+schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen
+Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche
+und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
+wenig mißtrauisch.
+
+"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder
+große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
+hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes
+erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
+lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch
+sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit
+empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
+und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
+erschüttert und immer tiefer untergraben wird."
+
+Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er,
+"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
+Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
+verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung
+gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der
+Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
+nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen.
+
+"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
+kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
+den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die
+allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
+aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die
+Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
+Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum
+zu verantworten sein."
+
+"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich
+auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen
+und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
+giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
+rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
+daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
+welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich
+würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung
+ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"
+
+"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
+Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
+Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich
+bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
+Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
+alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren
+in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
+erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist
+und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige
+gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
+Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
+ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
+jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath
+berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."
+
+"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
+Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so
+laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt
+dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
+Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen
+Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die
+Satelliten der römischen Kaiser."
+
+"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die
+kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß
+man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
+militairischen Ruhm vorziehen wird."
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend
+still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters
+mit Herrn Vergier zu achten.
+
+Luise erhob sich.
+
+"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat
+versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick
+sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
+zusammenbiß und sich abwendete.
+
+Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.
+
+Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
+Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
+und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
+Vergier streifte:
+
+"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre
+Abwesenheit sehr bedauert haben."
+
+Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
+machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
+Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen
+Verneigung Herrn Vergier.
+
+Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen
+Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein
+Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem
+Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den
+einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
+eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um
+ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei.
+
+Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen
+aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
+der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
+heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der
+Gesellschaft.
+
+Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
+Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen
+und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
+Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
+schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
+mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
+dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
+hinübersah.
+
+Das Diner verlief schweigsam.
+
+Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner
+schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.
+
+Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
+hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
+welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
+von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.
+
+Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
+Lampe erleuchteten Salon zurück.
+
+Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte,
+die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um
+seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
+das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
+machen.
+
+Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
+Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
+Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
+ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.
+
+"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
+französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
+fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
+vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen
+Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir
+für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt."
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
+Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
+"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu,
+"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
+Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
+ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen
+wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken
+betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
+Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines
+so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
+ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"
+
+"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
+ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner
+Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
+geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--"
+
+"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
+"genügt Dir diese Heimath nicht?"--
+
+Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:
+
+"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige,
+die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen
+Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
+je--"
+
+"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns
+trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in
+welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die
+Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
+hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
+Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden
+Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
+Glück Nichts mehr im Wege stehen."
+
+Er blickte düster vor sich hin.
+
+"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher
+Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte
+ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion
+aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
+Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
+Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
+bin Dir eine Zukunft zu schaffen."
+
+"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
+in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
+unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
+fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
+gründen--"
+
+"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
+Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des
+Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so
+kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
+Existenz schaffen lassen.
+
+Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
+ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines
+Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch
+ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
+sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie
+wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
+Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch
+während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."
+
+Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
+blickte ihm tief in die Augen.
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun
+wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
+jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die
+deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
+beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen
+bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind."
+
+Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen
+zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!--
+
+Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
+sich in ihren Sessel zurück.
+
+Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.
+
+Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen
+Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung
+bewegten Stimme.
+
+"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
+ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß
+in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier
+eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
+und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.
+
+"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um
+auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über
+Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
+thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--"
+
+Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf
+den Schnurrbart und schwieg.
+
+"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
+Geliebte anblickend.
+
+"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise.
+
+"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
+Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer
+gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
+beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."
+
+Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
+zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.
+
+Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig
+erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
+doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
+lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
+schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den
+Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
+keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen
+würde.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+
+Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
+Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
+den Tuilerien.
+
+Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
+Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
+sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
+geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck
+tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
+Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
+ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
+in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des
+Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
+convulsivischen Zuckungen.
+
+Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
+Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
+schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
+kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
+theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
+schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
+liegenden Souverain.
+
+An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton
+beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
+Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
+geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
+auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er
+doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
+dem Zustande seines Patienten beschäftigt.
+
+Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
+aufmerksam dem Pulsschlag folgend.
+
+"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend;
+"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät
+gern einige Tropfen Aethergeist einflößen."
+
+"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung
+hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist
+ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
+das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den
+Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und
+hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
+bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es
+sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."
+
+Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
+seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
+auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.
+
+Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen,
+seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
+Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.
+
+"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
+entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?"
+
+"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
+Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben
+werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
+hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können."
+
+"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
+glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
+gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden
+kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine
+Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und
+zu handeln."
+
+"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
+diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen.
+Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
+durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
+Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als
+andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden
+überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und
+je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
+werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
+auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung."
+
+Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben
+meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
+mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um
+das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft
+die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre
+ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
+denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen
+können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
+ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn
+zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für
+mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja
+nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die
+nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen
+Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für
+welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens
+angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
+irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft
+aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze
+Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
+Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet
+habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige
+Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."
+
+"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
+Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und
+hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten
+legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
+unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn
+der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst
+berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
+Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen
+natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
+Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die
+Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die
+Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der
+Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."
+
+Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.
+
+"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie
+wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
+das ich immer mehr verliere.
+
+"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
+Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
+besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das
+ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.
+
+"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
+wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
+Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
+Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
+öffentlichen Lebens."
+
+Dr. Conneau lächelte.
+
+"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
+unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
+solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
+diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse
+der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer
+hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
+Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
+öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät
+geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten
+Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des
+Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden
+niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an
+Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern."
+
+"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
+weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus
+dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
+wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
+Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
+da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer
+Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend
+hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
+gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
+stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
+ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
+Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
+möchte.--
+
+"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
+Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
+vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle
+es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
+Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
+bewegen konnte.
+
+"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
+einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
+Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.
+
+"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
+den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
+reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht
+helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur
+helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
+einzuflößen vermöchten.
+
+"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte
+allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr
+werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
+die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
+augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm
+nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen
+gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht
+fortsetzen.--
+
+"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das
+Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
+kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über
+meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.
+
+"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
+einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte.
+Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
+Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und
+sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu
+sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
+pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
+Tode aufhört.
+
+"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
+fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.
+
+"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil
+er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?
+
+"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein
+unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich
+habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
+und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
+ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn."
+
+In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
+dessen Hand und führte sie an seine Lippen.
+
+"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
+Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den
+kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--
+
+"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst
+die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
+meinem Sohn den höchsten Dienst leisten."
+
+Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem
+Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
+Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
+Glase Wasser.
+
+"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
+reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
+erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät
+die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung
+hervorgerufen hatte."
+
+Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne
+opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner
+Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere
+Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
+Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und
+der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.
+
+Er stand langsam auf.
+
+"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
+Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
+der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten
+Unfähigkeit herabstimmen."
+
+"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
+Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor
+und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl."
+
+"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu
+gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der
+Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
+herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den
+Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse,
+denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse."
+
+Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen
+und verließ das Schlafgemach seines Herrn.
+
+Der Kaiser klingelte.
+
+"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
+Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
+eine so liebe Gewohnheit geworden war."
+
+Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
+Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die
+Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur
+sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte
+von seiner gebrochenen Kraft.
+
+"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
+Spiegel.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein
+Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer
+erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
+den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz
+gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den
+Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den
+Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.
+
+Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
+verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der
+Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.
+
+Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
+früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
+wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des
+Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt.
+Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
+gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in
+seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit
+langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
+ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
+entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
+phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
+ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
+während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
+von einer dunkeln Gluth durchschimmert.
+
+Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
+völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
+welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.
+
+"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
+Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
+zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und
+bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
+Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung
+Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind."
+
+"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
+sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
+Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich
+sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut
+ausspreche."
+
+"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß
+diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig
+abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es
+gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
+den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
+des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was
+sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß
+ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln
+und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.
+
+"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine
+Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den
+Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
+einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
+wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
+Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
+Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
+Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät
+werden das wirklich Richtige zu erkennen."
+
+"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er
+sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois
+einen Sessel neben sich bezeichnete.
+
+Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
+blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
+gerichtete Frage zu antworten:
+
+"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß
+gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
+Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
+Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was
+ich gesehen."
+
+Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den
+Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
+spielend, aufmerksam zu.
+
+"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern
+Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt
+hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß
+der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
+früher."
+
+Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
+blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
+gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.
+
+"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
+"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
+Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der
+Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird.
+Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation
+berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
+gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit
+freut sich der Ruhe und Ordnung.
+
+"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die
+Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich
+versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
+Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
+Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
+versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten
+Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
+geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
+gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen.
+Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
+gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
+Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu
+zerstören.
+
+"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
+citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht
+scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
+Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
+keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
+wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am
+Hute tragen.'"
+
+Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig
+unter den Augenlidern.
+
+"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in
+Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
+Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
+zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
+wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat
+man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde."
+
+Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach
+mit ruhigem Lächeln:
+
+"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
+treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie
+mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
+keine Gefahr bringen."
+
+"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut
+und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich
+erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
+sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
+Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
+man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man
+ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
+weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie
+das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
+Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
+der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift."
+
+"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber,"
+fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
+Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?"
+
+Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.
+
+Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete,
+dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.
+
+"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
+Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner
+Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen
+nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten
+undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch
+über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge
+faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung
+geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm
+aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
+aber--"
+
+"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit
+gespannter Erwartung aufblickend.
+
+"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des
+Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern
+Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch
+untergraben."
+
+"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
+daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
+persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und
+sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
+und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
+werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die
+persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der
+Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
+ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige
+rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."
+
+"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne
+ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
+Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
+würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät
+bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen
+Händen lägen."
+
+Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ
+den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:
+
+"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
+treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
+kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
+welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie
+sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
+eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des
+Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe."
+
+Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.
+
+"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
+Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
+Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen
+habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
+besitzen?"
+
+"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes
+und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer
+Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir
+Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
+sprechen.
+
+"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur
+von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache,
+daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem
+Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des
+Orleanismus--"
+
+"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet
+mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?"
+
+"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
+Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber,
+Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille
+angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
+und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der
+constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
+Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
+setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
+Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet
+sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
+Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät
+Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die
+Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
+französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen
+befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des
+Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen
+zieht.
+
+"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
+Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's
+wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
+als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
+ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
+Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
+ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es
+kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den
+Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein
+dastehen werden.
+
+"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
+Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
+Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
+befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von
+Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit,
+das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern."
+
+Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.
+
+"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin
+gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie
+verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
+schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer
+eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"
+
+"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die
+Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen
+sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
+Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
+gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine
+Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
+des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an
+den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
+reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten
+Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen."
+
+Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
+vor sich nieder.
+
+Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so
+brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
+Seele lesen.
+
+"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung
+geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den
+Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner
+Freunde zu legen?"
+
+"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
+Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
+eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem
+Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
+neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
+kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.
+
+"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß
+in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
+Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den
+Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
+und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der
+Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk
+giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
+besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige
+Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
+überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren
+hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
+Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle
+Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche
+Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
+zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
+Boden des realen Volkslebens loszulösen.
+
+"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
+während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das
+Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
+Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf
+den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der
+orleanistischen Agitation.
+
+"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
+fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
+Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
+Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die
+Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen
+wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen,
+ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
+und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
+Dynastie sind."
+
+"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
+Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie
+bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie
+glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden
+können.
+
+"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht,
+welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin,
+Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
+Fragen lösen zu können glauben."
+
+"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine
+Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise
+Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
+beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während
+der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
+zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt
+des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die
+parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
+worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen
+Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich
+befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
+ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst.
+
+"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
+Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
+durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein
+solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das
+ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
+Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
+mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
+parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
+ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
+verschwinden."
+
+Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit
+und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.
+
+"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
+haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe
+neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für
+den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
+allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
+meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat
+und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
+Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu,
+"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben
+Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
+und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die
+Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.
+
+"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des
+Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
+den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."
+
+"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so
+wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
+diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich
+unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt
+bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten
+wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
+werden verschwinden.
+
+"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn,"
+fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre
+alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der
+richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
+erstehen werden."
+
+Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
+und sprach:
+
+"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
+überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung
+und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die
+Wahrheit gesagt.
+
+"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über
+einen Punkt Ihre Meinung hören.
+
+"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das
+nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die
+Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief
+verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
+Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer
+Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des
+großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von
+Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
+kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen
+Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen
+Frankreichs wieder herzustellen."
+
+"Man räth Eurer Majestät," fiel Clément Duvernois ein, "ganz einfach den
+Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in
+seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne
+Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht
+Europa's sich vollziehen können; man räth," fuhr er mit erhöhter Stimme
+fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun,
+was Sie--verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire--unmittelbar nach der
+Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen."
+
+Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:
+
+"Und was meinen Sie zu diesem Rath?"
+
+"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer
+Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber
+nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer
+Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde
+aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich
+freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
+Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß
+ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
+preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in
+den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--"
+
+"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.
+
+"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
+Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
+der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren
+Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu
+können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und
+die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf
+bestimmen zu können?
+
+"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann
+ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht
+besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage
+beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht
+vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so
+geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte
+Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
+versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
+abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein
+unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in
+Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
+des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln."
+
+"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim,
+vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
+Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick
+besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber
+kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
+Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber
+gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst
+sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee
+übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den
+Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit
+ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber
+ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das
+Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va
+banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
+kann.
+
+"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte
+über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die
+französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und
+Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König
+Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens
+geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in
+diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
+haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa
+Franca möglich sein."
+
+"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben
+gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste
+Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel
+des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen
+bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und
+für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der
+gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
+Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
+sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie
+langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor,
+denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste
+geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder
+später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
+das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."
+
+Der Kaiser stand auf.
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in
+diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich
+diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer
+so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden.
+
+"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er
+Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher
+treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."
+
+Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
+stolzer Befriedigung:
+
+"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden,
+meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
+Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören."
+
+Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief
+vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und
+verließ das Cabinet.
+
+"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er
+hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich
+darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und
+zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in
+mir fühle."
+
+Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief:
+
+"Ihre Majestät die Kaiserin!"
+
+Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
+in das Cabinet.
+
+Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer
+edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden.
+Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
+zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
+großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.
+
+Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
+reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
+ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
+seine Lippen führte.
+
+"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der
+Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
+schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
+können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr
+Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
+unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses
+unruhigen Frankreichs."
+
+"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
+sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie
+wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
+gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter
+fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
+Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
+den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere
+Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
+Stadt stattgefunden?
+
+"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
+vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer
+gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den
+Haß gegen die Regierung zu schüren."
+
+"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen
+stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
+gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."
+
+"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht
+erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
+vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.
+
+"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn
+einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
+Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu
+spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr
+bedenkliche Aufregung."
+
+Der Kaiser lächelte.
+
+"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir
+die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint
+bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man
+kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu
+lassen.
+
+"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
+"den genauen Bericht."
+
+Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines
+Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
+Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
+Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
+zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.
+
+Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
+Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
+des Kaisers erwartend.
+
+"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und
+der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.
+
+"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht
+ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
+beendet."
+
+"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich
+neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.
+
+"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der
+Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
+dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
+Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
+Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
+gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
+zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
+nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des
+Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu
+heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
+Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
+und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
+Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
+Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
+einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
+abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
+der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
+vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
+Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
+Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
+vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der
+Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen
+ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die
+Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
+sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
+beendet."
+
+"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst
+den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern,
+wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen
+Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
+solche Bewegung annehmen kann."
+
+Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf.
+
+"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung
+Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
+Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
+Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
+große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige
+Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an
+Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach
+meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"
+
+Pietri verneigte sich.
+
+"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
+"daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
+Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
+diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht.
+Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
+geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man
+sich nicht darum gekümmert hätte."
+
+"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit
+flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der
+Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es
+wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
+zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
+man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
+Macht der kaiserlichen Regierung glauben?
+
+"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen
+Glauben zu verlieren."
+
+Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:
+
+"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen
+zu lassen."
+
+Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.
+
+"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin.
+"Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine
+Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
+geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen
+und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
+wird."
+
+"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie
+vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
+doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben."
+
+"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen
+noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
+man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
+dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme
+Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem
+Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester
+und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser
+Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"
+
+--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über
+seinen Knebelbart streichend.
+
+"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz
+Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
+erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr
+persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von
+Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende
+preußische Macht."
+
+Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
+zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:
+
+"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit
+einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich
+verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de
+but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären
+könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische
+Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
+ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."--
+
+"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten
+Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
+haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel
+gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere
+Armee für vollkommen schlagfertig--"
+
+"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser
+ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die
+Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."--
+
+"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
+ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe
+ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
+Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die
+Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr
+Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
+und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich
+werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
+Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
+eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von
+1866 wieder zu zertrümmern."
+
+"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?"
+fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
+Beistand, den wir dort finden können."
+
+"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter,
+"ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die
+genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle
+jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
+Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen."
+
+Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
+in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
+ansah.
+
+"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der
+Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
+Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt
+das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
+Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem
+vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des
+Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
+nicht der geeignete Augenblick."
+
+"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren
+Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt
+sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
+den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--
+
+"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren
+Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den
+Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und
+seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete
+Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
+Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu
+machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren
+Lebensbedingung der Friede quand même ist?"--
+
+"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister?
+Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
+sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen
+von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
+Frankreichs erfüllen müssen.
+
+"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von
+unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
+Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn
+nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen,
+und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch
+ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist."
+
+"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an
+seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat,
+eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
+um Frankreich mit sich fortzureißen?"
+
+"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer
+zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
+und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir
+im Sinne liegt--"
+
+Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber.
+
+"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
+daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
+machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont
+kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen
+Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
+können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und
+unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
+da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist.
+Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie
+Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
+sich von selbst machen."
+
+"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick
+vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen
+Sie mich darüber nachdenken--"
+
+"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu
+lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend,
+indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen
+Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur
+um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft
+unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee,
+diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst
+die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über
+die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das
+militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist
+der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen
+Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.
+
+"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen
+Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich
+verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem
+ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern,
+kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
+machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
+haben."
+
+Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner
+Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches,
+goldschimmerndes Haar.--
+
+"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine
+alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie
+mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben
+Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht
+erlöschen wird."
+
+Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige
+Augenblicke schweigend neben ihm stehen.
+
+"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die
+Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt
+habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen
+Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß
+ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."
+
+"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß
+die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es
+mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
+lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen."
+
+Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf
+die Stirn.
+
+"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
+scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
+langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der
+eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den
+Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm
+Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
+seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
+Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
+ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der
+Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
+Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen,
+das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den
+Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen?
+Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand
+zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--
+
+"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich
+die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
+ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er
+seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll
+wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
+Händen liegen.--
+
+"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse
+Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,
+"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
+versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich
+weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
+kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
+Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden
+Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé
+da?"
+
+"Der General wartet im Vorzimmer."
+
+"Führen Sie ihn herein!"
+
+Der Kammerdiener öffnete die Thür.
+
+Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.
+
+Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug
+reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
+Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
+schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.
+
+Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
+seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
+nieder.
+
+General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran
+und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
+Tuilerien.
+
+Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
+gekommen war, befahl er langsam zu fahren.
+
+Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
+Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während
+die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden
+blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
+Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die
+sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
+die Herandrängenden zurückweisen.
+
+"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
+den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.
+
+Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
+lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß.
+
+Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
+kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
+schallendem Ton:
+
+"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
+Meuterern!"
+
+Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.
+
+Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
+einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
+Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.
+
+"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle
+diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
+einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen
+mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß
+diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
+sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen."
+
+Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.
+
+"Nach Belleville!" rief Napoleon.
+
+Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
+versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!"
+aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
+Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.
+
+"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem
+unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre?
+Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit
+etwas ängstlicher Miene hinzu.
+
+"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,
+stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
+machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß
+ich mich noch als seinen Herrn fühle."
+
+Man war in Belleville angekommen.
+
+Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
+zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
+Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen
+meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
+nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
+verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit
+dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
+verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein
+Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.
+
+Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
+genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
+von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu
+räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
+Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.
+
+Der Kaiser ließ halten.
+
+An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene
+düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
+glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden
+Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
+den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
+den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
+nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster
+hinschweifen.
+
+Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben.
+Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete
+ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
+sich hin.
+
+"Vorwärts!" befahl Napoleon.
+
+Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch
+nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.
+
+Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend
+eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.
+
+"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
+vor dem Richterstuhl der Geschichte!"
+
+Der Kaiser zuckte zusammen.
+
+"Halt!" rief er.
+
+Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
+Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr
+und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so
+schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick
+seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.
+
+Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
+hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.
+
+"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und
+ruhig.
+
+Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die
+Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an
+der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
+fahren.
+
+Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern
+Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An
+der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé
+seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde
+an.
+
+Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
+dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.
+
+"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch
+das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
+dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das
+Innere des Hotels führte.
+
+In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere
+langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator
+und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
+war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein
+kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck
+und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
+noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
+grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
+Augenbrauen hervor.
+
+Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser
+und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:
+
+"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am
+Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
+vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
+eilen."
+
+"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte
+der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser
+ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß
+ich wohl zu Ihnen kommen."
+
+Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.
+
+Sie traten in den großen Empfangssalon.
+
+"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät
+zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt."
+
+"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
+Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen
+plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines
+Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von
+dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze
+Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen
+Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
+Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön
+gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.
+
+Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd
+zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.
+
+Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
+schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
+sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.
+
+"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon
+endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den
+Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist
+ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er
+halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen
+und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus
+diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und
+mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
+der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in
+dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
+bei Ihnen."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
+zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige
+Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine
+Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.
+
+"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit
+überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
+begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den
+Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
+Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
+der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen
+Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten,
+auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten."
+
+Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.
+
+"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch
+heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät
+Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick
+unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
+Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich
+militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die
+französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare
+Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der
+Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat."
+
+"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von
+den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
+konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich
+damals Unrecht gehabt."--
+
+"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte
+Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil
+Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät
+wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
+die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich
+damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen
+Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und
+mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."
+
+"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon,
+"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
+Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines
+der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief
+seufzend--"denn ich habe viel verloren."
+
+"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf
+denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
+und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
+Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält,
+sagen, als es Ihr Minister gethan hat."
+
+"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die
+Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler
+machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
+verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu
+Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
+mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath
+zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich
+laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
+dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"
+fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des
+Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
+Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
+Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
+verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen
+Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß
+die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
+geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich
+den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
+und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals
+garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,
+bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
+man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem
+Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während
+der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
+zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee
+sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die
+Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
+Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann
+aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von
+erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die
+europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
+und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische
+Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber
+Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
+Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden,
+jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
+entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
+mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"
+
+Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
+dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
+lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
+langsam, jedes Wort scharf betonend:
+
+"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
+nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,
+"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht
+hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
+der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig
+befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
+oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich
+zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
+darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
+anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
+später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit.
+Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine
+Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem
+Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum
+Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg
+von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
+Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
+Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
+die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über
+den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein
+Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
+man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des
+Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
+einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.--
+
+"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
+verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem
+sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
+früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
+reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
+sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
+sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich
+ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem
+Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich
+selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache
+Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg
+Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
+so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit
+gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
+Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann
+Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als
+Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen
+Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche
+Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner
+Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir
+noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich
+mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
+Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
+Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
+geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen."
+
+"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
+Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns
+Hülfe und Beistand."
+
+"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß
+man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug
+wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin
+liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
+um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart
+statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und
+frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
+Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
+welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
+ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
+Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem
+Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
+ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
+wieder aufzunehmen."
+
+"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß
+Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen
+und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
+Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche
+Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
+betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas
+Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert."
+
+"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
+kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
+Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
+Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
+nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder
+verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre
+vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
+irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
+Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"
+
+"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
+"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz
+Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
+Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer
+activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
+"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
+aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer
+deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde,
+in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu
+finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland
+eingewilligt hat."
+
+Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de
+L'huys' ernste Züge.
+
+"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
+der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
+vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne
+Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
+das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große
+Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
+rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
+in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke
+Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen
+Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
+bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß
+sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
+kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
+Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber
+niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
+entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich
+eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
+allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene
+preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den
+Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
+auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung
+Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß
+auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung
+die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
+bietet."
+
+"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
+zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen
+tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik
+nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
+und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
+die alte Höhe zurückführen soll?"
+
+"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
+Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
+diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
+Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die
+Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich
+muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge
+jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die
+bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
+kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
+Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
+Aeußerste zu wagen."
+
+"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
+der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
+militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg
+will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
+Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer
+Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den
+Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse
+ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der
+großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz
+Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
+gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der
+Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen
+ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie
+aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
+Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät
+meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das
+Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
+lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
+Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
+Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen,
+würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde
+Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen
+Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
+betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
+einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
+ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines
+Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
+Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches
+Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des
+Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen
+Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
+preisgegeben sehen."
+
+Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
+Schnurrbart.
+
+"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer
+Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er.
+
+"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
+Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,"
+sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne
+Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch
+Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können."
+
+Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender
+Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
+beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm
+die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.
+
+"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich
+im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
+gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
+geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's
+Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden
+müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in
+welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
+nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den
+kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
+Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
+will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen
+werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen,
+daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
+Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
+hervorgerufen."
+
+"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler
+gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
+meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
+befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen
+Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
+Folgen gehabt hat."
+
+"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend
+und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.
+
+"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen
+einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
+welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
+niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
+links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung
+in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er
+fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen
+immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch
+Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
+Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
+freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es
+auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
+gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu
+lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das
+öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
+nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
+ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu
+inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben
+wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu,
+"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln
+durch ihn durchführen zu lassen."
+
+Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.
+
+"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
+darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
+betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um
+dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu
+stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der
+Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.
+
+"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne
+Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu
+lassen--"
+
+"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
+Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
+folgen."
+
+"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
+neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
+auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
+Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit
+einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
+herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen
+Lebens geworden ist."
+
+Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge
+des Kaisers.
+
+"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr
+Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"
+
+"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
+fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr
+als an Daru und Buffet."
+
+Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.
+
+"Und Ollivier?" fragte er dann.
+
+"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
+ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen
+Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
+Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
+festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
+Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
+den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen
+anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
+erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
+Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so
+ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und
+ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
+Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere
+und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so
+unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
+wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
+eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen
+militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des
+Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte."
+
+Der Kaiser erhob sich.
+
+"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre
+Unterstützung nicht fehlen wird."
+
+"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
+bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich
+nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
+dieselben acceptiren, auszuführen."
+
+"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
+verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
+guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
+meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
+derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um
+meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
+Ausführung zu bringen."
+
+Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
+mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den
+Tuilerien zurück.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+
+In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße
+saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten
+Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren
+in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe
+Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.
+
+Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
+seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
+Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
+graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt,
+und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
+zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den
+preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten
+scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade
+aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
+der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
+hielt.
+
+Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit
+einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
+hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen
+Vermögen und seiner Pension lebte.
+
+Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer
+Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
+Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus
+zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
+bewegte.
+
+Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige
+Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
+Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung
+verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
+wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
+fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne
+Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er
+sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ
+Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
+wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob
+seine Gedanken anderswo weilten.
+
+Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
+leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne
+desselben.
+
+"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
+einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies
+Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
+Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend
+hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
+Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
+Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir
+überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit
+der Zeit zu steif und schwerfällig geworden."
+
+"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
+Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
+wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
+kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
+Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken."
+
+"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
+"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich
+nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
+Wirthschaft entziehst."
+
+"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
+Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
+in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem
+Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann
+gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
+zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle
+bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es
+sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
+angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht
+die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen."
+
+"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
+wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen
+kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
+hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
+Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche
+Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein
+Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
+Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben
+geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß
+unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
+Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
+hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den
+Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen
+dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß
+den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf
+demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist."
+
+"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
+phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht
+einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst
+nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
+einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
+verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte
+er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu
+können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat."
+
+"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
+"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
+Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung
+und Entbehrung gebracht hat?"
+
+"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
+nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines
+Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im
+militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette
+für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den
+entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für
+alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt
+hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
+fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte
+anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
+Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
+alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
+mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt
+und gearbeitet hast."
+
+"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den
+Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
+Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum
+Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt.
+Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich
+haben möge."
+
+"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
+leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
+in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in
+den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
+andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle
+Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum
+Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu,
+"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen
+vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen
+auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
+bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
+Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
+brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd
+hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."
+
+Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb
+verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.
+
+"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen
+Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
+Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter
+Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
+eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und
+in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende
+Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
+nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
+gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich
+nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
+dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen.
+Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
+werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
+werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
+können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
+Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
+Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."
+
+"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
+Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
+hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
+beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den
+ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
+so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen.
+Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe
+geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
+nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
+gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
+seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
+zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer
+Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden
+Besitzes zu erhalten im Stande ist."
+
+Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.
+
+"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
+allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast
+der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
+erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
+zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen
+mußten."
+
+"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
+lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
+Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte
+nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich
+besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
+haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
+den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow
+führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
+ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
+sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben,
+ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
+entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten
+muß?"
+
+"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant.
+"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals
+mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."
+
+Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
+Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
+starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
+geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
+früherer großer Schönheit zeigte.
+
+Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
+altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem
+breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
+Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.
+
+"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
+wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn
+Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
+leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht
+großartiges Fest zu geben."
+
+"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem
+Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist
+immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen
+ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
+geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich
+nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
+zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen
+heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."
+
+"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
+Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
+der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu
+nehmen."
+
+"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
+recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
+nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
+zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
+verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf
+ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
+viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
+will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
+fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof
+macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
+Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr
+gut erzogen und sehr fein gebildet."
+
+"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
+nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
+setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."
+
+"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
+Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr
+Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er
+wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der
+Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
+einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
+Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht
+arrangiren lassen."
+
+"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
+Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch
+wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine
+Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
+meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes
+Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
+zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
+Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes
+Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen
+Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
+würde ich niemals meine Zustimmung geben."
+
+"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd,
+indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
+sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
+er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
+dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht
+in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier
+zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
+sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute
+hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des
+Fräulein Cohnheim."
+
+"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
+amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte
+Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen
+habe, vollkommen mit mir theilt."
+
+Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
+der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die
+Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu
+behandeln.
+
+Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
+vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
+schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der
+Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das
+dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören.
+
+Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der
+Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
+nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet
+waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
+Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der
+ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
+Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den
+Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst
+beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der
+Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große
+Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
+guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines
+Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
+wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben
+zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
+nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
+den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und
+einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.
+
+Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
+Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
+fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
+über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
+leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
+Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
+aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden
+Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um
+seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus
+gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl
+zusammengesetzt war.
+
+Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
+von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
+strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
+große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
+sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
+ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
+Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
+Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine
+goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
+Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.
+
+Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon
+seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit
+ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
+Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen.
+
+Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit
+ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
+jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
+Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
+Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
+Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
+und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
+öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem
+mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln.
+
+In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
+ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
+Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
+zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
+übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
+geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
+waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste
+Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
+jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man
+gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit
+findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen
+eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
+des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
+von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen
+blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
+feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
+Lächeln.
+
+Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
+Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken,
+steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen
+im Knopfloch.
+
+Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die
+Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe,
+indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen
+gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der
+Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge
+doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
+Damen erhebe.
+
+Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
+Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
+jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends
+feststellten.
+
+Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang
+seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit
+die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau
+abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte
+er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
+einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
+seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
+Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
+der Neueintretenden zurückzuwenden.
+
+Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt,
+deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer
+Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt;
+mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch
+vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
+die Hand.
+
+Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
+Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften
+zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er
+diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
+und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche
+Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.
+
+Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
+präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen,
+welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen
+läßt erfüllte die Räume.
+
+Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
+geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
+rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.
+
+Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der
+Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
+Hauses am Theetisch seines Freundes saß.
+
+Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
+Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
+anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
+wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben
+lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
+gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
+seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene
+Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm
+berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und
+höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
+leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths
+mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein
+hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
+gebe, als empfange.
+
+In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
+durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
+zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld.
+
+Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
+und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf
+geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und
+Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
+Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest
+zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder
+Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus
+ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in
+einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.
+
+Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem
+jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher
+Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.
+
+"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr
+Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
+verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu,
+indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck
+zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."
+
+"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
+leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg
+nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht
+haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine
+Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen."
+
+"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie
+gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
+sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann
+nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
+Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch
+einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter
+klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
+der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld
+weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
+Tanzsaal eintrat.
+
+Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter
+gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen
+begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
+ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.
+
+Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
+von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche
+sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
+Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
+Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen
+Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
+sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
+Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
+Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
+schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal,
+indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer,
+in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand.
+
+Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
+Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
+Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim.
+
+"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er.
+"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß
+Sie noch einen Tanz für mich frei haben?"
+
+"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die
+Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die
+Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze
+sind besetzt."
+
+"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während
+er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht
+verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich
+übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
+gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu
+reserviren."
+
+Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.
+
+"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den
+Cotillon angenommen."
+
+"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
+glückliche Ueberraschung gemacht haben?"
+
+"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst
+und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
+Officier hinüberflog.
+
+Dieser trat rasch heran und sprach:
+
+"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
+mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?"
+
+"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
+freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
+sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
+Cotillon notirt."
+
+Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant
+von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und
+wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow
+mit leichter Verbeugung zurücktrat.
+
+Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
+traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die
+junge Dame in die Reihen.
+
+Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen
+Augenblick neben einander stehen.
+
+"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
+sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir,
+nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
+und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen,
+was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist
+sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
+commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble
+Partie."
+
+Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe
+stehende Paare.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
+flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick
+seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
+anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
+ihm vorbeischwebte.
+
+Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die
+ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den
+unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in
+mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare
+ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren
+Herren.
+
+Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen
+Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und
+gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche
+ihm aufmerksam zuhörten.
+
+"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag
+mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und
+Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
+es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
+Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
+jetzt weiter entfernt als je vorher."
+
+"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer
+Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
+verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
+eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche
+ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet.
+"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen
+Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
+der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem
+mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
+deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders
+begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften
+Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende
+Berichte."
+
+"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"
+erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn
+gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
+katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den
+Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich
+hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
+anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit
+gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
+denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
+Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
+deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
+bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß
+auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht."
+
+"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die
+ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
+deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen.
+Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse
+haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht
+schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
+katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich
+im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."
+
+"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine
+vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
+Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen
+es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt
+voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber
+in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden
+müssen."
+
+"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man
+dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
+viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für
+unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder
+menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
+Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
+Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
+auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen."
+
+"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der
+Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der
+Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
+wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort,
+"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
+Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
+nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
+daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer
+deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
+es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
+wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
+Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht,
+mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
+Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen
+lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
+Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
+italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
+seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in
+welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
+Deutschland sehr wenig genehm sein möchten."
+
+"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich
+glaube, wir können es ruhig abwarten."
+
+"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,
+sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict
+entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
+dürsten die Consequenzen sehr fatal werden."
+
+"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor
+Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
+gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
+Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen
+Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
+ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit
+solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der
+Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man
+zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen
+Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
+durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische
+Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die
+Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat
+die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das
+von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
+müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen
+die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen,
+und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
+Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom
+herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
+Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit
+energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten
+Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
+Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt
+hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
+wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
+den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe
+jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe
+kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer
+sein, sie wieder von Rom zu trennen."
+
+"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
+Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir
+haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
+und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten
+Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht."
+
+"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist
+noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
+des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
+Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
+ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
+Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein."
+
+Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.
+
+"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im
+Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
+Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im
+letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
+ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
+Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu,
+"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
+gute Cigarre erschwingen können."
+
+"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der
+Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen,
+die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
+können."
+
+"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
+Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!"
+
+Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
+ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für
+die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
+Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.
+
+"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem
+Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins
+der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron
+von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
+Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große
+Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große
+Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit,
+ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich
+glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich
+dabei zu betheiligen."
+
+Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke
+des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres
+und eingehenderes Gespräch.
+
+Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
+feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
+tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die
+Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden
+des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und
+theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor
+ihnen.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
+mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die
+Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
+sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des
+Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast
+traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur
+zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter
+des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
+Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.
+
+Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
+nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin-
+und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine
+Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder
+einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
+besonders empfohlenen Weins zu serviren.
+
+Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger
+Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden
+Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht,
+sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen
+Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
+Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.
+
+Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
+Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
+begaben sich in den Tanzsalon.
+
+Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des
+Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
+Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
+die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter
+einer Decoration von grünen Gewächsen standen.
+
+Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.
+
+"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,"
+sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
+Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
+Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die
+Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
+Etwas übel genommen?"
+
+"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick
+tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die
+leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen
+ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin
+verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft
+traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."
+
+"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig
+zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
+sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte
+übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig
+machen könnte."
+
+"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest
+und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger
+machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem
+fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
+von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele
+Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
+eingezogen wären."
+
+Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige
+Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
+hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
+einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.
+
+"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen?
+Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung
+sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil
+werden kann."
+
+Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.
+
+"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter
+Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--"
+fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner
+Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben."
+
+Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.
+
+"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es
+muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn
+die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
+Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
+und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?"
+
+Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
+durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
+dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein
+rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte
+mit herzlichem Ton:
+
+"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"
+
+"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend,
+"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
+Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes
+Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen
+bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger
+mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt
+habe."
+
+"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht
+schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene
+Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?"
+
+Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen
+Blick und verstand die stumme Frage.
+
+"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück,
+wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--"
+
+Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.
+
+Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
+Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
+wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort:
+
+--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft
+unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als
+begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine
+Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen
+mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
+Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das
+ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem
+brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für
+mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
+ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
+unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu
+erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine
+zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde
+vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
+Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und
+Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
+während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum
+ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen
+los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach
+er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich
+machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
+unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären."
+
+Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr
+Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
+legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
+ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser
+Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.
+
+"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich
+kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast
+befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
+gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht
+allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
+so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
+nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
+Glanz verloren haben."
+
+"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche
+Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber
+mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht
+möglich."
+
+"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir
+nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen,"
+fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
+umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem
+Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind
+wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe
+abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen."
+
+Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen
+mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.
+
+"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter
+Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie
+einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine
+Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr
+er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung
+nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes."
+
+"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen
+_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens
+_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im
+Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
+untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
+Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar
+weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich
+Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?"
+
+"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige
+Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf
+hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
+darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
+fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben
+Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"
+sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons
+benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?"
+
+"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
+Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben
+würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?"
+
+Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
+reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
+vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
+Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren
+Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die
+Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
+Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons
+hinblickten.
+
+Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
+trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
+und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.
+
+Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach
+der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die
+tanzenden Paare verfolgt hatte:
+
+"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
+Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
+unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise
+fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten,
+welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen
+den Vergleich nicht aushalten kann."
+
+Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte
+sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
+kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.
+
+"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen
+gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu
+benutzen, um Ihnen Freude zu machen."
+
+Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine
+Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
+folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte
+Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges
+Gespräch nicht mehr möglich war.
+
+Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein
+Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen
+waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen
+Druck ihrer Hand zurück.
+
+Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und
+indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter
+Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
+seinigen tauchten.
+
+"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld.
+Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
+Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie
+nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
+Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
+ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht
+ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
+Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man
+einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
+Zukunft zu haben."
+
+Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
+angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig
+zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
+Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.
+
+Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
+sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und
+als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich
+bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:
+
+"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig
+gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen,"
+fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron,
+wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren."
+
+Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
+Frau und zu seiner Tochter.
+
+"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend,
+"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er
+vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von
+Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
+gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause
+zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt
+werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.
+
+"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die
+schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife
+nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um
+ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
+mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
+zerstreuten Ton.
+
+"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
+ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in
+demselben Ton hinzu.
+
+"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du
+hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
+tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung
+und unsere Beziehungen nimmst."
+
+Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
+Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren
+Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.
+
+Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener
+Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen
+hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die
+verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in
+den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
+und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
+auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und
+ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken
+Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein
+bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
+schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur
+das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen
+Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.
+
+Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
+und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche
+Schrift welche das Papier bedeckte.
+
+"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen
+bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher
+einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
+fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich
+dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort,
+"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten
+mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens,
+und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
+überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
+zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
+erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
+unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich
+bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
+arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
+kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde
+zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu,
+"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
+Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und
+selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte
+desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die
+Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände
+Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
+Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern,
+würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
+Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus
+den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
+Factoren treiben dort ihr Spiel--
+
+--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
+durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im
+Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche
+seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
+unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen
+Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
+können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der
+politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre
+Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie
+können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
+vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken."
+
+Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den
+einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.
+
+"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
+Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
+Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam
+sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen
+Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
+würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
+mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
+für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht
+glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
+mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
+fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und
+will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
+Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's
+Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles
+das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866
+noch übrig geblieben ist."
+
+Er blickte abermals auf den Bericht.
+
+"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische
+Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse
+eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte
+Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die
+Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
+einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist.
+Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
+Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
+werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
+bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in
+Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
+unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das
+italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt
+dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
+Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders
+gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
+sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--"
+
+"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
+gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht
+zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es
+in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine
+innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
+Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer
+militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
+meines Werkes sein."
+
+Er warf den Bericht auf den Tisch.
+
+"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
+es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu
+stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
+Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
+wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn
+niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder
+Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man
+aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde,
+dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
+achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen."
+
+Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
+durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
+Schlußworte:
+
+"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der
+Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
+Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
+in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer
+Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische
+Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
+und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph
+das Band der Unterthanentreue annehmen würde."
+
+"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
+stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen
+für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und
+unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den
+König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den
+Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des
+Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
+was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
+pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
+Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des
+Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem
+solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
+Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
+welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die
+Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
+Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
+Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
+Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
+werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen
+österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
+Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle
+meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.
+
+"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
+fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig
+ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich
+geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
+Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
+versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte
+hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
+erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
+von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden
+so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die
+unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte."
+
+Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.
+
+Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
+Sectionschef, Baron Hoffmann.
+
+Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
+Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
+verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen
+Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
+Reichskanzlers Platz.
+
+Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
+Schreibtisch gelegt und sagte.
+
+"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der
+unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die
+äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die
+Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich,
+Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er
+fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich
+lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für
+unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
+wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch
+für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte
+doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde,
+dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche
+ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
+versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst
+Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr
+formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst
+muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es
+dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
+Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein,
+zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
+weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden
+Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor
+Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm
+persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte."
+
+"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive
+Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen
+Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß
+man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht
+hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man
+nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen
+Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die
+Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen
+Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das
+italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer
+europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
+wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
+ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
+Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge
+geschehen ist."
+
+"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
+Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
+freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen,
+niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft
+Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
+Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne
+des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen
+österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
+Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber
+acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran
+denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel
+passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des
+Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also
+noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
+mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit
+unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt
+werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
+auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er
+ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter
+Umständen viel schaden."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich.
+
+"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."
+
+Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.
+
+"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
+sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München
+berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
+Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König
+Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel
+befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
+großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die
+Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
+versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
+berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
+Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
+des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
+von Thüngen lebhaft besprochen haben."
+
+"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf
+die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
+Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
+in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
+mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
+Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.--
+
+"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
+vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
+Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
+im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines
+Vertrauens giebt."
+
+Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
+Unmuths.
+
+"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
+den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
+fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt
+man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
+äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont
+verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
+hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht
+verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
+persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam
+aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in
+Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des
+offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
+mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
+fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann,
+aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
+er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
+"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die
+Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste
+verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade
+in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu
+verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
+Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig
+entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin
+aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
+Arme treiben.
+
+"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
+eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über
+denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung
+auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.--
+
+"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere
+Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist,
+demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu
+sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein
+Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen
+Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne
+politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile
+bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu
+verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
+von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache
+eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen
+gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine
+königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
+Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
+dispensirt.--
+
+"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter,
+"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
+nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die
+Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in
+intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition
+sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
+Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
+Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen
+darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
+gut zu machen--
+
+"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
+Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
+darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München
+nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof
+klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit
+beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die
+Entwickelung des Staatslebens zu brechen."
+
+Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.
+
+Graf Beust erhob sich.
+
+"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
+"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
+nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
+verlassen, trat der französische Botschafter ein.
+
+Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines,
+fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
+gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts
+gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit
+und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
+ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der
+ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem
+Schreibtisch nieder.
+
+"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich
+Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen
+Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
+den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner
+Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings
+schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
+vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit
+welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und
+ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und
+geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht."
+
+"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
+leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
+die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß
+von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
+Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne
+Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
+welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben
+gerufen hat."
+
+Herr von Beust schwieg einen Augenblick.
+
+"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
+grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
+persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
+dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
+zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine
+Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm
+gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz
+gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
+als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
+wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien
+wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische
+Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
+gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen
+Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
+sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können,
+dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser
+zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht
+hat."
+
+Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
+freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn
+gerichteten Blick des Grafen Beust aus.
+
+"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über
+die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach
+angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
+Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
+soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die
+Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
+Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber
+gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
+in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die
+Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im
+Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth
+erscheinen möchten."
+
+Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
+spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
+Decke des Schreibtisches.
+
+"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
+Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber
+eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen
+Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber
+geworden."
+
+"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche
+zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
+Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß
+eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit
+bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
+direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen,
+die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
+ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir
+eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende
+Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine
+solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
+Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
+glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche
+Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen
+Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."--
+
+"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf
+Beust rasch und bestimmt.
+
+"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
+der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über
+die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer
+Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
+berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
+selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich
+auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
+über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."
+
+Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine
+Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
+Aufmerksamkeit auf den Herzog.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in
+Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine
+energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen
+läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige
+Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
+wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und
+Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen
+sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
+übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
+für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
+Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend
+zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für
+mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
+großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer
+solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
+dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
+italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die
+vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
+würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das
+italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
+wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen
+Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
+unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
+Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
+man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
+_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem
+Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
+das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
+ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
+der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
+erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde
+dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer
+erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln
+sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und
+durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach
+anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
+wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
+sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie
+ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
+Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den
+eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
+Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht
+unterlassen könnte."
+
+"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
+beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
+discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre
+Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
+kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
+"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
+würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man
+sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
+klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und
+nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich
+meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
+Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen
+Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht
+anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise
+zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
+Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
+Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
+ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten
+täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind
+schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in
+Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
+wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen
+schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
+Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--"
+
+"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
+Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen
+Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
+bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active
+militairische Hülfe verspricht."
+
+"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
+eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn
+ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
+wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer
+eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch
+nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens
+einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche
+Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall,
+daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
+siegreich hervorgehen sollte--"
+
+"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
+eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
+emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
+Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
+solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."
+
+"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
+kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
+Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
+Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
+muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen
+bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
+führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
+noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben
+Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe,
+eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem
+Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer
+Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?"
+
+Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
+und bestimmte Frage.
+
+"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
+erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
+die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer
+bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser
+hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
+französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im
+Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche
+und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
+Volkswillens erhalten haben werden--"
+
+Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
+dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
+Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit
+welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.
+
+"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
+Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs
+wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die
+Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne
+Frankreichs Genehmigung zu lenken."
+
+"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und
+völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
+nicht ein--"
+
+"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich
+verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich
+begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten
+Kriegsfall zu finden--"
+
+"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also
+Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"
+
+"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
+natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste
+Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
+deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme,
+uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am
+sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
+deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
+welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der
+süddeutschen Staaten einzutreten."
+
+"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
+leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war,
+vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
+Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere
+persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren
+oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen
+könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
+auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer
+maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
+absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
+zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren
+Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
+so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
+Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die
+Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie
+vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
+sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten
+nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu
+erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit
+größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation
+blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt
+habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen
+mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
+Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
+läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
+solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich
+trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
+Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität
+zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im
+_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung
+liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben
+scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der
+gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen
+Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals
+die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
+ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der
+Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus
+irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
+Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
+übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für
+meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche
+natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse
+Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
+über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten
+erscheint."
+
+"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in
+dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser
+beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
+Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
+die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie
+dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik
+dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte,
+daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung
+könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
+haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
+politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz
+unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
+trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."
+
+"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
+Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich
+sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr
+er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann
+möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten
+sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung
+bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
+würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er
+im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in
+diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle
+aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."
+
+Der Herzog erhob sich.
+
+"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der
+König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris
+gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig
+bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große
+Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen
+persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem
+bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
+ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
+die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun,
+immer schwieriger zu machen."
+
+"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß
+diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe
+werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen
+Charakter zu nehmen."
+
+"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
+Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns
+nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von
+1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen,
+wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland
+zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
+auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
+entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz
+ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
+Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
+Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden
+werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
+indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.
+
+Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann
+nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.
+
+"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden,
+schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut.
+Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich
+darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
+unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte
+für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
+"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
+eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den
+Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."
+
+Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.
+
+Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.
+
+"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich
+halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
+Besinnen.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
+Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
+weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen
+abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der
+großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte
+zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
+dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.
+
+Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
+europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
+doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.
+
+"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
+Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
+glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
+fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
+Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß
+nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier
+Rücksichten zu nehmen sind--"
+
+"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
+herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch
+habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen,
+was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören
+wollen."
+
+"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf
+Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
+besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben."
+
+"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
+Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
+Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen
+Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge
+ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von
+1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
+meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will."
+
+Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.
+
+"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
+hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
+unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese
+eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
+des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen
+ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
+und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich
+unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
+Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird
+auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
+kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen
+Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
+kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das
+unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große
+Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
+politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit
+so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
+Willen so richtig und exact spielte!"
+
+"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
+ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
+müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
+behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
+persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
+betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch
+auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
+nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt
+hat."
+
+Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des
+Staatsraths.
+
+"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich
+beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
+nicht theile."
+
+"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste
+Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung,
+wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da
+doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die
+auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
+Kaisers abhängt."
+
+"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
+auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
+Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
+fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
+andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
+das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den
+Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für
+die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
+fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton,
+"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
+zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
+ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
+Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort
+die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende
+Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
+Schwäche kämpft."
+
+"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit
+dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie
+wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
+werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den
+äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen
+Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
+persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können.
+Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die
+Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--"
+
+"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
+ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
+Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten."
+
+"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
+den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--
+
+"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper
+angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
+Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
+auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche
+Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über
+allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung
+als Spielwerk hinwirft."
+
+"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine
+beschlossene Sache ist?"
+
+"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß
+ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
+vollkommen gewiß bin."
+
+"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
+ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor
+hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"
+
+"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
+den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät
+der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
+Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
+dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_."
+
+"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin
+wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
+ausführen wollen?"
+
+"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
+Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß
+und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
+Ollivier--"
+
+"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
+Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
+möglich."
+
+"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
+soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
+habe."
+
+Graf Beust neigte sinnend das Haupt.
+
+"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer
+solchen Aufgabe gewachsen hält?"
+
+"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
+Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
+richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes
+altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der
+Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte
+er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat."
+
+Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
+versunken.
+
+"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden,
+welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
+auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
+Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
+bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--
+
+"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
+kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
+deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man
+demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."
+
+Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.
+
+"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen
+Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des
+Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt
+und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
+Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick
+ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee
+suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
+Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
+den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und
+erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame
+gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
+Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
+zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
+Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde
+ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
+sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder
+sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien
+ist."
+
+Graf Beust lachte.
+
+"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber
+gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen
+gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der
+Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
+verschwinden."
+
+"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch
+diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch
+ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
+des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
+sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen."
+
+"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.
+
+"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät
+Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine
+Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
+Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen
+kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den
+definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
+nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
+Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar
+machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--"
+
+"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz,"
+warf Graf Beust ein.
+
+"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im
+nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz
+Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
+Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen
+Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
+Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation
+glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen
+versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen
+Kriegsfall haben."
+
+Herr von Beust lächelte abermals.
+
+"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte
+Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
+Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß
+ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die
+Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
+ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
+Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare
+Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
+Grenzen des Möglichen überschreiten."
+
+Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander,
+richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
+scharfer Betonung:
+
+"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
+was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
+von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
+Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
+Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
+besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt
+convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
+stellt."
+
+Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
+die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts
+weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.
+
+"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu
+rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath
+bitten?"
+
+"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
+Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch
+des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie
+in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage
+mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche
+Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
+auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet
+seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige
+Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle
+Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
+Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich
+sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
+das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war
+nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
+die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
+wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden
+deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
+Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
+nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren
+Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
+wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
+schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
+danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere
+Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
+der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
+wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und
+Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich
+nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
+Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen
+haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung
+in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."
+
+"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--
+
+"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um
+einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester
+Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen
+und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
+unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder
+hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa
+beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches;
+wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
+wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
+verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine
+vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im
+ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde.
+Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich
+mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
+Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
+vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die
+unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
+nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn
+Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen
+Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische
+Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
+würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer
+aufgegeben werden müssen."
+
+Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
+Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.
+
+"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er.
+
+"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
+welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des
+großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
+jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
+Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem
+spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an
+Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
+_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
+fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der
+Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort
+seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
+Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit
+der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten
+preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird.
+Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz
+reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur
+dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
+dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern
+geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich
+vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser
+Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein
+hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem
+sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
+hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht
+nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."
+
+"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.
+
+"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
+Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
+wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von
+innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
+dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig
+nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
+Collegen."
+
+Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
+sprach:
+
+"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen
+für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
+hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er
+mit einem fragenden Blick hinzu.
+
+"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
+mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die
+Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten."
+
+"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre
+Beobachtungen weiter au courant zu halten."
+
+Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
+eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.
+
+"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
+Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
+Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut
+unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
+seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber
+nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
+genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg
+zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
+Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen
+für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den
+Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
+zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir
+vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
+noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche
+Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig
+richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
+Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
+innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde
+ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
+den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß
+diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge
+mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch
+unüberlegtes Handeln gefährde."
+
+Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
+aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der
+König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter
+rother Decke überhangenen Tisch.
+
+Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und
+rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.
+
+Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem
+Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die
+Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.
+
+Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter
+geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
+auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
+alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die
+scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als
+sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht
+einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.
+
+Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
+pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
+Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde
+und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen
+Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr
+einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle
+Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen,
+durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen
+Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
+aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
+Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.
+
+Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
+welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien,
+und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor
+sich hinblies.
+
+"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in
+diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
+berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß--daß
+Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu
+geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,"
+fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
+vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."
+
+"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn
+gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
+erscheint--und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd
+hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
+von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von
+ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das
+Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."
+
+"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner
+rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben,
+ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor
+mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der
+Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die
+Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines
+General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
+übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
+vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner
+Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle
+auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben
+habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das
+höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"
+
+"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von
+Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig
+unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière
+aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch,
+wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten
+finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte
+sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem
+Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
+nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man
+dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen
+Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man
+aufklären müßte."
+
+"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend,
+indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft
+gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die
+bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
+meiner Sache zu schaden."
+
+"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
+Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der
+Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
+unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für
+ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,"
+fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen
+und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden."
+
+"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die
+Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
+gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders
+sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
+berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach
+kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,--ich will die ganze
+Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und
+die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."
+
+"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es
+dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose
+Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?--Windthorst
+hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."
+
+"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation
+zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines
+Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht
+habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit
+zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen."
+
+Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms
+in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
+Seiner Majestät Befehl.
+
+"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
+Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
+Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
+reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.
+
+"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann
+zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt
+hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete.
+Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den
+sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.
+
+Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten
+des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
+verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten
+Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung
+wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
+Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas
+langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war
+sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und
+abgespannt.
+
+Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte
+die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der
+großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem
+Herrn.
+
+"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die
+Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für
+unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es
+haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn
+Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz
+zwei Millionen Gulden davonkommen werden."
+
+Der König seufzte tief auf.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld
+an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In
+diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten
+Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und
+die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser
+an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
+sind ja ohnehin schon beschränkt genug."
+
+"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
+Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf
+Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr
+er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
+unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
+bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr
+dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
+schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt,
+so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
+Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen,
+Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade
+oder Ungnade zu ergeben."
+
+"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein
+Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere
+damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie
+verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der
+letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären,
+was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die
+traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
+ungewissen Schicksal überlassen zu müssen."
+
+Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's
+Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.
+
+Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
+fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in
+ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät
+machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
+Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
+Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
+und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der
+Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern
+verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase
+und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen,
+war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines
+Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich
+seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die
+liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.
+
+Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
+trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
+auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich
+zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
+Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
+kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
+von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.
+
+Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
+demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann
+setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der
+Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.
+
+"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den
+Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln
+auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der
+Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen,
+durchzuführen."
+
+"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
+zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen,
+genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung
+stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
+Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
+werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
+hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem
+Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher
+Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre
+Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
+erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
+Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
+vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
+Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
+schaffen kann."
+
+"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
+Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.
+
+"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den
+Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu
+schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
+verläßt."
+
+"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend
+bemessen ist."
+
+"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für
+Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das
+freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich
+herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich
+nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung
+der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
+entsprechenden Weise widersetzen."
+
+Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.
+
+"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von
+Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
+sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich
+halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren
+Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
+nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
+Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene
+Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen
+werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht
+haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung
+herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
+Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten."
+
+"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den
+Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten
+dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken
+nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
+Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
+sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
+Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
+sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
+verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr
+unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in
+ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im
+Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen."
+
+"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in
+Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein
+können. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
+der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
+gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze
+Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
+Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
+weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
+wieder zur Last zu fallen."
+
+"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend.
+"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
+Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem
+habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der
+Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen."
+
+"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher
+Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine
+Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber
+nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April
+Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
+Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von
+Adelebsen dorthin zu senden, so--"
+
+Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit
+schweigend nach.
+
+"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
+emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
+Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am
+einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
+vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
+Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere
+hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und
+die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache
+bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht
+erklären kann, den man mir entgegensetzt."
+
+Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen
+Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:
+
+"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie
+Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über
+die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer
+Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure
+Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß
+dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
+gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also
+ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige
+Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit
+bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
+Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit
+einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber,
+"der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
+Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich
+der Wille und Befehl Eurer Majestät sei."
+
+"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell.
+
+"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem
+leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht
+vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn
+selbst anhörten."
+
+"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe,"
+rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach
+einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor
+Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die
+Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von
+mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben."
+
+Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne
+indeß etwas zu sagen.
+
+"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
+Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten
+Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch--"
+
+Ein Schlag an der Thür ertönte.
+
+"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme.
+
+Der Kammerdiener trat ein und sprach:
+
+"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß,
+Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen."
+
+"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert.
+
+Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
+etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
+Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
+und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich
+in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
+eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu
+gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät
+und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
+den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.
+
+Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern
+hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im
+Ton dienstlicher Meldung:
+
+"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
+von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer
+sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."
+
+Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
+freudiger Schimmer flog über seine Züge.
+
+"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.
+
+"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
+welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch
+hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß,
+denselben Eurer Majestät mitzutheilen."
+
+"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz
+und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.
+
+"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren
+letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
+Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu
+betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen
+der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten."
+
+"Ganz Recht," sagte der König.
+
+"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für
+ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
+unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
+angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
+Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht
+schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für
+verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
+Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht
+glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher
+ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei,
+von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts
+unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift
+auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants
+von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken
+vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
+Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
+Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen."
+
+Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er
+biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals
+den Athem aus seinen Lippen.
+
+Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf
+die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.
+
+"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die
+Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
+königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten
+Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen,
+welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben
+war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen
+herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt
+über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu
+treten."
+
+"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst
+unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
+Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
+abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich
+gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
+Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
+nicht für gültig erkennen können."
+
+"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich
+sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
+nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam
+unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an
+welcher sie keinen Zweifel werden hegen können."
+
+Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der
+Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.
+
+"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
+niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
+vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
+lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen
+ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort
+übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
+Auflösung der Legion durchzuführen."
+
+"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist
+des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
+scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen.
+Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant
+von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
+bestimmen lassen."
+
+"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
+Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
+meine weiteren Bestimmungen abwarten."
+
+Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das
+Gesicht mit den Händen.
+
+"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath
+mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in
+Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu
+tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
+wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
+französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät
+auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung
+desselben für immer aufgeben?"
+
+"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen
+könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind,
+und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer
+solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen."
+
+"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
+Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
+aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze,
+ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt
+hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich
+durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals
+aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes
+Recht zu kämpfen."
+
+Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und
+sagte:
+
+"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."
+
+Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
+sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der
+Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.
+
+Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in
+dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche
+seine Brust bewegten.
+
+"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen
+Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
+dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
+nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück
+theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
+wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe
+verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die
+Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und
+opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
+gegen mich auflehnen!"
+
+Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
+edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
+sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
+ihn umgab.
+
+"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
+den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
+Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht
+hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
+Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden
+an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
+Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
+mich hier mit Rath umgeben--"
+
+Er seufzte tief auf.
+
+"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
+den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen
+ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
+nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
+Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie
+von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst
+ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen
+ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--
+
+"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die
+Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich
+würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt."
+
+Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände
+und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.
+
+Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
+die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm
+stand. Der Kammerdiener trat ein.
+
+"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch.
+
+"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem
+Kronprinzen."
+
+"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."
+
+Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
+Platen abermals in dem Cabinet des Königs.
+
+"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann.
+Ist er hier? Ich will ihn sprechen."
+
+Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
+dann:
+
+"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen
+Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten
+erstattet."
+
+"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz.
+
+Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
+etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen
+Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.
+
+Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße,
+sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
+Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige
+Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
+jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen
+Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
+seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
+in militairisch dienstlicher Haltung stehen.
+
+"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der
+König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher
+gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
+denselben vorgeht."
+
+Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
+dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem
+er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.
+
+"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren,
+was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich,
+noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind."
+
+"Und warum nicht," fragte der König kurz.
+
+"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach
+Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
+commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten,
+haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei,
+für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine
+neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre,
+für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.
+
+"Weiter," sprach der König.
+
+"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin
+zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber
+für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er
+die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt
+gehen.
+
+"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
+abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der
+Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die
+Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät
+die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire
+entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu
+gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns
+nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien
+nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns
+aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
+gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich
+sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung
+die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
+gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel
+hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
+Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die
+Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen
+wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer
+Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um
+womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen."
+
+"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und
+seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur
+Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine
+Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
+aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben
+deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
+andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration
+befindlichen Soldaten."
+
+"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst,
+Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
+müssen, als die große Masse der Emigranten."
+
+"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche
+eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
+Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
+fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese
+Verpflichtung erfüllen können?"
+
+"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister.
+
+"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät
+versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer
+Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein,
+ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und
+wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von
+abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."
+
+"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie
+nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein
+Unterkommen finden."
+
+"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel.
+
+"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb
+leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß
+in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er
+abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die
+Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine
+Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß
+im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen
+dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde
+gehen?"
+
+Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
+sprach er:
+
+"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt
+worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe,"
+fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
+Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr
+wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
+hat sich so Manches erzählt."
+
+Er schwieg abbrechend.
+
+"Was hat man sich erzählt?" fragte der König.
+
+"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer
+Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte."
+
+"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?"
+
+"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und
+fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
+da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
+da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
+kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu
+cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
+mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
+anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht
+gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
+ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
+Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
+einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden.
+Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
+unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
+aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
+verschiedenen Seiten hört."
+
+Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
+Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
+Kronprinzen.
+
+"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,
+darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."
+
+Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen.
+Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
+zum König gewendet:
+
+"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den
+Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer
+zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin
+beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der
+Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät
+aufklärt."
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe
+Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der
+Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."
+
+Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.
+
+"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich
+die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
+schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
+daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den
+Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion
+bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will
+einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
+Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
+denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen."
+
+Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
+österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
+gestützt, schritt er in den Park hinaus.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig
+nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als
+sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
+noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
+pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
+einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und
+zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
+eine Zusammenrottung zu bilden.
+
+Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken,
+und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
+ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.
+
+Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
+Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
+noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne
+daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.
+
+Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die
+Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß
+dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
+zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
+äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
+Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die
+Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
+gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht
+fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen
+die Furcht keine Macht hat.
+
+Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem
+kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten
+den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
+Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer
+Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
+Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte,
+die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen
+war.
+
+An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem
+hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber
+nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
+bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
+den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und
+feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
+gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.
+
+Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in
+kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.
+
+"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend
+in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
+neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
+großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
+freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr
+schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
+rosig."
+
+"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
+Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
+Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
+Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer
+schaudervollen Zukunft entgegen."
+
+Alle lachten.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst
+werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch
+wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
+diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können
+noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
+Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
+der Tasche in die Welt hinaus schickt."
+
+"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz
+mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
+hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
+Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie
+in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine
+Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
+Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,
+blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
+die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--
+
+"Mauvais général."
+
+"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von
+Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem
+Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
+panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."
+
+"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,
+wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch
+nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
+wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
+daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein
+Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er
+unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die
+Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
+ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die
+Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die
+armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
+werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
+Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes
+fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
+Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann
+nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
+aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"
+fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie
+gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten
+straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem
+König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm
+unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
+gegen seine Befehle demonstriren."
+
+"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere
+Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen
+und Heyse empfangen und hören wird?"
+
+"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich
+glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu
+verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der
+That eine zu große Nichtswürdigkeit."
+
+Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
+erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich
+auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach
+Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
+geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
+Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren
+Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich
+ist."
+
+"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
+junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
+Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
+verschwiegen würde?"
+
+"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring,
+"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus
+Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in
+einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt
+werden, die ich niemals gemacht habe."
+
+"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
+den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
+nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse
+unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und
+Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."
+
+"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach
+der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
+ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner
+Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen
+Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war,
+niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig
+übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute
+sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
+trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und
+Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
+daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der
+Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die
+orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in
+Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
+
+"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
+Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
+in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
+wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf
+eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige
+Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."
+
+Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
+einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf
+dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein
+Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
+hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein
+Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
+scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase
+hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
+beobachtend umher.
+
+Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch
+trat.
+
+"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
+können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein
+geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für
+die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich
+es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
+dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."
+
+"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
+bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks,
+Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager
+Friedens endlich ausgeführt wird?"
+
+Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.
+
+"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig,
+"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
+fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
+für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
+werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
+wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
+für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür
+thun."
+
+"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr
+von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren
+scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in
+militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort
+überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre
+steht."
+
+"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton
+fragen."
+
+"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
+Doctor Nélaton jetzt die Politik?"
+
+"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
+der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
+man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die
+Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
+an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
+Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
+Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
+politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des
+Anstoßes findet."
+
+"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König
+von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
+wird?"
+
+Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.
+
+"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
+Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
+werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt
+hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt."
+
+Herr Hansen schüttelte den Kopf.
+
+"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
+gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler.
+Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum
+Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er
+die Mittel dazu in Händen behalten."
+
+"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
+Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
+besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."
+
+Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer
+Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
+sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
+Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
+einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
+Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn
+Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene,
+wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner
+Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und
+des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
+ruhen pflegte.
+
+Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
+den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin,
+trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
+im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons
+öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
+hineinrief.
+
+Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's
+waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck
+derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
+kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
+Oelgemälden vorzüglicher Meister.
+
+Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
+standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch
+beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf
+einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
+magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
+Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
+Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
+Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
+bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
+sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
+mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
+Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der
+Wissenschaft Theil zu nehmen.
+
+Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie
+und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
+bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.
+
+Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
+hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
+beschäftigt.
+
+In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem
+eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
+saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte
+Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
+beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
+Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.
+
+Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
+hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den
+Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
+sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das
+runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten,
+weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen
+Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch
+lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
+gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
+begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
+scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
+geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
+pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
+Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
+vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.
+
+Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame
+Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
+ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem
+leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
+zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.
+
+Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des
+Fensters mit einander unterhielten.
+
+In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des
+Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
+errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für
+seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich
+bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.
+
+Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig
+belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in
+seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
+sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über
+die neue Entwicklung des Kaiserreichs.
+
+"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so
+ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
+haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung
+vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den
+Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
+wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
+Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders
+geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System,
+welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen
+Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
+geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
+hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und
+des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen.
+Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
+Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
+Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich
+aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
+Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und
+Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die
+Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen
+oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere
+Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so
+weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden
+Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus
+ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."
+
+"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
+sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
+klar denkenden Mannes rechnen kann--"
+
+"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen
+Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die
+Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen
+mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit
+derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß
+gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
+Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
+der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
+machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der
+einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das
+constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen
+Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am
+Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger
+Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in
+besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
+liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
+dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer
+constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
+mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung
+der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
+so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
+eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
+die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation
+erstrebt und gesucht wird."
+
+"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
+in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten
+französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
+und der greise General des Julikönigthums herein.
+
+General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
+etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
+ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache
+natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
+ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
+ungesuchtester Natürlichkeit.
+
+Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.
+
+Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
+geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl
+erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche
+ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er
+sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den
+Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
+Complimente machten.
+
+Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren
+Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
+indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
+etwas scharfen Stimme sprach:
+
+"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
+selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
+Gesellschaft zurückzieht."
+
+"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
+bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
+Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."
+
+"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört
+immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
+Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
+lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die
+gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
+des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist."
+
+"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
+und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."--
+
+"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
+Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser
+schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die
+Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe
+Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
+halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal
+nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."
+
+"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
+Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
+abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
+bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung."
+
+"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
+öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen
+übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller
+patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
+auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
+noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird."
+
+Der General lächelte bitter.
+
+"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
+scherzen."
+
+"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person
+in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse;
+und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
+dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
+Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
+entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
+Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür
+bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd.
+
+"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
+Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
+wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
+daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
+Richtschnur seiner Handlungen macht?
+
+"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
+aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
+hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen."
+
+"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht
+wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
+er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
+Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.--
+
+"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und
+erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
+Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und
+anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage
+Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von
+Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
+und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten,
+welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der
+Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
+seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
+welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
+Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
+Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese
+Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich
+und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
+derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der
+Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
+in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher
+aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle
+zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
+uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
+General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
+wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen
+Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
+heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
+Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
+Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
+in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
+durchgeführt."
+
+Herr Thiers lächelte.
+
+"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten
+Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm
+getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
+er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
+sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für
+Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
+kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
+der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
+dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
+Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."
+
+"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
+wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in
+wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
+Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
+in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns
+das europäische Gleichgewicht veränderte."
+
+"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die
+Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen
+Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man
+ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
+Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
+schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
+sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
+Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
+Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern
+Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt
+Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg
+ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können
+nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander
+geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum
+Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß
+es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
+Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
+Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge
+heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
+gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige
+Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist
+England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
+wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
+namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr
+vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.
+
+"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
+nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner
+ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
+Charakter der Nation Vertrauen einflößen.
+
+"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht
+kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
+uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky,
+welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher
+stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
+könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum
+Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
+auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
+andere Richtung hätte nehmen müssen."
+
+Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
+Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
+blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
+Boden.
+
+Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach
+dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
+beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.
+
+Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger
+Herzlichkeit.
+
+"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über
+die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden
+Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
+Etwas davon zu sehen bekommen?"
+
+"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich
+mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin
+entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
+lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
+zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
+entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über
+sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das
+könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
+friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
+habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen
+gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
+lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über
+Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte,
+dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die
+reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel
+hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen
+Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
+Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
+meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
+kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
+leben haben."
+
+"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.
+
+Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
+der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
+Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
+freundlich die Hand hinstreckte.
+
+Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des
+ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
+und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war,
+mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
+Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
+mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen
+Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
+selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
+theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein
+philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.
+
+Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte,
+bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
+war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.
+
+"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen
+Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"
+
+"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
+der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
+fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
+könnte."
+
+Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.
+
+"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten
+gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine
+persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
+dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen
+Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und
+der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter
+Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
+Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über
+einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."
+
+"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
+daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen
+ist."
+
+"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.
+
+"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
+begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der
+Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
+sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und
+Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des
+Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch
+den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher
+auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive
+Zustimmung geben."
+
+"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die
+übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch
+folgte.
+
+"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
+Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
+natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
+fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche
+Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die
+Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu
+stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die
+öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
+solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
+nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach
+deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
+mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
+auszusetzen Lust haben werden."
+
+"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
+"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
+steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
+mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen.
+Wie stehen Sie mit Preußen?"
+
+"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
+durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
+Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten,
+sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
+eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu
+wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße
+Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen."
+
+"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
+Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
+Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"
+
+"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
+nicht der Anfang gemacht wird."
+
+"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere
+zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das
+Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
+die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß,
+sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten
+ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
+ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich
+darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--"
+
+Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer
+Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im
+Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
+für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
+Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er
+weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der
+Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz
+Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
+haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
+den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
+gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
+energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen,
+entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie
+rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
+gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'"
+
+Er hielt inne und fragte abbrechend:
+
+"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen,
+welches Ollivier bereits acceptirt hat?"
+
+"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen
+sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
+Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große
+Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns
+fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der
+öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner
+Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation
+von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich
+entgegentreten."
+
+"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das
+Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
+Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch
+wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
+zwischen den Kaiser und die Volksmasse."
+
+"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
+des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
+zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.
+
+Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
+lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
+Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
+Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
+und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen
+würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die
+Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
+behielt.
+
+Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru
+beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne
+einen Wink.
+
+Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
+Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn
+Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein
+strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
+nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
+zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die
+Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
+Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.
+
+Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem
+kleinen Hotel an der Place de St. George.
+
+
+
+
+Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster
+Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. ***
+
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+The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster Band.
+by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Todesgruß der Legionen. Erster Band.
+
+Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Todesgruß der Legionen.
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Erster Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+Am Ufer der Marne, in der Nähe der kreidereichen weißen Ebene der
+Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
+fünftausend Einwohnern, deren Industrie zum großen Theil darin besteht
+die auf der Marne herabgeflößten Holzstämme in Bretter zu
+zerschneiden--außerdem befinden sich dort berühmte Manufacturen von
+Eisenwaaren und durch diese Gewerbthätigkeit hat der ganze Ort trotz
+seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
+bedeutende Wohlhabenheit erreicht.
+
+Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
+unregelmäßigen Straßen in einer verhältnißmäßig bedeutenden
+Längenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem höchsten Punkt liegt
+eine alte Kirche von hohen Bäumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
+selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
+Erinnerungen ist, die innig mit großen Momenten der Geschichte
+Frankreichs zusammenhängen.
+
+Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
+streitbare und kriegerische Männer, man nannte sie im Mittelalter les
+bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
+Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kämpfer Franz I.; sie
+hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
+dadurch wichtige Dienste, für welche der ritterliche König sie mit
+verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.
+
+Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
+Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
+blickt sie auf ihre Geschichte zurück und jeder Bürger von Saint-Dizier
+macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
+Devise.
+
+Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
+Entfernung erheben sich kleine Anhöhen mit niedrigen Laubwaldungen und
+Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
+welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbäder von
+den Bewohnern der Umgegend häufig besucht wird und während des Sommers
+die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfüllt.
+
+Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.
+
+Rauh und kalt wehte der Wind über die ebene Umgebung der Stadt; die
+Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
+aufgehäuften Holzblöcke; durch die in zerrissenen Flocken über den
+Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
+Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die öde und kalt daliegende
+Gegend.
+
+Auf einem ebenen Wege am Flußufer, der an schönen Tagen für die Bewohner
+von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
+Männer auf und nieder.
+
+Beide waren hoch und kräftig gewachsen und wenn das Mondlicht
+vorübergehend ihre Gesichtszüge beleuchtete, so konnte man in denselben
+jenen eigenthümlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
+von ihnen mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
+geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
+natürliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollständig mit der
+Kleidung übereinstimmte, die er trug und die ungefähr diejenige des
+französischen Arbeiterstandes war.
+
+Sein Gesicht war scharf geschnitten und drückte Intelligenz, Muth und
+Willenskraft aus; über der leicht aufgeworfenen Oberlippe kräuselte sich
+ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
+kleinen runden Hut hervor und in den großen blauen Augen lag eine
+gewisse schwärmerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
+zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
+schritt ein bedeutend älterer Mann von etwa vierzig bis fünfundvierzig
+Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
+weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
+jener beinahe eigensinnigen Zähigkeit, welche dem norddeutschen,
+insbesondere dem niedersächsischen Bauernstamme eigen ist.
+
+Beide Männer gehörten der hannöverschen Emigration an, welche im Jahre
+1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
+Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
+Jüngere der beiden Männer war der frühere hannöversche Dragoner Cappei;
+der Aeltere war der frühere Unterofficier Rühlberg, welcher das
+Commando über die kleine Abtheilung Emigranten führte, welche in
+Saint-Dizier stationirt waren.
+
+"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "überlegt
+wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
+Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
+Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, daß der König die Emigration
+auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
+Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
+ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
+gegeben--er weiß mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
+mir geschrieben, daß dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
+dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
+Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
+täusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
+uns vier Jahre lang für den König in der Welt herumgeschlagen haben und
+dann muß Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
+erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."
+
+"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
+stehen blieb und lebhaft mit dem Fuße auf den Boden trat; "es ist
+unmöglich, daß Seine Majestät seine treuen Soldaten, die in der Noth und
+Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
+sich um ihr Schicksal zu kümmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
+bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
+steht mein Entschluß ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
+zurück, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preußen können uns doch
+nicht Alle todtschießen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
+wenigstens in der Heimath und haben festen Grund für unsere Existenz.
+Ich habe ein kleines Gehöft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
+nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
+so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
+Familie gründen können."
+
+"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
+und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Französin zu
+heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
+recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, daß Ihr noch
+militairpflichtig seid und daß man Euch jedenfalls, wenn Ihr
+zurückkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
+hannöverscher Garde du Corps, der sich so lange der preußischen
+Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preußische Uniform anziehen
+und nach preußischem Commando exerciren?"
+
+"Wenn der König seine Getreuen wirklich verläßt," rief Cappei, "was habe
+ich, der einzelne Mensch für eine Veranlassung oder für ein Recht mich
+der preußischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, daß ich
+verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
+größeren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
+Euch--Gott ist mein Zeuge--daß der König und seine Sache mir höher steht
+als meine Liebe und wenn der König mich heute riefe um für ihn in's Feld
+zu ziehen, so würde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
+Luise würde nicht von mir verlangen, daß ich meiner alten Fahne untreu
+werden sollte--wenn aber der König uns gehen läßt, so bin ich ein
+einzelner freier Mensch und habe nur für mich zu sorgen und dann werde
+ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
+Heimath aufzugeben.
+
+"Hart wird es freilich für mich sein die fremde Uniform zu
+tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
+Schickt der König uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
+wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluß nur durch
+meine Liebe bestimmen lassen."
+
+"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, daß es nicht dazu kommen
+möge. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurück; ich bin
+zu alt geworden, um in den neuen Verhältnissen leben zu können. Man hat
+uns ja eine schöne Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
+kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gründe mir dort im fernen
+Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
+und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
+überlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglück, daß bei Euch jungen Leuten
+immer die Liebe mitspricht--"
+
+Ungeduldig erwiderte Cappei:
+
+"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "daß es nicht die Liebe
+ist, welche mich bestimmt--wenn der König uns nach Algier schickte und
+uns sagen ließe: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich würde
+hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
+mir gehen wollte, so würde mich das zwar traurig machen, aber keinen
+Augenblick in meinem Entschluß irre werden lassen. Wenn aber der König
+uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfüllt
+und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."
+
+Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
+Straße der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
+spärlich erleuchtet war.------
+
+Um dieselbe Zeit saß in dem Wohnzimmer eines großen, durch einen weiten
+Vorhof von der Straße getrennten Hauses in der Nähe der alten Kirche,
+welches dem Holzhofbesitzer Challier gehörte, ein junges Mädchen von
+etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
+Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
+das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
+glänzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
+Flechten zusammengebunden, deren reiche Fülle jeden künstlichen Chignon
+unnöthig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
+eigentümlichen, scharf geistvollen, beinah etwas höhnischen, dabei aber
+doch wieder zugleich sentimental gefühlsreichen Ausdruck, der den
+französischen Frauen eigenthümlich ist. Ihre mandelförmig geschnittenen
+dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen überwölbten Augen blickten
+sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, während ihr kleiner frischer Mund
+sich ein wenig spöttisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
+Mannes von etwa dreißig Jahren zuhörte, der vor ihr stand.
+
+Dieser Mann war mittelgroß und von hagerer Gestalt; sein etwas
+gelbliches nicht schönes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
+Aufregung, die Blicke seiner großen tief liegenden dunkeln Augen
+sprühten in nervöser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
+Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
+Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwärts gedreht.
+
+"Es ist unrecht von Ihnen, Fräulein Luise," rief er, seine Worte mit
+lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, daß Sie
+für die Versicherungen meiner Liebe nur ein höhnisches Lächeln haben.
+Sie wissen, daß seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehört;--meine
+Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
+gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwährend meine Bitte zurück,
+mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
+keine einschränkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
+glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
+Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."
+
+"Ich habe Ihnen schon öfter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
+Mädchen, "daß ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
+bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
+meine Freiheit zu genießen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
+lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fürchten
+Sie, daß ich Ihnen zu alt werde," fügte sie lächelnd hinzu, indem sie
+ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.
+
+"Da antworten Sie mir wieder in diesem höhnischen Ton, den ich nicht
+ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
+die Haare fuhr; "es wäre wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
+offen und ehrlich sagten, daß Sie Nichts von mir wissen wollen, als daß
+Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."
+
+"Warum erfüllen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
+lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
+verlangt, als daß Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht über Ihre
+Heirathspläne sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
+dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
+drängen Sie mich fortwährend?"
+
+"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "täglich deutlicher sehe, daß es
+nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
+Antwort verschieben läßt, sondern daß sich Ihr Herz mir mehr und mehr
+entfremdet. Oh!" sagte er näher zu ihr herantretend, indem er sie mit
+unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "früher
+war das anders; früher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
+gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie lächelten freundlich und
+widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine künftige
+Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
+glücklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zähne zusammenbeißend und mit
+Mühe einen heftigen Ausdruck zurückhaltend--"jetzt ist das Alles
+anders--seit--"
+
+"Seit?" fragte das junge Mädchen den Kopf emporwerfend und mit einem
+kalten, fast hochmüthigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Füßen
+musternd, "seit--?"
+
+"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
+brennenden Blicken, indem seine Gesichtszüge sich durch einen häßlichen
+Ausdruck von Zorn und Haß entstellten, "jener heimathlose Flüchtling,
+von dem man nicht weiß woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
+gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
+Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
+Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
+Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
+welcher jener deutschen Nation angehört, die stets die Feindin
+Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
+mehr als einmal verwüsteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
+grimmigem, dumpf gepreßtem Tone fort, "ich habe sie gehaßt so lange ich
+die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
+seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glück
+meines Lebens geraubt hat."
+
+Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
+Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
+fliegende helle Röthe Luisens Gesicht überzogen, dann öffneten sich ihre
+Augen groß und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
+Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
+festgeschlossenen Mund.
+
+"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
+mühsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
+Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen über meine Beziehungen zu
+andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
+Beleidigungen zu knüpfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um über
+Ihre Wünsche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnächst zu
+antworten.
+
+"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
+eben gehört, so wird die Folge davon sein, daß ich, ohne weiter einer
+Frist zu bedürfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
+unwiderruflichen 'Nein' beantworte."
+
+Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklärung des jungen
+Mädchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
+freundlichen Lächeln.
+
+"Verzeihung, Fräulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
+jungen Mädchen näher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
+leicht mit den Spitzen ihrer Finger berührte--"Verzeihung, ich habe
+mich hinreißen lassen von meinem Gefühl, aber gerade diese Bewegung
+sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."
+
+Luise antwortete nicht, schlug die Arme übereinander und blickte
+unbeweglich in die Kaminglut.
+
+Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
+Mädchens, der Holzhändler Challier in den Salon.--
+
+Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
+aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
+kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schläfen wie über der
+Stirn zurückgestrichen, so daß das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
+Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
+schwarzen Augenbrauen an jene alten Köpfe aus der Zeit des Puders
+erinnerte.
+
+Der alte Herr begrüßte Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
+peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.
+
+"Wir haben heute die Arbeit spät geschlossen," sagte er, "es sind so
+bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, daß wir
+alle Hände voll zu thun haben um denselben zu genügen; nach diesen
+Vorbereitungen sollte man fast glauben, daß große Ereignisse
+bevorstehen, während doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
+lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
+Friedensversicherungen enthalten."
+
+"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
+sehr zufrieden damit zu sein schien, daß die Unterhaltung ein Gebiet
+berührte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
+Gespräch zwischen ihm und Fräulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
+schon öfter erlebt, daß unmittelbar vor den großen Conflicten in allen
+Tonarten der Weltfriede verkündet wurde und mich machen so feierliche
+und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
+wenig mißtrauisch.
+
+"Ich weiß, daß auch auf dem Gebiet meines Geschäfts neuerdings wieder
+große Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
+hat das Gefühl, daß in der schwülen Luft dieser Zeit ein großes
+erschütterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
+lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wünsche, so muß ich doch
+sagen, daß ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthätigkeit
+empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
+und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
+erschüttert und immer tiefer untergraben wird."
+
+Der alte Challier schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Mir fehlt es wahrlich nicht an französischem Nationalgefühl," sagte er,
+"und gerade die Bürger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
+Jahrhunderten gehört, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
+verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, daß und wie die Achtung
+gebietende Stellung unseres Landes bedroht wäre und ich glaube daß der
+Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
+nachzugeben, welche sich seit längerer Zeit so oft bemerkbar machen.
+
+"Er hat Frankreich auf eine Höhe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
+kaum jemals früher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
+den sicheren und leichten Absatz verschafft und es wäre ohne die
+allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
+aufblühendes Land in die Gefahren eines großen Krieges zu stürzen. Die
+Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
+Blut gekostet hat, sind kaum überwunden und ein neuer Krieg würde kaum
+zu verantworten sein."
+
+"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "daß der Kaiser sich
+auf die Dauer wird halten können, wenn er nicht durch einen glücklichen
+und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
+giebt? Man sagt ja, daß seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
+rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
+daraus gemacht, daß ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
+welche Frankreich dauernd zu Glück und fester Größe führen kann und ich
+würde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkürlichen Regierung
+ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"
+
+"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
+Jugend liebt die Veränderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
+Neigung zur Veränderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfüllt; ich
+bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
+Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
+alten legitimen Könige von Frankreich zurück, mit denen unsere Vorfahren
+in der großen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
+erkenne an, daß das legitime Königthum für Frankreich abgeschlossen ist
+und daß in dem Kaiserreich die einzige Garantie für eine ordnungsmäßige
+gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
+Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
+ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
+jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Männer in seinen Rath
+berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."
+
+"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
+Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er früher so
+laut und emphatisch aussprach, Stück für Stück geopfert hat--besitzt
+dieser, täglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
+Volkes?--Dieser Mann, der äußerlich den anspruchslosen und einfachen
+Bürger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Höfling ist als die
+Satelliten der römischen Kaiser."
+
+"Nun," sagte Herr Challier das Gespräch abbrechend, "ich hoffe, daß die
+kriegerischen Befürchtungen auch diesmal unbegründet sein werden und daß
+man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
+militairischen Ruhm vorziehen wird."
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwährend
+still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespräch ihres Vaters
+mit Herrn Vergier zu achten.
+
+Luise erhob sich.
+
+"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muß jeden Augenblick kommen; er hat
+versprochen heute bei uns zu essen," fügte sie hinzu, indem ihr Blick
+sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
+zusammenbiß und sich abwendete.
+
+Die Thür öffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.
+
+Herr Challier begrüßte ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
+Mädchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
+und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
+Vergier streifte:
+
+"Wir fürchteten schon, daß Sie nicht kommen würden und würden Ihre
+Abwesenheit sehr bedauert haben."
+
+Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
+machte eine unwillkürliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
+Lippen führen--dann trat er zurück und begrüßte mit einer höflichen
+Verneigung Herrn Vergier.
+
+Eine hübsche Dienerin in der zierlichen Tracht der französischen
+Landmädchen öffnete die Thür des anstoßenden Speisezimmers. Fräulein
+Luise, welche als die einzige Tochter ihres früh verwittweten Vaters dem
+Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick über den
+einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
+eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurück, um
+ihrem Vater zu sagen, daß Alles bereit sei.
+
+Man setzte sich zu Tisch. Fräulein Luise machte mit der den Französinnen
+aller Stände so eigenthümlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
+der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
+heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrückte Stimmung auf der
+Gesellschaft.
+
+Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
+Vergier beobachtete mit scharfen spähenden Blicken den jungen Deutschen
+und Fräulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
+Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
+schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
+mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
+dem Ausdruck von Trotz und höhnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
+hinübersah.
+
+Das Diner verlief schweigsam.
+
+Der junge Deutsche bewies seinen Dank für die Aufmerksamkeiten seiner
+schönen Nachbarin mehr durch glückstrahlende Blicke als durch Worte.
+
+Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
+hörte mit gezwungenem Lächeln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
+welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
+von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.
+
+Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
+Lampe erleuchteten Salon zurück.
+
+Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschäfte,
+die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurück, um
+seiner Gewohnheit gemäß einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
+das heißt in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
+machen.
+
+Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
+Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
+Mädchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
+ergriff zärtlich ihre Hand, die sie ihm reichte.
+
+"Meine süße Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
+französische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
+fürchte, daß der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
+vielleicht lange Zeit trennen müssen und ich bedarf der festen
+Zuversicht und des unerschütterlichen Vertrauens, daß Deine Liebe mir
+für alle Wechselfälle des Schicksals gesichert bleibt."
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
+Hand über sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
+"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fügte sie lächelnd hinzu,
+"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
+Königs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
+ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken für meine Liebe einzustehen
+wissen. Der Kampf dafür," fuhr sie, ihn immer mit entzückten Blicken
+betrachtend fort, "wird übrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
+Dir persönlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie für die Sache Deines
+so ritterlichen unglücklichen Königs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
+ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"
+
+"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
+ruhigen Geschäftslebens und er wird und muß für die Zukunft seiner
+Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
+geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Flüchtling--"
+
+"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
+"genügt Dir diese Heimath nicht?"--
+
+Er küßte zärtlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:
+
+"Das ist für mein Herz die schönste, die ich finden kann, die einzige,
+die ich suche, aber wir bedürfen auch des festen Bodens im wirklichen
+Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
+je--"
+
+"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, daß wir uns
+trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "daß der Augenblick naht, in
+welchem Du für Deinen König zu Felde ziehen mußt?--Glaube mir, die
+Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
+hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
+Gott und die heilige Jungfrau, die ich stündlich anrufen werde, werden
+Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
+Glück Nichts mehr im Wege stehen."
+
+Er blickte düster vor sich hin.
+
+"Wäre es so wie Du sagst," sprach er, "so würde ich mit froher
+Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fürchte
+ich, daß die Zukunft sich anders gestaltet. Ich höre, daß die Legion
+aufgelöst werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
+Heimath zurückzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
+Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
+bin Dir eine Zukunft zu schaffen."
+
+"Das wäre traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
+in Deine Heimath zurückkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
+unserm schönen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
+fügte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
+gründen--"
+
+"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
+Flüchtling sein, so lange ich einer großen Sache diene--der Sache des
+Königs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache fällt, so
+kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
+Existenz schaffen lassen.
+
+Ich muß dann den festen Fuß in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
+ich sie verlasse, wenn ich hierher zurückkehre, um dem Zuge meines
+Herzens zu folgen, so muß es offen und frei geschehen und ich muß auch
+ohne die Hülfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
+sichere Grundlage zu geben, möge dieselbe so bescheiden sein, wie sie
+wolle. Ich werde keine Mühe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
+Einzige was ich von Dir erbitte ist, daß Du mir vertraust und auch
+während meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."
+
+Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
+blickte ihm tief in die Augen.
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschließest, was Du thun
+wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
+jemals Dein Bild aus meinem Herzen reißen können. Man sagt, die
+deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
+beweisen, daß die feurigern Gefühle, welche das Herz der Französinnen
+bewegen, darum nicht minder treu und beständig sind."
+
+Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drückte seine Lippen
+zärtlich auf ihr duftiges, glänzendes Haar!--
+
+Rasche Tritte ertönten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
+sich in ihren Sessel zurück.
+
+Cappei rückte das Tabouret einen Schritt seitwärts.
+
+Der Unterofficier Rühlberg trat ein. Er begrüßte mit einer etwas steifen
+Verbeugung das junge Mädchen und sprach mit einer von innerer Erregung
+bewegten Stimme.
+
+"Was wir befürchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
+ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, daß
+in der nächsten Zeit eine Commission zur Auflösung der Legion hier
+eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
+und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.
+
+"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiß, wohin ich gehen werde, um
+auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon über
+Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
+thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschließen--aber das kommt--"
+
+Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Mädchen, biß sich auf
+den Schnurrbart und schwieg.
+
+"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
+Geliebte anblickend.
+
+"Und die Liebe und Treue wird sich bewähren," erwiderte diese leise.
+
+"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
+Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fräulein," schaltete er mit einer
+gewissen mürrischen Höflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
+beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."
+
+Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
+zu entschuldigen und verließ mit dem Unterofficier den Salon.
+
+Das junge Mädchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmälig
+erlöschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
+doch war es kein trauriger und trüber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
+lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
+schweren Verhältnissen die Treue bewahren zu können. Der Kampf mit den
+Verhältnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
+keinen Zweifel, daß Alles endlich sich zu glücklichem Ausgang fügen
+würde.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+
+Eine trübe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
+Fenstervorhänge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
+den Tuilerien.
+
+Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
+Chaiselongue, eingehüllt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
+sein Kopf war zurückgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
+geschlossen und die bleichen Züge seines Gesichts trugen den Ausdruck
+tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
+Schläfen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
+ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
+in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Hände des
+Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
+convulsivischen Zuckungen.
+
+Zu den Füßen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
+Leibarzt und langjähriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
+schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
+kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
+theilnehmender Besorgniß und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
+schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
+liegenden Souverain.
+
+An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nélaton
+beschäftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
+Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
+geistvolles, etwas kränkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
+auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinüber blickte, so schien er
+doch mehr mit der sorgfältigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
+dem Zustande seines Patienten beschäftigt.
+
+Dr. Conneau beugte sich über den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
+aufmerksam dem Pulsschlag folgend.
+
+"Der Puls geht ruhig und gleichmäßig," sagte er sich zu Nélaton wendend;
+"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich würde Sr. Majestät
+gern einige Tropfen Aethergeist einflößen."
+
+"Ich halte das nicht für nöthig" erwiderte Dr. Nélaton. "Die Sondirung
+hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestät ist
+ungeheuer empfindlich für den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
+das Gleichgewicht der Kräfte sofort wieder herstellen. Ich überlasse den
+Kaiser Ihrer Sorgfalt," fügte er hinzu indem er sein Etui schloß, "und
+hoffe, daß er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
+bleiben können, nur muß Seine Majestät in der nächsten Zeit es
+sorgfältig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."
+
+Er verließ mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
+seinem Platz stehen, fortwährend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
+auf welchem allmälig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.
+
+Napoleon erhob die Hände langsam, faltete sie über der Brust zusammen,
+seine Lippen öffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
+Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.
+
+"Ist Nélaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
+entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen müssen?"
+
+"Nélaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
+Conneau, "und er hofft, daß Ew. Majestät für lange Zeit Ruhe haben
+werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
+hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu können."
+
+"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
+glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
+gewaltsame Erschütterung leicht überwinden, aber diese fortwährenden
+kleinen Schmerzen zerrütten mein Nervensystem, untergraben meine
+Willenskraft und machen mich zuweilen vollständig unfähig zu denken und
+zu handeln."
+
+"Ich bitte Ew. Majestät inständigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
+diesen so erklärlichen und natürlichen Gefühlen nicht gehen zu lassen.
+Ew. Majestät so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
+durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
+Ew. Majestät," sprach er ernst mit volltönender Stimme, "sind mehr als
+andere Menschen. Ew. Majestät großer Geist muß die kleinen beiden
+überwinden um die großen Aufgaben Ihrer Stellung erfüllen zu können und
+je mehr Ew. Majestät die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
+werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
+auf Ihre endliche, vollständige Wiederherstellung."
+
+Der Kaiser schüttelte langsam und traurig den Kopf. "Die großen Aufgaben
+meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
+mich so niederdrückt und lähmt--daß die Maschine den Dienst versagt, um
+das ausführen zu können was nothwendig geschehen muß; ja, daß sogar oft
+die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Wäre
+ich einer jener legitimen Könige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
+denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger überlassen
+können--oh, dann würde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
+ertragen. Ich fürchte wahrlich den Tod nicht--fast möchte ich ihn
+zuweilen wünschen, denn die Genüsse und Freuden des Lebens sind für
+mich--beendet; aber, mein Gott," rief er händeringend, "ich darf ja
+nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muß sorgen für die Zeit die
+nach mir kommt; ich muß meinem Sohn das Erbe sichern, für dessen
+Erwerbung mein großer Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und für
+welches ich in mühsamer Arbeit die Tätigkeit meines ganzen Lebens
+angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
+irdischen Laufbahn erfüllen will und erfüllen muß, geht mir die Kraft
+aus und wenn dieser elende Körper zusammenbricht, so wird das stolze
+Gebäude in Trümmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
+Frankreich, das ich so sehr liebe, für das ich gestrebt und gearbeitet
+habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zurücksinken in unruhige
+Zerrüttung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."
+
+"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
+Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begründet im Innern und
+hoch geachtet nach Außen da. Es giebt vielleicht unter den alten
+legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
+unerschütterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestät und wenn
+der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhüten möge, dereinst
+berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
+Richtungen hin vollendetes, großartiges Werk vorfinden, dessen
+natürliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
+Majestät Werk ist wahrlich größer als das Ihres Oheims, denn die
+Schöpfungen jenes Riesengeistes stützten sich doch immer nur auf die
+Spitze seines Degens, während Ew. Majestät Bau breit und ruhig auf der
+Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."
+
+Der Kaiser schüttelte abermals den Kopf.
+
+"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "täuscht der Schein--oder Sie
+wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
+das ich immer mehr verliere.
+
+"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
+Nachwehen nervöser Schmerzen über sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
+besser wie jeder Andere die Schwächen dieses Kaiserreichs erkennen, das
+ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.
+
+"Fest begründet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
+wogt und gährt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
+Bevölkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
+Stürme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
+öffentlichen Lebens."
+
+Dr. Conneau lächelte.
+
+"Ew. Majestät überschätzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
+unruhige Bevölkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
+solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
+diejenige Ew. Majestät ist hat das nichts zu bedeuten. Die große Masse
+der Bevölkerung Frankreichs, namentlich die ländlichen Grundbesitzer
+hängen an Ew. Majestät und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
+Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
+öffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestät
+geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Möglichkeit der reichsten
+Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Höhe des
+Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Köpfe in Paris werden
+niemals die Macht haben, die tiefe Anhänglichkeit des ganzen Volkes an
+Ew. Majestät und Ihre Dynastie zu erschüttern."
+
+"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
+weiß wie Sie, daß das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und daß aus
+dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
+wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
+Gewalt--eine unvernünftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
+da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglück, bei irgend einer
+Schwäche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fügte er seufzend
+hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
+gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
+stürzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
+ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
+Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
+möchte.--
+
+"Und nach Außen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
+Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
+vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fühle
+es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
+Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
+bewegen konnte.
+
+"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
+einst auf der Höhe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
+Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.
+
+"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
+den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
+reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie können mir nicht
+helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie könnten mir nur
+helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
+einzuflößen vermöchten.
+
+"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge sprühte, "ich wollte
+allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, über sie alle Herr
+werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
+die Kraft der Jugend wiedergeben könnte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
+augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schüler von Niel, er hat ihm
+nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausführung seiner Ideen
+gewesen--aber er ist kein Niel und der Schüler kann den Meister nicht
+fortsetzen.--
+
+"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehört das
+Schicksal; ich fürchte, ich fürchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
+kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend über
+meinem Haupt erblickte, er hat sich in trübe, trübe Wolken verhüllt.
+
+"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
+einen Fehler begangen dadurch, daß ich eine Dynastie gründen wollte.
+Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
+Jahrhundert nicht mehr möglich; vielleicht stände ich größer und
+sicherer da, wenn ich mich hätte entschließen können nur der Cäsar zu
+sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
+pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
+Tode aufhört.
+
+"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
+fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.
+
+"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhörte Cäsar zu sein und weil
+er der Begründer einer neuen dynastischen Legitimität werden wollte?
+
+"Aber, mein Gott," rief er die Hände über der Brust faltend, indem ein
+unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zügen erschien--"mein Gott, ich
+habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
+und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
+ganze Arbeit gehören der Zukunft, gehören meinem Sohn."
+
+In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
+dessen Hand und führte sie an seine Lippen.
+
+"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
+Stimme--"ich wollte, es wäre mir vergönnt mein Leben für Sie und für den
+kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--
+
+"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft lächelnd, "durch Ihre Kunst
+die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
+meinem Sohn den höchsten Dienst leisten."
+
+Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Fläschchen von geschliffenem
+Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
+Tropfen der hellen Flüssigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
+Glase Wasser.
+
+"Ich bitte Ew. Majestät dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
+reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
+erfüllen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getränk wird Ew. Majestät
+die Nervenkrise überwinden helfen, welche Nélatons Sondirung
+hervorgerufen hatte."
+
+Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine grüne
+opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervöse Spannung seiner
+Gesichtszüge verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine röthere
+Färbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
+Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthümlich war und
+der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausübte.
+
+Er stand langsam auf.
+
+"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
+Gott, Sie könnten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
+der Schmerz und die Schwäche bald wieder meine Nerven zur alten
+Unfähigkeit herabstimmen."
+
+"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
+Elixir zu Hülfe kommt; der menschliche Willen ist ein mächtiger Factor
+und selbst der kranke Körper gehorcht seinem Befehl."
+
+"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich lächelnd--"um zu wollen, dazu
+gehört Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehört Willen; wo ist der
+Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
+herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "für den Augenblick habe ich den
+Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhältnisse,
+denn das ist die erste Quelle aller guten Entschlüsse."
+
+Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt führte dieselbe an seine Lippen
+und verließ das Schlafgemach seines Herrn.
+
+Der Kaiser klingelte.
+
+"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
+Wechselfälle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
+eine so liebe Gewohnheit geworden war."
+
+Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
+Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zügen und seiner Haltung die
+Spuren der Schmerzen und der Erschöpfung fast ganz verschwanden; nur
+sein schwankender, unsicherer und in den Hüften wiegender Gang zeugte
+von seiner gebrochenen Kraft.
+
+"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
+Spiegel.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein
+Cabinet trat, das sorgfältig gelüftet, von einem hellen Kaminfeuer
+erwärmt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
+den Kaiser hier sah, hätte sich unmöglich von dem leidenden, ganz
+gebrochenen Manne ein Bild machen können, der noch kurz vorher unter den
+Händen der Aerzte seufzte und der gequält von den Leiden des Körpers den
+Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.
+
+Napoleon trat heiter lächelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
+verborgen, dem Journalisten Clément Duvernois entgegen, dem soeben der
+Huissier die Thür des Cabinets geöffnet hatte.
+
+Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
+früher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
+wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhänger des
+Kaisers zu sein, war damals etwa fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt.
+Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
+gerundeten Corpulenz, welche die Königin von Dänemark für Hamlet in
+seinem Kampf mit Laërtes fürchten läßt. Sein etwas großer Kopf war mit
+langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
+ließ,--die Züge seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
+entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
+phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
+ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
+während der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
+von einer dunkeln Gluth durchschimmert.
+
+Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
+völlig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
+welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.
+
+"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
+Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
+zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gährt und
+bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
+Rath überschüttet,--daß es mir wirklich Bedürfniß ist, auch die Meinung
+Derjenigen zu hören, welche meine wahren Freunde sind."
+
+"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
+sein," erwiderte Clément Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
+Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast möchte ich
+sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestät, obgleich ich es laut
+ausspreche."
+
+"Und gehören Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, daß
+diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, daß man nur ruhig
+abwarten dürfe, bis sie sich völlig wieder verläuft?--Sie haben es
+gelernt," fuhr er fort, "die öffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
+den klaren Blick, den die Höhe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
+des Abgrundes nicht zurückschaudert,--was sehen Sie auf der Höhe,--was
+sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, daß
+ich zu hören und zu lernen verstehe," fügte er mit freundlichem Lächeln
+und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.
+
+"Ich habe Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "meine
+Ergebenheit stets dadurch bewiesen, daß ich vor Ihrem Angesicht den
+Kaiser vergaß und nur den großen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
+einen größeren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
+wahren und unverhüllten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
+Eurer Majestät auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
+Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
+Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestät
+werden das wirklich Richtige zu erkennen."
+
+"Sie halten also die Situation für ernst?" fragte der Kaiser, indem er
+sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken ließ und Herrn Duvernois
+einen Sessel neben sich bezeichnete.
+
+Clément Duvernois stützte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
+blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
+gerichtete Frage zu antworten:
+
+"Eure Majestät haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniß
+gegeben, daß mein Blick gewöhnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
+Höhen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
+Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestät frei sagen, was
+ich gesehen."
+
+Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herüber, stützte den
+Arm auf sein Knie und hörte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
+spielend, aufmerksam zu.
+
+"In den Tiefen, Sire," sagte Clément Duvernois, "sehe ich die finstern
+Dämonen, welche die mächtige Hand Eurer Majestät lange Zeit gefesselt
+hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fühlen, daß
+der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
+früher."
+
+Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
+blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
+gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.
+
+"Die friedlichen Bürger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
+"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
+Bürger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fürsorge und Kraft der
+Regierung, während der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhöhlt wird.
+Auf der Oberfläche scheint Alles ruhig,--die Repräsentanten der Nation
+berathen über die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
+gut zu verwalten, die Geschäfte erholen sich und die ehrliche Arbeit
+freut sich der Ruhe und Ordnung.
+
+"Was aber, Sire," fuhr er mit erhöhter Stimme fort,--"was birgt die
+Tiefe unter dieser Oberfläche des Friedens und Gedeihens? Täglich
+versammeln sich vier bis fünftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
+Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
+Thätigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
+versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der äußersten
+Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
+geschworen; sie mißbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
+gegeben worden und überlassen sich den maßlosesten Ausschreitungen.
+Diese Leute führen die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
+gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
+Gewalt umzustürzen, den Staat überhaupt und die Gesellschaft zu
+zerstören.
+
+"Eure Majestät mögen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
+citiren, welche man dort hält und welche Ihre Polizei sich vielleicht
+scheuen möchte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
+Tribüne dieser wüsten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
+keine Mörder mehr, mögen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
+wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stück Speck am
+Hute tragen.'"
+
+Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhüllte sich völlig
+unter den Augenlidern.
+
+"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgängen in
+Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
+Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
+zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
+wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mandé, Sire, hat
+man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen würde."
+
+Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois groß und klar an und sprach
+mit ruhigem Lächeln:
+
+"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
+treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe wäre. Hat das Schicksal sie
+mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
+keine Gefahr bringen."
+
+"Ich weiß," erwiderte Duvernois, "daß Eure Majestät keine Gefahr scheut
+und es ist nicht um Eure Majestät vor einem Attentat zu warnen, daß ich
+erzähle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
+sind keine Ravaillacs. Für heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
+Bewegungen keine gefährliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
+man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fühlt, daß man
+ungestraft die Zerstörung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
+weiter und weiter gehen und die große Masse der ruhigen Bürger wird, wie
+das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
+Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
+der Regierung schützend in diese gefährliche Bewegung eingreift."
+
+"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenüber,"
+fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
+Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Höhen gesehen?"
+
+Clément Duvernois schwieg einen Augenblick.
+
+Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das großgeöffnete,
+dunkelglühende Auge zum Kaiser auf.
+
+"Auf der Höhe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
+Sire, einen großen Fürsten, der durch mächtige und edle Arbeit seiner
+Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in großherzigem Vertrauen
+nicht daran zu glauben vermag, daß diese Nation für so viele Wohltaten
+undankbar sein könnte, dessen Gedanken erfüllt sind von dem Streben auch
+über seinen Tod hinaus, den er mit kaltblütigem Heldenmuth in's Auge
+faßt, seinem Volk das Glück zu sichern, welches seine Regierung
+geschaffen hat; einen Fürsten, der sich anschickt, dem von ihm
+aufgerichteten Gebäude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
+aber--"
+
+"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch höher erhebend und mit
+gespannter Erwartung aufblickend.
+
+"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Krönung des
+Baues beschäftigt, vergißt die Fundamente desselben gegen die finstern
+Gewalten zu schützen, welche dieselben langsam und systematisch
+untergraben."
+
+"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
+daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
+persönlichen Willens und meiner persönlichen Kraft ruhten die breite und
+sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
+und edelsten Kräfte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
+werden sollen. Diese Institutionen sollen stärker sein als die
+persönliche Macht des Souverains, so daß, wenn auch ein kaum der
+Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
+ruhig und unerschüttert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Könige
+rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."
+
+"Die edle Absicht Eurer Majestät," erwiderte Clément Duvernois, "erkenne
+ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
+Entschlüsse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
+würden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestät
+bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausführung in anderen
+Händen lägen."
+
+Ein Zug von düsterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er ließ
+den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:
+
+"Und in wessen Hände sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
+treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
+kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
+welche mit mir die Zeit des Unglücks und Leidens getheilt hatten--sie
+sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
+eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Höflinge des
+Kaisers aber nicht als Gefährten des Verbannten kennen gelernt habe."
+
+Er versank einen Augenblick in düsteres Schweigen.
+
+"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
+Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
+Männern zu mißtrauen, welche ich gegenwärtig in meinen Rath berufen
+habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
+besitzen?"
+
+"Mißtrauen?" sagte Clément Duvernois ein wenig zögernd, "ist ein hartes
+und schweres Wort; es enthält eine Anklage, die ich gegen Eurer
+Majestät Minister auszusprechen nicht unternehmen möchte. Erlauben mir
+Eure Majestät zunächst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
+sprechen.
+
+"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestät nur
+von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthümliche Thatsache,
+daß die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Händen des dem
+Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Händen des
+Orleanismus--"
+
+"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "daß Graf Daru, daß Buffet
+mich verrathen könnten--daß sie mit den Orléans conspiriren?"
+
+"Nein, Sire," antwortete Clément Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
+Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafür; aber,
+Sire, diese Männer, die gewiß, nachdem sie Eurer Majestät Portefeuille
+angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
+und denken in den Doctrinen des Orleanismus, daß heißt der
+constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
+Repräsentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
+setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
+Glied für Glied bis in das Cabinet Eurer Majestät fortsetzt, befindet
+sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
+Ohne es zu wollen, ohne klar darüber zu denken, werden Eurer Majestät
+Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestät um sich, die
+Männer der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
+französischen Staatslebens und unter den Anhängern der Doctrinen
+befinden sich jedenfalls auch Anhänger der Personen. Die Partei des
+Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zuständen
+zieht.
+
+"Eure Majestät kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
+Propaganda;--nicht daß diese Leute jemals das Königthum Louis Philippe's
+wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
+als ihre Vorkämpfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
+ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
+Regierung in den Händen der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
+ein mächtiger Stoß gegen die Staatsautorität gewagt wird, so kann es
+kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, daß die Maschine den
+Dienst versagt und daß Eure Majestät auf Ihrer Höhe einsam und allein
+dastehen werden.
+
+"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
+Orleans ist groß, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
+Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
+befindet. Zum großen Theil sind diese Agenten Besitzer von
+Buchdruckereien oder Buchhändler und sie versäumen keine Gelegenheit,
+das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschüttern."
+
+Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.
+
+"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwährend dahin
+gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stürzen, und die es nie
+verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
+schwächlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu können, das einer
+eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"
+
+"Gewiß würden sie nicht fähig sein," erwiderte Duvernois, "die
+Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Hände gelangen
+sollte, aber gewiß auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
+Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
+gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestät meine
+Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
+des Kaiserreichs in den orleanistischen Händen und schon erhebt sich an
+den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
+reüssiren, so werden mit veränderten Personen und unter veränderten
+Umständen die Zeiten der Beschwörung von Cellamare sich wiederholen."
+
+Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
+vor sich nieder.
+
+Dann schlug er die Augen groß auf und sah Clément Duvernois mit einem so
+brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
+Seele lesen.
+
+"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was müßte nach Ihrer Ueberzeugung
+geschehen, um einer solchen Beschwörung vorzubeugen und um den
+Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Hände--in die Hände meiner
+Freunde zu legen?"
+
+"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
+Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
+eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollständig nach dem
+Willen Eurer Majestät bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
+neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
+kräftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.
+
+"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "daß
+in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
+Eurer Majestät Regierung maßgebend ist; die Minister halten mit den
+Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
+und deren Amendements und vergessen darüber, daß es außerhalb der
+Cabinette und außerhalb der Sitzungssäle der Kammern ein Volk
+giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
+besteht und welches schließlich eine sehr laute Stimme und sehr kräftige
+Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
+überschreien und eine Regierung, welche die Fühlung mit ihm verloren
+hat, zu zertrümmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
+Geschichte Frankreichs sich zusammenfaßte in das constitutionelle
+Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese künstliche
+Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
+zerfiel, so läuft Eurer Majestät Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
+Boden des realen Volkslebens loszulösen.
+
+"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
+während Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte--"das
+Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
+Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestät nicht hinüberlocken auf
+den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehört der
+orleanistischen Agitation.
+
+"Wenn Eure Majestät," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
+fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
+Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
+Grundsätzen, die jetzt die Autorität zersetzen, zugleich auch die
+Personen verschwinden, welche von diesen Grundsätzen emporgetragen
+wurden; gerade auf diesem Gebiet können Eure Majestät die Probe machen,
+ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
+und unerschütterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
+Dynastie sind."
+
+"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
+Gedanken Vieles was mit meinen Ideen übereinstimmt; doch möchte ich Sie
+bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen über die Art und Weise, wie Sie
+glauben daß Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgeführt werden
+können.
+
+"Sie haben so tief und eingehend über den Kern der Fragen nachgedacht,
+welche die augenblickliche Situation bestimmen, daß ich überzeugt bin,
+Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
+Fragen lösen zu können glauben."
+
+"Gewiß," erwiderte Clément Duvernois, "habe ich auch darüber meine
+Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, daß auf eine einfache Weise
+Eure Majestät alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
+beseitigen können. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, während
+der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
+zuhörte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, daß der Schwerpunkt
+des ganzen politischen Lebens allmälig ausschließlich in die
+parlamentarischen Körperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
+worden ist; nach meiner Ueberzeugung müssen Eure Majestät diesen
+Schwerpunkt wieder dahin zurückverlegen, wo die wahre Macht sich
+befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
+ihre einzig wahre und dauernde Stütze finden kann, in das Volk selbst.
+
+"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
+Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
+durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heißen zu lassen; ein
+solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, daß das
+ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
+Majestät, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
+mächtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
+parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
+ihre Ausführung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
+verschwinden."
+
+Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen öffneten sich groß und weit
+und ein stolzes und freudiges Lächeln spielte um seine Lippen.
+
+"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
+haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als groß und wahr; ich habe
+neue Stützen, sichere Garantien für die Zukunft meiner Dynastie und für
+den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
+allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
+meines Reiches, diese Grundlage, welche mein großer Oheim verlassen hat
+und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
+Ich danke Ihnen," fügte er mit unendlich liebenswürdigem Ausdruck hinzu,
+"Sie haben mir in dieser Stunde einen großen Dienst geleistet, Sie haben
+Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
+und sobald die Klarheit der Erkenntniß da ist, läßt auch die
+Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.
+
+"Ich werde meine Entschlüsse über die formelle Ausführung des
+Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
+den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."
+
+"Wenn Eure Majestät diesen Schritt thun," sprach Clément Duvernois, "so
+wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
+diejenigen Ihrer Räthe, welche wirklich das volksthümliche Kaiserreich
+unterstützen, stärken und erhalten wollen, werden, wie ich überzeugt
+bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestät beschreiten
+wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
+werden verschwinden.
+
+"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit führen und wenn,"
+fügte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestät Ihre
+alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich überzeugen, daß auf der
+richtigen und wahrhaft großen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
+erstehen werden."
+
+Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
+und sprach:
+
+"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
+überzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, daß ich noch über Hingebung
+und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rückhalt die
+Wahrheit gesagt.
+
+"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich möchte noch über
+einen Punkt Ihre Meinung hören.
+
+"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "daß das
+nationale Gefühl in Frankreich durch die preußischen Siege, durch die
+Herstellung des mächtigen preußischen Uebergewichts in Deutschland tief
+verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
+Frankreichs in Europa ist gewissermaßen eine Lebensbedingung einer
+Regierung, welche den Namen Napoleon führt und auf die Traditionen des
+großen Kaisers gestützt ist. Man räth mir von vielen Seiten und zwar von
+Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
+kann--die schwüle Luft, welche über Europa liegt, durch einen kräftigen
+Wetterstrahl zu klären und die militairische Stellung des napoleonischen
+Frankreichs wieder herzustellen."
+
+"Man räth Eurer Majestät," fiel Clément Duvernois ein, "ganz einfach den
+Krieg gegen Preußen zu führen, diesen übermächtig gewordenen Staat in
+seine Grenzen zurückzuweisen und der Welt zu zeigen, daß ohne
+Frankreichs Genehmigung keine Veränderungen in dem Gleichgewicht
+Europa's sich vollziehen können; man räth," fuhr er mit erhöhter Stimme
+fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestät Das jetzt zu thun,
+was Sie--verzeihen Sie meine Kühnheit, Sire--unmittelbar nach der
+Schlacht bei Sadowa hätten thun sollen."
+
+Der Kaiser ließ die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:
+
+"Und was meinen Sie zu diesem Rath?"
+
+"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer
+Anhänger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestät können also darüber
+nicht im Zweifel sein, daß meinem Gefühl der Rath, den man Eurer
+Majestät ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz würde
+aufwallen, mein Blut sich erwärmen, mein patriotischer Stolz sich
+freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
+Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen würde und ich verkenne nicht, daß
+ein mächtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
+preußische Macht den Thron Eurer Majestät immer fester und dauernder in
+den Sympathieen des ganzen Volkes begründen würde--aber--"
+
+"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.
+
+"Aber zuvor, Sire, möchte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
+Majestät des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
+der französischen Armee wirklich auf der Höhe, um einem so furchtbaren
+Gegner wie Preußen mit der Gewißheit des Sieges entgegentreten zu
+können? Sind Eure Majestät ferner sicher, Preußen isoliren zu können und
+die Gegner, welche ihm 1866 gegenüber standen, zu einem neuen Kampf
+bestimmen zu können?
+
+"Wenn Eure Majestät über diese Punkte völlig klar und sicher sind, dann
+ist der Krieg ein gutes Mittel, dann würde ein großer Sieg vielleicht
+besser als alle inneren Maßregeln die Schwierigkeiten der Lage
+beseitigen. Sind aber Eure Majestät eines solchen Erfolges nicht
+vollkommen sicher, müssen Sie befürchten, daß es dem so kühnen und so
+geschickten preußischen Staatsmann gelingen könnte, das gesammte
+Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
+versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
+abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein
+unglücklicher Feldzug, eine Niederlage würde die Stellung Frankreichs in
+Europa für lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
+des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung überhaupt entfesseln."
+
+"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Wäre ich mein Oheim,
+vermöchte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
+Frankreichs zu lenken--ich würde mich wahrlich keinen Augenblick
+besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu lösen--aber
+kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
+Hände meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenüber
+gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst
+sprechend, "ihm hätte ich mit vollem Vertrauen die Führung meiner Armee
+übergeben können.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den
+Schöpfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, daß Alles bereit
+ist--man sagt mir, daß die französische Armee unüberwindlich sei, aber
+ein banges Mißtrauen erfüllt mich; und wenn es mißlänge--es wäre das
+Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va
+banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
+kann.
+
+"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte
+über die preußische Armee-Organisation--es ist nicht genug, daß die
+französische Armee wohl gerüstet sei, sie muß auch in der Tactik und
+Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbürtig sein, welche König
+Wilhelm und die großen und genialen Interpreten seines Willens
+geschaffen haben, denn wir dürfen niemals vergessen, daß wir es in
+diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
+haben würden, und diesem Grafen Bismarck gegenüber würde kein Villa
+Franca möglich sein."
+
+"Mir genügt," sagte Clément Duvernois, "was Eure Majestät mir so eben
+gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste
+Zweifel lebt, dann Sire, beschwöre ich Eure Majestät, das Würfelspiel
+des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg könnte niemals so großen Nutzen
+bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten würde, und
+für die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa würde der
+gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
+Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
+sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestät diesen Weg und bereiten Sie
+langsam und vorsichtig eine militairische Aktion für die Zukunft vor,
+denn nicht immer wird ja diese preußische Militairmacht von dem Geiste
+geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird früher oder
+später die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
+das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."
+
+Der Kaiser stand auf.
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in
+diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich überzeugen, daß ich
+diesen Ideen gemäß handeln werde und ich hoffe, daß Sie mich mit Ihrer
+so gewandten und scharfen Feder unterstützen werden.
+
+"Ich wünsche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Lächeln fort, indem er
+Duvernois auf die Schulter klopfte, "daß Sie mir dereinst noch näher
+treten und mir auf höherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."
+
+Clément Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
+stolzer Befriedigung:
+
+"Wohin immer Eure Majestät mich zu stellen für gut befinden werden,
+meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
+Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehören."
+
+Er zog sich langsam zurück, verneigte sich an der Thür noch einmal tief
+vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulächelte und
+verließ das Cabinet.
+
+"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zurücksinkend--"er
+hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkämpfen, sondern zu erhalten; ich
+darf das große Spiel nicht spielen, zu dem man mich drängen möchte und
+zu dem ich," sagte er mit düsterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in
+mir fühle."
+
+Der Huissier öffnete die beiden Thürflügel und rief:
+
+"Ihre Majestät die Kaiserin!"
+
+Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+Ihre Majestät die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
+in das Cabinet.
+
+Das röthlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten über ihrer
+edlen hochgewölbten Stirn wie ein natürliches Diadem zusammengewunden.
+Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
+zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
+großen dunkelblauen Augen flammten in glühendem Feuer.
+
+Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
+reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
+ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
+seine Lippen führte.
+
+"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der
+Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
+schöne Gemahlin ansehe, möchte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
+können Sie," fügte er mit einem leicht wehmüthigen Lächeln hinzu, "Ihr
+Geheimniß, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
+unvergängliche Jugend nöthiger als ein Regent auf dem Thron dieses
+unruhigen Frankreichs."
+
+"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
+sich in einen Lehnstuhl warf, "daß Sie jene Jugend und Energie
+wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
+gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter
+fort, "daß man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
+Kaiser spricht, sondern daß Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
+den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausführlichere
+Nachrichten über die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
+Stadt stattgefunden?
+
+"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
+vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populärer
+gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwühlen und den
+Haß gegen die Regierung zu schüren."
+
+"Ich habe gehört," erwiderte der Kaiser ruhig, "daß einige Unruhen
+stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
+gewesen zu sein; ausführliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."
+
+"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "daß man Ihnen das noch nicht
+erzählt hat; es scheint, daß in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
+vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.
+
+"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzuführen, statt ihn
+einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
+Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Märtyrer-Rolle zu
+spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzählt, eine sehr
+bedenkliche Aufregung."
+
+Der Kaiser lächelte.
+
+"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "daß man mir
+die Lage und die Ereignisse des Tages zu günstig darstellt, so scheint
+bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenüber scheint man
+kleine unbedeutende Dinge zu großen Erschütterungen anschwellen zu
+lassen.
+
+"Doch hören wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
+"den genauen Bericht."
+
+Er trat zu der Portière, welche die Thür zu dem Zimmer seines
+Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
+Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
+Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
+zurückgestrichenem Haar in das Cabinet.
+
+Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
+Kopfnicken seinen Gruß erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
+des Kaisers erwartend.
+
+"Ist ein genauer Bericht über die Ereignisse des gestrigen Abends und
+der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.
+
+"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestörungen sind nicht
+ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
+beendet."
+
+"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich
+neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.
+
+"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der
+Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
+dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
+Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
+Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
+gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
+zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
+nach dem Gefängniß von St. Pélagie geführt zu werden. Die im Innern des
+Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgelöst, wobei es zu
+heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
+Auflösungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
+und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
+Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
+Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
+einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
+abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
+der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
+vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
+Präfectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
+Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
+vereitelt. Gegen Mitternacht zogen große Haufen von Arbeitern nach der
+Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, plünderten dieselbe und nahmen
+ungefähr dreihundert Revolver und fünfzig Gewehre mit sich fort. Die
+Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
+sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
+beendet."
+
+"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "daß die Sache ernst ist; wenn man erst
+den Anfang hat machen können, ungestraft die Gewehrfabriken zu plündern,
+wenn auf diese Weise die Aufrührer in den Besitz von vortrefflichen
+Waffen kommen, so läßt sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
+solche Bewegung annehmen kann."
+
+Der Kaiser schüttelte mit mißmuthigem Ausdruck den Kopf.
+
+"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, daß man bei der Verhaftung
+Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
+Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
+Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
+große Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemäß die unruhige
+Bewegung über ganz Paris verbreiten mußte. Schreiben Sie sogleich an
+Ollivier und verlangen Sie Auskunft darüber, warum man diesen nach
+meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"
+
+Pietri verneigte sich.
+
+"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
+"daß ich mich überhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
+Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
+diesen an sich so unbedeutenden Menschen groß und einflußreich gemacht.
+Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
+geist- und witzlose Machwerk wäre von selbst untergegangen, wenn man
+sich nicht darum gekümmert hätte."
+
+"So hätten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit
+flammenden Augen, "daß elende Pamphletisten nicht nur die Autorität der
+Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen daß sie es
+wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
+zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
+man in dem übrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
+Macht der kaiserlichen Regierung glauben?
+
+"Und in der That," fügte sie bitter hinzu, "man fängt bereits an, diesen
+Glauben zu verlieren."
+
+Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:
+
+"Haben Sie die Güte," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen
+zu lassen."
+
+Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.
+
+"Sie müssen einen ernsten Entschluß fassen, Louis," sagte die Kaiserin.
+"Die Zustände können unmöglich so weiter bestehen. Es ist eine
+Zügellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
+geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen müssen
+und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
+wird."
+
+"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "daß mit aller Energie
+vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
+doch die Autorität der Regierung mit leichter Mühe Sieger geblieben."
+
+"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen
+noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
+man nicht mehr Herr über die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
+dieser Bewegung gegenüber in der Defensive und das ist eine schlimme
+Position; es muß mit einem großen, gewaltigen und kühnen Schlage mit dem
+Allen ein Ende gemacht werden. Sie müssen die Verhältnisse mit fester
+und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schlüssel zu all dieser
+Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"
+
+--"Und dieser Schlüssel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand über
+seinen Knebelbart streichend.
+
+"Er liegt in dem tiefen Gefühl," rief die Kaiserin, "welches ganz
+Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
+erfüllt, daß die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, daß Ihr
+persönliches Prestige in Europa schwer erschüttert ist, ja täglich von
+Neuem verhöhnt wird durch diese täglich anmaßender auftretende
+preußische Macht."
+
+Ein Zug schmerzlicher Ermüdung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
+zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:
+
+"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fügte er mit
+einer ganz feinen Nüance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich
+verstehen, Ihnen ihre Ideen einzuflößen,--glauben sie denn, daß ich de
+but en blanc an die Grenzen marschiren und Preußen den Krieg erklären
+könnte? Dazu gehören doch vor Allem sehr ernste militairische
+Vorkehrungen dazu gehört denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
+ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muß."--
+
+"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten
+Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
+haben; es ist allerdings ein großes Unglück, daß der vortreffliche Niel
+gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklärte er unsere
+Armee für vollkommen schlagfertig--"
+
+"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser
+ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die
+Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Händen befunden."--
+
+"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
+ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe
+ja völlig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
+Frankreichs geschlossen worden und Preußen verletzt täglich die
+Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Dänen ihr
+Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
+und in Süddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; täglich
+werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
+Selbstständigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
+eine kräftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schöpfungen von
+1866 wieder zu zertrümmern."
+
+"Sind Sie so genau über die Stimmung in Süddeutschland unterrichtet?"
+fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
+Beistand, den wir dort finden können."
+
+"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter,
+"ist von tiefem Haß gegen Preußen erfüllt und wenn Frankreich für die
+genaue Erfüllung des Prager Friedens eintreten würde, so würden alle
+jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
+Napoleons I. mächtig sind, Frankreich als seinen Retter begrüßen."
+
+Der Kaiser schüttelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
+in Gedanken versunken, während die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
+ansah.
+
+"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "daß eine geschickte Behandlung der
+Verhältnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
+Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden läßt
+das deutsche Nationalgefühl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
+Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwägung, da wir vor Allem
+vermeiden müssen, vor den Augen des übrigen Europa als die Störer des
+Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
+nicht der geeignete Augenblick."
+
+"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren
+Unruhen immer übermächtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt
+sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
+den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--
+
+"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren
+Gedankengange folgend--"muß ich mit Männern umgeben sein, welche den
+Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen groß aufschlagend und
+seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, daß Daru der geeignete
+Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
+Ollivier für geeignet, den Krieg im Lande selbst populär zu
+machen--diese Männer der parlamentarischen Doctrin, deren
+Lebensbedingung der Friede quand même ist?"--
+
+"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswärtiger Minister?
+Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
+sich, der, obgleich er den Namen des großen Kaisers trägt, doch keinen
+von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
+Frankreichs erfüllen müssen.
+
+"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Lächeln von
+unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
+Reden voll Eloquenz und Begeisterung für den Krieg halten, wenn Sie ihn
+nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir überlassen wollen,
+und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch
+ganz Frankreich überzeugen, daß der Krieg eine Nothwendigkeit ist."
+
+"Und wenn Graf Daru abträte?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an
+seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kühnheit hat,
+eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
+um Frankreich mit sich fortzureißen?"
+
+"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "daß ein solcher Mann nicht zu schwer
+zu finden sein würde; ich würde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
+und Sie haben ja selbst schon früher an Denjenigen gedacht, welcher mir
+im Sinne liegt--"
+
+Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinüber.
+
+"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
+daß nur ein großer nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
+machen und Frankreich wiederum auf seine alte Höhe heben kann. Grammont
+kennt auf das Genaueste die Verhältnisse in Oesterreich, der einzigen
+Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
+können; Grammont ist aufrichtig und ohne Rückhalt dem Kaiserreich und
+unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
+da er mit allen großen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknüpft ist.
+Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie
+Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
+sich von selbst machen."
+
+"Sie könnten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick
+vollständig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen
+Sie mich darüber nachdenken--"
+
+"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu
+lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend,
+indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zärtlichen
+Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, daß es sich nicht nur
+um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern daß auch die Zukunft
+unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee,
+diese edle französische Armee ist unsere einzige Stütze wie sie einst
+die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden über
+die lange Unthätigkeit, über die untergeordnete Stellung, zu welcher das
+militairische Frankreich in Europa herabgedrückt wird. Unser Kind ist
+der Armee noch fremd, aber er ist groß genug, um in einem nationalen
+Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.
+
+"Denken Sie, daß die französische Armee in großen, siegreichen
+Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, daß sein Name sich
+verknüpft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem
+ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern,
+kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
+machen, das Sie für ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
+haben."
+
+Der Kaiser drückte seine Lippen auf die marmorweiße Stirn seiner
+Gemahlin und strich langsam mit der Hand über ihr weiches,
+goldschimmerndes Haar.--
+
+"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "daß Sie in meine
+alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend gießen. Lassen Sie
+mich alle Fragen der Situation ruhig prüfen und überlegen und glauben
+Sie, daß der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzündet, nicht
+erlöschen wird."
+
+Sie lehnte den schönen Kopf an seine Schulter und blieb einige
+Augenblicke schweigend neben ihm stehen.
+
+"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die
+Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, daß ich im Alter gelernt
+habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fürchten--ich will festen
+Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, daß
+ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."
+
+"Ich weiß es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drückend, "daß
+die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, daß es
+mir vergönnt sein möge, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
+lorbeergekrönt zurückkehren zu sehen."
+
+Der Kaiser geleitete sie bis zur Thüre und küßte sie nochmals innig auf
+die Stirn.
+
+"Meine Gemahlin möchte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
+scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
+langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der
+eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er würde auch den
+Krieg predigen, wie er schließlich Alles vertheidigen würde, was ihm
+Gelegenheit giebt eine schöne Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
+seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
+Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
+ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberfläche der
+Dinge. Es ist ihm unmöglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
+Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier würden den Krieg machen,
+das ist wahr.--Sie würden auch in einem augenblicklichen Elan den
+Nationalgeist mit sich fortreißen. Aber wohin würde dieser Krieg führen?
+Würden jene Männer im Stande sein, im Falle des Unglücks den Widerstand
+zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--
+
+"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich
+die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
+ein.--Sie wird freilich täglich näher an mich herantreten," sprach er
+seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht können. Dann aber soll
+wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
+Händen liegen.--
+
+"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse
+Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,
+"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
+versteht das durchzuführen, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich
+weiß es. Aber auf persönliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
+kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
+Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden
+Kammerdiener.--"Große Attelage, offene Kalesche! Ist der General Favé
+da?"
+
+"Der General wartet im Vorzimmer."
+
+"Führen Sie ihn herein!"
+
+Der Kammerdiener öffnete die Thür.
+
+Der General Favé im schwarzen Morgenanzuge trat ein.
+
+Der Kaiser ließ sich seinen Hut und einen warm gefütterten Morgenanzug
+reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
+Generals stützend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
+schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.
+
+Langsam und etwas schwerfällig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
+seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
+nieder.
+
+General Favé nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran
+und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
+Tuilerien.
+
+Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
+gekommen war, befahl er langsam zu fahren.
+
+Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
+Gespanns im Schritt über die Mitte der großen Boulevards hin, während
+die Piqueurs etwa dreißig Schritt vorausrittten. Die Vorübergehenden
+blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
+Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Nähe des Kaisers. Die
+sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
+die Herandrängenden zurückweisen.
+
+"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
+den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Lächeln begrüßte.
+
+Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
+lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruß.
+
+Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
+kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
+schallendem Ton:
+
+"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
+Meuterern!"
+
+Diese Rufe wiederholten sich weit hin über die Boulevards.
+
+Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
+einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
+Hand und freundlichem Kopfnicken grüßend.
+
+"Sehen Sie," sagte er lächelnd, sich zum General Favé wendend, "alle
+diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
+einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute grüßen
+mich und rufen mir ihre Anhänglichkeit und Treue entgegen. Man muß
+diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
+sofort seine großen und gefährlichen Dimensionen."
+
+Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.
+
+"Nach Belleville!" rief Napoleon.
+
+Er grüßte noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
+versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltönendes "Vive l'Empereur!"
+aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
+Bevölkerung der Residenz bewohnten Gegenden.
+
+"Fürchten Eure Majestät nicht," sagte der General Favé, "daß in jenem
+unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen wäre?
+Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fügte er mit
+etwas ängstlicher Miene hinzu.
+
+"Wer die Gefahr fürchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,
+stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
+machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muß erkennen, daß
+ich mich noch als seinen Herrn fühle."
+
+Man war in Belleville angekommen.
+
+Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
+zerstörte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
+Wenige Menschen gingen auf der Straße, an den Thüren der Häuser standen
+meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
+nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
+verworrenem Haar und struppigen Bärten, welche ihre düstern Blicke mit
+dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
+verhielt sich schweigend, kein grüßender Ruf ertönte, aber auch kein
+Laut feindlicher Kundgebung ließ sich hören.
+
+Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
+genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
+von sergeants de ville beschäftigt, die Trümmer derselben hinweg zu
+räumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
+Fiakern und Asphaltstücken des Trottoirs bestanden.
+
+Der Kaiser ließ halten.
+
+An den Fenstern des nächsten Hauses erschienen in großer Anzahl jene
+düsteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
+glänzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgährenden
+Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
+den Führer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
+den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
+nächtlichen Vorgänge, dann ließ er den Blick über die Fenster
+hinschweifen.
+
+Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Straße stehen geblieben.
+Napoleon grüßte artig mit der Hand hinüber, aber kein Ruf antwortete
+ihm. Alle diese Männer und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
+sich hin.
+
+"Vorwärts!" befahl Napoleon.
+
+Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen über die noch
+nicht ganz fortgeräumten Trümmer der Barrikaden.
+
+Da ertönte aus einem der umliegenden Häuser wie aus der Luft herklingend
+eine tiefe, rauhe und heiser tönende Stimme.
+
+"Fahre hin, blutiger Cäsar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
+vor dem Richterstuhl der Geschichte!"
+
+Der Kaiser zuckte zusammen.
+
+"Halt!" rief er.
+
+Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
+Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Straße standen starr
+und still. Niemand schien die Worte gehört zu haben, welche eben so
+schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser ließ den brennenden Blick
+seiner großen düster aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.
+
+Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
+hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.
+
+"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und
+ruhig.
+
+Dann legte er sich in den Wagen zurück, blickte einige Minuten auf die
+Trümmer der Barrikaden, grüßte nochmals mit würdiger Handbewegung die an
+der Seite der Straße stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
+fahren.
+
+Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser über die äußern
+Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue François premier. An
+der Ecke dieser Straße hielt der Kutscher, welcher von dem General Favé
+seine Instructionen erhalten hatte, vor einem großen Hause die Pferde
+an.
+
+Das Thor des Hauses öffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
+dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.
+
+"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestützt, durch
+das große Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
+dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fünf Stufen in das
+Innere des Hotels führte.
+
+In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der frühere
+langjährige Minister der auswärtigen Angelegenheiten, jetziger Senator
+und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
+war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfälliger geworden; sein
+kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiß, aber der Ausdruck
+und die Farbe seines kräftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
+noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
+grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
+Augenbrauen hervor.
+
+Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit würdevoller Ruhe vor dem Kaiser
+und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:
+
+"Ich bitte um Verzeihung, Sire, daß ich Eure Majestät nicht schon am
+Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
+vollständig überrascht, daß ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
+eilen."
+
+"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte
+der Kaiser, seinem frühern Minister die Hand reichend, die dieser
+ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muß
+ich wohl zu Ihnen kommen."
+
+Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.
+
+Sie traten in den großen Empfangssalon.
+
+"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestät
+zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschäftigt."
+
+"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
+Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich möchte ein wenig mit Ihnen
+plaudern. Der General wird die Güte haben mich hier zu erwarten."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich und führte den Kaiser durch ein kleines
+Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhänge von
+dunkelgrüner Seide zur Hälfte verhüllt waren und dessen ganze
+Ausstattung in einem großen Tisch von Eichenholz, einigen großen
+Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
+Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schön
+gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.
+
+Napoleon legte seinen Ueberrock ab und ließ sich, indem er fröstelnd
+zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.
+
+Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
+schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
+sinnendem Nachdenken auf die züngelnde Flamme blickte.
+
+"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon
+endlich, indem er, wie einen raschen Entschluß fassend, sofort auf den
+Gegenstand einging, der seine Gedanken beschäftigte,--"die Lage ist
+ernst, und ich muß darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fügte er
+halb scherzend, halb wehmüthig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen
+und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer älter und bevor ich aus
+diesem irdischen Leben scheide, muß ich meine Angelegenheiten ordnen und
+mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
+der Hüter dieses Hauses gewesen, daß ich in dem ernsten Augenblick, in
+dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
+bei Ihnen."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
+zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zügen lag nur die ehrerbietige
+Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen würde, aber keine
+Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.
+
+"Sie haben," sagte der Kaiser zögernd und eine leichte Verlegenheit
+überwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
+begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, daß ich den
+Thatsachen gegenüber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
+Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
+der neuen preußischen Macht zu verhindern oder für Frankreich diejenigen
+Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt hätten,
+auch jener Macht gegenüber unsere Stellung zu behaupten."
+
+Drouyn de L'huys neigte betätigend das Haupt.
+
+"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "daß jene Ansicht, welche auch
+heute noch die meinige ist, damals unausführbar war, weil Eurer Majestät
+Marschälle erklärten, daß eine militairische Action in jenem Augenblick
+unmöglich oder höchst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
+Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "daß damals eine wirklich
+militairische Action garnicht möglich geworden wäre, daß die
+französischen Fahnen am Rhein allein genügt hätten, um unmittelbare
+Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man später, nachdem der
+Frieden von Prag geschlossen war, so schnöde zurückgewiesen hat."
+
+"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von
+den Geschäften zurückgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
+konnte. Sie zürnen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich
+damals Unrecht gehabt."--
+
+"Ich wage nicht, Eurer Majestät Handlungen zu beurtheilen," erwiderte
+Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestät zu zürnen, weil
+Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestät
+wissen auch, daß ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
+die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Daß ich mich
+damals zurückgezogen habe, daß ich mich seither von dem politischen
+Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestät natürlich finden und
+mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."
+
+"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschüttert ist," sagte Napoleon,
+"sehen Sie daraus, daß ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
+Rath zu hören,--den Rath eines Freundes, eines bewährten Freundes, eines
+der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief
+seufzend--"denn ich habe viel verloren."
+
+"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestät auf
+denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
+und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
+Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er für die Wahrheit hält,
+sagen, als es Ihr Minister gethan hat."
+
+"Irgend ein großer Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die
+Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler
+machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
+verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Lächeln zu
+Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
+mich zu überzeugen, daß es weit besser gewesen wäre, damals Ihrem Rath
+zu folgen. Doch möchte ich nicht die zweite größere Schuld auf mich
+laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
+dies geschehen könne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"
+fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des
+Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
+Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
+Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
+verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persönlichen Einfluß. Von allen
+Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, daß man Recht hat, daß
+die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
+geschwächten Einfluß Frankreichs nach Außen hin liege. Alles drängt mich
+den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
+und dasjenige wieder zu zerstören, was man vielleicht besser damals
+garnicht hätte entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,
+bedarf ich außer der Tüchtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
+man mich versichert, auch Männer von festem, klaren und entschlossenem
+Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und während
+der Ereignisse die Zügel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
+zum Kampf kommen, so muß ich und werde ich persönlich bei der Armee
+sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon führt, muß da sein, wo die
+Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
+Ich würde die Kaiserin als Regentin in Paris zurücklassen müssen, dann
+aber wäre es vor Allem nothwendig, daß neben ihr ein Mann stände von
+erprobter Treue, von erprobter Geschäftskenntniß, ein Mann, welchem die
+europäischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
+und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das französische
+Volk aufblickt. Ich wüßte keinen bessern Mann dafür als Sie, mein lieber
+Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
+Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es für nothwendig und für klug finden,
+jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
+entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
+mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"
+
+Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
+dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
+lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
+langsam, jedes Wort scharf betonend:
+
+"Eure Majestät haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
+nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,
+"daß ich den Fehler, den die französische Politik im Jahre 1866 gemacht
+hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
+der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwärtig
+befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
+oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muß ich ernstlich
+zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
+darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
+anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
+später in der allgemeinen Mißachtung die Folgen seiner Unschlüssigkeit.
+Aber gewiß kann er sie dadurch nicht gut machen, daß er irgend eine
+Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Für uns ist in diesem
+Augenblick eine richtige, einer großen Nation würdige Veranlassung zum
+Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veränderungen, welche der Krieg
+von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
+Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
+Abschluß mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
+die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da über
+den Wortlaut desselben hinausgehen, für Frankreich kann darin gewiß kein
+Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
+man heute mit dem Einsatz aller Kräfte und der ganzen Machtstellung des
+Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
+einfache militairische Demonstration hätte vermieden werden können.--
+
+"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
+verwundert anblickte, "ich sage nicht, daß der Conflict zwischen dem
+sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
+früher oder später kommen müsse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
+reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
+sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
+sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht französische. Frankreich
+ist weder der vertragschließende Theil, noch garantirende Macht bei dem
+Prager Frieden. Geht Preußen über die Schranken hinweg, welche es sich
+selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muß es zunächst die Sache
+Oesterreichs und der Süddeutschen Staaten, das heißt, der in jenem Krieg
+Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
+so gestellt wird, wenn die Süddeutschen Staaten ihre Unabhängigkeit
+gegen Preußen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
+Verbündeten die strenge Aufrechthaltung der Verträge fordert, dann kann
+Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstützen und als
+Verbündeter der deutschen Staaten, als Verbündeter Oesterreichs gegen
+Preußen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, daß das deutsche
+Nationalgefühl sich nicht als ein mächtiger Verbündeter des Berliner
+Cabinets uns gegenüberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir
+noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er lächelnd, "obgleich ich
+mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
+Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
+Zeichen bemerkt, daß die Süddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
+geneigt wären, einen energischen Widerstand gegen Preußen zu machen."
+
+"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
+Kreisen vielfache Sympathien für Frankreich laut. Man erwartet von uns
+Hülfe und Beistand."
+
+"Um Hülfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muß
+man zunächst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestät nicht genug
+wiederholen, daß die höchste Gefahr in einem Krieg gegen Preußen darin
+liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
+um eine französische Frage. Mögen die Herren in München und in Stuttgart
+statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, mögen sie fest und
+frei auftreten, mögen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
+Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
+welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
+ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
+Conflict zu endlicher Lösung zu bringen, das heißt auch dann nur in dem
+Fall, daß Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
+ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
+wieder aufzunehmen."
+
+"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, daß
+Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluß fassen
+und ausführen wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
+Grundgedanke der österreichischen Regierung immer der, die deutsche
+Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
+betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne daß darüber etwas
+Bestimmtes stipulirt ist, für gesichert."
+
+"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
+kalt, "das Vertrauen Eurer Majestät zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
+Verträge vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
+Gegenwärtig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
+nicht einmal irgend eine faßbare Verhandlung zu existiren. Oder
+verzeihen Eure Majestät meine indiscrete Frage, die durch Ihre
+vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
+irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
+Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"
+
+"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
+"indessen die Bestimmung, die ich selbst persönlich bei dem Kaiser Franz
+Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
+Grammont über die dortigen Verhältnisse macht, lassen mich an einer
+activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
+"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
+aussprachen--dringend zu wünschen, daß der Kriegsfall nicht aus einer
+deutschen Frage genommen werde, da es für Oesterreich schwer sein würde,
+in einer solchen eine diplomatische Handhabe für seine Aktion zu
+finden, nachdem es in seine völlige Ausschließung aus Deutschland
+eingewilligt hat."
+
+Ein leichtes höhnisches, fast mitleidiges Lächeln glitt über Drouyn de
+L'huys' ernste Züge.
+
+"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
+der österreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
+vollständige cercle vitieux, das heißt mit andern Worten klar und ohne
+Rückhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
+das siegreiche Preußen niederwerfen, und dann will Oesterreich die große
+Gnade haben, mit uns die Früchte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
+rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
+in diesem Augenblick keinen Krieg führen! Wir müssen feste und starke
+Alliirte haben! Wir müssen des energischen Vorgehens der Süddeutschen
+Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
+bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiß
+sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
+kommen mir vor wie das Verhältniß eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
+Cour macht, ihr Bouquets überreicht, ihr die Taschentücher aufhebt, aber
+niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
+entscheidende Action beginnen, so muß vor allen Dingen mit Oesterreich
+eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
+allein kann verhindern, daß die ganze, so ungeheuer angewachsene
+preußische Militärmacht sich in mächtig concentrirten Vorstößen über den
+Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
+auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiß jede Verwickelung
+Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluß
+auf der pyrenäischen Halbinsel zu zerstören und Eurer Majestät Regierung
+die mächtige Stütze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
+bietet."
+
+"Und würden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
+zugehört hatte und auf den die Worte seines früheren Ministers einen
+tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die französische Politik
+nach den Grundsätzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
+und die große Action nachdrücklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
+die alte Höhe zurückführen soll?"
+
+"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
+Majestät und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
+diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
+Krieg zu denken. Ich würde Eurer Majestät rathen, zuerst die
+Verhältnisse im Innern zur vollständigen Abklärung zu bringen. Denn ich
+muß Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, daß so wie die Dinge
+jetzt liegen, auch ein nur vorübergehender Mißerfolg unserer Armee die
+bedenklichste und gefährlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
+kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
+Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
+Aeußerste zu wagen."
+
+"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
+der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
+militairischen Höhe. Man sagt mir allgemein, daß die Nation den Krieg
+will, und daß ein großer nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
+Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "daß Diejenigen, die dies Eurer
+Majestät sagen, sich täuschen. Ich habe seit meinem Rücktritt von den
+Geschäften meine Muße mit dem Studium der öconomischen Verhältnisse
+ausgefüllt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Präsidenten der
+großen Gesellschaft der Landwirthe zu erwählen, welche sich über ganz
+Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
+gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Präsident der
+Gesellschaft, welche die großen Grundbesitzer, wie die kleinen
+ländlichen Eigentümer und die Bauern umfaßt. Ich hatte Gelegenheit wie
+aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
+Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestät
+meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, daß das ganze Land, d.h. das
+Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
+lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
+Maßregeln Eurer Majestät eröffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
+Fluß zu bringen. Würde eine große Verwickelung in Deutschland entstehen,
+würde die unterdrückte Bevölkerung der Süddeutschen Staaten, würde
+Oesterreich die Hülfe Frankreichs gegen Verletzungen der öffentlichen
+Verträge anrufen, so würde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
+betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
+einzutreten. Würde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
+ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfälle eines
+Krieges stürzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
+Ueberzeugung aus, dann würde man vielleicht einiges chauvinistisches
+Geschrei auf den Boulevards hören, aber die ganze große Bevölkerung des
+Landes würde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiß und Arbeit erworbenen
+Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
+preisgegeben sehen."
+
+Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
+Schnurrbart.
+
+"Sie meinen also, daß die Consolidirung der innern Verhältnisse einer
+Action nach Außen vorhergehen müsse?" fragte er.
+
+"Ebenso gewiß," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
+Vorgehen an den Rückzug denken muß. Eure Majestät müssen sicher sein,"
+sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kühne
+Aufrichtigkeit--daß Sie nach einer immerhin möglichen Niederlage noch
+Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten können."
+
+Der Kaiser öffnete weit die Augen. Ein eigenthümlich durchdringender
+Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
+beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinüber, reichte ihm
+die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.
+
+"Ich danke Ihnen für dieses Wort, ich habe mich nicht getäuscht, als ich
+im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
+gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
+geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, daß die in's
+Schwanken gekommenen inneren Verhältnisse wieder befestigt werden
+müßten, so haben Sie auch gewiß Ihre bestimmte Ansicht darüber, in
+welcher Weise dies geschehen könnte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
+nach einer kleinen Pause fort, "früher den Rath gegeben, den
+kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
+Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
+will, daß mein Sohn im frühen Jünglingsalter zur Herrschaft berufen
+werde, diese Institutionen seinen Thron schützend umringen. Sie sehen,
+daß ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
+Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
+hervorgerufen."
+
+"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestät hierbei einen Fehler
+gemacht haben. Das heißt," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
+meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
+befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in ähnlichen
+Verhältnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
+Folgen gehabt hat."
+
+"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stützend
+und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinüber neigend.
+
+"Eure Majestät haben liberale Institutionen durch liberale Personen
+einführen lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
+welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
+niemals selbstständig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
+links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen öffentlichen Meinung
+in jedem Augenblick am meisten zusagen möchte. Es ist aber," fuhr er
+fort, "eine alte Regel der Staatskunst, daß man liberale Institutionen
+immer durch sehr feste und energische Männer einführen lassen muß, durch
+Männer, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
+Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
+freiern Bewegung die Zügel nicht aus den Händen verliert,--ebenso wie es
+auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
+gar reactionaire Maßregeln stets durch Persönlichkeiten ausführen zu
+lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Maßregeln das
+öffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
+nicht, wie Eurer Majestät bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
+ich, daß er der richtige Mann gewesen wäre, um die freiere Bewegung zu
+inauguriren, welche Eure Majestät dem Staatsleben haben geben
+wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fügte er mit leichtem Lächeln hinzu,
+"ganz der Mann sein würde, um etwa nothwendig werdende strenge Maßregeln
+durch ihn durchführen zu lassen."
+
+Der Kaiser hatte mit äußerster Aufmerksamkeit zugehört.
+
+"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
+darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
+betritt man eine schiefe Ebene, und es gehören starke Kräfte dazu, um
+dem zu schnellen Hingleiten nach der abschüssigen Bahn sich entgegen zu
+stemmen.--Die Männer aber, in deren Händen gegenwärtig die Gewalt der
+Regierung liegt, haben diese Kräfte nicht.
+
+"Sie meinen also," fuhr er fort, "daß um die freieren Grundsätze ohne
+Schaden für die Nationalität in das öffentliche Leben hineinwachsen zu
+lassen--"
+
+"Andere Männer nöthig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
+Männer, welche die öffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
+folgen."
+
+"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
+neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
+auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
+Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man könnte dadurch mit
+einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
+herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des öffentlichen
+Lebens geworden ist."
+
+Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Züge
+des Kaisers.
+
+"Und Sire," fragte er, "wie würde sich Graf Daru, wie würde sich Herr
+Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"
+
+"Das weiß ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
+fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der französischen Nation mehr
+als an Daru und Buffet."
+
+Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verständnisses den Kopf.
+
+"Und Ollivier?" fragte er dann.
+
+"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
+ganze Sache in seine Hände legen. Seine früheren parlamentarischen
+Stützen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
+Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
+festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurückzuziehen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
+Majestät entnehmen zu dürfen, daß Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
+den ich unter den augenblicklichen Verhältnissen nur als den richtigen
+anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
+erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
+Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schützen, so
+ist es gewiß richtig, diese Maßregeln durch Ollivier vorbereiten und
+ausführen zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
+Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zügel der Regierung in festere
+und kräftigere Hände zu legen, wobei indeß Herr Ollivier, der so
+unendlich leitungsfähig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
+wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
+eine wohl überlegte und verständige Vorbereitung einer großen
+militairischen Action wird denken können, welche die Consequenzen des
+Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein möchte."
+
+Der Kaiser erhob sich.
+
+"Und dann," sagte er, "dürfte ich auch darauf rechnen, daß mir Ihre
+Unterstützung nicht fehlen wird."
+
+"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
+bereit sein, Eurer Majestät meine Ideen, über welche ich reiflich
+nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
+dieselben acceptiren, auszuführen."
+
+"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
+verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
+guten Gedanken und Entschlüssen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
+meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
+derangiren, denn ich möchte sogleich nach den Tuilerien zurückkehren, um
+meine Entschlüsse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
+Ausführung zu bringen."
+
+Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
+mit dem General Favé ein und fuhr durch die Champs Elysés nach den
+Tuilerien zurück.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+
+In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstraße
+saßen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerückten
+Abendstunde eines dunklen und stürmischen Februartages zwei alte Herren
+in bequemen Lehnstühlen neben einem großen Tisch, der durch eine hohe
+Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.
+
+Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
+seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
+Eigenthümlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
+graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmäßig zugestutzt,
+und das bleiche kränkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
+zurückhaltenden und fast dienstlich gleichmäßigen Ausdruck, welcher den
+preußischen Officieren eigenthümlich ist. Die dunklen Augen blickten
+scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er saß grade
+aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
+der großen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
+hielt.
+
+Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Büchenfeld, welcher seit
+einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
+hatte und in sehr einschränkten Verhältnissen von seinem kleinen
+Vermögen und seiner Pension lebte.
+
+Neben ihm saß der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein großer
+Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
+Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein großes Haus
+zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
+bewegte.
+
+Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollständige
+Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
+Eleganz, welche das Bewußtsein einer unabhängigen Lebensstellung
+verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
+wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
+fast kahl, und der Blick seiner großen blauen Augen war zwar nicht ohne
+Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstände, auf die er
+sich richtete, nur leicht und oberflächlich zu streifen, und ließ
+Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
+wirklich mit den Gegenständen der Unterhaltungen beschäftigte oder ob
+seine Gedanken anderswo weilten.
+
+Herr von Rantow saß bequem zurückgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
+leicht mit den Fingern seiner vollen weißen Hand auf der Lehne
+desselben.
+
+"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
+einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk für dies
+Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
+Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fügte er seufzend
+hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
+Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
+Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthätigkeit fehlt mir
+überall, und mich dem geselligen Leben anzuschließen, dazu bin ich mit
+der Zeit zu steif und schwerfällig geworden."
+
+"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
+Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
+wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
+kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
+Bewegung im Freien Deine Kräfte wieder stärken."
+
+"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
+"Das ist mir unendlich erfreulich," fügte er hinzu, "doch begreife ich
+nicht, daß Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
+Wirthschaft entziehst."
+
+"Ich habe einen sehr tüchtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
+Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
+in die Ferne zu richten schien, "Du weißt, mein Sohn ist in seinem
+Staatsexamen begriffen, ich möchte das Resultat abwarten, um ihn dann
+gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
+zurücktreten, und ich wünsche, daß mein Sohn sich um diese Stelle
+bewerben möge;--wenn er dereinst meine Besitzungen übernimmt, so ist es
+sehr gut für ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
+angenehme und nützliche Thätigkeit, bedeutenden Einfluß und vielleicht
+die Aussicht auf eine große Carriere zu schaffen."
+
+"Du bist glücklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
+wehmüthigem Ton, "daß Du Deinem Sohn eine solche Perspective eröffnen
+kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
+hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
+Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichförmige und wenig fröhliche
+Bahn. Man zehrt seine Kräfte im Dienst auf und dann bringt man sein
+Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
+Hätte ich es mir recht überlegt oder wäre meine Frau am Leben
+geblieben,--vielleicht wäre es anders geworden. Sie wollte immer, daß
+unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
+Hand über die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
+hatte immer so große Freude an den Knöpfen der Uniform und den
+Epauletten und bat so dringend, daß er auch des Königs Rock tragen
+dürfe, daß ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muß
+den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, daß er mehr Glück und Freude auf
+demselben finden möge, als mir zu Theil geworden ist."
+
+"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
+phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgültigkeit auf seinem Gesicht
+einen Augenblick von einem wärmeren Gefühl verdrängt wurde, "Du darfst
+nicht vergessen, daß das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
+einförmigen Gang dafür aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
+verschont bleibt, die uns treffen und daß es doch auch schön ist," fügte
+er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drückend, "sich zuletzt sagen zu
+können, daß man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfüllt hat."
+
+"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
+"das ist Alles ganz schön, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
+Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfüllung
+und Entbehrung gebracht hat?"
+
+"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
+nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschränkten Zeit eines
+Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kräfte und Arbeit im
+militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied für Glied, Kette
+für Kette jene große gewaltige Macht, die Armee, die in den
+entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und für
+alle die Ideen, welche die geistige Thätigkeit erzeugt und entwickelt
+hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
+fünfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofür sie ihre Kräfte
+anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
+Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
+alter Freund, gehörst zu den Glücklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
+mit erlebt und mit durchgekämpft. Du wenigstens weißt, wofür Du gestrebt
+und gearbeitet hast."
+
+"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich lächelnd den
+Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
+Stein in einem großen Bau nicht bemerkt, er gehört doch auch mit zum
+Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, daß er seinen Platz ausfüllt.
+Ich wünsche nur, daß mein Sohn keine fünfzig Friedensjahre vor sich
+haben möge."
+
+"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
+leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
+in dieser Zeit eigentlich fortwährend zwischen Krieg und Frieden, und in
+den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
+andern Seite des Rheins herüber. Früher oder später müssen alle
+Conflicte, welche 1866 noch ungelöst geblieben, doch endlich wieder zum
+Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fügte er hinzu,
+"ich bin in verschiedenen großen Unternehmungen begriffen, welche einen
+vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich möchte einige neue Industrieen
+auf meinen Besitzungen einführen, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
+bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
+Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
+brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fügte er lächelnd
+hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."
+
+Der Oberstlieutenant schüttelte langsam den Kopf und blickte halb
+verwundert, halb mißbilligend zu seinem Freunde hinüber.
+
+"Du willst Consortien gründen?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen
+Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
+Deinen alten Besitzungen einzuführen?--Nimm es mir nicht übel, alter
+Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
+eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schön und
+in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glänzende
+Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
+nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
+gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es verträgt sich
+nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
+dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu häufen.
+Und außerdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
+werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
+werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
+können, wenn uns überhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
+Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
+Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."
+
+"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
+Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
+hinüberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
+beherrscht, ebenso wie es früher die körperliche Ueberlegenheit in den
+ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
+so muß er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Hände bringen.
+Sieh die große Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Höhe
+geblieben? Nur dadurch, daß sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
+nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
+gemäß fortwährend zu vergrößern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
+seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
+zugeben, daß auf die Dauer keine Familie sich auf der Höhe ihrer
+Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbedürfnissen entsprechenden
+Besitzes zu erhalten im Stande ist."
+
+Wieder schüttelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.
+
+"Der Besitz ist eine schöne Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
+allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich möchte fast
+der Meinung sein, daß die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
+erhält, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
+zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Gelübde der Armuth ablegen
+mußten."
+
+"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
+lächelnd. Dann fügte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
+Kinder, für die sie sorgen mußten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich hätte
+nur einen Sohn und er hätte für sein Leben genug an dem, was ich
+besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
+haben. Und ich möchte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
+den Kopf emporrichtend, "daß auch später Jeder, der den Namen Rantow
+führt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
+ich nun sehe, daß durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
+sich vier- bis fünfmal vergrößern kann, sollte ich da unthätig bleiben,
+ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
+entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast für verpflichtet halten
+muß?"
+
+"Wir werden uns nicht darüber verständigen," sagte der Oberstlieutenant.
+"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "würde mich niemals
+mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."
+
+Das Gespräch der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
+Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
+starken Fülle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
+geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
+früherer großer Schönheit zeigte.
+
+Die Dame begrüßte den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
+altmodischen Höflichkeit die Hand küßte, herzlich und nahm auf einem
+breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
+Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.
+
+"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
+wird eine sehr große Gesellschaft sich über uns bei dem Herrn
+Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
+leichten Lächeln fort, "daß man Alles aufgeboten hat, um ein recht
+großartiges Fest zu geben."
+
+"Wir werden die Nacht recht gestört werden," sagte der Baron, "von dem
+Lärm über unsern Köpfen. Nun," fügte er achselzuckend hinzu, "das ist
+immer noch besser, als wenn wir hätten hingehen müssen. Ich bin einen
+ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
+geblieben, um mein Unwohlsein recht natürlich vorzustellen, damit ich
+nicht genöthigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
+zwischen emporgekommenen Börsenspeculanten und einzelnen
+heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."
+
+"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
+Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
+der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Rücksichten auf sie zu
+nehmen."
+
+"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
+recht große Rücksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
+nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
+zusammenbringen soll, und der mit großem Eifer dabei ist, mir diese
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
+verletzen, ich nehme auch fortwährend die äußerste Rücksicht auf
+ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
+viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
+will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
+fuhr er lächelnd fort, "daß mein Sohn dem Fräulein Cohnheim den Hof
+macht, was er außerdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
+Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schönheit, dabei sehr
+gut erzogen und sehr fein gebildet."
+
+"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
+nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
+setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."
+
+"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
+Sessels trommelnd, "das wäre eine Sache, die sich überlegen ließe. Herr
+Cohnheim ist sehr reich, sein Vermögen wächst täglich und stündlich. Er
+wird nach kurzer Zeit sich auf die Höhe der ersten Matadore der
+Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
+einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
+Heirathen zu großem Glanz gebracht,--die Sache würde sich vielleicht
+arrangiren lassen."
+
+"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
+Oberstlieutenant. "Ich für meinen Theil, so arm ich bin, würde doch
+wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, daß mein Sohn sich durch eine
+Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
+meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch wäre mir jedes
+Mädchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
+zuführte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
+Gesellschaft durch ihre unnatürlichen Speculation aussaugen, denen jedes
+Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhäufen, mit diesen
+Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
+würde ich niemals meine Zustimmung geben."
+
+"Nun, lieber Büchenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich lächelnd,
+indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
+sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
+er Sie glauben machen möchte. Hüten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
+dem Finger drohend fort, "daß Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsätzen nicht
+in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzählt hat, seit er hier
+zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
+sehr fleißig und amüsirt sich sehr gut dort. Er wird gewiß auch heute
+hier beim Commerzienrath sein in gefährlicher Nähe der schönen Augen des
+Fräulein Cohnheim."
+
+"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
+amüsirt, doch bin ich vollkommen sicher, daß er an keine ernsthafte
+Liaison denkt, und daß er die Grundsätze, die ich vorhin ausgesprochen
+habe, vollkommen mit mir theilt."
+
+Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
+der Baronin von Rantow mit einer gleichgültigen Frage, welche die
+Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gesprächsthema nicht weiter zu
+behandeln.
+
+Inzwischen hörte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
+vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
+schwerfällig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage über der
+Wohnung des Barons ließ sich das Geräusch zahlreicher Schritte und das
+dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hören.
+
+Die weiten eleganten Räume des obern Stockwerks, welche der
+Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
+nicht geschmackloser, so doch etwas überladener Pracht ausgestattet
+waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
+Fenster waren überall durch schwere seidene Vorhänge verdeckt, der
+ziemlich große Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
+Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemälde an den
+Wänden waren durch darüber angebrachte Schirmlampen in das möglichst
+beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, daß der
+Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besaß, große
+Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
+guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Daß überall ein kleines
+Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
+wirklich vornehmen Geschmacks überschritt oder hinter derselben
+zurückblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
+nach einem letzten Blick über die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
+den ersten Salon begab, um die Gäste zu empfangen, die erst langsam und
+einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.
+
+Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
+Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
+fünfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
+über die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
+leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
+Züge, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
+aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspähenden
+Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, während um
+seinen Mund ein fast stereotypes Lächeln spielte, welches halb aus
+gutmüthigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefühl
+zusammengesetzt war.
+
+Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
+von blendender Weiße. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
+strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
+große Hemdknöpfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
+sich nicht hatte versagen können. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
+ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
+Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
+Spitzen den weißen Handschuh nicht vollständig ausfüllten, hielt er eine
+goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
+Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.
+
+Während er strahlend von liebenswürdiger Höflichkeit in dem ersten Salon
+seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienräthin mit
+ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
+Tanzsaals stieß, um dort die Begrüßung der Gäste zu empfangen.
+
+Frau Commerzienräthin Cohnheim war eine große hagere Gestalt mit
+ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
+jüdischer Schnitt in ihrem gegenwärtigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
+Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
+Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
+Blick ihrer großen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
+und ihre etwas dünnen, gewöhnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
+öffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gäste zu einem
+mehr oder weniger höflichen und verbindlichen Lächeln.
+
+In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
+ihre Tochter, ein junges Mädchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
+Fräulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
+zartestem weißem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
+übersäet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
+geschmückt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
+waren auch die einfachen natürlichen Blumen der schönste und passendste
+Schmuck für diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
+jener eigentümlichen orientalischen Schönheit überhaucht war, welche man
+gewöhnlich mehr in den Schöpfungen der Künstler, als in der Wirklichkeit
+findet. Der durchsichtige Teint des jungen Mädchen zeigte jenen
+eigentümlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
+des Südens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
+von bläulichem Phosphorschimmer übergossen.--Ihre großen dunklen Augen
+blickten wie träumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
+feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
+Lächeln.
+
+Die Säle füllten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
+Finanzwelt mit ihren Frauen und Töchtern--es kamen Geheimräthe trocken,
+steif und würdevoll mit mehr oder weniger dicht behängten Ordenskettchen
+im Knopfloch.
+
+Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und prüfend auf die
+Toiletten der Frauen und Töchter der Commerzien- und Commissionsräthe,
+indem sie durch ihren würdevollen und zurückhaltenden Ernst zu erkennen
+gaben, daß sie sich wohl bewußt seien, wie die Würde des Ranges und der
+Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas dürftigen Anzüge
+doch hoch über jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
+Damen erhebe.
+
+Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
+Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
+jungen Damen mischten und ihre Feldzugspläne für die Tänze des Abends
+feststellten.
+
+Der Commerzienrath war unerschöpflich in Liebenswürdigkeit beim Empfang
+seiner Gäste. Doch wußte er dabei mit unendlicher Schärfe und Feinheit
+die Nuancirungen seiner Höflichkeit jedem Eintretenden gegenüber genau
+abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begrüßte
+er die Geheimenräthe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
+einem kleinen ausländischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
+seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
+Scherzworten bis zur Thür des nächsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
+der Neueintretenden zurückzuwenden.
+
+Mit würdevoller Zurückhaltung begrüßte er die Mitglieder der Finanzwelt,
+deren Stellung an der Börse noch nicht fest begründet war. In tiefer
+Ehrerbietung verneigte er sich vor den großen Matadoren der Geldwelt;
+mit cordialer Herzlichkeit drückte er irgend einem rasch
+vorüberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
+die Hand.
+
+Mit fast fürstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
+Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu füllen, in feine Gesellschaften
+zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schützenden Mäcens klopfte er
+diesem oder jenem Künstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
+und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, daß der reiche
+Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.
+
+Die Säle waren schon stark gefüllt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
+präsentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme flüsternder Stimmen,
+welches sich stets beim ersten Beginn großer Gesellschaften vernehmen
+läßt erfüllte die Räume.
+
+Die Thüren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
+geblieben waren, öffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
+rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.
+
+Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld, der
+Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
+Hauses am Theetisch seines Freundes saß.
+
+Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
+Vater. Sein Gesicht war hübsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
+anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
+wohlwollende, gutmüthige und freundliche Lächeln, welches auf demselben
+lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
+gleichgültigen oberflächlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
+seinem Lächeln lag ein Zug hochmütigen Selbstbewußtseins, der ohne jene
+Beimischung von Gutmütigkeit und Herzlichkeit beinahe hätte unangenehm
+berühren können. Die ganze Haltung des mit äußerster Eleganz und
+höchster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
+leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsräume des Commerzienraths
+mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewußtsein
+hervorschimmerte, daß er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
+gebe, als empfange.
+
+In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
+durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
+zurückbleibend, der Lieutenant von Büchenfeld.
+
+Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
+und ritterlich, fast etwas starr, und die Züge seines magern, scharf
+geschnittenen bleichen Gesichts zeigten männliche Kraft, Muth und
+Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
+Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schön geformten, fest
+zusammengepreßten Mundes kräuselte sich ein leichter blonder
+Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und ließen aus
+ihrem eigentümlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, daß sie in
+einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.
+
+Der Commerzienrath drückte mit unendlich liebenswürdigem Lächeln dem
+jungen Baron von Rantow die Hand, während er zugleich mit freundlicher
+Höflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.
+
+"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, daß Ihr Herr
+Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
+verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fügte er hinzu,
+indem er seine lächelnden Züge fast mit Gewalt zu einem trüben Ausdruck
+zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."
+
+"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
+leicht degagirten Ton, indem sein Blick über den Commerzienrath hinweg
+nach dem andern Salon hinschweifte, "daß sie Ihrer Einladung nicht
+haben Folge leisten können. Doch ist mein Vater stark erkältet und meine
+Mutter, wie Sie begreifen können, wollte ihn nicht allein lassen."
+
+"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, daß Sie
+gekommen und daß ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
+sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fügte er hinzu, indem er den jungen Mann
+nach dem Tanzsaal hinführte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
+Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiß noch
+einen Tanz aufgehoben," fügte er dem jungen Mann auf die Schulter
+klopfend hinzu und verließ denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
+der Eingangsthür zurückwendend, ohne den Lieutenant von Büchenfeld
+weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
+Tanzsaal eintrat.
+
+Fräulein Cohnheim hatte während dieser Zeit neben ihrer Mutter
+gestanden, meist nur mit höflicher schweigender Verbeugung die Damen
+begrüßend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
+ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.
+
+Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
+von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend über die Gruppen hin, welche
+sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
+Büchenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
+Röthe über das Gesicht des jungen Mädchens. Ihr Blick leuchtete einen
+Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
+sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
+Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
+Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
+schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefüllten Saal,
+indem er hier und dort einen Bekannten begrüßte und trat in das Zimmer,
+in welchem die Commerzienräthin mit ihrer Tochter sich befand.
+
+Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
+Liebenswürdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
+Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fräulein Cohnheim.
+
+"Ich bin etwas spät gekommen, mein gnädiges Fräulein," sagte er.
+"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, daß
+Sie noch einen Tanz für mich frei haben?"
+
+"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Mädchen mit einem Blick auf die
+Tanzordnung, während ihre Mutter ziemlich kalt und oberflächlich die
+Begrüßung des Lieutenants von Büchenfeld erwiderte; "Alle meine Tänze
+sind besetzt."
+
+"Das ist ja ein wahres Unglück!" rief der junge Herr von Rantow, während
+er versuchte, den gleichgültigen Ausdruck von seinem Gesicht
+verschwinden zu lassen.--"ein Unglück," fügte er hinzu, "auf das ich
+übrigens hätte gefaßt sein müssen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
+gehabt hätte, daß Sie vielleicht die Güte haben würden mir einen Tanz zu
+reserviren."
+
+Die Commerzienräthin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.
+
+"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement für den
+Cotillon angenommen."
+
+"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
+glückliche Ueberraschung gemacht haben?"
+
+"Ich bin für den Cotillon versagt," erwiderte Fräulein Cohnheim ernst
+und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
+Officier hinüberflog.
+
+Dieser trat rasch heran und sprach:
+
+"Darf ich hoffen, daß Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
+mir auf dem letzten Ball für den nächsten Cotillon gegeben?"
+
+"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
+freundlichem Lächeln den Gruß des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
+sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
+Cotillon notirt."
+
+Ein strenger hochmütiger Blick der Commerzienräthin traf den Lieutenant
+von Büchenfeld. Wie mißbilligend schüttelte sie leicht den Kopf und
+wandte sich von ihrer Tochter ab, während der Referendarius von Rantow
+mit leichter Verbeugung zurücktrat.
+
+Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
+traten an. Der Tänzer des Fräulein Cohnheim erschien und führte die
+junge Dame in die Reihen.
+
+Herr von Rantow und der Lieutenant von Büchenfeld blieben einen
+Augenblick neben einander stehen.
+
+"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
+sein Blick über den Saal hinschweifte. "Das ist nicht hübsch von Dir,
+nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
+und ich möchte doch gern einmal länger mit ihr sprechen, um zu sehen,
+was denn eigentlich hinter diesem hübschen Gesicht steckt. Sie ist
+sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
+commerzienräthlichen Eltern nicht wären, es wäre am Ende keine üble
+Partie."
+
+Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Nähe
+stehende Paare.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
+flüchtig erröthet, er sah ihn mit einem eigenthümlich prüfenden Blick
+seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
+anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
+ihm vorbeischwebte.
+
+Während der Ball im großen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, während die
+ältern Damen theils an den Wänden des Tanzsaals, theils in den
+unmittelbar daran stoßenden Zimmern ihre Plätze einnahmen und sich in
+mehr oder weniger liebevollen Kritiken über die tanzenden Paare
+ergingen, bildeten sich in den entfernteren Räumen Gruppen der älteren
+Herren.
+
+Ein ziemlich starker Mann von etwa fünfzig Jahren mit vollem rothen
+Gesicht und rückwärts gekämmtem Haar stand lebhaft sprechend und
+gesticulirend in einem Kreise von fünf bis sechs anderen Herren, welche
+ihm aufmerksam zuhörten.
+
+"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag
+mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiß viel zur Einheit und
+Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
+es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
+Vereinigung mit den Südstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
+jetzt weiter entfernt als je vorher."
+
+"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast ängstlich magerer
+Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
+verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
+eigenthümliche, halb geheimnißvolle, halb überlegene Miene hatte, welche
+ein besonderes Kennzeichen der höhern preußischen Bureaukratie bildet.
+"Die Verträge, welche in militairischen Beziehungen mit den süddeutschen
+Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
+der Stunde der Gefahr gewiß bewähren würde. Und gerade in Bayern, dem
+mächtigsten der süddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
+deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Könige ganz besonders
+begünstigt wird. Wir haben darüber," fügte er mit einer etwas gedämpften
+Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende
+Berichte."
+
+"Ihre Berichte mögen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"
+erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn
+gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
+katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluß an den
+Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man täuscht sich
+hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
+anschlägt. Ich bin vor Kurzem in München gewesen und habe Gelegenheit
+gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
+denen ich in Geschäftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
+Kreisen gehören. Der König, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
+deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
+bayerische Gefühle, und die ultramontane Partei übt einen großen Einfluß
+auf ihn aus, da sie ihn bei der religiösen Seite zu fassen versteht."
+
+"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, daß die
+ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
+deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekämpfen.
+Außerdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei für ein Interesse
+haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preußen nicht
+schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
+katholischen Ländern, und sie würden sich selbst schaden, wenn sie sich
+im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."
+
+"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine
+vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
+Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigänger dieses Dogmas sprechen
+es ganz offen aus, daß sie einen Kampf mit der preußischen Staatsgewalt
+voraussehen und daß sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenüber
+in Bayern einen Mittelpunkt für den deutschen Katholicismus bilden
+müssen."
+
+"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, daß man
+dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
+viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer für
+unfehlbar gegolten, und schließlich ist ja jede oberste Instanz in jeder
+menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
+Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
+Nationalität wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
+auch nach dieser neuen Façon selig werden lassen."
+
+"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der
+Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewöhnliche Fehler der
+Herren am grünen Tisch, daß sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
+wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinländer," fuhr er fort,
+"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
+Autorität in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
+nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
+daß eine fremde ausländische Autorität über die Angelegenheiten unserer
+deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
+es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
+wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
+Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwächst allerdings eine Macht,
+mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
+Unfehlbarkeit in Glaubenssachen könnten wir uns allenfalls gefallen
+lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
+Bischof wäre. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
+italienischer Kirchenfürst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
+seine Politik macht, und es könnten denn doch Verhältnisse eintreten, in
+welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
+Deutschland sehr wenig genehm sein möchten."
+
+"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Lächeln, "ich
+glaube, wir können es ruhig abwarten."
+
+"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,
+sondern träfen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage später ein Conflict
+entsteht, ohne daß man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
+dürsten die Consequenzen sehr fatal werden."
+
+"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor
+Brandt, ein großer Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
+gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
+Intelligenz ausdrückte, obwohl die Augen von einer großen gläsernen
+Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
+ich wundere mich, daß man sich in maßgebenden Kreisen so wenig mit
+solchen Fragen zu beschäftigen scheint, welche da am Horizont der
+Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick müßte man
+zugreifen, um die Unabhängigkeit von Rom, um welche die deutschen
+Bischöfe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
+durchzusetzen. Alle deutschen Bischöfe, der so geistvolle und energische
+Kettler an der Spitze machten die größten Anstrengungen gegen die
+Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fürst von Hohenlohe hat
+die katholischen Mächte schon vor längerer Zeit aufgefordert, gegen das
+von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
+müßte man eingreifen. Würde die staatliche Autorität jetzt den Bischöfen
+die Hand reichen, es ließe sich da vielleicht etwas Großes erreichen,
+und vielleicht ließe sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
+Mittelalter erstrebte Unabhängigkeit der deutschen Kirche von Rom
+herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
+Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit
+energisch handeln. Die Herstellung eines vollständig geeinigten
+Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
+Reich und die Autorität der Kaiser keinen gefährlicheren Feind gehabt
+hat als die römische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
+wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
+den alten Gegner sich gegenüberstellen sehen. Wenn man die Bischöfe
+jetzt im Stich läßt, wenn ihnen die Staatsautorität nicht zu Hülfe
+kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird später sehr schwer
+sein, sie wieder von Rom zu trennen."
+
+"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
+Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schön. Wir
+haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
+und viele Rücksichten zu nehmen, welche man außerhalb der eingeweihten
+Kreise nicht immer vollständig zu würdigen versteht."
+
+"Rücksichten? Rücksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Rücksichten ist
+noch niemals etwas Großes geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
+des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
+Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
+ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
+Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spät sein."
+
+Freundlich lächelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.
+
+"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als wären sie im
+Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
+Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fügte er hinzu, "dort im
+letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
+ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
+Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fügte er hinzu,
+"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
+gute Cigarre erschwingen können."
+
+"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der
+Geheimrath mit einem sauer-süßen Lächeln, "was sollen wir dann sagen,
+die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
+können."
+
+"Dafür aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
+Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluß!"
+
+Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
+ausdrückte, daß Ehre und Einfluß ihm nicht vollwichtige Aequivalente für
+die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
+Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.
+
+"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem
+Bankdirector, während der Professor zu einem großen Tisch trat und eins
+der darauf ausgebreiteten Albums öffnete, "ein Freund von mir, der Baron
+von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
+Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung große
+Capitalkräfte nöthig sind, die dann allerdings aber auch eine große
+Rentabilität verspricht. Ich beschäftige mich diesen Augenblick damit,
+ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich
+glaube, daß es ein vortreffliches Geschäft für Ihre Bank wäre, sich
+dabei zu betheiligen."
+
+Er ergriff den Arm des Bankdirectors, führte ihn zu einem in der Ecke
+des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein längeres
+und eingehenderes Gespräch.
+
+Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
+feierlich und würdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
+tanzte unermüdlich, die Locken der Damen begannen sich zu lösen, die
+Blumen begannen allmälig zu welken und die älteren Damen an den Wänden
+des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch trübe und
+theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kämpfend in das Treiben vor
+ihnen.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
+mit vielen älteren Damen unterhalten und sich dann neben die
+Commerzienräthin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
+sprach, und welche mit der liebenswürdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhörte.
+
+Der Lieutenant von Büchenfeld war still und ruhig an der Thür des
+Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmüthigen, fast
+traurigen Ausdruck blickte er über die bunte Gesellschaft hin, und nur
+zuweilen leuchtete sein Auge höher auf, wenn er dem Blick der Tochter
+des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
+Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinüber sah.
+
+Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
+nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht müde, hin-
+und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gäste auf irgend eine
+Schüssel des vortrefflich bestellten Büffets aufmerksam zu machen, oder
+einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
+besonders empfohlenen Weins zu serviren.
+
+Fräulein Cohnheim war auch hier wieder von einem großen Kreise junger
+Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen flüchtigen fragenden
+Blick auf den jungen Officier, aber dieser näherte sich ihr nicht,
+sondern blieb in der Nähe des Büffets und nahm nur mit wenigen kurzen
+Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
+Plätze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.
+
+Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
+Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
+begaben sich in den Tanzsalon.
+
+Fräulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thüre des
+Speisezimmers genähert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
+Lieutenant von Büchenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
+die Hand und führte sie zu zwei Stühlen, welche ein wenig abseits unter
+einer Decoration von grünen Gewächsen standen.
+
+Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.
+
+"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Büchenfeld,"
+sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
+Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
+Souper von unserm Kreise zurückgezogen, oder haben Sie--" fügte sie, die
+Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
+Etwas übel genommen?"
+
+"Wie könnte ich das," erwiderte Herr von Büchenfeld, indem sein Blick
+tief und innig auf dem Antlitz des jungen Mädchens ruhte, welches die
+leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schöner erscheinen
+ließ. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin
+verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft
+traurig--und fast wünschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."
+
+"Und warum das?" fragte Fräulein Cohnheim, ihre großen Augen treuherzig
+zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
+sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu trösten. Ich wüßte
+übrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig
+machen könnte."
+
+"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Büchenfeld, indem er ihr fest
+und grade in die Augen sah, "so muß mich das eigentlich noch trauriger
+machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem
+fröhlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
+von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Träume, um viele
+Hoffnungen ärmer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
+eingezogen wären."
+
+Das junge Mädchen neigte erröthend den Kopf und schwieg einige
+Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
+hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
+einer festen, aber zugleich weichen und dabei zärtlichen Stimme.
+
+"Warum sollten Träume, warum sollten Hoffnungen unglücklich machen?
+Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schöne Hoffnung
+sich erfüllt, das ist ja das beste Glück, das uns auf Erden zu Theil
+werden kann."
+
+Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.
+
+"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fräulein Anna," sagte er mit lebhafter
+Bewegung, "sollten mich überglücklich machen und dennoch--dennoch--"
+fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfüllung meiner
+Hoffnungen, an die schöne Wirklichkeit meiner Träume nicht glauben."
+
+Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.
+
+"Fräulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluß folgend, "es
+muß klar werden durch die trüben Nebel, welche mein Herz bedrücken, denn
+die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
+Dämmerung widersprechender Gefühle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
+und ohne Rückhalt zu sagen, was mein Herz bedrückt?"
+
+Abermals schlug sie erröthend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
+durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
+dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurück, ein
+rascher Blick glitt über den Saal über die Tanzenden hin, und sie sagte
+mit herzlichem Ton:
+
+"Können Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"
+
+"Nun, Fräulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinüberneigend,
+"Sie müssen es bemerkt haben, daß, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
+Ihnen entgegengeflogen ist, daß mein Fühlen, mein Denken, mein ganzes
+Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie müssen
+bemerkt haben, daß ich Sie liebe, und daß diese Liebe immer mächtiger
+mich durchdringt und erfüllt, je länger ich mich in Ihrer Nähe bewegt
+habe."
+
+"Ich habe es bemerkt," flüsterte sie fast unhörbar, indem ein feucht
+schimmernder Blick ihrer großen Augen deutlich die unausgesprochene
+Frage ausdrückte, "und ist das denn ein so großes Unglück?"
+
+Herr von Büchenfeld hörte die leise geflüsterten Worte. Er sah diesen
+Blick und verstand die stumme Frage.
+
+"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe wäre das höchste Glück,
+wenn sie die Hoffnung haben könnte, Erwiderung zu finden--"
+
+Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.
+
+Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
+Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
+wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Züge--er fuhr fort:
+
+--"und wenn die Verhältnisse für diese Liebe eine glückliche Zukunft
+unmöglich machten, Fräulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als
+begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine
+Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thätigkeit, auf einer langjährigen
+mühevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
+Lage sein, an die Gründung einer Häuslichkeit zu denken, dem Wesen, das
+ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem
+brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme für
+mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
+ich von Ihnen erwarten, daß Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
+unsichern Erfolg meiner Thätigkeit, meines Ringens und Strebens zu
+erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein könnte eine
+zerstörte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich würde
+vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
+Lebens zerstört sehen müßte, das so reich berechtigt ist zu Freude und
+Glück. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
+während sie ihn fortwährend mit ihren großen Augen fest ansah, "darum
+ist es besser, ich reiße mich jetzt kraftvoll von allen jenen Träumen
+los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach
+er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch glücklich
+machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
+unerreichbar hoch über uns schwebt, mein Leben verklären."
+
+Anna hatte ernst und unbeweglich zugehört; als er schwieg, leuchtete ihr
+Blick höher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
+legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
+ein wenig zu dem jungen Officier hinüberneigte, sprach sie mit leiser
+Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.
+
+"Sie irren sich, Herr von Büchenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich
+kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast
+befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
+gesagt habe, dürfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie dürfen mich nicht
+allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
+so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
+nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
+Glanz verloren haben."
+
+"Fräulein Anna," sagte er, mühsam seine Erregung unterdrückend, "solche
+Worte sollten mich auf die höchste Höhe der Glückseligkeit erheben. Aber
+mein Gott," sagte er, die Hände in einander faltend, "es ist ja nicht
+möglich."
+
+"Nicht möglich," sagte sie sanft, "warum nicht möglich? Haben wir
+nöthig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwöre Ihnen,"
+fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
+umgeben ist, ist mir immer gleichgültig gewesen.--Aber in diesem
+Augenblick danke ich Gott, daß mein Vater reich ist, denn dadurch sind
+wir über die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glück unserer Liebe
+abhängig von den Zufälligkeiten dieses Lebens zu machen."
+
+Herr von Büchenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Mädchen
+mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.
+
+"Und würden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit mühsam gedämpfter
+Stimme, "würden Sie, Fräulein Anna, einen Mann lieben können, würden Sie
+einem Mann Ihr Leben anvertrauen können, der seine Existenz, seine
+Stellung in der Welt auf das Vermögen seiner Frau begründet?--Ich," fuhr
+er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich würde eine solche Stellung
+nicht annehmen, nicht um den Preis des höchsten Glückes."
+
+"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen
+_vereinigt_, jenen elenden Besitz der äußeren Güter des Lebens
+_theilen_? Wenn liebende Herzen das Höchste und Göttlichste im
+Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
+untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
+Andern gehören? Muß ich Sie bitten," fügte sie mit einem wunderbar
+weichen, fast demüthig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muß ich
+Sie bitten, mir zu verzeihen, daß mein Vater reich ist?"
+
+"Mein Gott, Fräulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige
+Glück, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fügte er dumpf
+hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
+darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
+fort, "daß, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenüber beugen könnte, glauben
+Sie, daß Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"
+sagte er bitter, "wohl als Staffage für seine Gesellschaftssalons
+benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen würde?"
+
+"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
+Blick hell aufleuchtete, "daß ich nicht die Kraft und den Muth haben
+würde, auch für meinen Willen und mein Glück zu kämpfen?"
+
+Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
+reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
+vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
+Höhepunkt seines Interesses für die junge Welt, während die älteren
+Herren nur noch mühsam und gezwungen ihre Gespräche fortsetzten, und die
+Mütter an den Wänden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
+Unbeweglichkeit gleichgültig und starr auf die Touren des Cotillons
+hinblickten.
+
+Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
+trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
+und Rosenknospen und brachte es der schönen Tochter des Hauses.
+
+Als Fräulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurückkehrte, sprach
+der Lieutenant von Büchenfeld, welcher mit finstern Blicken die
+tanzenden Paare verfolgt hatte:
+
+"Sehen Sie, Fräulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
+Sie drängen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
+unendlich weit über mir stehen müssen. Und auch Sie," fuhr er leise
+fort, "werden endlich unter allen diesen glänzenden jungen Leuten,
+welche Sie umschwärmen, mich vergessen müssen, da ich ja mit jenen Allen
+den Vergleich nicht aushalten kann."
+
+Sie blickte ihn einen Augenblick groß und sinnend an, dann schüttelte
+sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
+kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.
+
+"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen
+gebe, so möchte ich Alles, was mir das Leben an Blüthen bietet, nur dazu
+benutzen, um Ihnen Freude zu machen."
+
+Er nahm die kleinen Blumen und drückte sie wie begeistert an seine
+Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
+folgenden Touren des Cotillon wurde Fräulein Cohnheim als die gefeierte
+Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, daß ein ruhiges
+Gespräch nicht mehr möglich war.
+
+Der Tanz war zu Ende. Langsam führte Herr von Büchenfeld Fräulein
+Cohnheim zu ihrer Mutter zurück. Als sie am Ende des Saales angekommen
+waren, hielt das junge Mädchen ihn durch einen festen und energischen
+Druck ihrer Hand zurück.
+
+Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinüber, und
+indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos lächelnden Ausdruck leichter
+Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
+seinigen tauchten.
+
+"Ich will nicht, daß unser Gespräch zu Ende sei, Herr von Büchenfeld.
+Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
+Sie dieselben täglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, daß Sie
+nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
+Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
+ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, wäre es nicht
+ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
+Ihnen unmöglich. Ich habe Ihnen das höchste Vertrauen bewiesen, das man
+einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
+Zukunft zu haben."
+
+Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
+angelangt, stumm gegen ihren Tänzer, der sich, ohne eines Wortes mächtig
+zu sein, zurückzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
+Gedanken versunken, die Gesellschaftsräume verließ.
+
+Allmälig empfahlen sich die Gäste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
+sich noch längere Zeit mit der Commerzienräthin und ihrer Tochter. Und
+als er endlich Abschied nahm, führte der Commerzienrath ihn vertraulich
+bis zur äußeren Thür und flüsterte ihm zu:
+
+"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, daß ich für unsere Unternehmung thätig
+gewesen bin, und daß ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschäfte machen,"
+fügte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr künftiges Erbe, mein lieber Baron,
+wird sich um das Dreißig- und Vierzigfache vermehren."
+
+Als die Räume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
+Frau und zu seiner Tochter.
+
+"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnügt die Hände reibend,
+"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fügte er
+vergnügt lächelnd hinzu, "ein gutes Geschäft gemacht.--Der Baron von
+Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
+gute Familie, es freut mich sehr, daß wir mit ihnen in diesem Hause
+zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer näher mit einander bekannt
+werden," fügte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.
+
+"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienräthin, indem sie die
+schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glättete, "ich begreife
+nicht, daß Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen können, um
+ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
+mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
+zerstreuten Ton.
+
+"Herr von Büchenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
+ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fügte sie in
+demselben Ton hinzu.
+
+"Du hättest eine kleine Ausrede machen können," sagte ihre Mutter. "Du
+hast wirklich nicht nöthig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
+tanzen. Ich wünsche, daß Du künftig mehr Rücksicht auf unsere Stellung
+und unsere Beziehungen nimmst."
+
+Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie
+Etwas erwidern, doch unterdrückte sie ihre Antwort, sie wünschte ihren
+Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurück.
+
+Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zündete eine jener
+Regaliacigarren an, die er seinen Gästen vorhin so dringend empfohlen
+hatte, und Beide unterhielten sich noch längere Zeit über die
+verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, während die Lakaien in
+den übrigen Zimmern die Gasflammen auslöschten.
+
+
+
+
+Fünftes Capitel.
+
+
+Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
+und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
+auf und nieder. Sein sorgfältig frisirtes Haar war ein wenig dünner und
+ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner großen schlanken
+Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticität und Frische. Sein
+bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
+schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht berührt worden zu sein; nur
+das leicht ironische Lächeln seines seinen, etwas seitwärts gezogenen
+Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiß als früher.
+
+Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
+und blickte von Zeit zu Zeit kopfschüttelnd auf die große und deutliche
+Schrift welche das Papier bedeckte.
+
+"Die Katastrophe," sagte er, an einem der großen Fenster stehen
+bleibend und sinnend in die trübe Nebelluft hinausblickend, in welcher
+einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
+fast vier Jahren wie eine Wetterwolke über Europa hängt, scheint sich
+dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwürdig," fuhr er fort,
+"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preußen, sie betrachten
+mich fortwährend als den geheimen Ruhestörer des europäischen Friedens,
+und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
+überall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
+zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
+erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
+unermüdlichste und eifrigste Wächter des Friedens in Europa, denn ich
+bedarf den Frieden für mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
+arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
+kriegerischen Anstoß ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, würde
+zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fügte er seufzend hinzu,
+"würde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
+Entwickelung dessen, was ich begonnen, von außen her gestört würde, und
+selbst im Fall des Sieges würde nicht ich es sein, der die Früchte
+desselben pflückte. Jeder Krieg, der in Europa ausbräche, würde die
+Leitung der österreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Hände
+Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
+Ungarn, und um einer großen politischen Action diese Kraft zu sichern,
+würden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
+Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zügel aus
+den Händen zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
+Factoren treiben dort ihr Spiel--
+
+--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
+durchblätternd fort, "dieser General Türr mit seiner Coalitionsidee im
+Gange, und es scheint in der That, daß Napoleon oder Diejenigen, welche
+seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
+unruhigen Thätigkeit dieses Generals steht.--Diese unzünftigen
+Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
+können, von Zeit zu Zeit mit übereifrigen Händen in das seine Gewebe der
+politischen Fäden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz für die wahre
+Staatskunst, welche nach vernünftigen Plänen ihre Ziele verfolgt. Sie
+können es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
+vorzeitige Früchte von den halb angewachsen Bäumen pflücken."
+
+Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurück und setzte sich in den
+einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.
+
+"Die Idee einer innigen Annäherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
+Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
+Nothwendigkeit betont, in eine französische Alliance, wenn sie wirksam
+sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich könnte einer solchen
+Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
+würde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
+mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
+für die Verhältnisse der Zukunft zu machen. Aber man muß nur nicht
+glauben, daß die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
+mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
+fällt dieser General Türr mit dem Säbel in die Diplomatie hinein und
+will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
+Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kräften in's
+Feld rücken, um vielleicht von Neuem in einer übereilten Action Alles
+das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfällen von 1866
+noch übrig geblieben ist."
+
+Er blickte abermals auf den Bericht.
+
+"Wohlwollende Neutralität Italiens," sprach er, "militairische
+Hülfeleistung für den Fall, daß Rußland activ in die Ereignisse
+eingreifen sollte.--Und dafür die italienisch redenden Districte
+Tyrols.--Das klingt sehr schön. Das Opfer wäre nicht zu schwer für die
+Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
+einmal Italien gegenüber das nationale Princip anerkannt worden ist.
+Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
+Basis für eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
+werden würde. Der König Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
+bedeutet die Billigung des Königs bei den gegenwärtigen Zuständen in
+Italien. Würde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
+unterzeichnet--wer bürgt dafür, daß im Augenblick des Handelns das
+italienische Volk die Abmachung seines Königs gut heißt. Wer bürgt
+dafür, daß nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
+Vorgänger abgemacht haben, daß im Augenblick einer besonders
+gefährlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
+sich unter gewaltigen und mächtigen Feinden isolirt sieht--"
+
+"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
+gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Größe und zur Macht
+zurückführen, aber ich muß es erst innerlich gesund machen und darf es
+in die Gefahren auswärtiger Verwickelungen erst dann stürzen, wenn seine
+innere eigene Kraft vollständig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
+Erfolges sicher bin, denn jeder unglückliche Ausgang einer
+militairischen Action würde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
+meines Werkes sein."
+
+Er warf den Bericht auf den Tisch.
+
+"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
+es unternommen, die kaiserliche Autorität an die Zunge der Wage zu
+stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
+Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
+wäre, würde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen müssen, denn
+niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preußen oder
+Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stützen können. Wie man
+aber in Ungarn ein solches Verhältniß benutzen und ausbeuten würde,
+dafür spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
+achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Präsidentschaft angetragen."
+
+Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
+durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
+Schlußworte:
+
+"Und doch spreche ich es aus, daß ich für den Fall, daß noch vor der
+Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
+Rumpelkammer des überlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
+in meinem Leben das Ereigniß eintreten sollte, daß ein europäischer
+Sturm vom Haupte des Kaiser-Königs Franz Joseph die österreichische
+Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
+und gegenüber dem plötzlich zum König von Ungarn reducirten Franz Joseph
+das Band der Unterthanentreue annehmen würde."
+
+"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
+stützend, "sind eine deutliche Mahnung für mich, ein deutliches Zeichen
+für das, was in Ungarn geschehen würde, wenn Oesterreich vorzeitig und
+unvorsichtig sich in eine europäische Action verwickeln sollte. Für den
+König von Ungarn würden sie kämpfen, diese Magyaren, aber nicht für den
+Kaiser von Oesterreich!----Für den Augenblick beherrscht die Partei des
+Ausgleichs das öffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
+was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
+pactirt, würde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
+Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stützen müßte. Die große Mehrzahl des
+Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und würde in einem
+solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
+Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
+welchem wir ihr Gelegenheit geben möchten, Rache zu nehmen für die
+Vergangenheit--für eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
+Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
+Macht heraufbeschwören ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
+Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
+werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwürdigen
+österreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
+Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfüllen, und ich werde alle
+meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.
+
+"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
+fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kräftig und schlagfertig
+ist, wenn die reichen Hülfsquellen seines öconomischen Lebens sich
+geöffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
+Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
+versuchen, wieder in die Arena der großen Kämpfe der europäischen Mächte
+hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
+erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
+von mir soll man nicht sagen, daß ich das Land, welches mir, dem Fremden
+so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke übergeben hat, in die
+unheilvollen Zufälligkeiten einer unreifen Action gestürzt hätte."
+
+Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.
+
+Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
+Sectionschef, Baron Hoffmann.
+
+Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
+Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
+verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswärtigen
+Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
+Reichskanzlers Platz.
+
+Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
+Schreibtisch gelegt und sagte.
+
+"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, daß er der
+unruhigen und unklaren Thätigkeit des Generals Türr gegenüber die
+äußerste Zurückhaltung beobachten möge, ohne indessen irgend wie die
+Idee einer immer enger zu knüpfenden Coalition zwischen Frankreich,
+Oesterreich und Italien zurückzuweisen. Es wäre mir sogar lieb," fuhr er
+fort, "wenn diese Negotiation--doch in möglichst unbestimmter Form sich
+lange hinzöge.--Sie gäbe uns immerhin eine zweckmäßige Handhabe für
+unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
+wie der General sie herstellen möchte, mir unerreichbar scheint, auch
+für uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so könnte
+doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet würde,
+dahin führen, daß die freundschaftliche Annäherung an Italien, welche
+ich so sehr wünsche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
+versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt würde.--Der Fürst
+Metternich soll sich besonders hüten, über die von dem General Türr
+formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeußerung zu machen. Erst
+muß die allgemeine Annäherung und Verständigung kommen, später wird es
+dann vielleicht möglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
+Allianceverträge einzugehen. Vor Allem aber wird es dann nöthig sein,
+zunächst Fühlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
+weit unsere Allianceverträge die Zustimmung der dort herrschenden
+Parteien finden könnten. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß Victor
+Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und daß ein mit ihm
+persönlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben könnte."
+
+"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "daß eine wirklich aktive
+Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majorität der dortigen
+Parteien jemals zu rechnen habe. Man fühlt in Italien ganz genau, daß
+man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preußen erreicht
+hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, daß man
+nur unter dem ferneren Beistand Preußens an das Endziel des betretenen
+Weges gelangen, das heißt von Florenz nach Rom würde gehen können. Die
+Stimme der öffentlichen Meinung," fuhr er fort, "läßt darüber keinen
+Zweifel, und ich glaube, daß trotz aller Verträge, welche das
+italienische Cabinet etwa schließen könnte, im Augenblick einer
+europäischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
+wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
+ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
+Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Verträge
+geschehen ist."
+
+"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
+Nachdenken, "daß die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
+freundlichen Verständigung und einem nähern Verhältniß zu gelangen,
+niemals zur Ausführung gekommen sind. Wir bedürfen der Freundschaft
+Italiens, wir bedürfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
+Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die unglücklichen Actionspläne
+des Generals Türr einzugehen, das wäre unverzeihlich für einen
+österreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
+Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenüber
+acceptiren; doch glaube ich nicht, daß Kaiser Napoleon ernstlich daran
+denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwören, nachdem er viel
+passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel größere Chancen des
+Erfolges zur Seite standen, hat vorübergehen lassen. Ich bitte Sie also
+noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
+mitzutheilen.--Doch muß die ganze Sache mit großer Vorsicht und mit
+unendlicher Schonung aller persönlichen Empfindlichkeiten behandelt
+werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
+auch der General Türr darf in keiner Weise unangenehm berührt werden. Er
+ist uns in Ungarn sehr nützlich gewesen, und könnte uns jedenfalls unter
+Umständen viel schaden."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich.
+
+"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."
+
+Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.
+
+"Ich muß um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
+sich in verschiedenen Blättern findet und über einen Vorfall in München
+berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
+Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der König
+Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsräthe zur Hoftafel
+befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
+großdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die für die
+Mißtrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
+versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
+berichten, eigentümliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
+Fürst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
+des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
+von Thüngen lebhaft besprochen haben."
+
+"Unterhaltungen bei einem Diner können nun allerdings nicht gerade auf
+die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
+Demonstratives.--Die Presse faßt ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
+in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
+mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
+Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhält.--
+
+"Ich glaube nicht, daß es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
+vorsichtig zurückhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
+Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
+im Augenblick, in welchem der König demselben einen Beweis seines
+Vertrauens giebt."
+
+Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
+Unmuths.
+
+"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
+den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
+fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stößt
+man fortwährend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
+äußersten Mühe die Wolken des Mißtrauens vom politischen Horizont
+verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
+hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Pläne nicht
+verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
+persönliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das mühsam
+aufrecht erhaltene gute Verhältniß mit Preußen getrübt, und man wird in
+Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn für eine solche Handlung des
+offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
+mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
+fort, "Ingelheim wieder in Aktivität zu setzen. Er ist ein braver Mann,
+aber das genügt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
+er vollständig in den Händen der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
+"die Sache ist mir nach Preußen hin noch weniger unangenehm, als für die
+Beziehungen zu Baiern selbst. Der König Ludwig wird auf's Tiefste
+verletzt sein, und doch ist es für uns von größter Wichtigkeit, gerade
+in München festen Fuß zu behalten, und das Vertrauen des Königs nicht zu
+verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
+Grafen Ingelheim ihn gerade in plötzlicher Aufwallung von uns völlig
+entfremden, und wenn man diese Verhältnisse und Stimmungen von Berlin
+aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
+Arme treiben.
+
+"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
+eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick über
+denselben gleiten ließ, "als----ich habe da eine merkwürdige Mittheilung
+auf privatem Wege erhalten über Vorgänge in der königlichen Familie.--
+
+"Sie wissen," sagte er, daß die klerikale Partei ganz besondere
+Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemüht ist,
+demselben einen möglichst großen Einfluß auf die Staatsgeschäfte zu
+sichern. Es soll nun im Schooß der königlichen Familie ein
+Project ernstlich ventilirt sein, den König Ludwig durch einen
+Regierungsbeschluß unfähig erklären zu lassen. Prinz Otto, der ohne
+politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persönliche Vortheile
+bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdrücklich zu
+verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
+von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Königin die ganze Sache
+eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stürmischen Scenen
+gekommen, welche zur öffentlichen Kenntniß freilich nur durch eine
+königliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
+Söhnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
+dispensirt.--
+
+"Die ganze Sache ist etwas mysteriös und fabelhaft," sprach er weiter,
+"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
+nicht absolut zuverlässig. Dennoch aber ist so viel gewiß, daß die
+Prinzen mit den Führern der klerikalen particularistischen Opposition in
+intimen Verbindungen stehen, und daß der König über diese Opposition
+sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
+Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
+Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir müssen
+darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
+gut zu machen--
+
+"Zunächst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
+Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
+darüber nachdenken.--Ich glaube, daß ein anderer Vertreter in München
+nothwendig werden wird. Wir können doch wahrlich nicht am Münchener Hof
+klerikale Politik machen, während wir hier in Oesterreich damit
+beschäftigt sind, den Einfluß der römischen Hierarchie auf die
+Entwickelung des Staatslebens zu brechen."
+
+Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.
+
+Graf Beust erhob sich.
+
+"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
+"Vielleicht können Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
+nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
+verlassen, trat der französische Botschafter ein.
+
+Der Herzog von Grammont war ruhig und lächelnd wie immer. Sein feines,
+fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
+gleichgültig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswärts
+gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstörbarer Freundlichkeit
+und Höflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
+ungeachtet nicht ohne Anmuth war, näherte er sich dem Reichskanzler, der
+ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und ließ sich neben dem
+Schreibtisch nieder.
+
+"Erlauben Sie zunächst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "daß ich
+Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche über die unruhigen
+Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
+den Kaiser schmerzlich berührt haben müssen. Ich darf zugleich meiner
+Freude darüber Ausdruck geben, daß jene Bewegungen,--wie ich allerdings
+schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
+vollständig beendet sind. Fürst Metternich hat mir berichtet, mit
+welcher Sicherheit, Würde und Mäßigung die Regierung verfahren ist, und
+ganz Europa muß dem Kaiser Dank wissen, daß er mit so fester und
+geschickter Hand die gährenden Elemente niederzuhalten versteht."
+
+"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
+leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
+die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniß
+von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
+Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kräftig genug, um ohne
+Erschütterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
+welche der Kaiser in richtiger Erkenntniß der Zeitbedürfnisse in's Leben
+gerufen hat."
+
+Herr von Beust schwieg einen Augenblick.
+
+"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
+grade anblickte,--"daß in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
+persönlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
+dem Gedanken an eine nähere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
+zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Türr darüber eine
+Andeutung, über welche ich damals allerdings nur oberflächlich mit ihm
+gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, daß jene Sache an Consistenz
+gewonnen hat, und daß man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
+als früher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
+wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhältniß mit Italien
+wünsche und welchen Werth ich demselben für eine diplomatische
+Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
+gegenwärtig über die Unterhandlungen höre, die in Paris über diesen
+Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
+sein, und ich würde, um eingehender darüber nachdenken zu können,
+dringend wünschen von Ihnen zu hören, wie Ihre Regierung und der Kaiser
+zu diesen Ideen stehen, über welche man mir Privatmittheilungen gemacht
+hat."
+
+Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
+freundlichen Gesichtsausdruck den fortwährend forschenden auf ihn
+gerichteten Blick des Grafen Beust aus.
+
+"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris über
+die Gedanken erhalten, welche durch den General Türr dort mehrfach
+angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
+Billigung des Königs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
+soviel mir darüber mitgetheilt worden, auf den Fall, daß Italien in die
+Lage kommen könnte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
+Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darüber
+gehört, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
+in ihm, wenn der in's Auge gefaßte Fall eintreten sollte, jedenfalls die
+Grundlage zu bestimmten Verträgen gefunden werden könnte, die sowohl im
+Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wünschenswerth
+erscheinen möchten."
+
+Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
+spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
+Decke des Schreibtisches.
+
+"Wie mir der Fürst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
+Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenüber
+eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurückhaltung, und vom hiesigen
+Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darüber
+geworden."
+
+"Bei den eigentümlichen Verhältnissen," erwiderte der Herzog, "welche
+zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
+Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, daß
+eine Annäherung zwischen beiden Mächten, namentlich eine Annäherung mit
+bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
+direkten Verkehr hergestellt werden könne.--Auch giebt es Propositionen,
+die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
+ist, daß sie angenommen werden. Unter solchen Verhältnissen scheint mir
+eine vorläufige, nicht officielle und zunächst nur sondirende
+Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und für eine
+solche Verhandlung könnte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
+Mächten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
+glaube ich annehmen zu dürfen, daß der General Türr in eine solche
+Negotiation nicht eintreten würde, wenn er nicht der vollen persönlichen
+Zustimmung des Königs Victor Emanuel sicher wäre."--
+
+"Und wie denkt der Kaiser Napoleon über die ganze Sache," fragte Graf
+Beust rasch und bestimmt.
+
+"Sie können natürlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
+der Herzog mit vollkommener Ruhe, "daß ich Instructionen habe, mich über
+die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestät in Betreff einer
+Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
+berührt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
+selbstverständlich nur eine ganz persönliche Meinung äußern, welche sich
+auf die Kenntniß stützt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
+über die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."
+
+Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Lächeln spielte eine
+Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
+Aufmerksamkeit auf den Herzog.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "daß die Verhältnisse in
+Europa sich fortwährend in einer Spannung befinden, welche eine
+energische Action von einem Augenblick zum andern möglich erscheinen
+läßt. Wir haben uns früher bereits mehrfach über derartige
+Eventualitäten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
+wir stets darin übereingekommen, daß die Interessen Frankreichs und
+Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenüber die gleichen
+sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
+übereingekommen, daß Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
+für das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
+Prämissen ausgehend," fuhr er fort, während Herr von Beust schweigend
+zuhörte, "würde ich nun den Abschluß eines Vertrages, welcher für
+mögliche Fälle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
+großen Gewinn betrachten müssen.--Der König Victor Emanuel ist zu einer
+solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
+dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
+italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafür versprechen kann. Die
+vollständige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
+würde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen würde das
+italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
+wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem künftigen
+Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
+unversöhnlich gegenüber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
+Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
+man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
+_Oesterreich_ zu gewähren im Stande ist.--Wir können in diesem
+Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
+das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
+ergänzende Ausführung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
+der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
+erscheint.--Nach meiner persönlichen Auffassung," fuhr er fort, "würde
+dieses Opfer nicht groß sein und es würde sich im Falle einer
+erfolgreichen Action, an deren glücklichen Ausgang nicht zu zweifeln
+sein möchte, durch weit größere und weit bedeutendere Vortheile und
+durch die Wiedergewinnung der ganzen alten österreichischen Macht nach
+anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
+wie Oesterreich, daß die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
+sich also zu jenem Opfer würden entschließen können, so würden Sie, wie
+ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
+Frankreich einen sehr großen und sehr wichtigen Dienst leisten, für den
+eine richtige französische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
+Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethätigen nicht
+unterlassen könnte."
+
+"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
+beinahe gleichgültigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
+discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, würde ihre
+Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
+kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
+"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
+würde, die Abmachungen des königlichen Cabinets gut zu heißen, müßte man
+sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
+klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmäßig und
+nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausführbar sei. Ich
+meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
+Augenblick keine Veränderung der seit Jahren bestehenden europäischen
+Verhältnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmäßigkeit nicht
+anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder möglicher Weise
+zu schaffenden--vernünftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
+Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
+Verhältnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
+ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitäten
+täglich und stündlich vorbereite. Die süddeutschen Staaten sind
+schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum gerüstet und bei uns in
+Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
+wir zu kämpfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gründen
+schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
+Rußland, dem wir nicht gewachsen sind--"
+
+"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
+Spitze zu bieten im Stande wären, wenn nicht nur Ihre italienischen
+Grenzen vollkommen frei würden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
+bestimmt, Italien für den Fall der russischen Intervention seine active
+militairische Hülfe verspricht."
+
+"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
+eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach völlig fern liegende Frage, "wenn
+ich auch annehme, daß jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
+wirklich gehalten würden, wofür--ich muß es wiederholen--immer schwer
+eine Garantie gefunden werden zu können scheint, so glaube ich doch
+nicht, daß Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Hülfe Italiens
+einen Kampf mit Rußland und die Aussicht auf eine spätere unversöhnliche
+Feindschaft Preußens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Für den Fall,
+daß diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
+siegreich hervorgehen sollte--"
+
+"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
+eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
+emporkräuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
+Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
+solche Möglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."
+
+"Sie müssen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
+kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
+Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
+Nationalgefühl des französischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
+muß sich stets auch durch Erwägung der möglich ungünstigen Chancen
+bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
+führt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
+noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunächst mit derselben
+Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenüber ausgesprochen habe,
+eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, daß es aus irgend welchem
+Grunde in den Absichten des Kaisers liegen könne, wirklich in kurzer
+Zeit zu einer ernsten Action überzugehen?"
+
+Der Herzog zögerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
+und bestimmte Frage.
+
+"Ich glaube," sagte er, "daß der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
+erfüllt ist, den europäischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
+die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmälig zu einer
+bedeutungslosen Passivität in Europa herabdrücken zu lassen. Der Kaiser
+hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
+französische Verfassung eingeführt hat, die Gründung seines Gebäudes im
+Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wünsche
+und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
+Volkswillens erhalten haben werden--"
+
+Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
+dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
+Züge wieder den Ausdruck gleichgültig ruhiger Höflichkeit an, mit
+welchem er das ganze Gespräch bisher geführt hatte.
+
+"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
+Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Außen hin der Stimme Frankreichs
+wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, daß es auf die
+Dauer nicht möglich ist, die Schicksale der europäischen Völker ohne
+Frankreichs Genehmigung zu lenken."
+
+"Aber," sprach Graf Beust, "dazu würde immer ein stichhaltiger und
+völkerrechtlich möglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
+nicht ein--"
+
+"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja täglich
+verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und völkerrechtlich
+begründetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begründetsten
+Kriegsfall zu finden--"
+
+"So," fragte Herr von Beust, den Herzog groß anblickend, "so sollte also
+Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"
+
+"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
+natürlich nur meine ganz persönlichen Ansichten aus,--daß der mächtigste
+Verbündete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
+deutsche Nationalgefühl sein würde, und daß es wesentlich darauf ankäme,
+uns in Deutschland selbst Verbündete zu schaffen. Das scheint mir am
+sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
+deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
+welcher Oesterreich das Recht giebt, für die Unabhängigkeit der
+süddeutschen Staaten einzutreten."
+
+"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
+leichten Conversationston, in dem das Gespräch bisher geführt war,
+vollständig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
+Augenblick über theoretische Hypothesen führen und in welcher wir unsere
+persönlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem früheren
+oder späteren Moment eine Bedeutung für concrete Verhältnisse gewinnen
+könnte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
+auszusprechen, welche auch bei einer solchen Möglichkeit für mich immer
+maßgebend sein und bleiben würden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
+absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
+zehn Jahren, um seine inneren Kräfte wieder zu stärken und seine inneren
+Verfassungszustände zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
+so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
+Action übernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stürzen und die
+Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefährden würde. Wenn--wie Sie
+vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
+sein Prestige und seine Stellung unter den europäischen Mächten
+nöthigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Höhe zu
+erheben, so wird, davon können Sie überzeugt sein, keine Regierung mit
+größeren Sympathien auf ein solches Streben der französischen Nation
+blicken, als die österreichische, welche, wie ich früher constatirt
+habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europäischen Fragen
+mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
+Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
+läßt sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
+solcher Ereignisse ein Augenblick kommen könnte, welcher Oesterreich
+trotz seines Friedensbedürfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
+Verhältnisse einzugreifen.--Ich vermöchte mir heute keine Eventualität
+zu denken, welche ein solches mögliches Eingreifen Oesterreichs im
+_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen könnte.--In dieser Anschauung
+liegt die Haltung bezeichnet, welche mir für Oesterreich vorgeschrieben
+scheint. Weiter zu gehen, ohne die äußerste Notwendigkeit aus der
+gebotenen Reserve herauszutreten, wäre für einen österreichischen
+Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem würde ich wenigstens niemals
+die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
+ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Würde der
+Kaiser eine Action für nothwendig halten, so muß der Grund dafür aus
+irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
+Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
+übernehmen. Dies bestimmt und rückhaltslos auszusprechen, halte ich für
+meine Pflicht, damit bei Erwägung einer so wichtigen Frage, welche
+natürlich in Paris ausschließlich nur mit Rücksicht auf das Interesse
+Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
+über die Haltung bestehe, welche für Oesterreich unabänderlich geboten
+erscheint."
+
+"Sie müssen natürlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kälte in
+dem höflichen Ton seiner Stimme, "Sie müssen dies natürlich besser
+beurtheilen können als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
+Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
+die Bemerkung nicht unterdrücken, daß eine Zurückhaltung, wie Sie
+dieselbe so eben als die Aufgabe der österreichischen Politik
+dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin führen könnte,
+daß Oesterreich sich eines Tages isolirt sähe, und diese Isolirung
+könnte unter Umständen gefährlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
+haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
+politischen Fragen fast überall decken, so möchte es mir nicht ganz
+unbedenklich für Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
+trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."
+
+"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
+Möglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, daß Frankreich
+sich jemals von Oesterreich trennen könne.--Eine solche Trennung," fuhr
+er mit feiner und scharfer Betonung fort, "könnte jedenfalls nur dann
+möglich werden, wenn die französische Politik jemals Wege betreten
+sollte, in welchen die gegenwärtig zu meiner so innigen Genugthuung
+bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
+würde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fügte er
+im leichten Ton mit einem flüchtigen Lächeln hinzu, "tauschen wir ja in
+diesem Augenblick auch nur unsere ganz persönlichen Ansichten über Fälle
+aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein dürfte."
+
+Der Herzog erhob sich.
+
+"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespräch abbrechend, "daß der
+König von Hannover die Legion auflösen will, die er bisher in Paris
+gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muß aufrichtig
+bekennen, daß ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe große
+Sympathien für den unglücklichen König und hohe Verehrung vor seinen
+persönlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, daß er auf dem
+bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
+ohnehin beschränkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
+die Möglichkeit später Etwas für seine Sache und sein Haus zu thun,
+immer schwieriger zu machen."
+
+"Man schien früher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "daß
+diese hannöversche Emigration unter Umständen eine nützliche Handhabe
+werden könne, um einem möglichen Conflict mit Preußen den nationalen
+Charakter zu nehmen."
+
+"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
+Emigranten in Frankreich würden weder der Sache des Königs, noch uns
+nützen können; ob für den Fall des Zusammenbrechens der Schöpfung von
+1866 Etwas für den König geschehen könne, das wird immer davon abhängen,
+wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das übrige Deutschland
+zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
+auf dem Standpunkt, daß wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
+entschließen, wir auf alle kleinen Hülfsmittel verzichten und uns ganz
+ausschließlich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
+Alliirten verlassen müssen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
+Fall unter den mit uns befreundeten europäischen Mächten dennoch finden
+werden," fügte er mit einem lächelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
+indem er ihm die Hand zum Abschied drückte.
+
+Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thür und kehrte dann
+nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurück.
+
+"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist für den Frieden,
+schon weil er alle Unruhe und körperliche Anstrengungen scheut.
+Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich täuscht sich
+darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
+unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie möchte
+für sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
+"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
+eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schöpfungen in Oesterreich nicht den
+Zufälligkeiten einer unüberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."
+
+Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.
+
+Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.
+
+"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder für möglich
+halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
+Besinnen.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
+Er war ein Mann von weit über sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
+weißes Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den großen
+abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspähenden Augen, der
+großen, breiten Nase und dem ausdruckvollen häßlichen Mund, steckte
+zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
+dunklen Ueberrocks noch höher erschienen.
+
+Graf Beust begrüßte den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
+europäischer Höfe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
+doch ein wenig abwehrende Kälte mischte.
+
+"Was führt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
+Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
+glaubte, Sie wollten für einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
+fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
+Staatsraths fort, "vielleicht wäre das besser gewesen.--Sie wissen, daß
+nach den Vorgängen mit der Wiener Bank und dem König von Hannover hier
+Rücksichten zu nehmen sind--"
+
+"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
+herübergekommen und denke nicht, hier acte de présence zu machen. Doch
+habe ich nicht unterlassen können, hier Mittheilungen von dem zu machen,
+was ich gesehen und gehört, und was so Viele nicht sehen und nicht hören
+wollen."
+
+"Ich weiß, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hören," sagte Graf
+Beust lächelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
+besonderem Interesse sein zu hören, was Sie dort wahrgenommen haben."
+
+"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
+Hände über der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
+Kragen seines Rockes zurückzog, daß das Kinn fast ganz in seiner weißen
+Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, daß ein großer Sturm im Anzuge
+ist, welcher Europa noch tiefer erschüttern wird, als die Ereignisse von
+1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
+meinen Rath hören, wenn man meine Warnung beachten will."
+
+Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.
+
+"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
+hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
+unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig über diese
+eigenthümliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
+des General Türr befragt haben, welcher da plötzlich in Paris erschienen
+ist, um europäische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
+und exerciren läßt.--Eine eigenthümliche Zeit," sprach er, sich
+unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
+Oberfläche der linken trommelte, "eine eigenthümliche Zeit, Alles wird
+auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
+kein System! Kein Wunder, daß sich da die Fäden zu einem gordischen
+Knoten verschlingen, und daß Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
+kühn--oder plump genug ist," fügte er achselzuckend hinzu, "das
+unlösbare Gewirr mit dem Säbel zu zerhauen.--Was würde der große
+Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
+politischen Maschinerie Europa's sehen könnte, in welcher zu seiner Zeit
+so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
+Willen so richtig und exact spielte!"
+
+"Nun," sprach Herr von Beust lächelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
+ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
+müssen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
+behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
+persönlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
+betont. Ich glaube allerdings, daß man in Paris etwas energisch
+auftreten möchte, und daß man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
+nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon öfter beruhigt
+hat."
+
+Ein fast mitleidiges Lächeln zuckte über den breiten Mund des
+Staatsraths.
+
+"Daß man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "daß man sich
+beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
+nicht theile."
+
+"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand flößt ernste
+Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die höchste Ruhe und Schonung,
+wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action möglich sein, da
+doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens für die
+auswärtige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
+Kaisers abhängt."
+
+"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
+auswärtige Politik hängt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
+Aber von wem hängt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
+fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
+andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
+das jugendliche Haupt zu winden,--und während dieser Lorbeer an den
+Grenzen gepflückt wird, beabsichtigt man, eine große Generalprobe für
+die künftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
+fangen an, Ihre Majestät zu langweilen," sprach er im höhnischen Ton,
+"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
+zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
+ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
+Rath Ihrer Majestät ist der Krieg beschlossen, und täglich werden dort
+die Vorbereitungen dazu discutirt, während dieser allmälig absterbende
+Kaiser unter den Händen seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
+Schwäche kämpft."
+
+"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehört hatte, mit
+dichtem Kopfschütteln fort, "glauben Sie, daß es der Kaiserin, wenn sie
+wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
+werde, den Kaiser, der schon in seinen früheren Jahren so schwer zu den
+äußersten Entschlüssen zu bringen war, jetzt zu einer so gefährlichen
+Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
+persönlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten können.
+Und," fuhr er fort, "welche Organe würde die Kaiserin finden, um die
+Verantwortlichkeit dafür zu tragen. Glauben Sie, daß Graf Daru--"
+
+"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
+ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
+Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird über ihn dahinschreiten."
+
+"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
+den Staatsrath Klindworth groß ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--
+
+"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Körper
+angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
+Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
+auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persönliche
+Regiment und das persönliche Regiment soll ungebunden und frei über
+allem constitutionellen Kram stehen, den man der öffentlichen Meinung
+als Spielwerk hinwirft."
+
+"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "daß das Plebiscit eine
+beschlossene Sache ist?"
+
+"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, daß
+ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
+vollkommen gewiß bin."
+
+"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
+ernst, das deutet darauf hin, daß man Etwas wie einen Staatsstreich vor
+hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"
+
+"Le coup d'Etat européen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
+den man in dem geheimen Comité, in welchem die Politik Ihrer Majestät
+der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
+Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
+dem großen europäischen Staatsstreich _vorhergehen_."
+
+"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muß meine Frage von vorhin
+wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
+ausführen wollen?"
+
+"Ihre Majestät," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
+Werkzeuge für ihre Pläne zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniß
+und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
+Ollivier--"
+
+"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
+Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
+möglich."
+
+"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
+soeben noch auf dem Platze saß, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
+habe."
+
+Graf Beust neigte sinnend das Haupt.
+
+"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, daß man Grammont einer
+solchen Aufgabe gewachsen hält?"
+
+"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
+Ausführung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
+richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genügende Maß jenes
+altfranzösischen Leichtsinns, welcher schon in früheren Phasen der
+Geschicke Frankreichs die unmöglichsten Dinge unternommen, und," fügte
+er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgeführt hat."
+
+Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
+versunken.
+
+"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, daß sich Personen finden,
+welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
+auf's Spiel setzen, so gehört doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
+Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
+bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--
+
+"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
+kaltblütig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
+deren Fäden ganz zufällig in meine Hände gekommen sind, und welche man
+demnächst gehörig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."
+
+Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.
+
+"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "daß die spanischen
+Angelegenheiten dem Kaiser sehr große Sorgen machen. Die Agitationen des
+Herzogs von Montpensier erfüllen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er haßt
+und fürchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
+Königthum an der andern Seite der Pyrenäen würde ihn keinen Augenblick
+ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz hübsche Idee
+suppeditirt. Sie erinnern sich, daß Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
+Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
+den jetzigen Fürsten von Rumänien auf seinen so wenig sichern und
+erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, daß diese Dame
+gegenwärtig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
+Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
+zurückgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
+Verwandter seines Hauses, er ist ihm persönlich sehr geneigt und würde
+ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
+sehen, der freilich ein wenig größer und glänzender, aber darum weder
+sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fürstenstuhl von Rumänien
+ist."
+
+Graf Beust lachte.
+
+"Ich habe früher von diesem Gedanken gehört," sagte er, "man hat darüber
+gesprochen. Ich habe aber das Alles immer für eine von jenen Blasen
+gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberfläche der
+Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
+verschwinden."
+
+"Es ist möglich," erwiderte der Staatsrath, "daß diese Blase auch
+diesmal wieder platzen und verschwinden wird, für den Augenblick jedoch
+ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
+des Fürsten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
+sollte, sich daraus einen hübschen Kriegsfall zurecht machen."
+
+"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.
+
+"Ganz gewiß," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestät
+Napoleon III. wird die Idee haben, daß er, indem er diese kleine
+Negociation gewähren läßt, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
+Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, daß er sich da einen
+kleinen befreundeten König von Spanien schafft, wenn er überhaupt an den
+definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
+nicht darüber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
+Vieles gehen läßt. Dann aber wird man ihm eines schönen Tages klar
+machen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen Thron--"
+
+"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preußischer Prinz,"
+warf Graf Beust ein.
+
+"Er trägt preußische Uniform, er heißt Hohenzollern, man wird ihn im
+nöthigen Augenblick für einen preußischen Prinzen halten und von ganz
+Frankreich dafür halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
+Kaiser auseinandersetzen, daß ein preußischer Prinz auf dem spanischen
+Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
+Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze französische Nation
+glauben machen, und plötzlich, ganz plötzlich, ehe Jemand sich dessen
+versehen wird, wird man einen sehr hübschen und sehr nationalen
+Kriegsfall haben."
+
+Herr von Beust lächelte abermals.
+
+"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, daß ich das größte
+Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
+Ihre Nachrichten zu schöpfen pflegen. Sie müssen mir aber verzeihen, daß
+ich das, was Sie mir da eben sagen, unmöglich für Ernst nehmen kann. Die
+Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
+ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
+Diplomatie hineingreifen, auch sehr kühne und sehr wunderbare
+Combinationen zutraue, so würde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
+Grenzen des Möglichen überschreiten."
+
+Der Staatsrath Klindworth drückte fest seine Lippen auf einander,
+richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
+scharfer Betonung:
+
+"Ich würde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
+was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
+von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
+Mittheilung hätte. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
+Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
+besten Glauben, für das unglückliche Spanien einen aller Welt
+convenirenden König gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
+stellt."
+
+Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
+die Worte des Staatsraths nicht überzeugt, doch bemerkte er Nichts
+weiter über den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.
+
+"Sie haben mir vorhin gesagt, daß Sie gekommen wären, zu warnen und zu
+rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehört, darf ich Sie nun um Ihren Rath
+bitten?"
+
+"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
+Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, daß ich kurz vor Ausbruch
+des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch sächsischer Minister waren, Sie
+in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, über die damalige Lage
+mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung über die unausbleibliche
+Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
+auseinanderzusetzen, wie gut die sächsischen Rüstungen vorbereitet
+seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehört, als einzige
+Gegenäußerung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, für alle
+Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
+Trutzbündniß mit Oesterreich geschlossen hätten. Sie verneinten das, ich
+sprach mein großes Bedauern darüber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
+das Versäumte, wenn es irgend möglich sei, noch nachzuholen.--Es war
+nicht mehr möglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
+die kämpfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
+wurde aber ebenso wie die übrigen, gegen Preußen im Kampf stehenden
+deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
+Willkür des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
+nahe die bereits beschlossene Annectirung über dem Haupte Ihres früheren
+Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
+wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
+schnellem Entschluß, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
+danken ist. Eine ähnliche, nur gewaltigere und welterschütterndere
+Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
+der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
+wird, werden die Verhältnisse Europa's tiefe Erschütterungen und
+Veränderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenüber muß Oesterreich
+nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
+Verhältnissen damals Sachsen und die übrigen deutschen Staaten begangen
+haben--den Fehler nämlich, sich ohne festen Entschluß und feste Haltung
+in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."
+
+"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--
+
+"Ich meine," sagte der Staatsrath, "daß der Augenblick gekommen ist, um
+einen entschiedenen Entschluß zu fassen, und sich entweder in fester
+Allianz an Frankreich anzuschließen oder rückhaltlos und frei Preußen
+und damit zugleich Rußland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
+unter veränderten Verhältnissen--jene alte Tripelallianz wieder
+hergestellt werden würde, welche so lange die Schicksale von Europa
+beherrschte. Für die eine, wie für die andere Seite spricht Manches;
+wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
+wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
+verloren wurde, und bei so mächtig vereinten Kräften wird eine
+vernichtende Niederlage beinahe unmöglich gemacht, so daß also auch im
+ungünstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben würde.
+Eine feste und rückhaltslose Allianz mit Preußen, damit auch zugleich
+mit Rußland würde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
+Die norddeutschen Mächte würden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
+vielleicht würden einer so mächtigen Coalition gegenüber selbst die
+unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
+nachdenken--vielleicht würde der Krieg verhindert werden, wenn
+Oesterreich im entscheidenden Moment erklärte, daß es unter allen
+Umständen auf der Seite Preußens stehen würde. Für die europäische
+Stellung Oesterreichs ließe sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
+würden auch die deutschen Traditionen dadurch vollständig und für immer
+aufgegeben werden müssen."
+
+Graf Beust hatte aufmerksam zugehört. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
+Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.
+
+"Und zu welcher Seite dieser Alternative würden Sie rathen?" fragte er.
+
+"Die Erinnerungen an die große Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
+welche meine reichste Thätigkeit fällt, die Erinnerungen an die Zeit des
+großen Fürsten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
+jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
+Schöpfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Außerdem
+spricht in diesem Fall die größere Sicherheit für den Anschluß an
+Preußen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
+_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
+fuhr er fort, "auf die französische Macht. Ich verstehe Nichts von der
+Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehört und gesehen, ist dort
+seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
+Außerdem giebt man sich zu großen Illusionen über die Unbesiegbarkeit
+der französischen Armee hin, und ich fürchte, daß dem so wohl geschulten
+preußischen Heer gegenüber der französische Elan wenig ausrichten wird.
+Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwägungen, die ich Eurer Excellenz
+reiflichem Nachdenken überlassen will. Mein dringender Rath geht nur
+dahin, festen Entschluß zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
+dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthätig fern
+geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr möglich sein, als sich
+vollständig an Preußen und Rußland anzuschließen. Dann aber wird dieser
+Entschluß keinen Werth mehr haben, während heute noch für denselben ein
+hoher Preis zu erlangen wäre. Vor Allem aber," fügte er hinzu, indem
+sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
+hinüberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluß vielleicht
+nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."
+
+"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas verändertem Ton.
+
+"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
+Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
+wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von außen und von
+innen her verhindert würde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
+dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollständig
+nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
+Collegen."
+
+Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
+sprach:
+
+"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, daß ich Ihnen
+für Ihre Mittheilungen, so wie für Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
+hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurückgehen--?" fügte er
+mit einem fragenden Blick hinzu.
+
+"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
+mich über Stuttgart nach Paris zurückbegeben, ich möchte mir dort die
+Politik des Herrn von Varnbüler an Ort und Stelle betrachten."
+
+"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann über Ihre
+Beobachtungen weiter au courant zu halten."
+
+Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
+eigenthümlichen gebückten, fast demüthigen Haltung das Cabinet verließ.
+
+"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
+Stuhl zurücklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
+Sache ist zu abenteuerlich, zu unmöglich!--Er ist zwar sonst gut
+unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
+seiner Kenntniß kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darüber
+nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
+genug sein, um sich auf so unerhörte Weise in einen unübersehbaren Krieg
+zu stürzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
+Beobachters diesmal ebenso wenig für richtig, als seine Mittheilungen
+für zweifellos halten.--Ich habe es übernommen," sprach er ernst, den
+Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
+zu heilen, und um das zu erfüllen, was ich versprochen und was ich mir
+vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
+noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glückliche
+Zufälle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich für den einzig
+richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
+Schooß der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
+innerer Kraft den übrigen Mächten Europa's wieder gleich steht, so werde
+ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
+den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fügte er leise hinzu, "daß
+diese Zurückhaltung mir selbst verhängnißvoll werden sollte. Lieber möge
+mein Werk von andern Händen vollendet werden, als daß ich es durch
+unüberlegtes Handeln gefährde."
+
+Er beugte sich über seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
+aufgehäuften Depeschen zu durchlesen.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing saß der
+König Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem großen, mit golddurchwirkter
+rother Decke überhangenen Tisch.
+
+Der König trug den weiten Ueberrock seiner österreichischen Uniform und
+rauchte aus einer langen hölzernen Cigarrenspitze.
+
+Er war soeben aus dem großen Garten der Villa von seinem
+Morgenspaziergang zurückgekehrt, und seine älteste Tochter, die
+Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.
+
+Der König war in den letzten Jahren seines Exils merklich älter
+geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
+auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
+alter Humor hervortrat. Sein dünnes Haar begann grau zu werden, die
+scharfen classischen Formen seines schönen Profils traten markirter als
+sonst hervor und gaben seinem früher so weichen und jugendlichen Gesicht
+einen Zug von Härte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.
+
+Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
+pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
+Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fürstlicher Würde
+und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schüchternen
+Bescheidenheit. Die Prinzessin war groß und schlank gewachsen, ihr
+einfach frisirtes, natürlich gelocktes goldblondes Haar ließ die edle
+Wölbung der reinen und weißen Stirn fast ganz frei. Ihre großen blauen,
+durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drückten muthigen
+Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
+aufgeworfener, schön gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
+Zurückhaltung mit kindlicher Naivetät.
+
+Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
+welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefühlen zu kämpfen schien,
+und mit heftiger Bewegung der Lippen große Wolken bläulichen Dampfes vor
+sich hinblies.
+
+"Von allen schweren Schicksalsschlägen," sagte der König, "die mich in
+diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
+berührt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muß--daß
+Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglück so treu
+geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,"
+fuhr er fort, "daß diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
+vollkommen verloren haben, daß sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."
+
+"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weißt Du denn
+gewiß, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
+erscheint--und wie vielleicht Manche," fügte sie ein wenig zögernd
+hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
+von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Düring, und von
+ihm kann ich doch unmöglich annehmen, daß er irgend Etwas gegen das
+Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."
+
+"Ich auch nicht," rief der König lebhaft, mit zwei Fingern seiner
+rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben,
+ich stehe vor einem unlösbaren Räthsel. Doch liegen die Thatsachen vor
+mir, meine Officiere und Düring an ihrer Spitze widersetzen sich der
+Ausführung meiner Befehle. Ich habe Düring das Commando über die
+Emigranten abgenommen und ihn der Führung der Geschäfte meines
+General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
+übertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
+vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklärung, daß er es mit seiner
+Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen könne, die Befehle
+auszuführen, die ich ihm in Betreff der Auflösung der Emigration gegeben
+habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das
+höchste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"
+
+"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Düring, wie auch Herr von
+Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle übrigen Officiere freiwillig
+unser Unglück und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carrière
+aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen öffnete, und welche sie auch,
+wie so viele andere Officiere der hannöverschen Armee, in Preußen hätten
+finden können. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fügte
+sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem
+Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
+nicht müde werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man
+dann nicht annehmen, daß sie irgend einen ehrenwerthen und verständigen
+Grund dazu haben, daß irgend ein Mißverständniß vorliegt, welches man
+aufklären müßte."
+
+"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der König, schmerzlich aufseufzend,
+indem er den Kopf in die Hand stützte. "Das habe ich mir auch schon oft
+gesagt, es ist ja doch unmöglich, daß eine Anzahl von Männern, die
+bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
+meiner Sache zu schaden."
+
+"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
+Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Auflösung der
+Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
+unmöglich anzunehmen, daß alle diese Herren nicht irgend einen Grund für
+ihre übereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,"
+fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu prüfen
+und nicht nach einseitigen Berichten und Vorträgen zu entscheiden."
+
+"Gott weiß es," rief der König, "wie schwer es mir wird, überhaupt die
+Legion aufzulösen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
+gefolgt sind, sich selbst zu überlassen. Aber es kann ja nicht anders
+sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
+berührt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach
+kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hören,--ich will die ganze
+Frage nochmals reiflich überlegen, denn ich stehe vor einer für mich und
+die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."
+
+"Und wenn die Legion aufgelöst wird," sagte die Prinzessin, "würde es
+dann nicht nöthig sein, für die armen Emigrirten die freie und straflose
+Rückkehr in die Heimath vom König von Preußen zu erwirken?--Windthorst
+hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."
+
+"Niemals," rief der König lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation
+zu solchen Verhandlungen geben! Das hieße die Annection meines
+Königreichs anerkennen, das hieße zugestehen, daß der König ein Recht
+habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhänglichkeit und Ergebenheit
+zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen."
+
+Nach einem kurzen Schlag an der Thür trat des Königs Kammerdiener Thoms
+in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
+Seiner Majestät Befehl.
+
+"Er soll kommen," rief der König lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
+Töchterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
+Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
+reichte, auf die er zärtlich seine Lippen drückte.
+
+"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann
+zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet geführt
+hatte und nun die beiden Flügel der Thür für die Prinzessin öffnete.
+Prinzessin Friederike verließ mit leichtem freundlichen Gruß gegen den
+sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.
+
+Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswärtigen Angelegenheiten
+des früheren Königreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
+verbannten Königs, war damals sechsundfünfzig Jahre alt. Die letzten
+Jahre hatten seine früher noch jugendliche und kräftige Erscheinung
+wesentlich älter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
+Bewegungen noch die frühere Elasticität, auch trug sein volles, etwas
+langes und gelocktes Haar noch eine gleichmäßig schwarze Farbe, doch war
+sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszüge waren welk und
+abgespannt.
+
+Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, küßte
+die Hand, welche der König ihm reichte und setzte sich dann in einen der
+großen, mit schottischem Seidenstoff überzogenen Lehnstuhl neben seinem
+Herrn.
+
+"Ich bin erfreut, Eurer Majestät mitzutheilen," sagte er, "daß die
+Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch günstiger für
+unsere Kasse stellen wird, als es anfänglich den Anschein gehabt hat. Es
+haben sich einige günstige Verkäufe realisiren lassen, so daß, wenn
+Alles ferner gut geht, Eure Majestät mit einem Verlust von nicht ganz
+zwei Millionen Gulden davonkommen werden."
+
+Der König seufzte tief auf.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld
+an sich für mich hat. Es ist für mich immer nur Mittel zum Zweck. In
+diesem Augenblick muß es mir dienen, um den heiligsten und höchsten
+Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und
+die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung berührt mich dieser
+an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
+sind ja ohnehin schon beschränkt genug."
+
+"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
+Händen nunmehr wieder Eurer Majestät Vermögen gelegt ist," sagte Graf
+Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr
+er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
+unglücklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
+bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestät in jedem Jahr
+dreihundertfünfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
+schnell als möglich aus Eurer Majestät Ausgabenbudget verschwinden läßt,
+so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
+Capitalsverzehrung wird Eure Majestät endlich in die Lage bringen,
+Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preußen auf Gnade
+oder Ungnade zu ergeben."
+
+"Traurig, traurig!" rief der König, "daß es dahin gekommen ist! Mein
+Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere
+damals vor der Amortisation verkauft hätte, was Herr von Malortie
+verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestände vor der
+letzten Beschlaglegung auf mein Vermögen in Sicherheit gebracht wären,
+was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann wäre ich niemals in die
+traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
+ungewissen Schicksal überlassen zu müssen."
+
+Rasch öffnete sich die Thür. Der Kronprinz Ernst August trat in's
+Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.
+
+Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
+fast noch höher, als sein Vater, doch während die Gestalt des Königs in
+ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Würde und Majestät
+machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
+Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
+Sicherheit. Das schöne glänzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
+und von der schmalen zurücktretenden Stirn aufwärts emporgekämmt. Der
+Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit großen Gläsern
+verhüllte, war freundlich und gutmüthig. Seine platte, eingedrückte Nase
+und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schönen frischen Zähnen,
+war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszüge seines
+Vaters weit entfernt und das freundliche Lächeln, welches gewöhnlich
+seinen Mund umspielte, berührte nicht so sympathisch als die
+liebenswürdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Königs erhellte.
+
+Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
+trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
+auffallend kleine, magere Gestalt war gebückt und in sich
+zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
+Haar zeigte einen stets mürrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
+kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
+von kritischer Ironie durch die Gläser seiner feinen Brille.
+
+Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
+demselben herab, und der König küßte ihn herzlich auf die Stirn. Dann
+setzte sich der Prinz zu dem König und dem Grafen Platen, während der
+Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.
+
+"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den
+Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen über die Maßregeln
+auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Auflösung der
+Emigration, welche ich leider unabänderlich habe beschließen müssen,
+durchzuführen."
+
+"Majestät," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
+zusammenschmiegte, "ich muß zunächst noch einmal darauf zurückkommen,
+genau zu constatiren, daß mit den Allerhöchst Ihnen zur Verfügung
+stehenden Mitteln der königliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
+Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
+werden können, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
+hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jährlich nicht aus dem
+Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniß zu machen, um zu gleicher
+Zeit die Emigrirten, welche, um der königlichen Sache zu dienen, ihre
+Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
+erlaubt, Eurer Majestät vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
+Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
+vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
+Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
+schaffen kann."
+
+"Es wird eine große Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
+Zähnen an den Nägeln seiner Finger biß.
+
+"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den
+Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den König vor dem Vorwurf zu
+schützen, daß Seine Majestät die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
+verläßt."
+
+"Und ich hoffe," rief der König lebhaft, "daß die Summe genügend
+bemessen ist."
+
+"Vollkommen genügend, Majestät," sagte Graf Platen, "um so mehr, da für
+Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch außerdem das
+freie Reisegeld gewährt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich
+herausgestellt, daß die Officiere der Emigration aus Gründen, die ich
+nicht begreifen kann," fügte er achselzuckend hinzu, "sich der Auslösung
+der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
+entsprechenden Weise widersetzen."
+
+Der König biß schweigend auf seinen Schnurrbart.
+
+"Eure Majestät," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von
+Tschirschnitz übertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
+sein, die Maßregeln Eurer Majestät rücksichtslos durchzuführen. Ich
+halte es deshalb für nothwendig, daß Eure Majestät Allerhöchst Ihren
+Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
+nicht nur die Geschäfte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
+Commando der Legion übertragen, damit die nothwendige und befohlene
+Auflösung der Legion schleunigst und ohne Weitläufigkeit vollzogen
+werde. Es scheint," sprach er weiter, "daß die Officiere die Absicht
+haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstützung
+herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
+Algerien auszuführen, für welche sie sehr große Neigung hatten."
+
+"Die Idee wäre durchaus nicht übel," sagte der König. "Nach den
+Versprechungen der französischen Regierung hätte den armen Emigrirten
+dort ein gutes Loos bereitet werden können, und ich habe den Gedanken
+nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
+Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
+sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
+Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
+sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
+verkauft werden, wie sie sich ausdrückten. Sie haben zuweilen sehr
+unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnäckig in
+ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich mußte ja auf eine so allgemein im
+Lande verbreitete Ansicht Rücksicht nehmen."
+
+"Es möchte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in
+Algerien ganz angenehm und vortheilhaft für die Leute gewesen sein
+können. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
+der Tasche los werden können, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
+gegangen wäre, so hätte man immer auf uns recurrirt, und die ganze
+Geschichte wäre eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
+Hauptsache ist, daß die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
+weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
+wieder zur Last zu fallen."
+
+"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der König, das Haupt erhebend.
+"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
+Verhältnissen kann, für das Wohl meiner Leute zu sorgen, und außerdem
+habe ich die politische Rücksicht zu nehmen, Ansichten und Wünsche der
+Bevölkerung meines Königreichs so viel als möglich zu schonen."
+
+"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestät nach reiflicher
+Erwägung beschließen, die Legion definitiv aufzulösen und eine
+Auswanderung der Leute nach Algerien möglichst zu inhibiren. Es ist aber
+nöthig, diesen Beschluß schleunigst auszuführen, damit vor dem 1. April
+Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
+Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestät befehlen, den Major von
+Adelebsen dorthin zu senden, so--"
+
+Der König hatte das Haupt in die Hand gestützt und dachte längere Zeit
+schweigend nach.
+
+"Wäre es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
+emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
+Kronprinzen hinwandte, "wäre es nicht am besten, um die Sache am
+einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
+vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
+Meding, den Major von Düring und vielleicht noch einige der Officiere
+hierherkommen ließ, um ihnen persönlich meine Befehle zu ertheilen und
+die Mißverständnisse aufzuklären, welche doch wohl in der ganzen Sache
+bestehen müssen, da ich mir anders den eigenthümlichen Widerstand nicht
+erklären kann, den man mir entgegensetzt."
+
+Graf Platen bog den Oberkörper zusammen, warf einen schnellen
+Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:
+
+"Ich fürchte, Majestät, daß eine solche Maßregel, wie
+Allerhöchstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion über
+die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausführung der von Eurer
+Majestät gefaßten Beschlüsse noch weiter hinausschieben würde. Eure
+Majestät haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, daß
+dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
+gegenseitiger Unterstützung fern halten sollen. Damit ist also
+ausgeschlossen, daß irgend Etwas geschehen könne, was die dortige
+Sachlage ändert; wenn Eure Majestät nunmehr den Major von Adelebsen mit
+bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
+Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist übrigens," fuhr er mit
+einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinüber,
+"der Feldwebel Stürmann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
+Auftrage seiner Kameraden persönlich zu erkundigen, was denn eigentlich
+der Wille und Befehl Eurer Majestät sei."
+
+"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der König schnell.
+
+"Nur flüchtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem
+leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestät nicht
+vorgreifen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, wenn Höchstdieselben ihn
+selbst anhörten."
+
+"Einen Feldwebel anhören, ohne daß ich meine Officiere gehört habe,"
+rief der König lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach
+einem augenblicklichen Nachsinnen, "daß es am besten sein wird, vor
+Allen Meding und Düring hierher kommen zu lassen, um zu hören, wie die
+Sache dort liegt und was sie denn eigentlich für Gründe gegen die von
+mir beschlossene Art der Auflösung der Emigration haben."
+
+Graf Platen rieb sich die Hände und neigte den Kopf hin und her, ohne
+indeß etwas zu sagen.
+
+"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
+Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefaßten
+Beschluß wieder abgehen? Es scheint mir doch--"
+
+Ein Schlag an der Thür ertönte.
+
+"Wer ist da?" fragte der König mit seiner lauten hellen Stimme.
+
+Der Kammerdiener trat ein und sprach:
+
+"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniß,
+Eurer Majestät eine Meldung machen zu dürfen."
+
+"Er soll kommen," rief der König etwas verwundert.
+
+Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
+etwas über Mittelgröße, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
+Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
+und unregelmäßigen Zügen, welche wenig sympathisch berührten, obgleich
+in ihnen mehr zurückhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
+eigenthümlich-charakteristische Häßlichkeit, welche auf die Dauer zu
+gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstät
+und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
+den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.
+
+Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des frühern
+hannöverschen Garderegiments trug, näherte sich dem König und sprach im
+Ton dienstlicher Meldung:
+
+"Majestät, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
+von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestät im Auftrage ihrer
+sämmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."
+
+Der König richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
+freudiger Schimmer flog über seine Züge.
+
+"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.
+
+"Sie haben ein Schriftstück mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
+welches ihren Auftrag enthält. Der Inhalt dieses Schriftstücks jedoch
+hat mich in so hohem Grade befremdet, daß ich fast Anstand nehmen muß,
+denselben Eurer Majestät mitzutheilen."
+
+"Sprechen Sie," sagte der König im ernsten Ton, während der Kronprinz
+und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.
+
+"Eure Majestät," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren
+letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
+Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstützung zu
+betheiligen und sich überhaupt jedes Einflusses auf die Entschließungen
+der Soldaten über ihr künftiges Leben zu enthalten."
+
+"Ganz Recht," sagte der König.
+
+"Die Officiere erklären nun," sagte Herr von Adelebsen, "daß sie es für
+ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
+unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
+angeschlossen hätten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
+Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlaßt hätten, nicht
+schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich für
+verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
+Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber könnten sie nicht
+glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "daß der Befehl, welcher
+ihnen allerdings mit Eurer Majestät Unterschrift vorgelegt worden sei,
+von Allerhöchstdenselben wirklich in voller Kenntniß des Inhalts
+unterschrieben sei, da eine Bestätigung der Allerhöchsten Unterschrift
+auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie hätten deßhalb die Lieutenants
+von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestät ihre Bedenken
+vorzutragen und Allerhöchstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
+Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
+Allerhöchsteigenhändig zu unterzeichnen."
+
+Der König sprang empor, eine flammende Röthe flog über sein Gesicht, er
+biß die Zähne aufeinander und stieß mit einem zischenden Laut mehrmals
+den Athem aus seinen Lippen.
+
+Der Kronprinz lächelte still vor sich hin, Graf Platen ließ den Kopf auf
+die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.
+
+"Dahin ist es also gekommen," rief der König mir lauter Stimme, "daß die
+Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
+königliche Unterschrift trägt, daß sie von mir, ihrem obersten
+Kriegsherrn, die Erfüllung jener constitutionellen Form verlangen,
+welche für die Civilverwaltung des Königreichs gesetzlich vorgeschrieben
+war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muß in jenen Kreisen
+herrschen, wenn so Etwas möglich ist. Welcher Dämon muß seine Gewalt
+über diese Officiere üben, daß sie es wagen, mir so gegenüber zu
+treten."
+
+"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein höchst
+unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
+Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
+abzubringen. Aber," fügte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich
+gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
+Gegenwart von Eurer Majestät vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
+nicht für gültig erkennen können."
+
+"Sagen Sie den Herren," rief der König mit zitternder Stimme, "daß ich
+sie nicht empfangen wolle, daß ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
+nach Paris zurückzureisen. Ich werde ihnen," fügte er mit mühsam
+unterdrückter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an
+welcher sie keinen Zweifel werden hegen können."
+
+Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Lächeln der
+Befriedigung um seine Lippen spielte und verließ das Zimmer.
+
+"Graf Platen," rief der König, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
+niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
+vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
+lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten für den Major von Adelebsen
+ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Düring sofort
+übernehmen könne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
+Auflösung der Legion durchzuführen."
+
+"Wäre es nicht zweckmäßig, Majestät," sagte Graf Platen, "bei dem Geist
+des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
+scheint, die hauptsächlichsten Führer derselben von dort zu entfernen.
+Ich meine insbesondere den Major von Düring und den Premierlieutenant
+von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
+bestimmen lassen."
+
+"Gewiß," sagte der König, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
+Düring soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
+meine weiteren Bestimmungen abwarten."
+
+Er lehnte sich wie erschöpft in seinen Stuhl zurück und bedeckte das
+Gesicht mit den Händen.
+
+"Würde es aber nicht zweckmäßig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath
+mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Auflösung der Legion in
+Frankreich durchgeführt werden soll und werden wird, dafür Sorge zu
+tragen, daß diese Maßregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
+wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
+französischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestät
+auf Ihr Recht verzichten und jede Thätigkeit für die Wiedererlangung
+desselben für immer aufgeben?"
+
+"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "daß man die Sache so ansehen
+könnte. Jedermann weiß, daß die Mittel Eurer Majestät beschränkt sind,
+und Jedermann wird begreifen, daß Allerhöchstdieselben auf die Dauer
+solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermögen."
+
+"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
+Lassen Sie durch Lumé de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
+aufsetzen, worin ich ihm die Gründe meiner Maßregeln auseinandersetze,
+ihm für den Schutz, den er bisher den hannöverschen Emigranten gewährt
+hat, danke und zugleich erkläre, daß die Auflösung der Legion lediglich
+durch finanzielle Rücksichten geboten sei und daß ich trotzdem niemals
+aufhören würde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um für mein verletztes
+Recht zu kämpfen."
+
+Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der König auf und
+sagte:
+
+"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."
+
+Flüchtig berührte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
+sich ihm näherte und dann das Cabinet verließ. Graf Platen und der
+Geheime Cabinetsrath folgten und der König blieb allein.
+
+Er ließ den Kopf auf die Brust niedersinken. Längere Zeit hörte man in
+dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzüge, welche
+seine Brust bewegten.
+
+"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen
+Thron und mein Königreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
+dessen Glück die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
+nun muß ich es erleben, daß auch Diejenigen, welche mein Unglück
+theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
+wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe
+verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, daß sogar die
+Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmüthig und
+opferfreudig sich für mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
+gegen mich auflehnen!"
+
+Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
+edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
+sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
+ihn umgab.
+
+"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
+den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
+Beschlüsse gefaßt, ich habe gethan, was ich für meine Pflicht
+hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
+Denen, welche ich für die Treuesten hielt! Fast möchte ich irre werden
+an dem, was ich für recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
+Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
+mich hier mit Rath umgeben--"
+
+Er seufzte tief auf.
+
+"Ich weiß, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
+den großen Staatsmann machen, ich weiß, wie leicht er zu beeinflussen
+ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
+nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
+Emigranten, die ich ferner nicht unterstützen kann, werden ja, wenn sie
+von derselben Begeisterung für ihre Sache erfüllt sind, welche einst
+ihre Väter auf allen Schlachtfeldern Europa's für ihren König kämpfen
+ließ, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--
+
+"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, daß ich nur einmal die
+Blicke und Mienen Derjenigen sehen könnte, die zu mir sprechen. Ich
+würde leichter erkennen können, wo die Wahrheit liegt."
+
+Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stützte den Kopf in die Hände
+und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.
+
+Dann plötzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
+die goldene Glocke, welche auf einem schön ciselirten Teller vor ihm
+stand. Der Kammerdiener trat ein.
+
+"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der König rasch.
+
+"Zu Befehl, Majestät, der Graf ist bei Seiner königlichen Hoheit dem
+Kronprinzen."
+
+"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."
+
+Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
+Platen abermals in dem Cabinet des Königs.
+
+"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stürmann.
+Ist er hier? Ich will ihn sprechen."
+
+Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
+dann:
+
+"Der Feldwebel ist hier, Majestät, er hat soeben noch Seiner Königlichen
+Hoheit Bericht über die Verhältnisse und Stimmungen unter den Emigranten
+erstattet."
+
+"Bringen Sie ihn her," sagte der König kurz.
+
+Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
+etwa vier- bis fünfundfünfzig Jahren, dem man trotz seiner bürgerlichen
+Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurück.
+
+Der Feldwebel Stürmann war eine hagere dürre Gestalt von Mittelgröße,
+sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
+Gesicht von graugelber Farbe drückte Verschlossenheit und eigensinnige
+Beschränktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
+jene listige Verschlagenheit, welche man häufig in dem niedersächsischen
+Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
+seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
+in militairisch dienstlicher Haltung stehen.
+
+"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der
+König in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher
+gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
+denselben vorgeht."
+
+Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
+dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfälligen Stimme, indem
+er mit einer gewissen Mühe langsam die Worte hervorbrachte.
+
+"Ich bin hierher gekommen, Königliche Majestät, um genau zu erfahren,
+was denn eigentlich Eurer Majestät Willen und Befehl ist, da weder ich,
+noch meine Kameraden uns vollkommen klar darüber sind."
+
+"Und warum nicht," fragte der König kurz.
+
+"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach
+Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
+commandirt haben, und zu welchen wir Alle das größte Vertrauen hatten,
+haben uns vor einiger Zeit gesagt, daß es der Wille Eurer Majestät sei,
+für uns eine Colonie in Algerien zu gründen, damit wir dort uns eine
+neue Heimath schaffen und abwarten können, bis der Moment gekommen wäre,
+für das Recht Eurer Majestät in den Kampf zu gehen.
+
+"Weiter," sprach der König.
+
+"Wir haben uns Alle bereit erklärt," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin
+zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzählt wurde. Aber
+für Eure Majestät und für unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er
+die Hand auf die Brust legte, "würden wir ja bis an's Ende der Welt
+gehen.
+
+"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
+abermals zum Grafen Platen hinüberblickte, "hat uns vor vier Wochen der
+Herr Major von Adelebsen und der Herr von Münchhausen, welche die
+Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, daß Eure Majestät
+die Colonie in Algerien nicht wollten, daß Sie vielmehr die Legionaire
+entlassen würden und Jeden auffordern ließen, zu erklären, wohin er zu
+gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns
+nun zwar bestätigt, daß von Eurer Majestät eine Colonie in Algerien
+nicht mehr gegründet werden würde. Dennoch aber haben sie uns
+aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
+gegenseitig zu unterstützen, wollen auch versuchen, ob es nicht möglich
+sei, ohne Betheiligung Eurer Majestät von der französischen Regierung
+die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
+gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen könnten. Es ist darüber viel
+hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
+Glück in Algerien versuchen. Wir aber, die älteren und namentlich die
+Unterofficiere würden uns einem solchen Unternehmen nur anschließen
+wollen, wenn wir bestimmt wüßten, daß wir darin dem Willen Eurer
+Majestät gemäß handelten. Und deßwegen bin ich hierher gekommen, um
+womöglich Eure Majestät zu fragen, was wir thun sollen."
+
+"Der Unterofficier Stürmann, Majestät," fiel Graf Platen ein, "und
+seine Kameraden möchten es besonders Allerhöchstdenselben zur
+Beherzigung empfehlen, daß sie durch langjährige Dienstzeit eine
+Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
+aus Hannover der preußischen Regierung gegenüber verwirkten, sie glauben
+deßhalb, daß Eure Majestät Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
+andern Verhältnissen sich befinden, als die jüngern in der Emigration
+befindlichen Soldaten."
+
+"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "daß Du das gewiß anerkennen wirst,
+Papa, und daß die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
+müssen, als die große Masse der Emigranten."
+
+"Gewiß," rief der König lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche
+eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
+Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
+fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese
+Verpflichtung erfüllen können?"
+
+"Ganz gewiß, Majestät," erwiderte der Minister.
+
+"Dann," sagte der Feldwebel Stürmann, "kann ich Eurer Majestät
+versichern, daß alle meine alten Kameraden höchst zufrieden und Eurer
+Majestät besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr glücklich sein,
+ihnen das gnädige Versprechen Eurer Majestät mittheilen zu können, und
+wir werden unser Möglichstes thun, um die jüngern Soldaten von
+abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."
+
+"Am besten wäre es," sagte der Kronprinz ein wenig zögernd, "wenn sie
+nach Amerika auswanderten. Dort können sie ja doch noch am ersten ein
+Unterkommen finden."
+
+"Zu Befehl, Königliche Hoheit," sagte der Feldwebel.
+
+"Dann wären sie aber für mich für immer verloren," sprach der König halb
+leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluß
+in dieser Beziehung auf ihre Entschließungen üben. Doch," fuhr er
+abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die
+Leute eine so große Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, daß meine
+Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, daß
+im Lande Hannover die ganze Bevölkerung eine große Abneigung gegen
+dieses Project hat und befürchtet, die Leute könnten dort zu Grunde
+gehen?"
+
+Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
+sprach er:
+
+"Die Leute sind durch die Officiere fortwährend in dem Gedanken bestärkt
+worden, daß eine Colonie in Algerien für sie das Beste sei,--ich habe,"
+fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
+Manches gehört--daß die französische Regierung eine solche Colonie sehr
+wünsche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
+hat sich so Manches erzählt."
+
+Er schwieg abbrechend.
+
+"Was hat man sich erzählt?" fragte der König.
+
+"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer
+Majestät aber gar nicht erst wiedererzählen möchte."
+
+"Ich will Alles wissen," sagte der König. "Was spricht man?"
+
+"Majestät," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schönes und
+fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
+da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
+da wäre es denn der französischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
+kräftige deutsche Einwanderer ihnen helfen würden, das Land zu
+cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
+mir in Paris erzählt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
+anzuwerben und dort hinzuführen. Den Colonisten soll es schlecht
+gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
+ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
+Unternehmer haben große Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
+einträgliche Herrschaften, und sie sind große, reiche Herren geworden.
+Nun, das könnte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
+unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
+aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
+verschiedenen Seiten hört."
+
+Der König zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
+Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
+Kronprinzen.
+
+"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,
+darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."
+
+Ein fast unwillkürliches Lächeln glitt über die Lippen des Kronprinzen.
+Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
+zum König gewendet:
+
+"Es ist doch gut, daß Eure Majestät die Gnade gehabt haben, den
+Feldwebel Stürmann anzuhören. In unklaren Verhältnissen führt es immer
+zur richtigen Erkenntniß, wenn man die Sache von allen Seiten hin
+beleuchten läßt.--Und es wird gewiß von großem Nutzen sein, wenn der
+Feldwebel seine Kameraden über den wahren Willen Eurer Majestät
+aufklärt."
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der König, "ich gebe
+Ihnen noch einmal das Versprechen, daß die Pensionsberechtigung der
+Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."
+
+Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.
+
+"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "daß Sie sogleich
+die Vollmachten für den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
+schnell als möglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
+daß er die Unterstützungen der französischen Behörden in den
+Stationsorten der Emigration für die Auflösung der Legion
+bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will
+einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
+Raum dieses Zimmers erdrückt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
+denen diese bittern Erfahrungen mich erfüllen."
+
+Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
+österreichische Mütze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
+gestützt, schritt er in den Park hinaus.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Die unruhige Bewegung auf den Straßen von Paris hatte ein wenig
+nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine größere Menge als
+sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
+noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
+pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
+einhergingen, finstern Blickes die Spaziergänger betrachtend und
+zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
+eine Zusammenrottung zu bilden.
+
+Die sergeants de ville standen in verstärkter Zahl an den Straßenecken,
+und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
+ersuchten sie das Publikum höflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.
+
+Die Gruppen vor den Kaffeehäusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
+Dreher, bei ihrem Grog américain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
+noch kalten frischen Luft im Freien saßen, sprachen lebhaft, doch ohne
+daß man eine besonders bedenkliche Aufregung hätte bemerken können.
+
+Der allgemeine Eindruck war, daß die Bewegung, welche durch die
+Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorüber sei, und daß
+dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
+zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
+äußersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
+Popularität Napoleon III. war durch seine persönliche Fahrt über die
+Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
+gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, daß der Kaiser sich nicht
+fürchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, über welchen
+die Furcht keine Macht hat.
+
+Vor einem der Cafés auf dem Boulevard des Italiens saßen an einem
+kleinen Tische mehrere Officiere der hannöverschen Legion und suchten
+den unangenehmen Einfluß des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
+Gläser norddeutschen Punsches zu bekämpfen, den sie sich nach ihrer
+Anweisung von dem Garçon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
+Erstaunen über die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdrücken konnte,
+die dem heißen Wasser gegenüber dem Arac in diesem Getränk zugewiesen
+war.
+
+An der Mitte des Tisches saß ein wenig zusammengebückt auf einem
+hölzernen Stuhl der Major von Düring, eine kleine schmächtige, aber
+nervöse und muskelkräftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
+bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
+den lebhaften, graublauen Augen drückte muthige Entschlossenheit und
+feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
+gedrückt und ließ die stark gewölbte Stirn zur Hälfte frei.
+
+Er hüllte sich ein wenig fröstelnd in seinen Ueberrock und trank in
+kleinen Zügen das heiße dampfende Getränk, welches vor ihm stand.
+
+"Ich sage," sprach Herr von Düring, nachdem er längere Zeit schweigend
+in das Treiben der Vorübergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
+neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
+großen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
+freimüthige Offenheit ausdrückte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr
+schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
+rosig."
+
+"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
+Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
+Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
+Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer
+schaudervollen Zukunft entgegen."
+
+Alle lachten.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr von Düring, schnell wieder ernst
+werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben könnt! Die Lage ist doch
+wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
+diese armen Leute, für die wir doch mit verantwortlich sind, sie können
+noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
+Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
+der Tasche in die Welt hinaus schickt."
+
+"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz
+mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
+hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
+Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie
+in der 'Großherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, daß meine
+Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
+Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,
+blickte Herrn von Düring mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
+die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--
+
+"Mauvais général."
+
+"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Götz von
+Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit hübschem, etwas phlegmatischem
+Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
+panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."
+
+"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,
+wird er schon so zerpflückt sein, daß keine Feder mehr daran ist, doch
+nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
+wirklich nicht, daß die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
+daß alle möglichen Intriguen den König umlagern, aber Er ist doch ein
+Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefühlen; wenn er
+unsere Vorstellungen hört, so wird er jedenfalls noch einmal über die
+Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
+ja, daß seine schon so belastete Kasse von dieser großen Ausgabe für die
+Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, daß die
+armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
+werden, sondern daß sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
+Königs erhalten bleiben. Will der König die Vertheidigung seines Rechtes
+fortsetzen, so muß er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
+Verfügung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und daß kann
+nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
+aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"
+fügte er seufzend hinzu, "wäre es bei der Art und Weise, wie sie
+gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens für die Emigranten
+straffreie Rückkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muß doch dem
+König einleuchten, er muß sich ja doch überzeugen, daß wir, die wir ihm
+unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
+gegen seine Befehle demonstriren."
+
+"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Götz, "daß dem Könige unsere
+Vorstellungen zur Kenntniß kommen?--Glaubt Ihr denn, daß er Mengersen
+und Heyse empfangen und hören wird?"
+
+"Das glaube ich gewiß!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich
+glaube nicht, daß Jemand es wagen würde, dem Könige Etwas zu
+verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das wäre doch in der
+That eine zu große Nichtswürdigkeit."
+
+Herr von Düring schüttelte langsam den Kopf.
+
+"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
+erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit längerer Zeit erhalte ich
+auf verschiedene Berichte, die ich über die Verhältnisse der Legion nach
+Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
+geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
+Berichte vollständig mißverstanden wären, was doch bei der klaren
+Fassung derselben und bei dem seinen Verständniß des Königs kaum möglich
+ist."
+
+"So haltet Ihr es für möglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
+junger, dunkel brünetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
+Ihr es für möglich, daß dem Könige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
+verschwiegen würde?"
+
+"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Düring,
+"ich constatire nur die Thatsache, daß die Antworten, welche ich aus
+Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, daß sogar in
+einigen dieser Antworten mir ausdrücklich Aeußerungen untergelegt
+werden, die ich niemals gemacht habe."
+
+"Es wäre doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
+den Major von Düring gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
+nach Hietzing gegangen wären. Ich weiß nicht, ob Mengersen und Heyse
+unsere Sache richtig führen werden. Mengersen spricht etwas viel und
+Heyse ist etwas bescheiden und zurückhaltend."
+
+"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Düring lebhaft, "nach
+der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
+ungehört auf die schnödeste und rücksichtsloseste Weise meiner
+Funktionen enthoben hat, deren Führung doch wahrlich unter diesen
+Verhältnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den König war,
+niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschäfte ordnungsmäßig
+übergeben, will so viel ich kann für das künftige Schicksal der Leute
+sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
+trauriges Ende nimmt, für immer den Rücken. Ich werde keine Mühe und
+Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
+daß mir das gelingen wird. In der Türkei braucht man Officiere, der
+Vicekönig von Aegypten sucht Instructeure für seine Armee. Ich kenne die
+orientalischen Verhältnisse einigermaßen durch meine Dienstzeit in
+Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
+
+"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
+Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
+in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
+wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, hätte die Aussicht auf
+eine vortreffliche Carrière und hätte nicht nöthig, diese traurige
+Erfahrung über die Undankbarkeit der Fürsten zu machen."
+
+Ein rasch vorüberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
+einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrückten Hut auf
+dem Kopf, blieb plötzlich stehen und näherte sich den Officieren. Sein
+Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
+hatte jene helle, weiß und rothe Färbung der nordländischen Race. Ein
+Gürtel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
+scharf hervortraten, lief über seine spitze, etwas hervorspringende Nase
+hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
+beobachtend umher.
+
+Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruß, als er an ihren Tisch
+trat.
+
+"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
+können, in dieser Kälte hier auf der Straße zu sitzen, dazu muß man ein
+geborner Pariser sein, welcher gar kein Maß und keine Empfindung für
+die Grade der Kälte hat. Ich für meine Person friere hier mehr, als ich
+es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
+dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."
+
+"Sie sehen so vergnügt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
+bekannten dänischen Journalisten und Agitator für die Sache Dänemarks,
+Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, daß der Artikel V. des Prager
+Friedens endlich ausgeführt wird?"
+
+Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.
+
+"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb lächelnd, halb mißmuthig,
+"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
+fortwährend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
+für Mühe gegeben, daß dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
+werden möchte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
+wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
+für unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafür
+thun."
+
+"Glauben Sie denn, daß die Schwachheit und Unthätigkeit," fragte Herr
+von Düring, "mit welcher die Regierung hier gegenwärtig zu verfahren
+scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "daß in
+militärischen Kreisen eine große Thätigkeit herrscht, und man thut dort
+überall so, als ob eine mächtige Action unmittelbar vor der Thüre
+steht."
+
+"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiß ich nicht, danach müssen Sie Nélaton
+fragen."
+
+"Nélaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
+Doctor Nélaton jetzt die Politik?"
+
+"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
+der Kaiser im Stande sein wird, überhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
+man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muß man nicht die
+Minister, sondern die Leibärzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
+an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
+Nachrichten über das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
+Die öffentliche Meinung fühlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
+politischen Lebens liegt, und wo jede thätige Action den Stein des
+Anstoßes findet."
+
+"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, daß der König
+von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
+wird?"
+
+Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.
+
+"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
+Herr von Düring, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
+werden können. Sie wissen ja, daß man das Vermögen des Königs confiscirt
+hat, und daß ihm nur wenig übrig bleibt."
+
+Herr Hansen schüttelte den Kopf.
+
+"Die einfache Auslösung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
+gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, wäre ein großer Fehler.
+Früher oder später wird ja doch die große europäische Katastrophe zum
+Ausbruch kommen. Wenn der König überhaupt noch handeln will, so muß er
+die Mittel dazu in Händen behalten."
+
+"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
+Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
+besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."
+
+Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit großer
+Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
+sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
+Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
+einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
+Straße getrennt, lag das von Bäumen umgebene kleine Hotel des Herrn
+Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwörtlich gewordene,
+wunderbar schöne und sorgfältig gepflegte Rasen aus, auf dessen grüner
+Fläche das Auge des berühmten Geschichtsschreibers der Revolution und
+des Kaiserreichs während seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
+ruhen pflegte.
+
+Einige Coupés hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
+den etwas auswärts führenden breiten Weg zu der innern Hausthür hin,
+trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
+im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thür des Salons
+öffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
+hineinrief.
+
+Die beiden, nicht großen Salons des früheren Ministers Louis Philipp's
+waren mit einer anspruchslosen Einfachheit möblirt. Der einzige Schmuck
+derselben bestand in äußerst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
+kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
+Oelgemälden vorzüglicher Meister.
+
+Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
+standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise geführtem Gespräch
+beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon saß auf
+einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
+magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
+Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
+Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
+Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
+bürgerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
+sondern auch in ihrer Gesprächsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
+mit großer Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
+Unterhaltung über die ernstesten Gegenstände der Politik oder der
+Wissenschaft Theil zu nehmen.
+
+Neben ihr saß Fräulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel jünger als sie
+und ihr unverkennbar ähnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
+bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurückhaltend war.
+
+Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
+hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
+beschäftigt.
+
+In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie saßen und auf dem
+eine große Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
+saß in einem großen Lehnstuhl fast verschwindend, der berühmte
+Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
+beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
+Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.
+
+Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
+hohe Rücklehne seines Sessels gestützt; die beiden Arme lagen auf den
+Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
+sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weißen Halsbinde. Das
+runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwärts gekämmten,
+weißen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewölbten Stirn, der feinen
+Nase und dem breiten, fast immer halb gutmüthig, halb sarkastisch
+lächelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
+gelehrten Doctrinärs mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
+begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
+scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
+geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
+pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
+Besuchern dieses einst so glänzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
+vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stören.
+
+Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, grüßte Madame
+Thiers und Fräulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
+ebenfalls schweigend mit liebenswürdiger Artigkeit, aber mit einem
+leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
+zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurück.
+
+Er näherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Nähe des
+Fensters mit einander unterhielten.
+
+In der Mitte derselben befand sich Herr Weiß, der frühere Redacteur des
+Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
+errichteten Ministerium der schönen Künste, welches Herr Ollivier für
+seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und für welches man sich
+bemühte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschäftskreis herzustellen.
+
+Herr Weiß, ein mittelgroßer, schmächtiger Mann mit blassem, geistig
+belebtem Gesicht von mehr feinen, als männlich kräftigen Zügen, in
+seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
+sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet über
+die neue Entwicklung des Kaiserreichs.
+
+"Ich fürchte," sagte Herr Mignet, "daß die Ueberführung der so
+ausschließlich persönlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
+haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschütterung
+vorübergehen kann,--nicht nur, daß der ganze Constitutionalismus den
+Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
+wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
+Geschichte deutlich zeigt, daß die französische Nation nicht besonders
+geeignet ist für allmälige und vermittelnde Uebergänge. Das System,
+welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des öffentlichen
+Willens durch Repräsentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
+geregelten Grundsätzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
+hervorgehen, und unter denen natürlich die Vertreter der Intelligenz und
+des Besitzes den bedeutendsten Einfluß für sich in Anspruch nehmen.
+Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
+Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
+Parteien die öffentlichen Angelegenheiten zu führen. Das Kaiserreich
+aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
+Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefühlen und
+Stimmungen sich bildenden Majorität der Massen. Hier stehen sich nur die
+Autorität und die Masse gegenüber, welche entweder vereint herrschen
+oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekämpfen müssen. Es ist eine schwere
+Arbeit, welche das jetzige Ministerium übernommen hat, diese beiden, so
+weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenüber stehenden
+Prinzipien mit einander zu versöhnen, und auf dem Boden des Cäsarismus
+ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."
+
+"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
+sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
+klar denkenden Mannes rechnen kann--"
+
+"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiß mit seiner leisen und etwas monotonen
+Stimme ein, "an deren Erfüllung ich glaube und zu der jedenfalls die
+Regierung und Alle, die ihr angehören, den besten und redlichsten Willen
+mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "daß die Schwierigkeit
+derselben so groß ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, daß
+gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
+Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
+der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
+machen, und dadurch wird am sichersten ein gefährlicher Ausbruch der
+einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Außerdem soll das
+constitutionelle System das Land vor unüberlegten und gefährlichen
+Actionen nach Außen bewahren, zu dem Cäsarismus und der Demokratie am
+Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmächtiger
+Selbstherrscher sind von persönlichen und augenblicklichen Eindrücken in
+besonders hohem Grade abhängig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
+liegt die Gefahr eines gefährlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
+dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, daß unter einer
+constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
+mexikanische Expedition möglich sein würde. Was übrigens die Verbindung
+der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
+so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
+eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
+die Verständigung mit den verfassungsmäßigen Repräsentanten der Nation
+erstrebt und gesucht wird."
+
+"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
+in den Salon und neben einander traten der Repräsentant des alten
+französischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
+und der greise General des Julikönigthums herein.
+
+General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
+etwas noch militairisch kräftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
+ernsten würdevollen Gesichts mit dem weißen Bart und Haar war einfache
+natürliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
+ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
+ungesuchtester Natürlichkeit.
+
+Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.
+
+Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
+geblinzelt, dann dieselben ganz geöffnet und sich von seinem Stuhl
+erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentümliche
+ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten näherte er
+sich der Eingangsthür und begrüßte mit vertraulicher Herzlichkeit den
+Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
+Complimente machten.
+
+Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, während deren
+Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
+indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
+etwas scharfen Stimme sprach:
+
+"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
+selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
+Gesellschaft zurückzieht."
+
+"Ich habe nicht nöthig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
+bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
+Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."
+
+"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehört
+immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
+Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
+lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf über die
+gegenwärtige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
+des Herzens und der Empfindungen unterstützt ist."
+
+"Dazu gehören aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
+und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Maße wie Sie."--
+
+"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
+Krankheit denkt, so räumt man ihr keine Macht über uns ein. Unser
+schlimmster Feind ist die Unthätigkeit.--Ich habe mich immer durch die
+Thätigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehört habe
+Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
+halte ich mich im Stande," fügte er lächelnd hinzu, "wenn es einmal
+nöthig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."
+
+"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
+Thätigkeit nicht willkürlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
+abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
+bleibt uns nichts übrig als die Reflexion und die Erinnerung."
+
+"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
+öffnen. Es scheint ja, daß Frankreich jetzt zu besseren Zuständen
+übergeht und daß eine Reihe seiner besten Söhne nicht mehr von aller
+patriotischen Thätigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
+auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
+noch einmal dem Vaterlande große Dienste zu leisten berufen sein wird."
+
+Der General lächelte bitter.
+
+"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
+scherzen."
+
+"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muß in der Politik niemals die Person
+in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhältnisse;
+und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
+dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
+Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
+entschließen kann, so würde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
+Regierung zu unterstützen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafür
+bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er lächelnd.
+
+"Kann dieser Kaiser überhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
+Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
+wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
+daß er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
+Richtschnur seiner Handlungen macht?
+
+"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
+aber ich muß gestehen, daß ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
+hat, gern bereit bin ihn zu unterstützen."
+
+"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Maße getäuscht
+wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
+er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
+Widerstand gegen jenes Attentat unmöglich zu machen.--
+
+"Er ließ mich," fuhr er fort, während Herr Thiers ihn fragend und
+erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
+Cabinet in dem Palais Elysée rufen und unterhielt sich eingehend und
+anscheinend mit großer Offenheit mit mir über die damalige Lage
+Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Nähe von
+Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
+und ergebenden seien, da möglicher Weise Unruhen entstehen könnten,
+welche im Stande sein möchten, die Freiheit der Verhandlungen der
+Nationalversammlung zu beeinträchtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
+seines Zimmers lag eine große Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
+welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
+Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
+Truppentheile angegeben waren. Der Präsident ersuchte mich, durch diese
+Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich für erforderlich
+und zweckmäßig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
+derjenigen Regimenter, deren Führer und deren Soldaten ich als der
+Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
+in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Präsident, welcher
+aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, daß er die erforderlichen Befehle
+zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
+uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
+General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
+wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, ließ er diejenigen
+Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
+heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
+Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
+Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
+in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
+durchgeführt."
+
+Herr Thiers lächelte.
+
+"Ich muß gestehen," sagte er, "daß dies nicht eins der ungeschicktesten
+Manöver dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich überhaupt in ihm
+getäuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
+er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
+sondern nach den Thaten richten--so muß man ihn doch unterstützen. Für
+Sie würde das übrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
+kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
+der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
+dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
+Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."
+
+"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
+wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kräfte in
+wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
+Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
+in muthloser und schwankender Unthätigkeit zugesehen, wie man ohne uns
+das europäische Gleichgewicht veränderte."
+
+"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die
+Regierung begangen hat, wird sich rächen, und zwar rächen durch einen
+Krieg, der um so gewaltiger und erschütternder sein wird, je mehr man
+ihn zur Zeit, da er vernünftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
+Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
+schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
+sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
+Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
+Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Dänemark, unsern
+Alliirten, getödtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkür der Gewalt
+Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglück. Der Krieg
+ist unvermeidlich. Zwei große Kräfte wie Frankreich und Preußen können
+nicht immer, bis an die Zähne bewaffnet, mit unter einander
+geschlagenen Armen einer der andern gegenüber stehen, das muß einmal zum
+Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiß es nicht und Niemand weiß
+es.--Preußen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
+Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
+Augenblick kommen, in welchem die französische Regierung, sie möge
+heißen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
+gedrängt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kräftige
+Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein könnte, ist
+England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
+wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
+namentlich seinen Worten keinen thätigen Nachdruck geben. Er ist sehr
+vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Maßregeln.
+
+"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
+nicht allein auf tüchtige Generale, sondern auch auf Staatsmänner
+ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
+Charakter der Nation Vertrauen einflößen.
+
+"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schätze, würde vielleicht
+kaum einer so großartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
+uns auferlegen muß. Ich sehe überhaupt nach dem Tode von Walewsky,
+welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser näher
+stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
+könnte.--Ich glaube auch, daß er noch in sehr nahen Beziehungen zum
+Kaiser steht, aber er muß sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
+auswärtigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
+andere Richtung hätte nehmen müssen."
+
+Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
+Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
+blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
+Boden.
+
+Die übrige Gesellschaft hatte sich allmälig ebenfalls mehr und mehr nach
+dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
+beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.
+
+Herr Mignet trat heran und begrüßte den Hausherrn mit ehrerbietiger
+Herzlichkeit.
+
+"Man erzählt mir," sagte er, "daß Sie sich mit einem großen Werk über
+die Philosophie der Geschichte beschäftigen--der Inhalt wird für jeden
+Historiker von großem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
+Etwas davon zu sehen bekommen?"
+
+"Das wird davon abhängen," sagte Herr Thiers lächelnd, "wie bald ich
+mein Leben und damit meine Thätigkeit beenden werde, denn ich bin
+entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
+lebend über mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
+zu übergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
+entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk über
+sehr viele Dinge ganz ohne alle Rücksicht die Wahrheit sagen, und das
+könnte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
+friedlichen Muße meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
+habe. Ich glaube," fuhr er fort, "daß die gegenwärtige Welt einen
+gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
+lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich über
+Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn hätte,
+dem ich in einem Testament meine letzten Rathschläge ertheile, um die
+reichen Erfahrungen meines Lebens für ihn nützlich zu machen. Der Himmel
+hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmüthig freundlichen
+Lächeln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
+Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
+meinem Tode ein wenig nützlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
+kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
+leben haben."
+
+"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.
+
+Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
+der auswärtigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
+Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
+freundlich die Hand hinstreckte.
+
+Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Großwürdenträgers des
+ersten Kaisers, welcher später mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
+und lange Zeit von jeder politischen Thätigkeit fern geblieben war,
+mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
+Erscheinung von würdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
+mit dem grauen Haar trug den Ausdruck höflicher Zurückhaltung, in seinen
+Zügen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
+selbstständigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
+theoretische Studien sich über alle ihm vorkommenden Dinge ein
+philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.
+
+Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung geführt hatte,
+bei welcher eine gewisse Préoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
+war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn lächelnd fragte.
+
+"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswärtigen
+Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"
+
+"Die auswärtigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
+der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
+fügte er hinzu, "daß ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
+könnte."
+
+Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.
+
+"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch über die innern Angelegenheiten
+gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, daß, obwohl ich keine
+persönliche Sympathie für dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
+dennoch anerkennen muß, wie die neue Aera der innern Politik allen
+Anforderungen entspricht, die man vernünftiger Weise machen kann, und
+der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, daß Sie, mein verehrter
+Freund, gegenwärtig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
+Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja über
+einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."
+
+"Vorausgesetzt, daß man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
+daß man nicht ebenso viele Schritte zurückthut, als man voran gegangen
+ist."
+
+"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.
+
+"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
+begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, daß der
+Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
+sagt, daß er ein Plebiscit für nöthig halte, um die von dem Senat und
+Gesetzgebenden Körper genehmigte Veränderung der Verfassung des
+Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die frühere Verfassung sei durch
+den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es müsse derselbe daher
+auch den gegenwärtigen Abänderungen derselben seine definitive
+Zustimmung geben."
+
+"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, während die
+übrige Gesellschaft näher herantrat und mit Spannung dem Gespräch
+folgte.
+
+"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
+Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
+natürlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
+fort, "sehe darin nur die Rückkehr zu dem Grundsatz, daß das persönliche
+Regiment, auf den Willen der Masse gestützt, sich von Neuem über die
+Verfassung und über das Votum der legalen Repräsentanten der Nation zu
+stellen beabsichtigt. Wo ist überhaupt noch eine Sicherheit für die
+öffentlichen Zustände, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
+solchen Plebiscit abhängig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
+nur eine Komödie ist und gegenüber einer starken Regierung immer nach
+deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
+mögen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
+auszusetzen Lust haben werden."
+
+"Das ist ein eigenthümlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
+"Aber ich möchte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
+steht es mit der auswärtigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
+mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhältnissen.
+Wie stehen Sie mit Preußen?"
+
+"Kalt und mißtrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
+durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
+Seiten die Erörterung aller Punkte, welche dahin führen könnten,
+sorgfältig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
+eine gegenseitige Verminderung der militairischen Rüstungen hin zu
+wirken, doch natürlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die bloße
+Erörterung dieses Punktes ziemlich kurz zurückgewiesen."
+
+"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
+Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
+Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"
+
+"Wir können es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
+nicht der Anfang gemacht wird."
+
+"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, daß der Andere
+zuerst abrüsten soll. Ich muß Ihnen sagen," fuhr er fort, "daß mir das
+Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
+die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, daß,
+sobald die Frage der militairischen Abrüstung zwischen zwei Mächten
+ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
+ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muß ich
+darauf zurückkommen, was ich vorhin sagte--"
+
+Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Daß nämlich unser tapfrer
+Freund hier doch noch Gelegenheit finden könnte, seinen Degen im
+Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
+für so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
+Vorläufer einer auswärtigen Action. Der nächste Schritt," sprach er
+weiter, "den England thun muß, wenn seine Vermittlung wegen der
+Abrüstung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schließlich ganz
+Europa wird anschließen müssen, muß der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
+haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
+den Krieg fortwährend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
+gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
+energische Klärung der Situation herbeizuführen. Das Alles muß endigen,
+entscheiden Sie sich Krieg zu führen, oder erklären Sie offen, daß Sie
+rückhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
+gegenwärtige Situation ist für ganz Europa unerträglich--'"
+
+Er hielt inne und fragte abbrechend:
+
+"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenüber einnehmen,
+welches Ollivier bereits acceptirt hat?"
+
+"Ich habe erst flüchtig darüber mit den mir gleich gesinnten Collegen
+sprechen können," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
+Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine große
+Popularität bei den Massen, und sich demselben widersetzen, würde uns
+fast als die Vertreter reactionairer Grundsätze vor den Augen der
+öffentlichen Meinung hinstellen! Doch müssen wir nach meiner
+Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwährenden Appellation
+von den gewählten Repräsentanten an das Volk selbst ernstlich
+entgegentreten."
+
+"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, daß das
+Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
+Gesetzgeben-Körper ausgeschrieben werden dürfe. Dann hat die Sache doch
+wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
+zwischen den Kaiser und die Volksmasse."
+
+"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
+des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
+zurück und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespräch.
+
+Die Unterhaltungen der übrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
+lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
+Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
+Mißbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
+und fühlten sehr wohl, daß derselben vollständig die Spitze abgebrochen
+würde, wenn die Regierung der Kammermajorität gegenüber fortwährend die
+Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
+behielt.
+
+Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespräch mit dem Grafen Daru
+beendigt,--er näherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fräulein Dosne
+einen Wink.
+
+Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
+Zeichen für die Gesellschaft, daß der Empfang beendet und daß für Herrn
+Thiers, welcher seine Gesundheit und Rüstigkeit durch eine ungemein
+strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
+nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
+zurückzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick über die Arbeit und die
+Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
+Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.
+
+Die Gesellschaft empfahl sich und bald erlöschten die Lichter in dem
+kleinen Hotel an der Place de St. George.
+
+
+
+
+Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruß der Legionen. Erster
+Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUß DER LEGIONEN. ***
+
+***** This file should be named 13657-8.txt or 13657-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13657/
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+Produced by PG Distributed Proofreaders.
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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@@ -0,0 +1,6752 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen. Erster Band.
+by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Todesgruss der Legionen. Erster Band.
+
+Author: Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+Release Date: October 6, 2004 [EBook #13657]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders.
+
+
+
+
+Der Todesgruss der Legionen.
+
+
+
+Zeit-Roman
+
+von
+
+Gregor Samarow.
+
+
+
+Erster Band.
+
+
+
+
+Berlin, 1874.
+
+Druck und Verlag von Otto Janke.
+
+
+
+
+Erstes Capitel.
+
+
+Am Ufer der Marne, in der Naehe der kreidereichen weissen Ebene der
+Champagne, liegt die alte Stadt Saint-Dizier, ein kleiner Ort mit etwa
+fuenftausend Einwohnern, deren Industrie zum grossen Theil darin besteht
+die auf der Marne herabgefloessten Holzstaemme in Bretter zu
+zerschneiden--ausserdem befinden sich dort beruehmte Manufacturen von
+Eisenwaaren und durch diese Gewerbthaetigkeit hat der ganze Ort trotz
+seiner geringen Ausdehnung, vielleicht gerade wegen derselben eine
+bedeutende Wohlhabenheit erreicht.
+
+Die alte Stadt zieht sich mit ihren winkligen und ziemlich
+unregelmaessigen Strassen in einer verhaeltnissmaessig bedeutenden
+Laengenausdehnung am Ufer der Marne hin. Auf dem hoechsten Punkt liegt
+eine alte Kirche von hohen Baeumen umgeben, welche ebenso wie die Stadt
+selbst und deren altersgraues Rathhaus voll von historischen
+Erinnerungen ist, die innig mit grossen Momenten der Geschichte
+Frankreichs zusammenhaengen.
+
+Schon von Alters her waren die Einwohner von Saint-Dizier sehr
+streitbare und kriegerische Maenner, man nannte sie im Mittelalter les
+bragars--eine Zusammenziehung aus les braves gars--und die bragars von
+Saint-Dizier waren die treuesten und muthigsten Kaempfer Franz I.; sie
+hielten eine lange Belagerung Carl V. aus und leisteten dem Lande
+dadurch wichtige Dienste, fuer welche der ritterliche Koenig sie mit
+verschiedenen bedeutenden Privilegien auszeichnete.
+
+Diese stolzen Erinnerungen leben noch heute in den Bewohnern von
+Saint-Dizier fort und so klein und unscheinbar die Stadt ist, so stolz
+blickt sie auf ihre Geschichte zurueck und jeder Buerger von Saint-Dizier
+macht das Wort Franz I.: "tout est perdu fors l'honneur" zu seiner
+Devise.
+
+Die unmittelbare Umgebung der Stadt ist flach und eben; in einiger
+Entfernung erheben sich kleine Anhoehen mit niedrigen Laubwaldungen und
+Weinpflanzungen bedeckt. Dort befindet sich eine Wasserheilanstalt,
+welche wegen ihrer gesunden Luft und ihrer frischen Quellenbaeder von
+den Bewohnern der Umgegend haeufig besucht wird und waehrend des Sommers
+die kleine Stadt mit dem bewegten Leben eines Badeortes erfuellt.
+
+Es war an einem Februarabend des Jahres 1870.
+
+Rauh und kalt wehte der Wind ueber die ebene Umgebung der Stadt; die
+Wellen der Marne vom Sturm gepeitscht schlugen an die Ufer und die dort
+aufgehaeuften Holzbloecke; durch die in zerrissenen Flocken ueber den
+Himmel hinjagenden Wolken blickte von Zeit zu Zeit ein Strahl des
+Mondlichtes und erhellte einen Augenblick die oede und kalt daliegende
+Gegend.
+
+Auf einem ebenen Wege am Flussufer, der an schoenen Tagen fuer die Bewohner
+von Saint-Dizier eine beliebte Promenade bildete, gingen langsam zwei
+Maenner auf und nieder.
+
+Beide waren hoch und kraeftig gewachsen und wenn das Mondlicht
+voruebergehend ihre Gesichtszuege beleuchtete, so konnte man in denselben
+jenen eigenthuemlichen Typus der norddeutschen Race erkennen. Der Eine
+von ihnen mochte etwa fuenfundzwanzig Jahre alt sein; seine Gestalt war
+geschmeidig, seine Bewegungen elastisch und nicht ohne eine gewisse
+natuerliche fast elegante Anmuth, welche nicht vollstaendig mit der
+Kleidung uebereinstimmte, die er trug und die ungefaehr diejenige des
+franzoesischen Arbeiterstandes war.
+
+Sein Gesicht war scharf geschnitten und drueckte Intelligenz, Muth und
+Willenskraft aus; ueber der leicht aufgeworfenen Oberlippe kraeuselte sich
+ein kleiner dichter Schnurrbart, volle blonde Locken quollen unter dem
+kleinen runden Hut hervor und in den grossen blauen Augen lag eine
+gewisse schwaermerische Tiefe, verbunden mit scharfer Beobachtung, welche
+zuweilen den Ausdruck listiger Schlauheit annehmen konnte. Neben ihm
+schritt ein bedeutend aelterer Mann von etwa vierzig bis fuenfundvierzig
+Jahren. Sein Gesicht sah bereits ein wenig verwittert aus und zeigte
+weniger Intelligenz als das seines Begleiters, dagegen aber mehr von
+jener beinahe eigensinnigen Zaehigkeit, welche dem norddeutschen,
+insbesondere dem niedersaechsischen Bauernstamme eigen ist.
+
+Beide Maenner gehoerten der hannoeverschen Emigration an, welche im Jahre
+1867 ihr Heimathland verlassen und nachdem sie aus Holland und der
+Schweiz ausgewiesen war, ein Asyl in Frankreich gefunden hatte. Der
+Juengere der beiden Maenner war der fruehere hannoeversche Dragoner Cappei;
+der Aeltere war der fruehere Unterofficier Ruehlberg, welcher das
+Commando ueber die kleine Abtheilung Emigranten fuehrte, welche in
+Saint-Dizier stationirt waren.
+
+"Ich sage Euch noch einmal, Cappei," sprach der Unterofficier, "ueberlegt
+wohl, was Ihr thun wollt, denn die Sache wird ernst--ich habe den Herrn
+Lieutenant von Mengersen, als er das letzte Mal hier inspicirte, auf das
+Gewissen gefragt, ob es wirklich wahr sei, dass der Koenig die Emigration
+auseinander schicken und Jeden mit einer Summe von einigen hundert
+Francs abfinden wolle und der Herr von Mengersen, der ein braver und
+ehrlicher Mann ist, hat die Achseln gezuckt und mir keine rechte Antwort
+gegeben--er weiss mehr als er sagen will und die Kameraden in Paris haben
+mir geschrieben, dass dort etwas vorgeht; es sind Herren aus Hietzing
+dagewesen, man hat dann lange Conferenzen gehalten und die Herren
+Officiere sind alle sehr niedergeschlagen gewesen,--glaubt mir nur, ich
+taeusche mich nicht, wir werden einfach fortgeschickt werden, nachdem wir
+uns vier Jahre lang fuer den Koenig in der Welt herumgeschlagen haben und
+dann muss Jeder von uns ernstlich daran denken, wie er sich sein Brot
+erwerben und sich ehrlich durch's Leben bringen kann."
+
+"Ich glaube das nicht, Herr Unterofficier," rief Cappei, indem er
+stehen blieb und lebhaft mit dem Fusse auf den Boden trat; "es ist
+unmoeglich, dass Seine Majestaet seine treuen Soldaten, die in der Noth und
+Verbannung zu ihm gehalten haben, so einfach auseinander schickt, ohne
+sich um ihr Schicksal zu kuemmern.--Ich werde das nicht eher glauben, als
+bis es wirklich geschieht--wenn es aber je dazu kommen sollte, dann
+steht mein Entschluss ganz fest--ich gehe nach Hannover in die Heimath
+zurueck, mag daraus entstehen was da wolle.--Die Preussen koennen uns doch
+nicht Alle todtschiessen; man wird uns bestrafen, aber dann sind wir doch
+wenigstens in der Heimath und haben festen Grund fuer unsere Existenz.
+Ich habe ein kleines Gehoeft von meinem Oheim zu erben, das wird man mir
+nicht nehmen und wenn man mich wirklich ein oder zwei Jahre einsperrt,
+so werde ich doch nachher ruhig in meinem Hause sitzen und mir eine
+Familie gruenden koennen."
+
+"Ihr sprecht so," erwiderte der Unterofficier, "weil Ihr verliebt seid
+und weil Ihr nur daran denkt, je eher je lieber die kleine Franzoesin zu
+heirathen, der Ihr den ganzen Tag den Hof macht; aber das ist nicht
+recht von einem ordentlichen Soldaten--denkt doch daran, dass Ihr noch
+militairpflichtig seid und dass man Euch jedenfalls, wenn Ihr
+zurueckkehrt, zum Dienst einziehen wird. Wollt Ihr, ein alter
+hannoeverscher Garde du Corps, der sich so lange der preussischen
+Eroberung widersetzt hat, hinterher noch die preussische Uniform anziehen
+und nach preussischem Commando exerciren?"
+
+"Wenn der Koenig seine Getreuen wirklich verlaesst," rief Cappei, "was habe
+ich, der einzelne Mensch fuer eine Veranlassung oder fuer ein Recht mich
+der preussischen Herrschaft zu widersetzen? Ihr werft mir vor, dass ich
+verliebt sei--das ist wahr; ich bin verliebt und ich habe keinen
+groesseren Wunsch als meine kleine Luise zu heirathen, aber ich versichere
+Euch--Gott ist mein Zeuge--dass der Koenig und seine Sache mir hoeher steht
+als meine Liebe und wenn der Koenig mich heute riefe um fuer ihn in's Feld
+zu ziehen, so wuerde ich mich nicht einen Augenblick besinnen und meine
+Luise wuerde nicht von mir verlangen, dass ich meiner alten Fahne untreu
+werden sollte--wenn aber der Koenig uns gehen laesst, so bin ich ein
+einzelner freier Mensch und habe nur fuer mich zu sorgen und dann werde
+ich der Narr nicht sein, mich in der Welt herumzuschlagen und die
+Heimath aufzugeben.
+
+"Hart wird es freilich fuer mich sein die fremde Uniform zu
+tragen"--sprach er seufzend,--"aber was geht es im Grunde mich an?
+Schickt der Koenig uns fort, dann sind wir Alle frei zu thun was wir
+wollen und dann allerdings werde ich mich bei meinem Entschluss nur durch
+meine Liebe bestimmen lassen."
+
+"Nun," sagte der Unterofficier, "Gott gebe, dass es nicht dazu kommen
+moege. Was mich betrifft, so gehe ich nicht nach Hannover zurueck; ich bin
+zu alt geworden, um in den neuen Verhaeltnissen leben zu koennen. Man hat
+uns ja eine schoene Ansiedelung in Algier versprochen--wenn es dahin
+kommt, so lasse ich meine Frau kommen und gruende mir dort im fernen
+Afrika eine neue Heimath, in der ich wenigstens nach alter Weise leben
+und meine Gedanken frei aussprechen kann--Ihr werdet's Euch auch noch
+ueberlegen, hoffe ich.--Es ist ein Unglueck, dass bei Euch jungen Leuten
+immer die Liebe mitspricht--"
+
+Ungeduldig erwiderte Cappei:
+
+"Ich sage Ihnen nochmals," Herr Unterofficier, "dass es nicht die Liebe
+ist, welche mich bestimmt--wenn der Koenig uns nach Algier schickte und
+uns sagen liesse: wartet dort bis ich Euch brauchen kann, ich wuerde
+hingehen, so wahr ich hier vor Euch stehe und wenn meine Braut nicht mit
+mir gehen wollte, so wuerde mich das zwar traurig machen, aber keinen
+Augenblick in meinem Entschluss irre werden lassen. Wenn aber der Koenig
+uns aufgiebt, so bin ich frei--ich habe meine Soldatenpflicht erfuellt
+und kann als ehrlicher Mann thun was ich will."
+
+Sie waren am Ende des Weges angekommen und schritten langsam in die
+Strasse der Stadt hinein, welche durch die flackernden Gaslaternen nur
+spaerlich erleuchtet war.------
+
+Um dieselbe Zeit sass in dem Wohnzimmer eines grossen, durch einen weiten
+Vorhof von der Strasse getrennten Hauses in der Naehe der alten Kirche,
+welches dem Holzhofbesitzer Challier gehoerte, ein junges Maedchen von
+etwa siebzehn Jahren in einem tiefen Lehnstuhl vor dem flackernden
+Kaminfeuer; sie trug ein einfaches Hauskleid von dunklem Wollenstoff,
+das sich ihrer schlanken Gestalt anmuthig anschmiegte, ihr dunkles,
+glaenzendes Haar war glatt gescheitelt und auf dem Hinterkopf in zwei
+Flechten zusammengebunden, deren reiche Fuelle jeden kuenstlichen Chignon
+unnoethig machte; ihr etwas blasses, feines Gesicht zeigte den
+eigentuemlichen, scharf geistvollen, beinah etwas hoehnischen, dabei aber
+doch wieder zugleich sentimental gefuehlsreichen Ausdruck, der den
+franzoesischen Frauen eigenthuemlich ist. Ihre mandelfoermig geschnittenen
+dunkeln und von scharf geschnittenen Brauen ueberwoelbten Augen blickten
+sinnend in die Gluth des Kaminfeuers, waehrend ihr kleiner frischer Mund
+sich ein wenig spoettisch verzog, indem sie den lebhaften Worten eines
+Mannes von etwa dreissig Jahren zuhoerte, der vor ihr stand.
+
+Dieser Mann war mittelgross und von hagerer Gestalt; sein etwas
+gelbliches nicht schoenes aber intelligentes Gesicht zuckte in lebhafter
+Aufregung, die Blicke seiner grossen tief liegenden dunkeln Augen
+spruehten in nervoeser Unruhe hin und her, sein krausgelocktes, dichtes
+Haar reichte tief in die Stirn hinab und sein kleiner schwarzer
+Schnurrbart war in zwei geraden Spitzen aufwaerts gedreht.
+
+"Es ist unrecht von Ihnen, Fraeulein Luise," rief er, seine Worte mit
+lebhaften Gesticulationen begleitend, "es ist unrecht von Ihnen, dass Sie
+fuer die Versicherungen meiner Liebe nur ein hoehnisches Laecheln haben.
+Sie wissen, dass seit lange Ihnen mein ganzes Herz gehoert;--meine
+Eisenfabrik wirft mir einen reichen Gewinn ab, mein Vater hat Nichts
+gegen meine Bewerbung--warum weisen Sie fortwaehrend meine Bitte zurueck,
+mir Ihre Hand zu reichen?--Ich kann Ihnen eine sichere und wahrlich
+keine einschraenkte Existenz bieten und was meine Person betrifft, so
+glaube ich sollten Sie mich genug kennen, um vertrauensvoll Ihr
+Schicksal mit dem meinigen zu verbinden."
+
+"Ich habe Ihnen schon oefter gesagt, Herr Vergier," erwiderte das junge
+Maedchen, "dass ich durchaus keine Eile habe mich zu verheirathen. Ich
+bin, Gott sei Dank, erst siebzehn Jahre und habe noch Zeit ein wenig
+meine Freiheit zu geniessen; ich habe Sie oft gebeten mir diese Zeit zu
+lassen--das ist doch in der That keine unbillige Bitte--oder fuerchten
+Sie, dass ich Ihnen zu alt werde," fuegte sie laechelnd hinzu, indem sie
+ihre Augen mit einem schalkhaften Blick emporschlug.
+
+"Da antworten Sie mir wieder in diesem hoehnischen Ton, den ich nicht
+ertragen kann," sagte Herr Vergier, indem er lebhaft mit der Hand durch
+die Haare fuhr; "es waere wahrhaftig besser, wenn Sie mir auf einmal
+offen und ehrlich sagten, dass Sie Nichts von mir wissen wollen, als dass
+Sie mich auf diese Weise hinhalten und verspotten."
+
+"Warum erfuellen Sie denn meine Bitte nicht," erwiderte Luise, "und
+lassen mir ruhig Zeit zur Ueberlegung? Ich habe ja Nichts von Ihnen
+verlangt, als dass Sie ein Jahr lang mit mir gar nicht ueber Ihre
+Heirathsplaene sprechen und ich habe Ihnen versprochen, nach Ablauf
+dieser Frist Ihnen ein bestimmtes 'Ja' oder 'Nein' zu sagen.--Warum
+draengen Sie mich fortwaehrend?"
+
+"Weil ich," rief Herr Vergier lebhaft, "taeglich deutlicher sehe, dass es
+nicht die Liebe zu Ihrer Freiheit ist, welche Sie die entscheidende
+Antwort verschieben laesst, sondern dass sich Ihr Herz mir mehr und mehr
+entfremdet. Oh!" sagte er naeher zu ihr herantretend, indem er sie mit
+unruhigen, halb bittenden, halb zornigen Blicken betrachtete, "frueher
+war das anders; frueher als Sie fast noch ein Kind waren, sprachen Sie
+gern mit mir, Sie hatten Vertrauen zu mir, Sie laechelten freundlich und
+widersprachen mir nicht, wenn ich Sie meine kleine Braut, meine kuenftige
+Frau nannte, das verstand sich Alles von selbst--und machte mich so
+gluecklich; aber jetzt," fuhr er fort, die Zaehne zusammenbeissend und mit
+Muehe einen heftigen Ausdruck zurueckhaltend--"jetzt ist das Alles
+anders--seit--"
+
+"Seit?" fragte das junge Maedchen den Kopf emporwerfend und mit einem
+kalten, fast hochmuethigen Blick Herrn Vergier vom Kopf bis zu den Fuessen
+musternd, "seit--?"
+
+"Seit jener fremde Deutsche hierhergekommen ist," rief Herr Vergier mit
+brennenden Blicken, indem seine Gesichtszuege sich durch einen haesslichen
+Ausdruck von Zorn und Hass entstellten, "jener heimathlose Fluechtling,
+von dem man nicht weiss woher er kommt--seit dieser Mensch, der nur ein
+gemeiner Soldat war, sich in Ihr Herz eingeschlichen hat--seit jener
+Zeit haben Sie die Erinnerungen Ihrer Kindheit vergessen--haben Sie
+Ihren Vater und Frankreich vergessen, denn es ist auch ein Verbrechen an
+Ihrem Vaterlande einen Fremden zu lieben, noch dazu einen Fremden,
+welcher jener deutschen Nation angehoert, die stets die Feindin
+Frankreichs war und deren Schaaren den heiligen Boden unsers Vaterlandes
+mehr als einmal verwuesteten.--Ich hasse die Deutschen," fuhr er mit
+grimmigem, dumpf gepresstem Tone fort, "ich habe sie gehasst so lange ich
+die Geschichte meines Landes kenne und ich hasse sie jetzt--mehr als je,
+seit mir Einer aus dieser Race die Hoffnung meiner Zukunft und das Glueck
+meines Lebens geraubt hat."
+
+Bei diesen Worten, welche Herr Vergier fortgerissen von seiner inneren
+Erregung, in immer steigendem Affect gesprochen, hatte zuerst eine
+fliegende helle Roethe Luisens Gesicht ueberzogen, dann oeffneten sich ihre
+Augen gross und weit, das Blut verschwand aus ihren Lippen und ein
+Ausdruck von Verachtung und feindlichem Hohn legte sich um ihren
+festgeschlossenen Mund.
+
+"Ich erinnere mich nicht," sagte sie mit zitternder Stimme, welche sie
+muehsam zu ruhigem Ton zwang--"ich erinnere mich nicht, Herr Vergier,
+Ihnen das Recht gegeben zu haben, Vermuthungen ueber meine Beziehungen zu
+andern Personen auszusprechen und an diese Vermuthungen Belehrungen und
+Beleidigungen zu knuepfen. Ich habe von Ihnen Frist verlangt, um ueber
+Ihre Wuensche nachzudenken und Ihnen versprochen, Ihnen demnaechst zu
+antworten.
+
+"Wenn Sie sich herausnehmen in dem Ton mit mir zu sprechen, den ich so
+eben gehoert, so wird die Folge davon sein, dass ich, ohne weiter einer
+Frist zu beduerfen, Ihren Antrag sogleich mit einem bestimmten und
+unwiderruflichen 'Nein' beantworte."
+
+Herr Vergier beugte sich unter dieser entschiedenen Erklaerung des jungen
+Maedchens zusammen, er schlug die Augen nieder und zwang sich zu einem
+freundlichen Laecheln.
+
+"Verzeihung, Fraeulein Luise!" sagte er mit leiser Stimme, indem er dem
+jungen Maedchen naeher trat und ihr die Hand reichte, welche sie nur
+leicht mit den Spitzen ihrer Finger beruehrte--"Verzeihung, ich habe
+mich hinreissen lassen von meinem Gefuehl, aber gerade diese Bewegung
+sollte Ihnen zeigen wie tief dasselbe ist."
+
+Luise antwortete nicht, schlug die Arme uebereinander und blickte
+unbeweglich in die Kaminglut.
+
+Nach einigen Augenblicken tiefen Schweigens trat der Vater des jungen
+Maedchens, der Holzhaendler Challier in den Salon.--
+
+Herr Challier war ein Mann von sechszig Jahren, nicht hoch gewachsen,
+aber trotz seines Alters noch von schlanker und elastischer Gestalt; das
+kurze dichte Haar war durchweg grau und an den Schlaefen wie ueber der
+Stirn zurueckgestrichen, so dass das scharfgeschnittene, ausdrucksvolle
+Gesicht mit den lebhaft blickenden dunkeln Augen und den noch fast
+schwarzen Augenbrauen an jene alten Koepfe aus der Zeit des Puders
+erinnerte.
+
+Der alte Herr begruesste Herrn Vergier und seine Tochter, ohne die
+peinliche Gereiztheit zu bemerken, in welcher Beide sich befanden.
+
+"Wir haben heute die Arbeit spaet geschlossen," sagte er, "es sind so
+bedeutende Bestellungen von Seiten der Kriegsverwaltung gemacht, dass wir
+alle Haende voll zu thun haben um denselben zu genuegen; nach diesen
+Vorbereitungen sollte man fast glauben, dass grosse Ereignisse
+bevorstehen, waehrend doch die Zeitungen Nichts dergleichen vermuthen
+lassen und alle officiellen Kundgebungen nur die zuversichtlichsten
+Friedensversicherungen enthalten."
+
+"Ich glaube an diese Versicherungen wenig," sagte Herr Vergier, welcher
+sehr zufrieden damit zu sein schien, dass die Unterhaltung ein Gebiet
+beruehrte, das so weit von dem Gegenstande entfernt war, der so eben das
+Gespraech zwischen ihm und Fraeulein Luise gebildet hatte--"wir haben es
+schon oefter erlebt, dass unmittelbar vor den grossen Conflicten in allen
+Tonarten der Weltfriede verkuendet wurde und mich machen so feierliche
+und so bei jeder Gelegenheit wiederholte Friedensversicherungen ein
+wenig misstrauisch.
+
+"Ich weiss, dass auch auf dem Gebiet meines Geschaefts neuerdings wieder
+grosse Bestellungen gemacht worden sind und die ganze industrielle Welt
+hat das Gefuehl, dass in der schwuelen Luft dieser Zeit ein grosses
+erschuetterndes Gewitter sich vorbereitet, und so sehr ich," fuhr er
+lebhafter fort, "als Industrieller den Frieden wuensche, so muss ich doch
+sagen, dass ich als Franzose mit tiefem Schmerz die passive Unthaetigkeit
+empfinde, zu welcher die Regierung des Kaisers Frankreich verurtheilt
+und durch welche die Stellung unseres Landes in Europa immer schwerer
+erschuettert und immer tiefer untergraben wird."
+
+Der alte Challier schuettelte langsam den Kopf.
+
+"Mir fehlt es wahrlich nicht an franzoesischem Nationalgefuehl," sagte er,
+"und gerade die Buerger von Saint-Dizier, zu denen meine Familie seit
+Jahrhunderten gehoert, sind mit dem militairischen Ruhm Frankreichs eng
+verwachsen, aber ich sehe wahrlich nicht, dass und wie die Achtung
+gebietende Stellung unseres Landes bedroht waere und ich glaube dass der
+Kaiser sehr wohl daran thut den kriegerischen Aufwallungen nicht
+nachzugeben, welche sich seit laengerer Zeit so oft bemerkbar machen.
+
+"Er hat Frankreich auf eine Hoehe des Wohlstandes gebracht wie dieselbe
+kaum jemals frueher vorhanden war; sein neues Wegesystem hat jeder Arbeit
+den sicheren und leichten Absatz verschafft und es waere ohne die
+allergewichtigsten Ursachen geradezu ein Verbrechen unser so herrlich
+aufbluehendes Land in die Gefahren eines grossen Krieges zu stuerzen. Die
+Nachwehen dieser mexikanischen Expedition, welche uns so viel Geld und
+Blut gekostet hat, sind kaum ueberwunden und ein neuer Krieg wuerde kaum
+zu verantworten sein."
+
+"Aber glauben Sie denn," rief Herr Vergier lebhaft, "dass der Kaiser sich
+auf die Dauer wird halten koennen, wenn er nicht durch einen gluecklichen
+und siegreichen Krieg seiner Regierung ein neues nationales Fundament
+giebt? Man sagt ja, dass seine besten Freunde ihm zu solchem Kriege
+rathen.--Ich liebe das kaiserliche Regiment nicht--ich habe nie ein Hehl
+daraus gemacht, dass ich in der Republik die einzige Regierungsform sehe,
+welche Frankreich dauernd zu Glueck und fester Groesse fuehren kann und ich
+wuerde ohne Bedauern den Zusammenbruch dieser willkuerlichen Regierung
+ansehen, der wir jetzt unterworfen sind--"
+
+"Sie thun Unrecht," fiel Herr Challier ernst und entschieden ein--"die
+Jugend liebt die Veraenderung und glauben Sie mir, es ist wesentlich die
+Neigung zur Veraenderung, welche die Gegner des Kaiserreichs erfuellt; ich
+bin kein unbedingter Bewunderer der Napoleonischen Herrschaft--die
+Traditionen unserer Stadt und unserer Gegend weisen uns vielmehr auf die
+alten legitimen Koenige von Frankreich zurueck, mit denen unsere Vorfahren
+in der grossen Geschichte der Vorzeit so eng verbunden waren; aber ich
+erkenne an, dass das legitime Koenigthum fuer Frankreich abgeschlossen ist
+und dass in dem Kaiserreich die einzige Garantie fuer eine ordnungsmaessige
+gesicherte Entwickelung der nationalen Wohlfahrt liegt. Dem Kaiser
+Schwierigkeiten zu bereiten ist nach meiner aufrichtigsten Ueberzeugung
+ein Unrecht gegen Frankreich selbst, um so mehr nachdem der Kaiser sich
+jetzt mit liberalen Institutionen umgeben und Maenner in seinen Rath
+berufen hat, welche das Vertrauen des Volkes besitzen."
+
+"Das Vertrauen des Volkes?" rief Herr Vergier. "Besitzt dieser Herr
+Ollivier, welcher dem Portefeuille seine Ueberzeugung, die er frueher so
+laut und emphatisch aussprach, Stueck fuer Stueck geopfert hat--besitzt
+dieser, taeglich die Farbe wechselnde Minister das Vertrauen des
+Volkes?--Dieser Mann, der aeusserlich den anspruchslosen und einfachen
+Buerger spielt und in seinem Herzen ein schlimmerer Hoefling ist als die
+Satelliten der roemischen Kaiser."
+
+"Nun," sagte Herr Challier das Gespraech abbrechend, "ich hoffe, dass die
+kriegerischen Befuerchtungen auch diesmal unbegruendet sein werden und dass
+man die steigende Wohlfahrt des Landes einem augenblicklichen
+militairischen Ruhm vorziehen wird."
+
+Er blickte auf seine Uhr.
+
+"Ist unser Diner bereit?" fragte er seine Tochter, welche fortwaehrend
+still in ihrem Stuhl gesessen hatte, ohne auf das Gespraech ihres Vaters
+mit Herrn Vergier zu achten.
+
+Luise erhob sich.
+
+"Sogleich," sagte sie, "Herr Cappei muss jeden Augenblick kommen; er hat
+versprochen heute bei uns zu essen," fuegte sie hinzu, indem ihr Blick
+sich fast herausfordernd auf Herrn Vergier richtete, welcher die Lippen
+zusammenbiss und sich abwendete.
+
+Die Thuer oeffnete sich und der junge Hannoveraner trat ein.
+
+Herr Challier begruesste ihn mit herzlicher Freundlichkeit; das junge
+Maedchen trat ihm entgegen, reichte ihm mit anmuthiger Bewegung die Hand
+und sprach, indem sie mit einem kalten, feindlichen Seitenblick Herrn
+Vergier streifte:
+
+"Wir fuerchteten schon, dass Sie nicht kommen wuerden und wuerden Ihre
+Abwesenheit sehr bedauert haben."
+
+Der junge Mann hielt Luisens Hand einige Augenblicke in der seinen, er
+machte eine unwillkuerliche Bewegung, als wollte er diese Hand an seine
+Lippen fuehren--dann trat er zurueck und begruesste mit einer hoeflichen
+Verneigung Herrn Vergier.
+
+Eine huebsche Dienerin in der zierlichen Tracht der franzoesischen
+Landmaedchen oeffnete die Thuer des anstossenden Speisezimmers. Fraeulein
+Luise, welche als die einzige Tochter ihres frueh verwittweten Vaters dem
+Haushalte vorstand, trat hinein, warf einen letzten Blick ueber den
+einfach aber sauber und geschmackvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte
+eine kleine Schale mit frischen Blumen stand und kehrte dann zurueck, um
+ihrem Vater zu sagen, dass Alles bereit sei.
+
+Man setzte sich zu Tisch. Fraeulein Luise machte mit der den Franzoesinnen
+aller Staende so eigenthuemlichen Anmuth die Honneurs, doch wollte sich
+der heitere Unterhaltungston, welcher sonst in diesem kleinen Kreis
+heimisch war, nicht recht finden. Es lag eine gedrueckte Stimmung auf der
+Gesellschaft.
+
+Der junge Cappei blickte sinnend und fast traurig vor sich nieder; Herr
+Vergier beobachtete mit scharfen spaehenden Blicken den jungen Deutschen
+und Fraeulein Luise schien mit besonderer Absichtlichkeit ihre ganze
+Aufmerksamkeit Herrn Cappei zuzuwenden. Sie legte ihm die Speisen vor,
+schenkte ihm Wein ein und begleitete alle diese kleinen Aufmerksamkeiten
+mit noch freundlicheren Blicken und Worten, indem sie dabei zuweilen mit
+dem Ausdruck von Trotz und hoehnischer Herausforderung zu Herrn Vergier
+hinuebersah.
+
+Das Diner verlief schweigsam.
+
+Der junge Deutsche bewies seinen Dank fuer die Aufmerksamkeiten seiner
+schoenen Nachbarin mehr durch glueckstrahlende Blicke als durch Worte.
+
+Herr Vergier verbarg, so gut er konnte seine innere zornige Erregung und
+hoerte mit gezwungenem Laecheln den scherzhaften Bemerkungen zu, durch
+welche Herr Challier, der eine angenehme Unterhaltung bei Tisch liebte,
+von Zeit zu Zeit die Conversation zu beleben suchte.
+
+Man erhob sich endlich und kehrte in den kleinen durch eine einfache
+Lampe erleuchteten Salon zurueck.
+
+Herr Vergier empfahl sich bald unter dem Vorwande dringender Geschaefte,
+die er noch zu erledigen habe und Herr Challier zog sich zurueck, um
+seiner Gewohnheit gemaess einen Augenblick "nachzudenken", wie er sagte,
+das heisst in dem Lehnstuhl seines Cabinets einen kleinen Schlaf zu
+machen.
+
+Als die jungen Leute allein geblieben waren, zog Cappei ein kleines
+Tabouret neben den Lehnstuhl vor den Camin, auf welchem das junge
+Maedchen sich wieder niedergelassen hatte, setzte sich an ihre Seite und
+ergriff zaertlich ihre Hand, die sie ihm reichte.
+
+"Meine suesse Luise," sagte er mit jenem fremden Accent, den die
+franzoesische Sprache im Munde eines Deutschen immer annimmt, "ich
+fuerchte, dass der Augenblick herannaht, in welchem wir uns auf eine
+vielleicht lange Zeit trennen muessen und ich bedarf der festen
+Zuversicht und des unerschuetterlichen Vertrauens, dass Deine Liebe mir
+fuer alle Wechselfaelle des Schicksals gesichert bleibt."
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" erwiderte Luise, indem sie sanft mit der
+Hand ueber sein Haar strich und ihn mit einem leuchtenden Blick ansah,
+"ich habe Muth und Festigkeit--ich stamme," fuegte sie laechelnd hinzu,
+"von jenen alten Bragards von Saint-Dizier und wie jene die Sache ihres
+Koenigs und ihres Landes auf den Schlachtfeldern vertheidigten, so werde
+ich wenigstens ohne Zagen und Schwanken fuer meine Liebe einzustehen
+wissen. Der Kampf dafuer," fuhr sie, ihn immer mit entzueckten Blicken
+betrachtend fort, "wird uebrigens nicht so schwer sein. Mein Vater ist
+Dir persoenlich geneigt und hat eine tiefe Sympathie fuer die Sache Deines
+so ritterlichen ungluecklichen Koenigs.--Er liebt mich und ich sehe nicht
+ein, was er unserer Verbindung entgegenstellen sollte--"
+
+"Dein Vater," sagte Cappei ernst, "ist aber ein Mann des sichern,
+ruhigen Geschaeftslebens und er wird und muss fuer die Zukunft seiner
+Tochter Garantieen verlangen, die ich in diesem Augenblick nicht zu
+geben im Stande bin--ich bin ein heimathloser Fluechtling--"
+
+"Du hast Deine Heimath an meinem Herzen gefunden," rief Luise lebhaft,
+"genuegt Dir diese Heimath nicht?"--
+
+Er kuesste zaertlich ihre Hand und sagte mit innigem Ton:
+
+"Das ist fuer mein Herz die schoenste, die ich finden kann, die einzige,
+die ich suche, aber wir beduerfen auch des festen Bodens im wirklichen
+Leben und dieser fehlt mir in diesem Augenblick vielleicht mehr als
+je--"
+
+"Doch," unterbrach sie ihn, "warum sprachst Du davon, dass wir uns
+trennen sollen? Glaubst Du," fuhr sie fort, "dass der Augenblick naht, in
+welchem Du fuer Deinen Koenig zu Felde ziehen musst?--Glaube mir, die
+Trennung wird mir tiefen Schmerz bereiten, aber ich werde Dich mit Stolz
+hinziehen sehen und meine Gebete werden Dich im Kampfe begleiten und
+Gott und die heilige Jungfrau, die ich stuendlich anrufen werde, werden
+Dich mir erhalten--Deine Sache wird siegen und dann--dann wird unserm
+Glueck Nichts mehr im Wege stehen."
+
+Er blickte duester vor sich hin.
+
+"Waere es so wie Du sagst," sprach er, "so wuerde ich mit froher
+Begeisterung und Hoffnung der Zukunft entgegensehen, aber leider fuerchte
+ich, dass die Zukunft sich anders gestaltet. Ich hoere, dass die Legion
+aufgeloest werden soll und dann werde ich gezwungen sein nach meiner
+Heimath zurueckzukehren, unter die fremde Herrschaft, um mein kleines
+Erbe mir zu erhalten, die einzige Grundlage, auf welcher ich im Stande
+bin Dir eine Zukunft zu schaffen."
+
+"Das waere traurig," sagte Luise--"doch warum willst Du in solchem Fall
+in Deine Heimath zurueckkehren? Warum willst Du nicht hier bleiben und in
+unserm schoenen Frankreich Dir ein neues Vaterland gewinnen? Mein Vater,"
+fuegte sie rasch hinzu, "ist wohlhabend genug, um uns eine Heimath zu
+gruenden--"
+
+"Nein!" rief er sich stolz aufrichtend, "ich kann ein heimathloser
+Fluechtling sein, so lange ich einer grossen Sache diene--der Sache des
+Koenigs, dem ich einst Treue geschworen habe; wenn diese Sache faellt, so
+kann ich nicht bittend vor Deinen Vater hintreten und mir von ihm eine
+Existenz schaffen lassen.
+
+Ich muss dann den festen Fuss in meiner Heimath wiedergewinnen und wenn
+ich sie verlasse, wenn ich hierher zurueckkehre, um dem Zuge meines
+Herzens zu folgen, so muss es offen und frei geschehen und ich muss auch
+ohne die Huelfe Deines Vaters im Stande sein, unserer Zukunft eine
+sichere Grundlage zu geben, moege dieselbe so bescheiden sein, wie sie
+wolle. Ich werde keine Muehe scheuen, um dies Ziel zu erreichen; das
+Einzige was ich von Dir erbitte ist, dass Du mir vertraust und auch
+waehrend meiner Abwesenheit mir Deine Liebe bewahrst."
+
+Sie beugte sich zu ihm nieder, legte beide Arme um seine Schultern und
+blickte ihm tief in die Augen.
+
+"Kannst Du daran zweifeln?" sagte sie. "Was Du beschliessest, was Du thun
+wirst, es wird das Rechte sein und keine Zeit, keine Abwesenheit wird
+jemals Dein Bild aus meinem Herzen reissen koennen. Man sagt, die
+deutschen Frauen seien fester und treuer in ihrer Liebe--ich will Dir
+beweisen, dass die feurigern Gefuehle, welche das Herz der Franzoesinnen
+bewegen, darum nicht minder treu und bestaendig sind."
+
+Sie lehnte ihr Haupt an seine Schulter und er drueckte seine Lippen
+zaertlich auf ihr duftiges, glaenzendes Haar!--
+
+Rasche Tritte ertoenten auf dem Vorplatz. Luise fuhr empor und lehnte
+sich in ihren Sessel zurueck.
+
+Cappei rueckte das Tabouret einen Schritt seitwaerts.
+
+Der Unterofficier Ruehlberg trat ein. Er begruesste mit einer etwas steifen
+Verbeugung das junge Maedchen und sprach mit einer von innerer Erregung
+bewegten Stimme.
+
+"Was wir befuerchteten, geschieht. So eben als ich nach Hause kam fand
+ich einen Brief des Lieutenants von Mengersen vor, der mir anzeigt, dass
+in der naechsten Zeit eine Commission zur Aufloesung der Legion hier
+eintreffen wird. Jedem Einzelnen sollen vierhundert Francs ausgezahlt
+und ihm die Freiheit gelassen werden, zu gehen wohin er will.
+
+"Nun," rief er mit bitterm Tone, "ich weiss, wohin ich gehen werde, um
+auf meine alten Tage ruhig und frei zu leben; wir sind schon ueber
+Zweihundert, die wir uns verbunden haben, nach Algier zu gehen und Ihr
+thut Unrecht, Euch uns nicht anzuschliessen--aber das kommt--"
+
+Er warf einen schnellen Seitenblick auf das junge Maedchen, biss sich auf
+den Schnurrbart und schwieg.
+
+"Die Entscheidung naht," sagte der junge Mann, ernst und traurig seine
+Geliebte anblickend.
+
+"Und die Liebe und Treue wird sich bewaehren," erwiderte diese leise.
+
+"Ich bin gekommen, um Euch abzuholen," sagte der
+Unterofficier--"verzeihen Sie, mein Fraeulein," schaltete er mit einer
+gewissen muerrischen Hoeflichkeit ein--"unsere Abtheilung ist bei mir
+beisammen und wir wollen ein wenig unter einander die Sache besprechen."
+
+Cappei stand auf, reichte Luise die Hand, bat sie, ihn bei ihrem Vater
+zu entschuldigen und verliess mit dem Unterofficier den Salon.
+
+Das junge Maedchen blieb allein in tiefen Gedanken vor dem allmaelig
+erloeschenden Kaminfeuer sitzen, sinnend blickte sie vor sich nieder;
+doch war es kein trauriger und trueber Ausdruck, der auf ihrem Gesicht
+lag, ihre Seele war muthig und stolz darauf, ihrem Geliebten auch unter
+schweren Verhaeltnissen die Treue bewahren zu koennen. Der Kampf mit den
+Verhaeltnissen des Lebens reizte sie und ihr hoffnungsvolles Herz hatte
+keinen Zweifel, dass Alles endlich sich zu gluecklichem Ausgang fuegen
+wuerde.
+
+
+
+
+Zweites Capitel.
+
+
+Eine truebe Februarsonne schien durch die halb geschlossenen
+Fenstervorhaenge des Schlafzimmers des Kaisers Napoleon des Dritten in
+den Tuilerien.
+
+Der Kaiser lag auf einer in der Mitte des Zimmers stehenden
+Chaiselongue, eingehuellt in einen weiten Schlafrock von leichter Seide,
+sein Kopf war zurueckgelehnt auf ein rundes Kissen, seine Augen waren
+geschlossen und die bleichen Zuege seines Gesichts trugen den Ausdruck
+tiefen Leidens; sein fast ganz ergrautes Haar hing unfrisirt an den
+Schlaefen herab, der sonst so wohl gepflegte Bart war ungeordnet und der
+ganze Kopf, der sonst so ausdrucksvoll und lebendig erschien, erinnerte
+in seiner unbeweglichen Starrheit an eine Todtenmaske; die Haende des
+Kaisers waren ausgestreckt, die Fingerspitzen bewegten sich leicht in
+convulsivischen Zuckungen.
+
+Zu den Fuessen des Ruhebettes stand der Dr. Conneau, kaiserlicher
+Leibarzt und langjaehriger Freund; sein von einem kurz geschnittenen
+schmalen Backenbart umrahmtes bleiches Gesicht mit der hoch hinauf
+kahlen Stirn und der stark vorspringenden Nase zeigte den Ausdruck
+theilnehmender Besorgniss und die tief liegenden, scharfblickenden Augen
+schauten mit gespannter Aufmerksamkeit auf seinen wie leblos da
+liegenden Souverain.
+
+An einem Seitentisch in einiger Entfernung war der Doctor Nelaton
+beschaeftigt einige elegant gearbeitete chirurgische Instrumente von
+Silber und Kautschuk in ein Etui von schwarzem Sammt einzupacken. Sein
+geistvolles, etwas kraenkliches Gesicht war ernst und ruhig und wenn er
+auch zuweilen forschend nach dem Kaiser hinueber blickte, so schien er
+doch mehr mit der sorgfaeltigen Aufbewahrung seiner Instrumente als mit
+dem Zustande seines Patienten beschaeftigt.
+
+Dr. Conneau beugte sich ueber den Kaiser herab und ergriff dessen Hand,
+aufmerksam dem Pulsschlag folgend.
+
+"Der Puls geht ruhig und gleichmaessig," sagte er sich zu Nelaton wendend;
+"es scheint nur eine Krise der Nerven zu sein; ich wuerde Sr. Majestaet
+gern einige Tropfen Aethergeist einfloessen."
+
+"Ich halte das nicht fuer noethig" erwiderte Dr. Nelaton. "Die Sondirung
+hat durchaus keine bedenklichen Symptome ergeben, Seine Majestaet ist
+ungeheuer empfindlich fuer den Schmerz und eine augenblickliche Ruhe wird
+das Gleichgewicht der Kraefte sofort wieder herstellen. Ich ueberlasse den
+Kaiser Ihrer Sorgfalt," fuegte er hinzu indem er sein Etui schloss, "und
+hoffe, dass er einige Zeit von weiteren Operationen wird verschont
+bleiben koennen, nur muss Seine Majestaet in der naechsten Zeit es
+sorgfaeltig vermeiden zu Pferde zu steigen oder lange zu stehen."
+
+Er verliess mit leisen Schritten das Zimmer.--Dr. Conneau blieb ruhig an
+seinem Platz stehen, fortwaehrend das Gesicht des Kaisers beobachtend,
+auf welchem allmaelig wieder eine etwas lebhaftere Farbe erschien.
+
+Napoleon erhob die Haende langsam, faltete sie ueber der Brust zusammen,
+seine Lippen oeffneten sich zu einem tiefen Athemzuge--dann schlug er die
+Augen auf und blickte wie verwundert im Zimmer umher.
+
+"Ist Nelaton fort?" fragte er.--"Was hat er gesagt? Werden diese
+entsetzlichen Qualen sich oft wiederholen muessen?"
+
+"Nelaton ist vollkommen zufrieden und beruhigt, Sire," erwiederte Dr.
+Conneau, "und er hofft, dass Ew. Majestaet fuer lange Zeit Ruhe haben
+werden; es sind durchaus keine bedenklichen Symptome vorhanden und ich
+hoffe durch innere Mittel sehr wirksam eingreifen zu koennen."
+
+"Oh, mein alter Freund," sagte der Kaiser mit traurigem Ton, "Sie
+glauben nicht wie sehr ich leide. Meine Natur kann eine einmalige
+gewaltsame Erschuetterung leicht ueberwinden, aber diese fortwaehrenden
+kleinen Schmerzen zerruetten mein Nervensystem, untergraben meine
+Willenskraft und machen mich zuweilen vollstaendig unfaehig zu denken und
+zu handeln."
+
+"Ich bitte Ew. Majestaet instaendigst," erwiderte Dr. Conneau, "sich in
+diesen so erklaerlichen und natuerlichen Gefuehlen nicht gehen zu lassen.
+Ew. Majestaet so reizbare Natur wird mehr als eine andre Organisation
+durch die Wiederholung kleiner und peinlicher beiden angegriffen; aber
+Ew. Majestaet," sprach er ernst mit volltoenender Stimme, "sind mehr als
+andere Menschen. Ew. Majestaet grosser Geist muss die kleinen beiden
+ueberwinden um die grossen Aufgaben Ihrer Stellung erfuellen zu koennen und
+je mehr Ew. Majestaet die Kraft Ihres Willens anstrengen, um so mehr
+werden jene kleinen Leiden sich vermindern, um so sicherer hoffe ich
+auf Ihre endliche, vollstaendige Wiederherstellung."
+
+Der Kaiser schuettelte langsam und traurig den Kopf. "Die grossen Aufgaben
+meiner Stellung!" sprach er mit matter Stimme--"das ist es ja eben, was
+mich so niederdrueckt und laehmt--dass die Maschine den Dienst versagt, um
+das ausfuehren zu koennen was nothwendig geschehen muss; ja, dass sogar oft
+die Klarheit des Erkennens dessen was nothwendig ist mir schwindet. Waere
+ich einer jener legitimen Koenige, die ruhig auf ihrem Thron sitzen, die
+denselben sicher und unangefochten ihrem Nachfolger ueberlassen
+koennen--oh, dann wuerde ich ruhig alle diese Leiden und Schmerzen
+ertragen. Ich fuerchte wahrlich den Tod nicht--fast moechte ich ihn
+zuweilen wuenschen, denn die Genuesse und Freuden des Lebens sind fuer
+mich--beendet; aber, mein Gott," rief er haenderingend, "ich darf ja
+nicht nur an mich und mein Leben denken, ich muss sorgen fuer die Zeit die
+nach mir kommt; ich muss meinem Sohn das Erbe sichern, fuer dessen
+Erwerbung mein grosser Oheim seine Riesenkraft eingesetzt hat und fuer
+welches ich in muehsamer Arbeit die Taetigkeit meines ganzen Lebens
+angestrengt habe und nun gerade, da ich diese letzte Aufgabe meiner
+irdischen Laufbahn erfuellen will und erfuellen muss, geht mir die Kraft
+aus und wenn dieser elende Koerper zusammenbricht, so wird das stolze
+Gebaeude in Truemmer fallen, welches ich aufgerichtet und dieses
+Frankreich, das ich so sehr liebe, fuer das ich gestrebt und gearbeitet
+habe so lange Jahre hindurch, es wird wieder zuruecksinken in unruhige
+Zerruettung; Ohnmacht und Elend wird die Folge davon sein."
+
+"Aber, mein Gott, Sire," sagte Dr. Conneau, "warum diese schwarzen
+Gedanken? Die Macht des Kaiserreichs steht fest begruendet im Innern und
+hoch geachtet nach Aussen da. Es giebt vielleicht unter den alten
+legitimen Monarchieen so manche, welche nicht auf so sichern und
+unerschuetterlichen Fundamenten ruht als der Thron Ew. Majestaet und wenn
+der kaiserliche Prinz--was Gott noch lange verhueten moege, dereinst
+berufen sein wird jenen Thron zu besteigen, so wird er ein nach allen
+Richtungen hin vollendetes, grossartiges Werk vorfinden, dessen
+natuerliche Weiterentwickelung er nur fortsetzen und leiten darf. Ew.
+Majestaet Werk ist wahrlich groesser als das Ihres Oheims, denn die
+Schoepfungen jenes Riesengeistes stuetzten sich doch immer nur auf die
+Spitze seines Degens, waehrend Ew. Majestaet Bau breit und ruhig auf der
+Wohlfahrt des ganzen Volkes ruht."
+
+Der Kaiser schuettelte abermals den Kopf.
+
+"Auch Sie, mein alter Freund," sagte er, "taeuscht der Schein--oder Sie
+wollen mich beruhigen und mir das Vertrauen auf die Zukunft wiedergeben,
+das ich immer mehr verliere.
+
+"Ich selbst," sagte er nach einem tiefen Athemzuge, indem es wie leichte
+Nachwehen nervoeser Schmerzen ueber sein Gesicht zuckte--"ich selbst kann
+besser wie jeder Andere die Schwaechen dieses Kaiserreichs erkennen, das
+ich selbst erbaut und so lange Zeit aufrecht erhalten habe.
+
+"Fest begruendet im Innern, sagen Sie, stehe mein Reich da?--Und dennoch
+wogt und gaehrt es in dieser so leicht beweglichen Pariser
+Bevoelkerung--ich kenne sie genau die Vorzeichen der revolutionairen
+Stuerme und ich sehe sie deutlich in der heutigen Bewegung des
+oeffentlichen Lebens."
+
+Dr. Conneau laechelte.
+
+"Ew. Majestaet ueberschaetzen diese kleine Bewegung," sagte er. "Die stets
+unruhige Bevoelkerung des Faubourg St. Antoine bedarf von Zeit zu Zeit
+solcher leichter Emotionen, aber unter einer so starken Regierung wie
+diejenige Ew. Majestaet ist hat das nichts zu bedeuten. Die grosse Masse
+der Bevoelkerung Frankreichs, namentlich die laendlichen Grundbesitzer
+haengen an Ew. Majestaet und empfinden dankbar die Segnungen, welche Ihre
+Regierung ihnen gebracht hat. Dank der Ordnung, Ruhe und Sicherheit des
+oeffentlichen Verkehrs, Dank dem neuen Wegesystem, das Ew. Majestaet
+geschaffen und das jedem Grundbesitzer die Moeglichkeit der reichsten
+Verwerthung seiner Producte sichert, steht Frankreich auf einer Hoehe des
+Wohlstandes wie nie zuvor und einige unruhige Koepfe in Paris werden
+niemals die Macht haben, die tiefe Anhaenglichkeit des ganzen Volkes an
+Ew. Majestaet und Ihre Dynastie zu erschuettern."
+
+"Sie kennen Frankreich nicht wie ich," sagte der Kaiser traurig--"ich
+weiss wie Sie, dass das Volk im ganzen Lande mir dankbar ist und dass aus
+dem Lande selbst niemals eine Bewegung gegen das Kaiserreich hervorgehen
+wird; aber die Centralisation in diesem Lande hat eine unbesiegbare
+Gewalt--eine unvernuenftige Gewalt, wenn Sie wollen, doch die Gewalt ist
+da und ich sage Ihnen, bei irgend einem Unglueck, bei irgend einer
+Schwaeche der Regierung--bei meinem Tode vielleicht," fuegte er seufzend
+hinzu, "wird immer eine Hand voll Nichts bedeutender Menschen, denen es
+gelingt Paris zu terrorisiren, die Macht haben eine Regierung zu
+stuerzen, welche die Sympathieen des ganzen Landes besitzt und dieses so
+ganze reiche, so arbeitsame, so geistvolle Frankreich wird den
+Thorheiten folgen, zu denen man Paris zu verleiten im Stande sein
+moechte.--
+
+"Und nach Aussen," fuhr er fort, fast mehr noch zu sich selbst als zu
+Conneau sprechend--"hat man in Europa noch Achtung, hat man noch Furcht
+vor Frankreich? Wohin richten sich die Blicke der Cabinette? Ich fuehle
+es heraus aus den Berichten aller meiner Gesandten, man sieht nach
+Berlin und die Zeit ist vorbei, in der ich mit einem Worte Europa
+bewegen konnte.
+
+"Niel ist todt," sagte er mit dumpfem Ton--"Alle sind todt, die mich
+einst auf der Hoehe der Macht und des Einflusses umgaben--Morny,
+Walewsky--selbst Felix und mein treuer Nero--ich bin allein.
+
+"Ich habe nur noch Sie," sagte er mit einem unendlich innigen Blick auf
+den Dr. Conneau, indem er ihm mit einer matten Bewegung die Hand
+reichte; "aber Sie, mein braver und treuer Freund, Sie koennen mir nicht
+helfen; das Getriebe der Politik liegt Ihnen fern--Sie koennten mir nur
+helfen, wenn Sie dieser alten gebrechlichen Maschine neues Leben
+einzufloessen vermoechten.
+
+"Oh," rief er, indem ein Blitz aus seinem Auge spruehte, "ich wollte
+allein all diesen Schwierigkeiten entgegentreten, ueber sie alle Herr
+werden, wenn ich nur auf wenige Jahre meinen Nerven und meinen Muskeln
+die Kraft der Jugend wiedergeben koennte.--Le Boeuf," fuhr er nach einer
+augenblicklichen Pause fort, "er ist der Schueler von Niel, er hat ihm
+nahe gestanden, er ist das Werkzeug zur Ausfuehrung seiner Ideen
+gewesen--aber er ist kein Niel und der Schueler kann den Meister nicht
+fortsetzen.--
+
+"Ich habe den Augenblick verloren und dem Augenblick gehoert das
+Schicksal; ich fuerchte, ich fuerchte, mein treuer Conneau, der Augenblick
+kommt nicht wieder und mein Stern, den ich einst so hell leuchtend ueber
+meinem Haupt erblickte, er hat sich in truebe, truebe Wolken verhuellt.
+
+"Vielleicht," fuhr er immer seinen Gedanken folgend fort--"habe ich
+einen Fehler begangen dadurch, dass ich eine Dynastie gruenden wollte.
+Vielleicht ist eine dynastische Monarchie Frankreichs in unserm
+Jahrhundert nicht mehr moeglich; vielleicht staende ich groesser und
+sicherer da, wenn ich mich haette entschliessen koennen nur der Caesar zu
+sein, der an keinen Nachfolger denkt, der sich identificirt mit der
+pulsirenden Bewegung des Volkslebens und dessen Geschichte mit seinem
+Tode aufhoert.
+
+"Das ist der Ursprung meiner Herrschaft--und man sagt, die Regierungen
+fallen, die sich von den Principien ihres Ursprungs entfernen.
+
+"Ist mein Oheim nicht gefallen, weil er aufhoerte Caesar zu sein und weil
+er der Begruender einer neuen dynastischen Legitimitaet werden wollte?
+
+"Aber, mein Gott," rief er die Haende ueber der Brust faltend, indem ein
+unendlich weicher Ausdruck auf seinen Zuegen erschien--"mein Gott, ich
+habe einen Sohn und ich liebe diesen Sohn--ich liebe ihn sehr, Conneau
+und mag es ein Fehler sein oder nicht--meine ganzen Gedanken, meine
+ganze Arbeit gehoeren der Zukunft, gehoeren meinem Sohn."
+
+In tiefer Bewegung trat Dr. Conneau an das Lager des Kaisers, ergriff
+dessen Hand und fuehrte sie an seine Lippen.
+
+"Diese Arbeit wird ihre Frucht tragen, Sire," sagte er mit zitternder
+Stimme--"ich wollte, es waere mir vergoennt mein Leben fuer Sie und fuer den
+kaiserlichen Prinzen hinzugeben."--
+
+"Geben Sie mir lieber," sagte Napoleon sanft laechelnd, "durch Ihre Kunst
+die wahre Kraft des Lebens wieder, dann werden Sie Frankreich, mir und
+meinem Sohn den hoechsten Dienst leisten."
+
+Conneau trat zur Seite, ergriff ein kleines Flaeschchen von geschliffenem
+Crystall, das auf einem Tisch am Fenster stand und mischte einige
+Tropfen der hellen Fluessigkeit, welche dasselbe enthielt, mit einem
+Glase Wasser.
+
+"Ich bitte Ew. Majestaet dies zu trinken," sagte er dem Kaiser das Glas
+reichend; "ich hoffe damit wenigstens einen Theil der Aufgabe zu
+erfuellen, welche Sie mir bezeichnen; dieses Getraenk wird Ew. Majestaet
+die Nervenkrise ueberwinden helfen, welche Nelatons Sondirung
+hervorgerufen hatte."
+
+Der Kaiser leerte langsam das Glas, dessen Inhalt eine gruene
+opalisirende Farbe angenommen hatte. Die nervoese Spannung seiner
+Gesichtszuege verschwand, seine mattgelbliche Haut nahm eine roethere
+Faerbung an und um seine Lippen legte sich jener Zug wohlwollender
+Freundlichkeit, welcher ihm in der Unterhaltung eigenthuemlich war und
+der auf Jeden, der mit ihm, sprach seinen Zauber ausuebte.
+
+Er stand langsam auf.
+
+"Ich danke Ihnen, Conneau," sagte er, "das hat mir wohlgethan. Wollte
+Gott, Sie koennten die Wirkung dieses Elixirs dauernd machen; leider wird
+der Schmerz und die Schwaeche bald wieder meine Nerven zur alten
+Unfaehigkeit herabstimmen."
+
+"Nicht so leicht," erwiderte Dr. Conneau, "wenn die Willenskraft meinem
+Elixir zu Huelfe kommt; der menschliche Willen ist ein maechtiger Factor
+und selbst der kranke Koerper gehorcht seinem Befehl."
+
+"Der Willen?" sagte der Kaiser schmerzlich laechelnd--"um zu wollen, dazu
+gehoert Kraft und um die Kraft zu entwickeln gehoert Willen; wo ist der
+Anfang dieses Kreises, in welchem sich der leidende Mensch traurig
+herumbewegt?--Doch," fuhr er fort, "fuer den Augenblick habe ich den
+Willen und ich will ihn benutzen zu klarem Einblick in die Verhaeltnisse,
+denn das ist die erste Quelle aller guten Entschluesse."
+
+Er reichte Conneau die Hand,--der Arzt fuehrte dieselbe an seine Lippen
+und verliess das Schlafgemach seines Herrn.
+
+Der Kaiser klingelte.
+
+"Es ist nicht mehr mein treuer Felix," sprach er seufzend, "der alle
+Wechselfaelle des Lebens mit mir getheilt hat und dessen Erscheinung mir
+eine so liebe Gewohnheit geworden war."
+
+Der Kammerdiener trat ein und Napoleon machte mit aller Sorgfalt seine
+Toilette, nach deren Vollendung aus seinen Zuegen und seiner Haltung die
+Spuren der Schmerzen und der Erschoepfung fast ganz verschwanden; nur
+sein schwankender, unsicherer und in den Hueften wiegender Gang zeugte
+von seiner gebrochenen Kraft.
+
+"Ist Herr Duvernois da?" fragte er mit einem letzten Blick in den
+Spiegel.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+"Man soll ihn eintreten lassen," sagte Napoleon, indem er in sein
+Cabinet trat, das sorgfaeltig gelueftet, von einem hellen Kaminfeuer
+erwaermt und mit dem leichten Duft von eau de Lavande durchzogen war. Wer
+den Kaiser hier sah, haette sich unmoeglich von dem leidenden, ganz
+gebrochenen Manne ein Bild machen koennen, der noch kurz vorher unter den
+Haenden der Aerzte seufzte und der gequaelt von den Leiden des Koerpers den
+Glauben an die Zukunft und das Vertrauen auf sich selbst verloren hatte.
+
+Napoleon trat heiter laechelnd, den Blick halb unter seinen Augenlidern
+verborgen, dem Journalisten Clement Duvernois entgegen, dem soeben der
+Huissier die Thuer des Cabinets geoeffnet hatte.
+
+Herr Duvernois, der seine publicistische Laufbahn in Algier begonnen,
+frueher lebhafte Opposition gemacht, und endlich damit geendet hatte, aus
+wirklicher und aufrichtiger Ueberzeugung ein begeisterter Anhaenger des
+Kaisers zu sein, war damals etwa fuenf und dreissig bis vierzig Jahr alt.
+Seine nicht hohe und nicht schlanke Figur, hatte Etwas von jener leicht
+gerundeten Corpulenz, welche die Koenigin von Daenemark fuer Hamlet in
+seinem Kampf mit Laertes fuerchten laesst. Sein etwas grosser Kopf war mit
+langem blonden Haar bedeckt, das die Stirne ziemlich weit hinauf kahl
+liess,--die Zuege seines bleichen Gesichts waren scharf geschnitten und
+entsprachen in ihrem lebhaft bewegten Ausdruck nicht ganz dem wesentlich
+phlegmatischen Typus seiner Figur. Seine Augen, obgleich hell und beim
+ersten Anblick nicht besonders tief erscheinend, erleuchteten sich
+waehrend der Unterhaltung und ihre leicht blaugraue Farbe schien dann wie
+von einer dunkeln Gluth durchschimmert.
+
+Herr Duvernois ging ohne jene elegante Leichtigkeit des Hofmannes, doch
+voellig ungezwungen auf den Kaiser zu, ergriff ehrerbietig die Hand,
+welche dieser ihm entgegenstreckte und verneigte sich tief.
+
+"Nun mein lieber Duvernois," sagte Napoleon mit freundlicher
+Herzlichkeit, "--wie geht es Ihnen,--ich habe Sie bitten lassen zu mir
+zu kommen, weil die Zeit wieder ernst zu werden beginnt,--es gaehrt und
+bewegt sich in den Tiefen und ich werde von allen Seiten mit so vielem
+Rath ueberschuettet,--dass es mir wirklich Beduerfniss ist, auch die Meinung
+Derjenigen zu hoeren, welche meine wahren Freunde sind."
+
+"Es sind leider nicht Alle Ihre Freunde, Sire, welche sagen es zu
+sein," erwiderte Clement Duvernois mit einer Stimme ohne harmonischen
+Wohllaut, aber mit scharf und klar accentuirtem Ton,--"fast moechte ich
+sagen--ich bin der ergebene Diener Eurer Majestaet, obgleich ich es laut
+ausspreche."
+
+"Und gehoeren Sie auch zu Denen," fragte Napoleon, "welche meinen, dass
+diese Bewegung in den Massen Nichts zu bedeuten habe, dass man nur ruhig
+abwarten duerfe, bis sie sich voellig wieder verlaeuft?--Sie haben es
+gelernt," fuhr er fort, "die oeffentliche Stimmung zu verstehn, Sie haben
+den klaren Blick, den die Hoehe nicht blendet,--und der vor den Tiefen
+des Abgrundes nicht zurueckschaudert,--was sehen Sie auf der Hoehe,--was
+sehen Sie in den Tiefen,--sprechen Sie frei und offen--Sie wissen, dass
+ich zu hoeren und zu lernen verstehe," fuegte er mit freundlichem Laecheln
+und einer leichten artigen Neigung des Kopfes hinzu.
+
+"Ich habe Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "meine
+Ergebenheit stets dadurch bewiesen, dass ich vor Ihrem Angesicht den
+Kaiser vergass und nur den grossen und geistvollen Mann sah, dem Niemand
+einen groesseren Dienst leisten kann als durch das Aussprechen seiner
+wahren und unverhuellten Ueberzeugung,--diese Ergebenheit werde ich
+Eurer Majestaet auch heute beweisen, denn mehr als je thut heute die
+Wahrheit Noth und je mehr Jeder aus seinem Gesichtskreise heraus die
+Wahrheit spricht, um so leichter wird es dem freien Blick Eurer Majestaet
+werden das wirklich Richtige zu erkennen."
+
+"Sie halten also die Situation fuer ernst?" fragte der Kaiser, indem er
+sich seufzend in einen Fauteuil niedersinken liess und Herrn Duvernois
+einen Sessel neben sich bezeichnete.
+
+Clement Duvernois stuetzte die Hand leicht auf die Lehne dieses Sessels,
+blieb vor dem Kaiser stehen und sprach, ohne direct auf die an ihn
+gerichtete Frage zu antworten:
+
+"Eure Majestaet haben mir das schmeichelhafte und ehrenvolle Zeugniss
+gegeben, dass mein Blick gewoehnt sei, in die Tiefen hinab wie zu den
+Hoehen hinauf zu blicken,--nun wohl, Sire,--ich habe nach beiden
+Richtungen scharf beobachtet--und werde Eurer Majestaet frei sagen, was
+ich gesehen."
+
+Der Kaiser lehnte den Kopf auf die eine Schulter herueber, stuetzte den
+Arm auf sein Knie und hoerte so, mit der Spitze seines Schnurrbartes
+spielend, aufmerksam zu.
+
+"In den Tiefen, Sire," sagte Clement Duvernois, "sehe ich die finstern
+Daemonen, welche die maechtige Hand Eurer Majestaet lange Zeit gefesselt
+hielt, einen Kampf auf Leben und Tod vorbereiten,--da sie fuehlen, dass
+der Griff der kaiserlichen Hand nicht mehr dieselbe Festigkeit hat wie
+frueher."
+
+Der Kaiser seufzte tief auf. Es schien, als wolle er sprechen,--doch
+blieb er schweigend und forderte Duvernois, der einen Augenblick inne
+gehalten, durch einen Wink auf fortzufahren.
+
+"Die friedlichen Buerger, Sire," sprach der geistvolle Publicist weiter,
+"wissen nicht, was an jedem Abend in Paris geschieht, diese friedlichen
+Buerger schlafen ruhig im Vertrauen auf die Fuersorge und Kraft der
+Regierung, waehrend der Boden, auf dem ihr Haus steht, unterhoehlt wird.
+Auf der Oberflaeche scheint Alles ruhig,--die Repraesentanten der Nation
+berathen ueber die wichtigsten Interessen des Landes, die Minister suchen
+gut zu verwalten, die Geschaefte erholen sich und die ehrliche Arbeit
+freut sich der Ruhe und Ordnung.
+
+"Was aber, Sire," fuhr er mit erhoehter Stimme fort,--"was birgt die
+Tiefe unter dieser Oberflaeche des Friedens und Gedeihens? Taeglich
+versammeln sich vier bis fuenftausend Individuen--Feinde des Besitzes,
+Feinde der Arbeit, Feinde jeder Gesellschaftsordnung, welche die
+Thaetigkeit zur Bedingung des Lebensgenusses macht--diese Individuen
+versammeln sich unter dem Vorsitze von Deputirten der aeussersten
+Linken,--von Deputirten, die dem Kaiser und der Nation ihren Eid
+geschworen; sie missbrauchen das Versammlungsrecht, das so liberal
+gegeben worden und ueberlassen sich den masslosesten Ausschreitungen.
+Diese Leute fuehren die verleumderischsten Schimpfreden, reizen sich
+gegenseitig auf und verbrechen sich untereinander das Kaiserreich durch
+Gewalt umzustuerzen, den Staat ueberhaupt und die Gesellschaft zu
+zerstoeren.
+
+"Eure Majestaet moegen mir erlauben, einige Worte aus den Reden zu
+citiren, welche man dort haelt und welche Ihre Polizei sich vielleicht
+scheuen moechte, Ihnen zu wiederholen. Flourens hat gestern auf der
+Tribuene dieser wuesten Versammlung gerufen: 'wir wollen keine Banditen,
+keine Moerder mehr, moegen sie aus Corsika oder anders woher kommen; wir
+wollen keine Retter der Gesellschaft mehr, welche ein Stueck Speck am
+Hute tragen.'"
+
+Der Kaiser neigte den Kopf noch tiefer--sein Blick verhuellte sich voellig
+unter den Augenlidern.
+
+"Flourens," fuhr Herr Duvernois fort, "sprach dann von den Vorgaengen in
+Creusot und rief: 'es wird so nicht lange weiter gehen, binnen kurzer
+Zeit werden wir alle diese Elenden zum Teufel jagen, welche durch ihren
+zusammengeschacherten Besitz die freien Arbeiter zu Sclaven machen
+wollen.' Doch es geht noch weiter; beim Bankett von St. Mande, Sire, hat
+man auf die Kugel getrunken, welche das Staatsoberhaupt treffen wuerde."
+
+Der Kaiser hob den Kopf, blickte Duvernois gross und klar an und sprach
+mit ruhigem Laecheln:
+
+"Wenn diese Kugel gegossen ist, mein lieber Duvernois, so wird sie mich
+treffen und wenn Alles in der tiefsten Ruhe waere. Hat das Schicksal sie
+mir nicht bestimmt--so wird der Toast einiger Wahnwitzigen meinem Leben
+keine Gefahr bringen."
+
+"Ich weiss," erwiderte Duvernois, "dass Eure Majestaet keine Gefahr scheut
+und es ist nicht um Eure Majestaet vor einem Attentat zu warnen, dass ich
+erzaehle, was man dort gesprochen hat--Diejenigen, welche so laut reden,
+sind keine Ravaillacs. Fuer heute und morgen, Sire, haben noch alle diese
+Bewegungen keine gefaehrliche Bedeutung; das Alles sind nur Versuche, was
+man wagen, wie weit man gehen kann. Wenn man aber fuehlt, dass man
+ungestraft die Zerstoerung der Gesellschaft predigen darf, so wird man
+weiter und weiter gehen und die grosse Masse der ruhigen Buerger wird, wie
+das bei allen Revolutionen der Fall ist, dem Terrorismus weniger
+Verbrecher verfallen, wenn nicht noch zur rechten Zeit die starke Hand
+der Regierung schuetzend in diese gefaehrliche Bewegung eingreift."
+
+"Und diesem finstern Bilde auf dem Grunde der Gesellschaft gegenueber,"
+fragte der Kaiser, indem sein Blick forschend auf dem lebhaft bewegten
+Gesicht Duvernois' ruhte--"was haben Sie auf den Hoehen gesehen?"
+
+Clement Duvernois schwieg einen Augenblick.
+
+Er sah nachdenkend zu Boden und schlug dann das grossgeoeffnete,
+dunkelgluehende Auge zum Kaiser auf.
+
+"Auf der Hoehe," sprach er dann mit tief eindringender Stimme, "sehe ich,
+Sire, einen grossen Fuersten, der durch maechtige und edle Arbeit seiner
+Nation Macht und Wohlstand geschaffen hat, der in grossherzigem Vertrauen
+nicht daran zu glauben vermag, dass diese Nation fuer so viele Wohltaten
+undankbar sein koennte, dessen Gedanken erfuellt sind von dem Streben auch
+ueber seinen Tod hinaus, den er mit kaltbluetigem Heldenmuth in's Auge
+fasst, seinem Volk das Glueck zu sichern, welches seine Regierung
+geschaffen hat; einen Fuersten, der sich anschickt, dem von ihm
+aufgerichteten Gebaeude die Krone der letzten Vollendung zu geben--der
+aber--"
+
+"Der aber?" fragte der Kaiser, den Kopf noch hoeher erhebend und mit
+gespannter Erwartung aufblickend.
+
+"Der aber," fuhr Duvernois ruhig und ernst fort, "mit der Kroenung des
+Baues beschaeftigt, vergisst die Fundamente desselben gegen die finstern
+Gewalten zu schuetzen, welche dieselben langsam und systematisch
+untergraben."
+
+"Ich vergesse das nicht," sagte Napoleon, "im Gegentheil arbeite ich
+daran, diesen Fundamenten, welche bisher auf dem einzigen Pfeiler meines
+persoenlichen Willens und meiner persoenlichen Kraft ruhten die breite und
+sichere Grundlage von Institutionen zu geben, durch welche die besten
+und edelsten Kraefte des Landes um den Thron meines Nachfolgers vereinigt
+werden sollen. Diese Institutionen sollen staerker sein als die
+persoenliche Macht des Souverains, so dass, wenn auch ein kaum der
+Kindheit entwachsener Knabe der Erbe meiner Regierung wird, Frankreich
+ruhig und unerschuettert wie in den vergangenen Tagen seiner alten Koenige
+rufen kann: Der Kaiser ist todt--es lebe der Kaiser."
+
+"Die edle Absicht Eurer Majestaet," erwiderte Clement Duvernois, "erkenne
+ich klar; ich erkenne nicht minder die hohe Weisheit, welche Ihre
+Entschluesse dictirt hat und die Institutionen, welche Sie geschaffen,
+wuerden vollkommen geeignet sein das zu erreichen, was Eure Majestaet
+bezwecken will, wenn--diese Institutionen und ihre Ausfuehrung in anderen
+Haenden laegen."
+
+Ein Zug von duesterm Unmuth erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er liess
+den Kopf auf die Brust sinken und sprach mit dumpfem Ton:
+
+"Und in wessen Haende sollte ich diese Institutionen legen? Wo sind die
+treuen Freunde, denen ich unbedingtes Vertrauen schenken
+kann?--Diejenigen, welche mit mir emporgestiegen waren, Diejenigen,
+welche mit mir die Zeit des Ungluecks und Leidens getheilt hatten--sie
+sind todt.--Eine neue Zeit steigt um mich herauf, wie schwer ist es,
+eine Wahl zu treffen unter allen Denen, die ich nur als Hoeflinge des
+Kaisers aber nicht als Gefaehrten des Verbannten kennen gelernt habe."
+
+Er versank einen Augenblick in duesteres Schweigen.
+
+"Doch," sprach er dann, sich lebhaft emporrichtend, "sprechen Sie offen,
+Sie wissen, ich glaube an Ihre Aufrichtigkeit; haben Sie Grund den
+Maennern zu misstrauen, welche ich gegenwaertig in meinen Rath berufen
+habe, und welche, wie man mir allgemein sagt, das Vertrauen des Landes
+besitzen?"
+
+"Misstrauen?" sagte Clement Duvernois ein wenig zoegernd, "ist ein hartes
+und schweres Wort; es enthaelt eine Anklage, die ich gegen Eurer
+Majestaet Minister auszusprechen nicht unternehmen moechte. Erlauben mir
+Eure Majestaet zunaechst von den Personen abzusehen und ganz allgemein zu
+sprechen.
+
+"Ich sehe vor mir--und ich sehe von unten herauf wo Eure Majestaet nur
+von oben herab blicken--ich sehe vor mir die eigenthuemliche Thatsache,
+dass die Macht der kaiserlichen Regierung sich in den Haenden des dem
+Kaiserreich feindlichsten Princips befindet--in den Haenden des
+Orleanismus--"
+
+"Sie glauben," fuhr der Kaiser heftig auf, "dass Graf Daru, dass Buffet
+mich verrathen koennten--dass sie mit den Orleans conspiriren?"
+
+"Nein, Sire," antwortete Clement Duvernois, "das glaube ich nicht. Graf
+Daru ist ein Ehrenmann und auch Herrn Buffet halte ich dafuer; aber,
+Sire, diese Maenner, die gewiss, nachdem sie Eurer Majestaet Portefeuille
+angenommen haben, das Wohl des Kaiserreichs ernstlich erstreben, leben
+und denken in den Doctrinen des Orleanismus, dass heisst der
+constitutionellen Theorie, welche das Schattenbild parlamentarischer
+Repraesentation an die Stelle des wirklichen und eigentlichen Volkslebens
+setzt und am letzten Ende der Kette, welche sich durch diese Doctrinen
+Glied fuer Glied bis in das Cabinet Eurer Majestaet fortsetzt, befindet
+sich die lenkende und leitende Hand der orleanistischen Conspiration.
+Ohne es zu wollen, ohne klar darueber zu denken, werden Eurer Majestaet
+Minister von dieser Kette geleitet; blicken Eure Majestaet um sich, die
+Maenner der orleanistischen Doctrinen herrschen auf allen Gebieten des
+franzoesischen Staatslebens und unter den Anhaengern der Doctrinen
+befinden sich jedenfalls auch Anhaenger der Personen. Die Partei des
+Umsturzes begreift vollkommen den Nutzen, den sie aus solchen Zustaenden
+zieht.
+
+"Eure Majestaet kennen die Verbindung Rocheforts mit der orleanistischen
+Propaganda;--nicht dass diese Leute jemals das Koenigthum Louis Philippe's
+wieder herstellen wollten, aber sie benutzen die Agenten jenes Princips
+als ihre Vorkaempfer. Wenn es so weiter geht wie es bis jetzt gegangen
+ist, Sire, so wird ein Moment kommen, in welchem die ganze Macht der
+Regierung in den Haenden der Orleanisten ruht und wenn dann von unten her
+ein maechtiger Stoss gegen die Staatsautoritaet gewagt wird, so kann es
+kommen--nach meiner Ueberzeugung wird es kommen, dass die Maschine den
+Dienst versagt und dass Eure Majestaet auf Ihrer Hoehe einsam und allein
+dastehen werden.
+
+"Ich habe diese Frage," fuhr er fort, "eingehend studirt; die Macht der
+Orleans ist gross, weit verzweigt und geschickt geleitet; es giebt keinen
+Ort in Frankreich, in welchem nicht ein Agent dieser Sache sich
+befindet. Zum grossen Theil sind diese Agenten Besitzer von
+Buchdruckereien oder Buchhaendler und sie versaeumen keine Gelegenheit,
+das Vertrauen auf das Kaiserreich zu erschuettern."
+
+Der Kaiser stand auf--in zorniger Erregung zitterte sein Gesicht.
+
+"Was wollen sie," rief er, "diese Orleans, die fortwaehrend dahin
+gestrebt haben die bestehenden Gewalten zu stuerzen, und die es nie
+verstanden haben sich die Herrschaft zu erhalten?--Glauben sie mit ihren
+schwaechlichen Intriguen dieses Frankreich regieren zu koennen, das einer
+eisernen Hand unter einem Handschuh von Sammet bedarf?"
+
+"Gewiss wuerden sie nicht faehig sein," erwiderte Duvernois, "die
+Herrschaft fest zu halten, wenn sie je wieder in ihre Haende gelangen
+sollte, aber gewiss auch sind sie nicht geeignet, die kaiserliche
+Regierung gegen die Angriffe zu vertheidigen, welche von unten herauf
+gegen dieselbe gerichtet werden und--verzeihen Eure Majestaet meine
+Offenheit--in diesem Augenblick liegen fast alle Vertheidigungsmittel
+des Kaiserreichs in den orleanistischen Haenden und schon erhebt sich an
+den Grenzen Frankreichs die Candidatur Montpensiers--sollte dieselbe
+reuessiren, so werden mit veraenderten Personen und unter veraenderten
+Umstaenden die Zeiten der Beschwoerung von Cellamare sich wiederholen."
+
+Der Kaiser setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl und blickte finster
+vor sich nieder.
+
+Dann schlug er die Augen gross auf und sah Clement Duvernois mit einem so
+brennenden und forschenden Blick an, als wolle er in den Tiefen seiner
+Seele lesen.
+
+"Und was kann ich thun?" fragte er. "Was muesste nach Ihrer Ueberzeugung
+geschehen, um einer solchen Beschwoerung vorzubeugen und um den
+Schwerpunkt der Regierung wieder in meine Haende--in die Haende meiner
+Freunde zu legen?"
+
+"Nach meiner Meinung," erwiderte Duvernois, "ist der Weg dazu einfach.
+Wie die Personen dem Princip des Orleanismus folgend in die Regierung
+eingetreten sind, so wird dieselbe sich wieder vollstaendig nach dem
+Willen Eurer Majestaet bilden, anstatt der geschiedenen Freunde werden
+neue erstehen, sobald das Grundprincip des Kaiserreichs wieder zu
+kraeftiger Geltung kommt und zum Schwerpunkt der Regierung wird.
+
+"Ich meine damit," fuhr er fort, als der Kaiser ihn fragend ansah, "dass
+in diesem Augenblick das System des constitutionellen Doctrinarismus in
+Eurer Majestaet Regierung massgebend ist; die Minister halten mit den
+Rednern der Kammer dialektische Uebungen; studiren Gesetzesparagraphen
+und deren Amendements und vergessen darueber, dass es ausserhalb der
+Cabinette und ausserhalb der Sitzungssaele der Kammern ein Volk
+giebt,--ein Volk, welches lebt und athmet, welches nicht aus Marionetten
+besteht und welches schliesslich eine sehr laute Stimme und sehr kraeftige
+Arme hat, um, wenn es die Geduld verliert, alle diese Kammerredner zu
+ueberschreien und eine Regierung, welche die Fuehlung mit ihm verloren
+hat, zu zertruemmern. Wie unter der Regierung Louis Philippe's die ganze
+Geschichte Frankreichs sich zusammenfasste in das constitutionelle
+Schaukelspiel zwischen Thiers und Guizot, wie endlich diese kuenstliche
+Maschinerie unter dem ersten Hauch einer ernsten Volksbewegung in Atome
+zerfiel, so laeuft Eurer Majestaet Regierung jetzt Gefahr, sich von dem
+Boden des realen Volkslebens loszuloesen.
+
+"Das Kaiserreich steht," fuhr er immer ernster und lebhafter fort,
+waehrend Napoleon mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhoerte--"das
+Kaiserreich steht auf dem Boden des allgemeinen Volkswillens, das ist
+Napoleonischer Boden; lassen sich Eure Majestaet nicht hinueberlocken auf
+den Boden des Parlamentarismus, denn jener Boden gehoert der
+orleanistischen Agitation.
+
+"Wenn Eure Majestaet," sprach er nach einer kurzen Pause weiter, "sich
+fest und entschlossen wieder auf das Princip der Entstehung Ihrer
+Regierung und Ihrer Dynastie stellen, so werden mit den falschen
+Grundsaetzen, die jetzt die Autoritaet zersetzen, zugleich auch die
+Personen verschwinden, welche von diesen Grundsaetzen emporgetragen
+wurden; gerade auf diesem Gebiet koennen Eure Majestaet die Probe machen,
+ob Diejenigen, welche Sie in Ihren Rath berufen haben, wirklich feste
+und unerschuetterlich treue Diener des Kaiserthums und der Napoleonischen
+Dynastie sind."
+
+"Ich verstehe vollkommen," sagte der Kaiser, "und finde in Ihren
+Gedanken Vieles was mit meinen Ideen uebereinstimmt; doch moechte ich Sie
+bitten mir auch Ihre Meinung zu sagen ueber die Art und Weise, wie Sie
+glauben dass Ihre principiellen Anschauungen practisch ausgefuehrt werden
+koennen.
+
+"Sie haben so tief und eingehend ueber den Kern der Fragen nachgedacht,
+welche die augenblickliche Situation bestimmen, dass ich ueberzeugt bin,
+Sie werden auch bereits die Mittel erwogen haben, durch welche Sie jene
+Fragen loesen zu koennen glauben."
+
+"Gewiss," erwiderte Clement Duvernois, "habe ich auch darueber meine
+Gedanken zu ordnen versucht und ich glaube, dass auf eine einfache Weise
+Eure Majestaet alle Unklarheiten der augenblicklichen Situation
+beseitigen koennen. Der Fehler dieser Situation," fuhr er fort, waehrend
+der Kaiser sich vorbeugte und mit gespannter Aufmerksamkeit
+zuhoerte--"der Fehler dieser Situation liegt darin, dass der Schwerpunkt
+des ganzen politischen Lebens allmaelig ausschliesslich in die
+parlamentarischen Koerperschaften und in die Debatten der Kammern verlegt
+worden ist; nach meiner Ueberzeugung muessen Eure Majestaet diesen
+Schwerpunkt wieder dahin zurueckverlegen, wo die wahre Macht sich
+befindet und wo die kaiserliche Regierung und die kaiserliche Dynastie
+ihre einzig wahre und dauernde Stuetze finden kann, in das Volk selbst.
+
+"Es sind viele Aenderungen in der Verfassung und in der Gesetzgebung des
+Kaiserreichs vorgenommen, Grund genug um das Volk zusammenzuberufen und
+durch ein Plebiscit alle diese Aenderungen gut heissen zu lassen; ein
+solches Plebiscit wird dann zugleich auch von Neuem beweisen, dass das
+ganze Volk noch ebenso wie beim Beginn des Kaiserreichs hinter Eurer
+Majestaet, Ihrer Regierung und Ihrer Dynastie steht. Vor einer solchen
+maechtigen Kundgebung der ganzen Nation wird jenes Gaukelspiel
+parlamentarischen Scheinlebens, in welchem die orleanistische Doctrin
+ihre Ausfuehrung und die orleanistische Agitation ihren Halt findet,
+verschwinden."
+
+Der Kaiser hob den Kopf empor, seine Augen oeffneten sich gross und weit
+und ein stolzes und freudiges Laecheln spielte um seine Lippen.
+
+"Sie haben Recht, mein Freund," sagte er mit leuchtendem Blick--"Sie
+haben Recht. Ihr Gedanke ist ebenso einfach als gross und wahr; ich habe
+neue Stuetzen, sichere Garantien fuer die Zukunft meiner Dynastie und fuer
+den Thron meines Sohnes gesucht, Sie zeigen mir den Weg, auf dem ich sie
+allein finden kann; Sie zeigen mir die breite und ewig feste Grundlage
+meines Reiches, diese Grundlage, welche mein grosser Oheim verlassen hat
+und von welcher ich ebenfalls im Begriff war mich ablenken zu lassen.
+Ich danke Ihnen," fuegte er mit unendlich liebenswuerdigem Ausdruck hinzu,
+"Sie haben mir in dieser Stunde einen grossen Dienst geleistet, Sie haben
+Klarheit in die Ideen gebracht, die in meinem Geiste hin und her wogten
+und sobald die Klarheit der Erkenntniss da ist, laesst auch die
+Entschiedenheit des Handelns nicht auf sich warten.
+
+"Ich werde meine Entschluesse ueber die formelle Ausfuehrung des
+Gedankens, den Sie mir so klar entwickelt haben, zur Reife bringen und
+den Ministern durch Ollivier mittheilen lassen."
+
+"Wenn Eure Majestaet diesen Schritt thun," sprach Clement Duvernois, "so
+wird sich auch die wahre Stellung der Personen deutlich erkennen lassen;
+diejenigen Ihrer Raethe, welche wirklich das volksthuemliche Kaiserreich
+unterstuetzen, staerken und erhalten wollen, werden, wie ich ueberzeugt
+bin, mit Freuden auf dem Wege vorgehen, den Eure Majestaet beschreiten
+wollen, diejenigen aber, welche den Doctrinen Ihrer Feinde dienen,
+werden verschwinden.
+
+"Glauben Sie mir, Sire, die Probe wird zur Klarheit fuehren und wenn,"
+fuegte er mit dem Anklang leisen Vorwurfs hinzu, "Eure Majestaet Ihre
+alten Freunde verloren haben, so werden Sie sich ueberzeugen, dass auf der
+richtigen und wahrhaft grossen Basis neue und ebenso treue Freunde Ihnen
+erstehen werden."
+
+Der Kaiser streckte Herrn Duvernois mit anmuthiger Bewegung die Hand hin
+und sprach:
+
+"Davon, mein lieber Freund, habe ich mich schon in diesem Augenblick
+ueberzeugt. Sie haben mir den Beweis gegeben, dass ich noch ueber Hingebung
+und Vertrauen gebieten kann, Sie haben mir ohne Furcht und Rueckhalt die
+Wahrheit gesagt.
+
+"Doch," fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "ich moechte noch ueber
+einen Punkt Ihre Meinung hoeren.
+
+"Sie wissen," sprach er langsam seinen Schnurrbart drehend, "dass das
+nationale Gefuehl in Frankreich durch die preussischen Siege, durch die
+Herstellung des maechtigen preussischen Uebergewichts in Deutschland tief
+verletzt ist; der militairische Ruhm und das militairische Uebergewicht
+Frankreichs in Europa ist gewissermassen eine Lebensbedingung einer
+Regierung, welche den Namen Napoleon fuehrt und auf die Traditionen des
+grossen Kaisers gestuetzt ist. Man raeth mir von vielen Seiten und zwar von
+Seiten, deren Interesse an meiner Regierung nicht bezweifelt werden
+kann--die schwuele Luft, welche ueber Europa liegt, durch einen kraeftigen
+Wetterstrahl zu klaeren und die militairische Stellung des napoleonischen
+Frankreichs wieder herzustellen."
+
+"Man raeth Eurer Majestaet," fiel Clement Duvernois ein, "ganz einfach den
+Krieg gegen Preussen zu fuehren, diesen uebermaechtig gewordenen Staat in
+seine Grenzen zurueckzuweisen und der Welt zu zeigen, dass ohne
+Frankreichs Genehmigung keine Veraenderungen in dem Gleichgewicht
+Europa's sich vollziehen koennen; man raeth," fuhr er mit erhoehter Stimme
+fort, "um es mit einem Worte zu sagen, Eurer Majestaet Das jetzt zu thun,
+was Sie--verzeihen Sie meine Kuehnheit, Sire--unmittelbar nach der
+Schlacht bei Sadowa haetten thun sollen."
+
+Der Kaiser liess die Augenlider herabsinken und sprach mit leiser Stimme:
+
+"Und was meinen Sie zu diesem Rath?"
+
+"Sire," erwiderte Duvernois, "ich bin Franzose und bin ein treuer
+Anhaenger der napoleonischen Dynastie--Eure Majestaet koennen also darueber
+nicht im Zweifel sein, dass meinem Gefuehl der Rath, den man Eurer
+Majestaet ertheilt hat, in hohem Grade sympathisch ist, mein Herz wuerde
+aufwallen, mein Blut sich erwaermen, mein patriotischer Stolz sich
+freudig erheben, wenn ich die Armeen Frankreichs unter den kaiserlichen
+Adlern zu neuen Siegen ausziehen sehen wuerde und ich verkenne nicht, dass
+ein maechtiger Erfolg gegen diese an unsern Grenzen sich emporrichtende
+preussische Macht den Thron Eurer Majestaet immer fester und dauernder in
+den Sympathieen des ganzen Volkes begruenden wuerde--aber--"
+
+"Aber?" fragte der Kaiser gespannt.
+
+"Aber zuvor, Sire, moechte ich mir die Frage erlauben, sind Eure
+Majestaet des Erfolges sicher, ist die Organisation und Schlagfertigkeit
+der franzoesischen Armee wirklich auf der Hoehe, um einem so furchtbaren
+Gegner wie Preussen mit der Gewissheit des Sieges entgegentreten zu
+koennen? Sind Eure Majestaet ferner sicher, Preussen isoliren zu koennen und
+die Gegner, welche ihm 1866 gegenueber standen, zu einem neuen Kampf
+bestimmen zu koennen?
+
+"Wenn Eure Majestaet ueber diese Punkte voellig klar und sicher sind, dann
+ist der Krieg ein gutes Mittel, dann wuerde ein grosser Sieg vielleicht
+besser als alle inneren Massregeln die Schwierigkeiten der Lage
+beseitigen. Sind aber Eure Majestaet eines solchen Erfolges nicht
+vollkommen sicher, muessen Sie befuerchten, dass es dem so kuehnen und so
+geschickten preussischen Staatsmann gelingen koennte, das gesammte
+Deutschland in einer nationalen Erhebung gegen Frankreich um sich zu
+versammeln, dann Sire um Gotteswillen keinen Krieg, denn, ich spreche
+abermals mit der vollkommenen Offenheit eines ergebenen Freundes,--ein
+ungluecklicher Feldzug, eine Niederlage wuerde die Stellung Frankreichs in
+Europa fuer lange hinaus untergraben und zugleich im Innern alle Feinde
+des Kaiserreichs wie der staatlichen Ordnung ueberhaupt entfesseln."
+
+"Da liegt es," sagte der Kaiser mit dumpfem Ton. "Waere ich mein Oheim,
+vermoechte ich es selbst mit der Spitze meines Degens die Armeen
+Frankreichs zu lenken--ich wuerde mich wahrlich keinen Augenblick
+besinnen, auf diese einfachste Weise alle Schwierigkeiten zu loesen--aber
+kann ich das Schicksal meines Hauses, das Schicksal Frankreichs in die
+Haende meiner Generale legen, welche diesem Gegner noch niemals gegenueber
+gestanden haben?--Niel ist todt," fuhr er fort, halb zu sich selbst
+sprechend, "ihm haette ich mit vollem Vertrauen die Fuehrung meiner Armee
+uebergeben koennen.--Habe ich einen Niel?--Lebt sein Geist noch in den
+Schoepfungen, die er hervorgerufen? Man sagt mir, dass Alles bereit
+ist--man sagt mir, dass die franzoesische Armee unueberwindlich sei, aber
+ein banges Misstrauen erfuellt mich; und wenn es misslaenge--es waere das
+Ende, ein va banque-Spiel um das Kaiserreich--um Frankreich--ein va
+banque-Spiel, bei dem man wohl Alles gewinnen, aber auch Alles verlieren
+kann.
+
+"Der Oberst Stoffel," fuhr er fort, "schreibt mir vortreffliche Berichte
+ueber die preussische Armee-Organisation--es ist nicht genug, dass die
+franzoesische Armee wohl geruestet sei, sie muss auch in der Tactik und
+Bewegung jener so wunderbaren Organisation ebenbuertig sein, welche Koenig
+Wilhelm und die grossen und genialen Interpreten seines Willens
+geschaffen haben, denn wir duerfen niemals vergessen, dass wir es in
+diesem Kriege nicht mit den Gegnern von Magenta und von der Krim zu thun
+haben wuerden, und diesem Grafen Bismarck gegenueber wuerde kein Villa
+Franca moeglich sein."
+
+"Mir genuegt," sagte Clement Duvernois, "was Eure Majestaet mir so eben
+gesagt haben; wenn in Ihrer Seele," fuhr er fort, "nur der geringste
+Zweifel lebt, dann Sire, beschwoere ich Eure Majestaet, das Wuerfelspiel
+des Krieges nicht zu wagen. Ein Sieg koennte niemals so grossen Nutzen
+bringen, als eine Niederlage Unheil und Verderben anrichten wuerde, und
+fuer die Machtstellung des kaiserlichen Frankreichs in Europa wuerde der
+gewaltige Eindruck eines Plebiscits fast dem Siege auf einem
+Schlachtfeld gleich kommen; auf diesem Wege sind Sie des Erfolges
+sicher, Sire--deswegen gehen Eure Majestaet diesen Weg und bereiten Sie
+langsam und vorsichtig eine militairische Aktion fuer die Zukunft vor,
+denn nicht immer wird ja diese preussische Militairmacht von dem Geiste
+geleimt werden, der heute an ihrer Spitze steht und es wird frueher oder
+spaeter die Zeit kommen, in welcher mit der Sicherheit des Erfolges auch
+das Schwert wieder in die Wagschale geworfen werden kann."
+
+Der Kaiser stand auf.
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Duvernois," sagte er, "Sie sind auch in
+diesem Punkte meinen Ideen begegnet--Sie werden sich ueberzeugen, dass ich
+diesen Ideen gemaess handeln werde und ich hoffe, dass Sie mich mit Ihrer
+so gewandten und scharfen Feder unterstuetzen werden.
+
+"Ich wuensche und hoffe," fuhr er mit freundlichem Laecheln fort, indem er
+Duvernois auf die Schulter klopfte, "dass Sie mir dereinst noch naeher
+treten und mir auf hoeherem und weiterem Gebiet zur Seite stehen werden."
+
+Clement Duvernois verneigte sich tief und sprach mit dem Ausdruck
+stolzer Befriedigung:
+
+"Wohin immer Eure Majestaet mich zu stellen fuer gut befinden werden,
+meine ganze Hingebung, meine ganze Aufopferung und vor Allem meine ganze
+Aufrichtigkeit werden Ihnen immer gehoeren."
+
+Er zog sich langsam zurueck, verneigte sich an der Thuer noch einmal tief
+vor dem Kaiser, der ihm mit freundlichem Kopfnicken zulaechelte und
+verliess das Cabinet.
+
+"Er hat Recht," sagte Napoleon, in seinen Lehnstuhl zuruecksinkend--"er
+hat Recht; ich habe nicht mehr zu erkaempfen, sondern zu erhalten; ich
+darf das grosse Spiel nicht spielen, zu dem man mich draengen moechte und
+zu dem ich," sagte er mit duesterer Traurigkeit, "nicht mehr die Kraft in
+mir fuehle."
+
+Der Huissier oeffnete die beiden Thuerfluegel und rief:
+
+"Ihre Majestaet die Kaiserin!"
+
+Napoleon seufzte tief auf, erhob sich und ging seiner Gemahlin entgegen.
+
+
+
+
+Drittes Capitel.
+
+
+Ihre Majestaet die Kaiserin Eugenie trat raschen elastischen Schrittes
+in das Cabinet.
+
+Das roethlich blonde Haar der Kaiserin war in reichen Flechten ueber ihrer
+edlen hochgewoelbten Stirn wie ein natuerliches Diadem zusammengewunden.
+Das antik klassisch geschnittene Gesicht der Kaiserin, mit dem wunderbar
+zarten, perlmutterschimmernden Teint zitterte in zorniger Bewegung, ihre
+grossen dunkelblauen Augen flammten in gluehendem Feuer.
+
+Sie trug einen einfachen dunkelgrauen Morgenanzug ohne allen Schmuck und
+reichte mit einer anmuthigen aber etwas hastigen und unruhigen Bewegung
+ihrem Gemahl die Hand hin, welche dieser mit ritterlicher Galanterie an
+seine Lippen fuehrte.
+
+"Ich habe so eben," sagte der Kaiser, "recht schmerzlich die Macht der
+Zeit und des Alters empfunden, aber wenn ich Sie, meine ewig junge und
+schoene Gemahlin ansehe, moechte ich fast an dieser Macht zweifeln. Warum
+koennen Sie," fuegte er mit einem leicht wehmuethigen Laecheln hinzu, "Ihr
+Geheimniss, der Zeit zu trotzen, mir nicht mittheilen? Niemand hat
+unvergaengliche Jugend noethiger als ein Regent auf dem Thron dieses
+unruhigen Frankreichs."
+
+"Ich hoffe," rief die Kaiserin mit leicht zitternder Stimme, indem sie
+sich in einen Lehnstuhl warf, "dass Sie jene Jugend und Energie
+wiederfinden werden, um aller dieser Feinde Herr zu werden, welche sich
+gegen uns erheben. Es ist dahin gekommen," fuhr sie immer lebhafter
+fort, "dass man in diesem so leicht beweglichen Paris nicht mehr von dem
+Kaiser spricht, sondern dass Herr Rochefort, dieser elende Pamphletist,
+den Mittelpunkt des Interesses bildet. Haben Sie bereits ausfuehrlichere
+Nachrichten ueber die Unruhen empfangen, welche gestern Abend in der
+Stadt stattgefunden?
+
+"Die Verhaftung dieses Rochefort ist auf recht ungeschickte Weise
+vorgenommen, sie hat diesen Nichts bedeutenden Menschen noch populaerer
+gemacht und dazu beigetragen, von Neuem die Tiefen aufzuwuehlen und den
+Hass gegen die Regierung zu schueren."
+
+"Ich habe gehoert," erwiderte der Kaiser ruhig, "dass einige Unruhen
+stattgefunden haben, indessen scheint mir das nicht von Bedeutung
+gewesen zu sein; ausfuehrliche Berichte habe ich noch nicht erhalten."
+
+"Schlimm genug," rief die Kaiserin, "dass man Ihnen das noch nicht
+erzaehlt hat; es scheint, dass in Ihrer Umgebung eine gewisse Neigung
+vorherrscht, Ihnen Alles im rosigsten Licht darzustellen.
+
+"Statt Rochefort," fuhr sie fort, "in aller Stille abzufuehren, statt ihn
+einfach verschwinden zu lassen, hat man ihn mitten aus einer aufgeregten
+Menge herausgenommen und ihm Gelegenheit gegeben, eine Maertyrer-Rolle zu
+spielen; in der ganzen Stadt herrscht, wie man mir erzaehlt, eine sehr
+bedenkliche Aufregung."
+
+Der Kaiser laechelte.
+
+"Wenn Sie meiner Umgebung vorwerfen, Eugenie," sagte er, "dass man mir
+die Lage und die Ereignisse des Tages zu guenstig darstellt, so scheint
+bei Ihnen das Gegentheil stattzufinden. Ihnen gegenueber scheint man
+kleine unbedeutende Dinge zu grossen Erschuetterungen anschwellen zu
+lassen.
+
+"Doch hoeren wir," sagte er mit artiger Verbeugung gegen seine Gemahlin,
+"den genauen Bericht."
+
+Er trat zu der Portiere, welche die Thuer zu dem Zimmer seines
+Geheimsecretairs maskirte und nach kurzer Zeit trat auf seinen Ruf Herr
+Pietri, ein noch junger schlanker Mann mit blassem intelligentem
+Gesicht, mit einem kleinen Schnurrbart und Knebelbart und von der Stirn
+zurueckgestrichenem Haar in das Cabinet.
+
+Herr Pietri verneigte sich tief vor der Kaiserin, welche mit leichtem
+Kopfnicken seinen Gruss erwiderte und blieb schweigend stehen, die Anrede
+des Kaisers erwartend.
+
+"Ist ein genauer Bericht ueber die Ereignisse des gestrigen Abends und
+der Verhaftung Rocheforts eingegangen?" fragte Napoleon.
+
+"Zu Befehl, Sire," erwiderte Herr Pietri "Die Ruhestoerungen sind nicht
+ganz unbedeutend gewesen, doch scheint in diesem Augenblick Alles
+beendet."
+
+"Wie hat man Rochefort verhaftet?" fragte der Kaiser, indem er sich
+neben seine Gemahlin in einen Fauteuil setzte.
+
+"Man hat gestern Abend um acht Uhr, Sire," sprach Herr Pietri, "in der
+Rue des Flandres Rochefort in dem Augenblicke arretirt, als er in das
+dortige Versammlungslocal der radicalen Partei eintreten wollte; am
+Eingange des Saales standen zahlreiche Personen, welche auf die
+Aufforderung von Flourens Miene machten, sich den Polizeiagenten
+gewaltsam zu widersetzen. Rochefort forderte sie jedoch auf sich ruhig
+zu verhalten und stieg ohne Widerstand mit den Beamten in den Wagen, um
+nach dem Gefaengniss von St. Pelagie gefuehrt zu werden. Die im Innern des
+Saales tagende Versammlung wurde zugleich aufgeloest, wobei es zu
+heftigen Scenen kam, man insultirte den Polizeibeamten, welcher das
+Aufloesungsdecret verlas und vertheilte sich dann in heftiger Bewegung
+und unter lautem Tumult nach verschiedenen Seiten. Es kam in der Rue
+Aboukir, im Faubourg du Temple, namentlich aber in Belleville zu
+Volksansammlungen und lebhaften Demonstrationen; um Mitternacht wurden
+einige Detachements der Garde de Paris und Truppen nach Belleville
+abgesandt; daselbst war eine Barrikade gebaut, welche mit den Waffen in
+der Hand genommen wurde; es sind auf beiden Seiten schwere Verwundungen
+vorgekommen, bereits um Mitternacht sind zweihundert Gefangene nach der
+Praefectur gebracht--auch an einigen andern Orten wurden Versuche zum
+Barrikadenbau gemacht, aber durch das Einschreiten der Truppen sofort
+vereitelt. Gegen Mitternacht zogen grosse Haufen von Arbeitern nach der
+Fabrik Lefaucheur in der Rue Lafayette, pluenderten dieselbe und nahmen
+ungefaehr dreihundert Revolver und fuenfzig Gewehre mit sich fort. Die
+Boulevards waren bis gegen Morgen sehr belebt, verschiedene Laternen
+sind zerbrochen, verschiedene Kioske umgeworfen, doch ist jetzt Alles
+beendet."
+
+"Sie sehen," sagte die Kaiserin, "dass die Sache ernst ist; wenn man erst
+den Anfang hat machen koennen, ungestraft die Gewehrfabriken zu pluendern,
+wenn auf diese Weise die Aufruehrer in den Besitz von vortrefflichen
+Waffen kommen, so laesst sich gar nicht berechnen, welche Dimensionen eine
+solche Bewegung annehmen kann."
+
+Der Kaiser schuettelte mit missmuthigem Ausdruck den Kopf.
+
+"Es scheint allerdings, mein lieber Pietri, dass man bei der Verhaftung
+Rocheforts recht ungeschickt verfahren ist. Warum hat man ihn nicht am
+Ausgang des Corps legislativ arretirt oder in der Nacht aus seiner
+Wohnung geholt? Der ungeeignetste Ort ihn zu fassen war jedenfalls eine
+grosse Volksversammlung, von welcher aus sich naturgemaess die unruhige
+Bewegung ueber ganz Paris verbreiten musste. Schreiben Sie sogleich an
+Ollivier und verlangen Sie Auskunft darueber, warum man diesen nach
+meiner Ansicht ungeeignetsten Weg eingeschlagen hat?"
+
+Pietri verneigte sich.
+
+"Ich bedaure sehr," sagte der Kaiser, sich zu seiner Gemahlin wendend,
+"dass ich mich ueberhaupt habe bestimmen lassen, meine Genehmigung zu dem
+Strafverfahren und zur Verhaftung Rocheforts zu geben; man hat dadurch
+diesen an sich so unbedeutenden Menschen gross und einflussreich gemacht.
+Schon das Verbot der 'Laterne' war ein Fehler; dieses an sich ziemlich
+geist- und witzlose Machwerk waere von selbst untergegangen, wenn man
+sich nicht darum gekuemmert haette."
+
+"So haetten Sie lieber ruhig zusehen wollen," rief die Kaiserin mit
+flammenden Augen, "dass elende Pamphletisten nicht nur die Autoritaet der
+Regierung angreifen, sondern sogar die Personen nicht schonen dass sie es
+wagen, sogar Sie selbst, mich Ihre Gemahlin und Ihren Sohn mit Schmutz
+zu bewerfen? Wenn so etwas in Paris ungestraft geschehen darf, wie soll
+man in dem uebrigen Frankreich, wie soll man im Auslande noch an die
+Macht der kaiserlichen Regierung glauben?
+
+"Und in der That," fuegte sie bitter hinzu, "man faengt bereits an, diesen
+Glauben zu verlieren."
+
+Der Kaiser neigte leicht das Haupt gegen Pietri:
+
+"Haben Sie die Guete," sagte er, "den Brief an Ollivier sogleich abgehen
+zu lassen."
+
+Pietri entfernte sich mit tiefer Verbeugung.
+
+"Sie muessen einen ernsten Entschluss fassen, Louis," sagte die Kaiserin.
+"Die Zustaende koennen unmoeglich so weiter bestehen. Es ist eine
+Zuegellosigkeit, eine Frechheit bei den Agitatoren und den von ihnen
+geleiteten unteren Volksklassen entstanden, welche stets wachsen muessen
+und uns endlich verderben werden, wenn nicht schleunigst Einhalt gethan
+wird."
+
+"Aber Sie sehen ja," sagte der Kaiser, "dass mit aller Energie
+vorgegangen worden ist; hat man auch etwas ungeschickt gehandelt, so ist
+doch die Autoritaet der Regierung mit leichter Muehe Sieger geblieben."
+
+"Sie ist es heute geblieben," sagte die Kaiserin, "sie wird es morgen
+noch bleiben, aber der Zeitpunkt kann vielleicht bald kommen, in welchem
+man nicht mehr Herr ueber die Bewegung sein wird, denn wir befinden uns
+dieser Bewegung gegenueber in der Defensive und das ist eine schlimme
+Position; es muss mit einem grossen, gewaltigen und kuehnen Schlage mit dem
+Allen ein Ende gemacht werden. Sie muessen die Verhaeltnisse mit fester
+und entschlossener Hand da anfassen, wo der Schluessel zu all dieser
+Unsicherheit und all diesen schwankenden Bewegungen liegt--"
+
+--"Und dieser Schluessel liegt?" fragte Napoleon, mit der Hand ueber
+seinen Knebelbart streichend.
+
+"Er liegt in dem tiefen Gefuehl," rief die Kaiserin, "welches ganz
+Frankreich durchzieht, und welches Ihre besten und treusten Freunde
+erfuellt, dass die Macht und das Ansehen des Kaiserreichs, dass Ihr
+persoenliches Prestige in Europa schwer erschuettert ist, ja taeglich von
+Neuem verhoehnt wird durch diese taeglich anmassender auftretende
+preussische Macht."
+
+Ein Zug schmerzlicher Ermuedung erschien auf dem Gesicht des Kaisers; er
+zuckte fast unmerklich die Achsel und sagte:
+
+"Aber glauben denn die Partisane des Krieges, welche"--fuegte er mit
+einer ganz feinen Nueance leichter Ironie hinzu--"es so vortrefflich
+verstehen, Ihnen ihre Ideen einzufloessen,--glauben sie denn, dass ich de
+but en blanc an die Grenzen marschiren und Preussen den Krieg erklaeren
+koennte? Dazu gehoeren doch vor Allem sehr ernste militairische
+Vorkehrungen dazu gehoert denn doch auch ein Kriegsgrund, welcher
+ebenfalls mit Geschicklichkeit vorbereitet werden muss."--
+
+"Zu den militairischen Vorbereitungen," sagte die Kaiserin, "sollten
+Sie, wie ich glaube, seit der Schlacht bei Sadowa Zeit genug gehabt
+haben; es ist allerdings ein grosses Unglueck, dass der vortreffliche Niel
+gestorben ist, aber bereits vor mehr als einem Jahr erklaerte er unsere
+Armee fuer vollkommen schlagfertig--"
+
+"Seit jener Zeit ist eben mehr als ein Jahr verflossen," fiel der Kaiser
+ruhig ein, "und in diesem Zeitraum hat sich," sagte er seufzend, "die
+Leitung der Armee leider nicht mehr in Niels Haenden befunden."--
+
+"Und was den Kriegsgrund betrifft," sprach die Kaiserin lebhaft weiter,
+ohne die Bemerkungen ihres Gemahls zu beachten, "so liegt Ihnen derselbe
+ja voellig fertig zur Hand. Der Prager Frieden ist unter der Garantie
+Frankreichs geschlossen worden und Preussen verletzt taeglich die
+Bestimmungen jenes Friedensvertrages. Man giebt den armen Daenen ihr
+Recht nicht, welche Frankreich vertraut haben und auf Frankreich hoffen
+und in Sueddeutschland ist die Stimmung eine tief erbitterte; taeglich
+werden dort Versuche gemacht, in die durch den Prager Frieden garantirte
+Selbststaendigkeit der Staaten einzugreifen; auch dort erwartet man nur
+eine kraeftige Action Frankreichs, um diese gewaltsamen Schoepfungen von
+1866 wieder zu zertruemmern."
+
+"Sind Sie so genau ueber die Stimmung in Sueddeutschland unterrichtet?"
+fragte der Kaiser. "Ich habe nicht ein so absolutes Vertrauen auf den
+Beistand, den wir dort finden koennen."
+
+"Die ganze katholische Kirche in Bayern," sprach die Kaiserin weiter,
+"ist von tiefem Hass gegen Preussen erfuellt und wenn Frankreich fuer die
+genaue Erfuellung des Prager Friedens eintreten wuerde, so wuerden alle
+jene Besiegten von 1866, bei denen noch die Traditionen aus der Zeit
+Napoleons I. maechtig sind, Frankreich als seinen Retter begruessen."
+
+Der Kaiser schuettelte bedenklich den Kopf und schwieg einige Augenblicke
+in Gedanken versunken, waehrend die Kaiserin ihn forschend und ungeduldig
+ansah.
+
+"Ich verkenne nicht," sagte er dann, "dass eine geschickte Behandlung der
+Verhaeltnisse, welche der Prager Frieden geschaffen, uns einen guten
+Grund zum Kriege bieten kann, bei welchem es sich auch vermeiden laesst
+das deutsche Nationalgefuehl auf die Seite unserer Gegner zu bringen.
+Doch das Alles verlangt ruhige und ernste Erwaegung, da wir vor Allem
+vermeiden muessen, vor den Augen des uebrigen Europa als die Stoerer des
+Weltfriedens dazustehen und zu diesen Vorbereitungen scheint mir jetzt
+nicht der geeignete Augenblick."
+
+"So wollen Sie warten," rief die Kaiserin, "bis die Wogen der inneren
+Unruhen immer uebermaechtiger heranschwellen?--bis endlich die ganze Welt
+sagen wird, Sie machten den Krieg nur, um einen Ausweg zu suchen aus
+den Verlegenheiten, in welche wir immer tiefer versinken?"--
+
+"Um den Krieg vorzubereiten," sagte Napoleon, seinem inneren
+Gedankengange folgend--"muss ich mit Maennern umgeben sein, welche den
+Krieg wollen.--Glauben Sie," fragte er, die Augen gross aufschlagend und
+seine Gemahlin fest anblickend--"glauben Sie, dass Daru der geeignete
+Mann ist, um den Kriegsfall diplomatisch vorzubereiten? Halten Sie
+Ollivier fuer geeignet, den Krieg im Lande selbst populaer zu
+machen--diese Maenner der parlamentarischen Doctrin, deren
+Lebensbedingung der Friede quand meme ist?"--
+
+"Daru?" rief die Kaiserin. "Warum ist Daru Ihr auswaertiger Minister?
+Warum haben Sie diesen mit den Orleans so eng verbundenen Mann neben
+sich, der, obgleich er den Namen des grossen Kaisers traegt, doch keinen
+von den Instincten in sich hat, welche einen Minister des napoleonischen
+Frankreichs erfuellen muessen.
+
+"Und Ollivier," sprach sie mit einem feinen Laecheln von
+unbeschreiblichem Ausdruck--"nun, Ollivier wird Ihnen vortreffliche
+Reden voll Eloquenz und Begeisterung fuer den Krieg halten, wenn Sie ihn
+nur richtig zu nehmen wissen--oder wenn Sie ihn mir ueberlassen wollen,
+und wenn dieser Mann des Friedens den Krieg predigt--so wird sich doch
+ganz Frankreich ueberzeugen, dass der Krieg eine Nothwendigkeit ist."
+
+"Und wenn Graf Daru abtraete?" sagte der Kaiser--"wen habe ich, um an
+seine Stelle zu setzen, wo finde ich den Mann, der die Kuehnheit hat,
+eine solche Verantwortung auf sich zu nehmen und zugleich das Ansehen,
+um Frankreich mit sich fortzureissen?"
+
+"Ich glaube," sagte die Kaiserin, "dass ein solcher Mann nicht zu schwer
+zu finden sein wuerde; ich wuerde um die Wahl nicht in Verlegenheit sein
+und Sie haben ja selbst schon frueher an Denjenigen gedacht, welcher mir
+im Sinne liegt--"
+
+Der Kaiser blickte fragend zu seiner Gemahlin hinueber.
+
+"Grammont," sagte diese, "ist tief durchdrungen von der Ueberzeugung,
+dass nur ein grosser nationaler Krieg den Fehler von 1866 wieder gut
+machen und Frankreich wiederum auf seine alte Hoehe heben kann. Grammont
+kennt auf das Genaueste die Verhaeltnisse in Oesterreich, der einzigen
+Macht, auf welche wir direct oder indirect bei unserer Action rechnen
+koennen; Grammont ist aufrichtig und ohne Rueckhalt dem Kaiserreich und
+unserer Dynastie ergeben und sein Name hat einen guten Klang im Lande,
+da er mit allen grossen ruhmreichen Epochen der Vorzeit verknuepft ist.
+Grammont ist ein ritterlicher und fester Charakter--warum lassen Sie
+Grammont in Wien? Setzen Sie Grammont an Daru's Stelle und Alles wird
+sich von selbst machen."
+
+"Sie koennten Recht haben," sagte Napoleon, indem er seinen Blick
+vollstaendig unter den herabsinkenden Augenlidern verschleierte--"lassen
+Sie mich darueber nachdenken--"
+
+"Nur darf dieses Nachdenken," rief die Kaiserin aufstehend, "nicht zu
+lange dauern. Ich bitte Sie Louis," rief sie, nahe an ihn herantretend,
+indem sie den Arm auf seine Schulter legte und ihn mit fast zaertlichen
+Blicken ansah--"ich bitte Sie, denken Sie, daran, dass es sich nicht nur
+um unser Ansehen und unsere Macht handelt, sondern dass auch die Zukunft
+unseres Sohnes, unseres einzigen Kindes in Frage steht.--Die Armee,
+diese edle franzoesische Armee ist unsere einzige Stuetze wie sie einst
+die seinige sein wird--und die Armee beginnt unzufrieden zu werden ueber
+die lange Unthaetigkeit, ueber die untergeordnete Stellung, zu welcher das
+militairische Frankreich in Europa herabgedrueckt wird. Unser Kind ist
+der Armee noch fremd, aber er ist gross genug, um in einem nationalen
+Feldzuge in der Mitte der Truppen hinauszuziehen.
+
+"Denken Sie, dass die franzoesische Armee in grossen, siegreichen
+Schlachten unser theures Kind in ihren Reihen sieht, dass sein Name sich
+verknuepft mit ihrem Ruhm und ihren Lorbeeren, dann,"--rief sie, indem
+ihr Auge begeistert aufleuchtete, "dann wird keine Bewegung im Innern,
+kein Rochefort, kein Flourens im Stande sein, ihm das Erbe streitig zu
+machen, das Sie fuer ihn durch die Arbeit eines halben Lebens geschaffen
+haben."
+
+Der Kaiser drueckte seine Lippen auf die marmorweisse Stirn seiner
+Gemahlin und strich langsam mit der Hand ueber ihr weiches,
+goldschimmerndes Haar.--
+
+"Ich danke Ihnen, Eugenie," sagte er sanft und innig, "dass Sie in meine
+alternde Seele das Feuer und die Kraft der Jugend giessen. Lassen Sie
+mich alle Fragen der Situation ruhig pruefen und ueberlegen und glauben
+Sie, dass der Funke, den Sie in diesem Augenblick in mir entzuendet, nicht
+erloeschen wird."
+
+Sie lehnte den schoenen Kopf an seine Schulter und blieb einige
+Augenblicke schweigend neben ihm stehen.
+
+"Ich will jetzt," sagte Napoleon dann, "ein wenig ausfahren und die
+Boulevards besuchen; man soll nicht sagen, dass ich im Alter gelernt
+habe, mich vor dem Aufruhr und der Gefahr zu fuerchten--ich will festen
+Blickes diesem Volk von Paris in's Auge sehen; man soll erkennen, dass
+ich noch Vertrauen auf meine Kraft und auf meinen Stern habe."
+
+"Ich weiss es, Louis," sagte die Kaiserin, ihm die Hand drueckend, "dass
+die Furcht in Ihrer Seele keinen Platz hat und ich bitte Gott, dass es
+mir vergoennt sein moege, Sie noch einmal von siegreichen Schlachtfeldern
+lorbeergekroent zurueckkehren zu sehen."
+
+Der Kaiser geleitete sie bis zur Thuere und kuesste sie nochmals innig auf
+die Stirn.
+
+"Meine Gemahlin moechte ein wenig die Leitung in die Hand nehmen, wie es
+scheint," sagte er, als die Kaiserin das Cabinet verlassen hatte,
+langsam auf- und niederschreitend. "Sie hat bereits diesen Ollivier, der
+eifrigst Alles thut, was sie will. Sie hat Recht, er wuerde auch den
+Krieg predigen, wie er schliesslich Alles vertheidigen wuerde, was ihm
+Gelegenheit giebt eine schoene Rede zu halten und seinem Ehrgeiz und
+seiner Eitelkeit schmeicheln zu lassen. Nun will sie auch noch
+Grammont.--Grammont ist kein Ollivier, er ist ein edler und
+ritterlicher Charakter, aber sein Geist hastet an der Oberflaeche der
+Dinge. Es ist ihm unmoeglich, sich in die Ursachen und Consequenzen der
+Ereignisse zu vertiefen. Grammont und Ollivier wuerden den Krieg machen,
+das ist wahr.--Sie wuerden auch in einem augenblicklichen Elan den
+Nationalgeist mit sich fortreissen. Aber wohin wuerde dieser Krieg fuehren?
+Wuerden jene Maenner im Stande sein, im Falle des Ungluecks den Widerstand
+zu organisiren, die Nation um mich fest zu halten?--
+
+"Nein, nein," sagte er mit fest entschlossener Stimme, "noch sehe ich
+die augenblickliche Nothwendigkeit einer kriegerischen Action nicht
+ein.--Sie wird freilich taeglich naeher an mich herantreten," sprach er
+seufzend, "und entziehen werde ich mich ihr nicht koennen. Dann aber soll
+wenigstens die Leitung der Angelegenheiten in festen und entschlossenen
+Haenden liegen.--
+
+"Ich will mit Drouyn de L'huys sprechen.--Er hat auch gewisse
+Beziehungen zwischen den Orleans," sprach er leise in tiefen Gedanken,
+"aber immerhin ist er ein ehrlicher, fester, entschiedener Mann, der es
+versteht das durchzufuehren, was er beginnt--Eugenie liebt ihn nicht, ich
+weiss es. Aber auf persoenliche Neigung oder Abneigung meiner Gemahlin
+kann es in einer so ernsten Frage, bei welcher die ganze Existenz des
+Landes auf dem Spiel steht, nicht ankommend."
+
+Er bewegte die Glocke.
+
+"Ich will ausfahren," sprach er zu dem eintretenden
+Kammerdiener.--"Grosse Attelage, offene Kalesche! Ist der General Fave
+da?"
+
+"Der General wartet im Vorzimmer."
+
+"Fuehren Sie ihn herein!"
+
+Der Kammerdiener oeffnete die Thuer.
+
+Der General Fave im schwarzen Morgenanzuge trat ein.
+
+Der Kaiser liess sich seinen Hut und einen warm gefuetterten Morgenanzug
+reichen, nahm ein spanisches Rohr und stieg, sich leicht auf den Arm des
+Generals stuetzend, die Treppe hinab. Die offene Kalesche mit dem
+schwarzen Viergespann fuhr unter das Zeltdach des Einganges.
+
+Langsam und etwas schwerfaellig mit leichtem schmerzlichem Zucken in
+seinem Gesicht stieg der Kaiser in den Wagen und setzte sich vorsichtig
+nieder.
+
+General Fave nahm zu seiner Seite Platz.--Die Piqueurs sprengten voran
+und schnell fuhr die kaiserliche Equipage aus dem Ehrenhof der
+Tuilerien.
+
+Als der Kaiser an den Anfang der Boulevards bei der Madeleinekirche
+gekommen war, befahl er langsam zu fahren.
+
+Schnaubend und ungeduldig gingen die edlen Thiere des kaiserlichen
+Gespanns im Schritt ueber die Mitte der grossen Boulevards hin, waehrend
+die Piqueurs etwa dreissig Schritt vorausrittten. Die Voruebergehenden
+blieben stehen. Es umgab eine dichte Menschenmasse den kaiserlichen
+Wagen. Die Menge befand sich in der unmittelbaren Naehe des Kaisers. Die
+sergeants de ville, die den Dienst auf den Boulevards thaten, wollten
+die Herandraengenden zurueckweisen.
+
+"Laissez approcher!" sagte Napoleon mit lauter Stimme, indem er zugleich
+den Hut erhob und die Menge mit freundlichem Laecheln begruesste.
+
+Erst einzelne Stimmen, dann ein tausendstimmiger Ruf antwortete mit
+lautem: "Vive l'Empereur!" auf diesen Gruss.
+
+Ein einfach gekleideter Mann aus dem Volke stieg auf den Tritt des
+kaiserlichen Wagens, schwenkte den Hut in der Luft und rief mit laut
+schallendem Ton:
+
+"Es lebe der Kaiser, die Kaiserin, der kaiserliche Prinz. Nieder mit den
+Meuterern!"
+
+Diese Rufe wiederholten sich weit hin ueber die Boulevards.
+
+Langsam fuhr der Kaiser die ganze Linie hinunter, immer begleitet von
+einer stets anwachsenden und immer lauter rufenden Menge, immer mit der
+Hand und freundlichem Kopfnicken gruessend.
+
+"Sehen Sie," sagte er laechelnd, sich zum General Fave wendend, "alle
+diese Unruhen haben Nichts zu bedeuten. Jeder Mann konnte mich hier mit
+einem Dolch oder mit einer Kugel erreichen, und alle diese Leute gruessen
+mich und rufen mir ihre Anhaenglichkeit und Treue entgegen. Man muss
+diesem Geist der Revolution nur ruhig in's Auge sehen, dann verliert er
+sofort seine grossen und gefaehrlichen Dimensionen."
+
+Der Wagen war am Ende der Boulevards angekommen.
+
+"Nach Belleville!" rief Napoleon.
+
+Er gruesste noch einmal mit dem Hute, noch einmal brach die ganze
+versammelte Menschenmenge in ein lautes, volltoenendes "Vive l'Empereur!"
+aus und in raschem Trabe fuhr der Wagen nach jenen von der arbeitenden
+Bevoelkerung der Residenz bewohnten Gegenden.
+
+"Fuerchten Eure Majestaet nicht," sagte der General Fave, "dass in jenem
+unruhigsten Viertel von Paris irgend etwas Feindliches zu besorgen waere?
+Wir haben keine Bedeckung, nicht einmal Waffen bei uns," fuegte er mit
+etwas aengstlicher Miene hinzu.
+
+"Wer die Gefahr fuerchtet, wird ihr unterliegen," antwortete der Kaiser,
+stolz den Kopf erhebend. "Lassen Sie uns ruhig diese Spazierfahrt
+machen. Wir haben Nichts zu besorgen und Frankreich muss erkennen, dass
+ich mich noch als seinen Herrn fuehle."
+
+Man war in Belleville angekommen.
+
+Abgebrochene Laternenstangen, zerschlagene Fenster, stellenweis
+zerstoerte Trottoirs zeugten noch von der Unruhe der letzten Nacht.
+Wenige Menschen gingen auf der Strasse, an den Thueren der Haeuser standen
+meist Frauen und Kinder, welche neugierig der kaiserlichen Equipage
+nachsahen; hinter denselben erblickte man finstere Gesichter mit
+verworrenem Haar und struppigen Baerten, welche ihre duestern Blicke mit
+dem Ausdruck finstern Hasses auf den kaiserlichen Wagen richteten. Alles
+verhielt sich schweigend, kein gruessender Ruf ertoente, aber auch kein
+Laut feindlicher Kundgebung liess sich hoeren.
+
+Man kam an eine in der Nacht vorher errichtete und von den Truppen
+genommene Barrikade. Einige Arbeiter in Blousen waren unter der Aufsicht
+von sergeants de ville beschaeftigt, die Truemmer derselben hinweg zu
+raeumen, welche aus dem Holz von umgeworfenen Kiosken, zerbrochenen
+Fiakern und Asphaltstuecken des Trottoirs bestanden.
+
+Der Kaiser liess halten.
+
+An den Fenstern des naechsten Hauses erschienen in grosser Anzahl jene
+duesteren, feindlich blickenden Gesichter, welche man in dem eleganten
+glaenzenden Theil von Paris nur dann erblickt, wenn die aufgaehrenden
+Wogen der Revolution aus den Tiefen heraufdringen. Der Kaiser befragte
+den Fuehrer der sergeants de ville, welcher in dienstlicher Haltung an
+den Wagenschlag herangetreten war, genau nach allen Details der
+naechtlichen Vorgaenge, dann liess er den Blick ueber die Fenster
+hinschweifen.
+
+Kleine Gruppen von Menschen waren auf der Strasse stehen geblieben.
+Napoleon gruesste artig mit der Hand hinueber, aber kein Ruf antwortete
+ihm. Alle diese Maenner und Frauen blickten finster und unbeweglich vor
+sich hin.
+
+"Vorwaerts!" befahl Napoleon.
+
+Die Pferde zogen an, und langsam bewegte sich der Wagen ueber die noch
+nicht ganz fortgeraeumten Truemmer der Barrikaden.
+
+Da ertoente aus einem der umliegenden Haeuser wie aus der Luft herklingend
+eine tiefe, rauhe und heiser toenende Stimme.
+
+"Fahre hin, blutiger Caesar! Das Volk, das Du gemordet, erwartet Dich
+vor dem Richterstuhl der Geschichte!"
+
+Der Kaiser zuckte zusammen.
+
+"Halt!" rief er.
+
+Sein Wagen stand unbeweglich. Keine Bewegung zeigte sich an den
+Fenstern. Die verschiedenen Menschengruppen auf der Strasse standen starr
+und still. Niemand schien die Worte gehoert zu haben, welche eben so
+schauerlich durch die Luft klangen. Der Kaiser liess den brennenden Blick
+seiner grossen duester aufleuchtenden Augen rings umher schweifen.
+
+Die sergeants de ville wollten auf die Menschengruppen nach der Seite
+hin, von welcher man jene Stimme vernommen hatte, zueilen.
+
+"Man soll keine Nachforschungen anstellen," sagte Napoleon kalt und
+ruhig.
+
+Dann legte er sich in den Wagen zurueck, blickte einige Minuten auf die
+Truemmer der Barrikaden, gruesste nochmals mit wuerdiger Handbewegung die an
+der Seite der Strasse stehenden Gruppen und befahl endlich, weiter zu
+fahren.
+
+Schweigend und in Gedanken versunken fuhr der Kaiser ueber die aeussern
+Boulevards durch den Parc de Monceau nach der rue Francois premier. An
+der Ecke dieser Strasse hielt der Kutscher, welcher von dem General Fave
+seine Instructionen erhalten hatte, vor einem grossen Hause die Pferde
+an.
+
+Das Thor des Hauses oeffnete sich, Lakaien eilten heraus und traten
+dienstfertig an den Schlag des kaiserlichen Wagens.
+
+"Ist Herr Drouyn de L'huys zu Hause?" fragte der Kaiser.
+
+"Zu Befehl, Sire."
+
+Napoleon stieg aus und trat, auf den Arm des Generals gestuetzt, durch
+das grosse Eingangsthor in einen innern elegant gepflasterten Hof, an
+dessen Langseite eine breite Steintreppe von vier bis fuenf Stufen in das
+Innere des Hotels fuehrte.
+
+In dem Vestibule des Hauses erschien schnell herbeieilend der fruehere
+langjaehrige Minister der auswaertigen Angelegenheiten, jetziger Senator
+und Mitglied des Geheimen Raths, Herr Drouyn de L'huys. Seine Gestalt
+war etwas voller, seine Bewegungen etwas schwerfaelliger geworden; sein
+kurzes Haar und sein Backenbart erschienen fast weiss, aber der Ausdruck
+und die Farbe seines kraeftigen, etwas phlegmatischen Gesichts zeigten
+noch immer eine fast jugendliche Frische, und die kleinen, klaren,
+grauen Augen blickten lebhaft und geistvoll unter den starken
+Augenbrauen hervor.
+
+Herr Drouyn de L'huys verneigte sich mit wuerdevoller Ruhe vor dem Kaiser
+und sprach mit seiner vollen und klaren aber etwas leisen Stimme:
+
+"Ich bitte um Verzeihung, Sire, dass ich Eure Majestaet nicht schon am
+Wagenschlag empfangen habe. Aber ich bin durch die Ehre Ihres Besuchs so
+vollstaendig ueberrascht, dass ich kaum die Zeit hatte, Ihnen entgegen zu
+eilen."
+
+"Ich sehne mich Sie zu sehen, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte
+der Kaiser, seinem fruehern Minister die Hand reichend, die dieser
+ehrerbietig ergriff. "Da Sie sich selten in die Tuilerien machen, so muss
+ich wohl zu Ihnen kommen."
+
+Herr Drouyn de L'huys war dem Kaiser vorgeschritten.
+
+Sie traten in den grossen Empfangssalon.
+
+"Madame Drouyn de L'huys wird sogleich bereit sein, vor Eurer Majestaet
+zu erscheinen, sie ist noch mit ihrer Toilette beschaeftigt."
+
+"Ich bitte Sie," sagte der Kaiser, "Ihre Gemahlin nicht zu derangiren.
+Lassen Sie uns in Ihr Cabinet gehen, ich moechte ein wenig mit Ihnen
+plaudern. Der General wird die Guete haben mich hier zu erwarten."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich und fuehrte den Kaiser durch ein kleines
+Vorgemach in sein Arbeitszimmer, dessen Fenster durch Vorhaenge von
+dunkelgruener Seide zur Haelfte verhuellt waren und dessen ganze
+Ausstattung in einem grossen Tisch von Eichenholz, einigen grossen
+Fauteuils und auf verschiedenen Consolen aufgestellten Antiken,
+Kunstwerken von Marmor oder Bronce bestanden. In einem schoen
+gearbeiteten Kamin brannte ein helles Feuer.
+
+Napoleon legte seinen Ueberrock ab und liess sich, indem er froestelnd
+zusammenschauerte, in einen tiefen Lehnstuhl vor dem Kamin nieder.
+
+Drouyn de L'huys nahm auf seine Einladung neben ihm Platz und erwartete
+schweigend die Anrede seines Souverains, der einige Augenblicke in
+sinnendem Nachdenken auf die zuengelnde Flamme blickte.
+
+"Die Lage ist ernst, mein lieber Herr Drouyn de L'huys," sagte Napoleon
+endlich, indem er, wie einen raschen Entschluss fassend, sofort auf den
+Gegenstand einging, der seine Gedanken beschaeftigte,--"die Lage ist
+ernst, und ich muss darauf denken, sie zu verbessern. Denn," fuegte er
+halb scherzend, halb wehmuethig hinzu, "die Zeit respectirt die Kronen
+und den Purpur nicht. Ich werde alt und immer aelter und bevor ich aus
+diesem irdischen Leben scheide, muss ich meine Angelegenheiten ordnen und
+mein Haus bestellen. Mein Haus aber ist Frankreich. Sie sind so lange
+der Hueter dieses Hauses gewesen, dass ich in dem ernsten Augenblick, in
+dem wir uns jetzt befinden, bei Niemandem besser Rath finden kann als
+bei Ihnen."
+
+Drouyn de L'huys verneigte sich schweigend, keine Miene seines Gesichts
+zeigte die geringste Bewegung; in seinen Zuegen lag nur die ehrerbietige
+Aufmerksamkeit auf das, was der Kaiser ihm sagen wuerde, aber keine
+Neugierde, keine Spannung es zu vernehmen.
+
+"Sie haben," sagte der Kaiser zoegernd und eine leichte Verlegenheit
+ueberwindend, "Sie haben im Jahre 1866 mit patriotischem Eifer und
+begeisterter Ueberzeugung die Ansicht vertheidigt, dass ich den
+Thatsachen gegenueber, welche sich in Deutschland durch die Schlacht von
+Sadowa vollzogen haben, mein Veto einlegen solle, um die Constituirung
+der neuen preussischen Macht zu verhindern oder fuer Frankreich diejenigen
+Compensationen zu erreichen, welche uns in den Stand gesetzt haetten,
+auch jener Macht gegenueber unsere Stellung zu behaupten."
+
+Drouyn de L'huys neigte betaetigend das Haupt.
+
+"Ich erinnere mich, Sire," sagte er, "dass jene Ansicht, welche auch
+heute noch die meinige ist, damals unausfuehrbar war, weil Eurer Majestaet
+Marschaelle erklaerten, dass eine militairische Action in jenem Augenblick
+unmoeglich oder hoechst bedenklich sei. Ich bin auch heute noch der
+Ansicht," fuhr er mit fester Stimme fort, "dass damals eine wirklich
+militairische Action garnicht moeglich geworden waere, dass die
+franzoesischen Fahnen am Rhein allein genuegt haetten, um unmittelbare
+Annahme der Bedingungen zu erwirken, welche man spaeter, nachdem der
+Frieden von Prag geschlossen war, so schnoede zurueckgewiesen hat."
+
+"Sie sind damals," sprach der Kaiser mit sanfter trauriger Stimme, "von
+den Geschaeften zurueckgetreten, weil ich Ihrer Ansicht nicht beipflichten
+konnte. Sie zuernen mir, vielleicht haben Sie Recht--vielleicht habe ich
+damals Unrecht gehabt."--
+
+"Ich wage nicht, Eurer Majestaet Handlungen zu beurtheilen," erwiderte
+Drouyn de L'huys, "und erlaube mir nicht Eurer Majestaet zu zuernen, weil
+Sie nach Ihrem eigenen Ermessen Frankreich regieren, aber Eure Majestaet
+wissen auch, dass ich nur dann Ihr Minister sein kann, wenn die Politik,
+die Sie befehlen, meiner eigenen Ueberzeugung entspricht. Dass ich mich
+damals zurueckgezogen habe, dass ich mich seither von dem politischen
+Leben vollkommen fern halte, werden Eure Majestaet natuerlich finden und
+mir deshalb Ihre Gnade und Ihr Vertrauen nicht entziehen."
+
+"Wie wenig mein Vertrauen zu Ihnen erschuettert ist," sagte Napoleon,
+"sehen Sie daraus, dass ich in diesem Augenblick zu Ihnen komme, um Ihren
+Rath zu hoeren,--den Rath eines Freundes, eines bewaehrten Freundes, eines
+der wenigen Freunde, die mir noch bleiben," sagte er tief
+seufzend--"denn ich habe viel verloren."
+
+"Mein Rath, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "wenn Eure Majestaet auf
+denselben Werth legen, wird Ihnen in jedem Augenblick zu Gebote stehen,
+und der Privatmann wird Ihnen mit derselben Ergebenheit und
+Aufrichtigkeit die Wahrheit oder das, was er fuer die Wahrheit haelt,
+sagen, als es Ihr Minister gethan hat."
+
+"Irgend ein grosser Staatsmann," sagte der Kaiser, immerfort in die
+Flammen des Kamins blickend, "ich glaube Metternich--sagt, einen Fehler
+machen sei nicht so schlimm, als einen gemachten Fehler nicht
+verbessern. Nun wohl," fuhr er fort, sich mit verbindlichem Laecheln zu
+Drouyn de L'huys wendend, "wir haben einen Fehler gemacht, ich fange an
+mich zu ueberzeugen, dass es weit besser gewesen waere, damals Ihrem Rath
+zu folgen. Doch moechte ich nicht die zweite groessere Schuld auf mich
+laden, jenen Fehler nicht zu verbessern, und es handelt sich darum, wie
+dies geschehen koenne. Man hat mir zu liberalen Concessionen gerathen,"
+fuhr er schneller und lebhafter sprechend fort, "um die Zukunft des
+Kaiserreichs mit populairen Institutionen zu umgeben. Ich habe jene
+Concessionen gemacht, die Unzufriedenheit hat sich vermehrt und die
+Zukunft des Kaiserreichs beruht, wenn wir uns die Wahrheit nicht
+verhehlen wollen, mehr als je auf meinen persoenlichen Einfluss. Von allen
+Seiten sagt man mir, und ich fange an zu glauben, dass man Recht hat, dass
+die Schwierigkeit der Situation weniger im Innern, als in dem
+geschwaechten Einfluss Frankreichs nach Aussen hin liege. Alles draengt mich
+den Fehler von 1866 zu verbessern, mit einem Wort: den Krieg zu machen
+und dasjenige wieder zu zerstoeren, was man vielleicht besser damals
+garnicht haette entstehen lassen sollen.--Um aber den Krieg zu machen,
+bedarf ich ausser der Tuechtigkeit der Armee, welche vorhanden ist, wie
+man mich versichert, auch Maenner von festem, klaren und entschlossenem
+Geist, welche die militairische Action politisch vorbereiten und waehrend
+der Ereignisse die Zuegel der Politik in starker Hand halten. Sollte es
+zum Kampf kommen, so muss ich und werde ich persoenlich bei der Armee
+sein, denn der Kaiser, der den Namen Napoleon fuehrt, muss da sein, wo die
+Gefahr ist, wo die Adler Frankreichs dem Feinde entgegengetragen werden.
+Ich wuerde die Kaiserin als Regentin in Paris zuruecklassen muessen, dann
+aber waere es vor Allem nothwendig, dass neben ihr ein Mann staende von
+erprobter Treue, von erprobter Geschaeftskenntniss, ein Mann, welchem die
+europaeischen Cabinette ihre Achtung und ihr Vertrauen entgegentragen,
+und zu welchem ebenso mit Vertrauen und mit Achtung das franzoesische
+Volk aufblickt. Ich wuesste keinen bessern Mann dafuer als Sie, mein lieber
+Herr Drouyn de L'huys, und ich bin deshalb gekommen, um ohne alle
+Umschweife Sie zu fragen, ob Sie es fuer nothwendig und fuer klug finden,
+jenen Fehler von 1866, den Sie einst so scharf getadelt und der Sie mir
+entfremdet hat, heute zu verbessern, und ob Sie in einem solchen Fall
+mir mit Ihrem Rath und Ihrer Kraft zur Seite stehen wollen?"
+
+Drouyn de L'huys blickte lange ernst und schweigend vor sich nieder,
+dann erhob er das kluge offene Auge zu dem Kaiser, der mit dem Ausdruck
+lebhaftester Spannung seine Antwort erwartete. Er sprach ruhig und
+langsam, jedes Wort scharf betonend:
+
+"Eure Majestaet haben mir in wenig Worten eine Frage gestellt, welche
+nicht leicht ist kurz zu beantworten.--Es ist wahr, Sire," fuhr er fort,
+"dass ich den Fehler, den die franzoesische Politik im Jahre 1866 gemacht
+hat, heute noch schmerzlich beklage. In jenem Fehler liegt die Wurzel,
+der Anfang der ganzen Verlegenheit, in welcher wir uns gegenwaertig
+befinden. Ob aber dieser Fehler wieder gut zu machen ist, ob er heute
+oder in naher Zeit gut zu machen ist--daran, Sire, muss ich ernstlich
+zweifeln. Frankreich befindet sich, wenn ich einen Vergleich brauchen
+darf, in der Lage eines Mannes, der es verweigert hat ein Duell
+anzunehmen in dem Augenblick, wo man ihn beleidigt hat, er empfindet
+spaeter in der allgemeinen Missachtung die Folgen seiner Unschluessigkeit.
+Aber gewiss kann er sie dadurch nicht gut machen, dass er irgend eine
+Gelegenheit vom Zaune bricht, um sich zu schlagen. Fuer uns ist in diesem
+Augenblick eine richtige, einer grossen Nation wuerdige Veranlassung zum
+Kriege nicht vorhanden. Wir haben alle Veraenderungen, welche der Krieg
+von 1866 in Deutschland hervorgerufen, acceptirt, wir haben den Prager
+Frieden nicht nur geschehen lassen, sondern haben selbst bei dessen
+Abschluss mitgewirkt. Alles, was jetzt in Deutschland geschieht, ist nur
+die Consequenz jenes Friedensvertrages, und mag man hier und da ueber
+den Wortlaut desselben hinausgehen, fuer Frankreich kann darin gewiss kein
+Grund zu einem so furchtbaren und folgenschweren Krieg liegen, durch den
+man heute mit dem Einsatz aller Kraefte und der ganzen Machtstellung des
+Landes einen Fehler wieder gut machen wollte, der damals durch eine
+einfache militairische Demonstration haette vermieden werden koennen.--
+
+"Ich sage nicht, Sire," fuhr er fort, als der Kaiser ihn erstaunt und
+verwundert anblickte, "ich sage nicht, dass der Conflict zwischen dem
+sich immer fester constituirenden Deutschland und Frankreich nicht
+frueher oder spaeter kommen muesse. Heute aber ist er noch in keiner Weise
+reif, und vor allen Dingen kann es nicht die Initiative Frankreichs
+sein, welche diesen Conflict hervorrufen darf. Die Fragen, um welche es
+sich in diesem Augenblick handelt, sind nicht franzoesische. Frankreich
+ist weder der vertragschliessende Theil, noch garantirende Macht bei dem
+Prager Frieden. Geht Preussen ueber die Schranken hinweg, welche es sich
+selbst im Jahre 1866 gezogen hat, so muss es zunaechst die Sache
+Oesterreichs und der Sueddeutschen Staaten, das heisst, der in jenem Krieg
+Besiegten sein, Einhalt zu thun und Protest zu erheben. Wenn die Frage
+so gestellt wird, wenn die Sueddeutschen Staaten ihre Unabhaengigkeit
+gegen Preussen vertheidigen, wenn Oesterreich zum Schutz dieser seiner
+Verbuendeten die strenge Aufrechthaltung der Vertraege fordert, dann kann
+Frankreich hinzutreten, jene Forderungen unterstuetzen und als
+Verbuendeter der deutschen Staaten, als Verbuendeter Oesterreichs gegen
+Preussen zu Felde ziehen. Dann werden wir sicher sein, dass das deutsche
+Nationalgefuehl sich nicht als ein maechtiger Verbuendeter des Berliner
+Cabinets uns gegenueberstellt.--Davon, Sire," fuhr er fort, "sind wir
+noch sehr weit entfernt. Ich habe," sagte er laechelnd, "obgleich ich
+mich ganz von der activen Politik fern gehalten, dennoch aus alter
+Gewohnheit den Gang der Dinge scharf beobachtet, und ich habe kein
+Zeichen bemerkt, dass die Sueddeutschen Staaten entschlossen oder auch nur
+geneigt waeren, einen energischen Widerstand gegen Preussen zu machen."
+
+"Doch werden dort," fiel der Kaiser ein, "namentlich in den katholischen
+Kreisen vielfache Sympathien fuer Frankreich laut. Man erwartet von uns
+Huelfe und Beistand."
+
+"Um Huelfe und Beistand zu erwarten," erwiderte Drouyn de L'huys, "muss
+man zunaechst selbst handeln. Und ich kann Eurer Majestaet nicht genug
+wiederholen, dass die hoechste Gefahr in einem Krieg gegen Preussen darin
+liegt, das deutsche Volk zu dem Irrthum zu veranlassen, es handele sich
+um eine franzoesische Frage. Moegen die Herren in Muenchen und in Stuttgart
+statt halbe Winke und Andeutungen hierher zu senden, moegen sie fest und
+frei auftreten, moegen sie ihr Recht vertheidigen, sich mit einer starken
+Bewegung ihres Volkes umgeben, dann, Sire, kann der Moment kommen, in
+welchem Frankreich kluger und berechtigter Weise jenen durch diese
+ganzen langen Jahre sich wie eine schleichende Krankheit hinziehenden
+Conflict zu endlicher Loesung zu bringen, das heisst auch dann nur in dem
+Fall, dass Oesterreich mit festem Willen und ernster Energie entschlossen
+ist, auch seinerseits den Kampf um seine alte Stellung in Deutschland
+wieder aufzunehmen."
+
+"Ich habe keinen Grund," sagte der Kaiser, "daran zu zweifeln, dass
+Oesterreich in dem gegebenen Augenblick einen solchen Entschluss fassen
+und ausfuehren wird. Nach dem Bericht des Herzogs von Grammont ist der
+Grundgedanke der oesterreichischen Regierung immer der, die deutsche
+Basis, von welcher sie herabgeworfen ist, wieder zu gewinnen, und ich
+betrachte die Mitwirkung Oesterreichs auch ohne dass darueber etwas
+Bestimmtes stipulirt ist, fuer gesichert."
+
+"Ich bin nicht in der Lage, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys ruhig und
+kalt, "das Vertrauen Eurer Majestaet zu theilen. Selbst da, wo bestimmte
+Vertraege vorlagen, hat Oesterreich uns oft im Stich gelassen.
+Gegenwaertig aber scheint mir, so weit ich die Lage beurtheilen kann,
+nicht einmal irgend eine fassbare Verhandlung zu existiren. Oder
+verzeihen Eure Majestaet meine indiscrete Frage, die durch Ihre
+vertrauensvolle Berufung an mein Urtheil gerechtfertigt sein mag, haben
+irgend welche Verhandlungen mit bestimmten Resultaten zwischen
+Oesterreich und Frankreich Statt gefunden?"
+
+"Das nicht," erwiderte der Kaiser mit einer leichten Verlegenheit,
+"indessen die Bestimmung, die ich selbst persoenlich bei dem Kaiser Franz
+Joseph Gelegenheit hatte zu bemerken, und die Mittheilungen, welche
+Grammont ueber die dortigen Verhaeltnisse macht, lassen mich an einer
+activen Mitwirkung Oesterreichs nicht zweifeln. Nur," fuhr er fort,
+"scheint man dort--ganz entgegengesetzt der Ansicht, die Sie soeben
+aussprachen--dringend zu wuenschen, dass der Kriegsfall nicht aus einer
+deutschen Frage genommen werde, da es fuer Oesterreich schwer sein wuerde,
+in einer solchen eine diplomatische Handhabe fuer seine Aktion zu
+finden, nachdem es in seine voellige Ausschliessung aus Deutschland
+eingewilligt hat."
+
+Ein leichtes hoehnisches, fast mitleidiges Laecheln glitt ueber Drouyn de
+L'huys' ernste Zuege.
+
+"Dies entspricht ganz der unsichern zweideutigen Haltung, welche mir in
+der oesterreichischen Politik nichts Neues ist," sagte er. "Das ist der
+vollstaendige cercle vitieux, das heisst mit andern Worten klar und ohne
+Rueckhalt ausgesprochen. Wir sollen allein die Gefahr tragen, wir sollen
+das siegreiche Preussen niederwerfen, und dann will Oesterreich die grosse
+Gnade haben, mit uns die Fruechte des Sieges zu theilen.--Nein, Sire,"
+rief er lebhaft, "auf einer solchen diplomatischen Basis kann Frankreich
+in diesem Augenblick keinen Krieg fuehren! Wir muessen feste und starke
+Alliirte haben! Wir muessen des energischen Vorgehens der Sueddeutschen
+Staaten und vor Allem der festen Alliance und der genau normirten und
+bis zum Ende sicher gestellten Mitwirkung Oesterreichs vollkommen gewiss
+sein. Die jetzigen Beziehungen zwischen Frankreich und Oesterreich
+kommen mir vor wie das Verhaeltniss eines Herrn zu einer Dame, der ihr die
+Cour macht, ihr Bouquets ueberreicht, ihr die Taschentuecher aufhebt, aber
+niemals von Heirathen spricht. Soll Frankreich eine so ernste
+entscheidende Action beginnen, so muss vor allen Dingen mit Oesterreich
+eine wirkliche, ganz feste Alliance geschlossen werden. Diese Alliance
+allein kann verhindern, dass die ganze, so ungeheuer angewachsene
+preussische Militaermacht sich in maechtig concentrirten Vorstoessen ueber den
+Rhein her gegen uns heranbewegt. Diese Alliance allein ist im Stande,
+auch Italien in Schach zu halten, das sonst gewiss jede Verwickelung
+Frankreichs benutzen wird, um Rom zu nehmen und damit unseren Einfluss
+auf der pyrenaeischen Halbinsel zu zerstoeren und Eurer Majestaet Regierung
+die maechtige Stuetze zu rauben, welche Ihnen der katholische Clerus
+bietet."
+
+"Und wuerden Sie geneigt sein," fragte der Kaiser, welcher sehr ernst
+zugehoert hatte und auf den die Worte seines frueheren Ministers einen
+tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen, "die franzoesische Politik
+nach den Grundsaetzen, welche Sie mir soeben entwickelt, wieder zu leiten
+und die grosse Action nachdruecklich vorzubereiten, welche uns wieder auf
+die alte Hoehe zurueckfuehren soll?"
+
+"Ich werde, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "meine Dienste Eurer
+Majestaet und meinem Vaterlande niemals verweigern, doch scheint mir in
+diesem Augenblick noch nicht die Zeit gekommen zu sein, um an einen
+Krieg zu denken. Ich wuerde Eurer Majestaet rathen, zuerst die
+Verhaeltnisse im Innern zur vollstaendigen Abklaerung zu bringen. Denn ich
+muss Ihnen mit aller Aufrichtigkeit sagen, Sire, dass so wie die Dinge
+jetzt liegen, auch ein nur voruebergehender Misserfolg unserer Armee die
+bedenklichste und gefaehrlichste Bewegung im Lande selbst hervorrufen
+kann. Die alte Kraft der Regierung ist gebrochen,--die unzufriedenen
+Elemente sind fest organisirt und jeden Augenblick entschlossen, das
+Aeusserste zu wagen."
+
+"Aber die Nation," sprach der Kaiser mit einem Anklang von Ungeduld in
+der Stimme, "empfindet tief das Herabsinken Frankreichs von seiner
+militairischen Hoehe. Man sagt mir allgemein, dass die Nation den Krieg
+will, und dass ein grosser nationaler Krieg das beste Mittel sei, um der
+Regierung die allgemeinen Sympathieen wieder zu gewinnen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "dass Diejenigen, die dies Eurer
+Majestaet sagen, sich taeuschen. Ich habe seit meinem Ruecktritt von den
+Geschaeften meine Musse mit dem Studium der oeconomischen Verhaeltnisse
+ausgefuellt. Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Praesidenten der
+grossen Gesellschaft der Landwirthe zu erwaehlen, welche sich ueber ganz
+Frankreich verbreitet. Ich habe in dieser meiner Stellung viele Reisen
+gemacht und die meisten Provinzen des Landes besucht als Praesident der
+Gesellschaft, welche die grossen Grundbesitzer, wie die kleinen
+laendlichen Eigentuemer und die Bauern umfasst. Ich hatte Gelegenheit wie
+aus einer Loge die ganze Bewegung zu beobachten, welche sich auf der
+Scene des wirthschaftlichen Lebens zeigt, und ich kann Eurer Majestaet
+meine Ueberzeugung nur dahin aussprechen, dass das ganze Land, d.h. das
+Land, welches schafft und arbeitet, den Frieden will, den Frieden auf
+lange Zeit, um all die Quellen des Wohlstandes, welche so viele weise
+Massregeln Eurer Majestaet eroeffnet haben, zu vollkommenem und ergiebigem
+Fluss zu bringen. Wuerde eine grosse Verwickelung in Deutschland entstehen,
+wuerde die unterdrueckte Bevoelkerung der Sueddeutschen Staaten, wuerde
+Oesterreich die Huelfe Frankreichs gegen Verletzungen der oeffentlichen
+Vertraege anrufen, so wuerde es allerdings die Nation als eine Ehrensache
+betrachten, dann mit voller Kraft und mit allem Nachdruck in den Kampf
+einzutreten. Wuerde aber Frankreich einseitig einen Conflict provociren,
+ohne dringende Notwendigkeit sich in die Opfer und Wechselfaelle eines
+Krieges stuerzen--dann, Sire--ich spreche meine innigste und festeste
+Ueberzeugung aus, dann wuerde man vielleicht einiges chauvinistisches
+Geschrei auf den Boulevards hoeren, aber die ganze grosse Bevoelkerung des
+Landes wuerde mit tiefem Schmerz ihren durch Fleiss und Arbeit erworbenen
+Wohlstand der unsicheren Entscheidung durch die Spitze des Schwertes
+preisgegeben sehen."
+
+Der Kaiser senkte das Haupt und drehte lange schweigend an seinem
+Schnurrbart.
+
+"Sie meinen also, dass die Consolidirung der innern Verhaeltnisse einer
+Action nach Aussen vorhergehen muesse?" fragte er.
+
+"Ebenso gewiss," erwiderte Drouyn de L'huys fest, "als man bei jedem
+Vorgehen an den Rueckzug denken muss. Eure Majestaet muessen sicher sein,"
+sagte er mit leiser durchdringender Stimme,--"verzeihen Sie meine kuehne
+Aufrichtigkeit--dass Sie nach einer immerhin moeglichen Niederlage noch
+Herrscher bleiben, den Thron von Frankreich noch erhalten koennen."
+
+Der Kaiser oeffnete weit die Augen. Ein eigenthuemlich durchdringender
+Blick fiel auf das ruhige Gesicht des Herrn Drouyn de L'huys. Dann
+beugte er sich mit einer raschen Bewegung zu ihm hinueber, reichte ihm
+die Hand und sagte mit sanfter weicher Stimme.
+
+"Ich danke Ihnen fuer dieses Wort, ich habe mich nicht getaeuscht, als ich
+im Vertrauen auf Ihre Freundschaft zu Ihnen kam. Ich habe die Wahrheit
+gesucht und Sie gaben mir dieselbe, wie es einem wahren Freunde
+geziemt,--doch," fuhr er fort, "wenn Sie der Meinung sind, dass die in's
+Schwanken gekommenen inneren Verhaeltnisse wieder befestigt werden
+muessten, so haben Sie auch gewiss Ihre bestimmte Ansicht darueber, in
+welcher Weise dies geschehen koennte.--Sie haben mir selbst," fuhr er
+nach einer kleinen Pause fort, "frueher den Rath gegeben, den
+kaiserlichen Thron mit liberalen Institutionen, welche in der freien
+Bewegung des Volkes beruhen, zu umgeben, damit wenn die Vorsehung es
+will, dass mein Sohn im fruehen Juenglingsalter zur Herrschaft berufen
+werde, diese Institutionen seinen Thron schuetzend umringen. Sie sehen,
+dass ich Ihren Rath befolgt habe. Aber," sagte er seufzend, "statt
+Befriedigung habe ich nur eine immer unzufriedener wachsende Unruhe
+hervorgerufen."
+
+"Weil," fiel Drouyn de L'huys ein, "Eure Majestaet hierbei einen Fehler
+gemacht haben. Das heisst," schaltete er, sich verneigend ein, "nach
+meiner unvorgreiflichen Ueberzeugung, welche Sie mir frei auszusprechen
+befohlen haben--einen Fehler, welcher schon oft in aehnlichen
+Verhaeltnissen begangen worden ist, und welcher jedesmal verderbliche
+Folgen gehabt hat."
+
+"Und welchen," fragte der Kaiser gespannt, den Arm auf das Knie stuetzend
+und den Kopf zu Drouyn de L'huys hinueber neigend.
+
+"Eure Majestaet haben liberale Institutionen durch liberale Personen
+einfuehren lassen," erwiderte Drouyn de L'huys, "und zwar durch Personen,
+welche durchdrungen sind von dem parlamentarischen Doctrinismus, der
+niemals selbststaendig und fest handelt, sondern immer nach rechts und
+links hin lauscht, was wohl der leicht beweglichen oeffentlichen Meinung
+in jedem Augenblick am meisten zusagen moechte. Es ist aber," fuhr er
+fort, "eine alte Regel der Staatskunst, dass man liberale Institutionen
+immer durch sehr feste und energische Maenner einfuehren lassen muss, durch
+Maenner, welche in ihren Grundgesinnungen wesentlich conservativ und vor
+Allem der Regierung und der Dynastie sehr ergeben sind, damit man in der
+freiern Bewegung die Zuegel nicht aus den Haenden verliert,--ebenso wie es
+auf der andern Seite jedenfalls richtig und geboten ist, energische oder
+gar reactionaire Massregeln stets durch Persoenlichkeiten ausfuehren zu
+lassen, welche als liberal bekannt sind, und welche jenen Massregeln das
+oeffentliche Vertrauen zu gewinnen im Stande sind. Ich liebe Herrn Rouher
+nicht, wie Eurer Majestaet bekannt," sprach er weiter, "dennoch glaube
+ich, dass er der richtige Mann gewesen waere, um die freiere Bewegung zu
+inauguriren, welche Eure Majestaet dem Staatsleben haben geben
+wollen.--Ebenso wie Herr Ollivier," fuegte er mit leichtem Laecheln hinzu,
+"ganz der Mann sein wuerde, um etwa nothwendig werdende strenge Massregeln
+durch ihn durchfuehren zu lassen."
+
+Der Kaiser hatte mit aeusserster Aufmerksamkeit zugehoert.
+
+"Sie haben Recht, Sie haben vollkommen Recht," sagte er. "Ich habe auch
+darin wieder einen Fehler gemacht. So wie man Concessionen macht,
+betritt man eine schiefe Ebene, und es gehoeren starke Kraefte dazu, um
+dem zu schnellen Hingleiten nach der abschuessigen Bahn sich entgegen zu
+stemmen.--Die Maenner aber, in deren Haenden gegenwaertig die Gewalt der
+Regierung liegt, haben diese Kraefte nicht.
+
+"Sie meinen also," fuhr er fort, "dass um die freieren Grundsaetze ohne
+Schaden fuer die Nationalitaet in das oeffentliche Leben hineinwachsen zu
+lassen--"
+
+"Andere Maenner noethig sind," fiel Drouyn de L'huys ein, "und zwar
+Maenner, welche die oeffentliche Bewegung beherrschen, nicht aber ihr
+folgen."
+
+"Was meinen Sie," sagte der Kaiser schnell, "zu dem Plebiscit, um den
+neuen Institutionen des placet de suffrage universel zu geben und damit
+auch dem Kaiserreich von Neuem die Basis eines wiederholten
+Vertrauensvotums des ganzen Volkes zu schaffen? Man koennte dadurch mit
+einem Schlage einen Schwerpunkt aus dem parlamentarischen Parteitreiben
+herausnehmen, welches jetzt nur zu sehr der Mittelpunkt des oeffentlichen
+Lebens geworden ist."
+
+Drouyn de L'huys blickte ein wenig erstaunt in die lebhaft erregten Zuege
+des Kaisers.
+
+"Und Sire," fragte er, "wie wuerde sich Graf Daru, wie wuerde sich Herr
+Buffet zu einer solchen Wiederholung des suffrage universel stellen?"
+
+"Das weiss ich nicht," sagte der Kaiser. "Doch," fuhr er achselzuckend
+fort, "liegt mir an dem Vertrauensvotum der franzoesischen Nation mehr
+als an Daru und Buffet."
+
+Drouyn de L'huys neigte mit dem Ausdruck des Verstaendnisses den Kopf.
+
+"Und Ollivier?" fragte er dann.
+
+"Ich werde ihm einen Brief schreiben," sagte der Kaiser, "ich werde die
+ganze Sache in seine Haende legen. Seine frueheren parlamentarischen
+Stuetzen sind sehr schwankend geworden, er wird mit Freuden die
+Gelegenheit ergreifen, wie ich glaube, um sich auf den breitern und
+festern Grund des allgemeinen Volkswillens zurueckzuziehen."
+
+"Ich glaube," sagte Drouyn de L'huys, "aus den Andeutungen Eurer
+Majestaet entnehmen zu duerfen, dass Ihre Ideen sich auf dem Wege befinden,
+den ich unter den augenblicklichen Verhaeltnissen nur als den richtigen
+anerkennen kann. Wenn Sie das allgemeine Volksvotum als das beste Mittel
+erkennen, die neue und freie Verfassung des Kaiserreichs auf festen
+Grundlagen zu etabliren und vor schwankenden Bewegungen zu schuetzen, so
+ist es gewiss richtig, diese Massregeln durch Ollivier vorbereiten und
+ausfuehren zu lassen. Nachdem dies geschehen ist, wird es meiner
+Ueberzeugung nach an der Zeit sein, die Zuegel der Regierung in festere
+und kraeftigere Haende zu legen, wobei indess Herr Ollivier, der so
+unendlich leitungsfaehig ist, immer conservirt werden kann. Dann, Sire,
+wird auch vielleicht der Augenblick gekommen sein, in welchem man an
+eine wohl ueberlegte und verstaendige Vorbereitung einer grossen
+militairischen Action wird denken koennen, welche die Consequenzen des
+Jahres 1866 wieder zu redressiren im Stande sein moechte."
+
+Der Kaiser erhob sich.
+
+"Und dann," sagte er, "duerfte ich auch darauf rechnen, dass mir Ihre
+Unterstuetzung nicht fehlen wird."
+
+"Ich werde dann, Sire," erwiderte Drouyn de L'huys, "jeden Augenblick
+bereit sein, Eurer Majestaet meine Ideen, ueber welche ich reiflich
+nachdenken will, auseinanderzusetzen, und diese Ideen, wenn Sie
+dieselben acceptiren, auszufuehren."
+
+"Ich danke Ihnen," sagte der Kaiser, ihm die Hand reichend. "Ich
+verlasse Sie, wie immer, so oft ich mit Ihnen gesprochen, reicher an
+guten Gedanken und Entschluessen.--Ich bitte Sie, Madame Drouyn de L'huys
+meine angelegentlichsten Empfehlungen zu machen, ich will sie nicht
+derangiren, denn ich moechte sogleich nach den Tuilerien zurueckkehren, um
+meine Entschluesse reif werden zu lassen und sie ohne Verzug zur
+Ausfuehrung zu bringen."
+
+Drouyn de L'huys geleitete den Kaiser an seinen Wagen.--Napoleon stieg
+mit dem General Fave ein und fuhr durch die Champs Elyses nach den
+Tuilerien zurueck.
+
+
+
+
+Viertes Capitel.
+
+
+In einer eleganten Parterrewohnung eines Hauses der Thiergartenstrasse
+sassen in einem behaglich eingerichteten Wohnzimmer zur vorgerueckten
+Abendstunde eines dunklen und stuermischen Februartages zwei alte Herren
+in bequemen Lehnstuehlen neben einem grossen Tisch, der durch eine hohe
+Lampe mit einem flachen Schirm beleuchtet wurde.
+
+Der Eine derselbe zeigte in seiner ganzen Haltung und dem Ausdruck
+seines Gesichts, obgleich er im einfachen Civilanzug gekleidet war, alle
+Eigenthuemlichkeiten eines alten Militairs. Das etwas empor stehende
+graue Haar war kurz geschnitten, der graue Bart dienstmaessig zugestutzt,
+und das bleiche kraenkliche Gesicht hatte jenen ruhigen, etwas
+zurueckhaltenden und fast dienstlich gleichmaessigen Ausdruck, welcher den
+preussischen Officieren eigenthuemlich ist. Die dunklen Augen blickten
+scharf und klar unter den grauen Augenbrauen hervor. Er sass grade
+aufgerichtet in seinem Stuhl, von Zeit zu Zeit eine volle Rauchwolke aus
+der grossen dunklen Havannahcigarre ziehend, welche er in seiner Hand
+hielt.
+
+Dieser alte Herr war der Oberstlieutenant von Buechenfeld, welcher seit
+einiger Zeit wegen rheumatischer Leiden den activen Dienst verlassen
+hatte und in sehr einschraenkten Verhaeltnissen von seinem kleinen
+Vermoegen und seiner Pension lebte.
+
+Neben ihm sass der Baron von Rantow, sein Jugendfreund, ein grosser
+Grundbesitzer aus der Provinz Schlesien, welcher als Mitglied des
+Herrenhauses den Winter in Berlin lebte und, ohne selbst ein grosses Haus
+zu machen, sich doch viel in der vornehmen Gesellschaft der Residenz
+bewegte.
+
+Der Baron von Rantow war in seiner ganzen Erscheinung das vollstaendige
+Gegentheil seines Freundes. Sein ganzes Wesen zeigte jene bequeme
+Eleganz, welche das Bewusstsein einer unabhaengigen Lebensstellung
+verleiht. Sein volles Gesicht von gesunder Farbe war von einem dichten,
+wohl gepflegtem, nur leicht ergrauten Backenbart umrahmt. Sein Kopf war
+fast kahl, und der Blick seiner grossen blauen Augen war zwar nicht ohne
+Geist und ohne Intelligenz, schien aber alle Gegenstaende, auf die er
+sich richtete, nur leicht und oberflaechlich zu streifen, und liess
+Diejenigen, mit denen der Baron sprach, oft daran zweifeln, ob er sich
+wirklich mit den Gegenstaenden der Unterhaltungen beschaeftigte oder ob
+seine Gedanken anderswo weilten.
+
+Herr von Rantow sass bequem zurueckgelehnt in seinem Fauteuil und spielte
+leicht mit den Fingern seiner vollen weissen Hand auf der Lehne
+desselben.
+
+"Die Kammern sind ja jetzt geschlossen," sagte der Oberstlieutenant mit
+einer scharfen, bestimmt klingenden Stimme. "Ihr habt Euer Werk fuer dies
+Jahr vollendet, und der Norddeutsche Reichstag tritt jetzt auf die
+Scene. Du wirst wohl nicht mehr lange hier weilen," fuegte er seufzend
+hinzu. "Das thut mir recht leid, ich werde dann wieder in meiner
+Einsamkeit hier allein sein. Ich kann mich noch nicht so recht in mein
+Leben als Pensionair finden. Die active Dienstthaetigkeit fehlt mir
+ueberall, und mich dem geselligen Leben anzuschliessen, dazu bin ich mit
+der Zeit zu steif und schwerfaellig geworden."
+
+"Ich bleibe noch zwei Monate hier, mein alter Freund," erwiderte der
+Baron von Rantow. "Du wirst also noch einige Zeit hier einen Ort haben,
+wo Du gelegentlich einen langweiligen Abend unterbringen kannst. Dann
+kommst Du mit mir auf mein Gut, frische Luft wird Dir wohl thun, die
+Bewegung im Freien Deine Kraefte wieder staerken."
+
+"Du bleibst noch hier?" fragte der Oberstlieutenant ein wenig erstaunt.
+"Das ist mir unendlich erfreulich," fuegte er hinzu, "doch begreife ich
+nicht, dass Du Dich so lange ohne dringende Nothwendigkeit Deiner
+Wirthschaft entziehst."
+
+"Ich habe einen sehr tuechtigen Verwalter," erwiderte der Baron von
+Rantow,--"und dann," fuhr er fort, indem sein Blick wie zerstreut sich
+in die Ferne zu richten schien, "Du weisst, mein Sohn ist in seinem
+Staatsexamen begriffen, ich moechte das Resultat abwarten, um ihn dann
+gleich mit mir zu nehmen. Der Landrath meines Kreises wird bald
+zuruecktreten, und ich wuensche, dass mein Sohn sich um diese Stelle
+bewerben moege;--wenn er dereinst meine Besitzungen uebernimmt, so ist es
+sehr gut fuer ihn zugleich Landrath des Kreises zu sein und sich so eine
+angenehme und nuetzliche Thaetigkeit, bedeutenden Einfluss und vielleicht
+die Aussicht auf eine grosse Carriere zu schaffen."
+
+"Du bist gluecklich, alter Freund," sagte der Oberstlieutenant mit etwas
+wehmuethigem Ton, "dass Du Deinem Sohn eine solche Perspective eroeffnen
+kannst. Ich kann leider," fuhr er fort, eine dichte Rauchwolke vor sich
+hinblasend, "meinem armen Carl nur dieselbe Lebensbahn bieten, an deren
+Ende ich jetzt angelangt bin, eine gleichfoermige und wenig froehliche
+Bahn. Man zehrt seine Kraefte im Dienst auf und dann bringt man sein
+Alter als ein unbrauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft hin.
+Haette ich es mir recht ueberlegt oder waere meine Frau am Leben
+geblieben,--vielleicht waere es anders geworden. Sie wollte immer, dass
+unser einziger Sohn studiren sollte. Nun,"--sagte er, leicht mit der
+Hand ueber die Augen fahrend, "sie ist lange dahingegangen, und der Junge
+hatte immer so grosse Freude an den Knoepfen der Uniform und den
+Epauletten und bat so dringend, dass er auch des Koenigs Rock tragen
+duerfe, dass ich ihm nachgegeben habe. Jetzt ist es geschehen, und er muss
+den Weg zu Ende gehen. Gott gebe, dass er mehr Glueck und Freude auf
+demselben finden moege, als mir zu Theil geworden ist."
+
+"Mein lieber Freund," sagte der Baron von Rantow, indem der Ausdruck
+phlegmatischer Zerstreutheit und Gleichgueltigkeit auf seinem Gesicht
+einen Augenblick von einem waermeren Gefuehl verdraengt wurde, "Du darfst
+nicht vergessen, dass das Leben eines Soldaten in seinem ruhigen und
+einfoermigen Gang dafuer aber auch von manchen Sorgen und Aufregungen
+verschont bleibt, die uns treffen und dass es doch auch schoen ist," fuegte
+er hinzu, dem Oberstlieutenant die Hand drueckend, "sich zuletzt sagen zu
+koennen, dass man alle Zeit mit Ehren seine Pflicht erfuellt hat."
+
+"Ja, ja," erwiderte der Oberstlieutenant mehrmals mit dem Kopf nickend,
+"das ist Alles ganz schoen, aber man fragt sich denn doch auch, wozu das
+Alles, wo ist der Nutzen, den dieses Leben von Arbeit, Pflichterfuellung
+und Entbehrung gebracht hat?"
+
+"Der Nutzen?" fragte Baron von Rantow lebhaft. "Du wirst den Nutzen
+nicht im Kreise des Einzelnen, nicht in der beschraenkten Zeit eines
+Menschenlebens suchen; Ihr Alle, die Ihr Eure Kraefte und Arbeit im
+militairischen Dienst dem Staat widmet, schafft Glied fuer Glied, Kette
+fuer Kette jene grosse gewaltige Macht, die Armee, die in den
+entscheidendsten Augenblicken der Weltgeschichte heraustritt und fuer
+alle die Ideen, welche die geistige Thaetigkeit erzeugt und entwickelt
+hat, die Bahnen bricht und den Raum schafft. Wie Viele haben sich in den
+fuenfzig letzten Friedensjahren gefragt, wofuer sie ihre Kraefte
+anstrengten! Wie Viele sind gestorben, ohne eine Antwort auf diese
+Frage zu erhalten! Das Jahr 1866 hat diese Antwort gegeben, und Du, mein
+alter Freund, gehoerst zu den Gluecklichen, denn Du hast jenes Jahr noch
+mit erlebt und mit durchgekaempft. Du wenigstens weisst, wofuer Du gestrebt
+und gearbeitet hast."
+
+"Nun, nun," sagte der Oberstlieutenant, indem er sich laechelnd den
+Schnurrbart strich, "ich murre auch nicht weiter. Wird auch der einzige
+Stein in einem grossen Bau nicht bemerkt, er gehoert doch auch mit zum
+Ganzen und darf auch mit Stolz sich sagen, dass er seinen Platz ausfuellt.
+Ich wuensche nur, dass mein Sohn keine fuenfzig Friedensjahre vor sich
+haben moege."
+
+"Dazu hat es kaum den Anschein," sagte der Baron von Rantow mit einem
+leichten Anklang von Unzufriedenheit in seiner Stimme. "Man schwebt ja
+in dieser Zeit eigentlich fortwaehrend zwischen Krieg und Frieden, und in
+den letzten Tagen klingen wieder sehr kriegerische Stimmen von der
+andern Seite des Rheins herueber. Frueher oder spaeter muessen alle
+Conflicte, welche 1866 noch ungeloest geblieben, doch endlich wieder zum
+Ausbruch kommen. Ich bedaure es wirklich recht sehr," fuegte er hinzu,
+"ich bin in verschiedenen grossen Unternehmungen begriffen, welche einen
+vortrefflichen Erfolg versprechen. Ich moechte einige neue Industrieen
+auf meinen Besitzungen einfuehren, welche dazu vortreffliche Gelegenheit
+bieten, und stehe im Begriff, hier ein Consortium zu bilden, das mir die
+Capitalien dazu verschaffen soll. Um die Sache in Gang zu setzen,
+brauche ich noch einige Jahre Frieden. So lange aber," fuegte er laechelnd
+hinzu, "kann ja Dein Sohn auch wohl noch warten."
+
+Der Oberstlieutenant schuettelte langsam den Kopf und blickte halb
+verwundert, halb missbilligend zu seinem Freunde hinueber.
+
+"Du willst Consortien gruenden?" fragte er. "Du willst Dich mit diesen
+Banquiers und Capitalisten associiren, um industrielle Spekulationen auf
+Deinen alten Besitzungen einzufuehren?--Nimm es mir nicht uebel, alter
+Freund," fuhr er fort, "mir scheint das nicht recht mit der Stellung
+eines alten Edelmanns zusammen zu passen. Dein Gut ist ja so schoen und
+in vortrefflicher wirtschaftlicher Ordnung, es wirft Dir eine glaenzende
+Revenue ab, Du bist wohlhabend und hast Alles, was Du bedarfst. Du hast
+nur einen Sohn, warum willst Du denn noch mehr, als die Vorsehung Dir
+gegeben und Deine Vorfahren Dir hinterlassen haben? Es vertraegt sich
+nicht mit der Stellung des Adels nach meiner Auffassung, sich mit
+dieser modernen Capitalswelt zu verbinden, um Geld auf Geld zu haeufen.
+Und ausserdem scheint es mir nicht klug zu sein, denn auf diesem Gebiet
+werden wir den Juden und Banquiers doch niemals gewachsen sein, sie
+werden uns immer das beste Fett vorwegnehmen, und wir werden froh sein
+koennen, wenn uns ueberhaupt noch Etwas bleibt--verzeihe meine
+Aufrichtigkeit,--Du hast ja zu thun, was Dir beliebt,--aber meine
+Meinung ist nun einmal so, wie ich gesagt habe."
+
+"Ich glaube, Du hast vollkommen Unrecht," erwiderte der Baron von
+Rantow, indem er sich ein wenig emporrichtete und zu seinem Freunde
+hinueberneigte. "Das Geld ist die Macht, welche heut zu Tage die Welt
+beherrscht, ebenso wie es frueher die koerperliche Ueberlegenheit in den
+ritterlichen Uebungen war. Wenn der Adel seine Stellung behaupten will,
+so muss er jene herrschende Gewalt unserer Zeit in seine Haende bringen.
+Sieh die grosse Aristokratie von England an. Wodurch ist sie auf der Hoehe
+geblieben? Nur dadurch, dass sie es immer verstanden hat, ihren Besitz
+nicht nur zu erhalten, sondern den steigenden Anforderungen der Zeit
+gemaess fortwaehrend zu vergroessern. Sieh, wie in Oesterreich der Adel an
+seiner schlechten Naturalwirtschaft zu Grunde geht. Du wirst mir
+zugeben, dass auf die Dauer keine Familie sich auf der Hoehe ihrer
+Stellung ohne die Grundlage eines den Zeitbeduerfnissen entsprechenden
+Besitzes zu erhalten im Stande ist."
+
+Wieder schuettelte der Oberstlieutenant bedenklich den Kopf.
+
+"Der Besitz ist eine schoene Sache," sagte er, "aber er macht doch nicht
+allein die dauernde und feste Grundlage des Adels aus. Ich moechte fast
+der Meinung sein, dass die Armuth noch eher die ritterlichen Gesinnungen
+erhaelt, als der Reichthum,--wie denn auch die alten geistlichen Orden
+zur Erhaltung des ritterlichen Sinnes das Geluebde der Armuth ablegen
+mussten."
+
+"Das sie aber zuletzt sehr wenig hielten," sagte der Baron von Rantow
+laechelnd. Dann fuegte er hinzu. "Die geistlichen Herren hatten keine
+Kinder, fuer die sie sorgen mussten.--Du hast mir vorhin gesagt, ich haette
+nur einen Sohn und er haette fuer sein Leben genug an dem, was ich
+besitze. Das ist ganz recht, aber mein Sohn kann mehrere Nachkommen
+haben. Und ich moechte doch gern," fuhr er fort, mit einem gewissen Stolz
+den Kopf emporrichtend, "dass auch spaeter Jeder, der den Namen Rantow
+fuehrt, einen diesem Namen entsprechenden materiellen Besitz habe. Wenn
+ich nun sehe, dass durch eine geschickte Capitalassociation mein Besitz
+sich vier- bis fuenfmal vergroessern kann, sollte ich da unthaetig bleiben,
+ruhig in alter Weise fortwirthschaften und damit meinen Nachkommen
+entziehen, was ich ihnen zu schaffen mich fast fuer verpflichtet halten
+muss?"
+
+"Wir werden uns nicht darueber verstaendigen," sagte der Oberstlieutenant.
+"Ich meinerseits," sprach er bestimmt und energisch, "wuerde mich niemals
+mit dieser industriellen Welt in Verbindung setzen."
+
+Das Gespraech der beiden alten Herren wurde durch den Eintritt der
+Baronin von Rantow unterbrochen, einer Dame von hoher und trotz ihrer
+starken Fuelle noch schlanken und elastischen Gestalt mit einem vornehm
+geschnittenen Gesicht von freundlich heiterm Ausdruck, das die Spuren
+frueherer grosser Schoenheit zeigte.
+
+Die Dame begruesste den Oberstlieutenant, der ihr mit einer etwas
+altmodischen Hoeflichkeit die Hand kuesste, herzlich und nahm auf einem
+breiten Divan vor dem Tisch Platz, auf welchem ein Diener in eleganter
+Hauslivree das Theegeschirr aufstellte.
+
+"Die Wagen fangen bereits an vorzufahren," sagte Frau von Rantow, "es
+wird eine sehr grosse Gesellschaft sich ueber uns bei dem Herrn
+Commerzienrath Cohnheim versammeln. Es scheint," fuhr sie mit einem
+leichten Laecheln fort, "dass man Alles aufgeboten hat, um ein recht
+grossartiges Fest zu geben."
+
+"Wir werden die Nacht recht gestoert werden," sagte der Baron, "von dem
+Laerm ueber unsern Koepfen. Nun," fuegte er achselzuckend hinzu, "das ist
+immer noch besser, als wenn wir haetten hingehen muessen. Ich bin einen
+ganzen Tag," fuhr er zum Oberstlieutenant gewendet fort, "zu Hause
+geblieben, um mein Unwohlsein recht natuerlich vorzustellen, damit ich
+nicht genoethigt bin diese Gesellschaft zu besuchen, in der man sich
+zwischen emporgekommenen Boersenspeculanten und einzelnen
+heruntergekommenen Mitgliedern der guten Gesellschaft befindet."
+
+"Und darum," fragte der Oberstlieutenant erstaunt, "legtest Du Dir einen
+Tag Hausarrest auf? Warum lehntest Du denn nicht einfach die Einladung
+der Leute ab? Du hast doch wahrhaftig keine Ruecksichten auf sie zu
+nehmen."
+
+"Doch, mein lieber Freund," erwiderte Herr von Rantow, "ich habe sogar
+recht grosse Ruecksichten auf diesen Herrn Commerzienrath Cohnheim zu
+nehmen. Er ist gerade Derjenige, der mir meine Consortien
+zusammenbringen soll, und der mit grossem Eifer dabei ist, mir diese
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Ich darf ihn also in keiner Weise
+verletzen, ich nehme auch fortwaehrend die aeusserste Ruecksicht auf
+ihn,--doch mich in diese Gesellschaft hineinzubegeben, das ist etwas zu
+viel verlangt. In kleinen Kreisen bin ich schon bei ihm gewesen, ich
+will ihn auch gern bei mir sehen, ja, ich habe sogar Nichts dagegen,"
+fuhr er laechelnd fort, "dass mein Sohn dem Fraeulein Cohnheim den Hof
+macht, was er ausserdem sehr gern thut, denn die Tochter des Herrn
+Commerzienraths ist wirklich von einer wunderbaren Schoenheit, dabei sehr
+gut erzogen und sehr fein gebildet."
+
+"Um Gottes Willen," rief der Oberstlieutenant ganz erschrocken, "wenn
+nun aber die jungen Leute bei diesem Spiel sich Etwas in den Kopf
+setzen, wenn da eine ernste Neigung entstehen sollte."
+
+"Nun," sagte Herr von Rantow leicht mit den Fingern auf der Lehne seines
+Sessels trommelnd, "das waere eine Sache, die sich ueberlegen liesse. Herr
+Cohnheim ist sehr reich, sein Vermoegen waechst taeglich und stuendlich. Er
+wird nach kurzer Zeit sich auf die Hoehe der ersten Matadore der
+Finanzwelt erhoben haben. Er hat nur diese einzige Tochter, wie ich den
+einzigen Sohn. Es haben sich ja schon viele alte Familien durch
+Heirathen zu grossem Glanz gebracht,--die Sache wuerde sich vielleicht
+arrangiren lassen."
+
+"Ich vermag der neuen Zeit nicht mehr zu folgen," sagte der
+Oberstlieutenant. "Ich fuer meinen Theil, so arm ich bin, wuerde doch
+wahrhaftig niemals meine Zustimmung geben, dass mein Sohn sich durch eine
+Heirath in dieser Weise seine Lebensstellung machte. Ich halte viel auf
+meinen Namen und viel auf alte Familien, aber dennoch waere mir jedes
+Maedchen aus dem Volke recht, wenn sie mir mein Sohn als Tochter
+zufuehrte. Aber mit diesen Kreisen der Finanzwelt, welche die
+Gesellschaft durch ihre unnatuerlichen Speculation aussaugen, denen jedes
+Mittel recht ist, um nur Geld und wieder Geld aufzuhaeufen, mit diesen
+Kreisen meine Familie zu verbinden!----Nein," rief er lebhaft, "dazu
+wuerde ich niemals meine Zustimmung geben."
+
+"Nun, lieber Buechenfeld," sagte Frau von Rantow freundlich laechelnd,
+indem sie dem Oberstlieutenant ein Glas Grog mischte, "beunruhigen Sie
+sich nicht, mein Mann ist noch kein so schlimmer Spekulant geworden, als
+er Sie glauben machen moechte. Hueten Sie sich aber," fuhr sie leicht mit
+dem Finger drohend fort, "dass Ihr Sohn Sie mit Ihren Grundsaetzen nicht
+in Verlegenheit bringt. Er besucht, wie er mir erzaehlt hat, seit er hier
+zur Kriegsschule commandirt ist, die Gesellschaften der haute finance
+sehr fleissig und amuesirt sich sehr gut dort. Er wird gewiss auch heute
+hier beim Commerzienrath sein in gefaehrlicher Naehe der schoenen Augen des
+Fraeulein Cohnheim."
+
+"Ich freue mich," sagte der Oberstlieutenant, "wenn mein Sohn sich
+amuesirt, doch bin ich vollkommen sicher, dass er an keine ernsthafte
+Liaison denkt, und dass er die Grundsaetze, die ich vorhin ausgesprochen
+habe, vollkommen mit mir theilt."
+
+Er nahm einen kraeftigen Schluck aus seinem Glase und wandte sich dann zu
+der Baronin von Rantow mit einer gleichgueltigen Frage, welche die
+Absicht zu erkennen gab, das bisherige Gespraechsthema nicht weiter zu
+behandeln.
+
+Inzwischen hoerte man vor dem Hause einen Wagen nach dem andern
+vorfahren. Bald war es das leichte Rollen eleganter Equipagen, bald der
+schwerfaellig rasselnde Ton einer Droschke, und in der Bel-Etage ueber der
+Wohnung des Barons liess sich das Geraeusch zahlreicher Schritte und das
+dumpfe Gewirr verschiedener Stimmen hoeren.
+
+Die weiten eleganten Raeume des obern Stockwerks, welche der
+Commerzienrath Cohnheim bewohnte, und welche mit reicher, wenn auch
+nicht geschmackloser, so doch etwas ueberladener Pracht ausgestattet
+waren, strahlten im hellen Glanz einer intensiven Gasbeleuchtung. Die
+Fenster waren ueberall durch schwere seidene Vorhaenge verdeckt, der
+ziemlich grosse Tanzsaal reich mit frischen Blumen decorirt, in den
+Nebensalons waren Spieltische arrangirt, die kostbaren Oelgemaelde an den
+Waenden waren durch darueber angebrachte Schirmlampen in das moeglichst
+beste Licht gesetzt. Kurz, es war Alles geschehen, um zu zeigen, dass der
+Commerzienrath ein Mann war, welcher die Mittel besass, grosse
+Gesellschaft bei sich zu empfangen, und welcher es auch verstand, durch
+guten Geschmack es den Vornehmen gleich zu thun. Dass ueberall ein kleines
+Zuviel oder Zuwenig in diesen Arrangements die scharfe Grenzlinie des
+wirklich vornehmen Geschmacks ueberschritt oder hinter derselben
+zurueckblieb, entging dem zufriedenen Blick des Commerzienraths, welcher
+nach einem letzten Blick ueber die Vorbereitungen zu seinem Feste sich in
+den ersten Salon begab, um die Gaeste zu empfangen, die erst langsam und
+einzeln, dann immer schneller und zahlreicher zu erscheinen begannen.
+
+Der Commerzienrath Cohnheim war eine kleine, volle und untersetzte
+Gestalt, von raschen, kurzen, etwas unruhigen Bewegungen. Er mochte etwa
+fuenfzig Jahre alt sein, sein kleiner runder Kopf erhob sich nur wenig
+ueber die breiten, etwas hoch empor stehenden Schultern. Sein Haar
+leicht in's Graue spielend, war kurz und kraus gelockt, seine scharfen
+Zuege, die hervorspringende, leicht gebogene Nase, die etwas
+aufgeworfenen Lippen, und die klugen, stets etwas unruhig umherspaehenden
+Augen zeugten von Intelligenz und scharfer Beobachtung, waehrend um
+seinen Mund ein fast stereotypes Laecheln spielte, welches halb aus
+gutmuethigem Wohlwollen, halb aus befriedigtem Selbstgefuehl
+zusammengesetzt war.
+
+Der Commerzienrath trug einen tadellosen schwarzen Anzug, eine Cravatte
+von blendender Weisse. Er zeigte in seiner ganzen Erscheinung eine
+strenge, vielleicht etwas gesuchte Einfachheit, welche nur durch einige
+grosse Hemdknoepfe von prachtvollen Diamanten unterbrochen wurde, die er
+sich nicht hatte versagen koennen. Im Knopfloch seines Fracks befand sich
+ein unendlich kleines Miniaturkreuz des Ordens eines kleinen deutschen
+Miniaturstaats; in seiner Hand mit den kurzen beweglichen Fingern, deren
+Spitzen den weissen Handschuh nicht vollstaendig ausfuellten, hielt er eine
+goldene Dose, deren er sich weniger zum eigenen Gebrauch als zur
+Entamirung einer Conversation zu bedienen pflegte.
+
+Waehrend er strahlend von liebenswuerdiger Hoeflichkeit in dem ersten Salon
+seiner Wohnung Stellung nahm, befand sich die Frau Commerzienraethin mit
+ihrer Tochter in einem Zimmer, das an die entgegengesetzte Seite des
+Tanzsaals stiess, um dort die Begruessung der Gaeste zu empfangen.
+
+Frau Commerzienraethin Cohnheim war eine grosse hagere Gestalt mit
+ziemlich eckigen Bewegungen und einem Gesicht, dessen entschieden
+juedischer Schnitt in ihrem gegenwaertigen Alter wenig Einnehmendes hatte.
+Sie trug ein dunkelrothes Sammetkleid, ein reiches Collier von kostbaren
+Edelsteinen, Diamanten im Haar und Diamanten an den Armspangen. Der
+Blick ihrer grossen dunklen und stechenden Augen war kalt und fast starr,
+und ihre etwas duennen, gewoehnlich fest zusammengeschlossenen Lippen
+oeffneten sich je nach dem Range und der Stellung ihrer Gaeste zu einem
+mehr oder weniger hoeflichen und verbindlichen Laecheln.
+
+In ihrer ganzen Erscheinung durchaus von ihrer Mutter verschieden stand
+ihre Tochter, ein junges Maedchen von achtzehn Jahren, neben ihr.
+Fraeulein Cohnheim trug eine unendlich einfache Balltoilette von
+zartestem weissem Stoff, mit kleinen, fast unbemerkbaren Silbersternen
+uebersaeet; ihr Haar war mit frischen Maiblumen und Rosenknospen
+geschmueckt. Sie trug keine Edelsteine, keinen Schmuck; und in der That
+waren auch die einfachen natuerlichen Blumen der schoenste und passendste
+Schmuck fuer diese so zarte Erscheinung, welche von dem idealen Schimmer
+jener eigentuemlichen orientalischen Schoenheit ueberhaucht war, welche man
+gewoehnlich mehr in den Schoepfungen der Kuenstler, als in der Wirklichkeit
+findet. Der durchsichtige Teint des jungen Maedchen zeigte jenen
+eigentuemlichen Schmelz, welcher auf der zarten Schale der im Sonnenlicht
+des Suedens gereiften Pfirsich liegt; ihr ebenholzschwarzes Haar war wie
+von blaeulichem Phosphorschimmer uebergossen.--Ihre grossen dunklen Augen
+blickten wie traeumerisch fragend in die Welt hinein, und um ihren zarten
+feinen Mund spielte ein halb kindlich harmloses, halb melancholisches
+Laecheln.
+
+Die Saele fuellten sich immer mehr. Es kamen zahlreiche Matadore der hohen
+Finanzwelt mit ihren Frauen und Toechtern--es kamen Geheimraethe trocken,
+steif und wuerdevoll mit mehr oder weniger dicht behaengten Ordenskettchen
+im Knopfloch.
+
+Die Damen der Bureaukratie blickten musternd und pruefend auf die
+Toiletten der Frauen und Toechter der Commerzien- und Commissionsraethe,
+indem sie durch ihren wuerdevollen und zurueckhaltenden Ernst zu erkennen
+gaben, dass sie sich wohl bewusst seien, wie die Wuerde des Ranges und der
+Stellung sie trotz ihrer einfachen und zuweilen etwas duerftigen Anzuege
+doch hoch ueber jene in Federn, Diamanten und schwerer Seide prangenden
+Damen erhebe.
+
+Dann kamen junge Officiere in den Uniformen fast aller Regimenter der
+Garde, welche sich Alle bald unter die Gruppen der im Tanzsaal harrenden
+jungen Damen mischten und ihre Feldzugsplaene fuer die Taenze des Abends
+feststellten.
+
+Der Commerzienrath war unerschoepflich in Liebenswuerdigkeit beim Empfang
+seiner Gaeste. Doch wusste er dabei mit unendlicher Schaerfe und Feinheit
+die Nuancirungen seiner Hoeflichkeit jedem Eintretenden gegenueber genau
+abzumessen. Mit einer gewissen zuversichtlichen Vertraulichkeit begruesste
+er die Geheimenraethe, und trat irgend ein magerer und steifer Herr mit
+einem kleinen auslaendischen Stern auf dem Frack herein, so legte er wohl
+seinen Arm in den seines Gastes und begleitete denselben mit einigen
+Scherzworten bis zur Thuer des naechsten Zimmers, um sich dann zum Empfang
+der Neueintretenden zurueckzuwenden.
+
+Mit wuerdevoller Zurueckhaltung begruesste er die Mitglieder der Finanzwelt,
+deren Stellung an der Boerse noch nicht fest begruendet war. In tiefer
+Ehrerbietung verneigte er sich vor den grossen Matadoren der Geldwelt;
+mit cordialer Herzlichkeit drueckte er irgend einem rasch
+vorueberschreitenden Gardeofficier mit altem Grafen- oder Freiherrntitel
+die Hand.
+
+Mit fast fuerstlicher Herablassung neigte er den Kopf gegen junge
+Kaufleute, welche, um den Tanzsaal zu fuellen, in feine Gesellschaften
+zugelassen wurden. Und mit der Miene eines schuetzenden Maecens klopfte er
+diesem oder jenem Kuenstler auf die Schulter, welcher seine Salons betrat
+und vielleicht im Stillen die Hoffnung hegte, dass der reiche
+Commerzienrath ihm eines Tages eins seiner Werke abnehmen werde.
+
+Die Saele waren schon stark gefuellt, Lakaien in reich gallonirten Livreen
+praesentirten den Thee und jenes dumpfe Gesumme fluesternder Stimmen,
+welches sich stets beim ersten Beginn grosser Gesellschaften vernehmen
+laesst erfuellte die Raeume.
+
+Die Thueren des ersten Salons, welche seit einiger Zeit geschlossen
+geblieben waren, oeffneten sich abermals, und der Commerzienrath ging
+rasch den zwei jungen Leuten entgegen, welche neben einander eintraten.
+
+Es war der junge Baron von Rantow und der Lieutenant von Buechenfeld, der
+Sohn des Oberstlieutenants, welcher in der Parterrewohnung desselben
+Hauses am Theetisch seines Freundes sass.
+
+Der Referendar von Rantow hatte entschiedene Aehnlichkeit mit seinem
+Vater. Sein Gesicht war huebsch, vornehm, aristokratisch geschnitten und
+anziehend durch die frische jugendliche Gesundheit und durch das
+wohlwollende, gutmuethige und freundliche Laecheln, welches auf demselben
+lag. Doch hatten seine hellen klaren Augen denselben etwas
+gleichgueltigen oberflaechlichen Blick wie diejenigen seines Vaters. In
+seinem Laecheln lag ein Zug hochmuetigen Selbstbewusstseins, der ohne jene
+Beimischung von Gutmuetigkeit und Herzlichkeit beinahe haette unangenehm
+beruehren koennen. Die ganze Haltung des mit aeusserster Eleganz und
+hoechster Einfachheit gekleideten jungen Mannes zeigte vornehme und
+leichte Sicherheit. Er betrat die Gesellschaftsraeume des Commerzienraths
+mit einer Miene, aus welcher ein wenig von dem Bewusstsein
+hervorschimmerte, dass er durch sein Erscheinen in diesem Hause mehr Ehre
+gebe, als empfange.
+
+In der einfachen Uniform eines Linien-Infanterieregiments erschien,
+durch das schnelle Vorschreiten des Herrn von Rantow einen Schritt
+zurueckbleibend, der Lieutenant von Buechenfeld.
+
+Der junge Mann war hoch und schlank gewachsen, seine Haltung war fest
+und ritterlich, fast etwas starr, und die Zuege seines magern, scharf
+geschnittenen bleichen Gesichts zeigten maennliche Kraft, Muth und
+Entschlossenheit, doch dabei auch eine stolze, fast feindlich abwehrende
+Verschlossenheit. Auf der Oberlippe seines schoen geformten, fest
+zusammengepressten Mundes kraeuselte sich ein leichter blonder
+Schnurrbart. Seine hellen grauen Augen blickten so ernst und liessen aus
+ihrem eigentuemlichen Glanz eine solche Tiefe hervorleuchten, dass sie in
+einzelnen Augenblicken von fast dunkler Farbe zu sein schienen.
+
+Der Commerzienrath drueckte mit unendlich liebenswuerdigem Laecheln dem
+jungen Baron von Rantow die Hand, waehrend er zugleich mit freundlicher
+Hoeflichkeit den Kopf gegen den jungen Offizier wandte.
+
+"Wie unendlich bedaure ich, mein lieber Herr von Rantow, dass Ihr Herr
+Vater und die Frau Mama verhindert sind, mich heute zu besuchen. Es
+verdirbt mir fast die Freude an meinem ganzen Fest," fuegte er hinzu,
+indem er seine laechelnden Zuege fast mit Gewalt zu einem trueben Ausdruck
+zwang, "Ihre Eltern heute nicht bei mir zu sehen."
+
+"Es thut meinen Eltern ebenfalls sehr leid," sagte Herr von Rantow mit
+leicht degagirten Ton, indem sein Blick ueber den Commerzienrath hinweg
+nach dem andern Salon hinschweifte, "dass sie Ihrer Einladung nicht
+haben Folge leisten koennen. Doch ist mein Vater stark erkaeltet und meine
+Mutter, wie Sie begreifen koennen, wollte ihn nicht allein lassen."
+
+"Nun," sagte der Commerzienrath, "ich freue mich wenigstens, dass Sie
+gekommen und dass ich doch ein Glied Ihrer verehrten Familie bei mir
+sehe. Eilen Sie, eilen Sie," fuegte er hinzu, indem er den jungen Mann
+nach dem Tanzsaal hinfuehrte--"der Tanz wird sogleich beginnen und die
+Damen werden schon sehr umlagert. Meine Tochter hat Ihnen gewiss noch
+einen Tanz aufgehoben," fuegte er dem jungen Mann auf die Schulter
+klopfend hinzu und verliess denselben auf der Schwelle des Saals, sich zu
+der Eingangsthuer zurueckwendend, ohne den Lieutenant von Buechenfeld
+weiter zu beachten, welcher hinter Herrn von Rantow ebenfalls in den
+Tanzsaal eintrat.
+
+Fraeulein Cohnheim hatte waehrend dieser Zeit neben ihrer Mutter
+gestanden, meist nur mit hoeflicher schweigender Verbeugung die Damen
+begruessend und einzelne Worte mit den jungen Herren wechselnd, welche zu
+ihr herantraten, um sie um einen Tanz zu bitten.
+
+Sie hatte einige Engagements angenommen, andere abgelehnt und blickte
+von Zeit zu Zeit wie fragend und suchend ueber die Gruppen hin, welche
+sich in dem Tanzsaal vor ihr bewegten. Als Herr von Rantow und Herr von
+Buechenfeld in den Saal eintraten, flog eine augenblickliche leichte
+Roethe ueber das Gesicht des jungen Maedchens. Ihr Blick leuchtete einen
+Moment auf--dann schlug sie die Augen nieder und gab einer Dame, welche
+sich soeben zu ihr wandte, eine Antwort, welche nicht ganz auf die
+Anrede zu passen schien und einen etwas erstaunten Ausdruck auf dem
+Gesicht der zu ihr Sprechenden hervorrief. Der Referendar von Rantow
+schritt rasch und sicher durch den dicht mit Menschen gefuellten Saal,
+indem er hier und dort einen Bekannten begruesste und trat in das Zimmer,
+in welchem die Commerzienraethin mit ihrer Tochter sich befand.
+
+Er machte der Dame des Hauses, welche ihn mit ausgezeichneter
+Liebenswuerdigkeit empfing, seine Entschuldigungen in Betreff des
+Ausbleibens seiner Eltern und wandte sich dann zu dem Fraeulein Cohnheim.
+
+"Ich bin etwas spaet gekommen, mein gnaediges Fraeulein," sagte er.
+"Unaufschiebliche Arbeiten hielten mich noch ab. Darf ich hoffen, dass
+Sie noch einen Tanz fuer mich frei haben?"
+
+"Ich bedauere sehr," erwiderte das junge Maedchen mit einem Blick auf die
+Tanzordnung, waehrend ihre Mutter ziemlich kalt und oberflaechlich die
+Begruessung des Lieutenants von Buechenfeld erwiderte; "Alle meine Taenze
+sind besetzt."
+
+"Das ist ja ein wahres Unglueck!" rief der junge Herr von Rantow, waehrend
+er versuchte, den gleichgueltigen Ausdruck von seinem Gesicht
+verschwinden zu lassen.--"ein Unglueck," fuegte er hinzu, "auf das ich
+uebrigens haette gefasst sein muessen, wenn ich nicht die leise Hoffnung
+gehabt haette, dass Sie vielleicht die Guete haben wuerden mir einen Tanz zu
+reserviren."
+
+Die Commerzienraethin wandte sich ein wenig erstaunt zu ihrer Tochter.
+
+"Soviel ich bemerkt," sagte sie, "hast Du noch kein Engagement fuer den
+Cotillon angenommen."
+
+"Ah" rief Herr von Rantow freudig, "sollten Sie mir vielleicht diese
+glueckliche Ueberraschung gemacht haben?"
+
+"Ich bin fuer den Cotillon versagt," erwiderte Fraeulein Cohnheim ernst
+und kalt, indem ihr Blick zu dem neben ihrer Mutter stehenden jungen
+Officier hinueberflog.
+
+Dieser trat rasch heran und sprach:
+
+"Darf ich hoffen, dass Sie sich des Versprechens noch erinnern, das Sie
+mir auf dem letzten Ball fuer den naechsten Cotillon gegeben?"
+
+"Was ich versprochen halte ich stets," erwiderte die junge Dame mit
+freundlichem Laecheln den Gruss des Officiers erwidernd. "Sie sehen," fuhr
+sie fort, ihm ihre Tanzordnung hinreichend, "Ihr Name steht bereits beim
+Cotillon notirt."
+
+Ein strenger hochmuetiger Blick der Commerzienraethin traf den Lieutenant
+von Buechenfeld. Wie missbilligend schuettelte sie leicht den Kopf und
+wandte sich von ihrer Tochter ab, waehrend der Referendarius von Rantow
+mit leichter Verbeugung zuruecktrat.
+
+Die Musik im Tanzsaal begann den ersten Walzer zu spielen. Die Paare
+traten an. Der Taenzer des Fraeulein Cohnheim erschien und fuehrte die
+junge Dame in die Reihen.
+
+Herr von Rantow und der Lieutenant von Buechenfeld blieben einen
+Augenblick neben einander stehen.
+
+"Du hast mir die Kleine weggekapert," sagte der Referendarius, indem
+sein Blick ueber den Saal hinschweifte. "Das ist nicht huebsch von Dir,
+nun habe ich heute gar keine Gelegenheit mich mit ihr zu unterhalten,
+und ich moechte doch gern einmal laenger mit ihr sprechen, um zu sehen,
+was denn eigentlich hinter diesem huebschen Gesicht steckt. Sie ist
+sehr gut erzogen und hat auch gute Manieren, und wenn die
+commerzienraethlichen Eltern nicht waeren, es waere am Ende keine ueble
+Partie."
+
+Er hob sein Lorgnon an's Auge und musterte einige in seiner Naehe
+stehende Paare.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld war bei den Worten des Herrn von Rantow
+fluechtig erroethet, er sah ihn mit einem eigenthuemlich pruefenden Blick
+seiner tiefen Augen an und folgte dann, ohne eine Antwort zu geben, den
+anmuthigen Bewegungen der Tochter des Hauses, welche soeben im Tanze an
+ihm vorbeischwebte.
+
+Waehrend der Ball im grossen Mittelsaal seinen Fortgang nahm, waehrend die
+aeltern Damen theils an den Waenden des Tanzsaals, theils in den
+unmittelbar daran stossenden Zimmern ihre Plaetze einnahmen und sich in
+mehr oder weniger liebevollen Kritiken ueber die tanzenden Paare
+ergingen, bildeten sich in den entfernteren Raeumen Gruppen der aelteren
+Herren.
+
+Ein ziemlich starker Mann von etwa fuenfzig Jahren mit vollem rothen
+Gesicht und rueckwaerts gekaemmtem Haar stand lebhaft sprechend und
+gesticulirend in einem Kreise von fuenf bis sechs anderen Herren, welche
+ihm aufmerksam zuhoerten.
+
+"Ich sage Ihnen, meine Herren," rief er, "unser Norddeutscher Reichstag
+mag eine ganz gute Institution sein und wird gewiss viel zur Einheit und
+Verkehr im Handel und Wandel wie auch zur Gesetzgebung beitragen. Aber
+es ist doch immer nur ein halbes Werk und die Hauptsache liegt in der
+Vereinigung mit den Suedstaaten. Und von dieser Vereinigung sind wir
+jetzt weiter entfernt als je vorher."
+
+"Warum das, Herr Director," fragte ein langer, fast aengstlich magerer
+Herr mit einem faltigen, leberkranken Gesicht, welcher eine Kette mit
+verschiedenen kleinen Decorationen im Knopfloch trug und jene
+eigenthuemliche, halb geheimnissvolle, halb ueberlegene Miene hatte, welche
+ein besonderes Kennzeichen der hoehern preussischen Bureaukratie bildet.
+"Die Vertraege, welche in militairischen Beziehungen mit den sueddeutschen
+Staaten abgeschlossen sind, bilden ja ein festes Band, welches sich in
+der Stunde der Gefahr gewiss bewaehren wuerde. Und gerade in Bayern, dem
+maechtigsten der sueddeutschen Staaten, macht sich eine sehr entschiedene
+deutsche Bewegung bemerkbar, welche von dem jungen Koenige ganz besonders
+beguenstigt wird. Wir haben darueber," fuegte er mit einer etwas gedaempften
+Stimme im Ton einer vertraulichen Mittheilung hinzu, "sehr befriedigende
+Berichte."
+
+"Ihre Berichte moegen befriedigend sein, mein lieber Herr Geheimrath,"
+erwiderte der Bankdirector Huber, "die Wirklichkeit ist es nicht, denn
+gerade in Bayern arbeitet in diesem Augenblick die ultramontane
+katholische Partei mit aller Kraft daran, den Anschluss an den
+Norddeutschen Bund zu verhindern und zu erschweren. Und man taeuscht sich
+hier gewaltig, wenn man die Macht und Bedeutung dieser Partei gering
+anschlaegt. Ich bin vor Kurzem in Muenchen gewesen und habe Gelegenheit
+gehabt, das sehr genau zu beobachten, weil vermiedene Personen, mit
+denen ich in Geschaeftsbeziehung stehe, gerade zu den uns feindlichen
+Kreisen gehoeren. Der Koenig, es ist wahr, soll ja, wie man sagt, sehr
+deutsch gesinnt sein, aber er hat auch sehr particularistische
+bayerische Gefuehle, und die ultramontane Partei uebt einen grossen Einfluss
+auf ihn aus, da sie ihn bei der religioesen Seite zu fassen versteht."
+
+"Ich kann," sagte der Geheimrath Fintelmann, "kaum glauben, dass die
+ultramontane Partei in Bayern im Stande sein sollte, den Zug zur
+deutschen Einigkeit, welcher doch im Volke lebt, wirksam zu bekaempfen.
+Ausserdem begreife ich eigentlich nicht, was sie dabei fuer ein Interesse
+haben sollte, die Katholiken werden doch wahrlich in Preussen nicht
+schlecht behandelt, im Gegentheil, sie stehen hier besser als in manchen
+katholischen Laendern, und sie wuerden sich selbst schaden, wenn sie sich
+im Gegensatz stellen wollten zu den nationalen Einigungsbestrebungen."
+
+"Die Stellung der Katholiken," erwiderte der Bankdirector, "ist eine
+vollkommen andere geworden, seitdem man in Rom an der Unfehlbarkeit des
+Papstes arbeitet. Die verschiedenen Parteigaenger dieses Dogmas sprechen
+es ganz offen aus, dass sie einen Kampf mit der preussischen Staatsgewalt
+voraussehen und dass sie deshalb dieser protestantischen Macht gegenueber
+in Bayern einen Mittelpunkt fuer den deutschen Katholicismus bilden
+muessen."
+
+"Mein Gott," sagte der Geheimrath achselzuckend, "ich glaube, dass man
+dieser ganzen Unfehlbarkeitsangelegenheit zu viel Bedeutung beilegt. So
+viel mir bekannt, hat ja der Papst in der katholischen Kirche immer fuer
+unfehlbar gegolten, und schliesslich ist ja jede oberste Instanz in jeder
+menschlichen Institution unfehlbar. Lasse man doch ruhig den Papst in
+Glaubenssachen seine unfehlbaren Decrete sprechen, die staatliche
+Nationalitaet wird darum ruhig ihren Weg weiter gehen und die Katholiken
+auch nach dieser neuen Facon selig werden lassen."
+
+"Sie legen der Sache umgekehrt zu _wenig_ Bedeutung bei," erwiderte der
+Bankdirector. "Verzeihen Sie, das ist aber der gewoehnliche Fehler der
+Herren am gruenen Tisch, dass sie die Folge der Dinge erst dann einsehen,
+wenn sie wirklich eingetreten sind. Ich bin Rheinlaender," fuhr er fort,
+"ich bin Katholik und die Unfehlbarkeit des Papstes als oberste
+Autoritaet in Kirchenverwaltungen und Disciplinarsachen ist ja bei uns
+nie bestritten, obwohl es mir nicht so recht in den Sinn kommen will,
+dass eine fremde auslaendische Autoritaet ueber die Angelegenheiten unserer
+deutschen Kirche zu bestimmen haben soll. Allein ganz etwas Anderes ist
+es, wenn nunmehr die Unfehlbarkeit des Papstes dogmatisch festgestellt
+wird, wenn Jeder verflucht und excommunicirt wird, der irgend einem
+Decret nicht sofort Folge leistet. Damit erwaechst allerdings eine Macht,
+mit der der Staat auf die Dauer nicht im Frieden leben kann. Eine solche
+Unfehlbarkeit in Glaubenssachen koennten wir uns allenfalls gefallen
+lassen, wenn der oberste Leiter der deutschen Kirche ein deutscher
+Bischof waere. Aber der Papst ist nun einmal ein fremder, ein
+italienischer Kirchenfuerst, der nicht nur Priester ist, sondern auch
+seine Politik macht, und es koennten denn doch Verhaeltnisse eintreten, in
+welchen seine unfehlbaren Decrete der weltlichen Macht und im Besonderen
+Deutschland sehr wenig genehm sein moechten."
+
+"Nun," sagte der Geheimrath mit einem selbstzufriedenem Laecheln, "ich
+glaube, wir koennen es ruhig abwarten."
+
+"Ich wollte," rief der Bankdirector lebhaft, "Sie warteten es nicht ab,
+sondern traefen Vorkehrungen; wenn aus dieser Frage spaeter ein Conflict
+entsteht, ohne dass man zur rechten Zeit Stellung genommen hat, so
+duersten die Consequenzen sehr fatal werden."
+
+"Ich glaube, der Bankdirector hat ganz Recht," sagte der Professor
+Brandt, ein grosser Mann von steifer Haltung, dessen von dunklem, glatt
+gescheiteltem Haar umgebenes Gesicht geistige Bewegung und scharfe
+Intelligenz ausdrueckte, obwohl die Augen von einer grossen glaesernen
+Brille bedeckt waren. "Ich glaube, der Bankdirektor hat ganz Recht und
+ich wundere mich, dass man sich in massgebenden Kreisen so wenig mit
+solchen Fragen zu beschaeftigen scheint, welche da am Horizont der
+Zukunft heraussteigen. Denn gerade in diesem Augenblick muesste man
+zugreifen, um die Unabhaengigkeit von Rom, um welche die deutschen
+Bischoefe und die deutschen Kaiser so lange gestritten haben, endlich
+durchzusetzen. Alle deutschen Bischoefe, der so geistvolle und energische
+Kettler an der Spitze machten die groessten Anstrengungen gegen die
+Proclamirung der Unfehlbarkeit. Der katholische Fuerst von Hohenlohe hat
+die katholischen Maechte schon vor laengerer Zeit aufgefordert, gegen das
+von Rom aus verbreitete Dogma Stellung zu nehmen. In diesem Augenblick
+muesste man eingreifen. Wuerde die staatliche Autoritaet jetzt den Bischoefen
+die Hand reichen, es liesse sich da vielleicht etwas Grosses erreichen,
+und vielleicht liesse sich jetzt mit einem Male die durch das ganze
+Mittelalter erstrebte Unabhaengigkeit der deutschen Kirche von Rom
+herstellen. Man sollte," fuhr er in etwas docirendem Tone, aber mit dem
+Ausdruck tiefer Ueberzeugung fort, "man sollte in dieser Angelegenheit
+energisch handeln. Die Herstellung eines vollstaendig geeinigten
+Deutschlands liegt ja doch im Zug der Zeit, und wie das alte deutsche
+Reich und die Autoritaet der Kaiser keinen gefaehrlicheren Feind gehabt
+hat als die roemische Hierarchie, so wird auch das neue deutsche Reich,
+wenn ein solches, wie Gott geben mag, jemals ersteht, sogleich wieder
+den alten Gegner sich gegenueberstellen sehen. Wenn man die Bischoefe
+jetzt im Stich laesst, wenn ihnen die Staatsautoritaet nicht zu Huelfe
+kommt, so werden sie sich unterwerfen und es wird spaeter sehr schwer
+sein, sie wieder von Rom zu trennen."
+
+"Mein lieber Professor," sagte der Geheimrath im Ton wohlwollender
+Belehrung, "Alles, was Sie da sagen, ist in der Theorie sehr schoen. Wir
+haben uns aber bei Regelung des Staatslebens an die Praxis zu halten
+und viele Ruecksichten zu nehmen, welche man ausserhalb der eingeweihten
+Kreise nicht immer vollstaendig zu wuerdigen versteht."
+
+"Ruecksichten? Ruecksichten?" rief der Bankdirector. "Mit Ruecksichten ist
+noch niemals etwas Grosses geschaffen worden. Ich bin ganz der Meinung
+des Professors, in diesem Augenblick sollte man eingreifen, in diesem
+Augenblick ist Uneinigkeit unter der Hierarchie, der Nationalinstinct
+ist lebendig in dem deutschen Episkopat. Warten wir ab, bis sie wieder
+Alle einig geworden sind, so wird es vielleicht zu spaet sein."
+
+Freundlich laechelnd trat der Commerzienrath Cohnheim in den Kreis.
+
+"Die Herren sprechen ja so ernsthaft," sagte er, "als waeren sie im
+Reichstage. Ich bitte Sie, lassen Sie die Politik und die ernsten
+Fragen. Wollen Sie eine Cigarre rauchen?" fuegte er hinzu, "dort im
+letzten Zimmer habe ich ein kleines Rauchcabinet etablirt. Sie finden
+ganz vortreffliche Regalia's von der letzten Ernte, ich habe sie vor
+Kurzem aus Hamburg bekommen. Es ist entsetzlich," fuegte er hinzu,
+"welche theuere Passion jetzt das Rauchen wird, man wird kaum noch eine
+gute Cigarre erschwingen koennen."
+
+"Wenn Sie das schon sagen, mein lieber Herr Commerzienrath," sprach der
+Geheimrath mit einem sauer-suessen Laecheln, "was sollen wir dann sagen,
+die wir mit den Herren von der Finanz gar nicht mehr Schritt halten
+koennen."
+
+"Dafuer aber," erwiderte der Commerzienrath, "haben Sie die Hand an der
+Leitung der Ereignisse, die Ehre, den Einfluss!"
+
+Der Geheimrath entfernte sich mit einer Miene, welche deutlich
+ausdrueckte, dass Ehre und Einfluss ihm nicht vollwichtige Aequivalente fuer
+die mangelnden materiellen Mittel erschienen. Er begab sich in das
+Rauchcabinet, um eine von den gepriesenen Regalia's zu versuchen.
+
+"Ich habe ein vortreffliches Project," sagte der Commerzienrath zu dem
+Bankdirector, waehrend der Professor zu einem grossen Tisch trat und eins
+der darauf ausgebreiteten Albums oeffnete, "ein Freund von mir, der Baron
+von Rantow, Mitglied des Herrenhauses, hat auf seinen Besitzungen in
+Schlesien ein Zinklager entdeckt, zu dessen Ausbeutung grosse
+Capitalkraefte noethig sind, die dann allerdings aber auch eine grosse
+Rentabilitaet verspricht. Ich beschaeftige mich diesen Augenblick damit,
+ein Consortium zu bilden, um die Sache in die Hand zu nehmen.--Ich
+glaube, dass es ein vortreffliches Geschaeft fuer Ihre Bank waere, sich
+dabei zu betheiligen."
+
+Er ergriff den Arm des Bankdirectors, fuehrte ihn zu einem in der Ecke
+des Zimmers stehenden Divan und vertiefte sich mit ihm in ein laengeres
+und eingehenderes Gespraech.
+
+Der Ball nahm seinen Fortgang, die Herren an den Whisttischen spielten
+feierlich und wuerdevoll einen Robber nach dem andern. Die junge Welt
+tanzte unermuedlich, die Locken der Damen begannen sich zu loesen, die
+Blumen begannen allmaelig zu welken und die aelteren Damen an den Waenden
+des Saals verstummten mehr und mehr und blickten nur noch truebe und
+theilnahmlos, oft mit Schlafanwandlungen kaempfend in das Treiben vor
+ihnen.
+
+Der Referendarius von Rantow hatte wenig getanzt, sich der Reihe nach
+mit vielen aelteren Damen unterhalten und sich dann neben die
+Commerzienraethin gesetzt, mit welcher er angelegentlich und eifrig
+sprach, und welche mit der liebenswuerdigsten Aufmerksamkeit ihm zuhoerte.
+
+Der Lieutenant von Buechenfeld war still und ruhig an der Thuer des
+Tanzsaals stehen geblieben, sinnend, mit einem wehmuethigen, fast
+traurigen Ausdruck blickte er ueber die bunte Gesellschaft hin, und nur
+zuweilen leuchtete sein Auge hoeher auf, wenn er dem Blick der Tochter
+des Hauses begegnete, welche in den Pausen des Tanzes stets von einem
+Kreise junger Herren umgeben war und oft wie fragend zu ihm hinueber sah.
+
+Endlich trat die allgemein ersehnte Pause des Soupers ein, alle Welt
+nahm an kleinen Tischen Platz. Der Commerzienrath wurde nicht muede, hin-
+und herzugehen und bald diesen, bald jenen seiner Gaeste auf irgend eine
+Schuessel des vortrefflich bestellten Bueffets aufmerksam zu machen, oder
+einen Lakaien herbeizurufen, um den von ihm Bevorzugten ein Glas
+besonders empfohlenen Weins zu serviren.
+
+Fraeulein Cohnheim war auch hier wieder von einem grossen Kreise junger
+Damen und Herren umringt. Abermals warf sie einen fluechtigen fragenden
+Blick auf den jungen Officier, aber dieser naeherte sich ihr nicht,
+sondern blieb in der Naehe des Bueffets und nahm nur mit wenigen kurzen
+Bemerkungen an der Unterhaltung einiger Kameraden Theil, welche keine
+Plaetze mehr in dem Kreise der Damen gefunden.
+
+Das Souper war beendet. Die Musik intonirte die Aufforderung zum
+Cotillon; die junge Welt erhob sich, die Paare fanden sich zusammen und
+begaben sich in den Tanzsalon.
+
+Fraeulein Cohnheim war aufgestanden, hatte sich langsam der Thuere des
+Speisezimmers genaehert und blickte erwartungsvoll umher. Rasch trat der
+Lieutenant von Buechenfeld auf sie zu, reichte ihr mit stummer Verbeugung
+die Hand und fuehrte sie zu zwei Stuehlen, welche ein wenig abseits unter
+einer Decoration von gruenen Gewaechsen standen.
+
+Die jungen Leute setzten sich nieder, der Cotillon begann.
+
+"Sie sind so ernst, fast verstimmt heute Abend, Herr von Buechenfeld,"
+sagte die junge Dame mit dem Ausdruck herzlicher Theilnahme. "Was fehlt
+Ihnen? Ist Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren? Sie haben sich beim
+Souper von unserm Kreise zurueckgezogen, oder haben Sie--" fuegte sie, die
+Augen niederschlagend, mit leicht zitternder Stimme hinzu, "mir irgend
+Etwas uebel genommen?"
+
+"Wie koennte ich das," erwiderte Herr von Buechenfeld, indem sein Blick
+tief und innig auf dem Antlitz des jungen Maedchens ruhte, welches die
+leichte Verwirrung, in der sie sich befand, nur noch schoener erscheinen
+liess. "Aber Sie haben Recht," fuhr er seufzend fort, "ich bin
+verstimmt--und mehr als verstimmt--ich bin traurig, ernsthaft
+traurig--und fast wuenschte ich, garnicht nach Berlin gekommen zu sein."
+
+"Und warum das?" fragte Fraeulein Cohnheim, ihre grossen Augen treuherzig
+zu ihm aufschlagend. "Haben Sie hier keine Freunde, welche gern bereit
+sind, an Ihrem Kummer Theil zu nehmen und Sie zu troesten. Ich wuesste
+uebrigens nichts," fuhr sie in scherzendem Ton fort, "was Sie traurig
+machen koennte."
+
+"Wenn Sie es nicht wissen," sagte Herr von Buechenfeld, indem er ihr fest
+und grade in die Augen sah, "so muss mich das eigentlich noch trauriger
+machen. Ich bin hierher gekommen," fuhr er fort, "mit leichtem
+froehlichen Herzen, voll Muth und Vertrauen auf die Zukunft, und wenn ich
+von hier wieder fortgehe, so werde ich um viele Traeume, um viele
+Hoffnungen aermer sein, die vielleicht besser niemals in mein Herz
+eingezogen waeren."
+
+Das junge Maedchen neigte erroethend den Kopf und schwieg einige
+Augenblicke. Dann richtete sie sich mit einer raschen Bewegung wieder
+hoch empor, blickte den jungen Mann voll und klar an und sprach mit
+einer festen, aber zugleich weichen und dabei zaertlichen Stimme.
+
+"Warum sollten Traeume, warum sollten Hoffnungen ungluecklich machen?
+Wenn ein lieber Traum zur Wirklichkeit wird, wenn eine schoene Hoffnung
+sich erfuellt, das ist ja das beste Glueck, das uns auf Erden zu Theil
+werden kann."
+
+Ein flammender Blitz zuckte aus den Augen des jungen Mannes.
+
+"Diese Worte aus Ihrem Munde, Fraeulein Anna," sagte er mit lebhafter
+Bewegung, "sollten mich uebergluecklich machen und dennoch--dennoch--"
+fuhr er mit tief traurigem Tone fort, "kann ich an die Erfuellung meiner
+Hoffnungen, an die schoene Wirklichkeit meiner Traeume nicht glauben."
+
+Sie sah ihn fragend und fast vorwurfsvoll an.
+
+"Fraeulein Anna," sprach er, wie einem schnellen Entschluss folgend, "es
+muss klar werden durch die trueben Nebel, welche mein Herz bedruecken, denn
+die schmerzlichste Klarheit ist immer noch besser als die dumpfe
+Daemmerung widersprechender Gefuehle. Wollen Sie mir erlauben, Ihnen frei
+und ohne Rueckhalt zu sagen, was mein Herz bedrueckt?"
+
+Abermals schlug sie erroethend die Augen nieder Ein leichtes Zittern flog
+durch ihre ganze Gestalt, dann machte sie eine Bewegung, als wolle sie
+dem jungen Officier die Hand reichen. Sie hielt sie jedoch zurueck, ein
+rascher Blick glitt ueber den Saal ueber die Tanzenden hin, und sie sagte
+mit herzlichem Ton:
+
+"Koennen Sie an meiner Theilnahme zweifeln?"
+
+"Nun, Fraeulein Anna," sprach er, sich ein wenig zu ihr hinueberneigend,
+"Sie muessen es bemerkt haben, dass, seit ich Sie kenne, meine ganze Seele
+Ihnen entgegengeflogen ist, dass mein Fuehlen, mein Denken, mein ganzes
+Leben sich nur um Sie als leuchtenden Mittelpunkt dreht. Sie muessen
+bemerkt haben, dass ich Sie liebe, und dass diese Liebe immer maechtiger
+mich durchdringt und erfuellt, je laenger ich mich in Ihrer Naehe bewegt
+habe."
+
+"Ich habe es bemerkt," fluesterte sie fast unhoerbar, indem ein feucht
+schimmernder Blick ihrer grossen Augen deutlich die unausgesprochene
+Frage ausdrueckte, "und ist das denn ein so grosses Unglueck?"
+
+Herr von Buechenfeld hoerte die leise gefluesterten Worte. Er sah diesen
+Blick und verstand die stumme Frage.
+
+"Sie haben Recht," sprach er, "eine solche Liebe waere das hoechste Glueck,
+wenn sie die Hoffnung haben koennte, Erwiderung zu finden--"
+
+Sie richtete wiederum ihre Augen mit wunderbarem Ausdruck auf ihn.
+
+Wiederum verstand er die stumme Sprache dieser Augen. Es zitterte einen
+Augenblick wie ein Wonneschauer durch sein Gesicht, dann aber legte sich
+wieder der tiefe traurige Ernst auf seine Zuege--er fuhr fort:
+
+--"und wenn die Verhaeltnisse fuer diese Liebe eine glueckliche Zukunft
+unmoeglich machten, Fraeulein Anna,"--sie sah ihn ganz erstaunt an, als
+begriff sie seine Worte nicht--"ich bin ein armer Officier, meine
+Zukunft beruht auf meiner Arbeit und Thaetigkeit, auf einer langjaehrigen
+muehevollen und angestrengten Arbeit. Nach Jahren kann ich erst in der
+Lage sein, an die Gruendung einer Haeuslichkeit zu denken, dem Wesen, das
+ich liebe, eine sichere Existenz zu bieten. Kann ich," fuhr er mit einem
+brennenden Blick fort, "von Ihnen, selbst wenn Sie einige Theilnahme fuer
+mich empfinden, selbst wenn Ihr Herz sich freundlich zu mir neigt, kann
+ich von Ihnen erwarten, dass Sie die Jahre der Jugend opfern, um den
+unsichern Erfolg meiner Thaetigkeit, meines Ringens und Strebens zu
+erwarten. Und wenn dieser Erfolg ausbleibt--ich allein koennte eine
+zerstoerte Carriere, ein verfehltes Leben ertragen, aber ich wuerde
+vernichtet zusammenbrechen, wenn ich auch die Hoffnungen eines andern
+Lebens zerstoert sehen muesste, das so reich berechtigt ist zu Freude und
+Glueck. Darum ist es besser," fuhr er nach einem kurzen Schweigen fort,
+waehrend sie ihn fortwaehrend mit ihren grossen Augen fest ansah, "darum
+ist es besser, ich reisse mich jetzt kraftvoll von allen jenen Traeumen
+los und verfolge meinen eigenen Weg.--Sie werden mich vergessen," sprach
+er seufzend, "und mich wird die Erinnerung an Sie immer noch gluecklich
+machen. Sie wird wie ein freundlicher Lichtschein, wie ein Stern, der
+unerreichbar hoch ueber uns schwebt, mein Leben verklaeren."
+
+Anna hatte ernst und unbeweglich zugehoert; als er schwieg, leuchtete ihr
+Blick hoeher auf, ein Zug fester Energie und muthiger Entschlossenheit
+legte sich um ihre sonst so weichen kindlichen Lippen, indem sie sich
+ein wenig zu dem jungen Officier hinueberneigte, sprach sie mit leiser
+Stimme, aber jedes Wort scharf und klar betonend.
+
+"Sie irren sich, Herr von Buechenfeld, ich werde Sie nicht vergessen--ich
+kann Sie nicht vergessen! Und von dem Augenblick an," fuhr sie, ihn fast
+befehlend anblickend, fort, "von dem Augenblick an, wo ich Ihnen dies
+gesagt habe, duerfen Sie sich nicht von mir wenden, Sie duerfen mich nicht
+allein lassen. Und wenn Sie Ihren Weg einsam durch das Leben verfolgen,
+so wird das Licht des Sternes, von dem Sie eben gesprochen haben, Ihnen
+nicht mehr leuchten, denn dieser Stern selbst wird sein Licht und seinen
+Glanz verloren haben."
+
+"Fraeulein Anna," sagte er, muehsam seine Erregung unterdrueckend, "solche
+Worte sollten mich auf die hoechste Hoehe der Glueckseligkeit erheben. Aber
+mein Gott," sagte er, die Haende in einander faltend, "es ist ja nicht
+moeglich."
+
+"Nicht moeglich," sagte sie sanft, "warum nicht moeglich? Haben wir
+noethig, auf die Vollendung Ihrer Carriere zu warten? Ich schwoere Ihnen,"
+fuhr sie fort, "aller Reichthum und Glanz, mit welchem mein Leben
+umgeben ist, ist mir immer gleichgueltig gewesen.--Aber in diesem
+Augenblick danke ich Gott, dass mein Vater reich ist, denn dadurch sind
+wir ueber die traurige Nothwendigkeit erhoben, das Glueck unserer Liebe
+abhaengig von den Zufaelligkeiten dieses Lebens zu machen."
+
+Herr von Buechenfeld richtete sich hoch empor. Er sah das junge Maedchen
+mit einem Blick voll hohen, fast kalten Stolzes an.
+
+"Und wuerden Sie," sprach er in heftiger Bewegung mit muehsam gedaempfter
+Stimme, "wuerden Sie, Fraeulein Anna, einen Mann lieben koennen, wuerden Sie
+einem Mann Ihr Leben anvertrauen koennen, der seine Existenz, seine
+Stellung in der Welt auf das Vermoegen seiner Frau begruendet?--Ich," fuhr
+er, die Lippen zusammenpressend fort,--"ich wuerde eine solche Stellung
+nicht annehmen, nicht um den Preis des hoechsten Glueckes."
+
+"Soll die Liebe," fragte sie leise, "welche die Herzen und die Seelen
+_vereinigt_, jenen elenden Besitz der aeusseren Gueter des Lebens
+_theilen_? Wenn liebende Herzen das Hoechste und Goettlichste im
+Menschenleben gemeinsam umfassen, sollen sie fragen, ob die
+untergeordneten Elemente des materiellen Lebens dem Einen oder dem
+Andern gehoeren? Muss ich Sie bitten," fuegte sie mit einem wunderbar
+weichen, fast demuethig zu ihm empor gerichteten Blick hinzu, "muss ich
+Sie bitten, mir zu verzeihen, dass mein Vater reich ist?"
+
+"Mein Gott, Fraeulein Anna," rief er, "welche Qual macht mir das sonnige
+Glueck, das Sie mir zeigen, und nach welchem ich doch," fuegte er dumpf
+hinzu,----"nach welchem ich doch die Hand nicht ausstrecken
+darf.--Glauben Sie," fuhr er nach einem augenblicklichen Stillschweigen
+fort, "dass, wenn mein Stolz sich Ihnen gegenueber beugen koennte, glauben
+Sie, dass Ihr Vater jemals einen armen aussichtslosen Officier, den er,"
+sagte er bitter, "wohl als Staffage fuer seine Gesellschaftssalons
+benutzt--als Bewerber um seine Tochter annehmen wuerde?"
+
+"Und glauben Sie," erwiderte sie schnell, indem ihr sonst so weicher
+Blick hell aufleuchtete, "dass ich nicht die Kraft und den Muth haben
+wuerde, auch fuer meinen Willen und mein Glueck zu kaempfen?"
+
+Der Cotillon hatte seinen Fortgang genommen. Ein kleiner Tisch mit
+reizenden frischen Bouquets stand in der Mitte des Saales. Die Herren
+vertheilten dieselben an die Damen. Der Ball befand sich auf dem
+Hoehepunkt seines Interesses fuer die junge Welt, waehrend die aelteren
+Herren nur noch muehsam und gezwungen ihre Gespraeche fortsetzten, und die
+Muetter an den Waenden des Tanzsaals nur noch in lethargischer
+Unbeweglichkeit gleichgueltig und starr auf die Touren des Cotillons
+hinblickten.
+
+Der Referendarius von Rantow, welcher an dem Tanz nicht Theil genommen,
+trat zu dem Blumenkorb, nahm ein kleines zierliches Bouquet von Veilchen
+und Rosenknospen und brachte es der schoenen Tochter des Hauses.
+
+Als Fraeulein Cohnheim nach der Tour zu ihrem Platz zurueckkehrte, sprach
+der Lieutenant von Buechenfeld, welcher mit finstern Blicken die
+tanzenden Paare verfolgt hatte:
+
+"Sehen Sie, Fraeulein Anna, von allen Seiten werden sich die Bewerber um
+Sie draengen, und zwar Bewerber, welche in den Augen Ihres Vaters so
+unendlich weit ueber mir stehen muessen. Und auch Sie," fuhr er leise
+fort, "werden endlich unter allen diesen glaenzenden jungen Leuten,
+welche Sie umschwaermen, mich vergessen muessen, da ich ja mit jenen Allen
+den Vergleich nicht aushalten kann."
+
+Sie blickte ihn einen Augenblick gross und sinnend an, dann schuettelte
+sie langsam den Kopf und mit einer raschen Bewegung reichte sie ihm das
+kleine Bouquet, welches Herr von Rantow ihr soeben gebracht hatte.
+
+"Wie schlecht kennen Sie mich," sagte sie, "wie ich Ihnen diese Blumen
+gebe, so moechte ich Alles, was mir das Leben an Bluethen bietet, nur dazu
+benutzen, um Ihnen Freude zu machen."
+
+Er nahm die kleinen Blumen und drueckte sie wie begeistert an seine
+Lippen. Ehe er antworten konnte, traten andere Herren heran, und in den
+folgenden Touren des Cotillon wurde Fraeulein Cohnheim als die gefeierte
+Tochter des Hauses so sehr in Anspruch genommen, dass ein ruhiges
+Gespraech nicht mehr moeglich war.
+
+Der Tanz war zu Ende. Langsam fuehrte Herr von Buechenfeld Fraeulein
+Cohnheim zu ihrer Mutter zurueck. Als sie am Ende des Saales angekommen
+waren, hielt das junge Maedchen ihn durch einen festen und energischen
+Druck ihrer Hand zurueck.
+
+Er blieb einen Augenblick stehen. Sie neigte sich zu ihm hinueber, und
+indem sie auf ihrem Gesicht den harmlos laechelnden Ausdruck leichter
+Conversation festhielt, sprach sie, indem ihre Augen sich tief in die
+seinigen tauchten.
+
+"Ich will nicht, dass unser Gespraech zu Ende sei, Herr von Buechenfeld.
+Ich bitte Sie die Blumen zu bewahren, die ich Ihnen gegeben; ich bitte
+Sie dieselben taeglich zu betrachten und sich dabei zu erinnern, dass Sie
+nicht nur Pflichten gegen Ihren Stolz haben, sondern auch heilige
+Pflichten gegen Ihre Liebe, nachdem Sie einmal das Wort Liebe
+ausgesprochen haben,--nach Dem, was ich Ihnen gesagt, waere es nicht
+ritterlich, mich zu verlassen, und etwas Unritterliches zu thun ist
+Ihnen unmoeglich. Ich habe Ihnen das hoechste Vertrauen bewiesen, das man
+einem Manne zeigen kann. Jetzt ist es an Ihnen, Vertrauen zu mir und der
+Zukunft zu haben."
+
+Rasch schritt sie weiter und verneigte sich, an der Seite ihrer Mutter
+angelangt, stumm gegen ihren Taenzer, der sich, ohne eines Wortes maechtig
+zu sein, zurueckzog, seinen Helm und Degen nahm und schweigend, in tiefe
+Gedanken versunken, die Gesellschaftsraeume verliess.
+
+Allmaelig empfahlen sich die Gaeste. Der junge Herr von Rantow unterhielt
+sich noch laengere Zeit mit der Commerzienraethin und ihrer Tochter. Und
+als er endlich Abschied nahm, fuehrte der Commerzienrath ihn vertraulich
+bis zur aeusseren Thuer und fluesterte ihm zu:
+
+"Sagen Sie Ihrem Herrn Vater, dass ich fuer unsere Unternehmung thaetig
+gewesen bin, und dass ich bestimmte Hoffnung habe, in Kurzem die
+Angelegenheit in Ordnung zu bringen. Wir werden gute Geschaefte machen,"
+fuegte er schmunzelnd hinzu, "und Ihr kuenftiges Erbe, mein lieber Baron,
+wird sich um das Dreissig- und Vierzigfache vermehren."
+
+Als die Raeume sich geleert hatten, trat der Commerzienrath zu seiner
+Frau und zu seiner Tochter.
+
+"Ein sehr gelungenes Fest," sagte er, sich vergnuegt die Haende reibend,
+"sehr gute Gesellschaft, Alles war sehr animirt. Und ich habe," fuegte er
+vergnuegt laechelnd hinzu, "ein gutes Geschaeft gemacht.--Der Baron von
+Rantow wird ein sehr reicher Mann werden--ein feiner Mann, eine sehr
+gute Familie, es freut mich sehr, dass wir mit ihnen in diesem Hause
+zusammen wohnen--ich hoffe, wir werden immer naeher mit einander bekannt
+werden," fuegte er mit einem Seitenblick auf seine Tochter hinzu.
+
+"Ich begreife nicht, Anna," sagte die Commerzienraethin, indem sie die
+schweren Falten ihrer seidenen Robe mit der Hand glaettete, "ich begreife
+nicht, dass Du dem jungen Rantow den Cotillon hast abschlagen koennen, um
+ihn mit diesem Officier zu tanzen, der nicht einmal von der Garde ist,
+mit diesem Herrn--ich habe seinen Namen vergessen," sagte sie im
+zerstreuten Ton.
+
+"Herr von Buechenfeld," sagte ihre Tochter fest und bestimmt. "Ich hatte
+ihm den Cotillon auf dem letzten Ball versprochen," fuegte sie in
+demselben Ton hinzu.
+
+"Du haettest eine kleine Ausrede machen koennen," sagte ihre Mutter. "Du
+hast wirklich nicht noethig, mit so unbedeutenden kleinen Officieren zu
+tanzen. Ich wuensche, dass Du kuenftig mehr Ruecksicht auf unsere Stellung
+und unsere Beziehungen nimmst."
+
+Anna's Augen flammten auf, ihre Lippen oeffneten sich, als wolle sie
+Etwas erwidern, doch unterdrueckte sie ihre Antwort, sie wuenschte ihren
+Eltern kurz gute Nacht und zog sich zurueck.
+
+Der Commerzienrath setzte sich neben seine Frau, zuendete eine jener
+Regaliacigarren an, die er seinen Gaesten vorhin so dringend empfohlen
+hatte, und Beide unterhielten sich noch laengere Zeit ueber die
+verschiedenen Beobachtungen in der Gesellschaft, waehrend die Lakaien in
+den uebrigen Zimmern die Gasflammen ausloeschten.
+
+
+
+
+Fuenftes Capitel.
+
+
+Der Reichskanzler von Oesterreich-Ungarn, Graf Beust, schritt langsam
+und nachdenklich in seinem Cabinet des Palais am Ballhausplatz zu Wien
+auf und nieder. Sein sorgfaeltig frisirtes Haar war ein wenig duenner und
+ein wenig grauer geworden; doch die Haltung seiner grossen schlanken
+Gestalt zeigte noch immer jugendliche Elasticitaet und Frische. Sein
+bleiches, geistdurchleuchtetes Gesicht, seine klaren, scharfen Augen
+schienen von dem Fortschritt der Zeit nicht beruehrt worden zu sein; nur
+das leicht ironische Laecheln seines seinen, etwas seitwaerts gezogenen
+Mundes war nicht mehr so heiter und siegesgewiss als frueher.
+
+Er hielt einen ziemlich umfangreichen Bericht in Quartformat in der Hand
+und blickte von Zeit zu Zeit kopfschuettelnd auf die grosse und deutliche
+Schrift welche das Papier bedeckte.
+
+"Die Katastrophe," sagte er, an einem der grossen Fenster stehen
+bleibend und sinnend in die truebe Nebelluft hinausblickend, in welcher
+einzelne Schneeflocken umherwirbelten, "die Katastrophe, welche seit
+fast vier Jahren wie eine Wetterwolke ueber Europa haengt, scheint sich
+dem entscheidenden Ausbruch nahen zu wollen.--Merkwuerdig," fuhr er fort,
+"alle meine Feinde in Deutschland und auch in Preussen, sie betrachten
+mich fortwaehrend als den geheimen Ruhestoerer des europaeischen Friedens,
+und doch ist in all dieser Zeit mein ganzes Bestreben darauf gerichtet,
+ueberall wo sich die schwebenden Differenzen zu acuten Conflicten
+zuspitzen, Alles wieder auszugleichen und um jeden Preis die Ruhe zu
+erhalten. Von der Luxemburger Affaire bis zu dieser Stunde bin ich der
+unermuedlichste und eifrigste Waechter des Friedens in Europa, denn ich
+bedarf den Frieden fuer mein Werk, das ich in Oesterreich begonnen. Dies
+arme, so schwer geschlagene Oesterreich kann noch lange keinen
+kriegerischen Anstoss ertragen. Alles was im Innern angebaut ist, wuerde
+zusammenbrechen. Mein Werk--meine Stellung"--fuegte er seufzend hinzu,
+"wuerde in demselben Augenblick zu Ende sein, in welchem die innere
+Entwickelung dessen, was ich begonnen, von aussen her gestoert wuerde, und
+selbst im Fall des Sieges wuerde nicht ich es sein, der die Fruechte
+desselben pflueckte. Jeder Krieg, der in Europa ausbraeche, wuerde die
+Leitung der oesterreichischen Angelegenheiten vorzugsweise in die Haende
+Ungarns legen, denn die militairische Kraft Oesterreichs liegt in
+Ungarn, und um einer grossen politischen Action diese Kraft zu sichern,
+wuerden die Forderungen dort sehr weit gehen.--Es bereitet sich Etwas in
+Frankreich vor, Napoleon wird alt und schwach, er scheint die Zuegel aus
+den Haenden zu verlieren und die verschiedenartigsten und unberechenbaren
+Factoren treiben dort ihr Spiel--
+
+--"da ist wieder," fuhr er, den Bericht, welchen er in der Hand hielt,
+durchblaetternd fort, "dieser General Tuerr mit seiner Coalitionsidee im
+Gange, und es scheint in der That, dass Napoleon oder Diejenigen, welche
+seinen schwachen Willen in diesem Augenblick lenken, hinter der
+unruhigen Thaetigkeit dieses Generals steht.--Diese unzuenftigen
+Politiker," sagte er, tief aufseufzend, "welche es nicht unterlassen
+koennen, von Zeit zu Zeit mit uebereifrigen Haenden in das seine Gewebe der
+politischen Faeden einzugreifen, sind in der That ein Kreuz fuer die wahre
+Staatskunst, welche nach vernuenftigen Plaenen ihre Ziele verfolgt. Sie
+koennen es niemals abwarten, die Dinge reif werden zu lassen und wollen
+vorzeitige Fruechte von den halb angewachsen Baeumen pfluecken."
+
+Er ging langsam zu seinem Schreibtisch zurueck und setzte sich in den
+einfachen Lehnstuhl, welcher vor demselben stand.
+
+"Die Idee einer innigen Annaeherung zwischen Frankreich, Oesterreich und
+Italien ist ja gut und vortrefflich, und ich habe stets die
+Nothwendigkeit betont, in eine franzoesische Alliance, wenn sie wirksam
+sein soll, Italien mit aufzunehmen.--Oesterreich koennte einer solchen
+Combination, welche uns eine feste Stellung in Europa wieder geben
+wuerde, Opfer bringen. Ich arbeite mit Eifer daran, die guten Beziehungen
+mit Italien zu pflegen und Vergessenheit alles Geschehenen zur Grundlage
+fuer die Verhaeltnisse der Zukunft zu machen. Aber man muss nur nicht
+glauben, dass die Herstellung einer Alliance aus so heterogenen Mitteln,
+mit so verschiedenartigen Elementen ein Werk des Augenblicks ist. Da
+faellt dieser General Tuerr mit dem Saebel in die Diplomatie hinein und
+will alle diese so schwierigen Fragen in drei oder vier Punkten eines
+Vertrages zusammenfassen, und dann sofort mit vereinten Kraeften in's
+Feld ruecken, um vielleicht von Neuem in einer uebereilten Action Alles
+das auf's Spiel zu setzen, was uns aus den schweren Unfaellen von 1866
+noch uebrig geblieben ist."
+
+Er blickte abermals auf den Bericht.
+
+"Wohlwollende Neutralitaet Italiens," sprach er, "militairische
+Huelfeleistung fuer den Fall, dass Russland activ in die Ereignisse
+eingreifen sollte.--Und dafuer die italienisch redenden Districte
+Tyrols.--Das klingt sehr schoen. Das Opfer waere nicht zu schwer fuer die
+Wiedererlangung der alten Machtstellung Oesterreichs, nachdem ja nun
+einmal Italien gegenueber das nationale Princip anerkannt worden ist.
+Aber das Alles bietet doch nur eine sehr unsichere und zweifelhafte
+Basis fuer eine Politik, bei welcher die Existenz Oesterreichs eingesetzt
+werden wuerde. Der Koenig Victor Emanuel billigt den Plan.--Aber was
+bedeutet die Billigung des Koenigs bei den gegenwaertigen Zustaenden in
+Italien. Wuerde ein solcher Vertrag in der Stille der Cabinette wirklich
+unterzeichnet--wer buergt dafuer, dass im Augenblick des Handelns das
+italienische Volk die Abmachung seines Koenigs gut heisst. Wer buergt
+dafuer, dass nicht ein neues Ministerium dort Alles desavouirt, was seine
+Vorgaenger abgemacht haben, dass im Augenblick einer besonders
+gefaehrlichen Entscheidung das kaum zu neuer Kraft erstarkte Oesterreich
+sich unter gewaltigen und maechtigen Feinden isolirt sieht--"
+
+"Nein," rief er, "niemals werde ich die Wege einer so unsicheren und
+gewagten Politik betreten. Ich will Oesterreich zur Groesse und zur Macht
+zurueckfuehren, aber ich muss es erst innerlich gesund machen und darf es
+in die Gefahren auswaertiger Verwickelungen erst dann stuerzen, wenn seine
+innere eigene Kraft vollstaendig wieder hergestellt ist,--wenn ich des
+Erfolges sicher bin, denn jeder unglueckliche Ausgang einer
+militairischen Action wuerde das Ende des heutigen Oesterreichs--das Ende
+meines Werkes sein."
+
+Er warf den Bericht auf den Tisch.
+
+"Ich habe den Ausgleich mit Ungarn hergestellt," fuhr er fort--"ich habe
+es unternommen, die kaiserliche Autoritaet an die Zunge der Wage zu
+stellen zwischen dem deutschen und dem magyarischen Theil des
+Kaiserstaats. Jeder Kampf in Europa, bei welchem Deutschland betheiligt
+waere, wuerde das Schwergewicht auf die Seite Ungarns bringen muessen, denn
+niemals wird Oesterreich in einer feindlichen Action gegen Preussen oder
+Deutschland sich auf seine deutschen Elemente stuetzen koennen. Wie man
+aber in Ungarn ein solches Verhaeltniss benutzen und ausbeuten wuerde,
+dafuer spricht am deutlichsten wieder dieser Brief Kossuth's an die
+achtundvierziger Partei, welche ihm ihre Praesidentschaft angetragen."
+
+Er ergriff ein anderes Papier, welches auf seinem Schreibtisch lag,
+durchflog es schweigend und las dann mit halb lauter Stimme die
+Schlussworte:
+
+"Und doch spreche ich es aus, dass ich fuer den Fall, dass noch vor der
+Zeit, wo die Logik der Geschichte die monarchische Institution in die
+Rumpelkammer des ueberlebten Entwickelungsstadiums verweisen wird, wenn
+in meinem Leben das Ereigniss eintreten sollte, dass ein europaeischer
+Sturm vom Haupte des Kaiser-Koenigs Franz Joseph die oesterreichische
+Krone herunterblasen sollte, ich im selben Augenblick nach Hause gehen
+und gegenueber dem ploetzlich zum Koenig von Ungarn reducirten Franz Joseph
+das Band der Unterthanentreue annehmen wuerde."
+
+"Diese Zeilen Kossuth's," sagte Graf Beust, das Haupt in die Hand
+stuetzend, "sind eine deutliche Mahnung fuer mich, ein deutliches Zeichen
+fuer das, was in Ungarn geschehen wuerde, wenn Oesterreich vorzeitig und
+unvorsichtig sich in eine europaeische Action verwickeln sollte. Fuer den
+Koenig von Ungarn wuerden sie kaempfen, diese Magyaren, aber nicht fuer den
+Kaiser von Oesterreich!----Fuer den Augenblick beherrscht die Partei des
+Ausgleichs das oeffentliche Leben in Ungarn. Sie haben gern angenommen,
+was ihnen geboten wurde. Aber diese Partei, welche dort mit Oesterreich
+pactirt, wuerde in demselben Augenblick verschwinden, in welchem der
+Kaiser auf die Kraft Ungarns sich stuetzen muesste. Die grosse Mehrzahl des
+Volkes jenseits der Leitha denkt wie Ludwig Kossuth und wuerde in einem
+solchen Augenblick sprechen, wie er heute spricht.--Und diese russische
+Macht, die schweigend an unsern Grenzen steht, den Moment erwartend, in
+welchem wir ihr Gelegenheit geben moechten, Rache zu nehmen fuer die
+Vergangenheit--fuer eine Vergangenheit, an der ich und das heutige
+Oesterreich unschuldig sind!--Darf ich den furchtbaren Ueberfall dieser
+Macht heraufbeschwoeren ohne eine andere Deckung, als den so unsichern
+Beistand Italiens?--Nein!" rief er mit entschlossenem Ton, "niemals
+werde ich ein so unsicheres Hazardspiel mit diesem alten, ehrwuerdigen
+oesterreichischen Staat spielen, dessen Schicksal man mir anvertraut hat.
+Ich bedarf des Friedens, um das Werk zu erfuellen, und ich werde alle
+meine Kraft aufbieten, um den Frieden zu erhalten.
+
+"Wenn dann," fuhr er mit einem wie in weite Fernen gerichteten Blick
+fort, "wenn dann Oesterreich innerlich einig, kraeftig und schlagfertig
+ist, wenn die reichen Huelfsquellen seines oeconomischen Lebens sich
+geoeffnet haben werden, wenn die Institutionen der neuen Verfassung feste
+Wurzel im Leben des Volkes geschlagen haben, dann mag der Kaiser es
+versuchen, wieder in die Arena der grossen Kaempfe der europaeischen Maechte
+hinabzusteigen, und den alten Glanz, die alte Macht Habsburgs wieder zu
+erringen, dann mag er das Spiel um sein Haus und sein Reich wagen. Aber
+von mir soll man nicht sagen, dass ich das Land, welches mir, dem Fremden
+so vertrauungsvoll die Leitung seiner Geschicke uebergeben hat, in die
+unheilvollen Zufaelligkeiten einer unreifen Action gestuerzt haette."
+
+Er blieb einige Augenblicke in tiefen Gedanken versunken sitzen.
+
+Der Bureaudiener, welcher im Vorzimmer den Dienst hatte, meldete den
+Sectionschef, Baron Hoffmann.
+
+Herr von Beust neigte zustimmend den Kopf.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat die magere, etwas eckige Gestalt des
+Herrn von Hoffmann in das Cabinet. Herr von Beust reichte ihm
+verbindlichst die Hand und der vortragende Rath des auswaertigen
+Ministeriums nahm in dem Lehnstuhl neben dem Schreibtisch des
+Reichskanzlers Platz.
+
+Graf Beust reichte ihm den Bericht, den er vorher auf seinen
+Schreibtisch gelegt und sagte.
+
+"Ich bitte Sie, sogleich an Metternich zu schreiben, dass er der
+unruhigen und unklaren Thaetigkeit des Generals Tuerr gegenueber die
+aeusserste Zurueckhaltung beobachten moege, ohne indessen irgend wie die
+Idee einer immer enger zu knuepfenden Coalition zwischen Frankreich,
+Oesterreich und Italien zurueckzuweisen. Es waere mir sogar lieb," fuhr er
+fort, "wenn diese Negotiation--doch in moeglichst unbestimmter Form sich
+lange hinzoege.--Sie gaebe uns immerhin eine zweckmaessige Handhabe fuer
+unsere Diplomatie. Und wenn auch eine so bestimmt formulirte Allianz,
+wie der General sie herstellen moechte, mir unerreichbar scheint, auch
+fuer uns ihre sehr erheblichen und ernsthaften Bedenken hat, so koennte
+doch diese ganze Verhandlung, wenn sie mit Geschick geleitet wuerde,
+dahin fuehren, dass die freundschaftliche Annaeherung an Italien, welche
+ich so sehr wuensche, und welche schon mehrmals ohne eigentlichen Erfolg
+versucht wurde, jetzt wenigstens hergestellt wuerde.--Der Fuerst
+Metternich soll sich besonders hueten, ueber die von dem General Tuerr
+formulirten Punkte irgend wie eine bindende Aeusserung zu machen. Erst
+muss die allgemeine Annaeherung und Verstaendigung kommen, spaeter wird es
+dann vielleicht moeglich sein auf die Discussion bestimmt formulirter
+Alliancevertraege einzugehen. Vor Allem aber wird es dann noethig sein,
+zunaechst Fuehlung in Italien zu nehmen, und sich zu vergewissern, wie
+weit unsere Alliancevertraege die Zustimmung der dort herrschenden
+Parteien finden koennten. Denn wir duerfen nicht vergessen, dass Victor
+Emanuel kein Selbstherrscher wie Napoleon ist und dass ein mit ihm
+persoenlich geschlossener Vertrag leicht illusorisch bleiben koennte."
+
+"Ich glaube kaum," sagte Baron Hoffmann, "dass eine wirklich aktive
+Alliance mit Italien auf die Zustimmung der Majoritaet der dortigen
+Parteien jemals zu rechnen habe. Man fuehlt in Italien ganz genau, dass
+man das bisher Errungene nur durch die Alliance mit Preussen erreicht
+hat, und man sagt sich vom dortigen Standpunkt mit vollem Recht, dass man
+nur unter dem ferneren Beistand Preussens an das Endziel des betretenen
+Weges gelangen, das heisst von Florenz nach Rom wuerde gehen koennen. Die
+Stimme der oeffentlichen Meinung," fuhr er fort, "laesst darueber keinen
+Zweifel, und ich glaube, dass trotz aller Vertraege, welche das
+italienische Cabinet etwa schliessen koennte, im Augenblick einer
+europaeischen Verwickelung das italienische Volk die Regierung zwingen
+wird, die letzte Hand an die nationale Einigung Italiens zu legen, wie
+ja bisher jeder Schritt auf diesem Wege immer unter dem Druck des
+Volkswillens gegen die von der Regierung geschlossenen Vertraege
+geschehen ist."
+
+"Ich bedaure," sagte Herr von Beust nach einem augenblicklichen
+Nachdenken, "dass die verschiedenen Projekte, um mit Italien zu einer
+freundlichen Verstaendigung und einem naehern Verhaeltniss zu gelangen,
+niemals zur Ausfuehrung gekommen sind. Wir beduerfen der Freundschaft
+Italiens, wir beduerfen auch der diplomatischen Coalition mit Italien und
+Frankreich, aber in diesem Augenblick auf die ungluecklichen Actionsplaene
+des Generals Tuerr einzugehen, das waere unverzeihlich fuer einen
+oesterreichischen Minister. In Paris mag man jene Ideen in diesem
+Augenblick den stets heranwachsenden innern Verlegenheiten gegenueber
+acceptiren; doch glaube ich nicht, dass Kaiser Napoleon ernstlich daran
+denkt, gerade jetzt einen Conflict heraufzubeschwoeren, nachdem er viel
+passendere Momente, Momente, in welchen ihm viel groessere Chancen des
+Erfolges zur Seite standen, hat voruebergehen lassen. Ich bitte Sie also
+noch einmal, Metternich in dieser Beziehung meinen Willen
+mitzutheilen.--Doch muss die ganze Sache mit grosser Vorsicht und mit
+unendlicher Schonung aller persoenlichen Empfindlichkeiten behandelt
+werden. Man darf weder in Paris, noch in Florenz verletzt werden, und
+auch der General Tuerr darf in keiner Weise unangenehm beruehrt werden. Er
+ist uns in Ungarn sehr nuetzlich gewesen, und koennte uns jedenfalls unter
+Umstaenden viel schaden."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich.
+
+"Ich werde sogleich die Depesche nach Eurer Excellenz Befehl abfassen."
+
+Er zog ein Zeitungsblatt aus seiner Mappe und fuhr fort.
+
+"Ich muss um Eure Excellenz auf einen Artikel aufmerksam machen, welcher
+sich in verschiedenen Blaettern findet und ueber einen Vorfall in Muenchen
+berichtet, welcher, wie ich glaube, nicht unbeachtet bleiben darf. Graf
+Ingelheim," fuhr er fort, "hat gerade an dem Tage, an welchem der Koenig
+Ludwig die Minister und ministeriellen Reichsraethe zur Hoftafel
+befohlen, ein Diner gegeben, bei welchem er alle Mitglieder der
+grossdeutschen und ultramontanen Opposition im Reichsrath, die fuer die
+Misstrauensadresse gegen das Ministerium gestimmt hatten, bei sich
+versammelte, und es sollen bei diesem Diner, wie die Zeitungen
+berichten, eigentuemliche Unterhaltungen stattgefunden haben. Man soll
+Fuerst Hohenlohe bereits als beseitigt betrachten, und die Herstellung
+des Ministeriums unter Herrn von Bomhardt mit den Herren von Schrenk und
+von Thuengen lebhaft besprochen haben."
+
+"Unterhaltungen bei einem Diner koennen nun allerdings nicht gerade auf
+die Goldwage gelegt werden. Indessen hat doch dieser ganze Vorfall etwas
+Demonstratives.--Die Presse fasst ihn in diesem Sinne auf und setzt ihn
+in Verbindung mit dem allgemeinen Verhalten des Grafen Ingelheim, der
+mit den erbittertsten und entschiedensten Gegnern des Ministeriums
+Hohenlohe die innigsten Beziehungen unterhaelt.--
+
+"Ich glaube nicht, dass es im Sinne der von Eurer Excellenz befolgten, so
+vorsichtig zurueckhaltenden Politik liegen kann, wenn der Gesandte
+Oesterreichs in Baiern offen gegen das dortige Ministerium demonstrirt,
+im Augenblick, in welchem der Koenig demselben einen Beweis seines
+Vertrauens giebt."
+
+Ueber das Gesicht des Herrn von Beust legte sich der Ausdruck finstern
+Unmuths.
+
+"Wie schwer," rief er, "wie unendlich schwer ist es doch, Oesterreich in
+den neuen Bahnen einer wohl durchdachten Politik zu lenken. Ueberall
+fehlt die Organisation der innern Verwaltung, in der Diplomatie stoesst
+man fortwaehrend auf die unerwarteten Hindernisse, und wenn ich mit der
+aeussersten Muehe die Wolken des Misstrauens vom politischen Horizont
+verscheucht habe, so werden sie bald hier, bald dort immer wieder
+hervorgerufen durch die Organe, welche meine Absichten und Plaene nicht
+verstehen oder nicht verstehen wollen. Da wird nun durch eine rein
+persoenliche Demonstration des Grafen Ingelheim wieder das muehsam
+aufrecht erhaltene gute Verhaeltniss mit Preussen getruebt, und man wird in
+Berlin nicht ganz Unrecht haben, denn fuer eine solche Handlung des
+offiziellen Vertreters Oesterreichs hat man eine gewisse Berechtigung,
+mich verantwortlich zu machen.--Ich habe lange Bedenken gehabt," fuhr er
+fort, "Ingelheim wieder in Aktivitaet zu setzen. Er ist ein braver Mann,
+aber das genuegt nicht, um ein guter Diplomat zu sein, und vor Allem ist
+er vollstaendig in den Haenden der Ultramontanen.--Doch," fuhr er fort,
+"die Sache ist mir nach Preussen hin noch weniger unangenehm, als fuer die
+Beziehungen zu Baiern selbst. Der Koenig Ludwig wird auf's Tiefste
+verletzt sein, und doch ist es fuer uns von groesster Wichtigkeit, gerade
+in Muenchen festen Fuss zu behalten, und das Vertrauen des Koenigs nicht zu
+verlieren;--bei seinem Charakter kann eine Demonstration wie die des
+Grafen Ingelheim ihn gerade in ploetzlicher Aufwallung von uns voellig
+entfremden, und wenn man diese Verhaeltnisse und Stimmungen von Berlin
+aus richtig benutzt, ihn ganz und gar der norddeutschen Politik in die
+Arme treiben.
+
+"Die Sache ist um so unangenehmer," fuhr er fort, indem er einen kleinen
+eng betriebenen Bericht von seinem Schreibtisch nahm und den Blick ueber
+denselben gleiten liess, "als----ich habe da eine merkwuerdige Mittheilung
+auf privatem Wege erhalten ueber Vorgaenge in der koeniglichen Familie.--
+
+"Sie wissen," sagte er, dass die klerikale Partei ganz besondere
+Hoffnungen auf den Prinzen Luitpold setzt und stets bemueht ist,
+demselben einen moeglichst grossen Einfluss auf die Staatsgeschaefte zu
+sichern. Es soll nun im Schooss der koeniglichen Familie ein
+Project ernstlich ventilirt sein, den Koenig Ludwig durch einen
+Regierungsbeschluss unfaehig erklaeren zu lassen. Prinz Otto, der ohne
+politischen Ehrgeiz ist, soll gegen entsprechende persoenliche Vortheile
+bereit gewesen sein, schon jetzt auf das Thronrecht ausdruecklich zu
+verzichten. Im entscheidenden Augenblick habe aber dieser junge Prinz
+von Gewissensbissen bewegt, der verwittweten Koenigin die ganze Sache
+eingestanden, und es sei in Folge dessen zu sehr stuermischen Scenen
+gekommen, welche zur oeffentlichen Kenntniss freilich nur durch eine
+koenigliche Botschaft gelangt sind, die den Prinzen Luitpold mit seinen
+Soehnen Ludwig und Leopold bis auf Weiteres vom Erscheinen bei Hofe
+dispensirt.--
+
+"Die ganze Sache ist etwas mysterioes und fabelhaft," sprach er weiter,
+"auch die Quelle, aus welcher die Mittheilung an mich gelangt ist, ist
+nicht absolut zuverlaessig. Dennoch aber ist so viel gewiss, dass die
+Prinzen mit den Fuehrern der klerikalen particularistischen Opposition in
+intimen Verbindungen stehen, und dass der Koenig ueber diese Opposition
+sehr gereizt ist. Wenn gerade in einem solchen Augenblick der Vertreter
+Oesterreichs in solcher Weise demonstrativ handelt, wie es der Graf
+Ingelheim gethan hat, so ist das allerdings sehr bedenklich. Wir muessen
+darauf denken," fuhr er fort, "die Sache unter jeder Bedingung wieder
+gut zu machen--
+
+"Zunaechst bitte ich Sie, Graf Ingelheim in vertraulicher Weise auf das
+Bedenkliche seines Verfahrens aufmerksam zu machen. Ich werde weiter
+darueber nachdenken.--Ich glaube, dass ein anderer Vertreter in Muenchen
+nothwendig werden wird. Wir koennen doch wahrlich nicht am Muenchener Hof
+klerikale Politik machen, waehrend wir hier in Oesterreich damit
+beschaeftigt sind, den Einfluss der roemischen Hierarchie auf die
+Entwickelung des Staatslebens zu brechen."
+
+Der Bureaudiener trat ein und meldete den Herzog von Grammont.
+
+Graf Beust erhob sich.
+
+"Sie bleiben noch hier im Hause, nicht wahr, lieber Hoffmann?" sagte er.
+"Vielleicht koennen Sie mir nachher die Depesche an Metternich vorlegen,
+nachdem ich mit Grammont gesprochen habe."
+
+Herr von Hoffmann verneigte sich. Unmittelbar, nachdem er das Cabinet
+verlassen, trat der franzoesische Botschafter ein.
+
+Der Herzog von Grammont war ruhig und laechelnd wie immer. Sein feines,
+fast zierlich geschnittenes Gesicht mit den dunklen, vornehm
+gleichgueltig blickenden Augen, dem kleinen Mund und dem auswaerts
+gedrehten Schnurrbart trug den Ausdruck unzerstoerbarer Freundlichkeit
+und Hoeflichkeit.--In etwas steif-militairischer Haltung, welche dessen
+ungeachtet nicht ohne Anmuth war, naeherte er sich dem Reichskanzler, der
+ihm mit offener Herzlichkeit die Hand reichte, und liess sich neben dem
+Schreibtisch nieder.
+
+"Erlauben Sie zunaechst, mein lieber Herzog," sagte Graf Beust, "dass ich
+Ihnen mein aufrichtiges Bedauern ausspreche ueber die unruhigen
+Bewegungen, welche in Paris stattgefunden haben, und welche jedenfalls
+den Kaiser schmerzlich beruehrt haben muessen. Ich darf zugleich meiner
+Freude darueber Ausdruck geben, dass jene Bewegungen,--wie ich allerdings
+schon bei der ersten Nachricht nicht bezweifelte--schnell wieder
+vollstaendig beendet sind. Fuerst Metternich hat mir berichtet, mit
+welcher Sicherheit, Wuerde und Maessigung die Regierung verfahren ist, und
+ganz Europa muss dem Kaiser Dank wissen, dass er mit so fester und
+geschickter Hand die gaehrenden Elemente niederzuhalten versteht."
+
+"Diese kleinen Bewegungen," erwiderte der Herzog von Grammont mit
+leichter Neigung des Kopfes, "haben nicht viel zu sagen. Es sind Scenen,
+die man arrangirt hat, um die Verhaftung Rocheforts zu einem Ereigniss
+von Bedeutung zu stempeln. Der Kaiser," fuhr er fort, "ist vollkommen
+Herr der Lage, und Frankreich ist stark und kraeftig genug, um ohne
+Erschuetterung den Uebergang zu den neuen Institutionen zu ertragen,
+welche der Kaiser in richtiger Erkenntniss der Zeitbeduerfnisse in's Leben
+gerufen hat."
+
+Herr von Beust schwieg einen Augenblick.
+
+"Sie werden unterrichtet sein," sprach er dann, indem er den Herzog
+grade anblickte,--"dass in diesem Augenblick in Paris Besprechungen--mehr
+persoenlicher als eigentlich diplomatischer Natur stattgefunden haben, um
+dem Gedanken an eine naehere Verbindung mit Italien eine bestimmte Form
+zu geben. Vor einiger Zeit machte mir der General Tuerr darueber eine
+Andeutung, ueber welche ich damals allerdings nur oberflaechlich mit ihm
+gesprochen habe. Es scheint jedoch jetzt, dass jene Sache an Consistenz
+gewonnen hat, und dass man namentlich von Florenz aus geneigter scheint
+als frueher, in bestimmt formulierte Beziehungen mit uns zu treten. Sie
+wissen," fuhr er fort, "wie sehr ich ein gutes Verhaeltniss mit Italien
+wuensche und welchen Werth ich demselben fuer eine diplomatische
+Kooperation von Frankreich und Oesterreich beilege. Allein das, was ich
+gegenwaertig ueber die Unterhandlungen hoere, die in Paris ueber diesen
+Gegenstand stattgefunden haben, scheint mir noch sehr vage und unklar zu
+sein, und ich wuerde, um eingehender darueber nachdenken zu koennen,
+dringend wuenschen von Ihnen zu hoeren, wie Ihre Regierung und der Kaiser
+zu diesen Ideen stehen, ueber welche man mir Privatmittheilungen gemacht
+hat."
+
+Der Herzog von Grammont hielt unbeweglich, mit dem ruhigsten und
+freundlichen Gesichtsausdruck den fortwaehrend forschenden auf ihn
+gerichteten Blick des Grafen Beust aus.
+
+"Ich habe," erwiderte er, "ebenfalls Privatmittheilungen aus Paris ueber
+die Gedanken erhalten, welche durch den General Tuerr dort mehrfach
+angeregt worden sind, und welche, wie ich kaum bezweifeln darf, die
+Billigung des Koenigs Victor Emanuel gefunden haben. Sie beziehen sich,
+soviel mir darueber mitgetheilt worden, auf den Fall, dass Italien in die
+Lage kommen koennte, bei einer gemeinsamen militairischen Action
+Oesterreichs und Frankreichs mitzuwirken, und nach Dem, was ich darueber
+gehoert, scheint mir jener Gedanke wohl der Beachtung werth zu sein, da
+in ihm, wenn der in's Auge gefasste Fall eintreten sollte, jedenfalls die
+Grundlage zu bestimmten Vertraegen gefunden werden koennte, die sowohl im
+Interesse Frankreichs, als in demjenigen Oesterreichs wuenschenswerth
+erscheinen moechten."
+
+Graf Beust blickte einen Augenblick schweigend vor sich nieder und
+spielte leicht mit den Fingern seiner seinen und schlanken Hand auf der
+Decke des Schreibtisches.
+
+"Wie mir der Fuerst Metternich mittheilt," sagte er dann im ruhigen
+Conversationston, "beobachtet Herr Nigra dieser ganzen Sache gegenueber
+eine sehr vorsichtige, fast kalte Zurueckhaltung, und vom hiesigen
+Vertreter Italiens ist mir noch nicht die leiseste Andeutung darueber
+geworden."
+
+"Bei den eigentuemlichen Verhaeltnissen," erwiderte der Herzog, "welche
+zwischen Oesterreich und Italien bestehen und bei den peinlichen
+Erinnerungen aus nicht zu langer vergangener Zeit scheint es mir, dass
+eine Annaeherung zwischen beiden Maechten, namentlich eine Annaeherung mit
+bestimmten Zielen, mit formulirten Alliancebedingungen schwer durch
+direkten Verkehr hergestellt werden koenne.--Auch giebt es Propositionen,
+die man auf direktem Wege nicht eher machen kann, als bis man sicher
+ist, dass sie angenommen werden. Unter solchen Verhaeltnissen scheint mir
+eine vorlaeufige, nicht officielle und zunaechst nur sondirende
+Verhandlung durch die Natur der Dinge angezeigt zu sein, und fuer eine
+solche Verhandlung koennte dann auch der neutrale Boden eines den beiden
+Maechten befreundeten Hofes das richtige Terrain werden.--Jedenfalls
+glaube ich annehmen zu duerfen, dass der General Tuerr in eine solche
+Negotiation nicht eintreten wuerde, wenn er nicht der vollen persoenlichen
+Zustimmung des Koenigs Victor Emanuel sicher waere."--
+
+"Und wie denkt der Kaiser Napoleon ueber die ganze Sache," fragte Graf
+Beust rasch und bestimmt.
+
+"Sie koennen natuerlich nicht voraussetzen, mein lieber Graf," erwiderte
+der Herzog mit vollkommener Ruhe, "dass ich Instructionen habe, mich ueber
+die Absichten auszusprechen, welche Seine Majestaet in Betreff einer
+Sache hegt, die das Gebiet officieller Unterhandlungen noch nicht
+beruehrt hat.--Wenn ich also Ihre Frage beantworte, so kann ich
+selbstverstaendlich nur eine ganz persoenliche Meinung aeussern, welche sich
+auf die Kenntniss stuetzt, die ich von den Anschauungen meines Souverains
+ueber die politischen Fragen gewonnen zu haben glaube."
+
+Graf Beust verneigte sich leicht. Ein feines Laecheln spielte eine
+Secunde um seine Lippen, dann richtete er den Blick mit erwartungsvoller
+Aufmerksamkeit auf den Herzog.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte dieser, "dass die Verhaeltnisse in
+Europa sich fortwaehrend in einer Spannung befinden, welche eine
+energische Action von einem Augenblick zum andern moeglich erscheinen
+laesst. Wir haben uns frueher bereits mehrfach ueber derartige
+Eventualitaeten unterhalten, und seit der Zusammenkunft in Salzburg sind
+wir stets darin uebereingekommen, dass die Interessen Frankreichs und
+Oesterreichs allen schwebenden politischen Fragen gegenueber die gleichen
+sind.--Wir sind ferner, wie Sie auch vorhin betonten, darin
+uebereingekommen, dass Italien das notwendige Mittel- und Verbindungsglied
+fuer das Zusammenwirken Frankreichs und Oesterreichs bildet.--Von diesen
+Praemissen ausgehend," fuhr er fort, waehrend Herr von Beust schweigend
+zuhoerte, "wuerde ich nun den Abschluss eines Vertrages, welcher fuer
+moegliche Faelle die Cooperation Italiens sichert und regelt, als einen
+grossen Gewinn betrachten muessen.--Der Koenig Victor Emanuel ist zu einer
+solchen Cooperation durchaus geneigt, doch ist er nicht in der Lage,
+dieselbe eintreten zu lassen, wenn er nicht zu gleicher Zeit dem
+italienischen Volk einen nationalen Gewinn dafuer versprechen kann. Die
+vollstaendige Arrondirung in den nationalen Grenzen nach dem Norden hin
+wuerde ein solcher Gewinn sein--um dieses Gewinns willen wuerde das
+italienische Volk sich bestimmen lassen, auf Rom zu verzichten,
+wenigstens so lange zu verzichten, bis vielleicht unter einem kuenftigen
+Pontificat ein Modus gefunden werden kann, welcher die heute sich noch
+unversoehnlich gegenueber stehenden Interessen vereinigt. Mit einem Wort,
+Italien hat noch zwei Forderungen zu stellen, die eine ist Rom, welche
+man von uns verlangt, die andere das italienische Tyrol, welches
+_Oesterreich_ zu gewaehren im Stande ist.--Wir koennen in diesem
+Augenblick Rom nicht Preis geben.--Ihre Sache ist es, zu beurtheilen, ob
+das Opfer eines nicht bedeutenden Gebiets, welches nur die weitere
+ergaenzende Ausfuehrung eines einmal anerkannten Princips bildet, Ihnen
+der Wichtigkeit einer festen italienischen Alliance entsprechend
+erscheint.--Nach meiner persoenlichen Auffassung," fuhr er fort, "wuerde
+dieses Opfer nicht gross sein und es wuerde sich im Falle einer
+erfolgreichen Action, an deren gluecklichen Ausgang nicht zu zweifeln
+sein moechte, durch weit groessere und weit bedeutendere Vortheile und
+durch die Wiedergewinnung der ganzen alten oesterreichischen Macht nach
+anderer Richtung hin ersetzen lassen.--Frankreich hat dasselbe Interesse
+wie Oesterreich, dass die Coalition mit Italien zu Stande komme; wenn Sie
+sich also zu jenem Opfer wuerden entschliessen koennen, so wuerden Sie, wie
+ich glaube, nicht nur in Ihrem eigenen Interesse handeln, sondern auch
+Frankreich einen sehr grossen und sehr wichtigen Dienst leisten, fuer den
+eine richtige franzoesische Politik, eine Politik, wie sie den Ideen des
+Kaisers so vollkommen entspricht, ihre Dankbarkeit zu bethaetigen nicht
+unterlassen koennte."
+
+"Eine Coalition auf der Basis," erwiderte Herr von Beust in einem
+beinahe gleichgueltigen Ton, "wie sie in diesem Augenblick in Paris
+discutirt wird mit so bestimmt formulirten Bedingungen, wuerde ihre
+Bedeutung doch immer wesentlich nur im Augenblick einer wirklich
+kriegerischen Action haben. Ganz abgesehen von der Frage," fuhr er fort,
+"ob in einem solchen Augenblick das italienische Volk geneigt sein
+wuerde, die Abmachungen des koeniglichen Cabinets gut zu heissen, muesste man
+sich doch, bevor man auf die Discutirung der Details ernstlich einginge,
+klar machen, ob denn eine militairische Action zweckmaessig und
+nothwendig--und ob sie mit Aussicht auf Erfolg ausfuehrbar sei. Ich
+meines Orts sehe die Nothwendigkeit nicht, denn es ist in diesem
+Augenblick keine Veraenderung der seit Jahren bestehenden europaeischen
+Verhaeltnisse eingetreten.--Ich vermag die Zweckmaessigkeit nicht
+anzuerkennen, denn ich sehe keinen vorbereiteten--oder moeglicher Weise
+zu schaffenden--vernuenftigen Kriegsfall, und endlich kann ich die
+Aussicht auf einen siegreichen Erfolg mit meiner Anschauung der
+Verhaeltnisse nicht vereinen. Die Macht des Norddeutschen Bundes ist
+ungeheuer stark und scharf concentrirt und auf alle Eventualitaeten
+taeglich und stuendlich vorbereite. Die sueddeutschen Staaten sind
+schwankend und haltlos, dabei militairisch kaum geruestet und bei uns in
+Oesterreich--Sie wissen, Herr Herzog, mit welchen innern Schwierigkeiten
+wir zu kaempfen haben, und wie unendlich langsam aus financiellen Gruenden
+schon die Reorganisation unserer Armee vorschreitet. Wir haben neben uns
+Russland, dem wir nicht gewachsen sind--"
+
+"Dem Sie aber doch," fiel der Herzog von Grammont ein, "zweifellos die
+Spitze zu bieten im Stande waeren, wenn nicht nur Ihre italienischen
+Grenzen vollkommen frei wuerden, sondern wenn wie der proponirte Tractat
+bestimmt, Italien fuer den Fall der russischen Intervention seine active
+militairische Huelfe verspricht."
+
+"Wenn ich auch," sprach Herr von Beust in einem Ton, als discutire er
+eine ihm der Zeit und dem Inhalt nach voellig fern liegende Frage, "wenn
+ich auch annehme, dass jene Versprechen im entscheidenden Augenblick
+wirklich gehalten wuerden, wofuer--ich muss es wiederholen--immer schwer
+eine Garantie gefunden werden zu koennen scheint, so glaube ich doch
+nicht, dass Oesterreich im Stande ist, selbst mit der Huelfe Italiens
+einen Kampf mit Russland und die Aussicht auf eine spaetere unversoehnliche
+Feindschaft Preussens und Deutschlands auf sich zu nehmen. Fuer den Fall,
+dass diese neu erstandene gewaltige Militairmacht aus diesem Conflict
+siegreich hervorgehen sollte--"
+
+"Siegreich hervorgehen?" rief der Herzog von Grammont mit dem Ton
+eines naiven Erstaunens, indem er seinen kleinen Schnurrbart
+emporkraeuselte,--"siegreich hervorgehen aus einem Kampf mit
+Frankreich!?--ich bin zu sehr Franzose," fuhr er fort, "um an eine
+solche Moeglichkeit auch nur einen Augenblick zu glauben."
+
+"Sie muessen mir verzeihen," sagte Graf Beust mit einer seinen Nuance
+kaum bemerkbarer Ironie in seiner Stimme, "wenn ich mich in diesem
+Augenblick mehr an den Geist des Staatsmanns und Diplomaten als an das
+Nationalgefuehl des franzoesischen Edelmanns wende.--Eine kluge Politik
+muss sich stets auch durch Erwaegung der moeglich unguenstigen Chancen
+bestimmen lassen.--Doch," fuhr er abbrechend fort, "diese Discussion
+fuehrt uns auf ein Gebiet, das ich, wie ich glaube, heute zu betreten
+noch keinen Grund habe. Ich bitte Sie, mir zunaechst mit derselben
+Aufrichtigkeit, mit welcher ich mich Ihnen gegenueber ausgesprochen habe,
+eine Frage zu beantworten:--Glauben Sie, dass es aus irgend welchem
+Grunde in den Absichten des Kaisers liegen koenne, wirklich in kurzer
+Zeit zu einer ernsten Action ueberzugehen?"
+
+Der Herzog zoegerte einen Augenblick mit der Antwort auf diese directe
+und bestimmte Frage.
+
+"Ich glaube," sagte er, "dass der Kaiser von dem eifrigsten Wunsch
+erfuellt ist, den europaeischen Frieden zu erhalten.--Indessen hat er auch
+die Verpflichtung, Frankreich nicht ohne Widerstand allmaelig zu einer
+bedeutungslosen Passivitaet in Europa herabdruecken zu lassen. Der Kaiser
+hat durch die freisinnigen Institutionen, welche er in die neue
+franzoesische Verfassung eingefuehrt hat, die Gruendung seines Gebaeudes im
+Innern vollendet. Und wenn diese neuen Institutionen, wie ich es wuensche
+und wie ich es hoffe, durch ein neues Plebiscit die Sanction des freien
+Volkswillens erhalten haben werden--"
+
+Graf Beust zuckte ein wenig zusammen und blickte erstaunt den Herzog an,
+dann nahmen seine einen Augenblick ernst und nachdenklich gewordenen
+Zuege wieder den Ausdruck gleichgueltig ruhiger Hoeflichkeit an, mit
+welchem er das ganze Gespraech bisher gefuehrt hatte.
+
+"--dann wird es," fuhr der Herzog fort, "nach meiner Ueberzeugung die
+Aufgabe des Kaisers sein, auch nach Aussen hin der Stimme Frankreichs
+wieder den alten Nachdruck zu verschaffen und zu zeigen, dass es auf die
+Dauer nicht moeglich ist, die Schicksale der europaeischen Voelker ohne
+Frankreichs Genehmigung zu lenken."
+
+"Aber," sprach Graf Beust, "dazu wuerde immer ein stichhaltiger und
+voelkerrechtlich moeglicher Kriegsfall erforderlich sein, und ich sehe
+nicht ein--"
+
+"Mein Gott," rief der Herzog, "der Prager Frieden wird ja taeglich
+verletzt und giebt Ihnen die verschiedensten und voelkerrechtlich
+begruendetsten Handhaben, um in jedem Augenblick den begruendetsten
+Kriegsfall zu finden--"
+
+"So," fragte Herr von Beust, den Herzog gross anblickend, "so sollte also
+Oesterreich nach Ihrer Ansicht den Conflict hervorrufen?"
+
+"Sie werden nicht verkennen," sagte der Herzog,--"ich spreche hier
+natuerlich nur meine ganz persoenlichen Ansichten aus,--dass der maechtigste
+Verbuendete des Herrn von Bismarck in einem Krieg gegen Frankreich das
+deutsche Nationalgefuehl sein wuerde, und dass es wesentlich darauf ankaeme,
+uns in Deutschland selbst Verbuendete zu schaffen. Das scheint mir am
+sichersten erreicht zu werden, wenn der eventuelle Kriegsfall aus
+deutschen Angelegenheiten und aus dem Prager Frieden genommen wird,
+welcher Oesterreich das Recht giebt, fuer die Unabhaengigkeit der
+sueddeutschen Staaten einzutreten."
+
+"Herr Herzog," sagte Graf Beust mit ernstem Nachdruck, indem er den
+leichten Conversationston, in dem das Gespraech bisher gefuehrt war,
+vollstaendig aufgab--"da die Unterhaltung, welche wir in diesem
+Augenblick ueber theoretische Hypothesen fuehren und in welcher wir unsere
+persoenlichen Meinungen austauschen, vielleicht in irgend einem frueheren
+oder spaeteren Moment eine Bedeutung fuer concrete Verhaeltnisse gewinnen
+koennte, so liegt mir daran, genau und klar die Anschauungen
+auszusprechen, welche auch bei einer solchen Moeglichkeit fuer mich immer
+massgebend sein und bleiben wuerden. Oesterreich," fuhr er fort, "bedarf
+absolut der Ruhe, es bedarf der friedlichen Entwickelung von mindestens
+zehn Jahren, um seine inneren Kraefte wieder zu staerken und seine inneren
+Verfassungszustaende zu consolidiren. Oesterreich kann und wird niemals,
+so lange ich seine Regierung zu leiten habe, die Initiative zu einer
+Action uebernehmen, welche Europa in gefahrvolle Unruhe stuerzen und die
+Zukunft des Kaiserstaats vor Allem gefaehrden wuerde. Wenn--wie Sie
+vorauszusetzen scheinen, an Frankreich die Aufgabe herantreten sollte,
+sein Prestige und seine Stellung unter den europaeischen Maechten
+noethigenfalls mit den Waffen in der Hand wieder auf die alte Hoehe zu
+erheben, so wird, davon koennen Sie ueberzeugt sein, keine Regierung mit
+groesseren Sympathien auf ein solches Streben der franzoesischen Nation
+blicken, als die oesterreichische, welche, wie ich frueher constatirt
+habe, und wie ich heute wiederhole, in fast allen europaeischen Fragen
+mit Frankreich gleiche Interessen hat. Die Phasen eines solchen
+Conflicts und seiner Consequenzen lassen sich nicht vorher bestimmen. Es
+laesst sich deshalb auch nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht im Verlauf
+solcher Ereignisse ein Augenblick kommen koennte, welcher Oesterreich
+trotz seines Friedensbeduerfnisses die Pflicht auferlegt, activ in die
+Verhaeltnisse einzugreifen.--Ich vermoechte mir heute keine Eventualitaet
+zu denken, welche ein solches moegliches Eingreifen Oesterreichs im
+_Gegensatz_ zu Frankreich rechtfertigen koennte.--In dieser Anschauung
+liegt die Haltung bezeichnet, welche mir fuer Oesterreich vorgeschrieben
+scheint. Weiter zu gehen, ohne die aeusserste Notwendigkeit aus der
+gebotenen Reserve herauszutreten, waere fuer einen oesterreichischen
+Staatsmann ein Verbrechen--und vor Allem wuerde ich wenigstens niemals
+die Verantwortlichkeit auf mich nehmen, durch Oesterreich aus dem von
+ihm abgeschlossenen Vertrage einen Kriegsfall zu provociren. Wuerde der
+Kaiser eine Action fuer nothwendig halten, so muss der Grund dafuer aus
+irgend welcher Frankreich interessirenden Frage genommen werden.
+Niemals aber kann und wird Oesterreich seinerseits die Initiative
+uebernehmen. Dies bestimmt und rueckhaltslos auszusprechen, halte ich fuer
+meine Pflicht, damit bei Erwaegung einer so wichtigen Frage, welche
+natuerlich in Paris ausschliesslich nur mit Ruecksicht auf das Interesse
+Frankreichs entschieden werden kann, keinen Falls irgend ein Zweifel
+ueber die Haltung bestehe, welche fuer Oesterreich unabaenderlich geboten
+erscheint."
+
+"Sie muessen natuerlich," sagte der Herzog mit einem Anklang von Kaelte in
+dem hoeflichen Ton seiner Stimme, "Sie muessen dies natuerlich besser
+beurtheilen koennen als ich. Jedenfalls sind Sie zu dem Urtheil, welche
+Haltung Oesterreich zu beobachten habe, berufener als ich. Doch kann ich
+die Bemerkung nicht unterdruecken, dass eine Zurueckhaltung, wie Sie
+dieselbe so eben als die Aufgabe der oesterreichischen Politik
+dargestellt haben, nach meiner Ueberzeugung leicht dahin fuehren koennte,
+dass Oesterreich sich eines Tages isolirt saehe, und diese Isolirung
+koennte unter Umstaenden gefaehrlich werden. Da, wie Sie selbst constatirt
+haben, die Interessen Frankreichs und Oesterreichs sich in den
+politischen Fragen fast ueberall decken, so moechte es mir nicht ganz
+unbedenklich fuer Oesterreich erscheinen, sich gerade von der Macht zu
+trennen, mit welcher Sie die gemeinsamen Interessen verbinden."
+
+"Ich habe," erwiderte Herr von Beust, "nicht im Entferntesten an die
+Moeglichkeit gedacht oder dieselbe aussprechen wollen, dass Frankreich
+sich jemals von Oesterreich trennen koenne.--Eine solche Trennung," fuhr
+er mit feiner und scharfer Betonung fort, "koennte jedenfalls nur dann
+moeglich werden, wenn die franzoesische Politik jemals Wege betreten
+sollte, in welchen die gegenwaertig zu meiner so innigen Genugthuung
+bestehende Gemeinsamkeit der Anschauungen und Interessen alterirt
+wuerde--ein solcher Fall scheint mir undenkbar und jedenfalls," fuegte er
+im leichten Ton mit einem fluechtigen Laecheln hinzu, "tauschen wir ja in
+diesem Augenblick auch nur unsere ganz persoenlichen Ansichten ueber Faelle
+aus, deren Eintritt kaum zu erwarten sein duerfte."
+
+Der Herzog erhob sich.
+
+"Es scheint," sagte er, das bisherige Gespraech abbrechend, "dass der
+Koenig von Hannover die Legion aufloesen will, die er bisher in Paris
+gehalten hat. Graf Platen hat mir Etwas davon gesagt. Ich muss aufrichtig
+bekennen, dass ich eigentlich recht damit zufrieden bin. Ich habe grosse
+Sympathien fuer den ungluecklichen Koenig und hohe Verehrung vor seinen
+persoenlichen Eigenschaften. Doch glaube ich nicht, dass er auf dem
+bisher befolgten Wege etwas Anderes erreichen kann, als seine schon
+ohnehin beschraenkten Mittel immer mehr zu vermindern und sich dadurch
+die Moeglichkeit spaeter Etwas fuer seine Sache und sein Haus zu thun,
+immer schwieriger zu machen."
+
+"Man schien frueher in Paris der Ansicht zu sein," sagte Graf Beust, "dass
+diese hannoeversche Emigration unter Umstaenden eine nuetzliche Handhabe
+werden koenne, um einem moeglichen Conflict mit Preussen den nationalen
+Charakter zu nehmen."
+
+"Ich bin dieser Ansicht nicht," sagte der Herzog, "die wenigen
+Emigranten in Frankreich wuerden weder der Sache des Koenigs, noch uns
+nuetzen koennen; ob fuer den Fall des Zusammenbrechens der Schoepfung von
+1866 Etwas fuer den Koenig geschehen koenne, das wird immer davon abhaengen,
+wie sich das ganze Volk in Hannover und wie sich das uebrige Deutschland
+zu seiner Sache verhalten wird.--Was Frankreich betrifft, so stehe ich
+auf dem Standpunkt, dass wenn wir uns jemals zu einer ernsten Action
+entschliessen, wir auf alle kleinen Huelfsmittel verzichten und uns ganz
+ausschliesslich auf unsere eigene nationale Kraft und auf diejenigen
+Alliirten verlassen muessen, welche wir, wie ich hoffe, in einem solchen
+Fall unter den mit uns befreundeten europaeischen Maechten dennoch finden
+werden," fuegte er mit einem laechelnden Blick auf den Grafen Beust hinzu,
+indem er ihm die Hand zum Abschied drueckte.
+
+Der Reichskanzler begleitete ihn bis zur Thuer und kehrte dann
+nachdenklich zu seinem Schreibtisch zurueck.
+
+"Es geht Etwas vor," sagte er. "Der Kaiser Napoleon ist fuer den Frieden,
+schon weil er alle Unruhe und koerperliche Anstrengungen scheut.
+Metternich schreibt mir dies ganz bestimmt, und Metternich taeuscht sich
+darin nicht. Aber dieser alternde Imperator befindet sich mehr als je
+unter der Herrschaft seiner Umgebung. Und die Kaiserin Eugenie moechte
+fuer sich die Rolle der Maria von Medicis vorbereiten. Nun," rief er,
+"wenn man dort Abenteuer in der Politik machen will, so mag man es auf
+eigene Gefahr thun. Ich werde meine Schoepfungen in Oesterreich nicht den
+Zufaelligkeiten einer unueberlegten und unvorbereiteten Action aussetzen."
+
+Der Bureaudiener meldete den Staatsrath Klindworth.
+
+Etwas erstaunt blickte Herr von Beust auf.
+
+"Klindworth hier?" rief er, "sollte er sich hier wieder fuer moeglich
+halten?--Lassen Sie den Staatsrath eintreten," sprach er nach kurzem
+Besinnen.
+
+Wenige Augenblicke darauf trat der Staatsrath Klindworth in das Cabinet.
+Er war ein Mann von weit ueber sechzig Jahren; sein dichtes, beinahe
+weisses Haar war kurz geschnitten,--sein eckiger Kopf, mit den grossen
+abstehenden Ohren, den kleinen, scharfen, umherspaehenden Augen, der
+grossen, breiten Nase und dem ausdruckvollen haesslichen Mund, steckte
+zwischen den breiten Schultern, welche durch den hohen Kragen des weiten
+dunklen Ueberrocks noch hoeher erschienen.
+
+Graf Beust begruesste den viel gewandten, geheimen Agenten verschiedener
+europaeischer Hoefe mit einer freundlichen Vertraulichkeit, in welche sich
+doch ein wenig abwehrende Kaelte mischte.
+
+"Was fuehrt Sie her, mein lieber Staatsrath," sagte er, indem er Herrn
+Klindworth einen Stuhl neben seinem Schreibtisch bezeichnete. "Ich
+glaubte, Sie wollten fuer einige Zeit in Paris bleiben und vielleicht,"
+fuhr er mit einem scharfen Blick auf das unbewegliche Gesicht des
+Staatsraths fort, "vielleicht waere das besser gewesen.--Sie wissen, dass
+nach den Vorgaengen mit der Wiener Bank und dem Koenig von Hannover hier
+Ruecksichten zu nehmen sind--"
+
+"Ich bin," sagte der Staatsrath ruhig, "nur auf einen Augenblick
+heruebergekommen und denke nicht, hier acte de presence zu machen. Doch
+habe ich nicht unterlassen koennen, hier Mittheilungen von dem zu machen,
+was ich gesehen und gehoert, und was so Viele nicht sehen und nicht hoeren
+wollen."
+
+"Ich weiss, wie scharf Sie sehen und wie scharf Sie hoeren," sagte Graf
+Beust laechelnd--"und es wird mir, wie es das stets gewesen ist, von
+besonderem Interesse sein zu hoeren, was Sie dort wahrgenommen haben."
+
+"Ich habe wahrgenommen," sagte der Staatsrath Klindworth, indem er die
+Haende ueber der Brust faltete, und seinen Kopf so tief zwischen dem
+Kragen seines Rockes zurueckzog, dass das Kinn fast ganz in seiner weissen
+Binde verschwand, "ich habe wahrgenommen, dass ein grosser Sturm im Anzuge
+ist, welcher Europa noch tiefer erschuettern wird, als die Ereignisse von
+1866. Und ich bin gekommen, um zu warnen, und um zu rathen, wenn man
+meinen Rath hoeren, wenn man meine Warnung beachten will."
+
+Graf Beust wurde ernst und blickte erwartungsvoll auf den Staatsrath.
+
+"Der Herzog von Grammont geht soeben von Ihnen fort," sagte dieser, "was
+hat er Ihnen gesagt?" fragte er,--mit seinen kleinen Augen scharf von
+unten heraufblickend,--"ich hoffe, Sie werden ihn ein wenig ueber diese
+eigenthuemliche neben der regulairen Diplomatie herlaufende Negotiation
+des General Tuerr befragt haben, welcher da ploetzlich in Paris erschienen
+ist, um europaeische Coalitionen zu bilden, wie man Bataillone aufstellt
+und exerciren laesst.--Eine eigenthuemliche Zeit," sprach er, sich
+unterbrechend, indem er mit den Fingern der rechten Hand auf der
+Oberflaeche der linken trommelte, "eine eigenthuemliche Zeit, Alles wird
+auf irregulairem Wege gemacht. Es ist keine Ordnung in der Politik mehr,
+kein System! Kein Wunder, dass sich da die Faeden zu einem gordischen
+Knoten verschlingen, und dass Demjenigen der Erfolg zur Seite steht, der
+kuehn--oder plump genug ist," fuegte er achselzuckend hinzu, "das
+unloesbare Gewirr mit dem Saebel zu zerhauen.--Was wuerde der grosse
+Metternich sagen," sprach er seufzend, "wenn er diesen Wirrwarr in der
+politischen Maschinerie Europa's sehen koennte, in welcher zu seiner Zeit
+so vortrefflich jedes Rad in einander griff, und welche nach seinem
+Willen so richtig und exact spielte!"
+
+"Nun," sprach Herr von Beust laechelnd, "die Aufgabe eines Staatsmannes
+ist es immer, mit der Zeit fertig zu werden, in welcher er lebt. Wir
+muessen versuchen, auch in diesem Wirrwarr kaltes Blut und Ruhe zu
+behaupten. Grammont," fuhr er dann fort, "hat mir allerdings nur--ganz
+persoenlich--die Nothwendigkeit einer Alliance mit Italien sehr scharf
+betont. Ich glaube allerdings, dass man in Paris etwas energisch
+auftreten moechte, und dass man dazu Alliancen sucht.--Findet man sie
+nicht, so wird man sich beruhigen, wie man sich schon oefter beruhigt
+hat."
+
+Ein fast mitleidiges Laecheln zuckte ueber den breiten Mund des
+Staatsraths.
+
+"Dass man Alliancen sucht, ist richtig," sagte er, "dass man sich
+beruhigen wird, wenn man sie nicht findet, ist eine Ansicht, die ich
+nicht theile."
+
+"Aber der Kaiser ist krank, sein Gesundheitszustand floesst ernste
+Bedenken ein; die Aerzte empfehlen ihm die hoechste Ruhe und Schonung,
+wie sollte da eine ernste, gar eine kriegerische Action moeglich sein, da
+doch trotz der neuen parlamentarischen Institution wenigstens fuer die
+auswaertige Politik in Frankreich noch Alles von der Initiative des
+Kaisers abhaengt."
+
+"Der Kaiser ist krank," sagte Klindworth, "das ist richtig. Die
+auswaertige Politik haengt von seiner Initiative ab, das ist auch richtig.
+Aber von wem haengt wieder diese Initiative dieses kranken, zuweilen
+fast willenlosen Mannes ab?--Von der Kaiserin," sagte er, "welche keinen
+andern Gedanken hat, als ihrem lieben kleinen Louis ein wenig Lorbeer um
+das jugendliche Haupt zu winden,--und waehrend dieser Lorbeer an den
+Grenzen gepflueckt wird, beabsichtigt man, eine grosse Generalprobe fuer
+die kuenftige Regentschaft abzuhalten. Die Toilettenangelegenheiten
+fangen an, Ihre Majestaet zu langweilen," sprach er im hoehnischen Ton,
+"die Unterhaltung mit ihrem erhabenen Gemahl ist auch gerade nicht
+zerstreuend. Die erhabene Kaiserin der Franzosen ist in eminenter Weise
+ehrgeizig geworden. Und glauben Sie mir," fuhr er fort, "im Geheimen
+Rath Ihrer Majestaet ist der Krieg beschlossen, und taeglich werden dort
+die Vorbereitungen dazu discutirt, waehrend dieser allmaelig absterbende
+Kaiser unter den Haenden seiner Aerzte mit seinen Schmerzen und seiner
+Schwaeche kaempft."
+
+"Glauben Sie," fuhr Graf Beust, der sehr aufmerksam zugehoert hatte, mit
+dichtem Kopfschuetteln fort, "glauben Sie, dass es der Kaiserin, wenn sie
+wirklich die Absicht hegt, welche Sie bei ihr voraussetzen, gelingen
+werde, den Kaiser, der schon in seinen frueheren Jahren so schwer zu den
+aeussersten Entschluessen zu bringen war, jetzt zu einer so gefaehrlichen
+Unternehmung zu bestimmen? Jetzt, da er doch kaum den Schein der
+persoenlichen Leitung zu einer solchen Unternehmung wird erhalten koennen.
+Und," fuhr er fort, "welche Organe wuerde die Kaiserin finden, um die
+Verantwortlichkeit dafuer zu tragen. Glauben Sie, dass Graf Daru--"
+
+"Graf Daru," sagte Klindworth achselzuckend mit wegwerfendem Ton, "ist
+ein todter Mann, seine Existenz im Ministerium ist beendet. Das
+Plebiscit, dem er sich widersetzt, wird ueber ihn dahinschreiten."
+
+"Ein Plebiscit," rief Graf Beust, indem er sich rasch emporrichtete und
+den Staatsrath Klindworth gross ansah, "ein Plebiscit und warum das?"--
+
+"Um die neue Verfassung, welche der Senat und der gesetzgebende Koerper
+angenommen, durch den Volkswillen sanctioniren zu lassen!" sagte der
+Staatsrath mit leiser Stimme, indem er seinen Blick fest und stechend
+auf den Reichskanzler richtete. "Ein Plebiscit, das ist das persoenliche
+Regiment und das persoenliche Regiment soll ungebunden und frei ueber
+allem constitutionellen Kram stehen, den man der oeffentlichen Meinung
+als Spielwerk hinwirft."
+
+"Sind Sie sicher," fragte Graf Beust, "dass das Plebiscit eine
+beschlossene Sache ist?"
+
+"Vollkommen," erwiderte der Staatsrath, und Eure Excellenz wissen, dass
+ich nur dann mit Bestimmtheit Etwas ausspreche, wenn ich meiner Sache
+vollkommen gewiss bin."
+
+"Ein Plebiscit," sagte Graf Beust nachsinnend, "das ist allerdings
+ernst, das deutet darauf hin, dass man Etwas wie einen Staatsstreich vor
+hat, nicht nach _Innen_ kann er sich richten--"
+
+"Le coup d'Etat europeen," fiel der Staatsrath ein, "das ist der Name,
+den man in dem geheimen Comite, in welchem die Politik Ihrer Majestaet
+der Kaiserin Eugenie vorbereitet wird, der Sache gegeben hat. Wie dem
+Staatsstreich des 2. December das Plebiscit _folgte_, so wird es diesmal
+dem grossen europaeischen Staatsstreich _vorhergehen_."
+
+"Wer aber," sagte Graf Beust,--"ich muss meine Frage von vorhin
+wiederholen,--wer wird ein so bedenkliches und gewagtes Unternehmen
+ausfuehren wollen?"
+
+"Ihre Majestaet," erwiderte der Staatsrath, "ist sehr geschickt darin,
+Werkzeuge fuer ihre Plaene zu finden. Sie besitzt viel Menschenkenntniss
+und versteht, die Leute bei ihrer schwachen Seite zu fassen. Da ist Herr
+Ollivier--"
+
+"Ollivier," rief Graf Beust, "der Freund der Gothaer--der Mann des
+Frieden? Doch, allerdings," fuhr er fort, "bei dem ist jede Wandlung
+moeglich."
+
+"Dann," fuhr Klindworth fort, "ist da dieser Herzog von Grammont, der
+soeben noch auf dem Platze sass, den ich jetzt einzunehmen die Ehre
+habe."
+
+Graf Beust neigte sinnend das Haupt.
+
+"Grammont," fragte er. "Sie glauben wirklich, dass man Grammont einer
+solchen Aufgabe gewachsen haelt?"
+
+"Der Kaiser will ihn nicht," sagte der Staatsrath, "dennoch wird er zur
+Ausfuehrung der Ideen der Kaiserin bestimmt werden. Und man hat die Wahl
+richtig getroffen, denn er besitzt das vollkommen genuegende Mass jenes
+altfranzoesischen Leichtsinns, welcher schon in frueheren Phasen der
+Geschicke Frankreichs die unmoeglichsten Dinge unternommen, und," fuegte
+er hinzu, "dieselben allerdings auch oft durchgefuehrt hat."
+
+Graf Beust blieb einige Augenblicke in schweigendem Nachdenken
+versunken.
+
+"Aber," fuhr er dann fort, "wenn ich annehme, dass sich Personen finden,
+welche in einer mehr als gewagten Action das Schicksal des Kaiserreichs
+auf's Spiel setzen, so gehoert doch dazu immer noch ein Kriegsfall.--In
+Berlin scheint man nicht geneigt, die Veranlassung zu einem solchen zu
+bieten. Woher sollte denn der casus belli kommen?"--
+
+"Man wird ihn nehmen, wo man ihn eben findet," erwiderte der Staatsrath
+kaltbluetig. "Uebrigens bereitet sich da schon eine kleine Intrigue vor,
+deren Faeden ganz zufaellig in meine Haende gekommen sind, und welche man
+demnaechst gehoerig aufgestutzt vielleicht verwerthen wird."
+
+Graf Beust blickte ihn fragend, mit gespannter Aufmerksamkeit an.
+
+"Eure Excellenz wissen," sagte der Staatsrath, "dass die spanischen
+Angelegenheiten dem Kaiser sehr grosse Sorgen machen. Die Agitationen des
+Herzogs von Montpensier erfuellen ihn mit ernsten Besorgnissen. Er hasst
+und fuerchtet Nichts mehr, als die Orleans, und ein orleanistisches
+Koenigthum an der andern Seite der Pyrenaeen wuerde ihn keinen Augenblick
+ruhig schlafen lassen. Da hat man ihm nun eine ganz huebsche Idee
+suppeditirt. Sie erinnern sich, dass Madame Cornu, des Kaisers geistvolle
+Milchschwester, welche die Prinzen von Hohenzollern erzogen hat, bereits
+den jetzigen Fuersten von Rumaenien auf seinen so wenig sichern und
+erfreulichen Thron gebracht hat. Es scheint nun, dass diese Dame
+gegenwaertig daran denkt, einen Erbprinzen von Hohenzollern zum
+Nachfolger Philipp II. zu machen. Der Kaiser, der die Idee
+zurueckgewiesen, scheint ihr jetzt weniger abgeneigt,--der Prinz ist ein
+Verwandter seines Hauses, er ist ihm persoenlich sehr geneigt und wuerde
+ihn am Ende noch lieber als einen Montpensier auf dem Thron von Spanien
+sehen, der freilich ein wenig groesser und glaenzender, aber darum weder
+sicherer, noch erfreulicher, als der kleine Fuerstenstuhl von Rumaenien
+ist."
+
+Graf Beust lachte.
+
+"Ich habe frueher von diesem Gedanken gehoert," sagte er, "man hat darueber
+gesprochen. Ich habe aber das Alles immer fuer eine von jenen Blasen
+gehalten, welche von Zeit zu Zeit auf die Oberflaeche der
+Conjecturalpolitik steigen, aber ebenso schnell wieder platzen und
+verschwinden."
+
+"Es ist moeglich," erwiderte der Staatsrath, "dass diese Blase auch
+diesmal wieder platzen und verschwinden wird, fuer den Augenblick jedoch
+ist sie sehr ernst gemeint, und zwar wird man, wenn die Sache von Seiten
+des Fuersten Hohenzollern angenommen und in Berlin approbirt werden
+sollte, sich daraus einen huebschen Kriegsfall zurecht machen."
+
+"Einen Kriegsfall?" fragte Graf Beust ganz erstaunt.
+
+"Ganz gewiss," sagte der Staatsrath, "Seine arme, kranke Majestaet
+Napoleon III. wird die Idee haben, dass er, indem er diese kleine
+Negociation gewaehren laesst, eine Gegenintrigue gegen die Orleans und den
+Herzog von Montpensier spielt. Er wird glauben, dass er sich da einen
+kleinen befreundeten Koenig von Spanien schafft, wenn er ueberhaupt an den
+definitiven Erfolg der ganzen Sache glaubt.--Vielleicht wird er auch gar
+nicht darueber nachdenken und wird die Sache gehen lassen, wie er so
+Vieles gehen laesst. Dann aber wird man ihm eines schoenen Tages klar
+machen, dass ein preussischer Prinz auf dem spanischen Thron--"
+
+"Aber der Prinz von Hohenzollern ist ja gar kein preussischer Prinz,"
+warf Graf Beust ein.
+
+"Er traegt preussische Uniform, er heisst Hohenzollern, man wird ihn im
+noethigen Augenblick fuer einen preussischen Prinzen halten und von ganz
+Frankreich dafuer halten lassen.--Man wird also," fuhr er fort, "dem
+Kaiser auseinandersetzen, dass ein preussischer Prinz auf dem spanischen
+Thron die Anbahnung zur Wiederherstellung des Reichs Karl V. unter den
+Hohenzollern sei. Man wird dasselbe die ganze franzoesische Nation
+glauben machen, und ploetzlich, ganz ploetzlich, ehe Jemand sich dessen
+versehen wird, wird man einen sehr huebschen und sehr nationalen
+Kriegsfall haben."
+
+Herr von Beust laechelte abermals.
+
+"Mein lieber Staatsrath," sagte er, "Sie wissen, dass ich das groesste
+Vertrauen zu Ihrem klaren Blick und zu den Quellen habe, aus welchen Sie
+Ihre Nachrichten zu schoepfen pflegen. Sie muessen mir aber verzeihen, dass
+ich das, was Sie mir da eben sagen, unmoeglich fuer Ernst nehmen kann. Die
+Sache ist doch in der That zu abenteuerlich und zu unglaublich. Und wenn
+ich den Politikern, welche jetzt zuweilen in Frankreich in die
+Diplomatie hineingreifen, auch sehr kuehne und sehr wunderbare
+Combinationen zutraue, so wuerde dies doch nach meiner Ueberzeugung die
+Grenzen des Moeglichen ueberschreiten."
+
+Der Staatsrath Klindworth drueckte fest seine Lippen auf einander,
+richtete einen stechenden Blick auf den Reichskanzler und sprach mit
+scharfer Betonung:
+
+"Ich wuerde nicht hierher gekommen sein, um Eurer Excellenz das zu sagen,
+was ich Ihnen soeben gesagt habe, wenn ich nicht die feste Ueberzeugung
+von der Richtigkeit meiner Beobachtung und von der Wahrheit meiner
+Mittheilung haette. Die Sache ist sogar schon ziemlich weit gediehen.
+Der Marschall Prim ist in die Combinationen eingeweiht und geht im
+besten Glauben, fuer das unglueckliche Spanien einen aller Welt
+convenirenden Koenig gefunden zu haben, in die Falle, die man ihm
+stellt."
+
+Graf Beust dachte einige Augenblicke schweigend nach, er schien durch
+die Worte des Staatsraths nicht ueberzeugt, doch bemerkte er Nichts
+weiter ueber den Gegenstand und sprach nach einiger Zeit.
+
+"Sie haben mir vorhin gesagt, dass Sie gekommen waeren, zu warnen und zu
+rathen.--Ich habe Ihre Warnungen gehoert, darf ich Sie nun um Ihren Rath
+bitten?"
+
+"Darf ich," sagte Klindworth, "eine kleine Erinnerung aus vergangener
+Zeit wachrufen? Eure Excellenz erinnern sich, dass ich kurz vor Ausbruch
+des Krieges im Jahre 1866, als Sie noch saechsischer Minister waren, Sie
+in Dresden besuchte. Sie erzeigten mir die Ehre, ueber die damalige Lage
+mit mir zu sprechen, mir Ihre Meinung ueber die unausbleibliche
+Nothwendigkeit des Conflicts mitzutheilen, und mir zugleich
+auseinanderzusetzen, wie gut die saechsischen Ruestungen vorbereitet
+seien. Ich erlaubte mir damals, nachdem ich Alles angehoert, als einzige
+Gegenaeusserung nur die Frage, ob Eure Excellenz ein festes, fuer alle
+Zeit bindendes, die Existenz Sachsens garantierendes Schutz- und
+Trutzbuendniss mit Oesterreich geschlossen haetten. Sie verneinten das, ich
+sprach mein grosses Bedauern darueber aus und ertheilte Ihnen den Rath,
+das Versaeumte, wenn es irgend moeglich sei, noch nachzuholen.--Es war
+nicht mehr moeglich, die Katastrophe brach herein, Sachsen gerieth unter
+die kaempfenden Parteien, that nach allen Seiten seine Schuldigkeit,
+wurde aber ebenso wie die uebrigen, gegen Preussen im Kampf stehenden
+deutschen Staaten von Oesterreich abandonnirt und ohne Widerspruch der
+Willkuer des Siegers Preis gegeben. Sie wissen selbst, wie unmittelbar
+nahe die bereits beschlossene Annectirung ueber dem Haupte Ihres frueheren
+Vaterlandes dahin gegangen ist. Sie wissen es am besten, wie und durch
+wen die Existenz Sachsens gerettet wurde, denn Sie sind es, dessen
+schnellem Entschluss, dessen Energie und Beredsamkeit jene Rettung zu
+danken ist. Eine aehnliche, nur gewaltigere und welterschuetterndere
+Katastrophe, wie diejenige von 1866 bereitet sich heute vor, und nach
+der Beendigung des Kampfes, der nach meiner Ueberzeugung entbrennen
+wird, werden die Verhaeltnisse Europa's tiefe Erschuetterungen und
+Veraenderungen erfahren. Solchen Ereignnissen gegenueber muss Oesterreich
+nach meiner Ueberzeugung den Fehler vermeiden, welchen unter kleinern
+Verhaeltnissen damals Sachsen und die uebrigen deutschen Staaten begangen
+haben--den Fehler naemlich, sich ohne festen Entschluss und feste Haltung
+in die Ereignisse hineintreiben zu lassen."
+
+"Sie meinen also?" fragte Graf Beust.--
+
+"Ich meine," sagte der Staatsrath, "dass der Augenblick gekommen ist, um
+einen entschiedenen Entschluss zu fassen, und sich entweder in fester
+Allianz an Frankreich anzuschliessen oder rueckhaltlos und frei Preussen
+und damit zugleich Russland die Hand zu reichen, wodurch dann--allerdings
+unter veraenderten Verhaeltnissen--jene alte Tripelallianz wieder
+hergestellt werden wuerde, welche so lange die Schicksale von Europa
+beherrschte. Fuer die eine, wie fuer die andere Seite spricht Manches;
+wenn Oesterreich mit Frankreich zusammengeht, wenn Italien hinzugezogen
+wird, so wird im Fall des Sieges Alles wieder gewonnen werden, was 1866
+verloren wurde, und bei so maechtig vereinten Kraeften wird eine
+vernichtende Niederlage beinahe unmoeglich gemacht, so dass also auch im
+unguenstigsten Falle Oesterreich nicht viel zu verlieren haben wuerde.
+Eine feste und rueckhaltslose Allianz mit Preussen, damit auch zugleich
+mit Russland wuerde auf der andern Seite Frankreich vollkommen isoliren.
+Die norddeutschen Maechte wuerden Oesterreich mit offenen Armen aufnehmen;
+vielleicht wuerden einer so maechtigen Coalition gegenueber selbst die
+unternehmungslustigen Politiker der Coterie der Kaiserin
+nachdenken--vielleicht wuerde der Krieg verhindert werden, wenn
+Oesterreich im entscheidenden Moment erklaerte, dass es unter allen
+Umstaenden auf der Seite Preussens stehen wuerde. Fuer die europaeische
+Stellung Oesterreichs liesse sich dadurch viel gewinnen. Allerdings aber
+wuerden auch die deutschen Traditionen dadurch vollstaendig und fuer immer
+aufgegeben werden muessen."
+
+Graf Beust hatte aufmerksam zugehoert. Ein ganz leiser, fast unmerklicher
+Zug seiner Ironie erschien im Winkel seines Auges.
+
+"Und zu welcher Seite dieser Alternative wuerden Sie rathen?" fragte er.
+
+"Die Erinnerungen an die grosse Zeit," erwiderte der Staatsrath, "in
+welche meine reichste Thaetigkeit faellt, die Erinnerungen an die Zeit des
+grossen Fuersten Metternich machen mich geneigt, zur Wiederherstellung
+jener alten Coalition der heiligen Allianz zu rathen, dieser weisesten
+Schoepfung, welche jemals die Diplomatie in's Leben gerufen. Ausserdem
+spricht in diesem Fall die groessere Sicherheit fuer den Anschluss an
+Preussen; auf der andern Seite ist viel zu gewinnen, hier aber ist
+_Alles zu erhalten_, was man schon besitzt. Ich habe wenig Vertrauen,"
+fuhr er fort, "auf die franzoesische Macht. Ich verstehe Nichts von der
+Kriegsverwaltung, aber nach Allem, was ich gehoert und gesehen, ist dort
+seit dem Tode Niels unter dem kranken Kaiser Alles in Verfall gerathen.
+Ausserdem giebt man sich zu grossen Illusionen ueber die Unbesiegbarkeit
+der franzoesischen Armee hin, und ich fuerchte, dass dem so wohl geschulten
+preussischen Heer gegenueber der franzoesische Elan wenig ausrichten wird.
+Doch," fuhr er fort, "das sind Alles Erwaegungen, die ich Eurer Excellenz
+reiflichem Nachdenken ueberlassen will. Mein dringender Rath geht nur
+dahin, festen Entschluss zu fassen und bestimmt Partei zu nehmen. Ist
+dieser Krieg einmal ausgebrochen und Oesterreich demselben unthaetig fern
+geblieben, so wird doch nichts Anderes mehr moeglich sein, als sich
+vollstaendig an Preussen und Russland anzuschliessen. Dann aber wird dieser
+Entschluss keinen Werth mehr haben, waehrend heute noch fuer denselben ein
+hoher Preis zu erlangen waere. Vor Allem aber," fuegte er hinzu, indem
+sein stechender Blick scharf und durchdringend zu dem Grafen
+hinueberblitzte, "vor Allem aber wird dann dieser Anschluss vielleicht
+nicht mehr von Eurer Excellenz gemacht werden."
+
+"Und von wem denn," fragte Graf Beust in etwas veraendertem Ton.
+
+"Von Demjenigen," sagte der Staatsrath aufstehend, "der bereits hinter
+Ihnen steht und jeden Augenblick bereit ist, Ihre Erbschaft anzutreten,
+wenn die Vollendung des Werkes, das Sie begonnen, von aussen und von
+innen her verhindert wuerde--wenn Oesterreich gezwungen werden sollte,
+dem Rathe des Grafen Bismarck folgend seinen Schwerpunkt vollstaendig
+nach Pesth zu verlegen--vom Grafen Andrassy, Ihrem ungarischen
+Collegen."
+
+Graf Beust war ernst geworden, doch zuckte er leichthin die Achsel und
+sprach:
+
+"Ich kann Ihnen nur wiederholen, mein lieber Staatsrath, dass ich Ihnen
+fuer Ihre Mittheilungen, so wie fuer Ihren Rath herzlich dankbar bin. Ich
+hoffe--Sie werden, wenn Sie wieder nach Paris zurueckgehen--?" fuegte er
+mit einem fragenden Blick hinzu.
+
+"Ich werde morgen Wien wieder verlassen," sagte der Staatsrath, "und
+mich ueber Stuttgart nach Paris zurueckbegeben, ich moechte mir dort die
+Politik des Herrn von Varnbueler an Ort und Stelle betrachten."
+
+"Ich bitte Sie also," fuhr Graf Beust fort, "mich dann ueber Ihre
+Beobachtungen weiter au courant zu halten."
+
+Er verneigte sich leicht gegen den Staatsrath, welcher in seiner
+eigenthuemlichen gebueckten, fast demuethigen Haltung das Cabinet verliess.
+
+"Der alte Klindworth," sagte der Reichskanzler, sich bequem in seinen
+Stuhl zuruecklehnend, "scheint mir diesmal dupirt worden zu sein. Die
+Sache ist zu abenteuerlich, zu unmoeglich!--Er ist zwar sonst gut
+unterrichtet und combinirt vortrefflich die kleinsten Thatsachen, die zu
+seiner Kenntniss kommen.--Ich will immerhin noch auf anderem Wege darueber
+nachforschen lassen.--Sollte man aber auch in Frankreich wahnsinnig
+genug sein, um sich auf so unerhoerte Weise in einen unuebersehbaren Krieg
+zu stuerzen, ich kann dennoch den Rath des alten viel gewandten
+Beobachters diesmal ebenso wenig fuer richtig, als seine Mittheilungen
+fuer zweifellos halten.--Ich habe es uebernommen," sprach er ernst, den
+Blick gedankenvoll emporrichtend, "das kranke und gebrochene Oesterreich
+zu heilen, und um das zu erfuellen, was ich versprochen und was ich mir
+vorgestellt, bedarf ich des Friedens, des Friedens unter jeder Bedingung
+noch auf Jahre hinaus. Keine Lockung, keine Hoffnung auf glueckliche
+Zufaelle wird mich von dem Wege abweichen lassen, den ich fuer den einzig
+richtigen erkannt habe. Und wenn wirklich der gewaltige Kampf, der im
+Schooss der Zukunft liegt, ausbrechen sollte, bevor Oesterreich an
+innerer Kraft den uebrigen Maechten Europa's wieder gleich steht, so werde
+ich unbeirrt mein Ziel verfolgen und weder rechts, noch links blickend,
+den Frieden erhalten, selbst um den Preis," fuegte er leise hinzu, "dass
+diese Zurueckhaltung mir selbst verhaengnissvoll werden sollte. Lieber moege
+mein Werk von andern Haenden vollendet werden, als dass ich es durch
+unueberlegtes Handeln gefaehrde."
+
+Er beugte sich ueber seinen Schreibtisch und begann die auf demselben
+aufgehaeuften Depeschen zu durchlesen.
+
+
+
+
+Sechstes Capitel.
+
+
+In dem schottischen Cabinet der Villa Braunschweig in Hietzing sass der
+Koenig Georg V. in seinem Lehnstuhl vor dem grossen, mit golddurchwirkter
+rother Decke ueberhangenen Tisch.
+
+Der Koenig trug den weiten Ueberrock seiner oesterreichischen Uniform und
+rauchte aus einer langen hoelzernen Cigarrenspitze.
+
+Er war soeben aus dem grossen Garten der Villa von seinem
+Morgenspaziergang zurueckgekehrt, und seine aelteste Tochter, die
+Prinzessin Friederike, welche ihn begleitet hatte, stand neben ihm.
+
+Der Koenig war in den letzten Jahren seines Exils merklich aelter
+geworden, und ein schmerzlich leidender Zug lag auf seinem Gesicht, wenn
+auch in der Unterhaltung zuweilen noch seine alte Heiterkeit und sein
+alter Humor hervortrat. Sein duennes Haar begann grau zu werden, die
+scharfen classischen Formen seines schoenen Profils traten markirter als
+sonst hervor und gaben seinem frueher so weichen und jugendlichen Gesicht
+einen Zug von Haerte und Strenge, die ihm sonst fern gewesen war.
+
+Die Prinzessin Friederike im dunklen Morgenanzug, einem kleinen mit
+pelzbesetzten Mantel von schwarzem Sammet und einem Hut von gleichem
+Stoff, vereinigte in ihrer Erscheinung den Eindruck fuerstlicher Wuerde
+und Hoheit mit jugendlicher Anmuth und einer fast schuechternen
+Bescheidenheit. Die Prinzessin war gross und schlank gewachsen, ihr
+einfach frisirtes, natuerlich gelocktes goldblondes Haar liess die edle
+Woelbung der reinen und weissen Stirn fast ganz frei. Ihre grossen blauen,
+durch die Tiefe des Blickes dunkel leuchtenden Augen drueckten muthigen
+Stolz und sanfte Bescheidenheit zu gleicher Zeit aus. Ihr leicht
+aufgeworfener, schoen gezeichneter Mund vereinigte eine gewisse trotzige
+Zurueckhaltung mit kindlicher Naivetaet.
+
+Die Prinzessin blickte mit inniger Theilnahme auf ihren Vater herab,
+welcher mit widersprechenden Gedanken und Gefuehlen zu kaempfen schien,
+und mit heftiger Bewegung der Lippen grosse Wolken blaeulichen Dampfes vor
+sich hinblies.
+
+"Von allen schweren Schicksalsschlaegen," sagte der Koenig, "die mich in
+diesen letzten Jahren betroffen haben, hat Nichts so schmerzlich mich
+beruehrt, als die Erfahrungen, die ich in diesen Tagen machen muss--dass
+Diejenigen, welche mir und meiner Sache bisher in allem Unglueck so treu
+geblieben, jetzt sich gegen mich richten und von mir abfallen; und,"
+fuhr er fort, "dass diese das Vertrauen an den Sieg meines Rechts
+vollkommen verloren haben, dass sie es wagen, so gegen mich aufzutreten."
+
+"Aber Papa," sagte die Prinzessin mit sanfter Stimme, "weisst Du denn
+gewiss, ob auch Alles so richtig ist, wie es Dir aus der Ferne
+erscheint--und wie vielleicht Manche," fuegte sie ein wenig zoegernd
+hinzu, "ein Interesse haben, es Dir darzustellen. Ich kenne nur Wenige
+von den Officieren in Paris, aber ich kenne Herrn von Duering, und von
+ihm kann ich doch unmoeglich annehmen, dass er irgend Etwas gegen das
+Interesse unserer Sache oder gegen Dich sollte thun wollen."
+
+"Ich auch nicht," rief der Koenig lebhaft, mit zwei Fingern seiner
+rechten Hand auf den Tisch schlagend. "Ich kann es auch nicht glauben,
+ich stehe vor einem unloesbaren Raethsel. Doch liegen die Thatsachen vor
+mir, meine Officiere und Duering an ihrer Spitze widersetzen sich der
+Ausfuehrung meiner Befehle. Ich habe Duering das Commando ueber die
+Emigranten abgenommen und ihn der Fuehrung der Geschaefte meines
+General-Adjutanten enthoben. Ich habe beides an Herrn von Tschirschnitz
+uebertragen. Die erste Nachricht, die ich von diesem sonst so treuen und
+vortrefflichen Officier erhalte, ist die Erklaerung, dass er es mit seiner
+Ehre und seinem Gewissen nicht vereinigen koenne, die Befehle
+auszufuehren, die ich ihm in Betreff der Aufloesung der Emigration gegeben
+habe. Ist das nicht offene Auflehnung, ist das nicht Subordination--das
+hoechste Vergehen, dessen ein Officier sich schuldig machen kann?"
+
+"Aber," sagte die Prinzessin, "Herr von Duering, wie auch Herr von
+Tschirschnitz haben ja ebenso wie alle uebrigen Officiere freiwillig
+unser Unglueck und unser Exil getheilt. Sie haben Alle die Carriere
+aufgegeben, welche sich ihnen in Sachsen oeffnete, und welche sie auch,
+wie so viele andere Officiere der hannoeverschen Armee, in Preussen haetten
+finden koennen. Wenn solche Leute den Befehlen, die Du ja doch," fuegte
+sie mit sanfter schmeichelnder Stimme hinzu, "selbst nur nach langem
+Kampf gegeben hast--wenn sie diesen Befehlen widerstreben, wenn sie
+nicht muede werden, ihre Vorstellungen dagegen zu erheben--sollte man
+dann nicht annehmen, dass sie irgend einen ehrenwerthen und verstaendigen
+Grund dazu haben, dass irgend ein Missverstaendniss vorliegt, welches man
+aufklaeren muesste."
+
+"Oh mein Gott, mein Gott ja!" rief der Koenig, schmerzlich aufseufzend,
+indem er den Kopf in die Hand stuetzte. "Das habe ich mir auch schon oft
+gesagt, es ist ja doch unmoeglich, dass eine Anzahl von Maennern, die
+bisher so treu waren, mit einem Male darauf arbeiten sollten, mir und
+meiner Sache zu schaden."
+
+"Und der Regierungsrath Meding steht doch auch auf der Seite der
+Officiere," sagte die Prinzessin, "auch er warnt vor der Aufloesung der
+Legion in der Art und Weise, wie sie begonnen wurde. Es ist doch
+unmoeglich anzunehmen, dass alle diese Herren nicht irgend einen Grund fuer
+ihre uebereinstimmende Ueberzeugung haben sollten. Ich bitte Dich, Papa,"
+fuhr sie mit dringendem Ton fort, "die Sache doch recht genau zu pruefen
+und nicht nach einseitigen Berichten und Vortraegen zu entscheiden."
+
+"Gott weiss es," rief der Koenig, "wie schwer es mir wird, ueberhaupt die
+Legion aufzuloesen und alle diese treuen Soldaten, die meinem Schicksal
+gefolgt sind, sich selbst zu ueberlassen. Aber es kann ja nicht anders
+sein, je schwerer ich mich dazu entschlossen habe, um so schmerzlicher
+beruehrt mich der Widerstand, dem ich begegne.--Ich werde," rief er nach
+kurzem Nachdenken, "sie Alle noch einmal hoeren,--ich will die ganze
+Frage nochmals reiflich ueberlegen, denn ich stehe vor einer fuer mich und
+die Zukunft meines Hauses hoch wichtigen Entscheidung."
+
+"Und wenn die Legion aufgeloest wird," sagte die Prinzessin, "wuerde es
+dann nicht noethig sein, fuer die armen Emigrirten die freie und straflose
+Rueckkehr in die Heimath vom Koenig von Preussen zu erwirken?--Windthorst
+hat sich ja erboten, Verhandlungen zu diesem Zweck einzuleiten."
+
+"Niemals," rief der Koenig lebhaft, "niemals werde ich meine Autorisation
+zu solchen Verhandlungen geben! Das hiesse die Annection meines
+Koenigreichs anerkennen, das hiesse zugestehen, dass der Koenig ein Recht
+habe, meine treuen Soldaten wegen ihrer Anhaenglichkeit und Ergebenheit
+zu bestrafen.--Und das werde ich nie zugestehen."
+
+Nach einem kurzen Schlag an der Thuer trat des Koenigs Kammerdiener Thoms
+in das Cabinet und meldete, der Staatsminister Graf Platen stehe zu
+Seiner Majestaet Befehl.
+
+"Er soll kommen," rief der Koenig lebhaft. "Auf Wiedersehen, mein
+Toechterchen," sagte er, indem er aufstand und die Hand nach der
+Prinzessin ausstreckte, welche dicht zu ihm herantrat und ihm ihre Stirn
+reichte, auf die er zaertlich seine Lippen drueckte.
+
+"Rufen Sie den Kronprinzen und den Geheimen Cabinetsrath," sagte er dann
+zu dem Kammerdiener, welcher den Grafen Platen in das Cabinet gefuehrt
+hatte und nun die beiden Fluegel der Thuer fuer die Prinzessin oeffnete.
+Prinzessin Friederike verliess mit leichtem freundlichen Gruss gegen den
+sich tief verneigenden Minister das Zimmer ihres Vaters.
+
+Der Graf von Platen-Hallermund, Minister der auswaertigen Angelegenheiten
+des frueheren Koenigreichs Hannover und jetziger alleiniger Rathgeber des
+verbannten Koenigs, war damals sechsundfuenfzig Jahre alt. Die letzten
+Jahre hatten seine frueher noch jugendliche und kraeftige Erscheinung
+wesentlich aelter und gebrechlicher gemacht. Zwar zeigten seine
+Bewegungen noch die fruehere Elasticitaet, auch trug sein volles, etwas
+langes und gelocktes Haar noch eine gleichmaessig schwarze Farbe, doch war
+sein Schnurrbart stark ergraut, seine Gesichtszuege waren welk und
+abgespannt.
+
+Der Graf, welcher einen Morgenanzug von einfacher Eleganz trug, kuesste
+die Hand, welche der Koenig ihm reichte und setzte sich dann in einen der
+grossen, mit schottischem Seidenstoff ueberzogenen Lehnstuhl neben seinem
+Herrn.
+
+"Ich bin erfreut, Eurer Majestaet mitzutheilen," sagte er, "dass die
+Abwicklung der Liquidation der Wiener Bank sich noch guenstiger fuer
+unsere Kasse stellen wird, als es anfaenglich den Anschein gehabt hat. Es
+haben sich einige guenstige Verkaeufe realisiren lassen, so dass, wenn
+Alles ferner gut geht, Eure Majestaet mit einem Verlust von nicht ganz
+zwei Millionen Gulden davonkommen werden."
+
+Der Koenig seufzte tief auf.
+
+"Sie wissen, mein lieber Graf," sagte er, "wie geringen Werth das Geld
+an sich fuer mich hat. Es ist fuer mich immer nur Mittel zum Zweck. In
+diesem Augenblick muss es mir dienen, um den heiligsten und hoechsten
+Zweck zu verfolgen, den ich kenne--die Wiedererlangung meines Rechts und
+die Zukunft meines Hauses. Und in dieser Beziehung beruehrt mich dieser
+an sich nicht bedeutende Verlust sehr schmerzlich, denn meine Mittel
+sind ja ohnehin schon beschraenkt genug."
+
+"Dank der vortrefflichen Verwaltung des Commerzienraths Simon, in dessen
+Haenden nunmehr wieder Eurer Majestaet Vermoegen gelegt ist," sagte Graf
+Platen, "werden sich ja die Verluste verschmerzen lassen. Doch," fuhr
+er fort, "wird es nunmehr auch dringend nothwendig, mit dieser
+ungluecklichen Emigration in Frankreich ein Ende zu machen, welche
+bereits so viel verschlungen hat und Eurer Majestaet in jedem Jahr
+dreihundertfuenfzigtausend Thaler kostet. Wenn man diese Summe nicht so
+schnell als moeglich aus Eurer Majestaet Ausgabenbudget verschwinden laesst,
+so werden wir von Deficit zu Deficit fortschreiten, und eine successive
+Capitalsverzehrung wird Eure Majestaet endlich in die Lage bringen,
+Nichts mehr zu besitzen und sich aus materieller Noth Preussen auf Gnade
+oder Ungnade zu ergeben."
+
+"Traurig, traurig!" rief der Koenig, "dass es dahin gekommen ist! Mein
+Gott," fuhr er fort, "wenn man die nach England geretteten Papiere
+damals vor der Amortisation verkauft haette, was Herr von Malortie
+verhinderte,--oder wenn die in Hannover befindlichen Bestaende vor der
+letzten Beschlaglegung auf mein Vermoegen in Sicherheit gebracht waeren,
+was wiederum Herr von Malortie nicht that, dann waere ich niemals in die
+traurige Lage gekommen, so viele treue und ergebene Menschen einem
+ungewissen Schicksal ueberlassen zu muessen."
+
+Rasch oeffnete sich die Thuer. Der Kronprinz Ernst August trat in's
+Zimmer, ihm folgte der Geheime Cabinetsrath Lex.
+
+Der Prinz Ernst August war eine lang und hoch aufgeschossene Gestalt,
+fast noch hoeher, als sein Vater, doch waehrend die Gestalt des Koenigs in
+ihrer Proportion einen harmonischen Eindruck von Wuerde und Majestaet
+machte, hatten die Glieder des jungen Prinzen noch keine rechte
+Festigkeit und seinen Bewegungen fehlte die anmuthige Leichtigkeit und
+Sicherheit. Das schoene glaenzende Haar des Prinzen war kurz geschnitten
+und von der schmalen zuruecktretenden Stirn aufwaerts emporgekaemmt. Der
+Blick seiner Augen, den er oft durch eine Lorgnette mit grossen Glaesern
+verhuellte, war freundlich und gutmuethig. Seine platte, eingedrueckte Nase
+und sein breiter etwas vorstehender Mund, mit schoenen frischen Zaehnen,
+war von jeder Aehnlichkeit mit dem edlen Schnitt der Gesichtszuege seines
+Vaters weit entfernt und das freundliche Laecheln, welches gewoehnlich
+seinen Mund umspielte, beruehrte nicht so sympathisch als die
+liebenswuerdige Heiterkeit, welche das Gesicht des Koenigs erhellte.
+
+Der Geheime Cabinetsrath, welcher hinter dem Kronprinzen in das Zimmer
+trat, mochte etwa zwei- bis dreiundsechzig Jahre alt sein. Seine
+auffallend kleine, magere Gestalt war gebueckt und in sich
+zusammengefallen, sein faltiges, bartloses Gesicht mit dem kurzen grauen
+Haar zeigte einen stets muerrischen, kalt abwehrenden Ausdruck, und seine
+kleinen, scharfen und geistvollen Augen blickten mit einem leisen Anflug
+von kritischer Ironie durch die Glaeser seiner feinen Brille.
+
+Der Kronprinz schritt schnell zu seinem Vater hin, beugte sich zu
+demselben herab, und der Koenig kuesste ihn herzlich auf die Stirn. Dann
+setzte sich der Prinz zu dem Koenig und dem Grafen Platen, waehrend der
+Cabinetsrath auf der andern Seite des Tisches Platz nahm.
+
+"Darf ich Sie bitten, mein lieber Graf," sagte Georg V., sich an den
+Minister wendend, "mir nunmehr Ihre Meinungen ueber die Massregeln
+auszusprechen, welche nothwendig werden, um die Aufloesung der
+Emigration, welche ich leider unabaenderlich habe beschliessen muessen,
+durchzufuehren."
+
+"Majestaet," sagte der Graf Platen, indem er sich in sich
+zusammenschmiegte, "ich muss zunaechst noch einmal darauf zurueckkommen,
+genau zu constatiren, dass mit den Allerhoechst Ihnen zur Verfuegung
+stehenden Mitteln der koenigliche Hofhalt und die zur Geltendmachung
+Ihrer Rechte nothwendigen Ausgaben auf die Dauer nicht bestritten
+werden koennen, wenn die zur Erhaltung der Emigration notwendige sehr
+hohe Summe von nahezu vierhunderttausend Thalern jaehrlich nicht aus dem
+Ausgabebudget verschwindet. Um diese Ersparniss zu machen, um zu gleicher
+Zeit die Emigrirten, welche, um der koeniglichen Sache zu dienen, ihre
+Heimath verlassen haben, nicht dem Elend Preis zu geben, habe ich mir
+erlaubt, Eurer Majestaet vorzuschlagen, noch eine einmalige bedeutende
+Ausgabe nicht zu scheuen und jedem Mitglied der Emigration die Summe von
+vierhundert Francs auszuzahlen, damit derselbe sich, sei es durch
+Auswanderung, sei es auf irgend eine andere Weise, eine neue Existenz
+schaffen kann."
+
+"Es wird eine grosse Summe werden," sagte der Kronprinz, indem er mit den
+Zaehnen an den Naegeln seiner Finger biss.
+
+"Diese einmalige Ausgabe," sagte Graf Platen, sich halb gegen den
+Prinzen wendend, "ist nothwendig, um den Koenig vor dem Vorwurf zu
+schuetzen, dass Seine Majestaet die ihm treu gebliebenen Soldaten einfach
+verlaesst."
+
+"Und ich hoffe," rief der Koenig lebhaft, "dass die Summe genuegend
+bemessen ist."
+
+"Vollkommen genuegend, Majestaet," sagte Graf Platen, "um so mehr, da fuer
+Diejenigen, welche nach Amerika auswandern wollen, noch ausserdem das
+freie Reisegeld gewaehrt wird. Nun aber," fuhr er fort, "hat sich
+herausgestellt, dass die Officiere der Emigration aus Gruenden, die ich
+nicht begreifen kann," fuegte er achselzuckend hinzu, "sich der Ausloesung
+der Emigration in einer dem dienstlichen Gehorsam sehr wenig
+entsprechenden Weise widersetzen."
+
+Der Koenig biss schweigend auf seinen Schnurrbart.
+
+"Eure Majestaet," fuhr Graf Platen fort, "haben das Commando an Herrn von
+Tschirschnitz uebertragen, aber auch dieser scheint nicht geneigt zu
+sein, die Massregeln Eurer Majestaet ruecksichtslos durchzufuehren. Ich
+halte es deshalb fuer nothwendig, dass Eure Majestaet Allerhoechst Ihren
+Ordonnanzofficier, den Major von Adelebsen, nach Paris entsenden und ihm
+nicht nur die Geschaefte Ihres General-Adjutanten, sondern auch das
+Commando der Legion uebertragen, damit die nothwendige und befohlene
+Aufloesung der Legion schleunigst und ohne Weitlaeufigkeit vollzogen
+werde. Es scheint," sprach er weiter, "dass die Officiere die Absicht
+haben, einen Verband unter den Emigrirten zu gegenseitiger Unterstuetzung
+herzustellen und auf diese Weise vielleicht noch eine Colonisation in
+Algerien auszufuehren, fuer welche sie sehr grosse Neigung hatten."
+
+"Die Idee waere durchaus nicht uebel," sagte der Koenig. "Nach den
+Versprechungen der franzoesischen Regierung haette den armen Emigrirten
+dort ein gutes Loos bereitet werden koennen, und ich habe den Gedanken
+nur aufgegeben, weil er im ganzen Land Hannover einen so lebhaften
+Widerspruch fand, und weil Deputationen auf Deputationen zu mir gekommen
+sind, um mich zu bitten, die algerische Colonisation nicht zu erlauben.
+Die Leute haben dort in Hannover gar keinen Begriff gehabt, um was es
+sich handelt. Sie glaubten, die Emigranten sollten in die Fremdenlegion
+verkauft werden, wie sie sich ausdrueckten. Sie haben zuweilen sehr
+unklare Ideen, diese Hannoveraner, und bleiben dann sehr hartnaeckig in
+ihrem Ideenkreis stecken. Aber ich musste ja auf eine so allgemein im
+Lande verbreitete Ansicht Ruecksicht nehmen."
+
+"Es moechte ja vielleicht," fiel der Kronprinz ein, "eine Colonisation in
+Algerien ganz angenehm und vortheilhaft fuer die Leute gewesen sein
+koennen. Aber--so lange sie zusammen bleiben, werden wir sie nie ganz von
+der Tasche los werden koennen, wenn es der Colonie irgend einmal schlecht
+gegangen waere, so haette man immer auf uns recurrirt, und die ganze
+Geschichte waere eine ewige Veranlassung zu neuen Ausgaben gewesen. Die
+Hauptsache ist, dass die Leute Alle auseinander gebracht werden, und je
+weiter fort, um so besser, denn um so schwerer wird es ihnen werden, uns
+wieder zur Last zu fallen."
+
+"Das ist nicht mein Gesichtspunkt," rief der Koenig, das Haupt erhebend.
+"Mir kommt es nur darauf an, so gut ich es unter meinen jetzigen
+Verhaeltnissen kann, fuer das Wohl meiner Leute zu sorgen, und ausserdem
+habe ich die politische Ruecksicht zu nehmen, Ansichten und Wuensche der
+Bevoelkerung meines Koenigreichs so viel als moeglich zu schonen."
+
+"Jedenfalls," sagte Graf Platen, "werden Eure Majestaet nach reiflicher
+Erwaegung beschliessen, die Legion definitiv aufzuloesen und eine
+Auswanderung der Leute nach Algerien moeglichst zu inhibiren. Es ist aber
+noethig, diesen Beschluss schleunigst auszufuehren, damit vor dem 1. April
+Alles beendet sei und mit dem neuen Rechnungsjahr die Belastung unserer
+Kasse fortfalle. Wenn also Eure Majestaet befehlen, den Major von
+Adelebsen dorthin zu senden, so--"
+
+Der Koenig hatte das Haupt in die Hand gestuetzt und dachte laengere Zeit
+schweigend nach.
+
+"Waere es nicht," sagte Georg V. endlich, indem er den Kopf
+emporrichtete, und das Gesicht nach der Seite des Grafen Platen und dem
+Kronprinzen hinwandte, "waere es nicht am besten, um die Sache am
+einfachsten in Ordnung zu bringen und alle weiteren Schwierigkeiten zu
+vermeiden, wenn ich nach Paris telegraphirte und den Regierungsrath
+Meding, den Major von Duering und vielleicht noch einige der Officiere
+hierherkommen liess, um ihnen persoenlich meine Befehle zu ertheilen und
+die Missverstaendnisse aufzuklaeren, welche doch wohl in der ganzen Sache
+bestehen muessen, da ich mir anders den eigenthuemlichen Widerstand nicht
+erklaeren kann, den man mir entgegensetzt."
+
+Graf Platen bog den Oberkoerper zusammen, warf einen schnellen
+Seitenblick auf den Kronprinzen und sagte:
+
+"Ich fuerchte, Majestaet, dass eine solche Massregel, wie
+Allerhoechstdieselben sie hier andeuten, nur eine erneute Discussion ueber
+die ganze Frage hervorrufen und die schleunige Ausfuehrung der von Eurer
+Majestaet gefassten Beschluesse noch weiter hinausschieben wuerde. Eure
+Majestaet haben bereits den Befehl an die Officiere gesandt, dass
+dieselben sich jeder Theilnahme an Verbindungen der Soldaten zu
+gegenseitiger Unterstuetzung fern halten sollen. Damit ist also
+ausgeschlossen, dass irgend Etwas geschehen koenne, was die dortige
+Sachlage aendert; wenn Eure Majestaet nunmehr den Major von Adelebsen mit
+bestimmten Vollmachten nach Paris entsenden, so wird die ganze
+Angelegenheit sehr bald erledigt sein. Es ist uebrigens," fuhr er mit
+einem abermaligen schnellen Seitenblick nach dem Kronprinzen hinueber,
+"der Feldwebel Stuermann von der Emigration hierher gekommen, um sich im
+Auftrage seiner Kameraden persoenlich zu erkundigen, was denn eigentlich
+der Wille und Befehl Eurer Majestaet sei."
+
+"Sie haben den Feldwebel gesprochen?" fragte der Koenig schnell.
+
+"Nur fluechtig, einen Augenblick," erwiderte der Graf Platen mit einem
+leichten Anflug von Verlegenheit. "Ich wollte Eurer Majestaet nicht
+vorgreifen. Vielleicht waere es zweckmaessig, wenn Hoechstdieselben ihn
+selbst anhoerten."
+
+"Einen Feldwebel anhoeren, ohne dass ich meine Officiere gehoert habe,"
+rief der Koenig lebhaft, "das geht nicht. Ich glaube," sagte er nach
+einem augenblicklichen Nachsinnen, "dass es am besten sein wird, vor
+Allen Meding und Duering hierher kommen zu lassen, um zu hoeren, wie die
+Sache dort liegt und was sie denn eigentlich fuer Gruende gegen die von
+mir beschlossene Art der Aufloesung der Emigration haben."
+
+Graf Platen rieb sich die Haende und neigte den Kopf hin und her, ohne
+indess etwas zu sagen.
+
+"Aber Papa," sagte der Kronprinz, mit einer gewissen Schwierigkeit die
+Worte hervorbringend, "Du wirst doch nicht von dem einmal gefassten
+Beschluss wieder abgehen? Es scheint mir doch--"
+
+Ein Schlag an der Thuer ertoente.
+
+"Wer ist da?" fragte der Koenig mit seiner lauten hellen Stimme.
+
+Der Kammerdiener trat ein und sprach:
+
+"Der Ordonnanzofficier Major von Adelebsen bittet um die Erlaubniss,
+Eurer Majestaet eine Meldung machen zu duerfen."
+
+"Er soll kommen," rief der Koenig etwas verwundert.
+
+Major von Adelebsen trat ein. Er war ein Mann von einundvierzig Jahren,
+etwas ueber Mittelgroesse, von magerer Gestalt und eckigen, wenig eleganten
+Bewegungen. Sein Gesicht war bleich, von einer etwas gelblichen Farbe
+und unregelmaessigen Zuegen, welche wenig sympathisch beruehrten, obgleich
+in ihnen mehr zurueckhaltende Abgeschlossenheit lag, als jene
+eigenthuemlich-charakteristische Haesslichkeit, welche auf die Dauer zu
+gewinnen oder wenigstens zu imponiren vermag. Seine Blicke waren unstaet
+und unruhig bewegt und richteten sich bei seinem Eintritt forschend auf
+den Kronprinzen, der ihm erwartungsvoll entgegensah.
+
+Der Major von Adelebsen, welcher die kleine Uniform des fruehern
+hannoeverschen Garderegiments trug, naeherte sich dem Koenig und sprach im
+Ton dienstlicher Meldung:
+
+"Majestaet, der Lieutenant von Mengersen und der Lieutenant Heyse sind
+von Paris hier angekommen und bitten Eure Majestaet im Auftrage ihrer
+saemmtlichen Kameraden in dringenden Angelegenheiten um Audienz."
+
+Der Koenig richtete den Kopf mit fragendem Ausdruck empor. Ein leichter
+freudiger Schimmer flog ueber seine Zuege.
+
+"Und was haben sie mir zu melden?" fragte er.
+
+"Sie haben ein Schriftstueck mitgebracht, welches sie mir mitgetheilt und
+welches ihren Auftrag enthaelt. Der Inhalt dieses Schriftstuecks jedoch
+hat mich in so hohem Grade befremdet, dass ich fast Anstand nehmen muss,
+denselben Eurer Majestaet mitzutheilen."
+
+"Sprechen Sie," sagte der Koenig im ernsten Ton, waehrend der Kronprinz
+und Graf Platen einen raschen Blick miteinander wechselten.
+
+"Eure Majestaet," fuhr der Major von Adelebsen fort, "haben durch Ihren
+letzten Befehl den Officieren in Paris verboten, sich irgendwie bei
+Verbindungen der Emigration zu gegenseitiger Unterstuetzung zu
+betheiligen und sich ueberhaupt jedes Einflusses auf die Entschliessungen
+der Soldaten ueber ihr kuenftiges Leben zu enthalten."
+
+"Ganz Recht," sagte der Koenig.
+
+"Die Officiere erklaeren nun," sagte Herr von Adelebsen, "dass sie es fuer
+ein Gebot ihrer Ehre hielten, die Emigranten, welche sie so lange Zeit
+unter ihrem Befehl gehabt und welche sich ihnen voll Vertrauen
+angeschlossen haetten, ja, welche sie in dem kritischen Augenblick des
+Jahres 1867 zum Theil selbst zur Emigration veranlasst haetten, nicht
+schutz- und rathlos im fremden Lande zu verlassen. Sie hielten sich fuer
+verpflichtet, denselben in jeder Weise auch ferner ihren Rath und
+Beistand zu Theil werden zu lassen. Vor Allem aber koennten sie nicht
+glauben," fuhr er mit lebhafterem Ton fort, "dass der Befehl, welcher
+ihnen allerdings mit Eurer Majestaet Unterschrift vorgelegt worden sei,
+von Allerhoechstdenselben wirklich in voller Kenntniss des Inhalts
+unterschrieben sei, da eine Bestaetigung der Allerhoechsten Unterschrift
+auf dem Papier sich nicht vorfindet. Sie haetten desshalb die Lieutenants
+von Mengersen und Heyse abgesandt, um Eure Majestaet ihre Bedenken
+vorzutragen und Allerhoechstdieselben zu bitten, wenn Sie wirklich jenen
+Befehl gegeben, denselben in Gegenwart der genannten Officiere
+Allerhoechsteigenhaendig zu unterzeichnen."
+
+Der Koenig sprang empor, eine flammende Roethe flog ueber sein Gesicht, er
+biss die Zaehne aufeinander und stiess mit einem zischenden Laut mehrmals
+den Athem aus seinen Lippen.
+
+Der Kronprinz laechelte still vor sich hin, Graf Platen liess den Kopf auf
+die Brust sinken und schlug die Augen zu Boden nieder.
+
+"Dahin ist es also gekommen," rief der Koenig mir lauter Stimme, "dass die
+Officiere meiner Armee es wagen, an einem Befehl zu zweifeln, der meine
+koenigliche Unterschrift traegt, dass sie von mir, ihrem obersten
+Kriegsherrn, die Erfuellung jener constitutionellen Form verlangen,
+welche fuer die Civilverwaltung des Koenigreichs gesetzlich vorgeschrieben
+war. Welcher Geist," sprach er in dumpfem Ton, "muss in jenen Kreisen
+herrschen, wenn so Etwas moeglich ist. Welcher Daemon muss seine Gewalt
+ueber diese Officiere ueben, dass sie es wagen, mir so gegenueber zu
+treten."
+
+"Es ist allerdings," sagte der Major von Adelebsen, "ein hoechst
+unmilitairisches und vermessenes Vorgehen. Ich habe den Herren
+Vorstellungen gemacht, ich habe versucht, sie von ihrem Vorhaben
+abzubringen. Aber," fuegte er achselzuckend hinzu, "es ist vergeblich
+gewesen. Sie bestehen mit Entschiedenheit darauf, den Befehl in ihrer
+Gegenwart von Eurer Majestaet vollzogen zu sehen, da sie denselben anders
+nicht fuer gueltig erkennen koennen."
+
+"Sagen Sie den Herren," rief der Koenig mit zitternder Stimme, "dass ich
+sie nicht empfangen wolle, dass ich ihnen befehlen lasse, augenblicklich
+nach Paris zurueckzureisen. Ich werde ihnen," fuegte er mit muehsam
+unterdrueckter Erregung hinzu, "meinen Willen in einer Form kundgeben, an
+welcher sie keinen Zweifel werden hegen koennen."
+
+Herr von Adelebsen verneigte sich, indem ein leichtes Laecheln der
+Befriedigung um seine Lippen spielte und verliess das Zimmer.
+
+"Graf Platen," rief der Koenig, indem er sich wieder in seinen Lehnstuhl
+niedersetzte, "Sie werden mir eine zweite Ausfertigung des Befehls
+vorlegen, ich werde meine Unterschrift unter demselben beglaubigen
+lassen. Zugleich lassen Sie Vollmachten fuer den Major von Adelebsen
+ausfertigen, damit er alle Functionen des Majors von Duering sofort
+uebernehmen koenne. Er soll auf der Stelle nach Paris reisen, um die
+Aufloesung der Legion durchzufuehren."
+
+"Waere es nicht zweckmaessig, Majestaet," sagte Graf Platen, "bei dem Geist
+des Widerspruchs, der unter den Officieren in Paris zu herrschen
+scheint, die hauptsaechlichsten Fuehrer derselben von dort zu entfernen.
+Ich meine insbesondere den Major von Duering und den Premierlieutenant
+von Tschirschnitz, durch welche sich doch die Uebrigen mehr oder weniger
+bestimmen lassen."
+
+"Gewiss," sagte der Koenig, "lassen Sie sogleich die Befehle ausfertigen.
+Duering soll nach Bern, Tschirschnitz nach Basel sich begeben und dort
+meine weiteren Bestimmungen abwarten."
+
+Er lehnte sich wie erschoepft in seinen Stuhl zurueck und bedeckte das
+Gesicht mit den Haenden.
+
+"Wuerde es aber nicht zweckmaessig sein," sagte der Geheime Cabinetsrath
+mit seiner feinen und hohen Stimme, "da nun die Aufloesung der Legion in
+Frankreich durchgefuehrt werden soll und werden wird, dafuer Sorge zu
+tragen, dass diese Massregel, welche man ohne Zweifel viel besprechen
+wird, in den Augen der Welt und namentlich in den Augen der
+franzoesischen Regierung nicht so ausgelegt werde, als ob Eure Majestaet
+auf Ihr Recht verzichten und jede Thaetigkeit fuer die Wiedererlangung
+desselben fuer immer aufgeben?"
+
+"Ich glaube kaum," sagte Graf Platen, "dass man die Sache so ansehen
+koennte. Jedermann weiss, dass die Mittel Eurer Majestaet beschraenkt sind,
+und Jedermann wird begreifen, dass Allerhoechstdieselben auf die Dauer
+solche Ausgaben nicht durchzusetzen vermoegen."
+
+"Doch, doch," rief Georg V., "der Cabinetsrath hat vollkommen Recht.
+Lassen Sie durch Lume de Luine ein Schreiben an den Kaiser Napoleon
+aufsetzen, worin ich ihm die Gruende meiner Massregeln auseinandersetze,
+ihm fuer den Schutz, den er bisher den hannoeverschen Emigranten gewaehrt
+hat, danke und zugleich erklaere, dass die Aufloesung der Legion lediglich
+durch finanzielle Ruecksichten geboten sei und dass ich trotzdem niemals
+aufhoeren wuerde, jede Gelegenheit zu ergreifen, um fuer mein verletztes
+Recht zu kaempfen."
+
+Der Kronprinz wollte Etwas bemerken, rasch aber stand der Koenig auf und
+sagte:
+
+"Ich danke Ihnen, meine Herren, ich will allein sein."
+
+Fluechtig beruehrte er mit den Lippen die Stirn des Kronprinzen, welcher
+sich ihm naeherte und dann das Cabinet verliess. Graf Platen und der
+Geheime Cabinetsrath folgten und der Koenig blieb allein.
+
+Er liess den Kopf auf die Brust niedersinken. Laengere Zeit hoerte man in
+dem stillen Zimmer Nichts als die tiefen, unruhigen Athemzuege, welche
+seine Brust bewegten.
+
+"Welch ein hartes, schweres Schicksal," rief er dann.--"Ich habe meinen
+Thron und mein Koenigreich verloren! Ich bin von meinem Volk getrennt,
+dessen Glueck die ganze Kraft und Arbeit meines Lebens gewidmet war, und
+nun muss ich es erleben, dass auch Diejenigen, welche mein Unglueck
+theilten, und welche in der Verbannung mir treu geblieben, sich von mir
+wenden. So hat," rief er schmerzlich aus, "diese Zeit alle Begriffe
+verwirrt, alle sonst so heiligen Bande gelockert, dass sogar die
+Officiere meiner Armee, dieser Armee, welche so heldenmuethig und
+opferfreudig sich fuer mich geschlagen, mir nicht mehr vertrauen und sich
+gegen mich auflehnen!"
+
+Er stand auf und blieb vor seinem Stuhle stehen. Schmerzlich zuckte sein
+edles Gesicht und die blicklosen Augen wandten sich umher, als wollten
+sie mit gewaltiger Willensanstrengung das Dunkel durchbrechen, welches
+ihn umgab.
+
+"Wer zeigt mir," rief er, "wo die Wahrheit liegt, wo der rechte Weg ist,
+den ich zu gehen habe! Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen meine
+Beschluesse gefasst, ich habe gethan, was ich fuer meine Pflicht
+hielt,--und nun finde ich mich einsam und verlassen, verlassen von
+Denen, welche ich fuer die Treuesten hielt! Fast moechte ich irre werden
+an dem, was ich fuer recht erkannt, denn Diejenigen, welche jetzt meinem
+Willen widerstreben, habe ich stets als fest und muthig erkannt. Und die
+mich hier mit Rath umgeben--"
+
+Er seufzte tief auf.
+
+"Ich weiss, wie viel dem Grafen Platen zu den Eigenschaften fehlt, welche
+den grossen Staatsmann machen, ich weiss, wie leicht er zu beeinflussen
+ist.--Und doch, doch kann ich nicht anders handeln, ich habe die Mittel
+nicht mehr, den Kampf in der Weise fortzusetzen wie bisher. Und jene
+Emigranten, die ich ferner nicht unterstuetzen kann, werden ja, wenn sie
+von derselben Begeisterung fuer ihre Sache erfuellt sind, welche einst
+ihre Vaeter auf allen Schlachtfeldern Europa's fuer ihren Koenig kaempfen
+liess, Mittel finden, sich mir dennoch zu erhalten und vielleicht--
+
+"Oh, wer giebt mir Licht in diesem Dunkel--oh, dass ich nur einmal die
+Blicke und Mienen Derjenigen sehen koennte, die zu mir sprechen. Ich
+wuerde leichter erkennen koennen, wo die Wahrheit liegt."
+
+Er sank wieder auf seinen Stuhl nieder, stuetzte den Kopf in die Haende
+und blieb lange in tiefem Sinnen versunken.
+
+Dann ploetzlich schien ein Gedanke in ihm aufzusteigen, rasch bewegte er
+die goldene Glocke, welche auf einem schoen ciselirten Teller vor ihm
+stand. Der Kammerdiener trat ein.
+
+"Ist Graf Platen noch im Hause," fragte der Koenig rasch.
+
+"Zu Befehl, Majestaet, der Graf ist bei Seiner koeniglichen Hoheit dem
+Kronprinzen."
+
+"Rufen Sie ihn und den Kronprinzen."
+
+Wenige Augenblicke darauf erschienen der Prinz Ernst August und der Graf
+Platen abermals in dem Cabinet des Koenigs.
+
+"Sie sprachen mir vorhin," sagte Georg V., "von dem Feldwebel Stuermann.
+Ist er hier? Ich will ihn sprechen."
+
+Graf Platen wechselte einen Blick mit dem Kronprinzen und erwiderte
+dann:
+
+"Der Feldwebel ist hier, Majestaet, er hat soeben noch Seiner Koeniglichen
+Hoheit Bericht ueber die Verhaeltnisse und Stimmungen unter den Emigranten
+erstattet."
+
+"Bringen Sie ihn her," sagte der Koenig kurz.
+
+Graf Platen ging hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit einem Mann von
+etwa vier- bis fuenfundfuenfzig Jahren, dem man trotz seiner buergerlichen
+Tracht in seiner ganzen Haltung den alten Soldaten ansah, zurueck.
+
+Der Feldwebel Stuermann war eine hagere duerre Gestalt von Mittelgroesse,
+sein kurzes graues Haar war militairisch geschnitten; sein langes
+Gesicht von graugelber Farbe drueckte Verschlossenheit und eigensinnige
+Beschraenktheit aus. In seinen kleinen, etwas starr blickenden Augen lag
+jene listige Verschlagenheit, welche man haeufig in dem niedersaechsischen
+Stamme findet. Er trug die Medaille von Langensalza in dem Knopfloch
+seines einfachen grauen Rockes, trat einige Schritte vor und blieb dann
+in militairisch dienstlicher Haltung stehen.
+
+"Ich freue mich, Sie hier zu wissen, mein lieber Feldwebel," sagte der
+Koenig in kurzem, fast strengem Ton. "Ihre Kameraden haben Sie hierher
+gesendet, sagen Sie mir, was dieselben denken und was in Paris unter
+denselben vorgeht."
+
+Der Feldwebel warf einen Blick auf den Grafen Platen, welcher leicht mit
+dem Kopf nickte und sprach mit einer etwas schwerfaelligen Stimme, indem
+er mit einer gewissen Muehe langsam die Worte hervorbrachte.
+
+"Ich bin hierher gekommen, Koenigliche Majestaet, um genau zu erfahren,
+was denn eigentlich Eurer Majestaet Willen und Befehl ist, da weder ich,
+noch meine Kameraden uns vollkommen klar darueber sind."
+
+"Und warum nicht," fragte der Koenig kurz.
+
+"Die Herren Officiere," sagte der Feldwebel, "welche mit uns nach
+Holland gegangen sind, welche uns in der Schweiz und in Frankreich
+commandirt haben, und zu welchen wir Alle das groesste Vertrauen hatten,
+haben uns vor einiger Zeit gesagt, dass es der Wille Eurer Majestaet sei,
+fuer uns eine Colonie in Algerien zu gruenden, damit wir dort uns eine
+neue Heimath schaffen und abwarten koennen, bis der Moment gekommen waere,
+fuer das Recht Eurer Majestaet in den Kampf zu gehen.
+
+"Weiter," sprach der Koenig.
+
+"Wir haben uns Alle bereit erklaert," fuhr der Feldwebel fort, "dorthin
+zu gehen, obgleich uns viel Schlimmes von dem Lande erzaehlt wurde. Aber
+fuer Eure Majestaet und fuer unsere heilige Sache," fuhr er fort, indem er
+die Hand auf die Brust legte, "wuerden wir ja bis an's Ende der Welt
+gehen.
+
+"Nun aber," sagte er nach einem augenblicklichen Schweigen, indem er
+abermals zum Grafen Platen hinueberblickte, "hat uns vor vier Wochen der
+Herr Major von Adelebsen und der Herr von Muenchhausen, welche die
+Standquartiere der Emigranten bereisten, mitgetheilt, dass Eure Majestaet
+die Colonie in Algerien nicht wollten, dass Sie vielmehr die Legionaire
+entlassen wuerden und Jeden auffordern liessen, zu erklaeren, wohin er zu
+gehen beabsichtigte. Die Herren Officiere," sagte er dann, "haben uns
+nun zwar bestaetigt, dass von Eurer Majestaet eine Colonie in Algerien
+nicht mehr gegruendet werden wuerde. Dennoch aber haben sie uns
+aufgefordert, zusammen zu bleiben und einen Verband zu bilden und uns
+gegenseitig zu unterstuetzen, wollen auch versuchen, ob es nicht moeglich
+sei, ohne Betheiligung Eurer Majestaet von der franzoesischen Regierung
+die Herstellung einer Colonie zu erreichen, auf welcher wir eine
+gemeinschaftliche Existenz uns beschaffen koennten. Es ist darueber viel
+hin- und hergesprochen, einzelne von den jungen Leuten wollen gern ihr
+Glueck in Algerien versuchen. Wir aber, die aelteren und namentlich die
+Unterofficiere wuerden uns einem solchen Unternehmen nur anschliessen
+wollen, wenn wir bestimmt wuessten, dass wir darin dem Willen Eurer
+Majestaet gemaess handelten. Und desswegen bin ich hierher gekommen, um
+womoeglich Eure Majestaet zu fragen, was wir thun sollen."
+
+"Der Unterofficier Stuermann, Majestaet," fiel Graf Platen ein, "und
+seine Kameraden moechten es besonders Allerhoechstdenselben zur
+Beherzigung empfehlen, dass sie durch langjaehrige Dienstzeit eine
+Pensionsberechtigung erworben haben, welche sie durch ihre Auswanderung
+aus Hannover der preussischen Regierung gegenueber verwirkten, sie glauben
+desshalb, dass Eure Majestaet Gerechtigkeit anerkennen werden, wie sie in
+andern Verhaeltnissen sich befinden, als die juengern in der Emigration
+befindlichen Soldaten."
+
+"Ich glaube," sagte der Kronprinz, "dass Du das gewiss anerkennen wirst,
+Papa, und dass die Unterofficiere jedenfalls anders gestellt werden
+muessen, als die grosse Masse der Emigranten."
+
+"Gewiss," rief der Koenig lebhaft, "diejenigen gedienten Soldaten, welche
+eine Pensionsberechtigung erworben haben, sollen keinen Schaden leiden.
+Meine Kasse," sagte er mit etwas leiser Stimme, das Gesicht mit
+fragendem Ausdruck auf den Grafen Platen hinwendend, "wird diese
+Verpflichtung erfuellen koennen?"
+
+"Ganz gewiss, Majestaet," erwiderte der Minister.
+
+"Dann," sagte der Feldwebel Stuermann, "kann ich Eurer Majestaet
+versichern, dass alle meine alten Kameraden hoechst zufrieden und Eurer
+Majestaet besonders dankbar sein werden. Ich werde sehr gluecklich sein,
+ihnen das gnaedige Versprechen Eurer Majestaet mittheilen zu koennen, und
+wir werden unser Moeglichstes thun, um die juengern Soldaten von
+abenteuerlichen Unternehmungen abzuhalten."
+
+"Am besten waere es," sagte der Kronprinz ein wenig zoegernd, "wenn sie
+nach Amerika auswanderten. Dort koennen sie ja doch noch am ersten ein
+Unterkommen finden."
+
+"Zu Befehl, Koenigliche Hoheit," sagte der Feldwebel.
+
+"Dann waeren sie aber fuer mich fuer immer verloren," sprach der Koenig halb
+leise zu sich. "Nein, nein," rief er dann laut, "man soll keinen Einfluss
+in dieser Beziehung auf ihre Entschliessungen ueben. Doch," fuhr er
+abbrechend fort, indem er sich an den Feldwebel wandte, "haben denn die
+Leute eine so grosse Neigung gehabt, nach Algerien zu gehen, dass meine
+Officiere so sehr auf diesen Plan bestehen? Sie wissen vielleicht, dass
+im Lande Hannover die ganze Bevoelkerung eine grosse Abneigung gegen
+dieses Project hat und befuerchtet, die Leute koennten dort zu Grunde
+gehen?"
+
+Der Feldwebel blickte fragend auf den Kronprinzen und Graf Platen; dann
+sprach er:
+
+"Die Leute sind durch die Officiere fortwaehrend in dem Gedanken bestaerkt
+worden, dass eine Colonie in Algerien fuer sie das Beste sei,--ich habe,"
+fuhr er fort, "immer meine Bedenken dagegen gehabt. Und ich habe wohl so
+Manches gehoert--dass die franzoesische Regierung eine solche Colonie sehr
+wuensche, um die unbebauten Gegenden in Algerien fruchtbar zu machen. Man
+hat sich so Manches erzaehlt."
+
+Er schwieg abbrechend.
+
+"Was hat man sich erzaehlt?" fragte der Koenig.
+
+"Nun," sagte der Feldwebel, "man spricht so Allerlei, was ich Eurer
+Majestaet aber gar nicht erst wiedererzaehlen moechte."
+
+"Ich will Alles wissen," sagte der Koenig. "Was spricht man?"
+
+"Majestaet," sagte der Feldwebel, "das Algerien soll ein schoenes und
+fruchtbares Land sein, es hat aber ungesundes Klima und es ist Niemand
+da, um es zu bebauen.--Die Franzosen sind sehr schlechte Landarbeiter,
+da waere es denn der franzoesischen Regierung wohl sehr angenehm, wenn
+kraeftige deutsche Einwanderer ihnen helfen wuerden, das Land zu
+cultiviren. Man hat schon verschiedene solche Colonien gemacht, wie man
+mir in Paris erzaehlt hat. Es sind Unternehmer zusammengetreten, um Leute
+anzuwerben und dort hinzufuehren. Den Colonisten soll es schlecht
+gegangen sein, sie sind von Krankheiten dahingerafft, nachdem sie die
+ersten Arbeiten gethan und das Land fruchtbar gemacht hatten. Aber die
+Unternehmer haben grosse Besitzungen von der Regierung erhalten, sehr
+eintraegliche Herrschaften, und sie sind grosse, reiche Herren geworden.
+Nun, das koennte wohl Manchen ja schon locken, um etwas Aehnliches zu
+unternehmen. Ich kann mir so Etwas von unseren Officieren nicht denken;
+aber man wird doch etwas stutzig, wenn man Dergleichen so von
+verschiedenen Seiten hoert."
+
+Der Koenig zuckte zusammen, in schmerzlicher Erregung zitterte sein
+Gesicht, er streckte den Arm aus und legte die Hand auf die Schulter des
+Kronprinzen.
+
+"Ernst," rief er, "Ernst, jetzt sehe ich klar.--Darum also dieser Plan,
+darum dieser Widerstand gegen meinen Willen."
+
+Ein fast unwillkuerliches Laecheln glitt ueber die Lippen des Kronprinzen.
+Graf Platen neigte leicht den Kopf gegen den Feldwebel und sprach dann
+zum Koenig gewendet:
+
+"Es ist doch gut, dass Eure Majestaet die Gnade gehabt haben, den
+Feldwebel Stuermann anzuhoeren. In unklaren Verhaeltnissen fuehrt es immer
+zur richtigen Erkenntniss, wenn man die Sache von allen Seiten hin
+beleuchten laesst.--Und es wird gewiss von grossem Nutzen sein, wenn der
+Feldwebel seine Kameraden ueber den wahren Willen Eurer Majestaet
+aufklaert."
+
+"Ich danke Ihnen, mein lieber Feldwebel," sagte der Koenig, "ich gebe
+Ihnen noch einmal das Versprechen, dass die Pensionsberechtigung der
+Unterofficiere ihre Anerkennung finden soll."
+
+Der Feldwebel wandte sich kurz und militairisch um und ging hinaus.
+
+"Ich erwarte also," sagte Georg V. mit matter Stimme, "dass Sie sogleich
+die Vollmachten fuer den Major von Adelebsen ausfertigen. Er soll so
+schnell als moeglich abreisen. Senden Sie sogleich an Meding den Befehl,
+dass er die Unterstuetzungen der franzoesischen Behoerden in den
+Stationsorten der Emigration fuer die Aufloesung der Legion
+bewirke.--Ernst," fuhr er fort, "Du sollst mich begleiten, ich will
+einen Spaziergang machen. Ich bedarf der freien weiten Luft, der enge
+Raum dieses Zimmers erdrueckt mich mit all den traurigen Gedanken, mit
+denen diese bittern Erfahrungen mich erfuellen."
+
+Er klingelte, der Kammerdiener brachte ihm auf seinen Befehl die kleine
+oesterreichische Muetze und die Handschuhe, und, auf den Arm des Prinzen
+gestuetzt, schritt er in den Park hinaus.
+
+
+
+
+Siebentes Capitel.
+
+
+Die unruhige Bewegung auf den Strassen von Paris hatte ein wenig
+nachgelassen, dennoch sah man in den Abendstunden eine groessere Menge als
+sonst auf den hell erleuchteten Boulevards hin und herziehen. Man sah
+noch einzelne von jenen Gestalten, welche man sonst nicht zu bemerken
+pflegte und welche einzeln oder zu Zweien oder Dreien ruhig
+einhergingen, finstern Blickes die Spaziergaenger betrachtend und
+zahlreich genug, um im gegebenen Moment und auf ein gegebenes Signal
+eine Zusammenrottung zu bilden.
+
+Die sergeants de ville standen in verstaerkter Zahl an den Strassenecken,
+und so wie irgend eine Stockung des Verkehrs eintreten zu wollen schien,
+ersuchten sie das Publikum hoeflich, aber bestimmt, weiter zu gehen.
+
+Die Gruppen vor den Kaffeehaeusern, welche dort bei ihrem Glas Bier von
+Dreher, bei ihrem Grog americain oder bei ihrem Glase Cognac trotz der
+noch kalten frischen Luft im Freien sassen, sprachen lebhaft, doch ohne
+dass man eine besonders bedenkliche Aufregung haette bemerken koennen.
+
+Der allgemeine Eindruck war, dass die Bewegung, welche durch die
+Verhaftung Rocheforts hervorgerufen worden, vorueber sei, und dass
+dieselbe weiter keine Consequenzen haben werde. Man war allgemein
+zufrieden mit dem Verfahren des Kaisers, welcher nur im Falle des
+aeussersten Widerstandes das Militair hatte einschreiten lassen, und die
+Popularitaet Napoleon III. war durch seine persoenliche Fahrt ueber die
+Boulevards und durch die unruhigsten Stadttheile sehr bedeutend
+gestiegen. Man hatte von Neuem gesehen, dass der Kaiser sich nicht
+fuerchte, und nur der Souverain kann Frankreich beherrschen, ueber welchen
+die Furcht keine Macht hat.
+
+Vor einem der Cafes auf dem Boulevard des Italiens sassen an einem
+kleinen Tische mehrere Officiere der hannoeverschen Legion und suchten
+den unangenehmen Einfluss des nebelhaften feuchten Wetters durch einige
+Glaeser norddeutschen Punsches zu bekaempfen, den sie sich nach ihrer
+Anweisung von dem Garcon hatten bereiten lassen, der ein gewisses
+Erstaunen ueber die sehr unbedeutende Rolle nicht unterdruecken konnte,
+die dem heissen Wasser gegenueber dem Arac in diesem Getraenk zugewiesen
+war.
+
+An der Mitte des Tisches sass ein wenig zusammengebueckt auf einem
+hoelzernen Stuhl der Major von Duering, eine kleine schmaechtige, aber
+nervoese und muskelkraeftige Gestalt. Das schmale, scharf markirte und
+bleiche Gesicht mit dem starken, spitz gedrehten, blonden Schnurbart und
+den lebhaften, graublauen Augen drueckte muthige Entschlossenheit und
+feine Intelligenz aus. Der hohe schwarze Hut war ein wenig in den Nacken
+gedrueckt und liess die stark gewoelbte Stirn zur Haelfte frei.
+
+Er huellte sich ein wenig froestelnd in seinen Ueberrock und trank in
+kleinen Zuegen das heisse dampfende Getraenk, welches vor ihm stand.
+
+"Ich sage," sprach Herr von Duering, nachdem er laengere Zeit schweigend
+in das Treiben der Voruebergehenden geblickt und, indem er sich zu dem
+neben ihm sitzenden Premierlieutenant von Tschirschnitz wandte, einem
+grossen, schlanken, jungen Manne, dessen Gesicht mit starkem vollem Bart
+freimuethige Offenheit ausdrueckte, "ich sage Euch, die Sache wird sehr
+schlimm werden und unsere Aussicht auf die Zukunft ist wahrlich nicht
+rosig."
+
+"Das bemerkte schon jener Unterofficier," erwiderte Herr von
+Tschirschnitz mit einem gewissen trockenen Humor, "welcher bei einer
+Zusammenkunft unserer Leute die kurze und schlagende Rede hielt: Nummer
+Eins,--Zweitens--ad Drei--um kurz von der Sache zu sein--wir sehen einer
+schaudervollen Zukunft entgegen."
+
+Alle lachten.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Herr von Duering, schnell wieder ernst
+werdend, "wie Ihr noch Lust zu scherzen haben koennt! Die Lage ist doch
+wahrhaftig ernst genug.--Ich will von uns gar nicht sprechen, aber alle
+diese armen Leute, fuer die wir doch mit verantwortlich sind, sie koennen
+noch weniger wie wir sich eine andere Existenz und eine andere
+Lebensstellung schaffen, wenn man sie einfach mit einer kleinen Summe in
+der Tasche in die Welt hinaus schickt."
+
+"Warum sollte ich den Humor verlieren," erwiderte Herr von Tschirschnitz
+mit heiterm Ton, durch welchen jedoch eine gewisse tiefe Bitterkeit
+hindurchklang, "ich bin ja jetzt Generaladjutant geworden und habe die
+Legion zu commandiren--ich habe den panache.--Es ist wahrhaftig ganz wie
+in der 'Grossherzogin von Gerolstein'; ich glaube nicht, dass meine
+Herrschaft lange dauern wird und dann kann ich mit Euch zusammen
+Schulmeister werden. Jetzt aber"--er schlug die Arme untereinander,
+blickte Herrn von Duering mit komischem Blinzeln der Augen an und sagte,
+die Worte des Fritz aus der grande-duchesse citirend--
+
+"Mauvais general."
+
+"Wenn der panache an mich kommt," sagte der Lieutenant Goetz von
+Ohlenhusen, ein noch ganz junger Mann mit huebschem, etwas phlegmatischem
+Gesicht, indem er einen langen Zug aus seinem Glase that, "wenn der
+panache an mich kommt, ich werde ihn nicht annehmen."
+
+"Seid ruhig," erwiderte Herr von Tschirschnitz, "bis er an Euch kommt,
+wird er schon so zerpflueckt sein, dass keine Feder mehr daran ist, doch
+nun," fuhr er ernst fort, "ganz aufrichtig gesprochen, ich glaube
+wirklich nicht, dass die Sache so schlimm ist. Es ist ja ganz richtig,
+dass alle moeglichen Intriguen den Koenig umlagern, aber Er ist doch ein
+Herr von edelster Gesinnung und hohen ritterlichen Gefuehlen; wenn er
+unsere Vorstellungen hoert, so wird er jedenfalls noch einmal ueber die
+Sache nachdenken.--Wir wollen ja durchaus dasselbe, wie er, wir wollen
+ja, dass seine schon so belastete Kasse von dieser grossen Ausgabe fuer die
+Legion befreit werde, nur wollen wir das in einer Weise machen, dass die
+armen Leute nicht rath- und hilflos ihrem Schicksal preisgegeben
+werden, sondern dass sie im Zusammenhang untereinander der Sache des
+Koenigs erhalten bleiben. Will der Koenig die Vertheidigung seines Rechtes
+fortsetzen, so muss er sich doch Diejenigen, welche sich ihm dazu zur
+Verfuegung gestellt haben, auf irgend eine Weise erhalten, und dass kann
+nur hier auf neutralem Boden geschehen, wo sie Schutz finden. Will er
+aber sein Recht aufgeben--nun das ist ja seine Sache. Und vielleicht,"
+fuegte er seufzend hinzu, "waere es bei der Art und Weise, wie sie
+gehandhabt wird, das Beste. Dann soll man wenigstens fuer die Emigranten
+straffreie Rueckkehr nach ihrer Heimath erwirken. Das Alles muss doch dem
+Koenig einleuchten, er muss sich ja doch ueberzeugen, dass wir, die wir ihm
+unsere Treue durch die That bewiesen haben, wahrlich nicht ohne Grund
+gegen seine Befehle demonstriren."
+
+"Glaubt Ihr denn," fragte Herr von Goetz, "dass dem Koenige unsere
+Vorstellungen zur Kenntniss kommen?--Glaubt Ihr denn, dass er Mengersen
+und Heyse empfangen und hoeren wird?"
+
+"Das glaube ich gewiss!" rief Herr von Tschirschnitz mit festem Ton. "Ich
+glaube nicht, dass Jemand es wagen wuerde, dem Koenige Etwas zu
+verheimlichen oder etwas Unrichtiges vorzutragen. Das waere doch in der
+That eine zu grosse Nichtswuerdigkeit."
+
+Herr von Duering schuettelte langsam den Kopf.
+
+"Mir sind in der letzten Zeit," sagte er, "in dieser Beziehung sehr
+erhebliche Zweifel aufgestiegen. Schon seit laengerer Zeit erhalte ich
+auf verschiedene Berichte, die ich ueber die Verhaeltnisse der Legion nach
+Hietzing gesandt, Antworten, die durchaus nicht auf das passen, was ich
+geschrieben habe und welche nur dann einen Sinn haben, wenn meine
+Berichte vollstaendig missverstanden waeren, was doch bei der klaren
+Fassung derselben und bei dem seinen Verstaendniss des Koenigs kaum moeglich
+ist."
+
+"So haltet Ihr es fuer moeglich," rief der Lieutenant von Harling, ein
+junger, dunkel bruenetter Mann mit feurigen, schwarzen Augen, "so haltet
+Ihr es fuer moeglich, dass dem Koenige Etwas falsch vorgelesen oder Etwas
+verschwiegen wuerde?"
+
+"Ich will keine bestimmte Meinung aussprechen," sagte Herr von Duering,
+"ich constatire nur die Thatsache, dass die Antworten, welche ich aus
+Hietzing erhalte, absolut auf meine Berichte nicht passen, dass sogar in
+einigen dieser Antworten mir ausdruecklich Aeusserungen untergelegt
+werden, die ich niemals gemacht habe."
+
+"Es waere doch vielleicht besser gewesen," sagte Herr von Harling, gegen
+den Major von Duering gewendet, "wenn Sie oder Herr von Tschirschnitz
+nach Hietzing gegangen waeren. Ich weiss nicht, ob Mengersen und Heyse
+unsere Sache richtig fuehren werden. Mengersen spricht etwas viel und
+Heyse ist etwas bescheiden und zurueckhaltend."
+
+"Ich sollte nach Hietzing gehen," rief Herr von Duering lebhaft, "nach
+der Behandlung, die man mir hat widerfahren lassen, nachdem man mich
+ungehoert auf die schnoedeste und ruecksichtsloseste Weise meiner
+Funktionen enthoben hat, deren Fuehrung doch wahrlich unter diesen
+Verhaeltnissen ein Act besonderer Hingebung gegen den Koenig war,
+niemals!" rief er. "Ich will nur noch meine Geschaefte ordnungsmaessig
+uebergeben, will so viel ich kann fuer das kuenftige Schicksal der Leute
+sorgen, und dann wende ich unserer verlorenen Sache, welche ein so
+trauriges Ende nimmt, fuer immer den Ruecken. Ich werde keine Muehe und
+Arbeit scheuen, um mir eine Stellung zu erwerben, und ich hoffe auch,
+dass mir das gelingen wird. In der Tuerkei braucht man Officiere, der
+Vicekoenig von Aegypten sucht Instructeure fuer seine Armee. Ich kenne die
+orientalischen Verhaeltnisse einigermassen durch meine Dienstzeit in
+Algier, und ich hoffe, dort meinen Platz zu finden."
+
+"Oh, warum habe ich meine Compagnie in Sachsen im Stich gelassen," rief
+Herr von Tschirschnitz seufzend, "die man mir ganz fertig anbot, gerade
+in dem Augenblick, als die Emigration nach Holland in's Werk gesetzt
+wurde. Ich lebte dann heute ruhig und friedlich, haette die Aussicht auf
+eine vortreffliche Carriere und haette nicht noethig, diese traurige
+Erfahrung ueber die Undankbarkeit der Fuersten zu machen."
+
+Ein rasch vorueberschreitender kleiner Mann von etwa vierzig Jahren in
+einem dunklen Paletot und einen etwas in die Stirn gedrueckten Hut auf
+dem Kopf, blieb ploetzlich stehen und naeherte sich den Officieren. Sein
+Gesicht von Intelligenz und Schlauheit und von beweglichem Mienenspiel
+hatte jene helle, weiss und rothe Faerbung der nordlaendischen Race. Ein
+Guertel von dichten Sommersprossen, welche in dieser Jahreszeit weniger
+scharf hervortraten, lief ueber seine spitze, etwas hervorspringende Nase
+hin, seine kleinen, hellblauen, scharfen Augen blickten scharf und
+beobachtend umher.
+
+Freundlich erwiderten die Officiere seinen Gruss, als er an ihren Tisch
+trat.
+
+"Ich begreife nicht, meine Herren," sagte er, "wie Sie es aushalten
+koennen, in dieser Kaelte hier auf der Strasse zu sitzen, dazu muss man ein
+geborner Pariser sein, welcher gar kein Mass und keine Empfindung fuer
+die Grade der Kaelte hat. Ich fuer meine Person friere hier mehr, als ich
+es je in meinem nordischen Vaterlande gethan habe und kann mich nicht
+dazu verstehen, mich im Winter in's Freie zu setzen."
+
+"Sie sehen so vergnuegt aus," sagte Herr von Tschirschnitz zu dem
+bekannten daenischen Journalisten und Agitator fuer die Sache Daenemarks,
+Herrn Hansen, "haben Sie Aussicht, dass der Artikel V. des Prager
+Friedens endlich ausgefuehrt wird?"
+
+Herr Hansen wehrte mit der Hand ab.
+
+"Sprechen Sie mir nicht davon," sagte er halb laechelnd, halb missmuthig,
+"dieser Artikel V. ist eine Schraube ohne Ende, an welcher man
+fortwaehrend dreht, welche aber niemals weiter kommt. Was habe ich mir
+fuer Muehe gegeben, dass dieser Artikel in den Prager Frieden aufgenommen
+werden moechte. Nun ist es geschehen, und meine Landsleute sind so weit
+wie sie waren. Man hat ja hier nicht einmal die Courage, ein lautes Wort
+fuer unser Recht zu sprechen, geschweige denn wird man jemals Etwas dafuer
+thun."
+
+"Glauben Sie denn, dass die Schwachheit und Unthaetigkeit," fragte Herr
+von Duering, "mit welcher die Regierung hier gegenwaertig zu verfahren
+scheint, ewig dauern wird? Ich sehe," fuhr er fort, "dass in
+militaerischen Kreisen eine grosse Thaetigkeit herrscht, und man thut dort
+ueberall so, als ob eine maechtige Action unmittelbar vor der Thuere
+steht."
+
+"Bah," sagte Herr Hansen, "das weiss ich nicht, danach muessen Sie Nelaton
+fragen."
+
+"Nelaton?" fragte Herr von Tschirschnitz etwas erstaunt, "macht der
+Doctor Nelaton jetzt die Politik?"
+
+"Er kann wenigstens allein wissen," erwiderte Herr Hansen, "ob und wann
+der Kaiser im Stande sein wird, ueberhaupt wieder Politik zu machen. Wenn
+man jetzt wissen will, was geschehen wird, so muss man nicht die
+Minister, sondern die Leibaerzte fragen. Sehen Sie doch die Zeitungen
+an," sprach er weiter, "die wichtigsten Mittheilungen darin sind die
+Nachrichten ueber das Befinden des Kaisers. Das ist das Zeichen der Zeit.
+Die oeffentliche Meinung fuehlt sehr gut, wo der Schwerpunkt des
+politischen Lebens liegt, und wo jede thaetige Action den Stein des
+Anstosses findet."
+
+"Doch," fuhr abbrechend fort, "sagen Sie mir, ist es wahr, dass der Koenig
+von Hannover seine Legion auseinander schicken und seine Sache aufgeben
+wird?"
+
+Die Officiere blickten mit einer gewissen Verlegenheit zu Boden.
+
+"Die Unterhaltung der Legion wird auf die Dauer zu kostspielig," sagte
+Herr von Duering, "in der bisherigen Weise wird sie kaum weiter gehalten
+werden koennen. Sie wissen ja, dass man das Vermoegen des Koenigs confiscirt
+hat, und dass ihm nur wenig uebrig bleibt."
+
+Herr Hansen schuettelte den Kopf.
+
+"Die einfache Ausloesung der Legion," sagte er, "nachdem sie so lange
+gehalten ist und so viel Geld gekostet hat, waere ein grosser Fehler.
+Frueher oder spaeter wird ja doch die grosse europaeische Katastrophe zum
+Ausbruch kommen. Wenn der Koenig ueberhaupt noch handeln will, so muss er
+die Mittel dazu in Haenden behalten."
+
+"Nun," sagte er, "wir sehen uns ja wohl heute Abend noch bei Herrn
+Meding, ich will jetzt einen Augenblick den Salon von Herrn Thiers
+besuchen, dessen Empfangstag heute ist. Au revoir, meine Herren."
+
+Rasch schritt der kleine, lebhafte Mann weiter, durchschnitt mit grosser
+Geschicklichkeit die dichte Menschenmasse auf den Boulevards, wandte
+sich dann in die Rue du Faubourg Montmartre und erreichte nach kurzer
+Zeit den Platz St. George mit der kleinen Fontaine in der Mitte. An der
+einen Eckseite desselben, durch ein hohes, eisernes Gitter von der
+Strasse getrennt, lag das von Baeumen umgebene kleine Hotel des Herrn
+Thiers. Im Garten desselben dehnte sich der sprichwoertlich gewordene,
+wunderbar schoene und sorgfaeltig gepflegte Rasen aus, auf dessen gruener
+Flaeche das Auge des beruehmten Geschichtsschreibers der Revolution und
+des Kaiserreichs waehrend seiner Arbeiten mit besonderem Wohlgefallen zu
+ruhen pflegte.
+
+Einige Coupes hielten vor dem Eingangsthor. Herr Hansen schritt durch
+den etwas auswaerts fuehrenden breiten Weg zu der innern Hausthuer hin,
+trat in einen kleinen, matt erleuchteten Vorplatz, wo ein Kammerdiener
+im schwarzen Anzug ihm den Ueberrock abnahm und dann die Thuer des Salons
+oeffnete, indem er mit lauter Stimme den Namen des Eintretenden
+hineinrief.
+
+Die beiden, nicht grossen Salons des frueheren Ministers Louis Philipp's
+waren mit einer anspruchslosen Einfachheit moeblirt. Der einzige Schmuck
+derselben bestand in aeusserst werthvollen antiken Kunstwerken, welche auf
+kleinen Consolen und Tischen in den Ecken standen und in wenigen
+Oelgemaelden vorzueglicher Meister.
+
+Es waren nur erst wenige Personen in diesen Salons. In dem ersten Zimmer
+standen einige Herren in eifrigem, aber etwas leise gefuehrtem Gespraech
+beisammen. In dem zweiten, etwas matter erleuchtetem Salon sass auf
+einem Canapee vor einem kleinen Tisch Madame Thiers, eine schlanke,
+magere und etwas steife Gestalt mit einem fein geschnittenen blassen
+Gesicht von kaltem, beinahe strengem Ausdruck, der jedoch in der
+Unterhaltung durch eine angenehme, herzliche und gewinnende
+Freundlichkeit gemildert wurde. Sie war das Bild einer einfachen
+buergerlichen Hausfrau, nicht nur in ihrer Haltung und ihren Bewegungen,
+sondern auch in ihrer Gespraechsweise, obgleich sie es zuweilen verstand,
+mit grosser Feinheit und scharfem, geistvollem Urtheil an der
+Unterhaltung ueber die ernstesten Gegenstaende der Politik oder der
+Wissenschaft Theil zu nehmen.
+
+Neben ihr sass Fraeulein Dosne, ihre Schwester, nicht viel juenger als sie
+und ihr unverkennbar aehnlich, obwohl ihre ganze Erscheinung weniger
+bedeutend, weniger sicher und noch mehr kalt und zurueckhaltend war.
+
+Beide Damen trugen einfache Toiletten von schwarzer Seide und kleine
+hellblaue Bandschleifen und waren mit einer Tapisseriearbeit
+beschaeftigt.
+
+In einiger Entfernung von dem Tisch, vor welchem sie sassen und auf dem
+eine grosse Moderateurlampe mit dunkelblauem, flachem Glasschirm brannte,
+sass in einem grossen Lehnstuhl fast verschwindend, der beruehmte
+Staatsmann, welcher lange Zeit das parlamentarische Leben Frankreichs
+beherrscht hatte und dessen constitutionelles Wechselspiel mit Herrn
+Guizot einst den Mittelpunkt des Interesses Europa's bildete.
+
+Seine kleine, fast zwerghafte Gestalt war grade aufgerichtet gegen die
+hohe Ruecklehne seines Sessels gestuetzt; die beiden Arme lagen auf den
+Seitenlehnen, der Kopf war ein wenig herabgesunken, und das Kinn begrub
+sich fast in den Falten seiner hohen, blendend weissen Halsbinde. Das
+runde, sonst so bewegliche Gesicht mit der unter den abwaerts gekaemmten,
+weissen Haaren scharf hervortretenden, hoch gewoelbten Stirn, der feinen
+Nase und dem breiten, fast immer halb gutmuethig, halb sarkastisch
+laechelnden Munde,--dies Gesicht, welches sonst den reichen Redestrom des
+gelehrten Doctrinaers mit so ausdrucksvollem, bewegtem Mienenspiel
+begleitete,--war unbeweglich und still. Die Augen, welche sonst so
+scharf und fein und so wohlwollend freundlich zugleich blickten, waren
+geschlossen.--Herr Thiers schlief, wie er stets nach Tische zu thun
+pflegte, und es war ein still schweigendes Uebereinkommen unter allen
+Besuchern dieses einst so glaenzenden, in der Kaiserzeit mehr und mehr
+vereinsamten Salons, den Schlaf des alten Herrn nicht zu stoeren.
+
+Herr Hansen trat mit leisem Schritt in den zweiten Salon, gruesste Madame
+Thiers und Fraeulein Dosne mit schweigender Verbeugung, welche die Damen
+ebenfalls schweigend mit liebenswuerdiger Artigkeit, aber mit einem
+leichten Seitenblick nach dem Lehnstuhl des Herrn Thiers erwiderten und
+zog sich dann wieder in das erste Zimmer zurueck.
+
+Er naeherte sich einer Gruppe von Herren, welche sich in der Naehe des
+Fensters mit einander unterhielten.
+
+In der Mitte derselben befand sich Herr Weiss, der fruehere Redacteur des
+Journals de Paris, jetzt Staatsrath und Generalsecretair in dem neu
+errichteten Ministerium der schoenen Kuenste, welches Herr Ollivier fuer
+seinen Freund Maurice Richard geschaffen hatte, und fuer welches man sich
+bemuehte, aus verschiedenen Ressorts einen Geschaeftskreis herzustellen.
+
+Herr Weiss, ein mittelgrosser, schmaechtiger Mann mit blassem, geistig
+belebtem Gesicht von mehr feinen, als maennlich kraeftigen Zuegen, in
+seiner ganzen Haltung ein wenig an einen deutschen Professor erinnernd,
+sprach mit dem Herzog Audiffret-Pasquier und dem Historiker Mignet ueber
+die neue Entwicklung des Kaiserreichs.
+
+"Ich fuerchte," sagte Herr Mignet, "dass die Ueberfuehrung der so
+ausschliesslich persoenlichen Regierung, welche wir bis jetzt gehabt
+haben, in die constitutionelle Form nicht ohne ernste Erschuetterung
+voruebergehen kann,--nicht nur, dass der ganze Constitutionalismus den
+Traditionen und den Grundprincipien des Napoleonischen Kaiserreichs
+wesentlich widerspricht--es ist auch eine Erfahrung, welche unsere
+Geschichte deutlich zeigt, dass die franzoesische Nation nicht besonders
+geeignet ist fuer allmaelige und vermittelnde Uebergaenge. Das System,
+welches man jetzt inaugurirt, beruht in der Vertretung des oeffentlichen
+Willens durch Repraesentanten, welche nach bestimmten, gesetzlich
+geregelten Grundsaetzen aus den verschiedenen Klassen des Volkes
+hervorgehen, und unter denen natuerlich die Vertreter der Intelligenz und
+des Besitzes den bedeutendsten Einfluss fuer sich in Anspruch nehmen.
+Dadurch bildet sich das Leben der Parteien aus. Die Aufgabe der
+Regierung ist es, durch die Herstellung des Gleichgewichts zwischen den
+Parteien die oeffentlichen Angelegenheiten zu fuehren. Das Kaiserreich
+aber basirt wesentlich auf dem Volkswillen ohne eine gesichtete
+Vertretung, auf der noch unklaren, aus wechselnden Gefuehlen und
+Stimmungen sich bildenden Majoritaet der Massen. Hier stehen sich nur die
+Autoritaet und die Masse gegenueber, welche entweder vereint herrschen
+oder sich mit Gewalt gegen Gewalt bekaempfen muessen. Es ist eine schwere
+Arbeit, welche das jetzige Ministerium uebernommen hat, diese beiden, so
+weit aus einander liegenden, ja sich fast scharf gegenueber stehenden
+Prinzipien mit einander zu versoehnen, und auf dem Boden des Caesarismus
+ein constitutionelles Staatsleben erwachsen zu lassen."
+
+"Eine Aufgabe," rief der Herzog Audiffret, "bei welcher das Ministerium
+sicher auf den Beistand jedes guten Franzosen, jedes freisinnigen und
+klar denkenden Mannes rechnen kann--"
+
+"Und eine Aufgabe," fiel Herr Weiss mit seiner leisen und etwas monotonen
+Stimme ein, "an deren Erfuellung ich glaube und zu der jedenfalls die
+Regierung und Alle, die ihr angehoeren, den besten und redlichsten Willen
+mitbringen. Auch glaube ich nicht," fuhr er fort, "dass die Schwierigkeit
+derselben so gross ist, als sie Herrn Mignet erscheint. Ich glaube, dass
+gerade das constitutionelle System das einzige ist, nach welchem
+Frankreich auf die Dauer regiert werden kann. Der Kampf der Parteien in
+der Arena der Kammern giebt allen Ansichten Raum, um sich geltend zu
+machen, und dadurch wird am sichersten ein gefaehrlicher Ausbruch der
+einen oder der andern extremen Richtung vermieden. Ausserdem soll das
+constitutionelle System das Land vor unueberlegten und gefaehrlichen
+Actionen nach Aussen bewahren, zu dem Caesarismus und der Demokratie am
+Meisten neigen, denn sowohl die Massen des Volkes, als ein allmaechtiger
+Selbstherrscher sind von persoenlichen und augenblicklichen Eindruecken in
+besonders hohem Grade abhaengig. Beide neigen zur Tyrannei, bei Beiden
+liegt die Gefahr eines gefaehrlichen Spieles mit der nationalen Kraft und
+dem Nationalwohlstand.--Ich glaube nicht, dass unter einer
+constitutionellen Regierung, wie wir sie jetzt anbahnen, eine
+mexikanische Expedition moeglich sein wuerde. Was uebrigens die Verbindung
+der Napoleonischen Tradition mit dem constitutionellen System betrifft,
+so macht sich dieselbe nach meiner Ueberzeugung sehr leicht, so bald nur
+eben von Seiten des Kaisers, wie das jetzt der Fall ist, offen und frei
+die Verstaendigung mit den verfassungsmaessigen Repraesentanten der Nation
+erstrebt und gesucht wird."
+
+"General Changarnier und der Herzog von Broglie," rief der Kammerdiener
+in den Salon und neben einander traten der Repraesentant des alten
+franzoesischen Adelsgeschlechts in seiner vornehmen, eleganten Haltung
+und der greise General des Julikoenigthums herein.
+
+General Changarnier war trotz seiner vom Alter gebrochenen Haltung eine
+etwas noch militairisch kraeftige Erscheinung. Der Ausdruck seines
+ernsten wuerdevollen Gesichts mit dem weissen Bart und Haar war einfache
+natuerliche Offenheit,--seine klaren, etwas tief liegenden Augen blickten
+ruhig und nachdenklich, seine Bewegungen waren von schlichtester und
+ungesuchtester Natuerlichkeit.
+
+Die beiden Eintretenden wandten sich nach dem zweiten Salon.
+
+Herr Thiers hatte bei der Nennung ihrer Namen leicht mit den Augen
+geblinzelt, dann dieselben ganz geoeffnet und sich von seinem Stuhl
+erhoben. Sein Gesicht nahm sofort die demselben eigentuemliche
+ausdrucksvolle Beweglichkeit an,--mit schnellen Schritten naeherte er
+sich der Eingangsthuer und begruesste mit vertraulicher Herzlichkeit den
+Herzog und den General, welche darauf den Damen des Hauses ihre
+Complimente machten.
+
+Der Herzog von Broglie setzte sich neben Madame Thiers, waehrend deren
+Gemahl seine Hand leicht auf den Arm des Generals Changarnier legte, und
+indem er von unten zu demselben hinaussah, mit seiner ausdrucksvollen,
+etwas scharfen Stimme sprach:
+
+"Ich habe Sie lange nicht gesehen, mein alter Freund, Sie machen sich
+selten, das ist nicht gut. Man wird alt, wenn man sich von der
+Gesellschaft zurueckzieht."
+
+"Ich habe nicht noethig, alt zu werden," sagte der General einfach, "ich
+bin es schon und habe kaum eine Gemeinschaft mit der heutigen Welt mehr.
+Mein Leben liegt in der Erinnerung an die Vergangenheit."
+
+"Sie haben Unrecht, mein Freund," erwiderte Herr Thiers, "man gehoert
+immer dem Leben und der Gegenwart an, so lange man athmet. Die
+Erinnerungen sind nur dazu da, um uns die Gegenwart besser verstehen zu
+lassen. Darin liegt das Uebergewicht, welches ein alter Kopf ueber die
+gegenwaertige Generation hat, wenn er eben nur durch die Jugendfrische
+des Herzens und der Empfindungen unterstuetzt ist."
+
+"Dazu gehoeren aber auch," sagte der General seufzend, "gesunde Nerven
+und ein gesunder Magen. Beides habe ich nicht in dem Masse wie Sie."--
+
+"Weil Sie daran denken," rief Herr Thiers, "wenn man nie an die
+Krankheit denkt, so raeumt man ihr keine Macht ueber uns ein. Unser
+schlimmster Feind ist die Unthaetigkeit.--Ich habe mich immer durch die
+Thaetigkeit jung und frisch erhalten; nachdem ich aufgehoert habe
+Staatsmann zu sein, bin ich wieder Schriftsteller geworden. Und dadurch
+halte ich mich im Stande," fuegte er laechelnd hinzu, "wenn es einmal
+noethig sein sollte, wieder Staatsmann zu werden."
+
+"Ein Militair," sagte der General achselzuckend, "kann sich seine
+Thaetigkeit nicht willkuerlich suchen. Wir stehen auf einem exclusiv
+abgeschlossenen Gebiet, und wenn uns dies Gebiet verschlossen wird, so
+bleibt uns nichts uebrig als die Reflexion und die Erinnerung."
+
+"Ein Gebiet, das eine Zeit lang verschlossen war, kann sich aber wieder
+oeffnen. Es scheint ja, dass Frankreich jetzt zu besseren Zustaenden
+uebergeht und dass eine Reihe seiner besten Soehne nicht mehr von aller
+patriotischen Thaetigkeit ausgeschlossen werden sollen. Es kann ja
+auch--und ich hoffe es--die Zeit wieder kommen, in welcher Ihr Degen
+noch einmal dem Vaterlande grosse Dienste zu leisten berufen sein wird."
+
+Der General laechelte bitter.
+
+"Unter der Herrschaft dieses Kaisers Napoleon III.? sagte er--Sie
+scherzen."
+
+"Warum?" fragte Herr Thiers, "man muss in der Politik niemals die Person
+in Betracht ziehen, sondern immer nur die Dinge und die Verhaeltnisse;
+und dem Vaterlande zu dienen ist immer edel und gut, welche Person
+dasselbe auch an seine Spitze gestellt haben mag. Wenn der Kaiser
+Napoleon nach gesunden und richtigen Prinzipien zu regieren sich
+entschliessen kann, so wuerde ich keinen Augenblick Bedenken tragen, seine
+Regierung zu unterstuetzen, obwohl ich doch wahrlich auch--nicht dafuer
+bezahlt bin, ihn zu lieben--," sagte er laechelnd.
+
+"Kann dieser Kaiser ueberhaupt nach gesunden Prinzipien regieren?" fragte
+Changarnier, indem ein bitterer Ausdruck auf seinem sonst so freundlich
+wohlwollenden Gesicht erschien. "Kann man das Vertrauen zu ihm haben,
+dass er die Principien, welche er ausspricht, auch wirklich zur
+Richtschnur seiner Handlungen macht?
+
+"Nun," sagte Herr Thiers, "er hat uns Beide schlecht genug behandelt,
+aber ich muss gestehen, dass ich auf dem Wege, den er jetzt eingeschlagen
+hat, gern bereit bin ihn zu unterstuetzen."
+
+"Er hat," sprach der General, "Ihr Vertrauen nicht in dem Masse getaeuscht
+wie das meinige. Ich werde es nie vergessen und ihm nie verzeihen, wie
+er vor dem Staatsstreich meine Arglosigkeit benutzt hat, um jeden
+Widerstand gegen jenes Attentat unmoeglich zu machen.--
+
+"Er liess mich," fuhr er fort, waehrend Herr Thiers ihn fragend und
+erwartungsvoll anblickte, "wenige Tage vor dem 2. December in sein
+Cabinet in dem Palais Elysee rufen und unterhielt sich eingehend und
+anscheinend mit grosser Offenheit mit mir ueber die damalige Lage
+Frankreichs. Er betonte die Notwendigkeit, in die unmittelbare Naehe von
+Paris diejenigen Truppen zu bringen, welche der Republik am sichersten
+und ergebenden seien, da moeglicher Weise Unruhen entstehen koennten,
+welche im Stande sein moechten, die Freiheit der Verhandlungen der
+Nationalversammlung zu beeintraechtigen.--Auf einem Tische in der Mitte
+seines Zimmers lag eine grosse Karte von Frankreich ausgebreitet, auf
+welcher mit langen Nadeln, welche die Bezeichnungen der verschiedenen
+Regimenter auf kleinen Tafeln trugen, die Standquartiere der einzelnen
+Truppentheile angegeben waren. Der Praesident ersuchte mich, durch diese
+Nadeln die Truppendislocationen anzugeben, welche ich fuer erforderlich
+und zweckmaessig hielt. Ich that dies und stellte die Zeichen aller
+derjenigen Regimenter, deren Fuehrer und deren Soldaten ich als der
+Verfassung und der Republik am meisten ergeben kannte, in die Garnisonen
+in der unmittelbaren Umgebung von Paris.--Der Praesident, welcher
+aufmerksam zugesehen hatte, sagte mir, dass er die erforderlichen Befehle
+zu diesen Dislocationen sofort ertheilen lassen wolle, und wir trennten
+uns in der freundlichen Weise. Er hatte auf diese Weise," fuhr der
+General fort, "nur die der Republik ergebenen Regimenter erkennen
+wollen, denn unmittelbar, nachdem ich ihn verlassen, liess er diejenigen
+Truppentheile, deren Zeichen ich um Paris gesteckt hatte, durch
+heimliche und schnelle Befehle nach den entferntesten Grenzen von
+Frankreich abmarschiren und umgab Paris mit lauter Generalen und
+Truppen, die ihm blind ergeben waren.--Wenige Tage darauf wurde ich dann
+in meinem Bett verhaftet und der Staatsstreich ohne Widerstand
+durchgefuehrt."
+
+Herr Thiers laechelte.
+
+"Ich muss gestehen," sagte er, "dass dies nicht eins der ungeschicktesten
+Manoever dieses Herrn Napoleon war.--Man hat sich ueberhaupt in ihm
+getaeuscht.--Nun mag dem sein, wie ihm wolle, will er sich bekehren, will
+er in Frankreich gut regieren--und ich werde mich nicht nach den Worten,
+sondern nach den Thaten richten--so muss man ihn doch unterstuetzen. Fuer
+Sie wuerde das uebrigens viel leichter sein," fuhr er fort, "ein General
+kann bei den Diensten, die er seinem Vaterlande leistet, viel mehr von
+der Person des zeitweiligen Herrschers absehen, als ein Minister. Auf
+dem Schlachtfelde handelt es sich doch immer mehr um die Ehre und um den
+Ruhm Frankreichs, als um dieses oder jenes politische System."
+
+"Auf dem Schlachtfelde," sagte der General achselzuckend, "davon wird
+wohl lange nicht bei uns die Rede sein. Wir haben unsere Kraefte in
+wahnsinnigen und fruchtlosen Expeditionen vergeudet, und da, wo unsere
+Interessen und unsere Ehre uns wirklich geboten zu schlagen, haben wir
+in muthloser und schwankender Unthaetigkeit zugesehen, wie man ohne uns
+das europaeische Gleichgewicht veraenderte."
+
+"Das ist richtig," sagte Herr Thiers ernst, "aber der Fehler, den die
+Regierung begangen hat, wird sich raechen, und zwar raechen durch einen
+Krieg, der um so gewaltiger und erschuetternder sein wird, je mehr man
+ihn zur Zeit, da er vernuenftiger Weise geboten war, unterlassen hat. Die
+Regierung des Kaisers," fuhr er fort, indem er die Arme unter einander
+schlug und ein wenig in dem Ton eines politischen Vortrages weiter
+sprach, "die Regierung des Kaisers hat uns in einen sehr bedenklichen
+Zustand versetzt. Es war eine Regierung ohne Regel und ohne Ordnung. Der
+Brief des Kaisers an den Herzog von Augustenburg hat Daenemark, unsern
+Alliirten, getoedtet und Europa zu gleicher Zeit der Willkuer der Gewalt
+Preis gegeben. Von jener Epoche an datirt all unser Unglueck. Der Krieg
+ist unvermeidlich. Zwei grosse Kraefte wie Frankreich und Preussen koennen
+nicht immer, bis an die Zaehne bewaffnet, mit unter einander
+geschlagenen Armen einer der andern gegenueber stehen, das muss einmal zum
+Ausbruch kommen.--Wann aber?--Ich weiss es nicht und Niemand weiss
+es.--Preussen wird nichts nachgeben, gar nichts, es wird keine
+Concessionen machen, glauben Sie es ja, und dann wird endlich der
+Augenblick kommen, in welchem die franzoesische Regierung, sie moege
+heissen, wie sie wolle, durch Aufwallen des Nationalzorns zum Handeln
+gedraengt werden wird.--Die einzige Macht, welche durch eine kraeftige
+Vermittlung den Conflict zu verhindern im Stande sein koennte, ist
+England; doch glaube ich nicht an solch eine Vermittlung. Lord Clarendon
+wird einzelne Versuche machen, aber er wird nichts Ernstes thun und
+namentlich seinen Worten keinen thaetigen Nachdruck geben. Er ist sehr
+vorsichtig und sehr wenig geneigt zu energischen Massregeln.
+
+"Freilich," sprach er weiter, "wird es in einem solchen Augenblicke
+nicht allein auf tuechtige Generale, sondern auch auf Staatsmaenner
+ankommen, welche Kraft und Energie besitzen und zugleich durch ihren
+Charakter der Nation Vertrauen einfloessen.
+
+"Unser guter Freund Daru, den ich sehr hoch schaetze, wuerde vielleicht
+kaum einer so grossartigen Action gewachsen sein, wie die Zukunft sie
+uns auferlegen muss. Ich sehe ueberhaupt nach dem Tode von Walewsky,
+welcher ein ehrlicher Mann war, unter Denen, welche dem Kaiser naeher
+stehen, nur Drouyn de L'huys, der einer solchen Aufgabe gewachsen sein
+koennte.--Ich glaube auch, dass er noch in sehr nahen Beziehungen zum
+Kaiser steht, aber er muss sehr unzufrieden sein mit dem Gang der
+auswaertigen Politik, welche nach seinen Ideen im Jahre 1866 eine ganz
+andere Richtung haette nehmen muessen."
+
+Herr Thiers hatte die letzten Worte mehr zu sich selber, als zum General
+Changarnier gesprochen. Seine Stimme war immer leiser geworden, er
+blickte, wie seinen Gedanken folgend, einige Augenblicke schweigend zu
+Boden.
+
+Die uebrige Gesellschaft hatte sich allmaelig ebenfalls mehr und mehr nach
+dem zweiten Salon hingezogen, nachdem Herr Thiers seinen Schlummer
+beendet und wieder an der Unterhaltung Theil zu nehmen begonnen.
+
+Herr Mignet trat heran und begruesste den Hausherrn mit ehrerbietiger
+Herzlichkeit.
+
+"Man erzaehlt mir," sagte er, "dass Sie sich mit einem grossen Werk ueber
+die Philosophie der Geschichte beschaeftigen--der Inhalt wird fuer jeden
+Historiker von grossem Interesse sein. Wird die literarische Welt bald
+Etwas davon zu sehen bekommen?"
+
+"Das wird davon abhaengen," sagte Herr Thiers laechelnd, "wie bald ich
+mein Leben und damit meine Thaetigkeit beenden werde, denn ich bin
+entschlossen, die Kritik dieses Werkes, das bald beendet ist, nicht
+lebend ueber mich ergehen zu lassen, und dasselbe erst dann dem Publikum
+zu uebergeben, wenn ich selbst der Beurtheilung der irdischen Welt
+entzogen sein werde. Denn," fuhr er fort, "ich will in diesem Werk ueber
+sehr viele Dinge ganz ohne alle Ruecksicht die Wahrheit sagen, und das
+koennte mir vielleicht viele Feinde machen, mit denen ich mich in der
+friedlichen Musse meines Lebensabends nicht mehr zu streiten Neigung
+habe. Ich glaube," fuhr er fort, "dass die gegenwaertige Welt einen
+gewissen Mangel an gesundem Menschenverstand besitzt. Da ich nun sehr
+lange gelebt und sehr Vieles gesehen und gelernt habe, so will ich ueber
+Alles das meine Meinung sagen, gerade so, als ob ich einen Sohn haette,
+dem ich in einem Testament meine letzten Rathschlaege ertheile, um die
+reichen Erfahrungen meines Lebens fuer ihn nuetzlich zu machen. Der Himmel
+hat mir Kinder versagt," sagte er mit einem wehmuethig freundlichen
+Laecheln,--"so will ich denn ganz Frankreich und die ganze gebildete
+Welt als meinen Sohn betrachten. Vielleicht kann ich dadurch noch nach
+meinem Tode ein wenig nuetzlich sein. Gedulden Sie also Ihre Neugier noch
+kurze Zeit, denn ich werde ja wahrscheinlich nur noch kurze Zeit zu
+leben haben."
+
+"Herr Graf Daru!" rief der Kammerdiener.
+
+Herr Thiers ging seinem alten Bekannten, welcher jetzt das Ministerium
+der auswaertigen Angelegenheiten inne hatte, mit kurzen, raschen
+Schritten bis an die Schwelle des ersten Salons entgegen, indem er ihm
+freundlich die Hand hinstreckte.
+
+Der Graf Napoleon Daru, der Sohn des bekannten Grosswuerdentraegers des
+ersten Kaisers, welcher spaeter mit der Julimonarchie innig liirt gewesen
+und lange Zeit von jeder politischen Thaetigkeit fern geblieben war,
+mochte damals fast sechzig Jahre alt sein. Er war eine kalte, vornehme
+Erscheinung von wuerdevoller, etwas steifer Haltung, sein ernstes Gesicht
+mit dem grauen Haar trug den Ausdruck hoeflicher Zurueckhaltung, in seinen
+Zuegen verband sich eine gewisse militairische Steifheit mit der
+selbststaendigen Abgeschlossenheit des Gelehrten, der durch strenge
+theoretische Studien sich ueber alle ihm vorkommenden Dinge ein
+philosophisches Urtheil zu bilden gewohnt ist.
+
+Nachdem Graf Daru mit den Damen eine kurze Unterhaltung gefuehrt hatte,
+bei welcher eine gewisse Preoccupation auf seinem Gesichte bemerkbar
+war, wandte er sich wieder zu Herrn Thiers, der ihn laechelnd fragte.
+
+"Darf man, ohne indiscret zu sein, sich erkundigen, wie die auswaertigen
+Angelegenheiten unseres Kaiserreichs sich befinden?"
+
+"Die auswaertigen Angelegenheiten befinden sich vortrefflich," erwiderte
+der Minister mit seiner klaren, etwas scharfen Stimme. "Ich wollte,"
+fuegte er hinzu, "dass ich dasselbe von den innern Angelegenheiten sagen
+koennte."
+
+Ein wenig erstaunt blickte Herr Thiers auf.
+
+"Nun," sagte er, "wir haben soeben noch ueber die innern Angelegenheiten
+gesprochen, und ich bin zu dem Resultat gekommen, dass, obwohl ich keine
+persoenliche Sympathie fuer dieses zweite Kaiserreich haben kann, ich
+dennoch anerkennen muss, wie die neue Aera der innern Politik allen
+Anforderungen entspricht, die man vernuenftiger Weise machen kann, und
+der beste Beweis scheint mir darin zu liegen, dass Sie, mein verehrter
+Freund, gegenwaertig Mitglied des Ministeriums des Kaisers sind. Ist der
+Weg, auf dem man sich befindet, ein richtiger, so wird man ja ueber
+einzelne kleine Schwierigkeiten leicht hinwegkommen."
+
+"Vorausgesetzt, dass man diesen Weg verfolgt", erwiderte der Graf, "und
+dass man nicht ebenso viele Schritte zurueckthut, als man voran gegangen
+ist."
+
+"Wie so?" fragte Herr Thiers, der aufmerksam zu werden begann.
+
+"Es wird ja doch morgen bekannt werden," sagte der Graf Daru,--"also
+begehe ich kaum eine Indiscretion, wenn ich Ihnen mittheile, dass der
+Kaiser soeben einen Brief an Ollivier geschrieben hat, in welchem er ihm
+sagt, dass er ein Plebiscit fuer noethig halte, um die von dem Senat und
+Gesetzgebenden Koerper genehmigte Veraenderung der Verfassung des
+Kaiserreichs nunmehr zu sanctioniren. Die fruehere Verfassung sei durch
+den allgemeinen Volkswillen festgestellt und es muesse derselbe daher
+auch den gegenwaertigen Abaenderungen derselben seine definitive
+Zustimmung geben."
+
+"Und was sagt Ollivier?" fragte Herr Thiers sehr ernst, waehrend die
+uebrige Gesellschaft naeher herantrat und mit Spannung dem Gespraech
+folgte.
+
+"Ollivier," erwiderte Graf Daru, "hat sich vollkommen die Ideen des
+Kaisers angeeignet und findet die Berufung auf das Plebiscit vollkommen
+natuerlich. Ich meinerseits," fuhr er mit einer gewissen Bitterkeit
+fort, "sehe darin nur die Rueckkehr zu dem Grundsatz, dass das persoenliche
+Regiment, auf den Willen der Masse gestuetzt, sich von Neuem ueber die
+Verfassung und ueber das Votum der legalen Repraesentanten der Nation zu
+stellen beabsichtigt. Wo ist ueberhaupt noch eine Sicherheit fuer die
+oeffentlichen Zustaende, wenn Alles, was geschieht, jedesmal von einem
+solchen Plebiscit abhaengig gemacht werden soll, das ja im Grunde doch
+nur eine Komoedie ist und gegenueber einer starken Regierung immer nach
+deren Ansichten ausfallen wird, da ja Diejenigen, welche nicht zustimmen
+moegen, sich nicht den bedenklichen Folgen eines negativen Votums
+auszusetzen Lust haben werden."
+
+"Das ist ein eigenthuemlicher Schachzug," sagte Herr Thiers nachdenklich.
+"Aber ich moechte Sie doch noch einmal fragen, mein lieber Freund, wie
+steht es mit der auswaertigen Politik, denn dieses Plebiscit scheint mir
+mehr im Zusammenhang damit zu stehen, als mit den innern Verhaeltnissen.
+Wie stehen Sie mit Preussen?"
+
+"Kalt und misstrauisch," erwiderte Graf Daru, "aber es liegt auch
+durchaus keine Veranlassung zu irgend einer Differenz vor, da von beiden
+Seiten die Eroerterung aller Punkte, welche dahin fuehren koennten,
+sorgfaeltig vermieden wird. Man hat von englischer Seite versucht, auf
+eine gegenseitige Verminderung der militairischen Ruestungen hin zu
+wirken, doch natuerlich vergeblich--in Berlin hat man selbst die blosse
+Eroerterung dieses Punktes ziemlich kurz zurueckgewiesen."
+
+"Und Sie," fragte Herr Thiers, indem er mit einem listigen Blick zu Graf
+Daru hinaussah, "werden doch wahrscheinlich auch nicht geneigt sein, die
+Militairmacht Frankreichs ernstlich zu vermindern?"
+
+"Wir koennen es nicht," erwiderte Graf Daru, "so lange von anderer Seite
+nicht der Anfang gemacht wird."
+
+"Das alte Wechselspiel," sagte Herr Thiers, "Jeder will, dass der Andere
+zuerst abruesten soll. Ich muss Ihnen sagen," fuhr er fort, "dass mir das
+Alles sehr bedenklich erscheint. Sehen Sie die Geschichte an, namentlich
+die neuere und neueste Geschichte, so werden Sie immer finden, dass,
+sobald die Frage der militairischen Abruestung zwischen zwei Maechten
+ernsthaft discutirt wird, jedesmal bald darauf ein Krieg folgt. Halte
+ich dies mit dem in Aussicht genommenen Plebiscit zusammen, so muss ich
+darauf zurueckkommen, was ich vorhin sagte--"
+
+Er wandte sich zu dem General Changarnier--"Dass naemlich unser tapfrer
+Freund hier doch noch Gelegenheit finden koennte, seinen Degen im
+Dienste Frankreichs zu ziehen. Glauben Sie mir," fuhr er fort, "ich habe
+fuer so Etwas einen gewissen Scharfblick,--dies Plebiscit ist der
+Vorlaeufer einer auswaertigen Action. Der naechste Schritt," sprach er
+weiter, "den England thun muss, wenn seine Vermittlung wegen der
+Abruestung keinen Erfolg hat--den Schritt, dem sich schliesslich ganz
+Europa wird anschliessen muessen, muss der sein, dem Kaiser zu sagen: 'Sie
+haben nicht das Recht, die Welt in ewiger Unruhe zu erhalten, Sie haben
+den Krieg fortwaehrend wie eine unausgesetzte Drohung in der Hand
+gehalten, und doch keine Gelegenheit benutzt, die sich darbot, um eine
+energische Klaerung der Situation herbeizufuehren. Das Alles muss endigen,
+entscheiden Sie sich Krieg zu fuehren, oder erklaeren Sie offen, dass Sie
+rueckhaltslos den Frieden wollen, und handeln Sie danach; die
+gegenwaertige Situation ist fuer ganz Europa unertraeglich--'"
+
+Er hielt inne und fragte abbrechend:
+
+"Und welche Haltung wollen Sie diesem Plebiscit gegenueber einnehmen,
+welches Ollivier bereits acceptirt hat?"
+
+"Ich habe erst fluechtig darueber mit den mir gleich gesinnten Collegen
+sprechen koennen," erwiderte Graf Daru, "es ist eine schwierige
+Situation, die man uns da geschaffen. Das Plebiscit hat eine grosse
+Popularitaet bei den Massen, und sich demselben widersetzen, wuerde uns
+fast als die Vertreter reactionairer Grundsaetze vor den Augen der
+oeffentlichen Meinung hinstellen! Doch muessen wir nach meiner
+Ueberzeugung auf der andern Seite auch einer fortwaehrenden Appellation
+von den gewaehlten Repraesentanten an das Volk selbst ernstlich
+entgegentreten."
+
+"So machen Sie doch," sagte Herr Thiers, "die Bedingung, dass das
+Plebiscit nur von der Regierung in Gemeinschaft mit dem Senat und dem
+Gesetzgeben-Koerper ausgeschrieben werden duerfe. Dann hat die Sache doch
+wenigstens einen gewissen Sinn und stellt die Kammern nicht als Nullen
+zwischen den Kaiser und die Volksmasse."
+
+"Das ist eine vortreffliche Idee!" rief Graf Daru, und, indem er den Arm
+des Herrn Thiers nahm, zog er sich mit diesem in eine Ecke des Salons
+zurueck und vertiefte sich mit ihm in ein langes und eifriges Gespraech.
+
+Die Unterhaltungen der uebrigen Gruppen waren ebenfalls eifriger und
+lebhafter geworden. Man besprach die Idee des Plebiscits von allen
+Seiten, und im Ganzen fand dasselbe bei allen hier Anwesenden nur
+Missbilligung.--Sie Alle waren Vertreter der constitutionellen Doctrin
+und fuehlten sehr wohl, dass derselben vollstaendig die Spitze abgebrochen
+wuerde, wenn die Regierung der Kammermajoritaet gegenueber fortwaehrend die
+Waffe der Appellation an das allgemeine Volksstimmrecht in der Hand
+behielt.
+
+Nach einiger Zeit hatte Herr Thiers sein Gespraech mit dem Grafen Daru
+beendigt,--er naeherte sich seiner Gemahlin,--diese gab Fraeulein Dosne
+einen Wink.
+
+Beide Damen standen auf und legten ihre Arbeit zusammen. Dies war das
+Zeichen fuer die Gesellschaft, dass der Empfang beendet und dass fuer Herrn
+Thiers, welcher seine Gesundheit und Ruestigkeit durch eine ungemein
+strenge Zeiteinteilung so vortrefflich zu conserviren verstanden,
+nunmehr die Stunde gekommen sei, zu welcher er gewohnt war, sich
+zurueckzuziehen, um nach einem kurzen Ueberblick ueber die Arbeit und die
+Ereignisse des Tages den Schlaf zu suchen, welcher ihm bis in sein hohes
+Alter hinein ein treuer Freund geblieben war.
+
+Die Gesellschaft empfahl sich und bald erloeschten die Lichter in dem
+kleinen Hotel an der Place de St. George.
+
+
+
+
+Ende des ersten Bandes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Todesgruss der Legionen. Erster
+Band., by Johann Ferdinand Martin Oskar Meding, AKA Gregor Samarow
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER TODESGRUSS DER LEGIONEN. ***
+
+***** This file should be named 13657.txt or 13657.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/3/6/5/13657/
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+Produced by PG Distributed Proofreaders.
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+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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