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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13451 ***
+
+DER MANN IM MOND
+
+oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme
+
+Nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond
+
+von WILHELM HAUFF
+
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+
+
+
+
+
+INHALT.
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+
+ERSTER TEIL.
+
+Der Ball
+Ida
+Schöne Augen
+Der Fremde
+Die Kirche
+Das Souper
+Das Urteil der Welt
+Der Kotillon
+Die Beichte
+Das Dejeuner
+Der Brief
+Operationsplan
+Die Mondwirtin
+Der polnische Gardist
+Der Hofrat auf der Lauer
+Der selige Graf
+Gute Nachricht
+Der lange Tag
+Der Tee
+Das Ständchen
+Die Freilinger
+Feindliche Minen
+Geheime Liebe
+Emils Kummer
+Der selige Berner
+Entdeckung
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+Die Heilung
+Neue Entdeckung
+Das _Tête-à-tête_
+Das Unkraut im Weizen
+Das Unkraut wächst
+Trübe Augen
+Die Gräfin agiert
+Eifersucht
+Der neue Nachbar
+Trau--schau--wem?
+Der Gram der Liebe
+Feine Nasen
+Der Herr Inkognito
+Emil auf der Folter
+Der Rittmeister
+Unschuld und Mut
+Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus
+Das Duell
+Fingerzeig des Schicksals
+Licht in der Finsternis
+Reue und Liebe
+Versöhnte Liebe
+Die Freiwerber
+Fortsetzung der Freier
+Die Soiree
+Die Braut
+Präliminarien
+Zurüstungen
+Hochzeit
+Der Schmaus
+Schluß
+Nachschrift
+Kontrovers-Predigt
+
+
+
+ERSTER TEIL.
+
+
+
+DER BALL.
+
+Über Freilingen lag eine kalte, stürmische Novembernacht; der Wind
+rumorte durch die Straßen, als sei er allein hier Herr und Meister
+und eine löbliche Polizeiinspektion habe nichts über den Straßenlärm
+zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die
+Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen während des
+Höllenwetters, das draußen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr
+lebhaft auf den Straßen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt
+rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten
+erleuchtet, sich ausdehnte.
+
+Es war Ball dort, als am Namensfest des Königs, das die Freilinger,
+wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert
+vorbeiließen. Morgens waren die Milizen ausgerückt, hatten prächtige
+Kirchenparade gehalten und kümmerten sich in ihrem Patriotismus wenig
+darum, daß die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut
+genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem
+jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und
+getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig
+geworden waren.
+
+Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger
+Schönen und Nichtschönen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt
+hatten. Schön konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch
+Hofrat Berner arrangiert, und das mußte man ihm lassen, so viele
+Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu
+veranstalten, verstand er aus dem Fundament.
+
+Die Wagen hatten nach und nach alle ihre köstlichen Waren entladen;
+die Damen hatten sich aus den neidischen Hüllen der Pelzmäntel und
+Schals herausgeschält und saßen jetzt in langen Reihen, alle in
+unchristlichem Wichs, an den Wänden hinauf. Es war der erste Ball in
+dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke
+und Gesunde waren aus den Bädern zurückgekehrt; es ließ sich also
+erwarten, daß das Neueste, was man überall an Haarputz und Kleidern
+bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem
+Abend zur Schau gestellt werden würde. Daher füllte die erste halbe
+Stunde eine Musterung der Coiffüren und Girlanden, und das Bebbern
+und Wispern der rastlos gehenden Mäulchen schnurrte betäubend durch
+den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geärgert und bewundert und
+fragte überall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch
+nicht geben wolle.
+
+Das hatte aber seine ganz eigenen Gründe; man sah ihm wohl die Unruhe
+an; aber niemand wußte, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit,
+unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein
+ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fünf Uhr mit seinem Arrangement
+fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eröffnet;
+aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Männchen
+überfallen zu haben.
+
+Nur _er_ wußte, warum alles warten mußte; keinem Menschen,
+soviel man ihn auch mit Schmeichelwörtchen und schönen Redensarten
+bombardierte, vertraute er ein Sterbenswörtchen davon; er lächelte
+nur still und geheimnisvoll vor sich hin und ließ nur hie und da ein
+"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen.
+
+Wir wissen es übrigens und können reinen Wein darüber einschänken:
+Präsidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurückgekommen;
+er, der alte Hausfreund, war zufällig dort, als sie ankam; er hatte nicht
+eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu
+setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war präsentiert
+worden, ausbügeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte
+er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke
+der Herren, wenn er die wunderschöne Dame in den Saal führen würde;
+denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_.
+
+Wo hatte nur das Mädchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich
+bildhübsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie
+besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie
+auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem
+vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie früher
+auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen
+der Präsidentin, zu allen tollen Streichen angeführt. Er liebte sie
+wie sein eigenes Kind; aber er mußte sich vor drei Jahren doch
+gestehen, daß ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden
+solle, das man da in die Residenz führe, um sie menschlich zu machen.
+
+Denn wollte man ein Mädchen sehen, das zur Jungfrau und fürs Haus
+völlig verdorben schien, so war es Präsidents Wildfang; einen solchen
+Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu
+breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie
+klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch
+selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres
+Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als
+sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute
+vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnädigen Mama
+war, daß sie Französisch plappere wie ein Stärchen und daß, trotz
+ihrem Umherrennen in der Märzsonne, ihr Teint dennoch trefflich
+erhalten sei.
+
+Aber jetzt--!
+
+Nein, was war mit diesem Mädchen in den kurzen drei Jahren eine
+Veränderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen,
+alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fülle bekommen, die man
+sonst nicht für möglich gehalten hätte; das Haar, das sonst, wie oft
+man es auch kämmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in
+unordentlichen Strängen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der
+herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren
+glänzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein
+Feuerrädchen umher, alles anzuzünden drohend. Die Wangen bedeckte ein
+feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem
+Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und
+hatte eine Würde bekommen, über die der staunende Hofrat lächeln
+mußte, so sehr er sie bewunderte.
+
+Dieses Götterkind, diesen Ausbund von Liebenswürdigkeit, erwartete
+der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe
+hörbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie mußte sie erst im
+Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseüberröckchen und in der
+Haube _à la jolie femme_ beinahe närrisch machte; wie mußte
+sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach
+dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schöne Stirne und
+den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche
+die handbreiten Brüsseler Kanten umziehen sollten, mit dem
+Amethystschmuck schmückte, den sie von ihrer Pate, der Fürstin
+Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener
+Herzlichkeit, mit der sie früher versprochen, einen Spaziergang mit
+ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war,
+jetzt als Königin des Festes die erste Polonäse zugesagt.--
+
+Immer verdrießlicher wurden die Damen, immer ungestümer mahnten die
+Herren den alten _Maître de plaisir_; schon seit einer halben
+Stunde stimmten die Musikanten, daß man vor dem Quieken der
+Klarinette, vor dem Brummen der Bässe sein eigenes Wort nicht hörte,
+--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen über den Marktplatz her und
+hielt vor dem Flügeltor des Museums.
+
+"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stürzte zum Saal hinaus; bald
+darauf öffneten sich die Flügeltüren, und der kleine freundliche Alte
+schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+IDA.
+
+Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das
+wunderschöne Mädchen sein, so hoch und schlank mit dem königlichen
+Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kräftigen Frische des
+jugendlichen Körpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als
+käme sie alle Tage auf Freilinger Bälle und Assembleen; und doch
+kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Präsident,
+wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Präsidents Ida!
+
+Aber wie herrlich war dieses Knöspchen aufgegangen! "Welcher
+Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken!
+Wahrhaftig, man möchte ein Mückchen oder noch etwas Wenigeres sein,
+nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen,
+welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wünschten
+sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Fähnchen, die sie doch ihr
+gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und für
+wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und
+Astern, die eben erst aus den Gärten der Hesperiden gepflückt zu sein
+schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle
+vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst
+Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, hätte
+ihnen keinen schlimmern Streich spielen können, als diese Ida gerade
+heute einzuführen. Aber man mußte sich Gewalt antun; der Präsident
+machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der
+Provinz, eine glänzende Aussicht auf _Thés dansants_, Soupers,
+Hausbälle und dergleichen eröffnete sich vor den schnell berechnenden
+Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt
+war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wußte, daß dies der Herr
+Papa Präsident nie verzeihen würde; man nahm sich zusammen, und in
+kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt,
+welche Glück wünschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei
+dies und jenes von dem hoffähigen Anzug spickten. Alle redeten zumal,
+keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein
+Donnerwetter über das andere, daß sich eine so dichte Wolke vor diese
+kaum aufgegangene Sonne gedrängt und sie ihrem Anblick entzogen habe.
+
+Jetzt zog Hofrat Berner das weiße Sacktuch, schwenkte es in der Luft
+und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das
+Zeichen, und eine herrliche Polonäse begann. Im Nu stoben die
+Glückwünschenden auseinander und machten Raum für die Assessoren,
+Leutnants, Sekretäre, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die
+glücklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen
+Walzer, eine Ekossäse oder gar den Kotillon mit Ida die Hälse brechen
+wollten. Sie aber lachte, daß die Schneeperlen der Zähne durch die
+Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu
+versagen, hüpfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand.
+
+Selig, gerührt, begeistert stellte er sich mit seinem holden
+Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den
+mutigen, lockenden Tönen der Polonäse stolzen Schrittes gegen das
+wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den
+Flanken, überallher aus den Mündungen der Lorgnetten auf seine
+Tänzerin sprühte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt
+des Korsettchens einen Kürassierpanzer von feinstem Stahl mit der
+Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie
+die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das
+Kartätschenfeuer marschierte? Ich weiß nicht; aber sie schien gar
+nicht auf die schrecklichen Ausbrüche der gebrochenen Herzen, auf die
+Knallseufzer der Verwundeten zu hören; das Plappermäulchen ging so
+ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre jünger, mit dem guten
+Hofrätchen im Wald spazieren.
+
+Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld
+losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Übermuts aufs
+Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie
+sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es
+dem Hofrat als Findling vor die Türe gelegt, wie sie dem Oberpfarrer
+die Waden voll Stecknadeln gesetzt, daß sie aussahen wie der Rücken
+eines Stachelschweines, alles, ohne daß er es merkte; denn er trug
+_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war
+ja dasselbe lustige, naive Ding wie früher und doch so wunderherrlich,
+so groß, mit so unendlich viel Anstand und Würde! Er hätte sie auf
+der Stelle am Kopf nehmen und recht abküssen mögen wie früher,
+wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte.
+
+Es ging über seine Begriffe! "Wie können Sie nur so hartherzig sein,
+Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren
+werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick
+für alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehört
+haben müssen?"
+
+"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der größten
+Ruhe fort. "Die sind hier wie überall, unverschämt wie die
+Fleischmücken im Sommer. Das könnte kein Pferd aushalten, wollte man
+darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man
+gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht,
+wie sie dieser und jener dasselbe zuflüstern, vor der Ursel ebenso
+wie vor der Bärbel sterben möchten, so weiß man schon, was solche
+schnackische Redensarten zu bedeuten haben."
+
+Die muß eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat.
+Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der
+Farbe, als wäre sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und
+London umhergefahren! Er ärgerte sich halb und halb über Mamsell
+Neunmalklug und Übergescheit; denn es waren just keine unebenen
+jungen Männer, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und
+ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amürchen gehabt
+hatte, konnte nichts mehr ärgern als ein fühlloses Herz.
+
+Aber dieser Ärger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen.
+Wenn er in ihr volles, glühendes Auge sah, wenn er den süßgewölbten
+Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener,
+aber ich nicht! Weiß ich doch von früher her, wie du gerne Flausen
+machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X für ein U
+unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir
+irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende
+doch in der Residenz geblieben, und Fräulein Stahlherz ist nur darum
+so spröde gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat
+Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses
+Auge weiß, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon
+geküßt, aber anders als nur solche Hofratsküsse!
+
+Der gute Alte äußerte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber
+sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte lächelnd: gefallen
+habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch
+keinen Mann als ihren Vater und ihn.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SCHÖNE AUGEN.
+
+"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an
+ihren Platz geführt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen,
+der da mit Ihnen kam?"
+
+"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand
+dabei. Wen meinen Sie denn?"
+
+"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn
+niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst müßte er ja--Sie
+wissen, daß das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst müßte er
+ja eingeführt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine
+Säule gelehnt, stand unbeweglich mit übergeschlagenen Armen eine
+schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die
+glänzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte
+sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener
+sich um, und unwillkürlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte
+Blässe lag auf diesem feinen, schönen Gesicht, geheimer Gram oder
+verschlossenes Kämpfen mit finsterem Leiden schien das muntere,
+jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schönsten Ebenmaß geformten
+Zügen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefühl drängte sich
+bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit
+zweifelhafter Furcht streiten zu wollen.
+
+Kaum hatte des Fremden glühendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie
+ihren Blick abwandte. Überraschung und Verlegenheit machten sie stumm
+auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schönen Stirne, über
+den Liliensamt der blühenden Wange bis herab auf den jungfräulichen
+Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht
+unbemerkt ließ. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach
+der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren drängte
+sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten
+sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat
+aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben
+meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geübter
+Feldherr; er fragte sie so laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie sie
+gewünscht, gefällig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im
+dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und
+Pfiffköpfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie
+beurlaubte sich also mit großer Hast von dem ungeheuern
+Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner
+durch den Saal.
+
+Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die
+Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche
+Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des väterlichen
+Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre
+Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem
+Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz
+im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus.
+
+"Sie geben sich vergeblich Mühe, Hofrätchen," kicherte das lose Ding,
+"ganz vergebliche Mühe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen
+Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie
+ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich
+auch vorhin etwas in Verlegenheit."
+
+"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein großer Unterschied",
+antwortete Berner mit einem völlig ungläubigen Kopfschütteln. "Da
+müssen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?"
+
+"So hören Sie mich doch, Sie böser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer
+wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch
+einmal, ich weiß nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe
+ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren
+wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war
+ein prachtvoller Landau mit einem großen Bock, worauf ein alter
+Diener in reicher Livree saß; am Wagen zogen vier Postpferde; das
+Dach war zurückgeschlagen, und es saß niemand darin als ein großer
+Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um
+die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit
+ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die
+Reisenden, denen der Wagen gehört, seien vorausgegangen und lassen
+ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem
+Wagen, ob ich noch keine reisenden Engländerinnen oder Französinnen
+gewahr werden könnte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine
+Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche
+saß und zu dem Wagen gehören mußte."
+
+"Und war es derselbe, der dort an der Säule steht?" fragte der
+Hofrat.
+
+"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag
+neben ihm im Gras, seinen Kopf stützte er in die hohle Hand. Das
+Geräusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch
+langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit
+gesenktem Haupt bis an unsere Wagentüre. Da richtete er sich auf, und
+Sie können sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das nämliche
+geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er mußte
+heftig geweint haben; denn Tränen hingen in den langen schwarzen
+Wimpern und gaben dem glühendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz
+eigenen Reiz."
+
+"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete lächelnd der Hofrat.
+"Wer hat denn meinem Mädchen erlaubt, über Männeraugen Betrachtungen
+anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz
+gelernt?"
+
+Das lustige Amorettenköpfchen, das sich da, es wußte nicht wie,
+verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht
+alles so bös aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida
+nicht immer falsch.
+
+"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen
+eigenen Geschmack. Schöne blaue oder schwarze Augen, mitunter auch
+recht glänzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch
+alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schöne Augen haben;
+sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiß, durch
+was sonst, den schönsten Glanz benommen und stieren uns an wie
+gestochene Böcke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine
+solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das
+Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht
+anmutig, sinnig und wie man es gern haben möchte, trifft. Beides sah
+ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--"
+
+Da hatte sich das schnelle Schnäbelchen schon wieder verplappert! Der
+Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biß die Lippen
+zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem
+Tanzen sich zwischen den Schneehügeln hinabgeschoben hatte und ganz
+glühend heiß geworden war.
+
+"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge
+gehört, wovor einem die Haut schaudern könnte; nimm dich um Gottes
+willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich
+weiß es aus meiner Jugend, daß in gewissen Augen Häkchen sitzen, die
+uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, daß an kein Entrinnen zu
+denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehört?"
+
+"Doch," entgegnete der kleine Übermut; "ich glaube sie auch zur Not
+zu verstehen."--
+
+"Ist gar nicht vonnöten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum
+Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas
+kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar geläufig ausdrückt und
+mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht
+für eine Erzgeneralkokette."
+
+"Nun, für eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida
+etwas empfindlich.
+
+"Dazu kenne ich mein süßes Mädchen zu gut," entgegnete der Hofrat
+traulich und drückte ihr das weiche Samthändchen; "was aber den
+bleichen Patron dort drüben betrifft, so kann er über allerlei
+geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester
+oder gar sein Mädchen verloren haben."
+
+"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da
+würde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da
+würde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen."
+
+"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus,
+und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter
+fortzusetzen."
+
+"Nicht doch," fiel sie ein, "wie mögen Sie nur diesem interessanten
+Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus
+als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er
+sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und
+weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!"
+
+"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das
+Mäulchen geht ja, als sollte es einen Prozeß vor den Assisen führen!
+Übrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den
+Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich
+eindrängen, auf den Zahn zu fühlen."
+
+"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofrätchen; aber ja recht artig und
+delikat," setzte das errötende Mädchen mit den süßesten
+Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben
+scheint, muß unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER FREMDE.
+
+Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu
+erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon
+seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Säule
+gelehnt, so wenig Interesse an dem glänzenden Ball zu nehmen schien.
+Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurück. "Wer ist es? Wie
+heißt er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?"
+
+"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese
+Karte gegeben."
+
+Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu
+sehen als ein schön gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de
+Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die
+Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren
+Bällen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschüttelnd umher; sie
+hätten gar zu gerne gewußt, woher er komme, wohin er gehe, warum er
+nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten;
+doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, daß er in des Fremden Seele
+fühlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein müsse, gab das
+Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen,
+rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze.
+
+Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde
+gebietende Gestalt unbeweglich an die Säule gelehnt. Es war, als
+hätte er sich nur in Schwarz und Weiß geteilt und kenne keine andere
+Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glänzende
+Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschöne
+Wäsche, welche durch ihre Weiße, durch ihre zierlichen Fältchen den
+Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einflößte,
+kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen
+Lippen schmückte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne
+Teilnahme in das bunte Gewühl hineinzustarren; aber dennoch begegnete
+nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge
+überrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser sprühenden Glut
+niederzuschlagen.
+
+Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht
+viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen
+Herren machten sich über ihn lustig, und beide Teile hatten so viel
+an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu
+bekritteln, zu bewundern, daß man bald nicht mehr an jenen dachte.
+Nur Idas Blicke streiften öfter nach jener Säule hinüber; ein Blick
+zu ihm schien sie für das Geschwätz der Freilinger Stutzer, die ihr
+heute unendlich fade vorkamen, zu entschädigen. Doch betrachtete sie
+ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb
+es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, daß
+die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man müsse
+ihr siedendes, glühendes Blut an ihr Herzchen pochen hören. Waren es
+die Tränen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der
+wehmütige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so rührte? Hatte der
+Hofrat recht mit den Häkchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte
+sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef--
+Nein! lächelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine
+Not! Es ist ja nur das natürliche Mitleiden, was mich immer nach ihm
+hinsehen heißt.
+
+Elf Uhr war vorüber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper
+getanzt werden. Stürmisch drängten sich die Herren um das Wunderkind;
+aber Trotzköpfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und
+ließ die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und
+unwillkürlich waren sie wieder mitten im Gespräch über den Fremden.
+
+"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmütigkeit
+ihres Engelköpfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends
+immer blässer; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre
+Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmäßige
+Körper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestört werden
+könne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die
+Lippen zusammenpreßte, als wolle er einen Schmerz verbeißen; der
+Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das
+Wehmütige, der tränenschwere Trübsinn in seinem Auge wurde immer
+unverkennbarer.
+
+"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte
+ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, daß du nicht fröhlich
+bist mit den Fröhlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu
+helfen."--
+
+Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!!
+
+Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich
+der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Größe,
+in gebietender und doch graziöser Haltung da; aber sein Auge heftete
+sich furchtbar starrend nach der Saaltüre. Berner wollte eben
+aufstehen und zu ihm hin--
+
+Da öffnete sich die Tür, ein alter, reichgekleideter Bedienter,
+derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden
+zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riß eine Uhr heraus,
+warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida
+herüber und verließ langsamen Schrittes den Saal.
+
+Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen über diesen
+sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der
+Präsident kam und führte sein liebes, holdes, wunderherziges
+Töchterchen zur Tafel.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE KIRCHE.
+
+Der alte Küster am Münster zu Freilingen saß in dieser Nacht nach
+seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stübchen; der
+Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehälfte vorgelesen, er
+hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit
+brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen,
+vierhundert Schuh hohen Münsterturm erbaut und wie solches viel Zeit
+und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiß- und
+blaugestreiften Umhang der zweischläfrigen Himmelbettlade
+auseinanderschlagen, um ihren Ehezärter zu ermahnen, sein gewohntes
+Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern
+Parterrestübchens pochte. "Macht auf, Meister Küster! Seid so gut und
+macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draußen. "Wird
+wohl ein Bote von einem Kranken sein," näselte der Küster, "der die
+Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, daß die
+Stelle nicht verblättere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man
+mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Dünnbier
+gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer,
+tagtäglich vorsetzte. Draußen schob er die mächtigen Schlösser und
+Riegel der Haustür auf, und herein trat ein kleiner ältlicher Mann in
+reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spät?" fragte der
+Küster.
+
+"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Küster aus dem
+kalten Hausgang in die wärmere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr
+mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er
+einen blanken, harten Taler auf den Tisch.
+
+Der Küster wog den Taler in der Hand, ließ ihn wieder auf den Tisch
+fallen, daß es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's
+nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!"
+
+"So nehmt Eure Schlüssel," fuhr der andere fort, "und schließt die
+Münsterkirche auf!"
+
+"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in
+dieser stürmischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es
+geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!"
+
+"Beileibe," rief die Küsterin aus dem Bette und riß den Umhang
+zurück, daß man das ganze Paradiesgärtlein ihres geblümten Bettes
+übersehen konnte, "führe uns nicht in Versuchung! Alter, laß dich
+nicht betören! Wer weiß, was draußen lauert?"
+
+"Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem
+Weiberregimente stündet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist
+auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn."
+Noch einmal wog der Küster den Taler auf der Fingerspitze und schien
+sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da ist
+es gar nicht geheuer drüben in der Kirche; denn ich weiß, was ich
+weiß, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es
+sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne
+zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die
+gewichtigen, wunderlich geformten Schlüssel.
+
+"Ei du meine Güte, läßt er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte
+die Alte im Bette. Der Küster aber trat zu ihr mit dem größten seiner
+Schlüssel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, daß
+unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verließ mit
+dem Diener das Haus.
+
+Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne
+dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten
+die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen
+sie am Portal des Münsters. Der Küster schrak zusammen, als dort aus
+dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel
+gehüllte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse
+in so hohem Grade erregt hatte.
+
+"Schließ auf, schließ auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!"
+Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte
+gerade über ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden
+Klängen schallte die zwölfte Stunde in die Lüfte.
+
+"Schließ auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um
+die Ecke!"
+
+Seufzend ging die hohe Türe auf; in einem Sprung war jener in der
+Kirche. Der Küster schloß behutsam wieder hinter sich ab und ging
+dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In
+wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der
+Laterne an den hohen Säulen des Doms, nur auf wenige Schritte
+verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Dämmerung, bis es
+sich in der tiefen Nacht des Gewölbes verlor. Manchmal schien es, als
+schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewändern hinter den
+Säulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten
+und ging dann schneller hinter dem Küster her. Dumpf schallten ihre
+Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich
+befand, und ein vielfaches Echo gab diese Töne aus allen Ecken
+zurück.
+
+So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf
+die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der trübe brennenden
+Laterne auch viel bleicher erschien, stützte er auf die Hand, daß die
+glänzend rabenschwarzen Ringellocken darüber herabfielen. Der Diener
+winkte dem Küster, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder
+und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er schweigen und sich
+ganz ruhig verhalten möchte.
+
+Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den großen dunklen Hallen,
+tiefe Stille draußen in der Nacht. Nur vom Altar her hörte man ein
+leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter
+die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto
+unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und
+lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug stärker wehte.
+
+Näher und näher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der
+Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen
+Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre
+zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand.
+
+Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stößen. Krachend stürzte
+ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, daß der
+Schall durch die Halle tönte und--mit fürchterlichem Lachen des
+Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend
+tönten diese hohlen Töne der Verzweiflung durch die Gewölbe. "Er kann
+nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er
+die Wolken aufgezäumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ça
+ça! Holla, Antonio--wie schäumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase,
+tobe durch die Lüfte, du kannst doch nicht herein zu meiner
+Freistatt!"
+
+Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und säuselnd
+zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch
+die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm
+in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmütig und
+zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er
+so ernst und zürnend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht
+vergeben, Antonio?"
+
+Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank.
+Jetzt stand der alte Diener, dem während der schrecklichen Szene die
+Tränen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und
+unterstützte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiß von der
+Stirne und die Tränen aus dem gebrochenen Auge und flößte ihm aus
+einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein.
+
+Der Ohnmächtige richtete sich wieder auf, hüllte sich tiefer in
+seinen Mantel und schritt durch die Kirche.
+
+Der alte Diener aber trat zu dem Küster. "Ich danke, Alterle," sagte
+er, "du hast jetzt gesehen, daß wir nichts Unrechtes in deinem
+Gotteshaus gemacht haben; dafür halte aber reinen Mund! Und wenn du
+niemand ein Sterbenswörtchen hören lässest von dem, was du hier
+gesehen und gehört hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche
+Nacht wieder, und du sollst pflichtgemäß deinen Harten haben."
+
+"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der
+Küster im Weitergehen; "so viel merke ich, daß Euer Herr entweder
+nicht richtig unter dem Hut ist, oder daß er mit dem Gottseibeiuns
+hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht
+holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen
+betrifft, so seid außer Sorgen, von mir erfährt es kein Mensch, vor
+allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiß, macht
+sie nicht heiß."
+
+Der alte Diener lobte den Entschluß des Küsters und nahm am Portal
+mit einem Händedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so
+junges schönes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem
+Häuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affären mit Herrn Urian.
+Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjährchen reiten; um die harten
+Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger
+Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Münster festzumachen."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS SOUPER.
+
+Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Münster
+zurück über den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten
+Museums drängten sich Gestalten an Gestalten geschäftig hin und her,
+verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tönte herab auf den stillen
+Platz, hie und da zeigten laute Ausbrüche der Fröhlichkeit, mit
+Trompeten vermischt, daß eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht
+worden sei.
+
+"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die
+süßen Töne der Flöten, die klagenden Klänge der Hörner haben etwas
+Beruhigendes für mich, und mitten im Gewühl der fröhlichen Menge
+vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, daß ich unter den
+Glücklichen der einzige Unglückliche bin."
+
+Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er möchte doch seine
+Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar
+nicht zu hören, schweigend warf er in der Haustüre den Mantel ab, gab
+ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschüttelnd folgte ihm
+der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht
+bemerkt, daß sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte;
+es mußte etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn
+wenn er sich sonst auch in das fröhlichste Gewühl gestürzt hatte, so
+war er doch immer nach einem halben Stündchen wieder zurückgekommen.
+Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen müssen; heute ging
+er zu einer Zeit, wo er sonst, erschöpft von Kummer und Unglück, dem
+Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott
+gebe, daß es zu seinem Heil ist!" schloß der treue Diener seine
+Betrachtungen und wischte sich die Augen.
+
+Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten
+stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hörner und ließen die Schlegel
+dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht
+scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit
+manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball
+beschließen. Löffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstoßenden
+tönte aus dem Speisesaal. Ein schwermütiges Lächeln zog über Emils
+blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner
+fröhlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten
+Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib,
+doch treue Freunde geküßt hatte und mit fröhlichem Jubel in das
+allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte;
+unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen
+saßen die fröhlichen Gäste die lange Tafel herab; man hatte soeben
+die hunderterlei Sorten von Geflügel und Braten abgetragen und
+stellte jetzt das Dessert auf. Gewiß, man konnte nichts Schöneres
+sehen, als die Präzision, mit welcher die Kellner ihr Dessert
+auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie
+am Schnürchen, die schweren Zwölfpfünder der Torten und Kuchen, das
+kleinere Geschütz der französischen Bonbons und Gelees werde mit
+Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom
+Glanz der Kristallüsters bestrahlt, standen die Guß-, Johannisbeeren-,
+Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die
+silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte
+sie auch eingeübt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er
+hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, daß er,
+einen bis an den Rand gefüllten Champagnerkelch auf eine
+spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen
+könne, ohne einen Tropfen zu verschütten, was in der Geschichte des
+Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu
+arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art völlige
+Übungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist
+werden sollte, ließ eine Tafel zu dreißig bis vierzig Kuverts decken,
+und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen möglichen
+Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Präsidenten,
+Justizräte, Kollegiendirektoren, Regierungsräte und Assessoren mit
+Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein
+Stück Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten
+und Vierten einzuschenken und dem Fünften eine andere Sorte
+vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die
+Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte,
+durfte er auch gewiß sein zu siegen. Wie jener große Sieger, der nur
+mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von
+Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von
+seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, tröstlichen Hindeutungen
+auf frühere Bravouren und gelungene Affären, und er konnte darauf
+rechnen, daß keiner der zwanzig Kellnergeister über den andern
+stolperte oder ihm die Aalpastete anstieß, aber daß sie mit Sauce und
+Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze
+Bescherung servierten.
+
+Mit dieser Präzision war also auch heute die Tafel serviert worden;
+der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind
+Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner
+Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon würden
+weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte
+schon der aromatische Rheinwein die Zungen gelöst und das
+schwärzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfräulichen
+Wangen und die Nasen der Herren gerötet, so war es jetzt, als die
+Pfröpfe flogen und die Damen nicht wußten, wohin sie ihre Köpfe
+wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die
+Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweißem Gischt gefüllt,
+kredenzt würden, wie auf einem Basar im asiatischen Rußland, wo alle
+Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren,
+zwitschern und näseln, plärren und jodeln, brummen und rasaunen, so
+schwirrte in betäubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den
+höchsten Fisteltönen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C
+der menschlichen Brust das Gespräch um die Tafel.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS URTEIL DER WELT.
+
+Aber der größte Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des
+Tisches, galt Präsidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Mäulchen der
+Tanten und Mütter wie oberschlächtige Mühlen, und die Posaunen-
+Seraph-Gesichter der Töchter nickten ihren Konsens aus den kleinen
+Kalmückenäuglein. Wie hatte doch das Mädchen vor Gott gesündigt und
+gefrevelt dadurch, daß es so wunderhübsch geworden war! Wäre sie
+zurückgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als
+Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen
+zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da hätte es geheißen: "An
+der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt,
+wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie
+bescheiden und doch voll so erhabener Würde hereintrat, das
+strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und
+Löckchen, im feuersprühenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit
+schuldloser, anspruchsloser Natürlichkeit, die Wangen von Gesundheit
+gerötet, in den feinen Grübchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund
+so würzig, so kußlich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem
+fürstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das
+Mädchen durfte nicht schön, durfte nicht unschuldig und tugendhaft
+sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die
+Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, daß sie die acht
+unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Töchterlein beleidigen könnte--
+"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da
+müßten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister
+müßten ihre engschließende Uniform ausgezogen und die Herren
+Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostüm ersucht
+haben, müßten in schwarzen Mäntelein, weißen Beffchen, kurzen Höschen
+und seidenen Wädchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man
+bei siebzehnjährigen Mädchen Tugend finden sollte in Sodom!"
+
+"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es über die Tafel herüber.
+"Und die gerühmte Schönheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man
+alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort,
+die Zöpfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was für Haar
+Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zähne
+hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene
+hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter
+Seehund, nichts als Seehund."
+
+"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten
+Brüsseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg
+pflastern könnte--von der Fürstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha,
+man hat auch seine Nachrichten; die Fürstin, Gott halte sie in Ehren,
+ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber
+so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist,
+dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu
+schenken--nein, dazu ist die Frau Fürstin Hoheit doch zu vernünftig.
+Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehört?
+Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur
+gegen ihn gefällig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--"
+
+Und der ganze Zirkel lachte und stieß an auf den gefälligen,
+splendiden Prinzen.
+
+Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schönes,
+engelreines Geschöpf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so
+schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo
+er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu übersehen, alles mit
+angehört; er hätte mögen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie
+noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer
+jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rückte, nur um
+die giftigen Bemerkungen nicht zu hören, um ein Fenster weiter
+hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von
+Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitläufig
+auseinander, daß er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf
+den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen
+müsse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht.
+
+Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses
+bei Juden und Christen einige tausend Tälerchen mehr stehen hatte,
+als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen
+konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte
+ihm nicht recht einleuchten.
+
+Aber die gnädige Mama wußte Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt,
+namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heißt Attention
+beweisen; das Mädchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird
+aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am
+Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen über sie, die
+Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, hältst also nicht an, sondern
+herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick
+dem Fräulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur
+ihr Herzchen aus Angst für dich einmal schneller pulsiert, dann hast
+du sie schon im Sack. Drittens: in einer schönen Nacht mit der ganzen
+Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stücke, einige zärtliche
+Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette
+ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufällig bei Levi ist. Einige
+Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen:
+'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme
+Junge weint.' 'Ach, laßt mich, tapfere Kameraden,' antwortest du,
+'mir ist so weh und so wohl in ihrer Nähe.' So kommt es in allen
+Ritterbüchern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen
+Bürgerlichen noch kein Geld hatten."
+
+"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und
+wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--"
+
+Emil wurde, er wußte nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den
+Eroberungsplan des Wildfangs hörte; er rückte um einige Fenster
+weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmähsucht
+der Weiber zu zerreißen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu
+gewinnen suchte.
+
+Obenan saß der Präsident; die feierliche Geschäftsmiene war zu Hause
+geblieben; er hatte den freundlichen, gefälligen Gesellschaftsmenschen
+angezogen und tafelte, zum großen Trost der jüngern Glieder seines
+Kollegiums, wie ein Junger.
+
+Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke
+ein satirisches Lächeln, wenn er und der Hofrat Ida zum süßen
+brüsselnden Schaumwein nötigten.
+
+Es war nicht möglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das
+Mädchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, fröhlichen Herren.
+Es war jetzt ganz das wählige, mutwillige Kind wieder wie vor drei
+Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem
+Schoße saß; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der
+schweren Weine über die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte,
+alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren
+Adern so warm und wohltuend, daß das Auge von Lust und Liebe strahlte
+und die rosige Tiefe des Schelmengrübchens alle Augenblicke sich
+zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch
+nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein fröhlichglühendes
+Engelsköpfchen abzukühlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und
+Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wußte sie doch selbst nicht,
+was sie so fröhlich machte! Die Rückkehr ins Vaterhaus allein war es
+nicht, auch nicht, daß die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder
+alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein
+bleiches, wunderschönes Gesicht, das sich immer wieder ihrer
+Phantasie aufdrängte, das sie wehmütig durch Tränen anlächelte? Warum
+mußte er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn
+hätte sehen und sprechen können!--
+
+"Ei, Kind," sagte der Präsident und weckte sie aus ihren Träumen, "da
+sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf
+den Teller hin, als läsest du in der Johannisbeermarmelade so gut als
+im Kaffeesatz deine Zukunft, und lächelst dabei, als machten dir alle
+ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!"
+
+Die Glutröte stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und mußte
+doch wieder heimlich lächeln über den guten Papa, der doch auch kein
+Spürchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der
+Hofrat ihr von der andern Seite zuflüsterte: "Der alte Herr hat
+fehlgeschossen; wir alle könnten uns den Rücken lahm komplimentieren
+und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzköpfchen gönnte keinem
+einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslächeln, das
+hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter
+Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--"
+
+"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!"
+rief sie, ärgerlich, daß der Kluge ins Schwarze geschossen haben
+sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas
+silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand--
+
+"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da
+gekritzelt, Fräulein Lügenhausen? He!"
+
+Nun, da hatte sich das Mädchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne daß
+sie es im geringsten wußte, unter ihrer Gedankenreihe das
+Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt,
+und da stand mit hübschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v.
+Mart_--
+
+"Nein, wie einem doch der Zufall bei bösen Leuten Streiche spielen
+kann!" replizierte sie mit der unverschämtesten Unbefangenheit,
+kratzte, indem sie sich selbst über ihre furchtbare Kunst, zu
+verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin,
+wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da
+war irgend einmal eine reisende Prinzeß hier, welcher man auf Silber
+servierte, und um den merkwürdigen Tag ihrer Anwesenheit zu
+verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._,
+heißt offenbar: Emilie, am fünften März."
+
+"Gott im Himmel, was hättest du für einen Rechtskonsulenten und
+Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den
+frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder
+nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und
+jetzt täte es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch
+Engelsköpfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, daß er unwillkürlich
+wieder gut wurde; in den süßesten Schmeicheltönen bat sie ihm die
+Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er
+gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang
+mit ihrer Silberschrift necken würde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt
+sich zum Kotillon zu rüsten. "Nur noch ein Viertelstündchen!" bat
+Ida, weil sie dem widerwärtigen Kreissekretär habe zusagen müssen.
+Aber das Sträuben half nichts; die Hörner erklangen im Tanzsaal, und
+die Tafel rüstete sich, aufzubrechen. Da stand der Präsident auf.
+"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er über die Tafel hin, "noch
+einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Gläser hoch--der
+Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf
+unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das
+donnerschlagähnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen
+Hallo der bechampagnerten Gäste war es Ida, als hörte sie hinter sich
+tief seufzen, und als sie, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen,
+sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmütig,
+tränenschwer in das Gewühl der Freude schaute. Alles Blut jagte die
+Überraschung dem Mädchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr,
+und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden.
+Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade
+als sie der schöne junge Mann anreden zu wollen schien, riß ihn das
+Gedränge der Aufstehenden aus ihrer Nähe; der Kreissekretär kam mit
+seinem widrigen, sauersüßen Gesicht, schätzte sich glücklich, den
+Kotillon errungen zu haben, und führte seine Tänzerin im Triumph
+durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch
+immer über diese Erscheinung, über die Gewalt dieser dunkeln
+Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat
+hat doch recht, es muß Menschen geben, die Häkchen im Auge haben, von
+welchen man sich gar nicht losreißen kann, und dieser muß einen von
+den großen Angelhaken haben."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER KOTILLON.
+
+In rauschenden Tönen klangen die Hörner und Trompeten durch den Saal;
+in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, hüpften die
+Paare den fröhlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf
+und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald
+dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der
+Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick über
+den Saal hinüber nach ihm, zu welchem ein unerklärbares Etwas sie
+noch immer hinzog, und wenn die Flöten leiser flüsterten, wenn die
+weichen, gehaltenen Töne der Hörner süßes Sehnen erweckten, da
+glaubte sie zu fühlen, daß diese Töne auch in seiner Brust
+widerklingen müssen. In glänzender Kette schwebten jetzt die Mädchen
+in der Runde, bis die Reihe sich löste und sie den Saal
+durchschwärmten, um selbst sich Tänzer zu suchen. Emil stand wieder
+an seine Säule gelehnt. Kaum den Boden berührend, schwebte eine zarte
+Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschämtes
+Lächeln, auf ihn zu--es war Ida. Lächelnd neigte sie sich, zum Tanze
+ihn einzuladen; er schien freudig überrascht, eine flüchtige Röte
+ging über sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind
+umschlang und mit ihr durch den Saal flog.
+
+Aber ängstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in
+der ihrigen ruhte, schaurige Kälte fühlte sie aus des Fremden Arm,
+der ihre Hüfte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge
+den Boden; denn sie fürchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen.
+Jetzt erst fiel ihr auch ein, daß es sich doch nicht so recht
+schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch
+vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben.
+
+Aber ein freudiges Geflüster des Beifalls begleitete sie durch die
+Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der
+Bewegung des Tanzes leicht gerötet, bedeutender erschien seine edle
+Gestalt, sein hoher königlicher Anstand, und dem schönen Mann
+gegenüber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schönheit. Mit
+dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurückführte;
+wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja,
+wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurückrief,
+wieviel Dank lag darin, wieviel Lie--
+
+Sie drückte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen,
+die sie unablässig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur
+um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von
+der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr
+ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht,
+wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon
+hatte jetzt seine glänzendste Höhe erreicht; eine Tour, die in
+Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die
+Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Tänzer geführt,
+auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem
+seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Tänzer
+jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgeführt. Die Ausgeschlagenen
+stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der
+Erwählte flog mit der von der Binde erlösten Tänzerin durch den Saal.
+Die Tour an sich war gerade nicht so kühn erfunden, um durch sich
+selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, daß
+der Vortänzer, ein gerade von Reisen zurückgekommener Herr aus
+Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour für sehr
+verhängnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl
+das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und
+mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen
+sehen. Die Freilinger Schönen machten zwar Spaß daraus und
+behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen
+haben; doch mochten sie abergläubisch genug sein und wünschen, des
+Schicksals Stimme möchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen
+den schönen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbärtchen oder
+einen dergleichen vor die blinden Augen führen.
+
+Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersüße
+Kreissekretär führte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein
+sollendem Lächeln, das aber sein Gesicht zur scheußlichen Fratze
+verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das
+Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei
+arme Unglückliche, von der spröden, blinden Mamsell Amor-Justitia
+verschmäht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an
+Martiniz durch das Köpfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht
+tüchtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen möge sie ziehen,
+wie es wolle, das Schicksal möge noch so gebietend rufen, sie lasse
+drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen.
+
+"Numero vier, gnädiges Fräulein!" meckerte der Kreissekretär. Sie
+ließ die Binde lösen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils
+Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der
+Hörner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie
+hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der
+Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so hätte sie durch
+das Leben tanzen mögen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den
+Flügeln der Frühlingslüfte schwebte sie in seinem Arme hin, sie
+zitterte am ganzen Körper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie
+mußte ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das
+schmachtende Gesichtchen. Ein süßer Blick der beiden Liebessterne
+traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das
+edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund
+von Mund; ach, wie unendlich hübsch kam er ihr vor, wie fein alle
+seine Züge, wie schmelzend sein Auge, sein Lächeln; sie hätte mögen
+die paar Zöllchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kü--
+
+Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die
+glacierten Handschuhe zusammenschlugen, daß die zarten Nähte
+sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen,
+wenn ihr wüßtet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen
+Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich öffnen, wie die Seele
+hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um
+hinüberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr würdet diesen
+Moment des süßesten Verständnisses nicht durch euer Klatschen
+verscheuchen.
+
+Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und
+das wärmende Mäntelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie
+zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen. "Sie haben mit
+ihm getanzt, Töchterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der
+tanzt, können Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so
+schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat lächelnd. "Was
+werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie über einem
+Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die können sich
+wenigstens über das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an
+sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was
+man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein,"
+antwortete der neckische Alte.--"Nein, spaßen Sie jetzt nicht! Ist
+nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man
+nicht recht erklären kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich.
+"Wahrhaftig, Sie können recht haben, Mädchen," sagte er; "habe ich
+doch den ganzen Abend darüber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen
+gar nicht aus dem Sinne bringen kann."
+
+"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so
+plötzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte
+jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den
+Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt
+wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münster!!"
+
+"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen
+Gliedern zitternd.
+
+"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber reinen Mund gehalten,
+Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur."
+
+Der Wagen war vorgefahren; der Präsident kam in einer Weinlaune.
+"Hofrätchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein
+könntest, wollte ich dir Ida kuppeln!"
+
+"Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt!" jammerte der Hofrat; "aber
+da gab es allerlei interessante Leute usw." Errötend sprang Ida in
+den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa
+auf dem Heimweg Mühe, zu erfahren, was jener gemeint habe.
+Trotzköpfchen hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten
+Herrn; es biß die scharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch
+kein Wörtchen heraus konnte.
+
+Nicht mehr so fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher,
+legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so
+bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fußende des
+Bettes, und auch die dünne Seidenhülle, die jetzt noch übrig war,
+mußte immer weiter hinabgeschoben werden, daß die wogende,
+entfesselte Schwanenbrust Luft bekam.
+
+Aber wie, ein Geräusch von der Türe her? Die Türe geht auf, im matten
+Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht;
+sein dunkles, wehmütiges Auge fesselt sie so, daß sie kein Glied zu
+rühren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann
+den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhüllen; sie will
+zürnen über den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr.
+Aufgelöst in jungfräuliche Scham und Sehnsucht, drückt sie die Augen
+zu; er naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er
+kniet nieder an ihrem bräutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des
+Schicksals Stimme," flüstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle,
+wehmütige Gesicht über sie hin, heiße Tränen stürzen aus seinem
+glühenden Auge herab auf ihre Wangen, er wölbt den würzigen Mund--er
+will sie kü--
+
+Sie erwachte, sie fühlte, daß ihre eigenen heftigströmenden Tränen
+sie aus dem schönen Traume erweckt hatten.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE BEICHTE.
+
+Am andern Morgen sehr früh stand der Hofrat schon vor des Präsidenten
+Haus und zog die Glocke. Er mußte ja sein holdes Idchen fragen, wie
+es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
+er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, daß er nicht wußte, wo ihm
+der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten
+Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von
+dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll
+mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen
+Witz nicht wenig zugut und lächelte noch still vor sich hin, als er
+die breite Treppe hinanstieg.
+
+Der Präsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
+Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnädiges Fräulein nehme
+ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.
+
+Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
+aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir saß Ida auf einer Estrade
+am Fenster, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt. War es doch, als
+sei das Mädchen in dieser Nacht noch tausendmal schöner geworden! Der
+Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schönheit; es lag so viel
+Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
+Gesichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies
+alles das Wunderkind gestohlen hatte.
+
+Er sagte ihr auch, wie schön er sie finde; sie aber lachte ihm
+geradezu ins Gesicht; sie finde, daß sie weit bleicher aussehe als
+sonst, der Ball könne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu
+komme, daß sie heute nacht so dumm geträumt habe und alle Augenblicke
+aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst
+aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich
+um den Mund, als wüßte es, was dem hübschen Engelskind geträumt habe.
+
+Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
+möglichen Schönen; aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen,
+ehe er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah,
+daß Ida darauf warte.
+
+Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und das
+Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie
+wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte
+Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
+Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
+Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an
+drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
+Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der
+französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht
+sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muß schon auch ein wenig
+Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß
+selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wüßte ich niemand,
+der solche Arbeit lieferte."
+
+Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, daß
+er den tauben Wänden predigte; denn Ida schaute stillverklärt durch
+die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund.
+Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte ihrem
+Auge und--drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
+"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weißen Gardinen
+aufgetan, und im geöffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade
+zu, als der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das
+selige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem
+lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht,
+als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein
+Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der
+Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn
+muß ich dir einmal fühlen, also sei's!
+
+"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da können Sie Ihre
+astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
+Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten
+Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--"
+
+"Wie Sie nur so bös sein können, Berner!" klagte das verschämte
+Mädchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
+gewußt, daß er nur im Mond logiert; und daß ich gestern diesen Mann
+schon wegen seines Äußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere
+jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe,
+--ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern
+Tage büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
+Menschen, der so unglücklich scheint?"
+
+"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der
+Hofrat; "daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der
+Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das
+wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?"
+
+"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich
+bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. "Er hat sich wahrscheinlich die
+Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?"
+
+"Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei
+Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat--"
+
+"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen
+Augenblick über die laute Äußerung ihrer Freude. "Vier Wochen?"--
+setzte sie gefaßter hinzu. "Wie freut mich das für die gute
+Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre
+_Table d'hôte_ nicht so gut sei wie im _Hôtel de Saxe_, und
+kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis für
+sich."
+
+"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muß sie
+jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude
+nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurückzukommen, Sie
+glauben also, der Mann im Monde da drüben habe sich als
+durchreisender Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die
+glückliche Stunde nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den
+Küster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die
+Finsternis desto deutlicher zu sehen?"
+
+Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den
+Hofrat immer fortfahren--
+
+"Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vorzeiten einmal
+einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß,
+ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
+'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der
+Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.'
+Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen
+alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles
+aufzuspüren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der
+Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen
+und beide bald darauf mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen.
+Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil
+es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So
+neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß
+er nichts sagen dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine
+schwache Seite) eingetragen hätte; da gab er weich und erzählte--"
+
+"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von
+früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich
+geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen."
+
+"So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten,
+geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter! Der Küster, der für
+seine Mühe einen harten Taler bekam, führte gestern nacht einen
+Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz
+ausgesehen haben soll, in den Münster. Dort habe sich der Fremde auf
+die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei
+ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehört; er habe an den
+Fenstern gerüttelt und geschüttelt und die Scheiben in die Kirche
+hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden geführt, als
+reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen.
+
+"Der Küster glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein
+Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle
+fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr
+alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters
+begebe, solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das
+ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie
+davon?"
+
+In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser
+schwammen ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust
+hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen
+Berg von sich abwälzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht
+gleich antworten.
+
+"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme
+Mensch ist gewiß wahnsinnig; denn an die törichte Konjektur des
+Küsters werden Sie doch nicht glauben?"
+
+"Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie
+sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
+Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen."
+
+"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt,
+wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug?
+Gewiß hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und
+irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in
+dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mühselig und beladen kömmt,
+offen steht."
+
+"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,"
+antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich
+auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich
+nur halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn
+ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das
+greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich
+gewöhnlich abends mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn
+Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die nächsten
+paar Tage an seiner Tafel, und er muß mein Kuvert neben das seines
+bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein,
+und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuß, so will
+ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natürlich holt man weit aus
+und fällt nicht mit der Türe ins Haus; aber ich habe schon mehr
+solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der erste."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS DEJEUNER.
+
+"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie
+ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das
+machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas
+Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem
+Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche
+Mädchen dahingehen sah; die zarten Füßchen schienen kaum den
+türkischen Fußteppich zu berühren, der einfache, blendendweiße
+Batistüberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmaß
+dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche
+Kräftigkeit! Er versank in Gedanken über das holde Geschöpf, das
+allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfräuliche
+Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine
+Vaterstadt zurückkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie--
+nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, daß sie ihm
+mit der hohen Glut der ersten jungfräulichen Liebe zugetan sei. Aber
+wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch
+wahrscheinlicherweise kein vernünftiges Ende nehmen konnte, durfte er
+sie unterstützen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar
+gemütskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen
+und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.--
+
+Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgerötet, sie trug einen
+silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermädchen folgte mit
+allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgerührt," sagte Ida
+lächelnd, indem sie ihm einen Becher präsentierte; "ich kenne den
+Geschmack meines Hofrätchens gar wohl, darum habe ich dieses
+Frühstück gewählt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La
+Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht,
+Gesicht und Arme glühen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist
+ganz delikat ausgefallen."
+
+Sie lüftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte
+Überröckchen; eine himmlische Aussicht öffnete sich, der weiße
+Alabasterbusen schwamm auf und nieder, daß der Hofrat die alten Augen
+in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken.
+"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er,
+"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem
+offenen leichten Überröckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen
+käme!" Beinahe ebenso großen Respekt als vor ihren entfesselten
+Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Mädchens. Die Schokolade
+war so fein, so würzig, das rechte Maß des Weines so gut beobachtet,
+daß er bei jedem Schlückchen zögerte zu schlucken.
+
+Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein
+neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener
+des Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des
+goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, daß sie wohl
+beurteilen konnte, daß besonders das eine Pferd, ein majestätischer
+Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschätzbarem Wert sei. Auch
+Berner, der in allen Sätteln gerecht war, stimmte bei und pries die
+einzelnen Schönheiten des Schimmels, besonders auch das elegante,
+geschmackvolle Reitzeug.
+
+Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein
+stattlicher Vierziger, trat gravitätisch aus dem Torweg und
+bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel
+des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschäft
+nicht nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in
+einem eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von
+dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels
+und warf über ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenüber, wo
+Ida neben dem Hofrat saß.
+
+Indem tönte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden
+Pferdes die Straße herauf; es kam näher, es war der junge Dragoner-
+Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und
+von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und
+langte jetzt in vollem Wichs vor des Präsidenten Haus an.
+
+Nach Vorschrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf
+die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geübte
+Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder
+aufspringen wollte, scheute sein Roß an denen, die vor dem goldenen
+Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon,
+gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der
+Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis
+letzt noch immer den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener
+links, und _ventre à terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem
+Rappen nach, überholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen
+Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und kläglich schrien, riß sein
+eigenes Roß herum, packte mit Riesenkraft den Ausreißer und brachte
+ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der
+liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfüßen dem Rappen nach,
+murmelte einige Flüche, die wie ein Dank lauten sollten, saß auf und
+jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen
+Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt
+wurde, zu achten, zurück, grüßte ehrerbietig an des Präsidenten Haus
+hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt
+weiter.
+
+Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie
+hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den
+gefährlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein
+Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überstürzen; sie hätte mögen
+mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als
+er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruß so freundlich als möglich
+zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie
+fühlte, ward sie sich bewußt, wie teuer ihr der Mann war, der dort
+hinflog. Das gepreßte Herz, die stürmisch wogende Brust rang nach
+einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen
+lassen; aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen so bittend
+ansah, als sie seine Hand drückte und die hellen, vollen Tränen aus
+den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr,
+Hofrat? Aber über solche Szenen kann ich nicht anders, muß ich
+unwillkürlich weinen. Lachen Sie nur nicht über mich! Es würde mir
+gerade jetzt recht wehe tun."
+
+"Gott bewahre mich, daß ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn
+eines im höchsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht
+man gewöhnlich nicht." Er dankte ihr für ihre Schokolade, nahm Stock
+und Hut und ließ das Mädchen mit ihrem siebzehnjährigen, von dem Keim
+der ersten Liebe stürmisch bewegten Herzchen allein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER BRIEF
+
+Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um
+ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
+wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter!
+dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen,
+so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig oder doch
+ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander
+wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Präsidenten, der gewöhnlich vor
+dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte; gegenüber hatte er
+das liebe Aprillen-Kind und nötigte sie durch sein beredtes
+Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke
+zum Lachen oder Rotwerden.
+
+"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Präsident,
+"hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch
+Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
+Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
+Minister-Staatssekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten
+Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als
+Präsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen.
+Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen
+Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die
+Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding für meinen Tod nicht
+leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt."
+
+Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär
+von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und
+begann:
+
+"--Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein
+sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde,
+ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
+Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre
+plénipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im
+Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich
+bedeutende Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen
+Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich
+im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz können, wenn solches gelingen
+sollte, auf großen Dank höhern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als
+altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande
+ansiedelte und sein Vermögen hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein
+Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird."
+
+Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch
+errötet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief
+weg zu ihr hinüber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam,
+wurde die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für
+Idas bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach
+ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den
+Wangen des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief,
+und eine Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl
+sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das
+verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.
+
+Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
+natürliche Tochter des Fürsten .....; von ihm mit ungeteilter
+Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermögen ausgestattet, lebte
+sie in der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre
+verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte
+den Grafen Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr
+nur seinen Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz;
+sie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen
+wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hörte man
+von der Gräfin, daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes
+führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so
+viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich
+nicht entblöde, mit dem Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen
+ihr gefielen.
+
+So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
+der Residenz die reine jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin
+zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war,
+wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
+zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren
+Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
+sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge
+von Wehmut, dem gefühlvollen, sprechenden Auge--
+
+Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte ihn
+dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. "Nun, was sagen Sie
+zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Präsident. "Wahr ist es, der
+Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht
+hinauslassen darf, ja, ja,--man muß negoziieren, daß er in unserem
+Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um
+zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß,
+See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis
+ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet
+von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der
+Fürst übernehmen müßte; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du
+kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?"
+
+"Nie!" antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer
+nicht vom Teller auf.
+
+"Nie?" fragte der Präsident gereizt. "Ich will nicht hoffen, daß die
+gnädige Gräfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
+sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?"
+
+"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
+dazu, hinzugehen."
+
+"Was der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges,
+gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
+und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe
+liiert ist, refüsieren?"
+
+"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,"
+antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; "man
+hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen
+Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu
+bleiben."
+
+"So sieht es dort aus?" fragte der Präsident kopfschüttelnd. "Nun,
+nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber
+weg. Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure
+eigenen Grundsätze; nur wäre es wegen der jetzigen Verhältnisse
+besser gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier
+in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre
+ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft
+die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Gräf in
+Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz
+negligiertest?"
+
+"Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und
+lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten
+auffiel.
+
+"Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt," sagte dieser, "als
+kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
+Fundament."
+
+"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," lächelte Berner;
+"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--"
+
+"Wie," unterbrach ihn der Präsident, "er ist schon hier? Und wir
+schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--"
+
+"Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete
+jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich."
+
+"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
+Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?"
+
+"Nein--ja--" antwortete Ida, noch höher errötend. "Ich habe mit ihm
+getanzt, das ist alles."
+
+"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein
+ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?"
+
+"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis
+vierundzwanzig Jährchen haben. Übrigens können Exzellenz seine
+Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drüben im Mond."
+
+Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
+der junge Mann am besten zu halten sein möchte; denn er trieb alles
+gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog,
+rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich
+zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und
+der Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+OPERATIONSPLAN.
+
+Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein
+Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde,
+zwang sich, obgleich ihm die wehmütige Freundlichkeit in Idas
+Gesicht, ihr tränenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat,
+zum Lächeln. "Nun, wer hätte es," sagte er, "wer hätte es dem
+leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, daß er drei Milliönchen
+habe? Wie dumm ich war, daß ich glaubte, er weine in seinem Landau,
+weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer hätte es dem trübseligen
+Schmerzenreich angesehen, daß er bald eine so glänzende, lustige
+Partie machen würde!"
+
+Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten
+Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte,
+auszusprechen habe.
+
+"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schließen, mein
+liebes Aprillen-Wetterchen, daß die Gräfin Aarstein ihre Schulden
+nicht zahlen kann, daß--"
+
+"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Tränen; "es ist
+gewiß nur das reine Mitleiden, was mich nötigt, auszusprechen, was
+sonst nie gesprochen worden wäre. Sehen Sie, dieses Weib ist die
+Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, daß ein ehrliches
+Mädchen erröten muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie
+den jungen Mann da drüben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er
+edel ist und trotz seines Reichtums unglücklich, so machen Sie, daß
+er nicht noch unglücklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen,
+die man um ihn legen wird, zu reißen--"
+
+"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah
+ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles trügt, hängt das
+Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der
+Minister ködern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will
+alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will
+ihm die Augen auftun, daß er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt,
+will machen, daß er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei
+Millionen ins Land zieht, will machen, daß er mein Mädchen da lie--"
+
+"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prußte ihm
+das kleine, weiche Patschhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter
+reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar
+nicht; es wäre ganz gegen meine Grundsätze; nur die Schlange im
+Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom übrigen kein Wort mehr,
+unartiger Mann!--"
+
+Verschämt, wie wenn der Hofrat durch die glänzenden Augen
+hinabschauen könnte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die
+Gedanken sich insgeheim drängten und trieben, sprang sie auf und an
+den Flügel hin, übertönte die Schmeichelworte des Hofrats mit dem
+rauschendsten Fortissimo, drückte sich die weichen Knie rot an dem
+Saitendämpfer, den sie hinauftrieb, um die Töne so laut und schreiend
+als möglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den
+Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen
+keinen Raum hatte, zu übertäuben.
+
+Verzweiflungsvoll über den halloenden Schmetter dieses Furioso
+enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Türe
+geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden
+Akkorde lösten sich auf in ein süßes, flüsterndes Dolce, sie ging
+über in die schöne Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand
+führte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten
+Leben herauf stiegen; durch alle Töne des weichsten Moll klagte sie
+ihren einsamen Schmerz, bis sie fühlte, daß diese Töne sie viel zu
+weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzulösen,
+schnell wie ihre Hoffnung endete.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE MONDWIRTIN.
+
+Im Goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage
+vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die
+Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anständig
+als möglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen
+eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein großes Sofa zum
+Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das
+rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat überflüssiger Tassen und eine
+bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das
+Teezimmer. Auch an der _Table d'hôte_, wo sonst nur einige
+Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren,
+Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen saßen, waren
+bedeutende Veränderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das
+feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten
+Straßburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt
+wurden.
+
+Daß ihr angesehener Gönner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,
+jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem
+Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren
+in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren
+neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier
+Postpferden, den aus Leibeskräften blasenden Schwager darauf,
+vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf,
+sagte sie gleich zu ihrem Ehezärter: "Gib acht, das ist was
+Vornehmes."
+
+Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,--
+die Kommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäsche
+seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da
+schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Hände zusammen. Sie hatte
+doch von ihrer Mutter gewiß recht feine, sanfte Leinwand zum
+Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese
+Hemden, diese Tücher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweißes
+konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses.
+
+Es ist kein übles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen
+abgelegt hat und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der
+Bürgerliche erscheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen
+kommt, nach dem Herzen sehen, das heißt nach seiner Wäsche. Ist sie
+grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, daß der Herr aus
+einem Hause sein müsse, wo man entweder seine Erziehung sehr
+vernachlässigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war.
+Wo aber der bläuliche oder milchweiße Glanz des Halstuches, die
+feinen Fältchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da
+findet gewiß der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie
+immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhält.
+
+Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schönheitssinn,
+diese angeborene Vorliebe für schönes Linnenzeug in ihrer oft
+schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine
+Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden
+dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefältelten Busenstreifen,
+bald mit, bald ohne Manschetten aus den geöffneten Koffern
+hinüberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und
+Sacktüchern kam, wovon sie jedes zum höchsten Staat in die Kirche
+angezogen hätte, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie
+fürstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiß die gnädige Frau
+Mama ihm mitgegeben?"
+
+"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort.
+
+"Ist sie tot, die brave Frau, die so schöne Linnen machte?" sagte die
+mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnädigen Fräulein Schwestern haben--"
+
+"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Gräfin Crescenz."
+
+"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite
+Prachtwäsche verfällt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir
+denken, der gnädige Herr Papa Exzellenz--"
+
+"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit
+einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.
+
+"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schönen
+Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die
+ihn lobt, daß er alles so ordentlich gehalten, und keine Fräulein
+Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich
+mir denken, warum der gnädige Herr immer so schwarz angezogen ist und
+so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist
+recht zum Erbarmen."
+
+"Ja, wenn's das allein wäre!" seufzte der alte Diener und wischte
+sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als hätte er schon zu viel
+gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt,
+heran und schloß auf. Die Wirtin hätte für ihr Leben gerne gewußt,
+was sonst noch für Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der
+Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht,
+den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehörig imponierte,
+darüber zu befragen; auch schloß der Anblick, der sich jetzt darbot,
+ihr den Mund.
+
+Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so
+recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch,
+ein hübsches helles Kleid müßten ihn von selbst freundlicher machen.
+Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt,
+doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte
+in früherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im
+Quartier gehabt, schöne Leute, hübsch und geschmackvoll gekleidet;
+später, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen
+und Preußen dagewesen, große stattliche Männer wie aus Gußeisen.
+Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die früheren
+Gäste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch
+auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser
+Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und
+Bürgermilizkamisölern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf,
+wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht;
+nein, es war nicht möglich, etwas Schöneres, Feineres zu sehen als
+dieses Tuch, das wie Samt glänzte, das brennende Rot an den
+Aufschlägen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den
+Achselschnüren.
+
+"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte
+sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen
+schien. "Möchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide
+gefütterten Ärmel fahren und das spannende Jäckchen zuknöpfen? Und,
+weiß Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der
+Schneider wollte sich selbst nicht glauben, daß die Taille so fein
+und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern
+und Zagen, es möchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiß,
+wie es zugeht, sie war zwar über seine breite Heldenbrust gerade
+recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein
+Schnüren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststücke. Der
+Schneider machte einen Sprung in die Höhe vor Verwunderung; er konnte
+es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment ließen sich
+Korsette machen mit Fischbein, schnürten sich zusammen, daß man hätte
+glauben sollen, der Herzbündel wolle ihnen zerspringen, und dennoch
+rissen die Knöpfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu
+viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt
+wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!"
+
+"Es ist unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs
+gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andächtig staunend.
+
+"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da
+anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den
+silbernen Rädchen an den feinen Absätzchen,--denn Füßchen hat er
+trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten
+auf die Brust hängen, den Ehrensäbel, den sein Herr Vater vom Kaiser
+bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den
+Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an
+den Hals und küßte ihm die schwarzen Locken aus der schönen Stirne.
+Und dabei war er so fröhlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig
+blitzend, und alles hieß ihn nur den schönen, lustigen Martiniz. Das
+alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,
+indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode
+legte, "da liegt das schöne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger
+leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es
+noch so liegen!"
+
+"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich
+nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht
+Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger
+Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glänzen könnte?
+Warum denn?"
+
+Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er über
+diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,
+appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart für eine
+derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich.
+"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil
+wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswörtchen
+mehr aus ihm herauszubringen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER POLNISCHE GARDIST.
+
+Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzählt, der sich in dem
+schönen Speisesaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gäste zur
+Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm
+dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und
+nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschüttelt; als sie zu Ende
+war, dankte er für die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren
+wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet?
+Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde
+gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch über Leben und Treiben
+fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg, aus dem sich viel schließen
+läßt."
+
+Die Geschmeichelte lächelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte
+meine Gäste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jährchen auf
+einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von außen und innen.
+Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein
+Mann, der sich sonst auch nicht übel auf Gesichter versteht, sagt:
+'Wenn es nicht ein Polack wäre, so mußte er mir ein Engländer sein,
+der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Engländer, die
+den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die
+seien griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen,
+nehmen Sie nicht übel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt
+als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgrämig
+aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglück; denn die Wehmut
+schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus.
+Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit
+ihm, vielleicht, daß man da etwas mehr erfährt als von dem alten
+Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die
+Stirne in die hohle Hand gelegt, daß ich meine, er schläft oder hat
+Kopfweh. Drüben spielte gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel so
+wunderschön und rührend, daß es eine Freude war. Dem Grafen mußte es
+aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem
+dunklen Auge, als er sich nach mir umsah."
+
+"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat.
+
+"So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich
+mit seinem sinnenden Auge maß, da muß ich feuerrot geworden sein;
+denn da fiel mir ein, daß doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten
+umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht
+so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit
+denen man kurzen Prozeß macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich
+wollte nur gefälligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis
+zufrieden seien?' hub ich an.
+
+"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir,--denken
+Sie sich, so artig, als wäre ich eine polnische Prinzeß,--einen Stuhl
+und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr
+freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, daß es nicht so
+recht von Herzen gehen will.
+
+"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Straße
+gefiel ihm. Das Gespräch kam auf die Nachbarschaft und auch auf
+Präsidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunderschönen Fräulein, die
+erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswürdig
+sei, von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau schon lange
+tot sei, und ich hatte mich so ins Erzählen vertieft, daß ich gar
+nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte
+ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!"
+
+"Schade! Jammerschade!" lachte Berner über die sprachselige Wirtin.
+
+"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo
+es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schön ist, sitzt
+mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht
+vernünftig,--sitzt es im Garten und weiß nicht, daß ein so vornehmer
+Herr hinter ihm steht. Ich war in der Küche und sah alles mit an;
+mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein
+schwäbisches, ich weiß nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der
+Graf hinter ihr steht, fängt der Unband an zu singen:
+
+ "''n bissel schwarz und 'n bissel weiß,
+ 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,
+ 'n bissel weiß und 'n bissel schwarz,
+ 'n bissel falsch ist mei Schatz!'
+
+"Ich glaube, ich muß vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein
+Kind so ungebildetes Zeug singt; was mußte nur der Graf von meiner
+Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in
+die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm,
+herzte und küßte es; daß mir brühsiedheiß wurde, und fragte, wo sie
+das Liedchen her habe.
+
+"Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf
+aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und
+verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und
+zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen,
+wie ich hätte mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat
+seine Wirkung; sie sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts
+auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie
+wenn es so sein müßte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der
+Sparbüchse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, daß
+sie es in zwölf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch
+zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen
+Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER HOFRAT AUF DER LAUER.
+
+Die Gäste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen.
+Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nächstens
+wieder zu erzählen. Der Hofrat sann nach über das, was er gehört; die
+Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte,
+gingen ihm wie ein Mühlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen
+Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot,
+und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies
+_allein_ wäre!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein?
+Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie könnte
+er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er
+traurig,--wie könnte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine
+Gräfin Aarstein auf die Freite gehen? Unmöglich!--Hätte, wenn jenes
+doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn einen solchen Eindruck--"
+
+Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf
+ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar
+sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr,
+und sein ernstes Gesicht, wie klärte es sich auf, als sie ihn im
+Kotillon holte! Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie
+heraufgeworfen, als hätte er eine Congrevesche Batterie hinter den
+Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die
+Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen,
+anfangen zu sieden?
+
+Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des
+Mädchens gefühlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerührt
+davon, daß ihm die hellen Tränen hervorperlten, als der gute Graf
+Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast
+verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich
+hinein und rieb sich unter dem Tisch die Hände; "bin neugierig, ob
+diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem
+guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretär
+Superklug und Übergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen,
+extrafeinen Kniffen; mir muß das Goldfischchen in das Netz, mir muß--"
+
+"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das
+Vergnügen--" tönte dem alten Träumer, der über seinen staatsklugen
+Plänen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt
+erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der
+sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er hätte vor Schrecken in den
+Boden sinken mögen; denn sein erster Gedanke war, dieser müsse seine
+Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich
+erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit
+sich selbst gesprochen habe.
+
+Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat
+aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwärmerischen
+Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch
+auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müsse
+er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine
+Blöße zu geben oder einen seiner Pläne zu verraten. Die gewöhnlichen
+Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente über seine
+Reitfertigkeit, mit welcher er heute früh einem Kinde das Leben
+gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne daß er über des
+Fremden Gesinnungen nähern Aufschluß bekommen hätte. Es kam an die
+Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne
+Güter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, näher
+beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein
+Wörtchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder
+kaufen.
+
+Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die
+Residenz, das angenehme Leben dort, die Schönen der Stadt und des
+Hofes; jetzt mußte er etwas sagen, es mußte sich zeigen, ob er die
+Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schönen Anstalten
+dort, von der Militärverfassung, schien namentlich über die
+Kavallerie sich gerne genauere Aufschlüsse geben zu lassen, aber
+kein Wörtchen über die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade
+eine trefflich bereitete _Ortolane à la Provençale_, seine
+Leibspeise, am Mund und einen tüchtigen Biß hineingetan, da wandte
+sich Martiniz zu ihm herüber und fragte, ob er nicht in der Residenz
+die schöne Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane
+auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt
+mußte ja die Gräfin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schöne
+Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen
+habe."
+
+Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn
+solange er ja über das Verhältnis des Polen zur Gräfin Aarstein
+nichts Gewisses wußte, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als
+die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen
+Nachbar ein, mit ihm noch ein Stündchen zu trinken. Berner sagte zu
+und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann
+zuvor durch seine äußere Persönlichkeit imponiert, so gewann er jetzt
+ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch,
+dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Würze zu geben
+verstand, aufgetaut, eine so glänzende Unterhaltungsgabe entwickelte,
+wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und
+gehört hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein
+Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, daß er und
+sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte
+bemerkte nämlich bald, daß der Graf auf allerlei Umwegen sich immer
+nur einem Ziele, nämlich Ida, nähere. Er konnte dieses Flankieren dem
+Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst
+der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen
+wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre
+eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdrücken. Der Ulan umschwärmt
+seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Blöße entdeckt, und sucht
+auf geflügeltem Roß das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve
+sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte
+sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als
+er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und
+dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf
+Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren.
+
+Er glaubte den Hofrat drüben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem
+Ball ein engeres Verhältnis bemerkt zu haben; er pries des Mädchens
+königlichen Anstand, der sie vor den übrigen Freilinger Damen so hoch
+erhebe; er lobte die Zurückhaltung, mit welcher sie die ungestümen
+Herren zurückgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit
+sie unbewußt sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schöne Röte
+war durch das warmgewordene Gespräch auf den Wangen des jungen Mannes
+aufgegangen, jener Zug von Unglück und Wehmut, der sich sonst um
+seinen schönen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem
+feinen, holden Lächeln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem
+Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es
+bis zum letzten Tropfen so andächtig aus, als hätte er in seinem
+Herzen einen Toast dazu gesprochen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SELIGE GRAF.
+
+"Herzensjunge! liebstes, bestes Gräfchen! Söhnchen! Goldpoläckchen!"
+alle Schmeichelnamen hätte der Hofrat ausschreien, den trefflichen
+Redner an sein Herz reißen und mit väterlichen Küssen bedecken mögen
+--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei
+seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude
+über eine glückliche Entdeckung, über einen unverhofften, köstlichen
+Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrüche des
+Vergnügens wieder hinunter, faßte den Grafen nur mit einem recht
+zärtlichen, seligen Blick und bestätigte weitläufig sein treffendes
+Urteil. Er beschrieb ihm das Mädchen, wie er es, seit es den ersten
+Schrei in die Welt getan, kenne, wie es früher ein lustiger,
+fröhlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau
+herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und
+allen Dingen, die ein Mädchen zieren, als da sind: Stricken, Nähen,
+Schneidern, Sticken, Kochen, Früchteeinmachen, Backen, Blumenmachen,
+Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es
+in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft
+eingenommen, doch immer seinem Sinn für reine Weiblichkeit gefolgt
+sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden,
+wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe.
+
+"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn
+beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, für
+alles Schöne und Gute glühende Herz sich in der Residenz so vor aller
+Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewöhnlich bei
+solchen Mädchen über Eiskälte und Phlegma; aber Gott weiß,
+_diesem_ Mädchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere
+jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos
+schlendern sie einher auf den Bällen, stehen sie scharweise zusammen,
+gucken durch Gläser von Nr. 4 und 5, die für Blinde scharf genug
+geschliffen wären, nach den Reizen der Ballschönen, lassen ganze
+Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu
+einem Walzerchen und Kotillönchen her, so meint man, sie wollen den
+letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedörrten
+Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schönen, in der Fülle
+der Kraft strotzenden Mädchen, das zwei solcher Flederwische an die
+Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das
+sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen
+Augen und verstohlenem Lächeln sein Ideal vormalt und vorträumt, kann
+man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und
+kalt abweist?
+
+"Ein solches Mädchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im
+Leib haben! Habe ich doch über mein Goldmädchen gestern abend solche
+Urteile hören müssen; geschossen hätte ich mich um sie, wäre ich nur
+dreißig Jahre jünger gewesen. Sie hätte kein Feuer? Habe ich nicht
+gesehen, wie sie heute früh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten,
+das Fenster aufriß und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefühl! Und
+dies es Mädchen hätte kein Feu--"
+
+"Das hat sie getan?" fragte der glückliche Martiniz, bis an die Stirn
+errötend. "Sie hat das Fenster ein wenig geöffnet und herausgesehen?"
+
+"Was öffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber
+aufgerissen hat sie das Fenster, daß sie mir den Schokoladebecher
+beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen
+Sie, so ist das Mädchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schönes,
+wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwärmerisch empfindsam, wenn
+sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die
+leere, schale Alltäglichkeit sich ihr aufdrängen will."
+
+Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende
+Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der
+nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er
+so viele Anklänge, daß dieses wehmütige, traurige Herz, das solange
+nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Tränen, im
+stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten
+unter dem Ordensband hob, das es von außen zierte.
+
+Er sagte dem Hofrat, daß er, wenn es möglich wäre, während seines
+hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den
+würdigen Herrn Präsidenten Gebrauch machte, das er heute durch den
+Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretär bekommen habe.
+Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzuführen und seine Abende
+im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei
+sich lachte er aber über den Staatssekretär, der seine Sachen so
+geschickt einzufädeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit
+seinen drei Milliönchen, aber die Gräfin soll ihn nicht bekommen,
+dafür steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein
+Toastchen und ließ mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick
+die künftige Frau Gräfin leben. Vivat hoch! scholl es in allen
+Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h--
+
+Da brummte in dumpfen Tönen die Glocke vom Münsterturme elf Uhr. Mit
+wehmütigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den
+erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, daß er noch einen
+Besuch machen müsse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin
+der unglückliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte
+sich dann in seinen Stuhl zurück, um über das, was diesen Abend
+besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann
+so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs,
+so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit
+bei drei Millionen Talern; so hohe männliche Schönheit und doch nicht
+jenes eitle, gefallsüchtige Sichzeigenwollen, das schönen jungen
+Männern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiß
+beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst
+einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zornglühendem
+Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben
+verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Männern!" wütete sie,
+"hätte ich doch mein Leben eingesetzt für diesen Herrn Grafen, hätte
+geglaubt, er wäre ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder
+Liederlich, die an jede Schürze tappen--"
+
+"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln
+gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt,
+Frauchen?"
+
+"Was ich habe? Möchte da einem nicht die Galle überlaufen? So ein
+schöner, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen würde,
+in nähere Bekanntschaft--geht auf nächtlichen, liederlichen Wegen,
+glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine großstädtische
+Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehüllt, ist er zum Torweg
+hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man
+solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Türe schlage ich
+ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der
+bei Nacht und Nebel nicht weiß, wo er steckt."
+
+"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat,
+wieder freier atmend; "da dürfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf
+schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich
+weiß wo, darf es aber nicht sagen."
+
+Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie
+freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor?
+Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich ärgere mich nur, daß
+ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen,
+unsern jungen Herren ist nicht mehr über die Straße zu trauen. Sagen
+Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er könnte mich mit
+einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe
+zu meinem Nebenmenschen."
+
+Der Hofrat lächelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und
+zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Röte auf die hübschen
+Wangen, sie wußte nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zürnen
+solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr:
+"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche--
+Eifersucht!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+GUTE NACHRICHT.
+
+Man hätte glauben sollen, das Haus des Präsidenten sei ein großer
+Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvögel, Stärchen
+und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas Treppe
+auf, Treppe ab; ein süßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen,
+wehmütigen Tönen singen, bald in fröhlichen, scherzenden Rouladen
+jauchzen und jodeln wie die Kanarienhähnchen, bald zwitschern und
+plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, sie
+alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor
+Sehnsucht, vor Langeweile und Geschäftigkeit Treppe auf- und abflog,
+mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte,
+allen zugleich befahl und schalt.
+
+Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des
+Staatssekretärs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr
+gekommen und hatte sie förmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen
+sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch
+so,--mußte man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher
+zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner
+Abreise mußte ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.
+
+Das selige Mädchen drückte die Augen zu und biß die
+_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach
+ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernünftigste--sollte man
+ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann
+zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja
+ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens
+schließen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklärte ihm, wie
+sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe.
+
+"Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinstädtisch vorkommen,
+wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir
+müssen einen Bedienten hinüberschicken und ihm sagen lassen, daß wir
+ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten
+Direktors Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen
+oder den andern Ihrer jungen Räte dazu. Ich mache die Honneurs beim
+Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem
+Grafen sagen Sie, Sie wünschen ihn öfter bei uns zu sehen und
+namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet
+man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe
+ich eines Tages recht flott und anständig, Sie, lieber Papa, geben
+ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen,
+ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es
+wäre unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist
+recht hübsch, übrigens darf nur _er_ allein merken, daß es _ihm_
+zu Ehren geschieht; wir würden uns lächerlich machen, wollten wir den
+Leuten sagen, daß wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann
+ja heißen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus."
+
+Papa Präsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte,
+daß man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder
+die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die
+Schlüssel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben,
+und das Mädchen rumorte jetzt als tätige Hausfrau in dem großen
+Gebäude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gäste empfangen. Sie
+sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er mußte, wenn er nur
+halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens
+viermal herüberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch
+selig das Mädchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und
+zu rumoren, und schon um zwölf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es
+heute abend sein mußte. Erschöpft von den Haushaltungsgeschäften,
+warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend
+schon recht selig zu träumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend
+recht schön mache, daß er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre
+beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von
+seiner Stirne zu bannen, so--o, es mußte einen herrlichen Abend
+geben; da fiel ihr auf einmal die Gräf in Aarstein ein, und alle
+Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Träne auf Träne stahl
+sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf
+die Welt bitterböse. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein
+wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar
+zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie
+auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit
+triumphierender Miene, daß sie vor der Aarstein nicht bange haben
+solle; er habe gute, köstliche Nachrichten, die dies vollkommen
+bestätigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie
+hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von
+der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen,
+der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mädchen, das die Flamme der ersten,
+reinen Liebe im Herzen trägt, wo ist ein solches Engelskind, das
+nicht in ein paar Stunden die größten Fortschritte in der Kunst zu
+schließen und zu berechnen gemacht hätte? Man sprach so viel von
+magnetisierten Schläferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele
+gelehrte Bücher über solche seltene Erscheinungen, und wie gewöhnlich
+ließ man, was am nächsten lag, unbeachtet! Das sind ja die
+eigentlichen Clairvoyantes, die Mädchen mit der ersten, kaum
+erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen
+niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit
+der schärfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das
+Auge des Geistes geöffnet, daß sie in den Herzen lesen. So auch Ida;
+sie merkte dem Hofrat wohl an, daß er mehr wisse, als er sagen wolle;
+mit der Gräfin war es nichts, aber ebensogut mußte er wissen, daß es
+auch mit keiner andern etwas sei, sonst hätte er nicht so vergnügt,
+nicht so schelmisch gelächelt. Er wußte,--das sah die neue
+Clairvoyante jetzt hell und klar,--er mußte sogar wissen, daß
+Martiniz _sie_--
+
+O! wer das Mädchen jetzt gesehen hätte, wie es das Köpfchen in die
+Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom süßen Schauer der
+ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der
+jungfräuliche Busen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl
+wie eine Mitternachtssonne in den Nächten des Nordpols im Tiefsten
+ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging!
+Wahrlich, es liegt eine rührende Zaubermacht in einem solchen
+Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des
+jungfräulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von
+welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt!
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER LANGE TAG.
+
+Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so
+träge hin! Sie konnte sich ordentlich über sich selbst ärgern, daß
+sie schon heute früh das Teezeug gerüstet hatte; sie fing an zu
+arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurück.
+Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst
+mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar
+zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken
+recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und Blättchen
+zusammenband--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie nähte so
+wunderhübsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und
+gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging
+ihr so schnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen
+in der Residenz hatten sich immer Stücke von Paris und London kommen
+lassen; da waren die schönsten Girlanden von Rosen, Astern, alle
+möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen,
+daß die Damen nach ihrem Belieben hinein nähen konnten, was sie immer
+wollten; natürlich stachen meistens die schönen Pariser Girlanden
+sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur
+ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geübter
+Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig,
+die Idas Arbeit für Zauber, für nicht möglich gehalten hätten, wenn
+sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wäre. Sie
+hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fußkissen für Papa
+angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich
+selbst nicht begreifen, wie sie früher so langweilige Arbeiten
+machen, Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen
+konnte--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer
+Kreide so fein, so gefällig für das Auge, daß sie der Stolz ihres
+Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich gewesen;
+wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten
+Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur
+Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag übergeben hatten, so
+hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen
+Bildern an, daß sie _con amore_ ausgeführt waren; denn hatte sie
+einmal etwas angefangen, so mußte es auch vollendet werden. Sie hatte
+eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie öffnete
+jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel
+versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht
+viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald
+wurden die Striche zu dick und mußten verwischt werden; sie wurde von
+neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu
+ungeduldig oder die Kreide zu grobkörnig?--alle Augenblicke brach
+sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, daß sie
+kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady
+Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte die Madonna schnell ein
+und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog
+alle Schubfächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern und besah sich
+Stück vor Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert;
+aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen?
+Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und zugeschlossen!
+Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht
+zerstreuen.
+
+Endlich, endlich schlug es fünf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch,
+ohne sich von ihrem Zöfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen.
+Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie wählen sollte; einen
+vollen Anzug oder ein Hausnegligé? In der Residenz hätte sie, ohne
+sich zu besinnen, das erstere gewählt. Dort fing ja der Tag
+eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie
+dort kein Negligé wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen,
+der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Negligé
+für den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fräulein, die
+sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen würden. Sie
+wählte daher ein feines Hausnegligé, ein allerliebstes weißes
+Batistüberröckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande
+noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie glücklich hatte sie
+gewählt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Überröckchen zeigte
+den in jugendlicher Frische blühenden Körper; den Teint hob zwar
+keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so
+blendend weiß, daß er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar
+wurde dafür so sorgfältig, so glänzend als möglich geordnet. Die
+seidenen Ringellöckchen schmiegten sich eng und zart um Schläfe und
+Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzückend, daß sie sich
+selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte,
+als sie ihre höher geröteten Wangen, ihr glänzendes Auge sah, mit
+Lust und heimlichem Lächeln sich gestand, heute ganz besonders gut
+auszusehen.
+
+Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der
+große Lüster verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer.
+Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben
+ihr mußte der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr
+zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in
+voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen
+mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht übel
+zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem
+Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm,
+kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hüllen
+gefällig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in
+Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit für
+sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten
+in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor.
+
+"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar
+Schritte aus dem Goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen; die
+Flügeltüre rauschte auf--Fräulein von Sorben! "Wenn nur die andern
+auch bald kämen," dachte Ida, indem sie das Fräulein empfing; denn
+diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war
+wenigstens acht Jahre älter als Ida, spielte aber doch immer noch das
+naive, lustige Mädchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen
+Korpulenz, die sich für eine junge Frau nicht übel geschickt hätte,
+schlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präsidents mit Schonung und
+Achtung behandelt werden, weil sie einigermaßen mit ihr verwandt
+waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen
+bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals,
+nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle mögliche süße,
+verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen
+Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides
+glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken
+werde. Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den
+Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mühselige
+_Entrechats_ und küßte Ida die Hand: "Wie danke ich dir für
+deine Aufmerksamkeit, daß du mich zu ihm eingeladen hast! Du
+bemerktest gestern gewiß auch, wie er mich mit seinen schwarzen
+Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute früh, ich hatte mich
+kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem
+Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en
+passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du
+weißt, junge Mädchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen
+es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat."
+
+Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach
+der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem
+Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte
+sich, daß Emil nicht nach der Cousine geschaut haben könne. Das "mein
+guter Graf" und das "wir jungen Mädchen" aus dem Munde der alten
+schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, daß sie, statt in
+Eifersucht zu geraten, des heitersten, fröhlichsten Humors wurde. "O
+du Glückliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen
+machen könnte!"--"Es gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine,
+nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell
+nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muß sie geben. Du bist
+hübsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schönen
+gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jährchen
+ins Land kommen, angelst du Grafen, als hättest du von Jugend auf
+gefischt."
+
+Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten
+Jubel aus. "Das wäre schön, das wäre herrlich, Grafen fangen!" rief
+sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im
+rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.
+
+Von Anfang ließ sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen,
+obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken
+geschnürt war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wußte, wenn
+man nur erst aufhöre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte
+Eisen gezählt, und gab sich also alle Mühe, leicht zu tanzen. Als
+aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen
+hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da
+stöhnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hö--re auf!" Aber Idchen riß
+sie noch einmal herum und ließ sie dann, weil sie das Geräusch der
+Kommenden hörte, atemlos und bis zum Tod gepreßt vor der Flügeltüre
+stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER TEE.
+
+Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kräftiger
+Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung,
+war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige
+Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so
+unendlichen Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder
+aufgestiegen, um süße Erinnerungen zu flüstern?--Ida stand
+versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum
+gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen!
+Sie hätte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat
+Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber
+diese hätte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben
+mögen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie
+benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War sie doch gerade
+aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln
+vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten
+Salons ohne Ängstlichkeit bewegt, und hier stand sie errötend, mit
+niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstädtisch "von der
+Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".
+
+Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand,
+ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert
+hatte, erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens.
+Mit unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen
+Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszuführen; in wenigen
+Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen
+wie früher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese
+war, als die Flügeltüre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei
+Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos,
+nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens
+arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch
+immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu
+Atem gekommen; sie ließ also nur einen Liebesblick auf ihn
+hinüberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber
+wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu
+kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr
+und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Füße
+gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur
+der Hofrat zuzuhören; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen
+hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf das
+Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt zu
+sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden; sie erhob
+also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf,
+dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch nicht
+gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber
+der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, daß
+er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig,
+um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida
+ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen
+warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen; wie
+allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie
+verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch
+die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedürfnisse
+viel lieber von ihr reichen lassen als von den fünf reich galonierten
+Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an
+allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein
+müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt
+hätte, das für sie in seiner Brust lebte.
+
+Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident
+hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige
+junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die
+Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich
+schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen,
+interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der
+Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast
+zu erheitern; dadurch werde das Gespräch allgemein und anziehend. Es
+ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des
+Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender
+macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so
+ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch
+mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen
+von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,
+seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog,
+die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil
+weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas
+Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer
+rascher fortrollende Gespräch entriß--dies alles gewann ihm die
+Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden
+Fremden hin.
+
+Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine
+Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo
+die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kühnen Ideen nicht
+mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an, sie
+plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte,
+scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das
+Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden
+war. Er nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein
+Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine
+so glänzende Weltdame mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit
+erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_
+Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Häusern
+der Residenz für eine sehr feine und anständig erzogene junge Dame;
+doch war sie dort ernst, zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher
+kannte, über ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein,
+eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten
+Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten
+ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes
+ans Licht gelockt.
+
+Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das
+Gespräch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins
+rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen
+und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je
+länger er mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das
+geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte
+Mädchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte
+entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als
+er ihm von des Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden
+erzählte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus
+seinen Zügen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz
+gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem
+Unglücklichen nicht für möglich gehalten hätte, sogar recht herzlich
+lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er
+sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklärter Cherub.
+
+Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm
+die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle
+erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte
+sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser
+daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle?
+Hatte sie nicht alle naiven Künste aufgeboten, um seine
+Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die
+kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen
+Mann weggeschnappt. Sie warf allen Haß auf diese; hatte sie sich doch
+vorhin so kindisch gestellt, als könnte sie nicht fünfe zählen. Sie
+selbst--o, sie hätte sich können auf den Mund schlagen für die
+Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich
+noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wäre
+sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte
+nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schönen Fremden zu erheben. So
+dachte die Sorben.
+
+Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so
+hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber
+nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas
+recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß
+jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin
+Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida
+einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel
+war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die
+witzige Bemerkung ein: Die Fräulein kommen ihr gerade vor wie die
+Spitzen. Es heiße alles Spitzen, und doch sei ein so großer
+Unterschied zwischen den echten und unechten, daß jedes Kind die
+Feinheit der echten von den gröberen unterscheiden könne. Sie hatte
+triumphierend über ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des
+Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnädiges Fräulein,"
+hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht
+irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens
+habe ich mir sagen lassen, daß die ganz echten gelblichbraun
+aussehen." Hatte er auf ihre bräunliche Haut anspielen wollen? Die
+Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so höhnisch dabei
+ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida gänzlich zu
+ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer
+Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß der
+Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war
+auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war,
+folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich! An der Türe
+noch mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch
+verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie
+mußte hören, wie er versprach, recht oft herüberzukommen.
+Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum
+Abschied küßte, den Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich,
+mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.
+
+"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Präsident, als die
+Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die
+noch bei ihm saßen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein!
+Schade nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie
+er alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten,
+was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig
+ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten.
+Er wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte.
+Die Gräfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte
+übrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--"
+
+Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und
+fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht
+nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr
+Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem
+listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa
+über seine Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer
+Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe
+der Männer gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher
+Reisenden: "Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Sie erinnerte
+sich an die üppigen Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die
+schon so manches junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre
+wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng
+stiftsfähige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar
+nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben
+zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und daß sie es war, sagte
+ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden
+hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer
+sagte ihr, daß dieser fremde Mann sie nicht betr--
+
+Nein, betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut
+dieser Augen konnte nicht täuschen! Froh dieser Überzeugung, die sie
+während des Auskleidens gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und
+machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre,
+mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein," sprach die
+Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den
+Kampf um den schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz
+als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar
+weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine
+Wenigkeit, gegen Höchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und
+dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das
+weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus
+der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem Goldenen Mond hinüber
+und flüsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und träume
+süß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloß selig die
+Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das
+unbekannte Land der Träume; da schüttelte sie ein jäher Schrecken
+wieder auf und jagte sie aus dem Bette.--
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS STÄNDCHEN.
+
+Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner
+gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den
+ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor
+Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ.
+
+Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache
+eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft
+hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus
+Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer
+seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische
+Dogge. Dieser war der Fuß abgefahren worden, und,--wie es mit den
+Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder
+geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,
+erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen Vieren so gut
+als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben
+kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald
+in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar
+keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht
+mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster
+hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte
+sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm
+deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität
+nehme?
+
+Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich
+ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte
+auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den
+Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt,
+wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das
+große Werk.
+
+Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem
+neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo
+sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es
+aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an;
+denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips
+bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber
+die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach
+also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem
+Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des
+Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft
+entschlafen sei, so werde zum ersten Stück kein Adagio gewählt,
+sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern
+_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert
+Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften
+Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die
+zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der
+Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen ließ--Kapellmeister
+winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten
+Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem
+einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art
+von Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es
+brenne irgendwo im Städtchen; als sie aber nachher deutlich einige
+Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik
+sei, die ihr gelte.
+
+Es war kalt; sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke
+und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so
+unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der
+Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er,
+der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht
+diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen
+auszudrücken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtönenden
+Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken.
+
+Jetzt schwieg die Musik; sie hörte Stimmen auf der Straße.
+
+Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne
+an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten
+Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube,
+die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."
+
+"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte
+Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar
+gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer
+Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den
+Armen in der Luft. "Blast! O wären das die schwedischen Hörner und
+ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"
+
+"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter.
+"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von
+neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die
+Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein
+Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich,
+dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der
+empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug
+ein Uhr, als die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller
+Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht
+gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise
+verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder
+dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht
+hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig--
+
+Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das
+bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm
+nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht
+deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war
+er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und
+Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen?
+Konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen
+machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er errötete, als sie ihn zum
+Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige
+war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee
+neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr
+zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen
+Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt,
+sie gedrückt und ihr zugeflüstert: "Ich weiß wohl, darf es aber nicht
+sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße
+Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.
+
+Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst,
+um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte
+sich selbst aus über ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muß mir
+beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der
+muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf
+sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet; da will ich schon erfahren,
+ob er mich lie--"
+
+Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr
+Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein
+süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas
+Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit
+dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines
+andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen
+ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen
+gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran
+dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese
+melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden!
+Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie
+huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und
+schlich sich ans Fenster; sollte Mart--
+
+Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen
+waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an
+den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und
+jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie
+seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße
+Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah
+deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein
+bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen könnte, wie
+köstlich, wie wunderschön wäre es!" dachte Ida, hüllte sich tiefer in
+ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll
+Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines
+jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört
+hatte und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre
+sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein
+Silbchen von den polnischen Wörtern; aber dennoch faßte sie den Sinn
+so gut als irgend eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne,
+die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich
+nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die
+ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen
+stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen; sie schlich sich zurück
+zu ihrem einsamen Lager; Emils Töne begleiteten sie. Die
+geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des
+interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der
+ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles
+erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein
+unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja,
+sie war geliebt--diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die
+Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie
+preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die
+entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle
+Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder
+angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch
+ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das
+pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die
+Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute
+noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE FREILINGER.
+
+Die Leute in Freilingen sind wie überall; es vergingen keine acht
+Tage, so wußte jedes Kind, daß Präsidents Ida und der reiche Pole ein
+Paar seien. Die Freilinger ärgerten sich nur darüber, daß man ihnen
+Sand in die Augen streuen wolle; daß die beiden Leutchen einander
+vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an
+gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er überhaupt in dem
+obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott
+weiß durch was für Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt
+hatte? Papa-Präsident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, daß
+der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee
+vorging, das wußte freilich jedermann, weil man hie und da so ein
+paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer,
+nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wußte
+niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da
+spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und
+vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geschehen könne; aber man wußte
+ja von früher her, wie er dem Mädchen alle losen Streiche durch die
+Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie größer ist.
+So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mädchen, die
+Ida, tut jetzt so jüngferlich und so zimperlich, als wäre sie in der
+Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild,
+ausgelassen, trotzig; das müßte ja ein Gott sein, der aus einer
+solchen Hummel ein reputierliches Mädchen ziehen wollte. Aber in
+allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden;
+da sagt man den Mädchen: Ihr könnt alles tun; aber haltet Maß und
+treibet es fein! Daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendspiegel aus
+den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein
+wenig frei nach französischem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das
+ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten,
+sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der
+Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weißnichtwoher und
+Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So
+urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mädchen, das in
+ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Böse überall
+schneller um sich greift als das Gute, so wußte und glaubte schon
+nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse
+Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmlosen Martiniz erging das
+nämliche Gericht.
+
+Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn
+Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A
+bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie für Pläne haben usw. Kauft
+einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen
+Landes, so ist er ein unerträglicher Geheimniskrämer, der allein das
+Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wissen sollen, was an ihm
+ist. Dieser Pole vollends versündigte sich auf die impertinenteste
+Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida;
+und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort
+bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte
+niemand sagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu tun habe; schon
+sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch,
+das sie gar zu gerne durchblättert hätten. Das ist ein Bruder
+Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein
+Mensch ohne ein Fünkchen Lebensart; sonst würde er wenigstens seine
+Tischnachbarn mit seinen näheren Verhältnissen bekannt machen, würde
+auch in andere anständige Zirkel kommen als nur zu Präsidents. So
+urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und
+seinem Verhältnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle
+einverstanden, daß der Präsident von seinen Verhältnissen doch etwas
+wissen müsse; denn er lächelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen
+des Fremden anbohrte.
+
+Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und überall kursierte er
+unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches
+Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß
+zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr,
+nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FEINDLICHE MINEN.
+
+Wie es übrigens zu gehen pflegt: die ärgsten Feinde Idas und des
+Grafen ließen sich öffentlich am wenigsten über dies Verhältnis aus.
+Frau von Schulderoff und Fräulein von Sorben fühlten sich bis zum Tod
+beleidigt; aber sie hielten öffentlich an sich und schwiegen.
+
+Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas über den
+Fuß gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen
+Winter hindurch dem Fräulein die Cour gemacht; das Verhältnis hatte
+sich aber aufgelöst, man wußte nicht wie. Jetzt, da sie in
+_einem_ Spital krank waren, jetzt näherten sie sich wieder, und
+obgleich das Fräulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld
+gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergaß sie doch
+einstweilen diese Kränkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu
+rächen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als
+jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, daß
+das Unglück des Leutnants vor dem Hause des Präsidenten, von dem die
+ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufällig sei, als man es erzählte;
+sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, daß die Nachtmusik,
+von den zwanzig Regimentstrompetern aufgeführt, nicht den Grafen,
+sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die
+Mauern von Jericho, so die Steinwälle und Gußeisentore von Idas
+Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen.
+
+Dies alles fühlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_
+wußte, so richtig zusammen, daß sie über den ganzen Roman des Herrn
+von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglückten
+Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch spröder behandelt worden
+war,--mochte sie nun ahnen, daß die Sorben auch ein wenig verletzt
+sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen
+dem Fräulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stücken
+die Sorben, teilte ihr mit, was sie wußte, und ließ sich mitteilen,
+was das Fräulein im stillen erlauscht und erspäht hatte. Übrigens
+lebte auch sie in der festen Überzeugung, Martiniz und Ida haben sich
+schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn
+von den nächtlichen Leiden des unglücklichen Grafen ahnte niemand
+auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Küster des Münsters in
+dieser Sache.
+
+Unbegreiflich war und blieb es übrigens sowohl der Frau von
+Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener
+Herr schien, nicht schon lange bei dem Präsidenten um Idas Hand
+gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die
+nur einen Grund sehen wollten, waren einig darüber, daß es dem Grafen
+entweder nicht recht ernst sei, oder daß es sonst irgendwo ein
+Häkchen haben müsse. So hatten beide Damen schon seit vielen
+Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander
+zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch
+nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, daß ein Kammerherr, den
+Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen
+Frau, bei welcher Fräulein Sorben gerade auf Kaffee war, während man
+umspannte, einen Besuch machte.
+
+Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Kammerherr
+hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von
+Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn
+fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien.
+
+Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz.
+"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit
+den drei Milliönchen, der unsere Gräfin Aarstein--Ja, wahrhaftig!
+Jetzt fällt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er
+sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit
+Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert;
+denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag
+erwartet; das Verhältnis, das er hier angeknüpft hat,--da können Sie
+sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil
+er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht für die Sanden!"
+
+Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese
+Nachrichten hörten. "Sie sprachen vorhin von der Gräfin Aarstein,"
+sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--"
+
+"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin,
+"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wünscht sie
+wieder vermählt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fürst
+überdrüssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches
+sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich
+hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs
+dringendste empfohlen; denn man macht hauptsächlich wegen seines
+Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein großes Wesen aus
+ihm; kaum hört die Aarstein von den drei Millionen und dem alten
+Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterläßt, so erklärt sie mit
+schwärmerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---:
+'Diesen und keinen andern!' Man ist höheren Orts schon gewöhnt, ihrem
+Trotzköpfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja überdies ganz
+herrlich mit allen Plänen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet
+und, so viel ich weiß, schon so gut als richtig."
+
+"_Est-il possible, est-il croyable?_" tönte es von dem Mund der
+erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann
+Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fräulein von Sanden, die
+Sie aus der Residenz kennen müssen, ist sehr liiert mit dem Grafen,
+und ich fürchte, ich fürchte, die Gräfin kommt nicht zum Ziel!"
+
+"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das wäre
+doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung;
+die Gräfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Lächeln,
+mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestätigung; und wenn er auch
+nicht wollte, er muß sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof
+vor den Kopf stoßen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die
+Gräfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr
+Gewicht als alle übrigen zusammen, ist schön, blühend, macht das
+beste Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken
+hätte, sie auszuschlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das soll mich doch
+wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen.
+Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem
+Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzählte man
+sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber
+gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun,
+Glück auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann paßt er zu
+der Gräfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhältnis schaden
+könnte; die Gräfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre
+Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr
+Onkel, Fräulein von Sorben, kann Ihnen über diese Sache die beste
+Auskunft geben; denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht die
+Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr
+empfahl sich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und
+Verwunderung zurück.
+
+"Arme Ida!" sagte die Sorben spöttisch. "So viel Routine hast du denn
+doch noch nicht, daß du Geschmack daran finden könntest, die Nebenbei
+des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Dämchen, das also in
+der Residenz die Spröde so schön zu spielen wußte, aufschauen wird,
+wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in
+Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal
+morgens verschwunden ist, am nächsten Posttag aber ein Paket einläuft
+mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete
+Gräfin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist."
+
+"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die
+Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich
+ärgern, daß es die Gräfin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie
+Sie hörten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--"
+
+"Sie kennen den Sporeneck, gnädige Frau?" fragte die Sorben, und ihr
+gelbliches Gesicht schien tief über etwas nachzusinnen.
+
+"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei
+uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es
+nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein
+Mädchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht für sich
+gewann!"
+
+"Herrlich, das muß uns dienen," fuhr das Fräulein fort; sie setzte
+auseinander, daß ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief
+angebissen bei Präsidents und als wolle er vor der Hand nicht an die
+Gräfin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat
+von Sorben, gehörig präparieren, und sie stehe davor, daß der Graf
+die längste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten wäre es, wenn
+man die Aarstein selbst in Freilingen haben könnte; doch sei dies bei
+dieser Jahreszeit nicht wohl möglich; darum solle auch Frau von
+Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefälligkeit
+erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den
+Grafen recht eifersüchtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin,
+daß er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch
+im übrigen bald geholfen.
+
+Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stürmisch und ergänzte den
+Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann
+fühlt, daß man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist
+auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch
+nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Präsident
+mit seinen Friedrichsdors herausrückt und unsern Schulderoff wieder
+flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekümmere ich mich
+dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur
+Tunichtgut auskommt."
+
+Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht
+und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von
+Fräulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit
+bewunderungswürdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des
+Präsidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, daß man
+schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und daß sie nur
+bedaure, daß dadurch der Residenz ein glänzendes Haus entzogen werde;
+denn Ida scheine darauf zu bestehen, daß der polnische Graf sich in
+Freilingen niederlasse.
+
+Der Brief, das wußte sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn
+auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht hätte, bei der
+eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Gräfin Aarstein seine
+Hand im Spiel zu haben, so hätte ihn doch der letzte Punkt des
+Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des
+Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, daß ein großes
+Haus mehr in die Residenz kommen könnte, war begeisternd für ihn.
+Unter allen Sterblichen schätzte er die am höchsten, welche Häuser
+machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer,
+sondern die, welche ihm Schildkrötensuppen, fette Austern, feine
+Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmäßig einmal
+in der Woche des Abends Türen und Tore öffneten, um frohe Gäste bei
+sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, köstliche Bälle zu geben
+wußten. Solche Häusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein
+altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten
+tot oder lebendig, vier- oder zweifüßig sein, mochten dem Gaumen oder
+der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war
+ein Kenner, und daher mußte es in seinen Wünschen liegen, ein
+Dreimillionen-Gräfchen in die Residenz zu bekommen.
+
+So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne daß er es merkte, bei allen
+fünf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefaßt, und sie
+durfte überzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich
+Schulderoffschen Palais, das für jetzt, in Ermangelung eines bessern,
+nur aus einigen Mansardenstübchen bestand, lief ein Brief ab, der
+keinen geringeren Hagelslärm, kein schwächeres Hallo in die Residenz
+machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die
+Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche
+Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3,
+überschrieben und lautete wie folgt:
+
+ "_Freilingen_, 11. Dez. 1825.
+"Herr Bruder!
+
+"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu
+wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und
+sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug
+aus. Den Säbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiß nicht,
+daß der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier
+hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder,
+vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan
+hier angekommen, der ihr jetzt täglich und stündlich die Cour
+schneidet. Begreife übrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier
+allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnöde abgewiesen. Auf
+Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine
+vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich
+sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affäre, was ich fürs beste
+hielte, selbst einige Wörtchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder
+mit dem Fräulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu
+Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer
+Geld haben und scheint meines Erachtens der angeführte Teil; denn sie
+hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe
+wohl, grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in
+Bruderliebe Dein
+ "_Franz von Schulderoff_,
+ Leutnant bei Königin-Dragoner."
+
+Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist
+für Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein
+und heiter; aber indem es in das reine Blau des Äthers hineinsah und
+sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr
+stilles Glück zu suchen und zu zerschmettern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+GEHEIME LIEBE.
+
+Aber so gewiß die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wußten sie
+doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die
+erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnügt,
+still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübsches
+träumt, und einem andern käme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie
+gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgültigsten Dingen
+und denken an das, was ihr Herz erfüllt; sie wagen es nicht
+auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen;
+denn sie tragen den Schlüssel zu dieser Zeichensprache nebst
+Wörterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei
+Martiniz und Ida. Sie wußten, daß sie sich liebten; aber noch hatte
+der Graf nie deutlich darüber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine
+Gelegenheit gegeben, sich zu erklären.
+
+Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er
+liebte die beiden guten Leutchen, als wären es seine eigenen Kinder;
+darum hätte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegönnt, eben darum
+konnte er aber dieses verschämte Treiben nicht leiden. Er war so halb
+und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage
+von des Mädchens Schönheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden
+vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, daß er glaube, Ida sei ihm gut;
+aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den
+Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr
+Herzchen beinahe, seit es schlug; er wußte jede Schattierung in ihren
+Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil
+und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht
+recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mädchen, weniger übel
+nehmen als ihm.
+
+"Nein, wer mir je so etwas gesagt hätte," dachte er, "dem hätte ich
+mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde-
+Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie,
+und wagt nicht einmal, ein Mädchenherz, das ihm gewogen ist,
+anzugreifen." Er hätte mögen aus der Haut fahren, wenn er daran
+dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die
+Welt in den letzten Jahrzehnten sich so ändern konnte. Aber wie, wenn
+Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmöglich, es konnte
+Gewissenhaftigkeit sein, daß er sich nicht erklärte; befand er sich,
+der unglückliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben
+Zustande, wie er hier angekommen war.
+
+Der Küster, der jetzt regelmäßig nachmittags sein Däpschen hatte,
+ohne daß seine Frau begreifen und ergründen konnte, wo er das Geld
+dazu herbringe, der Küster hatte dem Hofrat alle morgen referiert,
+wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei;
+er hörte zwar, daß er seit neuerer Zeit weniger stark wüte; daß er
+aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem
+Zustand; es war kein Zweifel, daß der Graf jede Nacht um dieselbe
+Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag über keine
+Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blässe, das Wehmütige, das noch
+immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, daß er
+körperlich oder geistig angegriffen sei.
+
+Seinen Entschluß, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn
+zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausführen können; je
+näher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er täglich
+vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen
+bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine
+Geheimnisse eindringen zu wollen.
+
+Aber unablässig verfolgte ihn der Gedanke, daß er vielleicht, wenn er
+das Nähere über des Grafen Krankheit wüßte, helfen könnte. So saß er
+eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft
+wohl ansah; der Küster hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig
+bei ihm eingesprochen und erzählt, gestern nacht sei der fremde Herr
+so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, daß ein
+Töpfer die Hände darunter hätte waschen können. Er sann hin und her,
+wie man dem Geheimnis benommen könnte; da klopfte es bescheiden an
+der Tür, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer.
+
+Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an
+seinem jungen Herrn zu hängen, schien so väterlich für ihn besorgt zu
+sein, daß man sah, er müsse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und
+gepflegt haben; recht erwünscht kam er daher gerade in diesem
+Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfüllt
+war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen
+solle; denn daß er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner
+gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfältig umgesehen
+hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er näher.
+
+"Mit Exküse, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten
+Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnädig,
+wenn er ein Wörtchen im Vertrauen sprechen möchte!"
+
+"Wenn es keine Klagen über deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch
+von der Leber weg!" sagte Berner.
+
+"Klagen! Jesus Maria, wie käme ich bei unserem jungen Herrn zu
+Klagen; habe ich ihn doch auf den Händen getragen, als er's
+Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen
+Tag, und er hat mir noch kein unschönes Wort gegeben, so wahr Gott
+lebt, Herr, und das sind jetzt fünfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst
+etwas hätte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnädig
+nehmen wollen. Ich weiß, Sie sind meines Herrn bester Freund in
+hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein
+Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiß auch vom
+Küster, daß Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas
+wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott
+lohnen wolle--"
+
+"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzählen, wie
+Dein Herr in diesen unglücklichen Zustand kam, daß er alle Nacht von
+einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich
+nicht etwa helfen könne?"
+
+"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn
+nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter
+Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzählen,
+wie er dazu kam."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EMILS KUMMER.
+
+"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist
+er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam
+seine Straße, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie hätten
+ihn sehen sollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein
+Schwester lebten. Keinen frischeren, kräftigeren jungen Herrn gab es
+in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und
+lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen
+schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten
+mir immer die Tränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den
+himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade
+zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre
+Fähnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fräulein Schwester
+herauflächelte wie verklärt und seinen Tigerschimmel dazu tanzen
+ließ.
+
+"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter
+Antonio nach Warschau führte. Das war ein Schwestersohn von der Frau
+Gräfin Exzellenz, ein schöner, schmucker Italiener mit braunroten
+Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe.
+Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schönen
+Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man
+sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es
+gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muß auch so gewesen sein; denn
+--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen
+Schwester, die junge Gräfin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann
+lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit
+übermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm
+nur an den Augen absehen konnte.
+
+"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, daß Herr Baron
+Antonio die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber,
+welche großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb
+seine Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern;
+denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen
+Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte
+Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber
+sagte lächelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wußte
+ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem
+sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts
+dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefähr ein
+Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch
+nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich,
+zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder
+hin. Ich fragte, was ihm wäre, er aber gab mir gar keine Antwort, was
+er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren
+und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein
+Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die
+Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der
+Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe Ring sei, den
+seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies aber nicht
+gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der
+Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen habe, die
+dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm
+freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde von
+Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter,
+zum Präsent bekommen zu haben behaupte.
+
+"Madame Trizka aber war die berüchtigte Kurtisane der Stadt und um
+Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort,
+ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung
+sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen
+Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen
+habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das
+meinen Herrn nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester
+mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück
+zu sagen, und beschloß daher, den treulosen Vetter sobald als möglich
+aus der Welt zu schaffen.
+
+"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den
+Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht
+gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf
+dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er
+keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit
+dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen,
+aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag
+ohne Besinnung, und die Ärzte gaben gar keine Hoffnung.
+
+"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch
+beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung
+bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ.
+Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung.
+Mein Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwölf Uhr
+hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der
+Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener
+seine gräulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und
+sah sich im Zimmer um.
+
+"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei
+schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich sah
+er meinen Herrn; wütend riß er seine blutigen Binden von der
+durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. '_Maledetto
+diavolo!_' brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf,
+sank zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu
+unterstützen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.
+
+"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht
+gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglücklich
+wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem
+Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte,
+da ging erst der Jammer von neuem an; denn während der Krankheit war
+er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Gräfin war ein paar
+Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich gestorben. Man sagt arge
+Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter
+Diener nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer gesiecht
+hatte, überlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe.
+
+"Der junge Herr vernahm dies alles mit großer Fassung; als man ihm
+aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er außer sich, so
+daß wir fürchteten, er komme wieder vom Verstand.
+
+"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle
+glaubten; denn der Graf ließ sich auf sein Grab führen, weinte dort
+lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung.
+Als ich in der nächsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten
+Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches
+Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in
+Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem
+blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie
+ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu
+geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hörte auch sein Wahnsinn auf. Aber
+seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells
+Begnadigung, mußte aber auf einige Zeit sich außer Landes begeben.
+
+"Diese Weisung kam erwünscht; denn die Ärzte rieten zur Zerstreuung
+durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz
+Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube
+nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe
+mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den
+Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er
+mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag,
+von da an behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er
+am Altar sitze.
+
+"Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht
+jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie
+es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut.
+Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn
+Tagen hat er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint."
+
+Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine
+Erzählung beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es
+wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen
+Gaben des Glückes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in
+so namenloses Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen;
+aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen
+schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon
+versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm
+behilflich sein könnte bei dieser Sache.
+
+Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann
+dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten
+Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen.
+Vor allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht
+gesehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn
+besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel
+des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des
+Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß
+ich jeden berühmten Arzt um Rat fragen konnte. Überall, wohin wir
+kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die
+Ärzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft
+probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.
+
+"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht
+hätte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein
+kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich
+Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern
+betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen.
+Den andern Tag sagte er zu mir: 'Höre, Alter! Dein Herr ist
+unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme
+Liebe zu einem Mädchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine
+recht gefaßt, so ist es unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich
+zerstreut und nach und nach vergeht.'
+
+"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich
+wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch
+Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er
+verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an
+keinen Ort, wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über
+einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst
+recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem
+alten Herrn Onkel.
+
+"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem
+Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen
+hieher ins ----sche gehen.
+
+"Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für
+möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr
+auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht
+er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt
+ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das
+Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir
+solle Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so
+verwundere, und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe.
+Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde
+ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der so holdselig
+herüberlächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging
+mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses
+Fräulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang
+schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus
+gegenüber.
+
+"Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie,
+mein Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele,
+obgleich ich für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte;
+aber ich will die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er
+seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus
+hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber.
+
+"Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er
+raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz
+ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine
+Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der
+Stelle mein Hab und Gut geschenkt hätte; dem Engelsfräulein aber, das
+dies Wunder bewirkte, möchte ich, so oft ich es sehe, vor purer
+Freude zu Füßen fallen.
+
+"Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte,
+ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn
+sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht
+sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen
+Sie ihn nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal
+wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er
+anhat,--da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen
+Marbelstein in der Brust hätte statt eines Herzens. Über das Vermögen
+will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich
+eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Güter Ratitzka,
+Martinizow, da ist Flazizhof, da--"
+
+"Laß gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon
+könnten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn
+betrifft, so glaube ich selbst, daß er das Fräulein gerne sieht; wie
+das Fräulein über ihn denkt, weiß ich nicht so genau, doch kann sie
+ihn nicht übel leiden. Das Ding muß sich übrigens bald geben, glaube
+mir! Hat dein Herr das Fräulein recht von Herzen lieb, so soll er,
+merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich könnte dafür
+stehen, daß sie nicht Nein sagt."
+
+Der alte Brktzwisl war außer sich vor Freude, als er dies hörte.
+"Nun, das muß wahr sein, wenn sich vernünftige Menschen miteinander
+besprechen, gibt es ein Stück; mein Herr soll dran, soll Hochzeit
+haben und wieder fröhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln,
+und all sein vierzigjähriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht,
+ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten
+Fährte hat."
+
+"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du
+den Herrn Neveu verheiratest? Das Fräulein ist eigentlich doch keine
+rechte Partie für einen polnischen Grafen--"
+
+"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an
+der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist
+ein räsonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht.
+'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir
+abfuhren, 'bringe ihn vernünftig zurück _à tout prix_!' Da darf
+man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir
+uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist
+eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu
+gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und daß der
+Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafür stehe ich! Ach, wenn er nur
+das liebe Engelskind selbst sehen könnte!" Dem alten Mann schien der
+Mund zu wässern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und
+ging.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SELIGE BERNER.
+
+Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem
+andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem
+klugen Alten nicht merken lassen dürfen, und doch hätte er dem alten
+verwitterten Polacken um den Hals fallen mögen, so recht ins Schwarze
+seiner Seele hatte er mit seinen Plänchen getroffen. "Ein kapitaler
+Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den wären wir doch
+samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plänchen ganz und gar
+den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben
+und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der
+alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen
+Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Königin Aarstein und dem
+Staatssekretär Springer mit seinen Winkelzügen ein verdecktes und
+entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es
+war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten,
+der sein letztes Examen im Rücken und vor sich die Aussicht auf eine
+fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kühen,
+Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde
+residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig göttlich zu Mut, als
+hätte er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und
+regiere an geheimen Schicksalsfäden das Los des Grafen und seiner
+Ida.
+
+Alle Leute blieben auf der Straße stehen, als Berner vorüberkam. Man
+kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne
+jedermann grüßte und hier und dort mit einem sprach; aber heute--
+nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin
+sprach und lächelte, alle Mädchen in die Wangen kniff, allen Männern
+zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt prügelten,
+einige Groschen schenkte, daß sie sich einen vergnügten Tag machen
+möchten. Den Präsidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen
+guten Morgen, schüttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte
+sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier
+angestiegen komme, um sein eheleibliches Töchterchen zu freien.
+
+"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen
+mit der Gräfin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der
+Präsident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner?
+Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?"
+
+"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt
+noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst
+denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, daß ihm das Feuer
+aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem
+Staatssekretär den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie gütigst,
+wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand für meine zärtlichen Neigungen
+rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders
+gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen
+Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so wäre der
+Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Präsident.
+
+"Verliebt, wie ich sage, und für die Gräfin so gut wie verloren."--
+"Ei, ei," sagte der Präsident mit einem klugen Gesicht, indem er die
+Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich
+gedacht, daß das Attachement an die hohe Person nicht so gar groß
+sein müsse. Du weißt von den Aufträgen, die mir in einem
+Handschreiben des Staatssekretärs zukamen; ich richtete mich mit
+aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst
+über die hiesige Gegend an; weiß Gott, ich meine, der Mensch wird mir
+närrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den
+vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen
+Lokalschönheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und
+fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in
+meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, daß ihm die hellen
+Tränen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der
+Freilinger Kreis ist nicht übel; aber die Gräfin Aarstein ist
+wahrscheinlich der Köder. Ich wende also das Gespräch auf den Hof und
+endlich auch auf die Gräfin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig
+wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeißen wollte, ob
+er die Gräfin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes
+Gesicht, wie wenn man beim überzuckerten Kalmus endlich aufs
+Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par
+renommée._' Das ist nun freilich bei der Frau Gräfin nicht das
+beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von
+dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretär schlecht
+manövriert."
+
+"Weiß Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich könnte dir Dinge
+sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den
+Herrn Grafen als Bräutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht,
+an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein
+Landeskind unseres allergnädigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes,
+schönes--"
+
+"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der
+Präsident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es
+mir, daß es die Gräfin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der
+Hand Nachrichten über sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal."
+
+War es dem Präsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat
+außerordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg,
+als er näher und näher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mädchen
+Wunderhold empfing. Er hätte mögen nur gleich mit allem, was er im
+Herzen und Gedächtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den
+Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt
+dirigierte, wäre _das_ Mädchen bis in das Herz hinein errötet
+und davongelaufen. Daher ließ er seine Gedanken eine kleine
+Schwenkung rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der
+Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Rührung in die
+linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzählte er
+ihr das Unglück des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die
+rührendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu
+schildern.
+
+Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mädchens Tränen
+flossen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn sie sich den
+fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von allen,
+und plötzlich so unendlich unglücklich--ja, jetzt hatte sie den
+Schlüssel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.
+
+Jetzt wußte sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so
+bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er
+niemals wieder recht fröhlich sein könne. Er hatte seinen liebsten
+Freund getötet, und, wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ,
+unschuldig getötet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, desto tiefer
+fühlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so
+verwandten Brust.
+
+Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses
+Tränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber
+gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein möchte; so
+schonend als möglich berührte er diese Saite, indem er nicht
+undeutlich zu verstehen gab, daß ihre Nähe wunderbar auf ihn zu
+wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besänne, ob sie
+auch recht verstanden habe; eine hohe Röte flog über das liebliche
+Gesichtchen, ein schelmisches Lächeln mitten durch die Tränen zeigte,
+daß sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zögern, das
+auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die
+Brust des alten Mannes, verbarg ihr glühendes Gesichtchen und
+flüsterte kaum hörbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere,
+innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie
+weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob
+und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreißig Schnürlöcher des
+Korsettchens zumal zersprengen.
+
+Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz höchst komisch vor.
+Die weint, dachte er, weil sie einen schönen Mann und drei Millionen
+verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch
+um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch,
+als ob es Ihnen blutessigsauer würde, daß Sie den schönen, edlen
+Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja
+nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje
+Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um
+solche wäre es nicht der Mühe wert, sich die Hand naß zu machen, und
+wenn sie im Sumpf bis unter die Nase stäken und nicht mehr um Hilfe
+schreien, sondern nur ein wenig näseln und rüffeln könnten. Aber
+nein, da ist der Ausbund von Männerschönheit, der Mann mit dem
+interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blässe, welche die
+Gemüter so anzieht, mit dem feinen Bärtchen über den Lippen, das ein
+ganz klein wenig sticht, wenn er den würzigen Mund wölbt zum Ku--"
+
+"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und
+reputierlich wie eine Karthäuserin, und doch mußte das lose Ding die
+Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein
+Fünkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böse Welt, den Herrn
+Hofrat an der Spitze, gleich darüber kritisiert, ob es einem
+_schönen_ Herrn gegolten oder nicht."
+
+"Nun, nun," lachte der Hofrat noch stärker als zuvor, "es kommt immer
+besser; Sie machen ja, weiß Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie
+mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im
+Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es
+faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von
+Sorben und Frau von Schulderoff, die große Stadtklatsche, aus jedem
+Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter
+dem Vorhang hinüber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die
+bösen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen
+Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den
+schönen Sternen, welche das schönste Feuer haben,--da muß man ja doch
+auch in den Mond sehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener
+scharfsichtige Astronom, Städte, Festungen, ganze Wälle und
+Verschanzungen darin erschauen, sondern höchstens die Besatzung
+selbst, den Gr-"
+
+Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde röter als ein
+Purpurröschen, sie preßte dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den
+Mund, daß ihm Hören und Sehen verging, und schmälte ihn jetzt so
+tüchtig aus, wie er früher sie selbst geschmält hatte, als sie noch
+ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hören müssen,"
+eiferte sie, "man soll die schönen Püppchen nicht beschmutzen, und
+Sie, böser Hochverräter, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz
+schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles
+untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz
+lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und
+nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die
+Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes
+Oberbuchhaltergewissen vertragen?"
+
+Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war
+ihm so verpetschiert, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au!
+hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schöpfte
+tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige
+Strafe sei, daß Sie auf der Stelle über und über rot werden!" Ida
+behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half
+nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, daß der Graf seit
+einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als
+einen, höchstens zwei Tage verweilt, daß er auch eigentlich hier nur
+einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe
+Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der
+Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als
+er es aussprach.
+
+"Wegen mir wäre er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht
+weiter; ein holdes Lächeln geschmeichelter Selbstzufriedenheit
+schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward
+überall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht
+ein tiefes Rätsel für den Forscher war,--war es Freude, war es
+Schmerz?--das überraschte Herzchen machte sich in heißen Tränen Luft.
+Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem
+anfangen, wollte die lindernden Mittel der Fröhlichkeit und des
+Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen
+hatte, wollte das Mädchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn
+möglich, war das möglich, wenn man _dieses_ Auge in Tränen sah?
+So mit ihrem Schmerz beschäftigt, hatte er ganz überhört, daß man
+schon zweimal an der Türe geklopft habe; leise wurde sie endlich
+geöffnet, auf dem weichen Fußteppich hallte kein Schritt--Ida war es,
+als wehe sie ein kühlendes Lüftchen an, es war ihr so wunderwohl und
+süß zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen
+lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgröße Graf
+Martiniz.
+
+Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade
+in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida
+gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ sie nicht lange
+in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so
+unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden
+gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet.
+Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines
+Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen dürfe. Ach!
+er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Tränen, die
+aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Mädchenherzens
+heraufdrangen.
+
+Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte lächeln,
+aber ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er
+hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu
+dürfen, daß es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem
+Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch
+mußten die Blößen benützt werden. Der Zweck heiliget die Mittel,
+dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich
+eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also
+sein Hütchen, brach auf und flüsterte dem Grafen laut genug, daß es
+Ida hören konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen
+und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie
+weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fräulein, weil sie meint, Sie
+seien unglücklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen
+Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem,
+der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird. "Der Würfel
+liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt;
+zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ENTDECKUNG.
+
+Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Ölgötzen;
+keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem
+hielten sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen
+gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr,
+als stäche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz,
+und ein anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie
+herab, und im nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedheiß zu
+Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede
+und ein Rheinstrom von rotglühendem, flüssigem Eisen durch alle ihre
+Nerven sich ergösse. Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und
+davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit
+weinen; ein tiefer Seufzer entriß sich dem gepreßten Herzen--
+
+Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium
+dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und
+Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet
+und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe
+abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch
+dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen
+Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er
+hatte--doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblicke helfen, daß
+er sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn
+hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in
+seinen Träumen allnächtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie
+hatte um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt!
+
+Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham
+aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund,
+tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser
+Brust ansah--er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt,
+die Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen,
+niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit
+wahrhaftem Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und
+alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen
+Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle
+Amorettenköpfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem süßen Wesen.--Er
+hörte sie seufzen, eine große, helle Perle hob sich unter den
+seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund
+darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.
+
+"Können Sie zürnen, mein Fräulein," hub er an, "daß ich zu so
+ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine
+Antwort.
+
+"Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich
+hätte mir gewiß nicht die Freiheit"--noch keine Antwort.
+
+"Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt;
+zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel
+früher als andere; möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls
+vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen
+um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern.
+
+"Sie zürnen mir also dennoch," fuhr Martiniz trübe lächelnd fort;
+"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal
+zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida
+hielt ihn fest.
+
+"Herr Graf!" flüsterte sie leise bittend--
+
+"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft
+haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu
+sagen?"
+
+"Martiniz!" flüsterte sie wieder.
+
+"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht
+mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?"
+
+"Emil!" hauchte sie kaum hörbar; aber in diesem einzigen Wörtchen lag
+ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll
+namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand;
+doch er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber
+dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden
+Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen,
+warum er so trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde
+sie ihn entschuldigen.
+
+Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie
+der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen
+Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu
+gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener
+langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch
+seiner Verstandeskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die
+ganze Erde so öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die
+selige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe; besonders seine
+Schwester habe er glücklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne,
+den sie liebte--wie hätte sie ferner glücklich leben können?
+
+Aufs neue sei damals eine große Bitterkeit in seiner Seele gegen den
+Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen
+schien, um ein holdes Mädchen auf wenige Stunden glücklich zu machen
+und dann zu betrügen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum
+unerbittlichen Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief
+gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe;
+er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwürdigen
+Schande. Antonio habe lange geahnt, daß er, obgleich ihr Verlobter,
+doch nicht der einzig Begünstigte sei. Er habe sie in einem
+Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel über die Unwürdigkeit
+der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem
+Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen
+Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau
+verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit
+den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der nächsten besten
+Metze schenken.
+
+"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der
+edle, so schändlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich
+handelte, wissen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die
+Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persönliche
+Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er
+sich denn mit seinem ganzen Unglück, mit seinem noch größeren Edelmut
+vor die Mündung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld
+meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wütete ich gegen mich
+selbst.
+
+"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo
+er verschieden war, fühlte ich auf einmal seine Nähe, sein
+blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele faßte das
+Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen
+Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde,
+kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er würde mir
+im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen.
+
+"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte
+Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist
+für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur ist
+mir erstorben; ein rastloser Flüchtling, eile ich über die Erde hin,
+verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst
+erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe
+und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger
+Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der
+letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die
+der Frühling aus meiner Asche keimen läßt."--
+
+Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten
+Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen
+Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten
+Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte
+stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache
+hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende
+Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich
+kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von
+den zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida,
+das Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ
+die Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber
+ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge
+etwas Schwärmerisch-Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über
+einen großen Entschluß nach.
+
+So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe
+hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über
+seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das
+Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel
+zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese
+Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte.--
+Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten
+Verhältnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie
+ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte
+Berner weiß sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er
+aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar
+bitterlich weinte und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde
+hätte erbarmen mögen,--da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf,
+eine Gänsehaut flog über seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust
+zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich
+hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen
+hervor traf ihn doch ein so mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl
+und warm wurde, als hätte er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor
+den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht,
+mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte,
+kluge Äuglein dazu, daß Ida, so ernst sie sein wollte, lächeln mußte.
+Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie sie von Anfang durch seine
+doch etwas gar zu indiskrete Äußerung sehr außer Kontenance gekommen,
+daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken könne; denn der Graf habe
+ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt, und sie sei wie von ihrem
+Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome könne befreit werden.
+Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte;
+jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb
+sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände. "Sie
+können und müssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle
+Wagestück von vorhin eingegeben. _Sie_ müssen ihn überzeugen,
+daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen machen, daß er
+wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag
+freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche
+läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit
+höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu
+fürchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die
+ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so recht im
+Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen
+herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles
+Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der
+zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich, der
+Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder
+Kardinal und für Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden
+soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach
+und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus
+der Tasche oder läßt sie in der Tasche repetieren, daß man glaubt, er
+habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er
+sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin
+kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fürchterlichsten Eide dazu
+schwöre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz
+schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiß das besser,' sagt
+sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer
+weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhältnis, wenn
+der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll.
+Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre
+Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und
+Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft--"
+
+"Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fräulein
+eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über
+errötend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch lächelte und
+innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und
+Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach,
+und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei
+seinem Leisten!"
+
+"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner
+mit komischem Pathos, "leider heißt es bei mir: _ne ultra crepitam_,
+[Fußnote: Nicht über den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als
+die hübschen Füßchen und höchstens, aller--allerhöchstens jahrs
+einmal ein hübsches Wäd--; doch um wieder auf Martiniz zu
+kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiß nur ein Mittel, wie
+man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die Torheit des
+Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt
+uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom.
+Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie
+müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei
+ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er
+wird so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie
+verschwindet." Ida sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit
+mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, daß das sich
+aufbringen heiße, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem
+landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes--
+aber der Hofrat, der das Mädchen von seiner Kindheit an kannte, sah
+tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das
+Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne,
+sträube, daß aber das Edle und Große, das sie, nur von wenigen
+gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust verschloß, schon
+jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen haben müsse; denn
+in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre
+Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen Entschlusses
+mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken, was die
+Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die
+Kirche führen,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Lächeln
+fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in
+den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt
+hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den
+landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _möchte
+hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen?
+Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas
+im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt,
+daß sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht
+sich gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für
+solche große Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht
+Schwärmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes
+und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest
+entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fühle es: _der Zug des
+Herzens ist des Schicksals Stimme!_"
+
+
+
+
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+
+
+DIE HEILUNG
+
+Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten Haus
+ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, größere, war in einen dicken
+Überrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt; die andere, kleinere,
+hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in
+einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien; denn die Person, die
+ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten
+schlichen sich dicht an den Häusern hin, gingen mehrere Straßen entlang und
+verschwanden endlich im Portal der Münsterkirche.
+
+Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz; es war
+der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große, knarrende Kirchtüre
+auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu
+zögern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als
+aber der Küster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu
+werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor,
+als fürchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen
+hervorgucken zu sehen.
+
+Am Altar machten sie Halt. Der Küster zeigte auf einen breit vorspringenden
+Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Teil der Kirche
+übersehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort ihren Platz; die
+Laterne gab übrigens so wenig Licht, daß man, ohne näher zu treten, die an
+dem Pfeiler Sitzenden von dem übrigen Dunkel nicht unterscheiden konnte.
+Indem hörte man den Glockenhammer im Turme surren und zum Schlag ausholen;
+der erste Glockenschlag von Mitternacht rollte dumpf über die Kirche hin,
+und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Säulengang herauf dem
+Altar zu. Es war Martiniz mit seinem Diener.
+
+Blaß und verstört setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, auf
+die Stufen des Altars.
+
+Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener
+Nacht, da ihn der Küster zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit
+wehmütiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versöhnt? Kannst du
+noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme tönte voll und laut durch
+die Gewölbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief
+eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel: "_Er
+hat vergeben!_"
+
+Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen röteten sich, sein
+Auge glänzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: "Wer
+bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte es an
+jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor; der Graf
+trat bebend einen Schritt zurück, sein Haar schien sich emporzusträuben,
+sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden; die Gestalt kam näher
+und, näher, der milde Schein der Laterne empfing sie, noch einige Schritte
+und--der dunkle Mantel fiel, ein seraphähnliches Wesen--Ida mit der
+Taubenfrommheit eines himmlischen Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser
+war in ein willenloses Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen
+Bewohner höherer Räume zu sehen, bis ihn die süße, wohlbekannte Stimme aus
+der Betäubung weckte.
+
+"Ich bin es," flüsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das mutige,
+engelschöne Mädchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Toten
+verkündigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der
+Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus
+Übereilung und Schwachheit gesündigt, wenn ernste Reue den Richter zu
+versöhnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; ich
+weiß, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie mit
+feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche
+wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch
+diesseits Ansprüche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in dieser
+Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner Nähe!"
+
+Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draußen in der Nacht, kein
+Lüftchen regte sich, kein Blättchen bewegte sich. Mit seligem Lächeln, mit
+dem Sieg der Überzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida wieder zum
+Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht wieder,--er
+ist versöhnt!"
+
+"Er ist versöhnt!" jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. "Er ist
+versöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn
+gebannt; Ihre treue Freundschaft für mich Unglücklichen, die ebenso hoch,
+ebenso rein ist als Antonios Treue und Großmut, sie hat den blutigen
+Schatten versöhnt. Wie kann ich Ihnen danken--"
+
+"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm
+sanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden Küssen bedeckt
+hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen als das Bewußtsein, dem
+Freunde genützt zu haben, so danken Sie mir dadurch, daß Sie sich wieder
+den Menschen schenken, daß Sie wieder heiter und froh sind, wie es Menschen
+gebührt, denen Gott die schöne Erde zu einem Orte der Freude geschenkt
+hat."
+
+Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an sein
+klopfendes Herz, sein freudiges Lächeln, ein seliger Blick sagten ihr, daß
+er erfüllen wolle, was Sie ihm geheißen.
+
+Der Hofrat war indes näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas
+schalkhafter Miene die schöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch
+nichts Schöneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem zarten,
+sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer gewichen war,
+das jetzt nur Freude und Glück aussprach, an seiner Seite die feine
+Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus den sinnigen,
+schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem hinaufsah,--sie
+beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der Laterne, an den
+Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich geformten Bogen und
+Säulen des majestätischen Tempels. "Nun," dachte Berner, "sei es um ein
+paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar; dort
+auf den Stufen steht dann der Herr Pastor primarius, und weiter unten
+müssen mir die beiden Leutchen dort knien: der Herr Pastor spricht dann den
+Segen, und sie sind kopu--"
+
+Es zupfte ihn etwas am Rockschoß, er sah sich um. Der alte Brktzwisl stand
+hinter ihm und wischte sich einmal über das andere die alten Augen, die vor
+seliger Rührung übergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr Hofrat," schluchzte er,
+"möge es in Zeit und Ewigkeit--"
+
+"Sei still," flüsterte Berner, "dein Werk ist es; denn hättest du nicht
+endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor."
+
+Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch
+der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne
+sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir hätten doch
+nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn
+Onkel, und der kann nicht anders, er muß seinen Segen zu der holdseligen,
+zukünftigen Frau Gräf--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte zu
+ihm hin, küßte die Hände des Grafen und den Saum von Idas Gewand und
+brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es
+von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um
+und hüllte ihr das Köpfchen so tief in den Schal, daß nur noch das feine
+Näschen hervorsah; der Hofrat führte sie, der stillselige Graf ging neben
+seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersüchtig, daß diese das
+Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.
+
+Brktzwisl und der Küster, der ganz traurig schien, daß seine Talerquelle
+doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm
+der alte Diener, als er die Türe schloß, "sind wir zum letztenmal nachts da
+drinnen gewesen; dir soll es übrigens dennoch nichts schaden, alter Kauz.
+Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme nur zum
+alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den Tisch, die
+Frau Wirtin muß alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlsein meines
+Herrn und des schönen Fräuleins."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NEUE ENTDECKUNG.
+
+Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem man
+sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wünschte mit freundlichem
+Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwischen
+den Zähnen hätte, ein "wenn nur das heilige Kreuz-Donner--" oder "wenn nur
+das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen" um das andere heraus. Er
+rapportierte, daß er einen Brief von der alten Exzellenz, dem Oheim, habe,
+worin ihm dies er ankündige, daß er seine Briefe nach Fuselbronn, einer
+Badeanstalt zwischen Freilingen und der Residenz seitwärts gelegen, zu
+schicken habe. "Der Kuckuck!" rasaunte der alte treue Knecht, "hätte der
+alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen können? Jetzt wäre er
+hier in Freilingen und schaute das Glück seines Herrn Brudersohnes mit
+leiblichen Augen, könnte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was
+hilft mich das, daß er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten,
+wir können es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden
+Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern von
+Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir
+herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was
+nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: 'Reise
+weiter! Zerstreuung hilft! Glückliche Reise!'--Jetzt, wo wir hier
+Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn
+kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der
+verfluchte Mammon? Kann ich dem Fräulein sechs Louisdors geben wie einem
+Doktor oder Professor?"
+
+So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so
+hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf
+sich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht _stante pede_ eine
+Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt
+sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wüten vor.
+"Alter Narr!" rief er endlich, "muß man dir denn die Nase drauf stoßen und
+eine Brille aufsetzen, daß du findest, was du suchst? Kannst du dich denn
+nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten vierzehn Tagen
+deinem alten Herrn schreiben und dabei einfließen lassen, daß dein Herr zum
+Sterben in das Mädchen verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das
+weiß, nun ja--das Fräulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was für
+ein besonderes Hindernis--"
+
+"Weiß Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt
+so ganz aus dem Auge, daß er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber
+eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fräulein im
+reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen
+Streich! Er ist so blöde, so furchtsam--"
+
+Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwisl! Sein Herr saß, indem sein
+Diener von seiner Blödigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der
+Präsident, der nur so auf ein Viertelstündchen in seiner Tochter Boudoir
+eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie Kunst um das
+Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen ein Langes und
+Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Gründen, nebenher
+hielten sie sich die schönsten Reden durch verstohlene Blicke mit einer
+Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, von dem selbst Cicero in seiner
+Rednerkunst keine Aufschlüsse gibt und wovon auch kein Wörtchen weder in
+der Syntax der deutschen Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken
+und ästhetischen Vorlesungen steht, die alljährlich von den Kathedern
+abgehaspelt werden. Der Präsident taute immer mehr auf; denn Martiniz
+sprach von einem bedeutenden Güterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne
+habe, und der gute Präsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen
+haben den Grafen auf diesen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn er es
+vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarstein--er
+gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnädigsten Handschreiben,
+besah lächelnd seine Brust, wo nächstdem das Großkreuz des Zivil-Verdienst-
+Ordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen Landsmann und sein
+liebes Gräfchen und zog kichernd und schnalzend über seine vortrefflich
+gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS TETE-A-TETE.
+
+So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar
+prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen; denn das Wiedersehen
+nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, führt
+immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht
+sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat.
+Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Gespräch, so
+auch in dem Flüstern der angehenden Liebe, abends wärmer ist und in einer
+Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand
+mehr mit der Phantasie über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz
+auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich
+von ihr geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können,
+wovon sein Herz so voll war--und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut
+verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen gescherzt
+und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen verblüffen zu lassen,
+--wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mädchen gegenüber? Es war aber
+auch unmöglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der
+herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöse der Haltung das Auge, war
+man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen
+Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt der
+blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man
+wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand-
+raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen und orientalisch
+geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingerissen von
+dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem
+schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen mögen, die zarte Taille
+mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht
+fest Mund auf Mund zu drücken--o! so durfte sie ja nur das Auge
+aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den
+sündigen Menschen und seine Begierden herabblicken lassen, so schlich man
+sich so duchs und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit
+zurück, als haben einen zehn Paßvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter
+zurückgedonnerwettert.
+
+Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will, von
+Verdorbenheit der Sitten und daß kein reputierliches Frauenzimmer mehr
+allein auch nur eine Meile weit reisen könne! An den Männern liegt es
+wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und
+Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der
+Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche
+glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse auch unwillkürlich von
+ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen
+Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit
+ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschämtheit an sie drängten, hatte
+ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn
+er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen
+ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt
+war, wer stand ihm dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre
+Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn
+er zärtlichere Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür--zwar der Hofrat hatte
+es ihm zu dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es
+nicht so sei; aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen
+Mädchenherzens?--Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen anderen,
+würdigeren lie--
+
+Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn
+gepeinigt; die guten Betten, über welche er jenen Morgen der Frau
+Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
+Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die
+Kopfkissen--Jakob's Stein muß ein Eiderdunenpfühl dagegen gewesen sein;
+denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter träumen, die
+ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er
+endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_ zu verschaffen.
+
+Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wären
+es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange der Papa
+dabeisaß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als er gedacht
+habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien ihn selbst
+aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundschaftliche
+Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch
+hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mögen;
+jetzt Mut!--Aber es schnürte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht
+anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial für diese Stunde--
+
+"Warum so still und trübe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch
+keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat
+ihm diese Teilnahme!--Das Gespräch war eingeleitet, und dennoch konnte er
+nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloß ihn
+auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die
+Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war
+Idchen bekannt, und wie unendlich hübsch stand es dem Mädchen, wenn sie von
+der Landökonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnäbelchen
+gewachsen war. Es war ihm, als säße er schon mit ihr abends vor der Türe
+seines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf
+seines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als
+züchtiges, hübsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es war
+zu hübsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die
+Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und
+die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte:
+Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet--
+
+"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen," unterbrach Ida mit
+fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar
+nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo
+haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf irgend einem Landgut
+und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen."
+
+"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man
+so allein, so ganz allein auf der Erde ist."
+
+"Nun, das kömmt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh machen,
+können Freunde zu sich bitten--"
+
+"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist
+wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz
+verlangt nach etwas Bleibendem."--
+
+"Wer bedenkt," antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann, "wer
+bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht
+schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde."
+
+So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es
+hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so streng
+behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich
+es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem
+Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der
+Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der Geselligkeit
+öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder über mein Unglück
+spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewährte, die mir aus
+gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich
+von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der
+mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig
+heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer
+geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein liebes Weib--"
+
+Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an
+seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht
+anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem
+Schrei der Überraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom
+Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender
+Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham.
+
+"Mein Mädchen, meine Ida!" flüsterte Martiniz und zog sie zu sich herab in
+seine Arme; er nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen. "O laß mir noch
+_einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, laß mir noch _einen_ Trost, den
+deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den süßen Lippen hervor--und
+der Graf preßte sie in stürmischem Entzücken an die Brust; wollte eben den
+ersten, heiligen Kuß reiner Lie--
+
+Da schmetterten Posthörner die Straße herab; ein schwerer Reisewagen
+rasselte dröhnend über das Pflaster und hielt vor des Präsidenten Haus;
+aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß das Fenster
+auf; aber erbleichend trat sie zurück.--"Mein Gott im Himmel!" rief sie,
+"es ist die Gräfin Aarstein."--Die Saat des Bösen reift schnell.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS UNKRAUT IM WEIZEN
+
+Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei
+_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel
+Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen groß
+gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie gegen
+den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum den Brief
+seiner liebenswürdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht bekommen, als er
+wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so
+geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke--vom Herrn eine Dose,
+vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der Gräfin ein Paar Pferde und
+sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmäht, und dies alles
+sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken,
+wegliebäugeln.
+
+Die Röte des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Gräfin
+vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr
+täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der
+Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte;
+denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler Busen
+wogte ungestüm auf und ab.
+
+"Exzellenz," krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor,
+"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem
+Zukünftigen aus Freilingen."--Die Gräfin und der Rittmeister warfen sich
+bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann ließ sich nicht merken, daß er
+es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein
+galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten v. Sanden
+Tochter, angeknüpft haben. Solches wäre nun unter andern Umständen ziemlich
+gleichgültig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus
+Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem
+solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--"
+
+"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht,
+und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens einmal so weit
+eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht;--was
+schreibt sein Onkel?"
+
+Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung; denn sein
+Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele;
+als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von seinem Reichtum
+sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise erklärte und alle Segel
+aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sorbens
+Glückstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel.
+
+Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand
+jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es daher,
+den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin Aarstein zu
+gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes
+Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältnissen
+der Aarstein, und--ja, es mußte gehen; er schrieb dem alten Martiniz und
+trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile
+hatte er, um sich bei der Gräfin, die dem regierenden Hause so nahe
+verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem großen
+Einfluß peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe und
+jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt:
+"Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit
+holla!"
+
+Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader
+Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten
+Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur
+größten Ehre gereichen könne und daß er sich unendlich freue, die schöne
+Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hieher war es nun
+ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was übrigens sein Votum in der Sache
+betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit Wünschen begnügen; denn
+er habe den Grundsatz, in solche Affären sich auch nicht im geringsten
+einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und
+wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er
+solle einmal nach Liebe heiraten, natürlich nicht unter seinem Stand; wenn
+er aber diese Grenze nicht überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder
+Wahl.
+
+Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der
+Alte werde bei einer Gräfin Aarstein sogleich mit beiden Händen zugreifen
+und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin präsentieren ohne weitere
+Sperranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, sehr weit in der
+Kultur zurück sein, daß man von einer _Heirat nach Liebe_ sprechen konnte;
+doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte auf dieser Seite
+nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von Sorben dachte also:
+"_Vogue la galère_, der alte Narr _muß_ wollen!" machte gute Miene zum
+bösen Spiel und sagte dem Staatssekretär und der Gräfin, der alte Martiniz
+sei vollkommen damit einverstanden. Ein böses Gewissen behielt er aber bei
+der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen Goldfischchen doch nicht
+anbeißen mochte--Nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja
+um Ehre und Reputation gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten
+Grafen hin hatte man sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von
+etwas, das sich von selbst verstünde, überall gesprochen.
+
+Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und die
+fatale Querfrage der Gräfin: "Was schreibt sein Onkel?" hätte ihn beinahe
+aus aller Kontenance gebracht. Doch er faßte sich und antwortete mit der
+heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt habe,
+durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in seinen
+Wünsch--"
+
+"Wie? Ganz in seinen Wünschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die
+Ausdrücke, die Sie mir früher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir: er
+schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, daß sein Neffe
+mich--"
+
+Höllenangst, Höllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er
+kompromittiert würde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit
+einverstanden, meine Gnädige, so vollkommen, sage ich, daß er selbst zuerst
+auf den glücklichen Gedanken kam."
+
+"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Gräfin ruhig fort. "Mein Gräfchen
+wird nicht ungehorsames Söhnchen spielen wollen; denn die drei Milliönchen,
+die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, wegfallen, wenn
+er mich nicht--"
+
+Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die hellen
+Tränen hervorstürzen, daß er sich so dumm verplaudert hatte, und dennoch
+sollte er lächeln und freundlich sein; er grinste daher furchtbar, wie
+einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt im Mund hat und
+doch zuckerhonigsüß dabei aussehen will.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS UNKRAUT WÄCHST
+
+Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene
+des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spaßhaft vorkommen, als sie
+aussehen sollte. "Mir scheint es, als dürfe man die Sache nicht nur so
+gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein
+will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnädige Gräfin--wenn
+ich selbst drei Millionen hätte wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen
+vor Anker liegt, so täte ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter
+Oheim wollte."
+
+"Das heißt also," rief die Gräfin pikiert, "Sie würden Ihrem Kopf folgen,
+auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen und die Gräfin Aarstein
+refüsieren?"
+
+"Wie Sie nur so reden mögen?" antwortete der Rittmeister empfindlich. "Sie
+wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit sagen, daß
+der Graf Sie sehen muß. Und hat er Sie nur erst einmal gesehen, nun, so
+stehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung anstellt, sondern zu
+Ihren Füßen liegt."
+
+Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte
+selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, daß dieser
+Rat vielleicht so übel nicht wäre. Auch Sorben schien er das einzige
+Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter
+den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnädig; denn wenn _die_ einen
+lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig
+Stunden, und er ist im Netz.
+
+Sie hielten jetzt großen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister
+von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der
+Gräfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem überein, was
+Fräulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Über den Tatbestand war also
+nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen?
+
+"Ist sie denn wirklich so hübsch?" fragte Sorben, um die feindliche
+Stellung recht genau zu rekognoszieren.
+
+"Hübsch?" lachte die Gräfin bitter. "Hübsch? Nun, das müssen Sie ihren
+_primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander gefitztes
+Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zähne, ein paar rote Bäckchen, eine
+gedrechselte Hopfenstange von Körper, die mir die Nerven angreift, weil man
+sie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müssen, daß man eines der zarten
+Gliederchen abknicke,"--bei der kolossalen Riesenkürassierfigur der Gräfin
+war dies nicht zu befürchten--"wenn dies alles für hübsch gelten soll, so
+ist sie wunderschön! Ha, ha, ha, wunderschön! Nun, und das--muß man ihr
+lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse
+mich herab, sie mir letzten Winter präsentieren zu lassen, lade sie zu
+meinen Soirees und Hausbällen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich setzte
+mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise ohnegleichen
+ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr
+gefressen haben mußte, als ich mich bei der Fürstin Romanow beklagte, warum
+die junge Dame sich so impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß
+ich zur Antwort erhielt? Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben
+und keusch, als daß sie sich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen
+kann man von der Fürstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken,
+aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, der
+Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. Wie ist
+es damit? Gestehen Sie!"
+
+Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, daß er Ida immer nur
+als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein höhnisches
+Teufelslächeln bei diesen Schwüren, die Art, mit welcher er den Stutzbart
+bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ fast erraten, daß
+er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.
+
+"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer zu
+agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel,
+der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, daß er den Grafen eifersüchtig
+macht. Er darf nur dem süßen Schwärmer schwören, daß er die Gunst des
+Fräuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und dazu ein Gesicht
+machen, wie wir es eben gesehen haben, so muß der gute Mann abgekühlt sein,
+als sei er nie entbrannt gewesen."
+
+"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell Zimperlich
+nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die
+Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen
+Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen."
+
+"Ist gar nicht nötig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer
+hübscher mischte, "nicht nötig. Wie wäre es--ja, das wäre am Ende das
+beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf
+einmal ein Ende machten!"
+
+Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. "Wahrhaftig, es wäre
+so übel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Präsident--wahrhaftig,
+ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr hat er mich
+eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Güter durch
+Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wäre ein zu hübscher Spaß,
+Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der
+Einfall ist göttlich, und ich bin fest entschlossen, ihn auszuführen."
+Sorben atmete wieder freier, als er die Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt
+konnte, jetzt mußte ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre
+war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er
+so hübsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert
+hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.
+
+Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach Freilingen
+reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter _einer_ Bedingung,
+nämlich er müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die Reise zu langweilig
+ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig, um Ida bei dem Grafen
+aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit
+einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Daß er als
+Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wußte er wohl. Nach
+Freilingen war es drei Tagreisen; wie angenehm ließ es sich bei der Gräfin
+im Wagen sitzen, wie interessant ließen sich die Verhältnisse weiter
+spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrückte.--Und dann, er
+kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rächen, in die er--er
+mußte es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden verliebt war
+und die ihm nicht einmal ein Küßchen--nein, es war zu unverschämt; bei
+andern hatte er nach den ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich
+gesiegt, und dieses Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es
+nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch
+einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blâme war ausgekommen, man wußte
+es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz,
+sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu
+räch--. Es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, daß
+ihr die Haut schaudern sollte.
+
+Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem gräflich Aarsteinischen Wappen
+zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem
+Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei
+und setzte sich in den gräflichen Reisewagen, und fort ging es über Stock
+und Stein, bis man den Münsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus,
+küßte noch einmal eine schöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde,
+saß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum
+Goldenen Mond einquartierte.
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+ * * * * *
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+TRÜBE AUGEN.
+
+Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem Wagen
+steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!" seufzte sie, indem sie
+einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um
+den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglück, wenn dieses Weib
+in mein Leben greift!"
+
+Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter. So
+ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die
+Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt, nicht
+auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben
+entgegengehen.
+
+Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von
+Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme der
+ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die
+Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht
+gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wärmsten
+Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Überraschte und die Gräfin die
+Überraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremoniös beim Empfang der
+hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß sie jede andere
+Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin,
+die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu behandeln.
+
+Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten,
+als die der Gräfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die Aarstein wußte
+gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter haßte und ihm hätte den Dolch in den
+Leib rennen mögen, freundlich und leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas
+Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber
+so sind jene Gesellschaftsmenschen, die nichts Höheres kennen, als sich zu
+produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten
+zu kommen, wo noch alles so brüderlich und freundlich war; da ist alles
+übertüncht, alles hat den schönen Anstrich der Geselligkeit; aber man soll
+nur einmal hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie
+medisant da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß sein
+darf, von dem, der ihm gerade noch so schön getan, ohne Schonung bitter
+bespöttelt zu werden.
+
+Aber ist es nicht überhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer dem
+andern so viel als möglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin gebracht
+hat, daß er ruhig in dieses böse Treiben hineinsieht und dazu lächelt! Mit
+Ruhe und dem Bewußtsein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Brust,
+lache ich über den Spott meiner Neider, über die hämischen Bemühungen jener
+Falschmünzer, die mit schnöder Schadenfreude aus allem, was man je gesagt
+und gedacht, nicht gesagt und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer
+frechen Leumundsiederei ein Gebräu zusammenkochen, das sie gerne mir
+unterschieben möchten!
+
+Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und
+Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge
+verlieren, glücklich und brüderlich untereinander zu wohnen! So denke ich
+und viele Tausende mit mir über jene bösen Mensen in den gesellschaftlichen
+Zirkeln und in der Welt überhaupt, so denken wir und lachen; denn _das
+Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man ein sicheres Glück im
+Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem
+schönern Eigentum zurück_.
+
+So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Gräfin die Treppe hinanstieg;
+ein tröstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren
+innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie
+ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte
+den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne daß ihr das Wasser in die Augen
+trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren.
+
+Es gab einen sonderbaren, aber schönen Anblick, wenn man die beiden Damen
+so nebeneinander hingehen sah. Gräfin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie
+hätte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen können,--voll, üppig
+gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestätisches,
+Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Übermut grenzte. Ihre
+dunkeln Augen hatten das holde, mädchenhafte Niederschlagen schon lange
+verlernt und rollten mit einem unstäten Feuer umher, als suchten sie
+lüstern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher,
+ob auch die gehörige Ehrfurcht gegen einen Sprößling eines so hohen Hauses
+bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfällig, weil die korpulente Figur
+für die in die feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreßten Füße etwas zu
+schwer war.
+
+Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenähnliche Gestalt Idas--nein,
+dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch
+war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts gesenkt; das sanfte Auge,
+oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es aufschlug, so
+glänzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden Ernst, daß es
+durch die sanfte Beredsamkeit überzeugender gebot als das Rollauge der
+gebietenden Gräfin. Und um wie viel anziehender war das
+Schelmengrübchenlächeln des süßen Mädchens als das schrankenlose Lachen und
+Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes Ohr verletzte.
+So schwebte Ida neben der Gräfin hin, so wie Juno und Hebe traten sie in
+das Zimmer.
+
+Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn so
+unbarmherzig aus dem süßesten Moment seines Lebens herausgerasselt hatte.
+Er verwünschte den Gast, der gerade jetzt kommen mußte, wo er endlich
+seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mädchen, das er liebte, das er
+anbetete, seine Gefühle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, süße verschämte
+Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln des Himmels
+gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen tönte, wo er, das Engelskind im
+Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel und Erde vergaß
+und auf diese würzigen Purpurlippen, auf die bräutlich errötenden Wangen
+den ersten, seligen Ku--
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE GRÄFIN AGIERT.
+
+Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des
+Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen
+gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt; die Stimme wollte ihr
+beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Gräfin Aarstein"
+vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie sie den
+bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen drohte; es
+zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen hinein, als die
+Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf den Sofa warf, ihr zurief,
+sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die
+ein so plötzlicher Überfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie
+möchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade
+haben, sie zu unterhalten.
+
+"Da sei Gott gnädig," flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr fröstelnd
+und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, "wenn die so fortmacht,
+so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu
+ihren Füßen knien."
+
+Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen
+Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie ihn
+bei einem reißenden Tier allein lassen.
+
+"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Gräfin an Martiniz, der
+schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes
+Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
+sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
+Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der
+Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten
+findet sich dies eher."
+
+Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem aber
+schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst,
+als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete
+ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.
+
+"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der die
+Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht ist
+es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam; Sie können sich gar nicht
+denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblühte; die
+Straße vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht leer von den
+Anbetern, und natürlich--ein solches Mädchen hat denn doch auch ein
+Herzchen und fühlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Übrigens,
+das muß man ihr lassen, mit dem größten Anstand wußte sie den Herren zu
+imponieren und sie sogar zu verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem
+Rittmeister von ....... es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht
+verdenken."
+
+"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog. "Der
+Rittm--"--"Nun ja," lachte die Gräfin, "da ist es auch kein Wunder, daß sie
+ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein
+Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte und das er nicht überwunden
+hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze, ist aber sonst ein artiger
+Mensch; _au fond_ ist es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen schnell
+aus der Pension nahm; denn sehen Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte
+sie Ida entgegen, die mit liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee
+für ihren Gast brachte. Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf
+den Boden fallen lassen; denn der Graf--was mußte ihm nur begegnet sein?--
+er saß da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet--
+
+"Nun, da erzähle ich," fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer Freude
+das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu
+zerreißen strebte, "da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affäre mit
+dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, daß man sie so grausam
+herausriß aus der Wonne der ersten Lie--"
+
+"Gnädige Frau!" rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die Tasse
+nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.
+
+"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule schwatze;
+das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa hätte auch keine
+ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können--"
+
+"Ich muß Sie bitten, gnädige Frau--"
+
+"Ei, so lassen Sie doch die gnädige Frau," fiel ihr die Aarstein ins Wort,
+"ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich
+Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," setzte sie
+naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu; "ich lebte
+nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind
+beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mädchen."--
+
+Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Äußerungen mußten ihre
+unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese wegwerfende
+Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem
+Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht
+begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut
+abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie
+nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an
+der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W--. Aber nein, wie sah der
+Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekneipt, daß sie ganz weiß wurden,
+sein Auge rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch
+schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange
+ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und her,
+was ihm sein könnte, und fand immer nichts.
+
+Die Gräfin zog sich letzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden. Ida
+sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich
+nur so halb und halb, daß sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde
+vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen; aber sie täuschte sich
+bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah
+er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging.
+Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich
+aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersüchtig war der gute
+Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein
+und unschuldig, daß es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu überzeugen;
+aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir
+die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister
+sprechen und ihn recht bös machen.
+
+Das gute, fröhliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Böses
+anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EIFERSUCHT.
+
+Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel
+tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte
+entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: nun, das ist
+so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, und
+damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem Trübsinn, von
+seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es
+einen viel tieferen Eindruck, dieses Mädchen, das so hoch stand in seiner
+Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? Auch sie sollte so
+zwanzig, dreißig Liebschäftchen und am Ende noch eine recht tüchtige Amour
+mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?
+
+Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein
+Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister
+viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüsterte ihm sein
+tief zerrissenes Herz zu, das, daß sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau
+so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte, ja, er durfte sagen, an
+sich zog, während sie noch einen andern, wie es schien, Unwürdigen im
+Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch möglich, vielleicht war es
+doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr
+geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie--
+
+"Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe," schnatterte ein Jockei,
+der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war; "der
+Rittmeister von Sporeneck--"
+
+Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er
+hier sein?
+
+"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob der
+Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus
+abtreten wollten?"
+
+Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber
+Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese
+Forderung war zu unverschämt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, der
+ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der Graf
+wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn und schnatterte weiter:
+
+"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein
+Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da hat er
+gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei--"
+
+"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so
+finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh dabei
+wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal
+vormachen ließ.
+
+Da hat er es ja sonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat
+er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte
+jetzt noch die Unverschämtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, daß er besser
+hinüber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es nicht
+fortgehen; die Wehmut war stärker als die Bitterkeit und wurde Herr über
+sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So war gewiß noch
+kein Mensch getäuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn
+ein Mädchen finden, so hold, so schön, so ganz Unschuld und reine
+Jungfräulichkeit; er muß sie lieben, und wie glücklich ist er in dieser
+Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die er seit langer, langer Zeit
+nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein Herz, er fühlt sich glücklich, wie
+er selbst damals, als noch sein Haus in Fülle des Glücks und der Freude
+prangte, sich nie gefühlt hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er
+sah das Morgenrot der ersten zarten, jungfräulichen Liebe auf ihren Wangen
+aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus
+ihm, dem Unglücklichsten der Sterblichen--den Glücklichsten. Jetzt hatte er
+ja alles, was die kühnsten Wünsche nur verlangen mögen; Gesundheit, Jugend,
+hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit
+Talern hätte belegen lassen können, ohne daß er es sonderlich gefühlt
+hätte; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein holdes, tugendsames
+Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; er hielt im seligsten
+Moment seines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für dessen Tugend er
+sein Leben gegeben hätte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz
+hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein
+wenig lüftet und ihn das Mädchen ein wenig näher kennen lehrt, die ihn
+merken läßt, daß dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser
+keusche Mund nicht zum erstenmal geküßt werde, die, wenn man es gleich in
+der großen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, daß es gut
+sei, daß man das Mädchen aus einem unschicklichen Verhältnis herausgerissen
+--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine
+Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schüchtern mit der verschämten
+Zartheit erster Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten
+andere geschwelgt! Er schämte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen
+hatte, so betrogen, so schnöde angeführt worden zu sein; er gönnte ihr,
+obgleich sein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeister; es reute
+ihn beinahe, daß er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm
+geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch
+drängte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rächen wollte er sich an ihr,
+er wollte hinüber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn
+betragen würde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber
+gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase
+herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das eine
+war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg wehtun; daß
+andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie
+tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien ihm, er wollte ganz und
+gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei
+oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß
+er sie verachte.
+
+Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präsidenten Tee trank, hatte schon
+geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Träne, die er der
+Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf
+sich in die Kleider, preßte das weichgewordene Herz mit beiden Händen
+zusammen und ging dann den schweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er
+einst so unendlich glücklich gewesen war.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER NEUE NACHBAR.
+
+Es war, als sei ein feindlicher Dämon mit der Gräfin in Präsidents Haus
+eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille Leben
+des Hauses verändert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu bedienen;
+es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, daß man glaubte, der
+Feind sei vor den Toren. Der Ärgste war der Präsident selbst; ganz still
+verklärt schlüpfte er in allen Ecken des Hauses umher, zankte und
+hantierte, daß die Konfusion nur noch ärger wurde und sein Mädchen, das vor
+Haushaltungsgeschäften und Herzensangelegenheiten nicht wußte, wo ihr der
+Kopf stand, ihn um Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu
+lassen. Es war aber auch kein Wunder, daß er sich ein wenig verrückt
+gebärdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhändig-durchlauchtigster
+Belobungsschreiben, voll großer Verdienstkreuze mit breitem Band über die
+Brust, voll Dotationen und Standeserhöhungen; jetzt war er in seinem
+_Esse_, jetzt konnte er negozieren und zeigen, daß er nicht umsonst in
+Regensburg und Wetzlar in seiner frühen Jugend Diplomatie studiert hatte:
+Was er mit seinen kühnsten Wünschen nicht für möglich gehalten hätte,
+führte ihm ganz bequem der Zufall in die Hände. Der Staatssekretär hatte
+ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Martiniz sich ankaufe und für die
+Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte ihm
+wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch allerhöchsten
+Vertrauens auch gehörig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der
+Gräfin ein, auf ihre Güter zu reisen. Was doch nicht der Zufall tut! Ohne
+daran zu denken, daß es wirklich einmal in Erfüllung gehen könne,--denn der
+gerade Weg führte zwei Meilen seitwärts an Freilingen vorbei,--hatte er
+einmal in der Residenz in einem Anfall von galanter Laune der Gräfin das
+Versprechen abgenötigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und
+wie glücklich fügte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die er
+behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat, sie,
+nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mußten, die, ohne daß man
+es merkte, an ganz geheimen Fäden das Land regierte, sie besuchte _ihn_.
+
+Aber sie sollte auch gehalten werden, als wäre sie in ihrem eigenen Hause,
+daß sie recht viel Schönes und Gutes höheren Orts von ihm und seinem Hause
+sagen konnte. Kaum hatte sie geäußert, sie finde Idas Zimmer im ersten
+Stock so hübsch, so mußte das Fräulein das Feld räumen und in die zweite
+Etage wandern. Es kam dem Mädchen sauer an, als sie so die Plätze wechseln
+wußte, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe
+bedünken, als sei dies eine schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar
+nicht zu verdenken; sie hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt;
+dort saß sie am liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur
+das Köpfchen ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig
+aufheben, nur einen kleinen Viertelsseitenblick hinüberwerfen, so sah sie
+ja auch schon ihn; und jetzt sollte sie der verhaßten Nebenbuhlerin, die ja
+offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, jetzt
+sollte sie dem üppigen Weib, die gewiß alle Künste der Fensterkoketterie
+aufbieten werde, ihr heimliches Plätzchen am Fenster, ihr lauschiges
+Schlafstübchen abtreten und dafür, weiß Gott wie lange, in den weiten,
+unheimlichen Zimmern des oberen Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie
+ihre kleine Haushaltung oben ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die
+Toilette, die paar Kistchen und Kästchen waren bald gestellt; jetzt setzte
+sie einen Stuhl ins Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den
+ersten Stock des Mondes hinabsehen könne; es ging wohl, aber sie sah nichts
+als die Wolken seiner Gardinen; er mußte schon herausschauen, wenn sie ihn
+von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie
+schon, einen steifen Hals konnte sie sich füglich gucken, wenn sie immer
+das Köpfchen hinabbog. "Doch was schadet das," lächelte sie, "das tu' ich
+ihm schon zu Gef--"
+
+Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen?
+oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage
+des Mondes zurückkehrte und ihr Blick zufällig an den Fenstern des zweiten
+Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich für ein Kind,"
+dachte sie. "Wie, wäre es möglich? Was könnte er nur hier zu tun haben?"
+Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von Sporeneck lag
+geradeüber von ihr im Fenster und bückte und verbeugte sich herüber und tat
+und lächelte so vertraut und so freundlich, als hätte er sie jahrelang
+gekannt.
+
+Voll Unmut über den Unverschämten riß sie an der seidenen Schnur, welche
+den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe zwischen
+sie und den verhaßten Lüstling. Dieser Mann war ihr der widerwärtigste auf
+der Erde; er war ein schöner, kräftiger Soldat, gebildet, von glänzendem
+Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wußte den Bescheidenen zu spielen,
+aber nicht länger als ein paar Tage; dann--das Mädchen, das er belagerte,
+_mußte_ ja in dieser Frist kirre gemacht sein--dann kehrte er seine wahre
+Seite heraus; sein Auge wurde lüstern, seine Reden, lockend, schlüpfrig,
+mußten jedes zarte, weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht
+schon ganz für ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genähert. Das
+unschuldige Kind hatte Gefallen an seinen Gesprächen, die ihr ein wenig
+mehr Gehalt zu haben schienen als die der übrigen jungen Herren; sie ging
+oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein
+rasendes Dementi bei diesem Mädchen gegeben. Er hatte sie in _eine_ Klasse
+gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur Jungfrau
+herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum verhaltene
+Lüsternheit, ein sündiges Sinnen und Begehren verbergen. Diese hatte er
+immer bald aufs Eis geführt, und waren sie nur einmal in einem Wörtchen
+geglitscht und geschlüpfert, husch--; so hatte er auch bei Ida endlich,
+nachdem er alle edlern Farben hatte spielen lassen, die herausgekehrt, die
+jede andere geblendet hätte, aber vor dem strengen Blick der reinen
+Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man sagt sogar mit einer
+tüchtigen Ohrfeige, war er abgezogen, erklärte Ida überall für ein
+Gänschen, schwor ihr bittere Rache und warf sich in die Arme der Aarstein,
+wo ihm ohne langweilige Präliminarien bald wurde, was er bei Ida durch
+tausend Künste umsonst gesucht hatte.
+
+"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu
+genieren!" Denn daß die Gräfin ihren Liebhaber mitgenommen, daß er auf
+keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie gleich
+weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind nichts dabei.
+Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein so ziemlich, sie
+wußte, daß diese gekommen sei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnete
+sie nicht, daß man den Rittmeister nur dazu mitgenommen haben könnte, um
+sie von Martiniz' Herzen loszureißen, um sie in eben jenem Lichte zu
+zeigen, in welchem sie die Gräfin sah. Nein, an diesen wahrhaft höllischen
+Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes
+gönnte, nicht. Und wie sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja
+gar nicht anders, als die Gräfin könne von ihrer Liebe zu Martiniz auch
+nicht die leiseste Ahnung haben; wußte ja sogar sie kaum seit Stunden, daß
+sie ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all
+ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und
+niemand könne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht höchstens Mart--
+ja, er mußte ja gefühlt haben, daß sie ihm gut sei, sonst hätte er wohl
+nicht jenes Geständnis gewagt, daß er sie lie--
+
+Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig,
+die Teestunde war da, und noch manches war zu rüsten; die Gedanken an Rum
+und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Brötchen, Tassen und Löffelchen
+verdrängten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu
+ordnen. Dort stand schon Papa und flüsterte ihr zu: "Schicke dich nur; es
+sind allerhand Besuche da, und du könntest leicht mehr Rum brauchen als das
+Bouteillchen da!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+TRAU--SCHAU--WEM?
+
+Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Präsident--Nein, sie hätte
+mögen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, "ein Bekannter
+von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit
+seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von
+euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein
+Jubel und ein Fest für alle Mädchen, die nur einmal in der Residenz waren;
+da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinsten Touren noch
+einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das,"
+setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Töchterchen in die Wange
+knipp, "war auch einmal jung und kenne das." Er ging weiter und ließ den
+Rittmeister vor Ida stehen.
+
+Diese wurde bald blaß, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade
+umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnöde abgewiesen hatte, dieser konnte
+es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht öffentlich
+prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heißen und fortschicken?
+Doch nein, sie wußte, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte
+ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der
+Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hin
+sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was mußte nur der Graf denken, wenn
+sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm
+so verdächtig gemacht hatte! Ihre Augen suchten den Geliebten--er saß neben
+der Gräfin; traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt
+sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herüber--die Gräfin mit höhnischer
+Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als
+sehe er etwas, das er gar nicht für möglich gehalten hätte.
+
+Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob
+denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein
+Mißtrauen ihm zuflüsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er
+konnte ja auch in Geschäften an das hiesige Regiment geschickt worden sein;
+dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten--nun ja, das war
+allerdings stark, und der böse Geist wollte ihm zuflüstern, daß dies schon
+sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles
+bewies ja nur höchstens, daß der Rittmeister in Ida verliebt sei; von ihrer
+Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben
+auf Ida; das war sein Entschluß gewesen, als er durch die hellerleuchtete
+Enfilade von Präsidents Zimmern ging.
+
+Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe
+niemand, den er näher kannte oder mit welchem er in ein Gespräch sich hätte
+einlassen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die
+Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das Ida" dachte er;
+er sah sich freundlich um--es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in
+ein Gespräch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das
+Fatalste war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen
+mußte, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der
+Rittmeister und sein Logis im Kopf herum.
+
+"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer
+Pause wieder Altem geschöpft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger und
+aufmerksamer für seine Gäste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres
+und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt sich
+dort ganz hübsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie
+hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so großen
+Ansprüche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich.
+Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da
+kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis
+ich von ihrem schönen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz
+nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock.
+Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als
+die gute Ida?"
+
+"Sehr viel, sehr viel!" preßte Emil heraus; es war ihm, als schnürte ihm
+etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust führe
+und das warme, liebe glühende, treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und
+herreiße. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die
+fürchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so schändlich mit ihm
+gespielt hatte; daß zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer
+ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zusammenhang
+stattfand, konnte ein Blinder sehen.
+
+Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte
+aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein großes Opfer," sagte er mit schrecklicher
+Lustigkeit zu der Gräfin, "eine ungeheure Großmut, die ganz allein aus der
+allerausgedehntesten _Nächsten_liebe und _Gast_freundschaft hervorgeht!".
+Die Gräfin Aarstein-Satanas wußte wohl, daß sie sein Herz mit glühenden
+Zangen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisveränderung kam;
+aber so vollständig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren höllischen
+Triumph nicht vorgestellt.
+
+Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wußte daher auch nicht, daß die
+stärkste, glühendste Liebe zugleich die schwächste und empfindlichste ist.
+
+Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Präsidenten
+reichlich versehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieses gierige Auge,
+dieses höhnische Lächeln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz
+ohne höhere Bedeutung, ohne edlere Züge--diesen Menschen konnte Ida lieben?
+Er hätte jedem unter die Nase gelacht, der ihm so etwas vor zwei Tagen, als
+er noch an die Engelsunschuld des lieben Mädchens glaubte, hätte weismachen
+wollen. Er hätte jeden einen Schurken geheißen, der _dieses_ heilige,
+keusche Geschöpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle
+Leidenschaften gewühlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt hätte.--
+Jetzt mußte er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind ließ er sich von der
+Aarstein leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte,
+den Rittmeister hier zu sehen, sie ließ manche giftige Bemerkung schlüpfen
+--er hörte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschäftigte ihn: er
+wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie käme, wie sie sich gegen
+Sporeneck benehmen würde. Die Türe ging auf, sie kam. An der Hand des
+Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzücken
+unterdrückte, wie Blässe und Röte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie
+ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhörte, und wie glühende Dolche
+fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur hin, Graf,"
+flüsterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie glücklich die
+Leutchen dort sind! Das ist ein Erzählen, das ist eine Wonne, daß man
+einander nach ein paar Wochen wieder hat. Daß sie sich nicht auf der Stelle
+abherzen und küssen, ist alles!"
+
+Dem Grafen würde grün und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der
+Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Röte des Unmuts und
+der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen
+Reiz, daß der Graf nur um so tiefer fühlte, wie schrecklich sich hier die
+Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so
+herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es so gar nicht
+verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grübchen in den Wangen,
+dieses bezaubernde, huldvolle Lächeln gegeben? Sie verneigte sich gegen die
+Gesellschaft; die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger; sie errötete
+von neuem. Sie mußte noch die Zuckerdose herbeiholen; sie hätte einen viel
+näheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorüber; er
+wagte nur einen leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes
+Auge gerichtet, ihm lächelte sie, ihm flüsterte sie im Vorbeigehen kaum
+hörbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und düster?"
+
+Er fühlte den süßen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruß hätte ihn sonst
+bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort hätte sonst alle
+Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute
+--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erz-General-Armee-Kokette
+mußte es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fünf Minuten außer
+sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem
+neuen nicht zu verderben, flüsterte sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Maß
+ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr
+verzeihen, daß sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck
+offenbar sein mußte, ihr Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich
+es ihm das Herz brechen wollte, daß sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel
+gespielt hatte; er konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, daß
+sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blößen gab,--er konnte
+dies alles verzeihen. Daß sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen
+wollte, daß sie Zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über seine
+Begriffe. Er mußte, seine Natur mochte sich dagegen sträuben, wie sie
+wollte, es war ihm, als müsse er sie verachten. Aber sie hatte recht,
+obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht dasaß
+wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch
+besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er _mußte_ lustig
+sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten.
+
+Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekränkten
+aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemächtigte sich seiner, die
+er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Gespräch an sich, er
+strahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen
+Mann, dem schönen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespräch; sein
+feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schönes sagen zu wollen,
+ausschließend aber galt es der Gräfin. Er wußte selbst nicht, was ihn
+antrieb, ihr so sehr als möglich den Hof zu machen; aber es war ein dunkles
+Gefühl in ihm, als müsse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin so
+sehr auszeichne, wenn er alle Damen für sich gewinnen wollte und ihr, ihr
+allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören schien,
+wenn sie hie und da ein Wörtchen mit einschlüpfen lassen wollte.
+
+Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es
+getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das
+nur für ihn, mit dem Feuer der ersten jungfräulichen Liebe nur für ihn
+schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, daß er so
+fröhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen die sie ihm
+zuflüsterte, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr
+kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle
+wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie
+er nur für die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn,
+die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen
+war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, daß ihm jetzt ein anderes Gestirn
+aufgegangen sein müsse, das seinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies
+sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war--die
+Aarstein! Der Glanz der üppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es
+ihm auch ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht,
+sie weinte nicht; aber eine furchtbare Blässe lag auf dem holden
+Engelsgesichtchen, ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund; sie sah ja
+alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in
+einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie
+sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. Von
+Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängstlicher Eisersucht in
+Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer
+Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr
+als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß sie diesen ewig, ewig in ihrem
+treuen BUSEN tragen werde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER GRAM DER LIEBE
+
+Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen. Der
+Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen können; aber
+das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend
+verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin schrieb, so oft
+sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinüber und
+spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten
+Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr nötig zu sein, weil sie
+den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen zu
+denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille
+der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz
+abdrücken, daß Ida in solchen Verhältnissen mit dem Rittmeister sei. Wenn
+er bei Präsidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm
+wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn
+geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann unter
+Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das Mäulchen
+gegangen wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte
+sie ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu
+holen, hier was zu zeigen; und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen
+dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie
+und Anmut; es war, wie wenn über die ganze Gestalt ein zauberisches Lächeln
+gewoben gewesen wäre, und jetzt--und jetzt!
+
+Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar
+bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da mußte
+sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so
+abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar vor,
+als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht
+anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so am Narrenseil geführt
+zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zu
+Zeiten wünschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm über das Mädchen
+und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen.
+
+Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so
+offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen alle
+Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen
+Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen,
+wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen
+Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber
+wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus Übermut oder törichter
+Eifersucht ein schönes, nur für sie schlagendes Herz gekränkt, geknickt,
+gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie können sogar noch ein recht
+ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille
+Träne im trüben Auge, den wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt,
+wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da
+wird man seine Gründe haben." lachen sie und gehen ungerührt vorüber und
+denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen
+sterben könne.
+
+Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in
+Erfüllung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida.
+
+Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er tausend
+Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu quälen und
+zu härmen; die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung
+vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die
+Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das
+trübere Auge, das ja so deutlich von tränenvollen Nächten, von
+gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der,
+um welchen diese stillen Tränen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte
+sie nur eben die heißen, ausgeweinten Augen zuschließen und sich in das
+Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kühl um die vier Bretter und zwei
+Brettchen, welche die arme Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie
+nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr geliebter Jüngling
+näher und näher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich
+verwickle,--dort, dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war
+ihr ja das ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht daß sie es war,
+die er verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin
+anzuschließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Mühe und
+Tränen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit
+Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über
+seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte
+überwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen,
+unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut
+heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe, einer
+andern angehören könne.
+
+Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches Herz,
+daß er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern deuteten
+und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an _jene_ verloren gehen
+sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen
+Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür
+büßen sollte; aber Emil,--ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit
+und so scharf sieht, sagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe sei,
+daß er sein Herz frei bewahrt, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß sie
+seine erste Neigung gewesen sei; und doch--er, der so namenloses Unglück
+schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden?
+Ach, wie oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm
+hätte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe,
+wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein
+pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der
+Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen Kuß der
+Liebe ihm entgegengewölbt hatte. Dies _alles_ war ja längst vorüber, war
+begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht,
+die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm hätte sie
+alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für den Grafen
+aufgerufen.
+
+Aber er war noch nicht zurück; darum verschloß sie ihren Schmerz in die
+Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein
+flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen
+Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren
+geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten
+Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der üppigen,
+buhlerischen Dame Potiphar--sie errötete von dem Gedanken und preßte die
+Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches
+geschah--dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verschrieben.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FEINE NASEN.
+
+So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden
+gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe
+verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.
+Fräulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die
+getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über den Stand der Dinge
+belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn sie wieder
+neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fräulein Ida
+weder mit Tränen, noch Gebet wieder heraushauen könnte.
+
+Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der traurigen
+Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster, blässer, trüber war
+als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen,
+und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen
+Gelächter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzählte, daß er sie durch
+seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster
+visierte, bitterlich habe weinen sehen.
+
+Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung
+sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre
+Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern
+lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben,
+daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, daß er auf die Liebe so
+trefflich eingeschult war, daß er sechs oder acht der zärtlichsten
+Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also
+die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in
+ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf
+einmal weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die
+Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe
+sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! Aber
+das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund
+sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Äugelein ausgeputzt, daß sie
+sieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt."
+
+Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so
+ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen
+waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges
+Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen
+gesagt: "Wie doch das Fräulein so hübsch, so tausenddonnernett aussah am
+Altar. _Bassa manelka_, wie müßte sie erst aussehen bei Tag und als
+Bräutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht übel einzuleuchten; denn
+er hatte zufrieden gelächelt und gesagt: "Nun, was nicht ist, kann noch
+werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den
+alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und dem gnädigen Fräulein und
+sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn
+schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind
+mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu
+vermelden, aus Bohnenstroh; aber, Gott weiß, sie reichte dem schönen
+Fräulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie
+allerwenigstens ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch
+rein in sie verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich
+gewesen wäre, ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und
+Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich
+Euer Exzellenz, meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe."
+
+So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom
+Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die
+Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt
+hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen. Da hatte es
+denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am Rhein, an der
+Seine und an der Nordsee immer geheißen: "Der Herr Graf befindet sich noch
+im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint zuzunehmen."--"Die Ärzte wußten
+wieder nichts."--"Die Ärzte geben ihn auf."
+
+Hier, in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der
+Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn
+denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste,
+wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde. "Nun, in Gotts
+Namen, macht Hochzeit!"
+
+Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn
+sein Herr--der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie damals,
+als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; fragte
+der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm
+denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf stöhnte
+so schmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und sagte, dabei:
+"Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!"
+
+Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es
+denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig
+mache--da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine Große, Dicke, so halb
+Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--
+
+Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich;
+wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein im Stich ließ--nein,
+er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen, aber da soll ihm doch das
+siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem Gedanken so grimmig
+auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in
+dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte ich," rief er in seinem
+Selbstgespräch weiter und klopfte immer schrecklicher, "wenn du die dicke
+Trutschel nimmst und das schöne Fräulein, die dich aus den Klauen des
+schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren läßt, alles siedende
+Schwefelpech des Fegefeuers soll dich dann kreuzmillionenmal--"
+
+"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte
+nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer ältlicher Mann, mit
+seinen, klugen Gesichtszügen, in einem schlichten Reiseüberrock, dem nur
+ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm.
+"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden
+noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--"
+
+"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband
+freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist
+dein Herr?"
+
+Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehrere Male, führte dann den
+fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte dort
+noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner großen
+Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden
+in die Arme sank.
+
+Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade fällt uns ein, daß
+der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset, und es
+wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito früher
+verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet, es abzulegen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER HERR INKOGNITO.
+
+Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; es
+war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von
+Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung eines
+Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht, ihn in diesem
+Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt
+des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben
+ihm Achtung, und als vollends der Präsident, ein Kenner in solchen Dingen,
+das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur
+Verehrung. Er wußte, daß, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen
+Sinn des Wortes war und daß ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte,
+die nicht die Laune des Glücks oder Hohe Protektion zu einer glänzenden
+erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen Mut und tiefe
+Einsicht bewährte.
+
+Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit der
+Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen
+der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf
+kam entweder gar nicht, oder sehr spät, oder unterhielt er sich mit der
+Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr
+schal und langweilig vor, daß sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen
+sitzen zu können; der Rittmeister, dessen Geschäfte beim hiesigen Regiment
+noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.
+
+ Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte und
+dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden; er half ihr
+Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete alle jene
+kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt
+werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüstern,
+aber die gleichgültigsten Dinge, etwa: ob sie noch mehr Milch oder noch
+mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichste
+Liebeserklärung gewagt hätte.
+
+Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafür, daß er
+neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend sicher
+sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde.
+
+Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief
+und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen
+Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft,
+ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine Schande gemacht hätte.
+Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen zu behagen; sein ernstes
+Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen werden
+glänzender--solch ein Mädchen hatte er selten getroffen, und er war doch
+auch ein bischen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses
+richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so viel Humor und Witz--er war
+ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus; er bewunderte die
+wunderherrlichen Blumen, die sie machte; man kam von diesen auf die
+natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die
+so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden gar hübsch ausnehmen
+würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter
+erwähnt, so sagte sie ihm auch schon, daß die Blume _Calla aethiopica_
+heißen müsse, weiß blühe und auch äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er
+bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte;
+aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten
+Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch
+kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon
+gesprochen.
+
+Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte
+alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt
+oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante Geschichtswerke
+gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Großes.
+Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat
+sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen gelesen hätte. Und als
+sie auf ausländische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen
+herrlichen Gedichten und seinem unglücklichen Ende sprachen, als der alte
+Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist
+sich höher als alle andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze
+Natur so tief erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging über seine
+Begriffe--antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten,
+als hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen:
+
+ "The tree of knowledge is not that of life." [1]
+
+Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Mädchen hatte er in
+vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte
+mit seinem lieben hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die Welt hinein,
+das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein
+wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte dem
+Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er
+ihn mit einem so interessanten Geschöpf bekannt gemacht habe.
+
+ [Fußnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EMIL AUF DER FOLTER.
+
+Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch
+ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine
+Erscheinung wie aus Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der
+Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer
+Würde, einer Höhe jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie
+der Gaben schönste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer
+diesen Kranz zerpflückt--"
+
+"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwürdige Theresienritter;
+"dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,
+herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der
+Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den
+ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"
+
+"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was
+mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch
+nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn
+recht vis-à-vis zu haben--"
+
+"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn
+ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur
+Schau."
+
+"Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin--"
+
+"Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich
+nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe
+sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich
+auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch
+die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge
+gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich
+recht hatte."
+
+So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig
+Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiß alles, und ist alles gut, wenn
+nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER RITTMEISTER.
+
+Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen
+hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie
+unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der
+Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war,
+stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte
+Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten
+versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch
+manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide
+dienen könne;--sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von
+Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond
+gebeten.
+
+Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren
+bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines
+Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte ihm, wie
+gewöhnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer
+Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage jetzt vollkommen sei.
+Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe
+nächstens einer Erklärung von seiner Seite entgegen. Das hatte der
+Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen
+anderen, vorgetragen; man stieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den
+galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man
+nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle
+darin überein, daß dies sehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den
+heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen
+daraus. "Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas anderes; einen
+Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Gräfchen, das in
+der Welt umherreist, um den Damen schön zu tun und sein Geld auf die
+langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen."
+
+Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit von der
+Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob
+er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne
+Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und
+der ältere Herr unterhielten sich flüsternd mit einander; um so lauter
+waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu
+springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzählten
+allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich
+nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon
+abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube
+anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein
+Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit
+recht aus dem Herzen--deine Ida!"
+
+ Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche
+aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust aus, als hätte die
+Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die Lippen zusammen und sah
+den Theresienritter an.
+
+"Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich wäre
+selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine frühern
+Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen."
+
+"Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen," antwortete der großmütige
+Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es für ein
+junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen
+braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünscht; wäre
+mir lieber gewesen, als hören zu müssen, daß mir so ein fremder
+Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen."
+
+Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von einem
+Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte--es war beinahe nicht zu
+ertragen; doch hielt er an sich; denn er wußte, wie schlimm es ist, in
+einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel anzufangen.
+
+"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an.
+
+"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Täubchen zu gut,
+als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn solcher Wichte
+ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln
+lassen als von ihrem Hähnchen."
+
+Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war
+ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, daß
+ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu entfernen, oder
+loszubrechen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+UNSCHULD UND MUT.
+
+Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling so
+tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden seine
+Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen hätte? Die
+nächste schickliche Gelegenheit mußte entscheiden.
+
+"Nun, Brüderchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so
+ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit
+der kleinen Präsidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten,
+Zurückhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und
+--rühmte sich heimlich von ihr erhaltener Begünstigungen, die Emils Blut zu
+Eis erstarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat
+ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes mit ihrem sanften Blick,
+mit ihrem keuschen, jungfräulichen Erröten vor das Auge--Nein! nein! rief
+es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt
+sich der Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer
+Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von
+wem sprechen Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich
+nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem
+zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke
+einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu
+lassen; da kam er aber an den Falschen.
+
+Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit,
+Mut, Zorn--alles sprühte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesen
+Augen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen niederschlug. "Was fällt
+Ihnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es ist hier niemand, der darnach
+zu fragen hätte."
+
+"Sie haben," fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, "Sie haben dem ganzen
+Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt; es hat also
+auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, und _ich frage_
+jetzt!"
+
+"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es
+kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein
+anderer sich dareinzulegen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer
+Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher für den
+Herrn da!"
+
+"Ist unnötig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte
+Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte ich
+gerne beantwortet haben."
+
+"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine
+Herzensangelegenheiten mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr delikat
+finde,--ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin,
+gesprochen."
+
+"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie
+vorhin taten?"
+
+"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und maß den Grafen von
+oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen.
+"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!"
+
+"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!"
+
+"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, anmaßend
+zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken behaupten, was
+ich sagte."
+
+"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die
+übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört
+hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, "nun ja, so, muß ich
+nur _Sie_ bedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art unterhalten
+lassen von diesem erbärmlichen Lügner."
+
+"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir
+vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue
+Bohnen."
+
+"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf
+Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist
+spaßig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der
+Brust wegging, "das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu
+machen habe!"
+
+Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang der
+Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das
+Kerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einen
+verfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!"
+
+Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen.
+Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant
+bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonstwo
+einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine,
+spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn
+so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den übrigen war es
+übrigens nicht so ganz wohl zu Mut; das schnelle Ende des Streites hatte
+aus allen Köpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich
+an die Affäre, und manchen wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen
+Übermut herbeigeführt worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen
+Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese
+Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum
+Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer
+Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: "Sporeneck,
+morgen früh acht Uhr, auf Pistolen."
+
+Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die
+Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und
+keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte
+Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er
+erzählte:
+
+"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander im
+Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr
+höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag
+ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung
+zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, worauf
+er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese
+hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekundanten
+lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm sei, werde ihm sekundieren."
+Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß er seinem Rivalen
+mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem
+Champagner weiter machen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber
+nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen,
+um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frühstücken.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS.
+
+Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden,
+eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel
+gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig
+zurück. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine
+bestimmt für das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an diesem
+kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine plötzliche Abreise ohne Abschied
+durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen.
+Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich tief betrübte; die
+Gräfin war ja noch hier, sie wußte nichts von seiner Abreise; er konnte
+also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem
+Torweg herauf zu hören: "Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der
+Mondwirtin; o wie gerne wäre sie in diesem Augenblicke die Ehehälfte des
+Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen
+Lippen zu hören!
+
+Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den Zügel
+von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt kam Mart--
+nein, ein Offizier in fremder glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte
+Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo
+blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt,
+schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. "Eine schöne,
+geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische
+oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam
+ihr so bekannt vor; wie? sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat
+und trug auch keinen Orden, und diesem glänzte der Wladimir in Diamanten
+auf der Brust--wenn er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er
+doch nur den hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein
+Gesicht sehen könnte.
+
+Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und
+stieß den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war
+Emil von Martiniz.
+
+Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die
+Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die dunkeln Locken
+stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die
+blendend weiße Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine
+Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als
+wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er
+klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er
+ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner
+Ulanen und es werde in schmetternden Tönen Marsch, Marsch! geblasen; sie
+konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligé--sie öffnete
+das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das
+Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Äuglein sahen so klar und
+freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft
+gerötet, das Mäulchen so süß und kußlich, um das feine, liebe Gesichtchen
+ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei und dann ein
+Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken und Brust
+herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen Morpheus
+entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten--das ganze
+Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum--
+
+Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der Glorie
+der jungfräulichen Unschuld, mit der Wehmut gekränkter und doch
+verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das letzte Mal
+hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Träne
+blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferde beide Sporen in
+den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand; unwillkürlich bog sich
+seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: "_Adieu mon
+coeur_!" rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war
+nichts mehr von ihnen zu sehen.
+
+ "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von
+ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf--er warf einen Kuß
+herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grä-- konnte diese nicht auch im
+Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen--Sie mußte
+Gewißheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon
+aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und
+schliefen. "Also mir, mir,--" lächelte das stillselige Mädchen vor sich
+hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo
+er gehalten, wo er ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie,
+konnte er nicht nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr
+seinen Kuß geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mußte, zu
+kränken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in
+seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er
+gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt hatte,
+sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.
+
+Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie
+engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht
+gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie vor ihr in
+der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön stand. So träumte
+sie, das liebliche bräutliche Mädchen; sie ahnte nicht, welchen
+gefährlichen Gang der Geliebte ging und daß die Parze so schnell den Faden
+ihres Glücks zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte,
+für immer ausgeschlagen haben würde, daß die kühnen, liebesprühenden Augen
+schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schließen könnten, aus welchem
+auch die süßeste Stimme, das zärtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS DUELL
+
+Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie
+jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang,
+und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust
+erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe
+sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und
+flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen
+Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der
+Eifersucht über ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und
+Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist
+schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als
+Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen
+kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein
+müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick
+hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er
+Ladenstein das Billett, und dieser las:
+
+"Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise
+abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem
+Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du
+eine Busenschleife? Willst Du ein Schnürband von meinem Korsettchen?"
+
+"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,
+"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich
+um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher
+gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von
+seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"
+
+"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt
+hiebei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst."
+
+Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne es
+ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete
+ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt
+und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben
+könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor
+Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich
+vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum
+Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf:
+"Sie ist dennoch schuldig," entlockt.
+
+Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: "Urteile
+nicht zu frühe! Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit
+dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine
+Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem
+Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer
+Dame; so lange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend
+zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mädchen, so hold
+und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von
+ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst--und du
+wirst freudiger streiten."
+
+Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz
+gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des
+Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Roß
+zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.
+
+Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und
+hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen
+angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit; denn
+sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische
+Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den
+strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen
+sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile
+Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener
+zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten
+des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im
+Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches,
+das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.
+
+"Alle Teufel, wer hätte das gedacht?" flüsterte Sporeneck. "Hätte ich das
+gewußt--weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister
+für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er
+Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen."
+
+"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie
+der behängt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen und noch
+obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiß Gott, den
+Kommandeur der Ehrenlegion! Das muß ein fixer Kerl sein."
+
+Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz
+gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.
+"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefällig ist!"
+
+Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Äußerung des
+Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre,
+er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher
+noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen
+zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man maß die Schritte ab,
+man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen--fertig!
+
+Sporeneck hatte den ersten Schuß. "Nun, wenn es denn einmal sein muß,"
+sagte er, drückte ab und--den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf; mitten
+durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer
+sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als
+stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab;
+zweimal setzte er an, zweimal ließ er das Pistol wieder sinken. Da rief der
+Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in
+demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.
+
+Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der
+Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig
+Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der
+Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter
+zur Stadt zurück.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FINGERZEIG DES SCHICKSALS.
+
+Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die
+Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der
+Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die
+Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel
+merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich
+geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe.
+Von dem Duell war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden.
+Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest,
+daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme; die übrigen hatten sich das
+Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.
+
+Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte
+heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er
+sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin
+Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags
+hinüber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem
+blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr
+langweilte, hätte konversieren mögen.
+
+Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein
+umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die
+Kugel herausgenommen, die Ärzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil
+verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm
+zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen.
+Sie gingen mit.
+
+In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die
+beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen
+Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit
+Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich
+und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden
+geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er
+erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über
+sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer
+Stunde selbst noch gewünscht habe.
+
+Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht
+entstellt, nur daß sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß
+zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke
+erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig
+seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?" rief er. "Was
+schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?"
+
+Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der
+Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte
+doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es
+scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber
+nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von
+forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte.
+Der Kranke aber fuhr fort: "Laß dich nicht von diesem da forttreiben,
+lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem
+Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die
+Schlüssel geben und schließ auf! Dort findest du ein Strumpfband mit
+goldenem Schloß--" er hielt inne, als ob er nachsänne; der Graf aber trat
+in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er
+sprechen würde,--"und richtig, _Honny soit qui mal y pense_ ist drauf
+gestickt: Das bringst Du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken
+Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich
+könne heute nicht selbst kommen. Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei
+es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um
+das Gräfchen eifersüchtig--ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein--sage
+ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker,
+sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle,
+so habe sie es mit mir zu tun."
+
+Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte.
+Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht
+gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister
+geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes
+gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der
+alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert,
+daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten
+Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz
+entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie
+geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion,
+ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der größten Freundlichkeit
+"Herr Kamerad" titulierte.
+
+Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem
+Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter
+der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnehme, die Proposition, ob
+er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt vom Haus sei, ein
+kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.
+
+"Lieber Gott," sagte er, "ich weiß, wie es in der Garnison ist, habe auch
+lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man
+immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem
+andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege,
+Herr Kamerad--ich denke, wir könnten darüber einig sein."
+
+Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den
+Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein
+solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die
+Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich
+an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele
+zuwider; lieber hätte er sein Pferd verkauft--da kam ihm nun das Anerbieten
+des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll
+angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre
+er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle
+Höllengeister am Kollet gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer
+gegangen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+LICHT IN DER FINSTERNIS.
+
+"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu Martiniz,
+als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der schönen
+Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" antwortete Emil
+nachdenklich--"daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis
+steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten
+Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?"
+
+"Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen," sagte jener und zog einen Pack
+Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche
+der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um
+womöglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer
+eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge; der alte
+Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang
+dieser auf und rief: "Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit
+mir ein solches Spiel spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen?
+Wie reimen Sie dies alles zusammen?"
+
+Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf
+seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig
+Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte und
+darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die
+Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in
+diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben, zu
+angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie
+es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen
+kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag,
+dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir
+denken. Daher kam sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber
+auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein
+als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus
+dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem
+keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch
+gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du dich,
+daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts
+anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen; so und nicht
+anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?"
+
+Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein
+Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. "O Ida, wie tief
+habe ich dich beleidigt!" flüsterte er. "Was war ich für ein Tor, wie war
+ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam
+und konnte das gute, sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so
+lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!"
+
+Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein
+Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem
+ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann man
+alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich ist
+nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden.
+Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen!" Und nun
+setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit
+seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfte er nicht stehen bleiben;
+er zeigte ihm, wie viel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst
+mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle
+mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie
+entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn
+zu zerstreuen und zu erheitern. "Wahrlich," schloß er, "diesem Mädchen bist
+du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister
+abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so
+sehr sich auch," setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, "so sehr sich auch
+dein Herz dagegen sträuben mag!"
+
+Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal
+größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein "Amen, gehe hin und tue
+also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen
+waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln
+Auge sprühten; ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht
+war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten
+und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. "O, wie
+Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich
+mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlichen
+Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito
+des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert,
+die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die
+Arme und ging dann an die Türe: "Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und
+teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als
+möglich!"
+
+Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein
+Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichsten Xeres
+loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muß ich ja gra--tulieren!" "Nun wie,
+alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht zu freuen?
+Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?"
+
+"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schön, die Frau Gräfin--"
+
+"Wer spricht denn von der Gräfin?" sagte sein Herr, "Fräulein Ida meinen
+wir!"
+
+"Was?" rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig; denn jetzt
+hatte er wirklich süßen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? Also hat Gott
+Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden?
+Hurra, das ist einmal schön!"
+
+Man mußte seinem Jubel Einhalt tun; er wäre sonst spornstreichs durch die
+Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das
+helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; er
+küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer
+schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte; hatte
+sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten,
+winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kinde gemacht.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+REUE UND LIEBE.
+
+"Und nun noch eine Bitte," sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und
+Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her so
+wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,--lassen
+Sie es mich heute noch gut machen!"
+
+Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle
+seine Ungeduld bis morgen zügeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann
+ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch
+eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was
+ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil
+ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche
+Versöhnung nicht gut. Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber!
+Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen.
+Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich
+mich ja nicht zu genieren."
+
+"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
+Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und
+hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk
+geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber
+das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den
+Familienehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst! darfst dich
+weiß Gott, vor König und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat
+auf, wenn du dein Mädchen zum ersten Male ans Herz drückst!"
+
+"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen
+Säbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das
+unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Gräfin kam dazwischen, als
+ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte."
+
+"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte
+Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und
+wenn eine Kartätschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es
+wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts
+Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß."
+
+Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
+Reglement des alten Herrn zu halten.
+
+In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
+Ladenstein hinüber kam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und
+schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur
+Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd
+gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen
+habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber
+dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock
+angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer
+zuletzt lacht, lacht am besten!"
+
+Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu
+zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß
+er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie,
+weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie
+entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen
+falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie;
+"aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir
+kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wänden,
+die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht,
+bis ich hier heraufzog."
+
+"So, das hat die Gräfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer
+aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad notam_,
+um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und
+breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke,
+daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und
+ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er
+konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten
+Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, "wunderschön und
+genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der
+Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler
+ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte,
+ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts
+übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem
+Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage
+selten mehr findet und die man gerade an den größten Kunstwerken alter
+Meister so hoch schätzen muß.
+
+Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ,
+heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner,
+als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er
+stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren
+alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt
+überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie
+flehte--es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es
+hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte
+Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei Gott, bis zum
+Sprechen ähnlich--Emil; der tiefe, wehmütige Ernst, der sonst in seinen
+Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn
+man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den
+feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den
+einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als
+malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige,
+ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich
+ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im
+Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der
+einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der
+Ähnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die
+Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in
+der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus,
+so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben
+der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war.
+
+Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt; aber er
+kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die
+Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die
+Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab; auch sie
+war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn
+erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der
+nachher, aufgelöst von Dankbarkeit, nur ihr gehört hatte, daß dieser auf
+die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?--Sie stand, das
+holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl
+sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab.
+
+Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer.
+Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln
+verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da,
+den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder
+gut machen."--
+
+Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das
+Köpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein
+Ende." Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir
+diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und
+muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--"
+
+Das Mädchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen
+Wehmut und Unmut kämpfend, "ich hätte nicht geglaubt, daß Sie--"
+
+"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände
+geben." Damit schritt er zur Türe und riß sie auf.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+VERSÖHNTE LIEBE.
+
+Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und
+traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie
+der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf
+den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der
+Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und
+ehe sie sich es recht versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah
+sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um;
+doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute
+unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum
+recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf
+ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuß, das ist ein Kuß!"
+
+Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin
+so eifersüchtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache
+ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour
+gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn
+nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer
+verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund
+und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle;
+und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen
+zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen
+langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie
+ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er
+morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.
+
+"Aber Kinder, es wird spät," sprach endlich schon zum drittenmal der alte
+Herr und tippte Ida auf das Ärmchen, das den reuevollen Geliebten
+umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt
+aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen
+hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, es wird
+spät, und die Bilder könnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen
+hinunter zur Gesellschaft."
+
+"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war,
+herabzusteigen in einen nüchternen irdischen Tee."
+
+Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht
+bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüber zu spedieren,
+und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch
+nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuß mußte er gestatten. Er würde in
+zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und
+jetzt endlich trennte man sich.
+
+Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf
+und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und
+drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr
+recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei,
+daß er sie gek-- Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das
+Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten,
+daß es so wundersüß schmeckte.
+
+Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur
+Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals
+fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht, da mußte
+man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und
+probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter; aber sie mochte es
+machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Köpfchen mit einem
+spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich
+selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles
+mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht
+von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen
+Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete.
+
+Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen
+und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam.
+
+Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre
+Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen
+lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht," setzte sie
+preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die
+verberstet vor Neid," während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem
+lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen früh mich
+zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht angenommen,
+und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht
+mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren."
+
+"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lächelte Fräulein von Sorben
+mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.
+
+"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte
+sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE FREIWERBER
+
+Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem
+Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte
+Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam
+noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl; denn der Graf
+hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler
+Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so
+ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der
+bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber
+auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der
+Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten.
+Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem
+lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet
+entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist
+zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu
+seinem Frauchen machen will.
+
+Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sie sehr
+anständig finden würde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den
+Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten
+Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere
+bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie hatte vom Hofrat
+gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann,
+von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung
+geben?--
+
+Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph
+darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von
+ihr abzureißen, überwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe
+ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was
+sie für ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankündige.
+
+Endlich--ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er
+heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte,
+als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ....schen Gesandten
+gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener
+Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab,
+auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das muß
+doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und
+machte große Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."
+
+Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe; gewiß wollte Emil noch
+einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen.
+Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute
+nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof-
+Gala-Knix, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und
+wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr
+gerade ins Gesicht: "Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida
+nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das
+hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so
+einschüchtern ließe!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht
+aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson
+empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzählte,
+daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie
+hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.--
+
+Das Mädchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen
+Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es
+ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zu Mut.--
+
+Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und
+Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz
+angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einiges
+Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen.
+
+Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es
+denn doch fehlen könne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so
+bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte; aber
+der Onkel--"--"Nun, was für ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein
+aufmerksam und neugierig.
+
+"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar
+böser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die
+Länge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen
+Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab; denn er
+soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr
+viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins
+Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfährt," setzte sie traurig hinzu,
+"wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn er
+_nein_ sagt--"
+
+"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der
+alte Herr voll wunderbarer Rührung.
+
+"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn
+man nur den erweichen könnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter
+Tränen lächelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar
+eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu
+ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche,
+die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich für den
+alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem
+Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen,
+und Sie kennen den alten Herrn gewiß--so zeigen Sie ihm die Gruppe da,
+sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen
+Wahn befreite; wollen Sie?"
+
+Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen
+rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er
+nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
+Endlich faßte er sich doch wieder; er wischte die Tränen hinweg, er war
+freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.
+
+"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lächelnd, "ich kenne
+ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, daß ich sein innigster--bester
+Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit
+Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er
+es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstück sein."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FORTSETZUNG DER FREIER.
+
+Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein zum
+Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil sagte
+seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine; nur habe er
+bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil könne diese
+Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar gehe es den Hof nicht im
+mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr
+Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand; aber sie
+scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde
+gewesen, ihn in seinem Glück zu stören. Er saß so selig neben dem
+bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und Glück, daß er nichts
+anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie.
+
+Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mädchen.
+Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige
+Frührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lächeln,
+das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald
+Wonne und Freude verriet.
+
+"Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen," rief der glückliche
+Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut
+hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und
+barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm
+Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen,
+das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich
+gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie aus Wachs geformt,
+niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er faßte das
+Engelsköpfchen an dem sanften Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu
+blickten ihn diese Augen an, wie würzig wölbten sich die Purpurlippen ihm
+entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er preßte sie an sich
+und sog in langen, langen Küssen das süßeste Leben in sich ein.
+
+Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut
+gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle
+Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen,
+bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als
+sollte sie, aufgelöst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen und
+hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schämen und schalt sich
+wieder aus über die Torheit; denn es war ja ihr Bräutig--; nein, das fiel
+ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm
+seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte sich doch nicht so
+recht; sie wand sich verschämt aus seinen Armen und wollte eben sagen, daß
+er doch ein wenig einhalten--
+
+Da ging die Türe auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden
+Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," rief
+er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie
+weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und küßte
+ihn und war ein so munteres, wöhliges Kind, als habe er ihr eine hübsche
+Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt.
+
+Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn voll
+Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen.
+
+Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine
+Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, daß er sich
+schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus kein
+Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre."
+
+Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den
+guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr Zeugen
+ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit; der
+Graf wollte lieber heut als morgen und hätte gerne sein liebes Bräutchen
+nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster geführt. Aber dagegen
+sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft
+sagte--"Nein, wenn es einmal sein muß, so muß es auch recht sein. Im
+Hausüberröckchen traut man kein reputierliches Fräulein." Der Präsident
+stimmte bei; er sagte: "Sie haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt
+hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!"
+
+Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr ist
+viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten,
+da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie man es nur
+wünschen kann. Da ist--" er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm
+mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein gerichtlich
+ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft Groß-Lanzau, drei
+Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz,
+wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe übermacht,
+kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefällig ist."
+
+Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals.
+"Mein teurer väterlicher--"
+
+"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm
+die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur
+den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!"--
+"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "daß ich ihm danken kann
+für seine unendliche Güte?"
+
+"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine
+Träne der Rührung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude an
+seinem holden Töchterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem
+Namen küssen." Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die schöne
+Stirne.
+
+Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er las,
+desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er
+die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das ist zu viel;
+bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau mit dem schönen,
+neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert, mit Stallung und
+Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott,
+seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern wert, nein, bedenkt auch
+noch--"
+
+"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen
+von dem Zeug! Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern.
+Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein
+kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir
+gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen gewesen sei, und deswegen
+hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentümlich zum
+Brautgeschenk übermacht."
+
+Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. "Doch
+nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete
+Ladenstein und überreichte ihr die Schenkungsakte.
+
+Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umher
+wie närrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, herziges
+Blauenstein!" daß die drei unwillkürlich über die possierliche Freude des
+Mädchens lachen mußten.
+
+Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses
+Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs elegant
+eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schönen
+Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des Schlößchens, gegen den
+schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische Aussicht hinüber in Täler und
+Berge--und dieses lauschige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem
+fröhlichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil--
+gewiß, ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht!
+
+ Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden,
+und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden Mädchens auf die
+nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Präsident große
+Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam
+präsentieren.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE SOIREE.
+
+"Was aber der Präsident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als jetzt
+die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten
+dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf
+alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal Minister zu
+werden.
+
+Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch mehr
+von diesem "Dicketun" überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstres, die
+gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze Galerie der
+geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so
+durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung für
+Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wände waren mit Festons
+von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die sich in den deckenhohen
+Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Girlanden vervielfältigten.
+Ein ganzer Hausrat der prächtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher,
+Platten, Schüsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in
+tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und
+Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über
+diese Pracht.
+
+Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger
+daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man
+wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige
+Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man
+nicht recht vernehmen, was er in petto habe, Er empfing seine Gäste höchst
+freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern
+teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin--nun, die kam endlich, sah
+aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre; denn sie war wie
+gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet.
+
+Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am
+nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine
+Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des
+Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der
+Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr
+über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen
+würde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll," hatte Schulderoff
+geäußert, "so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat und,
+das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die
+blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und
+fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte
+er doch recht; denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir
+selbst das Herz im Leibe hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand
+her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel
+modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer
+ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von
+der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, der nicht
+von ihren Reizen hingerissen wird."
+
+So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die
+Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert.
+
+Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem
+festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte
+den größten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch
+vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja,
+Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Gräfin suchte vergebens mit ihren
+rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte
+einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten
+sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt--der Graf, der sich doch
+sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu
+ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß
+er heute im Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der
+Rittmeister--der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf
+ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig; denn ihre Neigungen waren sehr
+flüchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und
+sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe
+Liebe war,--aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der _Cavaliere
+servente_ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit
+einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die
+übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie
+hinterlassen können--aber sie wollte es ihm entgelten.
+
+Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die
+fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene
+begeben habe.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE BRAUT.
+
+Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich
+noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich--der
+Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die Türe
+auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den Saal--herein
+trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung, mit
+Sternen und Orden besät--wir kennen ihn schon--, an seinem Arm ein holder;
+verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig und doch voll wunderbarer
+Majestät--Ida.
+
+Aber wie _das_ Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte noch
+nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein
+Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren
+hoch und teuer, mit den fürchterlichsten Flüchen, er sei unschätzbar und
+nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär--
+die Gräfin hätte heulen mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz
+lassen müssen--er war in Kost und Logis bei Salomon Moses Söhnen und doch
+hätte er gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkensprühende Kraft _dieses_
+Steins verbleichen müssen!
+
+Hatten die Gäste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt,
+so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen;
+denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er einen Jüngling,
+hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform, den Diamantorden auf
+der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen
+übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein
+Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschätzt wurde;
+der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling trat näher, es war Emil.
+
+Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich--der Präsident empfing aus
+Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Pärchen in den Kreis--die
+Gräfin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoß wütende Blicke auf die
+drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida,
+das Engelskind, und errötete über und über; der Graf aber schaute fröhlich,
+stolz mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Präsident
+verbeugte sich und begann: "Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein
+glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich
+heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe
+Stille; man hätte eine Mücke können trappen hören--unwillkürlich flogen die
+Blicke der erstaunten Gäste nach der Gräfin; denn _sie_, _sie_ mußte ja
+nach ihren Kalkülen die Braut sein; dann öffneten sich die Schleusen der
+Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen
+Lobpreisungen brach über die Dame herein; man hörte sein eigenes Wort
+nicht, so gingen wie in einer Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler
+und Mäulchen.
+
+Endlich fand auch die Gräfin Worte; sie hatte, das übersah sie mit _einem_
+Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet
+zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch eine
+tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie
+eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr Glück zu ihrer
+Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu und wollte
+freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen sprühte
+und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiß ich nicht, ob ihr ganz klug
+getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß, aus keinem alten Haus, und
+Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr Oheim; der Minister, darüber
+denkt; wenigstens so viel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese
+Verbindung nun und nimmermehr zugeben."
+
+Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, daß nur
+böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse; das Wasser schoß ihr
+in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein
+und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe höhnisch,
+der Gräfin zu; Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: "Wissen Sie das so
+gewiß, gnädige Frau?" Diese Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Röte
+flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tückischer. "Ja, ja, das
+weiß ich gewiß," rief sie, "ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat
+von Sorben, hat mir über diese Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich
+weiß, daß er diese Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!"
+
+"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme
+hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der
+sie mit einem höhnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen Blick
+nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem Lächeln, hinter das sie ihre
+Wut verbarg, von oben bis unten. "Das müßte doch sehr schnell gegangen
+sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, "noch vor fünf Tagen
+lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders; der Herr von Sorben sagt
+mir--"
+
+"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig.
+
+"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem Mann
+wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdrücken zu sprechen; wie können
+_Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--"
+
+"Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin," sagte der alte Herr und beugte sich
+tief, "ich heiße--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von Ladenstein-
+Martiniz."
+
+Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des
+Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach
+Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie zu einer
+Säule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem hatte, auch
+Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend als möglich
+wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wünsche ich doppelt Glück, daß
+ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher gefallen, seine Maske
+abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick gestört
+haben."
+
+Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in ihrem
+wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen Ida.
+Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer
+Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der
+ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr
+Onkel schuld, Fräulein Sorben," rief die Wütende, "warum hat er uns mit
+falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nicht gesagt, daß der alte
+Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich möchte--" Der
+orangefarbene Teint von Fräulein Sorben war ins Erdfahle übergegangen; sie
+hatte die stille Wut und machte sich hie und da nur durch ein
+unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Tränenwasser in den Augen
+stand.
+
+"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein
+Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen, und das
+Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie mitnehmen und
+dort meinetwegen für Geld sehen lassen!"
+
+"Ach, das ist ja gerade das Unglück," seufzte Frau von Schulderoff, "daß
+wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte
+Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk, erfahre ich
+soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche, nette Blauenstein
+gekauft!"
+
+"Gekauft?" preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz verbissen
+hatte, heraus, "gek--"
+
+"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen
+geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!"
+
+"Das fehlte noch!" knirschte die Gräfin und rauschte weiter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+PRÄLIMINARIEN.
+
+Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim.
+Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten Herrn
+vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch
+gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben
+würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig ausnähme. Und jetzt--
+nein, sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche,
+gütige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge
+Exzellenz den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so
+freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden
+sie das nette, lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte. Sie lachte und
+tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen
+gewachsen war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste
+Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in
+_einer_ Person.
+
+Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst
+war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und
+schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als er in den Salon trat,
+daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder präsentierte; er hätte mögen
+aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens.
+"Das ist _mein_ Werk," lächelte er vor sich hin, "ganz allein mein Werk; es
+konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefädelt war." Aber wie riß
+er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen
+Martiniz, welche auch hier seien, hörte. "Nun, da muß es was Tüchtiges
+gesetzt haben," dachte er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst."
+
+Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem
+alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und
+Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft schmerzlich
+vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm alles so bald
+als möglich zu erzählen.
+
+"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz
+seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog;
+"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu sorgen.
+Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf
+verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren Jahren einmal
+Oberhofmeister; das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir
+zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande
+noch nicht sah."
+
+Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine
+Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann
+ich für meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reißen jetzt so ein,
+daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie
+eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und jeden; aber der
+Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den gewöhnlichen Zimmern,
+wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggeräumt ist,
+tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das
+neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht
+mehr hat."--Also in der Kirche; nachher sollten die Gäste hinausfahren nach
+Blauenstein.
+
+Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue
+Besitzung des lieben Pärchens sei und daß Groß-Lanzau auch noch dazu
+gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar
+Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort mußte das Schloß
+festlich geschmückt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben
+kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte der kleine,
+sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein, daß sie noch
+Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort, "muß das Brautpaar
+eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als _garde de dame_ auch mit,
+bestellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem
+Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns
+an dem Glück, das wir, ich und Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben."
+
+Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der Rührung
+im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte sich
+bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und wann soll die Hoch--"
+
+"Über acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der
+Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche
+versammelte Gäste dazu ein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZURÜSTUNGEN.
+
+Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen Tagen
+gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen,
+Näherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer,
+Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer
+sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und alle taten,
+als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge.
+
+Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem
+ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man den
+Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und
+bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß
+er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe
+die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen aufschneiderischen
+Angedenkens; da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her in
+alle Ecken und Enden der Stadt; ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich
+gesehen haben.
+
+Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst tot
+war! Nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen, müde
+geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein Schlaf über
+ihn.
+
+Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf
+den Nachttisch setzen, in einem großen Korbe standen vor ihm Bücher, ein
+ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: "Wahrhafte und akkurate
+Beschreibung des solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV." Ferner: "Der
+allzeitfertige _Maitre de plaisir_, für Hofleute, vornehme Festlichkeiten
+und anderen Kurzweil." "Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuse,
+Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schönsten zu arrangieren." Sogar das
+Festbüchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen;
+denn er dachte nicht anders, als es müssen darin allerhand neue und nie
+gesehene Festivitäten erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert
+haben, als dem nicht also war.
+
+Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten
+Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszüge;
+er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit; denn das sah er ein,
+wenn man alle die schönen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausführen
+wollte, so mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er
+nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem
+ewigen Zappel; ja, es war ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da
+bei Ida, bis zum Tode ermüdet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf
+sie heftete, als wollte er sagen: "Sieh, für dich opfere ich mein Leben
+auf."
+
+Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen
+gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr es selbst noch seid,
+gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein solches süßes Engelskind kennt
+mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lächeln
+des kußlichen Mundes, der sich umsonst bemüht, sich in ehrbare
+Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen, namenlosen Sehnsucht in dem
+feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen
+Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz
+angehören soll, verstohlen die Hand drückt, ihm die Wange streichelt, wenn
+sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hüfte schlingt wie um eine
+Säule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des
+Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die
+seidenen Wimpern aufschlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit,
+voll Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden
+Busens sich höher und höher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich
+ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrängt--kennet ihr ein solches
+Mädchen, so wißt ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr ein solches
+Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über
+die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures
+Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter--wißt ihr eine solche
+frische Hebeblüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch so
+warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte wie Ida, o, so
+bekehret euch, solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im
+Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure Brust legt, aus milden
+Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die Falten
+von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat gegeben zu
+haben.
+
+Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht
+bildschönen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er den
+Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü--
+
+Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen
+gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Bräutigam aus.
+
+So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß der
+herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man sich's
+versah, sagte sie adieu, ließ packen und---weg war sie.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+HOCHZEIT.
+
+Und endlich war der schöne Tag gekommen.
+
+Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und
+der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der
+Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem
+Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und
+von Minute zu Minute wuchs der Andrang.
+
+Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein Mensch,
+das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem
+Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel
+darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: "Sehet,
+der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte
+allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hieher in die
+Münsterkirche trieb; da herein konnte er aber nicht; und ich, der Küster
+von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war
+auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat
+von dem Übel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler
+einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt,
+daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen
+Altar kommen würden?"
+
+So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte
+ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie
+zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut,
+daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine
+Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal
+bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen
+und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt; aber diesmal
+hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt.
+
+Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz,
+jetzt--ja, sie mußten es sein,--der große Glaswagen des Präsidenten fuhr
+vor; darin saßen der Präsident und Emil. "Ach, der schöne Offizier!"
+schrien die Freilinger und machten lange Hälse. "Wie prächtig, wie
+wunderhübsch!" flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder
+lauter pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen.
+
+Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloß sich um den herrlichen,
+schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre;
+das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht gerötet und
+verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes,
+glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort
+Bückling über Bückling machte; gerührt und freundlich reichte er ihm die
+Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.
+
+Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender,
+geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen
+und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl,
+der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang ab,
+riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt sich kein
+Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge erwartungsvoll auf die
+geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der
+Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesichte,
+stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar
+glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich,
+etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen weißseidenen
+Schuhe--jetzt--ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar
+überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund--hübsch stand das Bräutchen
+zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug
+schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war
+ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit
+der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der
+Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Gürtel, welcher
+den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend
+Taler wert, und die Bracelets mit den großen Steinen und das Diadem, um das
+sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine
+verstand, dem mußte hier der Mund wässern; aber war nicht alles dies im
+Grund unbedeutende Fasson, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind
+selbst, einzufassen?
+
+Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß
+nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken,
+daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie
+der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und
+ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altar näherte.
+Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit
+Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr
+Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen
+Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte.
+
+Mühsam rang sie nach Fassung, die Freude, daß sich alles so schön gefügt
+hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die
+Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser Stätte, und
+ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der
+würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer
+kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach,
+der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da
+strömten ihre Tränen über. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist
+erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte: _der Zug des Herzens
+ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Tränen flossen; denn
+auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen
+hatten, gingen über.
+
+Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre
+Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick,
+mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem
+schönen, lichten Ziele führte.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SCHMAUS.
+
+Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze
+Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die
+neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu
+leiten. Sechs Böller riefen ihnen Freudengrüße entgegen, als sie in die
+Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlagähnliches Wirbeln von
+Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schönen Schlosses, und als
+alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon
+herausführte, um die herrliche Gegend zu übersehen, da gab der Hofrat das
+Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft.
+
+Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein zu
+nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister,
+dem alten Martiniz. Das Schloß--es war zwar niedlich, geschmackvoll, bequem
+gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und Felder, wie man sie selten
+sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten
+waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer ausgeschüttet gewesen,
+kurz, man hatte gesehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und
+mancher Käufer hätte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der
+Restauration fertig werden zu können. Und jetzt, die behaglichste Eleganz,
+die man sich denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuß
+hätte sich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut
+gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten
+Federchen darin sehen können. Diese breitarmigen Lüstres, diese
+Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten; Etageren,
+diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen,
+Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen
+kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem
+Feenpalast umher, und die Mädchen und die Frauen--Ida wandelte zwar wie
+eine Königin in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin
+gelebt; aber man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und
+Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen.
+
+Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine
+Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen Paares hatte
+er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging, und zwar alles
+auf dem höchsten Fuß; denn wenn einer der Gäste nur vom silbernen Teller
+ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der
+Teller gewechselt, und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in
+der Küche hatte er gewaltet; und es hätte wenig gefehlt, so hätte er aus
+lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout
+oder Hachee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar
+mit einer Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen.
+Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig
+reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu
+dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!
+
+Da war:
+
+Schildkrötensuppe.
+Coulissuppe von Fasanen mit Reis.
+
+_Hors d'oeuvres_.
+
+Pastetchen von Brießlein mit Salpicon.
+Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_.
+_Du boeuf au naturel_.
+Englischer Braten mit _Sauce espagnole_.
+
+ _Gemüse_.
+
+Spargeln mit _Sauce au beurre_.
+Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein.
+
+_Entrées_.
+
+Junge Hühner mit _Sauce aux fines herbes_.
+Financière mit Klößen.
+Schinken _à la broche au vin de Malaga_.
+Feldhühnersalmy.
+Kalbskopf _à la tortue_.
+_Fricandeau à la Provençale_.
+
+_Braten_.
+
+Kalbsschlegel.
+Rehbraten.
+Feldhühnerbraten.
+Kapaunenbraten.
+_Dindon à la Perigord_.
+
+_Salat vielerlei_.
+
+_Süße Speisen_.
+
+Sulz von Malaga.
+Crême von Erdbeeren.
+_Compote mêlée_.
+_Crême panachée mêlée_.
+Punschtorte mit Früchten.
+_Tartelettes d'abricots_.
+_Tourte de chocolat montée_.
+Gußtorte.
+
+_Dessert_.
+
+Punsch _à la glace_.
+_Crême de Vanille_.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SCHLUSS.
+
+Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte, unbemerkt von den
+bechampagnerten Gästen, die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitstaat
+ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes
+Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig
+in die Welt hinausgefahren werden; so wollte es der alte Graf.
+
+Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so
+wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Überröckchen schloß
+so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben
+dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die
+Äuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes,
+kleine, kleine Schelmchen saßen in ben Grübchen der Wangen und schienen
+allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung;
+das Mäulchen so spitzig wie zum Küssen zeigte immer wieder die Perlen, die
+hinter dem Purpur verborgen waren.
+
+Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, Minette,
+und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre
+wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. "Diese herrliche,
+jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des
+Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weißen Arme!"
+flüsterte Philette. "Diese Füßchen," dachte Trinette weiter, "diese Wäd--"
+
+"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, doch
+nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun,
+als hätte sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von der Stirne bis
+herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße
+Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere
+kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte
+sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den
+Speisesaal.
+
+Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin
+einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat;
+kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der
+Ehe reiste.
+
+"Warum bist du nur so über und über rot?" fragte Emil sein holdes Weibchen,
+indem er sie näher an seine Seite zog. "Hat dir jemand etwas getan?"
+
+Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," flüsterte sie endlich und
+errötete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt."
+
+"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es
+wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden; aber
+das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es ging nicht;
+er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte
+versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins
+Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das
+deinige auch dazu packen soll." Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen
+in die Arme; er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch
+der aufbrechenden Gäste.
+
+Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein
+Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort
+beschloß er, ihr zu antworten.
+
+Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen;
+sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein
+tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die
+Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil
+und seine glückliche Ida.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NACHSCHRIFT.
+
+Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und
+getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen sie
+sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die
+Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte
+ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost
+und nach West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den
+wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen
+Weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl
+tut da das freundliche, jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schönen
+Lippen herab dem Freunde entgegentönt!
+
+Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige Doralice
+und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da
+war Graf Law und seine Clementine, da war meine süße Mimili, da war Herr
+von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst
+Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel,
+hatte sich aus Venedig eingefunden und Emilie Mellinger mitgebracht; da war
+auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da
+war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes
+und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klotilde
+und ihr Sekretär.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball
+von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende nehmen.
+
+Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen Gespräch kam.
+Freilich trübte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns
+im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert
+mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem
+wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen geweiht, kehrte die holde Freude
+wieder bei uns ein.
+
+Wir tollten, lachten und schäkerten, der Weiße Hirsch faßte kaum so viel
+Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit _einem_ Bettchen behelfen.
+
+So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem
+Weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir saßen gerade beim Kaffee--da
+fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und schlugen den
+fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen und Trinken
+konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne unsere Bewilligung
+kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter
+uns haben. In einem prächtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, saß
+ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Köpfe in die Höhe--
+
+"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally:
+"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie
+heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern ältlichen Herren,
+welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in
+die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt
+und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen,
+um welche die übrigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. "Sehen
+Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern mein liebes Frauchen."
+
+Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg
+kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur
+Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich
+an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu
+einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte; und wie herrlich
+hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war durch die Liebe
+dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.
+
+Auch in den drei andern Gästen--der Leser wird unschwer den alten Martiniz,
+den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte ich wackere,
+liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als
+hätten wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paßten
+sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzählte uns
+seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufällig er nach Freilingen,
+wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso
+zufällig der alte Oheim auf einer Geschäftsreise diese Gegenden berührt,
+dem Neffen eine Überraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_
+mitwirkte und die Ränke der bösen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir
+mußten diese Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt:
+
+_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_
+
+Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir
+alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.
+
+Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu
+erzählen.
+
+Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet,
+sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie
+sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch den Zug
+des Herzens ganz die Meinigen geworden.
+
+H. Clauren.
+
+
+
+ * * * * * * * * * * *
+
+
+
+KONTROVERS-PREDIGT
+
+über
+
+H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND
+
+gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+von
+
+WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+Text: Ev. Matth. VIII, 31-32
+
+
+
+Allen Verehrern
+
+der
+
+CLAURENSCHEN MUSE
+
+widmet diese Blätter
+
+in bekannter Hochachtung
+
+ DER VERFASSER
+
+
+
+
+EHRWÜRDIGE VERSAMMLUNG, ANDÄCHTIGE ZUHÖRER!
+
+Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
+verschmäheten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der
+Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar
+mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände
+nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu
+sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun;
+nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man
+trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über
+allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil
+ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben.
+
+Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel über das
+Theater gepredigt oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen
+unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das
+Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das
+Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden.
+
+Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
+darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten
+unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
+solchen Aufdeckung von Irrtümern und böslichen Gewohnheiten bis ins
+einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
+fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
+so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
+einander eine Betrachtung anstellen über:
+
+DEN MANN IM MOND
+
+von
+
+H. Clauren;
+
+und zwar betrachten wir:
+
+I.
+Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser
+Welt?
+
+II.
+Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt?
+
+
+
+
+I.
+
+_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
+einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
+Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit
+jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat,
+die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer
+Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen,
+die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto
+weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche
+Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums
+schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und
+sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich
+höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese
+Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu
+hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack
+zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und
+Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler
+geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und
+Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er
+ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke
+anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben
+ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn
+ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.
+
+Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und
+schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten
+würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er
+nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei
+dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache
+anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
+Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
+Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber
+gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
+Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
+ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das
+Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen
+Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja
+nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern"
+und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies
+sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die
+Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht.
+
+Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
+allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen
+Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich
+weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den
+Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er
+bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr
+Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich
+weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres
+von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne
+Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und
+das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr
+ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite
+geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch
+einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten;
+ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber
+nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen
+Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_
+
+Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
+Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von
+Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige
+Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter
+Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
+Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für
+sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen
+wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe
+nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch
+losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus
+eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen
+seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener
+erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann,
+--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war
+euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es
+über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man
+euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr
+konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.
+
+Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine
+Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
+erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in
+diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes
+Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten
+Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem
+die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die
+Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
+anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen
+als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
+wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne
+schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
+darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
+Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele
+unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
+Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume
+hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die
+euch entzückte!
+
+Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau
+zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes
+um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal
+dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als
+die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß
+wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben
+Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele
+anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu
+was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder
+Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser,
+viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für
+welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch
+einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh;
+das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit
+schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg
+mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des
+Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper
+genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des
+Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und
+so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt
+ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen
+Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges
+könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind,
+die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht,
+in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und
+dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger
+Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens
+etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist
+nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich
+abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst
+einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist,
+der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur
+kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr
+eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich.
+
+Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
+_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein
+Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem
+süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer
+und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich
+habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in
+ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach.
+Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig
+geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe
+an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die
+Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so
+denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade
+so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von
+welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr
+keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie
+den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein
+Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten,
+je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto,
+rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost
+_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg
+ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
+Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
+Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
+nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene
+Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit
+einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende
+Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es.
+
+Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das
+_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die
+Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die
+Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch
+einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst
+du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die
+er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die
+eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten
+die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und
+wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich,
+daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre.
+Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine.
+
+Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
+Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß
+sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um
+sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß
+jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen,
+daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche
+Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges
+Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die
+körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem
+Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen
+Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus
+Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung
+schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur
+eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen
+Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern
+spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige
+Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des
+Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,
+wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief
+erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn
+schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern
+geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen
+Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere
+als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
+
+Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der
+Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
+Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit
+dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur
+Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine
+Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
+Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
+fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt
+gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
+grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
+haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine
+zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so
+unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades
+Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von
+tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte,
+Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
+des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die
+nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally,
+Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
+sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
+geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
+
+Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das
+Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit
+schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_"
+Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt
+und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben.
+Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher
+Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns
+in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch
+hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete
+Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu
+Gevatter stehen mußte.
+
+Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
+er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
+Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
+lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
+glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die
+von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber
+nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen
+Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen
+beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen
+Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide
+sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern
+oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von
+Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz
+puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und
+das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen
+Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee
+gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses
+Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O
+sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen,
+ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb
+zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer
+Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im
+Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr
+leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das
+ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches,
+Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns
+beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren!
+
+Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er
+alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im
+Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei
+Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
+Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis
+zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den
+Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt
+sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll
+Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst
+darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball
+"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
+treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines
+Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines
+Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche
+Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können!
+
+Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen
+ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das
+Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
+sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
+Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
+Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
+Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen
+Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs
+Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die
+Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet,
+daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß.
+Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten
+gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein
+solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie
+von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers
+oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er
+ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten
+Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht.
+
+Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von
+herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
+dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte.
+
+Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten
+für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
+die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
+
+Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen
+beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
+dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche
+Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz
+recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein
+Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt.
+Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der
+aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt
+den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber
+und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend.
+Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich,
+und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem
+Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs
+hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt,
+errötend nahte, hat er die Türe verschlossen.
+
+Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große
+Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
+Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
+Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
+mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte,
+erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
+sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den
+Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
+
+Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
+der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
+reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder,
+reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an
+sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge
+dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
+siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und
+rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva
+licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte
+sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines
+Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt?
+
+Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken,
+die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages
+auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit
+vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen
+kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann
+nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame
+gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit
+_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte,
+das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum
+mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem
+belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_
+verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin!
+Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur
+selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur,
+er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!!
+
+Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
+wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen.
+Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter
+Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
+verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für
+ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen
+läßt!
+
+In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer
+gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald
+wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette
+gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst,
+zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und
+möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein
+Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch
+alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die
+Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für
+Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten
+für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und
+alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind,
+um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
+
+Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen
+kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins!
+Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht
+verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist
+diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer
+so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur
+gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht
+besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer
+wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust,
+fünfhundert Stück zum ersten Anfang?
+
+Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem
+Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
+haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese
+Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet
+euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache
+Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann
+man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund,
+wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit
+zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in
+den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?"
+
+"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
+
+"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
+Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben."
+
+"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
+sondern der Berliner, H. Clauren--"
+
+"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?"
+
+"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das
+Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich
+gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause
+weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in
+diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre
+von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und
+ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt,
+Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem
+Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne,
+Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem
+an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an
+den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im
+'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir
+nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit
+schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere
+Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche
+ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen,
+an--"
+
+"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber
+könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum
+mindesten mehr Abwechslung."
+
+"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
+recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
+aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
+Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
+Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn
+er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei,
+oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen!
+Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand,
+und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im
+Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter."
+
+So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches
+Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
+
+Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
+aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht
+mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige
+Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des
+gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja
+sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
+nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder
+antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige
+Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
+
+Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
+verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche
+Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_,
+wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten
+Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom
+Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande,
+vor Mit- und Nachwelt schänden!
+
+Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den
+man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte;
+das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
+Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig,
+es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt,
+wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in
+neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen;
+waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus
+einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen
+Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen,
+die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art
+höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals;
+denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der
+Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
+sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet!
+König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem
+Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit
+köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du
+redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau
+aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie
+gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in
+Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören
+konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht
+Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem
+sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine
+anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten
+Vergnügen einer verworfenen Klasse!
+
+Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das
+Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
+Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
+Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
+anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
+weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt
+sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu.
+
+Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber
+selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei
+ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
+ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
+sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
+Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
+H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
+braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und
+werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
+Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir
+sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
+Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
+zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht
+weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen,
+rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff,
+durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von
+London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
+unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
+
+Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
+erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
+in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich
+von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren
+übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen
+und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene
+lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
+nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser
+Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte
+den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten
+erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem
+mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber
+offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für
+eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen.
+Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern
+nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten
+als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem
+unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen.
+Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und
+siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige,
+angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es
+mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte
+die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun
+sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst
+einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer
+einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen
+auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst
+seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte
+sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den
+Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
+tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und
+unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch
+in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
+stand beinahe allein und zog beschämt von dannen.
+
+"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
+ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
+
+Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe
+wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
+wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
+des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen.
+
+Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
+Gegenstand der folgenden Fragen.
+
+
+
+
+II.
+
+Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der
+"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
+er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
+andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.
+
+Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
+angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder
+unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das
+erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst,
+mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen,
+seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem
+Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine
+Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo
+die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu
+Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine
+die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt
+bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an
+Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen
+zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem
+Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen,
+einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen
+Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter,
+die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
+
+Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich
+nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
+Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
+steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen
+Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie
+schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei,
+wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da
+über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch
+gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt
+seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_,
+das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie
+in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem
+Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man
+müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch
+ein anderer Grund fände.
+
+Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
+gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
+Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
+wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für
+wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer
+Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der
+Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine
+Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
+lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
+selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
+hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen
+Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
+andern?
+
+So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
+gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den
+Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte
+er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen
+Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste
+Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der
+seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau
+eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen
+Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und
+ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht
+abzukaufen.
+
+Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche
+Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt
+wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
+nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
+höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder
+eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der
+Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für
+Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur
+den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum
+wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,
+daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie
+diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt
+und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein
+Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu
+wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der
+Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und
+Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist
+als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft.
+
+Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
+dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch
+kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf
+und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren
+Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die
+Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer,
+die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr,
+ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß
+jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den
+Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich
+habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei:
+_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und
+Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie
+hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus
+denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn
+würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an
+diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht
+widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_
+"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind
+sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren.
+
+Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von
+"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach
+allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein
+Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit;
+alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle
+seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen
+hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen,
+durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_,
+alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes
+Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so
+vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren
+auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner
+Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den
+schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten,
+mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen
+im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich
+sagen, ich habe den Clauren studiert.
+
+Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
+gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
+Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
+Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
+unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes,
+plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das
+Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
+Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß
+entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
+beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
+"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
+Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von
+Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
+Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
+7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
+cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen,
+und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht
+darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man
+immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe
+mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben
+und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz
+honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit
+wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen
+Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war
+der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen
+Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben
+in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in
+der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich
+oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten
+"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer
+Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_
+sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--"
+(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte,
+wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie
+glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft
+und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich
+nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren
+"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der
+Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen",
+"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die
+man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und
+Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig
+_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie
+natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen
+Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt
+war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser,
+Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun
+ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand";
+es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe
+bis in die Brautkammer befördert.
+
+Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
+zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
+durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
+sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen
+Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt,
+daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige,
+unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es
+gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der
+Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.
+
+Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von
+Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden,
+daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche
+Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung,
+daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und
+Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht
+doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche
+Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen
+Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner
+Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen.
+
+Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten
+_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er
+jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes
+_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und
+_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen
+lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat
+Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen
+könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters;
+natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt,
+
+ "--Federn auf dem Hut
+ und einen Klunker dran."
+
+Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
+erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.
+
+Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
+weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
+dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
+angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
+Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
+"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
+uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
+zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute
+Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er,
+was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei
+nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem
+namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von
+seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl
+literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen,
+begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die
+Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu
+klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar
+Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
+Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
+anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn
+rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit
+der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
+reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
+ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
+verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
+sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
+geschrieben, weniger schlüpfrig machen?
+
+Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
+vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens
+Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei,
+daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten,
+H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes
+Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht
+unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen
+acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime
+Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch
+und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie
+täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond",
+gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur
+Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom
+Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die
+Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften
+sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das
+nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik,
+in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_,
+nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber
+versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten,
+auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu
+verteidigen!--Bedenke:
+
+ "Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte;
+ Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."
+
+Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht
+_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
+_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
+Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner
+Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht
+nach Worten richten.
+
+Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde
+wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
+diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen
+der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne
+merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren
+dasselbe sagen?
+
+Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
+"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
+und wie es geschehen werde.
+
+Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis
+hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr
+wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn
+ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte
+vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der
+Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß
+entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre
+Klopstocks Messias werden soll?
+
+Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem
+Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die
+Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über
+seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben,
+die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur
+verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den
+tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen
+suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu
+verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
+Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem
+heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick
+schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
+Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn
+nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und
+angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen
+Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich
+geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren,
+verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo
+nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet?
+Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls
+Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors
+steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn
+jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der
+Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des
+"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten
+Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber
+sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene
+niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
+selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine
+Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem
+Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?
+
+Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine
+schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
+sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten
+reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
+Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich
+selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot
+bespritzen.
+
+Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
+unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde
+jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu
+Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean
+Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder
+Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so
+gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler
+nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es,
+ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer
+Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und
+interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu
+ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein
+müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung
+der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau,
+nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum
+können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem
+Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten
+Viertelstunde anekelt.
+
+Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
+Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die
+ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
+Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei
+ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche
+Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren
+entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
+über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner
+Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
+Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz
+dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist.
+
+Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer,
+aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein
+"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu
+übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist
+jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr
+lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
+Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu
+finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
+Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
+Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden?
+Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene
+obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die
+interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was
+wird dann übrig sein?
+
+Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab,
+preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die
+Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
+Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in
+den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
+und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von
+Freund Heun!
+
+Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das
+deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet
+euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit
+Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden
+könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch,
+ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit
+wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt
+habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen
+lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine
+holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß
+ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.
+
+Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
+ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
+Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen.
+
+Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
+konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
+vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
+meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
+in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt.
+
+Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham
+aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist,
+wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe
+ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen
+noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und
+sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13451 ***
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+The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Mond, by Wilhelm Hauff
+
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
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+
+Title: Der Mann im Mond
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: September 13, 2004 [eBook #13451]
+
+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the
+Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+DER MANN IM MOND
+
+oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme
+
+Nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond
+
+von WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+
+
+
+INHALT.
+
+
+ERSTER TEIL.
+
+Der Ball
+Ida
+Schöne Augen
+Der Fremde
+Die Kirche
+Das Souper
+Das Urteil der Welt
+Der Kotillon
+Die Beichte
+Das Dejeuner
+Der Brief
+Operationsplan
+Die Mondwirtin
+Der polnische Gardist
+Der Hofrat auf der Lauer
+Der selige Graf
+Gute Nachricht
+Der lange Tag
+Der Tee
+Das Ständchen
+Die Freilinger
+Feindliche Minen
+Geheime Liebe
+Emils Kummer
+Der selige Berner
+Entdeckung
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+Die Heilung
+Neue Entdeckung
+Das _Tête-à-tête_
+Das Unkraut im Weizen
+Das Unkraut wächst
+Trübe Augen
+Die Gräfin agiert
+Eifersucht
+Der neue Nachbar
+Trau--schau--wem?
+Der Gram der Liebe
+Feine Nasen
+Der Herr Inkognito
+Emil auf der Folter
+Der Rittmeister
+Unschuld und Mut
+Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus
+Das Duell
+Fingerzeig des Schicksals
+Licht in der Finsternis
+Reue und Liebe
+Versöhnte Liebe
+Die Freiwerber
+Fortsetzung der Freier
+Die Soiree
+Die Braut
+Präliminarien
+Zurüstungen
+Hochzeit
+Der Schmaus
+Schluß
+Nachschrift
+Kontrovers-Predigt
+
+
+
+ERSTER TEIL.
+
+
+
+DER BALL.
+
+Über Freilingen lag eine kalte, stürmische Novembernacht; der Wind
+rumorte durch die Straßen, als sei er allein hier Herr und Meister
+und eine löbliche Polizeiinspektion habe nichts über den Straßenlärm
+zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die
+Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen während des
+Höllenwetters, das draußen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr
+lebhaft auf den Straßen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt
+rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten
+erleuchtet, sich ausdehnte.
+
+Es war Ball dort, als am Namensfest des Königs, das die Freilinger,
+wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert
+vorbeiließen. Morgens waren die Milizen ausgerückt, hatten prächtige
+Kirchenparade gehalten und kümmerten sich in ihrem Patriotismus wenig
+darum, daß die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut
+genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem
+jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und
+getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig
+geworden waren.
+
+Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger
+Schönen und Nichtschönen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt
+hatten. Schön konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch
+Hofrat Berner arrangiert, und das mußte man ihm lassen, so viele
+Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu
+veranstalten, verstand er aus dem Fundament.
+
+Die Wagen hatten nach und nach alle ihre köstlichen Waren entladen;
+die Damen hatten sich aus den neidischen Hüllen der Pelzmäntel und
+Schals herausgeschält und saßen jetzt in langen Reihen, alle in
+unchristlichem Wichs, an den Wänden hinauf. Es war der erste Ball in
+dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke
+und Gesunde waren aus den Bädern zurückgekehrt; es ließ sich also
+erwarten, daß das Neueste, was man überall an Haarputz und Kleidern
+bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem
+Abend zur Schau gestellt werden würde. Daher füllte die erste halbe
+Stunde eine Musterung der Coiffüren und Girlanden, und das Bebbern
+und Wispern der rastlos gehenden Mäulchen schnurrte betäubend durch
+den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geärgert und bewundert und
+fragte überall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch
+nicht geben wolle.
+
+Das hatte aber seine ganz eigenen Gründe; man sah ihm wohl die Unruhe
+an; aber niemand wußte, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit,
+unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein
+ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fünf Uhr mit seinem Arrangement
+fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eröffnet;
+aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Männchen
+überfallen zu haben.
+
+Nur _er_ wußte, warum alles warten mußte; keinem Menschen,
+soviel man ihn auch mit Schmeichelwörtchen und schönen Redensarten
+bombardierte, vertraute er ein Sterbenswörtchen davon; er lächelte
+nur still und geheimnisvoll vor sich hin und ließ nur hie und da ein
+"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen.
+
+Wir wissen es übrigens und können reinen Wein darüber einschänken:
+Präsidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurückgekommen;
+er, der alte Hausfreund, war zufällig dort, als sie ankam; er hatte nicht
+eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu
+setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war präsentiert
+worden, ausbügeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte
+er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke
+der Herren, wenn er die wunderschöne Dame in den Saal führen würde;
+denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_.
+
+Wo hatte nur das Mädchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich
+bildhübsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie
+besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie
+auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem
+vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie früher
+auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen
+der Präsidentin, zu allen tollen Streichen angeführt. Er liebte sie
+wie sein eigenes Kind; aber er mußte sich vor drei Jahren doch
+gestehen, daß ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden
+solle, das man da in die Residenz führe, um sie menschlich zu machen.
+
+Denn wollte man ein Mädchen sehen, das zur Jungfrau und fürs Haus
+völlig verdorben schien, so war es Präsidents Wildfang; einen solchen
+Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu
+breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie
+klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch
+selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres
+Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als
+sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute
+vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnädigen Mama
+war, daß sie Französisch plappere wie ein Stärchen und daß, trotz
+ihrem Umherrennen in der Märzsonne, ihr Teint dennoch trefflich
+erhalten sei.
+
+Aber jetzt--!
+
+Nein, was war mit diesem Mädchen in den kurzen drei Jahren eine
+Veränderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen,
+alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fülle bekommen, die man
+sonst nicht für möglich gehalten hätte; das Haar, das sonst, wie oft
+man es auch kämmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in
+unordentlichen Strängen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der
+herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren
+glänzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein
+Feuerrädchen umher, alles anzuzünden drohend. Die Wangen bedeckte ein
+feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem
+Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und
+hatte eine Würde bekommen, über die der staunende Hofrat lächeln
+mußte, so sehr er sie bewunderte.
+
+Dieses Götterkind, diesen Ausbund von Liebenswürdigkeit, erwartete
+der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe
+hörbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie mußte sie erst im
+Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseüberröckchen und in der
+Haube _à la jolie femme_ beinahe närrisch machte; wie mußte
+sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach
+dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schöne Stirne und
+den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche
+die handbreiten Brüsseler Kanten umziehen sollten, mit dem
+Amethystschmuck schmückte, den sie von ihrer Pate, der Fürstin
+Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener
+Herzlichkeit, mit der sie früher versprochen, einen Spaziergang mit
+ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war,
+jetzt als Königin des Festes die erste Polonäse zugesagt.--
+
+Immer verdrießlicher wurden die Damen, immer ungestümer mahnten die
+Herren den alten _Maître de plaisir_; schon seit einer halben
+Stunde stimmten die Musikanten, daß man vor dem Quieken der
+Klarinette, vor dem Brummen der Bässe sein eigenes Wort nicht hörte,
+--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen über den Marktplatz her und
+hielt vor dem Flügeltor des Museums.
+
+"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stürzte zum Saal hinaus; bald
+darauf öffneten sich die Flügeltüren, und der kleine freundliche Alte
+schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+IDA.
+
+Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das
+wunderschöne Mädchen sein, so hoch und schlank mit dem königlichen
+Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kräftigen Frische des
+jugendlichen Körpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als
+käme sie alle Tage auf Freilinger Bälle und Assembleen; und doch
+kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Präsident,
+wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Präsidents Ida!
+
+Aber wie herrlich war dieses Knöspchen aufgegangen! "Welcher
+Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken!
+Wahrhaftig, man möchte ein Mückchen oder noch etwas Wenigeres sein,
+nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen,
+welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wünschten
+sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Fähnchen, die sie doch ihr
+gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und für
+wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und
+Astern, die eben erst aus den Gärten der Hesperiden gepflückt zu sein
+schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle
+vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst
+Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, hätte
+ihnen keinen schlimmern Streich spielen können, als diese Ida gerade
+heute einzuführen. Aber man mußte sich Gewalt antun; der Präsident
+machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der
+Provinz, eine glänzende Aussicht auf _Thés dansants_, Soupers,
+Hausbälle und dergleichen eröffnete sich vor den schnell berechnenden
+Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt
+war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wußte, daß dies der Herr
+Papa Präsident nie verzeihen würde; man nahm sich zusammen, und in
+kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt,
+welche Glück wünschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei
+dies und jenes von dem hoffähigen Anzug spickten. Alle redeten zumal,
+keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein
+Donnerwetter über das andere, daß sich eine so dichte Wolke vor diese
+kaum aufgegangene Sonne gedrängt und sie ihrem Anblick entzogen habe.
+
+Jetzt zog Hofrat Berner das weiße Sacktuch, schwenkte es in der Luft
+und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das
+Zeichen, und eine herrliche Polonäse begann. Im Nu stoben die
+Glückwünschenden auseinander und machten Raum für die Assessoren,
+Leutnants, Sekretäre, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die
+glücklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen
+Walzer, eine Ekossäse oder gar den Kotillon mit Ida die Hälse brechen
+wollten. Sie aber lachte, daß die Schneeperlen der Zähne durch die
+Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu
+versagen, hüpfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand.
+
+Selig, gerührt, begeistert stellte er sich mit seinem holden
+Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den
+mutigen, lockenden Tönen der Polonäse stolzen Schrittes gegen das
+wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den
+Flanken, überallher aus den Mündungen der Lorgnetten auf seine
+Tänzerin sprühte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt
+des Korsettchens einen Kürassierpanzer von feinstem Stahl mit der
+Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie
+die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das
+Kartätschenfeuer marschierte? Ich weiß nicht; aber sie schien gar
+nicht auf die schrecklichen Ausbrüche der gebrochenen Herzen, auf die
+Knallseufzer der Verwundeten zu hören; das Plappermäulchen ging so
+ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre jünger, mit dem guten
+Hofrätchen im Wald spazieren.
+
+Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld
+losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Übermuts aufs
+Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie
+sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es
+dem Hofrat als Findling vor die Türe gelegt, wie sie dem Oberpfarrer
+die Waden voll Stecknadeln gesetzt, daß sie aussahen wie der Rücken
+eines Stachelschweines, alles, ohne daß er es merkte; denn er trug
+_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war
+ja dasselbe lustige, naive Ding wie früher und doch so wunderherrlich,
+so groß, mit so unendlich viel Anstand und Würde! Er hätte sie auf
+der Stelle am Kopf nehmen und recht abküssen mögen wie früher,
+wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte.
+
+Es ging über seine Begriffe! "Wie können Sie nur so hartherzig sein,
+Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren
+werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick
+für alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehört
+haben müssen?"
+
+"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der größten
+Ruhe fort. "Die sind hier wie überall, unverschämt wie die
+Fleischmücken im Sommer. Das könnte kein Pferd aushalten, wollte man
+darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man
+gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht,
+wie sie dieser und jener dasselbe zuflüstern, vor der Ursel ebenso
+wie vor der Bärbel sterben möchten, so weiß man schon, was solche
+schnackische Redensarten zu bedeuten haben."
+
+Die muß eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat.
+Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der
+Farbe, als wäre sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und
+London umhergefahren! Er ärgerte sich halb und halb über Mamsell
+Neunmalklug und Übergescheit; denn es waren just keine unebenen
+jungen Männer, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und
+ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amürchen gehabt
+hatte, konnte nichts mehr ärgern als ein fühlloses Herz.
+
+Aber dieser Ärger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen.
+Wenn er in ihr volles, glühendes Auge sah, wenn er den süßgewölbten
+Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener,
+aber ich nicht! Weiß ich doch von früher her, wie du gerne Flausen
+machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X für ein U
+unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir
+irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende
+doch in der Residenz geblieben, und Fräulein Stahlherz ist nur darum
+so spröde gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat
+Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses
+Auge weiß, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon
+geküßt, aber anders als nur solche Hofratsküsse!
+
+Der gute Alte äußerte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber
+sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte lächelnd: gefallen
+habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch
+keinen Mann als ihren Vater und ihn.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SCHÖNE AUGEN.
+
+"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an
+ihren Platz geführt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen,
+der da mit Ihnen kam?"
+
+"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand
+dabei. Wen meinen Sie denn?"
+
+"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn
+niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst müßte er ja--Sie
+wissen, daß das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst müßte er
+ja eingeführt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine
+Säule gelehnt, stand unbeweglich mit übergeschlagenen Armen eine
+schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die
+glänzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte
+sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener
+sich um, und unwillkürlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte
+Blässe lag auf diesem feinen, schönen Gesicht, geheimer Gram oder
+verschlossenes Kämpfen mit finsterem Leiden schien das muntere,
+jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schönsten Ebenmaß geformten
+Zügen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefühl drängte sich
+bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit
+zweifelhafter Furcht streiten zu wollen.
+
+Kaum hatte des Fremden glühendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie
+ihren Blick abwandte. Überraschung und Verlegenheit machten sie stumm
+auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schönen Stirne, über
+den Liliensamt der blühenden Wange bis herab auf den jungfräulichen
+Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht
+unbemerkt ließ. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach
+der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren drängte
+sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten
+sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat
+aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben
+meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geübter
+Feldherr; er fragte sie so laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie sie
+gewünscht, gefällig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im
+dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und
+Pfiffköpfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie
+beurlaubte sich also mit großer Hast von dem ungeheuern
+Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner
+durch den Saal.
+
+Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die
+Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche
+Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des väterlichen
+Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre
+Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem
+Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz
+im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus.
+
+"Sie geben sich vergeblich Mühe, Hofrätchen," kicherte das lose Ding,
+"ganz vergebliche Mühe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen
+Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie
+ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich
+auch vorhin etwas in Verlegenheit."
+
+"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein großer Unterschied",
+antwortete Berner mit einem völlig ungläubigen Kopfschütteln. "Da
+müssen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?"
+
+"So hören Sie mich doch, Sie böser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer
+wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch
+einmal, ich weiß nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe
+ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren
+wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war
+ein prachtvoller Landau mit einem großen Bock, worauf ein alter
+Diener in reicher Livree saß; am Wagen zogen vier Postpferde; das
+Dach war zurückgeschlagen, und es saß niemand darin als ein großer
+Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um
+die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit
+ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die
+Reisenden, denen der Wagen gehört, seien vorausgegangen und lassen
+ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem
+Wagen, ob ich noch keine reisenden Engländerinnen oder Französinnen
+gewahr werden könnte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine
+Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche
+saß und zu dem Wagen gehören mußte."
+
+"Und war es derselbe, der dort an der Säule steht?" fragte der
+Hofrat.
+
+"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag
+neben ihm im Gras, seinen Kopf stützte er in die hohle Hand. Das
+Geräusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch
+langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit
+gesenktem Haupt bis an unsere Wagentüre. Da richtete er sich auf, und
+Sie können sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das nämliche
+geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er mußte
+heftig geweint haben; denn Tränen hingen in den langen schwarzen
+Wimpern und gaben dem glühendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz
+eigenen Reiz."
+
+"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete lächelnd der Hofrat.
+"Wer hat denn meinem Mädchen erlaubt, über Männeraugen Betrachtungen
+anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz
+gelernt?"
+
+Das lustige Amorettenköpfchen, das sich da, es wußte nicht wie,
+verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht
+alles so bös aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida
+nicht immer falsch.
+
+"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen
+eigenen Geschmack. Schöne blaue oder schwarze Augen, mitunter auch
+recht glänzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch
+alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schöne Augen haben;
+sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiß, durch
+was sonst, den schönsten Glanz benommen und stieren uns an wie
+gestochene Böcke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine
+solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das
+Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht
+anmutig, sinnig und wie man es gern haben möchte, trifft. Beides sah
+ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--"
+
+Da hatte sich das schnelle Schnäbelchen schon wieder verplappert! Der
+Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biß die Lippen
+zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem
+Tanzen sich zwischen den Schneehügeln hinabgeschoben hatte und ganz
+glühend heiß geworden war.
+
+"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge
+gehört, wovor einem die Haut schaudern könnte; nimm dich um Gottes
+willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich
+weiß es aus meiner Jugend, daß in gewissen Augen Häkchen sitzen, die
+uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, daß an kein Entrinnen zu
+denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehört?"
+
+"Doch," entgegnete der kleine Übermut; "ich glaube sie auch zur Not
+zu verstehen."--
+
+"Ist gar nicht vonnöten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum
+Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas
+kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar geläufig ausdrückt und
+mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht
+für eine Erzgeneralkokette."
+
+"Nun, für eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida
+etwas empfindlich.
+
+"Dazu kenne ich mein süßes Mädchen zu gut," entgegnete der Hofrat
+traulich und drückte ihr das weiche Samthändchen; "was aber den
+bleichen Patron dort drüben betrifft, so kann er über allerlei
+geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester
+oder gar sein Mädchen verloren haben."
+
+"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da
+würde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da
+würde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen."
+
+"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus,
+und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter
+fortzusetzen."
+
+"Nicht doch," fiel sie ein, "wie mögen Sie nur diesem interessanten
+Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus
+als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er
+sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und
+weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!"
+
+"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das
+Mäulchen geht ja, als sollte es einen Prozeß vor den Assisen führen!
+Übrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den
+Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich
+eindrängen, auf den Zahn zu fühlen."
+
+"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofrätchen; aber ja recht artig und
+delikat," setzte das errötende Mädchen mit den süßesten
+Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben
+scheint, muß unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER FREMDE.
+
+Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu
+erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon
+seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Säule
+gelehnt, so wenig Interesse an dem glänzenden Ball zu nehmen schien.
+Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurück. "Wer ist es? Wie
+heißt er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?"
+
+"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese
+Karte gegeben."
+
+Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu
+sehen als ein schön gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de
+Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die
+Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren
+Bällen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschüttelnd umher; sie
+hätten gar zu gerne gewußt, woher er komme, wohin er gehe, warum er
+nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten;
+doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, daß er in des Fremden Seele
+fühlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein müsse, gab das
+Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen,
+rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze.
+
+Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde
+gebietende Gestalt unbeweglich an die Säule gelehnt. Es war, als
+hätte er sich nur in Schwarz und Weiß geteilt und kenne keine andere
+Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glänzende
+Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschöne
+Wäsche, welche durch ihre Weiße, durch ihre zierlichen Fältchen den
+Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einflößte,
+kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen
+Lippen schmückte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne
+Teilnahme in das bunte Gewühl hineinzustarren; aber dennoch begegnete
+nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge
+überrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser sprühenden Glut
+niederzuschlagen.
+
+Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht
+viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen
+Herren machten sich über ihn lustig, und beide Teile hatten so viel
+an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu
+bekritteln, zu bewundern, daß man bald nicht mehr an jenen dachte.
+Nur Idas Blicke streiften öfter nach jener Säule hinüber; ein Blick
+zu ihm schien sie für das Geschwätz der Freilinger Stutzer, die ihr
+heute unendlich fade vorkamen, zu entschädigen. Doch betrachtete sie
+ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb
+es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, daß
+die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man müsse
+ihr siedendes, glühendes Blut an ihr Herzchen pochen hören. Waren es
+die Tränen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der
+wehmütige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so rührte? Hatte der
+Hofrat recht mit den Häkchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte
+sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef--
+Nein! lächelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine
+Not! Es ist ja nur das natürliche Mitleiden, was mich immer nach ihm
+hinsehen heißt.
+
+Elf Uhr war vorüber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper
+getanzt werden. Stürmisch drängten sich die Herren um das Wunderkind;
+aber Trotzköpfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und
+ließ die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und
+unwillkürlich waren sie wieder mitten im Gespräch über den Fremden.
+
+"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmütigkeit
+ihres Engelköpfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends
+immer blässer; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre
+Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmäßige
+Körper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestört werden
+könne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die
+Lippen zusammenpreßte, als wolle er einen Schmerz verbeißen; der
+Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das
+Wehmütige, der tränenschwere Trübsinn in seinem Auge wurde immer
+unverkennbarer.
+
+"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte
+ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, daß du nicht fröhlich
+bist mit den Fröhlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu
+helfen."--
+
+Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!!
+
+Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich
+der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Größe,
+in gebietender und doch graziöser Haltung da; aber sein Auge heftete
+sich furchtbar starrend nach der Saaltüre. Berner wollte eben
+aufstehen und zu ihm hin--
+
+Da öffnete sich die Tür, ein alter, reichgekleideter Bedienter,
+derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden
+zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riß eine Uhr heraus,
+warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida
+herüber und verließ langsamen Schrittes den Saal.
+
+Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen über diesen
+sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der
+Präsident kam und führte sein liebes, holdes, wunderherziges
+Töchterchen zur Tafel.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE KIRCHE.
+
+Der alte Küster am Münster zu Freilingen saß in dieser Nacht nach
+seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stübchen; der
+Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehälfte vorgelesen, er
+hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit
+brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen,
+vierhundert Schuh hohen Münsterturm erbaut und wie solches viel Zeit
+und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiß- und
+blaugestreiften Umhang der zweischläfrigen Himmelbettlade
+auseinanderschlagen, um ihren Ehezärter zu ermahnen, sein gewohntes
+Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern
+Parterrestübchens pochte. "Macht auf, Meister Küster! Seid so gut und
+macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draußen. "Wird
+wohl ein Bote von einem Kranken sein," näselte der Küster, "der die
+Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, daß die
+Stelle nicht verblättere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man
+mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Dünnbier
+gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer,
+tagtäglich vorsetzte. Draußen schob er die mächtigen Schlösser und
+Riegel der Haustür auf, und herein trat ein kleiner ältlicher Mann in
+reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spät?" fragte der
+Küster.
+
+"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Küster aus dem
+kalten Hausgang in die wärmere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr
+mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er
+einen blanken, harten Taler auf den Tisch.
+
+Der Küster wog den Taler in der Hand, ließ ihn wieder auf den Tisch
+fallen, daß es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's
+nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!"
+
+"So nehmt Eure Schlüssel," fuhr der andere fort, "und schließt die
+Münsterkirche auf!"
+
+"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in
+dieser stürmischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es
+geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!"
+
+"Beileibe," rief die Küsterin aus dem Bette und riß den Umhang
+zurück, daß man das ganze Paradiesgärtlein ihres geblümten Bettes
+übersehen konnte, "führe uns nicht in Versuchung! Alter, laß dich
+nicht betören! Wer weiß, was draußen lauert?"
+
+"Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem
+Weiberregimente stündet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist
+auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn."
+Noch einmal wog der Küster den Taler auf der Fingerspitze und schien
+sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da ist
+es gar nicht geheuer drüben in der Kirche; denn ich weiß, was ich
+weiß, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es
+sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne
+zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die
+gewichtigen, wunderlich geformten Schlüssel.
+
+"Ei du meine Güte, läßt er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte
+die Alte im Bette. Der Küster aber trat zu ihr mit dem größten seiner
+Schlüssel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, daß
+unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verließ mit
+dem Diener das Haus.
+
+Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne
+dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten
+die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen
+sie am Portal des Münsters. Der Küster schrak zusammen, als dort aus
+dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel
+gehüllte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse
+in so hohem Grade erregt hatte.
+
+"Schließ auf, schließ auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!"
+Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte
+gerade über ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden
+Klängen schallte die zwölfte Stunde in die Lüfte.
+
+"Schließ auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um
+die Ecke!"
+
+Seufzend ging die hohe Türe auf; in einem Sprung war jener in der
+Kirche. Der Küster schloß behutsam wieder hinter sich ab und ging
+dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In
+wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der
+Laterne an den hohen Säulen des Doms, nur auf wenige Schritte
+verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Dämmerung, bis es
+sich in der tiefen Nacht des Gewölbes verlor. Manchmal schien es, als
+schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewändern hinter den
+Säulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten
+und ging dann schneller hinter dem Küster her. Dumpf schallten ihre
+Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich
+befand, und ein vielfaches Echo gab diese Töne aus allen Ecken
+zurück.
+
+So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf
+die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der trübe brennenden
+Laterne auch viel bleicher erschien, stützte er auf die Hand, daß die
+glänzend rabenschwarzen Ringellocken darüber herabfielen. Der Diener
+winkte dem Küster, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder
+und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er schweigen und sich
+ganz ruhig verhalten möchte.
+
+Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den großen dunklen Hallen,
+tiefe Stille draußen in der Nacht. Nur vom Altar her hörte man ein
+leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter
+die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto
+unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und
+lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug stärker wehte.
+
+Näher und näher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der
+Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen
+Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre
+zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand.
+
+Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stößen. Krachend stürzte
+ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, daß der
+Schall durch die Halle tönte und--mit fürchterlichem Lachen des
+Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend
+tönten diese hohlen Töne der Verzweiflung durch die Gewölbe. "Er kann
+nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er
+die Wolken aufgezäumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ça
+ça! Holla, Antonio--wie schäumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase,
+tobe durch die Lüfte, du kannst doch nicht herein zu meiner
+Freistatt!"
+
+Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und säuselnd
+zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch
+die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm
+in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmütig und
+zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er
+so ernst und zürnend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht
+vergeben, Antonio?"
+
+Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank.
+Jetzt stand der alte Diener, dem während der schrecklichen Szene die
+Tränen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und
+unterstützte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiß von der
+Stirne und die Tränen aus dem gebrochenen Auge und flößte ihm aus
+einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein.
+
+Der Ohnmächtige richtete sich wieder auf, hüllte sich tiefer in
+seinen Mantel und schritt durch die Kirche.
+
+Der alte Diener aber trat zu dem Küster. "Ich danke, Alterle," sagte
+er, "du hast jetzt gesehen, daß wir nichts Unrechtes in deinem
+Gotteshaus gemacht haben; dafür halte aber reinen Mund! Und wenn du
+niemand ein Sterbenswörtchen hören lässest von dem, was du hier
+gesehen und gehört hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche
+Nacht wieder, und du sollst pflichtgemäß deinen Harten haben."
+
+"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der
+Küster im Weitergehen; "so viel merke ich, daß Euer Herr entweder
+nicht richtig unter dem Hut ist, oder daß er mit dem Gottseibeiuns
+hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht
+holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen
+betrifft, so seid außer Sorgen, von mir erfährt es kein Mensch, vor
+allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiß, macht
+sie nicht heiß."
+
+Der alte Diener lobte den Entschluß des Küsters und nahm am Portal
+mit einem Händedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so
+junges schönes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem
+Häuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affären mit Herrn Urian.
+Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjährchen reiten; um die harten
+Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger
+Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Münster festzumachen."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS SOUPER.
+
+Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Münster
+zurück über den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten
+Museums drängten sich Gestalten an Gestalten geschäftig hin und her,
+verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tönte herab auf den stillen
+Platz, hie und da zeigten laute Ausbrüche der Fröhlichkeit, mit
+Trompeten vermischt, daß eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht
+worden sei.
+
+"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die
+süßen Töne der Flöten, die klagenden Klänge der Hörner haben etwas
+Beruhigendes für mich, und mitten im Gewühl der fröhlichen Menge
+vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, daß ich unter den
+Glücklichen der einzige Unglückliche bin."
+
+Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er möchte doch seine
+Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar
+nicht zu hören, schweigend warf er in der Haustüre den Mantel ab, gab
+ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschüttelnd folgte ihm
+der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht
+bemerkt, daß sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte;
+es mußte etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn
+wenn er sich sonst auch in das fröhlichste Gewühl gestürzt hatte, so
+war er doch immer nach einem halben Stündchen wieder zurückgekommen.
+Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen müssen; heute ging
+er zu einer Zeit, wo er sonst, erschöpft von Kummer und Unglück, dem
+Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott
+gebe, daß es zu seinem Heil ist!" schloß der treue Diener seine
+Betrachtungen und wischte sich die Augen.
+
+Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten
+stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hörner und ließen die Schlegel
+dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht
+scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit
+manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball
+beschließen. Löffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstoßenden
+tönte aus dem Speisesaal. Ein schwermütiges Lächeln zog über Emils
+blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner
+fröhlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten
+Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib,
+doch treue Freunde geküßt hatte und mit fröhlichem Jubel in das
+allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte;
+unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen
+saßen die fröhlichen Gäste die lange Tafel herab; man hatte soeben
+die hunderterlei Sorten von Geflügel und Braten abgetragen und
+stellte jetzt das Dessert auf. Gewiß, man konnte nichts Schöneres
+sehen, als die Präzision, mit welcher die Kellner ihr Dessert
+auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie
+am Schnürchen, die schweren Zwölfpfünder der Torten und Kuchen, das
+kleinere Geschütz der französischen Bonbons und Gelees werde mit
+Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom
+Glanz der Kristallüsters bestrahlt, standen die Guß-, Johannisbeeren-,
+Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die
+silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte
+sie auch eingeübt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er
+hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, daß er,
+einen bis an den Rand gefüllten Champagnerkelch auf eine
+spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen
+könne, ohne einen Tropfen zu verschütten, was in der Geschichte des
+Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu
+arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art völlige
+Übungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist
+werden sollte, ließ eine Tafel zu dreißig bis vierzig Kuverts decken,
+und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen möglichen
+Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Präsidenten,
+Justizräte, Kollegiendirektoren, Regierungsräte und Assessoren mit
+Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein
+Stück Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten
+und Vierten einzuschenken und dem Fünften eine andere Sorte
+vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die
+Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte,
+durfte er auch gewiß sein zu siegen. Wie jener große Sieger, der nur
+mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von
+Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von
+seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, tröstlichen Hindeutungen
+auf frühere Bravouren und gelungene Affären, und er konnte darauf
+rechnen, daß keiner der zwanzig Kellnergeister über den andern
+stolperte oder ihm die Aalpastete anstieß, aber daß sie mit Sauce und
+Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze
+Bescherung servierten.
+
+Mit dieser Präzision war also auch heute die Tafel serviert worden;
+der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind
+Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner
+Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon würden
+weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte
+schon der aromatische Rheinwein die Zungen gelöst und das
+schwärzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfräulichen
+Wangen und die Nasen der Herren gerötet, so war es jetzt, als die
+Pfröpfe flogen und die Damen nicht wußten, wohin sie ihre Köpfe
+wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die
+Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweißem Gischt gefüllt,
+kredenzt würden, wie auf einem Basar im asiatischen Rußland, wo alle
+Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren,
+zwitschern und näseln, plärren und jodeln, brummen und rasaunen, so
+schwirrte in betäubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den
+höchsten Fisteltönen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C
+der menschlichen Brust das Gespräch um die Tafel.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS URTEIL DER WELT.
+
+Aber der größte Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des
+Tisches, galt Präsidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Mäulchen der
+Tanten und Mütter wie oberschlächtige Mühlen, und die Posaunen-
+Seraph-Gesichter der Töchter nickten ihren Konsens aus den kleinen
+Kalmückenäuglein. Wie hatte doch das Mädchen vor Gott gesündigt und
+gefrevelt dadurch, daß es so wunderhübsch geworden war! Wäre sie
+zurückgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als
+Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen
+zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da hätte es geheißen: "An
+der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt,
+wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie
+bescheiden und doch voll so erhabener Würde hereintrat, das
+strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und
+Löckchen, im feuersprühenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit
+schuldloser, anspruchsloser Natürlichkeit, die Wangen von Gesundheit
+gerötet, in den feinen Grübchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund
+so würzig, so kußlich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem
+fürstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das
+Mädchen durfte nicht schön, durfte nicht unschuldig und tugendhaft
+sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die
+Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, daß sie die acht
+unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Töchterlein beleidigen könnte--
+"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da
+müßten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister
+müßten ihre engschließende Uniform ausgezogen und die Herren
+Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostüm ersucht
+haben, müßten in schwarzen Mäntelein, weißen Beffchen, kurzen Höschen
+und seidenen Wädchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man
+bei siebzehnjährigen Mädchen Tugend finden sollte in Sodom!"
+
+"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es über die Tafel herüber.
+"Und die gerühmte Schönheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man
+alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort,
+die Zöpfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was für Haar
+Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zähne
+hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene
+hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter
+Seehund, nichts als Seehund."
+
+"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten
+Brüsseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg
+pflastern könnte--von der Fürstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha,
+man hat auch seine Nachrichten; die Fürstin, Gott halte sie in Ehren,
+ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber
+so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist,
+dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu
+schenken--nein, dazu ist die Frau Fürstin Hoheit doch zu vernünftig.
+Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehört?
+Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur
+gegen ihn gefällig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--"
+
+Und der ganze Zirkel lachte und stieß an auf den gefälligen,
+splendiden Prinzen.
+
+Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schönes,
+engelreines Geschöpf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so
+schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo
+er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu übersehen, alles mit
+angehört; er hätte mögen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie
+noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer
+jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rückte, nur um
+die giftigen Bemerkungen nicht zu hören, um ein Fenster weiter
+hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von
+Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitläufig
+auseinander, daß er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf
+den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen
+müsse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht.
+
+Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses
+bei Juden und Christen einige tausend Tälerchen mehr stehen hatte,
+als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen
+konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte
+ihm nicht recht einleuchten.
+
+Aber die gnädige Mama wußte Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt,
+namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heißt Attention
+beweisen; das Mädchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird
+aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am
+Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen über sie, die
+Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, hältst also nicht an, sondern
+herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick
+dem Fräulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur
+ihr Herzchen aus Angst für dich einmal schneller pulsiert, dann hast
+du sie schon im Sack. Drittens: in einer schönen Nacht mit der ganzen
+Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stücke, einige zärtliche
+Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette
+ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufällig bei Levi ist. Einige
+Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen:
+'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme
+Junge weint.' 'Ach, laßt mich, tapfere Kameraden,' antwortest du,
+'mir ist so weh und so wohl in ihrer Nähe.' So kommt es in allen
+Ritterbüchern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen
+Bürgerlichen noch kein Geld hatten."
+
+"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und
+wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--"
+
+Emil wurde, er wußte nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den
+Eroberungsplan des Wildfangs hörte; er rückte um einige Fenster
+weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmähsucht
+der Weiber zu zerreißen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu
+gewinnen suchte.
+
+Obenan saß der Präsident; die feierliche Geschäftsmiene war zu Hause
+geblieben; er hatte den freundlichen, gefälligen Gesellschaftsmenschen
+angezogen und tafelte, zum großen Trost der jüngern Glieder seines
+Kollegiums, wie ein Junger.
+
+Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke
+ein satirisches Lächeln, wenn er und der Hofrat Ida zum süßen
+brüsselnden Schaumwein nötigten.
+
+Es war nicht möglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das
+Mädchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, fröhlichen Herren.
+Es war jetzt ganz das wählige, mutwillige Kind wieder wie vor drei
+Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem
+Schoße saß; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der
+schweren Weine über die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte,
+alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren
+Adern so warm und wohltuend, daß das Auge von Lust und Liebe strahlte
+und die rosige Tiefe des Schelmengrübchens alle Augenblicke sich
+zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch
+nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein fröhlichglühendes
+Engelsköpfchen abzukühlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und
+Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wußte sie doch selbst nicht,
+was sie so fröhlich machte! Die Rückkehr ins Vaterhaus allein war es
+nicht, auch nicht, daß die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder
+alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein
+bleiches, wunderschönes Gesicht, das sich immer wieder ihrer
+Phantasie aufdrängte, das sie wehmütig durch Tränen anlächelte? Warum
+mußte er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn
+hätte sehen und sprechen können!--
+
+"Ei, Kind," sagte der Präsident und weckte sie aus ihren Träumen, "da
+sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf
+den Teller hin, als läsest du in der Johannisbeermarmelade so gut als
+im Kaffeesatz deine Zukunft, und lächelst dabei, als machten dir alle
+ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!"
+
+Die Glutröte stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und mußte
+doch wieder heimlich lächeln über den guten Papa, der doch auch kein
+Spürchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der
+Hofrat ihr von der andern Seite zuflüsterte: "Der alte Herr hat
+fehlgeschossen; wir alle könnten uns den Rücken lahm komplimentieren
+und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzköpfchen gönnte keinem
+einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslächeln, das
+hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter
+Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--"
+
+"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!"
+rief sie, ärgerlich, daß der Kluge ins Schwarze geschossen haben
+sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas
+silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand--
+
+"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da
+gekritzelt, Fräulein Lügenhausen? He!"
+
+Nun, da hatte sich das Mädchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne daß
+sie es im geringsten wußte, unter ihrer Gedankenreihe das
+Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt,
+und da stand mit hübschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v.
+Mart_--
+
+"Nein, wie einem doch der Zufall bei bösen Leuten Streiche spielen
+kann!" replizierte sie mit der unverschämtesten Unbefangenheit,
+kratzte, indem sie sich selbst über ihre furchtbare Kunst, zu
+verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin,
+wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da
+war irgend einmal eine reisende Prinzeß hier, welcher man auf Silber
+servierte, und um den merkwürdigen Tag ihrer Anwesenheit zu
+verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._,
+heißt offenbar: Emilie, am fünften März."
+
+"Gott im Himmel, was hättest du für einen Rechtskonsulenten und
+Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den
+frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder
+nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und
+jetzt täte es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch
+Engelsköpfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, daß er unwillkürlich
+wieder gut wurde; in den süßesten Schmeicheltönen bat sie ihm die
+Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er
+gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang
+mit ihrer Silberschrift necken würde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt
+sich zum Kotillon zu rüsten. "Nur noch ein Viertelstündchen!" bat
+Ida, weil sie dem widerwärtigen Kreissekretär habe zusagen müssen.
+Aber das Sträuben half nichts; die Hörner erklangen im Tanzsaal, und
+die Tafel rüstete sich, aufzubrechen. Da stand der Präsident auf.
+"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er über die Tafel hin, "noch
+einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Gläser hoch--der
+Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf
+unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das
+donnerschlagähnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen
+Hallo der bechampagnerten Gäste war es Ida, als hörte sie hinter sich
+tief seufzen, und als sie, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen,
+sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmütig,
+tränenschwer in das Gewühl der Freude schaute. Alles Blut jagte die
+Überraschung dem Mädchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr,
+und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden.
+Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade
+als sie der schöne junge Mann anreden zu wollen schien, riß ihn das
+Gedränge der Aufstehenden aus ihrer Nähe; der Kreissekretär kam mit
+seinem widrigen, sauersüßen Gesicht, schätzte sich glücklich, den
+Kotillon errungen zu haben, und führte seine Tänzerin im Triumph
+durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch
+immer über diese Erscheinung, über die Gewalt dieser dunkeln
+Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat
+hat doch recht, es muß Menschen geben, die Häkchen im Auge haben, von
+welchen man sich gar nicht losreißen kann, und dieser muß einen von
+den großen Angelhaken haben."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER KOTILLON.
+
+In rauschenden Tönen klangen die Hörner und Trompeten durch den Saal;
+in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, hüpften die
+Paare den fröhlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf
+und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald
+dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der
+Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick über
+den Saal hinüber nach ihm, zu welchem ein unerklärbares Etwas sie
+noch immer hinzog, und wenn die Flöten leiser flüsterten, wenn die
+weichen, gehaltenen Töne der Hörner süßes Sehnen erweckten, da
+glaubte sie zu fühlen, daß diese Töne auch in seiner Brust
+widerklingen müssen. In glänzender Kette schwebten jetzt die Mädchen
+in der Runde, bis die Reihe sich löste und sie den Saal
+durchschwärmten, um selbst sich Tänzer zu suchen. Emil stand wieder
+an seine Säule gelehnt. Kaum den Boden berührend, schwebte eine zarte
+Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschämtes
+Lächeln, auf ihn zu--es war Ida. Lächelnd neigte sie sich, zum Tanze
+ihn einzuladen; er schien freudig überrascht, eine flüchtige Röte
+ging über sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind
+umschlang und mit ihr durch den Saal flog.
+
+Aber ängstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in
+der ihrigen ruhte, schaurige Kälte fühlte sie aus des Fremden Arm,
+der ihre Hüfte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge
+den Boden; denn sie fürchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen.
+Jetzt erst fiel ihr auch ein, daß es sich doch nicht so recht
+schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch
+vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben.
+
+Aber ein freudiges Geflüster des Beifalls begleitete sie durch die
+Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der
+Bewegung des Tanzes leicht gerötet, bedeutender erschien seine edle
+Gestalt, sein hoher königlicher Anstand, und dem schönen Mann
+gegenüber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schönheit. Mit
+dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurückführte;
+wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja,
+wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurückrief,
+wieviel Dank lag darin, wieviel Lie--
+
+Sie drückte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen,
+die sie unablässig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur
+um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von
+der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr
+ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht,
+wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon
+hatte jetzt seine glänzendste Höhe erreicht; eine Tour, die in
+Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die
+Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Tänzer geführt,
+auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem
+seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Tänzer
+jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgeführt. Die Ausgeschlagenen
+stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der
+Erwählte flog mit der von der Binde erlösten Tänzerin durch den Saal.
+Die Tour an sich war gerade nicht so kühn erfunden, um durch sich
+selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, daß
+der Vortänzer, ein gerade von Reisen zurückgekommener Herr aus
+Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour für sehr
+verhängnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl
+das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und
+mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen
+sehen. Die Freilinger Schönen machten zwar Spaß daraus und
+behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen
+haben; doch mochten sie abergläubisch genug sein und wünschen, des
+Schicksals Stimme möchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen
+den schönen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbärtchen oder
+einen dergleichen vor die blinden Augen führen.
+
+Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersüße
+Kreissekretär führte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein
+sollendem Lächeln, das aber sein Gesicht zur scheußlichen Fratze
+verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das
+Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei
+arme Unglückliche, von der spröden, blinden Mamsell Amor-Justitia
+verschmäht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an
+Martiniz durch das Köpfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht
+tüchtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen möge sie ziehen,
+wie es wolle, das Schicksal möge noch so gebietend rufen, sie lasse
+drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen.
+
+"Numero vier, gnädiges Fräulein!" meckerte der Kreissekretär. Sie
+ließ die Binde lösen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils
+Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der
+Hörner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie
+hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der
+Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so hätte sie durch
+das Leben tanzen mögen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den
+Flügeln der Frühlingslüfte schwebte sie in seinem Arme hin, sie
+zitterte am ganzen Körper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie
+mußte ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das
+schmachtende Gesichtchen. Ein süßer Blick der beiden Liebessterne
+traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das
+edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund
+von Mund; ach, wie unendlich hübsch kam er ihr vor, wie fein alle
+seine Züge, wie schmelzend sein Auge, sein Lächeln; sie hätte mögen
+die paar Zöllchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kü--
+
+Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die
+glacierten Handschuhe zusammenschlugen, daß die zarten Nähte
+sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen,
+wenn ihr wüßtet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen
+Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich öffnen, wie die Seele
+hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um
+hinüberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr würdet diesen
+Moment des süßesten Verständnisses nicht durch euer Klatschen
+verscheuchen.
+
+Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und
+das wärmende Mäntelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie
+zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen. "Sie haben mit
+ihm getanzt, Töchterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der
+tanzt, können Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so
+schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat lächelnd. "Was
+werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie über einem
+Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die können sich
+wenigstens über das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an
+sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was
+man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein,"
+antwortete der neckische Alte.--"Nein, spaßen Sie jetzt nicht! Ist
+nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man
+nicht recht erklären kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich.
+"Wahrhaftig, Sie können recht haben, Mädchen," sagte er; "habe ich
+doch den ganzen Abend darüber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen
+gar nicht aus dem Sinne bringen kann."
+
+"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so
+plötzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte
+jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den
+Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt
+wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münster!!"
+
+"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen
+Gliedern zitternd.
+
+"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber reinen Mund gehalten,
+Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur."
+
+Der Wagen war vorgefahren; der Präsident kam in einer Weinlaune.
+"Hofrätchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein
+könntest, wollte ich dir Ida kuppeln!"
+
+"Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt!" jammerte der Hofrat; "aber
+da gab es allerlei interessante Leute usw." Errötend sprang Ida in
+den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa
+auf dem Heimweg Mühe, zu erfahren, was jener gemeint habe.
+Trotzköpfchen hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten
+Herrn; es biß die scharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch
+kein Wörtchen heraus konnte.
+
+Nicht mehr so fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher,
+legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so
+bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fußende des
+Bettes, und auch die dünne Seidenhülle, die jetzt noch übrig war,
+mußte immer weiter hinabgeschoben werden, daß die wogende,
+entfesselte Schwanenbrust Luft bekam.
+
+Aber wie, ein Geräusch von der Türe her? Die Türe geht auf, im matten
+Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht;
+sein dunkles, wehmütiges Auge fesselt sie so, daß sie kein Glied zu
+rühren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann
+den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhüllen; sie will
+zürnen über den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr.
+Aufgelöst in jungfräuliche Scham und Sehnsucht, drückt sie die Augen
+zu; er naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er
+kniet nieder an ihrem bräutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des
+Schicksals Stimme," flüstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle,
+wehmütige Gesicht über sie hin, heiße Tränen stürzen aus seinem
+glühenden Auge herab auf ihre Wangen, er wölbt den würzigen Mund--er
+will sie kü--
+
+Sie erwachte, sie fühlte, daß ihre eigenen heftigströmenden Tränen
+sie aus dem schönen Traume erweckt hatten.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE BEICHTE.
+
+Am andern Morgen sehr früh stand der Hofrat schon vor des Präsidenten
+Haus und zog die Glocke. Er mußte ja sein holdes Idchen fragen, wie
+es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
+er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, daß er nicht wußte, wo ihm
+der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten
+Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von
+dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll
+mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen
+Witz nicht wenig zugut und lächelte noch still vor sich hin, als er
+die breite Treppe hinanstieg.
+
+Der Präsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
+Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnädiges Fräulein nehme
+ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.
+
+Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
+aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir saß Ida auf einer Estrade
+am Fenster, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt. War es doch, als
+sei das Mädchen in dieser Nacht noch tausendmal schöner geworden! Der
+Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schönheit; es lag so viel
+Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
+Gesichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies
+alles das Wunderkind gestohlen hatte.
+
+Er sagte ihr auch, wie schön er sie finde; sie aber lachte ihm
+geradezu ins Gesicht; sie finde, daß sie weit bleicher aussehe als
+sonst, der Ball könne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu
+komme, daß sie heute nacht so dumm geträumt habe und alle Augenblicke
+aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst
+aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich
+um den Mund, als wüßte es, was dem hübschen Engelskind geträumt habe.
+
+Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
+möglichen Schönen; aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen,
+ehe er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah,
+daß Ida darauf warte.
+
+Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und das
+Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie
+wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte
+Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
+Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
+Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an
+drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
+Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der
+französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht
+sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muß schon auch ein wenig
+Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß
+selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wüßte ich niemand,
+der solche Arbeit lieferte."
+
+Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, daß
+er den tauben Wänden predigte; denn Ida schaute stillverklärt durch
+die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund.
+Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte ihrem
+Auge und--drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
+"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weißen Gardinen
+aufgetan, und im geöffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade
+zu, als der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das
+selige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem
+lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht,
+als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein
+Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der
+Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn
+muß ich dir einmal fühlen, also sei's!
+
+"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da können Sie Ihre
+astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
+Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten
+Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--"
+
+"Wie Sie nur so bös sein können, Berner!" klagte das verschämte
+Mädchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
+gewußt, daß er nur im Mond logiert; und daß ich gestern diesen Mann
+schon wegen seines Äußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere
+jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe,
+--ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern
+Tage büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
+Menschen, der so unglücklich scheint?"
+
+"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der
+Hofrat; "daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der
+Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das
+wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?"
+
+"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich
+bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. "Er hat sich wahrscheinlich die
+Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?"
+
+"Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei
+Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat--"
+
+"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen
+Augenblick über die laute Äußerung ihrer Freude. "Vier Wochen?"--
+setzte sie gefaßter hinzu. "Wie freut mich das für die gute
+Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre
+_Table d'hôte_ nicht so gut sei wie im _Hôtel de Saxe_, und
+kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis für
+sich."
+
+"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muß sie
+jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude
+nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurückzukommen, Sie
+glauben also, der Mann im Monde da drüben habe sich als
+durchreisender Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die
+glückliche Stunde nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den
+Küster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die
+Finsternis desto deutlicher zu sehen?"
+
+Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den
+Hofrat immer fortfahren--
+
+"Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vorzeiten einmal
+einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß,
+ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
+'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der
+Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.'
+Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen
+alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles
+aufzuspüren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der
+Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen
+und beide bald darauf mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen.
+Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil
+es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So
+neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß
+er nichts sagen dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine
+schwache Seite) eingetragen hätte; da gab er weich und erzählte--"
+
+"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von
+früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich
+geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen."
+
+"So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten,
+geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter! Der Küster, der für
+seine Mühe einen harten Taler bekam, führte gestern nacht einen
+Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz
+ausgesehen haben soll, in den Münster. Dort habe sich der Fremde auf
+die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei
+ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehört; er habe an den
+Fenstern gerüttelt und geschüttelt und die Scheiben in die Kirche
+hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden geführt, als
+reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen.
+
+"Der Küster glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein
+Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle
+fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr
+alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters
+begebe, solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das
+ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie
+davon?"
+
+In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser
+schwammen ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust
+hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen
+Berg von sich abwälzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht
+gleich antworten.
+
+"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme
+Mensch ist gewiß wahnsinnig; denn an die törichte Konjektur des
+Küsters werden Sie doch nicht glauben?"
+
+"Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie
+sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
+Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen."
+
+"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt,
+wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug?
+Gewiß hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und
+irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in
+dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mühselig und beladen kömmt,
+offen steht."
+
+"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,"
+antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich
+auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich
+nur halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn
+ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das
+greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich
+gewöhnlich abends mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn
+Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die nächsten
+paar Tage an seiner Tafel, und er muß mein Kuvert neben das seines
+bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein,
+und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuß, so will
+ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natürlich holt man weit aus
+und fällt nicht mit der Türe ins Haus; aber ich habe schon mehr
+solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der erste."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS DEJEUNER.
+
+"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie
+ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das
+machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas
+Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem
+Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche
+Mädchen dahingehen sah; die zarten Füßchen schienen kaum den
+türkischen Fußteppich zu berühren, der einfache, blendendweiße
+Batistüberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmaß
+dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche
+Kräftigkeit! Er versank in Gedanken über das holde Geschöpf, das
+allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfräuliche
+Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine
+Vaterstadt zurückkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie--
+nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, daß sie ihm
+mit der hohen Glut der ersten jungfräulichen Liebe zugetan sei. Aber
+wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch
+wahrscheinlicherweise kein vernünftiges Ende nehmen konnte, durfte er
+sie unterstützen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar
+gemütskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen
+und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.--
+
+Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgerötet, sie trug einen
+silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermädchen folgte mit
+allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgerührt," sagte Ida
+lächelnd, indem sie ihm einen Becher präsentierte; "ich kenne den
+Geschmack meines Hofrätchens gar wohl, darum habe ich dieses
+Frühstück gewählt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La
+Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht,
+Gesicht und Arme glühen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist
+ganz delikat ausgefallen."
+
+Sie lüftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte
+Überröckchen; eine himmlische Aussicht öffnete sich, der weiße
+Alabasterbusen schwamm auf und nieder, daß der Hofrat die alten Augen
+in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken.
+"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er,
+"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem
+offenen leichten Überröckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen
+käme!" Beinahe ebenso großen Respekt als vor ihren entfesselten
+Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Mädchens. Die Schokolade
+war so fein, so würzig, das rechte Maß des Weines so gut beobachtet,
+daß er bei jedem Schlückchen zögerte zu schlucken.
+
+Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein
+neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener
+des Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des
+goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, daß sie wohl
+beurteilen konnte, daß besonders das eine Pferd, ein majestätischer
+Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschätzbarem Wert sei. Auch
+Berner, der in allen Sätteln gerecht war, stimmte bei und pries die
+einzelnen Schönheiten des Schimmels, besonders auch das elegante,
+geschmackvolle Reitzeug.
+
+Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein
+stattlicher Vierziger, trat gravitätisch aus dem Torweg und
+bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel
+des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschäft
+nicht nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in
+einem eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von
+dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels
+und warf über ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenüber, wo
+Ida neben dem Hofrat saß.
+
+Indem tönte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden
+Pferdes die Straße herauf; es kam näher, es war der junge Dragoner-
+Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und
+von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und
+langte jetzt in vollem Wichs vor des Präsidenten Haus an.
+
+Nach Vorschrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf
+die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geübte
+Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder
+aufspringen wollte, scheute sein Roß an denen, die vor dem goldenen
+Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon,
+gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der
+Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis
+letzt noch immer den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener
+links, und _ventre à terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem
+Rappen nach, überholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen
+Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und kläglich schrien, riß sein
+eigenes Roß herum, packte mit Riesenkraft den Ausreißer und brachte
+ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der
+liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfüßen dem Rappen nach,
+murmelte einige Flüche, die wie ein Dank lauten sollten, saß auf und
+jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen
+Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt
+wurde, zu achten, zurück, grüßte ehrerbietig an des Präsidenten Haus
+hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt
+weiter.
+
+Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie
+hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den
+gefährlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein
+Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überstürzen; sie hätte mögen
+mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als
+er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruß so freundlich als möglich
+zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie
+fühlte, ward sie sich bewußt, wie teuer ihr der Mann war, der dort
+hinflog. Das gepreßte Herz, die stürmisch wogende Brust rang nach
+einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen
+lassen; aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen so bittend
+ansah, als sie seine Hand drückte und die hellen, vollen Tränen aus
+den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr,
+Hofrat? Aber über solche Szenen kann ich nicht anders, muß ich
+unwillkürlich weinen. Lachen Sie nur nicht über mich! Es würde mir
+gerade jetzt recht wehe tun."
+
+"Gott bewahre mich, daß ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn
+eines im höchsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht
+man gewöhnlich nicht." Er dankte ihr für ihre Schokolade, nahm Stock
+und Hut und ließ das Mädchen mit ihrem siebzehnjährigen, von dem Keim
+der ersten Liebe stürmisch bewegten Herzchen allein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER BRIEF
+
+Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um
+ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
+wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter!
+dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen,
+so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig oder doch
+ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander
+wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Präsidenten, der gewöhnlich vor
+dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte; gegenüber hatte er
+das liebe Aprillen-Kind und nötigte sie durch sein beredtes
+Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke
+zum Lachen oder Rotwerden.
+
+"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Präsident,
+"hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch
+Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
+Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
+Minister-Staatssekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten
+Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als
+Präsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen.
+Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen
+Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die
+Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding für meinen Tod nicht
+leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt."
+
+Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär
+von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und
+begann:
+
+"--Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein
+sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde,
+ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
+Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre
+plénipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im
+Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich
+bedeutende Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen
+Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich
+im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz können, wenn solches gelingen
+sollte, auf großen Dank höhern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als
+altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande
+ansiedelte und sein Vermögen hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein
+Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird."
+
+Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch
+errötet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief
+weg zu ihr hinüber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam,
+wurde die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für
+Idas bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach
+ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den
+Wangen des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief,
+und eine Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl
+sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das
+verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.
+
+Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
+natürliche Tochter des Fürsten .....; von ihm mit ungeteilter
+Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermögen ausgestattet, lebte
+sie in der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre
+verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte
+den Grafen Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr
+nur seinen Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz;
+sie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen
+wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hörte man
+von der Gräfin, daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes
+führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so
+viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich
+nicht entblöde, mit dem Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen
+ihr gefielen.
+
+So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
+der Residenz die reine jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin
+zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war,
+wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
+zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren
+Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
+sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge
+von Wehmut, dem gefühlvollen, sprechenden Auge--
+
+Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte ihn
+dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. "Nun, was sagen Sie
+zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Präsident. "Wahr ist es, der
+Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht
+hinauslassen darf, ja, ja,--man muß negoziieren, daß er in unserem
+Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um
+zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß,
+See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis
+ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet
+von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der
+Fürst übernehmen müßte; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du
+kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?"
+
+"Nie!" antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer
+nicht vom Teller auf.
+
+"Nie?" fragte der Präsident gereizt. "Ich will nicht hoffen, daß die
+gnädige Gräfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
+sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?"
+
+"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
+dazu, hinzugehen."
+
+"Was der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges,
+gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
+und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe
+liiert ist, refüsieren?"
+
+"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,"
+antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; "man
+hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen
+Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu
+bleiben."
+
+"So sieht es dort aus?" fragte der Präsident kopfschüttelnd. "Nun,
+nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber
+weg. Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure
+eigenen Grundsätze; nur wäre es wegen der jetzigen Verhältnisse
+besser gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier
+in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre
+ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft
+die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Gräf in
+Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz
+negligiertest?"
+
+"Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und
+lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten
+auffiel.
+
+"Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt," sagte dieser, "als
+kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
+Fundament."
+
+"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," lächelte Berner;
+"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--"
+
+"Wie," unterbrach ihn der Präsident, "er ist schon hier? Und wir
+schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--"
+
+"Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete
+jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich."
+
+"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
+Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?"
+
+"Nein--ja--" antwortete Ida, noch höher errötend. "Ich habe mit ihm
+getanzt, das ist alles."
+
+"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein
+ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?"
+
+"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis
+vierundzwanzig Jährchen haben. Übrigens können Exzellenz seine
+Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drüben im Mond."
+
+Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
+der junge Mann am besten zu halten sein möchte; denn er trieb alles
+gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog,
+rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich
+zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und
+der Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+OPERATIONSPLAN.
+
+Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein
+Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde,
+zwang sich, obgleich ihm die wehmütige Freundlichkeit in Idas
+Gesicht, ihr tränenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat,
+zum Lächeln. "Nun, wer hätte es," sagte er, "wer hätte es dem
+leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, daß er drei Milliönchen
+habe? Wie dumm ich war, daß ich glaubte, er weine in seinem Landau,
+weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer hätte es dem trübseligen
+Schmerzenreich angesehen, daß er bald eine so glänzende, lustige
+Partie machen würde!"
+
+Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten
+Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte,
+auszusprechen habe.
+
+"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schließen, mein
+liebes Aprillen-Wetterchen, daß die Gräfin Aarstein ihre Schulden
+nicht zahlen kann, daß--"
+
+"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Tränen; "es ist
+gewiß nur das reine Mitleiden, was mich nötigt, auszusprechen, was
+sonst nie gesprochen worden wäre. Sehen Sie, dieses Weib ist die
+Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, daß ein ehrliches
+Mädchen erröten muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie
+den jungen Mann da drüben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er
+edel ist und trotz seines Reichtums unglücklich, so machen Sie, daß
+er nicht noch unglücklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen,
+die man um ihn legen wird, zu reißen--"
+
+"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah
+ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles trügt, hängt das
+Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der
+Minister ködern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will
+alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will
+ihm die Augen auftun, daß er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt,
+will machen, daß er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei
+Millionen ins Land zieht, will machen, daß er mein Mädchen da lie--"
+
+"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prußte ihm
+das kleine, weiche Patschhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter
+reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar
+nicht; es wäre ganz gegen meine Grundsätze; nur die Schlange im
+Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom übrigen kein Wort mehr,
+unartiger Mann!--"
+
+Verschämt, wie wenn der Hofrat durch die glänzenden Augen
+hinabschauen könnte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die
+Gedanken sich insgeheim drängten und trieben, sprang sie auf und an
+den Flügel hin, übertönte die Schmeichelworte des Hofrats mit dem
+rauschendsten Fortissimo, drückte sich die weichen Knie rot an dem
+Saitendämpfer, den sie hinauftrieb, um die Töne so laut und schreiend
+als möglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den
+Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen
+keinen Raum hatte, zu übertäuben.
+
+Verzweiflungsvoll über den halloenden Schmetter dieses Furioso
+enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Türe
+geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden
+Akkorde lösten sich auf in ein süßes, flüsterndes Dolce, sie ging
+über in die schöne Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand
+führte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten
+Leben herauf stiegen; durch alle Töne des weichsten Moll klagte sie
+ihren einsamen Schmerz, bis sie fühlte, daß diese Töne sie viel zu
+weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzulösen,
+schnell wie ihre Hoffnung endete.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE MONDWIRTIN.
+
+Im Goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage
+vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die
+Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anständig
+als möglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen
+eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein großes Sofa zum
+Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das
+rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat überflüssiger Tassen und eine
+bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das
+Teezimmer. Auch an der _Table d'hôte_, wo sonst nur einige
+Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren,
+Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen saßen, waren
+bedeutende Veränderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das
+feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten
+Straßburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt
+wurden.
+
+Daß ihr angesehener Gönner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,
+jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem
+Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren
+in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren
+neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier
+Postpferden, den aus Leibeskräften blasenden Schwager darauf,
+vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf,
+sagte sie gleich zu ihrem Ehezärter: "Gib acht, das ist was
+Vornehmes."
+
+Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,--
+die Kommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäsche
+seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da
+schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Hände zusammen. Sie hatte
+doch von ihrer Mutter gewiß recht feine, sanfte Leinwand zum
+Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese
+Hemden, diese Tücher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweißes
+konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses.
+
+Es ist kein übles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen
+abgelegt hat und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der
+Bürgerliche erscheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen
+kommt, nach dem Herzen sehen, das heißt nach seiner Wäsche. Ist sie
+grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, daß der Herr aus
+einem Hause sein müsse, wo man entweder seine Erziehung sehr
+vernachlässigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war.
+Wo aber der bläuliche oder milchweiße Glanz des Halstuches, die
+feinen Fältchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da
+findet gewiß der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie
+immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhält.
+
+Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schönheitssinn,
+diese angeborene Vorliebe für schönes Linnenzeug in ihrer oft
+schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine
+Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden
+dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefältelten Busenstreifen,
+bald mit, bald ohne Manschetten aus den geöffneten Koffern
+hinüberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und
+Sacktüchern kam, wovon sie jedes zum höchsten Staat in die Kirche
+angezogen hätte, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie
+fürstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiß die gnädige Frau
+Mama ihm mitgegeben?"
+
+"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort.
+
+"Ist sie tot, die brave Frau, die so schöne Linnen machte?" sagte die
+mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnädigen Fräulein Schwestern haben--"
+
+"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Gräfin Crescenz."
+
+"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite
+Prachtwäsche verfällt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir
+denken, der gnädige Herr Papa Exzellenz--"
+
+"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit
+einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.
+
+"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schönen
+Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die
+ihn lobt, daß er alles so ordentlich gehalten, und keine Fräulein
+Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich
+mir denken, warum der gnädige Herr immer so schwarz angezogen ist und
+so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist
+recht zum Erbarmen."
+
+"Ja, wenn's das allein wäre!" seufzte der alte Diener und wischte
+sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als hätte er schon zu viel
+gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt,
+heran und schloß auf. Die Wirtin hätte für ihr Leben gerne gewußt,
+was sonst noch für Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der
+Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht,
+den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehörig imponierte,
+darüber zu befragen; auch schloß der Anblick, der sich jetzt darbot,
+ihr den Mund.
+
+Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so
+recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch,
+ein hübsches helles Kleid müßten ihn von selbst freundlicher machen.
+Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt,
+doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte
+in früherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im
+Quartier gehabt, schöne Leute, hübsch und geschmackvoll gekleidet;
+später, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen
+und Preußen dagewesen, große stattliche Männer wie aus Gußeisen.
+Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die früheren
+Gäste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch
+auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser
+Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und
+Bürgermilizkamisölern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf,
+wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht;
+nein, es war nicht möglich, etwas Schöneres, Feineres zu sehen als
+dieses Tuch, das wie Samt glänzte, das brennende Rot an den
+Aufschlägen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den
+Achselschnüren.
+
+"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte
+sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen
+schien. "Möchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide
+gefütterten Ärmel fahren und das spannende Jäckchen zuknöpfen? Und,
+weiß Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der
+Schneider wollte sich selbst nicht glauben, daß die Taille so fein
+und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern
+und Zagen, es möchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiß,
+wie es zugeht, sie war zwar über seine breite Heldenbrust gerade
+recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein
+Schnüren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststücke. Der
+Schneider machte einen Sprung in die Höhe vor Verwunderung; er konnte
+es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment ließen sich
+Korsette machen mit Fischbein, schnürten sich zusammen, daß man hätte
+glauben sollen, der Herzbündel wolle ihnen zerspringen, und dennoch
+rissen die Knöpfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu
+viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt
+wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!"
+
+"Es ist unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs
+gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andächtig staunend.
+
+"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da
+anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den
+silbernen Rädchen an den feinen Absätzchen,--denn Füßchen hat er
+trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten
+auf die Brust hängen, den Ehrensäbel, den sein Herr Vater vom Kaiser
+bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den
+Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an
+den Hals und küßte ihm die schwarzen Locken aus der schönen Stirne.
+Und dabei war er so fröhlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig
+blitzend, und alles hieß ihn nur den schönen, lustigen Martiniz. Das
+alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,
+indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode
+legte, "da liegt das schöne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger
+leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es
+noch so liegen!"
+
+"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich
+nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht
+Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger
+Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glänzen könnte?
+Warum denn?"
+
+Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er über
+diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,
+appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart für eine
+derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich.
+"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil
+wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswörtchen
+mehr aus ihm herauszubringen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER POLNISCHE GARDIST.
+
+Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzählt, der sich in dem
+schönen Speisesaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gäste zur
+Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm
+dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und
+nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschüttelt; als sie zu Ende
+war, dankte er für die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren
+wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet?
+Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde
+gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch über Leben und Treiben
+fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg, aus dem sich viel schließen
+läßt."
+
+Die Geschmeichelte lächelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte
+meine Gäste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jährchen auf
+einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von außen und innen.
+Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein
+Mann, der sich sonst auch nicht übel auf Gesichter versteht, sagt:
+'Wenn es nicht ein Polack wäre, so mußte er mir ein Engländer sein,
+der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Engländer, die
+den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die
+seien griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen,
+nehmen Sie nicht übel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt
+als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgrämig
+aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglück; denn die Wehmut
+schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus.
+Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit
+ihm, vielleicht, daß man da etwas mehr erfährt als von dem alten
+Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die
+Stirne in die hohle Hand gelegt, daß ich meine, er schläft oder hat
+Kopfweh. Drüben spielte gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel so
+wunderschön und rührend, daß es eine Freude war. Dem Grafen mußte es
+aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem
+dunklen Auge, als er sich nach mir umsah."
+
+"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat.
+
+"So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich
+mit seinem sinnenden Auge maß, da muß ich feuerrot geworden sein;
+denn da fiel mir ein, daß doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten
+umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht
+so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit
+denen man kurzen Prozeß macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich
+wollte nur gefälligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis
+zufrieden seien?' hub ich an.
+
+"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir,--denken
+Sie sich, so artig, als wäre ich eine polnische Prinzeß,--einen Stuhl
+und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr
+freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, daß es nicht so
+recht von Herzen gehen will.
+
+"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Straße
+gefiel ihm. Das Gespräch kam auf die Nachbarschaft und auch auf
+Präsidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunderschönen Fräulein, die
+erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswürdig
+sei, von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau schon lange
+tot sei, und ich hatte mich so ins Erzählen vertieft, daß ich gar
+nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte
+ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!"
+
+"Schade! Jammerschade!" lachte Berner über die sprachselige Wirtin.
+
+"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo
+es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schön ist, sitzt
+mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht
+vernünftig,--sitzt es im Garten und weiß nicht, daß ein so vornehmer
+Herr hinter ihm steht. Ich war in der Küche und sah alles mit an;
+mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein
+schwäbisches, ich weiß nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der
+Graf hinter ihr steht, fängt der Unband an zu singen:
+
+ "''n bissel schwarz und 'n bissel weiß,
+ 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,
+ 'n bissel weiß und 'n bissel schwarz,
+ 'n bissel falsch ist mei Schatz!'
+
+"Ich glaube, ich muß vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein
+Kind so ungebildetes Zeug singt; was mußte nur der Graf von meiner
+Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in
+die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm,
+herzte und küßte es; daß mir brühsiedheiß wurde, und fragte, wo sie
+das Liedchen her habe.
+
+"Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf
+aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und
+verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und
+zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen,
+wie ich hätte mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat
+seine Wirkung; sie sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts
+auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie
+wenn es so sein müßte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der
+Sparbüchse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, daß
+sie es in zwölf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch
+zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen
+Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER HOFRAT AUF DER LAUER.
+
+Die Gäste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen.
+Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nächstens
+wieder zu erzählen. Der Hofrat sann nach über das, was er gehört; die
+Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte,
+gingen ihm wie ein Mühlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen
+Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot,
+und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies
+_allein_ wäre!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein?
+Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie könnte
+er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er
+traurig,--wie könnte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine
+Gräfin Aarstein auf die Freite gehen? Unmöglich!--Hätte, wenn jenes
+doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn einen solchen Eindruck--"
+
+Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf
+ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar
+sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr,
+und sein ernstes Gesicht, wie klärte es sich auf, als sie ihn im
+Kotillon holte! Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie
+heraufgeworfen, als hätte er eine Congrevesche Batterie hinter den
+Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die
+Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen,
+anfangen zu sieden?
+
+Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des
+Mädchens gefühlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerührt
+davon, daß ihm die hellen Tränen hervorperlten, als der gute Graf
+Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast
+verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich
+hinein und rieb sich unter dem Tisch die Hände; "bin neugierig, ob
+diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem
+guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretär
+Superklug und Übergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen,
+extrafeinen Kniffen; mir muß das Goldfischchen in das Netz, mir muß--"
+
+"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das
+Vergnügen--" tönte dem alten Träumer, der über seinen staatsklugen
+Plänen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt
+erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der
+sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er hätte vor Schrecken in den
+Boden sinken mögen; denn sein erster Gedanke war, dieser müsse seine
+Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich
+erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit
+sich selbst gesprochen habe.
+
+Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat
+aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwärmerischen
+Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch
+auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müsse
+er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine
+Blöße zu geben oder einen seiner Pläne zu verraten. Die gewöhnlichen
+Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente über seine
+Reitfertigkeit, mit welcher er heute früh einem Kinde das Leben
+gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne daß er über des
+Fremden Gesinnungen nähern Aufschluß bekommen hätte. Es kam an die
+Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne
+Güter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, näher
+beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein
+Wörtchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder
+kaufen.
+
+Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die
+Residenz, das angenehme Leben dort, die Schönen der Stadt und des
+Hofes; jetzt mußte er etwas sagen, es mußte sich zeigen, ob er die
+Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schönen Anstalten
+dort, von der Militärverfassung, schien namentlich über die
+Kavallerie sich gerne genauere Aufschlüsse geben zu lassen, aber
+kein Wörtchen über die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade
+eine trefflich bereitete _Ortolane à la Provençale_, seine
+Leibspeise, am Mund und einen tüchtigen Biß hineingetan, da wandte
+sich Martiniz zu ihm herüber und fragte, ob er nicht in der Residenz
+die schöne Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane
+auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt
+mußte ja die Gräfin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schöne
+Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen
+habe."
+
+Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn
+solange er ja über das Verhältnis des Polen zur Gräfin Aarstein
+nichts Gewisses wußte, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als
+die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen
+Nachbar ein, mit ihm noch ein Stündchen zu trinken. Berner sagte zu
+und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann
+zuvor durch seine äußere Persönlichkeit imponiert, so gewann er jetzt
+ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch,
+dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Würze zu geben
+verstand, aufgetaut, eine so glänzende Unterhaltungsgabe entwickelte,
+wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und
+gehört hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein
+Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, daß er und
+sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte
+bemerkte nämlich bald, daß der Graf auf allerlei Umwegen sich immer
+nur einem Ziele, nämlich Ida, nähere. Er konnte dieses Flankieren dem
+Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst
+der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen
+wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre
+eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdrücken. Der Ulan umschwärmt
+seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Blöße entdeckt, und sucht
+auf geflügeltem Roß das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve
+sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte
+sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als
+er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und
+dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf
+Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren.
+
+Er glaubte den Hofrat drüben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem
+Ball ein engeres Verhältnis bemerkt zu haben; er pries des Mädchens
+königlichen Anstand, der sie vor den übrigen Freilinger Damen so hoch
+erhebe; er lobte die Zurückhaltung, mit welcher sie die ungestümen
+Herren zurückgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit
+sie unbewußt sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schöne Röte
+war durch das warmgewordene Gespräch auf den Wangen des jungen Mannes
+aufgegangen, jener Zug von Unglück und Wehmut, der sich sonst um
+seinen schönen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem
+feinen, holden Lächeln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem
+Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es
+bis zum letzten Tropfen so andächtig aus, als hätte er in seinem
+Herzen einen Toast dazu gesprochen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SELIGE GRAF.
+
+"Herzensjunge! liebstes, bestes Gräfchen! Söhnchen! Goldpoläckchen!"
+alle Schmeichelnamen hätte der Hofrat ausschreien, den trefflichen
+Redner an sein Herz reißen und mit väterlichen Küssen bedecken mögen
+--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei
+seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude
+über eine glückliche Entdeckung, über einen unverhofften, köstlichen
+Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrüche des
+Vergnügens wieder hinunter, faßte den Grafen nur mit einem recht
+zärtlichen, seligen Blick und bestätigte weitläufig sein treffendes
+Urteil. Er beschrieb ihm das Mädchen, wie er es, seit es den ersten
+Schrei in die Welt getan, kenne, wie es früher ein lustiger,
+fröhlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau
+herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und
+allen Dingen, die ein Mädchen zieren, als da sind: Stricken, Nähen,
+Schneidern, Sticken, Kochen, Früchteeinmachen, Backen, Blumenmachen,
+Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es
+in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft
+eingenommen, doch immer seinem Sinn für reine Weiblichkeit gefolgt
+sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden,
+wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe.
+
+"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn
+beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, für
+alles Schöne und Gute glühende Herz sich in der Residenz so vor aller
+Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewöhnlich bei
+solchen Mädchen über Eiskälte und Phlegma; aber Gott weiß,
+_diesem_ Mädchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere
+jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos
+schlendern sie einher auf den Bällen, stehen sie scharweise zusammen,
+gucken durch Gläser von Nr. 4 und 5, die für Blinde scharf genug
+geschliffen wären, nach den Reizen der Ballschönen, lassen ganze
+Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu
+einem Walzerchen und Kotillönchen her, so meint man, sie wollen den
+letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedörrten
+Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schönen, in der Fülle
+der Kraft strotzenden Mädchen, das zwei solcher Flederwische an die
+Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das
+sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen
+Augen und verstohlenem Lächeln sein Ideal vormalt und vorträumt, kann
+man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und
+kalt abweist?
+
+"Ein solches Mädchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im
+Leib haben! Habe ich doch über mein Goldmädchen gestern abend solche
+Urteile hören müssen; geschossen hätte ich mich um sie, wäre ich nur
+dreißig Jahre jünger gewesen. Sie hätte kein Feuer? Habe ich nicht
+gesehen, wie sie heute früh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten,
+das Fenster aufriß und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefühl! Und
+dies es Mädchen hätte kein Feu--"
+
+"Das hat sie getan?" fragte der glückliche Martiniz, bis an die Stirn
+errötend. "Sie hat das Fenster ein wenig geöffnet und herausgesehen?"
+
+"Was öffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber
+aufgerissen hat sie das Fenster, daß sie mir den Schokoladebecher
+beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen
+Sie, so ist das Mädchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schönes,
+wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwärmerisch empfindsam, wenn
+sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die
+leere, schale Alltäglichkeit sich ihr aufdrängen will."
+
+Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende
+Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der
+nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er
+so viele Anklänge, daß dieses wehmütige, traurige Herz, das solange
+nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Tränen, im
+stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten
+unter dem Ordensband hob, das es von außen zierte.
+
+Er sagte dem Hofrat, daß er, wenn es möglich wäre, während seines
+hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den
+würdigen Herrn Präsidenten Gebrauch machte, das er heute durch den
+Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretär bekommen habe.
+Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzuführen und seine Abende
+im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei
+sich lachte er aber über den Staatssekretär, der seine Sachen so
+geschickt einzufädeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit
+seinen drei Milliönchen, aber die Gräfin soll ihn nicht bekommen,
+dafür steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein
+Toastchen und ließ mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick
+die künftige Frau Gräfin leben. Vivat hoch! scholl es in allen
+Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h--
+
+Da brummte in dumpfen Tönen die Glocke vom Münsterturme elf Uhr. Mit
+wehmütigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den
+erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, daß er noch einen
+Besuch machen müsse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin
+der unglückliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte
+sich dann in seinen Stuhl zurück, um über das, was diesen Abend
+besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann
+so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs,
+so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit
+bei drei Millionen Talern; so hohe männliche Schönheit und doch nicht
+jenes eitle, gefallsüchtige Sichzeigenwollen, das schönen jungen
+Männern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiß
+beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst
+einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zornglühendem
+Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben
+verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Männern!" wütete sie,
+"hätte ich doch mein Leben eingesetzt für diesen Herrn Grafen, hätte
+geglaubt, er wäre ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder
+Liederlich, die an jede Schürze tappen--"
+
+"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln
+gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt,
+Frauchen?"
+
+"Was ich habe? Möchte da einem nicht die Galle überlaufen? So ein
+schöner, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen würde,
+in nähere Bekanntschaft--geht auf nächtlichen, liederlichen Wegen,
+glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine großstädtische
+Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehüllt, ist er zum Torweg
+hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man
+solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Türe schlage ich
+ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der
+bei Nacht und Nebel nicht weiß, wo er steckt."
+
+"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat,
+wieder freier atmend; "da dürfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf
+schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich
+weiß wo, darf es aber nicht sagen."
+
+Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie
+freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor?
+Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich ärgere mich nur, daß
+ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen,
+unsern jungen Herren ist nicht mehr über die Straße zu trauen. Sagen
+Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er könnte mich mit
+einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe
+zu meinem Nebenmenschen."
+
+Der Hofrat lächelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und
+zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Röte auf die hübschen
+Wangen, sie wußte nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zürnen
+solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr:
+"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche--
+Eifersucht!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+GUTE NACHRICHT.
+
+Man hätte glauben sollen, das Haus des Präsidenten sei ein großer
+Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvögel, Stärchen
+und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas Treppe
+auf, Treppe ab; ein süßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen,
+wehmütigen Tönen singen, bald in fröhlichen, scherzenden Rouladen
+jauchzen und jodeln wie die Kanarienhähnchen, bald zwitschern und
+plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, sie
+alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor
+Sehnsucht, vor Langeweile und Geschäftigkeit Treppe auf- und abflog,
+mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte,
+allen zugleich befahl und schalt.
+
+Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des
+Staatssekretärs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr
+gekommen und hatte sie förmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen
+sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch
+so,--mußte man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher
+zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner
+Abreise mußte ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.
+
+Das selige Mädchen drückte die Augen zu und biß die
+_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach
+ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernünftigste--sollte man
+ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann
+zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja
+ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens
+schließen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklärte ihm, wie
+sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe.
+
+"Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinstädtisch vorkommen,
+wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir
+müssen einen Bedienten hinüberschicken und ihm sagen lassen, daß wir
+ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten
+Direktors Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen
+oder den andern Ihrer jungen Räte dazu. Ich mache die Honneurs beim
+Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem
+Grafen sagen Sie, Sie wünschen ihn öfter bei uns zu sehen und
+namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet
+man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe
+ich eines Tages recht flott und anständig, Sie, lieber Papa, geben
+ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen,
+ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es
+wäre unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist
+recht hübsch, übrigens darf nur _er_ allein merken, daß es _ihm_
+zu Ehren geschieht; wir würden uns lächerlich machen, wollten wir den
+Leuten sagen, daß wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann
+ja heißen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus."
+
+Papa Präsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte,
+daß man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder
+die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die
+Schlüssel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben,
+und das Mädchen rumorte jetzt als tätige Hausfrau in dem großen
+Gebäude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gäste empfangen. Sie
+sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er mußte, wenn er nur
+halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens
+viermal herüberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch
+selig das Mädchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und
+zu rumoren, und schon um zwölf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es
+heute abend sein mußte. Erschöpft von den Haushaltungsgeschäften,
+warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend
+schon recht selig zu träumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend
+recht schön mache, daß er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre
+beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von
+seiner Stirne zu bannen, so--o, es mußte einen herrlichen Abend
+geben; da fiel ihr auf einmal die Gräf in Aarstein ein, und alle
+Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Träne auf Träne stahl
+sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf
+die Welt bitterböse. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein
+wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar
+zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie
+auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit
+triumphierender Miene, daß sie vor der Aarstein nicht bange haben
+solle; er habe gute, köstliche Nachrichten, die dies vollkommen
+bestätigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie
+hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von
+der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen,
+der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mädchen, das die Flamme der ersten,
+reinen Liebe im Herzen trägt, wo ist ein solches Engelskind, das
+nicht in ein paar Stunden die größten Fortschritte in der Kunst zu
+schließen und zu berechnen gemacht hätte? Man sprach so viel von
+magnetisierten Schläferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele
+gelehrte Bücher über solche seltene Erscheinungen, und wie gewöhnlich
+ließ man, was am nächsten lag, unbeachtet! Das sind ja die
+eigentlichen Clairvoyantes, die Mädchen mit der ersten, kaum
+erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen
+niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit
+der schärfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das
+Auge des Geistes geöffnet, daß sie in den Herzen lesen. So auch Ida;
+sie merkte dem Hofrat wohl an, daß er mehr wisse, als er sagen wolle;
+mit der Gräfin war es nichts, aber ebensogut mußte er wissen, daß es
+auch mit keiner andern etwas sei, sonst hätte er nicht so vergnügt,
+nicht so schelmisch gelächelt. Er wußte,--das sah die neue
+Clairvoyante jetzt hell und klar,--er mußte sogar wissen, daß
+Martiniz _sie_--
+
+O! wer das Mädchen jetzt gesehen hätte, wie es das Köpfchen in die
+Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom süßen Schauer der
+ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der
+jungfräuliche Busen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl
+wie eine Mitternachtssonne in den Nächten des Nordpols im Tiefsten
+ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging!
+Wahrlich, es liegt eine rührende Zaubermacht in einem solchen
+Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des
+jungfräulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von
+welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt!
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER LANGE TAG.
+
+Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so
+träge hin! Sie konnte sich ordentlich über sich selbst ärgern, daß
+sie schon heute früh das Teezeug gerüstet hatte; sie fing an zu
+arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurück.
+Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst
+mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar
+zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken
+recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und Blättchen
+zusammenband--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie nähte so
+wunderhübsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und
+gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging
+ihr so schnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen
+in der Residenz hatten sich immer Stücke von Paris und London kommen
+lassen; da waren die schönsten Girlanden von Rosen, Astern, alle
+möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen,
+daß die Damen nach ihrem Belieben hinein nähen konnten, was sie immer
+wollten; natürlich stachen meistens die schönen Pariser Girlanden
+sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur
+ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geübter
+Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig,
+die Idas Arbeit für Zauber, für nicht möglich gehalten hätten, wenn
+sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wäre. Sie
+hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fußkissen für Papa
+angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich
+selbst nicht begreifen, wie sie früher so langweilige Arbeiten
+machen, Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen
+konnte--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer
+Kreide so fein, so gefällig für das Auge, daß sie der Stolz ihres
+Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich gewesen;
+wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten
+Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur
+Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag übergeben hatten, so
+hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen
+Bildern an, daß sie _con amore_ ausgeführt waren; denn hatte sie
+einmal etwas angefangen, so mußte es auch vollendet werden. Sie hatte
+eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie öffnete
+jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel
+versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht
+viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald
+wurden die Striche zu dick und mußten verwischt werden; sie wurde von
+neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu
+ungeduldig oder die Kreide zu grobkörnig?--alle Augenblicke brach
+sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, daß sie
+kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady
+Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte die Madonna schnell ein
+und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog
+alle Schubfächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern und besah sich
+Stück vor Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert;
+aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen?
+Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und zugeschlossen!
+Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht
+zerstreuen.
+
+Endlich, endlich schlug es fünf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch,
+ohne sich von ihrem Zöfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen.
+Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie wählen sollte; einen
+vollen Anzug oder ein Hausnegligé? In der Residenz hätte sie, ohne
+sich zu besinnen, das erstere gewählt. Dort fing ja der Tag
+eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie
+dort kein Negligé wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen,
+der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Negligé
+für den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fräulein, die
+sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen würden. Sie
+wählte daher ein feines Hausnegligé, ein allerliebstes weißes
+Batistüberröckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande
+noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie glücklich hatte sie
+gewählt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Überröckchen zeigte
+den in jugendlicher Frische blühenden Körper; den Teint hob zwar
+keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so
+blendend weiß, daß er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar
+wurde dafür so sorgfältig, so glänzend als möglich geordnet. Die
+seidenen Ringellöckchen schmiegten sich eng und zart um Schläfe und
+Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzückend, daß sie sich
+selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte,
+als sie ihre höher geröteten Wangen, ihr glänzendes Auge sah, mit
+Lust und heimlichem Lächeln sich gestand, heute ganz besonders gut
+auszusehen.
+
+Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der
+große Lüster verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer.
+Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben
+ihr mußte der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr
+zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in
+voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen
+mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht übel
+zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem
+Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm,
+kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hüllen
+gefällig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in
+Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit für
+sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten
+in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor.
+
+"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar
+Schritte aus dem Goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen; die
+Flügeltüre rauschte auf--Fräulein von Sorben! "Wenn nur die andern
+auch bald kämen," dachte Ida, indem sie das Fräulein empfing; denn
+diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war
+wenigstens acht Jahre älter als Ida, spielte aber doch immer noch das
+naive, lustige Mädchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen
+Korpulenz, die sich für eine junge Frau nicht übel geschickt hätte,
+schlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präsidents mit Schonung und
+Achtung behandelt werden, weil sie einigermaßen mit ihr verwandt
+waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen
+bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals,
+nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle mögliche süße,
+verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen
+Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides
+glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken
+werde. Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den
+Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mühselige
+_Entrechats_ und küßte Ida die Hand: "Wie danke ich dir für
+deine Aufmerksamkeit, daß du mich zu ihm eingeladen hast! Du
+bemerktest gestern gewiß auch, wie er mich mit seinen schwarzen
+Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute früh, ich hatte mich
+kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem
+Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en
+passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du
+weißt, junge Mädchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen
+es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat."
+
+Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach
+der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem
+Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte
+sich, daß Emil nicht nach der Cousine geschaut haben könne. Das "mein
+guter Graf" und das "wir jungen Mädchen" aus dem Munde der alten
+schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, daß sie, statt in
+Eifersucht zu geraten, des heitersten, fröhlichsten Humors wurde. "O
+du Glückliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen
+machen könnte!"--"Es gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine,
+nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell
+nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muß sie geben. Du bist
+hübsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schönen
+gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jährchen
+ins Land kommen, angelst du Grafen, als hättest du von Jugend auf
+gefischt."
+
+Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten
+Jubel aus. "Das wäre schön, das wäre herrlich, Grafen fangen!" rief
+sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im
+rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.
+
+Von Anfang ließ sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen,
+obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken
+geschnürt war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wußte, wenn
+man nur erst aufhöre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte
+Eisen gezählt, und gab sich also alle Mühe, leicht zu tanzen. Als
+aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen
+hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da
+stöhnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hö--re auf!" Aber Idchen riß
+sie noch einmal herum und ließ sie dann, weil sie das Geräusch der
+Kommenden hörte, atemlos und bis zum Tod gepreßt vor der Flügeltüre
+stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER TEE.
+
+Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kräftiger
+Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung,
+war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige
+Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so
+unendlichen Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder
+aufgestiegen, um süße Erinnerungen zu flüstern?--Ida stand
+versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum
+gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen!
+Sie hätte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat
+Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber
+diese hätte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben
+mögen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie
+benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War sie doch gerade
+aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln
+vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten
+Salons ohne Ängstlichkeit bewegt, und hier stand sie errötend, mit
+niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstädtisch "von der
+Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".
+
+Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand,
+ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert
+hatte, erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens.
+Mit unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen
+Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszuführen; in wenigen
+Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen
+wie früher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese
+war, als die Flügeltüre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei
+Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos,
+nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens
+arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch
+immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu
+Atem gekommen; sie ließ also nur einen Liebesblick auf ihn
+hinüberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber
+wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu
+kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr
+und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Füße
+gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur
+der Hofrat zuzuhören; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen
+hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf das
+Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt zu
+sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden; sie erhob
+also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf,
+dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch nicht
+gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber
+der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, daß
+er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig,
+um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida
+ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen
+warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen; wie
+allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie
+verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch
+die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedürfnisse
+viel lieber von ihr reichen lassen als von den fünf reich galonierten
+Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an
+allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein
+müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt
+hätte, das für sie in seiner Brust lebte.
+
+Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident
+hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige
+junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die
+Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich
+schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen,
+interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der
+Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast
+zu erheitern; dadurch werde das Gespräch allgemein und anziehend. Es
+ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des
+Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender
+macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so
+ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch
+mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen
+von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,
+seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog,
+die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil
+weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas
+Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer
+rascher fortrollende Gespräch entriß--dies alles gewann ihm die
+Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden
+Fremden hin.
+
+Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine
+Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo
+die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kühnen Ideen nicht
+mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an, sie
+plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte,
+scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das
+Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden
+war. Er nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein
+Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine
+so glänzende Weltdame mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit
+erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_
+Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Häusern
+der Residenz für eine sehr feine und anständig erzogene junge Dame;
+doch war sie dort ernst, zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher
+kannte, über ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein,
+eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten
+Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten
+ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes
+ans Licht gelockt.
+
+Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das
+Gespräch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins
+rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen
+und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je
+länger er mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das
+geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte
+Mädchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte
+entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als
+er ihm von des Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden
+erzählte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus
+seinen Zügen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz
+gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem
+Unglücklichen nicht für möglich gehalten hätte, sogar recht herzlich
+lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er
+sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklärter Cherub.
+
+Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm
+die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle
+erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte
+sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser
+daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle?
+Hatte sie nicht alle naiven Künste aufgeboten, um seine
+Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die
+kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen
+Mann weggeschnappt. Sie warf allen Haß auf diese; hatte sie sich doch
+vorhin so kindisch gestellt, als könnte sie nicht fünfe zählen. Sie
+selbst--o, sie hätte sich können auf den Mund schlagen für die
+Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich
+noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wäre
+sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte
+nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schönen Fremden zu erheben. So
+dachte die Sorben.
+
+Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so
+hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber
+nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas
+recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß
+jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin
+Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida
+einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel
+war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die
+witzige Bemerkung ein: Die Fräulein kommen ihr gerade vor wie die
+Spitzen. Es heiße alles Spitzen, und doch sei ein so großer
+Unterschied zwischen den echten und unechten, daß jedes Kind die
+Feinheit der echten von den gröberen unterscheiden könne. Sie hatte
+triumphierend über ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des
+Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnädiges Fräulein,"
+hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht
+irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens
+habe ich mir sagen lassen, daß die ganz echten gelblichbraun
+aussehen." Hatte er auf ihre bräunliche Haut anspielen wollen? Die
+Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so höhnisch dabei
+ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida gänzlich zu
+ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer
+Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß der
+Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war
+auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war,
+folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich! An der Türe
+noch mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch
+verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie
+mußte hören, wie er versprach, recht oft herüberzukommen.
+Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum
+Abschied küßte, den Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich,
+mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.
+
+"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Präsident, als die
+Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die
+noch bei ihm saßen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein!
+Schade nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie
+er alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten,
+was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig
+ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten.
+Er wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte.
+Die Gräfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte
+übrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--"
+
+Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und
+fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht
+nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr
+Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem
+listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa
+über seine Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer
+Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe
+der Männer gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher
+Reisenden: "Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Sie erinnerte
+sich an die üppigen Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die
+schon so manches junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre
+wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng
+stiftsfähige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar
+nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben
+zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und daß sie es war, sagte
+ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden
+hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer
+sagte ihr, daß dieser fremde Mann sie nicht betr--
+
+Nein, betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut
+dieser Augen konnte nicht täuschen! Froh dieser Überzeugung, die sie
+während des Auskleidens gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und
+machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre,
+mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein," sprach die
+Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den
+Kampf um den schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz
+als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar
+weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine
+Wenigkeit, gegen Höchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und
+dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das
+weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus
+der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem Goldenen Mond hinüber
+und flüsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und träume
+süß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloß selig die
+Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das
+unbekannte Land der Träume; da schüttelte sie ein jäher Schrecken
+wieder auf und jagte sie aus dem Bette.--
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS STÄNDCHEN.
+
+Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner
+gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den
+ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor
+Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ.
+
+Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache
+eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft
+hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus
+Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer
+seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische
+Dogge. Dieser war der Fuß abgefahren worden, und,--wie es mit den
+Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder
+geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,
+erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen Vieren so gut
+als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben
+kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald
+in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar
+keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht
+mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster
+hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte
+sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm
+deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität
+nehme?
+
+Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich
+ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte
+auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den
+Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt,
+wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das
+große Werk.
+
+Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem
+neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo
+sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es
+aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an;
+denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips
+bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber
+die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach
+also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem
+Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des
+Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft
+entschlafen sei, so werde zum ersten Stück kein Adagio gewählt,
+sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern
+_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert
+Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften
+Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die
+zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der
+Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen ließ--Kapellmeister
+winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten
+Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem
+einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art
+von Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es
+brenne irgendwo im Städtchen; als sie aber nachher deutlich einige
+Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik
+sei, die ihr gelte.
+
+Es war kalt; sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke
+und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so
+unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der
+Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er,
+der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht
+diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen
+auszudrücken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtönenden
+Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken.
+
+Jetzt schwieg die Musik; sie hörte Stimmen auf der Straße.
+
+Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne
+an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten
+Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube,
+die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."
+
+"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte
+Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar
+gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer
+Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den
+Armen in der Luft. "Blast! O wären das die schwedischen Hörner und
+ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"
+
+"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter.
+"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von
+neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die
+Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein
+Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich,
+dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der
+empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug
+ein Uhr, als die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller
+Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht
+gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise
+verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder
+dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht
+hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig--
+
+Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das
+bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm
+nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht
+deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war
+er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und
+Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen?
+Konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen
+machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er errötete, als sie ihn zum
+Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige
+war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee
+neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr
+zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen
+Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt,
+sie gedrückt und ihr zugeflüstert: "Ich weiß wohl, darf es aber nicht
+sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße
+Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.
+
+Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst,
+um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte
+sich selbst aus über ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muß mir
+beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der
+muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf
+sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet; da will ich schon erfahren,
+ob er mich lie--"
+
+Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr
+Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein
+süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas
+Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit
+dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines
+andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen
+ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen
+gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran
+dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese
+melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden!
+Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie
+huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und
+schlich sich ans Fenster; sollte Mart--
+
+Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen
+waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an
+den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und
+jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie
+seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße
+Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah
+deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein
+bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen könnte, wie
+köstlich, wie wunderschön wäre es!" dachte Ida, hüllte sich tiefer in
+ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll
+Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines
+jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört
+hatte und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre
+sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein
+Silbchen von den polnischen Wörtern; aber dennoch faßte sie den Sinn
+so gut als irgend eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne,
+die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich
+nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die
+ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen
+stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen; sie schlich sich zurück
+zu ihrem einsamen Lager; Emils Töne begleiteten sie. Die
+geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des
+interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der
+ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles
+erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein
+unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja,
+sie war geliebt--diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die
+Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie
+preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die
+entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle
+Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder
+angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch
+ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das
+pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die
+Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute
+noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE FREILINGER.
+
+Die Leute in Freilingen sind wie überall; es vergingen keine acht
+Tage, so wußte jedes Kind, daß Präsidents Ida und der reiche Pole ein
+Paar seien. Die Freilinger ärgerten sich nur darüber, daß man ihnen
+Sand in die Augen streuen wolle; daß die beiden Leutchen einander
+vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an
+gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er überhaupt in dem
+obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott
+weiß durch was für Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt
+hatte? Papa-Präsident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, daß
+der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee
+vorging, das wußte freilich jedermann, weil man hie und da so ein
+paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer,
+nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wußte
+niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da
+spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und
+vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geschehen könne; aber man wußte
+ja von früher her, wie er dem Mädchen alle losen Streiche durch die
+Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie größer ist.
+So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mädchen, die
+Ida, tut jetzt so jüngferlich und so zimperlich, als wäre sie in der
+Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild,
+ausgelassen, trotzig; das müßte ja ein Gott sein, der aus einer
+solchen Hummel ein reputierliches Mädchen ziehen wollte. Aber in
+allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden;
+da sagt man den Mädchen: Ihr könnt alles tun; aber haltet Maß und
+treibet es fein! Daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendspiegel aus
+den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein
+wenig frei nach französischem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das
+ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten,
+sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der
+Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weißnichtwoher und
+Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So
+urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mädchen, das in
+ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Böse überall
+schneller um sich greift als das Gute, so wußte und glaubte schon
+nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse
+Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmlosen Martiniz erging das
+nämliche Gericht.
+
+Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn
+Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A
+bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie für Pläne haben usw. Kauft
+einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen
+Landes, so ist er ein unerträglicher Geheimniskrämer, der allein das
+Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wissen sollen, was an ihm
+ist. Dieser Pole vollends versündigte sich auf die impertinenteste
+Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida;
+und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort
+bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte
+niemand sagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu tun habe; schon
+sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch,
+das sie gar zu gerne durchblättert hätten. Das ist ein Bruder
+Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein
+Mensch ohne ein Fünkchen Lebensart; sonst würde er wenigstens seine
+Tischnachbarn mit seinen näheren Verhältnissen bekannt machen, würde
+auch in andere anständige Zirkel kommen als nur zu Präsidents. So
+urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und
+seinem Verhältnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle
+einverstanden, daß der Präsident von seinen Verhältnissen doch etwas
+wissen müsse; denn er lächelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen
+des Fremden anbohrte.
+
+Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und überall kursierte er
+unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches
+Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß
+zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr,
+nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FEINDLICHE MINEN.
+
+Wie es übrigens zu gehen pflegt: die ärgsten Feinde Idas und des
+Grafen ließen sich öffentlich am wenigsten über dies Verhältnis aus.
+Frau von Schulderoff und Fräulein von Sorben fühlten sich bis zum Tod
+beleidigt; aber sie hielten öffentlich an sich und schwiegen.
+
+Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas über den
+Fuß gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen
+Winter hindurch dem Fräulein die Cour gemacht; das Verhältnis hatte
+sich aber aufgelöst, man wußte nicht wie. Jetzt, da sie in
+_einem_ Spital krank waren, jetzt näherten sie sich wieder, und
+obgleich das Fräulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld
+gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergaß sie doch
+einstweilen diese Kränkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu
+rächen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als
+jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, daß
+das Unglück des Leutnants vor dem Hause des Präsidenten, von dem die
+ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufällig sei, als man es erzählte;
+sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, daß die Nachtmusik,
+von den zwanzig Regimentstrompetern aufgeführt, nicht den Grafen,
+sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die
+Mauern von Jericho, so die Steinwälle und Gußeisentore von Idas
+Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen.
+
+Dies alles fühlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_
+wußte, so richtig zusammen, daß sie über den ganzen Roman des Herrn
+von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglückten
+Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch spröder behandelt worden
+war,--mochte sie nun ahnen, daß die Sorben auch ein wenig verletzt
+sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen
+dem Fräulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stücken
+die Sorben, teilte ihr mit, was sie wußte, und ließ sich mitteilen,
+was das Fräulein im stillen erlauscht und erspäht hatte. Übrigens
+lebte auch sie in der festen Überzeugung, Martiniz und Ida haben sich
+schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn
+von den nächtlichen Leiden des unglücklichen Grafen ahnte niemand
+auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Küster des Münsters in
+dieser Sache.
+
+Unbegreiflich war und blieb es übrigens sowohl der Frau von
+Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener
+Herr schien, nicht schon lange bei dem Präsidenten um Idas Hand
+gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die
+nur einen Grund sehen wollten, waren einig darüber, daß es dem Grafen
+entweder nicht recht ernst sei, oder daß es sonst irgendwo ein
+Häkchen haben müsse. So hatten beide Damen schon seit vielen
+Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander
+zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch
+nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, daß ein Kammerherr, den
+Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen
+Frau, bei welcher Fräulein Sorben gerade auf Kaffee war, während man
+umspannte, einen Besuch machte.
+
+Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Kammerherr
+hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von
+Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn
+fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien.
+
+Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz.
+"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit
+den drei Milliönchen, der unsere Gräfin Aarstein--Ja, wahrhaftig!
+Jetzt fällt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er
+sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit
+Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert;
+denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag
+erwartet; das Verhältnis, das er hier angeknüpft hat,--da können Sie
+sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil
+er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht für die Sanden!"
+
+Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese
+Nachrichten hörten. "Sie sprachen vorhin von der Gräfin Aarstein,"
+sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--"
+
+"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin,
+"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wünscht sie
+wieder vermählt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fürst
+überdrüssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches
+sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich
+hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs
+dringendste empfohlen; denn man macht hauptsächlich wegen seines
+Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein großes Wesen aus
+ihm; kaum hört die Aarstein von den drei Millionen und dem alten
+Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterläßt, so erklärt sie mit
+schwärmerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---:
+'Diesen und keinen andern!' Man ist höheren Orts schon gewöhnt, ihrem
+Trotzköpfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja überdies ganz
+herrlich mit allen Plänen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet
+und, so viel ich weiß, schon so gut als richtig."
+
+"_Est-il possible, est-il croyable?_" tönte es von dem Mund der
+erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann
+Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fräulein von Sanden, die
+Sie aus der Residenz kennen müssen, ist sehr liiert mit dem Grafen,
+und ich fürchte, ich fürchte, die Gräfin kommt nicht zum Ziel!"
+
+"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das wäre
+doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung;
+die Gräfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Lächeln,
+mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestätigung; und wenn er auch
+nicht wollte, er muß sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof
+vor den Kopf stoßen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die
+Gräfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr
+Gewicht als alle übrigen zusammen, ist schön, blühend, macht das
+beste Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken
+hätte, sie auszuschlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das soll mich doch
+wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen.
+Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem
+Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzählte man
+sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber
+gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun,
+Glück auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann paßt er zu
+der Gräfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhältnis schaden
+könnte; die Gräfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre
+Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr
+Onkel, Fräulein von Sorben, kann Ihnen über diese Sache die beste
+Auskunft geben; denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht die
+Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr
+empfahl sich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und
+Verwunderung zurück.
+
+"Arme Ida!" sagte die Sorben spöttisch. "So viel Routine hast du denn
+doch noch nicht, daß du Geschmack daran finden könntest, die Nebenbei
+des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Dämchen, das also in
+der Residenz die Spröde so schön zu spielen wußte, aufschauen wird,
+wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in
+Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal
+morgens verschwunden ist, am nächsten Posttag aber ein Paket einläuft
+mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete
+Gräfin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist."
+
+"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die
+Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich
+ärgern, daß es die Gräfin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie
+Sie hörten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--"
+
+"Sie kennen den Sporeneck, gnädige Frau?" fragte die Sorben, und ihr
+gelbliches Gesicht schien tief über etwas nachzusinnen.
+
+"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei
+uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es
+nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein
+Mädchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht für sich
+gewann!"
+
+"Herrlich, das muß uns dienen," fuhr das Fräulein fort; sie setzte
+auseinander, daß ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief
+angebissen bei Präsidents und als wolle er vor der Hand nicht an die
+Gräfin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat
+von Sorben, gehörig präparieren, und sie stehe davor, daß der Graf
+die längste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten wäre es, wenn
+man die Aarstein selbst in Freilingen haben könnte; doch sei dies bei
+dieser Jahreszeit nicht wohl möglich; darum solle auch Frau von
+Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefälligkeit
+erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den
+Grafen recht eifersüchtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin,
+daß er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch
+im übrigen bald geholfen.
+
+Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stürmisch und ergänzte den
+Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann
+fühlt, daß man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist
+auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch
+nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Präsident
+mit seinen Friedrichsdors herausrückt und unsern Schulderoff wieder
+flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekümmere ich mich
+dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur
+Tunichtgut auskommt."
+
+Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht
+und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von
+Fräulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit
+bewunderungswürdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des
+Präsidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, daß man
+schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und daß sie nur
+bedaure, daß dadurch der Residenz ein glänzendes Haus entzogen werde;
+denn Ida scheine darauf zu bestehen, daß der polnische Graf sich in
+Freilingen niederlasse.
+
+Der Brief, das wußte sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn
+auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht hätte, bei der
+eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Gräfin Aarstein seine
+Hand im Spiel zu haben, so hätte ihn doch der letzte Punkt des
+Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des
+Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, daß ein großes
+Haus mehr in die Residenz kommen könnte, war begeisternd für ihn.
+Unter allen Sterblichen schätzte er die am höchsten, welche Häuser
+machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer,
+sondern die, welche ihm Schildkrötensuppen, fette Austern, feine
+Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmäßig einmal
+in der Woche des Abends Türen und Tore öffneten, um frohe Gäste bei
+sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, köstliche Bälle zu geben
+wußten. Solche Häusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein
+altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten
+tot oder lebendig, vier- oder zweifüßig sein, mochten dem Gaumen oder
+der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war
+ein Kenner, und daher mußte es in seinen Wünschen liegen, ein
+Dreimillionen-Gräfchen in die Residenz zu bekommen.
+
+So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne daß er es merkte, bei allen
+fünf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefaßt, und sie
+durfte überzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich
+Schulderoffschen Palais, das für jetzt, in Ermangelung eines bessern,
+nur aus einigen Mansardenstübchen bestand, lief ein Brief ab, der
+keinen geringeren Hagelslärm, kein schwächeres Hallo in die Residenz
+machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die
+Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche
+Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3,
+überschrieben und lautete wie folgt:
+
+ "_Freilingen_, 11. Dez. 1825.
+"Herr Bruder!
+
+"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu
+wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und
+sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug
+aus. Den Säbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiß nicht,
+daß der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier
+hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder,
+vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan
+hier angekommen, der ihr jetzt täglich und stündlich die Cour
+schneidet. Begreife übrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier
+allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnöde abgewiesen. Auf
+Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine
+vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich
+sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affäre, was ich fürs beste
+hielte, selbst einige Wörtchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder
+mit dem Fräulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu
+Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer
+Geld haben und scheint meines Erachtens der angeführte Teil; denn sie
+hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe
+wohl, grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in
+Bruderliebe Dein
+ "_Franz von Schulderoff_,
+ Leutnant bei Königin-Dragoner."
+
+Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist
+für Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein
+und heiter; aber indem es in das reine Blau des Äthers hineinsah und
+sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr
+stilles Glück zu suchen und zu zerschmettern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+GEHEIME LIEBE.
+
+Aber so gewiß die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wußten sie
+doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die
+erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnügt,
+still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübsches
+träumt, und einem andern käme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie
+gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgültigsten Dingen
+und denken an das, was ihr Herz erfüllt; sie wagen es nicht
+auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen;
+denn sie tragen den Schlüssel zu dieser Zeichensprache nebst
+Wörterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei
+Martiniz und Ida. Sie wußten, daß sie sich liebten; aber noch hatte
+der Graf nie deutlich darüber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine
+Gelegenheit gegeben, sich zu erklären.
+
+Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er
+liebte die beiden guten Leutchen, als wären es seine eigenen Kinder;
+darum hätte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegönnt, eben darum
+konnte er aber dieses verschämte Treiben nicht leiden. Er war so halb
+und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage
+von des Mädchens Schönheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden
+vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, daß er glaube, Ida sei ihm gut;
+aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den
+Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr
+Herzchen beinahe, seit es schlug; er wußte jede Schattierung in ihren
+Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil
+und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht
+recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mädchen, weniger übel
+nehmen als ihm.
+
+"Nein, wer mir je so etwas gesagt hätte," dachte er, "dem hätte ich
+mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde-
+Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie,
+und wagt nicht einmal, ein Mädchenherz, das ihm gewogen ist,
+anzugreifen." Er hätte mögen aus der Haut fahren, wenn er daran
+dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die
+Welt in den letzten Jahrzehnten sich so ändern konnte. Aber wie, wenn
+Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmöglich, es konnte
+Gewissenhaftigkeit sein, daß er sich nicht erklärte; befand er sich,
+der unglückliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben
+Zustande, wie er hier angekommen war.
+
+Der Küster, der jetzt regelmäßig nachmittags sein Däpschen hatte,
+ohne daß seine Frau begreifen und ergründen konnte, wo er das Geld
+dazu herbringe, der Küster hatte dem Hofrat alle morgen referiert,
+wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei;
+er hörte zwar, daß er seit neuerer Zeit weniger stark wüte; daß er
+aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem
+Zustand; es war kein Zweifel, daß der Graf jede Nacht um dieselbe
+Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag über keine
+Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blässe, das Wehmütige, das noch
+immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, daß er
+körperlich oder geistig angegriffen sei.
+
+Seinen Entschluß, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn
+zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausführen können; je
+näher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er täglich
+vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen
+bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine
+Geheimnisse eindringen zu wollen.
+
+Aber unablässig verfolgte ihn der Gedanke, daß er vielleicht, wenn er
+das Nähere über des Grafen Krankheit wüßte, helfen könnte. So saß er
+eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft
+wohl ansah; der Küster hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig
+bei ihm eingesprochen und erzählt, gestern nacht sei der fremde Herr
+so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, daß ein
+Töpfer die Hände darunter hätte waschen können. Er sann hin und her,
+wie man dem Geheimnis benommen könnte; da klopfte es bescheiden an
+der Tür, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer.
+
+Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an
+seinem jungen Herrn zu hängen, schien so väterlich für ihn besorgt zu
+sein, daß man sah, er müsse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und
+gepflegt haben; recht erwünscht kam er daher gerade in diesem
+Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfüllt
+war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen
+solle; denn daß er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner
+gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfältig umgesehen
+hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er näher.
+
+"Mit Exküse, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten
+Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnädig,
+wenn er ein Wörtchen im Vertrauen sprechen möchte!"
+
+"Wenn es keine Klagen über deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch
+von der Leber weg!" sagte Berner.
+
+"Klagen! Jesus Maria, wie käme ich bei unserem jungen Herrn zu
+Klagen; habe ich ihn doch auf den Händen getragen, als er's
+Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen
+Tag, und er hat mir noch kein unschönes Wort gegeben, so wahr Gott
+lebt, Herr, und das sind jetzt fünfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst
+etwas hätte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnädig
+nehmen wollen. Ich weiß, Sie sind meines Herrn bester Freund in
+hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein
+Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiß auch vom
+Küster, daß Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas
+wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott
+lohnen wolle--"
+
+"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzählen, wie
+Dein Herr in diesen unglücklichen Zustand kam, daß er alle Nacht von
+einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich
+nicht etwa helfen könne?"
+
+"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn
+nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter
+Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzählen,
+wie er dazu kam."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EMILS KUMMER.
+
+"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist
+er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam
+seine Straße, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie hätten
+ihn sehen sollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein
+Schwester lebten. Keinen frischeren, kräftigeren jungen Herrn gab es
+in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und
+lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen
+schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten
+mir immer die Tränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den
+himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade
+zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre
+Fähnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fräulein Schwester
+herauflächelte wie verklärt und seinen Tigerschimmel dazu tanzen
+ließ.
+
+"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter
+Antonio nach Warschau führte. Das war ein Schwestersohn von der Frau
+Gräfin Exzellenz, ein schöner, schmucker Italiener mit braunroten
+Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe.
+Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schönen
+Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man
+sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es
+gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muß auch so gewesen sein; denn
+--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen
+Schwester, die junge Gräfin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann
+lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit
+übermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm
+nur an den Augen absehen konnte.
+
+"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, daß Herr Baron
+Antonio die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber,
+welche großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb
+seine Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern;
+denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen
+Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte
+Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber
+sagte lächelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wußte
+ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem
+sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts
+dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefähr ein
+Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch
+nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich,
+zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder
+hin. Ich fragte, was ihm wäre, er aber gab mir gar keine Antwort, was
+er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren
+und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein
+Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die
+Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der
+Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe Ring sei, den
+seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies aber nicht
+gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der
+Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen habe, die
+dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm
+freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde von
+Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter,
+zum Präsent bekommen zu haben behaupte.
+
+"Madame Trizka aber war die berüchtigte Kurtisane der Stadt und um
+Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort,
+ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung
+sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen
+Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen
+habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das
+meinen Herrn nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester
+mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück
+zu sagen, und beschloß daher, den treulosen Vetter sobald als möglich
+aus der Welt zu schaffen.
+
+"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den
+Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht
+gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf
+dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er
+keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit
+dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen,
+aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag
+ohne Besinnung, und die Ärzte gaben gar keine Hoffnung.
+
+"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch
+beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung
+bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ.
+Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung.
+Mein Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwölf Uhr
+hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der
+Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener
+seine gräulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und
+sah sich im Zimmer um.
+
+"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei
+schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich sah
+er meinen Herrn; wütend riß er seine blutigen Binden von der
+durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. '_Maledetto
+diavolo!_' brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf,
+sank zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu
+unterstützen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.
+
+"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht
+gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglücklich
+wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem
+Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte,
+da ging erst der Jammer von neuem an; denn während der Krankheit war
+er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Gräfin war ein paar
+Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich gestorben. Man sagt arge
+Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter
+Diener nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer gesiecht
+hatte, überlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe.
+
+"Der junge Herr vernahm dies alles mit großer Fassung; als man ihm
+aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er außer sich, so
+daß wir fürchteten, er komme wieder vom Verstand.
+
+"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle
+glaubten; denn der Graf ließ sich auf sein Grab führen, weinte dort
+lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung.
+Als ich in der nächsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten
+Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches
+Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in
+Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem
+blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie
+ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu
+geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hörte auch sein Wahnsinn auf. Aber
+seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells
+Begnadigung, mußte aber auf einige Zeit sich außer Landes begeben.
+
+"Diese Weisung kam erwünscht; denn die Ärzte rieten zur Zerstreuung
+durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz
+Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube
+nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe
+mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den
+Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er
+mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag,
+von da an behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er
+am Altar sitze.
+
+"Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht
+jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie
+es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut.
+Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn
+Tagen hat er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint."
+
+Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine
+Erzählung beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es
+wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen
+Gaben des Glückes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in
+so namenloses Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen;
+aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen
+schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon
+versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm
+behilflich sein könnte bei dieser Sache.
+
+Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann
+dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten
+Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen.
+Vor allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht
+gesehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn
+besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel
+des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des
+Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß
+ich jeden berühmten Arzt um Rat fragen konnte. Überall, wohin wir
+kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die
+Ärzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft
+probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.
+
+"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht
+hätte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein
+kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich
+Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern
+betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen.
+Den andern Tag sagte er zu mir: 'Höre, Alter! Dein Herr ist
+unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme
+Liebe zu einem Mädchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine
+recht gefaßt, so ist es unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich
+zerstreut und nach und nach vergeht.'
+
+"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich
+wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch
+Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er
+verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an
+keinen Ort, wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über
+einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst
+recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem
+alten Herrn Onkel.
+
+"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem
+Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen
+hieher ins ----sche gehen.
+
+"Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für
+möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr
+auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht
+er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt
+ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das
+Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir
+solle Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so
+verwundere, und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe.
+Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde
+ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der so holdselig
+herüberlächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging
+mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses
+Fräulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang
+schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus
+gegenüber.
+
+"Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie,
+mein Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele,
+obgleich ich für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte;
+aber ich will die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er
+seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus
+hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber.
+
+"Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er
+raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz
+ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine
+Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der
+Stelle mein Hab und Gut geschenkt hätte; dem Engelsfräulein aber, das
+dies Wunder bewirkte, möchte ich, so oft ich es sehe, vor purer
+Freude zu Füßen fallen.
+
+"Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte,
+ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn
+sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht
+sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen
+Sie ihn nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal
+wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er
+anhat,--da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen
+Marbelstein in der Brust hätte statt eines Herzens. Über das Vermögen
+will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich
+eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Güter Ratitzka,
+Martinizow, da ist Flazizhof, da--"
+
+"Laß gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon
+könnten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn
+betrifft, so glaube ich selbst, daß er das Fräulein gerne sieht; wie
+das Fräulein über ihn denkt, weiß ich nicht so genau, doch kann sie
+ihn nicht übel leiden. Das Ding muß sich übrigens bald geben, glaube
+mir! Hat dein Herr das Fräulein recht von Herzen lieb, so soll er,
+merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich könnte dafür
+stehen, daß sie nicht Nein sagt."
+
+Der alte Brktzwisl war außer sich vor Freude, als er dies hörte.
+"Nun, das muß wahr sein, wenn sich vernünftige Menschen miteinander
+besprechen, gibt es ein Stück; mein Herr soll dran, soll Hochzeit
+haben und wieder fröhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln,
+und all sein vierzigjähriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht,
+ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten
+Fährte hat."
+
+"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du
+den Herrn Neveu verheiratest? Das Fräulein ist eigentlich doch keine
+rechte Partie für einen polnischen Grafen--"
+
+"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an
+der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist
+ein räsonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht.
+'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir
+abfuhren, 'bringe ihn vernünftig zurück _à tout prix_!' Da darf
+man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir
+uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist
+eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu
+gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und daß der
+Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafür stehe ich! Ach, wenn er nur
+das liebe Engelskind selbst sehen könnte!" Dem alten Mann schien der
+Mund zu wässern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und
+ging.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SELIGE BERNER.
+
+Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem
+andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem
+klugen Alten nicht merken lassen dürfen, und doch hätte er dem alten
+verwitterten Polacken um den Hals fallen mögen, so recht ins Schwarze
+seiner Seele hatte er mit seinen Plänchen getroffen. "Ein kapitaler
+Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den wären wir doch
+samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plänchen ganz und gar
+den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben
+und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der
+alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen
+Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Königin Aarstein und dem
+Staatssekretär Springer mit seinen Winkelzügen ein verdecktes und
+entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es
+war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten,
+der sein letztes Examen im Rücken und vor sich die Aussicht auf eine
+fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kühen,
+Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde
+residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig göttlich zu Mut, als
+hätte er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und
+regiere an geheimen Schicksalsfäden das Los des Grafen und seiner
+Ida.
+
+Alle Leute blieben auf der Straße stehen, als Berner vorüberkam. Man
+kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne
+jedermann grüßte und hier und dort mit einem sprach; aber heute--
+nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin
+sprach und lächelte, alle Mädchen in die Wangen kniff, allen Männern
+zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt prügelten,
+einige Groschen schenkte, daß sie sich einen vergnügten Tag machen
+möchten. Den Präsidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen
+guten Morgen, schüttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte
+sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier
+angestiegen komme, um sein eheleibliches Töchterchen zu freien.
+
+"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen
+mit der Gräfin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der
+Präsident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner?
+Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?"
+
+"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt
+noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst
+denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, daß ihm das Feuer
+aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem
+Staatssekretär den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie gütigst,
+wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand für meine zärtlichen Neigungen
+rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders
+gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen
+Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so wäre der
+Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Präsident.
+
+"Verliebt, wie ich sage, und für die Gräfin so gut wie verloren."--
+"Ei, ei," sagte der Präsident mit einem klugen Gesicht, indem er die
+Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich
+gedacht, daß das Attachement an die hohe Person nicht so gar groß
+sein müsse. Du weißt von den Aufträgen, die mir in einem
+Handschreiben des Staatssekretärs zukamen; ich richtete mich mit
+aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst
+über die hiesige Gegend an; weiß Gott, ich meine, der Mensch wird mir
+närrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den
+vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen
+Lokalschönheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und
+fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in
+meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, daß ihm die hellen
+Tränen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der
+Freilinger Kreis ist nicht übel; aber die Gräfin Aarstein ist
+wahrscheinlich der Köder. Ich wende also das Gespräch auf den Hof und
+endlich auch auf die Gräfin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig
+wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeißen wollte, ob
+er die Gräfin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes
+Gesicht, wie wenn man beim überzuckerten Kalmus endlich aufs
+Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par
+renommée._' Das ist nun freilich bei der Frau Gräfin nicht das
+beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von
+dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretär schlecht
+manövriert."
+
+"Weiß Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich könnte dir Dinge
+sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den
+Herrn Grafen als Bräutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht,
+an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein
+Landeskind unseres allergnädigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes,
+schönes--"
+
+"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der
+Präsident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es
+mir, daß es die Gräfin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der
+Hand Nachrichten über sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal."
+
+War es dem Präsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat
+außerordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg,
+als er näher und näher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mädchen
+Wunderhold empfing. Er hätte mögen nur gleich mit allem, was er im
+Herzen und Gedächtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den
+Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt
+dirigierte, wäre _das_ Mädchen bis in das Herz hinein errötet
+und davongelaufen. Daher ließ er seine Gedanken eine kleine
+Schwenkung rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der
+Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Rührung in die
+linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzählte er
+ihr das Unglück des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die
+rührendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu
+schildern.
+
+Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mädchens Tränen
+flossen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn sie sich den
+fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von allen,
+und plötzlich so unendlich unglücklich--ja, jetzt hatte sie den
+Schlüssel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.
+
+Jetzt wußte sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so
+bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er
+niemals wieder recht fröhlich sein könne. Er hatte seinen liebsten
+Freund getötet, und, wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ,
+unschuldig getötet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, desto tiefer
+fühlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so
+verwandten Brust.
+
+Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses
+Tränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber
+gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein möchte; so
+schonend als möglich berührte er diese Saite, indem er nicht
+undeutlich zu verstehen gab, daß ihre Nähe wunderbar auf ihn zu
+wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besänne, ob sie
+auch recht verstanden habe; eine hohe Röte flog über das liebliche
+Gesichtchen, ein schelmisches Lächeln mitten durch die Tränen zeigte,
+daß sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zögern, das
+auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die
+Brust des alten Mannes, verbarg ihr glühendes Gesichtchen und
+flüsterte kaum hörbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere,
+innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie
+weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob
+und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreißig Schnürlöcher des
+Korsettchens zumal zersprengen.
+
+Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz höchst komisch vor.
+Die weint, dachte er, weil sie einen schönen Mann und drei Millionen
+verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch
+um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch,
+als ob es Ihnen blutessigsauer würde, daß Sie den schönen, edlen
+Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja
+nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje
+Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um
+solche wäre es nicht der Mühe wert, sich die Hand naß zu machen, und
+wenn sie im Sumpf bis unter die Nase stäken und nicht mehr um Hilfe
+schreien, sondern nur ein wenig näseln und rüffeln könnten. Aber
+nein, da ist der Ausbund von Männerschönheit, der Mann mit dem
+interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blässe, welche die
+Gemüter so anzieht, mit dem feinen Bärtchen über den Lippen, das ein
+ganz klein wenig sticht, wenn er den würzigen Mund wölbt zum Ku--"
+
+"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und
+reputierlich wie eine Karthäuserin, und doch mußte das lose Ding die
+Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein
+Fünkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böse Welt, den Herrn
+Hofrat an der Spitze, gleich darüber kritisiert, ob es einem
+_schönen_ Herrn gegolten oder nicht."
+
+"Nun, nun," lachte der Hofrat noch stärker als zuvor, "es kommt immer
+besser; Sie machen ja, weiß Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie
+mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im
+Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es
+faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von
+Sorben und Frau von Schulderoff, die große Stadtklatsche, aus jedem
+Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter
+dem Vorhang hinüber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die
+bösen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen
+Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den
+schönen Sternen, welche das schönste Feuer haben,--da muß man ja doch
+auch in den Mond sehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener
+scharfsichtige Astronom, Städte, Festungen, ganze Wälle und
+Verschanzungen darin erschauen, sondern höchstens die Besatzung
+selbst, den Gr-"
+
+Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde röter als ein
+Purpurröschen, sie preßte dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den
+Mund, daß ihm Hören und Sehen verging, und schmälte ihn jetzt so
+tüchtig aus, wie er früher sie selbst geschmält hatte, als sie noch
+ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hören müssen,"
+eiferte sie, "man soll die schönen Püppchen nicht beschmutzen, und
+Sie, böser Hochverräter, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz
+schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles
+untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz
+lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und
+nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die
+Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes
+Oberbuchhaltergewissen vertragen?"
+
+Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war
+ihm so verpetschiert, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au!
+hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schöpfte
+tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige
+Strafe sei, daß Sie auf der Stelle über und über rot werden!" Ida
+behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half
+nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, daß der Graf seit
+einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als
+einen, höchstens zwei Tage verweilt, daß er auch eigentlich hier nur
+einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe
+Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der
+Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als
+er es aussprach.
+
+"Wegen mir wäre er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht
+weiter; ein holdes Lächeln geschmeichelter Selbstzufriedenheit
+schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward
+überall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht
+ein tiefes Rätsel für den Forscher war,--war es Freude, war es
+Schmerz?--das überraschte Herzchen machte sich in heißen Tränen Luft.
+Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem
+anfangen, wollte die lindernden Mittel der Fröhlichkeit und des
+Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen
+hatte, wollte das Mädchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn
+möglich, war das möglich, wenn man _dieses_ Auge in Tränen sah?
+So mit ihrem Schmerz beschäftigt, hatte er ganz überhört, daß man
+schon zweimal an der Türe geklopft habe; leise wurde sie endlich
+geöffnet, auf dem weichen Fußteppich hallte kein Schritt--Ida war es,
+als wehe sie ein kühlendes Lüftchen an, es war ihr so wunderwohl und
+süß zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen
+lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgröße Graf
+Martiniz.
+
+Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade
+in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida
+gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ sie nicht lange
+in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so
+unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden
+gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet.
+Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines
+Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen dürfe. Ach!
+er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Tränen, die
+aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Mädchenherzens
+heraufdrangen.
+
+Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte lächeln,
+aber ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er
+hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu
+dürfen, daß es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem
+Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch
+mußten die Blößen benützt werden. Der Zweck heiliget die Mittel,
+dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich
+eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also
+sein Hütchen, brach auf und flüsterte dem Grafen laut genug, daß es
+Ida hören konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen
+und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie
+weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fräulein, weil sie meint, Sie
+seien unglücklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen
+Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem,
+der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird. "Der Würfel
+liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt;
+zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ENTDECKUNG.
+
+Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Ölgötzen;
+keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem
+hielten sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen
+gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr,
+als stäche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz,
+und ein anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie
+herab, und im nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedheiß zu
+Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede
+und ein Rheinstrom von rotglühendem, flüssigem Eisen durch alle ihre
+Nerven sich ergösse. Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und
+davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit
+weinen; ein tiefer Seufzer entriß sich dem gepreßten Herzen--
+
+Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium
+dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und
+Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet
+und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe
+abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch
+dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen
+Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er
+hatte--doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblicke helfen, daß
+er sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn
+hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in
+seinen Träumen allnächtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie
+hatte um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt!
+
+Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham
+aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund,
+tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser
+Brust ansah--er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt,
+die Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen,
+niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit
+wahrhaftem Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und
+alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen
+Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle
+Amorettenköpfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem süßen Wesen.--Er
+hörte sie seufzen, eine große, helle Perle hob sich unter den
+seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund
+darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.
+
+"Können Sie zürnen, mein Fräulein," hub er an, "daß ich zu so
+ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine
+Antwort.
+
+"Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich
+hätte mir gewiß nicht die Freiheit"--noch keine Antwort.
+
+"Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt;
+zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel
+früher als andere; möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls
+vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen
+um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern.
+
+"Sie zürnen mir also dennoch," fuhr Martiniz trübe lächelnd fort;
+"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal
+zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida
+hielt ihn fest.
+
+"Herr Graf!" flüsterte sie leise bittend--
+
+"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft
+haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu
+sagen?"
+
+"Martiniz!" flüsterte sie wieder.
+
+"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht
+mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?"
+
+"Emil!" hauchte sie kaum hörbar; aber in diesem einzigen Wörtchen lag
+ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll
+namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand;
+doch er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber
+dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden
+Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen,
+warum er so trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde
+sie ihn entschuldigen.
+
+Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie
+der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen
+Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu
+gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener
+langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch
+seiner Verstandeskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die
+ganze Erde so öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die
+selige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe; besonders seine
+Schwester habe er glücklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne,
+den sie liebte--wie hätte sie ferner glücklich leben können?
+
+Aufs neue sei damals eine große Bitterkeit in seiner Seele gegen den
+Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen
+schien, um ein holdes Mädchen auf wenige Stunden glücklich zu machen
+und dann zu betrügen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum
+unerbittlichen Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief
+gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe;
+er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwürdigen
+Schande. Antonio habe lange geahnt, daß er, obgleich ihr Verlobter,
+doch nicht der einzig Begünstigte sei. Er habe sie in einem
+Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel über die Unwürdigkeit
+der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem
+Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen
+Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau
+verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit
+den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der nächsten besten
+Metze schenken.
+
+"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der
+edle, so schändlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich
+handelte, wissen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die
+Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persönliche
+Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er
+sich denn mit seinem ganzen Unglück, mit seinem noch größeren Edelmut
+vor die Mündung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld
+meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wütete ich gegen mich
+selbst.
+
+"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo
+er verschieden war, fühlte ich auf einmal seine Nähe, sein
+blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele faßte das
+Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen
+Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde,
+kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er würde mir
+im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen.
+
+"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte
+Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist
+für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur ist
+mir erstorben; ein rastloser Flüchtling, eile ich über die Erde hin,
+verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst
+erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe
+und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger
+Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der
+letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die
+der Frühling aus meiner Asche keimen läßt."--
+
+Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten
+Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen
+Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten
+Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte
+stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache
+hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende
+Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich
+kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von
+den zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida,
+das Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ
+die Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber
+ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge
+etwas Schwärmerisch-Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über
+einen großen Entschluß nach.
+
+So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe
+hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über
+seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das
+Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel
+zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese
+Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte.--
+Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten
+Verhältnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie
+ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte
+Berner weiß sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er
+aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar
+bitterlich weinte und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde
+hätte erbarmen mögen,--da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf,
+eine Gänsehaut flog über seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust
+zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich
+hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen
+hervor traf ihn doch ein so mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl
+und warm wurde, als hätte er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor
+den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht,
+mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte,
+kluge Äuglein dazu, daß Ida, so ernst sie sein wollte, lächeln mußte.
+Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie sie von Anfang durch seine
+doch etwas gar zu indiskrete Äußerung sehr außer Kontenance gekommen,
+daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken könne; denn der Graf habe
+ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt, und sie sei wie von ihrem
+Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome könne befreit werden.
+Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte;
+jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb
+sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände. "Sie
+können und müssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle
+Wagestück von vorhin eingegeben. _Sie_ müssen ihn überzeugen,
+daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen machen, daß er
+wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag
+freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche
+läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit
+höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu
+fürchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die
+ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so recht im
+Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen
+herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles
+Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der
+zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich, der
+Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder
+Kardinal und für Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden
+soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach
+und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus
+der Tasche oder läßt sie in der Tasche repetieren, daß man glaubt, er
+habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er
+sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin
+kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fürchterlichsten Eide dazu
+schwöre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz
+schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiß das besser,' sagt
+sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer
+weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhältnis, wenn
+der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll.
+Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre
+Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und
+Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft--"
+
+"Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fräulein
+eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über
+errötend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch lächelte und
+innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und
+Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach,
+und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei
+seinem Leisten!"
+
+"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner
+mit komischem Pathos, "leider heißt es bei mir: _ne ultra crepitam_,
+[Fußnote: Nicht über den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als
+die hübschen Füßchen und höchstens, aller--allerhöchstens jahrs
+einmal ein hübsches Wäd--; doch um wieder auf Martiniz zu
+kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiß nur ein Mittel, wie
+man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die Torheit des
+Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt
+uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom.
+Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie
+müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei
+ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er
+wird so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie
+verschwindet." Ida sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit
+mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, daß das sich
+aufbringen heiße, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem
+landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes--
+aber der Hofrat, der das Mädchen von seiner Kindheit an kannte, sah
+tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das
+Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne,
+sträube, daß aber das Edle und Große, das sie, nur von wenigen
+gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust verschloß, schon
+jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen haben müsse; denn
+in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre
+Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen Entschlusses
+mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken, was die
+Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die
+Kirche führen,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Lächeln
+fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in
+den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt
+hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den
+landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _möchte
+hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen?
+Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas
+im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt,
+daß sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht
+sich gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für
+solche große Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht
+Schwärmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes
+und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest
+entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fühle es: _der Zug des
+Herzens ist des Schicksals Stimme!_"
+
+
+
+
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+
+
+DIE HEILUNG
+
+Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten Haus
+ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, größere, war in einen dicken
+Überrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt; die andere, kleinere,
+hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in
+einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien; denn die Person, die
+ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten
+schlichen sich dicht an den Häusern hin, gingen mehrere Straßen entlang und
+verschwanden endlich im Portal der Münsterkirche.
+
+Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz; es war
+der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große, knarrende Kirchtüre
+auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu
+zögern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als
+aber der Küster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu
+werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor,
+als fürchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen
+hervorgucken zu sehen.
+
+Am Altar machten sie Halt. Der Küster zeigte auf einen breit vorspringenden
+Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Teil der Kirche
+übersehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort ihren Platz; die
+Laterne gab übrigens so wenig Licht, daß man, ohne näher zu treten, die an
+dem Pfeiler Sitzenden von dem übrigen Dunkel nicht unterscheiden konnte.
+Indem hörte man den Glockenhammer im Turme surren und zum Schlag ausholen;
+der erste Glockenschlag von Mitternacht rollte dumpf über die Kirche hin,
+und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Säulengang herauf dem
+Altar zu. Es war Martiniz mit seinem Diener.
+
+Blaß und verstört setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, auf
+die Stufen des Altars.
+
+Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener
+Nacht, da ihn der Küster zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit
+wehmütiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versöhnt? Kannst du
+noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme tönte voll und laut durch
+die Gewölbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief
+eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel: "_Er
+hat vergeben!_"
+
+Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen röteten sich, sein
+Auge glänzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: "Wer
+bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte es an
+jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor; der Graf
+trat bebend einen Schritt zurück, sein Haar schien sich emporzusträuben,
+sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden; die Gestalt kam näher
+und, näher, der milde Schein der Laterne empfing sie, noch einige Schritte
+und--der dunkle Mantel fiel, ein seraphähnliches Wesen--Ida mit der
+Taubenfrommheit eines himmlischen Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser
+war in ein willenloses Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen
+Bewohner höherer Räume zu sehen, bis ihn die süße, wohlbekannte Stimme aus
+der Betäubung weckte.
+
+"Ich bin es," flüsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das mutige,
+engelschöne Mädchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Toten
+verkündigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der
+Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus
+Übereilung und Schwachheit gesündigt, wenn ernste Reue den Richter zu
+versöhnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; ich
+weiß, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie mit
+feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche
+wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch
+diesseits Ansprüche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in dieser
+Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner Nähe!"
+
+Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draußen in der Nacht, kein
+Lüftchen regte sich, kein Blättchen bewegte sich. Mit seligem Lächeln, mit
+dem Sieg der Überzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida wieder zum
+Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht wieder,--er
+ist versöhnt!"
+
+"Er ist versöhnt!" jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. "Er ist
+versöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn
+gebannt; Ihre treue Freundschaft für mich Unglücklichen, die ebenso hoch,
+ebenso rein ist als Antonios Treue und Großmut, sie hat den blutigen
+Schatten versöhnt. Wie kann ich Ihnen danken--"
+
+"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm
+sanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden Küssen bedeckt
+hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen als das Bewußtsein, dem
+Freunde genützt zu haben, so danken Sie mir dadurch, daß Sie sich wieder
+den Menschen schenken, daß Sie wieder heiter und froh sind, wie es Menschen
+gebührt, denen Gott die schöne Erde zu einem Orte der Freude geschenkt
+hat."
+
+Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an sein
+klopfendes Herz, sein freudiges Lächeln, ein seliger Blick sagten ihr, daß
+er erfüllen wolle, was Sie ihm geheißen.
+
+Der Hofrat war indes näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas
+schalkhafter Miene die schöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch
+nichts Schöneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem zarten,
+sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer gewichen war,
+das jetzt nur Freude und Glück aussprach, an seiner Seite die feine
+Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus den sinnigen,
+schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem hinaufsah,--sie
+beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der Laterne, an den
+Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich geformten Bogen und
+Säulen des majestätischen Tempels. "Nun," dachte Berner, "sei es um ein
+paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar; dort
+auf den Stufen steht dann der Herr Pastor primarius, und weiter unten
+müssen mir die beiden Leutchen dort knien: der Herr Pastor spricht dann den
+Segen, und sie sind kopu--"
+
+Es zupfte ihn etwas am Rockschoß, er sah sich um. Der alte Brktzwisl stand
+hinter ihm und wischte sich einmal über das andere die alten Augen, die vor
+seliger Rührung übergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr Hofrat," schluchzte er,
+"möge es in Zeit und Ewigkeit--"
+
+"Sei still," flüsterte Berner, "dein Werk ist es; denn hättest du nicht
+endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor."
+
+Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch
+der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne
+sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir hätten doch
+nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn
+Onkel, und der kann nicht anders, er muß seinen Segen zu der holdseligen,
+zukünftigen Frau Gräf--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte zu
+ihm hin, küßte die Hände des Grafen und den Saum von Idas Gewand und
+brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es
+von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um
+und hüllte ihr das Köpfchen so tief in den Schal, daß nur noch das feine
+Näschen hervorsah; der Hofrat führte sie, der stillselige Graf ging neben
+seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersüchtig, daß diese das
+Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.
+
+Brktzwisl und der Küster, der ganz traurig schien, daß seine Talerquelle
+doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm
+der alte Diener, als er die Türe schloß, "sind wir zum letztenmal nachts da
+drinnen gewesen; dir soll es übrigens dennoch nichts schaden, alter Kauz.
+Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme nur zum
+alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den Tisch, die
+Frau Wirtin muß alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlsein meines
+Herrn und des schönen Fräuleins."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NEUE ENTDECKUNG.
+
+Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem man
+sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wünschte mit freundlichem
+Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwischen
+den Zähnen hätte, ein "wenn nur das heilige Kreuz-Donner--" oder "wenn nur
+das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen" um das andere heraus. Er
+rapportierte, daß er einen Brief von der alten Exzellenz, dem Oheim, habe,
+worin ihm dies er ankündige, daß er seine Briefe nach Fuselbronn, einer
+Badeanstalt zwischen Freilingen und der Residenz seitwärts gelegen, zu
+schicken habe. "Der Kuckuck!" rasaunte der alte treue Knecht, "hätte der
+alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen können? Jetzt wäre er
+hier in Freilingen und schaute das Glück seines Herrn Brudersohnes mit
+leiblichen Augen, könnte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was
+hilft mich das, daß er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten,
+wir können es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden
+Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern von
+Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir
+herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was
+nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: 'Reise
+weiter! Zerstreuung hilft! Glückliche Reise!'--Jetzt, wo wir hier
+Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn
+kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der
+verfluchte Mammon? Kann ich dem Fräulein sechs Louisdors geben wie einem
+Doktor oder Professor?"
+
+So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so
+hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf
+sich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht _stante pede_ eine
+Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt
+sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wüten vor.
+"Alter Narr!" rief er endlich, "muß man dir denn die Nase drauf stoßen und
+eine Brille aufsetzen, daß du findest, was du suchst? Kannst du dich denn
+nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten vierzehn Tagen
+deinem alten Herrn schreiben und dabei einfließen lassen, daß dein Herr zum
+Sterben in das Mädchen verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das
+weiß, nun ja--das Fräulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was für
+ein besonderes Hindernis--"
+
+"Weiß Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt
+so ganz aus dem Auge, daß er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber
+eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fräulein im
+reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen
+Streich! Er ist so blöde, so furchtsam--"
+
+Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwisl! Sein Herr saß, indem sein
+Diener von seiner Blödigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der
+Präsident, der nur so auf ein Viertelstündchen in seiner Tochter Boudoir
+eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie Kunst um das
+Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen ein Langes und
+Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Gründen, nebenher
+hielten sie sich die schönsten Reden durch verstohlene Blicke mit einer
+Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, von dem selbst Cicero in seiner
+Rednerkunst keine Aufschlüsse gibt und wovon auch kein Wörtchen weder in
+der Syntax der deutschen Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken
+und ästhetischen Vorlesungen steht, die alljährlich von den Kathedern
+abgehaspelt werden. Der Präsident taute immer mehr auf; denn Martiniz
+sprach von einem bedeutenden Güterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne
+habe, und der gute Präsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen
+haben den Grafen auf diesen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn er es
+vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarstein--er
+gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnädigsten Handschreiben,
+besah lächelnd seine Brust, wo nächstdem das Großkreuz des Zivil-Verdienst-
+Ordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen Landsmann und sein
+liebes Gräfchen und zog kichernd und schnalzend über seine vortrefflich
+gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS TETE-A-TETE.
+
+So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar
+prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen; denn das Wiedersehen
+nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, führt
+immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht
+sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat.
+Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Gespräch, so
+auch in dem Flüstern der angehenden Liebe, abends wärmer ist und in einer
+Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand
+mehr mit der Phantasie über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz
+auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich
+von ihr geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können,
+wovon sein Herz so voll war--und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut
+verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen gescherzt
+und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen verblüffen zu lassen,
+--wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mädchen gegenüber? Es war aber
+auch unmöglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der
+herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöse der Haltung das Auge, war
+man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen
+Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt der
+blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man
+wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand-
+raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen und orientalisch
+geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingerissen von
+dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem
+schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen mögen, die zarte Taille
+mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht
+fest Mund auf Mund zu drücken--o! so durfte sie ja nur das Auge
+aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den
+sündigen Menschen und seine Begierden herabblicken lassen, so schlich man
+sich so duchs und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit
+zurück, als haben einen zehn Paßvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter
+zurückgedonnerwettert.
+
+Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will, von
+Verdorbenheit der Sitten und daß kein reputierliches Frauenzimmer mehr
+allein auch nur eine Meile weit reisen könne! An den Männern liegt es
+wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und
+Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der
+Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche
+glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse auch unwillkürlich von
+ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen
+Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit
+ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschämtheit an sie drängten, hatte
+ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn
+er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen
+ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt
+war, wer stand ihm dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre
+Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn
+er zärtlichere Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür--zwar der Hofrat hatte
+es ihm zu dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es
+nicht so sei; aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen
+Mädchenherzens?--Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen anderen,
+würdigeren lie--
+
+Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn
+gepeinigt; die guten Betten, über welche er jenen Morgen der Frau
+Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
+Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die
+Kopfkissen--Jakob's Stein muß ein Eiderdunenpfühl dagegen gewesen sein;
+denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter träumen, die
+ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er
+endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_ zu verschaffen.
+
+Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wären
+es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange der Papa
+dabeisaß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als er gedacht
+habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien ihn selbst
+aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundschaftliche
+Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch
+hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mögen;
+jetzt Mut!--Aber es schnürte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht
+anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial für diese Stunde--
+
+"Warum so still und trübe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch
+keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat
+ihm diese Teilnahme!--Das Gespräch war eingeleitet, und dennoch konnte er
+nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloß ihn
+auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die
+Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war
+Idchen bekannt, und wie unendlich hübsch stand es dem Mädchen, wenn sie von
+der Landökonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnäbelchen
+gewachsen war. Es war ihm, als säße er schon mit ihr abends vor der Türe
+seines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf
+seines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als
+züchtiges, hübsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es war
+zu hübsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die
+Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und
+die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte:
+Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet--
+
+"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen," unterbrach Ida mit
+fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar
+nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo
+haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf irgend einem Landgut
+und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen."
+
+"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man
+so allein, so ganz allein auf der Erde ist."
+
+"Nun, das kömmt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh machen,
+können Freunde zu sich bitten--"
+
+"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist
+wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz
+verlangt nach etwas Bleibendem."--
+
+"Wer bedenkt," antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann, "wer
+bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht
+schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde."
+
+So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es
+hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so streng
+behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich
+es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem
+Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der
+Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der Geselligkeit
+öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder über mein Unglück
+spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewährte, die mir aus
+gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich
+von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der
+mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig
+heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer
+geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein liebes Weib--"
+
+Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an
+seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht
+anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem
+Schrei der Überraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom
+Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender
+Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham.
+
+"Mein Mädchen, meine Ida!" flüsterte Martiniz und zog sie zu sich herab in
+seine Arme; er nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen. "O laß mir noch
+_einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, laß mir noch _einen_ Trost, den
+deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den süßen Lippen hervor--und
+der Graf preßte sie in stürmischem Entzücken an die Brust; wollte eben den
+ersten, heiligen Kuß reiner Lie--
+
+Da schmetterten Posthörner die Straße herab; ein schwerer Reisewagen
+rasselte dröhnend über das Pflaster und hielt vor des Präsidenten Haus;
+aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß das Fenster
+auf; aber erbleichend trat sie zurück.--"Mein Gott im Himmel!" rief sie,
+"es ist die Gräfin Aarstein."--Die Saat des Bösen reift schnell.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS UNKRAUT IM WEIZEN
+
+Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei
+_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel
+Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen groß
+gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie gegen
+den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum den Brief
+seiner liebenswürdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht bekommen, als er
+wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so
+geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke--vom Herrn eine Dose,
+vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der Gräfin ein Paar Pferde und
+sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmäht, und dies alles
+sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken,
+wegliebäugeln.
+
+Die Röte des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Gräfin
+vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr
+täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der
+Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte;
+denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler Busen
+wogte ungestüm auf und ab.
+
+"Exzellenz," krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor,
+"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem
+Zukünftigen aus Freilingen."--Die Gräfin und der Rittmeister warfen sich
+bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann ließ sich nicht merken, daß er
+es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein
+galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten v. Sanden
+Tochter, angeknüpft haben. Solches wäre nun unter andern Umständen ziemlich
+gleichgültig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus
+Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem
+solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--"
+
+"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht,
+und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens einmal so weit
+eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht;--was
+schreibt sein Onkel?"
+
+Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung; denn sein
+Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele;
+als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von seinem Reichtum
+sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise erklärte und alle Segel
+aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sorbens
+Glückstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel.
+
+Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand
+jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es daher,
+den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin Aarstein zu
+gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes
+Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältnissen
+der Aarstein, und--ja, es mußte gehen; er schrieb dem alten Martiniz und
+trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile
+hatte er, um sich bei der Gräfin, die dem regierenden Hause so nahe
+verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem großen
+Einfluß peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe und
+jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt:
+"Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit
+holla!"
+
+Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader
+Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten
+Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur
+größten Ehre gereichen könne und daß er sich unendlich freue, die schöne
+Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hieher war es nun
+ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was übrigens sein Votum in der Sache
+betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit Wünschen begnügen; denn
+er habe den Grundsatz, in solche Affären sich auch nicht im geringsten
+einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und
+wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er
+solle einmal nach Liebe heiraten, natürlich nicht unter seinem Stand; wenn
+er aber diese Grenze nicht überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder
+Wahl.
+
+Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der
+Alte werde bei einer Gräfin Aarstein sogleich mit beiden Händen zugreifen
+und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin präsentieren ohne weitere
+Sperranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, sehr weit in der
+Kultur zurück sein, daß man von einer _Heirat nach Liebe_ sprechen konnte;
+doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte auf dieser Seite
+nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von Sorben dachte also:
+"_Vogue la galère_, der alte Narr _muß_ wollen!" machte gute Miene zum
+bösen Spiel und sagte dem Staatssekretär und der Gräfin, der alte Martiniz
+sei vollkommen damit einverstanden. Ein böses Gewissen behielt er aber bei
+der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen Goldfischchen doch nicht
+anbeißen mochte--Nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja
+um Ehre und Reputation gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten
+Grafen hin hatte man sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von
+etwas, das sich von selbst verstünde, überall gesprochen.
+
+Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und die
+fatale Querfrage der Gräfin: "Was schreibt sein Onkel?" hätte ihn beinahe
+aus aller Kontenance gebracht. Doch er faßte sich und antwortete mit der
+heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt habe,
+durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in seinen
+Wünsch--"
+
+"Wie? Ganz in seinen Wünschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die
+Ausdrücke, die Sie mir früher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir: er
+schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, daß sein Neffe
+mich--"
+
+Höllenangst, Höllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er
+kompromittiert würde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit
+einverstanden, meine Gnädige, so vollkommen, sage ich, daß er selbst zuerst
+auf den glücklichen Gedanken kam."
+
+"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Gräfin ruhig fort. "Mein Gräfchen
+wird nicht ungehorsames Söhnchen spielen wollen; denn die drei Milliönchen,
+die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, wegfallen, wenn
+er mich nicht--"
+
+Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die hellen
+Tränen hervorstürzen, daß er sich so dumm verplaudert hatte, und dennoch
+sollte er lächeln und freundlich sein; er grinste daher furchtbar, wie
+einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt im Mund hat und
+doch zuckerhonigsüß dabei aussehen will.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS UNKRAUT WÄCHST
+
+Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene
+des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spaßhaft vorkommen, als sie
+aussehen sollte. "Mir scheint es, als dürfe man die Sache nicht nur so
+gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein
+will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnädige Gräfin--wenn
+ich selbst drei Millionen hätte wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen
+vor Anker liegt, so täte ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter
+Oheim wollte."
+
+"Das heißt also," rief die Gräfin pikiert, "Sie würden Ihrem Kopf folgen,
+auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen und die Gräfin Aarstein
+refüsieren?"
+
+"Wie Sie nur so reden mögen?" antwortete der Rittmeister empfindlich. "Sie
+wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit sagen, daß
+der Graf Sie sehen muß. Und hat er Sie nur erst einmal gesehen, nun, so
+stehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung anstellt, sondern zu
+Ihren Füßen liegt."
+
+Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte
+selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, daß dieser
+Rat vielleicht so übel nicht wäre. Auch Sorben schien er das einzige
+Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter
+den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnädig; denn wenn _die_ einen
+lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig
+Stunden, und er ist im Netz.
+
+Sie hielten jetzt großen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister
+von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der
+Gräfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem überein, was
+Fräulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Über den Tatbestand war also
+nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen?
+
+"Ist sie denn wirklich so hübsch?" fragte Sorben, um die feindliche
+Stellung recht genau zu rekognoszieren.
+
+"Hübsch?" lachte die Gräfin bitter. "Hübsch? Nun, das müssen Sie ihren
+_primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander gefitztes
+Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zähne, ein paar rote Bäckchen, eine
+gedrechselte Hopfenstange von Körper, die mir die Nerven angreift, weil man
+sie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müssen, daß man eines der zarten
+Gliederchen abknicke,"--bei der kolossalen Riesenkürassierfigur der Gräfin
+war dies nicht zu befürchten--"wenn dies alles für hübsch gelten soll, so
+ist sie wunderschön! Ha, ha, ha, wunderschön! Nun, und das--muß man ihr
+lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse
+mich herab, sie mir letzten Winter präsentieren zu lassen, lade sie zu
+meinen Soirees und Hausbällen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich setzte
+mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise ohnegleichen
+ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr
+gefressen haben mußte, als ich mich bei der Fürstin Romanow beklagte, warum
+die junge Dame sich so impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß
+ich zur Antwort erhielt? Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben
+und keusch, als daß sie sich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen
+kann man von der Fürstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken,
+aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, der
+Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. Wie ist
+es damit? Gestehen Sie!"
+
+Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, daß er Ida immer nur
+als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein höhnisches
+Teufelslächeln bei diesen Schwüren, die Art, mit welcher er den Stutzbart
+bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ fast erraten, daß
+er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.
+
+"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer zu
+agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel,
+der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, daß er den Grafen eifersüchtig
+macht. Er darf nur dem süßen Schwärmer schwören, daß er die Gunst des
+Fräuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und dazu ein Gesicht
+machen, wie wir es eben gesehen haben, so muß der gute Mann abgekühlt sein,
+als sei er nie entbrannt gewesen."
+
+"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell Zimperlich
+nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die
+Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen
+Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen."
+
+"Ist gar nicht nötig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer
+hübscher mischte, "nicht nötig. Wie wäre es--ja, das wäre am Ende das
+beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf
+einmal ein Ende machten!"
+
+Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. "Wahrhaftig, es wäre
+so übel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Präsident--wahrhaftig,
+ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr hat er mich
+eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Güter durch
+Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wäre ein zu hübscher Spaß,
+Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der
+Einfall ist göttlich, und ich bin fest entschlossen, ihn auszuführen."
+Sorben atmete wieder freier, als er die Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt
+konnte, jetzt mußte ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre
+war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er
+so hübsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert
+hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.
+
+Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach Freilingen
+reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter _einer_ Bedingung,
+nämlich er müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die Reise zu langweilig
+ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig, um Ida bei dem Grafen
+aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit
+einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Daß er als
+Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wußte er wohl. Nach
+Freilingen war es drei Tagreisen; wie angenehm ließ es sich bei der Gräfin
+im Wagen sitzen, wie interessant ließen sich die Verhältnisse weiter
+spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrückte.--Und dann, er
+kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rächen, in die er--er
+mußte es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden verliebt war
+und die ihm nicht einmal ein Küßchen--nein, es war zu unverschämt; bei
+andern hatte er nach den ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich
+gesiegt, und dieses Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es
+nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch
+einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blâme war ausgekommen, man wußte
+es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz,
+sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu
+räch--. Es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, daß
+ihr die Haut schaudern sollte.
+
+Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem gräflich Aarsteinischen Wappen
+zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem
+Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei
+und setzte sich in den gräflichen Reisewagen, und fort ging es über Stock
+und Stein, bis man den Münsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus,
+küßte noch einmal eine schöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde,
+saß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum
+Goldenen Mond einquartierte.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+TRÜBE AUGEN.
+
+Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem Wagen
+steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!" seufzte sie, indem sie
+einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um
+den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglück, wenn dieses Weib
+in mein Leben greift!"
+
+Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter. So
+ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die
+Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt, nicht
+auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben
+entgegengehen.
+
+Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von
+Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme der
+ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die
+Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht
+gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wärmsten
+Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Überraschte und die Gräfin die
+Überraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremoniös beim Empfang der
+hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß sie jede andere
+Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin,
+die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu behandeln.
+
+Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten,
+als die der Gräfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die Aarstein wußte
+gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter haßte und ihm hätte den Dolch in den
+Leib rennen mögen, freundlich und leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas
+Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber
+so sind jene Gesellschaftsmenschen, die nichts Höheres kennen, als sich zu
+produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten
+zu kommen, wo noch alles so brüderlich und freundlich war; da ist alles
+übertüncht, alles hat den schönen Anstrich der Geselligkeit; aber man soll
+nur einmal hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie
+medisant da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß sein
+darf, von dem, der ihm gerade noch so schön getan, ohne Schonung bitter
+bespöttelt zu werden.
+
+Aber ist es nicht überhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer dem
+andern so viel als möglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin gebracht
+hat, daß er ruhig in dieses böse Treiben hineinsieht und dazu lächelt! Mit
+Ruhe und dem Bewußtsein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Brust,
+lache ich über den Spott meiner Neider, über die hämischen Bemühungen jener
+Falschmünzer, die mit schnöder Schadenfreude aus allem, was man je gesagt
+und gedacht, nicht gesagt und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer
+frechen Leumundsiederei ein Gebräu zusammenkochen, das sie gerne mir
+unterschieben möchten!
+
+Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und
+Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge
+verlieren, glücklich und brüderlich untereinander zu wohnen! So denke ich
+und viele Tausende mit mir über jene bösen Mensen in den gesellschaftlichen
+Zirkeln und in der Welt überhaupt, so denken wir und lachen; denn _das
+Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man ein sicheres Glück im
+Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem
+schönern Eigentum zurück_.
+
+So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Gräfin die Treppe hinanstieg;
+ein tröstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren
+innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie
+ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte
+den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne daß ihr das Wasser in die Augen
+trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren.
+
+Es gab einen sonderbaren, aber schönen Anblick, wenn man die beiden Damen
+so nebeneinander hingehen sah. Gräfin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie
+hätte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen können,--voll, üppig
+gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestätisches,
+Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Übermut grenzte. Ihre
+dunkeln Augen hatten das holde, mädchenhafte Niederschlagen schon lange
+verlernt und rollten mit einem unstäten Feuer umher, als suchten sie
+lüstern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher,
+ob auch die gehörige Ehrfurcht gegen einen Sprößling eines so hohen Hauses
+bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfällig, weil die korpulente Figur
+für die in die feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreßten Füße etwas zu
+schwer war.
+
+Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenähnliche Gestalt Idas--nein,
+dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch
+war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts gesenkt; das sanfte Auge,
+oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es aufschlug, so
+glänzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden Ernst, daß es
+durch die sanfte Beredsamkeit überzeugender gebot als das Rollauge der
+gebietenden Gräfin. Und um wie viel anziehender war das
+Schelmengrübchenlächeln des süßen Mädchens als das schrankenlose Lachen und
+Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes Ohr verletzte.
+So schwebte Ida neben der Gräfin hin, so wie Juno und Hebe traten sie in
+das Zimmer.
+
+Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn so
+unbarmherzig aus dem süßesten Moment seines Lebens herausgerasselt hatte.
+Er verwünschte den Gast, der gerade jetzt kommen mußte, wo er endlich
+seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mädchen, das er liebte, das er
+anbetete, seine Gefühle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, süße verschämte
+Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln des Himmels
+gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen tönte, wo er, das Engelskind im
+Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel und Erde vergaß
+und auf diese würzigen Purpurlippen, auf die bräutlich errötenden Wangen
+den ersten, seligen Ku--
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE GRÄFIN AGIERT.
+
+Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des
+Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen
+gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt; die Stimme wollte ihr
+beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Gräfin Aarstein"
+vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie sie den
+bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen drohte; es
+zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen hinein, als die
+Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf den Sofa warf, ihr zurief,
+sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die
+ein so plötzlicher Überfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie
+möchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade
+haben, sie zu unterhalten.
+
+"Da sei Gott gnädig," flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr fröstelnd
+und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, "wenn die so fortmacht,
+so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu
+ihren Füßen knien."
+
+Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen
+Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie ihn
+bei einem reißenden Tier allein lassen.
+
+"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Gräfin an Martiniz, der
+schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes
+Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
+sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
+Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der
+Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten
+findet sich dies eher."
+
+Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem aber
+schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst,
+als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete
+ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.
+
+"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der die
+Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht ist
+es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam; Sie können sich gar nicht
+denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblühte; die
+Straße vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht leer von den
+Anbetern, und natürlich--ein solches Mädchen hat denn doch auch ein
+Herzchen und fühlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Übrigens,
+das muß man ihr lassen, mit dem größten Anstand wußte sie den Herren zu
+imponieren und sie sogar zu verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem
+Rittmeister von ....... es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht
+verdenken."
+
+"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog. "Der
+Rittm--"--"Nun ja," lachte die Gräfin, "da ist es auch kein Wunder, daß sie
+ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein
+Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte und das er nicht überwunden
+hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze, ist aber sonst ein artiger
+Mensch; _au fond_ ist es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen schnell
+aus der Pension nahm; denn sehen Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte
+sie Ida entgegen, die mit liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee
+für ihren Gast brachte. Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf
+den Boden fallen lassen; denn der Graf--was mußte ihm nur begegnet sein?--
+er saß da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet--
+
+"Nun, da erzähle ich," fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer Freude
+das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu
+zerreißen strebte, "da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affäre mit
+dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, daß man sie so grausam
+herausriß aus der Wonne der ersten Lie--"
+
+"Gnädige Frau!" rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die Tasse
+nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.
+
+"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule schwatze;
+das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa hätte auch keine
+ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können--"
+
+"Ich muß Sie bitten, gnädige Frau--"
+
+"Ei, so lassen Sie doch die gnädige Frau," fiel ihr die Aarstein ins Wort,
+"ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich
+Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," setzte sie
+naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu; "ich lebte
+nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind
+beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mädchen."--
+
+Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Äußerungen mußten ihre
+unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese wegwerfende
+Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem
+Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht
+begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut
+abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie
+nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an
+der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W--. Aber nein, wie sah der
+Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekneipt, daß sie ganz weiß wurden,
+sein Auge rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch
+schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange
+ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und her,
+was ihm sein könnte, und fand immer nichts.
+
+Die Gräfin zog sich letzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden. Ida
+sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich
+nur so halb und halb, daß sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde
+vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen; aber sie täuschte sich
+bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah
+er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging.
+Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich
+aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersüchtig war der gute
+Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein
+und unschuldig, daß es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu überzeugen;
+aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir
+die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister
+sprechen und ihn recht bös machen.
+
+Das gute, fröhliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Böses
+anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EIFERSUCHT.
+
+Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel
+tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte
+entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: nun, das ist
+so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, und
+damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem Trübsinn, von
+seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es
+einen viel tieferen Eindruck, dieses Mädchen, das so hoch stand in seiner
+Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? Auch sie sollte so
+zwanzig, dreißig Liebschäftchen und am Ende noch eine recht tüchtige Amour
+mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?
+
+Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein
+Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister
+viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüsterte ihm sein
+tief zerrissenes Herz zu, das, daß sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau
+so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte, ja, er durfte sagen, an
+sich zog, während sie noch einen andern, wie es schien, Unwürdigen im
+Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch möglich, vielleicht war es
+doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr
+geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie--
+
+"Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe," schnatterte ein Jockei,
+der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war; "der
+Rittmeister von Sporeneck--"
+
+Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er
+hier sein?
+
+"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob der
+Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus
+abtreten wollten?"
+
+Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber
+Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese
+Forderung war zu unverschämt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, der
+ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der Graf
+wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn und schnatterte weiter:
+
+"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein
+Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da hat er
+gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei--"
+
+"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so
+finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh dabei
+wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal
+vormachen ließ.
+
+Da hat er es ja sonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat
+er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte
+jetzt noch die Unverschämtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, daß er besser
+hinüber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es nicht
+fortgehen; die Wehmut war stärker als die Bitterkeit und wurde Herr über
+sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So war gewiß noch
+kein Mensch getäuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn
+ein Mädchen finden, so hold, so schön, so ganz Unschuld und reine
+Jungfräulichkeit; er muß sie lieben, und wie glücklich ist er in dieser
+Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die er seit langer, langer Zeit
+nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein Herz, er fühlt sich glücklich, wie
+er selbst damals, als noch sein Haus in Fülle des Glücks und der Freude
+prangte, sich nie gefühlt hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er
+sah das Morgenrot der ersten zarten, jungfräulichen Liebe auf ihren Wangen
+aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus
+ihm, dem Unglücklichsten der Sterblichen--den Glücklichsten. Jetzt hatte er
+ja alles, was die kühnsten Wünsche nur verlangen mögen; Gesundheit, Jugend,
+hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit
+Talern hätte belegen lassen können, ohne daß er es sonderlich gefühlt
+hätte; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein holdes, tugendsames
+Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; er hielt im seligsten
+Moment seines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für dessen Tugend er
+sein Leben gegeben hätte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz
+hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein
+wenig lüftet und ihn das Mädchen ein wenig näher kennen lehrt, die ihn
+merken läßt, daß dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser
+keusche Mund nicht zum erstenmal geküßt werde, die, wenn man es gleich in
+der großen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, daß es gut
+sei, daß man das Mädchen aus einem unschicklichen Verhältnis herausgerissen
+--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine
+Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schüchtern mit der verschämten
+Zartheit erster Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten
+andere geschwelgt! Er schämte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen
+hatte, so betrogen, so schnöde angeführt worden zu sein; er gönnte ihr,
+obgleich sein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeister; es reute
+ihn beinahe, daß er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm
+geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch
+drängte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rächen wollte er sich an ihr,
+er wollte hinüber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn
+betragen würde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber
+gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase
+herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das eine
+war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg wehtun; daß
+andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie
+tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien ihm, er wollte ganz und
+gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei
+oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß
+er sie verachte.
+
+Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präsidenten Tee trank, hatte schon
+geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Träne, die er der
+Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf
+sich in die Kleider, preßte das weichgewordene Herz mit beiden Händen
+zusammen und ging dann den schweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er
+einst so unendlich glücklich gewesen war.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER NEUE NACHBAR.
+
+Es war, als sei ein feindlicher Dämon mit der Gräfin in Präsidents Haus
+eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille Leben
+des Hauses verändert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu bedienen;
+es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, daß man glaubte, der
+Feind sei vor den Toren. Der Ärgste war der Präsident selbst; ganz still
+verklärt schlüpfte er in allen Ecken des Hauses umher, zankte und
+hantierte, daß die Konfusion nur noch ärger wurde und sein Mädchen, das vor
+Haushaltungsgeschäften und Herzensangelegenheiten nicht wußte, wo ihr der
+Kopf stand, ihn um Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu
+lassen. Es war aber auch kein Wunder, daß er sich ein wenig verrückt
+gebärdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhändig-durchlauchtigster
+Belobungsschreiben, voll großer Verdienstkreuze mit breitem Band über die
+Brust, voll Dotationen und Standeserhöhungen; jetzt war er in seinem
+_Esse_, jetzt konnte er negozieren und zeigen, daß er nicht umsonst in
+Regensburg und Wetzlar in seiner frühen Jugend Diplomatie studiert hatte:
+Was er mit seinen kühnsten Wünschen nicht für möglich gehalten hätte,
+führte ihm ganz bequem der Zufall in die Hände. Der Staatssekretär hatte
+ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Martiniz sich ankaufe und für die
+Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte ihm
+wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch allerhöchsten
+Vertrauens auch gehörig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der
+Gräfin ein, auf ihre Güter zu reisen. Was doch nicht der Zufall tut! Ohne
+daran zu denken, daß es wirklich einmal in Erfüllung gehen könne,--denn der
+gerade Weg führte zwei Meilen seitwärts an Freilingen vorbei,--hatte er
+einmal in der Residenz in einem Anfall von galanter Laune der Gräfin das
+Versprechen abgenötigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und
+wie glücklich fügte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die er
+behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat, sie,
+nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mußten, die, ohne daß man
+es merkte, an ganz geheimen Fäden das Land regierte, sie besuchte _ihn_.
+
+Aber sie sollte auch gehalten werden, als wäre sie in ihrem eigenen Hause,
+daß sie recht viel Schönes und Gutes höheren Orts von ihm und seinem Hause
+sagen konnte. Kaum hatte sie geäußert, sie finde Idas Zimmer im ersten
+Stock so hübsch, so mußte das Fräulein das Feld räumen und in die zweite
+Etage wandern. Es kam dem Mädchen sauer an, als sie so die Plätze wechseln
+wußte, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe
+bedünken, als sei dies eine schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar
+nicht zu verdenken; sie hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt;
+dort saß sie am liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur
+das Köpfchen ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig
+aufheben, nur einen kleinen Viertelsseitenblick hinüberwerfen, so sah sie
+ja auch schon ihn; und jetzt sollte sie der verhaßten Nebenbuhlerin, die ja
+offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, jetzt
+sollte sie dem üppigen Weib, die gewiß alle Künste der Fensterkoketterie
+aufbieten werde, ihr heimliches Plätzchen am Fenster, ihr lauschiges
+Schlafstübchen abtreten und dafür, weiß Gott wie lange, in den weiten,
+unheimlichen Zimmern des oberen Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie
+ihre kleine Haushaltung oben ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die
+Toilette, die paar Kistchen und Kästchen waren bald gestellt; jetzt setzte
+sie einen Stuhl ins Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den
+ersten Stock des Mondes hinabsehen könne; es ging wohl, aber sie sah nichts
+als die Wolken seiner Gardinen; er mußte schon herausschauen, wenn sie ihn
+von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie
+schon, einen steifen Hals konnte sie sich füglich gucken, wenn sie immer
+das Köpfchen hinabbog. "Doch was schadet das," lächelte sie, "das tu' ich
+ihm schon zu Gef--"
+
+Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen?
+oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage
+des Mondes zurückkehrte und ihr Blick zufällig an den Fenstern des zweiten
+Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich für ein Kind,"
+dachte sie. "Wie, wäre es möglich? Was könnte er nur hier zu tun haben?"
+Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von Sporeneck lag
+geradeüber von ihr im Fenster und bückte und verbeugte sich herüber und tat
+und lächelte so vertraut und so freundlich, als hätte er sie jahrelang
+gekannt.
+
+Voll Unmut über den Unverschämten riß sie an der seidenen Schnur, welche
+den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe zwischen
+sie und den verhaßten Lüstling. Dieser Mann war ihr der widerwärtigste auf
+der Erde; er war ein schöner, kräftiger Soldat, gebildet, von glänzendem
+Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wußte den Bescheidenen zu spielen,
+aber nicht länger als ein paar Tage; dann--das Mädchen, das er belagerte,
+_mußte_ ja in dieser Frist kirre gemacht sein--dann kehrte er seine wahre
+Seite heraus; sein Auge wurde lüstern, seine Reden, lockend, schlüpfrig,
+mußten jedes zarte, weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht
+schon ganz für ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genähert. Das
+unschuldige Kind hatte Gefallen an seinen Gesprächen, die ihr ein wenig
+mehr Gehalt zu haben schienen als die der übrigen jungen Herren; sie ging
+oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein
+rasendes Dementi bei diesem Mädchen gegeben. Er hatte sie in _eine_ Klasse
+gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur Jungfrau
+herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum verhaltene
+Lüsternheit, ein sündiges Sinnen und Begehren verbergen. Diese hatte er
+immer bald aufs Eis geführt, und waren sie nur einmal in einem Wörtchen
+geglitscht und geschlüpfert, husch--; so hatte er auch bei Ida endlich,
+nachdem er alle edlern Farben hatte spielen lassen, die herausgekehrt, die
+jede andere geblendet hätte, aber vor dem strengen Blick der reinen
+Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man sagt sogar mit einer
+tüchtigen Ohrfeige, war er abgezogen, erklärte Ida überall für ein
+Gänschen, schwor ihr bittere Rache und warf sich in die Arme der Aarstein,
+wo ihm ohne langweilige Präliminarien bald wurde, was er bei Ida durch
+tausend Künste umsonst gesucht hatte.
+
+"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu
+genieren!" Denn daß die Gräfin ihren Liebhaber mitgenommen, daß er auf
+keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie gleich
+weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind nichts dabei.
+Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein so ziemlich, sie
+wußte, daß diese gekommen sei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnete
+sie nicht, daß man den Rittmeister nur dazu mitgenommen haben könnte, um
+sie von Martiniz' Herzen loszureißen, um sie in eben jenem Lichte zu
+zeigen, in welchem sie die Gräfin sah. Nein, an diesen wahrhaft höllischen
+Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes
+gönnte, nicht. Und wie sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja
+gar nicht anders, als die Gräfin könne von ihrer Liebe zu Martiniz auch
+nicht die leiseste Ahnung haben; wußte ja sogar sie kaum seit Stunden, daß
+sie ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all
+ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und
+niemand könne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht höchstens Mart--
+ja, er mußte ja gefühlt haben, daß sie ihm gut sei, sonst hätte er wohl
+nicht jenes Geständnis gewagt, daß er sie lie--
+
+Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig,
+die Teestunde war da, und noch manches war zu rüsten; die Gedanken an Rum
+und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Brötchen, Tassen und Löffelchen
+verdrängten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu
+ordnen. Dort stand schon Papa und flüsterte ihr zu: "Schicke dich nur; es
+sind allerhand Besuche da, und du könntest leicht mehr Rum brauchen als das
+Bouteillchen da!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+TRAU--SCHAU--WEM?
+
+Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Präsident--Nein, sie hätte
+mögen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, "ein Bekannter
+von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit
+seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von
+euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein
+Jubel und ein Fest für alle Mädchen, die nur einmal in der Residenz waren;
+da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinsten Touren noch
+einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das,"
+setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Töchterchen in die Wange
+knipp, "war auch einmal jung und kenne das." Er ging weiter und ließ den
+Rittmeister vor Ida stehen.
+
+Diese wurde bald blaß, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade
+umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnöde abgewiesen hatte, dieser konnte
+es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht öffentlich
+prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heißen und fortschicken?
+Doch nein, sie wußte, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte
+ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der
+Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hin
+sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was mußte nur der Graf denken, wenn
+sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm
+so verdächtig gemacht hatte! Ihre Augen suchten den Geliebten--er saß neben
+der Gräfin; traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt
+sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herüber--die Gräfin mit höhnischer
+Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als
+sehe er etwas, das er gar nicht für möglich gehalten hätte.
+
+Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob
+denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein
+Mißtrauen ihm zuflüsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er
+konnte ja auch in Geschäften an das hiesige Regiment geschickt worden sein;
+dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten--nun ja, das war
+allerdings stark, und der böse Geist wollte ihm zuflüstern, daß dies schon
+sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles
+bewies ja nur höchstens, daß der Rittmeister in Ida verliebt sei; von ihrer
+Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben
+auf Ida; das war sein Entschluß gewesen, als er durch die hellerleuchtete
+Enfilade von Präsidents Zimmern ging.
+
+Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe
+niemand, den er näher kannte oder mit welchem er in ein Gespräch sich hätte
+einlassen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die
+Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das Ida" dachte er;
+er sah sich freundlich um--es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in
+ein Gespräch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das
+Fatalste war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen
+mußte, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der
+Rittmeister und sein Logis im Kopf herum.
+
+"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer
+Pause wieder Altem geschöpft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger und
+aufmerksamer für seine Gäste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres
+und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt sich
+dort ganz hübsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie
+hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so großen
+Ansprüche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich.
+Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da
+kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis
+ich von ihrem schönen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz
+nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock.
+Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als
+die gute Ida?"
+
+"Sehr viel, sehr viel!" preßte Emil heraus; es war ihm, als schnürte ihm
+etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust führe
+und das warme, liebe glühende, treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und
+herreiße. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die
+fürchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so schändlich mit ihm
+gespielt hatte; daß zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer
+ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zusammenhang
+stattfand, konnte ein Blinder sehen.
+
+Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte
+aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein großes Opfer," sagte er mit schrecklicher
+Lustigkeit zu der Gräfin, "eine ungeheure Großmut, die ganz allein aus der
+allerausgedehntesten _Nächsten_liebe und _Gast_freundschaft hervorgeht!".
+Die Gräfin Aarstein-Satanas wußte wohl, daß sie sein Herz mit glühenden
+Zangen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisveränderung kam;
+aber so vollständig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren höllischen
+Triumph nicht vorgestellt.
+
+Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wußte daher auch nicht, daß die
+stärkste, glühendste Liebe zugleich die schwächste und empfindlichste ist.
+
+Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Präsidenten
+reichlich versehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieses gierige Auge,
+dieses höhnische Lächeln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz
+ohne höhere Bedeutung, ohne edlere Züge--diesen Menschen konnte Ida lieben?
+Er hätte jedem unter die Nase gelacht, der ihm so etwas vor zwei Tagen, als
+er noch an die Engelsunschuld des lieben Mädchens glaubte, hätte weismachen
+wollen. Er hätte jeden einen Schurken geheißen, der _dieses_ heilige,
+keusche Geschöpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle
+Leidenschaften gewühlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt hätte.--
+Jetzt mußte er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind ließ er sich von der
+Aarstein leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte,
+den Rittmeister hier zu sehen, sie ließ manche giftige Bemerkung schlüpfen
+--er hörte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschäftigte ihn: er
+wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie käme, wie sie sich gegen
+Sporeneck benehmen würde. Die Türe ging auf, sie kam. An der Hand des
+Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzücken
+unterdrückte, wie Blässe und Röte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie
+ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhörte, und wie glühende Dolche
+fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur hin, Graf,"
+flüsterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie glücklich die
+Leutchen dort sind! Das ist ein Erzählen, das ist eine Wonne, daß man
+einander nach ein paar Wochen wieder hat. Daß sie sich nicht auf der Stelle
+abherzen und küssen, ist alles!"
+
+Dem Grafen würde grün und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der
+Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Röte des Unmuts und
+der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen
+Reiz, daß der Graf nur um so tiefer fühlte, wie schrecklich sich hier die
+Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so
+herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es so gar nicht
+verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grübchen in den Wangen,
+dieses bezaubernde, huldvolle Lächeln gegeben? Sie verneigte sich gegen die
+Gesellschaft; die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger; sie errötete
+von neuem. Sie mußte noch die Zuckerdose herbeiholen; sie hätte einen viel
+näheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorüber; er
+wagte nur einen leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes
+Auge gerichtet, ihm lächelte sie, ihm flüsterte sie im Vorbeigehen kaum
+hörbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und düster?"
+
+Er fühlte den süßen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruß hätte ihn sonst
+bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort hätte sonst alle
+Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute
+--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erz-General-Armee-Kokette
+mußte es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fünf Minuten außer
+sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem
+neuen nicht zu verderben, flüsterte sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Maß
+ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr
+verzeihen, daß sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck
+offenbar sein mußte, ihr Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich
+es ihm das Herz brechen wollte, daß sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel
+gespielt hatte; er konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, daß
+sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blößen gab,--er konnte
+dies alles verzeihen. Daß sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen
+wollte, daß sie Zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über seine
+Begriffe. Er mußte, seine Natur mochte sich dagegen sträuben, wie sie
+wollte, es war ihm, als müsse er sie verachten. Aber sie hatte recht,
+obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht dasaß
+wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch
+besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er _mußte_ lustig
+sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten.
+
+Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekränkten
+aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemächtigte sich seiner, die
+er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Gespräch an sich, er
+strahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen
+Mann, dem schönen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespräch; sein
+feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schönes sagen zu wollen,
+ausschließend aber galt es der Gräfin. Er wußte selbst nicht, was ihn
+antrieb, ihr so sehr als möglich den Hof zu machen; aber es war ein dunkles
+Gefühl in ihm, als müsse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin so
+sehr auszeichne, wenn er alle Damen für sich gewinnen wollte und ihr, ihr
+allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören schien,
+wenn sie hie und da ein Wörtchen mit einschlüpfen lassen wollte.
+
+Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es
+getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das
+nur für ihn, mit dem Feuer der ersten jungfräulichen Liebe nur für ihn
+schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, daß er so
+fröhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen die sie ihm
+zuflüsterte, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr
+kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle
+wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie
+er nur für die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn,
+die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen
+war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, daß ihm jetzt ein anderes Gestirn
+aufgegangen sein müsse, das seinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies
+sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war--die
+Aarstein! Der Glanz der üppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es
+ihm auch ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht,
+sie weinte nicht; aber eine furchtbare Blässe lag auf dem holden
+Engelsgesichtchen, ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund; sie sah ja
+alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in
+einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie
+sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. Von
+Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängstlicher Eisersucht in
+Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer
+Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr
+als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß sie diesen ewig, ewig in ihrem
+treuen BUSEN tragen werde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER GRAM DER LIEBE
+
+Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen. Der
+Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen können; aber
+das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend
+verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin schrieb, so oft
+sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinüber und
+spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten
+Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr nötig zu sein, weil sie
+den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen zu
+denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille
+der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz
+abdrücken, daß Ida in solchen Verhältnissen mit dem Rittmeister sei. Wenn
+er bei Präsidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm
+wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn
+geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann unter
+Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das Mäulchen
+gegangen wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte
+sie ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu
+holen, hier was zu zeigen; und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen
+dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie
+und Anmut; es war, wie wenn über die ganze Gestalt ein zauberisches Lächeln
+gewoben gewesen wäre, und jetzt--und jetzt!
+
+Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar
+bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da mußte
+sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so
+abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar vor,
+als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht
+anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so am Narrenseil geführt
+zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zu
+Zeiten wünschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm über das Mädchen
+und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen.
+
+Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so
+offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen alle
+Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen
+Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen,
+wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen
+Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber
+wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus Übermut oder törichter
+Eifersucht ein schönes, nur für sie schlagendes Herz gekränkt, geknickt,
+gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie können sogar noch ein recht
+ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille
+Träne im trüben Auge, den wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt,
+wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da
+wird man seine Gründe haben." lachen sie und gehen ungerührt vorüber und
+denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen
+sterben könne.
+
+Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in
+Erfüllung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida.
+
+Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er tausend
+Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu quälen und
+zu härmen; die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung
+vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die
+Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das
+trübere Auge, das ja so deutlich von tränenvollen Nächten, von
+gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der,
+um welchen diese stillen Tränen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte
+sie nur eben die heißen, ausgeweinten Augen zuschließen und sich in das
+Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kühl um die vier Bretter und zwei
+Brettchen, welche die arme Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie
+nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr geliebter Jüngling
+näher und näher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich
+verwickle,--dort, dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war
+ihr ja das ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht daß sie es war,
+die er verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin
+anzuschließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Mühe und
+Tränen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit
+Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über
+seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte
+überwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen,
+unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut
+heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe, einer
+andern angehören könne.
+
+Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches Herz,
+daß er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern deuteten
+und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an _jene_ verloren gehen
+sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen
+Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür
+büßen sollte; aber Emil,--ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit
+und so scharf sieht, sagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe sei,
+daß er sein Herz frei bewahrt, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß sie
+seine erste Neigung gewesen sei; und doch--er, der so namenloses Unglück
+schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden?
+Ach, wie oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm
+hätte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe,
+wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein
+pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der
+Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen Kuß der
+Liebe ihm entgegengewölbt hatte. Dies _alles_ war ja längst vorüber, war
+begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht,
+die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm hätte sie
+alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für den Grafen
+aufgerufen.
+
+Aber er war noch nicht zurück; darum verschloß sie ihren Schmerz in die
+Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein
+flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen
+Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren
+geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten
+Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der üppigen,
+buhlerischen Dame Potiphar--sie errötete von dem Gedanken und preßte die
+Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches
+geschah--dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verschrieben.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FEINE NASEN.
+
+So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden
+gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe
+verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.
+Fräulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die
+getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über den Stand der Dinge
+belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn sie wieder
+neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fräulein Ida
+weder mit Tränen, noch Gebet wieder heraushauen könnte.
+
+Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der traurigen
+Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster, blässer, trüber war
+als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen,
+und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen
+Gelächter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzählte, daß er sie durch
+seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster
+visierte, bitterlich habe weinen sehen.
+
+Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung
+sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre
+Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern
+lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben,
+daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, daß er auf die Liebe so
+trefflich eingeschult war, daß er sechs oder acht der zärtlichsten
+Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also
+die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in
+ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf
+einmal weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die
+Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe
+sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! Aber
+das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund
+sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Äugelein ausgeputzt, daß sie
+sieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt."
+
+Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so
+ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen
+waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges
+Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen
+gesagt: "Wie doch das Fräulein so hübsch, so tausenddonnernett aussah am
+Altar. _Bassa manelka_, wie müßte sie erst aussehen bei Tag und als
+Bräutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht übel einzuleuchten; denn
+er hatte zufrieden gelächelt und gesagt: "Nun, was nicht ist, kann noch
+werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den
+alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und dem gnädigen Fräulein und
+sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn
+schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind
+mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu
+vermelden, aus Bohnenstroh; aber, Gott weiß, sie reichte dem schönen
+Fräulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie
+allerwenigstens ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch
+rein in sie verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich
+gewesen wäre, ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und
+Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich
+Euer Exzellenz, meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe."
+
+So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom
+Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die
+Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt
+hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen. Da hatte es
+denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am Rhein, an der
+Seine und an der Nordsee immer geheißen: "Der Herr Graf befindet sich noch
+im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint zuzunehmen."--"Die Ärzte wußten
+wieder nichts."--"Die Ärzte geben ihn auf."
+
+Hier, in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der
+Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn
+denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste,
+wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde. "Nun, in Gotts
+Namen, macht Hochzeit!"
+
+Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn
+sein Herr--der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie damals,
+als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; fragte
+der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm
+denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf stöhnte
+so schmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und sagte, dabei:
+"Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!"
+
+Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es
+denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig
+mache--da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine Große, Dicke, so halb
+Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--
+
+Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich;
+wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein im Stich ließ--nein,
+er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen, aber da soll ihm doch das
+siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem Gedanken so grimmig
+auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in
+dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte ich," rief er in seinem
+Selbstgespräch weiter und klopfte immer schrecklicher, "wenn du die dicke
+Trutschel nimmst und das schöne Fräulein, die dich aus den Klauen des
+schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren läßt, alles siedende
+Schwefelpech des Fegefeuers soll dich dann kreuzmillionenmal--"
+
+"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte
+nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer ältlicher Mann, mit
+seinen, klugen Gesichtszügen, in einem schlichten Reiseüberrock, dem nur
+ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm.
+"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden
+noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--"
+
+"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband
+freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist
+dein Herr?"
+
+Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehrere Male, führte dann den
+fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte dort
+noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner großen
+Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden
+in die Arme sank.
+
+Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade fällt uns ein, daß
+der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset, und es
+wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito früher
+verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet, es abzulegen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER HERR INKOGNITO.
+
+Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; es
+war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von
+Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung eines
+Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht, ihn in diesem
+Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt
+des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben
+ihm Achtung, und als vollends der Präsident, ein Kenner in solchen Dingen,
+das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur
+Verehrung. Er wußte, daß, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen
+Sinn des Wortes war und daß ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte,
+die nicht die Laune des Glücks oder Hohe Protektion zu einer glänzenden
+erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen Mut und tiefe
+Einsicht bewährte.
+
+Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit der
+Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen
+der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf
+kam entweder gar nicht, oder sehr spät, oder unterhielt er sich mit der
+Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr
+schal und langweilig vor, daß sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen
+sitzen zu können; der Rittmeister, dessen Geschäfte beim hiesigen Regiment
+noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.
+
+ Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte und
+dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden; er half ihr
+Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete alle jene
+kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt
+werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüstern,
+aber die gleichgültigsten Dinge, etwa: ob sie noch mehr Milch oder noch
+mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichste
+Liebeserklärung gewagt hätte.
+
+Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafür, daß er
+neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend sicher
+sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde.
+
+Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief
+und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen
+Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft,
+ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine Schande gemacht hätte.
+Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen zu behagen; sein ernstes
+Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen werden
+glänzender--solch ein Mädchen hatte er selten getroffen, und er war doch
+auch ein bischen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses
+richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so viel Humor und Witz--er war
+ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus; er bewunderte die
+wunderherrlichen Blumen, die sie machte; man kam von diesen auf die
+natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die
+so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden gar hübsch ausnehmen
+würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter
+erwähnt, so sagte sie ihm auch schon, daß die Blume _Calla aethiopica_
+heißen müsse, weiß blühe und auch äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er
+bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte;
+aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten
+Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch
+kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon
+gesprochen.
+
+Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte
+alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt
+oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante Geschichtswerke
+gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Großes.
+Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat
+sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen gelesen hätte. Und als
+sie auf ausländische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen
+herrlichen Gedichten und seinem unglücklichen Ende sprachen, als der alte
+Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist
+sich höher als alle andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze
+Natur so tief erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging über seine
+Begriffe--antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten,
+als hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen:
+
+ "The tree of knowledge is not that of life." [1]
+
+Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Mädchen hatte er in
+vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte
+mit seinem lieben hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die Welt hinein,
+das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein
+wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte dem
+Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er
+ihn mit einem so interessanten Geschöpf bekannt gemacht habe.
+
+ [Fußnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EMIL AUF DER FOLTER.
+
+Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch
+ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine
+Erscheinung wie aus Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der
+Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer
+Würde, einer Höhe jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie
+der Gaben schönste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer
+diesen Kranz zerpflückt--"
+
+"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwürdige Theresienritter;
+"dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,
+herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der
+Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den
+ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"
+
+"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was
+mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch
+nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn
+recht vis-à-vis zu haben--"
+
+"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn
+ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur
+Schau."
+
+"Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin--"
+
+"Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich
+nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe
+sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich
+auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch
+die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge
+gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich
+recht hatte."
+
+So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig
+Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiß alles, und ist alles gut, wenn
+nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER RITTMEISTER.
+
+Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen
+hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie
+unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der
+Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war,
+stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte
+Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten
+versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch
+manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide
+dienen könne;--sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von
+Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond
+gebeten.
+
+Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren
+bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines
+Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte ihm, wie
+gewöhnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer
+Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage jetzt vollkommen sei.
+Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe
+nächstens einer Erklärung von seiner Seite entgegen. Das hatte der
+Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen
+anderen, vorgetragen; man stieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den
+galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man
+nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle
+darin überein, daß dies sehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den
+heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen
+daraus. "Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas anderes; einen
+Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Gräfchen, das in
+der Welt umherreist, um den Damen schön zu tun und sein Geld auf die
+langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen."
+
+Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit von der
+Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob
+er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne
+Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und
+der ältere Herr unterhielten sich flüsternd mit einander; um so lauter
+waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu
+springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzählten
+allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich
+nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon
+abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube
+anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein
+Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit
+recht aus dem Herzen--deine Ida!"
+
+ Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche
+aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust aus, als hätte die
+Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die Lippen zusammen und sah
+den Theresienritter an.
+
+"Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich wäre
+selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine frühern
+Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen."
+
+"Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen," antwortete der großmütige
+Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es für ein
+junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen
+braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünscht; wäre
+mir lieber gewesen, als hören zu müssen, daß mir so ein fremder
+Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen."
+
+Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von einem
+Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte--es war beinahe nicht zu
+ertragen; doch hielt er an sich; denn er wußte, wie schlimm es ist, in
+einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel anzufangen.
+
+"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an.
+
+"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Täubchen zu gut,
+als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn solcher Wichte
+ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln
+lassen als von ihrem Hähnchen."
+
+Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war
+ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, daß
+ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu entfernen, oder
+loszubrechen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+UNSCHULD UND MUT.
+
+Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling so
+tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden seine
+Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen hätte? Die
+nächste schickliche Gelegenheit mußte entscheiden.
+
+"Nun, Brüderchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so
+ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit
+der kleinen Präsidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten,
+Zurückhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und
+--rühmte sich heimlich von ihr erhaltener Begünstigungen, die Emils Blut zu
+Eis erstarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat
+ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes mit ihrem sanften Blick,
+mit ihrem keuschen, jungfräulichen Erröten vor das Auge--Nein! nein! rief
+es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt
+sich der Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer
+Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von
+wem sprechen Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich
+nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem
+zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke
+einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu
+lassen; da kam er aber an den Falschen.
+
+Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit,
+Mut, Zorn--alles sprühte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesen
+Augen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen niederschlug. "Was fällt
+Ihnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es ist hier niemand, der darnach
+zu fragen hätte."
+
+"Sie haben," fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, "Sie haben dem ganzen
+Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt; es hat also
+auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, und _ich frage_
+jetzt!"
+
+"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es
+kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein
+anderer sich dareinzulegen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer
+Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher für den
+Herrn da!"
+
+"Ist unnötig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte
+Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte ich
+gerne beantwortet haben."
+
+"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine
+Herzensangelegenheiten mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr delikat
+finde,--ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin,
+gesprochen."
+
+"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie
+vorhin taten?"
+
+"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und maß den Grafen von
+oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen.
+"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!"
+
+"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!"
+
+"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, anmaßend
+zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken behaupten, was
+ich sagte."
+
+"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die
+übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört
+hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, "nun ja, so, muß ich
+nur _Sie_ bedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art unterhalten
+lassen von diesem erbärmlichen Lügner."
+
+"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir
+vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue
+Bohnen."
+
+"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf
+Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist
+spaßig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der
+Brust wegging, "das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu
+machen habe!"
+
+Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang der
+Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das
+Kerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einen
+verfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!"
+
+Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen.
+Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant
+bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonstwo
+einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine,
+spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn
+so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den übrigen war es
+übrigens nicht so ganz wohl zu Mut; das schnelle Ende des Streites hatte
+aus allen Köpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich
+an die Affäre, und manchen wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen
+Übermut herbeigeführt worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen
+Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese
+Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum
+Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer
+Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: "Sporeneck,
+morgen früh acht Uhr, auf Pistolen."
+
+Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die
+Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und
+keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte
+Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er
+erzählte:
+
+"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander im
+Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr
+höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag
+ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung
+zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, worauf
+er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese
+hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekundanten
+lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm sei, werde ihm sekundieren."
+Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß er seinem Rivalen
+mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem
+Champagner weiter machen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber
+nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen,
+um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frühstücken.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS.
+
+Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden,
+eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel
+gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig
+zurück. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine
+bestimmt für das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an diesem
+kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine plötzliche Abreise ohne Abschied
+durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen.
+Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich tief betrübte; die
+Gräfin war ja noch hier, sie wußte nichts von seiner Abreise; er konnte
+also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem
+Torweg herauf zu hören: "Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der
+Mondwirtin; o wie gerne wäre sie in diesem Augenblicke die Ehehälfte des
+Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen
+Lippen zu hören!
+
+Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den Zügel
+von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt kam Mart--
+nein, ein Offizier in fremder glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte
+Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo
+blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt,
+schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. "Eine schöne,
+geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische
+oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam
+ihr so bekannt vor; wie? sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat
+und trug auch keinen Orden, und diesem glänzte der Wladimir in Diamanten
+auf der Brust--wenn er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er
+doch nur den hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein
+Gesicht sehen könnte.
+
+Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und
+stieß den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war
+Emil von Martiniz.
+
+Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die
+Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die dunkeln Locken
+stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die
+blendend weiße Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine
+Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als
+wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er
+klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er
+ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner
+Ulanen und es werde in schmetternden Tönen Marsch, Marsch! geblasen; sie
+konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligé--sie öffnete
+das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das
+Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Äuglein sahen so klar und
+freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft
+gerötet, das Mäulchen so süß und kußlich, um das feine, liebe Gesichtchen
+ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei und dann ein
+Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken und Brust
+herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen Morpheus
+entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten--das ganze
+Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum--
+
+Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der Glorie
+der jungfräulichen Unschuld, mit der Wehmut gekränkter und doch
+verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das letzte Mal
+hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Träne
+blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferde beide Sporen in
+den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand; unwillkürlich bog sich
+seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: "_Adieu mon
+coeur_!" rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war
+nichts mehr von ihnen zu sehen.
+
+ "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von
+ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf--er warf einen Kuß
+herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grä-- konnte diese nicht auch im
+Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen--Sie mußte
+Gewißheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon
+aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und
+schliefen. "Also mir, mir,--" lächelte das stillselige Mädchen vor sich
+hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo
+er gehalten, wo er ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie,
+konnte er nicht nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr
+seinen Kuß geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mußte, zu
+kränken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in
+seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er
+gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt hatte,
+sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.
+
+Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie
+engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht
+gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie vor ihr in
+der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön stand. So träumte
+sie, das liebliche bräutliche Mädchen; sie ahnte nicht, welchen
+gefährlichen Gang der Geliebte ging und daß die Parze so schnell den Faden
+ihres Glücks zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte,
+für immer ausgeschlagen haben würde, daß die kühnen, liebesprühenden Augen
+schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schließen könnten, aus welchem
+auch die süßeste Stimme, das zärtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS DUELL
+
+Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie
+jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang,
+und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust
+erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe
+sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und
+flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen
+Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der
+Eifersucht über ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und
+Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist
+schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als
+Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen
+kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein
+müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick
+hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er
+Ladenstein das Billett, und dieser las:
+
+"Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise
+abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem
+Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du
+eine Busenschleife? Willst Du ein Schnürband von meinem Korsettchen?"
+
+"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,
+"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich
+um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher
+gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von
+seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"
+
+"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt
+hiebei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst."
+
+Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne es
+ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete
+ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt
+und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben
+könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor
+Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich
+vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum
+Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf:
+"Sie ist dennoch schuldig," entlockt.
+
+Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: "Urteile
+nicht zu frühe! Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit
+dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine
+Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem
+Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer
+Dame; so lange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend
+zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mädchen, so hold
+und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von
+ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst--und du
+wirst freudiger streiten."
+
+Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz
+gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des
+Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Roß
+zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an.
+
+Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und
+hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen
+angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit; denn
+sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische
+Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den
+strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen
+sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile
+Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener
+zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten
+des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im
+Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches,
+das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten.
+
+"Alle Teufel, wer hätte das gedacht?" flüsterte Sporeneck. "Hätte ich das
+gewußt--weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister
+für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er
+Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen."
+
+"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie
+der behängt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen und noch
+obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiß Gott, den
+Kommandeur der Ehrenlegion! Das muß ein fixer Kerl sein."
+
+Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz
+gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.
+"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefällig ist!"
+
+Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Äußerung des
+Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre,
+er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher
+noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen
+zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man maß die Schritte ab,
+man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen--fertig!
+
+Sporeneck hatte den ersten Schuß. "Nun, wenn es denn einmal sein muß,"
+sagte er, drückte ab und--den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf; mitten
+durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer
+sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als
+stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab;
+zweimal setzte er an, zweimal ließ er das Pistol wieder sinken. Da rief der
+Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in
+demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.
+
+Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der
+Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig
+Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der
+Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter
+zur Stadt zurück.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FINGERZEIG DES SCHICKSALS.
+
+Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die
+Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der
+Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die
+Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel
+merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich
+geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe.
+Von dem Duell war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden.
+Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest,
+daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme; die übrigen hatten sich das
+Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.
+
+Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte
+heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er
+sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin
+Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags
+hinüber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem
+blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr
+langweilte, hätte konversieren mögen.
+
+Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein
+umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die
+Kugel herausgenommen, die Ärzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil
+verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm
+zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen.
+Sie gingen mit.
+
+In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die
+beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen
+Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit
+Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich
+und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden
+geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er
+erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über
+sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer
+Stunde selbst noch gewünscht habe.
+
+Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht
+entstellt, nur daß sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß
+zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke
+erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig
+seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?" rief er. "Was
+schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?"
+
+Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der
+Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte
+doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es
+scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber
+nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von
+forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte.
+Der Kranke aber fuhr fort: "Laß dich nicht von diesem da forttreiben,
+lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem
+Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die
+Schlüssel geben und schließ auf! Dort findest du ein Strumpfband mit
+goldenem Schloß--" er hielt inne, als ob er nachsänne; der Graf aber trat
+in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er
+sprechen würde,--"und richtig, _Honny soit qui mal y pense_ ist drauf
+gestickt: Das bringst Du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken
+Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich
+könne heute nicht selbst kommen. Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei
+es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um
+das Gräfchen eifersüchtig--ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein--sage
+ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker,
+sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle,
+so habe sie es mit mir zu tun."
+
+Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte.
+Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht
+gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister
+geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes
+gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der
+alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert,
+daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten
+Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz
+entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie
+geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion,
+ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der größten Freundlichkeit
+"Herr Kamerad" titulierte.
+
+Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem
+Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter
+der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnehme, die Proposition, ob
+er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt vom Haus sei, ein
+kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.
+
+"Lieber Gott," sagte er, "ich weiß, wie es in der Garnison ist, habe auch
+lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man
+immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem
+andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege,
+Herr Kamerad--ich denke, wir könnten darüber einig sein."
+
+Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den
+Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein
+solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die
+Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich
+an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele
+zuwider; lieber hätte er sein Pferd verkauft--da kam ihm nun das Anerbieten
+des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll
+angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre
+er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle
+Höllengeister am Kollet gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer
+gegangen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+LICHT IN DER FINSTERNIS.
+
+"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu Martiniz,
+als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der schönen
+Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" antwortete Emil
+nachdenklich--"daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis
+steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten
+Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?"
+
+"Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen," sagte jener und zog einen Pack
+Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche
+der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um
+womöglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer
+eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge; der alte
+Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang
+dieser auf und rief: "Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit
+mir ein solches Spiel spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen?
+Wie reimen Sie dies alles zusammen?"
+
+Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf
+seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig
+Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte und
+darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die
+Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in
+diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben, zu
+angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie
+es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen
+kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag,
+dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir
+denken. Daher kam sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber
+auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein
+als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus
+dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem
+keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch
+gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du dich,
+daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts
+anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen; so und nicht
+anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?"
+
+Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein
+Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. "O Ida, wie tief
+habe ich dich beleidigt!" flüsterte er. "Was war ich für ein Tor, wie war
+ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam
+und konnte das gute, sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so
+lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!"
+
+Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein
+Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem
+ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann man
+alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich ist
+nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden.
+Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen!" Und nun
+setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit
+seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfte er nicht stehen bleiben;
+er zeigte ihm, wie viel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst
+mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle
+mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie
+entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn
+zu zerstreuen und zu erheitern. "Wahrlich," schloß er, "diesem Mädchen bist
+du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister
+abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so
+sehr sich auch," setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, "so sehr sich auch
+dein Herz dagegen sträuben mag!"
+
+Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal
+größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein "Amen, gehe hin und tue
+also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen
+waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln
+Auge sprühten; ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht
+war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten
+und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. "O, wie
+Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich
+mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlichen
+Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito
+des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert,
+die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die
+Arme und ging dann an die Türe: "Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und
+teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als
+möglich!"
+
+Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein
+Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichsten Xeres
+loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muß ich ja gra--tulieren!" "Nun wie,
+alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht zu freuen?
+Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?"
+
+"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schön, die Frau Gräfin--"
+
+"Wer spricht denn von der Gräfin?" sagte sein Herr, "Fräulein Ida meinen
+wir!"
+
+"Was?" rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig; denn jetzt
+hatte er wirklich süßen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? Also hat Gott
+Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden?
+Hurra, das ist einmal schön!"
+
+Man mußte seinem Jubel Einhalt tun; er wäre sonst spornstreichs durch die
+Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das
+helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; er
+küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer
+schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte; hatte
+sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten,
+winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kinde gemacht.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+REUE UND LIEBE.
+
+"Und nun noch eine Bitte," sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und
+Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her so
+wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,--lassen
+Sie es mich heute noch gut machen!"
+
+Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle
+seine Ungeduld bis morgen zügeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann
+ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch
+eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was
+ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil
+ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche
+Versöhnung nicht gut. Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber!
+Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen.
+Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich
+mich ja nicht zu genieren."
+
+"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
+Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und
+hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk
+geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber
+das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den
+Familienehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst! darfst dich
+weiß Gott, vor König und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat
+auf, wenn du dein Mädchen zum ersten Male ans Herz drückst!"
+
+"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen
+Säbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das
+unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Gräfin kam dazwischen, als
+ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte."
+
+"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte
+Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und
+wenn eine Kartätschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es
+wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts
+Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß."
+
+Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
+Reglement des alten Herrn zu halten.
+
+In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
+Ladenstein hinüber kam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und
+schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur
+Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd
+gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen
+habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber
+dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock
+angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer
+zuletzt lacht, lacht am besten!"
+
+Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu
+zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß
+er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie,
+weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie
+entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen
+falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie;
+"aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir
+kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wänden,
+die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht,
+bis ich hier heraufzog."
+
+"So, das hat die Gräfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer
+aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad notam_,
+um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und
+breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke,
+daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und
+ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er
+konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten
+Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, "wunderschön und
+genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der
+Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler
+ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte,
+ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts
+übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem
+Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage
+selten mehr findet und die man gerade an den größten Kunstwerken alter
+Meister so hoch schätzen muß.
+
+Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ,
+heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner,
+als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er
+stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren
+alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt
+überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie
+flehte--es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es
+hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte
+Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei Gott, bis zum
+Sprechen ähnlich--Emil; der tiefe, wehmütige Ernst, der sonst in seinen
+Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn
+man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den
+feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den
+einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als
+malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige,
+ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich
+ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im
+Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der
+einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der
+Ähnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die
+Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in
+der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus,
+so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben
+der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war.
+
+Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt; aber er
+kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die
+Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die
+Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab; auch sie
+war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn
+erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der
+nachher, aufgelöst von Dankbarkeit, nur ihr gehört hatte, daß dieser auf
+die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?--Sie stand, das
+holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl
+sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab.
+
+Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer.
+Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln
+verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da,
+den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder
+gut machen."--
+
+Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das
+Köpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein
+Ende." Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir
+diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und
+muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--"
+
+Das Mädchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen
+Wehmut und Unmut kämpfend, "ich hätte nicht geglaubt, daß Sie--"
+
+"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände
+geben." Damit schritt er zur Türe und riß sie auf.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+VERSÖHNTE LIEBE.
+
+Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und
+traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie
+der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf
+den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der
+Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und
+ehe sie sich es recht versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah
+sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um;
+doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute
+unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum
+recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf
+ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuß, das ist ein Kuß!"
+
+Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin
+so eifersüchtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache
+ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour
+gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn
+nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer
+verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund
+und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle;
+und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen
+zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen
+langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie
+ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er
+morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.
+
+"Aber Kinder, es wird spät," sprach endlich schon zum drittenmal der alte
+Herr und tippte Ida auf das Ärmchen, das den reuevollen Geliebten
+umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt
+aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen
+hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, es wird
+spät, und die Bilder könnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen
+hinunter zur Gesellschaft."
+
+"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war,
+herabzusteigen in einen nüchternen irdischen Tee."
+
+Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht
+bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüber zu spedieren,
+und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch
+nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuß mußte er gestatten. Er würde in
+zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und
+jetzt endlich trennte man sich.
+
+Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf
+und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und
+drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr
+recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei,
+daß er sie gek-- Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das
+Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten,
+daß es so wundersüß schmeckte.
+
+Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur
+Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals
+fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht, da mußte
+man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und
+probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter; aber sie mochte es
+machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Köpfchen mit einem
+spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich
+selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles
+mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht
+von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen
+Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete.
+
+Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen
+und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam.
+
+Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre
+Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen
+lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht," setzte sie
+preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die
+verberstet vor Neid," während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem
+lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen früh mich
+zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht angenommen,
+und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht
+mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren."
+
+"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lächelte Fräulein von Sorben
+mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.
+
+"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte
+sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE FREIWERBER
+
+Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem
+Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte
+Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam
+noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl; denn der Graf
+hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler
+Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so
+ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der
+bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber
+auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der
+Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten.
+Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem
+lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet
+entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist
+zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu
+seinem Frauchen machen will.
+
+Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sie sehr
+anständig finden würde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den
+Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten
+Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere
+bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie hatte vom Hofrat
+gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann,
+von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung
+geben?--
+
+Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph
+darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von
+ihr abzureißen, überwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe
+ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was
+sie für ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankündige.
+
+Endlich--ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er
+heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte,
+als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ....schen Gesandten
+gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener
+Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab,
+auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das muß
+doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und
+machte große Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."
+
+Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe; gewiß wollte Emil noch
+einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen.
+Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute
+nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof-
+Gala-Knix, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und
+wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr
+gerade ins Gesicht: "Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida
+nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das
+hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so
+einschüchtern ließe!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht
+aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson
+empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzählte,
+daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie
+hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.--
+
+Das Mädchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen
+Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es
+ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zu Mut.--
+
+Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und
+Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz
+angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einiges
+Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen.
+
+Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es
+denn doch fehlen könne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so
+bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte; aber
+der Onkel--"--"Nun, was für ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein
+aufmerksam und neugierig.
+
+"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar
+böser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die
+Länge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen
+Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab; denn er
+soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr
+viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins
+Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfährt," setzte sie traurig hinzu,
+"wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn er
+_nein_ sagt--"
+
+"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der
+alte Herr voll wunderbarer Rührung.
+
+"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn
+man nur den erweichen könnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter
+Tränen lächelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar
+eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu
+ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche,
+die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich für den
+alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem
+Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen,
+und Sie kennen den alten Herrn gewiß--so zeigen Sie ihm die Gruppe da,
+sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen
+Wahn befreite; wollen Sie?"
+
+Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen
+rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er
+nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
+Endlich faßte er sich doch wieder; er wischte die Tränen hinweg, er war
+freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.
+
+"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lächelnd, "ich kenne
+ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, daß ich sein innigster--bester
+Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit
+Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er
+es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstück sein."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FORTSETZUNG DER FREIER.
+
+Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein zum
+Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil sagte
+seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine; nur habe er
+bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil könne diese
+Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar gehe es den Hof nicht im
+mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr
+Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand; aber sie
+scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde
+gewesen, ihn in seinem Glück zu stören. Er saß so selig neben dem
+bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und Glück, daß er nichts
+anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie.
+
+Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mädchen.
+Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige
+Frührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lächeln,
+das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald
+Wonne und Freude verriet.
+
+"Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen," rief der glückliche
+Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut
+hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und
+barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm
+Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen,
+das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich
+gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie aus Wachs geformt,
+niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er faßte das
+Engelsköpfchen an dem sanften Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu
+blickten ihn diese Augen an, wie würzig wölbten sich die Purpurlippen ihm
+entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er preßte sie an sich
+und sog in langen, langen Küssen das süßeste Leben in sich ein.
+
+Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut
+gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle
+Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen,
+bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als
+sollte sie, aufgelöst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen und
+hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schämen und schalt sich
+wieder aus über die Torheit; denn es war ja ihr Bräutig--; nein, das fiel
+ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm
+seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte sich doch nicht so
+recht; sie wand sich verschämt aus seinen Armen und wollte eben sagen, daß
+er doch ein wenig einhalten--
+
+Da ging die Türe auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden
+Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," rief
+er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie
+weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und küßte
+ihn und war ein so munteres, wöhliges Kind, als habe er ihr eine hübsche
+Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt.
+
+Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn voll
+Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen.
+
+Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine
+Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, daß er sich
+schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus kein
+Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre."
+
+Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den
+guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr Zeugen
+ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit; der
+Graf wollte lieber heut als morgen und hätte gerne sein liebes Bräutchen
+nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster geführt. Aber dagegen
+sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft
+sagte--"Nein, wenn es einmal sein muß, so muß es auch recht sein. Im
+Hausüberröckchen traut man kein reputierliches Fräulein." Der Präsident
+stimmte bei; er sagte: "Sie haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt
+hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!"
+
+Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr ist
+viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten,
+da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie man es nur
+wünschen kann. Da ist--" er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm
+mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein gerichtlich
+ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft Groß-Lanzau, drei
+Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz,
+wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe übermacht,
+kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefällig ist."
+
+Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals.
+"Mein teurer väterlicher--"
+
+"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm
+die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur
+den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!"--
+"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "daß ich ihm danken kann
+für seine unendliche Güte?"
+
+"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine
+Träne der Rührung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude an
+seinem holden Töchterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem
+Namen küssen." Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die schöne
+Stirne.
+
+Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er las,
+desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er
+die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das ist zu viel;
+bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau mit dem schönen,
+neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert, mit Stallung und
+Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott,
+seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern wert, nein, bedenkt auch
+noch--"
+
+"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen
+von dem Zeug! Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern.
+Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein
+kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir
+gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen gewesen sei, und deswegen
+hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentümlich zum
+Brautgeschenk übermacht."
+
+Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. "Doch
+nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete
+Ladenstein und überreichte ihr die Schenkungsakte.
+
+Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umher
+wie närrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, herziges
+Blauenstein!" daß die drei unwillkürlich über die possierliche Freude des
+Mädchens lachen mußten.
+
+Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses
+Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs elegant
+eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schönen
+Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des Schlößchens, gegen den
+schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische Aussicht hinüber in Täler und
+Berge--und dieses lauschige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem
+fröhlichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil--
+gewiß, ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht!
+
+ Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden,
+und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden Mädchens auf die
+nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Präsident große
+Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam
+präsentieren.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE SOIREE.
+
+"Was aber der Präsident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als jetzt
+die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten
+dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf
+alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal Minister zu
+werden.
+
+Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch mehr
+von diesem "Dicketun" überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstres, die
+gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze Galerie der
+geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so
+durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung für
+Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wände waren mit Festons
+von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die sich in den deckenhohen
+Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Girlanden vervielfältigten.
+Ein ganzer Hausrat der prächtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher,
+Platten, Schüsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in
+tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und
+Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über
+diese Pracht.
+
+Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger
+daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man
+wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige
+Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man
+nicht recht vernehmen, was er in petto habe, Er empfing seine Gäste höchst
+freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern
+teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin--nun, die kam endlich, sah
+aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre; denn sie war wie
+gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet.
+
+Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am
+nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine
+Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des
+Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der
+Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr
+über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen
+würde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll," hatte Schulderoff
+geäußert, "so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat und,
+das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die
+blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und
+fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte
+er doch recht; denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir
+selbst das Herz im Leibe hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand
+her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel
+modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer
+ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von
+der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, der nicht
+von ihren Reizen hingerissen wird."
+
+So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die
+Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert.
+
+Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem
+festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte
+den größten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch
+vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja,
+Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Gräfin suchte vergebens mit ihren
+rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte
+einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten
+sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt--der Graf, der sich doch
+sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu
+ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß
+er heute im Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der
+Rittmeister--der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf
+ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig; denn ihre Neigungen waren sehr
+flüchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und
+sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe
+Liebe war,--aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der _Cavaliere
+servente_ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit
+einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die
+übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie
+hinterlassen können--aber sie wollte es ihm entgelten.
+
+Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die
+fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene
+begeben habe.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE BRAUT.
+
+Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich
+noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich--der
+Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die Türe
+auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den Saal--herein
+trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung, mit
+Sternen und Orden besät--wir kennen ihn schon--, an seinem Arm ein holder;
+verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig und doch voll wunderbarer
+Majestät--Ida.
+
+Aber wie _das_ Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte noch
+nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein
+Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren
+hoch und teuer, mit den fürchterlichsten Flüchen, er sei unschätzbar und
+nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär--
+die Gräfin hätte heulen mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz
+lassen müssen--er war in Kost und Logis bei Salomon Moses Söhnen und doch
+hätte er gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkensprühende Kraft _dieses_
+Steins verbleichen müssen!
+
+Hatten die Gäste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt,
+so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen;
+denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er einen Jüngling,
+hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform, den Diamantorden auf
+der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen
+übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein
+Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschätzt wurde;
+der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling trat näher, es war Emil.
+
+Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich--der Präsident empfing aus
+Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Pärchen in den Kreis--die
+Gräfin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoß wütende Blicke auf die
+drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida,
+das Engelskind, und errötete über und über; der Graf aber schaute fröhlich,
+stolz mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Präsident
+verbeugte sich und begann: "Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein
+glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich
+heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe
+Stille; man hätte eine Mücke können trappen hören--unwillkürlich flogen die
+Blicke der erstaunten Gäste nach der Gräfin; denn _sie_, _sie_ mußte ja
+nach ihren Kalkülen die Braut sein; dann öffneten sich die Schleusen der
+Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen
+Lobpreisungen brach über die Dame herein; man hörte sein eigenes Wort
+nicht, so gingen wie in einer Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler
+und Mäulchen.
+
+Endlich fand auch die Gräfin Worte; sie hatte, das übersah sie mit _einem_
+Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet
+zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch eine
+tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie
+eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr Glück zu ihrer
+Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu und wollte
+freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen sprühte
+und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiß ich nicht, ob ihr ganz klug
+getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß, aus keinem alten Haus, und
+Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr Oheim; der Minister, darüber
+denkt; wenigstens so viel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese
+Verbindung nun und nimmermehr zugeben."
+
+Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, daß nur
+böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse; das Wasser schoß ihr
+in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein
+und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe höhnisch,
+der Gräfin zu; Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: "Wissen Sie das so
+gewiß, gnädige Frau?" Diese Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Röte
+flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tückischer. "Ja, ja, das
+weiß ich gewiß," rief sie, "ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat
+von Sorben, hat mir über diese Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich
+weiß, daß er diese Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!"
+
+"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme
+hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der
+sie mit einem höhnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen Blick
+nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem Lächeln, hinter das sie ihre
+Wut verbarg, von oben bis unten. "Das müßte doch sehr schnell gegangen
+sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, "noch vor fünf Tagen
+lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders; der Herr von Sorben sagt
+mir--"
+
+"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig.
+
+"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem Mann
+wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdrücken zu sprechen; wie können
+_Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--"
+
+"Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin," sagte der alte Herr und beugte sich
+tief, "ich heiße--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von Ladenstein-
+Martiniz."
+
+Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des
+Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach
+Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie zu einer
+Säule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem hatte, auch
+Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend als möglich
+wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wünsche ich doppelt Glück, daß
+ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher gefallen, seine Maske
+abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick gestört
+haben."
+
+Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in ihrem
+wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen Ida.
+Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer
+Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der
+ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr
+Onkel schuld, Fräulein Sorben," rief die Wütende, "warum hat er uns mit
+falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nicht gesagt, daß der alte
+Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich möchte--" Der
+orangefarbene Teint von Fräulein Sorben war ins Erdfahle übergegangen; sie
+hatte die stille Wut und machte sich hie und da nur durch ein
+unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Tränenwasser in den Augen
+stand.
+
+"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein
+Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen, und das
+Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie mitnehmen und
+dort meinetwegen für Geld sehen lassen!"
+
+"Ach, das ist ja gerade das Unglück," seufzte Frau von Schulderoff, "daß
+wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte
+Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk, erfahre ich
+soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche, nette Blauenstein
+gekauft!"
+
+"Gekauft?" preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz verbissen
+hatte, heraus, "gek--"
+
+"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen
+geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!"
+
+"Das fehlte noch!" knirschte die Gräfin und rauschte weiter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+PRÄLIMINARIEN.
+
+Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim.
+Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten Herrn
+vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch
+gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben
+würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig ausnähme. Und jetzt--
+nein, sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche,
+gütige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge
+Exzellenz den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so
+freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden
+sie das nette, lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte. Sie lachte und
+tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen
+gewachsen war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste
+Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in
+_einer_ Person.
+
+Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst
+war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und
+schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als er in den Salon trat,
+daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder präsentierte; er hätte mögen
+aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens.
+"Das ist _mein_ Werk," lächelte er vor sich hin, "ganz allein mein Werk; es
+konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefädelt war." Aber wie riß
+er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen
+Martiniz, welche auch hier seien, hörte. "Nun, da muß es was Tüchtiges
+gesetzt haben," dachte er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst."
+
+Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem
+alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und
+Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft schmerzlich
+vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm alles so bald
+als möglich zu erzählen.
+
+"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz
+seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog;
+"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu sorgen.
+Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf
+verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren Jahren einmal
+Oberhofmeister; das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir
+zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande
+noch nicht sah."
+
+Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine
+Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann
+ich für meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reißen jetzt so ein,
+daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie
+eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und jeden; aber der
+Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den gewöhnlichen Zimmern,
+wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggeräumt ist,
+tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das
+neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht
+mehr hat."--Also in der Kirche; nachher sollten die Gäste hinausfahren nach
+Blauenstein.
+
+Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue
+Besitzung des lieben Pärchens sei und daß Groß-Lanzau auch noch dazu
+gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar
+Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort mußte das Schloß
+festlich geschmückt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben
+kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte der kleine,
+sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein, daß sie noch
+Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort, "muß das Brautpaar
+eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als _garde de dame_ auch mit,
+bestellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem
+Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns
+an dem Glück, das wir, ich und Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben."
+
+Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der Rührung
+im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte sich
+bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und wann soll die Hoch--"
+
+"Über acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der
+Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche
+versammelte Gäste dazu ein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZURÜSTUNGEN.
+
+Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen Tagen
+gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen,
+Näherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer,
+Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer
+sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und alle taten,
+als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge.
+
+Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem
+ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man den
+Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und
+bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß
+er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe
+die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen aufschneiderischen
+Angedenkens; da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her in
+alle Ecken und Enden der Stadt; ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich
+gesehen haben.
+
+Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst tot
+war! Nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen, müde
+geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein Schlaf über
+ihn.
+
+Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf
+den Nachttisch setzen, in einem großen Korbe standen vor ihm Bücher, ein
+ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: "Wahrhafte und akkurate
+Beschreibung des solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV." Ferner: "Der
+allzeitfertige _Maitre de plaisir_, für Hofleute, vornehme Festlichkeiten
+und anderen Kurzweil." "Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuse,
+Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schönsten zu arrangieren." Sogar das
+Festbüchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen;
+denn er dachte nicht anders, als es müssen darin allerhand neue und nie
+gesehene Festivitäten erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert
+haben, als dem nicht also war.
+
+Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten
+Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszüge;
+er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit; denn das sah er ein,
+wenn man alle die schönen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausführen
+wollte, so mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er
+nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem
+ewigen Zappel; ja, es war ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da
+bei Ida, bis zum Tode ermüdet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf
+sie heftete, als wollte er sagen: "Sieh, für dich opfere ich mein Leben
+auf."
+
+Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen
+gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr es selbst noch seid,
+gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein solches süßes Engelskind kennt
+mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lächeln
+des kußlichen Mundes, der sich umsonst bemüht, sich in ehrbare
+Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen, namenlosen Sehnsucht in dem
+feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen
+Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz
+angehören soll, verstohlen die Hand drückt, ihm die Wange streichelt, wenn
+sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hüfte schlingt wie um eine
+Säule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des
+Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die
+seidenen Wimpern aufschlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit,
+voll Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden
+Busens sich höher und höher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich
+ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrängt--kennet ihr ein solches
+Mädchen, so wißt ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr ein solches
+Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über
+die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures
+Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter--wißt ihr eine solche
+frische Hebeblüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch so
+warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte wie Ida, o, so
+bekehret euch, solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im
+Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure Brust legt, aus milden
+Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die Falten
+von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat gegeben zu
+haben.
+
+Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht
+bildschönen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er den
+Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü--
+
+Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen
+gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Bräutigam aus.
+
+So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß der
+herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man sich's
+versah, sagte sie adieu, ließ packen und---weg war sie.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+HOCHZEIT.
+
+Und endlich war der schöne Tag gekommen.
+
+Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und
+der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der
+Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem
+Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und
+von Minute zu Minute wuchs der Andrang.
+
+Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein Mensch,
+das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem
+Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel
+darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: "Sehet,
+der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte
+allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hieher in die
+Münsterkirche trieb; da herein konnte er aber nicht; und ich, der Küster
+von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war
+auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat
+von dem Übel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler
+einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt,
+daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen
+Altar kommen würden?"
+
+So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte
+ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie
+zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut,
+daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine
+Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal
+bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen
+und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt; aber diesmal
+hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt.
+
+Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz,
+jetzt--ja, sie mußten es sein,--der große Glaswagen des Präsidenten fuhr
+vor; darin saßen der Präsident und Emil. "Ach, der schöne Offizier!"
+schrien die Freilinger und machten lange Hälse. "Wie prächtig, wie
+wunderhübsch!" flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder
+lauter pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen.
+
+Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloß sich um den herrlichen,
+schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre;
+das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht gerötet und
+verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes,
+glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort
+Bückling über Bückling machte; gerührt und freundlich reichte er ihm die
+Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.
+
+Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender,
+geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen
+und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl,
+der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang ab,
+riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt sich kein
+Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge erwartungsvoll auf die
+geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der
+Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesichte,
+stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar
+glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich,
+etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen weißseidenen
+Schuhe--jetzt--ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar
+überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund--hübsch stand das Bräutchen
+zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug
+schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war
+ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit
+der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der
+Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Gürtel, welcher
+den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend
+Taler wert, und die Bracelets mit den großen Steinen und das Diadem, um das
+sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine
+verstand, dem mußte hier der Mund wässern; aber war nicht alles dies im
+Grund unbedeutende Fasson, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind
+selbst, einzufassen?
+
+Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß
+nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken,
+daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie
+der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und
+ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altar näherte.
+Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit
+Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr
+Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen
+Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte.
+
+Mühsam rang sie nach Fassung, die Freude, daß sich alles so schön gefügt
+hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die
+Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser Stätte, und
+ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der
+würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer
+kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach,
+der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da
+strömten ihre Tränen über. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist
+erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte: _der Zug des Herzens
+ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Tränen flossen; denn
+auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen
+hatten, gingen über.
+
+Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre
+Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick,
+mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem
+schönen, lichten Ziele führte.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SCHMAUS.
+
+Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze
+Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die
+neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu
+leiten. Sechs Böller riefen ihnen Freudengrüße entgegen, als sie in die
+Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlagähnliches Wirbeln von
+Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schönen Schlosses, und als
+alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon
+herausführte, um die herrliche Gegend zu übersehen, da gab der Hofrat das
+Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft.
+
+Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein zu
+nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister,
+dem alten Martiniz. Das Schloß--es war zwar niedlich, geschmackvoll, bequem
+gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und Felder, wie man sie selten
+sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten
+waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer ausgeschüttet gewesen,
+kurz, man hatte gesehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und
+mancher Käufer hätte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der
+Restauration fertig werden zu können. Und jetzt, die behaglichste Eleganz,
+die man sich denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuß
+hätte sich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut
+gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten
+Federchen darin sehen können. Diese breitarmigen Lüstres, diese
+Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten; Etageren,
+diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen,
+Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen
+kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem
+Feenpalast umher, und die Mädchen und die Frauen--Ida wandelte zwar wie
+eine Königin in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin
+gelebt; aber man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und
+Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen.
+
+Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine
+Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen Paares hatte
+er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging, und zwar alles
+auf dem höchsten Fuß; denn wenn einer der Gäste nur vom silbernen Teller
+ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der
+Teller gewechselt, und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in
+der Küche hatte er gewaltet; und es hätte wenig gefehlt, so hätte er aus
+lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout
+oder Hachee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar
+mit einer Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen.
+Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig
+reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu
+dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!
+
+Da war:
+
+Schildkrötensuppe.
+Coulissuppe von Fasanen mit Reis.
+
+_Hors d'oeuvres_.
+
+Pastetchen von Brießlein mit Salpicon.
+Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_.
+_Du boeuf au naturel_.
+Englischer Braten mit _Sauce espagnole_.
+
+ _Gemüse_.
+
+Spargeln mit _Sauce au beurre_.
+Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein.
+
+_Entrées_.
+
+Junge Hühner mit _Sauce aux fines herbes_.
+Financière mit Klößen.
+Schinken _à la broche au vin de Malaga_.
+Feldhühnersalmy.
+Kalbskopf _à la tortue_.
+_Fricandeau à la Provençale_.
+
+_Braten_.
+
+Kalbsschlegel.
+Rehbraten.
+Feldhühnerbraten.
+Kapaunenbraten.
+_Dindon à la Perigord_.
+
+_Salat vielerlei_.
+
+_Süße Speisen_.
+
+Sulz von Malaga.
+Crême von Erdbeeren.
+_Compote mêlée_.
+_Crême panachée mêlée_.
+Punschtorte mit Früchten.
+_Tartelettes d'abricots_.
+_Tourte de chocolat montée_.
+Gußtorte.
+
+_Dessert_.
+
+Punsch _à la glace_.
+_Crême de Vanille_.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SCHLUSS.
+
+Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte, unbemerkt von den
+bechampagnerten Gästen, die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitstaat
+ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes
+Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig
+in die Welt hinausgefahren werden; so wollte es der alte Graf.
+
+Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so
+wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Überröckchen schloß
+so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben
+dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die
+Äuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes,
+kleine, kleine Schelmchen saßen in ben Grübchen der Wangen und schienen
+allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung;
+das Mäulchen so spitzig wie zum Küssen zeigte immer wieder die Perlen, die
+hinter dem Purpur verborgen waren.
+
+Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, Minette,
+und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre
+wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. "Diese herrliche,
+jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des
+Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weißen Arme!"
+flüsterte Philette. "Diese Füßchen," dachte Trinette weiter, "diese Wäd--"
+
+"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, doch
+nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun,
+als hätte sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von der Stirne bis
+herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße
+Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere
+kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte
+sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den
+Speisesaal.
+
+Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin
+einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat;
+kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der
+Ehe reiste.
+
+"Warum bist du nur so über und über rot?" fragte Emil sein holdes Weibchen,
+indem er sie näher an seine Seite zog. "Hat dir jemand etwas getan?"
+
+Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," flüsterte sie endlich und
+errötete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt."
+
+"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es
+wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden; aber
+das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es ging nicht;
+er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte
+versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins
+Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das
+deinige auch dazu packen soll." Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen
+in die Arme; er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch
+der aufbrechenden Gäste.
+
+Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein
+Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort
+beschloß er, ihr zu antworten.
+
+Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen;
+sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein
+tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die
+Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil
+und seine glückliche Ida.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NACHSCHRIFT.
+
+Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und
+getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen sie
+sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die
+Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte
+ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost
+und nach West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den
+wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen
+Weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl
+tut da das freundliche, jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schönen
+Lippen herab dem Freunde entgegentönt!
+
+Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige Doralice
+und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da
+war Graf Law und seine Clementine, da war meine süße Mimili, da war Herr
+von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst
+Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel,
+hatte sich aus Venedig eingefunden und Emilie Mellinger mitgebracht; da war
+auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da
+war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes
+und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klotilde
+und ihr Sekretär.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball
+von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende nehmen.
+
+Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen Gespräch kam.
+Freilich trübte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns
+im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert
+mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem
+wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen geweiht, kehrte die holde Freude
+wieder bei uns ein.
+
+Wir tollten, lachten und schäkerten, der Weiße Hirsch faßte kaum so viel
+Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit _einem_ Bettchen behelfen.
+
+So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem
+Weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir saßen gerade beim Kaffee--da
+fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und schlugen den
+fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen und Trinken
+konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne unsere Bewilligung
+kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter
+uns haben. In einem prächtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, saß
+ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Köpfe in die Höhe--
+
+"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally:
+"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie
+heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern ältlichen Herren,
+welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in
+die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt
+und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen,
+um welche die übrigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. "Sehen
+Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern mein liebes Frauchen."
+
+Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg
+kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur
+Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich
+an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu
+einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte; und wie herrlich
+hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war durch die Liebe
+dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.
+
+Auch in den drei andern Gästen--der Leser wird unschwer den alten Martiniz,
+den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte ich wackere,
+liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als
+hätten wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paßten
+sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzählte uns
+seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufällig er nach Freilingen,
+wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso
+zufällig der alte Oheim auf einer Geschäftsreise diese Gegenden berührt,
+dem Neffen eine Überraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_
+mitwirkte und die Ränke der bösen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir
+mußten diese Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt:
+
+_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_
+
+Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir
+alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.
+
+Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu
+erzählen.
+
+Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet,
+sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie
+sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch den Zug
+des Herzens ganz die Meinigen geworden.
+
+H. Clauren.
+
+
+
+ * * * * * * * * * * *
+
+
+
+KONTROVERS-PREDIGT
+
+über
+
+H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND
+
+gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+von
+
+WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+Text: Ev. Matth. VIII, 31-32
+
+
+
+Allen Verehrern
+
+der
+
+CLAURENSCHEN MUSE
+
+widmet diese Blätter
+
+in bekannter Hochachtung
+
+ DER VERFASSER
+
+
+
+
+EHRWÜRDIGE VERSAMMLUNG, ANDÄCHTIGE ZUHÖRER!
+
+Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
+verschmäheten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der
+Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar
+mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände
+nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu
+sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun;
+nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man
+trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über
+allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil
+ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben.
+
+Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel über das
+Theater gepredigt oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen
+unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das
+Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das
+Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden.
+
+Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
+darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten
+unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
+solchen Aufdeckung von Irrtümern und böslichen Gewohnheiten bis ins
+einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
+fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
+so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
+einander eine Betrachtung anstellen über:
+
+DEN MANN IM MOND
+
+von
+
+H. Clauren;
+
+und zwar betrachten wir:
+
+I.
+Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser
+Welt?
+
+II.
+Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt?
+
+
+
+
+I.
+
+_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
+einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
+Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit
+jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat,
+die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer
+Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen,
+die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto
+weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche
+Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums
+schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und
+sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich
+höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese
+Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu
+hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack
+zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und
+Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler
+geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und
+Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er
+ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke
+anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben
+ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn
+ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.
+
+Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und
+schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten
+würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er
+nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei
+dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache
+anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
+Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
+Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber
+gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
+Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
+ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das
+Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen
+Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja
+nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern"
+und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies
+sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die
+Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht.
+
+Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
+allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen
+Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich
+weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den
+Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er
+bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr
+Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich
+weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres
+von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne
+Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und
+das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr
+ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite
+geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch
+einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten;
+ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber
+nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen
+Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_
+
+Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
+Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von
+Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige
+Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter
+Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
+Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für
+sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen
+wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe
+nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch
+losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus
+eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen
+seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener
+erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann,
+--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war
+euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es
+über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man
+euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr
+konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.
+
+Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine
+Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
+erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in
+diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes
+Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten
+Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem
+die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die
+Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
+anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen
+als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
+wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne
+schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
+darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
+Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele
+unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
+Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume
+hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die
+euch entzückte!
+
+Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau
+zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes
+um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal
+dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als
+die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß
+wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben
+Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele
+anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu
+was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder
+Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser,
+viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für
+welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch
+einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh;
+das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit
+schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg
+mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des
+Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper
+genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des
+Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und
+so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt
+ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen
+Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges
+könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind,
+die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht,
+in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und
+dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger
+Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens
+etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist
+nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich
+abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst
+einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist,
+der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur
+kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr
+eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich.
+
+Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
+_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein
+Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem
+süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer
+und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich
+habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in
+ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach.
+Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig
+geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe
+an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die
+Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so
+denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade
+so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von
+welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr
+keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie
+den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein
+Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten,
+je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto,
+rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost
+_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg
+ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
+Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
+Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
+nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene
+Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit
+einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende
+Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es.
+
+Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das
+_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die
+Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die
+Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch
+einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst
+du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die
+er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die
+eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten
+die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und
+wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich,
+daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre.
+Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine.
+
+Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
+Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß
+sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um
+sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß
+jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen,
+daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche
+Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges
+Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die
+körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem
+Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen
+Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus
+Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung
+schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur
+eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen
+Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern
+spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige
+Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des
+Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,
+wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief
+erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn
+schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern
+geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen
+Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere
+als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
+
+Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der
+Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
+Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit
+dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur
+Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine
+Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
+Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
+fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt
+gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
+grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
+haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine
+zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so
+unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades
+Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von
+tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte,
+Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
+des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die
+nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally,
+Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
+sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
+geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
+
+Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das
+Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit
+schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_"
+Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt
+und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben.
+Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher
+Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns
+in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch
+hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete
+Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu
+Gevatter stehen mußte.
+
+Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
+er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
+Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
+lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
+glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die
+von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber
+nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen
+Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen
+beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen
+Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide
+sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern
+oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von
+Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz
+puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und
+das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen
+Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee
+gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses
+Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O
+sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen,
+ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb
+zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer
+Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im
+Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr
+leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das
+ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches,
+Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns
+beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren!
+
+Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er
+alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im
+Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei
+Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
+Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis
+zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den
+Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt
+sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll
+Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst
+darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball
+"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
+treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines
+Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines
+Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche
+Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können!
+
+Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen
+ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das
+Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
+sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
+Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
+Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
+Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen
+Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs
+Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die
+Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet,
+daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß.
+Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten
+gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein
+solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie
+von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers
+oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er
+ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten
+Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht.
+
+Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von
+herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
+dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte.
+
+Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten
+für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
+die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
+
+Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen
+beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
+dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche
+Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz
+recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein
+Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt.
+Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der
+aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt
+den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber
+und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend.
+Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich,
+und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem
+Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs
+hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt,
+errötend nahte, hat er die Türe verschlossen.
+
+Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große
+Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
+Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
+Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
+mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte,
+erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
+sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den
+Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
+
+Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
+der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
+reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder,
+reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an
+sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge
+dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
+siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und
+rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva
+licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte
+sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines
+Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt?
+
+Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken,
+die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages
+auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit
+vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen
+kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann
+nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame
+gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit
+_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte,
+das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum
+mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem
+belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_
+verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin!
+Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur
+selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur,
+er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!!
+
+Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
+wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen.
+Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter
+Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
+verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für
+ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen
+läßt!
+
+In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer
+gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald
+wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette
+gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst,
+zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und
+möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein
+Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch
+alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die
+Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für
+Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten
+für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und
+alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind,
+um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
+
+Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen
+kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins!
+Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht
+verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist
+diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer
+so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur
+gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht
+besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer
+wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust,
+fünfhundert Stück zum ersten Anfang?
+
+Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem
+Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
+haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese
+Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet
+euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache
+Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann
+man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund,
+wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit
+zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in
+den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?"
+
+"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
+
+"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
+Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben."
+
+"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
+sondern der Berliner, H. Clauren--"
+
+"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?"
+
+"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das
+Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich
+gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause
+weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in
+diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre
+von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und
+ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt,
+Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem
+Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne,
+Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem
+an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an
+den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im
+'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir
+nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit
+schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere
+Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche
+ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen,
+an--"
+
+"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber
+könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum
+mindesten mehr Abwechslung."
+
+"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
+recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
+aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
+Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
+Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn
+er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei,
+oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen!
+Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand,
+und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im
+Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter."
+
+So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches
+Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
+
+Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
+aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht
+mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige
+Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des
+gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja
+sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
+nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder
+antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige
+Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
+
+Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
+verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche
+Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_,
+wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten
+Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom
+Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande,
+vor Mit- und Nachwelt schänden!
+
+Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den
+man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte;
+das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
+Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig,
+es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt,
+wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in
+neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen;
+waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus
+einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen
+Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen,
+die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art
+höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals;
+denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der
+Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
+sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet!
+König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem
+Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit
+köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du
+redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau
+aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie
+gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in
+Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören
+konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht
+Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem
+sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine
+anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten
+Vergnügen einer verworfenen Klasse!
+
+Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das
+Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
+Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
+Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
+anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
+weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt
+sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu.
+
+Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber
+selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei
+ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
+ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
+sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
+Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
+H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
+braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und
+werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
+Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir
+sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
+Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
+zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht
+weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen,
+rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff,
+durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von
+London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
+unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
+
+Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
+erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
+in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich
+von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren
+übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen
+und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene
+lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
+nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser
+Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte
+den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten
+erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem
+mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber
+offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für
+eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen.
+Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern
+nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten
+als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem
+unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen.
+Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und
+siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige,
+angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es
+mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte
+die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun
+sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst
+einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer
+einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen
+auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst
+seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte
+sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den
+Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
+tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und
+unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch
+in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
+stand beinahe allein und zog beschämt von dannen.
+
+"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
+ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
+
+Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe
+wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
+wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
+des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen.
+
+Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
+Gegenstand der folgenden Fragen.
+
+
+
+
+II.
+
+Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der
+"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
+er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
+andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.
+
+Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
+angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder
+unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das
+erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst,
+mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen,
+seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem
+Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine
+Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo
+die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu
+Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine
+die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt
+bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an
+Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen
+zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem
+Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen,
+einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen
+Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter,
+die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
+
+Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich
+nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
+Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
+steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen
+Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie
+schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei,
+wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da
+über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch
+gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt
+seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_,
+das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie
+in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem
+Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man
+müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch
+ein anderer Grund fände.
+
+Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
+gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
+Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
+wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für
+wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer
+Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der
+Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine
+Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
+lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
+selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
+hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen
+Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
+andern?
+
+So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
+gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den
+Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte
+er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen
+Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste
+Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der
+seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau
+eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen
+Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und
+ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht
+abzukaufen.
+
+Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche
+Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt
+wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
+nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
+höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder
+eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der
+Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für
+Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur
+den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum
+wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,
+daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie
+diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt
+und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein
+Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu
+wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der
+Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und
+Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist
+als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft.
+
+Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
+dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch
+kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf
+und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren
+Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die
+Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer,
+die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr,
+ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß
+jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den
+Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich
+habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei:
+_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und
+Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie
+hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus
+denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn
+würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an
+diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht
+widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_
+"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind
+sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren.
+
+Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von
+"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach
+allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein
+Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit;
+alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle
+seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen
+hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen,
+durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_,
+alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes
+Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so
+vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren
+auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner
+Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den
+schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten,
+mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen
+im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich
+sagen, ich habe den Clauren studiert.
+
+Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
+gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
+Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
+Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
+unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes,
+plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das
+Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
+Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß
+entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
+beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
+"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
+Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von
+Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
+Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
+7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
+cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen,
+und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht
+darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man
+immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe
+mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben
+und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz
+honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit
+wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen
+Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war
+der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen
+Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben
+in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in
+der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich
+oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten
+"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer
+Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_
+sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--"
+(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte,
+wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie
+glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft
+und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich
+nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren
+"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der
+Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen",
+"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die
+man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und
+Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig
+_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie
+natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen
+Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt
+war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser,
+Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun
+ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand";
+es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe
+bis in die Brautkammer befördert.
+
+Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
+zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
+durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
+sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen
+Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt,
+daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige,
+unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es
+gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der
+Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.
+
+Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von
+Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden,
+daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche
+Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung,
+daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und
+Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht
+doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche
+Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen
+Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner
+Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen.
+
+Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten
+_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er
+jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes
+_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und
+_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen
+lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat
+Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen
+könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters;
+natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt,
+
+ "--Federn auf dem Hut
+ und einen Klunker dran."
+
+Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
+erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.
+
+Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
+weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
+dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
+angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
+Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
+"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
+uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
+zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute
+Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er,
+was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei
+nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem
+namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von
+seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl
+literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen,
+begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die
+Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu
+klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar
+Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
+Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
+anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn
+rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit
+der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
+reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
+ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
+verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
+sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
+geschrieben, weniger schlüpfrig machen?
+
+Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
+vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens
+Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei,
+daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten,
+H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes
+Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht
+unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen
+acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime
+Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch
+und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie
+täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond",
+gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur
+Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom
+Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die
+Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften
+sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das
+nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik,
+in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_,
+nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber
+versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten,
+auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu
+verteidigen!--Bedenke:
+
+ "Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte;
+ Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."
+
+Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht
+_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
+_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
+Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner
+Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht
+nach Worten richten.
+
+Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde
+wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
+diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen
+der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne
+merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren
+dasselbe sagen?
+
+Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
+"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
+und wie es geschehen werde.
+
+Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis
+hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr
+wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn
+ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte
+vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der
+Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß
+entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre
+Klopstocks Messias werden soll?
+
+Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem
+Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die
+Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über
+seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben,
+die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur
+verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den
+tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen
+suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu
+verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
+Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem
+heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick
+schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
+Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn
+nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und
+angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen
+Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich
+geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren,
+verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo
+nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet?
+Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls
+Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors
+steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn
+jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der
+Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des
+"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten
+Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber
+sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene
+niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
+selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine
+Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem
+Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?
+
+Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine
+schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
+sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten
+reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
+Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich
+selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot
+bespritzen.
+
+Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
+unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde
+jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu
+Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean
+Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder
+Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so
+gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler
+nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es,
+ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer
+Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und
+interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu
+ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein
+müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung
+der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau,
+nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum
+können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem
+Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten
+Viertelstunde anekelt.
+
+Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
+Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die
+ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
+Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei
+ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche
+Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren
+entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
+über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner
+Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
+Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz
+dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist.
+
+Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer,
+aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein
+"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu
+übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist
+jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr
+lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
+Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu
+finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
+Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
+Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden?
+Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene
+obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die
+interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was
+wird dann übrig sein?
+
+Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab,
+preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die
+Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
+Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in
+den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
+und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von
+Freund Heun!
+
+Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das
+deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet
+euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit
+Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden
+könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch,
+ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit
+wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt
+habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen
+lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine
+holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß
+ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.
+
+Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
+ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
+Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen.
+
+Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
+konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
+vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
+meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
+in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt.
+
+Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham
+aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist,
+wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe
+ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen
+noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und
+sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***
+
+
+******* This file should be named 13451-8.txt or 13451-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/1/3/4/5/13451
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
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+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
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index 0000000..b561ef4
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index 0000000..bbc9bd5
--- /dev/null
+++ b/old/13451.txt
@@ -0,0 +1,9474 @@
+The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Mond, by Wilhelm Hauff
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Der Mann im Mond
+
+Author: Wilhelm Hauff
+
+Release Date: September 13, 2004 [eBook #13451]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII)
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the
+Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team
+
+
+
+DER MANN IM MOND
+
+oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme
+
+Nebst der Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den Mann im Mond
+
+von WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+
+
+
+INHALT.
+
+
+ERSTER TEIL.
+
+Der Ball
+Ida
+Schoene Augen
+Der Fremde
+Die Kirche
+Das Souper
+Das Urteil der Welt
+Der Kotillon
+Die Beichte
+Das Dejeuner
+Der Brief
+Operationsplan
+Die Mondwirtin
+Der polnische Gardist
+Der Hofrat auf der Lauer
+Der selige Graf
+Gute Nachricht
+Der lange Tag
+Der Tee
+Das Staendchen
+Die Freilinger
+Feindliche Minen
+Geheime Liebe
+Emils Kummer
+Der selige Berner
+Entdeckung
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+Die Heilung
+Neue Entdeckung
+Das _Tete-a-tete_
+Das Unkraut im Weizen
+Das Unkraut waechst
+Truebe Augen
+Die Graefin agiert
+Eifersucht
+Der neue Nachbar
+Trau--schau--wem?
+Der Gram der Liebe
+Feine Nasen
+Der Herr Inkognito
+Emil auf der Folter
+Der Rittmeister
+Unschuld und Mut
+Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus
+Das Duell
+Fingerzeig des Schicksals
+Licht in der Finsternis
+Reue und Liebe
+Versoehnte Liebe
+Die Freiwerber
+Fortsetzung der Freier
+Die Soiree
+Die Braut
+Praeliminarien
+Zuruestungen
+Hochzeit
+Der Schmaus
+Schluss
+Nachschrift
+Kontrovers-Predigt
+
+
+
+ERSTER TEIL.
+
+
+
+DER BALL.
+
+UEber Freilingen lag eine kalte, stuermische Novembernacht; der Wind
+rumorte durch die Strassen, als sei er allein hier Herr und Meister
+und eine loebliche Polizeiinspektion habe nichts ueber den Strassenlaerm
+zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die
+Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen waehrend des
+Hoellenwetters, das draussen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr
+lebhaft auf den Strassen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt
+rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten
+erleuchtet, sich ausdehnte.
+
+Es war Ball dort, als am Namensfest des Koenigs, das die Freilinger,
+wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert
+vorbeiliessen. Morgens waren die Milizen ausgerueckt, hatten praechtige
+Kirchenparade gehalten und kuemmerten sich in ihrem Patriotismus wenig
+darum, dass die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut
+genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem
+jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und
+getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig
+geworden waren.
+
+Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger
+Schoenen und Nichtschoenen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt
+hatten. Schoen konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch
+Hofrat Berner arrangiert, und das musste man ihm lassen, so viele
+Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu
+veranstalten, verstand er aus dem Fundament.
+
+Die Wagen hatten nach und nach alle ihre koestlichen Waren entladen;
+die Damen hatten sich aus den neidischen Huellen der Pelzmaentel und
+Schals herausgeschaelt und sassen jetzt in langen Reihen, alle in
+unchristlichem Wichs, an den Waenden hinauf. Es war der erste Ball in
+dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke
+und Gesunde waren aus den Baedern zurueckgekehrt; es liess sich also
+erwarten, dass das Neueste, was man ueberall an Haarputz und Kleidern
+bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem
+Abend zur Schau gestellt werden wuerde. Daher fuellte die erste halbe
+Stunde eine Musterung der Coiffueren und Girlanden, und das Bebbern
+und Wispern der rastlos gehenden Maeulchen schnurrte betaeubend durch
+den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geaergert und bewundert und
+fragte ueberall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch
+nicht geben wolle.
+
+Das hatte aber seine ganz eigenen Gruende; man sah ihm wohl die Unruhe
+an; aber niemand wusste, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit,
+unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein
+ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fuenf Uhr mit seinem Arrangement
+fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eroeffnet;
+aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Maennchen
+ueberfallen zu haben.
+
+Nur _er_ wusste, warum alles warten musste; keinem Menschen,
+soviel man ihn auch mit Schmeichelwoertchen und schoenen Redensarten
+bombardierte, vertraute er ein Sterbenswoertchen davon; er laechelte
+nur still und geheimnisvoll vor sich hin und liess nur hie und da ein
+"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen.
+
+Wir wissen es uebrigens und koennen reinen Wein darueber einschaenken:
+Praesidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurueckgekommen;
+er, der alte Hausfreund, war zufaellig dort, als sie ankam; er hatte nicht
+eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu
+setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war praesentiert
+worden, ausbuegeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte
+er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke
+der Herren, wenn er die wunderschoene Dame in den Saal fuehren wuerde;
+denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_.
+
+Wo hatte nur das Maedchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich
+bildhuebsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie
+besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie
+auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem
+vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie frueher
+auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen
+der Praesidentin, zu allen tollen Streichen angefuehrt. Er liebte sie
+wie sein eigenes Kind; aber er musste sich vor drei Jahren doch
+gestehen, dass ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden
+solle, das man da in die Residenz fuehre, um sie menschlich zu machen.
+
+Denn wollte man ein Maedchen sehen, das zur Jungfrau und fuers Haus
+voellig verdorben schien, so war es Praesidents Wildfang; einen solchen
+Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu
+breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie
+klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch
+selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres
+Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als
+sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute
+vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnaedigen Mama
+war, dass sie Franzoesisch plappere wie ein Staerchen und dass, trotz
+ihrem Umherrennen in der Maerzsonne, ihr Teint dennoch trefflich
+erhalten sei.
+
+Aber jetzt--!
+
+Nein, was war mit diesem Maedchen in den kurzen drei Jahren eine
+Veraenderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen,
+alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fuelle bekommen, die man
+sonst nicht fuer moeglich gehalten haette; das Haar, das sonst, wie oft
+man es auch kaemmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in
+unordentlichen Straengen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der
+herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren
+glaenzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein
+Feuerraedchen umher, alles anzuzuenden drohend. Die Wangen bedeckte ein
+feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem
+Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und
+hatte eine Wuerde bekommen, ueber die der staunende Hofrat laecheln
+musste, so sehr er sie bewunderte.
+
+Dieses Goetterkind, diesen Ausbund von Liebenswuerdigkeit, erwartete
+der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe
+hoerbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie musste sie erst im
+Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseueberroeckchen und in der
+Haube _a la jolie femme_ beinahe naerrisch machte; wie musste
+sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach
+dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schoene Stirne und
+den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche
+die handbreiten Bruesseler Kanten umziehen sollten, mit dem
+Amethystschmuck schmueckte, den sie von ihrer Pate, der Fuerstin
+Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener
+Herzlichkeit, mit der sie frueher versprochen, einen Spaziergang mit
+ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war,
+jetzt als Koenigin des Festes die erste Polonaese zugesagt.--
+
+Immer verdriesslicher wurden die Damen, immer ungestuemer mahnten die
+Herren den alten _Maitre de plaisir_; schon seit einer halben
+Stunde stimmten die Musikanten, dass man vor dem Quieken der
+Klarinette, vor dem Brummen der Baesse sein eigenes Wort nicht hoerte,
+--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen ueber den Marktplatz her und
+hielt vor dem Fluegeltor des Museums.
+
+"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stuerzte zum Saal hinaus; bald
+darauf oeffneten sich die Fluegeltueren, und der kleine freundliche Alte
+schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+IDA.
+
+Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das
+wunderschoene Maedchen sein, so hoch und schlank mit dem koeniglichen
+Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kraeftigen Frische des
+jugendlichen Koerpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als
+kaeme sie alle Tage auf Freilinger Baelle und Assembleen; und doch
+kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Praesident,
+wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Praesidents Ida!
+
+Aber wie herrlich war dieses Knoespchen aufgegangen! "Welcher
+Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken!
+Wahrhaftig, man moechte ein Mueckchen oder noch etwas Wenigeres sein,
+nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen,
+welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wuenschten
+sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Faehnchen, die sie doch ihr
+gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und fuer
+wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und
+Astern, die eben erst aus den Gaerten der Hesperiden gepflueckt zu sein
+schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle
+vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst
+Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, haette
+ihnen keinen schlimmern Streich spielen koennen, als diese Ida gerade
+heute einzufuehren. Aber man musste sich Gewalt antun; der Praesident
+machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der
+Provinz, eine glaenzende Aussicht auf _Thes dansants_, Soupers,
+Hausbaelle und dergleichen eroeffnete sich vor den schnell berechnenden
+Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt
+war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wusste, dass dies der Herr
+Papa Praesident nie verzeihen wuerde; man nahm sich zusammen, und in
+kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt,
+welche Glueck wuenschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei
+dies und jenes von dem hoffaehigen Anzug spickten. Alle redeten zumal,
+keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein
+Donnerwetter ueber das andere, dass sich eine so dichte Wolke vor diese
+kaum aufgegangene Sonne gedraengt und sie ihrem Anblick entzogen habe.
+
+Jetzt zog Hofrat Berner das weisse Sacktuch, schwenkte es in der Luft
+und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das
+Zeichen, und eine herrliche Polonaese begann. Im Nu stoben die
+Glueckwuenschenden auseinander und machten Raum fuer die Assessoren,
+Leutnants, Sekretaere, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die
+gluecklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen
+Walzer, eine Ekossaese oder gar den Kotillon mit Ida die Haelse brechen
+wollten. Sie aber lachte, dass die Schneeperlen der Zaehne durch die
+Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu
+versagen, huepfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand.
+
+Selig, geruehrt, begeistert stellte er sich mit seinem holden
+Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den
+mutigen, lockenden Toenen der Polonaese stolzen Schrittes gegen das
+wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den
+Flanken, ueberallher aus den Muendungen der Lorgnetten auf seine
+Taenzerin spruehte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt
+des Korsettchens einen Kuerassierpanzer von feinstem Stahl mit der
+Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie
+die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das
+Kartaetschenfeuer marschierte? Ich weiss nicht; aber sie schien gar
+nicht auf die schrecklichen Ausbrueche der gebrochenen Herzen, auf die
+Knallseufzer der Verwundeten zu hoeren; das Plappermaeulchen ging so
+ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre juenger, mit dem guten
+Hofraetchen im Wald spazieren.
+
+Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld
+losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Uebermuts aufs
+Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie
+sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es
+dem Hofrat als Findling vor die Tuere gelegt, wie sie dem Oberpfarrer
+die Waden voll Stecknadeln gesetzt, dass sie aussahen wie der Ruecken
+eines Stachelschweines, alles, ohne dass er es merkte; denn er trug
+_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war
+ja dasselbe lustige, naive Ding wie frueher und doch so wunderherrlich,
+so gross, mit so unendlich viel Anstand und Wuerde! Er haette sie auf
+der Stelle am Kopf nehmen und recht abkuessen moegen wie frueher,
+wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte.
+
+Es ging ueber seine Begriffe! "Wie koennen Sie nur so hartherzig sein,
+Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren
+werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick
+fuer alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehoert
+haben muessen?"
+
+"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der groessten
+Ruhe fort. "Die sind hier wie ueberall, unverschaemt wie die
+Fleischmuecken im Sommer. Das koennte kein Pferd aushalten, wollte man
+darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man
+gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht,
+wie sie dieser und jener dasselbe zufluestern, vor der Ursel ebenso
+wie vor der Baerbel sterben moechten, so weiss man schon, was solche
+schnackische Redensarten zu bedeuten haben."
+
+Die muss eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat.
+Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der
+Farbe, als waere sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und
+London umhergefahren! Er aergerte sich halb und halb ueber Mamsell
+Neunmalklug und Uebergescheit; denn es waren just keine unebenen
+jungen Maenner, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und
+ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amuerchen gehabt
+hatte, konnte nichts mehr aergern als ein fuehlloses Herz.
+
+Aber dieser Aerger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen.
+Wenn er in ihr volles, gluehendes Auge sah, wenn er den suessgewoelbten
+Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener,
+aber ich nicht! Weiss ich doch von frueher her, wie du gerne Flausen
+machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X fuer ein U
+unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir
+irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende
+doch in der Residenz geblieben, und Fraeulein Stahlherz ist nur darum
+so sproede gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat
+Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses
+Auge weiss, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon
+gekuesst, aber anders als nur solche Hofratskuesse!
+
+Der gute Alte aeusserte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber
+sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte laechelnd: gefallen
+habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch
+keinen Mann als ihren Vater und ihn.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SCHOENE AUGEN.
+
+"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an
+ihren Platz gefuehrt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen,
+der da mit Ihnen kam?"
+
+"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand
+dabei. Wen meinen Sie denn?"
+
+"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn
+niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst muesste er ja--Sie
+wissen, dass das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst muesste er
+ja eingefuehrt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine
+Saeule gelehnt, stand unbeweglich mit uebergeschlagenen Armen eine
+schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die
+glaenzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte
+sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener
+sich um, und unwillkuerlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte
+Blaesse lag auf diesem feinen, schoenen Gesicht, geheimer Gram oder
+verschlossenes Kaempfen mit finsterem Leiden schien das muntere,
+jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schoensten Ebenmass geformten
+Zuegen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefuehl draengte sich
+bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit
+zweifelhafter Furcht streiten zu wollen.
+
+Kaum hatte des Fremden gluehendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie
+ihren Blick abwandte. Ueberraschung und Verlegenheit machten sie stumm
+auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schoenen Stirne, ueber
+den Liliensamt der bluehenden Wange bis herab auf den jungfraeulichen
+Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht
+unbemerkt liess. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach
+der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren draengte
+sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten
+sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat
+aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben
+meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geuebter
+Feldherr; er fragte sie so laut als moeglich, ob es ihr jetzt, wie sie
+gewuenscht, gefaellig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im
+dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und
+Pfiffkoepfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie
+beurlaubte sich also mit grosser Hast von dem ungeheuern
+Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner
+durch den Saal.
+
+Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die
+Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche
+Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des vaeterlichen
+Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre
+Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem
+Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz
+im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus.
+
+"Sie geben sich vergeblich Muehe, Hofraetchen," kicherte das lose Ding,
+"ganz vergebliche Muehe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen
+Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie
+ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich
+auch vorhin etwas in Verlegenheit."
+
+"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein grosser Unterschied",
+antwortete Berner mit einem voellig unglaeubigen Kopfschuetteln. "Da
+muessen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?"
+
+"So hoeren Sie mich doch, Sie boeser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer
+wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch
+einmal, ich weiss nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe
+ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren
+wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war
+ein prachtvoller Landau mit einem grossen Bock, worauf ein alter
+Diener in reicher Livree sass; am Wagen zogen vier Postpferde; das
+Dach war zurueckgeschlagen, und es sass niemand darin als ein grosser
+Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um
+die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit
+ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die
+Reisenden, denen der Wagen gehoert, seien vorausgegangen und lassen
+ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem
+Wagen, ob ich noch keine reisenden Englaenderinnen oder Franzoesinnen
+gewahr werden koennte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine
+Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche
+sass und zu dem Wagen gehoeren musste."
+
+"Und war es derselbe, der dort an der Saeule steht?" fragte der
+Hofrat.
+
+"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag
+neben ihm im Gras, seinen Kopf stuetzte er in die hohle Hand. Das
+Geraeusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch
+langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit
+gesenktem Haupt bis an unsere Wagentuere. Da richtete er sich auf, und
+Sie koennen sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das naemliche
+geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er musste
+heftig geweint haben; denn Traenen hingen in den langen schwarzen
+Wimpern und gaben dem gluehendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz
+eigenen Reiz."
+
+"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete laechelnd der Hofrat.
+"Wer hat denn meinem Maedchen erlaubt, ueber Maenneraugen Betrachtungen
+anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz
+gelernt?"
+
+Das lustige Amorettenkoepfchen, das sich da, es wusste nicht wie,
+verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht
+alles so boes aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida
+nicht immer falsch.
+
+"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen
+eigenen Geschmack. Schoene blaue oder schwarze Augen, mitunter auch
+recht glaenzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch
+alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schoene Augen haben;
+sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiss, durch
+was sonst, den schoensten Glanz benommen und stieren uns an wie
+gestochene Boecke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine
+solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das
+Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht
+anmutig, sinnig und wie man es gern haben moechte, trifft. Beides sah
+ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--"
+
+Da hatte sich das schnelle Schnaebelchen schon wieder verplappert! Der
+Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biss die Lippen
+zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem
+Tanzen sich zwischen den Schneehuegeln hinabgeschoben hatte und ganz
+gluehend heiss geworden war.
+
+"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge
+gehoert, wovor einem die Haut schaudern koennte; nimm dich um Gottes
+willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich
+weiss es aus meiner Jugend, dass in gewissen Augen Haekchen sitzen, die
+uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, dass an kein Entrinnen zu
+denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehoert?"
+
+"Doch," entgegnete der kleine Uebermut; "ich glaube sie auch zur Not
+zu verstehen."--
+
+"Ist gar nicht vonnoeten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum
+Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas
+kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar gelaeufig ausdrueckt und
+mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht
+fuer eine Erzgeneralkokette."
+
+"Nun, fuer eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida
+etwas empfindlich.
+
+"Dazu kenne ich mein suesses Maedchen zu gut," entgegnete der Hofrat
+traulich und drueckte ihr das weiche Samthaendchen; "was aber den
+bleichen Patron dort drueben betrifft, so kann er ueber allerlei
+geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester
+oder gar sein Maedchen verloren haben."
+
+"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da
+wuerde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da
+wuerde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen."
+
+"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus,
+und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter
+fortzusetzen."
+
+"Nicht doch," fiel sie ein, "wie moegen Sie nur diesem interessanten
+Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus
+als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er
+sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und
+weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!"
+
+"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das
+Maeulchen geht ja, als sollte es einen Prozess vor den Assisen fuehren!
+UEbrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den
+Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich
+eindraengen, auf den Zahn zu fuehlen."
+
+"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofraetchen; aber ja recht artig und
+delikat," setzte das erroetende Maedchen mit den suessesten
+Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben
+scheint, muss unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER FREMDE.
+
+Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu
+erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon
+seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Saeule
+gelehnt, so wenig Interesse an dem glaenzenden Ball zu nehmen schien.
+Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurueck. "Wer ist es? Wie
+heisst er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?"
+
+"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese
+Karte gegeben."
+
+Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu
+sehen als ein schoen gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de
+Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die
+Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren
+Baellen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschuettelnd umher; sie
+haetten gar zu gerne gewusst, woher er komme, wohin er gehe, warum er
+nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten;
+doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, dass er in des Fremden Seele
+fuehlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein muesse, gab das
+Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen,
+rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze.
+
+Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde
+gebietende Gestalt unbeweglich an die Saeule gelehnt. Es war, als
+haette er sich nur in Schwarz und Weiss geteilt und kenne keine andere
+Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glaenzende
+Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschoene
+Waesche, welche durch ihre Weisse, durch ihre zierlichen Faeltchen den
+Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einfloesste,
+kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen
+Lippen schmueckte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne
+Teilnahme in das bunte Gewuehl hineinzustarren; aber dennoch begegnete
+nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge
+ueberrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser spruehenden Glut
+niederzuschlagen.
+
+Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht
+viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen
+Herren machten sich ueber ihn lustig, und beide Teile hatten so viel
+an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu
+bekritteln, zu bewundern, dass man bald nicht mehr an jenen dachte.
+Nur Idas Blicke streiften oefter nach jener Saeule hinueber; ein Blick
+zu ihm schien sie fuer das Geschwaetz der Freilinger Stutzer, die ihr
+heute unendlich fade vorkamen, zu entschaedigen. Doch betrachtete sie
+ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb
+es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, dass
+die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man muesse
+ihr siedendes, gluehendes Blut an ihr Herzchen pochen hoeren. Waren es
+die Traenen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der
+wehmuetige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so ruehrte? Hatte der
+Hofrat recht mit den Haekchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte
+sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef--
+Nein! laechelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine
+Not! Es ist ja nur das natuerliche Mitleiden, was mich immer nach ihm
+hinsehen heisst.
+
+Elf Uhr war vorueber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper
+getanzt werden. Stuermisch draengten sich die Herren um das Wunderkind;
+aber Trotzkoepfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und
+liess die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und
+unwillkuerlich waren sie wieder mitten im Gespraech ueber den Fremden.
+
+"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmuetigkeit
+ihres Engelkoepfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends
+immer blaesser; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre
+Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmaessige
+Koerper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestoert werden
+koenne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die
+Lippen zusammenpresste, als wolle er einen Schmerz verbeissen; der
+Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das
+Wehmuetige, der traenenschwere Truebsinn in seinem Auge wurde immer
+unverkennbarer.
+
+"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte
+ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, dass du nicht froehlich
+bist mit den Froehlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu
+helfen."--
+
+Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!!
+
+Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich
+der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Groesse,
+in gebietender und doch grazioeser Haltung da; aber sein Auge heftete
+sich furchtbar starrend nach der Saaltuere. Berner wollte eben
+aufstehen und zu ihm hin--
+
+Da oeffnete sich die Tuer, ein alter, reichgekleideter Bedienter,
+derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden
+zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riss eine Uhr heraus,
+warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida
+herueber und verliess langsamen Schrittes den Saal.
+
+Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen ueber diesen
+sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der
+Praesident kam und fuehrte sein liebes, holdes, wunderherziges
+Toechterchen zur Tafel.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE KIRCHE.
+
+Der alte Kuester am Muenster zu Freilingen sass in dieser Nacht nach
+seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stuebchen; der
+Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehaelfte vorgelesen, er
+hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit
+brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen,
+vierhundert Schuh hohen Muensterturm erbaut und wie solches viel Zeit
+und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiss- und
+blaugestreiften Umhang der zweischlaefrigen Himmelbettlade
+auseinanderschlagen, um ihren Ehezaerter zu ermahnen, sein gewohntes
+Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern
+Parterrestuebchens pochte. "Macht auf, Meister Kuester! Seid so gut und
+macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draussen. "Wird
+wohl ein Bote von einem Kranken sein," naeselte der Kuester, "der die
+Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, dass die
+Stelle nicht verblaettere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man
+mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Duennbier
+gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer,
+tagtaeglich vorsetzte. Draussen schob er die maechtigen Schloesser und
+Riegel der Haustuer auf, und herein trat ein kleiner aeltlicher Mann in
+reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spaet?" fragte der
+Kuester.
+
+"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Kuester aus dem
+kalten Hausgang in die waermere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr
+mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er
+einen blanken, harten Taler auf den Tisch.
+
+Der Kuester wog den Taler in der Hand, liess ihn wieder auf den Tisch
+fallen, dass es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's
+nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!"
+
+"So nehmt Eure Schluessel," fuhr der andere fort, "und schliesst die
+Muensterkirche auf!"
+
+"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in
+dieser stuermischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es
+geht nicht, mich bringt kein Hund hinueber!"
+
+"Beileibe," rief die Kuesterin aus dem Bette und riss den Umhang
+zurueck, dass man das ganze Paradiesgaertlein ihres gebluemten Bettes
+uebersehen konnte, "fuehre uns nicht in Versuchung! Alter, lass dich
+nicht betoeren! Wer weiss, was draussen lauert?"
+
+"Haette nicht geglaubt, dass Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem
+Weiberregimente stuendet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist
+auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn."
+Noch einmal wog der Kuester den Taler auf der Fingerspitze und schien
+sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwoelf Uhr brummen, und da ist
+es gar nicht geheuer drueben in der Kirche; denn ich weiss, was ich
+weiss, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es
+sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne
+zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die
+gewichtigen, wunderlich geformten Schluessel.
+
+"Ei du meine Guete, laesst er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte
+die Alte im Bette. Der Kuester aber trat zu ihr mit dem groessten seiner
+Schluessel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, dass
+unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verliess mit
+dem Diener das Haus.
+
+Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne
+dunkle Woelkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten
+die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen
+sie am Portal des Muensters. Der Kuester schrak zusammen, als dort aus
+dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel
+gehuellte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse
+in so hohem Grade erregt hatte.
+
+"Schliess auf, schliess auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!"
+Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte
+gerade ueber ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden
+Klaengen schallte die zwoelfte Stunde in die Luefte.
+
+"Schliess auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um
+die Ecke!"
+
+Seufzend ging die hohe Tuere auf; in einem Sprung war jener in der
+Kirche. Der Kuester schloss behutsam wieder hinter sich ab und ging
+dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In
+wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der
+Laterne an den hohen Saeulen des Doms, nur auf wenige Schritte
+verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Daemmerung, bis es
+sich in der tiefen Nacht des Gewoelbes verlor. Manchmal schien es, als
+schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewaendern hinter den
+Saeulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten
+und ging dann schneller hinter dem Kuester her. Dumpf schallten ihre
+Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich
+befand, und ein vielfaches Echo gab diese Toene aus allen Ecken
+zurueck.
+
+So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf
+die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der truebe brennenden
+Laterne auch viel bleicher erschien, stuetzte er auf die Hand, dass die
+glaenzend rabenschwarzen Ringellocken darueber herabfielen. Der Diener
+winkte dem Kuester, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder
+und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er schweigen und sich
+ganz ruhig verhalten moechte.
+
+Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den grossen dunklen Hallen,
+tiefe Stille draussen in der Nacht. Nur vom Altar her hoerte man ein
+leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter
+die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto
+unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und
+lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug staerker wehte.
+
+Naeher und naeher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der
+Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen
+Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre
+zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand.
+
+Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stoessen. Krachend stuerzte
+ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, dass der
+Schall durch die Halle toente und--mit fuerchterlichem Lachen des
+Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend
+toenten diese hohlen Toene der Verzweiflung durch die Gewoelbe. "Er kann
+nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er
+die Wolken aufgezaeumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ca
+ca! Holla, Antonio--wie schaeumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase,
+tobe durch die Luefte, du kannst doch nicht herein zu meiner
+Freistatt!"
+
+Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und saeuselnd
+zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch
+die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm
+in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmuetig und
+zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er
+so ernst und zuernend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht
+vergeben, Antonio?"
+
+Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank.
+Jetzt stand der alte Diener, dem waehrend der schrecklichen Szene die
+Traenen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und
+unterstuetzte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiss von der
+Stirne und die Traenen aus dem gebrochenen Auge und floesste ihm aus
+einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein.
+
+Der Ohnmaechtige richtete sich wieder auf, huellte sich tiefer in
+seinen Mantel und schritt durch die Kirche.
+
+Der alte Diener aber trat zu dem Kuester. "Ich danke, Alterle," sagte
+er, "du hast jetzt gesehen, dass wir nichts Unrechtes in deinem
+Gotteshaus gemacht haben; dafuer halte aber reinen Mund! Und wenn du
+niemand ein Sterbenswoertchen hoeren laessest von dem, was du hier
+gesehen und gehoert hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche
+Nacht wieder, und du sollst pflichtgemaess deinen Harten haben."
+
+"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der
+Kuester im Weitergehen; "so viel merke ich, dass Euer Herr entweder
+nicht richtig unter dem Hut ist, oder dass er mit dem Gottseibeiuns
+hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht
+holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen
+betrifft, so seid ausser Sorgen, von mir erfaehrt es kein Mensch, vor
+allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiss, macht
+sie nicht heiss."
+
+Der alte Diener lobte den Entschluss des Kuesters und nahm am Portal
+mit einem Haendedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so
+junges schoenes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem
+Haeuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affaeren mit Herrn Urian.
+Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjaehrchen reiten; um die harten
+Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger
+Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Muenster festzumachen."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS SOUPER.
+
+Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Muenster
+zurueck ueber den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten
+Museums draengten sich Gestalten an Gestalten geschaeftig hin und her,
+verworrenes Gemurmel vieler Stimmen toente herab auf den stillen
+Platz, hie und da zeigten laute Ausbrueche der Froehlichkeit, mit
+Trompeten vermischt, dass eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht
+worden sei.
+
+"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die
+suessen Toene der Floeten, die klagenden Klaenge der Hoerner haben etwas
+Beruhigendes fuer mich, und mitten im Gewuehl der froehlichen Menge
+vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, dass ich unter den
+Gluecklichen der einzige Unglueckliche bin."
+
+Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er moechte doch seine
+Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar
+nicht zu hoeren, schweigend warf er in der Haustuere den Mantel ab, gab
+ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschuettelnd folgte ihm
+der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht
+bemerkt, dass sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte;
+es musste etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn
+wenn er sich sonst auch in das froehlichste Gewuehl gestuerzt hatte, so
+war er doch immer nach einem halben Stuendchen wieder zurueckgekommen.
+Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen muessen; heute ging
+er zu einer Zeit, wo er sonst, erschoepft von Kummer und Unglueck, dem
+Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott
+gebe, dass es zu seinem Heil ist!" schloss der treue Diener seine
+Betrachtungen und wischte sich die Augen.
+
+Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten
+stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hoerner und liessen die Schlegel
+dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht
+scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit
+manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball
+beschliessen. Loeffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstossenden
+toente aus dem Speisesaal. Ein schwermuetiges Laecheln zog ueber Emils
+blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner
+froehlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten
+Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib,
+doch treue Freunde gekuesst hatte und mit froehlichem Jubel in das
+allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte;
+unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen
+sassen die froehlichen Gaeste die lange Tafel herab; man hatte soeben
+die hunderterlei Sorten von Gefluegel und Braten abgetragen und
+stellte jetzt das Dessert auf. Gewiss, man konnte nichts Schoeneres
+sehen, als die Praezision, mit welcher die Kellner ihr Dessert
+auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie
+am Schnuerchen, die schweren Zwoelfpfuender der Torten und Kuchen, das
+kleinere Geschuetz der franzoesischen Bonbons und Gelees werde mit
+Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom
+Glanz der Kristalluesters bestrahlt, standen die Guss-, Johannisbeeren-,
+Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die
+silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte
+sie auch eingeuebt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er
+hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, dass er,
+einen bis an den Rand gefuellten Champagnerkelch auf eine
+spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen
+koenne, ohne einen Tropfen zu verschuetten, was in der Geschichte des
+Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu
+arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art voellige
+UEbungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist
+werden sollte, liess eine Tafel zu dreissig bis vierzig Kuverts decken,
+und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen moeglichen
+Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Praesidenten,
+Justizraete, Kollegiendirektoren, Regierungsraete und Assessoren mit
+Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein
+Stueck Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten
+und Vierten einzuschenken und dem Fuenften eine andere Sorte
+vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die
+Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte,
+durfte er auch gewiss sein zu siegen. Wie jener grosse Sieger, der nur
+mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von
+Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von
+seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, troestlichen Hindeutungen
+auf fruehere Bravouren und gelungene Affaeren, und er konnte darauf
+rechnen, dass keiner der zwanzig Kellnergeister ueber den andern
+stolperte oder ihm die Aalpastete anstiess, aber dass sie mit Sauce und
+Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze
+Bescherung servierten.
+
+Mit dieser Praezision war also auch heute die Tafel serviert worden;
+der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind
+Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner
+Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon wuerden
+weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte
+schon der aromatische Rheinwein die Zungen geloest und das
+schwaerzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfraeulichen
+Wangen und die Nasen der Herren geroetet, so war es jetzt, als die
+Pfroepfe flogen und die Damen nicht wussten, wohin sie ihre Koepfe
+wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die
+Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweissem Gischt gefuellt,
+kredenzt wuerden, wie auf einem Basar im asiatischen Russland, wo alle
+Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren,
+zwitschern und naeseln, plaerren und jodeln, brummen und rasaunen, so
+schwirrte in betaeubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den
+hoechsten Fisteltoenen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C
+der menschlichen Brust das Gespraech um die Tafel.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS URTEIL DER WELT.
+
+Aber der groesste Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des
+Tisches, galt Praesidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Maeulchen der
+Tanten und Muetter wie oberschlaechtige Muehlen, und die Posaunen-
+Seraph-Gesichter der Toechter nickten ihren Konsens aus den kleinen
+Kalmueckenaeuglein. Wie hatte doch das Maedchen vor Gott gesuendigt und
+gefrevelt dadurch, dass es so wunderhuebsch geworden war! Waere sie
+zurueckgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als
+Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen
+zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da haette es geheissen: "An
+der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt,
+wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie
+bescheiden und doch voll so erhabener Wuerde hereintrat, das
+strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und
+Loeckchen, im feuerspruehenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit
+schuldloser, anspruchsloser Natuerlichkeit, die Wangen von Gesundheit
+geroetet, in den feinen Gruebchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund
+so wuerzig, so kusslich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem
+fuerstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das
+Maedchen durfte nicht schoen, durfte nicht unschuldig und tugendhaft
+sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die
+Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, dass sie die acht
+unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Toechterlein beleidigen koennte--
+"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da
+muessten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister
+muessten ihre engschliessende Uniform ausgezogen und die Herren
+Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostuem ersucht
+haben, muessten in schwarzen Maentelein, weissen Beffchen, kurzen Hoeschen
+und seidenen Waedchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man
+bei siebzehnjaehrigen Maedchen Tugend finden sollte in Sodom!"
+
+"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es ueber die Tafel herueber.
+"Und die geruehmte Schoenheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man
+alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort,
+die Zoepfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was fuer Haar
+Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zaehne
+hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene
+hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter
+Seehund, nichts als Seehund."
+
+"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten
+Bruesseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg
+pflastern koennte--von der Fuerstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha,
+man hat auch seine Nachrichten; die Fuerstin, Gott halte sie in Ehren,
+ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber
+so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist,
+dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu
+schenken--nein, dazu ist die Frau Fuerstin Hoheit doch zu vernuenftig.
+Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehoert?
+Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur
+gegen ihn gefaellig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--"
+
+Und der ganze Zirkel lachte und stiess an auf den gefaelligen,
+splendiden Prinzen.
+
+Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schoenes,
+engelreines Geschoepf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so
+schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo
+er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu uebersehen, alles mit
+angehoert; er haette moegen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie
+noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer
+jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rueckte, nur um
+die giftigen Bemerkungen nicht zu hoeren, um ein Fenster weiter
+hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von
+Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitlaeufig
+auseinander, dass er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf
+den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen
+muesse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht.
+
+Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses
+bei Juden und Christen einige tausend Taelerchen mehr stehen hatte,
+als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen
+konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte
+ihm nicht recht einleuchten.
+
+Aber die gnaedige Mama wusste Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt,
+namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heisst Attention
+beweisen; das Maedchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird
+aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am
+Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen ueber sie, die
+Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, haeltst also nicht an, sondern
+herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick
+dem Fraeulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur
+ihr Herzchen aus Angst fuer dich einmal schneller pulsiert, dann hast
+du sie schon im Sack. Drittens: in einer schoenen Nacht mit der ganzen
+Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stuecke, einige zaertliche
+Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette
+ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufaellig bei Levi ist. Einige
+Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen:
+'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme
+Junge weint.' 'Ach, lasst mich, tapfere Kameraden,' antwortest du,
+'mir ist so weh und so wohl in ihrer Naehe.' So kommt es in allen
+Ritterbuechern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen
+Buergerlichen noch kein Geld hatten."
+
+"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und
+wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--"
+
+Emil wurde, er wusste nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den
+Eroberungsplan des Wildfangs hoerte; er rueckte um einige Fenster
+weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmaehsucht
+der Weiber zu zerreissen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu
+gewinnen suchte.
+
+Obenan sass der Praesident; die feierliche Geschaeftsmiene war zu Hause
+geblieben; er hatte den freundlichen, gefaelligen Gesellschaftsmenschen
+angezogen und tafelte, zum grossen Trost der juengern Glieder seines
+Kollegiums, wie ein Junger.
+
+Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke
+ein satirisches Laecheln, wenn er und der Hofrat Ida zum suessen
+bruesselnden Schaumwein noetigten.
+
+Es war nicht moeglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das
+Maedchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, froehlichen Herren.
+Es war jetzt ganz das waehlige, mutwillige Kind wieder wie vor drei
+Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem
+Schosse sass; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der
+schweren Weine ueber die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte,
+alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren
+Adern so warm und wohltuend, dass das Auge von Lust und Liebe strahlte
+und die rosige Tiefe des Schelmengruebchens alle Augenblicke sich
+zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch
+nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein froehlichgluehendes
+Engelskoepfchen abzukuehlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und
+Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wusste sie doch selbst nicht,
+was sie so froehlich machte! Die Rueckkehr ins Vaterhaus allein war es
+nicht, auch nicht, dass die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder
+alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein
+bleiches, wunderschoenes Gesicht, das sich immer wieder ihrer
+Phantasie aufdraengte, das sie wehmuetig durch Traenen anlaechelte? Warum
+musste er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn
+haette sehen und sprechen koennen!--
+
+"Ei, Kind," sagte der Praesident und weckte sie aus ihren Traeumen, "da
+sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf
+den Teller hin, als laesest du in der Johannisbeermarmelade so gut als
+im Kaffeesatz deine Zukunft, und laechelst dabei, als machten dir alle
+ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!"
+
+Die Glutroete stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und musste
+doch wieder heimlich laecheln ueber den guten Papa, der doch auch kein
+Spuerchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der
+Hofrat ihr von der andern Seite zufluesterte: "Der alte Herr hat
+fehlgeschossen; wir alle koennten uns den Ruecken lahm komplimentieren
+und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzkoepfchen goennte keinem
+einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslaecheln, das
+hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter
+Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--"
+
+"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!"
+rief sie, aergerlich, dass der Kluge ins Schwarze geschossen haben
+sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas
+silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand--
+
+"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da
+gekritzelt, Fraeulein Luegenhausen? He!"
+
+Nun, da hatte sich das Maedchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne dass
+sie es im geringsten wusste, unter ihrer Gedankenreihe das
+Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt,
+und da stand mit huebschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v.
+Mart_--
+
+"Nein, wie einem doch der Zufall bei boesen Leuten Streiche spielen
+kann!" replizierte sie mit der unverschaemtesten Unbefangenheit,
+kratzte, indem sie sich selbst ueber ihre furchtbare Kunst, zu
+verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin,
+wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da
+war irgend einmal eine reisende Prinzess hier, welcher man auf Silber
+servierte, und um den merkwuerdigen Tag ihrer Anwesenheit zu
+verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._,
+heisst offenbar: Emilie, am fuenften Maerz."
+
+"Gott im Himmel, was haettest du fuer einen Rechtskonsulenten und
+Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den
+frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder
+nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und
+jetzt taete es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch
+Engelskoepfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, dass er unwillkuerlich
+wieder gut wurde; in den suessesten Schmeicheltoenen bat sie ihm die
+Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er
+gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang
+mit ihrer Silberschrift necken wuerde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt
+sich zum Kotillon zu ruesten. "Nur noch ein Viertelstuendchen!" bat
+Ida, weil sie dem widerwaertigen Kreissekretaer habe zusagen muessen.
+Aber das Straeuben half nichts; die Hoerner erklangen im Tanzsaal, und
+die Tafel ruestete sich, aufzubrechen. Da stand der Praesident auf.
+"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er ueber die Tafel hin, "noch
+einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Glaeser hoch--der
+Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf
+unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das
+donnerschlagaehnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen
+Hallo der bechampagnerten Gaeste war es Ida, als hoerte sie hinter sich
+tief seufzen, und als sie, von einer ploetzlichen Ahnung ergriffen,
+sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmuetig,
+traenenschwer in das Gewuehl der Freude schaute. Alles Blut jagte die
+UEberraschung dem Maedchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr,
+und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden.
+Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade
+als sie der schoene junge Mann anreden zu wollen schien, riss ihn das
+Gedraenge der Aufstehenden aus ihrer Naehe; der Kreissekretaer kam mit
+seinem widrigen, sauersuessen Gesicht, schaetzte sich gluecklich, den
+Kotillon errungen zu haben, und fuehrte seine Taenzerin im Triumph
+durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch
+immer ueber diese Erscheinung, ueber die Gewalt dieser dunkeln
+Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat
+hat doch recht, es muss Menschen geben, die Haekchen im Auge haben, von
+welchen man sich gar nicht losreissen kann, und dieser muss einen von
+den grossen Angelhaken haben."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER KOTILLON.
+
+In rauschenden Toenen klangen die Hoerner und Trompeten durch den Saal;
+in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, huepften die
+Paare den froehlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf
+und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald
+dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der
+Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick ueber
+den Saal hinueber nach ihm, zu welchem ein unerklaerbares Etwas sie
+noch immer hinzog, und wenn die Floeten leiser fluesterten, wenn die
+weichen, gehaltenen Toene der Hoerner suesses Sehnen erweckten, da
+glaubte sie zu fuehlen, dass diese Toene auch in seiner Brust
+widerklingen muessen. In glaenzender Kette schwebten jetzt die Maedchen
+in der Runde, bis die Reihe sich loeste und sie den Saal
+durchschwaermten, um selbst sich Taenzer zu suchen. Emil stand wieder
+an seine Saeule gelehnt. Kaum den Boden beruehrend, schwebte eine zarte
+Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschaemtes
+Laecheln, auf ihn zu--es war Ida. Laechelnd neigte sie sich, zum Tanze
+ihn einzuladen; er schien freudig ueberrascht, eine fluechtige Roete
+ging ueber sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind
+umschlang und mit ihr durch den Saal flog.
+
+Aber aengstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in
+der ihrigen ruhte, schaurige Kaelte fuehlte sie aus des Fremden Arm,
+der ihre Huefte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge
+den Boden; denn sie fuerchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen.
+Jetzt erst fiel ihr auch ein, dass es sich doch nicht so recht
+schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch
+vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben.
+
+Aber ein freudiges Gefluester des Beifalls begleitete sie durch die
+Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der
+Bewegung des Tanzes leicht geroetet, bedeutender erschien seine edle
+Gestalt, sein hoher koeniglicher Anstand, und dem schoenen Mann
+gegenueber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schoenheit. Mit
+dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurueckfuehrte;
+wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja,
+wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurueckrief,
+wieviel Dank lag darin, wieviel Lie--
+
+Sie drueckte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen,
+die sie unablaessig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur
+um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von
+der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr
+ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht,
+wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon
+hatte jetzt seine glaenzendste Hoehe erreicht; eine Tour, die in
+Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die
+Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Taenzer gefuehrt,
+auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem
+seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Taenzer
+jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgefuehrt. Die Ausgeschlagenen
+stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der
+Erwaehlte flog mit der von der Binde erloesten Taenzerin durch den Saal.
+Die Tour an sich war gerade nicht so kuehn erfunden, um durch sich
+selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, dass
+der Vortaenzer, ein gerade von Reisen zurueckgekommener Herr aus
+Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour fuer sehr
+verhaengnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl
+das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und
+mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen
+sehen. Die Freilinger Schoenen machten zwar Spass daraus und
+behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen
+haben; doch mochten sie aberglaeubisch genug sein und wuenschen, des
+Schicksals Stimme moechte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen
+den schoenen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbaertchen oder
+einen dergleichen vor die blinden Augen fuehren.
+
+Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersuesse
+Kreissekretaer fuehrte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein
+sollendem Laecheln, das aber sein Gesicht zur scheusslichen Fratze
+verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das
+Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei
+arme Unglueckliche, von der sproeden, blinden Mamsell Amor-Justitia
+verschmaeht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an
+Martiniz durch das Koepfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht
+tuechtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen moege sie ziehen,
+wie es wolle, das Schicksal moege noch so gebietend rufen, sie lasse
+drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen.
+
+"Numero vier, gnaediges Fraeulein!" meckerte der Kreissekretaer. Sie
+liess die Binde loesen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils
+Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der
+Hoerner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie
+hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der
+Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so haette sie durch
+das Leben tanzen moegen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den
+Fluegeln der Fruehlingsluefte schwebte sie in seinem Arme hin, sie
+zitterte am ganzen Koerper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie
+musste ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das
+schmachtende Gesichtchen. Ein suesser Blick der beiden Liebessterne
+traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das
+edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund
+von Mund; ach, wie unendlich huebsch kam er ihr vor, wie fein alle
+seine Zuege, wie schmelzend sein Auge, sein Laecheln; sie haette moegen
+die paar Zoellchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kue--
+
+Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die
+glacierten Handschuhe zusammenschlugen, dass die zarten Naehte
+sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen,
+wenn ihr wuesstet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen
+Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich oeffnen, wie die Seele
+hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um
+hinueberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr wuerdet diesen
+Moment des suessesten Verstaendnisses nicht durch euer Klatschen
+verscheuchen.
+
+Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und
+das waermende Maentelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie
+zur Abkuehlung noch ein wenig durch den Saal zu fuehren. "Sie haben mit
+ihm getanzt, Toechterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der
+tanzt, koennen Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so
+schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat laechelnd. "Was
+werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie ueber einem
+Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die koennen sich
+wenigstens ueber das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an
+sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was
+man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein,"
+antwortete der neckische Alte.--"Nein, spassen Sie jetzt nicht! Ist
+nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man
+nicht recht erklaeren kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich.
+"Wahrhaftig, Sie koennen recht haben, Maedchen," sagte er; "habe ich
+doch den ganzen Abend darueber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen
+gar nicht aus dem Sinne bringen kann."
+
+"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so
+ploetzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte
+jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den
+Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt ueber eine Stunde aus, kommt
+wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Muenster!!"
+
+"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen
+Gliedern zitternd.
+
+"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiss es gewiss; aber reinen Mund gehalten,
+Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur."
+
+Der Wagen war vorgefahren; der Praesident kam in einer Weinlaune.
+"Hofraetchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein
+koenntest, wollte ich dir Ida kuppeln!"
+
+"Haette ich das doch vor dem Ball gewusst!" jammerte der Hofrat; "aber
+da gab es allerlei interessante Leute usw." Erroetend sprang Ida in
+den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa
+auf dem Heimweg Muehe, zu erfahren, was jener gemeint habe.
+Trotzkoepfchen haette moegen laut lachen ueber die Bitten des alten
+Herrn; es biss die scharfen Perlenzaehne in die Purpurlippen, dass auch
+kein Woertchen heraus konnte.
+
+Nicht mehr so froehlich als in frueheren Tagen und dennoch gluecklicher,
+legte Ida das Lockenkoepfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so
+bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fussende des
+Bettes, und auch die duenne Seidenhuelle, die jetzt noch uebrig war,
+musste immer weiter hinabgeschoben werden, dass die wogende,
+entfesselte Schwanenbrust Luft bekam.
+
+Aber wie, ein Geraeusch von der Tuere her? Die Tuere geht auf, im matten
+Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht;
+sein dunkles, wehmuetiges Auge fesselt sie so, dass sie kein Glied zu
+ruehren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann
+den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhuellen; sie will
+zuernen ueber den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr.
+Aufgeloest in jungfraeuliche Scham und Sehnsucht, drueckt sie die Augen
+zu; er naht, weiche Floetentoene erwachen und wogen um ihr Ohr, er
+kniet nieder an ihrem braeutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des
+Schicksals Stimme," fluestert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle,
+wehmuetige Gesicht ueber sie hin, heisse Traenen stuerzen aus seinem
+gluehenden Auge herab auf ihre Wangen, er woelbt den wuerzigen Mund--er
+will sie kue--
+
+Sie erwachte, sie fuehlte, dass ihre eigenen heftigstroemenden Traenen
+sie aus dem schoenen Traume erweckt hatten.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE BEICHTE.
+
+Am andern Morgen sehr frueh stand der Hofrat schon vor des Praesidenten
+Haus und zog die Glocke. Er musste ja sein holdes Idchen fragen, wie
+es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte
+er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, dass er nicht wusste, wo ihm
+der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten
+Handgriff der Glocke in der Hand hielt, dass er um keinen Preis von
+dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll
+mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen
+Witz nicht wenig zugut und laechelte noch still vor sich hin, als er
+die breite Treppe hinanstieg.
+
+Der Praesident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die
+Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnaediges Fraeulein nehme
+ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei.
+
+Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen,
+aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir sass Ida auf einer Estrade
+am Fenster, das Lockenkoepfchen in die Hand gestuetzt. War es doch, als
+sei das Maedchen in dieser Nacht noch tausendmal schoener geworden! Der
+Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schoenheit; es lag so viel
+Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben
+Gesichtchen, das ihn begruesste, dass er gar nicht wusste, woher dies
+alles das Wunderkind gestohlen hatte.
+
+Er sagte ihr auch, wie schoen er sie finde; sie aber lachte ihm
+geradezu ins Gesicht; sie finde, dass sie weit bleicher aussehe als
+sonst, der Ball koenne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu
+komme, dass sie heute nacht so dumm getraeumt habe und alle Augenblicke
+aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst
+aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich
+um den Mund, als wuesste es, was dem huebschen Engelskind getraeumt habe.
+
+Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen
+moeglichen Schoenen; aber er haette sich lieber die Zunge abgebissen,
+ehe er von Martiniz zuerst angefangen haette, obgleich er wohl sah,
+dass Ida darauf warte.
+
+Er sah sich daher, als alle Taenze und Touren bekrittelt waren und das
+Gespraech zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie
+wunderschoen Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren liess, die bronzierte
+Lampe am gewoelbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich
+Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem
+Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an
+drei Waenden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der
+Mitte, kann ja eine ganze Legion von Daemchen in sich aufnehmen. Der
+franzoesische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht
+sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muss schon auch ein wenig
+Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiss
+selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wuesste ich niemand,
+der solche Arbeit lieferte."
+
+Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, dass
+er den tauben Waenden predigte; denn Ida schaute stillverklaert durch
+die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren fuer ihren alten Freund.
+Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Maedchens, folgte ihrem
+Auge und--drueben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes
+"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weissen Gardinen
+aufgetan, und im geoeffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade
+zu, als der Hofrat hinsah, und liess die Gardine wieder herab; das
+selige Kind drehte jetzt das Koepfchen, und ihr Blick begegnete dem
+lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenroete schlug ihr ins Gesicht,
+als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzkoepfchen kein
+Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der
+Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn
+muss ich dir einmal fuehlen, also sei's!
+
+"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da koennen Sie Ihre
+astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von
+Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten
+Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--"
+
+"Wie Sie nur so boes sein koennen, Berner!" klagte das verschaemte
+Maedchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht
+gewusst, dass er nur im Mond logiert; und dass ich gestern diesen Mann
+schon wegen seines Aeusseren gehaltvoller gefunden habe als unsere
+jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Floeckchen Seide gebe,
+--ist das denn ein so schweres Verbrechen, dass man es noch am andern
+Tage buessen muss? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem
+Menschen, der so ungluecklich scheint?"
+
+"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der
+Hofrat; "dass der junge Herr im Mond drueben gestern nacht in der
+Muensterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das
+wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?"
+
+"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich
+bemueht, ihre Neugierde zu bekaempfen. "Er hat sich wahrscheinlich die
+Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?"
+
+"Durchreise? Als ob ich nicht wuesste, dass Herr von Martiniz die drei
+Zimmer Ihnen gegenueber auf vier Wochen gemietet hat--"
+
+"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im naemlichen
+Augenblick ueber die laute Aeusserung ihrer Freude. "Vier Wochen?"--
+setzte sie gefasster hinzu. "Wie freut mich das fuer die gute
+Mondwirtin! Sie muss immer Schelte hoeren von ihrem Mann, dass ihre
+_Table d'hote_ nicht so gut sei wie im _Hotel de Saxe_, und
+kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis fuer
+sich."
+
+"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muss sie
+jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude
+nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurueckzukommen, Sie
+glauben also, der Mann im Monde da drueben habe sich als
+durchreisender Fremder unsern Muenster zeigen lassen und dazu die
+glueckliche Stunde nachts von zwoelf bis ein Uhr gewaehlt, habe den
+Kuester mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die
+Finsternis desto deutlicher zu sehen?"
+
+Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und liess den
+Hofrat immer fortfahren--
+
+"Heute in aller Frueh war ich beim Kuester, dem ich vorzeiten einmal
+einen Prozess gefuehrt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiss,
+ohne diese Empfehlung waere ich bei dem Alten nicht durchgedrungen.
+'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der
+Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Muenster getan hat.'
+Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen
+alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles
+aufzuspueren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der
+Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Kuesters Haus gehen
+und beide bald darauf mit dem Fremden im Muenster verschwinden sehen.
+Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil
+es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten duerfe. So
+neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, dass
+er nichts sagen duerfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine
+schwache Seite) eingetragen haette; da gab er weich und erzaehlte--"
+
+"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von
+frueher her, dass ich fuer mein Leben gerne Geschichten hoere, namentlich
+geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen."
+
+"So, so? Man hoert gerne Geschichten von interessanten,
+geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hoeren Sie weiter! Der Kuester, der fuer
+seine Muehe einen harten Taler bekam, fuehrte gestern nacht einen
+Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz
+ausgesehen haben soll, in den Muenster. Dort habe sich der Fremde auf
+die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei
+ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehoert; er habe an den
+Fenstern geruettelt und geschuettelt und die Scheiben in die Kirche
+hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden gefuehrt, als
+reite der Teufel draussen um die Kirche und wolle ihn holen.
+
+"Der Kuester glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein
+Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so frueh in die Hoelle
+fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr
+alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Muensters
+begebe, solle ihm vom Boesen kein Haar gekruemmt werden. Sehen Sie, das
+ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie
+davon?"
+
+In aengstlicher Spannung hatte Ida zugehoert; in hellem Wasser
+schwammen ihr die grossen blauen Augen, die volle schoene Schwanenbrust
+hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen
+Berg von sich abwaelzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht
+gleich antworten.
+
+"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme
+Mensch ist gewiss wahnsinnig; denn an die toerichte Konjektur des
+Kuesters werden Sie doch nicht glauben?"
+
+"Nein, gewiss glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie
+sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines
+Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen."
+
+"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt,
+wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug?
+Gewiss hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und
+irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in
+dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der muehselig und beladen koemmt,
+offen steht."
+
+"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt,"
+antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich
+auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich
+nur halb weiss, und mein Idchen weiss mir vielleicht auch Dank, wenn
+ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das
+greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich
+gewoehnlich abends mein Schoeppchen bei ihm trinke und mir seit zehn
+Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die naechsten
+paar Tage an seiner Tafel, und er muss mein Kuvert neben das seines
+bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein,
+und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuss, so will
+ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natuerlich holt man weit aus
+und faellt nicht mit der Tuere ins Haus; aber ich habe schon mehr
+solche Kaeuze ausgeholt, es ist nicht der erste."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS DEJEUNER.
+
+"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie
+ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das
+machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas
+Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem
+Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche
+Maedchen dahingehen sah; die zarten Fuesschen schienen kaum den
+tuerkischen Fussteppich zu beruehren, der einfache, blendendweisse
+Batistueberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmass
+dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche
+Kraeftigkeit! Er versank in Gedanken ueber das holde Geschoepf, das
+allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfraeuliche
+Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine
+Vaterstadt zurueckkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie--
+nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, dass sie ihm
+mit der hohen Glut der ersten jungfraeulichen Liebe zugetan sei. Aber
+wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch
+wahrscheinlicherweise kein vernuenftiges Ende nehmen konnte, durfte er
+sie unterstuetzen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar
+gemuetskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen
+und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.--
+
+Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgeroetet, sie trug einen
+silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermaedchen folgte mit
+allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgeruehrt," sagte Ida
+laechelnd, indem sie ihm einen Becher praesentierte; "ich kenne den
+Geschmack meines Hofraetchens gar wohl, darum habe ich dieses
+Fruehstueck gewaehlt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La
+Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht,
+Gesicht und Arme gluehen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist
+ganz delikat ausgefallen."
+
+Sie lueftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte
+UEberroeckchen; eine himmlische Aussicht oeffnete sich, der weisse
+Alabasterbusen schwamm auf und nieder, dass der Hofrat die alten Augen
+in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken.
+"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er,
+"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem
+offenen leichten Ueberroeckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen
+kaeme!" Beinahe ebenso grossen Respekt als vor ihren entfesselten
+Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Maedchens. Die Schokolade
+war so fein, so wuerzig, das rechte Mass des Weines so gut beobachtet,
+dass er bei jedem Schlueckchen zoegerte zu schlucken.
+
+Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein
+neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener
+des Fremden fuehrte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des
+goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, dass sie wohl
+beurteilen konnte, dass besonders das eine Pferd, ein majestaetischer
+Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschaetzbarem Wert sei. Auch
+Berner, der in allen Saetteln gerecht war, stimmte bei und pries die
+einzelnen Schoenheiten des Schimmels, besonders auch das elegante,
+geschmackvolle Reitzeug.
+
+Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein
+stattlicher Vierziger, trat gravitaetisch aus dem Torweg und
+bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zuegel
+des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschaeft
+nicht nehmen liess, hielt er den Steigbuegel. Emil von Martiniz, in
+einem eleganten Morgenueberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von
+dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels
+und warf ueber ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenueber, wo
+Ida neben dem Hofrat sass.
+
+Indem toente der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden
+Pferdes die Strasse herauf; es kam naeher, es war der junge Dragoner-
+Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und
+von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und
+langte jetzt in vollem Wichs vor des Praesidenten Haus an.
+
+Nach Vorschrift der gnaedigen Mama liess er jetzt mit einem Blick auf
+die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geuebte
+Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder
+aufspringen wollte, scheute sein Ross an denen, die vor dem goldenen
+Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon,
+gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der
+Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis
+letzt noch immer den Buegel gehalten, flog rechts, der alte Diener
+links, und _ventre a terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem
+Rappen nach, ueberholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen
+Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und klaeglich schrien, riss sein
+eigenes Ross herum, packte mit Riesenkraft den Ausreisser und brachte
+ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der
+liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfuessen dem Rappen nach,
+murmelte einige Flueche, die wie ein Dank lauten sollten, sass auf und
+jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen
+Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt
+wurde, zu achten, zurueck, gruesste ehrerbietig an des Praesidenten Haus
+hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt
+weiter.
+
+Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie
+hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den
+gefaehrlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein
+Pferd herumriss, auf die Gefahr hin, zu ueberstuerzen; sie haette moegen
+mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als
+er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruss so freundlich als moeglich
+zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie
+fuehlte, ward sie sich bewusst, wie teuer ihr der Mann war, der dort
+hinflog. Das gepresste Herz, die stuermisch wogende Brust rang nach
+einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen
+lassen; aber er draengte ihn zurueck, als ihn das Maedchen so bittend
+ansah, als sie seine Hand drueckte und die hellen, vollen Traenen aus
+den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr,
+Hofrat? Aber ueber solche Szenen kann ich nicht anders, muss ich
+unwillkuerlich weinen. Lachen Sie nur nicht ueber mich! Es wuerde mir
+gerade jetzt recht wehe tun."
+
+"Gott bewahre mich, dass ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn
+eines im hoechsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht
+man gewoehnlich nicht." Er dankte ihr fuer ihre Schokolade, nahm Stock
+und Hut und liess das Maedchen mit ihrem siebzehnjaehrigen, von dem Keim
+der ersten Liebe stuermisch bewegten Herzchen allein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER BRIEF
+
+Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Praesidenten Haus kam, um
+ihn, da er ihn heute frueh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
+wieder so vergnuegt und froehlich wie immer. Das ewige Aprilwetter!
+dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen,
+so darf man gewiss sein, dass uns auch der Abend noch traurig oder doch
+ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander
+wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Praesidenten, der gewoehnlich vor
+dem Kaffee noch ein halbes Stuendchen tischelte; gegenueber hatte er
+das liebe Aprillen-Kind und noetigte sie durch sein beredtes
+Mienenspiel, wodurch er sie an heute frueh erinnerte, alle Augenblicke
+zum Lachen oder Rotwerden.
+
+"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Praesident,
+"haette ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie koennen mir durch
+Ihre Umgaenglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
+Sie haben, einen sehr grossen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
+Minister-Staatssekretaer ein Brieflein, worin mir unter den groessten
+Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als
+Praesident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen.
+Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem grossen
+Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die
+Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding fuer meinen Tod nicht
+leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt."
+
+Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Faellen der Staatssekretaer
+von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und
+begann:
+
+"--Naechstdem wurde mir hoeheren Orts der Wink gegeben, dass, da ein
+sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde,
+ihm aller moegliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
+Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre
+plenipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im
+Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich
+bedeutende Gueter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen
+Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muss daher womoeglich
+im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz koennen, wenn solches gelingen
+sollte, auf grossen Dank hoehern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als
+altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande
+ansiedelte und sein Vermoegen hereinzoege, die Hand der Graefin Aarstein
+Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird."
+
+Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch
+erroetet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der ueber den Brief
+weg zu ihr hinueber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam,
+wurde die Freude schwaecher; ein dreifacher Millionaer war nicht fuer
+Idas bescheidene Wuensche; als aber die Hand der Graefin Aarstein nach
+ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den
+Wangen des zitternden Maedchens, sie senkte das Lockenkoepfchen tief,
+und eine Traene, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl
+sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das
+verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.
+
+Sie kannte diese Graefin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
+natuerliche Tochter des Fuersten .....; von ihm mit ungeteilter
+Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermoegen ausgestattet, lebte
+sie in der Residenz wie eine Fuerstin. Sie war einmal einige Jahre
+verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte
+den Grafen Aarstein genoetigt, seine Person von ihr scheiden und ihr
+nur seinen Namen zurueckzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz;
+sie galt dort in der grossen Welt als Dame, die ihr Leben zu geniessen
+wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hoerte man
+von der Graefin, dass sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes
+fuehre, zehn Liebeshaendel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so
+viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich
+nicht entbloede, mit dem Geringsten zu liebaeugeln, wenn seine Formen
+ihr gefielen.
+
+So war Graefin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
+der Residenz die reine jungfraeuliche Ida von dieser ueppigen Buhlerin
+zurueckgeschreckt; so oft sie zu ihren glaenzenden Soirees geladen war,
+wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
+zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren
+Geschaeft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
+sie sollte der ernste, unglueckliche junge Mann mit dem ruehrenden Zuge
+von Wehmut, dem gefuehlvollen, sprechenden Auge--
+
+Berner hatte schweigend den Brief noch einmal ueberlesen und legte ihn
+dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurueck. "Nun, was sagen Sie
+zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Praesident. "Wahr ist es, der
+Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht
+hinauslassen darf, ja, ja,--man muss negoziieren, dass er in unserem
+Kreise bleibt. Da koennte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um
+zweimalhunderttausend Taelerchen ist Schloss, Gut, Wiesen, Feld, Fluss,
+See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis
+ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht uebel gekartet
+von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der
+Fuerst uebernehmen muesste; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du
+kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?"
+
+"Nie!" antwortete Ida unter den Loeckchen hervor und sah noch immer
+nicht vom Teller auf.
+
+"Nie?" fragte der Praesident gereizt. "Ich will nicht hoffen, dass die
+gnaedige Graefin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
+sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?"
+
+"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
+dazu, hinzugehen."
+
+"Was der T--! Ich haette geglaubt, du waerest ein vernuenftiges,
+gesittetes Maedchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
+und die Einladungen einer Dame, die mit dem fuerstlichen Hause so nahe
+liiert ist, refuesieren?"
+
+"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,"
+antwortete Ida und hob das von Unmut geroetete Gesichtchen empor; "man
+hat sich vielleicht gedacht, dass es der Ehre eines unbescholtenen
+Maedchens wohl anstehe, so fern als moeglich von der Frau Graefin zu
+bleiben."
+
+"So sieht es dort aus?" fragte der Praesident kopfschuettelnd. "Nun,
+nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darueber
+weg. Ich mag dir hierueber nichts sagen, ihr jungen Maedchen habt eure
+eigenen Grundsaetze; nur waere es wegen der jetzigen Verhaeltnisse
+besser gewesen, du haettest sie oefter gesehen; denn wenn sie sich hier
+in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre
+ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft
+die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Graef in
+Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz
+negligiertest?"
+
+"Nun, Graefin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und
+laechelte dabei so geheimnisvoll, dass es sogar dem Praesidenten
+auffiel.
+
+"Nun, Er spricht ja so sicher ueber diesen Punkt," sagte dieser, "als
+kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
+Fundament."
+
+"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," laechelte Berner;
+"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--"
+
+"Wie," unterbrach ihn der Praesident, "er ist schon hier? Und wir
+schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--"
+
+"Fraeulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete
+jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich."
+
+"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
+Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?"
+
+"Nein--ja--" antwortete Ida, noch hoeher erroetend. "Ich habe mit ihm
+getanzt, das ist alles."
+
+"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natuerlich, ein
+aeltlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?"
+
+"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis
+vierundzwanzig Jaehrchen haben. Uebrigens koennen Exzellenz seine
+Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drueben im Mond."
+
+Der Praesident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
+der junge Mann am besten zu halten sein moechte; denn er trieb alles
+gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog,
+rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnuegen als moeglich
+zu geben. Der Hofrat nahm es ueber sich, die Sache einzuleiten, und
+der Praesident ging um ein Geschaeft leichter in sein Kollegium.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+OPERATIONSPLAN.
+
+Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein
+Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde,
+zwang sich, obgleich ihm die wehmuetige Freundlichkeit in Idas
+Gesicht, ihr traenenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat,
+zum Laecheln. "Nun, wer haette es," sagte er, "wer haette es dem
+leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, dass er drei Millioenchen
+habe? Wie dumm ich war, dass ich glaubte, er weine in seinem Landau,
+weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer haette es dem truebseligen
+Schmerzenreich angesehen, dass er bald eine so glaenzende, lustige
+Partie machen wuerde!"
+
+Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten
+Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte,
+auszusprechen habe.
+
+"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schliessen, mein
+liebes Aprillen-Wetterchen, dass die Graefin Aarstein ihre Schulden
+nicht zahlen kann, dass--"
+
+"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Traenen; "es ist
+gewiss nur das reine Mitleiden, was mich noetigt, auszusprechen, was
+sonst nie gesprochen worden waere. Sehen Sie, dieses Weib ist die
+Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, dass ein ehrliches
+Maedchen erroeten muss, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Pruefen Sie
+den jungen Mann da drueben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er
+edel ist und trotz seines Reichtums ungluecklich, so machen Sie, dass
+er nicht noch ungluecklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen,
+die man um ihn legen wird, zu reissen--"
+
+"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah
+ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles truegt, haengt das
+Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der
+Minister koedern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will
+alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will
+ihm die Augen auftun, dass er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt,
+will machen, dass er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei
+Millionen ins Land zieht, will machen, dass er mein Maedchen da lie--"
+
+"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prusste ihm
+das kleine, weiche Patschhaendchen auf den Mund, dass er nicht weiter
+reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionaer mag ich gar
+nicht; es waere ganz gegen meine Grundsaetze; nur die Schlange im
+Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom uebrigen kein Wort mehr,
+unartiger Mann!--"
+
+Verschaemt, wie wenn der Hofrat durch die glaenzenden Augen
+hinabschauen koennte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die
+Gedanken sich insgeheim draengten und trieben, sprang sie auf und an
+den Fluegel hin, uebertoente die Schmeichelworte des Hofrats mit dem
+rauschendsten Fortissimo, drueckte sich die weichen Knie rot an dem
+Saitendaempfer, den sie hinauftrieb, um die Toene so laut und schreiend
+als moeglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den
+Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen
+keinen Raum hatte, zu uebertaeuben.
+
+Verzweiflungsvoll ueber den halloenden Schmetter dieses Furioso
+enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Tuere
+geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden
+Akkorde loesten sich auf in ein suesses, fluesterndes Dolce, sie ging
+ueber in die schoene Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand
+fuehrte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten
+Leben herauf stiegen; durch alle Toene des weichsten Moll klagte sie
+ihren einsamen Schmerz, bis sie fuehlte, dass diese Toene sie viel zu
+weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzuloesen,
+schnell wie ihre Hoffnung endete.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE MONDWIRTIN.
+
+Im Goldenen Mond drueben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage
+vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die
+Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anstaendig
+als moeglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen
+eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein grosses Sofa zum
+Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das
+rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat ueberfluessiger Tassen und eine
+bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das
+Teezimmer. Auch an der _Table d'hote_, wo sonst nur einige
+Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren,
+Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen sassen, waren
+bedeutende Veraenderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das
+feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten
+Strassburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt
+wurden.
+
+Dass ihr angesehener Goenner und spezieller Freund, der Hofrat Berner,
+jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem
+Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren
+in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren
+neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier
+Postpferden, den aus Leibeskraeften blasenden Schwager darauf,
+vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf,
+sagte sie gleich zu ihrem Ehezaerter: "Gib acht, das ist was
+Vornehmes."
+
+Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,--
+die Kommoden in den drei Zimmern oeffnete, ihm die Kleider und Waesche
+seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da
+schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Haende zusammen. Sie hatte
+doch von ihrer Mutter gewiss recht feine, sanfte Leinwand zum
+Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese
+Hemden, diese Tuecher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweisses
+konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses.
+
+Es ist kein uebles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen
+abgelegt hat und Grafen und Barone im naemlichen Gewand wie der
+Buergerliche erscheinen, dass die Frauen dem Fremden, der zu ihnen
+kommt, nach dem Herzen sehen, das heisst nach seiner Waesche. Ist sie
+grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, dass der Herr aus
+einem Hause sein muesse, wo man entweder seine Erziehung sehr
+vernachlaessigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war.
+Wo aber der blaeuliche oder milchweisse Glanz des Halstuches, die
+feinen Faeltchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da
+findet gewiss der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie
+immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhaelt.
+
+Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schoenheitssinn,
+diese angeborene Vorliebe fuer schoenes Linnenzeug in ihrer oft
+schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine
+Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden
+dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefaeltelten Busenstreifen,
+bald mit, bald ohne Manschetten aus den geoeffneten Koffern
+hinueberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und
+Sacktuechern kam, wovon sie jedes zum hoechsten Staat in die Kirche
+angezogen haette, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie
+fuerstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiss die gnaedige Frau
+Mama ihm mitgegeben?"
+
+"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort.
+
+"Ist sie tot, die brave Frau, die so schoene Linnen machte?" sagte die
+mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnaedigen Fraeulein Schwestern haben--"
+
+"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Graefin Crescenz."
+
+"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite
+Prachtwaesche verfaellt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir
+denken, der gnaedige Herr Papa Exzellenz--"
+
+"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit
+einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte.
+
+"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schoenen
+Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die
+ihn lobt, dass er alles so ordentlich gehalten, und keine Fraeulein
+Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich
+mir denken, warum der gnaedige Herr immer so schwarz angezogen ist und
+so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist
+recht zum Erbarmen."
+
+"Ja, wenn's das allein waere!" seufzte der alte Diener und wischte
+sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als haette er schon zu viel
+gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt,
+heran und schloss auf. Die Wirtin haette fuer ihr Leben gerne gewusst,
+was sonst noch fuer Unglueck den bleichen Herrn verfolge, dass der
+Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht,
+den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehoerig imponierte,
+darueber zu befragen; auch schloss der Anblick, der sich jetzt darbot,
+ihr den Mund.
+
+Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so
+recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch,
+ein huebsches helles Kleid muessten ihn von selbst freundlicher machen.
+Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt,
+doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte
+in frueherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im
+Quartier gehabt, schoene Leute, huebsch und geschmackvoll gekleidet;
+spaeter, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen
+und Preussen dagewesen, grosse stattliche Maenner wie aus Gusseisen.
+Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die frueheren
+Gaeste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch
+auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser
+Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und
+Buergermilizkamisoelern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf,
+wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht;
+nein, es war nicht moeglich, etwas Schoeneres, Feineres zu sehen als
+dieses Tuch, das wie Samt glaenzte, das brennende Rot an den
+Aufschlaegen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den
+Achselschnueren.
+
+"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte
+sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen
+schien. "Moechte man da nicht gleich selbst in die mit Seide
+gefuetterten Aermel fahren und das spannende Jaeckchen zuknoepfen? Und,
+weiss Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der
+Schneider wollte sich selbst nicht glauben, dass die Taille so fein
+und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern
+und Zagen, es moechte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiss,
+wie es zugeht, sie war zwar ueber seine breite Heldenbrust gerade
+recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein
+Schnueren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststuecke. Der
+Schneider machte einen Sprung in die Hoehe vor Verwunderung; er konnte
+es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment liessen sich
+Korsette machen mit Fischbein, schnuerten sich zusammen, dass man haette
+glauben sollen, der Herzbuendel wolle ihnen zerspringen, und dennoch
+rissen die Knoepfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu
+viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt
+wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!"
+
+"Es ist unbegreiflich, was es fuer herrliche Leute unter den Militaers
+gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andaechtig staunend.
+
+"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da
+anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den
+silbernen Raedchen an den feinen Absaetzchen,--denn Fuesschen hat er
+trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten
+auf die Brust haengen, den Ehrensaebel, den sein Herr Vater vom Kaiser
+bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den
+Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Maedchen waere, ich floege ihm an
+den Hals und kuesste ihm die schwarzen Locken aus der schoenen Stirne.
+Und dabei war er so froehlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig
+blitzend, und alles hiess ihn nur den schoenen, lustigen Martiniz. Das
+alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu,
+indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode
+legte, "da liegt das schoene Kleid, nach dem Zehntausend die Finger
+leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es
+noch so liegen!"
+
+"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich
+nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht
+Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger
+Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glaenzen koennte?
+Warum denn?"
+
+Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er ueber
+diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche,
+appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart fuer eine
+derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich.
+"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil
+wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswoertchen
+mehr aus ihm herauszubringen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER POLNISCHE GARDIST.
+
+Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzaehlt, der sich in dem
+schoenen Speisesaal wohl eine Stunde frueher als die uebrigen Gaeste zur
+Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm
+dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und
+nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschuettelt; als sie zu Ende
+war, dankte er fuer die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren
+wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet?
+Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde
+gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch ueber Leben und Treiben
+fangen Sie hie und da ein Woertchen weg, aus dem sich viel schliessen
+laesst."
+
+Die Geschmeichelte laechelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte
+meine Gaeste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jaehrchen auf
+einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von aussen und innen.
+Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein
+Mann, der sich sonst auch nicht uebel auf Gesichter versteht, sagt:
+'Wenn es nicht ein Polack waere, so musste er mir ein Englaender sein,
+der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Englaender, die
+den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die
+seien griesgraemig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen,
+nehmen Sie nicht uebel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt
+als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgraemig
+aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglueck; denn die Wehmut
+schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus.
+Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit
+ihm, vielleicht, dass man da etwas mehr erfaehrt als von dem alten
+Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die
+Stirne in die hohle Hand gelegt, dass ich meine, er schlaeft oder hat
+Kopfweh. Drueben spielte gerade die Fraeulein Ida auf dem Fluegel so
+wunderschoen und ruehrend, dass es eine Freude war. Dem Grafen musste es
+aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem
+dunklen Auge, als er sich nach mir umsah."
+
+"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat.
+
+"So gegen vier Uhr ungefaehr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich
+mit seinem sinnenden Auge mass, da muss ich feuerrot geworden sein;
+denn da fiel mir ein, dass doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten
+umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht
+so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit
+denen man kurzen Prozess macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich
+wollte nur gefaelligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis
+zufrieden seien?' hub ich an.
+
+"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame waere, holte mir,--denken
+Sie sich, so artig, als waere ich eine polnische Prinzess,--einen Stuhl
+und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr
+freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, dass es nicht so
+recht von Herzen gehen will.
+
+"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Strasse
+gefiel ihm. Das Gespraech kam auf die Nachbarschaft und auch auf
+Praesidents Haus; ich erzaehlte ihm von dem wunderschoenen Fraeulein, die
+erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswuerdig
+sei, von dem alten Herrn drueben, und dass die gnaedige Frau schon lange
+tot sei, und ich hatte mich so ins Erzaehlen vertieft, dass ich gar
+nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte
+ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!"
+
+"Schade! Jammerschade!" lachte Berner ueber die sprachselige Wirtin.
+
+"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo
+es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schoen ist, sitzt
+mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht
+vernuenftig,--sitzt es im Garten und weiss nicht, dass ein so vornehmer
+Herr hinter ihm steht. Ich war in der Kueche und sah alles mit an;
+mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein
+schwaebisches, ich weiss nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der
+Graf hinter ihr steht, faengt der Unband an zu singen:
+
+ "''n bissel schwarz und 'n bissel weiss,
+ 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch,
+ 'n bissel weiss und 'n bissel schwarz,
+ 'n bissel falsch ist mei Schatz!'
+
+"Ich glaube, ich muss vor Scham in den Wurstkessel springen, dass mein
+Kind so ungebildetes Zeug singt; was musste nur der Graf von meiner
+Erziehung denken! Ihm aber schoss das helle, klare Schmerzenswasser in
+die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm,
+herzte und kuesste es; dass mir bruehsiedheiss wurde, und fragte, wo sie
+das Liedchen her habe.
+
+"Das Kind weiss vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf
+aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und
+verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und
+zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich haette ihm befehlen moegen,
+wie ich haette moegen, es haette nicht gesungen. Der Taler aber tat
+seine Wirkung; sie sagte ihr Spruechlein ganz mir nichts dir nichts
+auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie
+wenn es so sein muesste. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der
+Sparbuechse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, dass
+sie es in zwoelf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch
+zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen
+Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER HOFRAT AUF DER LAUER.
+
+Die Gaeste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen.
+Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm naechstens
+wieder zu erzaehlen. Der Hofrat sann nach ueber das, was er gehoert; die
+Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte,
+gingen ihm wie ein Muehlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen
+Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot,
+und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies
+_allein_ waere!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein?
+Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie koennte
+er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er
+traurig,--wie koennte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine
+Graefin Aarstein auf die Freite gehen? Unmoeglich!--Haette, wenn jenes
+doch der Fall waere, haette Ida auf ihn einen solchen Eindruck--"
+
+Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf
+ihn einen grossen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar
+sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr,
+und sein ernstes Gesicht, wie klaerte es sich auf, als sie ihn im
+Kotillon holte! Heute frueh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie
+heraufgeworfen, als haette er eine Congrevesche Batterie hinter den
+Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die
+Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen,
+anfangen zu sieden?
+
+Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des
+Maedchens gefuehlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so geruehrt
+davon, dass ihm die hellen Traenen hervorperlten, als der gute Graf
+Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast
+verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich
+hinein und rieb sich unter dem Tisch die Haende; "bin neugierig, ob
+diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem
+guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretaer
+Superklug und Uebergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen,
+extrafeinen Kniffen; mir muss das Goldfischchen in das Netz, mir muss--"
+
+"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das
+Vergnuegen--" toente dem alten Traeumer, der ueber seinen staatsklugen
+Plaenen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt
+erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der
+sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er haette vor Schrecken in den
+Boden sinken moegen; denn sein erster Gedanke war, dieser muesse seine
+Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich
+erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit
+sich selbst gesprochen habe.
+
+Die Naehe des Fremden uebte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat
+aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwaermerischen
+Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch
+auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als muesse
+er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine
+Bloesse zu geben oder einen seiner Plaene zu verraten. Die gewoehnlichen
+Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente ueber seine
+Reitfertigkeit, mit welcher er heute frueh einem Kinde das Leben
+gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne dass er ueber des
+Fremden Gesinnungen naehern Aufschluss bekommen haette. Es kam an die
+Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne
+Gueter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, naeher
+beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein
+Woertchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder
+kaufen.
+
+Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die
+Residenz, das angenehme Leben dort, die Schoenen der Stadt und des
+Hofes; jetzt musste er etwas sagen, es musste sich zeigen, ob er die
+Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schoenen Anstalten
+dort, von der Militaerverfassung, schien namentlich ueber die
+Kavallerie sich gerne genauere Aufschluesse geben zu lassen, aber
+kein Woertchen ueber die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade
+eine trefflich bereitete _Ortolane a la Provencale_, seine
+Leibspeise, am Mund und einen tuechtigen Biss hineingetan, da wandte
+sich Martiniz zu ihm herueber und fragte, ob er nicht in der Residenz
+die schoene Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane
+auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt
+musste ja die Graefin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schoene
+Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen
+habe."
+
+Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn
+solange er ja ueber das Verhaeltnis des Polen zur Graefin Aarstein
+nichts Gewisses wusste, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als
+die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen
+Nachbar ein, mit ihm noch ein Stuendchen zu trinken. Berner sagte zu
+und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann
+zuvor durch seine aeussere Persoenlichkeit imponiert, so gewann er jetzt
+ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch,
+dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Wuerze zu geben
+verstand, aufgetaut, eine so glaenzende Unterhaltungsgabe entwickelte,
+wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und
+gehoert hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein
+Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, dass er und
+sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte
+bemerkte naemlich bald, dass der Graf auf allerlei Umwegen sich immer
+nur einem Ziele, naemlich Ida, naehere. Er konnte dieses Flankieren dem
+Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst
+der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen
+wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre
+eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdruecken. Der Ulan umschwaermt
+seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Bloesse entdeckt, und sucht
+auf gefluegeltem Ross das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve
+sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte
+sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als
+er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und
+dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf
+Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren.
+
+Er glaubte den Hofrat drueben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem
+Ball ein engeres Verhaeltnis bemerkt zu haben; er pries des Maedchens
+koeniglichen Anstand, der sie vor den uebrigen Freilinger Damen so hoch
+erhebe; er lobte die Zurueckhaltung, mit welcher sie die ungestuemen
+Herren zurueckgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit
+sie unbewusst sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schoene Roete
+war durch das warmgewordene Gespraech auf den Wangen des jungen Mannes
+aufgegangen, jener Zug von Unglueck und Wehmut, der sich sonst um
+seinen schoenen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem
+feinen, holden Laecheln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem
+Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es
+bis zum letzten Tropfen so andaechtig aus, als haette er in seinem
+Herzen einen Toast dazu gesprochen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SELIGE GRAF.
+
+"Herzensjunge! liebstes, bestes Graefchen! Soehnchen! Goldpolaeckchen!"
+alle Schmeichelnamen haette der Hofrat ausschreien, den trefflichen
+Redner an sein Herz reissen und mit vaeterlichen Kuessen bedecken moegen
+--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei
+seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude
+ueber eine glueckliche Entdeckung, ueber einen unverhofften, koestlichen
+Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrueche des
+Vergnuegens wieder hinunter, fasste den Grafen nur mit einem recht
+zaertlichen, seligen Blick und bestaetigte weitlaeufig sein treffendes
+Urteil. Er beschrieb ihm das Maedchen, wie er es, seit es den ersten
+Schrei in die Welt getan, kenne, wie es frueher ein lustiger,
+froehlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau
+herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und
+allen Dingen, die ein Maedchen zieren, als da sind: Stricken, Naehen,
+Schneidern, Sticken, Kochen, Fruechteeinmachen, Backen, Blumenmachen,
+Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es
+in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft
+eingenommen, doch immer seinem Sinn fuer reine Weiblichkeit gefolgt
+sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden,
+wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe.
+
+"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn
+beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, fuer
+alles Schoene und Gute gluehende Herz sich in der Residenz so vor aller
+Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewoehnlich bei
+solchen Maedchen ueber Eiskaelte und Phlegma; aber Gott weiss,
+_diesem_ Maedchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere
+jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos
+schlendern sie einher auf den Baellen, stehen sie scharweise zusammen,
+gucken durch Glaeser von Nr. 4 und 5, die fuer Blinde scharf genug
+geschliffen waeren, nach den Reizen der Ballschoenen, lassen ganze
+Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu
+einem Walzerchen und Kotilloenchen her, so meint man, sie wollen den
+letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedoerrten
+Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schoenen, in der Fuelle
+der Kraft strotzenden Maedchen, das zwei solcher Flederwische an die
+Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das
+sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen
+Augen und verstohlenem Laecheln sein Ideal vormalt und vortraeumt, kann
+man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und
+kalt abweist?
+
+"Ein solches Maedchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im
+Leib haben! Habe ich doch ueber mein Goldmaedchen gestern abend solche
+Urteile hoeren muessen; geschossen haette ich mich um sie, waere ich nur
+dreissig Jahre juenger gewesen. Sie haette kein Feuer? Habe ich nicht
+gesehen, wie sie heute frueh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten,
+das Fenster aufriss und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefuehl! Und
+dies es Maedchen haette kein Feu--"
+
+"Das hat sie getan?" fragte der glueckliche Martiniz, bis an die Stirn
+erroetend. "Sie hat das Fenster ein wenig geoeffnet und herausgesehen?"
+
+"Was oeffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber
+aufgerissen hat sie das Fenster, dass sie mir den Schokoladebecher
+beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen
+Sie, so ist das Maedchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schoenes,
+wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwaermerisch empfindsam, wenn
+sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die
+leere, schale Alltaeglichkeit sich ihr aufdraengen will."
+
+Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende
+Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der
+nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er
+so viele Anklaenge, dass dieses wehmuetige, traurige Herz, das solange
+nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Traenen, im
+stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten
+unter dem Ordensband hob, das es von aussen zierte.
+
+Er sagte dem Hofrat, dass er, wenn es moeglich waere, waehrend seines
+hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den
+wuerdigen Herrn Praesidenten Gebrauch machte, das er heute durch den
+Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretaer bekommen habe.
+Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzufuehren und seine Abende
+im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei
+sich lachte er aber ueber den Staatssekretaer, der seine Sachen so
+geschickt einzufaedeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit
+seinen drei Millioenchen, aber die Graefin soll ihn nicht bekommen,
+dafuer steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein
+Toastchen und liess mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick
+die kuenftige Frau Graefin leben. Vivat hoch! scholl es in allen
+Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h--
+
+Da brummte in dumpfen Toenen die Glocke vom Muensterturme elf Uhr. Mit
+wehmuetigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den
+erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, dass er noch einen
+Besuch machen muesse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin
+der unglueckliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte
+sich dann in seinen Stuhl zurueck, um ueber das, was diesen Abend
+besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen
+Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann
+so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs,
+so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit
+bei drei Millionen Talern; so hohe maennliche Schoenheit und doch nicht
+jenes eitle, gefallsuechtige Sichzeigenwollen, das schoenen jungen
+Maennern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiss
+beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst
+einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zorngluehendem
+Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben
+verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Maennern!" wuetete sie,
+"haette ich doch mein Leben eingesetzt fuer diesen Herrn Grafen, haette
+geglaubt, er waere ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder
+Liederlich, die an jede Schuerze tappen--"
+
+"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln
+gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt,
+Frauchen?"
+
+"Was ich habe? Moechte da einem nicht die Galle ueberlaufen? So ein
+schoener, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen wuerde,
+in naehere Bekanntschaft--geht auf naechtlichen, liederlichen Wegen,
+glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine grossstaedtische
+Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehuellt, ist er zum Torweg
+hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man
+solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Tuere schlage ich
+ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der
+bei Nacht und Nebel nicht weiss, wo er steckt."
+
+"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat,
+wieder freier atmend; "da duerfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf
+schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich
+weiss wo, darf es aber nicht sagen."
+
+Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie
+freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor?
+Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich aergere mich nur, dass
+ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen,
+unsern jungen Herren ist nicht mehr ueber die Strasse zu trauen. Sagen
+Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er koennte mich mit
+einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe
+zu meinem Nebenmenschen."
+
+Der Hofrat laechelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und
+zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Roete auf die huebschen
+Wangen, sie wusste nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zuernen
+solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr:
+"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche--
+Eifersucht!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+GUTE NACHRICHT.
+
+Man haette glauben sollen, das Haus des Praesidenten sei ein grosser
+Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvoegel, Staerchen
+und alle Gattungen gefiederter Bewohner waeren. Es huepfte etwas Treppe
+auf, Treppe ab; ein suesses Stimmchen hoerte man bald in gehaltenen,
+wehmuetigen Toenen singen, bald in froehlichen, scherzenden Rouladen
+jauchzen und jodeln wie die Kanarienhaehnchen, bald zwitschern und
+plaudern wie Staerchen; aber Haehnchen, Nachtigallen und Staerchen, sie
+alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor
+Sehnsucht, vor Langeweile und Geschaeftigkeit Treppe auf- und abflog,
+mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begruesste und neckte,
+allen zugleich befahl und schalt.
+
+Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des
+Staatssekretaers geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr
+gekommen und hatte sie foermlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen
+sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch
+so,--musste man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher
+zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner
+Abreise musste ihm ein kleiner Hausball gegeben werden.
+
+Das selige Maedchen drueckte die Augen zu und biss die
+_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach
+ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernuenftigste--sollte man
+ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann
+zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja
+ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens
+schliessen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklaerte ihm, wie
+sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe.
+
+"Es wuerde dem guten Grafen ein wenig kleinstaedtisch vorkommen,
+wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir
+muessen einen Bedienten hinueberschicken und ihm sagen lassen, dass wir
+ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten
+Direktors Pauline und Fraeulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen
+oder den andern Ihrer jungen Raete dazu. Ich mache die Honneurs beim
+Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem
+Grafen sagen Sie, Sie wuenschen ihn oefter bei uns zu sehen und
+namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet
+man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe
+ich eines Tages recht flott und anstaendig, Sie, lieber Papa, geben
+ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen,
+ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es
+waere unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist
+recht huebsch, uebrigens darf nur _er_ allein merken, dass es _ihm_
+zu Ehren geschieht; wir wuerden uns laecherlich machen, wollten wir den
+Leuten sagen, dass wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann
+ja heissen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus."
+
+Papa Praesident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte,
+dass man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder
+die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die
+Schluessel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller uebergeben,
+und das Maedchen rumorte jetzt als taetige Hausfrau in dem grossen
+Gebaeude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gaeste empfangen. Sie
+sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er musste, wenn er nur
+halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens
+viermal herueberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch
+selig das Maedchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und
+zu rumoren, und schon um zwoelf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es
+heute abend sein musste. Erschoepft von den Haushaltungsgeschaeften,
+warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend
+schon recht selig zu traeumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend
+recht schoen mache, dass er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre
+beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von
+seiner Stirne zu bannen, so--o, es musste einen herrlichen Abend
+geben; da fiel ihr auf einmal die Graef in Aarstein ein, und alle
+Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Traene auf Traene stahl
+sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf
+die Welt bitterboese. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein
+wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar
+zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie
+auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit
+triumphierender Miene, dass sie vor der Aarstein nicht bange haben
+solle; er habe gute, koestliche Nachrichten, die dies vollkommen
+bestaetigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie
+hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von
+der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen,
+der gute Hofrat! Aber wo ist ein Maedchen, das die Flamme der ersten,
+reinen Liebe im Herzen traegt, wo ist ein solches Engelskind, das
+nicht in ein paar Stunden die groessten Fortschritte in der Kunst zu
+schliessen und zu berechnen gemacht haette? Man sprach so viel von
+magnetisierten Schlaeferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele
+gelehrte Buecher ueber solche seltene Erscheinungen, und wie gewoehnlich
+liess man, was am naechsten lag, unbeachtet! Das sind ja die
+eigentlichen Clairvoyantes, die Maedchen mit der ersten, kaum
+erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen
+niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit
+der schaerfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das
+Auge des Geistes geoeffnet, dass sie in den Herzen lesen. So auch Ida;
+sie merkte dem Hofrat wohl an, dass er mehr wisse, als er sagen wolle;
+mit der Graefin war es nichts, aber ebensogut musste er wissen, dass es
+auch mit keiner andern etwas sei, sonst haette er nicht so vergnuegt,
+nicht so schelmisch gelaechelt. Er wusste,--das sah die neue
+Clairvoyante jetzt hell und klar,--er musste sogar wissen, dass
+Martiniz _sie_--
+
+O! wer das Maedchen jetzt gesehen haette, wie es das Koepfchen in die
+Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom suessen Schauer der
+ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der
+jungfraeuliche Busen zitterte und huepfte, wie ein nie gekanntes Gefuehl
+wie eine Mitternachtssonne in den Naechten des Nordpols im Tiefsten
+ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging!
+Wahrlich, es liegt eine ruehrende Zaubermacht in einem solchen
+Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des
+jungfraeulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von
+welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt!
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER LANGE TAG.
+
+Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so
+traege hin! Sie konnte sich ordentlich ueber sich selbst aergern, dass
+sie schon heute frueh das Teezeug geruestet hatte; sie fing an zu
+arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurueck.
+Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst
+mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar
+zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken
+recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blaetter und Blaettchen
+zusammenband--zurueckgelegt bis auf weiteres! Sie naehte so
+wunderhuebsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und
+gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging
+ihr so schnell von der Hand, dass es eine Freude war. Ihre Freundinnen
+in der Residenz hatten sich immer Stuecke von Paris und London kommen
+lassen; da waren die schoensten Girlanden von Rosen, Astern, alle
+moeglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen,
+dass die Damen nach ihrem Belieben hinein naehen konnten, was sie immer
+wollten; natuerlich stachen meistens die schoenen Pariser Girlanden
+sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur
+ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geuebter
+Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig,
+die Idas Arbeit fuer Zauber, fuer nicht moeglich gehalten haetten, wenn
+sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden waere. Sie
+hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fusskissen fuer Papa
+angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich
+selbst nicht begreifen, wie sie frueher so langweilige Arbeiten
+machen, Stich ueber Stich und immer wieder Stich um Stich machen
+konnte--zurueckgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer
+Kreide so fein, so gefaellig fuer das Auge, dass sie der Stolz ihres
+Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermuedlich gewesen;
+wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten
+Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur
+Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag uebergeben hatten, so
+hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen
+Bildern an, dass sie _con amore_ ausgefuehrt waren; denn hatte sie
+einmal etwas angefangen, so musste es auch vollendet werden. Sie hatte
+eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie oeffnete
+jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel
+versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht
+viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald
+wurden die Striche zu dick und mussten verwischt werden; sie wurde von
+neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu
+ungeduldig oder die Kreide zu grobkoernig?--alle Augenblicke brach
+sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, dass sie
+kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady
+Macbeth vor ihren eigenen Haendchen, packte die Madonna schnell ein
+und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog
+alle Schubfaecher heraus, wuehlte in Blonden und Baendern und besah sich
+Stueck vor Stueck, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert;
+aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen?
+Schnell Schmuck, Baender und Blonden in die Faecher und zugeschlossen!
+Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht
+zerstreuen.
+
+Endlich, endlich schlug es fuenf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch,
+ohne sich von ihrem Zoefchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen.
+Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie waehlen sollte; einen
+vollen Anzug oder ein Hausneglige? In der Residenz haette sie, ohne
+sich zu besinnen, das erstere gewaehlt. Dort fing ja der Tag
+eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie
+dort kein Neglige waehlen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen,
+der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Neglige
+fuer den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fraeulein, die
+sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen wuerden. Sie
+waehlte daher ein feines Hausneglige, ein allerliebstes weisses
+Batistueberroeckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande
+noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie gluecklich hatte sie
+gewaehlt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Ueberroeckchen zeigte
+den in jugendlicher Frische bluehenden Koerper; den Teint hob zwar
+keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so
+blendend weiss, dass er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar
+wurde dafuer so sorgfaeltig, so glaenzend als moeglich geordnet. Die
+seidenen Ringelloeckchen schmiegten sich eng und zart um Schlaefe und
+Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzueckend, dass sie sich
+selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte,
+als sie ihre hoeher geroeteten Wangen, ihr glaenzendes Auge sah, mit
+Lust und heimlichem Laecheln sich gestand, heute ganz besonders gut
+auszusehen.
+
+Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der
+grosse Luester verbreitete eine angenehme Helle ueber das ganze Zimmer.
+Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben
+ihr musste der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr
+zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in
+voller Parade, die goldenen Loeffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen
+mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht uebel
+zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem
+Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm,
+kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Huellen
+gefaellig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in
+Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit fuer
+sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten
+in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor.
+
+"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar
+Schritte aus dem Goldenen Mond herueber machte er wohl ohne Wagen; die
+Fluegeltuere rauschte auf--Fraeulein von Sorben! "Wenn nur die andern
+auch bald kaemen," dachte Ida, indem sie das Fraeulein empfing; denn
+diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war
+wenigstens acht Jahre aelter als Ida, spielte aber doch immer noch das
+naive, lustige Maedchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen
+Korpulenz, die sich fuer eine junge Frau nicht uebel geschickt haette,
+schlecht passte. Sie musste uebrigens von Praesidents mit Schonung und
+Achtung behandelt werden, weil sie einigermassen mit ihr verwandt
+waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen
+bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals,
+nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle moegliche suesse,
+verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen
+Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides
+glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken
+werde. Kaum hatte Ida zoegernd, als wuerde er dadurch entheiligt, den
+Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige muehselige
+_Entrechats_ und kuesste Ida die Hand: "Wie danke ich dir fuer
+deine Aufmerksamkeit, dass du mich zu ihm eingeladen hast! Du
+bemerktest gestern gewiss auch, wie er mich mit seinen schwarzen
+Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute frueh, ich hatte mich
+kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem
+Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en
+passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du
+weisst, junge Maedchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen
+es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat."
+
+Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach
+der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem
+Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und ueberzeugte
+sich, dass Emil nicht nach der Cousine geschaut haben koenne. Das "mein
+guter Graf" und das "wir jungen Maedchen" aus dem Munde der alten
+schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, dass sie, statt in
+Eifersucht zu geraten, des heitersten, froehlichsten Humors wurde. "O
+du Glueckliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen
+machen koennte!"--"Es gehoert nichts dazu, mein Kind, als Routine,
+nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell
+nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muss sie geben. Du bist
+huebsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schoenen
+gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jaehrchen
+ins Land kommen, angelst du Grafen, als haettest du von Jugend auf
+gefischt."
+
+Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten
+Jubel aus. "Das waere schoen, das waere herrlich, Grafen fangen!" rief
+sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im
+rasenden Schnellwalzer um den Teetisch.
+
+Von Anfang liess sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen,
+obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken
+geschnuert war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wusste, wenn
+man nur erst aufhoere zu tanzen, so werde man gleich unter das alte
+Eisen gezaehlt, und gab sich also alle Muehe, leicht zu tanzen. Als
+aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen
+hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da
+stoehnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hoe--re auf!" Aber Idchen riss
+sie noch einmal herum und liess sie dann, weil sie das Geraeusch der
+Kommenden hoerte, atemlos und bis zum Tod gepresst vor der Fluegeltuere
+stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER TEE.
+
+Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kraeftiger
+Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner wuerdigen Haltung,
+war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmuetige
+Ernst, der auf diesem schoenen Gesichte lag und ihm einen so
+unendlichen Liebreiz gab, waren die Traeume der Ballnacht wieder
+aufgestiegen, um suesse Erinnerungen zu fluestern?--Ida stand
+versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie haette viel darum
+gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu duerfen!
+Sie haette ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat
+Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber
+diese haette sich in diesem wichtigen Moment selbst Schlaege geben
+moegen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie
+benommen. Was musste er nur von ihr denken? War sie doch gerade
+aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln
+vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten
+Salons ohne Aengstlichkeit bewegt, und hier stand sie erroetend, mit
+niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstaedtisch "von der
+Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige".
+
+Aber bei dem feinfuehlenden Manne, der schon frueher ihren Anstand,
+ihre Wuerde, ihre Erhabenheit ueber jedes Verlegenwerden bewundert
+hatte, erhoehte gerade diese suesse Verlegenheit den Wert des Maedchens.
+Mit unendlicher Gewandtheit wusste er sie aus der peinlichen
+Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszufuehren; in wenigen
+Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Maedchen
+wie frueher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese
+war, als die Fluegeltuere aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei
+Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos,
+nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepressten Busens
+arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch
+immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu
+Atem gekommen; sie liess also nur einen Liebesblick auf ihn
+hinueberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber
+wieder Atem geschoepft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu
+kichern und erzaehlte, dass sie fuer ihr Leben gern tanze und dass es ihr
+und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Fuesse
+gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur
+der Hofrat zuzuhoeren; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen
+hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespraech, dass er auf das
+Geschnatter der Dicken nicht hoeren konnte. Sich so vernachlaessigt zu
+sehen, konnte das fuenfundzwanzigjaehrige Kind nicht dulden; sie erhob
+also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf,
+dachte sie, nein, einen so verschaemten Anbeter hatte sie noch nicht
+gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber
+der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, dass
+er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen noetig,
+um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida
+ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen
+warmes Wasser stroemen liess, um sie in dem Guempchen zu reinigen; wie
+allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie
+verbindlich wusste sie die Tasse zu reichen; ach, er haette sich auch
+die Butterbroetchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Beduerfnisse
+viel lieber von ihr reichen lassen als von den fuenf reich galonierten
+Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an
+allen ihren Bewegungen! Und Ida haette nicht das pfiffige Maedchen sein
+muessen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefuehl bemerkt
+haette, das fuer sie in seiner Brust lebte.
+
+Die Gesellschaft war nach und nach groesser geworden; der Praesident
+hatte einige seiner jungen Assessoren und Raete mitgebracht, einige
+junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die
+Freilinger mussten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich
+schrecklich ennuyierte, gestehen, dass sie selten einen so geselligen,
+interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, dass der
+Praesident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast
+zu erheitern; dadurch werde das Gespraech allgemein und anziehend. Es
+ist eine alte Erfahrung, dass der allgemein anerkannte Wert des
+Geliebten ihn in den Augen seines Maedchens noch unendlich reizender
+macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so
+ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespraech
+mit den Maennern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen
+von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte,
+seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespraech zog,
+die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhoerte und ihr Urteil
+weiter auszufuehren und unbemerkt so zu drehen wusste, dass es wie etwas
+Bedeutendes klang, sein glaenzender, lebhafter Witz, den ihm das immer
+rascher fortrollende Gespraech entriss--dies alles gewann ihm die
+Achtung der Maenner, riss die Herzen der Damen zu dem glaenzenden
+Fremden hin.
+
+Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine
+Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo
+die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kuehnen Ideen nicht
+mehr folgen konnten, da fing fuer sie erst die rechte Strasse an, sie
+plauderte, wie ihr das Rosenschnaebelchen gewachsen war, lachte,
+scherzte in Witz und Schwank, dass dem Praesidenten vor Freuden das
+Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden
+war. Er nahm sich in seinem Entzuecken vor, gleich morgen ein
+Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine
+so glaenzende Weltdame mit ungetruebter Unschuld und Natuerlichkeit
+erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_
+Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Haeusern
+der Residenz fuer eine sehr feine und anstaendig erzogene junge Dame;
+doch war sie dort ernst, zurueckhaltend, so dass, wer sie nicht naeher
+kannte, ueber ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein,
+eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten
+Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten
+ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes
+ans Licht gelockt.
+
+Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das
+Gespraech noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins
+rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurueckgezogen
+und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, dass der Graf, je
+laenger er mit dem suessen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das
+geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte
+Maedchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensguete
+entfaltete, immer maechtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als
+er ihm von des Maedchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden
+erzaehlte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus
+seinen Zuegen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz
+gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem
+Ungluecklichen nicht fuer moeglich gehalten haette, sogar recht herzlich
+lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er
+sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklaerter Cherub.
+
+Kam uebrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm
+die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle
+erdenkliche Muehe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte
+sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, dass ihr das Wasser
+daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das fuer ihn strahle?
+Hatte sie nicht alle naiven Kuenste aufgeboten, um seine
+Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die
+kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen
+Mann weggeschnappt. Sie warf allen Hass auf diese; hatte sie sich doch
+vorhin so kindisch gestellt, als koennte sie nicht fuenfe zaehlen. Sie
+selbst--o, sie haette sich koennen auf den Mund schlagen fuer die
+Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Maedchen, das eigentlich
+noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Waere
+sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurueckgeblieben, das Kind haette
+nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schoenen Fremden zu erheben. So
+dachte die Sorben.
+
+Ihr pomeranzenfarbiger Teint roetete sich vor Zorn, sich so
+hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darueber
+nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas
+recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, dass
+jetzt alles Fraeulein heisse, was man sonst wohl auch schlechthin
+Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darueber, und um Ida
+einen Stich zu geben, die zwar von vaeterlicher Seite von altem Adel
+war, aber eine Buergerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die
+witzige Bemerkung ein: Die Fraeulein kommen ihr gerade vor wie die
+Spitzen. Es heisse alles Spitzen, und doch sei ein so grosser
+Unterschied zwischen den echten und unechten, dass jedes Kind die
+Feinheit der echten von den groeberen unterscheiden koenne. Sie hatte
+triumphierend ueber ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des
+Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnaediges Fraeulein,"
+hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht
+irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens
+habe ich mir sagen lassen, dass die ganz echten gelblichbraun
+aussehen." Hatte er auf ihre braeunliche Haut anspielen wollen? Die
+Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so hoehnisch dabei
+ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie ueber Ida gaenzlich zu
+ignorieren schien, bestaetigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer
+Brust und schwur sich mit den fuerchterlichsten Eiden, dass der
+Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war
+auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spaet war,
+folgten die uebrigen. Nein, es war ihr unertraeglich! An der Tuere
+noch musste sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch
+verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie
+musste hoeren, wie er versprach, recht oft herueberzukommen.
+Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum
+Abschied kuesste, den Ruecken, stuermte die Treppe hinab und setzte sich,
+mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen.
+
+"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Praesident, als die
+Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die
+noch bei ihm sassen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein!
+Schade nur, dass er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie
+er alles so artig zu geben weiss; wie er allem, auch dem Trivialsten,
+was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhoerte und gutmuetig
+ein glaenzendes Maentelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten.
+Er waere eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte.
+Die Graefin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl goennen, moechte
+uebrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--"
+
+Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und
+fliegender Brust zugehoert hatte, fuehlte bei den letzten Worten nicht
+nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr
+Fuesschen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem
+listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa
+ueber seine Fehlschuesse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, suesser
+Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe
+der Maenner gehoert und gelesen; sie wusste das Sprichwort solcher
+Reisenden: "Ein ander Staedtchen, ein ander Maedchen". Sie erinnerte
+sich an die ueppigen Reize der Aarstein, an ihre Verfuehrungskunst, die
+schon so manches junge unerfahrene Maennerherz betoerte, an ihre
+wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng
+stiftsfaehige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar
+nicht an das Glueck denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben
+zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und dass sie es war, sagte
+ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden
+hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer
+sagte ihr, dass dieser fremde Mann sie nicht betr--
+
+Nein, betruegen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut
+dieser Augen konnte nicht taeuschen! Froh dieser Ueberzeugung, die sie
+waehrend des Auskleidens gewann, huepfte sie in ihr Schlafzimmer und
+machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre,
+mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Graefin von Aarstein," sprach die
+Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den
+Kampf um den schoenen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz
+als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen moechten. Ich bin zwar
+weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine
+Wenigkeit, gegen Hoechstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und
+dann Unterroeckchen und Struempfchen herunter und mit einem Satz in das
+weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelskoepfchen noch einmal aus
+der Decke hervor, warf ein Kusshaendchen nach dem Goldenen Mond hinueber
+und fluesterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und traeume
+suess, traeume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloss selig die
+Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinueberwandern in das
+unbekannte Land der Traeume; da schuettelte sie ein jaeher Schrecken
+wieder auf und jagte sie aus dem Bette.--
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS STAENDCHEN.
+
+Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner
+gnaedigen Frau Mama zu wohl gefallen, als dass er sich durch den
+ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er ueberall lieber als vor
+Praesidents Haus erlebt haette, abschrecken liess.
+
+Im Gegenteil, wenn er recht darueber nachsann, so schien ihm die Sache
+eine gluecklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft
+hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Maedchen gelesen, und dass aus
+Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer
+seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische
+Dogge. Dieser war der Fuss abgefahren worden, und,--wie es mit den
+Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder
+geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben,
+erhielt sie als Geschenk, und jetzt laeuft sie auf allen Vieren so gut
+als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben
+kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald
+in Liebe verwandelt werden. Dass sie aber Mitleiden fuehle, war gar
+keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Maehre nicht
+mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster
+hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte
+sie nicht seinem Ross mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm
+deutlich sagte, dass sie den innigsten Anteil an seiner Fatalitaet
+nehme?
+
+Der erste Coup war solchergestalt ungluecklich und dennoch gluecklich
+ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte
+auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den
+Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingepraegt,
+wie er sich dabei zu gebaerden habe, und endlich schritt man an das
+grosse Werk.
+
+Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem
+neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus gefuehrt, wo
+sie sich guetlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je naeher es
+aber an zwoelf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an;
+denn Schulderoff hatte, sie wussten nicht wie, einen kapitalen Hips
+bekommen, dass er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber
+die Kaelte draussen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach
+also Schlag zwoelf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem
+Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des
+Praesidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, dass Ida schon sanft
+entschlafen sei, so werde zum ersten Stueck kein Adagio gewaehlt,
+sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern
+_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert
+Dragoner alle Morgen mit diesem Stueck aus ihrem sanften
+Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die
+zwanzig Trompeter ihre Hoerner, Posaunen und Trompeten an, der
+Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen liess--Kapellmeister
+winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den juengsten
+Tag anblasen, toente die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem
+einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus suessen Traeumen. Diese Art
+von Attention war ihr so ungewohnt, dass sie von Anfang glaubte, es
+brenne irgendwo im Staedtchen; als sie aber nachher deutlich einige
+Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, dass es eine Nachtmusik
+sei, die ihr gelte.
+
+Es war kalt; sie huellte sich froestelnd wieder in ihre seidene Decke
+und dachte unter den lockenden Toenen nach, ob wohl Martiniz auf so
+unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der
+Unglueckliche musste ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er,
+der sich in allem so zartfuehlend, so sinnig bewies, er konnte nicht
+diese Trompeten zu Organen waehlen, um seine Empfindungen
+auszudruecken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtoenenden
+Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdruecken.
+
+Jetzt schwieg die Musik; sie hoerte Stimmen auf der Strasse.
+
+Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Strassenlaterne
+an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten
+Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube,
+die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht."
+
+"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte
+Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar
+gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit grosser
+Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den
+Armen in der Luft. "Blast! O waeren das die schwedischen Hoerner und
+ging's von hier gerade ins Feld des Todes!"
+
+"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter.
+"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von
+neuem los, dass alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die
+Nachbarn sich beklagten, dass man ihre Nachtruhe stoere. Ida war kein
+Woertchen des Gespraeches entgangen, und sie schaemte sich ordentlich,
+dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der
+empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug
+ein Uhr, als die Kuenstler abzogen, und von Idas Augen war aller
+Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht
+gelingen, den mohnbekraenzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise
+verscheucht hatte, zurueckzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder
+dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht
+hoffen, dass sie ihm nicht gleichgueltig--
+
+Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das
+bewies nur, dass auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm
+nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht
+deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war
+er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstiessen auf Liebe und
+Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen?
+Konnte ihn, der so ungluecklich schien, nicht so manches seufzen
+machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er erroetete, als sie ihn zum
+Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige
+war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee
+neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr
+zugefluestert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen
+Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefasst,
+sie gedrueckt und ihr zugefluestert: "Ich weiss wohl, darf es aber nicht
+sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl blosse
+Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses.
+
+Schelmchen Ida wusste es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst,
+um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie laechelte
+sich selbst aus ueber ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muss mir
+beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der
+muss beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf
+sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschuettet; da will ich schon erfahren,
+ob er mich lie--"
+
+Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr
+Selbstgespraech; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein
+suesses, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas
+Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlaenglich die Schwierigkeit
+dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines
+andern Instruments die Gefuehle in wohlgerundeten vollen Saetzen
+ausdruecken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen
+gehoert. Es graute ihr vor diesen fliessenden Laeufen, wenn sie daran
+dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klaenge, diese
+melodischen Klagen, die den aermlichen sechs Saiten entlockt wurden!
+Wer konnte nur in Freilingen so hinreissend, so suess spielen? Sie
+huschte schnell in die Pantoeffelchen, zog die seidene Mantille um und
+schlich sich ans Fenster; sollte Mart--
+
+Ja, weiss Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen
+waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an
+den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspaehen. Es war Martiniz; und
+jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie
+seine fluesternden Klagen, seine sehnenden Uebergaenge, die suesse
+Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah
+deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenueber am Fenster. Ein
+bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen koennte, wie
+koestlich, wie wunderschoen waere es!" dachte Ida, huellte sich tiefer in
+ihr Maentelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll
+Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Maennerstimme trug eines
+jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehoert
+hatte und die jedes fuehlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre
+sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein
+Silbchen von den polnischen Woertern; aber dennoch fasste sie den Sinn
+so gut als irgend eine polnische Schoene; ach, es waren ja die Toene,
+die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich
+nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die
+ihren Schmerz in den fluesternden Toenen der Wehmut ausweint. Traenen
+stuerzten dem liebenden Maedchen aus den Augen; sie schlich sich zurueck
+zu ihrem einsamen Lager; Emils Toene begleiteten sie. Die
+geheimnisvolle Stille der Nacht, das raetselhafte Leiden des
+interessanten, ungluecklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der
+ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles
+erfuellte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein
+unaussprechliches, aber suesses Gefuehl der Wehmut und des Glueckes; ja,
+sie war geliebt--diese liebewarmen Toene wisperten es ihr in die
+Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie
+presste ihre weichen Haendchen auf das lautpochende Herz, auf die
+entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle
+Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie duerren Zunder
+angezuendet. Verschaemt, als koenne er durch die finstere Nacht, durch
+ihre dichten Jalousien zu ihr heruebersehen, verhuellte sie das
+pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, presste die
+AEuglein zu und fluesterte hinueber in die weichen Toene seiner Laute
+noch ein herzliches: "Schlaf wohl!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE FREILINGER.
+
+Die Leute in Freilingen sind wie ueberall; es vergingen keine acht
+Tage, so wusste jedes Kind, dass Praesidents Ida und der reiche Pole ein
+Paar seien. Die Freilinger aergerten sich nur darueber, dass man ihnen
+Sand in die Augen streuen wolle; dass die beiden Leutchen einander
+vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an
+gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er ueberhaupt in dem
+obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott
+weiss durch was fuer Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt
+hatte? Papa-Praesident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, dass
+der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee
+vorging, das wusste freilich jedermann, weil man hie und da so ein
+paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer,
+nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wusste
+niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da
+spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und
+vorn dabei, dass ja nichts Unrechtes geschehen koenne; aber man wusste
+ja von frueher her, wie er dem Maedchen alle losen Streiche durch die
+Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie groesser ist.
+So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Maedchen, die
+Ida, tut jetzt so juengferlich und so zimperlich, als waere sie in der
+Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild,
+ausgelassen, trotzig; das muesste ja ein Gott sein, der aus einer
+solchen Hummel ein reputierliches Maedchen ziehen wollte. Aber in
+allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden;
+da sagt man den Maedchen: Ihr koennt alles tun; aber haltet Mass und
+treibet es fein! Daher kommt es, dass jetzt lauter Tugendspiegel aus
+den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein
+wenig frei nach franzoesischem Schnitt und Ton; jetzt weiss man das
+ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten,
+sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der
+Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weissnichtwoher und
+Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So
+urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Maedchen, das in
+ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Boese ueberall
+schneller um sich greift als das Gute, so wusste und glaubte schon
+nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse
+Kaffee ausgeheckt hatten. Auch ueber den harmlosen Martiniz erging das
+naemliche Gericht.
+
+Leute wie die Freilinger koennen nichts weniger leiden, als wenn
+Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A
+bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie fuer Plaene haben usw. Kauft
+einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen
+Landes, so ist er ein unertraeglicher Geheimniskraemer, der allein das
+Vorrecht haben wolle, dass die Leute nicht wissen sollen, was an ihm
+ist. Dieser Pole vollends versuendigte sich auf die impertinenteste
+Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida;
+und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort
+bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte
+niemand sagen, was er denn eigentlich im Staedtchen zu tun habe; schon
+sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch,
+das sie gar zu gerne durchblaettert haetten. Das ist ein Bruder
+Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein
+Mensch ohne ein Fuenkchen Lebensart; sonst wuerde er wenigstens seine
+Tischnachbarn mit seinen naeheren Verhaeltnissen bekannt machen, wuerde
+auch in andere anstaendige Zirkel kommen als nur zu Praesidents. So
+urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und
+seinem Verhaeltnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle
+einverstanden, dass der Praesident von seinen Verhaeltnissen doch etwas
+wissen muesse; denn er laechelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen
+des Fremden anbohrte.
+
+Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und ueberall kursierte er
+unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches
+Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlass
+zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr,
+nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond".
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FEINDLICHE MINEN.
+
+Wie es uebrigens zu gehen pflegt: die aergsten Feinde Idas und des
+Grafen liessen sich oeffentlich am wenigsten ueber dies Verhaeltnis aus.
+Frau von Schulderoff und Fraeulein von Sorben fuehlten sich bis zum Tod
+beleidigt; aber sie hielten oeffentlich an sich und schwiegen.
+
+Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas ueber den
+Fuss gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen
+Winter hindurch dem Fraeulein die Cour gemacht; das Verhaeltnis hatte
+sich aber aufgeloest, man wusste nicht wie. Jetzt, da sie in
+_einem_ Spital krank waren, jetzt naeherten sie sich wieder, und
+obgleich das Fraeulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld
+gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergass sie doch
+einstweilen diese Kraenkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu
+raechen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als
+jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, dass
+das Unglueck des Leutnants vor dem Hause des Praesidenten, von dem die
+ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufaellig sei, als man es erzaehlte;
+sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, dass die Nachtmusik,
+von den zwanzig Regimentstrompetern aufgefuehrt, nicht den Grafen,
+sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die
+Mauern von Jericho, so die Steinwaelle und Gusseisentore von Idas
+Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen.
+
+Dies alles fuehlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_
+wusste, so richtig zusammen, dass sie ueber den ganzen Roman des Herrn
+von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglueckten
+Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch sproeder behandelt worden
+war,--mochte sie nun ahnen, dass die Sorben auch ein wenig verletzt
+sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen
+dem Fraeulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stuecken
+die Sorben, teilte ihr mit, was sie wusste, und liess sich mitteilen,
+was das Fraeulein im stillen erlauscht und erspaeht hatte. Uebrigens
+lebte auch sie in der festen Ueberzeugung, Martiniz und Ida haben sich
+schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn
+von den naechtlichen Leiden des ungluecklichen Grafen ahnte niemand
+auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Kuester des Muensters in
+dieser Sache.
+
+Unbegreiflich war und blieb es uebrigens sowohl der Frau von
+Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener
+Herr schien, nicht schon lange bei dem Praesidenten um Idas Hand
+gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die
+nur einen Grund sehen wollten, waren einig darueber, dass es dem Grafen
+entweder nicht recht ernst sei, oder dass es sonst irgendwo ein
+Haekchen haben muesse. So hatten beide Damen schon seit vielen
+Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander
+zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch
+nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, dass ein Kammerherr, den
+Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnaedigen
+Frau, bei welcher Fraeulein Sorben gerade auf Kaffee war, waehrend man
+umspannte, einen Besuch machte.
+
+Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund ueber. Der Kammerherr
+hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von
+Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn
+fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien.
+
+Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz.
+"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit
+den drei Millioenchen, der unsere Graefin Aarstein--Ja, wahrhaftig!
+Jetzt faellt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er
+sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnaedigen, mit
+Fraeulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert;
+denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag
+erwartet; das Verhaeltnis, das er hier angeknuepft hat,--da koennen Sie
+sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil
+er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht fuer die Sanden!"
+
+Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese
+Nachrichten hoerten. "Sie sprachen vorhin von der Graefin Aarstein,"
+sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--"
+
+"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin,
+"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wuenscht sie
+wieder vermaehlt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fuerst
+ueberdruessig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches
+sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich
+hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs
+dringendste empfohlen; denn man macht hauptsaechlich wegen seines
+Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein grosses Wesen aus
+ihm; kaum hoert die Aarstein von den drei Millionen und dem alten
+Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterlaesst, so erklaert sie mit
+schwaermerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---:
+'Diesen und keinen andern!' Man ist hoeheren Orts schon gewoehnt, ihrem
+Trotzkoepfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja ueberdies ganz
+herrlich mit allen Plaenen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet
+und, so viel ich weiss, schon so gut als richtig."
+
+"_Est-il possible, est-il croyable?_" toente es von dem Mund der
+erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann
+Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fraeulein von Sanden, die
+Sie aus der Residenz kennen muessen, ist sehr liiert mit dem Grafen,
+und ich fuerchte, ich fuerchte, die Graefin kommt nicht zum Ziel!"
+
+"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das waere
+doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung;
+die Graefin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Laecheln,
+mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestaetigung; und wenn er auch
+nicht wollte, er muss sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof
+vor den Kopf stossen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die
+Graefin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr
+Gewicht als alle uebrigen zusammen, ist schoen, bluehend, macht das
+beste Haus; er waere ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken
+haette, sie auszuschlagen. Und Fraeulein Ida? Nun, das soll mich doch
+wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen.
+Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem
+Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzaehlte man
+sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber
+gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun,
+Glueck auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann passt er zu
+der Graefin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhaeltnis schaden
+koennte; die Graefin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre
+Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr
+Onkel, Fraeulein von Sorben, kann Ihnen ueber diese Sache die beste
+Auskunft geben; denn ich muesste mich sehr irren, wenn er nicht die
+Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr
+empfahl sich und liess die beiden Damen in frohem Staunen und
+Verwunderung zurueck.
+
+"Arme Ida!" sagte die Sorben spoettisch. "So viel Routine hast du denn
+doch noch nicht, dass du Geschmack daran finden koenntest, die Nebenbei
+des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Daemchen, das also in
+der Residenz die Sproede so schoen zu spielen wusste, aufschauen wird,
+wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in
+Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal
+morgens verschwunden ist, am naechsten Posttag aber ein Paket einlaeuft
+mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete
+Graefin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist."
+
+"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die
+Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich
+aergern, dass es die Graefin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie
+Sie hoerten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--"
+
+"Sie kennen den Sporeneck, gnaedige Frau?" fragte die Sorben, und ihr
+gelbliches Gesicht schien tief ueber etwas nachzusinnen.
+
+"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei
+uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es
+nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein
+Maedchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht fuer sich
+gewann!"
+
+"Herrlich, das muss uns dienen," fuhr das Fraeulein fort; sie setzte
+auseinander, dass ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief
+angebissen bei Praesidents und als wolle er vor der Hand nicht an die
+Graefin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat
+von Sorben, gehoerig praeparieren, und sie stehe davor, dass der Graf
+die laengste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten waere es, wenn
+man die Aarstein selbst in Freilingen haben koennte; doch sei dies bei
+dieser Jahreszeit nicht wohl moeglich; darum solle auch Frau von
+Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefaelligkeit
+erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den
+Grafen recht eifersuechtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin,
+dass er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch
+im uebrigen bald geholfen.
+
+Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stuermisch und ergaenzte den
+Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann
+fuehlt, dass man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist
+auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch
+nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Praesident
+mit seinen Friedrichsdors herausrueckt und unsern Schulderoff wieder
+flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekuemmere ich mich
+dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur
+Tunichtgut auskommt."
+
+Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht
+und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von
+Fraeulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit
+bewunderungswuerdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des
+Praesidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, dass man
+schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und dass sie nur
+bedaure, dass dadurch der Residenz ein glaenzendes Haus entzogen werde;
+denn Ida scheine darauf zu bestehen, dass der polnische Graf sich in
+Freilingen niederlasse.
+
+Der Brief, das wusste sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn
+auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht haette, bei der
+eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Graefin Aarstein seine
+Hand im Spiel zu haben, so haette ihn doch der letzte Punkt des
+Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des
+Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, dass ein grosses
+Haus mehr in die Residenz kommen koennte, war begeisternd fuer ihn.
+Unter allen Sterblichen schaetzte er die am hoechsten, welche Haeuser
+machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer,
+sondern die, welche ihm Schildkroetensuppen, fette Austern, feine
+Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmaessig einmal
+in der Woche des Abends Tueren und Tore oeffneten, um frohe Gaeste bei
+sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, koestliche Baelle zu geben
+wussten. Solche Haeusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein
+altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten
+tot oder lebendig, vier- oder zweifuessig sein, mochten dem Gaumen oder
+der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war
+ein Kenner, und daher musste es in seinen Wuenschen liegen, ein
+Dreimillionen-Graefchen in die Residenz zu bekommen.
+
+So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne dass er es merkte, bei allen
+fuenf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefasst, und sie
+durfte ueberzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich
+Schulderoffschen Palais, das fuer jetzt, in Ermangelung eines bessern,
+nur aus einigen Mansardenstuebchen bestand, lief ein Brief ab, der
+keinen geringeren Hagelslaerm, kein schwaecheres Hallo in die Residenz
+machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die
+Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche
+Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3,
+ueberschrieben und lautete wie folgt:
+
+ "_Freilingen_, 11. Dez. 1825.
+"Herr Bruder!
+
+"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu
+wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und
+sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug
+aus. Den Saebel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiss nicht,
+dass der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier
+hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder,
+vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan
+hier angekommen, der ihr jetzt taeglich und stuendlich die Cour
+schneidet. Begreife uebrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier
+allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnoede abgewiesen. Auf
+Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine
+vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich
+sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affaere, was ich fuers beste
+hielte, selbst einige Woertchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder
+mit dem Fraeulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu
+Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer
+Geld haben und scheint meines Erachtens der angefuehrte Teil; denn sie
+hat ihn in der Kuppel, dass er weder links noch rechts kann. Lebe
+wohl, gruesse alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in
+Bruderliebe Dein
+ "_Franz von Schulderoff_,
+ Leutnant bei Koenigin-Dragoner."
+
+Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist
+fuer Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein
+und heiter; aber indem es in das reine Blau des Aethers hineinsah und
+sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr
+stilles Glueck zu suchen und zu zerschmettern.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+GEHEIME LIEBE.
+
+Aber so gewiss die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wussten sie
+doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die
+erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnuegt,
+still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Huebsches
+traeumt, und einem andern kaeme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie
+gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgueltigsten Dingen
+und denken an das, was ihr Herz erfuellt; sie wagen es nicht
+auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen;
+denn sie tragen den Schluessel zu dieser Zeichensprache nebst
+Woerterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei
+Martiniz und Ida. Sie wussten, dass sie sich liebten; aber noch hatte
+der Graf nie deutlich darueber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine
+Gelegenheit gegeben, sich zu erklaeren.
+
+Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er
+liebte die beiden guten Leutchen, als waeren es seine eigenen Kinder;
+darum haette er ihnen auch alles Gute und Liebe gegoennt, eben darum
+konnte er aber dieses verschaemte Treiben nicht leiden. Er war so halb
+und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage
+von des Maedchens Schoenheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden
+vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, dass er glaube, Ida sei ihm gut;
+aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den
+Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr
+Herzchen beinahe, seit es schlug; er wusste jede Schattierung in ihren
+Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil
+und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht
+recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Maedchen, weniger uebel
+nehmen als ihm.
+
+"Nein, wer mir je so etwas gesagt haette," dachte er, "dem haette ich
+mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde-
+Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie,
+und wagt nicht einmal, ein Maedchenherz, das ihm gewogen ist,
+anzugreifen." Er haette moegen aus der Haut fahren, wenn er daran
+dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die
+Welt in den letzten Jahrzehnten sich so aendern konnte. Aber wie, wenn
+Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmoeglich, es konnte
+Gewissenhaftigkeit sein, dass er sich nicht erklaerte; befand er sich,
+der unglueckliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben
+Zustande, wie er hier angekommen war.
+
+Der Kuester, der jetzt regelmaessig nachmittags sein Daepschen hatte,
+ohne dass seine Frau begreifen und ergruenden konnte, wo er das Geld
+dazu herbringe, der Kuester hatte dem Hofrat alle morgen referiert,
+wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei;
+er hoerte zwar, dass er seit neuerer Zeit weniger stark wuete; dass er
+aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem
+Zustand; es war kein Zweifel, dass der Graf jede Nacht um dieselbe
+Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag ueber keine
+Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blaesse, das Wehmuetige, das noch
+immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, dass er
+koerperlich oder geistig angegriffen sei.
+
+Seinen Entschluss, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn
+zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausfuehren koennen; je
+naeher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er taeglich
+vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen
+bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine
+Geheimnisse eindringen zu wollen.
+
+Aber unablaessig verfolgte ihn der Gedanke, dass er vielleicht, wenn er
+das Naehere ueber des Grafen Krankheit wuesste, helfen koennte. So sass er
+eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft
+wohl ansah; der Kuester hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig
+bei ihm eingesprochen und erzaehlt, gestern nacht sei der fremde Herr
+so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, dass ein
+Toepfer die Haende darunter haette waschen koennen. Er sann hin und her,
+wie man dem Geheimnis benommen koennte; da klopfte es bescheiden an
+der Tuer, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer.
+
+Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an
+seinem jungen Herrn zu haengen, schien so vaeterlich fuer ihn besorgt zu
+sein, dass man sah, er muesse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und
+gepflegt haben; recht erwuenscht kam er daher gerade in diesem
+Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfuellt
+war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen
+solle; denn dass er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner
+gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfaeltig umgesehen
+hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er naeher.
+
+"Mit Exkuese, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten
+Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnaedig,
+wenn er ein Woertchen im Vertrauen sprechen moechte!"
+
+"Wenn es keine Klagen ueber deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch
+von der Leber weg!" sagte Berner.
+
+"Klagen! Jesus Maria, wie kaeme ich bei unserem jungen Herrn zu
+Klagen; habe ich ihn doch auf den Haenden getragen, als er's
+Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen
+Tag, und er hat mir noch kein unschoenes Wort gegeben, so wahr Gott
+lebt, Herr, und das sind jetzt fuenfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst
+etwas haette ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnaedig
+nehmen wollen. Ich weiss, Sie sind meines Herrn bester Freund in
+hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein
+Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiss auch vom
+Kuester, dass Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas
+wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott
+lohnen wolle--"
+
+"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzaehlen, wie
+Dein Herr in diesen ungluecklichen Zustand kam, dass er alle Nacht von
+einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich
+nicht etwa helfen koenne?"
+
+"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn
+nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter
+Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzaehlen,
+wie er dazu kam."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EMILS KUMMER.
+
+"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist
+er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam
+seine Strasse, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie haetten
+ihn sehen sollen, als noch die gnaedige Frau Graefin und die Fraeulein
+Schwester lebten. Keinen frischeren, kraeftigeren jungen Herrn gab es
+in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und
+lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen
+schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten
+mir immer die Traenen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den
+himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade
+zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre
+Faehnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fraeulein Schwester
+herauflaechelte wie verklaert und seinen Tigerschimmel dazu tanzen
+liess.
+
+"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter
+Antonio nach Warschau fuehrte. Das war ein Schwestersohn von der Frau
+Graefin Exzellenz, ein schoener, schmucker Italiener mit braunroten
+Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe.
+Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schoenen
+Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man
+sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es
+gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muss auch so gewesen sein; denn
+--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen
+Schwester, die junge Graefin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann
+lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit
+uebermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm
+nur an den Augen absehen konnte.
+
+"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, dass Herr Baron
+Antonio die junge Graefin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber,
+welche grosses Geraeusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb
+seine Sache im stillen und kam wohl baelder ans Ziel als die andern;
+denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schoenen
+Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Ploetzlich fasste
+Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber
+sagte laechelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wusste
+ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem
+sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts
+dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefaehr ein
+Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch
+nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich,
+zweimal schnallte er den Saebel um, und ebenso oft warf er ihn wieder
+hin. Ich fragte, was ihm waere, er aber gab mir gar keine Antwort, was
+er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren
+und darf ihn wohl erzaehlen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein
+Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die
+Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der
+Graf besah ihn genau und erkannte, dass es derselbe Ring sei, den
+seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er aeusserte dies aber nicht
+gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der
+Offizier sagte ihm, dass er diesen Ring an Personen gesehen habe, die
+dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm
+freundschaftlich zu sagen, dass er diesen Ring auf eine Stunde von
+Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter,
+zum Praesent bekommen zu haben behaupte.
+
+"Madame Trizka aber war die beruechtigte Kurtisane der Stadt und um
+Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort,
+ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung
+sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen
+Vetter und liess ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen
+habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das
+meinen Herrn nur noch wuetender machte. Seiner Fraeulein Schwester
+mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstueck
+zu sagen, und beschloss daher, den treulosen Vetter sobald als moeglich
+aus der Welt zu schaffen.
+
+"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den
+Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht
+gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf
+dreissig Schritte traf, schoss den Marchese durch die Brust, dass er
+keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit
+dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen,
+aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag
+ohne Besinnung, und die Aerzte gaben gar keine Hoffnung.
+
+"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch
+beweinte, war so um ihn besorgt, dass er sogar nicht auf seine Rettung
+bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen liess.
+Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung.
+Mein Herr sass bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwoelf Uhr
+hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der
+Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwoelf Uhr aber schlug der Italiener
+seine graeulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Hoehe und
+sah sich im Zimmer um.
+
+"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei
+schon gestorben, so gestanden und glaesern war sein Blick. Endlich sah
+er meinen Herrn; wuetend riss er seine blutigen Binden von der
+durchschossenen Brust, dass das Blut herausstroemte. '_Maledetto
+diavolo!_' bruellte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf,
+sank zurueck auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu
+unterstuetzen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben.
+
+"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht
+gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so ungluecklich
+wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem
+Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte,
+da ging erst der Jammer von neuem an; denn waehrend der Krankheit war
+er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Graefin war ein paar
+Tage nach dem traurigen Vorfall ploetzlich gestorben. Man sagt arge
+Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter
+Diener nicht glauben darf. Die Frau Graefin Mutter, die immer gesiecht
+hatte, ueberlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe.
+
+"Der junge Herr vernahm dies alles mit grosser Fassung; als man ihm
+aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er ausser sich, so
+dass wir fuerchteten, er komme wieder vom Verstand.
+
+"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle
+glaubten; denn der Graf liess sich auf sein Grab fuehren, weinte dort
+lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung.
+Als ich in der naechsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten
+Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches
+Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in
+Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem
+blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie
+ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu
+geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hoerte auch sein Wahnsinn auf. Aber
+seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells
+Begnadigung, musste aber auf einige Zeit sich ausser Landes begeben.
+
+"Diese Weisung kam erwuenscht; denn die Aerzte rieten zur Zerstreuung
+durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz
+Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube
+nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe
+mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den
+Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er
+mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag,
+von da an behauptet er, der Spuk koenne nicht zu ihm herein, wenn er
+am Altar sitze.
+
+"Wer war froher als ich ueber dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht
+jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu gross, bald zu klein, wie
+es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut.
+Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn
+Tagen hat er gar nicht mehr gewuetet, sondern nur geweint."
+
+Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine
+Erzaehlung beendigt. Berner konnte kaum seine Ruehrung zurueckhalten. Es
+wollte ihm das Herz abdruecken, dass ein Mensch, so schoen, mit allen
+Gaben des Glueckes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in
+so namenloses Unglueck stuerzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen;
+aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen
+schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiss alle Mittel schon
+versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm
+behilflich sein koennte bei dieser Sache.
+
+Der alte Brktzwisl laechelte geheimnisvoll vor sich hin und begann
+dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten
+Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat koennen als Arzt dabei dienen.
+Vor allem muss ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht
+gesehen haette. Einem alten Diener, der nur fuer das Wohl seines Herrn
+besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel
+des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermoegen des
+Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, dass
+ich jeden beruehmten Arzt um Rat fragen konnte. Ueberall, wohin wir
+kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die
+AErzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft
+probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung.
+
+"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht
+haette, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein
+kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich
+Vertrauen zu ihm einfloesste. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern
+betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen.
+Den andern Tag sagte er zu mir: 'Hoere, Alter! Dein Herr ist
+unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme
+Liebe zu einem Maedchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine
+recht gefasst, so ist es unzweifelhaft, dass sein Wahnsinn sich
+zerstreut und nach und nach vergeht.'
+
+"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich
+wusste, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch
+Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er
+verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an
+keinen Ort, wo schoene Maedchen waren, in keiner Stadt wollte er ueber
+einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst
+recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem
+alten Herrn Onkel.
+
+"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem
+Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen
+hieher ins ----sche gehen.
+
+"Hier in Freilingen geschah nun, was ich fuer meine Seele nicht fuer
+moeglich gehalten haette. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr
+auf dem Ball, dass ich ihn sogar abrufen musste; nach der Kirche geht
+er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt
+ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen laesst er mich das
+Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir
+solle Hoeren und Sehen vergehen; er merkte auch, dass ich mich so
+verwundere, und gab vor, dass ihm die Kirche so wohl gefallen habe.
+Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde
+ich in dem Haus drueben einen Engel gewahr, der so holdselig
+herueberlaechelte, dass mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging
+mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses
+Fraeulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang
+schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus
+gegenueber.
+
+"Und das ist niemand als die wunderschoene Fraeulein Ida. Meinen Sie,
+mein Herr sei frueher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele,
+obgleich ich fuer jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte;
+aber ich will die Tasse Tee mit Loeffel und Stiel aufessen, die er
+seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus
+hinueberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinueber.
+
+"Seit der Zeit laesst aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er
+raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz
+ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine
+Freude, als ich dies bemerkte, dass ich dem alten Doktor auf der
+Stelle mein Hab und Gut geschenkt haette; dem Engelsfraeulein aber, das
+dies Wunder bewirkte, moechte ich, so oft ich es sehe, vor purer
+Freude zu Fuessen fallen.
+
+"Wenn es nun Gottes Wille waere, dass das Fraeulein meinen Herrn liebte,
+ach, da waere ihm geholfen, so gewiss ich selig werden will! Und wenn
+sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiss recht
+sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen
+Sie ihn nur ein wenig laecheln wie frueher, lassen Sie ihn erst einmal
+wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er
+anhat,--da muss er ja einem Maedel gefallen, und wenn sie einen
+Marbelstein in der Brust haette statt eines Herzens. Ueber das Vermoegen
+will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich
+eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Gueter Ratitzka,
+Martinizow, da ist Flazizhof, da--"
+
+"Lass gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon
+koennten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn
+betrifft, so glaube ich selbst, dass er das Fraeulein gerne sieht; wie
+das Fraeulein ueber ihn denkt, weiss ich nicht so genau, doch kann sie
+ihn nicht uebel leiden. Das Ding muss sich uebrigens bald geben, glaube
+mir! Hat dein Herr das Fraeulein recht von Herzen lieb, so soll er,
+merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich koennte dafuer
+stehen, dass sie nicht Nein sagt."
+
+Der alte Brktzwisl war ausser sich vor Freude, als er dies hoerte.
+"Nun, das muss wahr sein, wenn sich vernuenftige Menschen miteinander
+besprechen, gibt es ein Stueck; mein Herr soll dran, soll Hochzeit
+haben und wieder froehlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln,
+und all sein vierzigjaehriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht,
+ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten
+Faehrte hat."
+
+"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du
+den Herrn Neveu verheiratest? Das Fraeulein ist eigentlich doch keine
+rechte Partie fuer einen polnischen Grafen--"
+
+"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an
+der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist
+ein raesonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht.
+'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir
+abfuhren, 'bringe ihn vernuenftig zurueck _a tout prix_!' Da darf
+man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und ueberdies bekuemmern wir
+uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist
+eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu
+gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und dass der
+Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafuer stehe ich! Ach, wenn er nur
+das liebe Engelskind selbst sehen koennte!" Dem alten Mann schien der
+Mund zu waessern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und
+ging.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SELIGE BERNER.
+
+Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem
+andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem
+klugen Alten nicht merken lassen duerfen, und doch haette er dem alten
+verwitterten Polacken um den Hals fallen moegen, so recht ins Schwarze
+seiner Seele hatte er mit seinen Plaenchen getroffen. "Ein kapitaler
+Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den waeren wir doch
+samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plaenchen ganz und gar
+den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben
+und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der
+alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen
+Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Koenigin Aarstein und dem
+Staatssekretaer Springer mit seinen Winkelzuegen ein verdecktes und
+entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es
+war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten,
+der sein letztes Examen im Ruecken und vor sich die Aussicht auf eine
+fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kuehen,
+Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde
+residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig goettlich zu Mut, als
+haette er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und
+regiere an geheimen Schicksalsfaeden das Los des Grafen und seiner
+Ida.
+
+Alle Leute blieben auf der Strasse stehen, als Berner vorueberkam. Man
+kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne
+jedermann gruesste und hier und dort mit einem sprach; aber heute--
+nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin
+sprach und laechelte, alle Maedchen in die Wangen kniff, allen Maennern
+zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt pruegelten,
+einige Groschen schenkte, dass sie sich einen vergnuegten Tag machen
+moechten. Den Praesidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen
+guten Morgen, schuettelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte
+sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier
+angestiegen komme, um sein eheleibliches Toechterchen zu freien.
+
+"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen
+mit der Graefin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der
+Praesident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner?
+Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?"
+
+"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt
+noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst
+denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, dass ihm das Feuer
+aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem
+Staatssekretaer den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie guetigst,
+wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand fuer meine zaertlichen Neigungen
+rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders
+gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen
+Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so waere der
+Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Praesident.
+
+"Verliebt, wie ich sage, und fuer die Graefin so gut wie verloren."--
+"Ei, ei," sagte der Praesident mit einem klugen Gesicht, indem er die
+Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich
+gedacht, dass das Attachement an die hohe Person nicht so gar gross
+sein muesse. Du weisst von den Auftraegen, die mir in einem
+Handschreiben des Staatssekretaers zukamen; ich richtete mich mit
+aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst
+ueber die hiesige Gegend an; weiss Gott, ich meine, der Mensch wird mir
+naerrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den
+vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen
+Lokalschoenheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und
+fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in
+meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, dass ihm die hellen
+Traenen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der
+Freilinger Kreis ist nicht uebel; aber die Graefin Aarstein ist
+wahrscheinlich der Koeder. Ich wende also das Gespraech auf den Hof und
+endlich auch auf die Graefin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig
+wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeissen wollte, ob
+er die Graefin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes
+Gesicht, wie wenn man beim ueberzuckerten Kalmus endlich aufs
+Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par
+renommee._' Das ist nun freilich bei der Frau Graefin nicht das
+beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von
+dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretaer schlecht
+manoevriert."
+
+"Weiss Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich koennte dir Dinge
+sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den
+Herrn Grafen als Braeutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht,
+an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein
+Landeskind unseres allergnaedigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes,
+schoenes--"
+
+"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der
+Praesident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es
+mir, dass es die Graefin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der
+Hand Nachrichten ueber sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal."
+
+War es dem Praesidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat
+ausserordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg,
+als er naeher und naeher an Idas Zimmer kam, als ihn das Maedchen
+Wunderhold empfing. Er haette moegen nur gleich mit allem, was er im
+Herzen und Gedaechtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den
+Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt
+dirigierte, waere _das_ Maedchen bis in das Herz hinein erroetet
+und davongelaufen. Daher liess er seine Gedanken eine kleine
+Schwenkung rechts machen, um dem Maedchen mit den Plaenklern der
+Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Ruehrung in die
+linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzaehlte er
+ihr das Unglueck des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die
+ruehrendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu
+schildern.
+
+Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Maedchens Traenen
+flossen, als er noch nicht zur Haelfte fertig war. Wenn sie sich den
+froehlichen, kraeftigen Juengling dachte, geliebt, geachtet von allen,
+und ploetzlich so unendlich ungluecklich--ja, jetzt hatte sie den
+Schluessel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen.
+
+Jetzt wusste sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so
+bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er
+niemals wieder recht froehlich sein koenne. Er hatte seinen liebsten
+Freund getoetet, und, wie die Erzaehlung des alten Dieners merken liess,
+unschuldig getoetet; je zarter ihr eigenes Gefuehl war, desto tiefer
+fuehlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so
+verwandten Brust.
+
+Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses
+Traenenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darueber
+gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein moechte; so
+schonend als moeglich beruehrte er diese Saite, indem er nicht
+undeutlich zu verstehen gab, dass ihre Naehe wunderbar auf ihn zu
+wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besaenne, ob sie
+auch recht verstanden habe; eine hohe Roete flog ueber das liebliche
+Gesichtchen, ein schelmisches Laecheln mitten durch die Traenen zeigte,
+dass sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zoegern, das
+auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die
+Brust des alten Mannes, verbarg ihr gluehendes Gesichtchen und
+fluesterte kaum hoerbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere,
+innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie
+weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob
+und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreissig Schnuerloecher des
+Korsettchens zumal zersprengen.
+
+Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz hoechst komisch vor.
+Die weint, dachte er, weil sie einen schoenen Mann und drei Millionen
+verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch
+um das Maedchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch,
+als ob es Ihnen blutessigsauer wuerde, dass Sie den schoenen, edlen
+Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja
+nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje
+Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um
+solche waere es nicht der Muehe wert, sich die Hand nass zu machen, und
+wenn sie im Sumpf bis unter die Nase staeken und nicht mehr um Hilfe
+schreien, sondern nur ein wenig naeseln und rueffeln koennten. Aber
+nein, da ist der Ausbund von Maennerschoenheit, der Mann mit dem
+interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blaesse, welche die
+Gemueter so anzieht, mit dem feinen Baertchen ueber den Lippen, das ein
+ganz klein wenig sticht, wenn er den wuerzigen Mund woelbt zum Ku--"
+
+"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und
+reputierlich wie eine Karthaeuserin, und doch musste das lose Ding die
+Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein
+Fuenkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne dass die boese Welt, den Herrn
+Hofrat an der Spitze, gleich darueber kritisiert, ob es einem
+_schoenen_ Herrn gegolten oder nicht."
+
+"Nun, nun," lachte der Hofrat noch staerker als zuvor, "es kommt immer
+besser; Sie machen ja, weiss Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie
+mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im
+Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es
+faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiss nicht wie Fraeulein von
+Sorben und Frau von Schulderoff, die grosse Stadtklatsche, aus jedem
+Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter
+dem Vorhang hinueber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die
+boesen Stadtkinder heissen, herauszuaeugeln. Aber freilich, die jungen
+Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den
+schoenen Sternen, welche das schoenste Feuer haben,--da muss man ja doch
+auch in den Mond sehen; aber Fraeulein Ida wird nicht, wie jener
+scharfsichtige Astronom, Staedte, Festungen, ganze Waelle und
+Verschanzungen darin erschauen, sondern hoechstens die Besatzung
+selbst, den Gr-"
+
+Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde roeter als ein
+Purpurroeschen, sie presste dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den
+Mund, dass ihm Hoeren und Sehen verging, und schmaelte ihn jetzt so
+tuechtig aus, wie er frueher sie selbst geschmaelt hatte, als sie noch
+ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hoeren muessen,"
+eiferte sie, "man soll die schoenen Pueppchen nicht beschmutzen, und
+Sie, boeser Hochverraeter, machen ja Ihr armes Pueppchen Ida ganz
+schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles
+untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz
+lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und
+nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die
+Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes
+Oberbuchhaltergewissen vertragen?"
+
+Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war
+ihm so verpetschiert, dass er nicht einmal ein Ach! oder Au!
+hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schoepfte
+tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige
+Strafe sei, dass Sie auf der Stelle ueber und ueber rot werden!" Ida
+behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half
+nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, dass der Graf seit
+einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte laenger als
+einen, hoechstens zwei Tage verweilt, dass er auch eigentlich hier nur
+einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe
+Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der
+Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als
+er es aussprach.
+
+"Wegen mir waere er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht
+weiter; ein holdes Laecheln geschmeichelter Selbstzufriedenheit
+schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward
+ueberall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht
+ein tiefes Raetsel fuer den Forscher war,--war es Freude, war es
+Schmerz?--das ueberraschte Herzchen machte sich in heissen Traenen Luft.
+Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem
+anfangen, wollte die lindernden Mittel der Froehlichkeit und des
+Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen
+hatte, wollte das Maedchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn
+moeglich, war das moeglich, wenn man _dieses_ Auge in Traenen sah?
+So mit ihrem Schmerz beschaeftigt, hatte er ganz ueberhoert, dass man
+schon zweimal an der Tuere geklopft habe; leise wurde sie endlich
+geoeffnet, auf dem weichen Fussteppich hallte kein Schritt--Ida war es,
+als wehe sie ein kuehlendes Lueftchen an, es war ihr so wunderwohl und
+suess zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen
+lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgroesse Graf
+Martiniz.
+
+Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade
+in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida
+gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann liess sie nicht lange
+in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so
+unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden
+gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet.
+Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines
+Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen duerfe. Ach!
+er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Traenen, die
+aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Maedchenherzens
+heraufdrangen.
+
+Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte laecheln,
+aber ihre unwillkuerlich stroemenden Traenen straften sie Luegen; er
+hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu
+duerfen, dass es sie immer mehr und mehr ruehrte. Mit einem
+Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhaeltnisse; rasch
+mussten die Bloessen benuetzt werden. Der Zweck heiliget die Mittel,
+dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich
+eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also
+sein Huetchen, brach auf und fluesterte dem Grafen laut genug, dass es
+Ida hoeren konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen
+und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie
+weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fraeulein, weil sie meint, Sie
+seien ungluecklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen
+Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem,
+der gesaeet hat und doch nicht weiss, was aufgehen wird. "Der Wuerfel
+liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt;
+zaehlet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ENTDECKUNG.
+
+Die beiden jungen Leutchen sassen sich gegenueber wie die Oelgoetzen;
+keines wagte von Anfang ein Woertchen zu sagen, selbst den Atem
+hielten sie fest an sich. Dem Fraeulein hatte der Hofrat durch seinen
+gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr,
+als staeche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das gluehende Herz,
+und ein anderer schuette eine Kufe des kaeltesten Wassers ueber sie
+herab, und im naechsten Augenblick war ihr wieder so bruehsiedheiss zu
+Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede
+und ein Rheinstrom von rotgluehendem, fluessigem Eisen durch alle ihre
+Nerven sich ergoesse. Sie wusste nicht, sollte sie aufspringen und
+davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut ueber diese Unzartheit
+weinen; ein tiefer Seufzer entriss sich dem gepressten Herzen--
+
+Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium
+dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbaellen von Kaisern und
+Koenigen gewesen, er hatte mit einer Fuerstin eine Polonaese eroeffnet
+und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe
+abgetreten, dass ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch
+dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen
+Kartaetschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen liess. Er
+hatte--doch was konnte es ihm in diesem suessen Augenblicke helfen, dass
+er sich sonst nicht so leicht verblueffen liess? Der Moment riss ihn
+hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in
+seinen Traeumen allnaechtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie
+hatte um ihn geweint, weil sie ihn fuer ungluecklich hielt!
+
+Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die ruehrende Scham
+aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Laecheln um den Mund,
+tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser
+Brust ansah--er hatte auf seiner grossen Tour alle Galerien der Welt,
+die Kunstschaetze der Malerei, die lockenden, majestaetischen,
+niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit
+wahrhaftem Kunstfleiss studiert, und was waren sie, was war Venus und
+alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen
+Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle
+Amorettenkoepfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem suessen Wesen.--Er
+hoerte sie seufzen, eine grosse, helle Perle hob sich unter den
+seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drueckte seinen Mund
+darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg.
+
+"Koennen Sie zuernen, mein Fraeulein," hub er an, "dass ich zu so
+ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine
+Antwort.
+
+"Wenn ich gewusst haette, dass ich Sie nicht heiter finden wuerde, ich
+haette mir gewiss nicht die Freiheit"--noch keine Antwort.
+
+"Sie haben einem Ungluecklichen eine Traene des Mitleids geschenkt;
+zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel
+frueher als andere; moege Gott Ihnen diese Traenen des Mitgefuehls
+vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen
+um Perlchen draengt sich ueber den feinen Rand der Wimpern.
+
+"Sie zuernen mir also dennoch," fuhr Martiniz truebe laechelnd fort;
+"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal
+zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida
+hielt ihn fest.
+
+"Herr Graf!" fluesterte sie leise bittend--
+
+"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft
+haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu
+sagen?"
+
+"Martiniz!" fluesterte sie wieder.
+
+"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht
+mehr die freundliche, troestende Ida wie frueher?"
+
+"Emil!" hauchte sie kaum hoerbar; aber in diesem einzigen Woertchen lag
+ein so suesser Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll
+namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand;
+doch er fasste sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber
+dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden
+Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhoeren, er wolle ihr sagen,
+warum er so truebe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde
+sie ihn entschuldigen.
+
+Er erzaehlte ihr die Geschichte seines ungluecklichen Hauses, wie sie
+der alte Brktzwisl dem Hofrat erzaehlt hatte; aber den schrecklichen
+Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu
+gestehen wagte, bestaetigte er. Er erzaehlte, dass, als er aus jener
+langen Krankheit wieder zu voelligem Bewusstsein und dem Gebrauch
+seiner Verstandeskraefte gekommen sei, habe ihm das Leben und die
+ganze Erde so oede geschienen, dass er seiner Mutter und Schwester die
+selige Ruhe im Grabe gegoennt, ja beneidet habe; besonders seine
+Schwester habe er gluecklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne,
+den sie liebte--wie haette sie ferner gluecklich leben koennen?
+
+Aufs neue sei damals eine grosse Bitterkeit in seiner Seele gegen den
+Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen
+schien, um ein holdes Maedchen auf wenige Stunden gluecklich zu machen
+und dann zu betruegen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum
+unerbittlichen Raecher zu machen. Da habe man ihm einen Brief
+gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe;
+er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwuerdigen
+Schande. Antonio habe lange geahnt, dass er, obgleich ihr Verlobter,
+doch nicht der einzig Beguenstigte sei. Er habe sie in einem
+Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel ueber die Unwuerdigkeit
+der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem
+Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen
+Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau
+verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit
+den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der naechsten besten
+Metze schenken.
+
+"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der
+edle, so schaendlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich
+handelte, wissen Sie, mein Fraeulein. Meinem Sekundanten wollte er die
+Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persoenliche
+Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er
+sich denn mit seinem ganzen Unglueck, mit seinem noch groesseren Edelmut
+vor die Muendung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld
+meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wuetete ich gegen mich
+selbst.
+
+"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo
+er verschieden war, fuehlte ich auf einmal seine Naehe, sein
+blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele fasste das
+Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen
+Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde,
+kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er wuerde mir
+im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen.
+
+"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte
+Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist
+fuer jede Freude verloren, mir blueht kein Fruehling mehr; die Natur ist
+mir erstorben; ein rastloser Fluechtling, eile ich ueber die Erde hin,
+verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unueberlegter Rachedurst
+erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe
+und fliehe, bis sich mir eine fruehe Grube oeffnet, wohin sein blutiger
+Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der
+letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die
+der Fruehling aus meiner Asche keimen laesst."--
+
+Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten
+Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen
+Erzaehlung so ergriffen, dass er die laute Teilnahme des geliebten
+Maedchens in diesem Augenblick nicht haette ertragen koennen. Ihre zarte
+stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache
+hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, dass er die rasende
+Glut in seinem gepressten Herzen kaum mehr beschwichtigen, dass er sich
+kaum enthalten konnte, die Traenen, die seinem Unglueck flossen, von
+den zarten Wangen zu kuessen. Wie eine trauernde Andromache sass Ida,
+das Engelskoepfchen auf ihr schneeweisses Haendchen gestuetzt, und liess
+die Traenen herab in den Schoss rollen. Nach und nach schien sie aber
+ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schoenen Auge
+etwas Schwaermerisch-Sinnendes, dass man glauben durfte, sie sinne ueber
+einen grossen Entschluss nach.
+
+So traf sie Berner, der mit einem Armensuendergesicht zur Tuere
+hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel ueber
+seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorueber war, doch ein wenig das
+Gewissen geschlagen, dass er die Leutchen so im heillosen Zappel
+zurueckgelassen habe. Er musste sich gestehen, dass die Sache auf diese
+Manier ebenso leicht ganz ueber den Haufen gerannt werden konnte.--
+Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten
+Verhaeltnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie
+ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte
+Berner weiss sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er
+aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, dass das Maedchen so gar
+bitterlich weinte und schluchzte, dass es einen Stein in der Erde
+haette erbarmen moegen,--da grieselte es ihm doch den Ruecken hinauf,
+eine Gaensehaut flog ueber seinen Kadaver und schnuerte ihm die Brust
+zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich
+hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen
+hervor traf ihn doch ein so mildes Laecheln, dass es ihm wieder wohl
+und warm wurde, als haette er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor
+den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht,
+mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte,
+kluge Aeuglein dazu, dass Ida, so ernst sie sein wollte, laecheln musste.
+Sie gab ihm die Hand und erzaehlte ihm, wie sie von Anfang durch seine
+doch etwas gar zu indiskrete Aeusserung sehr ausser Kontenance gekommen,
+dass sie ihm aber jetzt nicht genug danken koenne; denn der Graf habe
+ihr all sein Unglueck, sein Leiden erzaehlt, und sie sei wie von ihrem
+Leben ueberzeugt, dass er von seinem Phantome koenne befreit werden.
+Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte;
+jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb
+sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Haende. "Sie
+koennen und muessen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle
+Wagestueck von vorhin eingegeben. _Sie_ muessen ihn ueberzeugen,
+dass alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie muessen machen, dass er
+wieder den Menschen angehoert, der gute Junge, dass er bei Tag
+freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche
+laeuft. Ich will davon gar nicht sagen, dass es fuer seine Gesundheit
+hoechst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu
+fuerchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die
+ein solcher Umstand mit sich fuehrt. Der Graf, ist er nun so recht im
+Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen
+herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles
+Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der
+zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewoehnlich, der
+Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder
+Kardinal und fuer Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden
+soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach
+und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus
+der Tasche oder laesst sie in der Tasche repetieren, dass man glaubt, er
+habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er
+sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin
+kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fuerchterlichsten Eide dazu
+schwoere, noch immer nicht begreiflich machen, dass er nicht auf ganz
+schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiss das besser,' sagt
+sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer
+weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhaeltnis, wenn
+der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll.
+Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tuecher und Tuechelchen, ihre
+Roecke und Roeckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und
+Nachtkorsettchen ins Bettchen schluepft--"
+
+"Was weiss ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fraeulein
+eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, ueber und ueber
+erroetend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch laechelte und
+innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und
+Schlafhaeubchen? Solche Dinge gehoeren ganz und gar nicht in Ihr Fach,
+und der Schuster, heisst ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei
+seinem Leisten!"
+
+"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner
+mit komischem Pathos, "leider heisst es bei mir: _ne ultra crepitam_,
+[Fussnote: Nicht ueber den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als
+die huebschen Fuesschen und hoechstens, aller--allerhoechstens jahrs
+einmal ein huebsches Waed--; doch um wieder auf Martiniz zu
+kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiss nur ein Mittel, wie
+man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir moegen ueber die Torheit des
+Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt
+uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom.
+Nein, man muss ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie
+muessen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei
+ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafuer, er
+wird so viel an Sie denken, dass das Bild seiner Phantasie
+verschwindet." Ida straeubte sich vor diesem Hilfsmittel mit
+maedchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, dass das sich
+aufbringen heisse, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem
+landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes--
+aber der Hofrat, der das Maedchen von seiner Kindheit an kannte, sah
+tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Maedchenhafte gegen das
+Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen koenne,
+straeube, dass aber das Edle und Grosse, das sie, nur von wenigen
+gekannt, tief in der stolzen, jungfraeulichen Brust verschloss, schon
+jetzt diesen Rettungsgedanken mit Waerme ergriffen haben muesse; denn
+in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre
+Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines grossen Entschlusses
+maechtig geworden waere. Er troestete sie ueber den Gedanken, was die
+Welt sagen wuerde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die
+Kirche fuehren,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Laecheln
+fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in
+den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt
+haette; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den
+landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _moechte
+hingehen und fragen, warum bist du nicht froehlich mit den Froehlichen?
+Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas
+im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt,
+dass sie Entschluesse fassen und ausfuehren, wovor ein Mann vielleicht
+sich gescheut haette. Auch Idas Herz war nicht unempfaenglich fuer
+solche grosse Entschluesse, die der kaeltere Beobachter mit Unrecht
+Schwaermerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes
+und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hoerbar, aber fest
+entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fuehle es: _der Zug des
+Herzens ist des Schicksals Stimme!_"
+
+
+
+
+
+
+
+ZWEITER TEIL.
+
+
+
+DIE HEILUNG
+
+Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Praesidenten
+Haus ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, groessere, war in
+einen dicken Ueberrock geknoepft, den Hut tief ins Gesicht gedrueckt;
+die andere, kleinere, hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf
+geschlagen, war tief in einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang
+schien; denn die Person, die ihn trug, musste ihn alle Augenblicke
+aufnehmen. Die beiden Gestalten schlichen sich dicht an den Haeusern
+hin, gingen mehrere Strassen entlang und verschwanden endlich im Portal
+der Muensterkirche.
+
+Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne ueber den Muensterplatz; es
+war der Freilinger Kuester; er schloss schweigend die grosse, knarrende
+Kirchtuere auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere
+schien zu zoegern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu
+treten; als aber der Kuester mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie
+mutiger zu werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem
+Schal hervor, als fuerchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den
+grossen Saeulen hervorgucken zu sehen.
+
+Am Altar machten sie Halt. Der Kuester zeigte auf einen breit
+vorspringenden Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen grossen Teil
+der Kirche uebersehen konnte, und die beiden Verhuellten nahmen dort
+ihren Platz; die Laterne gab uebrigens so wenig Licht, dass man, ohne
+naeher zu treten, die an dem Pfeiler Sitzenden von dem uebrigen Dunkel
+nicht unterscheiden konnte. Indem hoerte man den Glockenhammer im Turme
+surren und zum Schlag ausholen; der erste Glockenschlag von Mitternacht
+rollte dumpf ueber die Kirche hin, und zugleich hallten eilende
+Schritte den mittleren Saeulengang herauf dem Altar zu. Es war Martiniz
+mit seinem Diener.
+
+Blass und verstoert setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte,
+auf die Stufen des Altars.
+
+Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener
+Nacht, da ihn der Kuester zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit
+wehmuetiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versoehnt? Kannst
+du noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme toente voll und laut
+durch die Gewoelbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da
+rief eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel:
+"_Er hat vergeben!_"
+
+Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen roeteten sich,
+sein Auge glaenzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief:
+"Wer bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte
+es an jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor;
+der Graf trat bebend einen Schritt zurueck, sein Haar schien sich
+emporzustraeuben, sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden;
+die Gestalt kam naeher und, naeher, der milde Schein der Laterne
+empfing sie, noch einige Schritte und--der dunkle Mantel fiel, ein
+seraphaehnliches Wesen--Ida mit der Taubenfrommheit eines himmlischen
+Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser war in ein willenloses
+Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen Bewohner hoeherer
+Raeume zu sehen, bis ihn die suesse, wohlbekannte Stimme aus der
+Betaeubung weckte.
+
+"Ich bin es," fluesterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das
+mutige, engelschoene Maedchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines
+Toten verkuendigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott
+der Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus
+Uebereilung und Schwachheit gesuendigt, wenn ernste Reue den Richter zu
+versoehnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige;
+ich weiss, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie
+mit feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche
+wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch
+diesseits Ansprueche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in
+dieser Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner
+Naehe!"
+
+Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draussen in der Nacht, kein
+Lueftchen regte sich, kein Blaettchen bewegte sich. Mit seligem Laecheln,
+mit dem Sieg der Ueberzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida
+wieder zum Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht
+wieder,--er ist versoehnt!"
+
+"Er ist versoehnt!" jubelte der Graf, dass die Kirche droehnte. "Er ist
+versoehnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn
+gebannt; Ihre treue Freundschaft fuer mich Ungluecklichen, die ebenso
+hoch, ebenso rein ist als Antonios Treue und Grossmut, sie hat den
+blutigen Schatten versoehnt. Wie kann ich Ihnen danken--"
+
+"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm
+sanft die Hand entzog, die er gefasst und mit gluehenden Kuessen bedeckt
+hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr goennen als das Bewusstsein, dem
+Freunde genuetzt zu haben, so danken Sie mir dadurch, dass Sie sich wieder
+den Menschen schenken, dass Sie wieder heiter und froh sind, wie es
+Menschen gebuehrt, denen Gott die schoene Erde zu einem Orte der Freude
+geschenkt hat."
+
+Sprachlos fasste er das zarte Haendchen wieder und drueckte es an sein
+klopfendes Herz, sein freudiges Laecheln, ein seliger Blick sagten ihr,
+dass er erfuellen wolle, was Sie ihm geheissen.
+
+Der Hofrat war indes naeher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen
+etwas schalkhafter Miene die schoene Gruppe betrachtet. Man konnte aber
+auch nichts Schoeneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem
+zarten, sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer
+gewichen war, das jetzt nur Freude und Glueck aussprach, an seiner Seite
+die feine Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelskoepfchen, das aus den
+sinnigen, schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem
+hinaufsah,--sie beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der
+Laterne, an den Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich
+geformten Bogen und Saeulen des majestaetischen Tempels. "Nun," dachte
+Berner, "sei es um ein paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit
+wieder hier am Altar; dort auf den Stufen steht dann der Herr Pastor
+primarius, und weiter unten muessen mir die beiden Leutchen dort knien:
+der Herr Pastor spricht dann den Segen, und sie sind kopu--"
+
+Es zupfte ihn etwas am Rockschoss, er sah sich um. Der alte Brktzwisl
+stand hinter ihm und wischte sich einmal ueber das andere die alten
+Augen, die vor seliger Ruehrung uebergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr
+Hofrat," schluchzte er, "moege es in Zeit und Ewigkeit--"
+
+"Sei still," fluesterte Berner, "dein Werk ist es; denn haettest du
+nicht endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor."
+
+Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch
+der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne
+sie haetten wir anzetteln koennen, was wir haetten wollen, wir haetten doch
+nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn
+Onkel, und der kann nicht anders, er muss seinen Segen zu der holdseligen,
+zukuenftigen Frau Graef--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte
+zu ihm hin, kuesste die Haende des Grafen und den Saum von Idas Gewand und
+brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es
+von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Maedchen den Mantel um
+und huellte ihr das Koepfchen so tief in den Schal, dass nur noch das feine
+Naeschen hervorsah; der Hofrat fuehrte sie, der stillselige Graf ging neben
+seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersuechtig, dass diese
+das Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte.
+
+Brktzwisl und der Kuester, der ganz traurig schien, dass seine Talerquelle
+doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm
+der alte Diener, als er die Tuere schloss, "sind wir zum letztenmal nachts
+da drinnen gewesen; dir soll es uebrigens dennoch nichts schaden, alter
+Kauz. Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme
+nur zum alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den
+Tisch, die Frau Wirtin muss alten geben, und wir trinken dann aufs
+Wohlsein meines Herrn und des schoenen Fraeuleins."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NEUE ENTDECKUNG.
+
+Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem
+man sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wuenschte mit
+freundlichem Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er
+Rhabarber zwischen den Zaehnen haette, ein "wenn nur das heilige
+Kreuz-Donner--" oder "wenn nur das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen"
+um das andere heraus. Er rapportierte, dass er einen Brief von der
+alten Exzellenz, dem Oheim, habe, worin ihm dies er ankuendige, dass
+er seine Briefe nach Fuselbronn, einer Badeanstalt zwischen Freilingen
+und der Residenz seitwaerts gelegen, zu schicken habe. "Der Kuckuck!"
+rasaunte der alte treue Knecht, "haette der alte Herr nicht die
+vierzehn Meilen weiter machen koennen? Jetzt waere er hier in
+Freilingen und schaute das Glueck seines Herrn Brudersohnes mit
+leiblichen Augen, koennte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was
+hilft mich das, dass er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten,
+wir koennen es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden
+Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern
+von Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir
+herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken,
+was nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam:
+'Reise weiter! Zerstreuung hilft! Glueckliche Reise!'--Jetzt, wo wir
+hier Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen
+armen Herrn kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was
+hilft da der verfluchte Mammon? Kann ich dem Fraeulein sechs Louisdors
+geben wie einem Doktor oder Professor?"
+
+So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so
+hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf
+sich und die ganze Welt ergrimmt, dass er jetzt nicht _stante pede_ eine
+Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt
+sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wueten
+vor. "Alter Narr!" rief er endlich, "muss man dir denn die Nase drauf
+stossen und eine Brille aufsetzen, dass du findest, was du suchst?
+Kannst du dich denn nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von
+den letzten vierzehn Tagen deinem alten Herrn schreiben und dabei
+einfliessen lassen, dass dein Herr zum Sterben in das Maedchen
+verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das weiss, nun ja--das
+Fraeulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was fuer ein
+besonderes Hindernis--"
+
+"Weiss Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt
+so ganz aus dem Auge, dass er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber
+eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fraeulein
+im reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen
+Streich! Er ist so bloede, so furchtsam--"
+
+Wenn er es nur gewusst haette, der alte Brktzwisl! Sein Herr sass, indem
+sein Diener von seiner Bloedigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der
+Praesident, der nur so auf ein Viertelstuendchen in seiner Tochter
+Boudoir eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie
+Kunst um das Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen
+ein Langes und Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden
+Gruenden, nebenher hielten sie sich die schoensten Reden durch
+verstohlene Blicke mit einer Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer,
+von dem selbst Cicero in seiner Rednerkunst keine Aufschluesse gibt
+und wovon auch kein Woertchen weder in der Syntax der deutschen
+Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken und aesthetischen
+Vorlesungen steht, die alljaehrlich von den Kathedern abgehaspelt
+werden. Der Praesident taute immer mehr auf; denn Martiniz sprach von
+einem bedeutenden Gueterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne habe,
+und der gute Praesident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen
+haben den Grafen auf diesen vernuenftigen Gedanken gebracht, und wenn
+er es vollends dazu bringen koennte, dass der Graf die Graefin
+Aarstein--er gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnaedigsten
+Handschreiben, besah laechelnd seine Brust, wo naechstdem das
+Grosskreuz des Zivil-Verdienst- Ordens paradieren werde, nannte
+Martiniz seinen neuen Landsmann und sein liebes Graefchen und zog
+kichernd und schnalzend ueber seine vortrefflich gelungene Negoziation
+zum Zimmer hinaus.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS TETE-A-TETE.
+
+So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar
+prickelte es beiden ein wenig aengstlich im Herzen; denn das Wiedersehen
+nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, fuehrt
+immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht
+sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat.
+Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, dass man, wie in jedem Gespraech,
+so auch in dem Fluestern der angehenden Liebe, abends waermer ist und in
+einer Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der
+Verstand mehr mit der Phantasie ueber die Haushaltung rechnet. Daher
+war es Martiniz auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida
+bange; er war so traulich von ihr geschieden, er haette ihr gestern
+abend alles, alles sagen koennen, wovon sein Herz so voll war--und
+jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut verloren. Er hatte mit den ersten
+Damen von vier grossen Reichen gescherzt und gelacht, ohne sich von den
+imposantesten Schoenen verblueffen zu lassen, --wo war sein Mut, seine
+Gewandtheit diesem Maedchen gegenueber? Es war aber auch unmoeglich,
+bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der herrliche
+Tannenwuchs, das Ungezwungene, Grazioese der Haltung das Auge,
+war man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der
+jungfraeulichen Pracht des Alabasterbusens, war man entzueckt von
+dem Rosensamt der bluehenden Wangen, von den zum Kuss geoeffneten
+Korallenlippen, war man wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast,
+den ihre brand-brand-brand- raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen
+Ringelloeckchen und orientalisch geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen
+machten, war man hingerissen von dem Zauberlaecheln, das die Gruebchen
+in den Wangen, die Perlen hinter dem schoengeformten Mund zeigte, haette
+man hinfliegen moegen, die zarte Taille mit dem einen Arm zu umfangen,
+mit dem andern das Amorettenkoepfchen recht fest Mund auf Mund zu
+druecken--o! so durfte sie ja nur das Auge aufschlagen, durfte nur jenen
+Blick voll jungfraeulicher Hoheit auf den suendigen Menschen und seine
+Begierden herabblicken lassen, so schlich man sich so duchs und
+geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit zurueck, als
+haben einen zehn Passvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter
+zurueckgedonnerwettert.
+
+Das ist der Zauber reiner Jungfraeulichkeit. Man sage, was man will, von
+Verdorbenheit der Sitten und dass kein reputierliches Frauenzimmer mehr
+allein auch nur eine Meile weit reisen koenne! An den Maennern liegt es
+wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und
+Geleitsbrief jungfraeulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der
+Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche
+glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, muesse auch unwillkuerlich von
+ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen
+Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit
+ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschaemtheit an sie draengten, hatte
+ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn
+er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phoenix von Maedchen vor allen
+ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines hoeheren Wertes
+bewusst war, wer stand ihm dafuer, dass nicht dieses Maedchen, das gewiss
+auf ihre Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fuehlen
+werde, wenn er zaertlichere Gefuehle aeusserte? Wer stand ihm dafuer--zwar
+der Hofrat hatte es ihm zu dutzend Malen mit den fuerchterlichsten Eiden
+geschworen, dass es nicht so sei; aber was wusste der Hofrat von den
+Heimlichkeiten eines tiefen Maedchenherzens?--Wer stand ihm dafuer, dass
+sie nicht schon einen anderen, wuerdigeren lie--
+
+Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn
+gepeinigt; die guten Betten, ueber welche er jenen Morgen der Frau
+Mondwirtin viel Schoenes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die
+Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte;
+die Kopfkissen--Jakob's Stein muss ein Eiderdunenpfuehl dagegen gewesen
+sein; denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter
+traeumen, die ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und
+Vormittag, bis er endlich den Riesenentschluss fasste, sich _Gewissheit_
+zu verschaffen.
+
+Noch auf der Treppe hatte er Loewenmut, er stieg die Stufen hinan, als
+waeren es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange
+der Papa dabeisass, fluesterte er sich zu, dass er mehr Mut besitze,
+als er gedacht habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glaenzend,
+schien ihn selbst aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das
+gewoehnliche freundschaftliche Wohlwollen; er wuenschte den Papa zum
+Henker oder in seine Kanzlei, und doch haette er ihn, als er ging,
+beim Frackzipfel nehmen und festhalten moegen; jetzt Mut!--Aber es
+schnuerte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht anfangen, alles
+schien ihm zu gemein, zu trivial fuer diese Stunde--
+
+"Warum so still und truebe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch
+keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat
+ihm diese Teilnahme!--Das Gespraech war eingeleitet, und dennoch konnte er
+nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloss ihn
+auszufuehren; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die
+Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war
+Idchen bekannt, und wie unendlich huebsch stand es dem Maedchen, wenn sie
+von der Landoekonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnaebelchen
+gewachsen war. Es war ihm, als saesse er schon mit ihr abends vor der
+Tuere seines Schloesschens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es
+auf seines Vaters Schloss gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als
+zuechtiges, huebsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es
+war zu huebsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die
+Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und
+die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte:
+Maennchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet--
+
+"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstuendchen," unterbrach Ida mit
+froehlichem Lachen sein Selbstgespraech, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so
+gar nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels
+auskluegeln; wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiss sassen Sie schon auf
+irgend einem Landgut und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage
+vertreiben wollen."
+
+"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn
+man so allein, so ganz allein auf der Erde ist."
+
+"Nun, das koemmt ja nur auf Sie an, Sie koennen sich die Einoede froh
+machen, koennen Freunde zu sich bitten--"
+
+"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist
+wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz
+verlangt nach etwas Bleibendem."--
+
+"Wer bedenkt," antwortete Ida mit geruehrtem Blick auf den jungen Mann,
+"wer bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese
+Ansicht nicht schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf
+der Erde."
+
+So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es
+hiesse dem Leben seinen schoensten Reiz abluegen, wollte man dies so
+streng behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen
+darf ich es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem
+Ungluecklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande
+der Gastfreundschaft mein Herz wieder fuer die edlen Freuden der
+Geselligkeit oeffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder
+ueber mein Unglueck spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost
+gewaehrte, die mir aus glaeubiger, frommer Freundschaft selbst in jene
+Schreckensstunde, die mich von den Menschen verbannte, nachfolgte, die
+den Fluch von mir nahm, der mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte,
+dir, du reines, holdes, ewig heiteres Engelskind, darf ich sagen, was
+mir fehlt, du hast mir ja immer geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein
+liebes Weib--"
+
+Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an
+seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht
+anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem
+Schrei der Ueberraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom
+Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender
+Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten braeutlicher Scham.
+
+"Mein Maedchen, meine Ida!" fluesterte Martiniz und zog sie zu sich herab in
+seine Arme; er nannte sie mit den suessesten Schmeichelnamen. "O lass mir
+noch _einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, lass mir noch _einen_ Trost, den
+deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den suessen Lippen hervor--und
+der Graf presste sie in stuermischem Entzuecken an die Brust; wollte eben
+den ersten, heiligen Kuss reiner Lie--
+
+Da schmetterten Posthoerner die Strasse herab; ein schwerer Reisewagen
+rasselte droehnend ueber das Pflaster und hielt vor des Praesidenten Haus;
+aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riss das
+Fenster auf; aber erbleichend trat sie zurueck.--"Mein Gott im Himmel!"
+rief sie, "es ist die Graefin Aarstein."--Die Saat des Boesen reift
+schnell.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS UNKRAUT IM WEIZEN
+
+Die hoellischen Latwergen und Rhabarbermueschen aus der Leumundsiederei
+_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel
+Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen
+gross gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie
+gegen den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum
+den Brief seiner liebenswuerdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht
+bekommen, als er wie wuetend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die
+Geschichte so geschickt, so fein eingefaedelt gewesen, und Geschenke--vom
+Herrn eine Dose, vom Staatssekretaer ein Staatssouper, von der Graefin
+ein Paar Pferde und sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie
+verschmaeht, und dies alles sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum
+hinter den Ohren trocken, wegliebaeugeln.
+
+Die Roete des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Graefin
+vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr
+taeglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der
+Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte;
+denn die Graefin schien mit Muehe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler
+Busen wogte ungestuem auf und ab.
+
+"Exzellenz," kraechzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor,
+"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem
+Zukuenftigen aus Freilingen."--Die Graefin und der Rittmeister warfen sich
+bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann liess sich nicht merken, dass
+er es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein
+galantes Verhaeltnis mit einer jungen Dame, des Praesidenten v. Sanden
+Tochter, angeknuepft haben. Solches waere nun unter andern Umstaenden
+ziemlich gleichgueltig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus
+dem Brief aus Warschau erinnern, dass der Herr Graf ein Schwaermer
+genannt wurde, und einem solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--"
+
+"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht,
+und ich danke Ihnen fuer Ihren Eifer. Die Sache ist uebrigens einmal so
+weit eingeleitet, dass das Graefchen daran muss, es mag wollen oder
+nicht;--was schreibt sein Onkel?"
+
+Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz ausser Fassung; denn
+sein Gewissen sagte ihm, dass er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel
+spiele; als naemlich Graf Martiniz ins Land kam, als man ueberall von
+seinem Reichtum sprach, der Staatssekretaer ihn fuer eine gute Prise
+erklaerte und alle Segel aufspannte, um ihn fuer die Graefin zu kapern,
+da wollte es Sorbens Glueckstern, dass ihm eine bedeutende Rolle zufiel.
+
+Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand
+jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschaeft war es daher,
+den alten Polen fuer die Heirat seines Neffen mit der Graefin Aarstein zu
+gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes
+Spiel haben, der alte Graf wusste ja nichts von den fatalen Verhaeltnissen
+der Aarstein, und--ja, es musste gehen; er schrieb dem alten Martiniz und
+trug ihm gleichsam die Hand der Graefin fuer den Neffen an. Mittlerweile
+hatte er, um sich bei der Graefin, die dem regierenden Hause so nahe
+verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem grossen
+Einfluss peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe
+und jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich
+gesagt: "Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muss wollen, was ich
+will, und damit holla!"
+
+Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader
+Freund wieder geantwortet, dass diese Verbindung mit einer so erlauchten
+Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur
+groessten Ehre gereichen koenne und dass er sich unendlich freue, die
+schoene Graefin einmal als seine Schwiegerniece zu umarmen; bis hieher
+war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was uebrigens sein Votum
+in der Sache betreffe, schrieb er weiter, so muesse er sich mit Wuenschen
+begnuegen; denn er habe den Grundsatz, in solche Affaeren sich auch
+nicht im geringsten einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser
+Seite vollkommen und wisse, dass er ihm zu keiner Verbindung weder zu-
+noch abraten werde. Er solle einmal nach Liebe heiraten, natuerlich nicht
+unter seinem Stand; wenn er aber diese Grenze nicht ueberschreite, gebe
+er seinen Segen zu jeder Wahl.
+
+Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der
+Alte werde bei einer Graefin Aarstein sogleich mit beiden Haenden
+zugreifen und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin praesentieren ohne
+weitere Sperranzien; wahrhaftig, man musste im Norden noch weit, sehr
+weit in der Kultur zurueck sein, dass man von einer _Heirat nach Liebe_
+sprechen konnte; doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte
+auf dieser Seite nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von
+Sorben dachte also: "_Vogue la galere_, der alte Narr _muss_ wollen!"
+machte gute Miene zum boesen Spiel und sagte dem Staatssekretaer und
+der Graefin, der alte Martiniz sei vollkommen damit einverstanden. Ein
+boeses Gewissen behielt er aber bei der Sache noch immer; wenn ja das
+Graefchen Goldfischchen doch nicht anbeissen mochte--Nein! Er konnte
+den Gedanken nicht ausdenken, er waere ja um Ehre und Reputation
+gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten Grafen hin hatte man
+sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von etwas, das sich
+von selbst verstuende, ueberall gesprochen.
+
+Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und
+die fatale Querfrage der Graefin: "Was schreibt sein Onkel?" haette ihn
+beinahe aus aller Kontenance gebracht. Doch er fasste sich und antwortete
+mit der heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt
+habe, durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in
+seinen Wuensch--"
+
+"Wie? Ganz in seinen Wuenschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die
+Ausdruecke, die Sie mir frueher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir:
+er schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, dass sein Neffe
+mich--"
+
+Hoellenangst, Hoellenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er
+kompromittiert wuerde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit
+einverstanden, meine Gnaedige, so vollkommen, sage ich, dass er selbst
+zuerst auf den gluecklichen Gedanken kam."
+
+"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Graefin ruhig fort. "Mein
+Graefchen wird nicht ungehorsames Soehnchen spielen wollen; denn die drei
+Millioenchen, die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen,
+wegfallen, wenn er mich nicht--"
+
+Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die
+hellen Traenen hervorstuerzen, dass er sich so dumm verplaudert hatte,
+und dennoch sollte er laecheln und freundlich sein; er grinste daher
+furchtbar, wie einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt
+im Mund hat und doch zuckerhonigsuess dabei aussehen will.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS UNKRAUT WAECHST
+
+Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene
+des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spasshaft vorkommen, als
+sie aussehen sollte. "Mir scheint es, als duerfe man die Sache nicht nur so
+gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein
+will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnaedige Graefin--wenn
+ich selbst drei Millionen haette wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen
+vor Anker liegt, so taete ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter
+Oheim wollte."
+
+"Das heisst also," rief die Graefin pikiert, "Sie wuerden Ihrem Kopf
+folgen, auch zu den Fuessen des Fraeuleins Ida liegen und die Graefin
+Aarstein refuesieren?"
+
+"Wie Sie nur so reden moegen?" antwortete der Rittmeister empfindlich.
+"Sie wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit
+sagen, dass der Graf Sie sehen muss. Und hat er Sie nur erst einmal
+gesehen, nun, so stehe ich dafuer, dass er keine weitere Vergleichung
+anstellt, sondern zu Ihren Fuessen liegt."
+
+Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte
+selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, dass dieser
+Rat vielleicht so uebel nicht waere. Auch Sorben schien er das einzige
+Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter
+den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnaedig; denn wenn _die_ einen
+lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig
+Stunden, und er ist im Netz.
+
+Sie hielten jetzt grossen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister
+von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor
+der Graefin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem ueberein, was
+Fraeulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Ueber den Tatbestand war
+also nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen?
+
+"Ist sie denn wirklich so huebsch?" fragte Sorben, um die feindliche
+Stellung recht genau zu rekognoszieren.
+
+"Huebsch?" lachte die Graefin bitter. "Huebsch? Nun, das muessen Sie
+ihren _primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander
+gefitztes Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zaehne, ein paar rote
+Baeckchen, eine gedrechselte Hopfenstange von Koerper, die mir die
+Nerven angreift, weil man sie nicht beruehren darf, ohne fuerchten
+zu muessen, dass man eines der zarten Gliederchen abknicke,"--bei der
+kolossalen Riesenkuerassierfigur der Graefin war dies nicht zu
+befuerchten--"wenn dies alles fuer huebsch gelten soll, so ist sie
+wunderschoen! Ha, ha, ha, wunderschoen! Nun, und das--muss man ihr
+lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse
+mich herab, sie mir letzten Winter praesentieren zu lassen, lade sie zu
+meinen Soirees und Hausbaellen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich
+setzte mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise
+ohnegleichen ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die
+einen Affen an ihr gefressen haben musste, als ich mich bei der
+Fuerstin Romanow beklagte, warum die junge Dame sich so impertinent
+gegen mich betrage, was meinen Sie, dass ich zur Antwort erhielt?
+Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben und keusch, als
+dass sie sich in meinen Cercles gefallen koennte! Dergleichen kann
+man von der Fuerstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken,
+aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun,
+der Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen.
+Wie ist es damit? Gestehen Sie!"
+
+Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, dass er Ida immer
+nur als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein hoehnisches
+Teufelslaecheln bei diesen Schwueren, die Art, mit welcher er den
+Stutzbart bis an die Ohren zurueckriss und die Augen einkniff, liess
+fast erraten, dass er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle.
+
+"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer
+zu agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem
+Sattel, der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, dass er den Grafen
+eifersuechtig macht. Er darf nur dem suessen Schwaermer schwoeren, dass
+er die Gunst des Fraeuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und
+dazu ein Gesicht machen, wie wir es eben gesehen haben, so muss der
+gute Mann abgekuehlt sein, als sei er nie entbrannt gewesen."
+
+"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir koennen doch die Mamsell
+Zimperlich nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn
+Tagen die Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so
+schnell zu meinen Fuessen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen."
+
+"Ist gar nicht noetig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer
+huebscher mischte, "nicht noetig. Wie waere es--ja, das waere am Ende das
+beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spass
+auf einmal ein Ende machten!"
+
+Der Gedanke schien der Graefin nicht uebel zu gefallen. "Wahrhaftig, es
+waere so uebel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Praesident--
+wahrhaftig, ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr
+hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine
+Gueter durch Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das waere ein zu
+huebscher Spass, Fraeulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan
+abzuspannen. Nein, der Einfall ist goettlich, und ich bin fest
+entschlossen, ihn auszufuehren." Sorben atmete wieder freier, als er
+die Graefin auf so gutem Wege sah. Jetzt konnte, jetzt musste ja noch
+alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre war gerettet. Er tat
+sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er so huebsch
+die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert hatte.
+Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich.
+
+Als er fort war, gestand die Graefin ihrem Cicisbeo, dass sie nach
+Freilingen reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter
+_einer_ Bedingung, naemlich er muesse sie eskortieren. Einmal wuerde
+ihr die Reise zu langweilig ohne ihn, und dann habe sie ihn auch
+hoechst noetig, um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu schlagen. Der
+Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit einer solchen Frau war
+eine herrliche Aussicht. Dass er als Reisestallmeister den Wein nicht
+zu schonen habe, wusste er wohl. Nach Freilingen war es drei
+Tagreisen; wie angenehm liess es sich bei der Graefin im Wagen
+sitzen, wie interessant liessen sich die Verhaeltnisse weiter
+spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrueckte.--Und dann, er
+kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu raechen, in die
+er--er musste es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden
+verliebt war und die ihm nicht einmal ein Kuesschen--nein, es war zu
+unverschaemt; bei andern hatte er nach den ersten Praeliminarien
+beinahe ohne Schwertstreich gesiegt, und dieses Landpomeraenzchen
+hatte ihm so imponiert, dass er es nicht wagte, nachdem sie ihn
+einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch einmal einen Versuch zu
+machen. Und diese Blame war ausgekommen, man wusste es sogar in dem
+kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, sein Kamerad
+Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu raech--.
+Es musste sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, dass
+ihr die Haut schaudern sollte.
+
+Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem graeflich Aarsteinischen
+Wappen zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck
+mit seinem Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das
+Pferd dem Jockei und setzte sich in den graeflichen Reisewagen, und
+fort ging es ueber Stock und Stein, bis man den Muensterturm von
+Freilingen sah. Dort stieg er aus, kuesste noch einmal eine schoene
+Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, sass auf und ritt auf einem
+Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum Goldenen Mond
+einquartierte.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+TRUEBE AUGEN.
+
+Ida fuehlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Graefin aus dem Wagen
+steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglueck!" seufzte sie, indem sie
+einen trueben Blick ueber Martiniz hinfliegen liess und zur Treppe eilte,
+um den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglueck, wenn dieses
+Weib in mein Leben greift!"
+
+Sie zerdrueckte eine Traene des Unmuts ueber ihr Geschick und ging weiter.
+So ungefaehr muss es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die
+Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick uebertaeubt,
+nicht auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem
+Verderben entgegengehen.
+
+Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in hoeheren Verhaeltnissen von
+Kindheit an studiert, wusste die Graefin schnell ueber das Unangenehme der
+ersten Augenblicke hinueberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die
+Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht
+gebracht, dass sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren waermsten
+Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Ueberraschte und die Graefin die
+Ueberraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremonioes beim Empfang
+der hohen Dame; aber ihr natuerlicher Takt sagte ihr, dass sie jede andere
+Ruecksicht beiseite setzen muesse, um nur die im Auge zu haben, die
+Graefin, die nun einmal ihr Gast war, anstaendig und wuerdig zu behandeln.
+
+Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen
+leiteten, als die der Graefin! So verschieden als Natur und Kunst.
+Die Aarstein wusste gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter hasste
+und ihm haette den Dolch in den Leib rennen moegen, freundlich und
+leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas Verbindliches sagen, wenn
+sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber so sind jene
+Gesellschaftsmenschen, die nichts Hoeheres kennen, als sich zu
+produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten
+Zeiten zu kommen, wo noch alles so bruederlich und freundlich war;
+da ist alles uebertuencht, alles hat den schoenen Anstrich der
+Geselligkeit; aber man soll nur einmal hinhorchen, wie es da ueber die
+ehrlichen Leute hergeht, wie medisant da alles bekrittelt wird, wie da
+der Bruder, der Freund gewiss sein darf, von dem, der ihm gerade noch
+so schoen getan, ohne Schonung bitter bespoettelt zu werden.
+
+Aber ist es nicht ueberhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer
+dem andern so viel als moeglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin
+gebracht hat, dass er ruhig in dieses boese Treiben hineinsieht und dazu
+laechelt! Mit Ruhe und dem Bewusstsein, Gutes gewollt zu haben, in der
+zufriedenen Brust, lache ich ueber den Spott meiner Neider, ueber die
+haemischen Bemuehungen jener Falschmuenzer, die mit schnoeder
+Schadenfreude aus allem, was man je gesagt und gedacht, nicht gesagt
+und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer frechen Leumundsiederei
+ein Gebraeu zusammenkochen, das sie gerne mir unterschieben moechten!
+
+Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und
+Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge
+verlieren, gluecklich und bruederlich untereinander zu wohnen! So denke
+ich und viele Tausende mit mir ueber jene boesen Mensen in den
+gesellschaftlichen Zirkeln und in der Welt ueberhaupt, so denken wir
+und lachen; denn _das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man
+ein sicheres Glueck im Herzen traegt, und froher kehr' ich, wenn ich
+es gemustert, zu meinem schoenern Eigentum zurueck_.
+
+So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Graefin die Treppe hinanstieg;
+ein troestender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren
+innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie
+ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte
+den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne dass ihr das Wasser in die Augen
+trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren.
+
+Es gab einen sonderbaren, aber schoenen Anblick, wenn man die beiden Damen
+so nebeneinander hingehen sah. Graefin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie
+haette ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen koennen,--voll, ueppig
+gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestaetisches,
+Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Uebermut grenzte. Ihre
+dunkeln Augen hatten das holde, maedchenhafte Niederschlagen schon lange
+verlernt und rollten mit einem unstaeten Feuer umher, als suchten sie
+luestern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher,
+ob auch die gehoerige Ehrfurcht gegen einen Sproessling eines so hohen
+Hauses bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfaellig, weil die
+korpulente Figur fuer die in die feinsten Pariser Atlasschuhe
+eingepressten Fuesse etwas zu schwer war.
+
+Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenaehnliche Gestalt Idas--nein,
+dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber
+doch war das holde Lockenkoepfchen ein wenig vorwaerts gesenkt; das
+sanfte Auge, oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es
+aufschlug, so glaenzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden
+Ernst, dass es durch die sanfte Beredsamkeit ueberzeugender gebot als
+das Rollauge der gebietenden Graefin. Und um wie viel anziehender war das
+Schelmengruebchenlaecheln des suessen Maedchens als das schrankenlose
+Lachen und Gurren der Graefin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes
+Ohr verletzte. So schwebte Ida neben der Graefin hin, so wie Juno und
+Hebe traten sie in das Zimmer.
+
+Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn
+so unbarmherzig aus dem suessesten Moment seines Lebens herausgerasselt
+hatte. Er verwuenschte den Gast, der gerade jetzt kommen musste, wo er
+endlich seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Maedchen, das er liebte,
+das er anbetete, seine Gefuehle gestanden hatte, wo er Gegenliebe,
+suesse verschaemte Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von
+Engeln des Himmels gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen toente, wo
+er, das Engelskind im Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust,
+Himmel und Erde vergass und auf diese wuerzigen Purpurlippen, auf die
+braeutlich erroetenden Wangen den ersten, seligen Ku--
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE GRAEFIN AGIERT.
+
+Die Fluegeltueren flogen auf, und Ida, hoch erroetend beim Anblick des
+Geliebten, fuehrte die Graefin herein. Sie zitterte, von so vielen
+gegeneinander kaempfenden Empfindungen bestuermt; die Stimme wollte ihr
+beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Graefin Aarstein"
+vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erroeten, sie sah, wie sie den
+bildschoenen Mann mit ihren Feuerraedchen beinahe zu versengen drohte;
+es zuckte ihr ganz eisig in das liebende, aengstliche Herzchen hinein,
+als die Graefin sich in einer nachlaessigen Stellung auf den Sofa warf,
+ihr zurief, sie moechte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements
+treffen, die ein so ploetzlicher Ueberfall wie der ihrige immer notwendig
+mache, sie moechte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde
+schon die Gnade haben, sie zu unterhalten.
+
+"Da sei Gott gnaedig," fluesterte Ida in sich hinein, indem es ihr
+froestelnd und doch wieder siedheiss durch alle Glieder ging, "wenn
+die so fortmacht, so muessen wir ja alle samt und sonders, den Grafen
+mit eingeschlossen, zu ihren Fuessen knien."
+
+Sie nahm ihre Schluessel und ging; aber noch in der Tuere warf sie einen
+Blick auf Martiniz zurueck, so voll Liebe und Besorgnis, als muesse sie
+ihn bei einem reissenden Tier allein lassen.
+
+"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Graefin an Martiniz, der
+schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes
+Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
+sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
+Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade
+der Ort ist, wo sie anstaendige Vorbilder dazu haben mag; in groesseren
+Staedten findet sich dies eher."
+
+Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem
+aber schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und
+jetzt erst, als die Graefin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen
+und beantwortete ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.
+
+"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der
+die Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht
+ist es gut, dass das Fraeulein aus der Residenz wegkam; Sie koennen sich
+gar nicht denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich
+aufbluehte; die Strasse vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht
+leer von den Anbetern, und natuerlich--ein solches Maedchen hat denn
+doch auch ein Herzchen und fuehlt sich durch diese Aufmerksamkeit
+geschmeichelt. Uebrigens, das muss man ihr lassen, mit dem groessten
+Anstand wusste sie den Herren zu imponieren und sie sogar zu
+verscheuchen; dass sie nun freilich bei dem Rittmeister von .......
+es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht verdenken."
+
+"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen ueberzog.
+"Der Rittm--"--"Nun ja," lachte die Graefin, "da ist es auch kein
+Wunder, dass sie ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in
+der Residenz ein Damenherz, das er zu ueberwinden sich vorsetzte und
+das er nicht ueberwunden haette? Er hat zwar etwas leichte Grundsaetze,
+ist aber sonst ein artiger Mensch; _au fond_ ist es uebrigens dennoch
+gut, dass man das Maedchen schnell aus der Pension nahm; denn sehen
+Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte sie Ida entgegen, die mit
+liebenswuerdiger, wirtlicher Geschaeftigkeit Tee fuer ihren Gast
+brachte. Beinahe haette sie das ganze zierliche Dejeuner auf den
+Boden fallen lassen; denn der Graf--was musste ihm nur begegnet sein?--
+er sass da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet--
+
+"Nun, da erzaehle ich," fuhr die Graefin Satanas, die mit teuflischer
+Freude das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen
+hatte, zu zerreissen strebte, "da erzaehle ich gerade dem Herrn Grafen
+Ihre Affaere mit dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure,
+dass man sie so grausam herausriss aus der Wonne der ersten Lie--"
+
+"Gnaedige Frau!" rief Ida mit den Toenen des Schreckens und setzte
+die Tasse nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.
+
+"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, dass ich aus der Schule schwatze;
+das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa haette auch
+keine ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurueckberufung waehlen koennen--"
+
+"Ich muss Sie bitten, gnaedige Frau--"
+
+"Ei, so lassen Sie doch die gnaedige Frau," fiel ihr die Aarstein ins
+Wort, "ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als
+ob ich Frau waere, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht,"
+setzte sie naiv und mit einem schalkhaften Laecheln gegen Martiniz hinzu;
+"ich lebte nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns
+kein Kind beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Maedchen."--
+
+Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Aeusserungen mussten
+ihre unentweihten jungfraeulichen Ohren hoeren, ohne dass sie diese
+wegwerfende Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen
+mit dem Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte
+gar nicht begreifen, was nur die Graefin damit wollte; hatte sie ihn
+denn nicht so gut abgetrumpft wie jeden andern? Was musste nur Martiniz
+von ihr denken! Sie nahm sich vor, bei der naechsten Gelegenheit ihn
+zu ueberzeugen, dass gewiss an der Geschichte mit dem Rittmeister
+kein wahres W--. Aber nein, wie sah der Graf aus! Er hatte die Lippen
+zusammengekneipt, dass sie ganz weiss wurden, sein Auge rollte unstaet
+umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch schlug er es nieder,
+so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange ums Herzchen,
+als ahne sie irgend ein Unglueck; sie kluegelte hin und her, was ihm
+sein koennte, und fand immer nichts.
+
+Die Graefin zog sich letzt in ihre Zimmer zurueck, um sich umzukleiden. Ida
+sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich
+nur so halb und halb, dass sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde
+vielleicht an dem Gespraech von vorhin fortmachen; aber sie taeuschte sich
+bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah
+er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging.
+Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich
+aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersuechtig war der gute
+Graf. Sie musste lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fuehlte sich so rein
+und unschuldig, dass es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu ueberzeugen;
+aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir
+die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister
+sprechen und ihn recht boes machen.
+
+Das gute, froehliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht
+Boeses anrichten koenne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EIFERSUCHT.
+
+Das Gift, das die Graefin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel
+toedlicher auf Martiniz, als man haette denken sollen. Ein anderer haette
+entweder der Graefin keinen Glauben beigemessen, haette gedacht: nun, das
+ist so das gewoehnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen,
+und damit holla; aber auf sein Gemuet, das kaum erst von seinem Truebsinn,
+von seinem Missmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn
+machte es einen viel tieferen Eindruck, dieses Maedchen, das so hoch
+stand in seiner Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle?
+Auch sie sollte so zwanzig, dreissig Liebschaeftchen und am Ende noch
+eine recht tuechtige Amour mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?
+
+Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein
+Maedchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister
+viel oder wenig Gehoer gibt? Was ging es denn ihn an? Das fluesterte ihm
+sein tief zerrissenes Herz zu, das, dass sie die Maske der hohen, reinen
+Jungfrau so kuenstlich vorhielt, dass sie ihn beguenstigte, ja, er durfte
+sagen, an sich zog, waehrend sie noch einen andern, wie es schien,
+Unwuerdigen im Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch moeglich,
+vielleicht war es doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich
+eingebildet, von ihr geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch
+ihre erste Lie--
+
+"Bitte untertaenigst um Vergebung, wenn ich stoere," schnatterte ein
+Jockei, der waehrend des Grafen Selbstgespraech ins Zimmer gekommen war;
+"der Rittmeister von Sporeneck--"
+
+Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er
+hier sein?
+
+"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob
+der Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus
+abtreten wollten?"
+
+Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenueber
+Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese
+Forderung war zu unverschaemt--gedankenlos starrte er den Bedienten an,
+der ihm die Ungluecksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der
+Graf wolle noch weitere Auftraege von seinem Herrn und schnatterte
+weiter:
+
+"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein
+Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schoene Aussicht, und da hat er
+gemeint, Exzellenz koennten vielleicht eines von den drei--"
+
+"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so
+finster die Augen dazu, dass dem armen Jockei ganz wind und weh dabei
+wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal
+vormachen liess.
+
+Da hat er es ja sonnenhell, dass ihm das Licht in den Augen weh tat, da
+hat er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und
+hatte jetzt noch die Unverschaemtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, dass
+er besser hinueber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es
+nicht fortgehen; die Wehmut war staerker als die Bitterkeit und wurde
+Herr ueber sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So
+war gewiss noch kein Mensch getaeuscht worden wie er; der Zufall, der
+blinde Zufall laesst ihn ein Maedchen finden, so hold, so schoen, so
+ganz Unschuld und reine Jungfraeulichkeit; er muss sie lieben, und wie
+gluecklich ist er in dieser Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die
+er seit langer, langer Zeit nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein
+Herz, er fuehlt sich gluecklich, wie er selbst damals, als noch sein
+Haus in Fuelle des Gluecks und der Freude prangte, sich nie gefuehlt
+hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er sah das Morgenrot der
+ersten zarten, jungfraeulichen Liebe auf ihren Wangen aufgehen, und
+diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus ihm, dem
+Ungluecklichsten der Sterblichen--den Gluecklichsten. Jetzt hatte er
+ja alles, was die kuehnsten Wuensche nur verlangen moegen; Gesundheit,
+Jugend, hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, dass er den Markt von
+Freilingen mit Talern haette belegen lassen koennen, ohne dass er es
+sonderlich gefuehlt haette; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein
+holdes, tugendsames Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen;
+er hielt im seligsten Moment seines Lebens ein Maedchen im Arm, ein
+Maedchen, fuer dessen Tugend er sein Leben gegeben haette. Da sendet in
+dem Augenblick, wo er sein Herz hingeben will, der Himmel eine Dame,
+die unwillkuerlich den Schleier ein wenig lueftet und ihn das Maedchen
+ein wenig naeher kennen lehrt, die ihn merken laesst, dass dieses Auge
+nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser keusche Mund nicht zum
+erstenmal gekuesst werde, die, wenn man es gleich in der grossen Welt
+nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, dass es gut sei, dass
+man das Maedchen aus einem unschicklichen Verhaeltnis herausgerissen
+--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine
+Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schuechtern mit der
+verschaemten Zartheit erster Liebe um ein einziges Kuesschen gebeten
+hatte, da hatten andere geschwelgt! Er schaemte sich wie ein Primaner,
+der die Rute bekommen hatte, so betrogen, so schnoede angefuehrt
+worden zu sein; er goennte ihr, obgleich sein Herz dabei blutete, er
+goennte ihr den Rittmeister; es reute ihn beinahe, dass er ihm sein
+Logis versagt hatte, alle Zimmer haette er ihm geben sollen, er wollte
+morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch draengte es ihn, noch
+dazubleiben; wenigstens raechen wollte er sich an ihr, er wollte
+hinueber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn betragen
+wuerde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber gekommen,
+ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase
+herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das
+eine war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg
+wehtun; dass andere war ihm zu weich, zu gefuehlvoll; er wollte ihr
+nicht zeigen, wie tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien
+ihm, er wollte ganz und gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob
+gar keine Ida in der Welt sei oder als sei sie ihm wenigstens sehr
+gleichgueltig, wollte ihr zeigen, dass er sie verachte.
+
+Die Stunde, zu der man gewoehnlich beim Praesidenten Tee trank, hatte
+schon geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Traene, die
+er der Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine
+Toilette, warf sich in die Kleider, presste das weichgewordene Herz
+mit beiden Haenden zusammen und ging dann den schweren Gang hinueber
+in jene Zimmer, wo er einst so unendlich gluecklich gewesen war.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER NEUE NACHBAR.
+
+Es war, als sei ein feindlicher Daemon mit der Graefin in Praesidents
+Haus eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille
+Leben des Hauses veraendert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu
+bedienen; es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, dass man
+glaubte, der Feind sei vor den Toren. Der Aergste war der Praesident
+selbst; ganz still verklaert schluepfte er in allen Ecken des Hauses
+umher, zankte und hantierte, dass die Konfusion nur noch aerger wurde
+und sein Maedchen, das vor Haushaltungsgeschaeften und
+Herzensangelegenheiten nicht wusste, wo ihr der Kopf stand, ihn um
+Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu lassen. Es war aber
+auch kein Wunder, dass er sich ein wenig verrueckt gebaerdete. Der
+Himmel hing ihm voller eigenhaendig-durchlauchtigster Belobungsschreiben,
+voll grosser Verdienstkreuze mit breitem Band ueber die Brust, voll
+Dotationen und Standeserhoehungen; jetzt war er in seinem _Esse_, jetzt
+konnte er negozieren und zeigen, dass er nicht umsonst in Regensburg
+und Wetzlar in seiner fruehen Jugend Diplomatie studiert hatte: Was er
+mit seinen kuehnsten Wuenschen nicht fuer moeglich gehalten haette,
+fuehrte ihm ganz bequem der Zufall in die Haende. Der Staatssekretaer
+hatte ihm aufgetragen, dafuer zu sorgen, dass Martiniz sich ankaufe und
+fuer die Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte
+ihm wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch
+allerhoechsten Vertrauens auch gehoerig rechtfertigen werde. Jetzt gab
+der Himmel der Graefin ein, auf ihre Gueter zu reisen. Was doch nicht
+der Zufall tut! Ohne daran zu denken, dass es wirklich einmal in
+Erfuellung gehen koenne,--denn der gerade Weg fuehrte zwei Meilen
+seitwaerts an Freilingen vorbei,--hatte er einmal in der Residenz
+in einem Anfall von galanter Laune der Graefin das Versprechen
+abgenoetigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und
+wie gluecklich fuegte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die
+er behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat,
+sie, nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mussten, die, ohne
+dass man es merkte, an ganz geheimen Faeden das Land regierte, sie
+besuchte _ihn_.
+
+Aber sie sollte auch gehalten werden, als waere sie in ihrem eigenen
+Hause, dass sie recht viel Schoenes und Gutes hoeheren Orts von ihm und
+seinem Hause sagen konnte. Kaum hatte sie geaeussert, sie finde Idas
+Zimmer im ersten Stock so huebsch, so musste das Fraeulein das Feld
+raeumen und in die zweite Etage wandern. Es kam dem Maedchen sauer
+an, als sie so die Plaetze wechseln wusste, und in ihrem traurigen,
+ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe beduenken, als sei dies eine
+schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar nicht zu verdenken; sie
+hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt; dort sass sie am
+liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur das Koepfchen
+ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig aufheben, nur
+einen kleinen Viertelsseitenblick hinueberwerfen, so sah sie ja auch
+schon ihn; und jetzt sollte sie der verhassten Nebenbuhlerin, die ja
+offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen,
+jetzt sollte sie dem ueppigen Weib, die gewiss alle Kuenste der
+Fensterkoketterie aufbieten werde, ihr heimliches Plaetzchen am
+Fenster, ihr lauschiges Schlafstuebchen abtreten und dafuer, weiss
+Gott wie lange, in den weiten, unheimlichen Zimmern des oberen
+Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie ihre kleine Haushaltung oben
+ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die Toilette, die paar Kistchen
+und Kaestchen waren bald gestellt; jetzt setzte sie einen Stuhl ins
+Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den ersten Stock
+des Mondes hinabsehen koenne; es ging wohl, aber sie sah nichts als
+die Wolken seiner Gardinen; er musste schon herausschauen, wenn sie ihn
+von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie
+schon, einen steifen Hals konnte sie sich fueglich gucken, wenn sie
+immer das Koepfchen hinabbog. "Doch was schadet das," laechelte sie,
+"das tu' ich ihm schon zu Gef--"
+
+Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen?
+oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage
+des Mondes zurueckkehrte und ihr Blick zufaellig an den Fenstern des
+zweiten Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich fuer
+ein Kind," dachte sie. "Wie, waere es moeglich? Was koennte er nur hier
+zu tun haben?" Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von
+Sporeneck lag geradeueber von ihr im Fenster und bueckte und verbeugte
+sich herueber und tat und laechelte so vertraut und so freundlich, als
+haette er sie jahrelang gekannt.
+
+Voll Unmut ueber den Unverschaemten riss sie an der seidenen Schnur,
+welche den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe
+zwischen sie und den verhassten Luestling. Dieser Mann war ihr der
+widerwaertigste auf der Erde; er war ein schoener, kraeftiger Soldat,
+gebildet, von glaenzendem Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wusste
+den Bescheidenen zu spielen, aber nicht laenger als ein paar Tage;
+dann--das Maedchen, das er belagerte, _musste_ ja in dieser Frist kirre
+gemacht sein--dann kehrte er seine wahre Seite heraus; sein Auge wurde
+luestern, seine Reden, lockend, schluepfrig, mussten jedes zarte,
+weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht schon ganz fuer
+ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genaehert. Das unschuldige
+Kind hatte Gefallen an seinen Gespraechen, die ihr ein wenig mehr
+Gehalt zu haben schienen als die der uebrigen jungen Herren; sie ging
+oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein
+rasendes Dementi bei diesem Maedchen gegeben. Er hatte sie in _eine_
+Klasse gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur
+Jungfrau herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum
+verhaltene Luesternheit, ein suendiges Sinnen und Begehren verbergen.
+Diese hatte er immer bald aufs Eis gefuehrt, und waren sie nur einmal
+in einem Woertchen geglitscht und geschluepfert, husch--; so hatte er
+auch bei Ida endlich, nachdem er alle edlern Farben hatte spielen
+lassen, die herausgekehrt, die jede andere geblendet haette, aber vor
+dem strengen Blick der reinen Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden,
+man sagt sogar mit einer tuechtigen Ohrfeige, war er abgezogen,
+erklaerte Ida ueberall fuer ein Gaenschen, schwor ihr bittere Rache und
+warf sich in die Arme der Aarstein, wo ihm ohne langweilige
+Praeliminarien bald wurde, was er bei Ida durch tausend Kuenste umsonst
+gesucht hatte.
+
+"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu
+genieren!" Denn dass die Graefin ihren Liebhaber mitgenommen, dass er
+auf keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie
+gleich weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind
+nichts dabei. Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein
+so ziemlich, sie wusste, dass diese gekommen sei, um den Grafen zu
+gewinnen; aber das ahnete sie nicht, dass man den Rittmeister nur dazu
+mitgenommen haben koennte, um sie von Martiniz' Herzen loszureissen, um
+sie in eben jenem Lichte zu zeigen, in welchem sie die Graefin sah.
+Nein, an diesen wahrhaft hoellischen Plan dachte das engelreine
+Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes goennte, nicht. Und wie
+sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja gar nicht anders,
+als die Graefin koenne von ihrer Liebe zu Martiniz auch nicht die
+leiseste Ahnung haben; wusste ja sogar sie kaum seit Stunden, dass sie
+ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all
+ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und
+niemand koenne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht hoechstens
+Mart--ja, er musste ja gefuehlt haben, dass sie ihm gut sei, sonst
+haette er wohl nicht jenes Gestaendnis gewagt, dass er sie lie--
+
+Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig,
+die Teestunde war da, und noch manches war zu ruesten; die Gedanken an Rum
+und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Broetchen, Tassen und Loeffelchen
+verdraengten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu
+ordnen. Dort stand schon Papa und fluesterte ihr zu: "Schicke dich nur; es
+sind allerhand Besuche da, und du koenntest leicht mehr Rum brauchen als
+das Bouteillchen da!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+TRAU--SCHAU--WEM?
+
+Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Praesident--Nein, sie
+haette moegen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er,
+"ein Bekannter von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns
+diesen Abend mit seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen;
+wenn so einer von euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt,
+ist es gleich ein Jubel und ein Fest fuer alle Maedchen, die nur
+einmal in der Residenz waren; da werden dann allemal in Gedanken alle
+Baelle und die kleinsten Touren noch einmal durchgetanzt und in der
+Erinnerung viel getollt; ich kenne das," setzte der freundliche Alte
+hinzu, indem er sein Toechterchen in die Wange knipp, "war auch
+einmal jung und kenne das." Er ging weiter und liess den Rittmeister
+vor Ida stehen.
+
+Diese wurde bald blass, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade
+umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnoede abgewiesen hatte, dieser
+konnte es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht
+oeffentlich prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heissen und
+fortschicken? Doch nein, sie wusste, wie heilig das Gastrecht ihrem
+Vater war, sie wollte ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und
+bemerkte nicht, wie der Rittmeister schon seit einigen Minuten neben
+ihr stand und an sie hin sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was
+musste nur der Graf denken, wenn sie so lange bei dem Menschen stand,
+mit welchem sie die Aarstein bei ihm so verdaechtig gemacht hatte!
+Ihre Augen suchten den Geliebten--er sass neben der Graefin; traulich
+hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt sahen beide nach
+ihr und dem Rittmeister herueber--die Graefin mit hoehnischer
+Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster,
+als sehe er etwas, das er gar nicht fuer moeglich gehalten haette.
+
+Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob
+denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein
+Misstrauen ihm zufluesterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er
+konnte ja auch in Geschaeften an das hiesige Regiment geschickt worden
+sein; dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenueber abzutreten--nun
+ja, das war allerdings stark, und der boese Geist wollte ihm zufluestern,
+dass dies schon sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch
+wieder; das alles bewies ja nur hoechstens, dass der Rittmeister in Ida
+verliebt sei; von ihrer Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber
+recht Achtung wollte er geben auf Ida; das war sein Entschluss gewesen,
+als er durch die hellerleuchtete Enfilade von Praesidents Zimmern ging.
+
+Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe
+niemand, den er naeher kannte oder mit welchem er in ein Gespraech sich
+haette einlassen moegen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken
+durch die Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das
+Ida" dachte er; er sah sich freundlich um--es war die Graefin. Sie
+verwickelte ihn bald in ein Gespraech, aus welchem er sich nicht so
+bald herauswirren konnte. Das Fatalste war, dass er dem Redegang der
+Graefin Plapperinsky immer folgen musste, um nicht zerstreut zu
+erscheinen, und doch ging ihm immer der Rittmeister und sein Logis im
+Kopf herum.
+
+"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer
+Pause wieder Altem geschoepft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger
+und aufmerksamer fuer seine Gaeste sein als Ida? Denken Sie sich, meine
+Coffres und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es
+wohnt sich dort ganz huebsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant
+eingerichtet wie hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht
+man keine so grossen Ansprueche, besonders wenn man so schnell und
+unangemeldet kommt wie ich. Ich war also schon ganz zufrieden in meinem
+Sinn und liess auspacken. Da kommt das gute, liebe Engelskind, denken
+Sie sich, und ruht nicht eher, bis ich von ihrem schoenen Boudoir,
+Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz nehme, und sie selbst zieht
+in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock. Nein, sagen Sie selbst,
+kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als die gute Ida?"
+
+"Sehr viel, sehr viel!" presste Emil heraus; es war ihm, als schnuerte
+ihm etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die
+Brust fuehre und das warme, liebe gluehende, treue Herz umdrehte und
+schmerzlich hin- und herreisse. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden
+war jetzt die fuerchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so
+schaendlich mit ihm gespielt hatte; dass zwischen dem Logis des
+Rittmeisters und ihrer ungemeinen Gefaelligkeit gegen die Graefin ein
+geheimer Zusammenhang stattfand, konnte ein Blinder sehen.
+
+Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hoelle
+lachte aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein grosses Opfer," sagte er mit
+schrecklicher Lustigkeit zu der Graefin, "eine ungeheure Grossmut, die
+ganz allein aus der allerausgedehntesten _Naechsten_liebe
+und _Gast_freundschaft hervorgeht!". Die Graefin Aarstein-Satanas
+wusste wohl, dass sie sein Herz mit gluehenden Zangen zwickte, wusste
+auch nur gar zu gut, woher die Logisveraenderung kam; aber so
+vollstaendig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren hoellischen
+Triumph nicht vorgestellt.
+
+Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wusste daher auch nicht, dass die
+staerkste, gluehendste Liebe zugleich die schwaechste und empfindlichste
+ist.
+
+Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Praesidenten
+reichlich versehen war. Der Graf bebte zurueck vor ihm. Dieses gierige
+Auge, dieses hoehnische Laecheln, diese falsche, schlaue, lauernde
+Miene, so ganz ohne hoehere Bedeutung, ohne edlere Zuege--diesen
+Menschen konnte Ida lieben? Er haette jedem unter die Nase gelacht, der
+ihm so etwas vor zwei Tagen, als er noch an die Engelsunschuld des
+lieben Maedchens glaubte, haette weismachen wollen. Er haette jeden
+einen Schurken geheissen, der _dieses_ heilige, keusche Geschoepf mit
+diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle Leidenschaften gewuehlt
+hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt haette.--Jetzt musste er ja
+selbst daran glauben. Wie ein Kind liess er sich von der Aarstein
+leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte, den
+Rittmeister hier zu sehen, sie liess manche giftige Bemerkung schluepfen
+--er hoerte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschaeftigte ihn: er
+wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie kaeme, wie sie sich gegen
+Sporeneck benehmen wuerde. Die Tuere ging auf, sie kam. An der Hand des
+Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzuecken
+unterdrueckte, wie Blaesse und Roete auf ihrem Gesicht wechselten, wie
+sie ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhoerte, und wie gluehende
+Dolche fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur
+hin, Graf," fluesterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie
+gluecklich die Leutchen dort sind! Das ist ein Erzaehlen, das ist eine
+Wonne, dass man einander nach ein paar Wochen wieder hat. Dass sie sich
+nicht auf der Stelle abherzen und kuessen, ist alles!"
+
+Dem Grafen wuerde gruen und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der
+Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Roete des Unmuts
+und der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so
+eigenen Reiz, dass der Graf nur um so tiefer fuehlte, wie schrecklich
+sich hier die Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges
+Herz eine so herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es
+so gar nicht verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde
+Gruebchen in den Wangen, dieses bezaubernde, huldvolle Laecheln
+gegeben? Sie verneigte sich gegen die Gesellschaft; die Graefin drohte
+ihr laechelnd mit dem Finger; sie erroetete von neuem. Sie musste noch
+die Zuckerdose herbeiholen; sie haette einen viel naeheren Weg gehabt,
+aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorueber; er wagte nur einen
+leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes Auge
+gerichtet, ihm laechelte sie, ihm fluesterte sie im Vorbeigehen kaum
+hoerbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und duester?"
+
+Er fuehlte den suessen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruss haette
+ihn sonst bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort
+haette sonst alle Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten
+Falten geebnet. Heute--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche
+Erz-General-Armee-Kokette musste es ja auf dem weiten Erdenrund nicht
+geben! Ist fuenf Minuten ausser sich, weil sie den alten Liebhaber
+wiedersieht, und um es doch mit dem neuen nicht zu verderben, fluesterte
+sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Mass ihrer Schuld ueber. Der reine,
+wahrheitsliebende Juengling konnte ihr verzeihen, dass sie einem so
+zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck offenbar sein musste, ihr
+Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich es ihm das Herz brechen
+wollte, dass sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel gespielt hatte; er
+konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, dass sie sich, als
+der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Bloessen gab,--er konnte dies
+alles verzeihen. Dass sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen
+wollte, dass sie Zweien auf einmal gehoeren wollte, nein, das ging ueber
+seine Begriffe. Er musste, seine Natur mochte sich dagegen straeuben,
+wie sie wollte, es war ihm, als muesse er sie verachten. Aber sie hatte
+recht, obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, dass er
+nicht dasass wie ein armer Suender, ueber welchen der Stab gebrochen
+wurde. Wenn auch besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte,
+er _musste_ lustig sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden
+bluten.
+
+Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekraenkten
+aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemaechtigte sich seiner,
+die er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riss das Gespraech an sich, er
+strahlte von Witz und Leben, dass alle weiblichen Herzen dem herrlichen
+Mann, dem schoenen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespraech;
+sein feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schoenes sagen zu wollen,
+ausschliessend aber galt es der Graefin. Er wusste selbst nicht, was ihn
+antrieb, ihr so sehr als moeglich den Hof zu machen; aber es war ein
+dunkles Gefuehl in ihm, als muesse es Ida recht tief verletzen, wenn er
+die Graefin so sehr auszeichne, wenn er alle Damen fuer sich gewinnen
+wollte und ihr, ihr allein keinen Blick, kein Laecheln goennte, nicht
+einmal zu hoeren schien, wenn sie hie und da ein Woertchen mit
+einschluepfen lassen wollte.
+
+Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es
+getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das
+nur fuer ihn, mit dem Feuer der ersten jungfraeulichen Liebe nur fuer ihn
+schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, dass
+er so froehlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Woertchen
+die sie ihm zufluesterte, haben ihn aus seiner finstern Laune
+hervorgezaubert; ihr kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah,
+wie er sich an alle wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick
+der Freundin galt, wie er nur fuer die Aarstein zu leben schien, als
+sie seinen schneidenden Hohn, die grelle Lustigkeit, den schillernden
+Witz, der ihm sonst gar nicht eigen war, bemerkte, da ahnete ihr wohl,
+dass ihm jetzt ein anderes Gestirn aufgegangen sein muesse, das seinen
+Einfluss auf ihn uebe. Und wer konnte dies sein als die, die ihr von
+jeher feindlich entgegengetreten war--die Aarstein! Der Glanz der
+ueppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es ihm auch ausmachen,
+dass er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, sie weinte
+nicht; aber eine furchtbare Blaesse lag auf dem holden Engelsgesichtchen,
+ein wehmuetiges Laecheln spielte um ihren Mund; sie sah ja alle die
+leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in einem
+einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie
+sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen.
+Von Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art aengstlicher Eisersucht
+in Gestalt einer Fledermaus durch den kaum daemmernden Morgenhimmel ihrer
+Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr
+als ein grosser Schmerz. Sie fuehlte, dass sie diesen ewig, ewig in
+ihrem treuen BUSEN tragen werde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER GRAM DER LIEBE
+
+Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den naechsten Tagen. Der
+Hofrat haette vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen koennen; aber
+das Unglueck wollte, dass er in wichtigen Angelegenheiten an demselben
+Abend verreisen musste, an welchem die Graefin ankam. Die Graefin schrieb,
+so oft sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinueber
+und spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten
+Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr noetig zu sein, weil sie
+den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, dass an kein Entrinnen zu
+denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille
+der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz
+abdruecken, dass Ida in solchen Verhaeltnissen mit dem Rittmeister sei.
+Wenn er bei Praesidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war
+sie ihm wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem
+Mund ihn geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann
+unter Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das
+Maeulchen gegangen wie ein oberschlaechtiges Muehlchen, und keine fuenf
+Minuten hatte sie ruhig sitzen koennen, ohne dass sie aufgesprungen
+waere, dort was zu holen, hier was zu zeigen; und welche Freude
+gewaehrte es dann, das Maedchen dahinhuepfen zu sehen! Ihr Gang war
+dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie und Anmut; es war, wie wenn
+ueber die ganze Gestalt ein zauberisches Laecheln gewoben gewesen waere,
+und jetzt--und jetzt!
+
+Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar
+beduenken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhuepfen, da
+musste sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so
+abgemessen, als waere er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar
+vor, als liege etwas so Wehmuetiges in dem lieben Gesichtchen, das er
+sich nicht anders erklaeren konnte, als dass es sie reue, ihn so am
+Narrenseil gefuehrt zu haben, dass sie sich schaeme, so unverhofft
+demaskiert worden zu sein. Zu Zeiten wuenschte er sich auch den Hofrat
+herbei, um mit ihm ueber das Maedchen und seine grenzenlose Koketterie
+zu sprechen.
+
+Dass doch die Maenner gewoehnlich so grausam sind und nicht sehen, was
+so offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbuechern und Romanen
+alle Folgen ungluecklicher, verschmaehter Liebe, alle Zeichen eines
+gebrochenen Herzens; sie koennen es sich auch in der Phantasie recht
+lebhaft vorstellen, wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram
+der Liebe gebrochenen Herzen aussehen muesse, sie nehmen sich vor, das
+nicht zu vergessen; aber wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst
+aus Uebermut oder toerichter Eifersucht ein schoenes, nur fuer sie
+schlagendes Herz gekraenkt, geknickt, gebrochen haben, da merken sie es
+nicht, sie koennen sogar noch ein recht unglaeubiges Hohngelaechter der
+Hoelle aufschlagen, wenn man ihnen die stille Traene im trueben Auge,
+den wehmuetig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, wenn man sie
+aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da wird man
+seine Gruende haben." lachen sie und gehen ungeruehrt vorueber und
+denken nicht, dass man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen
+Herzen sterben koenne.
+
+Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in
+Erfuellung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida.
+
+Fuer ihren traenenschweren Blick, fuer ihren wehmuetigen Ernst wusste
+er tausend Gruende anzugeben, wusste sich mit wieder tausend Vermutungen
+zu quaelen und zu haermen; die rechten fand er nicht. Es war eine
+wunderbare Veraenderung vorgegangen mit diesem Maedchen in den paar
+Tagen. Sonst das Leben, die Froehlichkeit selbst, jetzt ernst und
+abgemessen. Die bleicheren Wangen, das truebere Auge, das ja so
+deutlich von traenenvollen Naechten, von gramerfuellten Traeumen
+sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der, um welchen diese
+stillen Traenen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte sie nur
+eben die heissen, ausgeweinten Augen zuschliessen und sich in das
+Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kuehl um die vier Bretter und
+zwei Brettchen, welche die arme Ida umschliessen, sich legen werde,
+dort, wo sie nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr
+geliebter Juengling naeher und naeher, enger und enger in die Schlingen
+jener Sirene sich verwickle,--dort, dachte sie, muesse es gut
+schlummern sein. Denn das war ihr ja das aergste nicht, dass sie
+zurueckgesetzt war; nicht dass sie es war, die er verliess, um sich
+dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin anzuschliessen, nicht das
+brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Muehe und Traenen gekostet,
+bis sie es dahin gebracht hatte, dass sie nicht mit Bitterkeit daran
+dachte, dass er, als kaum das Gestaendnis seiner Liebe ueber seinen
+Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte
+ueberwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen,
+unergruendlichen Tiefen der heiligen jungfraeulichen Brust hatte sie
+Mut heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, dass der, den sie
+liebe, einer andern angehoeren koenne.
+
+Aber dagegen straeubte sich mit aller Macht ihr keusches, braeutliches
+Herz, dass er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern
+deuteten und sich ihre Schandtaten erzaehlten, dass er an _jene_
+verloren gehen sollte. Waere er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem
+armen, unerfahrenen Herzchen gespielt haette, sie haette es ertragen,
+dass er bei der Graefin dafuer buessen sollte; aber Emil,--ihr feiner,
+weiblicher Takt, der darin so weit und so scharf sieht, sagte ihr, dass
+er noch ein Neuling in der Liebe sei, dass er sein Herz frei bewahrt,
+bis sie ihn kennen gelernt habe, dass sie seine erste Neigung gewesen
+sei; und doch--er, der so namenloses Unglueck schon erduldet hatte,
+auch er sollte durch dieses Weib ungluecklich werden? Ach, wie oft
+wuenschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm haette
+sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe, wo
+er ihr gestand, dass er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein
+pochendes Herz drueckte, wo er sie mit den suessesten Schmeichelnamen
+der Zaertlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen
+Kuss der Liebe ihm entgegengewoelbt hatte. Dies _alles_ war ja laengst
+vorueber, war begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung,
+aller Sehnsucht, die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es
+wissen, ihm haette sie alles gesagt und ihn dann zum warnenden
+Schutzgeist fuer den Grafen aufgerufen.
+
+Aber er war noch nicht zurueck; darum verschloss sie ihren Schmerz in die
+Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein
+flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen
+Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren
+gefluestert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten
+Augenblick, hingerissen von den verfuehrerischen Reizen der ueppigen,
+buhlerischen Dame Potiphar--sie erroetete von dem Gedanken und presste
+die Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches
+geschah--dann war er der Graefin und dem Satan auf ewig verschrieben.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FEINE NASEN.
+
+So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Faeden
+gesponnen, angeknuepft und nach und nach zu einem dichten Gewebe
+verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging.
+Fraeulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die
+getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck ueber den Stand der Dinge
+belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glaenzten vor Freude, wenn sie wieder
+neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fraeulein
+Ida weder mit Traenen, noch Gebet wieder heraushauen koennte.
+
+Nichts war ihnen aber groesseres Labsal als das Fraeulein von der
+traurigen Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Dass sie ernster,
+blaesser, trueber war als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters
+Scharfblick entgangen, und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die
+sich in einem vierstimmigen Gelaechter Luft machte, befiel sie, als
+Sporeneck erzaehlte, dass er sie durch seinen Tubus, mit welchem er
+hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster visierte, bitterlich habe
+weinen sehen.
+
+Aber Fraeulein von Sorben sorgte auch dafuer, dass Ida in ihrer
+Verzweiflung sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie
+hatte alle ihre Geistes- und Koerperreize teils vor ihm entfaltet,
+teils durchschimmern lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es
+nicht verborgen bleiben, dass er ganz bezaubert davon war. Es ist nur
+schade, dass er auf die Liebe so trefflich eingeschult war, dass er
+sechs oder acht der zaertlichsten Liebschaften zumal haben konnte und
+jede die Betrogene war. So hatte also die beleidigte Dame dem
+naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in ihrer Gegenwart
+Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf einmal
+weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die Routine
+macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe
+sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen!
+Aber das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding
+den Mund sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Aeugelein ausgeputzt,
+dass sie sieht, dass in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn
+kommt."
+
+Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so
+ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen
+waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges
+Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefasst und zu dem
+Grafen gesagt: "Wie doch das Fraeulein so huebsch, so tausenddonnernett
+aussah am Altar. _Bassa manelka_, wie muesste sie erst aussehen bei Tag
+und als Braeutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht uebel
+einzuleuchten; denn er hatte zufrieden gelaechelt und gesagt: "Nun, was
+nicht ist, kann noch werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich
+hingesetzt und an den alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und
+dem gnaedigen Fraeulein und sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist
+man die Rettung meines Herrn schuldig. Es kann aber auch in sechs
+Herrenlaendern kein solches Wunderkind mehr geben. Die selige Komtesse
+war doch auch nicht, mit Respekt zu vermelden, aus Bohnenstroh; aber,
+Gott weiss, sie reichte dem schoenen Fraeulein das Wasser nicht. Und
+vornehm sieht sie aus, als waere sie allerwenigstens ein Stueck von
+einer Prinzess. Der junge Herr ist aber auch rein in sie verschossen,
+und ich meine, dass es nicht menschenmoeglich gewesen waere, ihn zu
+kurieren, ausser durch so grosse Inbrunst und Liebhaberei. Das hat ja
+auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich Euer Exzellenz,
+meinem gnaedigsten Herrn Grafen, vermeldet habe."
+
+So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung
+vom Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe
+die Herzkammertuere zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier
+gemalt hatte. Bisher hatte er allwoechentlich Bericht erstatten muessen.
+Da hatte es denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am
+Rhein, an der Seine und an der Nordsee immer geheissen: "Der Herr Graf
+befindet sich noch im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint
+zuzunehmen."--"Die Aerzte wussten wieder nichts."--"Die Aerzte geben
+ihn auf."
+
+Hier, in dem unscheinbaren Staedtchen, hier endlich sollte das Heil, der
+Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn
+denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im
+Geiste, wie der Herr Graf laecheln, die Haende reiben und rufen werde.
+"Nun, in Gotts Namen, macht Hochzeit!"
+
+Aber jetzt musste der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn
+sein Herr--der sah gar nicht mehr so gluecklich und selig aus wie damals,
+als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig;
+fragte der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage
+zustand, was ihm denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort,
+oder der Graf stoehnte so schmerzlich, dass es einen Stein haette
+erbarmen moegen, und sagte, dabei: "Du kannst mir doch nicht helfen,
+alte Seele!"
+
+Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er kluegelte hin und her,
+was es denn wohl sein koenne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig
+und trutzig mache--da ist ein Gast drueben bei Praesidents, eine Grosse,
+Dicke, so halb Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr--
+
+Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich;
+wenn er aber dieser nachlief und das schoene Fraeulein im Stich liess--
+nein, er wollte seinem Herrn nichts Boeses wuenschen, aber da soll ihm
+doch das siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem
+Gedanken so grimmig auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang
+ausklopfte, dass der Staub in dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte
+ich," rief er in seinem Selbstgespraech weiter und klopfte immer
+schrecklicher, "wenn du die dicke Trutschel nimmst und das schoene
+Fraeulein, die dich aus den Klauen des schwarzen Teufels herausklaubte,
+wenn du die fahren laesst, alles siedende Schwefelpech des Fegefeuers
+soll dich dann kreuzmillionenmal--"
+
+"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte
+nun gleich in den Boden sinken zu muessen. Ein grosser aeltlicher Mann, mit
+seinen, klugen Gesichtszuegen, in einem schlichten Reiseueberrock, dem nur
+ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm.
+"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden
+noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--"
+
+"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband
+freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo
+ist dein Herr?"
+
+Starr und stumm bueckte sich der alte Diener mehrere Male, fuehrte dann
+den fremden Herrn den Korridor entlang zur Tuere seines Herrn, erwischte
+dort noch einen Rockzipfel, kuesste diesen mit Inbrunst und sah zu
+seiner grossen Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der
+Freude dem Fremden in die Arme sank.
+
+Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade faellt uns ein, dass
+der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl aeusserte, inkognito reiset, und es
+waere daher auch von uns hoechst indiskret, wenn wir dieses Inkognito
+frueher verrieten, als der fremde Herr selbst fuer gut findet, es
+abzulegen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER HERR INKOGNITO.
+
+Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz;
+es war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von
+Ladenstein bei dem Praesidenten einfuehrte. Die Empfehlung eines
+Hausfreundes, wie der Graf war, haette schon hingereicht, ihn in diesem
+Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt
+des alten Herrn voll Wuerde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben
+ihm Achtung, und als vollends der Praesident, ein Kenner in solchen Dingen,
+das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur
+Verehrung. Er wusste, dass, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen
+Sinn des Wortes war und dass ein solcher sich gewiss einer Tat ruehmen
+durfte, die nicht die Laune des Gluecks oder Hohe Protektion zu einer
+glaenzenden erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen
+Mut und tiefe Einsicht bewaehrte.
+
+Vorzueglich Ida fuehlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit
+der Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem
+Widerwillen der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag,
+entgegengesehen. Der Graf kam entweder gar nicht, oder sehr spaet, oder
+unterhielt er sich mit der Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen
+Fraeulein und Damen kamen ihr schal und langweilig vor, dass sie
+glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen sitzen zu koennen; der
+Rittmeister, dessen Geschaefte beim hiesigen Regiment noch immer
+nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen.
+
+Sein erstes war immer, dass er sich mit seinem Stuhl neben sie draengte
+und dann so bekannt und vertraut tat, als waeren sie Zeltkameraden; er
+half ihr Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete
+alle jene kleinen Dienste, die einem beguenstigten Liebhaber von seiner
+Dame erlaubt werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die
+Ohren zu fluestern, aber die gleichgueltigsten Dinge, etwa: ob sie noch
+mehr Milch oder noch mehr Zucker beduerfe, sah aber dabei aus, wie wenn
+er die zaertlichste Liebeserklaerung gewagt haette.
+
+Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafuer,
+dass er neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch fuer diesen
+Abend sicher sein, dass der Rittmeister nicht ihr Nachbar wuerde.
+
+Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so
+tief und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines
+grauen Haares, trotz seiner sechzig Jaehrchen, die er haben mochte,
+war eine Kraft, ein Feuer in seinen Reden, das einem Juengling keine
+Schande gemacht haette. Aber auch dem alten Herrn schien das Maedchen
+zu behagen; sein ernstes Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine
+lebhaften Augen werden glaenzender--solch ein Maedchen hatte er selten
+getroffen, und er war doch auch ein bischen in der Welt gewesen.
+Diesen klaren Verstand, dieses richtige Urteil, diese Gutmuetigkeit
+neben so viel Humor und Witz--er war ganz entzueckt. Und ueberall
+war sie zu Haus; er bewunderte die wunderherrlichen Blumen, die sie
+machte; man kam von diesen auf die natuerlichen Blumen, auf seltene
+Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die so wunderschoen aussehe
+und die sich zu Girlanden gar huebsch ausnehmen wuerde, aber der Name
+fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blaetter erwaehnt, so
+sagte sie ihm auch schon, dass die Blume _Calla aethiopica_ heissen
+muesse, weiss bluehe und auch aethiopische Drachenwurz genannt werde. Er
+bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte;
+aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten
+Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch
+kein Woertchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon
+gesprochen.
+
+Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte
+alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken
+bekommt oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante
+Geschichtswerke gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte
+sie nichts Grosses. Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war
+ihr Urteil, und dabei tat sie so unbefangen, als ob jedes Maedchen
+dergleichen gelesen haette. Und als sie auf auslaendische Literatur
+kamen, als sie von Lord Byron, seinen herrlichen Gedichten und seinem
+ungluecklichen Ende sprachen, als der alte Herr mit dem Theresienkreuz
+ihn dennoch gluecklich pries, weil sein Geist sich hoeher als alle
+andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze Natur so tief
+erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging ueber seine Begriffe--
+antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, als
+haette sie seinen Manfred eben erst gelesen:
+
+ "The tree of knowledge is not that of life." [1]
+
+Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Maedchen hatte er in
+vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte
+mit seinem lieben huebschen Schnaebelchen so unschuldig in die Welt hinein,
+das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein
+wenig der lose Schalk sass, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte
+dem Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurueckgekommen waren,
+dass er ihn mit einem so interessanten Geschoepf bekannt gemacht habe.
+
+ [Fussnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+EMIL AUF DER FOLTER.
+
+Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch
+ich war einst erfuellt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine
+Erscheinung wie aus Jenseits, wie des grossen Dichters Maedchen aus der
+Fremde; ich sah, wie sie mit ungetruebtem Frohsinn und dennoch mit einer
+Wuerde, einer Hoehe jedem eine Gabe reichte; mir, waehnte ich, mir habe
+sie der Gaben schoenste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, dass schon ein
+anderer diesen Kranz zerpflueckt--"
+
+"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwuerdige Theresienritter;
+"dieses Maedchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe,
+herrliche, jungfraeuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der
+Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den
+ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!"
+
+"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was
+mich die Graefin merken liess, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie
+doch nur zum Beispiel, dass sie ihm gleich in den obern Stock nachzog,
+um ihn recht vis-a-vis zu haben--"
+
+"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn
+ein so kluges Maedchen wie die Ida traegt ihre Liebe nicht so schamlos
+zur Schau."
+
+"Aber die Graefin sagt mir ja, die Graefin--"
+
+"Eben die Graefin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Graefin traue
+ich nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegruendeten Ursachen. Ich habe
+sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich
+auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch
+die gruene Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge
+gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, dass ich
+recht hatte."
+
+So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig
+Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiss alles, und ist alles gut,
+wenn nur der verdammte Rittmeister nicht waere!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER RITTMEISTER.
+
+Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glueck der
+Menschen haengt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden
+Fremden, ob sie unten an der Tafel oder hier oben in ihren
+Appartements speisen wollen. Der Graf, der seit des Hofrats Reise
+abends selten mehr hinabgekommen war, stimmte dafuer, auf dem Zimmer zu
+speisen, indem er die schlechte Unterhaltung unter den Offizieren,
+Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten versprach. Der aeltere Herr
+aber redete ihm zu; man sehe und hoere doch manches unter den Gaesten,
+was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide dienen koenne;--sie
+gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von Sporeneck
+einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond
+gebeten.
+
+Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren
+bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein
+kleines Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Graefin hatte ihm, wie
+gewoehnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer
+Verbindung stand, geschrieben, dass Idas Niederlage jetzt vollkommen sei.
+Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe
+naechstens einer Erklaerung von seiner Seite entgegen. Das hatte der
+Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen
+anderen, vorgetragen; man stiess an auf das neue graefliche Paar und auf
+den galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiss nicht wie, darauf, ob
+man nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten
+alle darin ueberein, dass dies sehr dienlich waere, um Unterhaltung fuer
+den heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen
+daraus. "Ja, wenn er Soldat waere, dann waere es etwas anderes; einen
+Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Graefchen, das
+in der Welt umherreist, um den Damen schoen zu tun und sein Geld auf die
+langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen."
+
+Mit diesem loeblichen Vorsatz hatten sich die Marssoehne nicht weit von
+der Stelle placiert, wo Martiniz gewoehnlich zu sitzen pflegte, und
+harrten, ob er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber
+diesmal ohne Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock
+an. Martiniz und der aeltere Herr unterhielten sich fluesternd mit
+einander; um so lauter waren die Kriegsgoetter; die Pfropfen der
+Champagnerbouteillen fingen an zu springen, und in kurzem waren die
+Herren allesamt kreuzfidel und erzaehlten allerlei Schnurren aus ihrem
+Garnisonsleben. Die uebrigen Gaeste hatten sich nach und nach verlaufen.
+Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon abgehandelt, und der
+Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube anzuziehen_.
+Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein
+Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine
+Gesundheit recht aus dem Herzen--deine Ida!"
+
+ Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche
+aneinander und sogen den weissen Gischt mit einer Wollust aus, als haette
+die Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biss die Lippen zusammen
+und sah den Theresienritter an.
+
+"Auf Ehre, ein Goetterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich
+waere selbst imstande gewesen, sie zu lieben, haette ich nicht deine
+fruehern Rechte gewusst und mich daher bescheiden zurueckgezogen."
+
+"Auf Ehre, ich haette es ihr wohl goennen moegen," antwortete der
+grossmuetige Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll,
+ist es fuer ein junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht
+Luft machen soll. Einen braven Kerl, wie du bist, haette ich ihr zum
+Intermezzo wohl gewuenscht; waere mir lieber gewesen, als hoeren zu
+muessen, dass mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen
+wollen."
+
+Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdruecken von
+einem Maedchen reden zu hoeren, das er liebte und ehrte--es war beinahe
+nicht zu ertragen; doch hielt er an sich; denn er wusste, wie schlimm
+es ist, in einem fremden Lande ohne ganz gegruendete Ursache Haendel
+anzufangen.
+
+"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an.
+
+"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Taeubchen zu
+gut, als dass ich haette eifersuechtig werden sollen; wenn auch zehn
+solcher Wichte ins Nest gesessen waeren, sie haette sich doch von keinem
+andern schnaebeln lassen als von ihrem Haehnchen."
+
+Allgemeines Gelaechter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war
+ihm kaum mehr moeglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, dass
+ihm nur zwei Wege offen stehen wuerden, entweder sich zu entfernen, oder
+loszubrechen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+UNSCHULD UND MUT.
+
+Das erstere war jetzt nicht mehr moeglich; seine Wuerde als Abkoemmling so
+tapferer Maenner liess einen solchen Rueckzug nicht zu, und was wuerden
+seine Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen
+haette? Die naechste schickliche Gelegenheit musste entscheiden.
+
+"Nun, Bruederchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so
+ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit
+der kleinen Praesidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten,
+Zurueckhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich
+und --ruehmte sich heimlich von ihr erhaltener Beguenstigungen, die
+Emils Blut zu Eis erstarren liessen. Ploetzlich aber, wie eine
+Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen
+Kindes mit ihrem sanften Blick, mit ihrem keuschen, jungfraeulichen
+Erroeten vor das Auge--Nein! nein! rief es mit tausend Stimmen in ihm,
+es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt sich der Himmel nicht,
+dass er die heiligste Unschuld auf die Zuege einer Metze malte. Er
+stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von wem sprechen
+Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich nichts
+Erwuenschteres denken, als dass endlich die Engelsgeduld von dem
+zivilen Graefchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke
+einschuechtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu
+lassen; da kam er aber an den Falschen.
+
+Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren;
+Hoheit, Mut, Zorn--alles spruehte auf einmal wie mit einem Feuerstrom
+aus diesen Augen auf ihn zu, dass er die seinigen betroffen
+niederschlug. "Was faellt Ihnen ein? Was kuemmert Sie unser Gespraech?
+Es ist hier niemand, der darnach zu fragen haette."
+
+"Sie haben," fuhr der Graf mit grosser Maessigung fort, "Sie haben dem
+ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzaehlt; es
+hat also auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen,
+und _ich frage_ jetzt!"
+
+"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es
+kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schaetzchen reden, ohne dass ein
+anderer sich dareinzulegen haette. Wenn Sie uebrigens durchaus uns mit
+Ihrer Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher
+fuer den Herrn da!"
+
+"Ist unnoetig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte
+Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, moechte
+ich gerne beantwortet haben."
+
+"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine
+Herzensangelegenheiten mischen muessen, was ich uebrigens nicht sehr
+delikat finde,--ich habe von Fraeulein Ida von Sanden, meiner
+Nachbarin, gesprochen."
+
+"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie
+vorhin taten?"
+
+"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und mass den Grafen von
+oben bis unten, wobei er uebrigens sich huetete, seinem Auge zu begegnen.
+"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!"
+
+"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!"
+
+"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an,
+anmassend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken
+behaupten, was ich sagte."
+
+"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die
+uebrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehoert
+hatten, wie der Graf geschraubt wuerde, sich wandte, "nun ja, so, muss
+ich nur _Sie_ bedauern, meine Herren, dass Sie sich auf diese Art
+unterhalten lassen von diesem erbaermlichen Luegner."
+
+"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir
+vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen fuer blaue
+Bohnen."
+
+"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf
+Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist
+spassig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von
+der Brust wegging, "das ist spassig, dass ich in Freilingen einen kleinen
+Gang zu machen habe!"
+
+Die Dragoner sassen noch ganz verdutzt ueber den schnellen Ausgang der
+Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das
+Kerlchen nahm sich doch so uebel nicht bei der Sache; er hat einen
+verfluchten Anstand, und es ist, als waere er schon mehr dabei gewesen!"
+
+Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen.
+Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant
+bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht
+sonstwo einen Sekundanten auftreiben koennte. Der Rittmeister zeigte
+eine ungemeine, spassige Froehlichkeit, meinte, es muesse sich ganz
+herrlich ausnehmen, wenn so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole
+losbrenne; den uebrigen war es uebrigens nicht so ganz wohl zu Mut;
+das schnelle Ende des Streites hatte aus allen Koepfen den
+Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich an die Affaere,
+und manchen wollte es beduenken, dass sie doch im heillosen Uebermut
+herbeigefuehrt worden sei. Man aeusserte dies auch unverhohlen gegen
+Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er
+diese Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff,
+sogleich zum Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen.
+Nach einer Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurueck und
+sagte: "Sporeneck, morgen frueh acht Uhr, auf Pistolen."
+
+Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die
+Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen,
+und keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestuermte
+Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen;
+er erzaehlte:
+
+"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespraech miteinander im
+Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr
+hoeflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag
+ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung
+zuruecknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet,
+worauf er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und
+haben die Wiese hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewaehlt.
+Fuer einen Sekundanten lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm
+sei, werde ihm sekundieren." Der Rittmeister schien vor Freude
+ausser sich zu sein, dass er seinem Rivalen mit guter Manier eins
+auf den Pelz brennen koenne; er wollte mit dem Champagner weiter
+machen, die nuechtern gewordenen Kameraden liessen es aber nicht
+zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen,
+um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu fruehstuecken.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS.
+
+Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden,
+eben sich mit der Toilette beschaeftigte, hoerte sie Pferdegetrappel
+gegenueber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig
+zurueck. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine
+bestimmt fuer das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an
+diesem kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine ploetzliche Abreise
+ohne Abschied durchblitzte sie, dass ihr die hellen Perlen in den
+zarten Wimpern hingen. Doch sie hatte ja darueber einen Trost, der
+sie zugleich tief betruebte; die Graefin war ja noch hier, sie wusste
+nichts von seiner Abreise; er konnte also doch nicht so schnell reisen.
+Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem Torweg herauf zu hoeren:
+"Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der Mondwirtin; o wie gerne
+waere sie in diesem Augenblicke die Ehehaelfte des Mondwirts gewesen,
+um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen Lippen zu hoeren!
+
+Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den
+Zuegel von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt
+kam Mart-- nein, ein Offizier in fremder glaenzender Uniform. Jetzt kam
+auch der alte Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich
+unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit
+vielen Orden behaengt, schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der
+Offizier. "Eine schoene, geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn
+sie nicht irrte, eine polnische oder russische, vielleicht ein
+Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam ihr so bekannt vor; wie?
+sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen
+Orden, und diesem glaenzte der Wladimir in Diamanten auf der Brust--wenn
+er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er doch nur den
+hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, dass sie sein Gesicht sehen
+koennte.
+
+Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und
+stiess den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war
+Emil von Martiniz.
+
+Wie schoen, wie goetterschoen war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn
+die Uniform! Wie hingegossen sass er auf seinem stolzen Ross; die
+dunkeln Locken stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und
+beschatteten die blendend weisse Stirne; das dunkle Auge voll hohen
+Ausdrucks hatte heut eine Bedeutung, die sie beinahe noch nie an
+ihm gesehen; stolz und frei, als wollte es in einem Blick eine Welt
+ermessen, schweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen,
+schlankgebogenen Hals des schoenen Tieres, das er ritt, er sah so
+kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner Ulanen und
+es werde in schmetternden Toenen Marsch, Marsch! geblasen; sie konnte
+nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Neglige--sie oeffnete
+das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schoeneres sehen als das
+Maedchen, wie es hier im Fenster stand. Die Aeuglein sahen so klar und
+freundlich aus dem Koepfchen, die Baeckchen von der kalten Morgenluft
+geroetet, das Maeulchen so suess und kusslich, um das feine, liebe
+Gesichtchen ein zartes, reinliches Nachthaeubchen, der Hals frei und
+dann ein Spenzerchen, so weiss wie frischgefallener Schnee, ueber
+Nacken und Brust herab. Tausend Loeckchen und Straenge, die, vom
+mutwilligen Morpheus entfesselt, unter dem Haeubchen sich
+durchgestohlen hatten--das ganze Wunderkind sah aus wie ein suesser
+Morgentraum--
+
+Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der
+Glorie der jungfraeulichen Unschuld, mit der Wehmut gekraenkter und
+doch verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das
+letzte Mal hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf,
+und eine Traene blitzte in seinem Auge; jetzt aber stiess er seinem
+Pferde beide Sporen in den Leib, dass es wuterfuellt kerzengerade
+aufstand; unwillkuerlich bog sich seine Hand nach dem Mund, er warf
+ihr einen herzlichen Kuss zu: "_Adieu mon coeur_!" rief er, und dahin
+flogen die Reiter; in einem Augenblicke war nichts mehr von ihnen zu
+sehen.
+
+ "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von
+ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zaertlich herauf--er warf einen Kuss
+herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grae-- konnte diese nicht auch im
+Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuss zugeworfen--Sie musste
+Gewissheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Graefin
+schon aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und
+schliefen. "Also mir, mir,--" laechelte das stillselige Maedchen vor sich
+hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo
+er gehalten, wo er ihr seinen Gruss, seinen Kuss zugewinkt hatte. Aber wie,
+konnte er nicht nach der Graefin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr
+seinen Kuss geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben musste,
+zu kraenken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief
+in seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er
+gegruesst, sie, sie war die Glueckliche; wie weit er sich auch verirrt
+hatte, sie fuehlte, dass sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog.
+
+Jetzt versank sie in angenehme Traeume; sie wiederholte sich, wie
+engelhuebsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht
+gut miteinander waeren, ihn recht auszuschmaelen, dass er sich nie vor
+ihr in der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschoen stand. So
+traeumte sie, das liebliche braeutliche Maedchen; sie ahnte nicht, welchen
+gefaehrlichen Gang der Geliebte ging und dass die Parze so schnell den
+Faden ihres Gluecks zerreissen koenne, dass dann das Herz, an dem sie so
+gerne ruhte, fuer immer ausgeschlagen haben wuerde, dass die kuehnen,
+liebespruehenden Augen schnell sich zu jenem eisernen Schlummer
+schliessen koennten, aus welchem auch die suesseste Stimme, das
+zaertlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DAS DUELL
+
+Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und liessen sie
+jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang,
+und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhaengen. Emils Brust
+erfuellte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe
+sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm
+und fluesterte ihm mit sanfter Stimme Vorwuerfe zu, dass er auch nur einen
+Augenblick habe an ihr zweifeln koennen; dann kamen wieder alle Qualen der
+Eifersucht ueber ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und
+Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist
+schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend naemlich, als
+Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen
+kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen
+sein muesse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick
+hineinzuwerfen, und ward weiss wie die Wand. Schweigend reichte er
+Ladenstein das Billett, und dieser las:
+
+"Du musst noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise
+abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir uebrigens an einem
+Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du
+eine Busenschleife? Willst Du ein Schnuerband von meinem Korsettchen?"
+
+"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen,
+"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich
+um mein Lebensglueck betrogen? Haette ich den Wisch da um eine Stunde
+frueher gehabt, ich haette den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt,
+dass er von seinem zaertlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!"
+
+"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es
+kommt hiebei sehr viel darauf an, dass du sie genau kennst."
+
+Emil musste gestehen, dass er noch nichts von Idas Hand gesehen; es
+koenne es ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die
+Adresse lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den
+Kopf dazu geschuettelt und gesagt, dass dieses Billett der ganzen
+Sache eine andere Wendung geben koennte; jetzt sei er aber schon einmal
+gefordert, und darum koenne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon
+gesprochen werden; nachher werde sich vielleicht manches aufklaeren.
+Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den
+Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: "Sie ist dennoch
+schuldig," entlockt.
+
+Der Alte reichte ihm die Hand hinueber und sagte freundlich ernst:
+"Urteile nicht zu fruehe! Du gehst einen gefaehrlichen Weg, nimm nicht
+die Schuld mit dir, ungehoert verdammt zu haben. Du bist der letzte
+Martiniz. Schlaegt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei
+mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du traegst. Du schlaegst dich
+fuer die Ehre einer Dame; so lange du fuer sie kaempfst, darfst du
+nicht an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke
+dir: das Maedchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu
+Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick uebermannt,
+dein zaertliches Lebewohl zuriefst--und du wirst freudiger streiten."
+
+Emil hoerte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den
+Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer
+des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein
+Ross zusammen und sprengte majestaetisch im kurzen Galopp an.
+
+Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und
+hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen
+angezogen, alles gewichst und gebuerstet, als ginge es zur Hochzeit; denn
+sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militaerische
+Wuerde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den
+strahlenblitzenden, in den schoensten Farben schimmernden Ulanen
+ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink
+das zivile Graefchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die
+Zuegel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine
+Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater
+ererbte Ehrensaebel glaenzten im Morgenrot; der ganze Mann hatte
+etwas Gewaltiges, Gebietendes, Koenigliches, das sie beinahe mit
+Ehrfurcht bewunderten.
+
+"Alle Teufel, wer haette das gedacht?" fluesterte Sporeneck. "Haette ich
+das gewusst--weiss Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder
+Rittmeister fuer einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich
+gewusst haette, dass er Soldat ist, dann waere es wohl etwas anderes
+gewesen."
+
+"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf,
+wie der behaengt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen
+und noch obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiss
+Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion! Das muss ein fixer Kerl sein."
+
+Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz
+gelassen und kaltbluetig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus.
+"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefaellig ist!"
+
+Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Aeusserung
+des Rittmeisters gehoert, dass, wenn er gewusst haette, dass der Graf
+Soldat waere, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben haette.
+Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren.
+Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen;
+man mass die Schritte ab, man schuettete frisches Pulver auf die
+Pfannen--fertig!
+
+Sporeneck hatte den ersten Schuss. "Nun, wenn es denn einmal sein muss,"
+sagte er, drueckte ab und--den Kalpak riss es dem Grafen von dem Kopf;
+mitten durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein
+sonderbares Feuer spruehte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole
+aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem
+Rittmeister und wehre ihm ab; zweimal setzte er an, zweimal liess
+er das Pistol wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem
+Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in demselben Augenblicke
+krachte es; Sporeneck schwankte und fiel.
+
+Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der
+Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig
+Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der
+Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter
+zur Stadt zurueck.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FINGERZEIG DES SCHICKSALS.
+
+Die Dragoner waren seit der Entdeckung, dass der Graf Offizier sei, die
+Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der
+Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da ueber die
+Geschichte fallen liessen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel
+merkte Martiniz und der alte Herr, dass der Rittmeister, indem er sich
+geheimer, von Ida erhaltener Beguenstigungen ruehmte, gewaltig gelogen
+habe. Von dem Duell war uebrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt
+geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem
+Tore fest, dass nicht etwa durch ihn etwas auskaeme; die uebrigen
+hatten sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten.
+
+Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Graefin im Mond gewesen und hatte
+heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten,
+er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Graefin
+Anstiften, ein Diener von Praesidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags
+hinueber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem
+blutigen Morgen, als dass er mit der Graefin, die ohnehin ihn immer sehr
+langweilte, haette konversieren moegen.
+
+Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein
+umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die
+Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil
+verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit
+ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiss Freude machen wuerde, zu
+besuchen. Sie gingen mit.
+
+In einem der letzten Haeuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die
+beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die
+uebrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie
+fluesterten etwas mit Schulderoff, das ungefaehr lautete, als sei der
+Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug,
+das nicht wohl fuer einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff
+besann sich aber nicht lange. Er erklaerte, dass er es auf die Gefahr
+hin, seinen Freund zu beleidigen, ueber sich nehmen wolle, die
+Fremden einzufuehren, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst
+noch gewuenscht habe.
+
+Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht
+entstellt, nur dass sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht,
+dass zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn
+der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und
+fasste dann hastig seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat
+von Sorben?" rief er. "Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der
+Graf die Aarstein heiraten?"
+
+Die Anwesenden waren alle hoechst betreten, als der Verwundete so aus
+der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es
+moechte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit
+wiederkaeme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte
+Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen
+sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant
+unwillkuerlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort:
+"Lass dich nicht von diesem da forttreiben, lieber Sorben, du kannst
+mir jetzt einen grossen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein
+Koffer, in diesem eine Kassette; lass dir von Schulderoff die
+Schluessel geben und schliess auf! Dort findest du ein Strumpfband mit
+goldenem Schloss--" er hielt inne, als ob er nachsaenne; der Graf aber
+trat in der hoechsten Spannung naeher, um jedes Woertchen zu
+verschlingen, das er sprechen wuerde,--"und richtig, _Honny soit qui
+mal y pense_ ist drauf gestickt: Das bringst Du der Graefin, sie hat
+den Kameraden dazu am linken Bein, und sagst, das sei das Band, um
+welches sie mir geschrieben habe, ich koenne heute nicht selbst kommen.
+Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei es nichts, ich habe es satt,
+dem sproeden Ding die Cour zu schneiden, nur um das Graefchen
+eifersuechtig--ja, halt, bei dem Grafen faellt mir ein--sage
+ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker,
+sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben
+wolle, so habe sie es mit mir zu tun."
+
+Erschoepft sank er auf die Kissen zurueck, als er so gesprochen hatte.
+Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so toericht
+gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister
+gefuehrt zu haben. Gern haette er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes
+gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der
+alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert,
+dass er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten
+Hoeflichkeit zu nahen. Die uebrigen Dragoner waren aber von beiden ganz
+entzueckt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie
+geehrt und gehoben fuehlten sie sich, dass ein Kommandeur der Ehrenlegion,
+ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der groessten Freundlichkeit
+"Herr Kamerad" titulierte.
+
+Es dauerte aber keine fuenf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von
+dem Alten gewonnen. Dieser fuehrte ihn naemlich in eine Ecke und machte
+ihm unter der Bedingung, dass er es nicht als Kraenkung aufnehme, die
+Proposition, ob er nicht fuer den Rittmeister, der jetzt doch so
+entfernt vom Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle.
+
+"Lieber Gott," sagte er, "ich weiss, wie es in der Garnison ist, habe
+auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit,
+dass man immer einen grossen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muss
+immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in
+Garnison liege, Herr Kamerad--ich denke, wir koennten darueber einig
+sein."
+
+Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, ruehrte
+den Leutnant zu Traenen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen
+als ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld,
+die Kameraden hatten auch kein Geld, und er waere am Ende genoetigt
+gewesen, sich an die Graefin zu wenden, und doch war ihm diese in der
+tiefsten Seele zuwider; lieber haette er sein Pferd verkauft--da kam
+ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwuenscht; es war so
+natuerlich und ehrenvoll angetragen, dass er ohne Bedenken einschlug,
+und von dieser Stunde an waere er, und wenn ihn Frau Mama, Fraeulein
+Sorben, die Graefin und alle Hoellengeister am Kollet gepackt haetten,
+fuer die beiden Fremden durchs Feuer gegangen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+LICHT IN DER FINSTERNIS.
+
+"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu
+Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der
+schoenen Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!"
+antwortete Emil nachdenklich--"dass er mit der Graefin in einem sehr
+unanstaendigen Verhaeltnis steht. Aber erklaeren Sie mir nur, was
+plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die
+Graefin Aarstein heiraten solle?"
+
+"Das will ich dir schwarz auf weiss zeigen," sagte jener und zog einen
+Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene
+Briefe, welche der alte Sorben an den aelteren Grafen Martiniz
+geschrieben hatte, um womoeglich eine Heirat zwischen Emil und der
+Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und
+duesterer wurden seine Zuege; der alte Herr ging indessen auf und ab
+und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: "Nein,
+das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit mir ein solches Spiel
+spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie
+dies alles zusammen?"
+
+Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich
+auf seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, dass ich
+sechzig Jahre habe und du zwanzig, dass ich also auch manches kaelter
+betrachte und darum schaerfer als du. Schon damals ahnte ich manches;
+jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles
+klar. Dass dich in diesen Briefen die Graefin durch den schlechten
+Kerl, den alten Sorben, zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hoert
+nun durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest
+hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zaertlichen
+Verhaeltnis mit Ida; dass der Graefin daran lag, dich oder vielmehr
+dein Vermoegen nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam
+sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehoerte aber auch, dass
+sie Ida von deinem Herzen losriss, und wie konnte dies besser sein als
+durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Graefin stand, wissen wir aus
+dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen,
+dem keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch
+gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du
+dich, dass er mir auftrug, der Graefin zu sagen, dass mit dem sproeden
+Maedchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan,
+Freundchen; so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst
+du nun dazu?"
+
+Ganz versunken in Schmerz und Wehmut sass der Graf neben ihm. Er hatte
+sein Gesicht in das Taschentuch gedrueckt und weinte heftig. "O Ida,
+wie tief habe ich dich beleidigt!" fluesterte er. "Was war ich fuer
+ein Tor, wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen!
+Wie war ich so grausam und konnte das gute, sanfte Engelskind, das
+mir so gut war, das mich so lieb hatte, so tief kraenken und
+beleidigen!"
+
+Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil moechte, wenn die Reue sein
+Gemuet zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem
+ihn das Maedchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann
+man alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich
+ist nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter
+Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut
+machen!" Und nun setzte er dem Grafen auseinander, dass er sich so bald
+als moeglich mit seinem Maedchen versoehnen muesse; aber dabei duerfte
+er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wie viel er diesem Maedchen
+schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder ausgesoehnt habe,
+wie sie nachher, erhaben ueber alle moegliche falsche Deutung, jenes
+unglueckbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt, wie sie mit
+unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn zu zerstreuen und
+zu erheitern. "Wahrlich," schloss er, "diesem Maedchen bist du mehr
+schuldig, als dass du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister
+abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig,
+so sehr sich auch," setzte er schalkhaft laechelnd hinzu, "so sehr sich
+auch dein Herz dagegen straeuben mag!"
+
+Es hat selten ein geistlicher Witwentroester, wenn er auch noch mit
+zehnmal groesserer Salbung sprach, mit so grossem Effekt sein "Amen,
+gehe hin und tue also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben
+dem Grafen. Die Traenen waren schnell getrocknet von den gluehenden
+Strahlen, die aus dem dunkeln Auge spruehten; ein holdes Laecheln
+spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklaert, er
+sprang auf, er ergriff die Haende des guten Alten und presste sie an
+sein lautpochendes Herz, an die gluehenden Lippen. "O, wie Herrliches
+verheissen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein
+Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein vaeterlichen
+Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe haetten wir das
+Inkognito des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und
+Dinge geplaudert, die jetzt noch verschwiegen werden muessen. Der
+alte Herr schloss Emil in die Arme und ging dann an die Tuere:
+"Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile die Freude deines Herrn;
+er will Hochzeit machen, und das so bald als moeglich!"
+
+Der alte Diener machte ein sauersuesses Gesicht, als ob er ein
+Rhabarbertraenklein im Mund haette und sollte es als den trefflichsten
+Xeres loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muss ich ja gra--tulieren!"
+"Nun wie, alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht
+zu freuen? Gefaellt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr
+erlesen?"
+
+"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schoen, die Frau Graefin--"
+
+"Wer spricht denn von der Graefin?" sagte sein Herr, "Fraeulein Ida
+meinen wir!"
+
+"Was?" rief der alte Diener und gebaerdete sich wie wahnsinnig; denn
+jetzt hatte er wirklich suessen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind?
+Also hat Gott Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fraeulein Ida soll meine
+Frau Exzellenz werden? Hurra, das ist einmal schoen!"
+
+Man musste seinem Jubel Einhalt tun; er waere sonst spornstreichs durch
+die Strassen gerannt und haette die Nachricht an allen Ecken verkuendigt.
+Das helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen;
+er kuesste dem alten Herrn und dem Grafen die Roecke, und beiden war es
+ein neuer schoener Beweis, wie das Maedchen Wunderhold alle Herzen
+bezauberte; hatte sie ja doch, die holde Fruehlingssonne, den alten,
+eingeschnurrten, winterlichen Eisbaeren aufgeweicht und zum tollenden
+Kinde gemacht.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+REUE UND LIEBE.
+
+"Und nun noch eine Bitte," sagte der glueckliche Graf zu seinem Retter
+und Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage
+her so wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen
+habe,--lassen Sie es mich heute noch gut machen!"
+
+Der alte Herr meinte zwar, es moechte heute schon zu spaet sein, und er
+solle seine Ungeduld bis morgen zuegeln; aber der Graf bat immer
+dringender. "Kann ich es dulden, dass sie noch eine Nacht mir boese ist,
+dass sie auch nur noch eine Traene ueber mich weint? Nein, heute abend
+noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo
+die Graefin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich
+lauert, macht sich eine solche Versoehnung nicht gut. Sie muessen mir
+schon dazu helfen. Gehen Sie hinueber! Wenn ich nicht irre, hat Ida
+versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach, wenn
+sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu
+genieren."
+
+"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes
+Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und
+haemmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das
+Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt
+oder nicht. Aber das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen
+und dein Kollett an, den Familienehrensaebel umgehaengt, dass du auch
+etwas gleichsiehst! darfst dich weiss Gott, vor Koenig und Kaiser
+darin sehen lassen; darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Maedchen
+zum ersten Male ans Herz drueckst!"
+
+"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen
+Saebel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das
+unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Graefin kam dazwischen,
+als ich schon den Mund zum ersten Kuesschen spitzte."
+
+"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte
+Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muss ausgekuesst werden,
+und wenn eine Kartaetschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es
+wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts
+Schaedlicheres und Fuerchterlicheres als ein unterbrochener Kuss."
+
+Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das
+Reglement des alten Herrn zu halten.
+
+In Praesidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von
+Ladenstein hinueber kam. Die Graefin wollte ihn sogleich ins Gebet
+nehmen und schmaelen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber
+gab ihr kurz zur Antwort, dass die Bewohner des Mondes und einige
+andere Herren auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob
+man doch keinen Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen
+ueber ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber dachte: "Lache du nur immer
+zu; wenn du wuesstest, wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen
+worden ist, du wuerdest nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht
+am besten!"
+
+Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien
+zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan,
+dass er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus,
+das sie, weil sie der Graefin Platz machen musste, einstweilen bewohnte.
+Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur
+keinen falschen Schluss auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein,"
+sagte sie; "aber die Graefin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt,
+und besonders mir kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich
+aus meinen vier Waenden, die ich so huebsch eingerichtet hatte,
+herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier heraufzog."
+
+"So, das hat die Graefin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer
+aufging, dass jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad
+notam_, um den Grafen noch mehr zu ueberzeugen. Sie schloss jetzt ihre
+Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergass auf
+einige Augenblicke, dass er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen
+wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewoehnlichen
+Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man
+die grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer
+schoenen Hand waren, "wunderschoen und genial gedacht" fand; er hatte
+hundertmal gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie
+endlich so gemein wuerde, dass ein jeder Sudler ein Raphael oder jede
+Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude
+Lorrain wuerde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts uebersudelt
+oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem
+Fleiss behandelt, mit einer Sorgfalt ausgefuehrt, die man leider
+heutzutage selten mehr findet und die man gerade an den groessten
+Kunstwerken alter Meister so hoch schaetzen muss.
+
+Des Maedchens traenenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten
+verliess, heiterte sich unwillkuerlich auf, als sie sich von einem so
+tiefen Kenner, als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar
+bewundert fand; er stiess auf Kartons, zu denen sie sich als
+Urheberin bekannte, und sie waren alle meisterhaft; er wandte das
+letzte Blatt in der Mappe um und hielt ueberrascht inne; sie wollte
+ihm die Zeichnung entreissen, sie bat, sie flehte--es half nichts;
+es war ein zu bedeutendes Aktenstueck, als dass er es haette
+unbetrachtet aus den Haenden gelassen. Es stellte eine ihm
+unbekannte Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei
+Gott, bis zum Sprechen aehnlich--Emil; der tiefe, wehmuetige Ernst,
+der sonst in seinen Zuegen lag, war herrlich aufgefasst und
+wiedergegeben. Man fuerchtete, wenn man in diese Zuege sah, ein
+namenloses Unglueck zu erfahren, das auf den feinen Lippen schwebte:
+zur Seite standen zwei Maenner, wovon er nur den einen kannte, es war
+der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als malerischen
+Gesicht war die ehrliche Gutmuetigkeit, die innige, ergebungsvolle
+Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich ausgedrueckt;
+weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im Schatten
+standen, kaum fluechtig angedeutet waren; doch glaubte er in der einen
+die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war ausser der
+Aehnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen
+auch die Verteilung des Lichtes hoechst genial ausgefuehrt; es war
+naemlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer truebe
+brennenden Laterne aus, so dass nun die wunderherrlichen Licht- und
+Schattenpartien, das Verschweben der Helle im Dunkel auf ergreifende
+Weise angegeben war.
+
+Die Zeichnung an sich haette seine innigste Bewunderung erregt; aber er
+kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die
+Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die
+Retterin seines geliebten Juenglings; geruehrt sah er zu ihr herab; auch
+sie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie
+sie ihn erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, dass der, den sie
+rettete, der nachher, aufgeloest von Dankbarkeit, nur ihr gehoert hatte,
+dass dieser auf die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?
+--Sie stand, das holde Amorettenkoepfchen tief gesenkt, voll Wehmut da;
+Traene um Traene stahl sich aus ihren Augen und rieselte ueber die
+Wangen herab.
+
+Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer.
+Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Traenen in Laecheln
+verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da,
+den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder
+gut machen."--
+
+Sie sah fragend an ihm hinauf und schuettelte dann wehmuetig laechelnd das
+Koepfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein
+Ende." Er aber liess sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir
+diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muss heran
+und muss wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--"
+
+Das Maedchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen
+Wehmut und Unmut kaempfend, "ich haette nicht geglaubt, dass Sie--"
+
+"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muss ich Ihnen den Glauben in die
+Haende geben." Damit schritt er zur Tuere und riss sie auf.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+VERSOEHNTE LIEBE.
+
+Das Maedchen war sprachlos vor Staunen; es wusste nicht, wie ihm geschah,
+und traute seinen Augen nicht. In glaenzender Uniform, schoen und
+freundlich wie der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zaertlichkeit
+lag Emil vor ihr auf den Knien, hatte ihr Haendchen gefasst und presste
+heisse, gluehende Kuesse der Liebe darauf, Sie wollte die Hand
+zurueckziehen, sie zog ihn mit herauf, und ehe sie sich es recht
+versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah sich mit einem
+blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um; doch der
+schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute unverwandt
+durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum recht
+versah, lag sie in des Grafen Armen, fuehlte sie seine Lippen auf
+ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuss, das ist ein Kuss!"
+
+Und nun bat der arme Suender um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die
+Graefin so eifersuechtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der
+Rittmeister mache aeltere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung
+der Graefin die Cour gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark
+versuendigt, aber sie liess ihn nicht weiter reden; mit dem ersten
+Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer verschwunden. Sie legte ihm das
+weiche, zarte Flaumenhaendchen auf den Mund und wisperte ihm erroetend
+zu, dass sie alles vergeben und vergessen wolle; und jetzt ging es
+von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Kuesschen zum Zeichen
+der Vergebung, dann den groesseren Versoehnungskuss, dann einen langen
+dito, dass sie ihm nimmer boes sei, dann einen noch laengeren, dass sie
+ganz gewiss nimmer zuerne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis,
+dass er morgen zum Papa gehe und um sie anhalte.
+
+"Aber Kinder, es wird spaet," sprach endlich schon zum drittenmal der
+alte Herr und tippte Ida auf das Aermchen, das den reuevollen Geliebten
+umschlungen hielt, dass sie erschrocken und ueber und ueber bepurpurt
+aufsprang und nicht wusste, wohin sie sehen sollte; denn an diesen
+Zeugen hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder,
+es wird spaet, und die Bilder koennten alle schon zehnmal gezeigt sein;
+wir muessen hinunter zur Gesellschaft."
+
+"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war,
+herabzusteigen in einen nuechternen irdischen Tee."
+
+Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, dass er morgen recht
+bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinueber zu spedieren,
+und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch
+nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuss musste er gestatten. Er
+wuerde in zwoelf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift
+eingegeben, und jetzt endlich trennte man sich.
+
+Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf
+und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Koepfchen und
+draengten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr
+recht klar und deutlich, dass sie recht gluecklich, unendlich glueckselig
+sei, dass er sie gek-- Sie erroetete vor dem Gedanken, und dennoch
+spitzte sie das Maeulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie
+sie es gemacht hatten, dass es so wundersuess schmeckte.
+
+Nein, so ging es nicht, sie musste sich zusammennehmen, ehe sie zur
+Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals
+fallen und ihnen ihr stilles Glueck verkuenden. So ging es nicht, da
+musste man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen
+Spiegel und probierte recht ernsthafte oder gleichgueltige Gesichter;
+aber sie mochte es machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein
+lustige Koepfchen mit einem spitzigen Maeulchen aus dem reinen, hellen
+Glas. Endlich schalt sie sich selbst recht aus, nannte sich einen
+Kindskopf, einen Wildfang und alles moegliche, und siehe, da ging
+es endlich; mit dem gleichgueltigsten Gesicht von der Welt trat sie
+wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die
+gleichgueltige Miene, bis man sich verabschiedete.
+
+Doch nein, einmal waere sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu
+beissen und zu schlucken, dass kein Kichern hervorkam.
+
+Die Graefin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre
+Gesellschaftsdame spielte, dass der Graf heute sich gar nicht habe sehen
+lassen. "Das verzeihe ich ihm in den naechsten zwei Tagen nicht," setzte
+sie prezioes hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die
+verberstet vor Neid," waehrend es nur unterdruecktes Lachen war, was dem
+lustigen Amorettenkoepfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen frueh
+mich zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht
+angenommen, und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht
+machen, dass er nicht mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu
+negligieren."
+
+"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" laechelte Fraeulein von
+Sorben mit einem schadenfrohen Blick auf Ida.
+
+"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte
+sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE FREIWERBER
+
+Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem
+Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte
+Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam
+noch nicht. Dass der Vater ihn erwarten wuerde, wusste sie wohl; denn der
+Graf hatte sich anmelden lassen; aber sie fuerchtete, der Praesident
+moechte uebler Laune werden, wenn er so lange warten muesse. Ihr Herzchen
+pochte so ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren
+Wangen, der braeutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung.
+Es kann aber auch fuer ein Maedchen keine erwartungsvollere Stunde geben
+als die, wenn der Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein
+Maedchen anzuhalten. Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung
+wechseln dann auf dem lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer,
+wohl auch ein leises Gebet entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum
+erstenmal geteilt ist zwischen der Anhaenglichkeit an die Eltern und der
+Liebe zu dem, der sie zu seinem Frauchen machen will.
+
+Zwar konnte Ida nicht zweifeln, dass der Vater diese Partie fuer sie sehr
+anstaendig finden wuerde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den
+Dienstverhaeltnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der
+allerhoechsten Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen
+fuer eine andere bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie
+hatte vom Hofrat gehoert, dass es einen solchen gebe, einen aeltlichen,
+etwas graemlichen Mann, von dem der Graf sehr abhaengig sei; wird er
+auch seine Einwilligung geben?--
+
+Auch vor der Graefin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph
+darin, die Gegnerin, die alle Hoellenkuenste aufgeboten hatte, Emils Herz
+von ihr abzureissen, ueberwunden zu haben; aber sie scheute sich doch
+beinahe ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute,
+zu sehen, was sie fuer ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es
+ankuendige.
+
+Endlich--ja, er war es; in seiner glaenzenden Uniform wie gestern trat er
+heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte,
+als sie sich bei Hof praesentieren liess, einmal einen ....schen Gesandten
+gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener
+Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm ueber die Brust quer herab,
+auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das
+muss doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida
+und machte grosse Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus."
+
+Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Tuere; gewiss wollte Emil
+noch einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr
+willkommen. Aber so freundlich er laechelte, so war es ihr doch, als
+koenne sie heute nicht so ungeniert sein als frueher. Sie machte einen
+tiefen, tiefen Hof- Gala-Knix, als er so bebaendert, besternt und
+uebergoldet zu ihr eintrat, und wusste nicht gleich recht, wie sie ihn
+empfangen sollte; er aber lachte ihr gerade ins Gesicht: "Ich weiss
+wohl, woran es liegt, dass mich Fraeulein Ida nicht empfaengt wie
+einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das haette ich
+doch nicht gedacht, dass sich eine junge Dame dadurch gleich so
+einschuechtern liesse!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst
+recht aus, dass sie ihn so steif und foermlich wie eine ungeheure
+Respektsperson empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den
+Divan und erzaehlte, dass Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung
+vor dem Papa stehe und sie hoffentlich recht bald als Braeutchen
+umfangen werde.--
+
+Das Maedchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen
+Braut nennen hoeren, es war ihr ein so ungewohntes Woertchen, und doch
+kam es ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht braeutlich zu Mut.--
+
+Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und
+Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz
+angetan, um damit dem Herrn Papa-Praesidenten, wenn er etwa noch einiges
+Bedenken tragen sollte, ueber den Hals zu fallen.
+
+Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hoerte, dass es
+denn doch fehlen koenne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht
+so bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schoen bitte;
+aber der Onkel--"--"Nun, was fuer ein Onkel ist denn das?" fragte
+Ladenstein aufmerksam und neugierig.
+
+"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar
+boeser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die
+Laenge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen
+Grafen und seine Verhaeltnisse kennt, gesagt; von ihm haengt Emil ab; denn
+er soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch
+sehr viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Ruehrung in
+Ladensteins Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfaehrt," setzte sie
+traurig hinzu, "wenn er dem Grafen eine Schoenere, eine Bessere
+ausgesucht haette, wenn er _nein_ sagt--"
+
+"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie
+der alte Herr voll wunderbarer Ruehrung.
+
+"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren wuerde; ach, wenn
+man nur den erweichen koennte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter
+Traenen laechelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar
+eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu
+ausersehen, dass Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche,
+die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich fuer den
+alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, dass ich seinem
+Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen,
+und Sie kennen den alten Herrn gewiss--so zeigen Sie ihm die Gruppe da,
+sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen
+Wahn befreite; wollen Sie?"
+
+Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Traenen
+rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief geruehrt, dass er
+nicht sprechen konnte; er fasste ihre Hand und zog sie an seine Lippen.
+Endlich fasste er sich doch wieder; er wischte die Traenen hinweg, er war
+freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder.
+
+"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er laechelnd, "ich kenne
+ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, dass ich sein innigster--bester
+Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Toechterchen, der Alte schlaegt mit
+Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er
+es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstueck sein."
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+FORTSETZUNG DER FREIER.
+
+Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stuermischer Eile Ladenstein
+zum Praesidenten hinabrief. Dieser ging und liess die beiden allein.
+Emil sagte seinem Maedchen, dass der Papa durchaus nicht abgeneigt
+scheine; nur habe er bange, was der Hof dazu sagen werde. Er fuer
+seinen Teil koenne diese Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar
+gehe es den Hof nicht im mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida
+konnte wohl ahnen, was ihr Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen
+des Hofes verstand; aber sie scheute sich, den Geliebten darueber zu
+belehren. Es waere aber auch Suende gewesen, ihn in seinem Glueck zu
+stoeren. Er sass so selig neben dem braeutlichen Maedchen, er war so
+trunken von Wonne und Glueck, dass er nichts anderes mehr zu hoeren und
+zu denken schien als sie.
+
+Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Maedchen.
+Ihr Auge glaenzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige
+Fruehrot der braeutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Laecheln,
+das bald Verlegenheit ueber den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald
+Wonne und Freude verriet.
+
+"Mein holdes, einziges, mein braeutliches Maedchen," rief der glueckliche
+Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut
+hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und
+barg ihr tief erroetendes Koepfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm
+Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen,
+das schoene Haar mit seinen Ringelloeckchen zu betrachten und in den
+herrlich gewoelbten Nacken, so rein und weiss, so glaenzend wie
+aus Wachs geformt, niederzublicken, so machte ihm doch die
+Kehrseite mehr Freude. Er fasste das Engelskoepfchen an dem
+sanften Kinn und hob es aufwaerts. Wie mild, wie treu blickten
+ihn diese Augen an, wie wuerzig woelbten sich die Purpurlippen ihm
+entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er presste sie an
+sich und sog in langen, langen Kuessen das suesseste Leben in sich ein.
+
+Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut
+gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle
+Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen,
+bis hinab in den grossen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als
+sollte sie, aufgeloest in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen
+und hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schaemen und schalt
+sich wieder aus ueber die Torheit; denn es war ja ihr Braeutig--; nein,
+das fiel ihr eben siedendheiss ein, es war noch nicht ihr Braeutigam,
+Papa hatte ihm seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte
+sich doch nicht so recht; sie wand sich verschaemt aus seinen Armen
+und wollte eben sagen, dass er doch ein wenig einhalten--
+
+Da ging die Tuere auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den laechelnden
+Praesidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere,"
+rief er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres
+Vaters. Sie weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine
+Wangen und kuesste ihn und war ein so munteres, woehliges Kind, als
+habe er ihr eine huebsche Puppe zum Weihnachten oder als
+Geburtstagsangebinde geschenkt.
+
+Auch Emil war aufgestanden und zum Praesidenten getreten. Er fragte ihn
+voll Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen.
+
+Der Praesident laechelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine
+Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, dass er sich
+schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus
+kein Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen waere."
+
+Die Gluecklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater,
+den guten Ladenstein, ja, es schien fast, als moechten sie noch mehr
+Zeugen ihres Glueckes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der
+Hochzeit; der Graf wollte lieber heut als morgen und haette gerne
+sein liebes Braeutchen nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins
+Muenster gefuehrt. Aber dagegen straeubte sie sich selbst. Sie sah gar
+zu naiv aus, als sie so ernsthaft sagte--"Nein, wenn es einmal sein
+muss, so muss es auch recht sein. Im Hausueberroeckchen traut man kein
+reputierliches Fraeulein." Der Praesident stimmte bei; er sagte: "Sie
+haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt hinlegen koennten,
+keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!"
+
+Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr
+ist viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen
+koennten, da habe ich ein so anstaendiges Plaetzchen ausersehen, wie
+man es nur wuenschen kann. Da ist--" er zog eine grosse Schreibtafel
+hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein
+gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloss und Herrschaft
+Gross-Lanzau, drei Viertelstunden von hier, angekauft fuer den Herrn
+Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim
+zur Morgengabe uebermacht, kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm
+gefaellig ist."
+
+Die drei machten grosse Augen. Emil stuerzte dem alten Herrn an den
+Hals. "Mein teurer vaeterlicher--"
+
+"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm
+die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur
+den Geschaeftstraeger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da
+ist!"--"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "dass ich ihm
+danken kann fuer seine unendliche Guete?"
+
+"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine
+Traene der Ruehrung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude
+an seinem holden Toechterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem
+Namen kuessen." Er gab ihr einen recht vaeterlichen Kuss auf die schoene
+Stirne.
+
+Der Praesident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je laenger er
+las, desto groesser und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll
+faltete er die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das
+ist zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Gross-Lanzau
+mit dem schoenen, neuen Schloss, ganz durch und durch elegant
+ausmoebliert, mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit
+Waeldern und Feldern, weiss Gott, seine zweimalhunderttausend Taler
+unter Bruedern wert, nein, bedenkt auch noch--"
+
+"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen
+von dem Zeug! Ihr wisst, der alte Martiniz kann es geben und gibt es
+gern. Da ist auch noch etwas in den Papieren fuer das liebe Braeutchen,
+naemlich ein kleines Schloesschen, hart am Fluss, ein Stuendchen von
+hier. Man hat mir gesagt, dass Idchen immer gerne an jenem Plaetzchen
+gewesen sei, und deswegen hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte
+erb- und eigentuemlich zum Brautgeschenk uebermacht."
+
+Voll freudigen Schreckens schlug das Maedchen die Haende zusammen. "Doch
+nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete
+Ladenstein und ueberreichte ihr die Schenkungsakte.
+
+Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem grossen Brief im Zimmer
+umher wie naerrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes,
+herziges Blauenstein!" dass die drei unwillkuerlich ueber die
+possierliche Freude des Maedchens lachen mussten.
+
+Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schoeneres sehen als dieses
+Blauenstein. Ein allerliebstes Schloesschen mit fuenf bis sechs elegant
+eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem
+schoenen Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des
+Schloesschens, gegen den schoenen Fluss geoeffnet, und eine
+paradiesische Aussicht hinueber in Taeler und Berge--und dieses
+lauschige, liebliche Plaetzchen ihr ganz eigen, ihr, dem froehlichen
+Braeutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil--gewiss,
+ein solcher Gedanke haette manche andere tanzen gemacht!
+
+ Und jetzt hatte der Praesident auch nicht das geringste mehr
+ einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des erroetenden
+ Maedchens auf die naechste Woche festgesetzt. Heute abend aber
+ wollte Papa Praesident grosse Gesellschaft geben und dort das
+ junge Paar als Braut und Braeutigam praesentieren.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE SOIREE.
+
+"Was aber der Praesident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als
+jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden.
+Die meisten dachten, es geschehe der Graefin Aarstein zu Ehren, bei
+welcher er sich auf alle moegliche Weise zu insinuieren suche, um
+spaeter einmal Minister zu werden.
+
+Als man aber abends in den Salon des Praesidenten trat, wurde man noch
+mehr von diesem "Dicketun" ueberzeugt. Ausser den prachtvollen
+Luestres, die gewoehnlich bei Gesellschaften angezuendet wurden, war
+eine ganze Galerie der geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze
+angebracht, und Walratlichter, so durchsichtig und klar wie Glas,
+eine ganz nagelneue Erscheinung fuer Freilingen, strahlten ein
+Feuermeer von sich. Die Waende waren mit Festons von Blumen und
+gruenen Zweigen geschmueckt, die sich in den deckenhohen Spiegeln zu
+einem ganzen Wald von Kraenzen und Girlanden vervielfaeltigten. Ein
+ganzer Hausrat der praechtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher,
+Platten, Schuesseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen
+Figuren in tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an
+Bestecken und Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermaenniglich
+war erstaunt ueber diese Pracht.
+
+Einige aber, die feinere Nasen hatten als die uebrigen, legten die
+Finger daran und kluegelten hin und her, was dies alles zu bedeuten
+habe; denn man wusste so ziemlich allgemein, dass der alte Sanden ohne
+Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstaende mache. Doch aus
+seinem Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er in petto habe,
+Er empfing seine Gaeste hoechst freundlich, aber zeremonioes, sprach
+mit keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich ueberall und allen
+mit. Die Graefin--nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als
+ob ihr das Fest gehoere; denn sie war wie gewoehnlich prachtvoll, aber
+nicht gerade festlich gekleidet.
+
+Die einzigen von allen Gaesten, die mit ihren Erwartungen so ziemlich
+am naechsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine
+Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des
+Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, dass der
+Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr
+ueber die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte,
+entschluepfen wuerde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehoeren soll,"
+hatte Schulderoff geaeussert, "so goenne ich sie am liebsten dem
+Martiniz; er ist Soldat und, das muss man ihm lassen, brav wie der
+Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte, als
+waere es ein Schneegloeckchen; so kalt und fest habe ich in meinem Leben
+keinen sich schiessen sehen. Und am Ende hatte er doch recht; denn
+Sporeneck raesonierte doch ueber die Ida, dass es mir selbst das Herz
+im Leibe hat zerreissen wollen. Das kommt aber von niemand her als von
+der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel
+modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit
+ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und
+nebenbei auch von der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann
+ergrimmt ist, der nicht von ihren Reizen hingerissen wird."
+
+So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die
+Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache veraendert.
+
+Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem
+festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Graefin
+hatte den groessten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie
+muesse doch vielleicht die Koenigin des Festes sein. Es fehlte niemand
+mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Graefin suchte
+vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine
+tuechtige Schelte einstudiert, um ihn fuer seine Vernachlaessigung zu
+strafen; ueberhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken
+aufgedraengt--der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen, dem
+sie so merklich als moeglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war
+zwei Tage gar nicht fuer sie sichtbar; sie wusste, dass er heute im
+Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister--der
+war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterboese auf ihn. Im
+ganzen war er ihr gleichgueltig; denn ihre Neigungen waren sehr
+fluechtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem
+interessanter, und sie gestand es sich selbst, sie haette ein
+Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe war,--aber dennoch sollte der
+Rittmeister noch immer der _Cavaliere servente_ sein, und dennoch
+konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu
+lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die uebrigen Offiziere
+aeusserten, so haette er wenigstens ein Billett an sie hinterlassen
+koennen--aber sie wollte es ihm entgelten.
+
+Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die
+fuerchterlichsten Flueche, dass er sich jemals in die Dienste dieser
+Sirene begeben habe.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DIE BRAUT.
+
+Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich
+noch manches fuer die Bewirtung zu sorgen und zu ruesten. Endlich--der
+Praesident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die
+Tuere auf, ein allgemeines Fluestern der Erwartung rauschte durch den
+Saal--herein trat ein grosser, aeltlicher Herr in reicher, praechtiger
+Kleidung, mit Sternen und Orden besaet--wir kennen ihn schon--, an
+seinem Arm ein holder; verschaemter Engel voll Huld und Anmut,
+demuetig und doch voll wunderbarer Majestaet--Ida.
+
+Aber wie _das_ Maedchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte
+noch nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den
+Schwanenhals ein Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem
+Saal, aber sie schwuren hoch und teuer, mit den fuerchterlichsten
+Fluechen, er sei unschaetzbar und nicht in diesem Lande gekauft! Im
+zierlich geordneten Haar einen Solitaer--die Graefin haette heulen
+moegen, dass sie den ihrigen hatte in der Residenz lassen muessen--er
+war in Kost und Logis bei Salomon Moses Soehnen und doch haette er
+gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkenspruehende Kraft _dieses_
+Steins verbleichen muessen!
+
+Hatten die Gaeste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen
+angestarrt, so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen
+Star zu bekommen; denn jetzt trat der Praesident ein, an der Hand
+fuehrte er einen Juengling, hoch und schlank, in prachtvoller,
+pompoeser Uniform, den Diamantorden auf der stolz gewoelbten Brust,
+an der Seite einen mit flunkernden Steinen uebersaeeten Saebel, in
+der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein Familienstueck, von
+Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschaetzt wurde; der
+Praesident mit seinem strahlenden Juengling trat naeher, es war Emil.
+
+Der Kreis der erstaunten Gaeste oeffnete sich--der Praesident empfing
+aus Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Paerchen in den
+Kreis--die Graefin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoss wuetende
+Blicke auf die drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden
+neigte sich Ida, das Engelskind, und erroetete ueber und ueber; der
+Graf aber schaute froehlich, stolz mit seinem siegenden Glutblick im
+Kreise umher, der Praesident verbeugte sich und begann: "Verehrte
+Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein glueckliches Ereignis meines
+Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich heute verlobt mit dem
+Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe Stille; man haette
+eine Muecke koennen trappen hoeren--unwillkuerlich flogen die Blicke
+der erstaunten Gaeste nach der Graefin; denn _sie_, _sie_ musste ja
+nach ihren Kalkuelen die Braut sein; dann oeffneten sich die Schleusen
+der Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen
+Lobpreisungen brach ueber die Dame herein; man hoerte sein eigenes Wort
+nicht, so gingen wie in einer Windmuehle, wenn der Nordost blaest, die
+Maeuler und Maeulchen.
+
+Endlich fand auch die Graefin Worte; sie hatte, das uebersah sie mit
+_einem_ Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet
+zurueckzuziehen und dem Feind, wo sie eine Bloesse erspaehen koennte,
+noch eine tuechtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was
+sie wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wuenschte ihr
+Glueck zu ihrer Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu
+und wollte freundlich aussehen, obgleich ihr das gruene Neidfeuer aus
+den Augen spruehte und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiss ich
+nicht, ob ihr ganz klug getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiss,
+aus keinem alten Haus, und Sie selbst, Graf, muessen wissen, wie Ihr
+Oheim; der Minister, darueber denkt; wenigstens so viel ich mir von
+ihm habe sagen lassen, wird er diese Verbindung nun und nimmermehr
+zugeben."
+
+Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, dass
+nur boeslicher Wille und Neid die Graefin so sprechen lasse; das Wasser
+schoss ihr in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick
+auf Ladenstein und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst,
+beinahe hoehnisch, der Graefin zu; Emil aber sagte ganz kalt und
+gelassen: "Wissen Sie das so gewiss, gnaedige Frau?" Diese Gleichmut
+reizte sie noch mehr; eine hohe Roete flog ueber ihr Gesicht, die Augen
+strahlten noch tueckischer. "Ja, ja, das weiss ich gewiss," rief sie,
+"ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat von Sorben, hat mir ueber
+diese Sache hinlaenglich Licht gegeben, dass ich weiss, dass er diese
+Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!"
+
+"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme
+hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der
+sie mit einem hoehnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen
+Blick nicht aushalten und mass ihn daher mit stolzem Laecheln, hinter
+das sie ihre Wut verbarg, von oben bis unten. "Das muesste doch sehr
+schnell gegangen sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf,
+"noch vor fuenf Tagen lauteten die Nachrichten hierueber ganz anders;
+der Herr von Sorben sagt mir--"
+
+"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig.
+
+"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem
+Mann wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdruecken zu sprechen;
+wie koennen _Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--"
+
+"Er steht vor Ihnen, gnaedige Graefin," sagte der alte Herr und beugte
+sich tief, "ich heisse--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von
+Ladenstein-Martiniz."
+
+Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des
+Oheims, vergoss Traenen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich
+nach Worten, ihr Entzuecken auszusprechen. Die Graefin stand da, wie
+zu einer Saeule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem
+hatte, auch Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend
+als moeglich wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wuensche ich
+doppelt Glueck, dass ich mich geirrt habe. Haette es Sr. Exzellenz
+frueher gefallen, seine Maske abzunehmen, so wuerde ich Ihr Glueck
+auch nicht auf einen Augenblick gestoert haben."
+
+Sie ging, von aussen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wuenschte in
+ihrem wutkochenden Herzen alles Unglueck auf das Haupt der unschuldigen
+Ida. Wuetend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in
+einer Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken
+erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist
+Ihr sauberer Herr Onkel schuld, Fraeulein Sorben," rief die Wuetende,
+"warum hat er uns mit falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns
+nicht gesagt, dass der alte Narr hier herumspukt unter falschem Namen?
+O, ich moechte--" Der orangefarbene Teint von Fraeulein Sorben war ins
+Erdfahle uebergegangen; sie hatte die stille Wut und machte sich hie
+und da nur durch ein unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle
+Traenenwasser in den Augen stand.
+
+"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein
+Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen moegen sie ziehen, und das
+Affengesicht, den naseweisen, duerren Backfisch, moegen sie mitnehmen und
+dort meinetwegen fuer Geld sehen lassen!"
+
+"Ach, das ist ja gerade das Unglueck," seufzte Frau von Schulderoff,
+"dass wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie
+der alte Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk,
+erfahre ich soeben, hat er ihnen Gross-Lanzau und das freundliche,
+nette Blauenstein gekauft!"
+
+"Gekauft?" presste die Graefin zwischen den Zaehnen, die sie ganz
+verbissen hatte, heraus, "gek--"
+
+"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen
+geschenkt; ob man etwas Tolleres hoeren kann!"
+
+"Das fehlte noch!" knirschte die Graefin und rauschte weiter.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+PRAELIMINARIEN.
+
+Indessen war Ida gluecklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim.
+Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen graemlichen, alten Herrn
+vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glueck noch
+gestoert hatte. Sie wusste ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn
+betrueben wuerde, wenn jener sein Verhaeltnis zu Ida unguenstig
+ausnaehme. Und jetzt-- nein, sie wusste sich nicht zu fassen vor lauter
+Seligkeit! Der freundliche, guetige Ladenstein hatte sich wie durch
+einen Zauberschlag in die gestrenge Exzellenz den Minister Grafen von
+Martiniz verwandelt, und doch blieb er so freundlich, vaeterlich,
+traulich wie zuvor; sie wusste nicht, wem von beiden sie das nette,
+lustige Amorettenkoepfchen zuwenden sollte. Sie lachte und tollte, gab
+verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnaebelchen
+gewachsen war. Es war das glueckseligste Kind, die holdeste,
+vollendetste Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Braeutchen unter
+der Sonne in _einer_ Person.
+
+Einer der Gluecklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst
+war er zurueckgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen
+und schnurstracks zu Praesidents, und das erste war, als er in den Salon
+trat, dass er hoerte, wie der Praesident seine Kinder praesentierte; er
+haette moegen aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten
+treuen Herzens. "Das ist _mein_ Werk," laechelte er vor sich hin, "ganz
+allein mein Werk; es konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal
+eingefaedelt war." Aber wie riss er die Augen auf, als er von einer
+Graefin Aarstein, von einem alten Grafen Martiniz, welche auch hier
+seien, hoerte. "Nun, da muss es was Tuechtiges gesetzt haben," dachte
+er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst."
+
+Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich
+dem alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und
+Ratgeber ihrer Liebe erzaehlt. Ida gestand ihm, dass sie ihn oft
+schmerzlich vermisst habe; auch Martiniz aeusserte dies und versprach,
+ihm alles so bald als moeglich zu erzaehlen.
+
+"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz
+seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog;
+"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, fuer das Glueck der Jungen zu
+sorgen. Man hat mir gesagt, dass Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich
+darauf verstuenden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in frueheren
+Jahren einmal Oberhofmeister; das fuegt sich nun ganz vortrefflich. Da
+wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern,
+wie man es hierzulande noch nicht sah."
+
+Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine
+Vorschlaege. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann
+ich fuer meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reissen jetzt so
+ein, dass sie fast zur Mode werden, als waere eine vornehme Ehe nicht
+dieselbe wie eine geringe, als waere der Altar Gottes nicht fuer alle
+und jeden; aber der Fluch kommt gewoehnlich bald nach. Hat man sich
+in den gewoehnlichen Zimmern, wo man sonst tollte und lachte, wo man,
+sobald der Altar weggeraeumt ist, tafelt und tanzt, hat man sich da
+trauen lassen, so kommt einem auch das neue Verhaeltnis so ganz
+gewoehnlich vor, dass man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat."--Also
+in der Kirche; nachher sollten die Gaeste hinausfahren nach Blauenstein.
+
+Der Hofrat machte grosse Augen, und als er hoerte, dass dies die neue
+Besitzung des lieben Paerchens sei und dass Gross-Lanzau auch noch dazu
+gehoere, er haette, wenn es sich nur halbwegs geschickt haette, ein paar
+Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort musste das Schloss
+festlich geschmueckt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes
+haben kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte
+der kleine, sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein,
+dass sie noch Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort,
+"muss das Brautpaar eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als
+_garde de dame_ auch mit, bestellen die Pferde auf den Stationen, dass
+die jungen Eheleutchen in ihrem Landau nicht inkommodiert werden, wir
+beide aber spiegeln und erfreuen uns an dem Glueck, das wir, ich und
+Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben."
+
+Dem Hofrat, obgleich er laecheln wollte, stand doch eine Traene der
+Ruehrung im Auge; er drueckte dem edelmuetigen Polen die Hand und
+erklaerte sich bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und
+wann soll die Hoch--"
+
+"Ueber acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der
+Praesident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud
+saemtliche versammelte Gaeste dazu ein.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+ZURUESTUNGEN.
+
+Es war ein sonderbarer Anblick, den des Praesidenten Haus in diesen
+Tagen gewaehrte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen,
+Naeherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Kuester, Baecker,
+Fleischer, Koeche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe
+in jedem Zimmer sah man, auf jeder Treppe stiess man auf einen
+Handwerker, und alle taten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die
+ganze Hochzeit abhinge.
+
+Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem
+ordentlich, es lief wie eine dicke Gaensehaut ueber den Koerper, wenn
+man den Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel
+magerer und bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzuendet,
+ein Zeichen, dass er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei
+Tag lief er sich beinahe die Fuesse ab wie die Huendin des Herrn von
+Muenchhausen aufschneiderischen Angedenkens; da war zu bestellen und
+zu besorgen, er lief hin und her in alle Ecken und Enden der Stadt;
+ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich gesehen haben.
+
+Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, dass der Mann nicht schon laengst tot
+war! Nachdem er sich muede gelaufen, muede gesorgt, muede gesehen, muede
+geschwatzt, muede gescholten, muede erzaehlt hatte, kam erst kein Schlaf
+ueber ihn.
+
+Er streckte sich ins Bett, liess zwei Wachskerzen und einigen Gluehwein
+auf den Nachttisch setzen, in einem grossen Korbe standen vor ihm
+Buecher, ein ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk:
+"Wahrhafte und akkurate Beschreibung des solennesten Festins am Hofe
+Ludwigs XIV." Ferner: "Der allzeitfertige _Maitre de plaisir_, fuer
+Hofleute, vornehme Festlichkeiten und anderen Kurzweil." "Der galante
+Junker, oder wie Taenze, Schmaeuse, Hochzeiten, Kindtaufen usw. am
+schoensten zu arrangieren." Sogar das Festbuechlein von Krummacher
+hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen; denn er dachte nicht
+anders, als es muessen darin allerhand neue und nie gesehene
+Festivitaeten erzaehlt sein. Er soll sich uebrigens sehr geaergert
+haben, als dem nicht also war.
+
+Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stueck fuer Stueck mit der
+groessten Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen
+und Auszuege; er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit;
+denn das sah er ein, wenn man alle die schoenen Sachen, die er sich
+aufnotiert hatte, ausfuehren wollte, so musste man vierzehn Tage lang
+Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit sich einig werden, was er
+weglassen sollte. So lebte er in einem ewigen Zappel; ja, es war
+ordentlich ruehrend anzusehen, wenn er hie und da bei Ida, bis zum
+Tode ermuedet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf sie heftete,
+als wollte er sagen: "Sieh, fuer dich opfere ich mein Leben auf."
+
+Und Ida? Habt ihr, meine schoenen Leserinnen, je ein geliebtes
+Braeutchen gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr
+es selbst noch seid, gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein
+solches suesses Engelskind kennt mit dem braeutlichen Erroeten auf
+den Wangen, mit dem verstohlenen Laecheln des kusslichen Mundes, der
+sich umsonst bemueht, sich in ehrbare Matronenfalten zusammenzuziehen,
+mit der suessen, namenlosen Sehnsucht in dem feuchten, liebetrunkenen
+Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen Augenblicken, wo sie dem
+geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz angehoeren soll,
+verstohlen die Hand drueckt, ihm die Wange streichelt, wenn sie den
+weichen Arm vertrauungsvoll um seine Huefte schlingt wie um eine
+Saeule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stuerme des
+Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die
+seidenen Wimpern aufschlaegt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit,
+voll Treue, voll Liebe an ihm haengt, wenn die Schneehuegel des wogenden
+Busens sich hoeher und hoeher heben, das kleine, liebewarme Herzchen
+sich ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendraengt--kennet ihr
+ein solches Maedchen, so wisst ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr
+ein solches Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen
+Junggesellen ueber die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der
+Jugend, ohne Genossin eures Glueckes, wenn ihr Maenner seid, ohne
+Stuetze im Alter--wisst ihr eine solche frische Hebebluete und ein
+froehliches Amorettenkoepfchen, das etwa auch so warme Kuesschen, auch
+so liebevolle Blicke spenden koennte wie Ida, o, so bekehret euch,
+solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im Arme
+schmiegt, wenn sie das Lockenkoepfchen an eure Brust legt, aus milden
+Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die
+Falten von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat
+gegeben zu haben.
+
+Und Emil? Nun, ich ueberlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht
+bildschoenen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er
+den Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie
+kue--
+
+Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen
+gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Braeutigam
+aus.
+
+So sah ihn auch die Graefin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, dass
+der herrliche Mann nicht ihr gehoeren sollte. Eines Morgens, ehe man
+sich's versah, sagte sie adieu, liess packen und---weg war sie.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+HOCHZEIT.
+
+Und endlich war der schoene Tag gekommen.
+
+Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen,
+und der polnische Graf und Fraeulein Ida von Sanden waren in aller Mund.
+Vor der Kirchtuere schlugen und draengten sich die Leute als wie vor
+einem Baeckerladen in der Hungersnot. Alle Stuehle in der Kirche waren
+besetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang.
+
+Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein
+Mensch, das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief
+an dem Glueck des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Kuester.
+Er haette viel darum gegeben, wenn er der versammelten Menge haette
+sagen duerfen: "Sehet, der Herr Braeutigam, es war just nicht ganz
+recht richtig mit ihm; er hatte allerhand Affaeren mit Herrn Urian,
+der ihn allnaechtlich hieher in die Muensterkirche trieb; da herein
+konnte er aber nicht; und ich, der Kuester von Freilingen, habe ihm
+allnaechtlich zu seiner Freistatt verholfen, war auch dabei, wie das
+Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erloeset hat von dem
+Uebel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler
+einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken
+gesagt, dass die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche
+und vor meinen Altar kommen wuerden?"
+
+So haette er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte
+ihm beinahe das Herz abdruecken, dass er sich nicht also in seiner Glorie
+zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut,
+dass er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten koenne. Aber seine
+Attention hatte er dem Paerchen bewiesen, dass es eine Freude war. Vom
+Portal bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas
+kosten lassen und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten
+gehabt; aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen
+Willen gehabt.
+
+Jetzt kam Gerassel die Strasse herauf; dem alten Kuester schlug das Herz,
+jetzt--ja, sie mussten es sein,--der grosse Glaswagen des Praesidenten
+fuhr vor; darin sassen der Praesident und Emil. "Ach, der schoene
+Offizier!" schrien die Freilinger und machten lange Haelse. "Wie
+praechtig, wie wunderhuebsch!" fluesterten die Maedchen, denen das
+Herz unter dem Mieder lauter pochte; aber man konnte auch nichts
+Schoeneres sehen.
+
+Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloss sich um den herrlichen,
+schlanken, heldenkraeftigen Koerper, wie wenn er damit geboren worden
+waere; das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht geroetet
+und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein
+stolzes, glaenzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Kuester, der
+in einem fort Bueckling ueber Bueckling machte; geruehrt und freundlich
+reichte er ihm die Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal.
+
+Jetzt rasselte es wieder die Strasse herauf. Ein Wagen, noch glaenzender,
+geschmackvoller als der erste; er gehoerte zu der neuen Remise des Grafen
+und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl,
+der in hoechster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang
+ab, riss die Glastuere auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt
+sich kein Atem mehr in der ganzen grossen Menge; jedes Auge
+erwartungsvoll auf die geoeffnete Tuere geheftet. Der alte Graf, angetan
+mit all seinen Orden, der Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der
+Freundschaft auf dem Gesichte, stiegen aus und postierten sich an den
+Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein
+Fuesschen, es war nicht moeglich, etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen
+als die winzigen weissseidenen Schuhe--jetzt--ein Lockenkoepfchen, ein
+Paar selig glaenzende Augen, ein Paar ueberpurpurte Wangen, ein
+laechelnder Mund--huebsch stand das Braeutchen zwischen den alten
+Herren. Ein Kleid von schwerem, weissem Seidenzeug schlang sich um
+den jugendlich-frischen Koerper; wie darueber hingehaucht war ein
+Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit
+der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der
+Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Guertel,
+welcher den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens
+seine achttausend Taler wert, und die Bracelets mit den grossen
+Steinen und das Diadem, um das sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer
+sich auch nur ein wenig auf Steine verstand, dem musste hier der Mund
+waessern; aber war nicht alles dies im Grund unbedeutende Fasson, um
+den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind selbst, einzufassen?
+
+Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Braeutchen
+vergass nicht, im Voruebergehen dem Kuester einen recht freundlichen
+Gruss zuzuwinken, dass ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht
+begreifen konnte, wie der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft
+gelangt sei. Ernster und ernster wurden die Zuege Idas, als sie sich dem
+wohlbekannten Altar naeherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des
+Grafen und des Hofrats, die mit Blicken des Dankes und der Ruehrung an
+ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das mutige Maedchen mit
+hingebender Liebe gegen den boesen Feind der Schwermut und des
+Truebsinnes gekaempft und gesiegt hatte.
+
+Muehsam rang sie nach Fassung, die Freude, dass sich alles so schoen
+gefuegt hatte, wurde zur heiligen Ruehrung in ihr; noch einmal durchflog
+sie die Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser
+Staette, und ihr Auge wurde feucht von Entzuecken. Als aber die Trauung
+begann, als der wuerdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis
+anvertraut hatte, in einer kurzen, aber gehaltvollen Rede von den
+wunderbaren Fuegungen Gottes sprach, der oft aus Tausenden sein
+Werkzeug zur Beglueckung vieler waehle, da stroemten ihre Traenen
+ueber. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist erfuellt, was
+damals ahnungsvoll meine Seele fuellte: _der Zug des Herzens ist
+Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Traenen flossen; denn
+auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Juenglings gesehen
+hatten, gingen ueber.
+
+Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre
+Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem
+Blick, mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu
+einem schoenen, lichten Ziele fuehrte.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+DER SCHMAUS.
+
+Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze
+Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem
+die neugebackenen Eheleute sassen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt,
+um alles zu leiten. Sechs Boeller riefen ihnen Freudengruesse
+entgegen, als sie in die Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein
+donnerschlagaehnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing sie am
+Portal des schoenen Schlosses, und als alle Wagen aufgefahren waren,
+als Emil sein Weibchen auf den Balkon herausfuehrte, um die herrliche
+Gegend zu uebersehen, da gab der Hofrat das Zeichen, und ein
+schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfuellte die Luft.
+
+Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloss, um alles in Augenschein
+zu nehmen. Es wandelte die Gaeste beinahe ein Grauen an vor dem
+Hexenmeister, dem alten Martiniz. Das Schloss--es war zwar niedlich,
+geschmackvoll, bequem gebaut, lag wunderschoen und hatte Gaerten und
+Felder, wie man sie selten sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles
+noch leer gestanden, Tapeten waren abgerissen herabgehangen, im Saal
+war Hafer ausgeschuettet gewesen, kurz, man hatte gesehen, dass es eine
+gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Kaeufer haette nicht
+geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der Restauration fertig
+werden zu koennen. Und jetzt, die behaglichste Eleganz, die man sich
+denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuss haette sich,
+und haette er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut gehabt,
+perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum aeussersten
+Federchen darin sehen koennen. Diese breitarmigen Luestres, diese
+Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten;
+Etageren, diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an
+Servicen, Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame
+sich wuenschen kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger
+wandelten wie in einem Feenpalast umher, und die Maedchen und die
+Frauen--Ida wandelte zwar wie eine Koenigin in dieser Herrlichkeit,
+als haette sie von Jugend auf darin gelebt; aber man hoerte doch so
+manches Spruechlein vom blinden Glueck und Zufall, die einen im
+Schlafe heimsuchen.
+
+Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner
+seine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen graeflichen
+Paares hatte er schon so instruiert, dass alles wie am Schnuerchen ging,
+und zwar alles auf dem hoechsten Fuss; denn wenn einer der Gaeste nur
+vom silbernen Teller ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar
+konversierte, husch! war der Teller gewechselt, und eine neue Speise
+dampfte ihm entgegen. Aber auch in der Kueche hatte er gewaltet; und
+es haette wenig gefehlt, so haette er aus lauterem Eifer, alles recht
+delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout oder Hachee
+verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar mit einer
+Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. Auch
+ihn hielten die Damen fuer einen zweiten Oberon, der eine ewig
+reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen
+zu dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht!
+
+Da war:
+
+Schildkroetensuppe.
+Coulissuppe von Fasanen mit Reis.
+
+_Hors d'oeuvres_.
+
+Pastetchen von Briesslein mit Salpicon.
+Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_.
+_Du boeuf au naturel_.
+Englischer Braten mit _Sauce espagnole_.
+
+ _Gemuese_.
+
+Spargeln mit _Sauce au beurre_.
+Gruene Erbsen mit geroesteten Briesslein.
+
+_Entrees_.
+
+Junge Huehner mit _Sauce aux fines herbes_.
+Financiere mit Kloessen.
+Schinken _a la broche au vin de Malaga_.
+Feldhuehnersalmy.
+Kalbskopf _a la tortue_.
+_Fricandeau a la Provencale_.
+
+_Braten_.
+
+Kalbsschlegel.
+Rehbraten.
+Feldhuehnerbraten.
+Kapaunenbraten.
+_Dindon a la Perigord_.
+
+_Salat vielerlei_.
+
+_Suesse Speisen_.
+
+Sulz von Malaga.
+Creme von Erdbeeren.
+_Compote melee_.
+_Creme panachee melee_.
+Punschtorte mit Fruechten.
+_Tartelettes d'abricots_.
+_Tourte de chocolat montee_.
+Gusstorte.
+
+_Dessert_.
+
+Punsch _a la glace_.
+_Creme de Vanille_.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+SCHLUSS.
+
+Als das Dessert aufgetragen wurde, entschluepfte, unbemerkt von den
+bechampagnerten Gaesten, die junge Frau. Sie warf den schweren
+Hochzeitstaat ab und erwaehlte unter der reichen Garderobe ein
+allerliebstes Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich
+eingesessen und ein wenig in die Welt hinausgefahren werden; so
+wollte es der alte Graf.
+
+Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so
+wundergrazienhuebsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Ueberroeckchen
+schloss so eng und passend, das Reisehaeubchen, die hervorquellenden
+Loeckchen gaben dem Koepfchen einen wundervollen Reiz. Die Baeckchen
+waren so rosig, die Aeuglein glaenzten so hell und klar im Widerschein
+ihres braeutlichen Glueckes, kleine, kleine Schelmchen sassen in ben
+Gruebchen der Wangen und schienen allerlei wunderbare Geheimnisse zu
+fluestern von Sehnsucht und Erwartung; das Maeulchen so spitzig wie
+zum Kuessen zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur
+verborgen waren.
+
+Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette,
+Minette, und wie sie alle hiessen, schlugen vor Verwunderung ueber ihre
+wunderniedliche gnaedige Frau die Haende zusammen. "Diese herrliche,
+jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des
+Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weissen
+Arme!" fluesterte Philette. "Diese Fuesschen," dachte Trinette weiter,
+"diese Waed--"
+
+"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu,
+doch nicht so leise, dass es den Ohren der jungen Graefin entging. Sie
+wollte tun, als haette sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von
+der Stirne bis herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die
+das schneeweisse Nachtzeug in die Vache packte, mit einer hoechst
+naiven Frage in die Quere kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz
+dunkel ueberpurpurt entschluepfte sie den sechs dienstbaren Geistern
+und lief wie ein gescheuchtes Reh in den Speisesaal.
+
+Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin
+einverstanden, dass ihr diese Tracht noch besser stehe als der
+Brautstaat; kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins
+gelobte Land der Ehe reiste.
+
+"Warum bist du nur so ueber und ueber rot?" fragte Emil sein holdes
+Weibchen, indem er sie naeher an seine Seite zog. "Hat dir jemand
+etwas getan?"
+
+Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," fluesterte sie endlich und
+erroetete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt."
+
+"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es
+wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Luege erfinden;
+aber das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es
+ging nicht; er musste bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich,
+nachdem er hatte versprechen muessen, die Augen recht fest zuzumachen,
+fluesterte sie ihm ins Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da
+hat sie gefragt, ob sie das deinige auch dazu packen soll." Selig
+schloss der Graf sein Engelsweibchen in die Arme; er wollte antworten,
+aber seine Antwort verhallte im Geraeusch der aufbrechenden Gaeste.
+
+Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein
+Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort
+beschloss er, ihr zu antworten.
+
+Auf dem Balkon draengten sich die Gaeste, die Champagnerglaeser in den
+Haenden; sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein
+tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drueckte ihr Koepfchen an
+die Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr
+Emil und seine glueckliche Ida.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+NACHSCHRIFT.
+
+Es ist ein schoener Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und
+getrennt sind, dass sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen
+sie sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen
+und die Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme
+anzuenden. So halte ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden,
+die das Schicksal nach Ost und nach West verschlagen. Auch heuer war
+ich hingereist an den Ort, den wir zu unserem Rendezvous bestimmt
+hatten. Als ich an dem stattlichen Weissen Hirsch in B. vorfuhr,
+lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl tut da das freundliche,
+jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schoenen Lippen herab dem
+Freunde entgegentoent!
+
+Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige
+Doralice und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer
+Kriegsrat, da war Graf Law und seine Clementine, da war meine suesse
+Mimili, da war Herr von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein
+russisches Lisli; selbst Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hiess
+ihn nur immer den Gruenmantel, hatte sich aus Venedig eingefunden und
+Emilie Mellinger mitgebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der
+Generalbevollmaechtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr
+Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Rose,
+Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Roeschen, Klotilde
+und ihr Sekretaer.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie
+ein Ball von einem Arm in den andern, und das Kuessen wollte gar kein
+Ende nehmen.
+
+Endlich fasste man sich, dass es doch zu einem vernuenftigen Gespraech
+kam. Freilich truebte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen
+Willibald, die uns im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode
+so innig verschwistert mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des
+Wiedersehens; aber nachdem wir ihnen das Totenopfer inniger Traenen
+geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein.
+
+Wir tollten, lachten und schaekerten, der Weisse Hirsch fasste kaum so
+viel Gaeste, und manches Paerchen musste sich mit _einem_ Bettchen
+behelfen.
+
+So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem
+Weissen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir sassen gerade beim
+Kaffee--da fuhren Wagen vor; wir draengten uns alle an die Fenster und
+schlugen den fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen
+und Trinken konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne
+unsere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir
+gerade nicht gerne unter uns haben. In einem praechtigen Landau, mit
+vier Postpferden bespannt, sass ein Herr und eine junge Dame; sie hoben
+die Koepfe in die Hoehe--
+
+"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally:
+"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie
+heraufzufuehren; sie folgten willig nebst noch drei andern aeltlichen
+Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen
+einander in die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt,
+kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den
+beiden jungen Damen, um welche die uebrigen schon einen dichten Kreis
+geschlossen hatten. "Sehen Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern
+mein liebes Frauchen."
+
+Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in
+Hamburg kennen gelernt. Damals fasste ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie
+wurde zur Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden.
+So wenig ich an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung,
+dass ihn Liebe zu einem guten, reinen Maedchen zerstreuen, retten
+koennte; und wie herrlich hatte sich dieses gemacht! Er war froehlich,
+selig, war durch die Liebe dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt.
+
+Auch in den drei andern Gaesten--der Leser wird unschwer den alten
+Martiniz, den Praesidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte
+ich wackere, liebenswuerdige Maenner kennen. Schon den ersten Abend war
+es uns allen, als haetten wir das holde Paerchen schon jahrelang
+gekannt, so trefflich passten sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen
+Wesen. Der junge Graf erzaehlte uns seine Geschichte, und wenn wir
+bedachten, wie zufaellig er nach Freilingen, wie zufaellig er auf jenen
+Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso zufaellig der alte Oheim
+auf einer Geschaeftsreise diese Gegenden beruehrt, dem Neffen eine
+Ueberraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_ mitwirkte und
+die Raenke der boesen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir mussten
+diese Fuegungen bewundern und fanden den alten Spruch bestaetigt:
+
+_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_
+
+Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch
+wir alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter.
+
+Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt
+zu erzaehlen.
+
+Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet,
+sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen,
+sie sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch
+den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden.
+
+H. Clauren.
+
+
+
+ * * * * * * * * * * *
+
+
+
+KONTROVERS-PREDIGT
+
+ueber
+
+H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND
+
+gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827
+
+von
+
+WILHELM HAUFF
+
+
+
+
+Text: Ev. Matth. VIII, 31-32
+
+
+
+Allen Verehrern der CLAURENSCHEN MUSE widmet diese Blaetter
+in bekannter Hochachtung
+
+DER VERFASSER
+
+
+
+EHRWUERDIGE VERSAMMLUNG, ANDAECHTIGE ZUHOERER!
+
+Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte,
+verschmaeheten es nicht, auch haeusliche, buergerliche Angelegenheiten der
+Gemeinde zu Gegenstaenden ihrer Betrachtungen zu machen. Es laesst sich
+zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie belletristische
+Gegenstaende nicht beruehrt haben, dass sie literarische Streitigkeiten
+nicht, wie man zu sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten
+Wichtigeres zu tun; nichtsdestoweniger aber geschah dies einige
+Jahrhunderte spaeter, und man trifft in den Kirchenvaetern nicht
+undeutliche Spuren, dass sie ueber allerhand literarische Subtilitaeten,
+sogar ueber die Tendenz und den Stil ihrer Gegner auf dem kirchlichen
+Rednerstuhl gesprochen haben.
+
+Beruehmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel ueber
+das Theater gepredigt oder ueber das Tanzen am Sonntag oder ueber das
+Singen unzuechtiger Lieder, andere wieder ueber das Spielen, namentlich das
+Kartenspielen, und einen habe ich gehoert, der in einer Vesperpredigt das
+Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, dass es ein Heide erfunden.
+
+Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde
+darzutun, welchen Irrtuemern sie sich hingebe, welche boesen Gewohnheiten
+unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer
+solchen Aufdeckung von Irrtuemern und boeslichen Gewohnheiten bis ins
+einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge
+fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt,
+so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit
+einander eine Betrachtung anstellen ueber:
+
+DEN MANN IM MOND
+
+von
+
+H. Clauren;
+
+und zwar betrachten wir:
+
+ I. Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf
+ dieser Welt?
+
+II. Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser
+ Welt?
+
+
+
+I.
+
+_Andaechtige Zuhoerer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
+einer so grossen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
+Betrachtung so klar und deutlich als moeglich vor das Auge zu stellen,
+damit jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet
+hat, die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in
+unserer Literatur nie an sogenannten _Volksmaennern_ gefehlt, das heisst an
+solchen, die fuer ein grosses Publikum schrieben, das, je allgemeiner es
+war, desto weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte.
+Solche Volksmaenner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres
+Publikums schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhoerer und
+Leser und sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hueteten,
+jemals sich hoeher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren
+haetten. Diese Leute handelten bei den groessten Geistern der Nation,
+welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie
+nach ihrem Geschmack zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die
+solche mit Jubel und Herzenslust verschlangen. Diese Volksmaenner sind die
+Zwischenhaendler geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von
+Gassenwirtshaeusern und Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den
+grossen Handlungen, wo er ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen
+ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten
+Wasser und Zucker, faerben ihn mit roten Beeren, dass er lieblich
+anzuschauen ist, und verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem
+bedeutungsvollen Namen.
+
+Diese Gassenwirte oder Volksmaenner treiben aber eine schaendliche und
+schaedliche Wirtschaft. Sie fuehlen selbst, dass ihr Gebraeu sich nicht
+halten wuerde, dass es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten
+koennte, wenn er nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und
+allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um
+die Sache anders auszudruecken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
+Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
+Sitte ist, kuenstlich verhuellen, um durch den Schleier, den sie darueber
+gezogen haben, das luesterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
+Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
+ohne den Kopf mit ueberfluessigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich
+das Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmuetigen
+Natuerlichkeit, die lebt und leben laesst; sie sind arglose Leute, die ja
+nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trueben Stunden
+erheitern" und ihn auf eine natuerliche, unschuldige Weise ergoetzen. Aber
+gerade dies sind die Woelfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der
+Kutte, und die Krallen kommen fruehe genug ans Tageslicht.
+
+Wem unter euch, meine Andaechtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
+allem _jener_ beifallen, der alljaehrlich im Gewande eines unschuldigen
+Blumenmaedchens auf die Messe zieht und "Vergissmeinnicht" feilbietet. Ich
+weiss wohl, dass dort drueben auf der Emporkirche, dass da unten in den
+Kirchstuehlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiss wohl, dass
+er bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Naehermaedchen,
+ihr Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so zuechtigen Buergerstoechterlein,
+ich weiss, dass ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas
+Hoeheres von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fraeulein
+mit und ohne Von, ihr gnaedigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiss, dass
+er das A und das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und
+Ladendiener, dass ihr ihn bestaendig bei euch fuehrt, und wenn der
+Prinzipal ein wenig beiseite geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure
+magere Phantasie durch einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und
+Austernschmaeuse anzufeuchten; ich weiss, dass er bei euch allen der Mann
+des Tages geworden ist; aber nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben
+deswegen will ich seinen Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN.
+_Anathema sit!_
+
+Vor zwoelf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
+Spiess und Cramer, mitunter die koestlichen Schriften ueber Erziehung von
+Lafontaine; wenn ihr von Meissner etwas anderes gelesen als einige
+Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehuetet, es in guter
+Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
+Schiller fing an, ein grosses Publikum zu bekommen. Gewinn fuer ihn und
+fuer sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode
+gekommen waere; dazu war er aber auch zu gross, zu stark. Ihr wolltet euch
+die Muehe nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte
+euch losreissen aus eurer Spiessbuergerlichkeit, er wollte euch aufruetteln
+aus eurem Hinbrueten mit jener ehernen Stimme, die er mit den
+Silberklaengen seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von
+Menschenwuerde, von jener erhabenen Empfindung, die in der menschlichen
+Brust geweckt werden kann,--gemeine Seelen! Euch langweilten seine
+herrlichsten Tragoedien, er war euch nicht allgemein genug. Was soll ich
+von Goethe reden? Kaum, dass ihr es ueber euch vermoegen konntet, seine
+Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man euch sagte, es finden sich dort
+einige sogenannte pikante Stellen,--ihr konntet ihm keinen Geschmack
+abgewinnen, er war euch zu vornehm.
+
+Da war eines Tages in den Buchladen ausgehaengt: "Mimili, eine
+Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
+erzaehlen, _so angenehm, so natuerlich, so ruehrend_ und _so reizend_! Und
+in diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzuege und den Gehalt jenes
+Buches ausgesprochen. Man wuerde luegen, wollte man nicht auf den ersten
+Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein laendliches Gemaelde,
+dem die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltoenende, leichte Sprache, die
+Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
+anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie hoeher zu nehmen
+als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
+wie eine Musik angenehm zu hoeren ist, die dem Ohr durch sanfte Toene
+schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
+darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
+Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdruecken; sonst wuerde die arme Seele
+unverstaendlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
+Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in suesse
+Traeume hinueberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen
+Manier, die euch entzueckte!
+
+Das _Zweite_, was euch gefiel, haengt mit diesem ersteren sehr genau
+zusammen: diese Manier war so _natuerlich_. Es ist etwas Schoenes,
+Erhabenes um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist
+auch einmal dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so
+erhaben als die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so
+koestlich und gross wie die von der Tellskapelle ueber den See hin; aber
+nicht wahr, ihr lieben Seelen, der ist euch doch nicht natuerlich genug? Zu
+was auch die Seele anfuellen mit unnuetzen Erinnerungen an die Taten einer
+grossen Vorzeit? Zu was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder
+eine Bertha, oder Maenner wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiss es
+Clauren viel besser, viel natuerlicher zu machen! Statt grossartige
+Charaktere zu malen, fuer welche er freilich in seinem Kasten keine Farben
+finden mag, malt er euch einen Hintergrund von Schneebergen, gruenen
+Waldwiesen mit allerlei Vieh; das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen
+Krieger neuerer Zeit mit schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er
+hat den Freiheitskrieg mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das
+ist der Held des Stueckes. Eine interessante Figur! Naemlich _Figur_ als
+wirklicher Koerper genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und
+_interessant_, nicht wegen des Charakters, sondern weil er etwas bleich
+ist, ein eisernes Kreuz traegt und so ein Ding von einem preussischen
+Husaren war. Neben diesen Helden kommt ein frisches, rundes "Dingelchen" zu
+stehen mit kurzem Roeckchen, schoenen Zwickelstruempfen usw. Kurz, das
+Inventarium ihres Koerpers und ihres Anzuges koennt ihr selbst nachlesen
+oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, die Mimili, ist nun so
+natuerlich als moeglich; d. h. sie geniert sich nicht, in Gegenwart des
+Kriegers das Busentuch zu lueften und ihn den Schnee und dergleichen sehen
+zu lassen, dass ihm "angst und bange" wird. Einiger Schweizerdialekt ist
+auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens etwas unnatuerlich
+klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist nicht nur nachgeahmt,
+sondern foermlich kopiert und getreulich abgeschrieben. Aber leider ist es
+nur die Natur, so wie man sie mittelst einer _Camera obscura_ abzeichnen
+kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, der in der Natur lebt, ist
+weggeblieben, weil man nur das Kostuem der Natur kopierte. Zeichnet die
+naechste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr eine Mimili, und
+freilich alles so natuerlich als moeglich.
+
+Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
+_Ruehrende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht ruehrend? Es ist
+ein Motiv, das jedem Roman als Wuerze beigegeben wird wie bittere Mandeln
+einem suessen Kuchen, um das Suesse durch die Vorkost des Bitteren desto
+angenehmer und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen
+Zuhoererinnen, und ich habe dies zu oefteren Malen an euch geruegt,
+versetzt euch gar zu gerne in ein solches Liebesverhaeltnis, wenn nicht dem
+Koerper, doch dem Geiste nach. Wenn ihr so dasitzet und naehet oder
+stricket und ueber eure Nachbarn gehoerig geklatscht habt, kommt gar leicht
+in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe an die Reihe, und ihr traeumet und
+traeumet und vergesset die Welt und die Maschen an eurem Strickstrumpf.
+Wenn man nachts durch den Wald geht, so denkt man gerne an arge
+Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade so machet ihr es. Je
+greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von welchem ihr leset, desto
+angenehmer fuehlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr keine Natuerlichkeit,
+da soll es recht arg und tuerkisch zugehen, und wie den spanischen
+Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafe ein Freudenfest. Je laenger
+die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, je mehr man ihnen mit
+der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto, ruehrender koemmt es
+euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost _in petto_, dass der
+Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg ist und die
+verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
+Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
+Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
+nicht geruehrt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht
+jene Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch
+mit einer Aeolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der
+schnarrende Konterbass Meister, und je graesslicher es zugeht, desto
+ruehrender ist es.
+
+Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, naemlich auf
+--das _Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist
+aber die Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes
+war die Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich
+bei euch einfuehrt; aber siehe da, das ist der Pferdefuss, und an seinen
+Spuren wirst du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die
+Sinnlichkeit, die er aufregt, das sind jene reizenden, verfuehrerischen,
+lockenden Bilder, die eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu
+sehen, dass ihr da unten die Augen nicht aufschlagen koennet. Es freut mich
+zu sehen, dass hin und wieder auf mancher Wange die Roete der Beschaemung
+aufsteigt. Es freut mich, dass Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren;
+wenn ich diesen Punkt beruehre. Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu
+wohl, was ich meine.
+
+Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
+Herder waren doch wahrhaftig grosse Dichter, und habt ihr je gesehen, dass
+sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mussten, um
+sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, dass
+jene edleren Geister nur fuer wenige Menschen ihre hehren Worte
+aussprachen, dass die grosse Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil
+er koestliche Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Spruenge macht?
+Armseliges Maennervolk, dass du keinen hoeheren geistigen Genuss kennst,
+als die koerperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von
+einem Marmorbusen, von huepfenden Schneehuegeln, von schoenen Hueften; von
+weissen Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schoenheiten
+einer Venus Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus
+Clauren Bildung schoepfen wollet! Erroetet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr
+leset, dass man nur eurem Koerper huldigt, dass man die Reize bewundert,
+die ihr in der raschen Bewegung eines Walzers entfaltet, dass der Wind, der
+mit euren Gewaendern spielt, das luesterne Auge eures Geliebten mehr
+entzueckt als die heilige Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glueht,
+als die Goetterfunken des Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste
+entlockt? Verlorene Wesen, wenn es euch nicht kraenkt, euer Geschlecht so
+tief, so unendlich tief erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren
+jungfraeulichen Sinn schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset
+immer von andern geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit
+jenen Vergissmeinnichtbluemchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine
+andere als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
+
+Siehe da die Anmut, die Natuerlichkeit, das Ruehrende und den hohen Reiz
+der Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
+Erfinder machte! Wie das Unkraut ueppig sich ausbreitet, so ging es auch
+mit dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde
+zur Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natuerlicher, als dass Clauren
+eine Fabrik dieses koestlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
+Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
+fanden? Bei jener Klasse von Menschen, fuer welche er schreibt, liegt
+gewoehnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
+grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
+haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Faeden spinnen,
+keine zarteren Nueancen der Farben geben, sein Stoff ist gewoehnlich so
+unkuenstlerisch und grob als moeglich angelegt; ein fadengerades
+Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als moeglich ausgedehnt; von
+tieferer Charakterzeichnung ist natuerlich keine Rede; Kommerzienraete,
+Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjuenglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
+des Stueckes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpueppchen, die
+nach Verhaeltnissen kostuemiert wird, heisse sie nun Mimili oder Vally,
+Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
+sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
+geringen Massstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
+
+Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Ruecksicht genommen
+auf das Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige
+Kupfer mit schoenen "_Engelskoepfchen_", angetan nach der
+"_allernagelfunkelneuesten_" Mode. Diese werden natuerlich in der Fabrik
+immer zuvor entworfen, gemalt und gestochen und nachher der resp. Namen
+unten hingeschrieben. Suendigerweise benuetzt der gute Mann auch die
+Portraets schoener fuerstlicher Damen, die er als Quasi-Aushaengeschild vor
+den Titel pappt. So hat es uns in der Seele wehe getan, dass die
+Grossfuerstin Helena von Russland, eine durch hohe Geistesgaben,
+natuerliche Anmut und Koerperschoenheit ausgezeichnete Dame, bei dem
+Tornister-Lieschen (im Vergissmeinnicht 1826) gleichsam zu Gevatter stehen
+musste.
+
+Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
+er trotz den ersten Modehaendlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
+Virgil uebel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
+lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
+glaenzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Maenner,
+die von Maennern, es sind edle Saenger, die von Helden singen. Ueberwiegt
+aber nicht der Ekel noch das Laecherliche, wenn man einen preussischen
+Geheimen Hofrat hoert, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den
+Zehenspitzen beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem
+hohlen Schaedel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque
+von Seide sitzt, ob die Federn, die solche schmuecken, Marabout- oder
+Straussfedern oder gar Paradiesvoegel sind; und dann die niedlichen
+"Saechelchen" von Ohrgeschmeide, Halsbaendern, Bracelets _et cetera_, dass
+"einem das Herz puppert," und dann die Bruesseler Kanten um die wogende
+Schwanenbrust und das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Struempfe
+und die seidenen Pariser Ballschuhe oder ein Neglige, wie aus dem
+leichtesten Schnee gewoben, und dieses Ueberroeckchen und jenes Maentelchen
+und dieses Spitzenhaeubchen, aus dem sich die goldenen Ringelloeckchen
+hervorstehlen. _O sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner
+Sprache zu bedienen, ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und
+wollet euch nicht halb zu Tode lachen ueber den koestlichen Spass, dass ein
+preussischer Geheimer Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch
+vorrechnet, was man im Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider,
+ihr lachet nicht! ihr leset den allerliebsten Modebericht mit grosser
+Andacht, ihr sprechet: das ist doch einmal eine Lektuere von Geschmack;
+nichts Ueberirdisches, Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde
+hat er uns beschrieben, der delizioese Mann, der Clauren!
+
+Ein drittes Ingredienz fuer Maedchen sind die magnifiken Baelle, die er
+alljaehrlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, dass das Herzchen "im
+Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schoen! Vornehme Damen, die bei
+Praesidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
+Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonaese bis
+zum Kotillon. Arme Landfraeulein, die nur in das naechste Staedtchen auf
+den Kasinoball kommen koennen, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie
+traegt sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel haengt ihnen
+voll Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich
+selbst darin zeigen zu koennen, Kammermaedchen, die ihre Dame zu dem Ball
+"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
+treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Fuessen den Takt eines
+Schnellwalzers und traeumen sich in die glaenzenden Reihen eines
+Fastnachtballes! Treffliches Surrogat fuer tanzlustige Seelen, koestliche
+Stallfuetterung fuer Schafe, die nicht auf der Weide huepfen koennen!
+
+Als ein viertes treffliches Hauptingredienz fuer liebevolle weibliche
+Seelen ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen,
+das Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
+sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
+Clauren nicht ruegen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
+Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
+Vergissmeinnichtmaenner herrliche Rabenlocken, einen etwas
+schwindsuechtigen Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht,
+unter fuenf Fuss sechs Zoll darf keiner messen; kraeftige, maennliche
+Formen, sprechende Augen, die Haende und Fuesse aber wie andere Menschen.
+Sie sind gerade so eingerichtet, dass man sich ohne weiteres auf den ersten
+Augenblick in sie verlieben muss. Dabei sind sie meistens arm, aber edel,
+stolz, grossmuetig und heiraten gewoehnlich im fuenften Akt. Auf welche
+edle weibliche Seele sollte ein solcher Held neuerer Zeit nicht den
+wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie von ihm liest? Sie schnitzelt das
+Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers oder Apothekergehilfen, das sie
+im Herzen traegt, so lange zurecht, bis er ungefaehr gerade so aussieht wie
+der Allerschoenste im allerneuesten Jahrgange des allerliebsten
+Vergissmeinnicht.
+
+Fuenftens: von schimmernden Luesters, von deckenhohen Trumeaus, von
+herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
+dergleichen waere hier noch viel zu reden, wenn es die Muehe lohnte.
+
+Gehen wir, andaechtige Versammlung, ueber zu den Ingredienzien und Zutaten
+fuer _Maenner_, so koennen wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
+die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
+
+Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Maedchen
+beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
+dasselbe, was von den Maennern gesagt wurde; eine tiefe, edle,
+jungfraeuliche Seele weiss kein Clauren zu schildern, und wenn er es
+wuesste, so hat er ganz recht, dass er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder
+ein Wesen, das etwa ein Titan oder Horion lieben koennte, unter seiner
+Affenfamilie mittanzen laesst. Was das Aeussere betrifft, so macht er es
+wie jener griechische Kuenstler, der aus sieben schoenen Maedchen sich eine
+Venus bilden wollte. Aber er vergisst den hohen Sinn, der in der Sage von
+dem Kuenstler liegt. Sechs zogen vorueber und zeigten dem entzueckten Auge
+stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend. Die siebente, als die Gewaender
+fallen sollten, erroetete und verhuellte sich, und der Kuenstler liess jene
+sechs voruebergehen und bildete nach diesem Vorbild jungfraeulicher Hoheit
+seine Goettin. Nicht also Clauren; die sechs hat er wohl aufgenommen, der
+siebenten, als sie verschaemt, verhuellt, erroetend nahte, hat er die Tuere
+verschlossen.
+
+Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der grosse
+Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
+Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
+Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
+mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erroete,
+erroete darueber, dass ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
+sittenlose Frechheit hat, alljaehrlich ein ausfuehrliches Verzeichnis von
+den Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
+
+Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
+der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
+reiche, gluehende Phantasie haette ihm nicht noch lockendere Bilder,
+reizendere Wendungen einhauchen koennen als einem Clauren? Doch er dachte
+an sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, fuer die er seine Gesaenge
+dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
+siehe, die reichen Locken fallen herab und stroemen um die Nymphen und
+rollen in das Wasser, und der See verhuellt ihre Glieder. Aber, _si parva
+licet componere magnis_, was soll man zu jener skandaloesen Geschichte
+sagen, die H. Clauren in einem frueheren Jahrgang des Freimuetigen, eines
+Blattes, das in so manchem haeuslichen Zirkel einheimisch ist, erzaehlt?
+
+Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schaendlichkeiten aufdecken,
+die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame koemmt eines Tages
+auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, dass sie zwar
+seit vierzehn _Tagen_ verheiratet, und gluecklich _verheiratet_, aber durch
+einen kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr
+Mann nicht ahnen duerfe. H. Clauren erzaehlt uns, dass er der engelschoenen
+Dame gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der
+Krankheit _et cetera_ zeige. Die Dame entschliesst sich zu der Prozedur.
+Ich daechte, das Bisherige ist so ziemlich der hoechste Grad der
+Schaendlichkeit, zum mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in
+einem belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame,
+_gluecklich_ verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glueckliches Weib und
+Ehebrecherin! Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu
+der Prozedur selbst ein; er rueckt den Sessel ans Fenster, er setzt die
+Dame in Positur, er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwaerts seine
+Beobachtungen!!!
+
+Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
+wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu ruegen.
+Warum in einem oeffentlichen Blatte etwas _erzaehlen_, was man in guter
+Gesellschaft nicht _erwaehnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
+verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug fuer
+ein Publikum, das sich Schaendlichkeiten dieser Art ungestraft erzaehlen
+laesst!
+
+In die eben erwaehnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz fuer Maenner
+gehoeren auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden.
+Bald wird uns ausfuehrlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu
+Bette gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens
+Angst, zu _zwei_ schlafen zu muessen, bald hoert man Vally im Bade
+plaetschern und moechte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man
+ein Kammermaedchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der gluehenden,
+durch alle Nerven zitternden Kuesse, der Blicke beim Tanze abwaerts auf die
+Wellenlinien der Taenzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte fuer
+Leute, die nichts Hoeheres kennen als Sinnlichkeit, koestlich kandierte
+Zoten fuer einen verwoehnten Gaumen, treffliches Hausmittel fuer junge
+Wuestlinge und alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft
+zu Rande sind, um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
+
+Ein _zweites_ Reizmittel fuer Maenner sind jene Zutaten, die den Gaumen
+kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des bruesselnden
+Schaumweins! Ha, wie der Kork knallend an die Decke faehrt! Eingeschenkt,
+lasst ihn nicht verrauchen! Jetzt fuer jeden zwei, drei Dutzend Austern
+draufgesetzt!" Ist diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer
+erinnert, der immer so redlich angibt, was seine Helden verspeisten;
+freilich gab er ihnen nur gewoehnliches "Schweinefleisch", und die
+Weinsorten ruehmt er auch nicht besonders; aber ein Clauren ist denn doch
+auch etwas anderes als Homer; wer wollte es uebel nehmen, wenn er die Korke
+fliegen laesst und Austern schmaust, fuenfhundert Stueck zum ersten Anfang?
+
+Ich kannte einen jener bedauernswuerdigen Menschen, die man in glaenzendem
+Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
+haltet sie fuer das gluecklichste Geschlecht der Menschen, diese
+Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr taeuschet
+euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Muenze, um eine
+einfache Mittagskost zu bezahlen, und was er an grossem Gelde bei sich
+traegt, kann man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines
+Tages: "Freund, wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der
+Tafelzeit mit zufriedener Miene die Strasse herabkommen, mit der Zunge
+schnalzend oder in den Zaehnen stochernd; bei welchem beruehmten Restaurant
+speiset Ihr?"
+
+"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
+
+"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
+Strassenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu
+haben."
+
+"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
+sondern der Berliner, H. Clauren--"
+
+"Wie, und dieser schickt Euch kalte Kueche bis hieher?"
+
+"Kalte und warme Kueche nebst etzlichem Getraenke. Doch ich will Euch das
+Raetsel loesen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt
+jaehrlich gerade das Schneiderkonto und die Rechnung fuer Zuckerwasser im
+Kaffeehause weg; nun bin ich aber gewoehnt, gute Tafel zu halten; was fange
+ich in diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir
+alle Jahre von ersparten Groschen das herrliche Vergissmeinnicht von H.
+Clauren, und ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller,
+Fischmarkt, Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr muesst wissen,
+dass in solchem Buechlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich
+sie nenne, Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stueck Brot,
+zu welchem an Festtagen Butter koemmt, nebst einem Glase Wasser oder
+duennem Biere an den Tisch, speise vornehm und langsam, und waehrend ich
+kaue, lese ich im 'Vergissmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine
+Tafelseiten werden mir nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist
+nicht mehr mit schlechtem Brot besetzt, meine Zaehne malmen nicht mehr
+dieses magere Gebaeck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht,
+was gute Kueche ist. Was da an Fasanen, Gaenseleberpasteten, Trueffeln, an
+seltenen Fischen, an--"
+
+"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie laesst Euch satt werden?
+Aber koenntet Ihr hiezu nicht das naechste beste Kochbuch nehmen? Ihr
+haettet zum mindesten mehr Abwechslung."
+
+"Ei, da ist noch ein grosser Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
+recht; in den Kochbuechern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
+aber ganz anders im Vergissmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
+Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
+Schuessel vor und erzaehlt: so schmeckte es; und wie natuerlich ist es,
+wenn er oft beschreibt, wie diesem die Sauce ueber den Bart
+herabgetraeufelt sei, oder wie jener vor Vergnuegen ueber die
+Trueffelpastete die Augen geschlossen! UEberdies hat man dabei den
+herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, und wenn ich das Glas mit
+Duennbier zum Munde fuehre, schiebt er mir immer im Geiste Trimadera,
+Bordeaux oder Champagner unter."
+
+So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein grosses Claurensches
+Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
+
+Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
+aus alten Knochen kraeftige Suppen fuer Arme und Kranke; ist aber hier
+nicht mehr als Rumford und andere? Speist und traenkt er nicht durch eine
+einzige Auflage des "Vergissmeinnicht" fuenftausend Mann? Wenn nur die
+Phantasie des gemeinen Mannes etwas hoeher ginge, wie wohlfeil koennte man
+Spitaeler, ja sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der
+respektive Leutnant naehme das "Vergissmeinnicht" zur Hand, liesse seine
+Kompanie Hungernder antreten, liesse sie trockenes Kommisbrot speisen und
+wuerde ihnen einige Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
+
+Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
+verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, dass solche
+Niedertraechtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _a la
+carte_, wenn sie ungeruegt jede Messe wiederkehren duerfen, wenn man den
+gebildeten Poebel in seinem Wahn laesst, als waere dies das Manna, so in
+der Wueste vom Himmel faellt, die Wuerde unserer Literatur vor uns selbst
+und dem Auslande, vor Mit- und Nachwelt schaenden!
+
+Doch ich komme, meine verehrten Zuhoerer, noch auf einen andern Punkt, den
+man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen koennte;
+das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
+Schweizern vor, dass sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber
+wahrhaftig, es gereicht H. Clauren zu noch groesserem Vorwurf, dass er so
+gemein schreibt, wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken
+scheint. Man hat in neuerer Zeit manches verschrobene und verschraenkte
+Deutsch lesen muessen; waren es Wendungen aus dem fuenfzehnten Jahrhundert,
+waren es Saetze aus einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer
+reichen, herrlichen Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreissend waren auch
+die Kompositionen, die Voss nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann
+Maenner dieser Art hoechstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern,
+anklagen niemals; denn es lag dennoch ein schoener Zweck ihrem wunderlichen
+Handhaben der Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen
+Gemeinheit sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte
+einkleidet! Koenig Salomo, wenn er noch lebte, wuerde diesen Menschen mit
+einem Freudenmaedchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan
+mit koestlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem
+Haupte. Du redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine
+wohlerzogene Frau aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem
+Gelaechter, sie gesteht, sie muesse lachen, dass "_sie der Bock stoesst_";
+sie spricht in Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen
+Montagstaenzen hoeren konnte; sie enthuellt sich, ohne zu erroeten, vor
+deinen Augen und spricht Zoten und Zoetchen dazu. Wehe deinem Geschmack,
+wehe dir selbst und deinem sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, dass
+die, welche du fuer eine anstaendige Frau gehalten, eine feile Dirne ist,
+bestimmt zum niedrigsten Vergnuegen einer verworfenen Klasse!
+
+Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsuenden hieher setzen, da ja das
+Buch, ueber welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
+Verzeichnis, ein vollstaendiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
+Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
+anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
+weiss, der schon auf einer Art von Faeulnis und Moder beruht, desto mehr
+sagt sie dem verwoehnten Gaumen seines Publikums zu.
+
+Noch ist endlich ein Zutaetchen und Ingredienzchen anzufuehren, das er aber
+selten anwendet, vielleicht weil er weiss, wie laecherlich er sich dabei
+ausnimmt; ich meine jene ruehrenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
+ein frommes Gemuet, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
+sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
+Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
+H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
+braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Suenden mit Zerknirschung ein und
+werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
+Vielliebchen und dergleichen ueberzeugten uns freilich eines andern, und
+wir sahen, dass er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
+Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
+zur Suende wird, so geht es auch hier; er schaendet die Religion nicht
+weniger, als er sonst die Sittlichkeit schaendet, und diese heiligen,
+ruehrenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlueberlegter Kunstgriff,
+durch Ruehrung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Strassen von
+London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
+ungluecklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
+
+Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
+erzaehlen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
+in die gute Gesellschaft zu verschaffen wusste. Dieser Mensch betrug sich
+von Anfang etwas linkisch, doch so, dass man manche seiner Manieren
+uebersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewoehnlich zu den Frauen
+und Maedchen, weil ihm das Gespraech der Maenner zu ernst war, und jene
+lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
+nach aber fand es sich, dass dieser Mensch seiner gemeineren Natur in
+dieser Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er
+schwatzte den Ohren unschuldiger Maedchen Dinge vor, worueber selbst die
+aelteren haetten erroeten muessen. Wie es aber zu gehen pflegt: das
+Luesterne reizt bei weitem mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit
+niedergeschlagenen Augen, aber offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und
+selbst manche Zote, die fuer eine Bierschenke derb genug gewesen waere,
+bewahrten sie in feinem Herzen. Der fremde Mann wuerde der Liebling dieses
+Zirkels. Es fiel aber den Maennern nach und nach auf, dass ihre Frauen
+ueber manche Verhaeltnisse freier dachten als zuvor, dass selbst ihre
+Maedchen ueber Dinge sprachen, die sonst einem unbescholtenen Kinde von
+fuenfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein muessen. Sie staunten, sie
+forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und siehe, die Frauen
+gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswuerdige, angenehme Herr,
+der uns dieses gesagt hat." Viele der Maenner versuchten es mit Ernst und
+Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schuettelte die Pfeile
+ab und plauderte fort. Die Maenner wussten nicht, was sie tun sollten; denn
+es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst einen verworfenen
+Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer einen andern Weg. Er
+setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen auf die Rede des Mannes
+und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst seine Stimme. Und eines
+Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte sich an seine Seite,
+liess ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzaehlte den Frauen nach
+derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu tun
+pflegte. Da fanden die Vernuenftigeren wenigstens, wie laecherlich und
+unsittlich dies alles sei. Sie schaemten sich, und als jener Mensch dennoch
+in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
+stand beinahe allein und zog beschaemt von dannen.
+
+"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
+ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
+
+Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzaehlt ist, dasselbe
+wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
+wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
+des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte laecherlich machen.
+
+Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
+Gegenstand der folgenden Fragen.
+
+
+
+II.
+
+Haben wir bisher nachgewiesen und darueber gesprochen, welchen Zweck der
+"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen
+er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,
+andaechtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.
+
+Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann
+angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine boese Gewohnheit
+oder unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen.
+Das erste und natuerlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit
+Ernst, mit Gruenden anzugreifen, seine Anhaenger von ihrem Irrtum zu
+ueberfuehren, seine Bloesse offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat
+man auch mit dem Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen.
+Ihr alle, meine Zuhoerer, kennet hinlaenglich jene oeffentlichen Gerichte
+der Literatur, wo die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhuellt
+und ohne Namen zu Gericht sitzen, aber unverhuellt und unumwunden Recht
+sprechen; ich meine die Journale, die sich mit der Literatur beschaeftigen.
+Wie es in aller Welt bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige
+freilich an Obskurantismus laborierende Blaetter, welche jedes Jahr eine
+Fanfare bliesen zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem
+Vater wie dem Kindlein wurde gebuehrendes Lob gespendet und das Publikum
+eingeladen, einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der
+deutschen Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige
+Winkelblaetter, die nur mit Modeartikeln zu tun haben.
+
+Bessere Blaetter, bessere Maenner als jene, die um Geld lobten, scheuten
+sich nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen
+Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie
+steigerten ihre Stimme, sie erhoehten ihren Tadel, je mehr die Lust an
+jenen Produkten unter euch ueberhand nahm; sie bewiesen mit triftigen
+Gruenden, wie schaendlich eine solche Lektuere, wie entwuerdigend ein
+solcher Geschmack sei, wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch
+herrliches Wort wurde da ueber die Wuerde der Literatur, ueber wahren Adel
+der Poesie und ueber euch gesprochen, die ihr nicht erroetet, ihm zu
+huldigen, die ihr so verstockt seid, das Haessliche _schoen_, das Unsaubere
+_rein_, das Kleinliche _erhaben_, das Laecherliche _ruehrend_ zu finden.
+Woran lag es aber, dass jene Worte wie in den Wind gesprochen scheinen,
+dass, so oft sich auch Maenner von wahrem Wert _dagegen_ erklaerten, die
+Menge immer mehr Partei _dafuer_ nahm? Man muesste glauben, der Herr habe
+ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch ein anderer Grund faende.
+
+Jene Institute fuer Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so
+gruendlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur
+Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und
+wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gruenden,--sie sind leider nur fuer
+wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Buerger von wahrer
+Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich ueber das Gebiet der
+Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren fuer _diese_ schreibt? Ob seine
+Manier _diesen_ schaedlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn
+lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von
+selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter
+hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn waeren, die sich aus jenen
+Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig
+andern?
+
+So kam es, dass Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,
+gescholten, verhoehnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schuettelte
+den Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Strasse.
+Wusste er doch, dass ihm ein grosses, ansehnliches Publikum geblieben, zu
+dessen Ohren jene Stimmen nie drangen; wusste er doch, dass, wenn ihn der
+ernste Vater mit Verachtung vor die Tuere geworfen wie einen raeudigen
+Hund, der seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Toechterlein oder
+die Hausfrau eine Hintertuere willig oeffnen werde, um auf die Honigworte
+des angenehmen Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu
+verbinden weiss, und ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Straeusschen
+Vergissmeinnicht abzukaufen.
+
+Man koennte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewoehnliche
+Erscheinung der Literatur handelte, die in Blaettern oeffentlich getadelt
+wird, weil sie von den gewoehnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder
+nach Form und Inhalt den aesthetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann
+hoechstens die Zeit, die man der Lektuere einer Gespenstergeschichte oder
+eines ehrlichen Ritterromans widmete, uebel angewendet scheinen, oder der
+Geschmack kann darunter leiden. Solange fuer die jugendliche Phantasie,
+fuer Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, moegen immer die Richter der
+Literatur den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine
+Publikum wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen
+werden kann, dass eine Art von Lektuere die groesstmoegliche Verbreitung
+gewinnt, wenn sie diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Luesternheit,
+die das Auge reizt und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines
+Wesen, so ist sie ein Gift, das um so gefaehrlicher wirkt, als es nicht
+schnell und offen zu wirken pflegt, sondern allmaehlich die Phantasie
+erhitzt, die Kraft der Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schoene
+und Edle, Reine und Erhabene schwaecht und ein Verderben bereitet, das
+bedauerungswuerdiger ist als eine koerperliche Seuche, welche die Bluete
+der Laender wegrafft.
+
+Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz
+dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthuellt, und wer unter
+euch kann leugnen, dass er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der
+trete auf und beschuldige mich einer Luege! Maenner meines Volkes, die ihr
+den wahren Wert einer schoenen, kraeftigen Nation nicht verkennt, Maenner,
+die ihr die Phantasie eurer Juenglinge mit erhabenen Bildern schmuecken
+wollt, Maenner, die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau fuer ein hohes Gut
+erachtet, ihr, ich weiss es, fuehlet mit mir. Aber ihr muesst auch
+gefuehlt, gesehen haben, dass jene oeffentlichen Stimmen, die den
+Marktschreier ruegten, der den Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in
+eure Haeuser gedrungen sind. Ich habe gefuehlt wie ihr, und der Ausspruch
+jenes alten Arztes fiel mir bei: _"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich
+dachte nach ueber Ursache und Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete
+genau die Symptome, die sie hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel,
+worauf ich Hoffnung setzte. Aus denselben Stoffen, sprach ich zu mir, musst
+du einen Teig kneten, musst ihn wuerzen mit derselben Wuerze, nur
+reichlicher ueberall, nur noch pikanter; an diesem Backwerk sollen sie mir
+kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht widersteht, wenn es ihnen auch
+dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_ "Trueffelpaste", an _diesem_
+"Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind sie nicht mehr zu kurieren,
+oder--es war nichts an ihnen verloren.
+
+Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Muehe, die reiche Bibliothek von
+"Scherz und Ernst", die ueppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergissmeinnicht"
+nach allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs
+mein Grimm ueber diese nichtige Erbaermlichkeit. Es war eine schreckliche
+Arbeit; alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen,
+alle seine Schnoerkel und Arabesken, jene Kostuems, worein er seine
+Pueppchen huellt, alle Nueancen der Sinnlichkeit und Luesternheit, jenen
+feinen, durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als
+_verhuellt_, alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende
+Abbrechen, jenes Hindeuten auf Gegenstaende, die man verschweigen will,
+dies alles und so vieles andere musste ich suchen, mir zu eigen zu machen.
+Ich musste einkehren auf seinen Baellen, bei seinen Schmaeusen, ich musste
+einkehren in seiner Garkueche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden
+Braten, den schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine musst'
+ich kosten, musste den Kork zur Decke springen lassen, musste die
+"_bruesselnden Blaeschen im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen
+--und dann erst konnte ich sagen, ich habe den Clauren studiert.
+
+Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie
+gewoehnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei
+Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten
+Gesetzen 1. ein junger, schmaechtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,
+ungluecklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stuecks, ein tanzendes,
+plauderndes, naives, schoenes, luesternes, mitleidiges "Dingelchen", dem
+das Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem
+Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfass
+entlehnt, eines Kuefers wuerdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn
+beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches
+"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler
+Vater, der zum wenigsten Praesident sein muss; 5. ein paar Furien von
+Weibern, die das boese, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige
+Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;
+7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et
+cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stueck zu Faden geschlagen,
+und jetzt musste gewoben werden. Hier musste nun hauptsaechlich Ruecksicht
+darauf genommen werden, dass man sein Dessein immer im Auge behielt, dass
+man immer daran dachte, wie wuerde er, der grosse Meister, dies weben? Das
+Gewebe musste locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr
+herausgehoben und schattiert. Es waere z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida
+eine ganz honette, wuerdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat
+Berner haette mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden koennen; man
+haette aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, wuerdiges Ganze machen
+koennen! Aber dann--war der Zweck verfehlt. So flach als moeglich mussten
+die verschiedenen Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren
+Bewegungen, uebertrieben in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften,
+sinnlich, _sinnlich_ in der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert,
+und dennoch hat es mich oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder
+das andere der gesammelten "Zutaetchen" einstreuen, wenn ich von keuschem
+Marmorbusen, stolzer Schwanenbrust, jungfraeulichen Schneehuegeln,
+Alabasterformen _et cetera_ sprechen musste, wenn ich nach seinem Vorgange
+von schoenen von suessen "Kue--" (was nicht _Kueche_ bedeutet), von
+wolluestigen Traeumen schreiben sollte, wenn die Liebesglut zur Sprache
+kam, die dem "jungfraeulichen Kind" wie gluehendes Eisen durch alle Adern
+rinnt, dass sie alle andern Tuecher wegwirft und die leichte Bettdecke
+herabschieben muss! Ich habe gelacht, wenn ich nach Anleitung seines
+_Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren "kohlrabenschwarz" oder
+"Flachsperuecke" setzen musste, wenn man statt der Augen "Feuerraeder" oder
+"Liebessterne" hat, "Korallenlippen", "Perlenschnuere" statt der Zaehne,
+Schwanenhaelse samt _dito_ Brust, Knie, die man zusammen "kneipt", weil man
+vor Lachen "bersten" moechte; Waed--und Fuesschen zum Kue--und
+dergleichen laecherlich gemeine Worte. Nachdem gehoerig _getollt, gejodelt,
+getanzt, geweint, abgehaermt_ war, nachdem, wie natuerlich, das Laster
+besiegt und die Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Bruesseler
+Kanten, Blumen im Haare, auf die Buehne gefuehrt war, wurden als Morgengabe
+mehrere Millionen Taler, einige Schloesser, Parks, Gruende _et cetera_
+aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein "erschreckliches Hallo,
+dass man nicht wusste, wo einem der Kopf stand"; es wurde trefflich
+gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe bis in die
+Brautkammer befoerdert.
+
+Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch
+zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,
+durch Uebersaettigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire
+sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andaechtigen
+Zuhoerern laecherlich zu machen. Mit Vergnuegen haben wir da und dort
+bemerkt, dass der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder
+vernuenftige, unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es
+gedankt, es gab noch Maenner, es gab noch edle Frauen, die diese
+oeffentliche Ruege der Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.
+
+OEffentliche Blaetter, deren ernster, wuerdiger Charakter seit einer Reihe
+von Jahren sich gleich blieb, haben sich darueber ausgesprochen, haben
+gefunden, dass es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche,
+verderbliche Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner,
+ehrwuerdige Versammlung, dass ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne
+Ansprueche auf Sitz und Stimme in der Literatur, es wagte, den
+Hochberuehmten anzugreifen. Steht doch jedem Leser das Recht zu, seine
+Meinung ueber das Gelesene, auf welche Art es sei, oeffentlich zu machen;
+steht doch jedem Mann in der buergerlichen Gesellschaft das Recht zu, ueber
+Erscheinungen, die auf die Bildung seiner Zeitgenossen von einigem Einfluss
+sind, zu sprechen.
+
+Ich bin weit entfernt, mich mit dem grossen juedischen Koenig und
+Harfenisten _David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais,
+obgleich er jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein
+steinernes _Vergissmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in
+_Scherz_ und _Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor
+sich hertragen lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen:
+"Er hat Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhaenger
+verstehen koennte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des
+Philisters; natuerlich, er hat ja, wie Asmus sagt,
+
+ "--Federn auf dem Hut
+ und einen Klunker dran."
+
+Selbst die juedischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich
+erklaert. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.
+
+Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,
+weiter, so stossen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,
+dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein
+angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des
+Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde
+"geharnischt bis an die Zaehne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,
+uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen
+zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja fuer eine gute
+Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklaerte
+er, was schon auf den ersten Anblick jeder wusste, dieser "Mann im Mond"
+sei nicht sein Kind; aber statt, wie es einem beruehmten Literator, einem
+namhaften Belletristen geziemt haette, wie es sogar seine Ehre gegenueber
+von seinen Anbetern und Freunden verlangte, oeffentlich vor dem
+Richterstuhl literarischer Kritik, nach aesthetischen Gesetzen sich zu
+verteidigen, begnuegte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen"
+auf die Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _buergerlichen Gerichten
+zu klagen, man habe seinen Namen gemissbraucht. Hatte man denn die paar
+Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose
+Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man
+anfocht? Konnten Schoeppen und Beisitzer eines buergerlichen Gerichts ihn
+rein machen von den literarischen Suenden, die er begangen? Konnten sie mit
+der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn
+reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie
+ihm ihr buergerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation
+verschaffen, die er laengst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten
+sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er
+geschrieben, weniger schluepfrig machen?
+
+Wenn aber, andaechtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich
+vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklaert, dass man Claurens
+Namen nicht fuehren duerfe, dass es unrechtmaessigerweise geschehen sei,
+dass man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten, H. C. l. a.
+u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes Werk gesetzt
+habe. In einer andern Reihenfolge waere es also durchaus nicht unrecht
+gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen acht
+Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime Hofrat
+Carl Heun bezeugt eine ausserordentliche Freude ueber diesen Spruch und
+glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie taeuscht
+sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond", gegen
+seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur Sache;
+der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom Esslinger
+Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die Tendenz, die
+Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften sittlich oder
+unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das nach kritischen
+Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Aesthetik, in welches Gebiet
+doch die Schriften eines Clauren gehoeren? Der _Name_, nicht die _Sache_
+konnte nach buergerlichen Gesetzen unrecht sein; aber versuche er einmal,
+nachdem er mit Glueck seinen _Namen_ verfochten, auch seine _Sache_, den
+Geist und die Sprache seiner Schriften zu verteidigen!--Bedenke:
+
+ "Auch das Schoene muss sterben, das Menschen und Goetter entzueckte;
+ Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."
+
+Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergissmeinnicht
+_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der
+_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem
+Einfluss war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er fuer die Wuerde
+seiner Nation, fuer den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach
+Werken, nicht nach Worten richten.
+
+Bei den alten Aegyptern war es Sitte, wenn man die Koenige der Erde
+wiedergab, Gericht zu halten ueber ihre Taten. Man hat in unseren Tagen
+diese schoene Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Koenigen
+der Phantasie, hinuebergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen wir das
+schoene merkwuerdige Wort. "Gute Buecher sind gute Taten!" Wird man von
+Clauren dasselbe sagen?
+
+Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den
+"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob
+und wie es geschehen werde.
+
+Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhoerer! Habt ihr bis
+hierher mir aufmerksam zugehoert, so danke ich euch herzlich; denn ihr
+wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen wuerde es mich uebrigens,
+wenn ihr mich dennoch nicht verstaendet, nicht recht verstaendet. Es
+moechte vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und
+denken: der Tor predigt in der Wueste; sollen wir denn jeglichem heiteren
+Geistesgenuss entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, dass unsere
+Taschenlektuere Klopstocks Messias werden soll?
+
+Mitnichten! und es waere Torheit, es zu verlangen; als der Schoepfer dem
+Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfaenglichkeit fuer Freude in die
+Seele goss, da wollte er nicht, dass seine Menschen trauernd und stumm
+ueber seine schoene Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten grosse Geister
+gegeben, die es nicht fuer zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen
+die Natur verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie
+den tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade
+deswegen suchten sie von diesem Ernste--trueben Sinn und jene Traurigkeit
+zu verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.
+Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Grosse mit dem
+heiteren Gewand der Laune zu verbinden, moechte auf den ersten Anblick
+schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit
+Jahrhunderten so glaenzende Resultate gegeben, dass wir glauben duerfen,
+wenn nur der Geschmack der Menge besser waere, der Geister, die sie wuerdig
+und angenehm zu unterhalten wuessten, wuerden immer mehrere auftauchen.
+Welchen Mann, der nicht allen Sinn fuer Scherz und muntere Laune hinter
+sich geworfen hat, welchen Mann ergoetzt nicht die Schilderung eines
+sonderbaren, verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren
+Szenen, wo nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns
+gezeichnet? Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelaechelt haette, muessten
+nicht Jean Pauls Pruegelszenen ein Laecheln abgewinnen? Auf der
+Stufenleiter seines Humors steigt er herab bis in das unterste, gemeinste
+Leben; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite
+ist? Walter Scott, der Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die
+Wurzel des "Vergissmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den
+gemeinsten Schenken des Landes, in den schmutzigsten Hoehlen von Alsatia
+umher; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiss er nicht, wie jene
+niederlaendischen Kuenstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch
+selbst unreinlich und schluepfrig zu sein? Koennet ihr nicht seine
+Schilderungen, selbst an das Gefaehrliche streifende Situationen, jedem
+Maedchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erroeten zu machen?
+
+Solche Maenner kommen mir vor wie anstaendige Leute, die durch eine
+schmutzige Strasse in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,
+sie wissen mit sicherem Fusse die breiten Steine herauszufinden und treten
+reinlich in den Hausflur, waehrend Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder
+Schweinen gleich, durch dick und duenn laufen und, nicht zufrieden, sich
+selbst beschmutzt zu haben, die Voruebergehenden besudeln und mit Kot
+bespritzen.
+
+Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in
+unserer Literatur, gibt es der Maenner viele, die mit Wahrheit und Wuerde
+jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trueben Stunden freundlich zu
+Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, dass uns ein Goethe, ein
+Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzaehlungen gaben, die sich mit jeder
+Dichtung des Auslandes messen koennen? Hat euch der Vergissmeinnicht-Mann
+so gaenzlich gefesselt, dass ihr die schoenen Blueten zahlreicher anderer
+Erzaehler nicht einmal vom Hoerensagen kennt? Freilich, diese Maenner
+verschmaehten es, ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem
+Wasser einer Pfuetze zu mischen; sie fuehlten, dass der Entwurf ihrer
+Gemaelde anziehend und interessant, dass die Stellung der Gruppen nach
+natuerlichen Gesetzen zu ordnen sei, dass selbst das Neue, Ueberraschende
+angenehm fuer das Auge sein muesse. Zeichnung der Landschaft, nicht der
+Spiegel und Sofas, Schilderung der Charaktere, nicht der Huete und
+Gewaender, der Geist einer Jungfrau, nicht der ueppige Bau ihrer Glieder
+war ihnen die Hauptsache. Und darum koennen wir auch ihre Bilder, wie jedes
+gute Buch, alle Jahre mit erneuertem Vergnuegen lesen, waehrend uns der
+_Beruehmte_ schon nach der ersten Viertelstunde anekelt.
+
+Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere
+Literatur hochzuschaetzen. Die Englaender fanden einen Ernst, eine Tiefe,
+die ihnen bewunderungswuerdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine
+Natuerlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemaelden, die sie selbst bei
+ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Goetz und so manche herrliche
+Dichtung Goethes sind ins Englische uebertragen worden, seine Memoiren
+entzuecken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung
+ueber dem Kanal, und Talma ruestet sich, Schillers tragische Helden seiner
+Nation vor das Auge zu fuehren. Wir Deutschen handelten bisher von jenen
+Laendern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausfuehren zu koennen. Mit Stolz
+duerfen wir sagen, dass die Zeit dieses einseitigen Handels vorueber ist.
+
+Aber muessen wir nicht erroeten, wenn es endlich einem ihrer Uebersetzer,
+aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfaellt, ein
+"Vergissmeinnichtchen" ueber ein Baendchen von "Scherz und Ernst" zu
+uebertragen? Mit Recht koennt' er in einer pompoesen Anzeige sagen: "Das
+ist jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ muesst
+ihr lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen
+Laecherlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur ertraeglich zu
+finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden
+Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein
+Maedchen mit eigentuemlichen Kunstausdruecken anatomisch beschrieben
+fanden? Oder, wenn der Uebersetzer in unserem Namen erroetet, wenn er alle
+jene obszoenen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnoerkel streicht und nur
+die interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet,
+was wird dann uebrig sein?
+
+Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringelloeckchen ab,
+presst ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reisst ihr die
+Perlenzaehne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget
+Schals, Huete, Federn, Unter- und Oberroeckchen, Korsettchen _et cetera_ in
+den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,
+und es bleibt euch nichts als ein hoelzerner Kadaver, das Knochengerippe
+von Freund Heun!
+
+Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schaemet, wenn ihr ueber das
+deutsche Publikum nicht erroeten koennet, so erroetet vor euch selbst!
+Schaemet euch, ihr Maenner, wenn ihr eure Langweile nicht anders toeten
+koennet als mit Hilfe dieses Clauren! Schaemet euch, ihr Frauen, wenn ihr
+Gefallen finden koennet an dieser niedrigsten Darstellung eures
+Geschlechtes! Schaemet euch, ihr Juenglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem
+Handbuche der Sinnlichkeit wiederfinden wollet! Erroetet, wenn ihr es in
+seiner Schule nicht verlernt habt, erroetet vor euch selbst, ihr
+Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen luesternen Bildern zu schmuecken! Es
+gibt eine moralische Keuschheit, eine holde, erhabene Jungfraeulichkeit der
+Seele. Man darf darauf rechnen, dass ein Maedchen sie verloren hat, wenn
+sie Claurens Erzaehlungen gelesen.
+
+Ueberlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren
+ist. Man wird es ihnen so wenig uebelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den
+Handwerksburschen, wenn sie auf der Strasse unzuechtige Lieder singen.
+
+Meine Zuhoerer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders
+konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist
+vielleicht so tief gesunken, dass sie nicht mehr an solche Worte glaubt;
+meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man
+in diesem Augenblick einen frischen Strauss "Vergissmeinnicht" empfaengt.
+
+Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Roete der Scham
+aufjagten, die wie die Morgenroete der Bote eines schoeneren Lichtes ist,
+wenn auch nur zwei, drei Herzen entruestet sich von ihm abwenden, so habe
+ich fuer mein Bewusstsein genug getan! Weiss ich doch, dass es in diesen
+Landen noch Maenner gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand
+druecken und sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND***
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+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ https://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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Binary files differ