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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:42:10 -0700 |
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Clauren und den Mann im Mond + +von WILHELM HAUFF + + + + + + + +INHALT. + + +ERSTER TEIL. + +Der Ball +Ida +Schöne Augen +Der Fremde +Die Kirche +Das Souper +Das Urteil der Welt +Der Kotillon +Die Beichte +Das Dejeuner +Der Brief +Operationsplan +Die Mondwirtin +Der polnische Gardist +Der Hofrat auf der Lauer +Der selige Graf +Gute Nachricht +Der lange Tag +Der Tee +Das Ständchen +Die Freilinger +Feindliche Minen +Geheime Liebe +Emils Kummer +Der selige Berner +Entdeckung + + +ZWEITER TEIL. + +Die Heilung +Neue Entdeckung +Das _Tête-à -tête_ +Das Unkraut im Weizen +Das Unkraut wächst +Trübe Augen +Die Gräfin agiert +Eifersucht +Der neue Nachbar +Trau--schau--wem? +Der Gram der Liebe +Feine Nasen +Der Herr Inkognito +Emil auf der Folter +Der Rittmeister +Unschuld und Mut +Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus +Das Duell +Fingerzeig des Schicksals +Licht in der Finsternis +Reue und Liebe +Versöhnte Liebe +Die Freiwerber +Fortsetzung der Freier +Die Soiree +Die Braut +Präliminarien +Zurüstungen +Hochzeit +Der Schmaus +Schluß +Nachschrift +Kontrovers-Predigt + + + +ERSTER TEIL. + + + +DER BALL. + +Über Freilingen lag eine kalte, stürmische Novembernacht; der Wind +rumorte durch die Straßen, als sei er allein hier Herr und Meister +und eine löbliche Polizeiinspektion habe nichts über den Straßenlärm +zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die +Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen während des +Höllenwetters, das draußen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr +lebhaft auf den Straßen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt +rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten +erleuchtet, sich ausdehnte. + +Es war Ball dort, als am Namensfest des Königs, das die Freilinger, +wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert +vorbeiließen. Morgens waren die Milizen ausgerückt, hatten prächtige +Kirchenparade gehalten und kümmerten sich in ihrem Patriotismus wenig +darum, daß die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut +genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem +jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und +getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig +geworden waren. + +Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger +Schönen und Nichtschönen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt +hatten. Schön konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch +Hofrat Berner arrangiert, und das mußte man ihm lassen, so viele +Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu +veranstalten, verstand er aus dem Fundament. + +Die Wagen hatten nach und nach alle ihre köstlichen Waren entladen; +die Damen hatten sich aus den neidischen Hüllen der Pelzmäntel und +Schals herausgeschält und saßen jetzt in langen Reihen, alle in +unchristlichem Wichs, an den Wänden hinauf. Es war der erste Ball in +dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke +und Gesunde waren aus den Bädern zurückgekehrt; es ließ sich also +erwarten, daß das Neueste, was man überall an Haarputz und Kleidern +bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem +Abend zur Schau gestellt werden würde. Daher füllte die erste halbe +Stunde eine Musterung der Coiffüren und Girlanden, und das Bebbern +und Wispern der rastlos gehenden Mäulchen schnurrte betäubend durch +den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geärgert und bewundert und +fragte überall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch +nicht geben wolle. + +Das hatte aber seine ganz eigenen Gründe; man sah ihm wohl die Unruhe +an; aber niemand wußte, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit, +unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein +ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fünf Uhr mit seinem Arrangement +fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eröffnet; +aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Männchen +überfallen zu haben. + +Nur _er_ wußte, warum alles warten mußte; keinem Menschen, +soviel man ihn auch mit Schmeichelwörtchen und schönen Redensarten +bombardierte, vertraute er ein Sterbenswörtchen davon; er lächelte +nur still und geheimnisvoll vor sich hin und ließ nur hie und da ein +"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen. + +Wir wissen es übrigens und können reinen Wein darüber einschänken: +Präsidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurückgekommen; +er, der alte Hausfreund, war zufällig dort, als sie ankam; er hatte nicht +eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu +setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war präsentiert +worden, ausbügeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte +er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke +der Herren, wenn er die wunderschöne Dame in den Saal führen würde; +denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_. + +Wo hatte nur das Mädchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich +bildhübsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie +besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie +auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem +vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie früher +auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen +der Präsidentin, zu allen tollen Streichen angeführt. Er liebte sie +wie sein eigenes Kind; aber er mußte sich vor drei Jahren doch +gestehen, daß ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden +solle, das man da in die Residenz führe, um sie menschlich zu machen. + +Denn wollte man ein Mädchen sehen, das zur Jungfrau und fürs Haus +völlig verdorben schien, so war es Präsidents Wildfang; einen solchen +Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu +breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie +klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch +selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres +Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als +sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute +vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnädigen Mama +war, daß sie Französisch plappere wie ein Stärchen und daß, trotz +ihrem Umherrennen in der Märzsonne, ihr Teint dennoch trefflich +erhalten sei. + +Aber jetzt--! + +Nein, was war mit diesem Mädchen in den kurzen drei Jahren eine +Veränderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen, +alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fülle bekommen, die man +sonst nicht für möglich gehalten hätte; das Haar, das sonst, wie oft +man es auch kämmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in +unordentlichen Strängen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der +herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren +glänzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein +Feuerrädchen umher, alles anzuzünden drohend. Die Wangen bedeckte ein +feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem +Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und +hatte eine Würde bekommen, über die der staunende Hofrat lächeln +mußte, so sehr er sie bewunderte. + +Dieses Götterkind, diesen Ausbund von Liebenswürdigkeit, erwartete +der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe +hörbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie mußte sie erst im +Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseüberröckchen und in der +Haube _à la jolie femme_ beinahe närrisch machte; wie mußte +sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach +dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schöne Stirne und +den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche +die handbreiten Brüsseler Kanten umziehen sollten, mit dem +Amethystschmuck schmückte, den sie von ihrer Pate, der Fürstin +Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener +Herzlichkeit, mit der sie früher versprochen, einen Spaziergang mit +ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war, +jetzt als Königin des Festes die erste Polonäse zugesagt.-- + +Immer verdrießlicher wurden die Damen, immer ungestümer mahnten die +Herren den alten _Maître de plaisir_; schon seit einer halben +Stunde stimmten die Musikanten, daß man vor dem Quieken der +Klarinette, vor dem Brummen der Bässe sein eigenes Wort nicht hörte, +--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen über den Marktplatz her und +hielt vor dem Flügeltor des Museums. + +"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stürzte zum Saal hinaus; bald +darauf öffneten sich die Flügeltüren, und der kleine freundliche Alte +schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal. + + * * * * * + + + + +IDA. + +Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das +wunderschöne Mädchen sein, so hoch und schlank mit dem königlichen +Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kräftigen Frische des +jugendlichen Körpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als +käme sie alle Tage auf Freilinger Bälle und Assembleen; und doch +kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Präsident, +wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Präsidents Ida! + +Aber wie herrlich war dieses Knöspchen aufgegangen! "Welcher +Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken! +Wahrhaftig, man möchte ein Mückchen oder noch etwas Wenigeres sein, +nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen, +welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wünschten +sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Fähnchen, die sie doch ihr +gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und für +wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und +Astern, die eben erst aus den Gärten der Hesperiden gepflückt zu sein +schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle +vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst +Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, hätte +ihnen keinen schlimmern Streich spielen können, als diese Ida gerade +heute einzuführen. Aber man mußte sich Gewalt antun; der Präsident +machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der +Provinz, eine glänzende Aussicht auf _Thés dansants_, Soupers, +Hausbälle und dergleichen eröffnete sich vor den schnell berechnenden +Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt +war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wußte, daß dies der Herr +Papa Präsident nie verzeihen würde; man nahm sich zusammen, und in +kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt, +welche Glück wünschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei +dies und jenes von dem hoffähigen Anzug spickten. Alle redeten zumal, +keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein +Donnerwetter über das andere, daß sich eine so dichte Wolke vor diese +kaum aufgegangene Sonne gedrängt und sie ihrem Anblick entzogen habe. + +Jetzt zog Hofrat Berner das weiße Sacktuch, schwenkte es in der Luft +und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das +Zeichen, und eine herrliche Polonäse begann. Im Nu stoben die +Glückwünschenden auseinander und machten Raum für die Assessoren, +Leutnants, Sekretäre, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die +glücklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen +Walzer, eine Ekossäse oder gar den Kotillon mit Ida die Hälse brechen +wollten. Sie aber lachte, daß die Schneeperlen der Zähne durch die +Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu +versagen, hüpfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand. + +Selig, gerührt, begeistert stellte er sich mit seinem holden +Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den +mutigen, lockenden Tönen der Polonäse stolzen Schrittes gegen das +wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den +Flanken, überallher aus den Mündungen der Lorgnetten auf seine +Tänzerin sprühte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt +des Korsettchens einen Kürassierpanzer von feinstem Stahl mit der +Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie +die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das +Kartätschenfeuer marschierte? Ich weiß nicht; aber sie schien gar +nicht auf die schrecklichen Ausbrüche der gebrochenen Herzen, auf die +Knallseufzer der Verwundeten zu hören; das Plappermäulchen ging so +ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre jünger, mit dem guten +Hofrätchen im Wald spazieren. + +Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld +losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Übermuts aufs +Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie +sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es +dem Hofrat als Findling vor die Türe gelegt, wie sie dem Oberpfarrer +die Waden voll Stecknadeln gesetzt, daß sie aussahen wie der Rücken +eines Stachelschweines, alles, ohne daß er es merkte; denn er trug +_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war +ja dasselbe lustige, naive Ding wie früher und doch so wunderherrlich, +so groß, mit so unendlich viel Anstand und Würde! Er hätte sie auf +der Stelle am Kopf nehmen und recht abküssen mögen wie früher, +wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte. + +Es ging über seine Begriffe! "Wie können Sie nur so hartherzig sein, +Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren +werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick +für alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehört +haben müssen?" + +"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der größten +Ruhe fort. "Die sind hier wie überall, unverschämt wie die +Fleischmücken im Sommer. Das könnte kein Pferd aushalten, wollte man +darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man +gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht, +wie sie dieser und jener dasselbe zuflüstern, vor der Ursel ebenso +wie vor der Bärbel sterben möchten, so weiß man schon, was solche +schnackische Redensarten zu bedeuten haben." + +Die muß eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat. +Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der +Farbe, als wäre sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und +London umhergefahren! Er ärgerte sich halb und halb über Mamsell +Neunmalklug und Übergescheit; denn es waren just keine unebenen +jungen Männer, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und +ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amürchen gehabt +hatte, konnte nichts mehr ärgern als ein fühlloses Herz. + +Aber dieser Ärger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen. +Wenn er in ihr volles, glühendes Auge sah, wenn er den süßgewölbten +Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener, +aber ich nicht! Weiß ich doch von früher her, wie du gerne Flausen +machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X für ein U +unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir +irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende +doch in der Residenz geblieben, und Fräulein Stahlherz ist nur darum +so spröde gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat +Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses +Auge weiß, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon +geküßt, aber anders als nur solche Hofratsküsse! + +Der gute Alte äußerte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber +sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte lächelnd: gefallen +habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch +keinen Mann als ihren Vater und ihn. + + * * * * * + + + + +SCHÖNE AUGEN. + +"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an +ihren Platz geführt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen, +der da mit Ihnen kam?" + +"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand +dabei. Wen meinen Sie denn?" + +"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn +niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst müßte er ja--Sie +wissen, daß das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst müßte er +ja eingeführt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine +Säule gelehnt, stand unbeweglich mit übergeschlagenen Armen eine +schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die +glänzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte +sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener +sich um, und unwillkürlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte +Blässe lag auf diesem feinen, schönen Gesicht, geheimer Gram oder +verschlossenes Kämpfen mit finsterem Leiden schien das muntere, +jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schönsten Ebenmaß geformten +Zügen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefühl drängte sich +bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit +zweifelhafter Furcht streiten zu wollen. + +Kaum hatte des Fremden glühendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie +ihren Blick abwandte. Überraschung und Verlegenheit machten sie stumm +auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schönen Stirne, über +den Liliensamt der blühenden Wange bis herab auf den jungfräulichen +Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht +unbemerkt ließ. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach +der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren drängte +sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten +sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat +aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben +meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geübter +Feldherr; er fragte sie so laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie sie +gewünscht, gefällig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im +dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und +Pfiffköpfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie +beurlaubte sich also mit großer Hast von dem ungeheuern +Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner +durch den Saal. + +Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die +Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche +Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des väterlichen +Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre +Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem +Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz +im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus. + +"Sie geben sich vergeblich Mühe, Hofrätchen," kicherte das lose Ding, +"ganz vergebliche Mühe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen +Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie +ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich +auch vorhin etwas in Verlegenheit." + +"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein großer Unterschied", +antwortete Berner mit einem völlig ungläubigen Kopfschütteln. "Da +müssen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?" + +"So hören Sie mich doch, Sie böser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer +wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch +einmal, ich weiß nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe +ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren +wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war +ein prachtvoller Landau mit einem großen Bock, worauf ein alter +Diener in reicher Livree saß; am Wagen zogen vier Postpferde; das +Dach war zurückgeschlagen, und es saß niemand darin als ein großer +Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um +die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit +ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die +Reisenden, denen der Wagen gehört, seien vorausgegangen und lassen +ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem +Wagen, ob ich noch keine reisenden Engländerinnen oder Französinnen +gewahr werden könnte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine +Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche +saß und zu dem Wagen gehören mußte." + +"Und war es derselbe, der dort an der Säule steht?" fragte der +Hofrat. + +"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag +neben ihm im Gras, seinen Kopf stützte er in die hohle Hand. Das +Geräusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch +langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit +gesenktem Haupt bis an unsere Wagentüre. Da richtete er sich auf, und +Sie können sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das nämliche +geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er mußte +heftig geweint haben; denn Tränen hingen in den langen schwarzen +Wimpern und gaben dem glühendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz +eigenen Reiz." + +"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete lächelnd der Hofrat. +"Wer hat denn meinem Mädchen erlaubt, über Männeraugen Betrachtungen +anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz +gelernt?" + +Das lustige Amorettenköpfchen, das sich da, es wußte nicht wie, +verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht +alles so bös aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida +nicht immer falsch. + +"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen +eigenen Geschmack. Schöne blaue oder schwarze Augen, mitunter auch +recht glänzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch +alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schöne Augen haben; +sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiß, durch +was sonst, den schönsten Glanz benommen und stieren uns an wie +gestochene Böcke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine +solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das +Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht +anmutig, sinnig und wie man es gern haben möchte, trifft. Beides sah +ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--" + +Da hatte sich das schnelle Schnäbelchen schon wieder verplappert! Der +Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biß die Lippen +zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem +Tanzen sich zwischen den Schneehügeln hinabgeschoben hatte und ganz +glühend heiß geworden war. + +"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge +gehört, wovor einem die Haut schaudern könnte; nimm dich um Gottes +willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich +weiß es aus meiner Jugend, daß in gewissen Augen Häkchen sitzen, die +uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, daß an kein Entrinnen zu +denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehört?" + +"Doch," entgegnete der kleine Übermut; "ich glaube sie auch zur Not +zu verstehen."-- + +"Ist gar nicht vonnöten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum +Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas +kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar geläufig ausdrückt und +mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht +für eine Erzgeneralkokette." + +"Nun, für eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida +etwas empfindlich. + +"Dazu kenne ich mein süßes Mädchen zu gut," entgegnete der Hofrat +traulich und drückte ihr das weiche Samthändchen; "was aber den +bleichen Patron dort drüben betrifft, so kann er über allerlei +geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester +oder gar sein Mädchen verloren haben." + +"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da +würde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da +würde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen." + +"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus, +und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter +fortzusetzen." + +"Nicht doch," fiel sie ein, "wie mögen Sie nur diesem interessanten +Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus +als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er +sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und +weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!" + +"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das +Mäulchen geht ja, als sollte es einen Prozeß vor den Assisen führen! +Übrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den +Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich +eindrängen, auf den Zahn zu fühlen." + +"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofrätchen; aber ja recht artig und +delikat," setzte das errötende Mädchen mit den süßesten +Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben +scheint, muß unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!" + + * * * * * + + + + +DER FREMDE. + +Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu +erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon +seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Säule +gelehnt, so wenig Interesse an dem glänzenden Ball zu nehmen schien. +Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurück. "Wer ist es? Wie +heißt er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?" + +"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese +Karte gegeben." + +Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu +sehen als ein schön gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de +Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die +Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren +Bällen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschüttelnd umher; sie +hätten gar zu gerne gewußt, woher er komme, wohin er gehe, warum er +nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten; +doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, daß er in des Fremden Seele +fühlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein müsse, gab das +Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen, +rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze. + +Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde +gebietende Gestalt unbeweglich an die Säule gelehnt. Es war, als +hätte er sich nur in Schwarz und Weiß geteilt und kenne keine andere +Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glänzende +Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschöne +Wäsche, welche durch ihre Weiße, durch ihre zierlichen Fältchen den +Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einflößte, +kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen +Lippen schmückte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne +Teilnahme in das bunte Gewühl hineinzustarren; aber dennoch begegnete +nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge +überrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser sprühenden Glut +niederzuschlagen. + +Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht +viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen +Herren machten sich über ihn lustig, und beide Teile hatten so viel +an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu +bekritteln, zu bewundern, daß man bald nicht mehr an jenen dachte. +Nur Idas Blicke streiften öfter nach jener Säule hinüber; ein Blick +zu ihm schien sie für das Geschwätz der Freilinger Stutzer, die ihr +heute unendlich fade vorkamen, zu entschädigen. Doch betrachtete sie +ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb +es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, daß +die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man müsse +ihr siedendes, glühendes Blut an ihr Herzchen pochen hören. Waren es +die Tränen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der +wehmütige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so rührte? Hatte der +Hofrat recht mit den Häkchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte +sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef-- +Nein! lächelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine +Not! Es ist ja nur das natürliche Mitleiden, was mich immer nach ihm +hinsehen heißt. + +Elf Uhr war vorüber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper +getanzt werden. Stürmisch drängten sich die Herren um das Wunderkind; +aber Trotzköpfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und +ließ die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und +unwillkürlich waren sie wieder mitten im Gespräch über den Fremden. + +"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmütigkeit +ihres Engelköpfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends +immer blässer; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre +Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmäßige +Körper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestört werden +könne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die +Lippen zusammenpreßte, als wolle er einen Schmerz verbeißen; der +Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das +Wehmütige, der tränenschwere Trübsinn in seinem Auge wurde immer +unverkennbarer. + +"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte +ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, daß du nicht fröhlich +bist mit den Fröhlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu +helfen."-- + +Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!! + +Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich +der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Größe, +in gebietender und doch graziöser Haltung da; aber sein Auge heftete +sich furchtbar starrend nach der Saaltüre. Berner wollte eben +aufstehen und zu ihm hin-- + +Da öffnete sich die Tür, ein alter, reichgekleideter Bedienter, +derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden +zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riß eine Uhr heraus, +warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida +herüber und verließ langsamen Schrittes den Saal. + +Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen über diesen +sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der +Präsident kam und führte sein liebes, holdes, wunderherziges +Töchterchen zur Tafel. + + * * * * * + + + + +DIE KIRCHE. + +Der alte Küster am Münster zu Freilingen saß in dieser Nacht nach +seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stübchen; der +Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehälfte vorgelesen, er +hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit +brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen, +vierhundert Schuh hohen Münsterturm erbaut und wie solches viel Zeit +und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiß- und +blaugestreiften Umhang der zweischläfrigen Himmelbettlade +auseinanderschlagen, um ihren Ehezärter zu ermahnen, sein gewohntes +Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern +Parterrestübchens pochte. "Macht auf, Meister Küster! Seid so gut und +macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draußen. "Wird +wohl ein Bote von einem Kranken sein," näselte der Küster, "der die +Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, daß die +Stelle nicht verblättere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man +mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Dünnbier +gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer, +tagtäglich vorsetzte. Draußen schob er die mächtigen Schlösser und +Riegel der Haustür auf, und herein trat ein kleiner ältlicher Mann in +reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spät?" fragte der +Küster. + +"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Küster aus dem +kalten Hausgang in die wärmere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr +mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er +einen blanken, harten Taler auf den Tisch. + +Der Küster wog den Taler in der Hand, ließ ihn wieder auf den Tisch +fallen, daß es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's +nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!" + +"So nehmt Eure Schlüssel," fuhr der andere fort, "und schließt die +Münsterkirche auf!" + +"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in +dieser stürmischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es +geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!" + +"Beileibe," rief die Küsterin aus dem Bette und riß den Umhang +zurück, daß man das ganze Paradiesgärtlein ihres geblümten Bettes +übersehen konnte, "führe uns nicht in Versuchung! Alter, laß dich +nicht betören! Wer weiß, was draußen lauert?" + +"Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem +Weiberregimente stündet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist +auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn." +Noch einmal wog der Küster den Taler auf der Fingerspitze und schien +sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da ist +es gar nicht geheuer drüben in der Kirche; denn ich weiß, was ich +weiß, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es +sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne +zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die +gewichtigen, wunderlich geformten Schlüssel. + +"Ei du meine Güte, läßt er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte +die Alte im Bette. Der Küster aber trat zu ihr mit dem größten seiner +Schlüssel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, daß +unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verließ mit +dem Diener das Haus. + +Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne +dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten +die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen +sie am Portal des Münsters. Der Küster schrak zusammen, als dort aus +dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel +gehüllte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse +in so hohem Grade erregt hatte. + +"Schließ auf, schließ auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!" +Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte +gerade über ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden +Klängen schallte die zwölfte Stunde in die Lüfte. + +"Schließ auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um +die Ecke!" + +Seufzend ging die hohe Türe auf; in einem Sprung war jener in der +Kirche. Der Küster schloß behutsam wieder hinter sich ab und ging +dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In +wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der +Laterne an den hohen Säulen des Doms, nur auf wenige Schritte +verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Dämmerung, bis es +sich in der tiefen Nacht des Gewölbes verlor. Manchmal schien es, als +schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewändern hinter den +Säulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten +und ging dann schneller hinter dem Küster her. Dumpf schallten ihre +Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich +befand, und ein vielfaches Echo gab diese Töne aus allen Ecken +zurück. + +So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf +die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der trübe brennenden +Laterne auch viel bleicher erschien, stützte er auf die Hand, daß die +glänzend rabenschwarzen Ringellocken darüber herabfielen. Der Diener +winkte dem Küster, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder +und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er schweigen und sich +ganz ruhig verhalten möchte. + +Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den großen dunklen Hallen, +tiefe Stille draußen in der Nacht. Nur vom Altar her hörte man ein +leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter +die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto +unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und +lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug stärker wehte. + +Näher und näher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der +Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen +Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre +zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand. + +Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stößen. Krachend stürzte +ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, daß der +Schall durch die Halle tönte und--mit fürchterlichem Lachen des +Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend +tönten diese hohlen Töne der Verzweiflung durch die Gewölbe. "Er kann +nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er +die Wolken aufgezäumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ça +ça! Holla, Antonio--wie schäumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase, +tobe durch die Lüfte, du kannst doch nicht herein zu meiner +Freistatt!" + +Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und säuselnd +zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch +die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm +in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmütig und +zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er +so ernst und zürnend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht +vergeben, Antonio?" + +Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank. +Jetzt stand der alte Diener, dem während der schrecklichen Szene die +Tränen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und +unterstützte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiß von der +Stirne und die Tränen aus dem gebrochenen Auge und flößte ihm aus +einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein. + +Der Ohnmächtige richtete sich wieder auf, hüllte sich tiefer in +seinen Mantel und schritt durch die Kirche. + +Der alte Diener aber trat zu dem Küster. "Ich danke, Alterle," sagte +er, "du hast jetzt gesehen, daß wir nichts Unrechtes in deinem +Gotteshaus gemacht haben; dafür halte aber reinen Mund! Und wenn du +niemand ein Sterbenswörtchen hören lässest von dem, was du hier +gesehen und gehört hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche +Nacht wieder, und du sollst pflichtgemäß deinen Harten haben." + +"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der +Küster im Weitergehen; "so viel merke ich, daß Euer Herr entweder +nicht richtig unter dem Hut ist, oder daß er mit dem Gottseibeiuns +hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht +holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen +betrifft, so seid außer Sorgen, von mir erfährt es kein Mensch, vor +allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiß, macht +sie nicht heiß." + +Der alte Diener lobte den Entschluß des Küsters und nahm am Portal +mit einem Händedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so +junges schönes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem +Häuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affären mit Herrn Urian. +Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjährchen reiten; um die harten +Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger +Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Münster festzumachen." + + * * * * * + + + + +DAS SOUPER. + +Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Münster +zurück über den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten +Museums drängten sich Gestalten an Gestalten geschäftig hin und her, +verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tönte herab auf den stillen +Platz, hie und da zeigten laute Ausbrüche der Fröhlichkeit, mit +Trompeten vermischt, daß eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht +worden sei. + +"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die +süßen Töne der Flöten, die klagenden Klänge der Hörner haben etwas +Beruhigendes für mich, und mitten im Gewühl der fröhlichen Menge +vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, daß ich unter den +Glücklichen der einzige Unglückliche bin." + +Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er möchte doch seine +Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar +nicht zu hören, schweigend warf er in der Haustüre den Mantel ab, gab +ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschüttelnd folgte ihm +der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht +bemerkt, daß sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte; +es mußte etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn +wenn er sich sonst auch in das fröhlichste Gewühl gestürzt hatte, so +war er doch immer nach einem halben Stündchen wieder zurückgekommen. +Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen müssen; heute ging +er zu einer Zeit, wo er sonst, erschöpft von Kummer und Unglück, dem +Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott +gebe, daß es zu seinem Heil ist!" schloß der treue Diener seine +Betrachtungen und wischte sich die Augen. + +Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten +stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hörner und ließen die Schlegel +dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht +scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit +manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball +beschließen. Löffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstoßenden +tönte aus dem Speisesaal. Ein schwermütiges Lächeln zog über Emils +blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner +fröhlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten +Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib, +doch treue Freunde geküßt hatte und mit fröhlichem Jubel in das +allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte; +unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen +saßen die fröhlichen Gäste die lange Tafel herab; man hatte soeben +die hunderterlei Sorten von Geflügel und Braten abgetragen und +stellte jetzt das Dessert auf. Gewiß, man konnte nichts Schöneres +sehen, als die Präzision, mit welcher die Kellner ihr Dessert +auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie +am Schnürchen, die schweren Zwölfpfünder der Torten und Kuchen, das +kleinere Geschütz der französischen Bonbons und Gelees werde mit +Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom +Glanz der Kristallüsters bestrahlt, standen die Guß-, Johannisbeeren-, +Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die +silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte +sie auch eingeübt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er +hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, daß er, +einen bis an den Rand gefüllten Champagnerkelch auf eine +spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen +könne, ohne einen Tropfen zu verschütten, was in der Geschichte des +Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu +arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art völlige +Übungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist +werden sollte, ließ eine Tafel zu dreißig bis vierzig Kuverts decken, +und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen möglichen +Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Präsidenten, +Justizräte, Kollegiendirektoren, Regierungsräte und Assessoren mit +Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein +Stück Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten +und Vierten einzuschenken und dem Fünften eine andere Sorte +vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die +Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte, +durfte er auch gewiß sein zu siegen. Wie jener große Sieger, der nur +mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von +Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von +seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, tröstlichen Hindeutungen +auf frühere Bravouren und gelungene Affären, und er konnte darauf +rechnen, daß keiner der zwanzig Kellnergeister über den andern +stolperte oder ihm die Aalpastete anstieß, aber daß sie mit Sauce und +Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze +Bescherung servierten. + +Mit dieser Präzision war also auch heute die Tafel serviert worden; +der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind +Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner +Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon würden +weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte +schon der aromatische Rheinwein die Zungen gelöst und das +schwärzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfräulichen +Wangen und die Nasen der Herren gerötet, so war es jetzt, als die +Pfröpfe flogen und die Damen nicht wußten, wohin sie ihre Köpfe +wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die +Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweißem Gischt gefüllt, +kredenzt würden, wie auf einem Basar im asiatischen Rußland, wo alle +Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren, +zwitschern und näseln, plärren und jodeln, brummen und rasaunen, so +schwirrte in betäubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den +höchsten Fisteltönen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C +der menschlichen Brust das Gespräch um die Tafel. + + * * * * * + + + + +DAS URTEIL DER WELT. + +Aber der größte Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des +Tisches, galt Präsidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Mäulchen der +Tanten und Mütter wie oberschlächtige Mühlen, und die Posaunen- +Seraph-Gesichter der Töchter nickten ihren Konsens aus den kleinen +Kalmückenäuglein. Wie hatte doch das Mädchen vor Gott gesündigt und +gefrevelt dadurch, daß es so wunderhübsch geworden war! Wäre sie +zurückgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als +Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen +zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da hätte es geheißen: "An +der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt, +wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie +bescheiden und doch voll so erhabener Würde hereintrat, das +strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und +Löckchen, im feuersprühenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit +schuldloser, anspruchsloser Natürlichkeit, die Wangen von Gesundheit +gerötet, in den feinen Grübchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund +so würzig, so kußlich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem +fürstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das +Mädchen durfte nicht schön, durfte nicht unschuldig und tugendhaft +sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die +Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, daß sie die acht +unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Töchterlein beleidigen könnte-- +"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da +müßten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister +müßten ihre engschließende Uniform ausgezogen und die Herren +Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostüm ersucht +haben, müßten in schwarzen Mäntelein, weißen Beffchen, kurzen Höschen +und seidenen Wädchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man +bei siebzehnjährigen Mädchen Tugend finden sollte in Sodom!" + +"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es über die Tafel herüber. +"Und die gerühmte Schönheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man +alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort, +die Zöpfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was für Haar +Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zähne +hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene +hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter +Seehund, nichts als Seehund." + +"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten +Brüsseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg +pflastern könnte--von der Fürstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha, +man hat auch seine Nachrichten; die Fürstin, Gott halte sie in Ehren, +ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber +so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist, +dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu +schenken--nein, dazu ist die Frau Fürstin Hoheit doch zu vernünftig. +Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehört? +Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur +gegen ihn gefällig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--" + +Und der ganze Zirkel lachte und stieß an auf den gefälligen, +splendiden Prinzen. + +Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schönes, +engelreines Geschöpf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so +schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo +er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu übersehen, alles mit +angehört; er hätte mögen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie +noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer +jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rückte, nur um +die giftigen Bemerkungen nicht zu hören, um ein Fenster weiter +hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von +Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitläufig +auseinander, daß er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf +den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen +müsse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht. + +Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses +bei Juden und Christen einige tausend Tälerchen mehr stehen hatte, +als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen +konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte +ihm nicht recht einleuchten. + +Aber die gnädige Mama wußte Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt, +namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heißt Attention +beweisen; das Mädchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird +aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am +Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen über sie, die +Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, hältst also nicht an, sondern +herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick +dem Fräulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur +ihr Herzchen aus Angst für dich einmal schneller pulsiert, dann hast +du sie schon im Sack. Drittens: in einer schönen Nacht mit der ganzen +Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stücke, einige zärtliche +Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette +ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufällig bei Levi ist. Einige +Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen: +'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme +Junge weint.' 'Ach, laßt mich, tapfere Kameraden,' antwortest du, +'mir ist so weh und so wohl in ihrer Nähe.' So kommt es in allen +Ritterbüchern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen +Bürgerlichen noch kein Geld hatten." + +"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und +wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--" + +Emil wurde, er wußte nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den +Eroberungsplan des Wildfangs hörte; er rückte um einige Fenster +weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmähsucht +der Weiber zu zerreißen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu +gewinnen suchte. + +Obenan saß der Präsident; die feierliche Geschäftsmiene war zu Hause +geblieben; er hatte den freundlichen, gefälligen Gesellschaftsmenschen +angezogen und tafelte, zum großen Trost der jüngern Glieder seines +Kollegiums, wie ein Junger. + +Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke +ein satirisches Lächeln, wenn er und der Hofrat Ida zum süßen +brüsselnden Schaumwein nötigten. + +Es war nicht möglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das +Mädchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, fröhlichen Herren. +Es war jetzt ganz das wählige, mutwillige Kind wieder wie vor drei +Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem +Schoße saß; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der +schweren Weine über die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte, +alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren +Adern so warm und wohltuend, daß das Auge von Lust und Liebe strahlte +und die rosige Tiefe des Schelmengrübchens alle Augenblicke sich +zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch +nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein fröhlichglühendes +Engelsköpfchen abzukühlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und +Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wußte sie doch selbst nicht, +was sie so fröhlich machte! Die Rückkehr ins Vaterhaus allein war es +nicht, auch nicht, daß die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder +alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein +bleiches, wunderschönes Gesicht, das sich immer wieder ihrer +Phantasie aufdrängte, das sie wehmütig durch Tränen anlächelte? Warum +mußte er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn +hätte sehen und sprechen können!-- + +"Ei, Kind," sagte der Präsident und weckte sie aus ihren Träumen, "da +sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf +den Teller hin, als läsest du in der Johannisbeermarmelade so gut als +im Kaffeesatz deine Zukunft, und lächelst dabei, als machten dir alle +ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!" + +Die Glutröte stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und mußte +doch wieder heimlich lächeln über den guten Papa, der doch auch kein +Spürchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der +Hofrat ihr von der andern Seite zuflüsterte: "Der alte Herr hat +fehlgeschossen; wir alle könnten uns den Rücken lahm komplimentieren +und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzköpfchen gönnte keinem +einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslächeln, das +hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter +Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--" + +"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!" +rief sie, ärgerlich, daß der Kluge ins Schwarze geschossen haben +sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas +silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand-- + +"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da +gekritzelt, Fräulein Lügenhausen? He!" + +Nun, da hatte sich das Mädchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne daß +sie es im geringsten wußte, unter ihrer Gedankenreihe das +Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt, +und da stand mit hübschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v. +Mart_-- + +"Nein, wie einem doch der Zufall bei bösen Leuten Streiche spielen +kann!" replizierte sie mit der unverschämtesten Unbefangenheit, +kratzte, indem sie sich selbst über ihre furchtbare Kunst, zu +verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin, +wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da +war irgend einmal eine reisende Prinzeß hier, welcher man auf Silber +servierte, und um den merkwürdigen Tag ihrer Anwesenheit zu +verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._, +heißt offenbar: Emilie, am fünften März." + +"Gott im Himmel, was hättest du für einen Rechtskonsulenten und +Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den +frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder +nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und +jetzt täte es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch +Engelsköpfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, daß er unwillkürlich +wieder gut wurde; in den süßesten Schmeicheltönen bat sie ihm die +Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er +gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang +mit ihrer Silberschrift necken würde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt +sich zum Kotillon zu rüsten. "Nur noch ein Viertelstündchen!" bat +Ida, weil sie dem widerwärtigen Kreissekretär habe zusagen müssen. +Aber das Sträuben half nichts; die Hörner erklangen im Tanzsaal, und +die Tafel rüstete sich, aufzubrechen. Da stand der Präsident auf. +"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er über die Tafel hin, "noch +einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Gläser hoch--der +Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf +unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das +donnerschlagähnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen +Hallo der bechampagnerten Gäste war es Ida, als hörte sie hinter sich +tief seufzen, und als sie, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, +sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmütig, +tränenschwer in das Gewühl der Freude schaute. Alles Blut jagte die +Überraschung dem Mädchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr, +und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden. +Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade +als sie der schöne junge Mann anreden zu wollen schien, riß ihn das +Gedränge der Aufstehenden aus ihrer Nähe; der Kreissekretär kam mit +seinem widrigen, sauersüßen Gesicht, schätzte sich glücklich, den +Kotillon errungen zu haben, und führte seine Tänzerin im Triumph +durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch +immer über diese Erscheinung, über die Gewalt dieser dunkeln +Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat +hat doch recht, es muß Menschen geben, die Häkchen im Auge haben, von +welchen man sich gar nicht losreißen kann, und dieser muß einen von +den großen Angelhaken haben." + + * * * * * + + + + +DER KOTILLON. + +In rauschenden Tönen klangen die Hörner und Trompeten durch den Saal; +in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, hüpften die +Paare den fröhlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf +und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald +dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der +Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick über +den Saal hinüber nach ihm, zu welchem ein unerklärbares Etwas sie +noch immer hinzog, und wenn die Flöten leiser flüsterten, wenn die +weichen, gehaltenen Töne der Hörner süßes Sehnen erweckten, da +glaubte sie zu fühlen, daß diese Töne auch in seiner Brust +widerklingen müssen. In glänzender Kette schwebten jetzt die Mädchen +in der Runde, bis die Reihe sich löste und sie den Saal +durchschwärmten, um selbst sich Tänzer zu suchen. Emil stand wieder +an seine Säule gelehnt. Kaum den Boden berührend, schwebte eine zarte +Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschämtes +Lächeln, auf ihn zu--es war Ida. Lächelnd neigte sie sich, zum Tanze +ihn einzuladen; er schien freudig überrascht, eine flüchtige Röte +ging über sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind +umschlang und mit ihr durch den Saal flog. + +Aber ängstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in +der ihrigen ruhte, schaurige Kälte fühlte sie aus des Fremden Arm, +der ihre Hüfte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge +den Boden; denn sie fürchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen. +Jetzt erst fiel ihr auch ein, daß es sich doch nicht so recht +schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch +vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben. + +Aber ein freudiges Geflüster des Beifalls begleitete sie durch die +Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der +Bewegung des Tanzes leicht gerötet, bedeutender erschien seine edle +Gestalt, sein hoher königlicher Anstand, und dem schönen Mann +gegenüber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schönheit. Mit +dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurückführte; +wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja, +wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurückrief, +wieviel Dank lag darin, wieviel Lie-- + +Sie drückte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen, +die sie unablässig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur +um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von +der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr +ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht, +wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon +hatte jetzt seine glänzendste Höhe erreicht; eine Tour, die in +Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die +Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Tänzer geführt, +auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem +seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Tänzer +jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgeführt. Die Ausgeschlagenen +stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der +Erwählte flog mit der von der Binde erlösten Tänzerin durch den Saal. +Die Tour an sich war gerade nicht so kühn erfunden, um durch sich +selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, daß +der Vortänzer, ein gerade von Reisen zurückgekommener Herr aus +Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour für sehr +verhängnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl +das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und +mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen +sehen. Die Freilinger Schönen machten zwar Spaß daraus und +behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen +haben; doch mochten sie abergläubisch genug sein und wünschen, des +Schicksals Stimme möchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen +den schönen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbärtchen oder +einen dergleichen vor die blinden Augen führen. + +Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersüße +Kreissekretär führte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein +sollendem Lächeln, das aber sein Gesicht zur scheußlichen Fratze +verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das +Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei +arme Unglückliche, von der spröden, blinden Mamsell Amor-Justitia +verschmäht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an +Martiniz durch das Köpfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht +tüchtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen möge sie ziehen, +wie es wolle, das Schicksal möge noch so gebietend rufen, sie lasse +drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen. + +"Numero vier, gnädiges Fräulein!" meckerte der Kreissekretär. Sie +ließ die Binde lösen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils +Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der +Hörner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie +hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der +Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so hätte sie durch +das Leben tanzen mögen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den +Flügeln der Frühlingslüfte schwebte sie in seinem Arme hin, sie +zitterte am ganzen Körper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie +mußte ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das +schmachtende Gesichtchen. Ein süßer Blick der beiden Liebessterne +traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das +edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund +von Mund; ach, wie unendlich hübsch kam er ihr vor, wie fein alle +seine Züge, wie schmelzend sein Auge, sein Lächeln; sie hätte mögen +die paar Zöllchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kü-- + +Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die +glacierten Handschuhe zusammenschlugen, daß die zarten Nähte +sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen, +wenn ihr wüßtet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen +Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich öffnen, wie die Seele +hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um +hinüberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr würdet diesen +Moment des süßesten Verständnisses nicht durch euer Klatschen +verscheuchen. + +Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und +das wärmende Mäntelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie +zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen. "Sie haben mit +ihm getanzt, Töchterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der +tanzt, können Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so +schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat lächelnd. "Was +werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie über einem +Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die können sich +wenigstens über das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an +sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was +man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein," +antwortete der neckische Alte.--"Nein, spaßen Sie jetzt nicht! Ist +nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man +nicht recht erklären kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich. +"Wahrhaftig, Sie können recht haben, Mädchen," sagte er; "habe ich +doch den ganzen Abend darüber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen +gar nicht aus dem Sinne bringen kann." + +"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so +plötzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte +jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den +Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt +wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münster!!" + +"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen +Gliedern zitternd. + +"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber reinen Mund gehalten, +Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur." + +Der Wagen war vorgefahren; der Präsident kam in einer Weinlaune. +"Hofrätchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein +könntest, wollte ich dir Ida kuppeln!" + +"Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt!" jammerte der Hofrat; "aber +da gab es allerlei interessante Leute usw." Errötend sprang Ida in +den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa +auf dem Heimweg Mühe, zu erfahren, was jener gemeint habe. +Trotzköpfchen hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten +Herrn; es biß die scharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch +kein Wörtchen heraus konnte. + +Nicht mehr so fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher, +legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so +bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fußende des +Bettes, und auch die dünne Seidenhülle, die jetzt noch übrig war, +mußte immer weiter hinabgeschoben werden, daß die wogende, +entfesselte Schwanenbrust Luft bekam. + +Aber wie, ein Geräusch von der Türe her? Die Türe geht auf, im matten +Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht; +sein dunkles, wehmütiges Auge fesselt sie so, daß sie kein Glied zu +rühren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann +den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhüllen; sie will +zürnen über den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr. +Aufgelöst in jungfräuliche Scham und Sehnsucht, drückt sie die Augen +zu; er naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er +kniet nieder an ihrem bräutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des +Schicksals Stimme," flüstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle, +wehmütige Gesicht über sie hin, heiße Tränen stürzen aus seinem +glühenden Auge herab auf ihre Wangen, er wölbt den würzigen Mund--er +will sie kü-- + +Sie erwachte, sie fühlte, daß ihre eigenen heftigströmenden Tränen +sie aus dem schönen Traume erweckt hatten. + + * * * * * + + + + +DIE BEICHTE. + +Am andern Morgen sehr früh stand der Hofrat schon vor des Präsidenten +Haus und zog die Glocke. Er mußte ja sein holdes Idchen fragen, wie +es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte +er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, daß er nicht wußte, wo ihm +der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten +Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von +dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll +mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen +Witz nicht wenig zugut und lächelte noch still vor sich hin, als er +die breite Treppe hinanstieg. + +Der Präsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die +Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnädiges Fräulein nehme +ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei. + +Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen, +aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir saß Ida auf einer Estrade +am Fenster, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt. War es doch, als +sei das Mädchen in dieser Nacht noch tausendmal schöner geworden! Der +Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schönheit; es lag so viel +Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben +Gesichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies +alles das Wunderkind gestohlen hatte. + +Er sagte ihr auch, wie schön er sie finde; sie aber lachte ihm +geradezu ins Gesicht; sie finde, daß sie weit bleicher aussehe als +sonst, der Ball könne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu +komme, daß sie heute nacht so dumm geträumt habe und alle Augenblicke +aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst +aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich +um den Mund, als wüßte es, was dem hübschen Engelskind geträumt habe. + +Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen +möglichen Schönen; aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, +ehe er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah, +daß Ida darauf warte. + +Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und das +Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie +wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte +Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich +Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem +Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an +drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der +Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der +französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht +sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muß schon auch ein wenig +Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß +selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wüßte ich niemand, +der solche Arbeit lieferte." + +Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, daß +er den tauben Wänden predigte; denn Ida schaute stillverklärt durch +die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund. +Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte ihrem +Auge und--drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes +"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weißen Gardinen +aufgetan, und im geöffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade +zu, als der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das +selige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem +lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht, +als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein +Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der +Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn +muß ich dir einmal fühlen, also sei's! + +"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da können Sie Ihre +astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von +Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten +Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--" + +"Wie Sie nur so bös sein können, Berner!" klagte das verschämte +Mädchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht +gewußt, daß er nur im Mond logiert; und daß ich gestern diesen Mann +schon wegen seines Äußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere +jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe, +--ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern +Tage büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem +Menschen, der so unglücklich scheint?" + +"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der +Hofrat; "daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der +Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das +wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?" + +"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich +bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. "Er hat sich wahrscheinlich die +Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?" + +"Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei +Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat--" + +"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen +Augenblick über die laute Äußerung ihrer Freude. "Vier Wochen?"-- +setzte sie gefaßter hinzu. "Wie freut mich das für die gute +Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre +_Table d'hôte_ nicht so gut sei wie im _Hôtel de Saxe_, und +kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis für +sich." + +"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muß sie +jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude +nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurückzukommen, Sie +glauben also, der Mann im Monde da drüben habe sich als +durchreisender Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die +glückliche Stunde nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den +Küster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die +Finsternis desto deutlicher zu sehen?" + +Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den +Hofrat immer fortfahren-- + +"Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vorzeiten einmal +einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß, +ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen. +'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der +Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.' +Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen +alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles +aufzuspüren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der +Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen +und beide bald darauf mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen. +Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil +es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So +neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß +er nichts sagen dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine +schwache Seite) eingetragen hätte; da gab er weich und erzählte--" + +"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von +früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich +geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen." + +"So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten, +geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter! Der Küster, der für +seine Mühe einen harten Taler bekam, führte gestern nacht einen +Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz +ausgesehen haben soll, in den Münster. Dort habe sich der Fremde auf +die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei +ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehört; er habe an den +Fenstern gerüttelt und geschüttelt und die Scheiben in die Kirche +hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden geführt, als +reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen. + +"Der Küster glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein +Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle +fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr +alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters +begebe, solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das +ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie +davon?" + +In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser +schwammen ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust +hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen +Berg von sich abwälzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht +gleich antworten. + +"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme +Mensch ist gewiß wahnsinnig; denn an die törichte Konjektur des +Küsters werden Sie doch nicht glauben?" + +"Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie +sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines +Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen." + +"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt, +wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug? +Gewiß hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und +irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in +dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mühselig und beladen kömmt, +offen steht." + +"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt," +antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich +auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich +nur halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn +ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das +greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich +gewöhnlich abends mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn +Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die nächsten +paar Tage an seiner Tafel, und er muß mein Kuvert neben das seines +bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein, +und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuß, so will +ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natürlich holt man weit aus +und fällt nicht mit der Türe ins Haus; aber ich habe schon mehr +solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der erste." + + * * * * * + + + + +DAS DEJEUNER. + +"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie +ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das +machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas +Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem +Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche +Mädchen dahingehen sah; die zarten Füßchen schienen kaum den +türkischen Fußteppich zu berühren, der einfache, blendendweiße +Batistüberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmaß +dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche +Kräftigkeit! Er versank in Gedanken über das holde Geschöpf, das +allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfräuliche +Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine +Vaterstadt zurückkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie-- +nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, daß sie ihm +mit der hohen Glut der ersten jungfräulichen Liebe zugetan sei. Aber +wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch +wahrscheinlicherweise kein vernünftiges Ende nehmen konnte, durfte er +sie unterstützen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar +gemütskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen +und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.-- + +Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgerötet, sie trug einen +silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermädchen folgte mit +allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgerührt," sagte Ida +lächelnd, indem sie ihm einen Becher präsentierte; "ich kenne den +Geschmack meines Hofrätchens gar wohl, darum habe ich dieses +Frühstück gewählt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La +Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht, +Gesicht und Arme glühen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist +ganz delikat ausgefallen." + +Sie lüftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte +Überröckchen; eine himmlische Aussicht öffnete sich, der weiße +Alabasterbusen schwamm auf und nieder, daß der Hofrat die alten Augen +in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken. +"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er, +"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem +offenen leichten Überröckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen +käme!" Beinahe ebenso großen Respekt als vor ihren entfesselten +Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Mädchens. Die Schokolade +war so fein, so würzig, das rechte Maß des Weines so gut beobachtet, +daß er bei jedem Schlückchen zögerte zu schlucken. + +Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein +neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener +des Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des +goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, daß sie wohl +beurteilen konnte, daß besonders das eine Pferd, ein majestätischer +Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschätzbarem Wert sei. Auch +Berner, der in allen Sätteln gerecht war, stimmte bei und pries die +einzelnen Schönheiten des Schimmels, besonders auch das elegante, +geschmackvolle Reitzeug. + +Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein +stattlicher Vierziger, trat gravitätisch aus dem Torweg und +bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel +des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschäft +nicht nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in +einem eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von +dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels +und warf über ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenüber, wo +Ida neben dem Hofrat saß. + +Indem tönte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden +Pferdes die Straße herauf; es kam näher, es war der junge Dragoner- +Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und +von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und +langte jetzt in vollem Wichs vor des Präsidenten Haus an. + +Nach Vorschrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf +die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geübte +Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder +aufspringen wollte, scheute sein Roß an denen, die vor dem goldenen +Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon, +gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der +Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis +letzt noch immer den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener +links, und _ventre à terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem +Rappen nach, überholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen +Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und kläglich schrien, riß sein +eigenes Roß herum, packte mit Riesenkraft den Ausreißer und brachte +ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der +liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfüßen dem Rappen nach, +murmelte einige Flüche, die wie ein Dank lauten sollten, saß auf und +jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen +Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt +wurde, zu achten, zurück, grüßte ehrerbietig an des Präsidenten Haus +hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt +weiter. + +Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie +hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den +gefährlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein +Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überstürzen; sie hätte mögen +mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als +er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruß so freundlich als möglich +zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie +fühlte, ward sie sich bewußt, wie teuer ihr der Mann war, der dort +hinflog. Das gepreßte Herz, die stürmisch wogende Brust rang nach +einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen +lassen; aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen so bittend +ansah, als sie seine Hand drückte und die hellen, vollen Tränen aus +den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, +Hofrat? Aber über solche Szenen kann ich nicht anders, muß ich +unwillkürlich weinen. Lachen Sie nur nicht über mich! Es würde mir +gerade jetzt recht wehe tun." + +"Gott bewahre mich, daß ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn +eines im höchsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht +man gewöhnlich nicht." Er dankte ihr für ihre Schokolade, nahm Stock +und Hut und ließ das Mädchen mit ihrem siebzehnjährigen, von dem Keim +der ersten Liebe stürmisch bewegten Herzchen allein. + + * * * * * + + + + +DER BRIEF + +Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um +ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida +wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter! +dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen, +so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig oder doch +ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander +wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Präsidenten, der gewöhnlich vor +dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte; gegenüber hatte er +das liebe Aprillen-Kind und nötigte sie durch sein beredtes +Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke +zum Lachen oder Rotwerden. + +"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Präsident, +"hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch +Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die +Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom +Minister-Staatssekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten +Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als +Präsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen. +Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen +Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die +Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding für meinen Tod nicht +leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt." + +Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär +von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und +begann: + +"--Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein +sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde, +ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter +Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre +plénipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im +Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich +bedeutende Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen +Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich +im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz können, wenn solches gelingen +sollte, auf großen Dank höhern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als +altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande +ansiedelte und sein Vermögen hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein +Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird." + +Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch +errötet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief +weg zu ihr hinüber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam, +wurde die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für +Idas bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach +ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den +Wangen des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief, +und eine Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl +sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das +verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab. + +Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die +natürliche Tochter des Fürsten .....; von ihm mit ungeteilter +Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermögen ausgestattet, lebte +sie in der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre +verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte +den Grafen Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr +nur seinen Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz; +sie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen +wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hörte man +von der Gräfin, daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes +führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so +viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich +nicht entblöde, mit dem Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen +ihr gefielen. + +So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in +der Residenz die reine jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin +zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war, +wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit +zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren +Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war, +sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge +von Wehmut, dem gefühlvollen, sprechenden Auge-- + +Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte ihn +dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. "Nun, was sagen Sie +zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Präsident. "Wahr ist es, der +Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht +hinauslassen darf, ja, ja,--man muß negoziieren, daß er in unserem +Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um +zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß, +See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis +ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet +von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der +Fürst übernehmen müßte; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du +kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?" + +"Nie!" antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer +nicht vom Teller auf. + +"Nie?" fragte der Präsident gereizt. "Ich will nicht hoffen, daß die +gnädige Gräfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat +sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?" + +"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie +dazu, hinzugehen." + +"Was der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges, +gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen +und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe +liiert ist, refüsieren?" + +"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen," +antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; "man +hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen +Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu +bleiben." + +"So sieht es dort aus?" fragte der Präsident kopfschüttelnd. "Nun, +nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber +weg. Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure +eigenen Grundsätze; nur wäre es wegen der jetzigen Verhältnisse +besser gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier +in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre +ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft +die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Gräf in +Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz +negligiertest?" + +"Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und +lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten +auffiel. + +"Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt," sagte dieser, "als +kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem +Fundament." + +"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," lächelte Berner; +"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--" + +"Wie," unterbrach ihn der Präsident, "er ist schon hier? Und wir +schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--" + +"Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete +jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich." + +"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat +Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?" + +"Nein--ja--" antwortete Ida, noch höher errötend. "Ich habe mit ihm +getanzt, das ist alles." + +"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein +ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?" + +"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis +vierundzwanzig Jährchen haben. Übrigens können Exzellenz seine +Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drüben im Mond." + +Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie +der junge Mann am besten zu halten sein möchte; denn er trieb alles +gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog, +rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich +zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und +der Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium. + + * * * * * + + + + +OPERATIONSPLAN. + +Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein +Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde, +zwang sich, obgleich ihm die wehmütige Freundlichkeit in Idas +Gesicht, ihr tränenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat, +zum Lächeln. "Nun, wer hätte es," sagte er, "wer hätte es dem +leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, daß er drei Milliönchen +habe? Wie dumm ich war, daß ich glaubte, er weine in seinem Landau, +weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer hätte es dem trübseligen +Schmerzenreich angesehen, daß er bald eine so glänzende, lustige +Partie machen würde!" + +Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten +Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte, +auszusprechen habe. + +"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schließen, mein +liebes Aprillen-Wetterchen, daß die Gräfin Aarstein ihre Schulden +nicht zahlen kann, daß--" + +"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Tränen; "es ist +gewiß nur das reine Mitleiden, was mich nötigt, auszusprechen, was +sonst nie gesprochen worden wäre. Sehen Sie, dieses Weib ist die +Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, daß ein ehrliches +Mädchen erröten muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie +den jungen Mann da drüben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er +edel ist und trotz seines Reichtums unglücklich, so machen Sie, daß +er nicht noch unglücklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen, +die man um ihn legen wird, zu reißen--" + +"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah +ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles trügt, hängt das +Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der +Minister ködern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will +alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will +ihm die Augen auftun, daß er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt, +will machen, daß er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei +Millionen ins Land zieht, will machen, daß er mein Mädchen da lie--" + +"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prußte ihm +das kleine, weiche Patschhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter +reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar +nicht; es wäre ganz gegen meine Grundsätze; nur die Schlange im +Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom übrigen kein Wort mehr, +unartiger Mann!--" + +Verschämt, wie wenn der Hofrat durch die glänzenden Augen +hinabschauen könnte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die +Gedanken sich insgeheim drängten und trieben, sprang sie auf und an +den Flügel hin, übertönte die Schmeichelworte des Hofrats mit dem +rauschendsten Fortissimo, drückte sich die weichen Knie rot an dem +Saitendämpfer, den sie hinauftrieb, um die Töne so laut und schreiend +als möglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den +Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen +keinen Raum hatte, zu übertäuben. + +Verzweiflungsvoll über den halloenden Schmetter dieses Furioso +enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Türe +geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden +Akkorde lösten sich auf in ein süßes, flüsterndes Dolce, sie ging +über in die schöne Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand +führte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten +Leben herauf stiegen; durch alle Töne des weichsten Moll klagte sie +ihren einsamen Schmerz, bis sie fühlte, daß diese Töne sie viel zu +weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzulösen, +schnell wie ihre Hoffnung endete. + + * * * * * + + + + +DIE MONDWIRTIN. + +Im Goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage +vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die +Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anständig +als möglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen +eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein großes Sofa zum +Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das +rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat überflüssiger Tassen und eine +bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das +Teezimmer. Auch an der _Table d'hôte_, wo sonst nur einige +Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren, +Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen saßen, waren +bedeutende Veränderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das +feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten +Straßburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt +wurden. + +Daß ihr angesehener Gönner und spezieller Freund, der Hofrat Berner, +jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem +Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren +in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren +neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier +Postpferden, den aus Leibeskräften blasenden Schwager darauf, +vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf, +sagte sie gleich zu ihrem Ehezärter: "Gib acht, das ist was +Vornehmes." + +Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,-- +die Kommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäsche +seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da +schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Hände zusammen. Sie hatte +doch von ihrer Mutter gewiß recht feine, sanfte Leinwand zum +Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese +Hemden, diese Tücher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweißes +konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses. + +Es ist kein übles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen +abgelegt hat und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der +Bürgerliche erscheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen +kommt, nach dem Herzen sehen, das heißt nach seiner Wäsche. Ist sie +grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, daß der Herr aus +einem Hause sein müsse, wo man entweder seine Erziehung sehr +vernachlässigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war. +Wo aber der bläuliche oder milchweiße Glanz des Halstuches, die +feinen Fältchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da +findet gewiß der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie +immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhält. + +Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schönheitssinn, +diese angeborene Vorliebe für schönes Linnenzeug in ihrer oft +schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine +Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden +dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefältelten Busenstreifen, +bald mit, bald ohne Manschetten aus den geöffneten Koffern +hinüberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und +Sacktüchern kam, wovon sie jedes zum höchsten Staat in die Kirche +angezogen hätte, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie +fürstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiß die gnädige Frau +Mama ihm mitgegeben?" + +"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort. + +"Ist sie tot, die brave Frau, die so schöne Linnen machte?" sagte die +mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnädigen Fräulein Schwestern haben--" + +"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Gräfin Crescenz." + +"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite +Prachtwäsche verfällt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir +denken, der gnädige Herr Papa Exzellenz--" + +"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit +einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte. + +"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schönen +Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die +ihn lobt, daß er alles so ordentlich gehalten, und keine Fräulein +Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich +mir denken, warum der gnädige Herr immer so schwarz angezogen ist und +so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist +recht zum Erbarmen." + +"Ja, wenn's das allein wäre!" seufzte der alte Diener und wischte +sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als hätte er schon zu viel +gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt, +heran und schloß auf. Die Wirtin hätte für ihr Leben gerne gewußt, +was sonst noch für Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der +Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht, +den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehörig imponierte, +darüber zu befragen; auch schloß der Anblick, der sich jetzt darbot, +ihr den Mund. + +Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so +recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch, +ein hübsches helles Kleid müßten ihn von selbst freundlicher machen. +Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt, +doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte +in früherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im +Quartier gehabt, schöne Leute, hübsch und geschmackvoll gekleidet; +später, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen +und Preußen dagewesen, große stattliche Männer wie aus Gußeisen. +Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die früheren +Gäste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch +auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser +Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und +Bürgermilizkamisölern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf, +wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht; +nein, es war nicht möglich, etwas Schöneres, Feineres zu sehen als +dieses Tuch, das wie Samt glänzte, das brennende Rot an den +Aufschlägen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den +Achselschnüren. + +"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte +sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen +schien. "Möchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide +gefütterten Ärmel fahren und das spannende Jäckchen zuknöpfen? Und, +weiß Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der +Schneider wollte sich selbst nicht glauben, daß die Taille so fein +und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern +und Zagen, es möchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiß, +wie es zugeht, sie war zwar über seine breite Heldenbrust gerade +recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein +Schnüren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststücke. Der +Schneider machte einen Sprung in die Höhe vor Verwunderung; er konnte +es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment ließen sich +Korsette machen mit Fischbein, schnürten sich zusammen, daß man hätte +glauben sollen, der Herzbündel wolle ihnen zerspringen, und dennoch +rissen die Knöpfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu +viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt +wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!" + +"Es ist unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs +gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andächtig staunend. + +"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da +anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den +silbernen Rädchen an den feinen Absätzchen,--denn Füßchen hat er +trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten +auf die Brust hängen, den Ehrensäbel, den sein Herr Vater vom Kaiser +bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den +Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an +den Hals und küßte ihm die schwarzen Locken aus der schönen Stirne. +Und dabei war er so fröhlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig +blitzend, und alles hieß ihn nur den schönen, lustigen Martiniz. Das +alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu, +indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode +legte, "da liegt das schöne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger +leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es +noch so liegen!" + +"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich +nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht +Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger +Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glänzen könnte? +Warum denn?" + +Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er über +diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche, +appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart für eine +derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich. +"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil +wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswörtchen +mehr aus ihm herauszubringen. + + * * * * * + + + + +DER POLNISCHE GARDIST. + +Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzählt, der sich in dem +schönen Speisesaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gäste zur +Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm +dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und +nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschüttelt; als sie zu Ende +war, dankte er für die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren +wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet? +Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde +gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch über Leben und Treiben +fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg, aus dem sich viel schließen +läßt." + +Die Geschmeichelte lächelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte +meine Gäste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jährchen auf +einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von außen und innen. +Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein +Mann, der sich sonst auch nicht übel auf Gesichter versteht, sagt: +'Wenn es nicht ein Polack wäre, so mußte er mir ein Engländer sein, +der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Engländer, die +den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die +seien griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen, +nehmen Sie nicht übel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt +als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgrämig +aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglück; denn die Wehmut +schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus. +Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit +ihm, vielleicht, daß man da etwas mehr erfährt als von dem alten +Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die +Stirne in die hohle Hand gelegt, daß ich meine, er schläft oder hat +Kopfweh. Drüben spielte gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel so +wunderschön und rührend, daß es eine Freude war. Dem Grafen mußte es +aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem +dunklen Auge, als er sich nach mir umsah." + +"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat. + +"So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich +mit seinem sinnenden Auge maß, da muß ich feuerrot geworden sein; +denn da fiel mir ein, daß doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten +umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht +so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit +denen man kurzen Prozeß macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich +wollte nur gefälligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis +zufrieden seien?' hub ich an. + +"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir,--denken +Sie sich, so artig, als wäre ich eine polnische Prinzeß,--einen Stuhl +und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr +freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, daß es nicht so +recht von Herzen gehen will. + +"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Straße +gefiel ihm. Das Gespräch kam auf die Nachbarschaft und auch auf +Präsidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunderschönen Fräulein, die +erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswürdig +sei, von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau schon lange +tot sei, und ich hatte mich so ins Erzählen vertieft, daß ich gar +nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte +ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!" + +"Schade! Jammerschade!" lachte Berner über die sprachselige Wirtin. + +"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo +es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schön ist, sitzt +mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht +vernünftig,--sitzt es im Garten und weiß nicht, daß ein so vornehmer +Herr hinter ihm steht. Ich war in der Küche und sah alles mit an; +mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein +schwäbisches, ich weiß nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der +Graf hinter ihr steht, fängt der Unband an zu singen: + + "''n bissel schwarz und 'n bissel weiß, + 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch, + 'n bissel weiß und 'n bissel schwarz, + 'n bissel falsch ist mei Schatz!' + +"Ich glaube, ich muß vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein +Kind so ungebildetes Zeug singt; was mußte nur der Graf von meiner +Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in +die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, +herzte und küßte es; daß mir brühsiedheiß wurde, und fragte, wo sie +das Liedchen her habe. + +"Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf +aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und +verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und +zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen, +wie ich hätte mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat +seine Wirkung; sie sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts +auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie +wenn es so sein müßte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der +Sparbüchse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, daß +sie es in zwölf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch +zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen +Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._" + + * * * * * + + + + +DER HOFRAT AUF DER LAUER. + +Die Gäste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen. +Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nächstens +wieder zu erzählen. Der Hofrat sann nach über das, was er gehört; die +Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte, +gingen ihm wie ein Mühlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen +Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot, +und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies +_allein_ wäre!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein? +Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie könnte +er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er +traurig,--wie könnte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine +Gräfin Aarstein auf die Freite gehen? Unmöglich!--Hätte, wenn jenes +doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn einen solchen Eindruck--" + +Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf +ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar +sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr, +und sein ernstes Gesicht, wie klärte es sich auf, als sie ihn im +Kotillon holte! Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie +heraufgeworfen, als hätte er eine Congrevesche Batterie hinter den +Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die +Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen, +anfangen zu sieden? + +Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des +Mädchens gefühlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerührt +davon, daß ihm die hellen Tränen hervorperlten, als der gute Graf +Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast +verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich +hinein und rieb sich unter dem Tisch die Hände; "bin neugierig, ob +diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem +guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretär +Superklug und Übergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen, +extrafeinen Kniffen; mir muß das Goldfischchen in das Netz, mir muß--" + +"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das +Vergnügen--" tönte dem alten Träumer, der über seinen staatsklugen +Plänen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt +erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der +sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er hätte vor Schrecken in den +Boden sinken mögen; denn sein erster Gedanke war, dieser müsse seine +Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich +erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit +sich selbst gesprochen habe. + +Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat +aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwärmerischen +Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch +auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müsse +er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine +Blöße zu geben oder einen seiner Pläne zu verraten. Die gewöhnlichen +Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente über seine +Reitfertigkeit, mit welcher er heute früh einem Kinde das Leben +gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne daß er über des +Fremden Gesinnungen nähern Aufschluß bekommen hätte. Es kam an die +Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne +Güter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, näher +beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein +Wörtchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder +kaufen. + +Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die +Residenz, das angenehme Leben dort, die Schönen der Stadt und des +Hofes; jetzt mußte er etwas sagen, es mußte sich zeigen, ob er die +Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schönen Anstalten +dort, von der Militärverfassung, schien namentlich über die +Kavallerie sich gerne genauere Aufschlüsse geben zu lassen, aber +kein Wörtchen über die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade +eine trefflich bereitete _Ortolane à la Provençale_, seine +Leibspeise, am Mund und einen tüchtigen Biß hineingetan, da wandte +sich Martiniz zu ihm herüber und fragte, ob er nicht in der Residenz +die schöne Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane +auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt +mußte ja die Gräfin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schöne +Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen +habe." + +Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn +solange er ja über das Verhältnis des Polen zur Gräfin Aarstein +nichts Gewisses wußte, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als +die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen +Nachbar ein, mit ihm noch ein Stündchen zu trinken. Berner sagte zu +und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann +zuvor durch seine äußere Persönlichkeit imponiert, so gewann er jetzt +ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch, +dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Würze zu geben +verstand, aufgetaut, eine so glänzende Unterhaltungsgabe entwickelte, +wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und +gehört hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein +Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, daß er und +sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte +bemerkte nämlich bald, daß der Graf auf allerlei Umwegen sich immer +nur einem Ziele, nämlich Ida, nähere. Er konnte dieses Flankieren dem +Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst +der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen +wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre +eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdrücken. Der Ulan umschwärmt +seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Blöße entdeckt, und sucht +auf geflügeltem Roß das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve +sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte +sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als +er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und +dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf +Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren. + +Er glaubte den Hofrat drüben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem +Ball ein engeres Verhältnis bemerkt zu haben; er pries des Mädchens +königlichen Anstand, der sie vor den übrigen Freilinger Damen so hoch +erhebe; er lobte die Zurückhaltung, mit welcher sie die ungestümen +Herren zurückgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit +sie unbewußt sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schöne Röte +war durch das warmgewordene Gespräch auf den Wangen des jungen Mannes +aufgegangen, jener Zug von Unglück und Wehmut, der sich sonst um +seinen schönen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem +feinen, holden Lächeln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem +Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es +bis zum letzten Tropfen so andächtig aus, als hätte er in seinem +Herzen einen Toast dazu gesprochen. + + * * * * * + + + + +DER SELIGE GRAF. + +"Herzensjunge! liebstes, bestes Gräfchen! Söhnchen! Goldpoläckchen!" +alle Schmeichelnamen hätte der Hofrat ausschreien, den trefflichen +Redner an sein Herz reißen und mit väterlichen Küssen bedecken mögen +--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei +seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude +über eine glückliche Entdeckung, über einen unverhofften, köstlichen +Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrüche des +Vergnügens wieder hinunter, faßte den Grafen nur mit einem recht +zärtlichen, seligen Blick und bestätigte weitläufig sein treffendes +Urteil. Er beschrieb ihm das Mädchen, wie er es, seit es den ersten +Schrei in die Welt getan, kenne, wie es früher ein lustiger, +fröhlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau +herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und +allen Dingen, die ein Mädchen zieren, als da sind: Stricken, Nähen, +Schneidern, Sticken, Kochen, Früchteeinmachen, Backen, Blumenmachen, +Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es +in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft +eingenommen, doch immer seinem Sinn für reine Weiblichkeit gefolgt +sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden, +wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe. + +"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn +beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, für +alles Schöne und Gute glühende Herz sich in der Residenz so vor aller +Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewöhnlich bei +solchen Mädchen über Eiskälte und Phlegma; aber Gott weiß, +_diesem_ Mädchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere +jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos +schlendern sie einher auf den Bällen, stehen sie scharweise zusammen, +gucken durch Gläser von Nr. 4 und 5, die für Blinde scharf genug +geschliffen wären, nach den Reizen der Ballschönen, lassen ganze +Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu +einem Walzerchen und Kotillönchen her, so meint man, sie wollen den +letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedörrten +Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schönen, in der Fülle +der Kraft strotzenden Mädchen, das zwei solcher Flederwische an die +Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das +sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen +Augen und verstohlenem Lächeln sein Ideal vormalt und vorträumt, kann +man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und +kalt abweist? + +"Ein solches Mädchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im +Leib haben! Habe ich doch über mein Goldmädchen gestern abend solche +Urteile hören müssen; geschossen hätte ich mich um sie, wäre ich nur +dreißig Jahre jünger gewesen. Sie hätte kein Feuer? Habe ich nicht +gesehen, wie sie heute früh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten, +das Fenster aufriß und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefühl! Und +dies es Mädchen hätte kein Feu--" + +"Das hat sie getan?" fragte der glückliche Martiniz, bis an die Stirn +errötend. "Sie hat das Fenster ein wenig geöffnet und herausgesehen?" + +"Was öffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber +aufgerissen hat sie das Fenster, daß sie mir den Schokoladebecher +beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen +Sie, so ist das Mädchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schönes, +wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwärmerisch empfindsam, wenn +sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die +leere, schale Alltäglichkeit sich ihr aufdrängen will." + +Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende +Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der +nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er +so viele Anklänge, daß dieses wehmütige, traurige Herz, das solange +nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Tränen, im +stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten +unter dem Ordensband hob, das es von außen zierte. + +Er sagte dem Hofrat, daß er, wenn es möglich wäre, während seines +hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den +würdigen Herrn Präsidenten Gebrauch machte, das er heute durch den +Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretär bekommen habe. +Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzuführen und seine Abende +im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei +sich lachte er aber über den Staatssekretär, der seine Sachen so +geschickt einzufädeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit +seinen drei Milliönchen, aber die Gräfin soll ihn nicht bekommen, +dafür steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein +Toastchen und ließ mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick +die künftige Frau Gräfin leben. Vivat hoch! scholl es in allen +Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h-- + +Da brummte in dumpfen Tönen die Glocke vom Münsterturme elf Uhr. Mit +wehmütigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den +erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, daß er noch einen +Besuch machen müsse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin +der unglückliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte +sich dann in seinen Stuhl zurück, um über das, was diesen Abend +besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen +Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann +so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs, +so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit +bei drei Millionen Talern; so hohe männliche Schönheit und doch nicht +jenes eitle, gefallsüchtige Sichzeigenwollen, das schönen jungen +Männern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiß +beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst +einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zornglühendem +Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben +verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Männern!" wütete sie, +"hätte ich doch mein Leben eingesetzt für diesen Herrn Grafen, hätte +geglaubt, er wäre ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder +Liederlich, die an jede Schürze tappen--" + +"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln +gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt, +Frauchen?" + +"Was ich habe? Möchte da einem nicht die Galle überlaufen? So ein +schöner, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen würde, +in nähere Bekanntschaft--geht auf nächtlichen, liederlichen Wegen, +glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine großstädtische +Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehüllt, ist er zum Torweg +hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man +solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Türe schlage ich +ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der +bei Nacht und Nebel nicht weiß, wo er steckt." + +"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat, +wieder freier atmend; "da dürfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf +schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich +weiß wo, darf es aber nicht sagen." + +Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie +freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor? +Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich ärgere mich nur, daß +ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen, +unsern jungen Herren ist nicht mehr über die Straße zu trauen. Sagen +Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er könnte mich mit +einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe +zu meinem Nebenmenschen." + +Der Hofrat lächelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und +zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Röte auf die hübschen +Wangen, sie wußte nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zürnen +solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr: +"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche-- +Eifersucht!" + + * * * * * + + + + +GUTE NACHRICHT. + +Man hätte glauben sollen, das Haus des Präsidenten sei ein großer +Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvögel, Stärchen +und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas Treppe +auf, Treppe ab; ein süßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen, +wehmütigen Tönen singen, bald in fröhlichen, scherzenden Rouladen +jauchzen und jodeln wie die Kanarienhähnchen, bald zwitschern und +plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, sie +alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor +Sehnsucht, vor Langeweile und Geschäftigkeit Treppe auf- und abflog, +mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte, +allen zugleich befahl und schalt. + +Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des +Staatssekretärs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr +gekommen und hatte sie förmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen +sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch +so,--mußte man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher +zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner +Abreise mußte ihm ein kleiner Hausball gegeben werden. + +Das selige Mädchen drückte die Augen zu und biß die +_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach +ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernünftigste--sollte man +ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann +zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja +ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens +schließen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklärte ihm, wie +sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe. + +"Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinstädtisch vorkommen, +wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir +müssen einen Bedienten hinüberschicken und ihm sagen lassen, daß wir +ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten +Direktors Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen +oder den andern Ihrer jungen Räte dazu. Ich mache die Honneurs beim +Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem +Grafen sagen Sie, Sie wünschen ihn öfter bei uns zu sehen und +namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet +man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe +ich eines Tages recht flott und anständig, Sie, lieber Papa, geben +ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen, +ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es +wäre unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist +recht hübsch, übrigens darf nur _er_ allein merken, daß es _ihm_ +zu Ehren geschieht; wir würden uns lächerlich machen, wollten wir den +Leuten sagen, daß wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann +ja heißen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus." + +Papa Präsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte, +daß man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder +die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die +Schlüssel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben, +und das Mädchen rumorte jetzt als tätige Hausfrau in dem großen +Gebäude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gäste empfangen. Sie +sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er mußte, wenn er nur +halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens +viermal herüberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch +selig das Mädchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und +zu rumoren, und schon um zwölf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es +heute abend sein mußte. Erschöpft von den Haushaltungsgeschäften, +warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend +schon recht selig zu träumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend +recht schön mache, daß er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre +beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von +seiner Stirne zu bannen, so--o, es mußte einen herrlichen Abend +geben; da fiel ihr auf einmal die Gräf in Aarstein ein, und alle +Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Träne auf Träne stahl +sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf +die Welt bitterböse. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein +wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar +zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie +auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit +triumphierender Miene, daß sie vor der Aarstein nicht bange haben +solle; er habe gute, köstliche Nachrichten, die dies vollkommen +bestätigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie +hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von +der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen, +der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mädchen, das die Flamme der ersten, +reinen Liebe im Herzen trägt, wo ist ein solches Engelskind, das +nicht in ein paar Stunden die größten Fortschritte in der Kunst zu +schließen und zu berechnen gemacht hätte? Man sprach so viel von +magnetisierten Schläferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele +gelehrte Bücher über solche seltene Erscheinungen, und wie gewöhnlich +ließ man, was am nächsten lag, unbeachtet! Das sind ja die +eigentlichen Clairvoyantes, die Mädchen mit der ersten, kaum +erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen +niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit +der schärfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das +Auge des Geistes geöffnet, daß sie in den Herzen lesen. So auch Ida; +sie merkte dem Hofrat wohl an, daß er mehr wisse, als er sagen wolle; +mit der Gräfin war es nichts, aber ebensogut mußte er wissen, daß es +auch mit keiner andern etwas sei, sonst hätte er nicht so vergnügt, +nicht so schelmisch gelächelt. Er wußte,--das sah die neue +Clairvoyante jetzt hell und klar,--er mußte sogar wissen, daß +Martiniz _sie_-- + +O! wer das Mädchen jetzt gesehen hätte, wie es das Köpfchen in die +Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom süßen Schauer der +ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der +jungfräuliche Busen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl +wie eine Mitternachtssonne in den Nächten des Nordpols im Tiefsten +ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging! +Wahrlich, es liegt eine rührende Zaubermacht in einem solchen +Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des +jungfräulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von +welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt! + + * * * * * + + + + +DER LANGE TAG. + +Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so +träge hin! Sie konnte sich ordentlich über sich selbst ärgern, daß +sie schon heute früh das Teezeug gerüstet hatte; sie fing an zu +arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurück. +Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst +mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar +zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken +recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und Blättchen +zusammenband--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie nähte so +wunderhübsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und +gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging +ihr so schnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen +in der Residenz hatten sich immer Stücke von Paris und London kommen +lassen; da waren die schönsten Girlanden von Rosen, Astern, alle +möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen, +daß die Damen nach ihrem Belieben hinein nähen konnten, was sie immer +wollten; natürlich stachen meistens die schönen Pariser Girlanden +sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur +ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geübter +Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig, +die Idas Arbeit für Zauber, für nicht möglich gehalten hätten, wenn +sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wäre. Sie +hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fußkissen für Papa +angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich +selbst nicht begreifen, wie sie früher so langweilige Arbeiten +machen, Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen +konnte--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer +Kreide so fein, so gefällig für das Auge, daß sie der Stolz ihres +Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich gewesen; +wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten +Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur +Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag übergeben hatten, so +hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen +Bildern an, daß sie _con amore_ ausgeführt waren; denn hatte sie +einmal etwas angefangen, so mußte es auch vollendet werden. Sie hatte +eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie öffnete +jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel +versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht +viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald +wurden die Striche zu dick und mußten verwischt werden; sie wurde von +neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu +ungeduldig oder die Kreide zu grobkörnig?--alle Augenblicke brach +sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, daß sie +kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady +Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte die Madonna schnell ein +und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog +alle Schubfächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern und besah sich +Stück vor Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert; +aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen? +Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und zugeschlossen! +Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht +zerstreuen. + +Endlich, endlich schlug es fünf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch, +ohne sich von ihrem Zöfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen. +Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie wählen sollte; einen +vollen Anzug oder ein Hausnegligé? In der Residenz hätte sie, ohne +sich zu besinnen, das erstere gewählt. Dort fing ja der Tag +eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie +dort kein Negligé wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen, +der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Negligé +für den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fräulein, die +sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen würden. Sie +wählte daher ein feines Hausnegligé, ein allerliebstes weißes +Batistüberröckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande +noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie glücklich hatte sie +gewählt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Überröckchen zeigte +den in jugendlicher Frische blühenden Körper; den Teint hob zwar +keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so +blendend weiß, daß er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar +wurde dafür so sorgfältig, so glänzend als möglich geordnet. Die +seidenen Ringellöckchen schmiegten sich eng und zart um Schläfe und +Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzückend, daß sie sich +selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte, +als sie ihre höher geröteten Wangen, ihr glänzendes Auge sah, mit +Lust und heimlichem Lächeln sich gestand, heute ganz besonders gut +auszusehen. + +Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der +große Lüster verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer. +Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben +ihr mußte der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr +zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in +voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen +mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht übel +zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem +Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm, +kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hüllen +gefällig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in +Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit für +sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten +in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor. + +"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar +Schritte aus dem Goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen; die +Flügeltüre rauschte auf--Fräulein von Sorben! "Wenn nur die andern +auch bald kämen," dachte Ida, indem sie das Fräulein empfing; denn +diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war +wenigstens acht Jahre älter als Ida, spielte aber doch immer noch das +naive, lustige Mädchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen +Korpulenz, die sich für eine junge Frau nicht übel geschickt hätte, +schlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präsidents mit Schonung und +Achtung behandelt werden, weil sie einigermaßen mit ihr verwandt +waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen +bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals, +nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle mögliche süße, +verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen +Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides +glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken +werde. Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den +Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mühselige +_Entrechats_ und küßte Ida die Hand: "Wie danke ich dir für +deine Aufmerksamkeit, daß du mich zu ihm eingeladen hast! Du +bemerktest gestern gewiß auch, wie er mich mit seinen schwarzen +Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute früh, ich hatte mich +kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem +Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en +passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du +weißt, junge Mädchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen +es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat." + +Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach +der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem +Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte +sich, daß Emil nicht nach der Cousine geschaut haben könne. Das "mein +guter Graf" und das "wir jungen Mädchen" aus dem Munde der alten +schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, daß sie, statt in +Eifersucht zu geraten, des heitersten, fröhlichsten Humors wurde. "O +du Glückliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen +machen könnte!"--"Es gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine, +nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell +nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muß sie geben. Du bist +hübsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schönen +gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jährchen +ins Land kommen, angelst du Grafen, als hättest du von Jugend auf +gefischt." + +Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten +Jubel aus. "Das wäre schön, das wäre herrlich, Grafen fangen!" rief +sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im +rasenden Schnellwalzer um den Teetisch. + +Von Anfang ließ sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen, +obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken +geschnürt war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wußte, wenn +man nur erst aufhöre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte +Eisen gezählt, und gab sich also alle Mühe, leicht zu tanzen. Als +aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen +hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da +stöhnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hö--re auf!" Aber Idchen riß +sie noch einmal herum und ließ sie dann, weil sie das Geräusch der +Kommenden hörte, atemlos und bis zum Tod gepreßt vor der Flügeltüre +stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde. + + * * * * * + + + + +DER TEE. + +Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kräftiger +Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung, +war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige +Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so +unendlichen Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder +aufgestiegen, um süße Erinnerungen zu flüstern?--Ida stand +versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum +gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen! +Sie hätte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat +Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber +diese hätte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben +mögen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie +benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War sie doch gerade +aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln +vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten +Salons ohne Ängstlichkeit bewegt, und hier stand sie errötend, mit +niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstädtisch "von der +Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige". + +Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand, +ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert +hatte, erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens. +Mit unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen +Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszuführen; in wenigen +Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen +wie früher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese +war, als die Flügeltüre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei +Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos, +nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens +arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch +immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu +Atem gekommen; sie ließ also nur einen Liebesblick auf ihn +hinüberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber +wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu +kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr +und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Füße +gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur +der Hofrat zuzuhören; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen +hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf das +Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt zu +sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden; sie erhob +also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf, +dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch nicht +gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber +der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, daß +er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig, +um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida +ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen +warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen; wie +allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie +verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch +die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedürfnisse +viel lieber von ihr reichen lassen als von den fünf reich galonierten +Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an +allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein +müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt +hätte, das für sie in seiner Brust lebte. + +Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident +hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige +junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die +Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich +schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen, +interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der +Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast +zu erheitern; dadurch werde das Gespräch allgemein und anziehend. Es +ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des +Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender +macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so +ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch +mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen +von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte, +seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog, +die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil +weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas +Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer +rascher fortrollende Gespräch entriß--dies alles gewann ihm die +Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden +Fremden hin. + +Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine +Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo +die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kühnen Ideen nicht +mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an, sie +plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte, +scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das +Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden +war. Er nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein +Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine +so glänzende Weltdame mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit +erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_ +Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Häusern +der Residenz für eine sehr feine und anständig erzogene junge Dame; +doch war sie dort ernst, zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher +kannte, über ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein, +eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten +Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten +ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes +ans Licht gelockt. + +Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das +Gespräch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins +rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen +und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je +länger er mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das +geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte +Mädchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte +entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als +er ihm von des Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden +erzählte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus +seinen Zügen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz +gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem +Unglücklichen nicht für möglich gehalten hätte, sogar recht herzlich +lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er +sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklärter Cherub. + +Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm +die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle +erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte +sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser +daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle? +Hatte sie nicht alle naiven Künste aufgeboten, um seine +Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die +kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen +Mann weggeschnappt. Sie warf allen Haß auf diese; hatte sie sich doch +vorhin so kindisch gestellt, als könnte sie nicht fünfe zählen. Sie +selbst--o, sie hätte sich können auf den Mund schlagen für die +Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich +noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wäre +sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte +nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schönen Fremden zu erheben. So +dachte die Sorben. + +Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so +hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber +nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas +recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß +jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin +Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida +einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel +war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die +witzige Bemerkung ein: Die Fräulein kommen ihr gerade vor wie die +Spitzen. Es heiße alles Spitzen, und doch sei ein so großer +Unterschied zwischen den echten und unechten, daß jedes Kind die +Feinheit der echten von den gröberen unterscheiden könne. Sie hatte +triumphierend über ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des +Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnädiges Fräulein," +hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht +irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens +habe ich mir sagen lassen, daß die ganz echten gelblichbraun +aussehen." Hatte er auf ihre bräunliche Haut anspielen wollen? Die +Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so höhnisch dabei +ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida gänzlich zu +ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer +Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß der +Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war +auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war, +folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich! An der Türe +noch mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch +verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie +mußte hören, wie er versprach, recht oft herüberzukommen. +Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum +Abschied küßte, den Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich, +mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen. + +"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Präsident, als die +Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die +noch bei ihm saßen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein! +Schade nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie +er alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten, +was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig +ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten. +Er wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte. +Die Gräfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte +übrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--" + +Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und +fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht +nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr +Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem +listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa +über seine Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer +Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe +der Männer gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher +Reisenden: "Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Sie erinnerte +sich an die üppigen Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die +schon so manches junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre +wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng +stiftsfähige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar +nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben +zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und daß sie es war, sagte +ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden +hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer +sagte ihr, daß dieser fremde Mann sie nicht betr-- + +Nein, betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut +dieser Augen konnte nicht täuschen! Froh dieser Überzeugung, die sie +während des Auskleidens gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und +machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre, +mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein," sprach die +Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den +Kampf um den schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz +als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar +weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine +Wenigkeit, gegen Höchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und +dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das +weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus +der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem Goldenen Mond hinüber +und flüsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und träume +süß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloß selig die +Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das +unbekannte Land der Träume; da schüttelte sie ein jäher Schrecken +wieder auf und jagte sie aus dem Bette.-- + + * * * * * + + + + +DAS STÄNDCHEN. + +Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner +gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den +ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor +Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ. + +Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache +eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft +hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus +Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer +seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische +Dogge. Dieser war der Fuß abgefahren worden, und,--wie es mit den +Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder +geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben, +erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen Vieren so gut +als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben +kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald +in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar +keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht +mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster +hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte +sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm +deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität +nehme? + +Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich +ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte +auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den +Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt, +wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das +große Werk. + +Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem +neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo +sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es +aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an; +denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips +bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber +die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach +also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem +Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des +Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft +entschlafen sei, so werde zum ersten Stück kein Adagio gewählt, +sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern +_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert +Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften +Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die +zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der +Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen ließ--Kapellmeister +winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten +Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem +einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art +von Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es +brenne irgendwo im Städtchen; als sie aber nachher deutlich einige +Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik +sei, die ihr gelte. + +Es war kalt; sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke +und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so +unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der +Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er, +der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht +diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen +auszudrücken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtönenden +Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken. + +Jetzt schwieg die Musik; sie hörte Stimmen auf der Straße. + +Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne +an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten +Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube, +die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht." + +"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte +Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar +gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer +Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den +Armen in der Luft. "Blast! O wären das die schwedischen Hörner und +ging's von hier gerade ins Feld des Todes!" + +"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter. +"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von +neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die +Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein +Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich, +dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der +empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug +ein Uhr, als die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller +Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht +gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise +verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder +dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht +hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig-- + +Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das +bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm +nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht +deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war +er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und +Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen? +Konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen +machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er errötete, als sie ihn zum +Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige +war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee +neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr +zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen +Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt, +sie gedrückt und ihr zugeflüstert: "Ich weiß wohl, darf es aber nicht +sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße +Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses. + +Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst, +um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte +sich selbst aus über ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muß mir +beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der +muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf +sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet; da will ich schon erfahren, +ob er mich lie--" + +Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr +Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein +süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas +Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit +dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines +andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen +ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen +gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran +dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese +melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden! +Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie +huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und +schlich sich ans Fenster; sollte Mart-- + +Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen +waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an +den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und +jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie +seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße +Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah +deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein +bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen könnte, wie +köstlich, wie wunderschön wäre es!" dachte Ida, hüllte sich tiefer in +ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll +Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines +jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört +hatte und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre +sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein +Silbchen von den polnischen Wörtern; aber dennoch faßte sie den Sinn +so gut als irgend eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne, +die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich +nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die +ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen +stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen; sie schlich sich zurück +zu ihrem einsamen Lager; Emils Töne begleiteten sie. Die +geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des +interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der +ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles +erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein +unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja, +sie war geliebt--diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die +Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie +preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die +entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle +Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder +angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch +ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das +pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die +Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute +noch ein herzliches: "Schlaf wohl!" + + * * * * * + + + + +DIE FREILINGER. + +Die Leute in Freilingen sind wie überall; es vergingen keine acht +Tage, so wußte jedes Kind, daß Präsidents Ida und der reiche Pole ein +Paar seien. Die Freilinger ärgerten sich nur darüber, daß man ihnen +Sand in die Augen streuen wolle; daß die beiden Leutchen einander +vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an +gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er überhaupt in dem +obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott +weiß durch was für Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt +hatte? Papa-Präsident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, daß +der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee +vorging, das wußte freilich jedermann, weil man hie und da so ein +paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer, +nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wußte +niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da +spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und +vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geschehen könne; aber man wußte +ja von früher her, wie er dem Mädchen alle losen Streiche durch die +Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie größer ist. +So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mädchen, die +Ida, tut jetzt so jüngferlich und so zimperlich, als wäre sie in der +Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild, +ausgelassen, trotzig; das müßte ja ein Gott sein, der aus einer +solchen Hummel ein reputierliches Mädchen ziehen wollte. Aber in +allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden; +da sagt man den Mädchen: Ihr könnt alles tun; aber haltet Maß und +treibet es fein! Daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendspiegel aus +den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein +wenig frei nach französischem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das +ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten, +sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der +Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weißnichtwoher und +Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So +urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mädchen, das in +ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Böse überall +schneller um sich greift als das Gute, so wußte und glaubte schon +nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse +Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmlosen Martiniz erging das +nämliche Gericht. + +Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn +Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A +bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie für Pläne haben usw. Kauft +einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen +Landes, so ist er ein unerträglicher Geheimniskrämer, der allein das +Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wissen sollen, was an ihm +ist. Dieser Pole vollends versündigte sich auf die impertinenteste +Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida; +und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort +bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte +niemand sagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu tun habe; schon +sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch, +das sie gar zu gerne durchblättert hätten. Das ist ein Bruder +Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein +Mensch ohne ein Fünkchen Lebensart; sonst würde er wenigstens seine +Tischnachbarn mit seinen näheren Verhältnissen bekannt machen, würde +auch in andere anständige Zirkel kommen als nur zu Präsidents. So +urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und +seinem Verhältnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle +einverstanden, daß der Präsident von seinen Verhältnissen doch etwas +wissen müsse; denn er lächelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen +des Fremden anbohrte. + +Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und überall kursierte er +unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches +Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß +zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr, +nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond". + + * * * * * + + + + +FEINDLICHE MINEN. + +Wie es übrigens zu gehen pflegt: die ärgsten Feinde Idas und des +Grafen ließen sich öffentlich am wenigsten über dies Verhältnis aus. +Frau von Schulderoff und Fräulein von Sorben fühlten sich bis zum Tod +beleidigt; aber sie hielten öffentlich an sich und schwiegen. + +Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas über den +Fuß gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen +Winter hindurch dem Fräulein die Cour gemacht; das Verhältnis hatte +sich aber aufgelöst, man wußte nicht wie. Jetzt, da sie in +_einem_ Spital krank waren, jetzt näherten sie sich wieder, und +obgleich das Fräulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld +gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergaß sie doch +einstweilen diese Kränkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu +rächen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als +jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, daß +das Unglück des Leutnants vor dem Hause des Präsidenten, von dem die +ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufällig sei, als man es erzählte; +sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, daß die Nachtmusik, +von den zwanzig Regimentstrompetern aufgeführt, nicht den Grafen, +sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die +Mauern von Jericho, so die Steinwälle und Gußeisentore von Idas +Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen. + +Dies alles fühlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_ +wußte, so richtig zusammen, daß sie über den ganzen Roman des Herrn +von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglückten +Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch spröder behandelt worden +war,--mochte sie nun ahnen, daß die Sorben auch ein wenig verletzt +sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen +dem Fräulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stücken +die Sorben, teilte ihr mit, was sie wußte, und ließ sich mitteilen, +was das Fräulein im stillen erlauscht und erspäht hatte. Übrigens +lebte auch sie in der festen Überzeugung, Martiniz und Ida haben sich +schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn +von den nächtlichen Leiden des unglücklichen Grafen ahnte niemand +auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Küster des Münsters in +dieser Sache. + +Unbegreiflich war und blieb es übrigens sowohl der Frau von +Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener +Herr schien, nicht schon lange bei dem Präsidenten um Idas Hand +gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die +nur einen Grund sehen wollten, waren einig darüber, daß es dem Grafen +entweder nicht recht ernst sei, oder daß es sonst irgendwo ein +Häkchen haben müsse. So hatten beide Damen schon seit vielen +Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander +zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch +nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, daß ein Kammerherr, den +Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen +Frau, bei welcher Fräulein Sorben gerade auf Kaffee war, während man +umspannte, einen Besuch machte. + +Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Kammerherr +hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von +Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn +fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien. + +Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz. +"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit +den drei Milliönchen, der unsere Gräfin Aarstein--Ja, wahrhaftig! +Jetzt fällt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er +sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit +Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert; +denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag +erwartet; das Verhältnis, das er hier angeknüpft hat,--da können Sie +sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil +er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht für die Sanden!" + +Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese +Nachrichten hörten. "Sie sprachen vorhin von der Gräfin Aarstein," +sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--" + +"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin, +"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wünscht sie +wieder vermählt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fürst +überdrüssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches +sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich +hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs +dringendste empfohlen; denn man macht hauptsächlich wegen seines +Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein großes Wesen aus +ihm; kaum hört die Aarstein von den drei Millionen und dem alten +Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterläßt, so erklärt sie mit +schwärmerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---: +'Diesen und keinen andern!' Man ist höheren Orts schon gewöhnt, ihrem +Trotzköpfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja überdies ganz +herrlich mit allen Plänen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet +und, so viel ich weiß, schon so gut als richtig." + +"_Est-il possible, est-il croyable?_" tönte es von dem Mund der +erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann +Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fräulein von Sanden, die +Sie aus der Residenz kennen müssen, ist sehr liiert mit dem Grafen, +und ich fürchte, ich fürchte, die Gräfin kommt nicht zum Ziel!" + +"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das wäre +doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung; +die Gräfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Lächeln, +mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestätigung; und wenn er auch +nicht wollte, er muß sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof +vor den Kopf stoßen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die +Gräfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr +Gewicht als alle übrigen zusammen, ist schön, blühend, macht das +beste Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken +hätte, sie auszuschlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das soll mich doch +wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen. +Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem +Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzählte man +sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber +gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun, +Glück auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann paßt er zu +der Gräfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhältnis schaden +könnte; die Gräfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre +Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr +Onkel, Fräulein von Sorben, kann Ihnen über diese Sache die beste +Auskunft geben; denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht die +Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr +empfahl sich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und +Verwunderung zurück. + +"Arme Ida!" sagte die Sorben spöttisch. "So viel Routine hast du denn +doch noch nicht, daß du Geschmack daran finden könntest, die Nebenbei +des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Dämchen, das also in +der Residenz die Spröde so schön zu spielen wußte, aufschauen wird, +wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in +Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal +morgens verschwunden ist, am nächsten Posttag aber ein Paket einläuft +mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete +Gräfin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist." + +"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die +Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich +ärgern, daß es die Gräfin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie +Sie hörten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--" + +"Sie kennen den Sporeneck, gnädige Frau?" fragte die Sorben, und ihr +gelbliches Gesicht schien tief über etwas nachzusinnen. + +"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei +uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es +nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein +Mädchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht für sich +gewann!" + +"Herrlich, das muß uns dienen," fuhr das Fräulein fort; sie setzte +auseinander, daß ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief +angebissen bei Präsidents und als wolle er vor der Hand nicht an die +Gräfin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat +von Sorben, gehörig präparieren, und sie stehe davor, daß der Graf +die längste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten wäre es, wenn +man die Aarstein selbst in Freilingen haben könnte; doch sei dies bei +dieser Jahreszeit nicht wohl möglich; darum solle auch Frau von +Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefälligkeit +erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den +Grafen recht eifersüchtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin, +daß er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch +im übrigen bald geholfen. + +Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stürmisch und ergänzte den +Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann +fühlt, daß man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist +auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch +nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Präsident +mit seinen Friedrichsdors herausrückt und unsern Schulderoff wieder +flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekümmere ich mich +dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur +Tunichtgut auskommt." + +Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht +und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von +Fräulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit +bewunderungswürdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des +Präsidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, daß man +schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und daß sie nur +bedaure, daß dadurch der Residenz ein glänzendes Haus entzogen werde; +denn Ida scheine darauf zu bestehen, daß der polnische Graf sich in +Freilingen niederlasse. + +Der Brief, das wußte sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn +auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht hätte, bei der +eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Gräfin Aarstein seine +Hand im Spiel zu haben, so hätte ihn doch der letzte Punkt des +Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des +Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, daß ein großes +Haus mehr in die Residenz kommen könnte, war begeisternd für ihn. +Unter allen Sterblichen schätzte er die am höchsten, welche Häuser +machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer, +sondern die, welche ihm Schildkrötensuppen, fette Austern, feine +Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmäßig einmal +in der Woche des Abends Türen und Tore öffneten, um frohe Gäste bei +sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, köstliche Bälle zu geben +wußten. Solche Häusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein +altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten +tot oder lebendig, vier- oder zweifüßig sein, mochten dem Gaumen oder +der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war +ein Kenner, und daher mußte es in seinen Wünschen liegen, ein +Dreimillionen-Gräfchen in die Residenz zu bekommen. + +So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne daß er es merkte, bei allen +fünf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefaßt, und sie +durfte überzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich +Schulderoffschen Palais, das für jetzt, in Ermangelung eines bessern, +nur aus einigen Mansardenstübchen bestand, lief ein Brief ab, der +keinen geringeren Hagelslärm, kein schwächeres Hallo in die Residenz +machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die +Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche +Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3, +überschrieben und lautete wie folgt: + + "_Freilingen_, 11. Dez. 1825. +"Herr Bruder! + +"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu +wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und +sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug +aus. Den Säbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiß nicht, +daß der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier +hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder, +vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan +hier angekommen, der ihr jetzt täglich und stündlich die Cour +schneidet. Begreife übrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier +allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnöde abgewiesen. Auf +Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine +vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich +sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affäre, was ich fürs beste +hielte, selbst einige Wörtchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder +mit dem Fräulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu +Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer +Geld haben und scheint meines Erachtens der angeführte Teil; denn sie +hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe +wohl, grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in +Bruderliebe Dein + "_Franz von Schulderoff_, + Leutnant bei Königin-Dragoner." + +Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist +für Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein +und heiter; aber indem es in das reine Blau des Äthers hineinsah und +sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr +stilles Glück zu suchen und zu zerschmettern. + + * * * * * + + + + +GEHEIME LIEBE. + +Aber so gewiß die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wußten sie +doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die +erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnügt, +still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübsches +träumt, und einem andern käme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie +gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgültigsten Dingen +und denken an das, was ihr Herz erfüllt; sie wagen es nicht +auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen; +denn sie tragen den Schlüssel zu dieser Zeichensprache nebst +Wörterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei +Martiniz und Ida. Sie wußten, daß sie sich liebten; aber noch hatte +der Graf nie deutlich darüber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine +Gelegenheit gegeben, sich zu erklären. + +Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er +liebte die beiden guten Leutchen, als wären es seine eigenen Kinder; +darum hätte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegönnt, eben darum +konnte er aber dieses verschämte Treiben nicht leiden. Er war so halb +und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage +von des Mädchens Schönheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden +vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, daß er glaube, Ida sei ihm gut; +aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den +Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr +Herzchen beinahe, seit es schlug; er wußte jede Schattierung in ihren +Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil +und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht +recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mädchen, weniger übel +nehmen als ihm. + +"Nein, wer mir je so etwas gesagt hätte," dachte er, "dem hätte ich +mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde- +Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie, +und wagt nicht einmal, ein Mädchenherz, das ihm gewogen ist, +anzugreifen." Er hätte mögen aus der Haut fahren, wenn er daran +dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die +Welt in den letzten Jahrzehnten sich so ändern konnte. Aber wie, wenn +Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmöglich, es konnte +Gewissenhaftigkeit sein, daß er sich nicht erklärte; befand er sich, +der unglückliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben +Zustande, wie er hier angekommen war. + +Der Küster, der jetzt regelmäßig nachmittags sein Däpschen hatte, +ohne daß seine Frau begreifen und ergründen konnte, wo er das Geld +dazu herbringe, der Küster hatte dem Hofrat alle morgen referiert, +wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei; +er hörte zwar, daß er seit neuerer Zeit weniger stark wüte; daß er +aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem +Zustand; es war kein Zweifel, daß der Graf jede Nacht um dieselbe +Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag über keine +Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blässe, das Wehmütige, das noch +immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, daß er +körperlich oder geistig angegriffen sei. + +Seinen Entschluß, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn +zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausführen können; je +näher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er täglich +vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen +bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine +Geheimnisse eindringen zu wollen. + +Aber unablässig verfolgte ihn der Gedanke, daß er vielleicht, wenn er +das Nähere über des Grafen Krankheit wüßte, helfen könnte. So saß er +eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft +wohl ansah; der Küster hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig +bei ihm eingesprochen und erzählt, gestern nacht sei der fremde Herr +so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, daß ein +Töpfer die Hände darunter hätte waschen können. Er sann hin und her, +wie man dem Geheimnis benommen könnte; da klopfte es bescheiden an +der Tür, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer. + +Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an +seinem jungen Herrn zu hängen, schien so väterlich für ihn besorgt zu +sein, daß man sah, er müsse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und +gepflegt haben; recht erwünscht kam er daher gerade in diesem +Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfüllt +war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen +solle; denn daß er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner +gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfältig umgesehen +hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er näher. + +"Mit Exküse, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten +Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnädig, +wenn er ein Wörtchen im Vertrauen sprechen möchte!" + +"Wenn es keine Klagen über deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch +von der Leber weg!" sagte Berner. + +"Klagen! Jesus Maria, wie käme ich bei unserem jungen Herrn zu +Klagen; habe ich ihn doch auf den Händen getragen, als er's +Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen +Tag, und er hat mir noch kein unschönes Wort gegeben, so wahr Gott +lebt, Herr, und das sind jetzt fünfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst +etwas hätte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnädig +nehmen wollen. Ich weiß, Sie sind meines Herrn bester Freund in +hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein +Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiß auch vom +Küster, daß Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas +wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott +lohnen wolle--" + +"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzählen, wie +Dein Herr in diesen unglücklichen Zustand kam, daß er alle Nacht von +einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich +nicht etwa helfen könne?" + +"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn +nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter +Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzählen, +wie er dazu kam." + + * * * * * + + + + +EMILS KUMMER. + +"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist +er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam +seine Straße, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie hätten +ihn sehen sollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein +Schwester lebten. Keinen frischeren, kräftigeren jungen Herrn gab es +in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und +lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen +schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten +mir immer die Tränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den +himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade +zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre +Fähnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fräulein Schwester +herauflächelte wie verklärt und seinen Tigerschimmel dazu tanzen +ließ. + +"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter +Antonio nach Warschau führte. Das war ein Schwestersohn von der Frau +Gräfin Exzellenz, ein schöner, schmucker Italiener mit braunroten +Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe. +Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schönen +Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man +sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es +gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muß auch so gewesen sein; denn +--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen +Schwester, die junge Gräfin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann +lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit +übermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm +nur an den Augen absehen konnte. + +"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, daß Herr Baron +Antonio die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber, +welche großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb +seine Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern; +denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen +Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte +Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber +sagte lächelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wußte +ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem +sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts +dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefähr ein +Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch +nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich, +zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder +hin. Ich fragte, was ihm wäre, er aber gab mir gar keine Antwort, was +er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren +und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein +Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die +Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der +Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe Ring sei, den +seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies aber nicht +gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der +Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen habe, die +dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm +freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde von +Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter, +zum Präsent bekommen zu haben behaupte. + +"Madame Trizka aber war die berüchtigte Kurtisane der Stadt und um +Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort, +ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung +sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen +Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen +habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das +meinen Herrn nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester +mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück +zu sagen, und beschloß daher, den treulosen Vetter sobald als möglich +aus der Welt zu schaffen. + +"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den +Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht +gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf +dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er +keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit +dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen, +aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag +ohne Besinnung, und die Ärzte gaben gar keine Hoffnung. + +"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch +beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung +bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ. +Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung. +Mein Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwölf Uhr +hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der +Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener +seine gräulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und +sah sich im Zimmer um. + +"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei +schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich sah +er meinen Herrn; wütend riß er seine blutigen Binden von der +durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. '_Maledetto +diavolo!_' brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf, +sank zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu +unterstützen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben. + +"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht +gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglücklich +wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem +Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte, +da ging erst der Jammer von neuem an; denn während der Krankheit war +er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Gräfin war ein paar +Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich gestorben. Man sagt arge +Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter +Diener nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer gesiecht +hatte, überlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe. + +"Der junge Herr vernahm dies alles mit großer Fassung; als man ihm +aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er außer sich, so +daß wir fürchteten, er komme wieder vom Verstand. + +"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle +glaubten; denn der Graf ließ sich auf sein Grab führen, weinte dort +lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung. +Als ich in der nächsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten +Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches +Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in +Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem +blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie +ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu +geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hörte auch sein Wahnsinn auf. Aber +seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells +Begnadigung, mußte aber auf einige Zeit sich außer Landes begeben. + +"Diese Weisung kam erwünscht; denn die Ärzte rieten zur Zerstreuung +durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz +Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube +nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe +mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den +Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er +mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag, +von da an behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er +am Altar sitze. + +"Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht +jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie +es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. +Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn +Tagen hat er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint." + +Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine +Erzählung beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es +wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen +Gaben des Glückes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in +so namenloses Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen; +aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen +schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon +versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm +behilflich sein könnte bei dieser Sache. + +Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann +dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten +Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen. +Vor allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht +gesehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn +besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel +des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des +Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß +ich jeden berühmten Arzt um Rat fragen konnte. Überall, wohin wir +kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die +Ärzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft +probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung. + +"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht +hätte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein +kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich +Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern +betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen. +Den andern Tag sagte er zu mir: 'Höre, Alter! Dein Herr ist +unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme +Liebe zu einem Mädchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine +recht gefaßt, so ist es unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich +zerstreut und nach und nach vergeht.' + +"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich +wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch +Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er +verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an +keinen Ort, wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über +einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst +recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem +alten Herrn Onkel. + +"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem +Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen +hieher ins ----sche gehen. + +"Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für +möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr +auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht +er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt +ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das +Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir +solle Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so +verwundere, und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe. +Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde +ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der so holdselig +herüberlächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging +mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses +Fräulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang +schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus +gegenüber. + +"Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie, +mein Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele, +obgleich ich für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte; +aber ich will die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er +seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus +hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber. + +"Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er +raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz +ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine +Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der +Stelle mein Hab und Gut geschenkt hätte; dem Engelsfräulein aber, das +dies Wunder bewirkte, möchte ich, so oft ich es sehe, vor purer +Freude zu Füßen fallen. + +"Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte, +ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn +sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht +sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen +Sie ihn nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal +wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er +anhat,--da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen +Marbelstein in der Brust hätte statt eines Herzens. Über das Vermögen +will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich +eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Güter Ratitzka, +Martinizow, da ist Flazizhof, da--" + +"Laß gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon +könnten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn +betrifft, so glaube ich selbst, daß er das Fräulein gerne sieht; wie +das Fräulein über ihn denkt, weiß ich nicht so genau, doch kann sie +ihn nicht übel leiden. Das Ding muß sich übrigens bald geben, glaube +mir! Hat dein Herr das Fräulein recht von Herzen lieb, so soll er, +merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich könnte dafür +stehen, daß sie nicht Nein sagt." + +Der alte Brktzwisl war außer sich vor Freude, als er dies hörte. +"Nun, das muß wahr sein, wenn sich vernünftige Menschen miteinander +besprechen, gibt es ein Stück; mein Herr soll dran, soll Hochzeit +haben und wieder fröhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln, +und all sein vierzigjähriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht, +ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten +Fährte hat." + +"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du +den Herrn Neveu verheiratest? Das Fräulein ist eigentlich doch keine +rechte Partie für einen polnischen Grafen--" + +"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an +der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist +ein räsonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht. +'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir +abfuhren, 'bringe ihn vernünftig zurück _à tout prix_!' Da darf +man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir +uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist +eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu +gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und daß der +Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafür stehe ich! Ach, wenn er nur +das liebe Engelskind selbst sehen könnte!" Dem alten Mann schien der +Mund zu wässern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und +ging. + + * * * * * + + + + +DER SELIGE BERNER. + +Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem +andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem +klugen Alten nicht merken lassen dürfen, und doch hätte er dem alten +verwitterten Polacken um den Hals fallen mögen, so recht ins Schwarze +seiner Seele hatte er mit seinen Plänchen getroffen. "Ein kapitaler +Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den wären wir doch +samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plänchen ganz und gar +den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben +und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der +alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen +Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Königin Aarstein und dem +Staatssekretär Springer mit seinen Winkelzügen ein verdecktes und +entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es +war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten, +der sein letztes Examen im Rücken und vor sich die Aussicht auf eine +fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kühen, +Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde +residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig göttlich zu Mut, als +hätte er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und +regiere an geheimen Schicksalsfäden das Los des Grafen und seiner +Ida. + +Alle Leute blieben auf der Straße stehen, als Berner vorüberkam. Man +kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne +jedermann grüßte und hier und dort mit einem sprach; aber heute-- +nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin +sprach und lächelte, alle Mädchen in die Wangen kniff, allen Männern +zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt prügelten, +einige Groschen schenkte, daß sie sich einen vergnügten Tag machen +möchten. Den Präsidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen +guten Morgen, schüttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte +sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier +angestiegen komme, um sein eheleibliches Töchterchen zu freien. + +"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen +mit der Gräfin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der +Präsident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner? +Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?" + +"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt +noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst +denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, daß ihm das Feuer +aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem +Staatssekretär den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie gütigst, +wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand für meine zärtlichen Neigungen +rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders +gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen +Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so wäre der +Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Präsident. + +"Verliebt, wie ich sage, und für die Gräfin so gut wie verloren."-- +"Ei, ei," sagte der Präsident mit einem klugen Gesicht, indem er die +Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich +gedacht, daß das Attachement an die hohe Person nicht so gar groß +sein müsse. Du weißt von den Aufträgen, die mir in einem +Handschreiben des Staatssekretärs zukamen; ich richtete mich mit +aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst +über die hiesige Gegend an; weiß Gott, ich meine, der Mensch wird mir +närrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den +vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen +Lokalschönheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und +fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in +meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, daß ihm die hellen +Tränen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der +Freilinger Kreis ist nicht übel; aber die Gräfin Aarstein ist +wahrscheinlich der Köder. Ich wende also das Gespräch auf den Hof und +endlich auch auf die Gräfin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig +wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeißen wollte, ob +er die Gräfin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes +Gesicht, wie wenn man beim überzuckerten Kalmus endlich aufs +Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par +renommée._' Das ist nun freilich bei der Frau Gräfin nicht das +beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von +dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretär schlecht +manövriert." + +"Weiß Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich könnte dir Dinge +sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den +Herrn Grafen als Bräutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht, +an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein +Landeskind unseres allergnädigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes, +schönes--" + +"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der +Präsident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es +mir, daß es die Gräfin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der +Hand Nachrichten über sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal." + +War es dem Präsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat +außerordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg, +als er näher und näher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mädchen +Wunderhold empfing. Er hätte mögen nur gleich mit allem, was er im +Herzen und Gedächtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den +Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt +dirigierte, wäre _das_ Mädchen bis in das Herz hinein errötet +und davongelaufen. Daher ließ er seine Gedanken eine kleine +Schwenkung rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der +Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Rührung in die +linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzählte er +ihr das Unglück des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die +rührendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu +schildern. + +Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mädchens Tränen +flossen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn sie sich den +fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von allen, +und plötzlich so unendlich unglücklich--ja, jetzt hatte sie den +Schlüssel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen. + +Jetzt wußte sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so +bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er +niemals wieder recht fröhlich sein könne. Er hatte seinen liebsten +Freund getötet, und, wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ, +unschuldig getötet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, desto tiefer +fühlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so +verwandten Brust. + +Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses +Tränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber +gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein möchte; so +schonend als möglich berührte er diese Saite, indem er nicht +undeutlich zu verstehen gab, daß ihre Nähe wunderbar auf ihn zu +wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besänne, ob sie +auch recht verstanden habe; eine hohe Röte flog über das liebliche +Gesichtchen, ein schelmisches Lächeln mitten durch die Tränen zeigte, +daß sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zögern, das +auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die +Brust des alten Mannes, verbarg ihr glühendes Gesichtchen und +flüsterte kaum hörbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere, +innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie +weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob +und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreißig Schnürlöcher des +Korsettchens zumal zersprengen. + +Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz höchst komisch vor. +Die weint, dachte er, weil sie einen schönen Mann und drei Millionen +verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch +um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch, +als ob es Ihnen blutessigsauer würde, daß Sie den schönen, edlen +Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja +nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje +Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um +solche wäre es nicht der Mühe wert, sich die Hand naß zu machen, und +wenn sie im Sumpf bis unter die Nase stäken und nicht mehr um Hilfe +schreien, sondern nur ein wenig näseln und rüffeln könnten. Aber +nein, da ist der Ausbund von Männerschönheit, der Mann mit dem +interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blässe, welche die +Gemüter so anzieht, mit dem feinen Bärtchen über den Lippen, das ein +ganz klein wenig sticht, wenn er den würzigen Mund wölbt zum Ku--" + +"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und +reputierlich wie eine Karthäuserin, und doch mußte das lose Ding die +Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein +Fünkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böse Welt, den Herrn +Hofrat an der Spitze, gleich darüber kritisiert, ob es einem +_schönen_ Herrn gegolten oder nicht." + +"Nun, nun," lachte der Hofrat noch stärker als zuvor, "es kommt immer +besser; Sie machen ja, weiß Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie +mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im +Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es +faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von +Sorben und Frau von Schulderoff, die große Stadtklatsche, aus jedem +Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter +dem Vorhang hinüber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die +bösen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen +Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den +schönen Sternen, welche das schönste Feuer haben,--da muß man ja doch +auch in den Mond sehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener +scharfsichtige Astronom, Städte, Festungen, ganze Wälle und +Verschanzungen darin erschauen, sondern höchstens die Besatzung +selbst, den Gr-" + +Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde röter als ein +Purpurröschen, sie preßte dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den +Mund, daß ihm Hören und Sehen verging, und schmälte ihn jetzt so +tüchtig aus, wie er früher sie selbst geschmält hatte, als sie noch +ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hören müssen," +eiferte sie, "man soll die schönen Püppchen nicht beschmutzen, und +Sie, böser Hochverräter, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz +schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles +untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz +lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und +nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die +Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes +Oberbuchhaltergewissen vertragen?" + +Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war +ihm so verpetschiert, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au! +hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schöpfte +tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige +Strafe sei, daß Sie auf der Stelle über und über rot werden!" Ida +behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half +nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, daß der Graf seit +einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als +einen, höchstens zwei Tage verweilt, daß er auch eigentlich hier nur +einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe +Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der +Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als +er es aussprach. + +"Wegen mir wäre er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht +weiter; ein holdes Lächeln geschmeichelter Selbstzufriedenheit +schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward +überall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht +ein tiefes Rätsel für den Forscher war,--war es Freude, war es +Schmerz?--das überraschte Herzchen machte sich in heißen Tränen Luft. +Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem +anfangen, wollte die lindernden Mittel der Fröhlichkeit und des +Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen +hatte, wollte das Mädchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn +möglich, war das möglich, wenn man _dieses_ Auge in Tränen sah? +So mit ihrem Schmerz beschäftigt, hatte er ganz überhört, daß man +schon zweimal an der Türe geklopft habe; leise wurde sie endlich +geöffnet, auf dem weichen Fußteppich hallte kein Schritt--Ida war es, +als wehe sie ein kühlendes Lüftchen an, es war ihr so wunderwohl und +süß zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen +lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgröße Graf +Martiniz. + +Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade +in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida +gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ sie nicht lange +in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so +unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden +gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet. +Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines +Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen dürfe. Ach! +er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Tränen, die +aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Mädchenherzens +heraufdrangen. + +Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte lächeln, +aber ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er +hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu +dürfen, daß es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem +Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch +mußten die Blößen benützt werden. Der Zweck heiliget die Mittel, +dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich +eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also +sein Hütchen, brach auf und flüsterte dem Grafen laut genug, daß es +Ida hören konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen +und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie +weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fräulein, weil sie meint, Sie +seien unglücklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen +Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem, +der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird. "Der Würfel +liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt; +zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!" + + * * * * * + + + + +ENTDECKUNG. + +Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Ölgötzen; +keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem +hielten sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen +gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr, +als stäche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz, +und ein anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie +herab, und im nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedheiß zu +Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede +und ein Rheinstrom von rotglühendem, flüssigem Eisen durch alle ihre +Nerven sich ergösse. Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und +davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit +weinen; ein tiefer Seufzer entriß sich dem gepreßten Herzen-- + +Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium +dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und +Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet +und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe +abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch +dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen +Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er +hatte--doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblicke helfen, daß +er sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn +hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in +seinen Träumen allnächtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie +hatte um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt! + +Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham +aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund, +tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser +Brust ansah--er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt, +die Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen, +niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit +wahrhaftem Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und +alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen +Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle +Amorettenköpfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem süßen Wesen.--Er +hörte sie seufzen, eine große, helle Perle hob sich unter den +seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund +darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg. + +"Können Sie zürnen, mein Fräulein," hub er an, "daß ich zu so +ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine +Antwort. + +"Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich +hätte mir gewiß nicht die Freiheit"--noch keine Antwort. + +"Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt; +zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel +früher als andere; möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls +vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen +um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern. + +"Sie zürnen mir also dennoch," fuhr Martiniz trübe lächelnd fort; +"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal +zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida +hielt ihn fest. + +"Herr Graf!" flüsterte sie leise bittend-- + +"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft +haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu +sagen?" + +"Martiniz!" flüsterte sie wieder. + +"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht +mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?" + +"Emil!" hauchte sie kaum hörbar; aber in diesem einzigen Wörtchen lag +ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll +namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand; +doch er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber +dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden +Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen, +warum er so trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde +sie ihn entschuldigen. + +Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie +der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen +Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu +gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener +langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch +seiner Verstandeskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die +ganze Erde so öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die +selige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe; besonders seine +Schwester habe er glücklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne, +den sie liebte--wie hätte sie ferner glücklich leben können? + +Aufs neue sei damals eine große Bitterkeit in seiner Seele gegen den +Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen +schien, um ein holdes Mädchen auf wenige Stunden glücklich zu machen +und dann zu betrügen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum +unerbittlichen Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief +gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe; +er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwürdigen +Schande. Antonio habe lange geahnt, daß er, obgleich ihr Verlobter, +doch nicht der einzig Begünstigte sei. Er habe sie in einem +Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel über die Unwürdigkeit +der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem +Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen +Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau +verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit +den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der nächsten besten +Metze schenken. + +"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der +edle, so schändlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich +handelte, wissen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die +Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persönliche +Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er +sich denn mit seinem ganzen Unglück, mit seinem noch größeren Edelmut +vor die Mündung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld +meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wütete ich gegen mich +selbst. + +"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo +er verschieden war, fühlte ich auf einmal seine Nähe, sein +blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele faßte das +Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen +Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde, +kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er würde mir +im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen. + +"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte +Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist +für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur ist +mir erstorben; ein rastloser Flüchtling, eile ich über die Erde hin, +verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst +erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe +und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger +Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der +letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die +der Frühling aus meiner Asche keimen läßt."-- + +Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten +Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen +Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten +Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte +stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache +hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende +Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich +kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von +den zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida, +das Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ +die Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber +ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge +etwas Schwärmerisch-Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über +einen großen Entschluß nach. + +So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe +hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über +seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das +Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel +zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese +Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte.-- +Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten +Verhältnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie +ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte +Berner weiß sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er +aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar +bitterlich weinte und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde +hätte erbarmen mögen,--da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf, +eine Gänsehaut flog über seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust +zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich +hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen +hervor traf ihn doch ein so mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl +und warm wurde, als hätte er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor +den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht, +mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte, +kluge Äuglein dazu, daß Ida, so ernst sie sein wollte, lächeln mußte. +Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie sie von Anfang durch seine +doch etwas gar zu indiskrete Äußerung sehr außer Kontenance gekommen, +daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken könne; denn der Graf habe +ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt, und sie sei wie von ihrem +Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome könne befreit werden. +Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte; +jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb +sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände. "Sie +können und müssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle +Wagestück von vorhin eingegeben. _Sie_ müssen ihn überzeugen, +daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen machen, daß er +wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag +freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche +läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit +höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu +fürchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die +ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so recht im +Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen +herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles +Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der +zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich, der +Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder +Kardinal und für Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden +soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach +und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus +der Tasche oder läßt sie in der Tasche repetieren, daß man glaubt, er +habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er +sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin +kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fürchterlichsten Eide dazu +schwöre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz +schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiß das besser,' sagt +sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer +weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhältnis, wenn +der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll. +Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre +Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und +Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft--" + +"Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fräulein +eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über +errötend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch lächelte und +innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und +Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach, +und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei +seinem Leisten!" + +"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner +mit komischem Pathos, "leider heißt es bei mir: _ne ultra crepitam_, +[Fußnote: Nicht über den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als +die hübschen Füßchen und höchstens, aller--allerhöchstens jahrs +einmal ein hübsches Wäd--; doch um wieder auf Martiniz zu +kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiß nur ein Mittel, wie +man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die Torheit des +Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt +uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom. +Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie +müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei +ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er +wird so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie +verschwindet." Ida sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit +mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, daß das sich +aufbringen heiße, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem +landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes-- +aber der Hofrat, der das Mädchen von seiner Kindheit an kannte, sah +tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das +Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne, +sträube, daß aber das Edle und Große, das sie, nur von wenigen +gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust verschloß, schon +jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen haben müsse; denn +in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre +Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen Entschlusses +mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken, was die +Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die +Kirche führen,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Lächeln +fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in +den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt +hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den +landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _möchte +hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen? +Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas +im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt, +daß sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht +sich gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für +solche große Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht +Schwärmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes +und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest +entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fühle es: _der Zug des +Herzens ist des Schicksals Stimme!_" + + + + + + +ZWEITER TEIL. + + + +DIE HEILUNG + +Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten Haus +ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, größere, war in einen dicken +Überrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt; die andere, kleinere, +hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in +einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien; denn die Person, die +ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten +schlichen sich dicht an den Häusern hin, gingen mehrere Straßen entlang und +verschwanden endlich im Portal der Münsterkirche. + +Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz; es war +der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große, knarrende Kirchtüre +auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu +zögern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als +aber der Küster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu +werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor, +als fürchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen +hervorgucken zu sehen. + +Am Altar machten sie Halt. Der Küster zeigte auf einen breit vorspringenden +Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Teil der Kirche +übersehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort ihren Platz; die +Laterne gab übrigens so wenig Licht, daß man, ohne näher zu treten, die an +dem Pfeiler Sitzenden von dem übrigen Dunkel nicht unterscheiden konnte. +Indem hörte man den Glockenhammer im Turme surren und zum Schlag ausholen; +der erste Glockenschlag von Mitternacht rollte dumpf über die Kirche hin, +und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Säulengang herauf dem +Altar zu. Es war Martiniz mit seinem Diener. + +Blaß und verstört setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, auf +die Stufen des Altars. + +Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener +Nacht, da ihn der Küster zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit +wehmütiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versöhnt? Kannst du +noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme tönte voll und laut durch +die Gewölbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief +eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel: "_Er +hat vergeben!_" + +Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen röteten sich, sein +Auge glänzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: "Wer +bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte es an +jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor; der Graf +trat bebend einen Schritt zurück, sein Haar schien sich emporzusträuben, +sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden; die Gestalt kam näher +und, näher, der milde Schein der Laterne empfing sie, noch einige Schritte +und--der dunkle Mantel fiel, ein seraphähnliches Wesen--Ida mit der +Taubenfrommheit eines himmlischen Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser +war in ein willenloses Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen +Bewohner höherer Räume zu sehen, bis ihn die süße, wohlbekannte Stimme aus +der Betäubung weckte. + +"Ich bin es," flüsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das mutige, +engelschöne Mädchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Toten +verkündigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der +Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus +Übereilung und Schwachheit gesündigt, wenn ernste Reue den Richter zu +versöhnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; ich +weiß, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie mit +feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche +wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch +diesseits Ansprüche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in dieser +Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner Nähe!" + +Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draußen in der Nacht, kein +Lüftchen regte sich, kein Blättchen bewegte sich. Mit seligem Lächeln, mit +dem Sieg der Überzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida wieder zum +Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht wieder,--er +ist versöhnt!" + +"Er ist versöhnt!" jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. "Er ist +versöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn +gebannt; Ihre treue Freundschaft für mich Unglücklichen, die ebenso hoch, +ebenso rein ist als Antonios Treue und Großmut, sie hat den blutigen +Schatten versöhnt. Wie kann ich Ihnen danken--" + +"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm +sanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden Küssen bedeckt +hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen als das Bewußtsein, dem +Freunde genützt zu haben, so danken Sie mir dadurch, daß Sie sich wieder +den Menschen schenken, daß Sie wieder heiter und froh sind, wie es Menschen +gebührt, denen Gott die schöne Erde zu einem Orte der Freude geschenkt +hat." + +Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an sein +klopfendes Herz, sein freudiges Lächeln, ein seliger Blick sagten ihr, daß +er erfüllen wolle, was Sie ihm geheißen. + +Der Hofrat war indes näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas +schalkhafter Miene die schöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch +nichts Schöneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem zarten, +sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer gewichen war, +das jetzt nur Freude und Glück aussprach, an seiner Seite die feine +Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus den sinnigen, +schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem hinaufsah,--sie +beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der Laterne, an den +Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich geformten Bogen und +Säulen des majestätischen Tempels. "Nun," dachte Berner, "sei es um ein +paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar; dort +auf den Stufen steht dann der Herr Pastor primarius, und weiter unten +müssen mir die beiden Leutchen dort knien: der Herr Pastor spricht dann den +Segen, und sie sind kopu--" + +Es zupfte ihn etwas am Rockschoß, er sah sich um. Der alte Brktzwisl stand +hinter ihm und wischte sich einmal über das andere die alten Augen, die vor +seliger Rührung übergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr Hofrat," schluchzte er, +"möge es in Zeit und Ewigkeit--" + +"Sei still," flüsterte Berner, "dein Werk ist es; denn hättest du nicht +endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor." + +Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch +der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne +sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir hätten doch +nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn +Onkel, und der kann nicht anders, er muß seinen Segen zu der holdseligen, +zukünftigen Frau Gräf--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte zu +ihm hin, küßte die Hände des Grafen und den Saum von Idas Gewand und +brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es +von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um +und hüllte ihr das Köpfchen so tief in den Schal, daß nur noch das feine +Näschen hervorsah; der Hofrat führte sie, der stillselige Graf ging neben +seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersüchtig, daß diese das +Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte. + +Brktzwisl und der Küster, der ganz traurig schien, daß seine Talerquelle +doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm +der alte Diener, als er die Türe schloß, "sind wir zum letztenmal nachts da +drinnen gewesen; dir soll es übrigens dennoch nichts schaden, alter Kauz. +Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme nur zum +alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den Tisch, die +Frau Wirtin muß alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlsein meines +Herrn und des schönen Fräuleins." + + * * * * * + + + + +NEUE ENTDECKUNG. + +Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem man +sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wünschte mit freundlichem +Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwischen +den Zähnen hätte, ein "wenn nur das heilige Kreuz-Donner--" oder "wenn nur +das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen" um das andere heraus. Er +rapportierte, daß er einen Brief von der alten Exzellenz, dem Oheim, habe, +worin ihm dies er ankündige, daß er seine Briefe nach Fuselbronn, einer +Badeanstalt zwischen Freilingen und der Residenz seitwärts gelegen, zu +schicken habe. "Der Kuckuck!" rasaunte der alte treue Knecht, "hätte der +alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen können? Jetzt wäre er +hier in Freilingen und schaute das Glück seines Herrn Brudersohnes mit +leiblichen Augen, könnte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was +hilft mich das, daß er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten, +wir können es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden +Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern von +Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir +herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was +nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: 'Reise +weiter! Zerstreuung hilft! Glückliche Reise!'--Jetzt, wo wir hier +Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn +kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der +verfluchte Mammon? Kann ich dem Fräulein sechs Louisdors geben wie einem +Doktor oder Professor?" + +So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so +hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf +sich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht _stante pede_ eine +Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt +sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wüten vor. +"Alter Narr!" rief er endlich, "muß man dir denn die Nase drauf stoßen und +eine Brille aufsetzen, daß du findest, was du suchst? Kannst du dich denn +nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten vierzehn Tagen +deinem alten Herrn schreiben und dabei einfließen lassen, daß dein Herr zum +Sterben in das Mädchen verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das +weiß, nun ja--das Fräulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was für +ein besonderes Hindernis--" + +"Weiß Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt +so ganz aus dem Auge, daß er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber +eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fräulein im +reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen +Streich! Er ist so blöde, so furchtsam--" + +Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwisl! Sein Herr saß, indem sein +Diener von seiner Blödigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der +Präsident, der nur so auf ein Viertelstündchen in seiner Tochter Boudoir +eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie Kunst um das +Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen ein Langes und +Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Gründen, nebenher +hielten sie sich die schönsten Reden durch verstohlene Blicke mit einer +Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, von dem selbst Cicero in seiner +Rednerkunst keine Aufschlüsse gibt und wovon auch kein Wörtchen weder in +der Syntax der deutschen Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken +und ästhetischen Vorlesungen steht, die alljährlich von den Kathedern +abgehaspelt werden. Der Präsident taute immer mehr auf; denn Martiniz +sprach von einem bedeutenden Güterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne +habe, und der gute Präsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen +haben den Grafen auf diesen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn er es +vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarstein--er +gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnädigsten Handschreiben, +besah lächelnd seine Brust, wo nächstdem das Großkreuz des Zivil-Verdienst- +Ordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen Landsmann und sein +liebes Gräfchen und zog kichernd und schnalzend über seine vortrefflich +gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus. + + * * * * * + + + + +DAS TETE-A-TETE. + +So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar +prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen; denn das Wiedersehen +nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, führt +immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht +sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat. +Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Gespräch, so +auch in dem Flüstern der angehenden Liebe, abends wärmer ist und in einer +Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand +mehr mit der Phantasie über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz +auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich +von ihr geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können, +wovon sein Herz so voll war--und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut +verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen gescherzt +und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen verblüffen zu lassen, +--wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mädchen gegenüber? Es war aber +auch unmöglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der +herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöse der Haltung das Auge, war +man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen +Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt der +blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man +wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand- +raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen und orientalisch +geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingerissen von +dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem +schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen mögen, die zarte Taille +mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht +fest Mund auf Mund zu drücken--o! so durfte sie ja nur das Auge +aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den +sündigen Menschen und seine Begierden herabblicken lassen, so schlich man +sich so duchs und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit +zurück, als haben einen zehn Paßvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter +zurückgedonnerwettert. + +Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will, von +Verdorbenheit der Sitten und daß kein reputierliches Frauenzimmer mehr +allein auch nur eine Meile weit reisen könne! An den Männern liegt es +wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und +Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der +Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche +glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse auch unwillkürlich von +ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen +Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit +ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschämtheit an sie drängten, hatte +ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn +er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen +ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt +war, wer stand ihm dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre +Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn +er zärtlichere Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür--zwar der Hofrat hatte +es ihm zu dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es +nicht so sei; aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen +Mädchenherzens?--Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen anderen, +würdigeren lie-- + +Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn +gepeinigt; die guten Betten, über welche er jenen Morgen der Frau +Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die +Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die +Kopfkissen--Jakob's Stein muß ein Eiderdunenpfühl dagegen gewesen sein; +denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter träumen, die +ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er +endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_ zu verschaffen. + +Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wären +es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange der Papa +dabeisaß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als er gedacht +habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien ihn selbst +aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundschaftliche +Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch +hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mögen; +jetzt Mut!--Aber es schnürte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht +anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial für diese Stunde-- + +"Warum so still und trübe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch +keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat +ihm diese Teilnahme!--Das Gespräch war eingeleitet, und dennoch konnte er +nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloß ihn +auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die +Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war +Idchen bekannt, und wie unendlich hübsch stand es dem Mädchen, wenn sie von +der Landökonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnäbelchen +gewachsen war. Es war ihm, als säße er schon mit ihr abends vor der Türe +seines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf +seines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als +züchtiges, hübsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es war +zu hübsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die +Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und +die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte: +Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet-- + +"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen," unterbrach Ida mit +fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar +nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo +haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf irgend einem Landgut +und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen." + +"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man +so allein, so ganz allein auf der Erde ist." + +"Nun, das kömmt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh machen, +können Freunde zu sich bitten--" + +"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist +wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz +verlangt nach etwas Bleibendem."-- + +"Wer bedenkt," antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann, "wer +bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht +schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde." + +So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es +hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so streng +behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich +es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem +Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der +Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der Geselligkeit +öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder über mein Unglück +spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewährte, die mir aus +gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich +von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der +mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig +heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer +geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein liebes Weib--" + +Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an +seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht +anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem +Schrei der Überraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom +Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender +Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham. + +"Mein Mädchen, meine Ida!" flüsterte Martiniz und zog sie zu sich herab in +seine Arme; er nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen. "O laß mir noch +_einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, laß mir noch _einen_ Trost, den +deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den süßen Lippen hervor--und +der Graf preßte sie in stürmischem Entzücken an die Brust; wollte eben den +ersten, heiligen Kuß reiner Lie-- + +Da schmetterten Posthörner die Straße herab; ein schwerer Reisewagen +rasselte dröhnend über das Pflaster und hielt vor des Präsidenten Haus; +aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß das Fenster +auf; aber erbleichend trat sie zurück.--"Mein Gott im Himmel!" rief sie, +"es ist die Gräfin Aarstein."--Die Saat des Bösen reift schnell. + + * * * * * + + + + +DAS UNKRAUT IM WEIZEN + +Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei +_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel +Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen groß +gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie gegen +den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum den Brief +seiner liebenswürdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht bekommen, als er +wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so +geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke--vom Herrn eine Dose, +vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der Gräfin ein Paar Pferde und +sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmäht, und dies alles +sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken, +wegliebäugeln. + +Die Röte des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Gräfin +vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr +täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der +Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte; +denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler Busen +wogte ungestüm auf und ab. + +"Exzellenz," krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor, +"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem +Zukünftigen aus Freilingen."--Die Gräfin und der Rittmeister warfen sich +bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann ließ sich nicht merken, daß er +es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein +galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten v. Sanden +Tochter, angeknüpft haben. Solches wäre nun unter andern Umständen ziemlich +gleichgültig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus +Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem +solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--" + +"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht, +und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens einmal so weit +eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht;--was +schreibt sein Onkel?" + +Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung; denn sein +Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele; +als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von seinem Reichtum +sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise erklärte und alle Segel +aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sorbens +Glückstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel. + +Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand +jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es daher, +den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin Aarstein zu +gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes +Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältnissen +der Aarstein, und--ja, es mußte gehen; er schrieb dem alten Martiniz und +trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile +hatte er, um sich bei der Gräfin, die dem regierenden Hause so nahe +verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem großen +Einfluß peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe und +jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt: +"Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit +holla!" + +Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader +Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten +Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur +größten Ehre gereichen könne und daß er sich unendlich freue, die schöne +Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hieher war es nun +ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was übrigens sein Votum in der Sache +betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit Wünschen begnügen; denn +er habe den Grundsatz, in solche Affären sich auch nicht im geringsten +einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und +wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er +solle einmal nach Liebe heiraten, natürlich nicht unter seinem Stand; wenn +er aber diese Grenze nicht überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder +Wahl. + +Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der +Alte werde bei einer Gräfin Aarstein sogleich mit beiden Händen zugreifen +und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin präsentieren ohne weitere +Sperranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, sehr weit in der +Kultur zurück sein, daß man von einer _Heirat nach Liebe_ sprechen konnte; +doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte auf dieser Seite +nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von Sorben dachte also: +"_Vogue la galère_, der alte Narr _muß_ wollen!" machte gute Miene zum +bösen Spiel und sagte dem Staatssekretär und der Gräfin, der alte Martiniz +sei vollkommen damit einverstanden. Ein böses Gewissen behielt er aber bei +der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen Goldfischchen doch nicht +anbeißen mochte--Nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja +um Ehre und Reputation gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten +Grafen hin hatte man sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von +etwas, das sich von selbst verstünde, überall gesprochen. + +Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und die +fatale Querfrage der Gräfin: "Was schreibt sein Onkel?" hätte ihn beinahe +aus aller Kontenance gebracht. Doch er faßte sich und antwortete mit der +heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt habe, +durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in seinen +Wünsch--" + +"Wie? Ganz in seinen Wünschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die +Ausdrücke, die Sie mir früher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir: er +schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, daß sein Neffe +mich--" + +Höllenangst, Höllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er +kompromittiert würde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit +einverstanden, meine Gnädige, so vollkommen, sage ich, daß er selbst zuerst +auf den glücklichen Gedanken kam." + +"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Gräfin ruhig fort. "Mein Gräfchen +wird nicht ungehorsames Söhnchen spielen wollen; denn die drei Milliönchen, +die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, wegfallen, wenn +er mich nicht--" + +Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die hellen +Tränen hervorstürzen, daß er sich so dumm verplaudert hatte, und dennoch +sollte er lächeln und freundlich sein; er grinste daher furchtbar, wie +einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt im Mund hat und +doch zuckerhonigsüß dabei aussehen will. + + * * * * * + + + + +DAS UNKRAUT WÄCHST + +Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene +des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spaßhaft vorkommen, als sie +aussehen sollte. "Mir scheint es, als dürfe man die Sache nicht nur so +gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein +will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnädige Gräfin--wenn +ich selbst drei Millionen hätte wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen +vor Anker liegt, so täte ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter +Oheim wollte." + +"Das heißt also," rief die Gräfin pikiert, "Sie würden Ihrem Kopf folgen, +auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen und die Gräfin Aarstein +refüsieren?" + +"Wie Sie nur so reden mögen?" antwortete der Rittmeister empfindlich. "Sie +wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit sagen, daß +der Graf Sie sehen muß. Und hat er Sie nur erst einmal gesehen, nun, so +stehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung anstellt, sondern zu +Ihren Füßen liegt." + +Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte +selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, daß dieser +Rat vielleicht so übel nicht wäre. Auch Sorben schien er das einzige +Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter +den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnädig; denn wenn _die_ einen +lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig +Stunden, und er ist im Netz. + +Sie hielten jetzt großen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister +von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der +Gräfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem überein, was +Fräulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Über den Tatbestand war also +nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen? + +"Ist sie denn wirklich so hübsch?" fragte Sorben, um die feindliche +Stellung recht genau zu rekognoszieren. + +"Hübsch?" lachte die Gräfin bitter. "Hübsch? Nun, das müssen Sie ihren +_primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander gefitztes +Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zähne, ein paar rote Bäckchen, eine +gedrechselte Hopfenstange von Körper, die mir die Nerven angreift, weil man +sie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müssen, daß man eines der zarten +Gliederchen abknicke,"--bei der kolossalen Riesenkürassierfigur der Gräfin +war dies nicht zu befürchten--"wenn dies alles für hübsch gelten soll, so +ist sie wunderschön! Ha, ha, ha, wunderschön! Nun, und das--muß man ihr +lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse +mich herab, sie mir letzten Winter präsentieren zu lassen, lade sie zu +meinen Soirees und Hausbällen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich setzte +mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise ohnegleichen +ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr +gefressen haben mußte, als ich mich bei der Fürstin Romanow beklagte, warum +die junge Dame sich so impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß +ich zur Antwort erhielt? Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben +und keusch, als daß sie sich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen +kann man von der Fürstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken, +aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, der +Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. Wie ist +es damit? Gestehen Sie!" + +Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, daß er Ida immer nur +als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein höhnisches +Teufelslächeln bei diesen Schwüren, die Art, mit welcher er den Stutzbart +bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ fast erraten, daß +er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle. + +"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer zu +agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel, +der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, daß er den Grafen eifersüchtig +macht. Er darf nur dem süßen Schwärmer schwören, daß er die Gunst des +Fräuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und dazu ein Gesicht +machen, wie wir es eben gesehen haben, so muß der gute Mann abgekühlt sein, +als sei er nie entbrannt gewesen." + +"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell Zimperlich +nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die +Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen +Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen." + +"Ist gar nicht nötig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer +hübscher mischte, "nicht nötig. Wie wäre es--ja, das wäre am Ende das +beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf +einmal ein Ende machten!" + +Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. "Wahrhaftig, es wäre +so übel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Präsident--wahrhaftig, +ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr hat er mich +eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Güter durch +Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wäre ein zu hübscher Spaß, +Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der +Einfall ist göttlich, und ich bin fest entschlossen, ihn auszuführen." +Sorben atmete wieder freier, als er die Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt +konnte, jetzt mußte ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre +war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er +so hübsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert +hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich. + +Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach Freilingen +reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter _einer_ Bedingung, +nämlich er müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die Reise zu langweilig +ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig, um Ida bei dem Grafen +aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit +einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Daß er als +Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wußte er wohl. Nach +Freilingen war es drei Tagreisen; wie angenehm ließ es sich bei der Gräfin +im Wagen sitzen, wie interessant ließen sich die Verhältnisse weiter +spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrückte.--Und dann, er +kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rächen, in die er--er +mußte es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden verliebt war +und die ihm nicht einmal ein Küßchen--nein, es war zu unverschämt; bei +andern hatte er nach den ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich +gesiegt, und dieses Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es +nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch +einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blâme war ausgekommen, man wußte +es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, +sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu +räch--. Es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, daß +ihr die Haut schaudern sollte. + +Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem gräflich Aarsteinischen Wappen +zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem +Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei +und setzte sich in den gräflichen Reisewagen, und fort ging es über Stock +und Stein, bis man den Münsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus, +küßte noch einmal eine schöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, +saß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum +Goldenen Mond einquartierte. + + * * * * * + + + + +TRÜBE AUGEN. + +Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem Wagen +steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!" seufzte sie, indem sie +einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um +den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglück, wenn dieses Weib +in mein Leben greift!" + +Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter. So +ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die +Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt, nicht +auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben +entgegengehen. + +Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von +Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme der +ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die +Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht +gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wärmsten +Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Überraschte und die Gräfin die +Überraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremoniös beim Empfang der +hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß sie jede andere +Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin, +die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu behandeln. + +Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten, +als die der Gräfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die Aarstein wußte +gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter haßte und ihm hätte den Dolch in den +Leib rennen mögen, freundlich und leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas +Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber +so sind jene Gesellschaftsmenschen, die nichts Höheres kennen, als sich zu +produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten +zu kommen, wo noch alles so brüderlich und freundlich war; da ist alles +übertüncht, alles hat den schönen Anstrich der Geselligkeit; aber man soll +nur einmal hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie +medisant da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß sein +darf, von dem, der ihm gerade noch so schön getan, ohne Schonung bitter +bespöttelt zu werden. + +Aber ist es nicht überhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer dem +andern so viel als möglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin gebracht +hat, daß er ruhig in dieses böse Treiben hineinsieht und dazu lächelt! Mit +Ruhe und dem Bewußtsein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Brust, +lache ich über den Spott meiner Neider, über die hämischen Bemühungen jener +Falschmünzer, die mit schnöder Schadenfreude aus allem, was man je gesagt +und gedacht, nicht gesagt und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer +frechen Leumundsiederei ein Gebräu zusammenkochen, das sie gerne mir +unterschieben möchten! + +Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und +Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge +verlieren, glücklich und brüderlich untereinander zu wohnen! So denke ich +und viele Tausende mit mir über jene bösen Mensen in den gesellschaftlichen +Zirkeln und in der Welt überhaupt, so denken wir und lachen; denn _das +Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man ein sicheres Glück im +Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem +schönern Eigentum zurück_. + +So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Gräfin die Treppe hinanstieg; +ein tröstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren +innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie +ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte +den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne daß ihr das Wasser in die Augen +trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren. + +Es gab einen sonderbaren, aber schönen Anblick, wenn man die beiden Damen +so nebeneinander hingehen sah. Gräfin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie +hätte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen können,--voll, üppig +gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestätisches, +Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Übermut grenzte. Ihre +dunkeln Augen hatten das holde, mädchenhafte Niederschlagen schon lange +verlernt und rollten mit einem unstäten Feuer umher, als suchten sie +lüstern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher, +ob auch die gehörige Ehrfurcht gegen einen Sprößling eines so hohen Hauses +bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfällig, weil die korpulente Figur +für die in die feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreßten Füße etwas zu +schwer war. + +Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenähnliche Gestalt Idas--nein, +dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch +war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts gesenkt; das sanfte Auge, +oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es aufschlug, so +glänzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden Ernst, daß es +durch die sanfte Beredsamkeit überzeugender gebot als das Rollauge der +gebietenden Gräfin. Und um wie viel anziehender war das +Schelmengrübchenlächeln des süßen Mädchens als das schrankenlose Lachen und +Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes Ohr verletzte. +So schwebte Ida neben der Gräfin hin, so wie Juno und Hebe traten sie in +das Zimmer. + +Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn so +unbarmherzig aus dem süßesten Moment seines Lebens herausgerasselt hatte. +Er verwünschte den Gast, der gerade jetzt kommen mußte, wo er endlich +seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mädchen, das er liebte, das er +anbetete, seine Gefühle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, süße verschämte +Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln des Himmels +gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen tönte, wo er, das Engelskind im +Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel und Erde vergaß +und auf diese würzigen Purpurlippen, auf die bräutlich errötenden Wangen +den ersten, seligen Ku-- + + * * * * * + + + + +DIE GRÄFIN AGIERT. + +Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des +Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen +gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt; die Stimme wollte ihr +beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Gräfin Aarstein" +vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie sie den +bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen drohte; es +zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen hinein, als die +Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf den Sofa warf, ihr zurief, +sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die +ein so plötzlicher Überfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie +möchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade +haben, sie zu unterhalten. + +"Da sei Gott gnädig," flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr fröstelnd +und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, "wenn die so fortmacht, +so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu +ihren Füßen knien." + +Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen +Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie ihn +bei einem reißenden Tier allein lassen. + +"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Gräfin an Martiniz, der +schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes +Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe +sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat. +Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der +Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten +findet sich dies eher." + +Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem aber +schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst, +als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete +ihre Frage durch ein leises Kopfnicken. + +"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der die +Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht ist +es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam; Sie können sich gar nicht +denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblühte; die +Straße vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht leer von den +Anbetern, und natürlich--ein solches Mädchen hat denn doch auch ein +Herzchen und fühlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Übrigens, +das muß man ihr lassen, mit dem größten Anstand wußte sie den Herren zu +imponieren und sie sogar zu verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem +Rittmeister von ....... es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht +verdenken." + +"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog. "Der +Rittm--"--"Nun ja," lachte die Gräfin, "da ist es auch kein Wunder, daß sie +ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein +Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte und das er nicht überwunden +hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze, ist aber sonst ein artiger +Mensch; _au fond_ ist es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen schnell +aus der Pension nahm; denn sehen Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte +sie Ida entgegen, die mit liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee +für ihren Gast brachte. Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf +den Boden fallen lassen; denn der Graf--was mußte ihm nur begegnet sein?-- +er saß da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet-- + +"Nun, da erzähle ich," fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer Freude +das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu +zerreißen strebte, "da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affäre mit +dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, daß man sie so grausam +herausriß aus der Wonne der ersten Lie--" + +"Gnädige Frau!" rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die Tasse +nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann. + +"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule schwatze; +das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa hätte auch keine +ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können--" + +"Ich muß Sie bitten, gnädige Frau--" + +"Ei, so lassen Sie doch die gnädige Frau," fiel ihr die Aarstein ins Wort, +"ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich +Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," setzte sie +naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu; "ich lebte +nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind +beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mädchen."-- + +Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Äußerungen mußten ihre +unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese wegwerfende +Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem +Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht +begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut +abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie +nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an +der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W--. Aber nein, wie sah der +Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekneipt, daß sie ganz weiß wurden, +sein Auge rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch +schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange +ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und her, +was ihm sein könnte, und fand immer nichts. + +Die Gräfin zog sich letzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden. Ida +sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich +nur so halb und halb, daß sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde +vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen; aber sie täuschte sich +bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah +er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging. +Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich +aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersüchtig war der gute +Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein +und unschuldig, daß es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu überzeugen; +aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir +die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister +sprechen und ihn recht bös machen. + +Das gute, fröhliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Böses +anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete! + + * * * * * + + + + +EIFERSUCHT. + +Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel +tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte +entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: nun, das ist +so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, und +damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem Trübsinn, von +seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es +einen viel tieferen Eindruck, dieses Mädchen, das so hoch stand in seiner +Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? Auch sie sollte so +zwanzig, dreißig Liebschäftchen und am Ende noch eine recht tüchtige Amour +mit einem leichten Rittmeister gehabt haben? + +Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein +Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister +viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüsterte ihm sein +tief zerrissenes Herz zu, das, daß sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau +so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte, ja, er durfte sagen, an +sich zog, während sie noch einen andern, wie es schien, Unwürdigen im +Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch möglich, vielleicht war es +doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr +geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie-- + +"Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe," schnatterte ein Jockei, +der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war; "der +Rittmeister von Sporeneck--" + +Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er +hier sein? + +"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob der +Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus +abtreten wollten?" + +Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber +Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese +Forderung war zu unverschämt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, der +ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der Graf +wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn und schnatterte weiter: + +"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein +Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da hat er +gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei--" + +"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so +finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh dabei +wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal +vormachen ließ. + +Da hat er es ja sonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat +er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte +jetzt noch die Unverschämtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, daß er besser +hinüber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es nicht +fortgehen; die Wehmut war stärker als die Bitterkeit und wurde Herr über +sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So war gewiß noch +kein Mensch getäuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn +ein Mädchen finden, so hold, so schön, so ganz Unschuld und reine +Jungfräulichkeit; er muß sie lieben, und wie glücklich ist er in dieser +Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die er seit langer, langer Zeit +nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein Herz, er fühlt sich glücklich, wie +er selbst damals, als noch sein Haus in Fülle des Glücks und der Freude +prangte, sich nie gefühlt hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er +sah das Morgenrot der ersten zarten, jungfräulichen Liebe auf ihren Wangen +aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus +ihm, dem Unglücklichsten der Sterblichen--den Glücklichsten. Jetzt hatte er +ja alles, was die kühnsten Wünsche nur verlangen mögen; Gesundheit, Jugend, +hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit +Talern hätte belegen lassen können, ohne daß er es sonderlich gefühlt +hätte; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein holdes, tugendsames +Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; er hielt im seligsten +Moment seines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für dessen Tugend er +sein Leben gegeben hätte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz +hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein +wenig lüftet und ihn das Mädchen ein wenig näher kennen lehrt, die ihn +merken läßt, daß dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser +keusche Mund nicht zum erstenmal geküßt werde, die, wenn man es gleich in +der großen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, daß es gut +sei, daß man das Mädchen aus einem unschicklichen Verhältnis herausgerissen +--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine +Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schüchtern mit der verschämten +Zartheit erster Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten +andere geschwelgt! Er schämte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen +hatte, so betrogen, so schnöde angeführt worden zu sein; er gönnte ihr, +obgleich sein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeister; es reute +ihn beinahe, daß er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm +geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch +drängte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rächen wollte er sich an ihr, +er wollte hinüber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn +betragen würde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber +gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase +herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das eine +war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg wehtun; daß +andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie +tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien ihm, er wollte ganz und +gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei +oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß +er sie verachte. + +Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präsidenten Tee trank, hatte schon +geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Träne, die er der +Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf +sich in die Kleider, preßte das weichgewordene Herz mit beiden Händen +zusammen und ging dann den schweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er +einst so unendlich glücklich gewesen war. + + * * * * * + + + + +DER NEUE NACHBAR. + +Es war, als sei ein feindlicher Dämon mit der Gräfin in Präsidents Haus +eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille Leben +des Hauses verändert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu bedienen; +es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, daß man glaubte, der +Feind sei vor den Toren. Der Ärgste war der Präsident selbst; ganz still +verklärt schlüpfte er in allen Ecken des Hauses umher, zankte und +hantierte, daß die Konfusion nur noch ärger wurde und sein Mädchen, das vor +Haushaltungsgeschäften und Herzensangelegenheiten nicht wußte, wo ihr der +Kopf stand, ihn um Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu +lassen. Es war aber auch kein Wunder, daß er sich ein wenig verrückt +gebärdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhändig-durchlauchtigster +Belobungsschreiben, voll großer Verdienstkreuze mit breitem Band über die +Brust, voll Dotationen und Standeserhöhungen; jetzt war er in seinem +_Esse_, jetzt konnte er negozieren und zeigen, daß er nicht umsonst in +Regensburg und Wetzlar in seiner frühen Jugend Diplomatie studiert hatte: +Was er mit seinen kühnsten Wünschen nicht für möglich gehalten hätte, +führte ihm ganz bequem der Zufall in die Hände. Der Staatssekretär hatte +ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Martiniz sich ankaufe und für die +Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte ihm +wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch allerhöchsten +Vertrauens auch gehörig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der +Gräfin ein, auf ihre Güter zu reisen. Was doch nicht der Zufall tut! Ohne +daran zu denken, daß es wirklich einmal in Erfüllung gehen könne,--denn der +gerade Weg führte zwei Meilen seitwärts an Freilingen vorbei,--hatte er +einmal in der Residenz in einem Anfall von galanter Laune der Gräfin das +Versprechen abgenötigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und +wie glücklich fügte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die er +behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat, sie, +nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mußten, die, ohne daß man +es merkte, an ganz geheimen Fäden das Land regierte, sie besuchte _ihn_. + +Aber sie sollte auch gehalten werden, als wäre sie in ihrem eigenen Hause, +daß sie recht viel Schönes und Gutes höheren Orts von ihm und seinem Hause +sagen konnte. Kaum hatte sie geäußert, sie finde Idas Zimmer im ersten +Stock so hübsch, so mußte das Fräulein das Feld räumen und in die zweite +Etage wandern. Es kam dem Mädchen sauer an, als sie so die Plätze wechseln +wußte, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe +bedünken, als sei dies eine schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar +nicht zu verdenken; sie hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt; +dort saß sie am liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur +das Köpfchen ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig +aufheben, nur einen kleinen Viertelsseitenblick hinüberwerfen, so sah sie +ja auch schon ihn; und jetzt sollte sie der verhaßten Nebenbuhlerin, die ja +offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, jetzt +sollte sie dem üppigen Weib, die gewiß alle Künste der Fensterkoketterie +aufbieten werde, ihr heimliches Plätzchen am Fenster, ihr lauschiges +Schlafstübchen abtreten und dafür, weiß Gott wie lange, in den weiten, +unheimlichen Zimmern des oberen Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie +ihre kleine Haushaltung oben ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die +Toilette, die paar Kistchen und Kästchen waren bald gestellt; jetzt setzte +sie einen Stuhl ins Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den +ersten Stock des Mondes hinabsehen könne; es ging wohl, aber sie sah nichts +als die Wolken seiner Gardinen; er mußte schon herausschauen, wenn sie ihn +von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie +schon, einen steifen Hals konnte sie sich füglich gucken, wenn sie immer +das Köpfchen hinabbog. "Doch was schadet das," lächelte sie, "das tu' ich +ihm schon zu Gef--" + +Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen? +oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage +des Mondes zurückkehrte und ihr Blick zufällig an den Fenstern des zweiten +Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich für ein Kind," +dachte sie. "Wie, wäre es möglich? Was könnte er nur hier zu tun haben?" +Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von Sporeneck lag +geradeüber von ihr im Fenster und bückte und verbeugte sich herüber und tat +und lächelte so vertraut und so freundlich, als hätte er sie jahrelang +gekannt. + +Voll Unmut über den Unverschämten riß sie an der seidenen Schnur, welche +den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe zwischen +sie und den verhaßten Lüstling. Dieser Mann war ihr der widerwärtigste auf +der Erde; er war ein schöner, kräftiger Soldat, gebildet, von glänzendem +Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wußte den Bescheidenen zu spielen, +aber nicht länger als ein paar Tage; dann--das Mädchen, das er belagerte, +_mußte_ ja in dieser Frist kirre gemacht sein--dann kehrte er seine wahre +Seite heraus; sein Auge wurde lüstern, seine Reden, lockend, schlüpfrig, +mußten jedes zarte, weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht +schon ganz für ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genähert. Das +unschuldige Kind hatte Gefallen an seinen Gesprächen, die ihr ein wenig +mehr Gehalt zu haben schienen als die der übrigen jungen Herren; sie ging +oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein +rasendes Dementi bei diesem Mädchen gegeben. Er hatte sie in _eine_ Klasse +gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur Jungfrau +herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum verhaltene +Lüsternheit, ein sündiges Sinnen und Begehren verbergen. Diese hatte er +immer bald aufs Eis geführt, und waren sie nur einmal in einem Wörtchen +geglitscht und geschlüpfert, husch--; so hatte er auch bei Ida endlich, +nachdem er alle edlern Farben hatte spielen lassen, die herausgekehrt, die +jede andere geblendet hätte, aber vor dem strengen Blick der reinen +Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man sagt sogar mit einer +tüchtigen Ohrfeige, war er abgezogen, erklärte Ida überall für ein +Gänschen, schwor ihr bittere Rache und warf sich in die Arme der Aarstein, +wo ihm ohne langweilige Präliminarien bald wurde, was er bei Ida durch +tausend Künste umsonst gesucht hatte. + +"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu +genieren!" Denn daß die Gräfin ihren Liebhaber mitgenommen, daß er auf +keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie gleich +weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind nichts dabei. +Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein so ziemlich, sie +wußte, daß diese gekommen sei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnete +sie nicht, daß man den Rittmeister nur dazu mitgenommen haben könnte, um +sie von Martiniz' Herzen loszureißen, um sie in eben jenem Lichte zu +zeigen, in welchem sie die Gräfin sah. Nein, an diesen wahrhaft höllischen +Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes +gönnte, nicht. Und wie sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja +gar nicht anders, als die Gräfin könne von ihrer Liebe zu Martiniz auch +nicht die leiseste Ahnung haben; wußte ja sogar sie kaum seit Stunden, daß +sie ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all +ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und +niemand könne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht höchstens Mart-- +ja, er mußte ja gefühlt haben, daß sie ihm gut sei, sonst hätte er wohl +nicht jenes Geständnis gewagt, daß er sie lie-- + +Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig, +die Teestunde war da, und noch manches war zu rüsten; die Gedanken an Rum +und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Brötchen, Tassen und Löffelchen +verdrängten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu +ordnen. Dort stand schon Papa und flüsterte ihr zu: "Schicke dich nur; es +sind allerhand Besuche da, und du könntest leicht mehr Rum brauchen als das +Bouteillchen da!" + + * * * * * + + + + +TRAU--SCHAU--WEM? + +Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Präsident--Nein, sie hätte +mögen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, "ein Bekannter +von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit +seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von +euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein +Jubel und ein Fest für alle Mädchen, die nur einmal in der Residenz waren; +da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinsten Touren noch +einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das," +setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Töchterchen in die Wange +knipp, "war auch einmal jung und kenne das." Er ging weiter und ließ den +Rittmeister vor Ida stehen. + +Diese wurde bald blaß, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade +umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnöde abgewiesen hatte, dieser konnte +es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht öffentlich +prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heißen und fortschicken? +Doch nein, sie wußte, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte +ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der +Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hin +sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was mußte nur der Graf denken, wenn +sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm +so verdächtig gemacht hatte! Ihre Augen suchten den Geliebten--er saß neben +der Gräfin; traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt +sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herüber--die Gräfin mit höhnischer +Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als +sehe er etwas, das er gar nicht für möglich gehalten hätte. + +Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob +denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein +Mißtrauen ihm zuflüsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er +konnte ja auch in Geschäften an das hiesige Regiment geschickt worden sein; +dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten--nun ja, das war +allerdings stark, und der böse Geist wollte ihm zuflüstern, daß dies schon +sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles +bewies ja nur höchstens, daß der Rittmeister in Ida verliebt sei; von ihrer +Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben +auf Ida; das war sein Entschluß gewesen, als er durch die hellerleuchtete +Enfilade von Präsidents Zimmern ging. + +Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe +niemand, den er näher kannte oder mit welchem er in ein Gespräch sich hätte +einlassen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die +Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das Ida" dachte er; +er sah sich freundlich um--es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in +ein Gespräch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das +Fatalste war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen +mußte, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der +Rittmeister und sein Logis im Kopf herum. + +"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer +Pause wieder Altem geschöpft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger und +aufmerksamer für seine Gäste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres +und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt sich +dort ganz hübsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie +hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so großen +Ansprüche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich. +Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da +kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis +ich von ihrem schönen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz +nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock. +Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als +die gute Ida?" + +"Sehr viel, sehr viel!" preßte Emil heraus; es war ihm, als schnürte ihm +etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust führe +und das warme, liebe glühende, treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und +herreiße. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die +fürchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so schändlich mit ihm +gespielt hatte; daß zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer +ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zusammenhang +stattfand, konnte ein Blinder sehen. + +Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte +aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein großes Opfer," sagte er mit schrecklicher +Lustigkeit zu der Gräfin, "eine ungeheure Großmut, die ganz allein aus der +allerausgedehntesten _Nächsten_liebe und _Gast_freundschaft hervorgeht!". +Die Gräfin Aarstein-Satanas wußte wohl, daß sie sein Herz mit glühenden +Zangen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisveränderung kam; +aber so vollständig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren höllischen +Triumph nicht vorgestellt. + +Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wußte daher auch nicht, daß die +stärkste, glühendste Liebe zugleich die schwächste und empfindlichste ist. + +Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Präsidenten +reichlich versehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieses gierige Auge, +dieses höhnische Lächeln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz +ohne höhere Bedeutung, ohne edlere Züge--diesen Menschen konnte Ida lieben? +Er hätte jedem unter die Nase gelacht, der ihm so etwas vor zwei Tagen, als +er noch an die Engelsunschuld des lieben Mädchens glaubte, hätte weismachen +wollen. Er hätte jeden einen Schurken geheißen, der _dieses_ heilige, +keusche Geschöpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle +Leidenschaften gewühlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt hätte.-- +Jetzt mußte er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind ließ er sich von der +Aarstein leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte, +den Rittmeister hier zu sehen, sie ließ manche giftige Bemerkung schlüpfen +--er hörte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschäftigte ihn: er +wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie käme, wie sie sich gegen +Sporeneck benehmen würde. Die Türe ging auf, sie kam. An der Hand des +Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzücken +unterdrückte, wie Blässe und Röte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie +ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhörte, und wie glühende Dolche +fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur hin, Graf," +flüsterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie glücklich die +Leutchen dort sind! Das ist ein Erzählen, das ist eine Wonne, daß man +einander nach ein paar Wochen wieder hat. Daß sie sich nicht auf der Stelle +abherzen und küssen, ist alles!" + +Dem Grafen würde grün und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der +Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Röte des Unmuts und +der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen +Reiz, daß der Graf nur um so tiefer fühlte, wie schrecklich sich hier die +Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so +herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es so gar nicht +verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grübchen in den Wangen, +dieses bezaubernde, huldvolle Lächeln gegeben? Sie verneigte sich gegen die +Gesellschaft; die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger; sie errötete +von neuem. Sie mußte noch die Zuckerdose herbeiholen; sie hätte einen viel +näheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorüber; er +wagte nur einen leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes +Auge gerichtet, ihm lächelte sie, ihm flüsterte sie im Vorbeigehen kaum +hörbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und düster?" + +Er fühlte den süßen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruß hätte ihn sonst +bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort hätte sonst alle +Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute +--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erz-General-Armee-Kokette +mußte es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fünf Minuten außer +sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem +neuen nicht zu verderben, flüsterte sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Maß +ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr +verzeihen, daß sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck +offenbar sein mußte, ihr Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich +es ihm das Herz brechen wollte, daß sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel +gespielt hatte; er konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, daß +sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blößen gab,--er konnte +dies alles verzeihen. Daß sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen +wollte, daß sie Zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über seine +Begriffe. Er mußte, seine Natur mochte sich dagegen sträuben, wie sie +wollte, es war ihm, als müsse er sie verachten. Aber sie hatte recht, +obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht dasaß +wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch +besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er _mußte_ lustig +sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten. + +Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekränkten +aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemächtigte sich seiner, die +er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Gespräch an sich, er +strahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen +Mann, dem schönen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespräch; sein +feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schönes sagen zu wollen, +ausschließend aber galt es der Gräfin. Er wußte selbst nicht, was ihn +antrieb, ihr so sehr als möglich den Hof zu machen; aber es war ein dunkles +Gefühl in ihm, als müsse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin so +sehr auszeichne, wenn er alle Damen für sich gewinnen wollte und ihr, ihr +allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören schien, +wenn sie hie und da ein Wörtchen mit einschlüpfen lassen wollte. + +Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es +getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das +nur für ihn, mit dem Feuer der ersten jungfräulichen Liebe nur für ihn +schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, daß er so +fröhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen die sie ihm +zuflüsterte, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr +kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle +wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie +er nur für die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn, +die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen +war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, daß ihm jetzt ein anderes Gestirn +aufgegangen sein müsse, das seinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies +sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war--die +Aarstein! Der Glanz der üppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es +ihm auch ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, +sie weinte nicht; aber eine furchtbare Blässe lag auf dem holden +Engelsgesichtchen, ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund; sie sah ja +alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in +einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie +sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. Von +Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängstlicher Eisersucht in +Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer +Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr +als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß sie diesen ewig, ewig in ihrem +treuen BUSEN tragen werde. + + * * * * * + + + + +DER GRAM DER LIEBE + +Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen. Der +Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen können; aber +das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend +verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin schrieb, so oft +sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinüber und +spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten +Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr nötig zu sein, weil sie +den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen zu +denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille +der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz +abdrücken, daß Ida in solchen Verhältnissen mit dem Rittmeister sei. Wenn +er bei Präsidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm +wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn +geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann unter +Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das Mäulchen +gegangen wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte +sie ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu +holen, hier was zu zeigen; und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen +dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie +und Anmut; es war, wie wenn über die ganze Gestalt ein zauberisches Lächeln +gewoben gewesen wäre, und jetzt--und jetzt! + +Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar +bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da mußte +sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so +abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar vor, +als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht +anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so am Narrenseil geführt +zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zu +Zeiten wünschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm über das Mädchen +und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen. + +Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so +offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen alle +Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen +Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen, +wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen +Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber +wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus Übermut oder törichter +Eifersucht ein schönes, nur für sie schlagendes Herz gekränkt, geknickt, +gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie können sogar noch ein recht +ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille +Träne im trüben Auge, den wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, +wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da +wird man seine Gründe haben." lachen sie und gehen ungerührt vorüber und +denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen +sterben könne. + +Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in +Erfüllung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida. + +Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er tausend +Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu quälen und +zu härmen; die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung +vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die +Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das +trübere Auge, das ja so deutlich von tränenvollen Nächten, von +gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der, +um welchen diese stillen Tränen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte +sie nur eben die heißen, ausgeweinten Augen zuschließen und sich in das +Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kühl um die vier Bretter und zwei +Brettchen, welche die arme Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie +nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr geliebter Jüngling +näher und näher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich +verwickle,--dort, dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war +ihr ja das ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht daß sie es war, +die er verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin +anzuschließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Mühe und +Tränen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit +Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über +seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte +überwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen, +unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut +heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe, einer +andern angehören könne. + +Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches Herz, +daß er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern deuteten +und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an _jene_ verloren gehen +sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen +Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür +büßen sollte; aber Emil,--ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit +und so scharf sieht, sagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe sei, +daß er sein Herz frei bewahrt, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß sie +seine erste Neigung gewesen sei; und doch--er, der so namenloses Unglück +schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden? +Ach, wie oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm +hätte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe, +wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein +pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der +Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen Kuß der +Liebe ihm entgegengewölbt hatte. Dies _alles_ war ja längst vorüber, war +begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht, +die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm hätte sie +alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für den Grafen +aufgerufen. + +Aber er war noch nicht zurück; darum verschloß sie ihren Schmerz in die +Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein +flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen +Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren +geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten +Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der üppigen, +buhlerischen Dame Potiphar--sie errötete von dem Gedanken und preßte die +Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches +geschah--dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verschrieben. + + * * * * * + + + + +FEINE NASEN. + +So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden +gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe +verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging. +Fräulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die +getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über den Stand der Dinge +belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn sie wieder +neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fräulein Ida +weder mit Tränen, noch Gebet wieder heraushauen könnte. + +Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der traurigen +Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster, blässer, trüber war +als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen, +und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen +Gelächter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzählte, daß er sie durch +seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster +visierte, bitterlich habe weinen sehen. + +Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung +sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre +Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern +lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben, +daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, daß er auf die Liebe so +trefflich eingeschult war, daß er sechs oder acht der zärtlichsten +Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also +die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in +ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf +einmal weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die +Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe +sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! Aber +das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund +sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Äugelein ausgeputzt, daß sie +sieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt." + +Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so +ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen +waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges +Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen +gesagt: "Wie doch das Fräulein so hübsch, so tausenddonnernett aussah am +Altar. _Bassa manelka_, wie müßte sie erst aussehen bei Tag und als +Bräutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht übel einzuleuchten; denn +er hatte zufrieden gelächelt und gesagt: "Nun, was nicht ist, kann noch +werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den +alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und dem gnädigen Fräulein und +sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn +schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind +mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu +vermelden, aus Bohnenstroh; aber, Gott weiß, sie reichte dem schönen +Fräulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie +allerwenigstens ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch +rein in sie verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich +gewesen wäre, ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und +Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich +Euer Exzellenz, meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe." + +So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom +Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die +Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt +hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen. Da hatte es +denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am Rhein, an der +Seine und an der Nordsee immer geheißen: "Der Herr Graf befindet sich noch +im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint zuzunehmen."--"Die Ärzte wußten +wieder nichts."--"Die Ärzte geben ihn auf." + +Hier, in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der +Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn +denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste, +wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde. "Nun, in Gotts +Namen, macht Hochzeit!" + +Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn +sein Herr--der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie damals, +als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; fragte +der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm +denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf stöhnte +so schmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und sagte, dabei: +"Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!" + +Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es +denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig +mache--da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine Große, Dicke, so halb +Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr-- + +Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich; +wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein im Stich ließ--nein, +er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen, aber da soll ihm doch das +siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem Gedanken so grimmig +auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in +dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte ich," rief er in seinem +Selbstgespräch weiter und klopfte immer schrecklicher, "wenn du die dicke +Trutschel nimmst und das schöne Fräulein, die dich aus den Klauen des +schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren läßt, alles siedende +Schwefelpech des Fegefeuers soll dich dann kreuzmillionenmal--" + +"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte +nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer ältlicher Mann, mit +seinen, klugen Gesichtszügen, in einem schlichten Reiseüberrock, dem nur +ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm. +"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden +noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--" + +"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband +freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist +dein Herr?" + +Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehrere Male, führte dann den +fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte dort +noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner großen +Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden +in die Arme sank. + +Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade fällt uns ein, daß +der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset, und es +wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito früher +verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet, es abzulegen. + + * * * * * + + + + +DER HERR INKOGNITO. + +Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; es +war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von +Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung eines +Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht, ihn in diesem +Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt +des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben +ihm Achtung, und als vollends der Präsident, ein Kenner in solchen Dingen, +das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur +Verehrung. Er wußte, daß, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen +Sinn des Wortes war und daß ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte, +die nicht die Laune des Glücks oder Hohe Protektion zu einer glänzenden +erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen Mut und tiefe +Einsicht bewährte. + +Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit der +Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen +der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf +kam entweder gar nicht, oder sehr spät, oder unterhielt er sich mit der +Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr +schal und langweilig vor, daß sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen +sitzen zu können; der Rittmeister, dessen Geschäfte beim hiesigen Regiment +noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen. + + Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte und +dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden; er half ihr +Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete alle jene +kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt +werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüstern, +aber die gleichgültigsten Dinge, etwa: ob sie noch mehr Milch oder noch +mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichste +Liebeserklärung gewagt hätte. + +Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafür, daß er +neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend sicher +sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde. + +Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief +und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen +Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft, +ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine Schande gemacht hätte. +Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen zu behagen; sein ernstes +Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen werden +glänzender--solch ein Mädchen hatte er selten getroffen, und er war doch +auch ein bischen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses +richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so viel Humor und Witz--er war +ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus; er bewunderte die +wunderherrlichen Blumen, die sie machte; man kam von diesen auf die +natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die +so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden gar hübsch ausnehmen +würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter +erwähnt, so sagte sie ihm auch schon, daß die Blume _Calla aethiopica_ +heißen müsse, weiß blühe und auch äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er +bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte; +aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten +Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch +kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon +gesprochen. + +Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte +alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt +oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante Geschichtswerke +gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Großes. +Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat +sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen gelesen hätte. Und als +sie auf ausländische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen +herrlichen Gedichten und seinem unglücklichen Ende sprachen, als der alte +Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist +sich höher als alle andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze +Natur so tief erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging über seine +Begriffe--antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, +als hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen: + + "The tree of knowledge is not that of life." [1] + +Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Mädchen hatte er in +vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte +mit seinem lieben hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die Welt hinein, +das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein +wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte dem +Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er +ihn mit einem so interessanten Geschöpf bekannt gemacht habe. + + [Fußnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum. + + * * * * * + + + + +EMIL AUF DER FOLTER. + +Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch +ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine +Erscheinung wie aus Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der +Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer +Würde, einer Höhe jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie +der Gaben schönste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer +diesen Kranz zerpflückt--" + +"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwürdige Theresienritter; +"dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe, +herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der +Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den +ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!" + +"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was +mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch +nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn +recht vis-à -vis zu haben--" + +"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn +ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur +Schau." + +"Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin--" + +"Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich +nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe +sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich +auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch +die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge +gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich +recht hatte." + +So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig +Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiß alles, und ist alles gut, wenn +nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!" + + * * * * * + + + + +DER RITTMEISTER. + +Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen +hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie +unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der +Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war, +stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte +Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten +versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch +manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide +dienen könne;--sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von +Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond +gebeten. + +Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren +bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines +Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte ihm, wie +gewöhnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer +Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage jetzt vollkommen sei. +Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe +nächstens einer Erklärung von seiner Seite entgegen. Das hatte der +Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen +anderen, vorgetragen; man stieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den +galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man +nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle +darin überein, daß dies sehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den +heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen +daraus. "Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas anderes; einen +Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Gräfchen, das in +der Welt umherreist, um den Damen schön zu tun und sein Geld auf die +langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen." + +Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit von der +Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob +er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne +Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und +der ältere Herr unterhielten sich flüsternd mit einander; um so lauter +waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu +springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzählten +allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich +nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon +abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube +anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein +Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit +recht aus dem Herzen--deine Ida!" + + Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche +aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust aus, als hätte die +Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die Lippen zusammen und sah +den Theresienritter an. + +"Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich wäre +selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine frühern +Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen." + +"Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen," antwortete der großmütige +Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es für ein +junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen +braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünscht; wäre +mir lieber gewesen, als hören zu müssen, daß mir so ein fremder +Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen." + +Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von einem +Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte--es war beinahe nicht zu +ertragen; doch hielt er an sich; denn er wußte, wie schlimm es ist, in +einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel anzufangen. + +"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an. + +"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Täubchen zu gut, +als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn solcher Wichte +ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln +lassen als von ihrem Hähnchen." + +Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war +ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, daß +ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu entfernen, oder +loszubrechen. + + * * * * * + + + + +UNSCHULD UND MUT. + +Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling so +tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden seine +Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen hätte? Die +nächste schickliche Gelegenheit mußte entscheiden. + +"Nun, Brüderchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so +ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit +der kleinen Präsidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten, +Zurückhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und +--rühmte sich heimlich von ihr erhaltener Begünstigungen, die Emils Blut zu +Eis erstarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat +ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes mit ihrem sanften Blick, +mit ihrem keuschen, jungfräulichen Erröten vor das Auge--Nein! nein! rief +es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt +sich der Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer +Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von +wem sprechen Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich +nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem +zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke +einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu +lassen; da kam er aber an den Falschen. + +Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit, +Mut, Zorn--alles sprühte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesen +Augen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen niederschlug. "Was fällt +Ihnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es ist hier niemand, der darnach +zu fragen hätte." + +"Sie haben," fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, "Sie haben dem ganzen +Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt; es hat also +auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, und _ich frage_ +jetzt!" + +"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es +kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein +anderer sich dareinzulegen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer +Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher für den +Herrn da!" + +"Ist unnötig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte +Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte ich +gerne beantwortet haben." + +"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine +Herzensangelegenheiten mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr delikat +finde,--ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin, +gesprochen." + +"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie +vorhin taten?" + +"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und maß den Grafen von +oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen. +"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!" + +"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!" + +"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, anmaßend +zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken behaupten, was +ich sagte." + +"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die +übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört +hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, "nun ja, so, muß ich +nur _Sie_ bedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art unterhalten +lassen von diesem erbärmlichen Lügner." + +"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir +vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue +Bohnen." + +"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf +Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist +spaßig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der +Brust wegging, "das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu +machen habe!" + +Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang der +Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das +Kerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einen +verfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!" + +Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen. +Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant +bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonstwo +einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine, +spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn +so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den übrigen war es +übrigens nicht so ganz wohl zu Mut; das schnelle Ende des Streites hatte +aus allen Köpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich +an die Affäre, und manchen wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen +Übermut herbeigeführt worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen +Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese +Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum +Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer +Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: "Sporeneck, +morgen früh acht Uhr, auf Pistolen." + +Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die +Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und +keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte +Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er +erzählte: + +"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander im +Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr +höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag +ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung +zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, worauf +er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese +hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekundanten +lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm sei, werde ihm sekundieren." +Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß er seinem Rivalen +mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem +Champagner weiter machen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber +nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen, +um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frühstücken. + + * * * * * + + + + +NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS. + +Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden, +eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel +gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig +zurück. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine +bestimmt für das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an diesem +kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine plötzliche Abreise ohne Abschied +durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen. +Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich tief betrübte; die +Gräfin war ja noch hier, sie wußte nichts von seiner Abreise; er konnte +also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem +Torweg herauf zu hören: "Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der +Mondwirtin; o wie gerne wäre sie in diesem Augenblicke die Ehehälfte des +Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen +Lippen zu hören! + +Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den Zügel +von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt kam Mart-- +nein, ein Offizier in fremder glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte +Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo +blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt, +schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. "Eine schöne, +geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische +oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam +ihr so bekannt vor; wie? sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat +und trug auch keinen Orden, und diesem glänzte der Wladimir in Diamanten +auf der Brust--wenn er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er +doch nur den hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein +Gesicht sehen könnte. + +Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und +stieß den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war +Emil von Martiniz. + +Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die +Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die dunkeln Locken +stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die +blendend weiße Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine +Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als +wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er +klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er +ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner +Ulanen und es werde in schmetternden Tönen Marsch, Marsch! geblasen; sie +konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligé--sie öffnete +das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das +Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Äuglein sahen so klar und +freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft +gerötet, das Mäulchen so süß und kußlich, um das feine, liebe Gesichtchen +ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei und dann ein +Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken und Brust +herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen Morpheus +entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten--das ganze +Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum-- + +Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der Glorie +der jungfräulichen Unschuld, mit der Wehmut gekränkter und doch +verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das letzte Mal +hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Träne +blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferde beide Sporen in +den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand; unwillkürlich bog sich +seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: "_Adieu mon +coeur_!" rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war +nichts mehr von ihnen zu sehen. + + "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von +ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf--er warf einen Kuß +herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grä-- konnte diese nicht auch im +Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen--Sie mußte +Gewißheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon +aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und +schliefen. "Also mir, mir,--" lächelte das stillselige Mädchen vor sich +hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo +er gehalten, wo er ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie, +konnte er nicht nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr +seinen Kuß geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mußte, zu +kränken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in +seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er +gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt hatte, +sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog. + +Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie +engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht +gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie vor ihr in +der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön stand. So träumte +sie, das liebliche bräutliche Mädchen; sie ahnte nicht, welchen +gefährlichen Gang der Geliebte ging und daß die Parze so schnell den Faden +ihres Glücks zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte, +für immer ausgeschlagen haben würde, daß die kühnen, liebesprühenden Augen +schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schließen könnten, aus welchem +auch die süßeste Stimme, das zärtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt. + + * * * * * + + + + +DAS DUELL + +Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie +jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang, +und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust +erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe +sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und +flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen +Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der +Eifersucht über ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und +Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist +schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als +Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen +kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein +müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick +hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er +Ladenstein das Billett, und dieser las: + +"Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise +abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem +Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du +eine Busenschleife? Willst Du ein Schnürband von meinem Korsettchen?" + +"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen, +"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich +um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher +gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von +seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!" + +"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt +hiebei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst." + +Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne es +ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete +ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt +und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben +könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor +Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich +vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum +Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: +"Sie ist dennoch schuldig," entlockt. + +Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: "Urteile +nicht zu frühe! Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit +dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine +Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem +Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer +Dame; so lange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend +zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mädchen, so hold +und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von +ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst--und du +wirst freudiger streiten." + +Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz +gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des +Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Roß +zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an. + +Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und +hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen +angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit; denn +sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische +Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den +strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen +sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile +Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener +zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten +des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im +Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches, +das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten. + +"Alle Teufel, wer hätte das gedacht?" flüsterte Sporeneck. "Hätte ich das +gewußt--weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister +für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er +Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen." + +"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie +der behängt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen und noch +obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiß Gott, den +Kommandeur der Ehrenlegion! Das muß ein fixer Kerl sein." + +Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz +gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus. +"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefällig ist!" + +Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Äußerung des +Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre, +er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher +noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen +zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man maß die Schritte ab, +man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen--fertig! + +Sporeneck hatte den ersten Schuß. "Nun, wenn es denn einmal sein muß," +sagte er, drückte ab und--den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf; mitten +durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer +sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als +stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab; +zweimal setzte er an, zweimal ließ er das Pistol wieder sinken. Da rief der +Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in +demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel. + +Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der +Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig +Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der +Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter +zur Stadt zurück. + + * * * * * + + + + +FINGERZEIG DES SCHICKSALS. + +Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die +Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der +Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die +Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel +merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich +geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe. +Von dem Duell war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden. +Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest, +daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme; die übrigen hatten sich das +Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten. + +Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte +heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er +sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin +Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags +hinüber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem +blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr +langweilte, hätte konversieren mögen. + +Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein +umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die +Kugel herausgenommen, die Ärzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil +verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm +zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen. +Sie gingen mit. + +In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die +beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen +Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit +Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich +und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden +geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er +erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über +sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer +Stunde selbst noch gewünscht habe. + +Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht +entstellt, nur daß sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß +zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke +erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig +seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?" rief er. "Was +schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?" + +Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der +Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte +doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es +scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber +nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von +forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte. +Der Kranke aber fuhr fort: "Laß dich nicht von diesem da forttreiben, +lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem +Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die +Schlüssel geben und schließ auf! Dort findest du ein Strumpfband mit +goldenem Schloß--" er hielt inne, als ob er nachsänne; der Graf aber trat +in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er +sprechen würde,--"und richtig, _Honny soit qui mal y pense_ ist drauf +gestickt: Das bringst Du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken +Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich +könne heute nicht selbst kommen. Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei +es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um +das Gräfchen eifersüchtig--ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein--sage +ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker, +sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle, +so habe sie es mit mir zu tun." + +Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte. +Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht +gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister +geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes +gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der +alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert, +daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten +Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz +entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie +geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion, +ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der größten Freundlichkeit +"Herr Kamerad" titulierte. + +Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem +Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter +der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnehme, die Proposition, ob +er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt vom Haus sei, ein +kleines Anlehen von ihm annehmen wolle. + +"Lieber Gott," sagte er, "ich weiß, wie es in der Garnison ist, habe auch +lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man +immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem +andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege, +Herr Kamerad--ich denke, wir könnten darüber einig sein." + +Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den +Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein +solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die +Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich +an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele +zuwider; lieber hätte er sein Pferd verkauft--da kam ihm nun das Anerbieten +des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll +angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre +er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle +Höllengeister am Kollet gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer +gegangen. + + * * * * * + + + + +LICHT IN DER FINSTERNIS. + +"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu Martiniz, +als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der schönen +Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" antwortete Emil +nachdenklich--"daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis +steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten +Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?" + +"Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen," sagte jener und zog einen Pack +Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche +der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um +womöglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer +eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge; der alte +Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang +dieser auf und rief: "Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit +mir ein solches Spiel spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen? +Wie reimen Sie dies alles zusammen?" + +Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf +seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig +Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte und +darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die +Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in +diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben, zu +angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie +es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen +kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag, +dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir +denken. Daher kam sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber +auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein +als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus +dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem +keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch +gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du dich, +daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts +anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen; so und nicht +anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?" + +Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein +Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. "O Ida, wie tief +habe ich dich beleidigt!" flüsterte er. "Was war ich für ein Tor, wie war +ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam +und konnte das gute, sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so +lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!" + +Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein +Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem +ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann man +alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich ist +nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden. +Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen!" Und nun +setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit +seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfte er nicht stehen bleiben; +er zeigte ihm, wie viel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst +mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle +mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie +entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn +zu zerstreuen und zu erheitern. "Wahrlich," schloß er, "diesem Mädchen bist +du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister +abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so +sehr sich auch," setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, "so sehr sich auch +dein Herz dagegen sträuben mag!" + +Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal +größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein "Amen, gehe hin und tue +also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen +waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln +Auge sprühten; ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht +war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten +und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. "O, wie +Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich +mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlichen +Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito +des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert, +die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die +Arme und ging dann an die Türe: "Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und +teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als +möglich!" + +Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein +Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichsten Xeres +loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muß ich ja gra--tulieren!" "Nun wie, +alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht zu freuen? +Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?" + +"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schön, die Frau Gräfin--" + +"Wer spricht denn von der Gräfin?" sagte sein Herr, "Fräulein Ida meinen +wir!" + +"Was?" rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig; denn jetzt +hatte er wirklich süßen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? Also hat Gott +Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden? +Hurra, das ist einmal schön!" + +Man mußte seinem Jubel Einhalt tun; er wäre sonst spornstreichs durch die +Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das +helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; er +küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer +schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte; hatte +sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten, +winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kinde gemacht. + + * * * * * + + + + +REUE UND LIEBE. + +"Und nun noch eine Bitte," sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und +Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her so +wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,--lassen +Sie es mich heute noch gut machen!" + +Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle +seine Ungeduld bis morgen zügeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann +ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch +eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was +ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil +ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche +Versöhnung nicht gut. Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber! +Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. +Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich +mich ja nicht zu genieren." + +"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes +Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und +hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk +geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber +das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den +Familienehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst! darfst dich +weiß Gott, vor König und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat +auf, wenn du dein Mädchen zum ersten Male ans Herz drückst!" + +"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen +Säbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das +unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Gräfin kam dazwischen, als +ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte." + +"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte +Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und +wenn eine Kartätschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es +wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts +Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß." + +Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das +Reglement des alten Herrn zu halten. + +In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von +Ladenstein hinüber kam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und +schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur +Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd +gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen +habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber +dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock +angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer +zuletzt lacht, lacht am besten!" + +Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu +zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß +er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie, +weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie +entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen +falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie; +"aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir +kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wänden, +die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht, +bis ich hier heraufzog." + +"So, das hat die Gräfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer +aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad notam_, +um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und +breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke, +daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und +ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er +konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten +Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, "wunderschön und +genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der +Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler +ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, +ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts +übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem +Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage +selten mehr findet und die man gerade an den größten Kunstwerken alter +Meister so hoch schätzen muß. + +Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ, +heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner, +als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er +stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren +alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt +überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie +flehte--es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es +hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte +Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei Gott, bis zum +Sprechen ähnlich--Emil; der tiefe, wehmütige Ernst, der sonst in seinen +Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn +man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den +feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den +einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als +malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige, +ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich +ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im +Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der +einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der +Ähnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die +Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in +der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus, +so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben +der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war. + +Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt; aber er +kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die +Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die +Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab; auch sie +war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn +erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der +nachher, aufgelöst von Dankbarkeit, nur ihr gehört hatte, daß dieser auf +die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?--Sie stand, das +holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl +sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab. + +Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer. +Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln +verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da, +den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder +gut machen."-- + +Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das +Köpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein +Ende." Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir +diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und +muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--" + +Das Mädchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen +Wehmut und Unmut kämpfend, "ich hätte nicht geglaubt, daß Sie--" + +"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände +geben." Damit schritt er zur Türe und riß sie auf. + + * * * * * + + + + +VERSÖHNTE LIEBE. + +Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und +traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie +der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf +den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der +Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und +ehe sie sich es recht versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah +sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um; +doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute +unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum +recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf +ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuß, das ist ein Kuß!" + +Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin +so eifersüchtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache +ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour +gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn +nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer +verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund +und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle; +und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen +zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen +langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie +ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er +morgen zum Papa gehe und um sie anhalte. + +"Aber Kinder, es wird spät," sprach endlich schon zum drittenmal der alte +Herr und tippte Ida auf das Ärmchen, das den reuevollen Geliebten +umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt +aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen +hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, es wird +spät, und die Bilder könnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen +hinunter zur Gesellschaft." + +"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war, +herabzusteigen in einen nüchternen irdischen Tee." + +Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht +bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüber zu spedieren, +und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch +nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuß mußte er gestatten. Er würde in +zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und +jetzt endlich trennte man sich. + +Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf +und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und +drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr +recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei, +daß er sie gek-- Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das +Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten, +daß es so wundersüß schmeckte. + +Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur +Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals +fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht, da mußte +man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und +probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter; aber sie mochte es +machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Köpfchen mit einem +spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich +selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles +mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht +von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen +Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete. + +Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen +und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam. + +Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre +Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen +lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht," setzte sie +preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die +verberstet vor Neid," während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem +lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen früh mich +zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht angenommen, +und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht +mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren." + +"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lächelte Fräulein von Sorben +mit einem schadenfrohen Blick auf Ida. + +"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte +sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde. + + * * * * * + + + + +DIE FREIWERBER + +Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem +Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte +Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam +noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl; denn der Graf +hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler +Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so +ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der +bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber +auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der +Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten. +Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem +lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet +entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist +zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu +seinem Frauchen machen will. + +Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sie sehr +anständig finden würde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den +Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten +Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere +bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie hatte vom Hofrat +gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann, +von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung +geben?-- + +Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph +darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von +ihr abzureißen, überwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe +ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was +sie für ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankündige. + +Endlich--ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er +heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte, +als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ....schen Gesandten +gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener +Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab, +auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das muß +doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und +machte große Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus." + +Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe; gewiß wollte Emil noch +einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen. +Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute +nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof- +Gala-Knix, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und +wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr +gerade ins Gesicht: "Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida +nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das +hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so +einschüchtern ließe!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht +aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson +empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzählte, +daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie +hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.-- + +Das Mädchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen +Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es +ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zu Mut.-- + +Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und +Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz +angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einiges +Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen. + +Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es +denn doch fehlen könne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so +bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte; aber +der Onkel--"--"Nun, was für ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein +aufmerksam und neugierig. + +"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar +böser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die +Länge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen +Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab; denn er +soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr +viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins +Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfährt," setzte sie traurig hinzu, +"wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn er +_nein_ sagt--" + +"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der +alte Herr voll wunderbarer Rührung. + +"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn +man nur den erweichen könnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter +Tränen lächelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar +eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu +ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche, +die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich für den +alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem +Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen, +und Sie kennen den alten Herrn gewiß--so zeigen Sie ihm die Gruppe da, +sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen +Wahn befreite; wollen Sie?" + +Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen +rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er +nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen. +Endlich faßte er sich doch wieder; er wischte die Tränen hinweg, er war +freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder. + +"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lächelnd, "ich kenne +ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, daß ich sein innigster--bester +Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit +Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er +es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstück sein." + + * * * * * + + + + +FORTSETZUNG DER FREIER. + +Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein zum +Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil sagte +seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine; nur habe er +bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil könne diese +Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar gehe es den Hof nicht im +mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr +Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand; aber sie +scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde +gewesen, ihn in seinem Glück zu stören. Er saß so selig neben dem +bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und Glück, daß er nichts +anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie. + +Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mädchen. +Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige +Frührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lächeln, +das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald +Wonne und Freude verriet. + +"Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen," rief der glückliche +Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut +hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und +barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm +Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen, +das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich +gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie aus Wachs geformt, +niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er faßte das +Engelsköpfchen an dem sanften Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu +blickten ihn diese Augen an, wie würzig wölbten sich die Purpurlippen ihm +entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er preßte sie an sich +und sog in langen, langen Küssen das süßeste Leben in sich ein. + +Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut +gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle +Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen, +bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als +sollte sie, aufgelöst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen und +hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schämen und schalt sich +wieder aus über die Torheit; denn es war ja ihr Bräutig--; nein, das fiel +ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm +seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte sich doch nicht so +recht; sie wand sich verschämt aus seinen Armen und wollte eben sagen, daß +er doch ein wenig einhalten-- + +Da ging die Türe auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden +Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," rief +er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie +weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und küßte +ihn und war ein so munteres, wöhliges Kind, als habe er ihr eine hübsche +Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt. + +Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn voll +Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen. + +Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine +Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, daß er sich +schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus kein +Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre." + +Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den +guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr Zeugen +ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit; der +Graf wollte lieber heut als morgen und hätte gerne sein liebes Bräutchen +nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster geführt. Aber dagegen +sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft +sagte--"Nein, wenn es einmal sein muß, so muß es auch recht sein. Im +Hausüberröckchen traut man kein reputierliches Fräulein." Der Präsident +stimmte bei; er sagte: "Sie haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt +hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!" + +Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr ist +viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten, +da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie man es nur +wünschen kann. Da ist--" er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm +mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein gerichtlich +ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft Groß-Lanzau, drei +Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz, +wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe übermacht, +kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefällig ist." + +Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals. +"Mein teurer väterlicher--" + +"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm +die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur +den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!"-- +"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "daß ich ihm danken kann +für seine unendliche Güte?" + +"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine +Träne der Rührung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude an +seinem holden Töchterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem +Namen küssen." Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die schöne +Stirne. + +Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er las, +desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er +die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das ist zu viel; +bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau mit dem schönen, +neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert, mit Stallung und +Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott, +seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern wert, nein, bedenkt auch +noch--" + +"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen +von dem Zeug! Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern. +Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein +kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir +gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen gewesen sei, und deswegen +hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentümlich zum +Brautgeschenk übermacht." + +Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. "Doch +nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete +Ladenstein und überreichte ihr die Schenkungsakte. + +Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umher +wie närrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, herziges +Blauenstein!" daß die drei unwillkürlich über die possierliche Freude des +Mädchens lachen mußten. + +Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses +Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs elegant +eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schönen +Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des Schlößchens, gegen den +schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische Aussicht hinüber in Täler und +Berge--und dieses lauschige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem +fröhlichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil-- +gewiß, ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht! + + Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden, +und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden Mädchens auf die +nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Präsident große +Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam +präsentieren. + + * * * * * + + + + +DIE SOIREE. + +"Was aber der Präsident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als jetzt +die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten +dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf +alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal Minister zu +werden. + +Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch mehr +von diesem "Dicketun" überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstres, die +gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze Galerie der +geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so +durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung für +Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wände waren mit Festons +von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die sich in den deckenhohen +Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Girlanden vervielfältigten. +Ein ganzer Hausrat der prächtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher, +Platten, Schüsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in +tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und +Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über +diese Pracht. + +Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger +daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man +wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige +Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man +nicht recht vernehmen, was er in petto habe, Er empfing seine Gäste höchst +freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern +teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin--nun, die kam endlich, sah +aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre; denn sie war wie +gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet. + +Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am +nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine +Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des +Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der +Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr +über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen +würde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll," hatte Schulderoff +geäußert, "so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat und, +das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die +blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und +fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte +er doch recht; denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir +selbst das Herz im Leibe hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand +her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel +modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer +ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von +der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, der nicht +von ihren Reizen hingerissen wird." + +So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die +Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert. + +Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem +festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte +den größten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch +vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja, +Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Gräfin suchte vergebens mit ihren +rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte +einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten +sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt--der Graf, der sich doch +sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu +ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß +er heute im Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der +Rittmeister--der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf +ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig; denn ihre Neigungen waren sehr +flüchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und +sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe +Liebe war,--aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der _Cavaliere +servente_ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit +einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die +übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie +hinterlassen können--aber sie wollte es ihm entgelten. + +Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die +fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene +begeben habe. + + * * * * * + + + + +DIE BRAUT. + +Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich +noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich--der +Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die Türe +auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den Saal--herein +trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung, mit +Sternen und Orden besät--wir kennen ihn schon--, an seinem Arm ein holder; +verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig und doch voll wunderbarer +Majestät--Ida. + +Aber wie _das_ Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte noch +nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein +Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren +hoch und teuer, mit den fürchterlichsten Flüchen, er sei unschätzbar und +nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär-- +die Gräfin hätte heulen mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz +lassen müssen--er war in Kost und Logis bei Salomon Moses Söhnen und doch +hätte er gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkensprühende Kraft _dieses_ +Steins verbleichen müssen! + +Hatten die Gäste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt, +so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen; +denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er einen Jüngling, +hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform, den Diamantorden auf +der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen +übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein +Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschätzt wurde; +der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling trat näher, es war Emil. + +Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich--der Präsident empfing aus +Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Pärchen in den Kreis--die +Gräfin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoß wütende Blicke auf die +drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida, +das Engelskind, und errötete über und über; der Graf aber schaute fröhlich, +stolz mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Präsident +verbeugte sich und begann: "Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein +glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich +heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe +Stille; man hätte eine Mücke können trappen hören--unwillkürlich flogen die +Blicke der erstaunten Gäste nach der Gräfin; denn _sie_, _sie_ mußte ja +nach ihren Kalkülen die Braut sein; dann öffneten sich die Schleusen der +Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen +Lobpreisungen brach über die Dame herein; man hörte sein eigenes Wort +nicht, so gingen wie in einer Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler +und Mäulchen. + +Endlich fand auch die Gräfin Worte; sie hatte, das übersah sie mit _einem_ +Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet +zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch eine +tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie +eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr Glück zu ihrer +Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu und wollte +freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen sprühte +und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiß ich nicht, ob ihr ganz klug +getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß, aus keinem alten Haus, und +Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr Oheim; der Minister, darüber +denkt; wenigstens so viel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese +Verbindung nun und nimmermehr zugeben." + +Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, daß nur +böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse; das Wasser schoß ihr +in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein +und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe höhnisch, +der Gräfin zu; Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: "Wissen Sie das so +gewiß, gnädige Frau?" Diese Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Röte +flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tückischer. "Ja, ja, das +weiß ich gewiß," rief sie, "ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat +von Sorben, hat mir über diese Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich +weiß, daß er diese Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!" + +"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme +hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der +sie mit einem höhnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen Blick +nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem Lächeln, hinter das sie ihre +Wut verbarg, von oben bis unten. "Das müßte doch sehr schnell gegangen +sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, "noch vor fünf Tagen +lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders; der Herr von Sorben sagt +mir--" + +"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig. + +"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem Mann +wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdrücken zu sprechen; wie können +_Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--" + +"Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin," sagte der alte Herr und beugte sich +tief, "ich heiße--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von Ladenstein- +Martiniz." + +Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des +Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach +Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie zu einer +Säule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem hatte, auch +Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend als möglich +wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wünsche ich doppelt Glück, daß +ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher gefallen, seine Maske +abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick gestört +haben." + +Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in ihrem +wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen Ida. +Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer +Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der +ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr +Onkel schuld, Fräulein Sorben," rief die Wütende, "warum hat er uns mit +falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nicht gesagt, daß der alte +Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich möchte--" Der +orangefarbene Teint von Fräulein Sorben war ins Erdfahle übergegangen; sie +hatte die stille Wut und machte sich hie und da nur durch ein +unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Tränenwasser in den Augen +stand. + +"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein +Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen, und das +Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie mitnehmen und +dort meinetwegen für Geld sehen lassen!" + +"Ach, das ist ja gerade das Unglück," seufzte Frau von Schulderoff, "daß +wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte +Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk, erfahre ich +soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche, nette Blauenstein +gekauft!" + +"Gekauft?" preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz verbissen +hatte, heraus, "gek--" + +"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen +geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!" + +"Das fehlte noch!" knirschte die Gräfin und rauschte weiter. + + * * * * * + + + + +PRÄLIMINARIEN. + +Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim. +Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten Herrn +vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch +gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben +würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig ausnähme. Und jetzt-- +nein, sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche, +gütige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge +Exzellenz den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so +freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden +sie das nette, lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte. Sie lachte und +tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen +gewachsen war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste +Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in +_einer_ Person. + +Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst +war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und +schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als er in den Salon trat, +daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder präsentierte; er hätte mögen +aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens. +"Das ist _mein_ Werk," lächelte er vor sich hin, "ganz allein mein Werk; es +konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefädelt war." Aber wie riß +er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen +Martiniz, welche auch hier seien, hörte. "Nun, da muß es was Tüchtiges +gesetzt haben," dachte er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst." + +Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem +alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und +Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft schmerzlich +vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm alles so bald +als möglich zu erzählen. + +"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz +seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog; +"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu sorgen. +Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf +verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren Jahren einmal +Oberhofmeister; das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir +zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande +noch nicht sah." + +Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine +Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann +ich für meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reißen jetzt so ein, +daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie +eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und jeden; aber der +Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den gewöhnlichen Zimmern, +wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggeräumt ist, +tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das +neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht +mehr hat."--Also in der Kirche; nachher sollten die Gäste hinausfahren nach +Blauenstein. + +Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue +Besitzung des lieben Pärchens sei und daß Groß-Lanzau auch noch dazu +gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar +Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort mußte das Schloß +festlich geschmückt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben +kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte der kleine, +sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein, daß sie noch +Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort, "muß das Brautpaar +eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als _garde de dame_ auch mit, +bestellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem +Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns +an dem Glück, das wir, ich und Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben." + +Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der Rührung +im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte sich +bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und wann soll die Hoch--" + +"Über acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der +Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche +versammelte Gäste dazu ein. + + * * * * * + + + + +ZURÜSTUNGEN. + +Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen Tagen +gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen, +Näherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer, +Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer +sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und alle taten, +als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge. + +Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem +ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man den +Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und +bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß +er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe +die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen aufschneiderischen +Angedenkens; da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her in +alle Ecken und Enden der Stadt; ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich +gesehen haben. + +Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst tot +war! Nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen, müde +geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein Schlaf über +ihn. + +Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf +den Nachttisch setzen, in einem großen Korbe standen vor ihm Bücher, ein +ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: "Wahrhafte und akkurate +Beschreibung des solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV." Ferner: "Der +allzeitfertige _Maitre de plaisir_, für Hofleute, vornehme Festlichkeiten +und anderen Kurzweil." "Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuse, +Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schönsten zu arrangieren." Sogar das +Festbüchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen; +denn er dachte nicht anders, als es müssen darin allerhand neue und nie +gesehene Festivitäten erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert +haben, als dem nicht also war. + +Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten +Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszüge; +er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit; denn das sah er ein, +wenn man alle die schönen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausführen +wollte, so mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er +nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem +ewigen Zappel; ja, es war ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da +bei Ida, bis zum Tode ermüdet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf +sie heftete, als wollte er sagen: "Sieh, für dich opfere ich mein Leben +auf." + +Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen +gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr es selbst noch seid, +gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein solches süßes Engelskind kennt +mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lächeln +des kußlichen Mundes, der sich umsonst bemüht, sich in ehrbare +Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen, namenlosen Sehnsucht in dem +feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen +Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz +angehören soll, verstohlen die Hand drückt, ihm die Wange streichelt, wenn +sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hüfte schlingt wie um eine +Säule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des +Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die +seidenen Wimpern aufschlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit, +voll Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden +Busens sich höher und höher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich +ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrängt--kennet ihr ein solches +Mädchen, so wißt ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr ein solches +Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über +die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures +Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter--wißt ihr eine solche +frische Hebeblüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch so +warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte wie Ida, o, so +bekehret euch, solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im +Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure Brust legt, aus milden +Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die Falten +von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat gegeben zu +haben. + +Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht +bildschönen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er den +Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü-- + +Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen +gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Bräutigam aus. + +So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß der +herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man sich's +versah, sagte sie adieu, ließ packen und---weg war sie. + + * * * * * + + + + +HOCHZEIT. + +Und endlich war der schöne Tag gekommen. + +Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und +der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der +Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem +Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und +von Minute zu Minute wuchs der Andrang. + +Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein Mensch, +das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem +Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel +darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: "Sehet, +der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte +allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hieher in die +Münsterkirche trieb; da herein konnte er aber nicht; und ich, der Küster +von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war +auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat +von dem Übel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler +einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt, +daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen +Altar kommen würden?" + +So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte +ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie +zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut, +daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine +Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal +bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen +und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt; aber diesmal +hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt. + +Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz, +jetzt--ja, sie mußten es sein,--der große Glaswagen des Präsidenten fuhr +vor; darin saßen der Präsident und Emil. "Ach, der schöne Offizier!" +schrien die Freilinger und machten lange Hälse. "Wie prächtig, wie +wunderhübsch!" flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder +lauter pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen. + +Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloß sich um den herrlichen, +schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre; +das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht gerötet und +verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes, +glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort +Bückling über Bückling machte; gerührt und freundlich reichte er ihm die +Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal. + +Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender, +geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen +und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl, +der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang ab, +riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt sich kein +Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge erwartungsvoll auf die +geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der +Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesichte, +stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar +glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich, +etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen weißseidenen +Schuhe--jetzt--ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar +überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund--hübsch stand das Bräutchen +zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug +schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war +ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit +der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der +Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Gürtel, welcher +den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend +Taler wert, und die Bracelets mit den großen Steinen und das Diadem, um das +sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine +verstand, dem mußte hier der Mund wässern; aber war nicht alles dies im +Grund unbedeutende Fasson, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind +selbst, einzufassen? + +Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß +nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken, +daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie +der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und +ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altar näherte. +Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit +Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr +Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen +Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte. + +Mühsam rang sie nach Fassung, die Freude, daß sich alles so schön gefügt +hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die +Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser Stätte, und +ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der +würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer +kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach, +der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da +strömten ihre Tränen über. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist +erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte: _der Zug des Herzens +ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Tränen flossen; denn +auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen +hatten, gingen über. + +Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre +Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick, +mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem +schönen, lichten Ziele führte. + + * * * * * + + + + +DER SCHMAUS. + +Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze +Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die +neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu +leiten. Sechs Böller riefen ihnen Freudengrüße entgegen, als sie in die +Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlagähnliches Wirbeln von +Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schönen Schlosses, und als +alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon +herausführte, um die herrliche Gegend zu übersehen, da gab der Hofrat das +Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft. + +Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein zu +nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister, +dem alten Martiniz. Das Schloß--es war zwar niedlich, geschmackvoll, bequem +gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und Felder, wie man sie selten +sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten +waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer ausgeschüttet gewesen, +kurz, man hatte gesehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und +mancher Käufer hätte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der +Restauration fertig werden zu können. Und jetzt, die behaglichste Eleganz, +die man sich denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuß +hätte sich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut +gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten +Federchen darin sehen können. Diese breitarmigen Lüstres, diese +Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten; Etageren, +diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen, +Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen +kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem +Feenpalast umher, und die Mädchen und die Frauen--Ida wandelte zwar wie +eine Königin in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin +gelebt; aber man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und +Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen. + +Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine +Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen Paares hatte +er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging, und zwar alles +auf dem höchsten Fuß; denn wenn einer der Gäste nur vom silbernen Teller +ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der +Teller gewechselt, und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in +der Küche hatte er gewaltet; und es hätte wenig gefehlt, so hätte er aus +lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout +oder Hachee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar +mit einer Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. +Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig +reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu +dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht! + +Da war: + +Schildkrötensuppe. +Coulissuppe von Fasanen mit Reis. + +_Hors d'oeuvres_. + +Pastetchen von Brießlein mit Salpicon. +Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_. +_Du boeuf au naturel_. +Englischer Braten mit _Sauce espagnole_. + + _Gemüse_. + +Spargeln mit _Sauce au beurre_. +Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein. + +_Entrées_. + +Junge Hühner mit _Sauce aux fines herbes_. +Financière mit Klößen. +Schinken _à la broche au vin de Malaga_. +Feldhühnersalmy. +Kalbskopf _à la tortue_. +_Fricandeau à la Provençale_. + +_Braten_. + +Kalbsschlegel. +Rehbraten. +Feldhühnerbraten. +Kapaunenbraten. +_Dindon à la Perigord_. + +_Salat vielerlei_. + +_Süße Speisen_. + +Sulz von Malaga. +Crême von Erdbeeren. +_Compote mêlée_. +_Crême panachée mêlée_. +Punschtorte mit Früchten. +_Tartelettes d'abricots_. +_Tourte de chocolat montée_. +Gußtorte. + +_Dessert_. + +Punsch _à la glace_. +_Crême de Vanille_. + + * * * * * + + + + +SCHLUSS. + +Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte, unbemerkt von den +bechampagnerten Gästen, die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitstaat +ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes +Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig +in die Welt hinausgefahren werden; so wollte es der alte Graf. + +Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so +wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Überröckchen schloß +so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben +dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die +Äuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes, +kleine, kleine Schelmchen saßen in ben Grübchen der Wangen und schienen +allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung; +das Mäulchen so spitzig wie zum Küssen zeigte immer wieder die Perlen, die +hinter dem Purpur verborgen waren. + +Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, Minette, +und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre +wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. "Diese herrliche, +jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des +Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weißen Arme!" +flüsterte Philette. "Diese Füßchen," dachte Trinette weiter, "diese Wäd--" + +"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, doch +nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun, +als hätte sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von der Stirne bis +herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße +Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere +kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte +sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den +Speisesaal. + +Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin +einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat; +kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der +Ehe reiste. + +"Warum bist du nur so über und über rot?" fragte Emil sein holdes Weibchen, +indem er sie näher an seine Seite zog. "Hat dir jemand etwas getan?" + +Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," flüsterte sie endlich und +errötete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt." + +"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es +wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden; aber +das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es ging nicht; +er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte +versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins +Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das +deinige auch dazu packen soll." Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen +in die Arme; er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch +der aufbrechenden Gäste. + +Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein +Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort +beschloß er, ihr zu antworten. + +Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen; +sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein +tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die +Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil +und seine glückliche Ida. + + * * * * * + + + + +NACHSCHRIFT. + +Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und +getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen sie +sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die +Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte +ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost +und nach West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den +wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen +Weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl +tut da das freundliche, jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schönen +Lippen herab dem Freunde entgegentönt! + +Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige Doralice +und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da +war Graf Law und seine Clementine, da war meine süße Mimili, da war Herr +von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst +Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel, +hatte sich aus Venedig eingefunden und Emilie Mellinger mitgebracht; da war +auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da +war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes +und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klotilde +und ihr Sekretär.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball +von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende nehmen. + +Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen Gespräch kam. +Freilich trübte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns +im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert +mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem +wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen geweiht, kehrte die holde Freude +wieder bei uns ein. + +Wir tollten, lachten und schäkerten, der Weiße Hirsch faßte kaum so viel +Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit _einem_ Bettchen behelfen. + +So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem +Weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir saßen gerade beim Kaffee--da +fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und schlugen den +fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen und Trinken +konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne unsere Bewilligung +kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter +uns haben. In einem prächtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, saß +ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Köpfe in die Höhe-- + +"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally: +"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie +heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern ältlichen Herren, +welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in +die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt +und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen, +um welche die übrigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. "Sehen +Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern mein liebes Frauchen." + +Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg +kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur +Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich +an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu +einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte; und wie herrlich +hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war durch die Liebe +dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt. + +Auch in den drei andern Gästen--der Leser wird unschwer den alten Martiniz, +den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte ich wackere, +liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als +hätten wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paßten +sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzählte uns +seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufällig er nach Freilingen, +wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso +zufällig der alte Oheim auf einer Geschäftsreise diese Gegenden berührt, +dem Neffen eine Überraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_ +mitwirkte und die Ränke der bösen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir +mußten diese Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt: + +_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_ + +Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir +alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter. + +Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu +erzählen. + +Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet, +sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie +sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch den Zug +des Herzens ganz die Meinigen geworden. + +H. Clauren. + + + + * * * * * * * * * * * + + + +KONTROVERS-PREDIGT + +über + +H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND + +gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827 + +von + +WILHELM HAUFF + + + + +Text: Ev. Matth. VIII, 31-32 + + + +Allen Verehrern + +der + +CLAURENSCHEN MUSE + +widmet diese Blätter + +in bekannter Hochachtung + + DER VERFASSER + + + + +EHRWÜRDIGE VERSAMMLUNG, ANDÄCHTIGE ZUHÖRER! + +Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte, +verschmäheten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der +Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar +mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände +nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu +sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun; +nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man +trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über +allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil +ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben. + +Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel über das +Theater gepredigt oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen +unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das +Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das +Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden. + +Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde +darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten +unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer +solchen Aufdeckung von Irrtümern und böslichen Gewohnheiten bis ins +einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge +fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt, +so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit +einander eine Betrachtung anstellen über: + +DEN MANN IM MOND + +von + +H. Clauren; + +und zwar betrachten wir: + +I. +Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser +Welt? + +II. +Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt? + + + + +I. + +_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor +einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer +Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit +jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat, +die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer +Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen, +die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto +weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche +Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums +schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und +sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich +höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese +Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu +hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack +zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und +Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler +geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und +Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er +ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke +anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben +ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn +ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen. + +Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und +schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten +würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er +nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei +dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache +anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse +Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen +Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber +gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr +Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt, +ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das +Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen +Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja +nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern" +und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies +sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die +Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht. + +Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor +allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen +Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich +weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den +Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er +bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr +Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich +weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres +von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne +Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und +das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr +ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite +geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch +einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten; +ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber +nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen +Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_ + +Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte, +Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von +Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige +Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter +Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn +Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für +sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen +wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe +nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch +losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus +eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen +seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener +erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann, +--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war +euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es +über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man +euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr +konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm. + +Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine +Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu +erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in +diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes +Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten +Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem +die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die +Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark +anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen +als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen, +wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne +schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie +darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen +Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele +unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme +Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume +hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die +euch entzückte! + +Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau +zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes +um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal +dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als +die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß +wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben +Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele +anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu +was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder +Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser, +viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für +welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch +einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh; +das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit +schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg +mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des +Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper +genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des +Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und +so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt +ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen +Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges +könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, +die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht, +in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und +dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger +Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens +etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist +nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich +abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst +einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, +der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur +kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr +eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich. + +Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das +_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein +Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem +süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer +und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich +habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in +ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach. +Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig +geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe +an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die +Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so +denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade +so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von +welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr +keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie +den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein +Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, +je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto, +rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost +_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg +ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den +Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten +Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet +nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene +Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit +einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende +Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es. + +Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das +_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die +Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die +Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch +einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst +du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die +er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die +eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten +die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und +wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich, +daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre. +Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine. + +Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein +Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß +sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um +sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß +jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen, +daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche +Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges +Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die +körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem +Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen +Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus +Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung +schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur +eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen +Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern +spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige +Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des +Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen, +wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief +erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn +schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern +geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen +Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere +als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist! + +Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der +Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr +Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit +dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur +Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine +Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier +Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili +fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt +gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht +grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht +haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine +zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so +unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades +Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von +tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte, +Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame +des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die +nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally, +Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe +sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem +geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_. + +Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das +Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit +schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_" +Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt +und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben. +Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher +Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns +in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch +hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete +Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu +Gevatter stehen mußte. + +Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die +er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es +Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer +lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die +glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die +von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber +nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen +Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen +beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen +Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide +sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern +oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von +Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz +puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und +das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen +Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee +gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses +Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O +sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen, +ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb +zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer +Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im +Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr +leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das +ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches, +Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns +beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren! + +Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er +alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im +Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei +Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe +Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis +zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den +Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt +sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll +Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst +darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball +"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand, +treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines +Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines +Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche +Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können! + +Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen +ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das +Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht +sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an +Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der +Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die +Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen +Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs +Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die +Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet, +daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß. +Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten +gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein +solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie +von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers +oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er +ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten +Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht. + +Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von +herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und +dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte. + +Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten +für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten, +die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln. + +Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen +beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier +dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche +Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz +recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein +Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt. +Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der +aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt +den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber +und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend. +Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich, +und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem +Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs +hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt, +errötend nahte, hat er die Türe verschlossen. + +Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große +Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten +Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie? +Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich +mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte, +erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die +sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den +Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand! + +Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast +der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine +reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder, +reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an +sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge +dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und +siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und +rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva +licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte +sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines +Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt? + +Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken, +die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages +auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit +vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen +kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann +nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame +gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit +_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte, +das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum +mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem +belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_ +verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin! +Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur +selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur, +er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!! + +Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen, +wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen. +Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter +Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte, +verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für +ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen +läßt! + +In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer +gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald +wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette +gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst, +zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und +möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein +Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch +alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die +Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für +Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten +für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und +alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind, +um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen! + +Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen +kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins! +Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht +verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist +diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer +so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur +gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht +besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer +wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust, +fünfhundert Stück zum ersten Anfang? + +Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem +Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr +haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese +Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet +euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache +Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann +man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund, +wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit +zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in +den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?" + +"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort. + +"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen +Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben." + +"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger, +sondern der Berliner, H. Clauren--" + +"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?" + +"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das +Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich +gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause +weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in +diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre +von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und +ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt, +Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem +Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne, +Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem +an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an +den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im +'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir +nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit +schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere +Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche +ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen, +an--" + +"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber +könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum +mindesten mehr Abwechslung." + +"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht +recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird; +aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt. +Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede +Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn +er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei, +oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen! +Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, +und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im +Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter." + +So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches +Traktement der Verdauung wegen zu promenieren. + +Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet +aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht +mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige +Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des +gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja +sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant +nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder +antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige +Tafelseiten aus Clauren vorlesen. + +Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie +verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche +Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_, +wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten +Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom +Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande, +vor Mit- und Nachwelt schänden! + +Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den +man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte; +das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und +Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig, +es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt, +wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in +neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen; +waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus +einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen +Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen, +die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art +höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals; +denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der +Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit +sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet! +König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem +Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit +köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du +redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau +aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie +gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in +Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören +konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht +Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem +sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine +anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten +Vergnügen einer verworfenen Klasse! + +Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das +Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges +Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und +Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen +anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben +weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt +sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu. + +Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber +selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei +ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf +ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen +sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame +Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge +H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der +braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und +werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen, +Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir +sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der +Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet +zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht +weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen, +rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff, +durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von +London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den +unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen. + +Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte +erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt +in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich +von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren +übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen +und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene +lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und +nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser +Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte +den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten +erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem +mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber +offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für +eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen. +Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern +nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten +als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem +unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen. +Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und +siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige, +angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es +mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte +die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun +sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst +einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer +einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen +auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst +seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte +sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den +Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu +tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und +unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch +in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber +stand beinahe allein und zog beschämt von dannen. + +"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl +ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen! + +Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe +wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er +wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und +des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen. + +Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der +Gegenstand der folgenden Fragen. + + + + +II. + +Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der +"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen +er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu, +andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte. + +Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann +angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder +unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das +erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst, +mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen, +seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem +Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine +Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo +die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu +Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine +die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt +bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an +Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen +zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem +Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen, +einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen +Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter, +die nur mit Modeartikeln zu tun haben. + +Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich +nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen +Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie +steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen +Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie +schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei, +wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da +über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch +gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt +seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_, +das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie +in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem +Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man +müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch +ein anderer Grund fände. + +Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so +gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur +Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und +wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für +wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer +Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der +Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine +Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn +lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von +selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter +hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen +Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig +andern? + +So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt, +gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den +Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte +er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen +Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste +Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der +seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau +eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen +Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und +ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht +abzukaufen. + +Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche +Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt +wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder +nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann +höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder +eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der +Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für +Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur +den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum +wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann, +daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie +diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt +und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein +Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu +wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der +Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und +Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist +als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft. + +Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz +dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch +kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf +und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren +Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die +Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer, +die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr, +ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß +jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den +Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich +habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei: +_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und +Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie +hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus +denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn +würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an +diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht +widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_ +"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind +sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren. + +Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von +"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach +allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein +Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit; +alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle +seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen +hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen, +durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_, +alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes +Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so +vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren +auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner +Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den +schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten, +mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen +im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich +sagen, ich habe den Clauren studiert. + +Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie +gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei +Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten +Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann, +unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes, +plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das +Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem +Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß +entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn +beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches +"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler +Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von +Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige +Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit; +7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et +cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen, +und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht +darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man +immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe +mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben +und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz +honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit +wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen +Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war +der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen +Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben +in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in +der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich +oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten +"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer +Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_ +sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--" +(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte, +wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie +glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft +und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich +nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren +"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der +Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen", +"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die +man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und +Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig +_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie +natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen +Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt +war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser, +Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun +ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand"; +es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe +bis in die Brautkammer befördert. + +Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch +zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen, +durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire +sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen +Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt, +daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige, +unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es +gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der +Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden. + +Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von +Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden, +daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche +Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung, +daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und +Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht +doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche +Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen +Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner +Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen. + +Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten +_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er +jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes +_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und +_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen +lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat +Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen +könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters; +natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt, + + "--Federn auf dem Hut + und einen Klunker dran." + +Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich +erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel. + +Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging, +weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch, +dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein +angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des +Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde +"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen, +uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen +zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute +Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er, +was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei +nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem +namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von +seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl +literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen, +begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die +Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu +klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar +Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose +Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man +anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn +rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit +der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn +reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie +ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation +verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten +sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er +geschrieben, weniger schlüpfrig machen? + +Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich +vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens +Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei, +daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten, +H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes +Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht +unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen +acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime +Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch +und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie +täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond", +gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur +Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom +Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die +Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften +sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das +nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik, +in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_, +nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber +versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten, +auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu +verteidigen!--Bedenke: + + "Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte; + Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab." + +Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht +_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der +_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem +Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner +Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht +nach Worten richten. + +Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde +wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen +diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen +der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne +merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren +dasselbe sagen? + +Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den +"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob +und wie es geschehen werde. + +Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis +hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr +wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn +ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte +vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der +Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß +entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre +Klopstocks Messias werden soll? + +Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem +Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die +Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über +seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben, +die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur +verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den +tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen +suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu +verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert. +Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem +heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick +schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit +Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn +nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und +angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen +Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich +geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren, +verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo +nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet? +Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls +Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors +steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn +jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der +Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des +"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten +Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber +sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene +niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch +selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine +Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem +Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen? + +Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine +schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf, +sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten +reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder +Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich +selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot +bespritzen. + +Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in +unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde +jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu +Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean +Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder +Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so +gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler +nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es, +ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer +Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und +interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu +ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein +müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung +der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau, +nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum +können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem +Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten +Viertelstunde anekelt. + +Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere +Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die +ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine +Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei +ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche +Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren +entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung +über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner +Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen +Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz +dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist. + +Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer, +aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein +"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu +übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist +jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr +lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen +Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu +finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden +Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein +Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden? +Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene +obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die +interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was +wird dann übrig sein? + +Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab, +preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die +Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget +Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in +den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen, +und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von +Freund Heun! + +Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das +deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet +euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit +Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden +könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch, +ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit +wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt +habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen +lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine +holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß +ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen. + +Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren +ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den +Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen. + +Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders +konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist +vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt; +meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man +in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt. + +Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham +aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist, +wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe +ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen +noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und +sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen. + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13451 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Der Mann im Mond + +Author: Wilhelm Hauff + +Release Date: September 13, 2004 [eBook #13451] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND*** + + +E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the +Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team + + + +DER MANN IM MOND + +oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme + +Nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond + +von WILHELM HAUFF + + + + + + + +INHALT. + + +ERSTER TEIL. + +Der Ball +Ida +Schöne Augen +Der Fremde +Die Kirche +Das Souper +Das Urteil der Welt +Der Kotillon +Die Beichte +Das Dejeuner +Der Brief +Operationsplan +Die Mondwirtin +Der polnische Gardist +Der Hofrat auf der Lauer +Der selige Graf +Gute Nachricht +Der lange Tag +Der Tee +Das Ständchen +Die Freilinger +Feindliche Minen +Geheime Liebe +Emils Kummer +Der selige Berner +Entdeckung + + +ZWEITER TEIL. + +Die Heilung +Neue Entdeckung +Das _Tête-à-tête_ +Das Unkraut im Weizen +Das Unkraut wächst +Trübe Augen +Die Gräfin agiert +Eifersucht +Der neue Nachbar +Trau--schau--wem? +Der Gram der Liebe +Feine Nasen +Der Herr Inkognito +Emil auf der Folter +Der Rittmeister +Unschuld und Mut +Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus +Das Duell +Fingerzeig des Schicksals +Licht in der Finsternis +Reue und Liebe +Versöhnte Liebe +Die Freiwerber +Fortsetzung der Freier +Die Soiree +Die Braut +Präliminarien +Zurüstungen +Hochzeit +Der Schmaus +Schluß +Nachschrift +Kontrovers-Predigt + + + +ERSTER TEIL. + + + +DER BALL. + +Über Freilingen lag eine kalte, stürmische Novembernacht; der Wind +rumorte durch die Straßen, als sei er allein hier Herr und Meister +und eine löbliche Polizeiinspektion habe nichts über den Straßenlärm +zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die +Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen während des +Höllenwetters, das draußen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr +lebhaft auf den Straßen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt +rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten +erleuchtet, sich ausdehnte. + +Es war Ball dort, als am Namensfest des Königs, das die Freilinger, +wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert +vorbeiließen. Morgens waren die Milizen ausgerückt, hatten prächtige +Kirchenparade gehalten und kümmerten sich in ihrem Patriotismus wenig +darum, daß die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut +genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem +jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und +getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig +geworden waren. + +Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger +Schönen und Nichtschönen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt +hatten. Schön konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch +Hofrat Berner arrangiert, und das mußte man ihm lassen, so viele +Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu +veranstalten, verstand er aus dem Fundament. + +Die Wagen hatten nach und nach alle ihre köstlichen Waren entladen; +die Damen hatten sich aus den neidischen Hüllen der Pelzmäntel und +Schals herausgeschält und saßen jetzt in langen Reihen, alle in +unchristlichem Wichs, an den Wänden hinauf. Es war der erste Ball in +dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke +und Gesunde waren aus den Bädern zurückgekehrt; es ließ sich also +erwarten, daß das Neueste, was man überall an Haarputz und Kleidern +bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem +Abend zur Schau gestellt werden würde. Daher füllte die erste halbe +Stunde eine Musterung der Coiffüren und Girlanden, und das Bebbern +und Wispern der rastlos gehenden Mäulchen schnurrte betäubend durch +den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geärgert und bewundert und +fragte überall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch +nicht geben wolle. + +Das hatte aber seine ganz eigenen Gründe; man sah ihm wohl die Unruhe +an; aber niemand wußte, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit, +unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein +ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fünf Uhr mit seinem Arrangement +fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eröffnet; +aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Männchen +überfallen zu haben. + +Nur _er_ wußte, warum alles warten mußte; keinem Menschen, +soviel man ihn auch mit Schmeichelwörtchen und schönen Redensarten +bombardierte, vertraute er ein Sterbenswörtchen davon; er lächelte +nur still und geheimnisvoll vor sich hin und ließ nur hie und da ein +"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen. + +Wir wissen es übrigens und können reinen Wein darüber einschänken: +Präsidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurückgekommen; +er, der alte Hausfreund, war zufällig dort, als sie ankam; er hatte nicht +eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu +setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war präsentiert +worden, ausbügeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte +er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke +der Herren, wenn er die wunderschöne Dame in den Saal führen würde; +denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_. + +Wo hatte nur das Mädchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich +bildhübsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie +besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie +auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem +vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie früher +auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen +der Präsidentin, zu allen tollen Streichen angeführt. Er liebte sie +wie sein eigenes Kind; aber er mußte sich vor drei Jahren doch +gestehen, daß ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden +solle, das man da in die Residenz führe, um sie menschlich zu machen. + +Denn wollte man ein Mädchen sehen, das zur Jungfrau und fürs Haus +völlig verdorben schien, so war es Präsidents Wildfang; einen solchen +Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu +breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie +klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch +selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres +Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als +sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute +vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnädigen Mama +war, daß sie Französisch plappere wie ein Stärchen und daß, trotz +ihrem Umherrennen in der Märzsonne, ihr Teint dennoch trefflich +erhalten sei. + +Aber jetzt--! + +Nein, was war mit diesem Mädchen in den kurzen drei Jahren eine +Veränderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen, +alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fülle bekommen, die man +sonst nicht für möglich gehalten hätte; das Haar, das sonst, wie oft +man es auch kämmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in +unordentlichen Strängen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der +herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren +glänzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein +Feuerrädchen umher, alles anzuzünden drohend. Die Wangen bedeckte ein +feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem +Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und +hatte eine Würde bekommen, über die der staunende Hofrat lächeln +mußte, so sehr er sie bewunderte. + +Dieses Götterkind, diesen Ausbund von Liebenswürdigkeit, erwartete +der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe +hörbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie mußte sie erst im +Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseüberröckchen und in der +Haube _à la jolie femme_ beinahe närrisch machte; wie mußte +sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach +dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schöne Stirne und +den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche +die handbreiten Brüsseler Kanten umziehen sollten, mit dem +Amethystschmuck schmückte, den sie von ihrer Pate, der Fürstin +Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener +Herzlichkeit, mit der sie früher versprochen, einen Spaziergang mit +ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war, +jetzt als Königin des Festes die erste Polonäse zugesagt.-- + +Immer verdrießlicher wurden die Damen, immer ungestümer mahnten die +Herren den alten _Maître de plaisir_; schon seit einer halben +Stunde stimmten die Musikanten, daß man vor dem Quieken der +Klarinette, vor dem Brummen der Bässe sein eigenes Wort nicht hörte, +--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen über den Marktplatz her und +hielt vor dem Flügeltor des Museums. + +"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stürzte zum Saal hinaus; bald +darauf öffneten sich die Flügeltüren, und der kleine freundliche Alte +schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal. + + * * * * * + + + + +IDA. + +Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das +wunderschöne Mädchen sein, so hoch und schlank mit dem königlichen +Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kräftigen Frische des +jugendlichen Körpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als +käme sie alle Tage auf Freilinger Bälle und Assembleen; und doch +kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Präsident, +wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Präsidents Ida! + +Aber wie herrlich war dieses Knöspchen aufgegangen! "Welcher +Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken! +Wahrhaftig, man möchte ein Mückchen oder noch etwas Wenigeres sein, +nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen, +welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wünschten +sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Fähnchen, die sie doch ihr +gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und für +wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und +Astern, die eben erst aus den Gärten der Hesperiden gepflückt zu sein +schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle +vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst +Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, hätte +ihnen keinen schlimmern Streich spielen können, als diese Ida gerade +heute einzuführen. Aber man mußte sich Gewalt antun; der Präsident +machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der +Provinz, eine glänzende Aussicht auf _Thés dansants_, Soupers, +Hausbälle und dergleichen eröffnete sich vor den schnell berechnenden +Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt +war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wußte, daß dies der Herr +Papa Präsident nie verzeihen würde; man nahm sich zusammen, und in +kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt, +welche Glück wünschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei +dies und jenes von dem hoffähigen Anzug spickten. Alle redeten zumal, +keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein +Donnerwetter über das andere, daß sich eine so dichte Wolke vor diese +kaum aufgegangene Sonne gedrängt und sie ihrem Anblick entzogen habe. + +Jetzt zog Hofrat Berner das weiße Sacktuch, schwenkte es in der Luft +und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das +Zeichen, und eine herrliche Polonäse begann. Im Nu stoben die +Glückwünschenden auseinander und machten Raum für die Assessoren, +Leutnants, Sekretäre, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die +glücklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen +Walzer, eine Ekossäse oder gar den Kotillon mit Ida die Hälse brechen +wollten. Sie aber lachte, daß die Schneeperlen der Zähne durch die +Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu +versagen, hüpfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand. + +Selig, gerührt, begeistert stellte er sich mit seinem holden +Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den +mutigen, lockenden Tönen der Polonäse stolzen Schrittes gegen das +wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den +Flanken, überallher aus den Mündungen der Lorgnetten auf seine +Tänzerin sprühte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt +des Korsettchens einen Kürassierpanzer von feinstem Stahl mit der +Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie +die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das +Kartätschenfeuer marschierte? Ich weiß nicht; aber sie schien gar +nicht auf die schrecklichen Ausbrüche der gebrochenen Herzen, auf die +Knallseufzer der Verwundeten zu hören; das Plappermäulchen ging so +ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre jünger, mit dem guten +Hofrätchen im Wald spazieren. + +Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld +losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Übermuts aufs +Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie +sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es +dem Hofrat als Findling vor die Türe gelegt, wie sie dem Oberpfarrer +die Waden voll Stecknadeln gesetzt, daß sie aussahen wie der Rücken +eines Stachelschweines, alles, ohne daß er es merkte; denn er trug +_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war +ja dasselbe lustige, naive Ding wie früher und doch so wunderherrlich, +so groß, mit so unendlich viel Anstand und Würde! Er hätte sie auf +der Stelle am Kopf nehmen und recht abküssen mögen wie früher, +wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte. + +Es ging über seine Begriffe! "Wie können Sie nur so hartherzig sein, +Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren +werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick +für alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehört +haben müssen?" + +"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der größten +Ruhe fort. "Die sind hier wie überall, unverschämt wie die +Fleischmücken im Sommer. Das könnte kein Pferd aushalten, wollte man +darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man +gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht, +wie sie dieser und jener dasselbe zuflüstern, vor der Ursel ebenso +wie vor der Bärbel sterben möchten, so weiß man schon, was solche +schnackische Redensarten zu bedeuten haben." + +Die muß eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat. +Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der +Farbe, als wäre sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und +London umhergefahren! Er ärgerte sich halb und halb über Mamsell +Neunmalklug und Übergescheit; denn es waren just keine unebenen +jungen Männer, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und +ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amürchen gehabt +hatte, konnte nichts mehr ärgern als ein fühlloses Herz. + +Aber dieser Ärger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen. +Wenn er in ihr volles, glühendes Auge sah, wenn er den süßgewölbten +Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener, +aber ich nicht! Weiß ich doch von früher her, wie du gerne Flausen +machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X für ein U +unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir +irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende +doch in der Residenz geblieben, und Fräulein Stahlherz ist nur darum +so spröde gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat +Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses +Auge weiß, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon +geküßt, aber anders als nur solche Hofratsküsse! + +Der gute Alte äußerte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber +sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte lächelnd: gefallen +habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch +keinen Mann als ihren Vater und ihn. + + * * * * * + + + + +SCHÖNE AUGEN. + +"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an +ihren Platz geführt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen, +der da mit Ihnen kam?" + +"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand +dabei. Wen meinen Sie denn?" + +"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn +niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst müßte er ja--Sie +wissen, daß das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst müßte er +ja eingeführt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine +Säule gelehnt, stand unbeweglich mit übergeschlagenen Armen eine +schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die +glänzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte +sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener +sich um, und unwillkürlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte +Blässe lag auf diesem feinen, schönen Gesicht, geheimer Gram oder +verschlossenes Kämpfen mit finsterem Leiden schien das muntere, +jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schönsten Ebenmaß geformten +Zügen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefühl drängte sich +bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit +zweifelhafter Furcht streiten zu wollen. + +Kaum hatte des Fremden glühendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie +ihren Blick abwandte. Überraschung und Verlegenheit machten sie stumm +auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schönen Stirne, über +den Liliensamt der blühenden Wange bis herab auf den jungfräulichen +Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht +unbemerkt ließ. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach +der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren drängte +sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten +sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat +aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben +meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geübter +Feldherr; er fragte sie so laut als möglich, ob es ihr jetzt, wie sie +gewünscht, gefällig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im +dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und +Pfiffköpfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie +beurlaubte sich also mit großer Hast von dem ungeheuern +Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner +durch den Saal. + +Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die +Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche +Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des väterlichen +Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre +Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem +Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz +im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus. + +"Sie geben sich vergeblich Mühe, Hofrätchen," kicherte das lose Ding, +"ganz vergebliche Mühe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen +Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie +ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich +auch vorhin etwas in Verlegenheit." + +"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein großer Unterschied", +antwortete Berner mit einem völlig ungläubigen Kopfschütteln. "Da +müssen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?" + +"So hören Sie mich doch, Sie böser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer +wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch +einmal, ich weiß nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe +ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren +wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war +ein prachtvoller Landau mit einem großen Bock, worauf ein alter +Diener in reicher Livree saß; am Wagen zogen vier Postpferde; das +Dach war zurückgeschlagen, und es saß niemand darin als ein großer +Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um +die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit +ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die +Reisenden, denen der Wagen gehört, seien vorausgegangen und lassen +ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem +Wagen, ob ich noch keine reisenden Engländerinnen oder Französinnen +gewahr werden könnte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine +Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche +saß und zu dem Wagen gehören mußte." + +"Und war es derselbe, der dort an der Säule steht?" fragte der +Hofrat. + +"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag +neben ihm im Gras, seinen Kopf stützte er in die hohle Hand. Das +Geräusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch +langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit +gesenktem Haupt bis an unsere Wagentüre. Da richtete er sich auf, und +Sie können sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das nämliche +geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er mußte +heftig geweint haben; denn Tränen hingen in den langen schwarzen +Wimpern und gaben dem glühendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz +eigenen Reiz." + +"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete lächelnd der Hofrat. +"Wer hat denn meinem Mädchen erlaubt, über Männeraugen Betrachtungen +anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz +gelernt?" + +Das lustige Amorettenköpfchen, das sich da, es wußte nicht wie, +verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht +alles so bös aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida +nicht immer falsch. + +"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen +eigenen Geschmack. Schöne blaue oder schwarze Augen, mitunter auch +recht glänzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch +alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schöne Augen haben; +sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiß, durch +was sonst, den schönsten Glanz benommen und stieren uns an wie +gestochene Böcke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine +solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das +Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht +anmutig, sinnig und wie man es gern haben möchte, trifft. Beides sah +ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--" + +Da hatte sich das schnelle Schnäbelchen schon wieder verplappert! Der +Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biß die Lippen +zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem +Tanzen sich zwischen den Schneehügeln hinabgeschoben hatte und ganz +glühend heiß geworden war. + +"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge +gehört, wovor einem die Haut schaudern könnte; nimm dich um Gottes +willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich +weiß es aus meiner Jugend, daß in gewissen Augen Häkchen sitzen, die +uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, daß an kein Entrinnen zu +denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehört?" + +"Doch," entgegnete der kleine Übermut; "ich glaube sie auch zur Not +zu verstehen."-- + +"Ist gar nicht vonnöten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum +Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas +kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar geläufig ausdrückt und +mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht +für eine Erzgeneralkokette." + +"Nun, für eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida +etwas empfindlich. + +"Dazu kenne ich mein süßes Mädchen zu gut," entgegnete der Hofrat +traulich und drückte ihr das weiche Samthändchen; "was aber den +bleichen Patron dort drüben betrifft, so kann er über allerlei +geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester +oder gar sein Mädchen verloren haben." + +"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da +würde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da +würde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen." + +"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus, +und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter +fortzusetzen." + +"Nicht doch," fiel sie ein, "wie mögen Sie nur diesem interessanten +Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus +als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er +sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und +weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!" + +"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das +Mäulchen geht ja, als sollte es einen Prozeß vor den Assisen führen! +Übrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den +Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich +eindrängen, auf den Zahn zu fühlen." + +"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofrätchen; aber ja recht artig und +delikat," setzte das errötende Mädchen mit den süßesten +Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben +scheint, muß unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!" + + * * * * * + + + + +DER FREMDE. + +Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu +erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon +seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Säule +gelehnt, so wenig Interesse an dem glänzenden Ball zu nehmen schien. +Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurück. "Wer ist es? Wie +heißt er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?" + +"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese +Karte gegeben." + +Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu +sehen als ein schön gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de +Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die +Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren +Bällen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschüttelnd umher; sie +hätten gar zu gerne gewußt, woher er komme, wohin er gehe, warum er +nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten; +doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, daß er in des Fremden Seele +fühlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein müsse, gab das +Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen, +rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze. + +Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde +gebietende Gestalt unbeweglich an die Säule gelehnt. Es war, als +hätte er sich nur in Schwarz und Weiß geteilt und kenne keine andere +Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glänzende +Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschöne +Wäsche, welche durch ihre Weiße, durch ihre zierlichen Fältchen den +Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einflößte, +kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen +Lippen schmückte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne +Teilnahme in das bunte Gewühl hineinzustarren; aber dennoch begegnete +nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge +überrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser sprühenden Glut +niederzuschlagen. + +Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht +viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen +Herren machten sich über ihn lustig, und beide Teile hatten so viel +an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu +bekritteln, zu bewundern, daß man bald nicht mehr an jenen dachte. +Nur Idas Blicke streiften öfter nach jener Säule hinüber; ein Blick +zu ihm schien sie für das Geschwätz der Freilinger Stutzer, die ihr +heute unendlich fade vorkamen, zu entschädigen. Doch betrachtete sie +ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb +es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, daß +die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man müsse +ihr siedendes, glühendes Blut an ihr Herzchen pochen hören. Waren es +die Tränen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der +wehmütige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so rührte? Hatte der +Hofrat recht mit den Häkchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte +sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef-- +Nein! lächelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine +Not! Es ist ja nur das natürliche Mitleiden, was mich immer nach ihm +hinsehen heißt. + +Elf Uhr war vorüber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper +getanzt werden. Stürmisch drängten sich die Herren um das Wunderkind; +aber Trotzköpfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und +ließ die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und +unwillkürlich waren sie wieder mitten im Gespräch über den Fremden. + +"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmütigkeit +ihres Engelköpfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends +immer blässer; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre +Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmäßige +Körper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestört werden +könne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die +Lippen zusammenpreßte, als wolle er einen Schmerz verbeißen; der +Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das +Wehmütige, der tränenschwere Trübsinn in seinem Auge wurde immer +unverkennbarer. + +"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte +ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, daß du nicht fröhlich +bist mit den Fröhlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu +helfen."-- + +Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!! + +Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich +der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Größe, +in gebietender und doch graziöser Haltung da; aber sein Auge heftete +sich furchtbar starrend nach der Saaltüre. Berner wollte eben +aufstehen und zu ihm hin-- + +Da öffnete sich die Tür, ein alter, reichgekleideter Bedienter, +derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden +zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riß eine Uhr heraus, +warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida +herüber und verließ langsamen Schrittes den Saal. + +Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen über diesen +sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der +Präsident kam und führte sein liebes, holdes, wunderherziges +Töchterchen zur Tafel. + + * * * * * + + + + +DIE KIRCHE. + +Der alte Küster am Münster zu Freilingen saß in dieser Nacht nach +seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stübchen; der +Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehälfte vorgelesen, er +hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit +brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen, +vierhundert Schuh hohen Münsterturm erbaut und wie solches viel Zeit +und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiß- und +blaugestreiften Umhang der zweischläfrigen Himmelbettlade +auseinanderschlagen, um ihren Ehezärter zu ermahnen, sein gewohntes +Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern +Parterrestübchens pochte. "Macht auf, Meister Küster! Seid so gut und +macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draußen. "Wird +wohl ein Bote von einem Kranken sein," näselte der Küster, "der die +Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, daß die +Stelle nicht verblättere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man +mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Dünnbier +gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer, +tagtäglich vorsetzte. Draußen schob er die mächtigen Schlösser und +Riegel der Haustür auf, und herein trat ein kleiner ältlicher Mann in +reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spät?" fragte der +Küster. + +"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Küster aus dem +kalten Hausgang in die wärmere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr +mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er +einen blanken, harten Taler auf den Tisch. + +Der Küster wog den Taler in der Hand, ließ ihn wieder auf den Tisch +fallen, daß es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's +nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!" + +"So nehmt Eure Schlüssel," fuhr der andere fort, "und schließt die +Münsterkirche auf!" + +"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in +dieser stürmischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es +geht nicht, mich bringt kein Hund hinüber!" + +"Beileibe," rief die Küsterin aus dem Bette und riß den Umhang +zurück, daß man das ganze Paradiesgärtlein ihres geblümten Bettes +übersehen konnte, "führe uns nicht in Versuchung! Alter, laß dich +nicht betören! Wer weiß, was draußen lauert?" + +"Hätte nicht geglaubt, daß Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem +Weiberregimente stündet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist +auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn." +Noch einmal wog der Küster den Taler auf der Fingerspitze und schien +sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwölf Uhr brummen, und da ist +es gar nicht geheuer drüben in der Kirche; denn ich weiß, was ich +weiß, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es +sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne +zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die +gewichtigen, wunderlich geformten Schlüssel. + +"Ei du meine Güte, läßt er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte +die Alte im Bette. Der Küster aber trat zu ihr mit dem größten seiner +Schlüssel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, daß +unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verließ mit +dem Diener das Haus. + +Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne +dunkle Wölkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten +die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen +sie am Portal des Münsters. Der Küster schrak zusammen, als dort aus +dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel +gehüllte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse +in so hohem Grade erregt hatte. + +"Schließ auf, schließ auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!" +Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte +gerade über ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden +Klängen schallte die zwölfte Stunde in die Lüfte. + +"Schließ auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um +die Ecke!" + +Seufzend ging die hohe Türe auf; in einem Sprung war jener in der +Kirche. Der Küster schloß behutsam wieder hinter sich ab und ging +dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In +wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der +Laterne an den hohen Säulen des Doms, nur auf wenige Schritte +verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Dämmerung, bis es +sich in der tiefen Nacht des Gewölbes verlor. Manchmal schien es, als +schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewändern hinter den +Säulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten +und ging dann schneller hinter dem Küster her. Dumpf schallten ihre +Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich +befand, und ein vielfaches Echo gab diese Töne aus allen Ecken +zurück. + +So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf +die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der trübe brennenden +Laterne auch viel bleicher erschien, stützte er auf die Hand, daß die +glänzend rabenschwarzen Ringellocken darüber herabfielen. Der Diener +winkte dem Küster, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder +und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, daß er schweigen und sich +ganz ruhig verhalten möchte. + +Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den großen dunklen Hallen, +tiefe Stille draußen in der Nacht. Nur vom Altar her hörte man ein +leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter +die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto +unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und +lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug stärker wehte. + +Näher und näher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der +Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen +Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre +zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand. + +Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stößen. Krachend stürzte +ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, daß der +Schall durch die Halle tönte und--mit fürchterlichem Lachen des +Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend +tönten diese hohlen Töne der Verzweiflung durch die Gewölbe. "Er kann +nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er +die Wolken aufgezäumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ça +ça! Holla, Antonio--wie schäumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase, +tobe durch die Lüfte, du kannst doch nicht herein zu meiner +Freistatt!" + +Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und säuselnd +zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch +die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm +in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmütig und +zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er +so ernst und zürnend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht +vergeben, Antonio?" + +Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank. +Jetzt stand der alte Diener, dem während der schrecklichen Szene die +Tränen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und +unterstützte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiß von der +Stirne und die Tränen aus dem gebrochenen Auge und flößte ihm aus +einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein. + +Der Ohnmächtige richtete sich wieder auf, hüllte sich tiefer in +seinen Mantel und schritt durch die Kirche. + +Der alte Diener aber trat zu dem Küster. "Ich danke, Alterle," sagte +er, "du hast jetzt gesehen, daß wir nichts Unrechtes in deinem +Gotteshaus gemacht haben; dafür halte aber reinen Mund! Und wenn du +niemand ein Sterbenswörtchen hören lässest von dem, was du hier +gesehen und gehört hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche +Nacht wieder, und du sollst pflichtgemäß deinen Harten haben." + +"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der +Küster im Weitergehen; "so viel merke ich, daß Euer Herr entweder +nicht richtig unter dem Hut ist, oder daß er mit dem Gottseibeiuns +hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht +holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen +betrifft, so seid außer Sorgen, von mir erfährt es kein Mensch, vor +allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiß, macht +sie nicht heiß." + +Der alte Diener lobte den Entschluß des Küsters und nahm am Portal +mit einem Händedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so +junges schönes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem +Häuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affären mit Herrn Urian. +Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjährchen reiten; um die harten +Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger +Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Münster festzumachen." + + * * * * * + + + + +DAS SOUPER. + +Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Münster +zurück über den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten +Museums drängten sich Gestalten an Gestalten geschäftig hin und her, +verworrenes Gemurmel vieler Stimmen tönte herab auf den stillen +Platz, hie und da zeigten laute Ausbrüche der Fröhlichkeit, mit +Trompeten vermischt, daß eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht +worden sei. + +"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die +süßen Töne der Flöten, die klagenden Klänge der Hörner haben etwas +Beruhigendes für mich, und mitten im Gewühl der fröhlichen Menge +vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, daß ich unter den +Glücklichen der einzige Unglückliche bin." + +Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er möchte doch seine +Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar +nicht zu hören, schweigend warf er in der Haustüre den Mantel ab, gab +ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschüttelnd folgte ihm +der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht +bemerkt, daß sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte; +es mußte etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn +wenn er sich sonst auch in das fröhlichste Gewühl gestürzt hatte, so +war er doch immer nach einem halben Stündchen wieder zurückgekommen. +Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen müssen; heute ging +er zu einer Zeit, wo er sonst, erschöpft von Kummer und Unglück, dem +Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott +gebe, daß es zu seinem Heil ist!" schloß der treue Diener seine +Betrachtungen und wischte sich die Augen. + +Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten +stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hörner und ließen die Schlegel +dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht +scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit +manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball +beschließen. Löffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstoßenden +tönte aus dem Speisesaal. Ein schwermütiges Lächeln zog über Emils +blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner +fröhlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten +Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib, +doch treue Freunde geküßt hatte und mit fröhlichem Jubel in das +allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte; +unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen +saßen die fröhlichen Gäste die lange Tafel herab; man hatte soeben +die hunderterlei Sorten von Geflügel und Braten abgetragen und +stellte jetzt das Dessert auf. Gewiß, man konnte nichts Schöneres +sehen, als die Präzision, mit welcher die Kellner ihr Dessert +auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie +am Schnürchen, die schweren Zwölfpfünder der Torten und Kuchen, das +kleinere Geschütz der französischen Bonbons und Gelees werde mit +Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom +Glanz der Kristallüsters bestrahlt, standen die Guß-, Johannisbeeren-, +Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die +silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte +sie auch eingeübt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er +hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, daß er, +einen bis an den Rand gefüllten Champagnerkelch auf eine +spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen +könne, ohne einen Tropfen zu verschütten, was in der Geschichte des +Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu +arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art völlige +Übungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist +werden sollte, ließ eine Tafel zu dreißig bis vierzig Kuverts decken, +und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen möglichen +Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Präsidenten, +Justizräte, Kollegiendirektoren, Regierungsräte und Assessoren mit +Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein +Stück Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten +und Vierten einzuschenken und dem Fünften eine andere Sorte +vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die +Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte, +durfte er auch gewiß sein zu siegen. Wie jener große Sieger, der nur +mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von +Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von +seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, tröstlichen Hindeutungen +auf frühere Bravouren und gelungene Affären, und er konnte darauf +rechnen, daß keiner der zwanzig Kellnergeister über den andern +stolperte oder ihm die Aalpastete anstieß, aber daß sie mit Sauce und +Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze +Bescherung servierten. + +Mit dieser Präzision war also auch heute die Tafel serviert worden; +der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind +Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner +Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon würden +weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte +schon der aromatische Rheinwein die Zungen gelöst und das +schwärzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfräulichen +Wangen und die Nasen der Herren gerötet, so war es jetzt, als die +Pfröpfe flogen und die Damen nicht wußten, wohin sie ihre Köpfe +wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die +Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweißem Gischt gefüllt, +kredenzt würden, wie auf einem Basar im asiatischen Rußland, wo alle +Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren, +zwitschern und näseln, plärren und jodeln, brummen und rasaunen, so +schwirrte in betäubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den +höchsten Fisteltönen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C +der menschlichen Brust das Gespräch um die Tafel. + + * * * * * + + + + +DAS URTEIL DER WELT. + +Aber der größte Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des +Tisches, galt Präsidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Mäulchen der +Tanten und Mütter wie oberschlächtige Mühlen, und die Posaunen- +Seraph-Gesichter der Töchter nickten ihren Konsens aus den kleinen +Kalmückenäuglein. Wie hatte doch das Mädchen vor Gott gesündigt und +gefrevelt dadurch, daß es so wunderhübsch geworden war! Wäre sie +zurückgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als +Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen +zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da hätte es geheißen: "An +der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt, +wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie +bescheiden und doch voll so erhabener Würde hereintrat, das +strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und +Löckchen, im feuersprühenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit +schuldloser, anspruchsloser Natürlichkeit, die Wangen von Gesundheit +gerötet, in den feinen Grübchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund +so würzig, so kußlich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem +fürstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das +Mädchen durfte nicht schön, durfte nicht unschuldig und tugendhaft +sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die +Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, daß sie die acht +unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Töchterlein beleidigen könnte-- +"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da +müßten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister +müßten ihre engschließende Uniform ausgezogen und die Herren +Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostüm ersucht +haben, müßten in schwarzen Mäntelein, weißen Beffchen, kurzen Höschen +und seidenen Wädchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man +bei siebzehnjährigen Mädchen Tugend finden sollte in Sodom!" + +"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es über die Tafel herüber. +"Und die gerühmte Schönheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man +alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort, +die Zöpfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was für Haar +Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zähne +hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene +hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter +Seehund, nichts als Seehund." + +"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten +Brüsseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg +pflastern könnte--von der Fürstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha, +man hat auch seine Nachrichten; die Fürstin, Gott halte sie in Ehren, +ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber +so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist, +dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu +schenken--nein, dazu ist die Frau Fürstin Hoheit doch zu vernünftig. +Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehört? +Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur +gegen ihn gefällig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--" + +Und der ganze Zirkel lachte und stieß an auf den gefälligen, +splendiden Prinzen. + +Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schönes, +engelreines Geschöpf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so +schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo +er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu übersehen, alles mit +angehört; er hätte mögen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie +noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer +jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rückte, nur um +die giftigen Bemerkungen nicht zu hören, um ein Fenster weiter +hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von +Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitläufig +auseinander, daß er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf +den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen +müsse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht. + +Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses +bei Juden und Christen einige tausend Tälerchen mehr stehen hatte, +als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen +konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte +ihm nicht recht einleuchten. + +Aber die gnädige Mama wußte Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt, +namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heißt Attention +beweisen; das Mädchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird +aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am +Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen über sie, die +Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, hältst also nicht an, sondern +herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick +dem Fräulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur +ihr Herzchen aus Angst für dich einmal schneller pulsiert, dann hast +du sie schon im Sack. Drittens: in einer schönen Nacht mit der ganzen +Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stücke, einige zärtliche +Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette +ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufällig bei Levi ist. Einige +Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen: +'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme +Junge weint.' 'Ach, laßt mich, tapfere Kameraden,' antwortest du, +'mir ist so weh und so wohl in ihrer Nähe.' So kommt es in allen +Ritterbüchern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen +Bürgerlichen noch kein Geld hatten." + +"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und +wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--" + +Emil wurde, er wußte nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den +Eroberungsplan des Wildfangs hörte; er rückte um einige Fenster +weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmähsucht +der Weiber zu zerreißen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu +gewinnen suchte. + +Obenan saß der Präsident; die feierliche Geschäftsmiene war zu Hause +geblieben; er hatte den freundlichen, gefälligen Gesellschaftsmenschen +angezogen und tafelte, zum großen Trost der jüngern Glieder seines +Kollegiums, wie ein Junger. + +Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke +ein satirisches Lächeln, wenn er und der Hofrat Ida zum süßen +brüsselnden Schaumwein nötigten. + +Es war nicht möglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das +Mädchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, fröhlichen Herren. +Es war jetzt ganz das wählige, mutwillige Kind wieder wie vor drei +Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem +Schoße saß; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der +schweren Weine über die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte, +alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren +Adern so warm und wohltuend, daß das Auge von Lust und Liebe strahlte +und die rosige Tiefe des Schelmengrübchens alle Augenblicke sich +zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch +nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein fröhlichglühendes +Engelsköpfchen abzukühlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und +Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wußte sie doch selbst nicht, +was sie so fröhlich machte! Die Rückkehr ins Vaterhaus allein war es +nicht, auch nicht, daß die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder +alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein +bleiches, wunderschönes Gesicht, das sich immer wieder ihrer +Phantasie aufdrängte, das sie wehmütig durch Tränen anlächelte? Warum +mußte er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn +hätte sehen und sprechen können!-- + +"Ei, Kind," sagte der Präsident und weckte sie aus ihren Träumen, "da +sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf +den Teller hin, als läsest du in der Johannisbeermarmelade so gut als +im Kaffeesatz deine Zukunft, und lächelst dabei, als machten dir alle +ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!" + +Die Glutröte stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und mußte +doch wieder heimlich lächeln über den guten Papa, der doch auch kein +Spürchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der +Hofrat ihr von der andern Seite zuflüsterte: "Der alte Herr hat +fehlgeschossen; wir alle könnten uns den Rücken lahm komplimentieren +und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzköpfchen gönnte keinem +einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslächeln, das +hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter +Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--" + +"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!" +rief sie, ärgerlich, daß der Kluge ins Schwarze geschossen haben +sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas +silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand-- + +"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da +gekritzelt, Fräulein Lügenhausen? He!" + +Nun, da hatte sich das Mädchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne daß +sie es im geringsten wußte, unter ihrer Gedankenreihe das +Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt, +und da stand mit hübschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v. +Mart_-- + +"Nein, wie einem doch der Zufall bei bösen Leuten Streiche spielen +kann!" replizierte sie mit der unverschämtesten Unbefangenheit, +kratzte, indem sie sich selbst über ihre furchtbare Kunst, zu +verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin, +wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da +war irgend einmal eine reisende Prinzeß hier, welcher man auf Silber +servierte, und um den merkwürdigen Tag ihrer Anwesenheit zu +verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._, +heißt offenbar: Emilie, am fünften März." + +"Gott im Himmel, was hättest du für einen Rechtskonsulenten und +Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den +frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder +nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und +jetzt täte es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch +Engelsköpfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, daß er unwillkürlich +wieder gut wurde; in den süßesten Schmeicheltönen bat sie ihm die +Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er +gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang +mit ihrer Silberschrift necken würde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt +sich zum Kotillon zu rüsten. "Nur noch ein Viertelstündchen!" bat +Ida, weil sie dem widerwärtigen Kreissekretär habe zusagen müssen. +Aber das Sträuben half nichts; die Hörner erklangen im Tanzsaal, und +die Tafel rüstete sich, aufzubrechen. Da stand der Präsident auf. +"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er über die Tafel hin, "noch +einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Gläser hoch--der +Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf +unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das +donnerschlagähnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen +Hallo der bechampagnerten Gäste war es Ida, als hörte sie hinter sich +tief seufzen, und als sie, von einer plötzlichen Ahnung ergriffen, +sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmütig, +tränenschwer in das Gewühl der Freude schaute. Alles Blut jagte die +Überraschung dem Mädchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr, +und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden. +Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade +als sie der schöne junge Mann anreden zu wollen schien, riß ihn das +Gedränge der Aufstehenden aus ihrer Nähe; der Kreissekretär kam mit +seinem widrigen, sauersüßen Gesicht, schätzte sich glücklich, den +Kotillon errungen zu haben, und führte seine Tänzerin im Triumph +durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch +immer über diese Erscheinung, über die Gewalt dieser dunkeln +Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat +hat doch recht, es muß Menschen geben, die Häkchen im Auge haben, von +welchen man sich gar nicht losreißen kann, und dieser muß einen von +den großen Angelhaken haben." + + * * * * * + + + + +DER KOTILLON. + +In rauschenden Tönen klangen die Hörner und Trompeten durch den Saal; +in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, hüpften die +Paare den fröhlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf +und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald +dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der +Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick über +den Saal hinüber nach ihm, zu welchem ein unerklärbares Etwas sie +noch immer hinzog, und wenn die Flöten leiser flüsterten, wenn die +weichen, gehaltenen Töne der Hörner süßes Sehnen erweckten, da +glaubte sie zu fühlen, daß diese Töne auch in seiner Brust +widerklingen müssen. In glänzender Kette schwebten jetzt die Mädchen +in der Runde, bis die Reihe sich löste und sie den Saal +durchschwärmten, um selbst sich Tänzer zu suchen. Emil stand wieder +an seine Säule gelehnt. Kaum den Boden berührend, schwebte eine zarte +Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschämtes +Lächeln, auf ihn zu--es war Ida. Lächelnd neigte sie sich, zum Tanze +ihn einzuladen; er schien freudig überrascht, eine flüchtige Röte +ging über sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind +umschlang und mit ihr durch den Saal flog. + +Aber ängstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in +der ihrigen ruhte, schaurige Kälte fühlte sie aus des Fremden Arm, +der ihre Hüfte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge +den Boden; denn sie fürchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen. +Jetzt erst fiel ihr auch ein, daß es sich doch nicht so recht +schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch +vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben. + +Aber ein freudiges Geflüster des Beifalls begleitete sie durch die +Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der +Bewegung des Tanzes leicht gerötet, bedeutender erschien seine edle +Gestalt, sein hoher königlicher Anstand, und dem schönen Mann +gegenüber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schönheit. Mit +dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurückführte; +wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja, +wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurückrief, +wieviel Dank lag darin, wieviel Lie-- + +Sie drückte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen, +die sie unablässig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur +um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von +der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr +ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht, +wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon +hatte jetzt seine glänzendste Höhe erreicht; eine Tour, die in +Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die +Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Tänzer geführt, +auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem +seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Tänzer +jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgeführt. Die Ausgeschlagenen +stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der +Erwählte flog mit der von der Binde erlösten Tänzerin durch den Saal. +Die Tour an sich war gerade nicht so kühn erfunden, um durch sich +selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, daß +der Vortänzer, ein gerade von Reisen zurückgekommener Herr aus +Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour für sehr +verhängnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl +das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und +mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen +sehen. Die Freilinger Schönen machten zwar Spaß daraus und +behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen +haben; doch mochten sie abergläubisch genug sein und wünschen, des +Schicksals Stimme möchte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen +den schönen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbärtchen oder +einen dergleichen vor die blinden Augen führen. + +Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersüße +Kreissekretär führte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein +sollendem Lächeln, das aber sein Gesicht zur scheußlichen Fratze +verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das +Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei +arme Unglückliche, von der spröden, blinden Mamsell Amor-Justitia +verschmäht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an +Martiniz durch das Köpfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht +tüchtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen möge sie ziehen, +wie es wolle, das Schicksal möge noch so gebietend rufen, sie lasse +drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen. + +"Numero vier, gnädiges Fräulein!" meckerte der Kreissekretär. Sie +ließ die Binde lösen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils +Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der +Hörner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie +hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der +Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so hätte sie durch +das Leben tanzen mögen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den +Flügeln der Frühlingslüfte schwebte sie in seinem Arme hin, sie +zitterte am ganzen Körper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie +mußte ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das +schmachtende Gesichtchen. Ein süßer Blick der beiden Liebessterne +traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das +edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund +von Mund; ach, wie unendlich hübsch kam er ihr vor, wie fein alle +seine Züge, wie schmelzend sein Auge, sein Lächeln; sie hätte mögen +die paar Zöllchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kü-- + +Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die +glacierten Handschuhe zusammenschlugen, daß die zarten Nähte +sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen, +wenn ihr wüßtet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen +Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich öffnen, wie die Seele +hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um +hinüberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr würdet diesen +Moment des süßesten Verständnisses nicht durch euer Klatschen +verscheuchen. + +Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und +das wärmende Mäntelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie +zur Abkühlung noch ein wenig durch den Saal zu führen. "Sie haben mit +ihm getanzt, Töchterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der +tanzt, können Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so +schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat lächelnd. "Was +werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie über einem +Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die können sich +wenigstens über das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an +sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was +man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein," +antwortete der neckische Alte.--"Nein, spaßen Sie jetzt nicht! Ist +nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man +nicht recht erklären kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich. +"Wahrhaftig, Sie können recht haben, Mädchen," sagte er; "habe ich +doch den ganzen Abend darüber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen +gar nicht aus dem Sinne bringen kann." + +"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so +plötzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte +jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den +Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt über eine Stunde aus, kommt +wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Münster!!" + +"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen +Gliedern zitternd. + +"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiß es gewiß; aber reinen Mund gehalten, +Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur." + +Der Wagen war vorgefahren; der Präsident kam in einer Weinlaune. +"Hofrätchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein +könntest, wollte ich dir Ida kuppeln!" + +"Hätte ich das doch vor dem Ball gewußt!" jammerte der Hofrat; "aber +da gab es allerlei interessante Leute usw." Errötend sprang Ida in +den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa +auf dem Heimweg Mühe, zu erfahren, was jener gemeint habe. +Trotzköpfchen hätte mögen laut lachen über die Bitten des alten +Herrn; es biß die scharfen Perlenzähne in die Purpurlippen, daß auch +kein Wörtchen heraus konnte. + +Nicht mehr so fröhlich als in früheren Tagen und dennoch glücklicher, +legte Ida das Lockenköpfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so +bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fußende des +Bettes, und auch die dünne Seidenhülle, die jetzt noch übrig war, +mußte immer weiter hinabgeschoben werden, daß die wogende, +entfesselte Schwanenbrust Luft bekam. + +Aber wie, ein Geräusch von der Türe her? Die Türe geht auf, im matten +Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht; +sein dunkles, wehmütiges Auge fesselt sie so, daß sie kein Glied zu +rühren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann +den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhüllen; sie will +zürnen über den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr. +Aufgelöst in jungfräuliche Scham und Sehnsucht, drückt sie die Augen +zu; er naht, weiche Flötentöne erwachen und wogen um ihr Ohr, er +kniet nieder an ihrem bräutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des +Schicksals Stimme," flüstert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle, +wehmütige Gesicht über sie hin, heiße Tränen stürzen aus seinem +glühenden Auge herab auf ihre Wangen, er wölbt den würzigen Mund--er +will sie kü-- + +Sie erwachte, sie fühlte, daß ihre eigenen heftigströmenden Tränen +sie aus dem schönen Traume erweckt hatten. + + * * * * * + + + + +DIE BEICHTE. + +Am andern Morgen sehr früh stand der Hofrat schon vor des Präsidenten +Haus und zog die Glocke. Er mußte ja sein holdes Idchen fragen, wie +es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte +er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, daß er nicht wußte, wo ihm +der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten +Handgriff der Glocke in der Hand hielt, daß er um keinen Preis von +dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll +mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen +Witz nicht wenig zugut und lächelte noch still vor sich hin, als er +die breite Treppe hinanstieg. + +Der Präsident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die +Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnädiges Fräulein nehme +ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei. + +Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen, +aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir saß Ida auf einer Estrade +am Fenster, das Lockenköpfchen in die Hand gestützt. War es doch, als +sei das Mädchen in dieser Nacht noch tausendmal schöner geworden! Der +Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schönheit; es lag so viel +Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben +Gesichtchen, das ihn begrüßte, daß er gar nicht wußte, woher dies +alles das Wunderkind gestohlen hatte. + +Er sagte ihr auch, wie schön er sie finde; sie aber lachte ihm +geradezu ins Gesicht; sie finde, daß sie weit bleicher aussehe als +sonst, der Ball könne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu +komme, daß sie heute nacht so dumm geträumt habe und alle Augenblicke +aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst +aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich +um den Mund, als wüßte es, was dem hübschen Engelskind geträumt habe. + +Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen +möglichen Schönen; aber er hätte sich lieber die Zunge abgebissen, +ehe er von Martiniz zuerst angefangen hätte, obgleich er wohl sah, +daß Ida darauf warte. + +Er sah sich daher, als alle Tänze und Touren bekrittelt waren und das +Gespräch zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie +wunderschön Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren ließ, die bronzierte +Lampe am gewölbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich +Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem +Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an +drei Wänden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der +Mitte, kann ja eine ganze Legion von Dämchen in sich aufnehmen. Der +französische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht +sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muß schon auch ein wenig +Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiß +selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wüßte ich niemand, +der solche Arbeit lieferte." + +Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, daß +er den tauben Wänden predigte; denn Ida schaute stillverklärt durch +die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren für ihren alten Freund. +Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Mädchens, folgte ihrem +Auge und--drüben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes +"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weißen Gardinen +aufgetan, und im geöffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade +zu, als der Hofrat hinsah, und ließ die Gardine wieder herab; das +selige Kind drehte jetzt das Köpfchen, und ihr Blick begegnete dem +lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenröte schlug ihr ins Gesicht, +als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzköpfchen kein +Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der +Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn +muß ich dir einmal fühlen, also sei's! + +"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da können Sie Ihre +astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von +Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten +Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--" + +"Wie Sie nur so bös sein können, Berner!" klagte das verschämte +Mädchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht +gewußt, daß er nur im Mond logiert; und daß ich gestern diesen Mann +schon wegen seines Äußeren gehaltvoller gefunden habe als unsere +jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Flöckchen Seide gebe, +--ist das denn ein so schweres Verbrechen, daß man es noch am andern +Tage büßen muß? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem +Menschen, der so unglücklich scheint?" + +"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der +Hofrat; "daß der junge Herr im Mond drüben gestern nacht in der +Münsterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das +wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?" + +"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich +bemüht, ihre Neugierde zu bekämpfen. "Er hat sich wahrscheinlich die +Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?" + +"Durchreise? Als ob ich nicht wüßte, daß Herr von Martiniz die drei +Zimmer Ihnen gegenüber auf vier Wochen gemietet hat--" + +"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im nämlichen +Augenblick über die laute Äußerung ihrer Freude. "Vier Wochen?"-- +setzte sie gefaßter hinzu. "Wie freut mich das für die gute +Mondwirtin! Sie muß immer Schelte hören von ihrem Mann, daß ihre +_Table d'hôte_ nicht so gut sei wie im _Hôtel de Saxe_, und +kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis für +sich." + +"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muß sie +jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude +nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurückzukommen, Sie +glauben also, der Mann im Monde da drüben habe sich als +durchreisender Fremder unsern Münster zeigen lassen und dazu die +glückliche Stunde nachts von zwölf bis ein Uhr gewählt, habe den +Küster mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die +Finsternis desto deutlicher zu sehen?" + +Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und ließ den +Hofrat immer fortfahren-- + +"Heute in aller Früh war ich beim Küster, dem ich vorzeiten einmal +einen Prozeß geführt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiß, +ohne diese Empfehlung wäre ich bei dem Alten nicht durchgedrungen. +'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der +Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Münster getan hat.' +Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen +alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles +aufzuspüren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der +Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Küsters Haus gehen +und beide bald darauf mit dem Fremden im Münster verschwinden sehen. +Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil +es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten dürfe. So +neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, daß +er nichts sagen dürfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine +schwache Seite) eingetragen hätte; da gab er weich und erzählte--" + +"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von +früher her, daß ich für mein Leben gerne Geschichten höre, namentlich +geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen." + +"So, so? Man hört gerne Geschichten von interessanten, +geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hören Sie weiter! Der Küster, der für +seine Mühe einen harten Taler bekam, führte gestern nacht einen +Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz +ausgesehen haben soll, in den Münster. Dort habe sich der Fremde auf +die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei +ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehört; er habe an den +Fenstern gerüttelt und geschüttelt und die Scheiben in die Kirche +hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden geführt, als +reite der Teufel draußen um die Kirche und wolle ihn holen. + +"Der Küster glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein +Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so früh in die Hölle +fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr +alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Münsters +begebe, solle ihm vom Bösen kein Haar gekrümmt werden. Sehen Sie, das +ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie +davon?" + +In ängstlicher Spannung hatte Ida zugehört; in hellem Wasser +schwammen ihr die großen blauen Augen, die volle schöne Schwanenbrust +hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen +Berg von sich abwälzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht +gleich antworten. + +"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme +Mensch ist gewiß wahnsinnig; denn an die törichte Konjektur des +Küsters werden Sie doch nicht glauben?" + +"Nein, gewiß glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie +sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines +Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen." + +"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt, +wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug? +Gewiß hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und +irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in +dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der mühselig und beladen kömmt, +offen steht." + +"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt," +antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich +auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich +nur halb weiß, und mein Idchen weiß mir vielleicht auch Dank, wenn +ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das +greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich +gewöhnlich abends mein Schöppchen bei ihm trinke und mir seit zehn +Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die nächsten +paar Tage an seiner Tafel, und er muß mein Kuvert neben das seines +bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein, +und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuß, so will +ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natürlich holt man weit aus +und fällt nicht mit der Türe ins Haus; aber ich habe schon mehr +solche Käuze ausgeholt, es ist nicht der erste." + + * * * * * + + + + +DAS DEJEUNER. + +"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie +ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das +machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas +Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem +Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche +Mädchen dahingehen sah; die zarten Füßchen schienen kaum den +türkischen Fußteppich zu berühren, der einfache, blendendweiße +Batistüberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmaß +dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche +Kräftigkeit! Er versank in Gedanken über das holde Geschöpf, das +allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfräuliche +Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine +Vaterstadt zurückkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie-- +nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, daß sie ihm +mit der hohen Glut der ersten jungfräulichen Liebe zugetan sei. Aber +wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch +wahrscheinlicherweise kein vernünftiges Ende nehmen konnte, durfte er +sie unterstützen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar +gemütskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen +und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.-- + +Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgerötet, sie trug einen +silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermädchen folgte mit +allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgerührt," sagte Ida +lächelnd, indem sie ihm einen Becher präsentierte; "ich kenne den +Geschmack meines Hofrätchens gar wohl, darum habe ich dieses +Frühstück gewählt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La +Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht, +Gesicht und Arme glühen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist +ganz delikat ausgefallen." + +Sie lüftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte +Überröckchen; eine himmlische Aussicht öffnete sich, der weiße +Alabasterbusen schwamm auf und nieder, daß der Hofrat die alten Augen +in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken. +"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er, +"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem +offenen leichten Überröckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen +käme!" Beinahe ebenso großen Respekt als vor ihren entfesselten +Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Mädchens. Die Schokolade +war so fein, so würzig, das rechte Maß des Weines so gut beobachtet, +daß er bei jedem Schlückchen zögerte zu schlucken. + +Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein +neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener +des Fremden führte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des +goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, daß sie wohl +beurteilen konnte, daß besonders das eine Pferd, ein majestätischer +Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschätzbarem Wert sei. Auch +Berner, der in allen Sätteln gerecht war, stimmte bei und pries die +einzelnen Schönheiten des Schimmels, besonders auch das elegante, +geschmackvolle Reitzeug. + +Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein +stattlicher Vierziger, trat gravitätisch aus dem Torweg und +bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zügel +des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschäft +nicht nehmen ließ, hielt er den Steigbügel. Emil von Martiniz, in +einem eleganten Morgenüberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von +dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels +und warf über ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenüber, wo +Ida neben dem Hofrat saß. + +Indem tönte der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden +Pferdes die Straße herauf; es kam näher, es war der junge Dragoner- +Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und +von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und +langte jetzt in vollem Wichs vor des Präsidenten Haus an. + +Nach Vorschrift der gnädigen Mama ließ er jetzt mit einem Blick auf +die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geübte +Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder +aufspringen wollte, scheute sein Roß an denen, die vor dem goldenen +Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon, +gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der +Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis +letzt noch immer den Bügel gehalten, flog rechts, der alte Diener +links, und _ventre à terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem +Rappen nach, überholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen +Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und kläglich schrien, riß sein +eigenes Roß herum, packte mit Riesenkraft den Ausreißer und brachte +ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der +liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfüßen dem Rappen nach, +murmelte einige Flüche, die wie ein Dank lauten sollten, saß auf und +jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen +Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt +wurde, zu achten, zurück, grüßte ehrerbietig an des Präsidenten Haus +hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt +weiter. + +Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie +hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den +gefährlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein +Pferd herumriß, auf die Gefahr hin, zu überstürzen; sie hätte mögen +mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als +er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruß so freundlich als möglich +zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie +fühlte, ward sie sich bewußt, wie teuer ihr der Mann war, der dort +hinflog. Das gepreßte Herz, die stürmisch wogende Brust rang nach +einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen +lassen; aber er drängte ihn zurück, als ihn das Mädchen so bittend +ansah, als sie seine Hand drückte und die hellen, vollen Tränen aus +den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, +Hofrat? Aber über solche Szenen kann ich nicht anders, muß ich +unwillkürlich weinen. Lachen Sie nur nicht über mich! Es würde mir +gerade jetzt recht wehe tun." + +"Gott bewahre mich, daß ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn +eines im höchsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht +man gewöhnlich nicht." Er dankte ihr für ihre Schokolade, nahm Stock +und Hut und ließ das Mädchen mit ihrem siebzehnjährigen, von dem Keim +der ersten Liebe stürmisch bewegten Herzchen allein. + + * * * * * + + + + +DER BRIEF + +Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um +ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida +wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter! +dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen, +so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig oder doch +ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander +wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Präsidenten, der gewöhnlich vor +dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte; gegenüber hatte er +das liebe Aprillen-Kind und nötigte sie durch sein beredtes +Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke +zum Lachen oder Rotwerden. + +"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Präsident, +"hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch +Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die +Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom +Minister-Staatssekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten +Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als +Präsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen. +Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen +Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die +Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding für meinen Tod nicht +leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt." + +Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär +von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und +begann: + +"--Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein +sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde, +ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter +Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre +plénipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im +Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich +bedeutende Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen +Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich +im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz können, wenn solches gelingen +sollte, auf großen Dank höhern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als +altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande +ansiedelte und sein Vermögen hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein +Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird." + +Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch +errötet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief +weg zu ihr hinüber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam, +wurde die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für +Idas bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach +ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den +Wangen des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief, +und eine Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl +sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das +verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab. + +Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die +natürliche Tochter des Fürsten .....; von ihm mit ungeteilter +Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermögen ausgestattet, lebte +sie in der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre +verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte +den Grafen Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr +nur seinen Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz; +sie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen +wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hörte man +von der Gräfin, daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes +führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so +viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich +nicht entblöde, mit dem Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen +ihr gefielen. + +So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in +der Residenz die reine jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin +zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war, +wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit +zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren +Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war, +sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge +von Wehmut, dem gefühlvollen, sprechenden Auge-- + +Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte ihn +dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. "Nun, was sagen Sie +zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Präsident. "Wahr ist es, der +Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht +hinauslassen darf, ja, ja,--man muß negoziieren, daß er in unserem +Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um +zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß, +See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis +ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet +von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der +Fürst übernehmen müßte; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du +kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?" + +"Nie!" antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer +nicht vom Teller auf. + +"Nie?" fragte der Präsident gereizt. "Ich will nicht hoffen, daß die +gnädige Gräfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat +sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?" + +"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie +dazu, hinzugehen." + +"Was der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges, +gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen +und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe +liiert ist, refüsieren?" + +"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen," +antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; "man +hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen +Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu +bleiben." + +"So sieht es dort aus?" fragte der Präsident kopfschüttelnd. "Nun, +nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber +weg. Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure +eigenen Grundsätze; nur wäre es wegen der jetzigen Verhältnisse +besser gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier +in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre +ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft +die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Gräf in +Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz +negligiertest?" + +"Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und +lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten +auffiel. + +"Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt," sagte dieser, "als +kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem +Fundament." + +"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," lächelte Berner; +"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--" + +"Wie," unterbrach ihn der Präsident, "er ist schon hier? Und wir +schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--" + +"Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete +jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich." + +"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat +Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?" + +"Nein--ja--" antwortete Ida, noch höher errötend. "Ich habe mit ihm +getanzt, das ist alles." + +"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein +ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?" + +"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis +vierundzwanzig Jährchen haben. Übrigens können Exzellenz seine +Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drüben im Mond." + +Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie +der junge Mann am besten zu halten sein möchte; denn er trieb alles +gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog, +rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich +zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und +der Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium. + + * * * * * + + + + +OPERATIONSPLAN. + +Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein +Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde, +zwang sich, obgleich ihm die wehmütige Freundlichkeit in Idas +Gesicht, ihr tränenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat, +zum Lächeln. "Nun, wer hätte es," sagte er, "wer hätte es dem +leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, daß er drei Milliönchen +habe? Wie dumm ich war, daß ich glaubte, er weine in seinem Landau, +weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer hätte es dem trübseligen +Schmerzenreich angesehen, daß er bald eine so glänzende, lustige +Partie machen würde!" + +Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten +Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte, +auszusprechen habe. + +"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schließen, mein +liebes Aprillen-Wetterchen, daß die Gräfin Aarstein ihre Schulden +nicht zahlen kann, daß--" + +"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Tränen; "es ist +gewiß nur das reine Mitleiden, was mich nötigt, auszusprechen, was +sonst nie gesprochen worden wäre. Sehen Sie, dieses Weib ist die +Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, daß ein ehrliches +Mädchen erröten muß, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Prüfen Sie +den jungen Mann da drüben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er +edel ist und trotz seines Reichtums unglücklich, so machen Sie, daß +er nicht noch unglücklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen, +die man um ihn legen wird, zu reißen--" + +"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah +ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles trügt, hängt das +Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der +Minister ködern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will +alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will +ihm die Augen auftun, daß er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt, +will machen, daß er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei +Millionen ins Land zieht, will machen, daß er mein Mädchen da lie--" + +"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prußte ihm +das kleine, weiche Patschhändchen auf den Mund, daß er nicht weiter +reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionär mag ich gar +nicht; es wäre ganz gegen meine Grundsätze; nur die Schlange im +Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom übrigen kein Wort mehr, +unartiger Mann!--" + +Verschämt, wie wenn der Hofrat durch die glänzenden Augen +hinabschauen könnte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die +Gedanken sich insgeheim drängten und trieben, sprang sie auf und an +den Flügel hin, übertönte die Schmeichelworte des Hofrats mit dem +rauschendsten Fortissimo, drückte sich die weichen Knie rot an dem +Saitendämpfer, den sie hinauftrieb, um die Töne so laut und schreiend +als möglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den +Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen +keinen Raum hatte, zu übertäuben. + +Verzweiflungsvoll über den halloenden Schmetter dieses Furioso +enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Türe +geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden +Akkorde lösten sich auf in ein süßes, flüsterndes Dolce, sie ging +über in die schöne Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand +führte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten +Leben herauf stiegen; durch alle Töne des weichsten Moll klagte sie +ihren einsamen Schmerz, bis sie fühlte, daß diese Töne sie viel zu +weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzulösen, +schnell wie ihre Hoffnung endete. + + * * * * * + + + + +DIE MONDWIRTIN. + +Im Goldenen Mond drüben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage +vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die +Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anständig +als möglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen +eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein großes Sofa zum +Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das +rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat überflüssiger Tassen und eine +bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das +Teezimmer. Auch an der _Table d'hôte_, wo sonst nur einige +Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren, +Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen saßen, waren +bedeutende Veränderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das +feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten +Straßburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt +wurden. + +Daß ihr angesehener Gönner und spezieller Freund, der Hofrat Berner, +jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem +Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren +in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren +neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier +Postpferden, den aus Leibeskräften blasenden Schwager darauf, +vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf, +sagte sie gleich zu ihrem Ehezärter: "Gib acht, das ist was +Vornehmes." + +Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,-- +die Kommoden in den drei Zimmern öffnete, ihm die Kleider und Wäsche +seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da +schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Hände zusammen. Sie hatte +doch von ihrer Mutter gewiß recht feine, sanfte Leinwand zum +Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese +Hemden, diese Tücher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweißes +konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses. + +Es ist kein übles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen +abgelegt hat und Grafen und Barone im nämlichen Gewand wie der +Bürgerliche erscheinen, daß die Frauen dem Fremden, der zu ihnen +kommt, nach dem Herzen sehen, das heißt nach seiner Wäsche. Ist sie +grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, daß der Herr aus +einem Hause sein müsse, wo man entweder seine Erziehung sehr +vernachlässigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war. +Wo aber der bläuliche oder milchweiße Glanz des Halstuches, die +feinen Fältchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da +findet gewiß der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie +immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhält. + +Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schönheitssinn, +diese angeborene Vorliebe für schönes Linnenzeug in ihrer oft +schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine +Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden +dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefältelten Busenstreifen, +bald mit, bald ohne Manschetten aus den geöffneten Koffern +hinüberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und +Sacktüchern kam, wovon sie jedes zum höchsten Staat in die Kirche +angezogen hätte, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie +fürstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiß die gnädige Frau +Mama ihm mitgegeben?" + +"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort. + +"Ist sie tot, die brave Frau, die so schöne Linnen machte?" sagte die +mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnädigen Fräulein Schwestern haben--" + +"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Gräfin Crescenz." + +"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite +Prachtwäsche verfällt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir +denken, der gnädige Herr Papa Exzellenz--" + +"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit +einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte. + +"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schönen +Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die +ihn lobt, daß er alles so ordentlich gehalten, und keine Fräulein +Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich +mir denken, warum der gnädige Herr immer so schwarz angezogen ist und +so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist +recht zum Erbarmen." + +"Ja, wenn's das allein wäre!" seufzte der alte Diener und wischte +sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als hätte er schon zu viel +gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt, +heran und schloß auf. Die Wirtin hätte für ihr Leben gerne gewußt, +was sonst noch für Unglück den bleichen Herrn verfolge, daß der +Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht, +den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehörig imponierte, +darüber zu befragen; auch schloß der Anblick, der sich jetzt darbot, +ihr den Mund. + +Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so +recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch, +ein hübsches helles Kleid müßten ihn von selbst freundlicher machen. +Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt, +doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte +in früherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im +Quartier gehabt, schöne Leute, hübsch und geschmackvoll gekleidet; +später, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen +und Preußen dagewesen, große stattliche Männer wie aus Gußeisen. +Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die früheren +Gäste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch +auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser +Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und +Bürgermilizkamisölern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf, +wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht; +nein, es war nicht möglich, etwas Schöneres, Feineres zu sehen als +dieses Tuch, das wie Samt glänzte, das brennende Rot an den +Aufschlägen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den +Achselschnüren. + +"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte +sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen +schien. "Möchte man da nicht gleich selbst in die mit Seide +gefütterten Ärmel fahren und das spannende Jäckchen zuknöpfen? Und, +weiß Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der +Schneider wollte sich selbst nicht glauben, daß die Taille so fein +und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern +und Zagen, es möchte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiß, +wie es zugeht, sie war zwar über seine breite Heldenbrust gerade +recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein +Schnüren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststücke. Der +Schneider machte einen Sprung in die Höhe vor Verwunderung; er konnte +es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment ließen sich +Korsette machen mit Fischbein, schnürten sich zusammen, daß man hätte +glauben sollen, der Herzbündel wolle ihnen zerspringen, und dennoch +rissen die Knöpfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu +viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt +wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!" + +"Es ist unbegreiflich, was es für herrliche Leute unter den Militärs +gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andächtig staunend. + +"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da +anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den +silbernen Rädchen an den feinen Absätzchen,--denn Füßchen hat er +trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten +auf die Brust hängen, den Ehrensäbel, den sein Herr Vater vom Kaiser +bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den +Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Mädchen wäre, ich flöge ihm an +den Hals und küßte ihm die schwarzen Locken aus der schönen Stirne. +Und dabei war er so fröhlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig +blitzend, und alles hieß ihn nur den schönen, lustigen Martiniz. Das +alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu, +indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode +legte, "da liegt das schöne Kleid, nach dem Zehntausend die Finger +leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es +noch so liegen!" + +"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich +nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht +Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger +Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glänzen könnte? +Warum denn?" + +Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er über +diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche, +appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart für eine +derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich. +"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil +wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswörtchen +mehr aus ihm herauszubringen. + + * * * * * + + + + +DER POLNISCHE GARDIST. + +Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzählt, der sich in dem +schönen Speisesaal wohl eine Stunde früher als die übrigen Gäste zur +Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm +dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und +nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschüttelt; als sie zu Ende +war, dankte er für die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren +wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet? +Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde +gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch über Leben und Treiben +fangen Sie hie und da ein Wörtchen weg, aus dem sich viel schließen +läßt." + +Die Geschmeichelte lächelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte +meine Gäste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jährchen auf +einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von außen und innen. +Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein +Mann, der sich sonst auch nicht übel auf Gesichter versteht, sagt: +'Wenn es nicht ein Polack wäre, so mußte er mir ein Engländer sein, +der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Engländer, die +den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die +seien griesgrämig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen, +nehmen Sie nicht übel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt +als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgrämig +aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglück; denn die Wehmut +schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus. +Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit +ihm, vielleicht, daß man da etwas mehr erfährt als von dem alten +Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die +Stirne in die hohle Hand gelegt, daß ich meine, er schläft oder hat +Kopfweh. Drüben spielte gerade die Fräulein Ida auf dem Flügel so +wunderschön und rührend, daß es eine Freude war. Dem Grafen mußte es +aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem +dunklen Auge, als er sich nach mir umsah." + +"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat. + +"So gegen vier Uhr ungefähr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich +mit seinem sinnenden Auge maß, da muß ich feuerrot geworden sein; +denn da fiel mir ein, daß doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten +umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht +so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit +denen man kurzen Prozeß macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich +wollte nur gefälligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis +zufrieden seien?' hub ich an. + +"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame wäre, holte mir,--denken +Sie sich, so artig, als wäre ich eine polnische Prinzeß,--einen Stuhl +und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr +freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, daß es nicht so +recht von Herzen gehen will. + +"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Straße +gefiel ihm. Das Gespräch kam auf die Nachbarschaft und auch auf +Präsidents Haus; ich erzählte ihm von dem wunderschönen Fräulein, die +erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswürdig +sei, von dem alten Herrn drüben, und daß die gnädige Frau schon lange +tot sei, und ich hatte mich so ins Erzählen vertieft, daß ich gar +nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte +ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!" + +"Schade! Jammerschade!" lachte Berner über die sprachselige Wirtin. + +"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo +es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schön ist, sitzt +mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht +vernünftig,--sitzt es im Garten und weiß nicht, daß ein so vornehmer +Herr hinter ihm steht. Ich war in der Küche und sah alles mit an; +mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein +schwäbisches, ich weiß nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der +Graf hinter ihr steht, fängt der Unband an zu singen: + + "''n bissel schwarz und 'n bissel weiß, + 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch, + 'n bissel weiß und 'n bissel schwarz, + 'n bissel falsch ist mei Schatz!' + +"Ich glaube, ich muß vor Scham in den Wurstkessel springen, daß mein +Kind so ungebildetes Zeug singt; was mußte nur der Graf von meiner +Erziehung denken! Ihm aber schoß das helle, klare Schmerzenswasser in +die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, +herzte und küßte es; daß mir brühsiedheiß wurde, und fragte, wo sie +das Liedchen her habe. + +"Das Kind weiß vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf +aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und +verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und +zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich hätte ihm befehlen mögen, +wie ich hätte mögen, es hätte nicht gesungen. Der Taler aber tat +seine Wirkung; sie sagte ihr Sprüchlein ganz mir nichts dir nichts +auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie +wenn es so sein müßte. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der +Sparbüchse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, daß +sie es in zwölf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch +zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen +Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._" + + * * * * * + + + + +DER HOFRAT AUF DER LAUER. + +Die Gäste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen. +Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm nächstens +wieder zu erzählen. Der Hofrat sann nach über das, was er gehört; die +Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte, +gingen ihm wie ein Mühlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen +Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot, +und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies +_allein_ wäre!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein? +Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie könnte +er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er +traurig,--wie könnte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine +Gräfin Aarstein auf die Freite gehen? Unmöglich!--Hätte, wenn jenes +doch der Fall wäre, hätte Ida auf ihn einen solchen Eindruck--" + +Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf +ihn einen großen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar +sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr, +und sein ernstes Gesicht, wie klärte es sich auf, als sie ihn im +Kotillon holte! Heute früh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie +heraufgeworfen, als hätte er eine Congrevesche Batterie hinter den +Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die +Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen, +anfangen zu sieden? + +Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des +Mädchens gefühlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so gerührt +davon, daß ihm die hellen Tränen hervorperlten, als der gute Graf +Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast +verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich +hinein und rieb sich unter dem Tisch die Hände; "bin neugierig, ob +diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem +guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretär +Superklug und Übergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen, +extrafeinen Kniffen; mir muß das Goldfischchen in das Netz, mir muß--" + +"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das +Vergnügen--" tönte dem alten Träumer, der über seinen staatsklugen +Plänen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt +erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der +sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er hätte vor Schrecken in den +Boden sinken mögen; denn sein erster Gedanke war, dieser müsse seine +Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich +erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit +sich selbst gesprochen habe. + +Die Nähe des Fremden übte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat +aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwärmerischen +Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch +auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als müsse +er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine +Blöße zu geben oder einen seiner Pläne zu verraten. Die gewöhnlichen +Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente über seine +Reitfertigkeit, mit welcher er heute früh einem Kinde das Leben +gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne daß er über des +Fremden Gesinnungen nähern Aufschluß bekommen hätte. Es kam an die +Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne +Güter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, näher +beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein +Wörtchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder +kaufen. + +Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die +Residenz, das angenehme Leben dort, die Schönen der Stadt und des +Hofes; jetzt mußte er etwas sagen, es mußte sich zeigen, ob er die +Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schönen Anstalten +dort, von der Militärverfassung, schien namentlich über die +Kavallerie sich gerne genauere Aufschlüsse geben zu lassen, aber +kein Wörtchen über die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade +eine trefflich bereitete _Ortolane à la Provençale_, seine +Leibspeise, am Mund und einen tüchtigen Biß hineingetan, da wandte +sich Martiniz zu ihm herüber und fragte, ob er nicht in der Residenz +die schöne Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane +auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt +mußte ja die Gräfin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schöne +Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen +habe." + +Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn +solange er ja über das Verhältnis des Polen zur Gräfin Aarstein +nichts Gewisses wußte, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als +die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen +Nachbar ein, mit ihm noch ein Stündchen zu trinken. Berner sagte zu +und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann +zuvor durch seine äußere Persönlichkeit imponiert, so gewann er jetzt +ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch, +dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Würze zu geben +verstand, aufgetaut, eine so glänzende Unterhaltungsgabe entwickelte, +wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und +gehört hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein +Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, daß er und +sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte +bemerkte nämlich bald, daß der Graf auf allerlei Umwegen sich immer +nur einem Ziele, nämlich Ida, nähere. Er konnte dieses Flankieren dem +Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst +der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen +wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre +eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdrücken. Der Ulan umschwärmt +seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Blöße entdeckt, und sucht +auf geflügeltem Roß das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve +sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte +sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als +er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und +dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf +Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren. + +Er glaubte den Hofrat drüben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem +Ball ein engeres Verhältnis bemerkt zu haben; er pries des Mädchens +königlichen Anstand, der sie vor den übrigen Freilinger Damen so hoch +erhebe; er lobte die Zurückhaltung, mit welcher sie die ungestümen +Herren zurückgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit +sie unbewußt sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schöne Röte +war durch das warmgewordene Gespräch auf den Wangen des jungen Mannes +aufgegangen, jener Zug von Unglück und Wehmut, der sich sonst um +seinen schönen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem +feinen, holden Lächeln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem +Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es +bis zum letzten Tropfen so andächtig aus, als hätte er in seinem +Herzen einen Toast dazu gesprochen. + + * * * * * + + + + +DER SELIGE GRAF. + +"Herzensjunge! liebstes, bestes Gräfchen! Söhnchen! Goldpoläckchen!" +alle Schmeichelnamen hätte der Hofrat ausschreien, den trefflichen +Redner an sein Herz reißen und mit väterlichen Küssen bedecken mögen +--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei +seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude +über eine glückliche Entdeckung, über einen unverhofften, köstlichen +Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrüche des +Vergnügens wieder hinunter, faßte den Grafen nur mit einem recht +zärtlichen, seligen Blick und bestätigte weitläufig sein treffendes +Urteil. Er beschrieb ihm das Mädchen, wie er es, seit es den ersten +Schrei in die Welt getan, kenne, wie es früher ein lustiger, +fröhlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau +herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und +allen Dingen, die ein Mädchen zieren, als da sind: Stricken, Nähen, +Schneidern, Sticken, Kochen, Früchteeinmachen, Backen, Blumenmachen, +Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es +in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft +eingenommen, doch immer seinem Sinn für reine Weiblichkeit gefolgt +sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden, +wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe. + +"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn +beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, für +alles Schöne und Gute glühende Herz sich in der Residenz so vor aller +Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewöhnlich bei +solchen Mädchen über Eiskälte und Phlegma; aber Gott weiß, +_diesem_ Mädchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere +jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos +schlendern sie einher auf den Bällen, stehen sie scharweise zusammen, +gucken durch Gläser von Nr. 4 und 5, die für Blinde scharf genug +geschliffen wären, nach den Reizen der Ballschönen, lassen ganze +Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu +einem Walzerchen und Kotillönchen her, so meint man, sie wollen den +letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedörrten +Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schönen, in der Fülle +der Kraft strotzenden Mädchen, das zwei solcher Flederwische an die +Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das +sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen +Augen und verstohlenem Lächeln sein Ideal vormalt und vorträumt, kann +man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und +kalt abweist? + +"Ein solches Mädchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im +Leib haben! Habe ich doch über mein Goldmädchen gestern abend solche +Urteile hören müssen; geschossen hätte ich mich um sie, wäre ich nur +dreißig Jahre jünger gewesen. Sie hätte kein Feuer? Habe ich nicht +gesehen, wie sie heute früh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten, +das Fenster aufriß und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefühl! Und +dies es Mädchen hätte kein Feu--" + +"Das hat sie getan?" fragte der glückliche Martiniz, bis an die Stirn +errötend. "Sie hat das Fenster ein wenig geöffnet und herausgesehen?" + +"Was öffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber +aufgerissen hat sie das Fenster, daß sie mir den Schokoladebecher +beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen +Sie, so ist das Mädchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schönes, +wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwärmerisch empfindsam, wenn +sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die +leere, schale Alltäglichkeit sich ihr aufdrängen will." + +Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende +Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der +nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er +so viele Anklänge, daß dieses wehmütige, traurige Herz, das solange +nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Tränen, im +stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten +unter dem Ordensband hob, das es von außen zierte. + +Er sagte dem Hofrat, daß er, wenn es möglich wäre, während seines +hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den +würdigen Herrn Präsidenten Gebrauch machte, das er heute durch den +Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretär bekommen habe. +Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzuführen und seine Abende +im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei +sich lachte er aber über den Staatssekretär, der seine Sachen so +geschickt einzufädeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit +seinen drei Milliönchen, aber die Gräfin soll ihn nicht bekommen, +dafür steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein +Toastchen und ließ mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick +die künftige Frau Gräfin leben. Vivat hoch! scholl es in allen +Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h-- + +Da brummte in dumpfen Tönen die Glocke vom Münsterturme elf Uhr. Mit +wehmütigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den +erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, daß er noch einen +Besuch machen müsse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin +der unglückliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte +sich dann in seinen Stuhl zurück, um über das, was diesen Abend +besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen +Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann +so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs, +so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit +bei drei Millionen Talern; so hohe männliche Schönheit und doch nicht +jenes eitle, gefallsüchtige Sichzeigenwollen, das schönen jungen +Männern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiß +beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst +einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zornglühendem +Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben +verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Männern!" wütete sie, +"hätte ich doch mein Leben eingesetzt für diesen Herrn Grafen, hätte +geglaubt, er wäre ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder +Liederlich, die an jede Schürze tappen--" + +"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln +gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt, +Frauchen?" + +"Was ich habe? Möchte da einem nicht die Galle überlaufen? So ein +schöner, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen würde, +in nähere Bekanntschaft--geht auf nächtlichen, liederlichen Wegen, +glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine großstädtische +Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehüllt, ist er zum Torweg +hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man +solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Türe schlage ich +ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der +bei Nacht und Nebel nicht weiß, wo er steckt." + +"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat, +wieder freier atmend; "da dürfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf +schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich +weiß wo, darf es aber nicht sagen." + +Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie +freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor? +Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich ärgere mich nur, daß +ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen, +unsern jungen Herren ist nicht mehr über die Straße zu trauen. Sagen +Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er könnte mich mit +einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe +zu meinem Nebenmenschen." + +Der Hofrat lächelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und +zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Röte auf die hübschen +Wangen, sie wußte nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zürnen +solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr: +"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche-- +Eifersucht!" + + * * * * * + + + + +GUTE NACHRICHT. + +Man hätte glauben sollen, das Haus des Präsidenten sei ein großer +Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvögel, Stärchen +und alle Gattungen gefiederter Bewohner wären. Es hüpfte etwas Treppe +auf, Treppe ab; ein süßes Stimmchen hörte man bald in gehaltenen, +wehmütigen Tönen singen, bald in fröhlichen, scherzenden Rouladen +jauchzen und jodeln wie die Kanarienhähnchen, bald zwitschern und +plaudern wie Stärchen; aber Hähnchen, Nachtigallen und Stärchen, sie +alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor +Sehnsucht, vor Langeweile und Geschäftigkeit Treppe auf- und abflog, +mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begrüßte und neckte, +allen zugleich befahl und schalt. + +Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des +Staatssekretärs geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr +gekommen und hatte sie förmlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen +sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch +so,--mußte man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher +zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner +Abreise mußte ihm ein kleiner Hausball gegeben werden. + +Das selige Mädchen drückte die Augen zu und biß die +_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach +ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernünftigste--sollte man +ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann +zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja +ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens +schließen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklärte ihm, wie +sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe. + +"Es würde dem guten Grafen ein wenig kleinstädtisch vorkommen, +wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir +müssen einen Bedienten hinüberschicken und ihm sagen lassen, daß wir +ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten +Direktors Pauline und Fräulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen +oder den andern Ihrer jungen Räte dazu. Ich mache die Honneurs beim +Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem +Grafen sagen Sie, Sie wünschen ihn öfter bei uns zu sehen und +namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet +man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe +ich eines Tages recht flott und anständig, Sie, lieber Papa, geben +ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen, +ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es +wäre unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist +recht hübsch, übrigens darf nur _er_ allein merken, daß es _ihm_ +zu Ehren geschieht; wir würden uns lächerlich machen, wollten wir den +Leuten sagen, daß wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann +ja heißen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus." + +Papa Präsident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte, +daß man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder +die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die +Schlüssel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller übergeben, +und das Mädchen rumorte jetzt als tätige Hausfrau in dem großen +Gebäude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gäste empfangen. Sie +sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er mußte, wenn er nur +halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens +viermal herüberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch +selig das Mädchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und +zu rumoren, und schon um zwölf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es +heute abend sein mußte. Erschöpft von den Haushaltungsgeschäften, +warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend +schon recht selig zu träumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend +recht schön mache, daß er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre +beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von +seiner Stirne zu bannen, so--o, es mußte einen herrlichen Abend +geben; da fiel ihr auf einmal die Gräf in Aarstein ein, und alle +Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Träne auf Träne stahl +sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf +die Welt bitterböse. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein +wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar +zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie +auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit +triumphierender Miene, daß sie vor der Aarstein nicht bange haben +solle; er habe gute, köstliche Nachrichten, die dies vollkommen +bestätigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie +hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von +der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen, +der gute Hofrat! Aber wo ist ein Mädchen, das die Flamme der ersten, +reinen Liebe im Herzen trägt, wo ist ein solches Engelskind, das +nicht in ein paar Stunden die größten Fortschritte in der Kunst zu +schließen und zu berechnen gemacht hätte? Man sprach so viel von +magnetisierten Schläferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele +gelehrte Bücher über solche seltene Erscheinungen, und wie gewöhnlich +ließ man, was am nächsten lag, unbeachtet! Das sind ja die +eigentlichen Clairvoyantes, die Mädchen mit der ersten, kaum +erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen +niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit +der schärfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das +Auge des Geistes geöffnet, daß sie in den Herzen lesen. So auch Ida; +sie merkte dem Hofrat wohl an, daß er mehr wisse, als er sagen wolle; +mit der Gräfin war es nichts, aber ebensogut mußte er wissen, daß es +auch mit keiner andern etwas sei, sonst hätte er nicht so vergnügt, +nicht so schelmisch gelächelt. Er wußte,--das sah die neue +Clairvoyante jetzt hell und klar,--er mußte sogar wissen, daß +Martiniz _sie_-- + +O! wer das Mädchen jetzt gesehen hätte, wie es das Köpfchen in die +Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom süßen Schauer der +ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der +jungfräuliche Busen zitterte und hüpfte, wie ein nie gekanntes Gefühl +wie eine Mitternachtssonne in den Nächten des Nordpols im Tiefsten +ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging! +Wahrlich, es liegt eine rührende Zaubermacht in einem solchen +Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des +jungfräulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von +welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt! + + * * * * * + + + + +DER LANGE TAG. + +Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so +träge hin! Sie konnte sich ordentlich über sich selbst ärgern, daß +sie schon heute früh das Teezeug gerüstet hatte; sie fing an zu +arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurück. +Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst +mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar +zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken +recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blätter und Blättchen +zusammenband--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie nähte so +wunderhübsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und +gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging +ihr so schnell von der Hand, daß es eine Freude war. Ihre Freundinnen +in der Residenz hatten sich immer Stücke von Paris und London kommen +lassen; da waren die schönsten Girlanden von Rosen, Astern, alle +möglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen, +daß die Damen nach ihrem Belieben hinein nähen konnten, was sie immer +wollten; natürlich stachen meistens die schönen Pariser Girlanden +sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur +ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geübter +Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig, +die Idas Arbeit für Zauber, für nicht möglich gehalten hätten, wenn +sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden wäre. Sie +hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fußkissen für Papa +angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich +selbst nicht begreifen, wie sie früher so langweilige Arbeiten +machen, Stich über Stich und immer wieder Stich um Stich machen +konnte--zurückgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer +Kreide so fein, so gefällig für das Auge, daß sie der Stolz ihres +Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermüdlich gewesen; +wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten +Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur +Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag übergeben hatten, so +hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen +Bildern an, daß sie _con amore_ ausgeführt waren; denn hatte sie +einmal etwas angefangen, so mußte es auch vollendet werden. Sie hatte +eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie öffnete +jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel +versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht +viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald +wurden die Striche zu dick und mußten verwischt werden; sie wurde von +neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu +ungeduldig oder die Kreide zu grobkörnig?--alle Augenblicke brach +sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, daß sie +kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady +Macbeth vor ihren eigenen Händchen, packte die Madonna schnell ein +und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog +alle Schubfächer heraus, wühlte in Blonden und Bändern und besah sich +Stück vor Stück, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert; +aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen? +Schnell Schmuck, Bänder und Blonden in die Fächer und zugeschlossen! +Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht +zerstreuen. + +Endlich, endlich schlug es fünf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch, +ohne sich von ihrem Zöfchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen. +Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie wählen sollte; einen +vollen Anzug oder ein Hausnegligé? In der Residenz hätte sie, ohne +sich zu besinnen, das erstere gewählt. Dort fing ja der Tag +eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie +dort kein Negligé wählen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen, +der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Negligé +für den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fräulein, die +sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen würden. Sie +wählte daher ein feines Hausnegligé, ein allerliebstes weißes +Batistüberröckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande +noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie glücklich hatte sie +gewählt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Überröckchen zeigte +den in jugendlicher Frische blühenden Körper; den Teint hob zwar +keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so +blendend weiß, daß er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar +wurde dafür so sorgfältig, so glänzend als möglich geordnet. Die +seidenen Ringellöckchen schmiegten sich eng und zart um Schläfe und +Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzückend, daß sie sich +selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte, +als sie ihre höher geröteten Wangen, ihr glänzendes Auge sah, mit +Lust und heimlichem Lächeln sich gestand, heute ganz besonders gut +auszusehen. + +Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der +große Lüster verbreitete eine angenehme Helle über das ganze Zimmer. +Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben +ihr mußte der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr +zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in +voller Parade, die goldenen Löffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen +mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht übel +zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem +Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm, +kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Hüllen +gefällig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in +Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit für +sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten +in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor. + +"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar +Schritte aus dem Goldenen Mond herüber machte er wohl ohne Wagen; die +Flügeltüre rauschte auf--Fräulein von Sorben! "Wenn nur die andern +auch bald kämen," dachte Ida, indem sie das Fräulein empfing; denn +diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war +wenigstens acht Jahre älter als Ida, spielte aber doch immer noch das +naive, lustige Mädchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen +Korpulenz, die sich für eine junge Frau nicht übel geschickt hätte, +schlecht paßte. Sie mußte übrigens von Präsidents mit Schonung und +Achtung behandelt werden, weil sie einigermaßen mit ihr verwandt +waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen +bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals, +nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle mögliche süße, +verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen +Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides +glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken +werde. Kaum hatte Ida zögernd, als würde er dadurch entheiligt, den +Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige mühselige +_Entrechats_ und küßte Ida die Hand: "Wie danke ich dir für +deine Aufmerksamkeit, daß du mich zu ihm eingeladen hast! Du +bemerktest gestern gewiß auch, wie er mich mit seinen schwarzen +Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute früh, ich hatte mich +kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem +Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en +passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du +weißt, junge Mädchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen +es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat." + +Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach +der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem +Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und überzeugte +sich, daß Emil nicht nach der Cousine geschaut haben könne. Das "mein +guter Graf" und das "wir jungen Mädchen" aus dem Munde der alten +schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, daß sie, statt in +Eifersucht zu geraten, des heitersten, fröhlichsten Humors wurde. "O +du Glückliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen +machen könnte!"--"Es gehört nichts dazu, mein Kind, als Routine, +nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell +nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muß sie geben. Du bist +hübsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schönen +gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jährchen +ins Land kommen, angelst du Grafen, als hättest du von Jugend auf +gefischt." + +Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten +Jubel aus. "Das wäre schön, das wäre herrlich, Grafen fangen!" rief +sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im +rasenden Schnellwalzer um den Teetisch. + +Von Anfang ließ sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen, +obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken +geschnürt war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wußte, wenn +man nur erst aufhöre zu tanzen, so werde man gleich unter das alte +Eisen gezählt, und gab sich also alle Mühe, leicht zu tanzen. Als +aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen +hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da +stöhnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hö--re auf!" Aber Idchen riß +sie noch einmal herum und ließ sie dann, weil sie das Geräusch der +Kommenden hörte, atemlos und bis zum Tod gepreßt vor der Flügeltüre +stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde. + + * * * * * + + + + +DER TEE. + +Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kräftiger +Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner würdigen Haltung, +war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmütige +Ernst, der auf diesem schönen Gesichte lag und ihm einen so +unendlichen Liebreiz gab, waren die Träume der Ballnacht wieder +aufgestiegen, um süße Erinnerungen zu flüstern?--Ida stand +versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie hätte viel darum +gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu dürfen! +Sie hätte ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat +Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber +diese hätte sich in diesem wichtigen Moment selbst Schläge geben +mögen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie +benommen. Was mußte er nur von ihr denken? War sie doch gerade +aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln +vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten +Salons ohne Ängstlichkeit bewegt, und hier stand sie errötend, mit +niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstädtisch "von der +Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige". + +Aber bei dem feinfühlenden Manne, der schon früher ihren Anstand, +ihre Würde, ihre Erhabenheit über jedes Verlegenwerden bewundert +hatte, erhöhte gerade diese süße Verlegenheit den Wert des Mädchens. +Mit unendlicher Gewandtheit wußte er sie aus der peinlichen +Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszuführen; in wenigen +Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Mädchen +wie früher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese +war, als die Flügeltüre aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei +Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos, +nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepreßten Busens +arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch +immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu +Atem gekommen; sie ließ also nur einen Liebesblick auf ihn +hinüberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber +wieder Atem geschöpft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu +kichern und erzählte, daß sie für ihr Leben gern tanze und daß es ihr +und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Füße +gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur +der Hofrat zuzuhören; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen +hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespräch, daß er auf das +Geschnatter der Dicken nicht hören konnte. Sich so vernachlässigt zu +sehen, konnte das fünfundzwanzigjährige Kind nicht dulden; sie erhob +also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf, +dachte sie, nein, einen so verschämten Anbeter hatte sie noch nicht +gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber +der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, daß +er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen nötig, +um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida +ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen +warmes Wasser strömen ließ, um sie in dem Gümpchen zu reinigen; wie +allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie +verbindlich wußte sie die Tasse zu reichen; ach, er hätte sich auch +die Butterbrötchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Bedürfnisse +viel lieber von ihr reichen lassen als von den fünf reich galonierten +Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an +allen ihren Bewegungen! Und Ida hätte nicht das pfiffige Mädchen sein +müssen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefühl bemerkt +hätte, das für sie in seiner Brust lebte. + +Die Gesellschaft war nach und nach größer geworden; der Präsident +hatte einige seiner jungen Assessoren und Räte mitgebracht, einige +junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die +Freilinger mußten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich +schrecklich ennuyierte, gestehen, daß sie selten einen so geselligen, +interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, daß der +Präsident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast +zu erheitern; dadurch werde das Gespräch allgemein und anziehend. Es +ist eine alte Erfahrung, daß der allgemein anerkannte Wert des +Geliebten ihn in den Augen seines Mädchens noch unendlich reizender +macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so +ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespräch +mit den Männern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen +von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte, +seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespräch zog, +die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhörte und ihr Urteil +weiter auszuführen und unbemerkt so zu drehen wußte, daß es wie etwas +Bedeutendes klang, sein glänzender, lebhafter Witz, den ihm das immer +rascher fortrollende Gespräch entriß--dies alles gewann ihm die +Achtung der Männer, riß die Herzen der Damen zu dem glänzenden +Fremden hin. + +Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine +Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo +die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kühnen Ideen nicht +mehr folgen konnten, da fing für sie erst die rechte Straße an, sie +plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte, +scherzte in Witz und Schwank, daß dem Präsidenten vor Freuden das +Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden +war. Er nahm sich in seinem Entzücken vor, gleich morgen ein +Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine +so glänzende Weltdame mit ungetrübter Unschuld und Natürlichkeit +erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_ +Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Häusern +der Residenz für eine sehr feine und anständig erzogene junge Dame; +doch war sie dort ernst, zurückhaltend, so daß, wer sie nicht näher +kannte, über ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein, +eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten +Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten +ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes +ans Licht gelockt. + +Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das +Gespräch noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins +rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurückgezogen +und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, daß der Graf, je +länger er mit dem süßen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das +geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte +Mädchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensgüte +entfaltete, immer mächtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als +er ihm von des Mädchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden +erzählte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus +seinen Zügen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz +gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem +Unglücklichen nicht für möglich gehalten hätte, sogar recht herzlich +lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er +sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklärter Cherub. + +Kam übrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm +die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle +erdenkliche Mühe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte +sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, daß ihr das Wasser +daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das für ihn strahle? +Hatte sie nicht alle naiven Künste aufgeboten, um seine +Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die +kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen +Mann weggeschnappt. Sie warf allen Haß auf diese; hatte sie sich doch +vorhin so kindisch gestellt, als könnte sie nicht fünfe zählen. Sie +selbst--o, sie hätte sich können auf den Mund schlagen für die +Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Mädchen, das eigentlich +noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Wäre +sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurückgeblieben, das Kind hätte +nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schönen Fremden zu erheben. So +dachte die Sorben. + +Ihr pomeranzenfarbiger Teint rötete sich vor Zorn, sich so +hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darüber +nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas +recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, daß +jetzt alles Fräulein heiße, was man sonst wohl auch schlechthin +Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darüber, und um Ida +einen Stich zu geben, die zwar von väterlicher Seite von altem Adel +war, aber eine Bürgerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die +witzige Bemerkung ein: Die Fräulein kommen ihr gerade vor wie die +Spitzen. Es heiße alles Spitzen, und doch sei ein so großer +Unterschied zwischen den echten und unechten, daß jedes Kind die +Feinheit der echten von den gröberen unterscheiden könne. Sie hatte +triumphierend über ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des +Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnädiges Fräulein," +hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht +irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens +habe ich mir sagen lassen, daß die ganz echten gelblichbraun +aussehen." Hatte er auf ihre bräunliche Haut anspielen wollen? Die +Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so höhnisch dabei +ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie über Ida gänzlich zu +ignorieren schien, bestätigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer +Brust und schwur sich mit den fürchterlichsten Eiden, daß der +Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war +auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spät war, +folgten die übrigen. Nein, es war ihr unerträglich! An der Türe +noch mußte sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch +verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie +mußte hören, wie er versprach, recht oft herüberzukommen. +Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum +Abschied küßte, den Rücken, stürmte die Treppe hinab und setzte sich, +mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen. + +"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Präsident, als die +Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die +noch bei ihm saßen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein! +Schade nur, daß er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie +er alles so artig zu geben weiß; wie er allem, auch dem Trivialsten, +was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhörte und gutmütig +ein glänzendes Mäntelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten. +Er wäre eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte. +Die Gräfin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl gönnen, möchte +übrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--" + +Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und +fliegender Brust zugehört hatte, fühlte bei den letzten Worten nicht +nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr +Füßchen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem +listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa +über seine Fehlschüsse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, süßer +Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe +der Männer gehört und gelesen; sie wußte das Sprichwort solcher +Reisenden: "Ein ander Städtchen, ein ander Mädchen". Sie erinnerte +sich an die üppigen Reize der Aarstein, an ihre Verführungskunst, die +schon so manches junge unerfahrene Männerherz betörte, an ihre +wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng +stiftsfähige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar +nicht an das Glück denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben +zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und daß sie es war, sagte +ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden +hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer +sagte ihr, daß dieser fremde Mann sie nicht betr-- + +Nein, betrügen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut +dieser Augen konnte nicht täuschen! Froh dieser Überzeugung, die sie +während des Auskleidens gewann, hüpfte sie in ihr Schlafzimmer und +machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre, +mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Gräfin von Aarstein," sprach die +Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den +Kampf um den schönen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz +als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen möchten. Ich bin zwar +weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine +Wenigkeit, gegen Höchstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und +dann Unterröckchen und Strümpfchen herunter und mit einem Satz in das +weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelsköpfchen noch einmal aus +der Decke hervor, warf ein Kußhändchen nach dem Goldenen Mond hinüber +und flüsterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und träume +süß, träume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloß selig die +Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinüberwandern in das +unbekannte Land der Träume; da schüttelte sie ein jäher Schrecken +wieder auf und jagte sie aus dem Bette.-- + + * * * * * + + + + +DAS STÄNDCHEN. + +Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner +gnädigen Frau Mama zu wohl gefallen, als daß er sich durch den +ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er überall lieber als vor +Präsidents Haus erlebt hätte, abschrecken ließ. + +Im Gegenteil, wenn er recht darüber nachsann, so schien ihm die Sache +eine glücklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft +hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Mädchen gelesen, und daß aus +Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer +seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische +Dogge. Dieser war der Fuß abgefahren worden, und,--wie es mit den +Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder +geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben, +erhielt sie als Geschenk, und jetzt läuft sie auf allen Vieren so gut +als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben +kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald +in Liebe verwandelt werden. Daß sie aber Mitleiden fühle, war gar +keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Mähre nicht +mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster +hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte +sie nicht seinem Roß mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm +deutlich sagte, daß sie den innigsten Anteil an seiner Fatalität +nehme? + +Der erste Coup war solchergestalt unglücklich und dennoch glücklich +ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte +auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den +Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingeprägt, +wie er sich dabei zu gebärden habe, und endlich schritt man an das +große Werk. + +Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem +neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus geführt, wo +sie sich gütlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je näher es +aber an zwölf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an; +denn Schulderoff hatte, sie wußten nicht wie, einen kapitalen Hips +bekommen, daß er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber +die Kälte draußen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach +also Schlag zwölf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem +Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des +Präsidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, daß Ida schon sanft +entschlafen sei, so werde zum ersten Stück kein Adagio gewählt, +sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern +_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert +Dragoner alle Morgen mit diesem Stück aus ihrem sanften +Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die +zwanzig Trompeter ihre Hörner, Posaunen und Trompeten an, der +Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen ließ--Kapellmeister +winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den jüngsten +Tag anblasen, tönte die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem +einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus süßen Träumen. Diese Art +von Attention war ihr so ungewohnt, daß sie von Anfang glaubte, es +brenne irgendwo im Städtchen; als sie aber nachher deutlich einige +Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, daß es eine Nachtmusik +sei, die ihr gelte. + +Es war kalt; sie hüllte sich fröstelnd wieder in ihre seidene Decke +und dachte unter den lockenden Tönen nach, ob wohl Martiniz auf so +unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der +Unglückliche mußte ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er, +der sich in allem so zartfühlend, so sinnig bewies, er konnte nicht +diese Trompeten zu Organen wählen, um seine Empfindungen +auszudrücken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtönenden +Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdrücken. + +Jetzt schwieg die Musik; sie hörte Stimmen auf der Straße. + +Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Straßenlaterne +an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten +Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube, +die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht." + +"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte +Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar +gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit großer +Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den +Armen in der Luft. "Blast! O wären das die schwedischen Hörner und +ging's von hier gerade ins Feld des Todes!" + +"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter. +"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von +neuem los, daß alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die +Nachbarn sich beklagten, daß man ihre Nachtruhe störe. Ida war kein +Wörtchen des Gespräches entgangen, und sie schämte sich ordentlich, +dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der +empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug +ein Uhr, als die Künstler abzogen, und von Idas Augen war aller +Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht +gelingen, den mohnbekränzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise +verscheucht hatte, zurückzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder +dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht +hoffen, daß sie ihm nicht gleichgültig-- + +Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das +bewies nur, daß auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm +nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht +deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war +er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstießen auf Liebe und +Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen? +Konnte ihn, der so unglücklich schien, nicht so manches seufzen +machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er errötete, als sie ihn zum +Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige +war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee +neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr +zugeflüstert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen +Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefaßt, +sie gedrückt und ihr zugeflüstert: "Ich weiß wohl, darf es aber nicht +sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl bloße +Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses. + +Schelmchen Ida wußte es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst, +um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie lächelte +sich selbst aus über ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muß mir +beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der +muß beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf +sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschüttet; da will ich schon erfahren, +ob er mich lie--" + +Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr +Selbstgespräch; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein +süßes, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas +Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlänglich die Schwierigkeit +dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines +andern Instruments die Gefühle in wohlgerundeten vollen Sätzen +ausdrücken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen +gehört. Es graute ihr vor diesen fließenden Läufen, wenn sie daran +dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klänge, diese +melodischen Klagen, die den ärmlichen sechs Saiten entlockt wurden! +Wer konnte nur in Freilingen so hinreißend, so süß spielen? Sie +huschte schnell in die Pantöffelchen, zog die seidene Mantille um und +schlich sich ans Fenster; sollte Mart-- + +Ja, weiß Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen +waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an +den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspähen. Es war Martiniz; und +jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie +seine flüsternden Klagen, seine sehnenden Übergänge, die süße +Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah +deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenüber am Fenster. Ein +bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen könnte, wie +köstlich, wie wunderschön wäre es!" dachte Ida, hüllte sich tiefer in +ihr Mäntelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll +Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Männerstimme trug eines +jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehört +hatte und die jedes fühlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre +sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein +Silbchen von den polnischen Wörtern; aber dennoch faßte sie den Sinn +so gut als irgend eine polnische Schöne; ach, es waren ja die Töne, +die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich +nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die +ihren Schmerz in den flüsternden Tönen der Wehmut ausweint. Tränen +stürzten dem liebenden Mädchen aus den Augen; sie schlich sich zurück +zu ihrem einsamen Lager; Emils Töne begleiteten sie. Die +geheimnisvolle Stille der Nacht, das rätselhafte Leiden des +interessanten, unglücklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der +ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles +erfüllte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein +unaussprechliches, aber süßes Gefühl der Wehmut und des Glückes; ja, +sie war geliebt--diese liebewarmen Töne wisperten es ihr in die +Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie +preßte ihre weichen Händchen auf das lautpochende Herz, auf die +entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle +Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie dürren Zunder +angezündet. Verschämt, als könne er durch die finstere Nacht, durch +ihre dichten Jalousien zu ihr herübersehen, verhüllte sie das +pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, preßte die +Äuglein zu und flüsterte hinüber in die weichen Töne seiner Laute +noch ein herzliches: "Schlaf wohl!" + + * * * * * + + + + +DIE FREILINGER. + +Die Leute in Freilingen sind wie überall; es vergingen keine acht +Tage, so wußte jedes Kind, daß Präsidents Ida und der reiche Pole ein +Paar seien. Die Freilinger ärgerten sich nur darüber, daß man ihnen +Sand in die Augen streuen wolle; daß die beiden Leutchen einander +vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an +gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er überhaupt in dem +obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott +weiß durch was für Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt +hatte? Papa-Präsident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, daß +der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee +vorging, das wußte freilich jedermann, weil man hie und da so ein +paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer, +nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wußte +niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da +spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und +vorn dabei, daß ja nichts Unrechtes geschehen könne; aber man wußte +ja von früher her, wie er dem Mädchen alle losen Streiche durch die +Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie größer ist. +So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Mädchen, die +Ida, tut jetzt so jüngferlich und so zimperlich, als wäre sie in der +Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild, +ausgelassen, trotzig; das müßte ja ein Gott sein, der aus einer +solchen Hummel ein reputierliches Mädchen ziehen wollte. Aber in +allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden; +da sagt man den Mädchen: Ihr könnt alles tun; aber haltet Maß und +treibet es fein! Daher kommt es, daß jetzt lauter Tugendspiegel aus +den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein +wenig frei nach französischem Schnitt und Ton; jetzt weiß man das +ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten, +sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der +Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weißnichtwoher und +Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So +urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Mädchen, das in +ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Böse überall +schneller um sich greift als das Gute, so wußte und glaubte schon +nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse +Kaffee ausgeheckt hatten. Auch über den harmlosen Martiniz erging das +nämliche Gericht. + +Leute wie die Freilinger können nichts weniger leiden, als wenn +Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A +bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie für Pläne haben usw. Kauft +einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen +Landes, so ist er ein unerträglicher Geheimniskrämer, der allein das +Vorrecht haben wolle, daß die Leute nicht wissen sollen, was an ihm +ist. Dieser Pole vollends versündigte sich auf die impertinenteste +Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida; +und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort +bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte +niemand sagen, was er denn eigentlich im Städtchen zu tun habe; schon +sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch, +das sie gar zu gerne durchblättert hätten. Das ist ein Bruder +Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein +Mensch ohne ein Fünkchen Lebensart; sonst würde er wenigstens seine +Tischnachbarn mit seinen näheren Verhältnissen bekannt machen, würde +auch in andere anständige Zirkel kommen als nur zu Präsidents. So +urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und +seinem Verhältnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle +einverstanden, daß der Präsident von seinen Verhältnissen doch etwas +wissen müsse; denn er lächelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen +des Fremden anbohrte. + +Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und überall kursierte er +unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches +Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlaß +zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr, +nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond". + + * * * * * + + + + +FEINDLICHE MINEN. + +Wie es übrigens zu gehen pflegt: die ärgsten Feinde Idas und des +Grafen ließen sich öffentlich am wenigsten über dies Verhältnis aus. +Frau von Schulderoff und Fräulein von Sorben fühlten sich bis zum Tod +beleidigt; aber sie hielten öffentlich an sich und schwiegen. + +Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas über den +Fuß gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen +Winter hindurch dem Fräulein die Cour gemacht; das Verhältnis hatte +sich aber aufgelöst, man wußte nicht wie. Jetzt, da sie in +_einem_ Spital krank waren, jetzt näherten sie sich wieder, und +obgleich das Fräulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld +gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergaß sie doch +einstweilen diese Kränkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu +rächen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als +jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, daß +das Unglück des Leutnants vor dem Hause des Präsidenten, von dem die +ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufällig sei, als man es erzählte; +sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, daß die Nachtmusik, +von den zwanzig Regimentstrompetern aufgeführt, nicht den Grafen, +sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die +Mauern von Jericho, so die Steinwälle und Gußeisentore von Idas +Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen. + +Dies alles fühlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_ +wußte, so richtig zusammen, daß sie über den ganzen Roman des Herrn +von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglückten +Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch spröder behandelt worden +war,--mochte sie nun ahnen, daß die Sorben auch ein wenig verletzt +sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen +dem Fräulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stücken +die Sorben, teilte ihr mit, was sie wußte, und ließ sich mitteilen, +was das Fräulein im stillen erlauscht und erspäht hatte. Übrigens +lebte auch sie in der festen Überzeugung, Martiniz und Ida haben sich +schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn +von den nächtlichen Leiden des unglücklichen Grafen ahnte niemand +auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Küster des Münsters in +dieser Sache. + +Unbegreiflich war und blieb es übrigens sowohl der Frau von +Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener +Herr schien, nicht schon lange bei dem Präsidenten um Idas Hand +gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die +nur einen Grund sehen wollten, waren einig darüber, daß es dem Grafen +entweder nicht recht ernst sei, oder daß es sonst irgendwo ein +Häkchen haben müsse. So hatten beide Damen schon seit vielen +Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander +zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch +nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, daß ein Kammerherr, den +Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnädigen +Frau, bei welcher Fräulein Sorben gerade auf Kaffee war, während man +umspannte, einen Besuch machte. + +Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund über. Der Kammerherr +hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von +Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn +fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien. + +Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz. +"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit +den drei Milliönchen, der unsere Gräfin Aarstein--Ja, wahrhaftig! +Jetzt fällt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er +sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnädigen, mit +Fräulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert; +denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag +erwartet; das Verhältnis, das er hier angeknüpft hat,--da können Sie +sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil +er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht für die Sanden!" + +Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese +Nachrichten hörten. "Sie sprachen vorhin von der Gräfin Aarstein," +sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--" + +"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin, +"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wünscht sie +wieder vermählt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fürst +überdrüssig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches +sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich +hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs +dringendste empfohlen; denn man macht hauptsächlich wegen seines +Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein großes Wesen aus +ihm; kaum hört die Aarstein von den drei Millionen und dem alten +Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterläßt, so erklärt sie mit +schwärmerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---: +'Diesen und keinen andern!' Man ist höheren Orts schon gewöhnt, ihrem +Trotzköpfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja überdies ganz +herrlich mit allen Plänen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet +und, so viel ich weiß, schon so gut als richtig." + +"_Est-il possible, est-il croyable?_" tönte es von dem Mund der +erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann +Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fräulein von Sanden, die +Sie aus der Residenz kennen müssen, ist sehr liiert mit dem Grafen, +und ich fürchte, ich fürchte, die Gräfin kommt nicht zum Ziel!" + +"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das wäre +doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung; +die Gräfin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Lächeln, +mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestätigung; und wenn er auch +nicht wollte, er muß sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof +vor den Kopf stoßen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die +Gräfin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr +Gewicht als alle übrigen zusammen, ist schön, blühend, macht das +beste Haus; er wäre ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken +hätte, sie auszuschlagen. Und Fräulein Ida? Nun, das soll mich doch +wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen. +Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem +Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzählte man +sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber +gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun, +Glück auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann paßt er zu +der Gräfin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhältnis schaden +könnte; die Gräfin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre +Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr +Onkel, Fräulein von Sorben, kann Ihnen über diese Sache die beste +Auskunft geben; denn ich müßte mich sehr irren, wenn er nicht die +Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr +empfahl sich und ließ die beiden Damen in frohem Staunen und +Verwunderung zurück. + +"Arme Ida!" sagte die Sorben spöttisch. "So viel Routine hast du denn +doch noch nicht, daß du Geschmack daran finden könntest, die Nebenbei +des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Dämchen, das also in +der Residenz die Spröde so schön zu spielen wußte, aufschauen wird, +wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in +Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal +morgens verschwunden ist, am nächsten Posttag aber ein Paket einläuft +mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete +Gräfin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist." + +"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die +Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich +ärgern, daß es die Gräfin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie +Sie hörten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--" + +"Sie kennen den Sporeneck, gnädige Frau?" fragte die Sorben, und ihr +gelbliches Gesicht schien tief über etwas nachzusinnen. + +"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei +uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es +nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein +Mädchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht für sich +gewann!" + +"Herrlich, das muß uns dienen," fuhr das Fräulein fort; sie setzte +auseinander, daß ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief +angebissen bei Präsidents und als wolle er vor der Hand nicht an die +Gräfin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat +von Sorben, gehörig präparieren, und sie stehe davor, daß der Graf +die längste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten wäre es, wenn +man die Aarstein selbst in Freilingen haben könnte; doch sei dies bei +dieser Jahreszeit nicht wohl möglich; darum solle auch Frau von +Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefälligkeit +erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den +Grafen recht eifersüchtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin, +daß er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch +im übrigen bald geholfen. + +Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stürmisch und ergänzte den +Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann +fühlt, daß man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist +auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch +nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Präsident +mit seinen Friedrichsdors herausrückt und unsern Schulderoff wieder +flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekümmere ich mich +dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur +Tunichtgut auskommt." + +Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht +und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von +Fräulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit +bewunderungswürdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des +Präsidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, daß man +schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und daß sie nur +bedaure, daß dadurch der Residenz ein glänzendes Haus entzogen werde; +denn Ida scheine darauf zu bestehen, daß der polnische Graf sich in +Freilingen niederlasse. + +Der Brief, das wußte sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn +auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht hätte, bei der +eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Gräfin Aarstein seine +Hand im Spiel zu haben, so hätte ihn doch der letzte Punkt des +Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des +Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, daß ein großes +Haus mehr in die Residenz kommen könnte, war begeisternd für ihn. +Unter allen Sterblichen schätzte er die am höchsten, welche Häuser +machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer, +sondern die, welche ihm Schildkrötensuppen, fette Austern, feine +Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmäßig einmal +in der Woche des Abends Türen und Tore öffneten, um frohe Gäste bei +sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, köstliche Bälle zu geben +wußten. Solche Häusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein +altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten +tot oder lebendig, vier- oder zweifüßig sein, mochten dem Gaumen oder +der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war +ein Kenner, und daher mußte es in seinen Wünschen liegen, ein +Dreimillionen-Gräfchen in die Residenz zu bekommen. + +So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne daß er es merkte, bei allen +fünf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefaßt, und sie +durfte überzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich +Schulderoffschen Palais, das für jetzt, in Ermangelung eines bessern, +nur aus einigen Mansardenstübchen bestand, lief ein Brief ab, der +keinen geringeren Hagelslärm, kein schwächeres Hallo in die Residenz +machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die +Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche +Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3, +überschrieben und lautete wie folgt: + + "_Freilingen_, 11. Dez. 1825. +"Herr Bruder! + +"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu +wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und +sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug +aus. Den Säbel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiß nicht, +daß der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier +hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder, +vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan +hier angekommen, der ihr jetzt täglich und stündlich die Cour +schneidet. Begreife übrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier +allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnöde abgewiesen. Auf +Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine +vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich +sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affäre, was ich fürs beste +hielte, selbst einige Wörtchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder +mit dem Fräulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu +Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer +Geld haben und scheint meines Erachtens der angeführte Teil; denn sie +hat ihn in der Kuppel, daß er weder links noch rechts kann. Lebe +wohl, grüße alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in +Bruderliebe Dein + "_Franz von Schulderoff_, + Leutnant bei Königin-Dragoner." + +Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist +für Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein +und heiter; aber indem es in das reine Blau des Äthers hineinsah und +sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr +stilles Glück zu suchen und zu zerschmettern. + + * * * * * + + + + +GEHEIME LIEBE. + +Aber so gewiß die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wußten sie +doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die +erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnügt, +still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Hübsches +träumt, und einem andern käme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie +gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgültigsten Dingen +und denken an das, was ihr Herz erfüllt; sie wagen es nicht +auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen; +denn sie tragen den Schlüssel zu dieser Zeichensprache nebst +Wörterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei +Martiniz und Ida. Sie wußten, daß sie sich liebten; aber noch hatte +der Graf nie deutlich darüber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine +Gelegenheit gegeben, sich zu erklären. + +Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er +liebte die beiden guten Leutchen, als wären es seine eigenen Kinder; +darum hätte er ihnen auch alles Gute und Liebe gegönnt, eben darum +konnte er aber dieses verschämte Treiben nicht leiden. Er war so halb +und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage +von des Mädchens Schönheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden +vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, daß er glaube, Ida sei ihm gut; +aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den +Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr +Herzchen beinahe, seit es schlug; er wußte jede Schattierung in ihren +Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil +und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht +recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Mädchen, weniger übel +nehmen als ihm. + +"Nein, wer mir je so etwas gesagt hätte," dachte er, "dem hätte ich +mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde- +Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie, +und wagt nicht einmal, ein Mädchenherz, das ihm gewogen ist, +anzugreifen." Er hätte mögen aus der Haut fahren, wenn er daran +dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die +Welt in den letzten Jahrzehnten sich so ändern konnte. Aber wie, wenn +Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmöglich, es konnte +Gewissenhaftigkeit sein, daß er sich nicht erklärte; befand er sich, +der unglückliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben +Zustande, wie er hier angekommen war. + +Der Küster, der jetzt regelmäßig nachmittags sein Däpschen hatte, +ohne daß seine Frau begreifen und ergründen konnte, wo er das Geld +dazu herbringe, der Küster hatte dem Hofrat alle morgen referiert, +wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei; +er hörte zwar, daß er seit neuerer Zeit weniger stark wüte; daß er +aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem +Zustand; es war kein Zweifel, daß der Graf jede Nacht um dieselbe +Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag über keine +Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blässe, das Wehmütige, das noch +immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, daß er +körperlich oder geistig angegriffen sei. + +Seinen Entschluß, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn +zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausführen können; je +näher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er täglich +vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen +bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine +Geheimnisse eindringen zu wollen. + +Aber unablässig verfolgte ihn der Gedanke, daß er vielleicht, wenn er +das Nähere über des Grafen Krankheit wüßte, helfen könnte. So saß er +eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft +wohl ansah; der Küster hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig +bei ihm eingesprochen und erzählt, gestern nacht sei der fremde Herr +so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, daß ein +Töpfer die Hände darunter hätte waschen können. Er sann hin und her, +wie man dem Geheimnis benommen könnte; da klopfte es bescheiden an +der Tür, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer. + +Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an +seinem jungen Herrn zu hängen, schien so väterlich für ihn besorgt zu +sein, daß man sah, er müsse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und +gepflegt haben; recht erwünscht kam er daher gerade in diesem +Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfüllt +war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen +solle; denn daß er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner +gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfältig umgesehen +hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er näher. + +"Mit Exküse, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten +Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnädig, +wenn er ein Wörtchen im Vertrauen sprechen möchte!" + +"Wenn es keine Klagen über deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch +von der Leber weg!" sagte Berner. + +"Klagen! Jesus Maria, wie käme ich bei unserem jungen Herrn zu +Klagen; habe ich ihn doch auf den Händen getragen, als er's +Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen +Tag, und er hat mir noch kein unschönes Wort gegeben, so wahr Gott +lebt, Herr, und das sind jetzt fünfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst +etwas hätte ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnädig +nehmen wollen. Ich weiß, Sie sind meines Herrn bester Freund in +hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein +Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiß auch vom +Küster, daß Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas +wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott +lohnen wolle--" + +"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzählen, wie +Dein Herr in diesen unglücklichen Zustand kam, daß er alle Nacht von +einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich +nicht etwa helfen könne?" + +"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn +nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter +Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzählen, +wie er dazu kam." + + * * * * * + + + + +EMILS KUMMER. + +"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist +er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam +seine Straße, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie hätten +ihn sehen sollen, als noch die gnädige Frau Gräfin und die Fräulein +Schwester lebten. Keinen frischeren, kräftigeren jungen Herrn gab es +in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und +lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen +schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten +mir immer die Tränen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den +himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade +zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre +Fähnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fräulein Schwester +herauflächelte wie verklärt und seinen Tigerschimmel dazu tanzen +ließ. + +"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter +Antonio nach Warschau führte. Das war ein Schwestersohn von der Frau +Gräfin Exzellenz, ein schöner, schmucker Italiener mit braunroten +Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe. +Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schönen +Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man +sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es +gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muß auch so gewesen sein; denn +--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen +Schwester, die junge Gräfin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann +lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit +übermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm +nur an den Augen absehen konnte. + +"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, daß Herr Baron +Antonio die junge Gräfin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber, +welche großes Geräusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb +seine Sache im stillen und kam wohl bälder ans Ziel als die andern; +denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schönen +Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Plötzlich faßte +Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber +sagte lächelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wußte +ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem +sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts +dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefähr ein +Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch +nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich, +zweimal schnallte er den Säbel um, und ebenso oft warf er ihn wieder +hin. Ich fragte, was ihm wäre, er aber gab mir gar keine Antwort, was +er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren +und darf ihn wohl erzählen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein +Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die +Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der +Graf besah ihn genau und erkannte, daß es derselbe Ring sei, den +seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er äußerte dies aber nicht +gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der +Offizier sagte ihm, daß er diesen Ring an Personen gesehen habe, die +dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm +freundschaftlich zu sagen, daß er diesen Ring auf eine Stunde von +Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter, +zum Präsent bekommen zu haben behaupte. + +"Madame Trizka aber war die berüchtigte Kurtisane der Stadt und um +Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort, +ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung +sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen +Vetter und ließ ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen +habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das +meinen Herrn nur noch wütender machte. Seiner Fräulein Schwester +mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstück +zu sagen, und beschloß daher, den treulosen Vetter sobald als möglich +aus der Welt zu schaffen. + +"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den +Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht +gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf +dreißig Schritte traf, schoß den Marchese durch die Brust, daß er +keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit +dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen, +aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag +ohne Besinnung, und die Ärzte gaben gar keine Hoffnung. + +"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch +beweinte, war so um ihn besorgt, daß er sogar nicht auf seine Rettung +bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen ließ. +Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung. +Mein Herr saß bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwölf Uhr +hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der +Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwölf Uhr aber schlug der Italiener +seine gräulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Höhe und +sah sich im Zimmer um. + +"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei +schon gestorben, so gestanden und gläsern war sein Blick. Endlich sah +er meinen Herrn; wütend riß er seine blutigen Binden von der +durchschossenen Brust, daß das Blut herausströmte. '_Maledetto +diavolo!_' brüllte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf, +sank zurück auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu +unterstützen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben. + +"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht +gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so unglücklich +wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem +Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte, +da ging erst der Jammer von neuem an; denn während der Krankheit war +er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Gräfin war ein paar +Tage nach dem traurigen Vorfall plötzlich gestorben. Man sagt arge +Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter +Diener nicht glauben darf. Die Frau Gräfin Mutter, die immer gesiecht +hatte, überlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe. + +"Der junge Herr vernahm dies alles mit großer Fassung; als man ihm +aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er außer sich, so +daß wir fürchteten, er komme wieder vom Verstand. + +"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle +glaubten; denn der Graf ließ sich auf sein Grab führen, weinte dort +lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung. +Als ich in der nächsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten +Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches +Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in +Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem +blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie +ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu +geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hörte auch sein Wahnsinn auf. Aber +seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells +Begnadigung, mußte aber auf einige Zeit sich außer Landes begeben. + +"Diese Weisung kam erwünscht; denn die Ärzte rieten zur Zerstreuung +durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz +Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube +nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe +mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den +Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er +mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag, +von da an behauptet er, der Spuk könne nicht zu ihm herein, wenn er +am Altar sitze. + +"Wer war froher als ich über dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht +jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu groß, bald zu klein, wie +es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. +Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn +Tagen hat er gar nicht mehr gewütet, sondern nur geweint." + +Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine +Erzählung beendigt. Berner konnte kaum seine Rührung zurückhalten. Es +wollte ihm das Herz abdrücken, daß ein Mensch, so schön, mit allen +Gaben des Glückes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in +so namenloses Unglück stürzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen; +aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen +schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiß alle Mittel schon +versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm +behilflich sein könnte bei dieser Sache. + +Der alte Brktzwisl lächelte geheimnisvoll vor sich hin und begann +dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten +Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat können als Arzt dabei dienen. +Vor allem muß ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht +gesehen hätte. Einem alten Diener, der nur für das Wohl seines Herrn +besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel +des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermögen des +Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, daß +ich jeden berühmten Arzt um Rat fragen konnte. Überall, wohin wir +kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die +Ärzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft +probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung. + +"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht +hätte, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein +kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich +Vertrauen zu ihm einflößte. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern +betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen. +Den andern Tag sagte er zu mir: 'Höre, Alter! Dein Herr ist +unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme +Liebe zu einem Mädchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine +recht gefaßt, so ist es unzweifelhaft, daß sein Wahnsinn sich +zerstreut und nach und nach vergeht.' + +"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich +wußte, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch +Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er +verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an +keinen Ort, wo schöne Mädchen waren, in keiner Stadt wollte er über +einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst +recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem +alten Herrn Onkel. + +"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem +Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen +hieher ins ----sche gehen. + +"Hier in Freilingen geschah nun, was ich für meine Seele nicht für +möglich gehalten hätte. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr +auf dem Ball, daß ich ihn sogar abrufen mußte; nach der Kirche geht +er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt +ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen läßt er mich das +Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir +solle Hören und Sehen vergehen; er merkte auch, daß ich mich so +verwundere, und gab vor, daß ihm die Kirche so wohl gefallen habe. +Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde +ich in dem Haus drüben einen Engel gewahr, der so holdselig +herüberlächelte, daß mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging +mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses +Fräulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang +schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus +gegenüber. + +"Und das ist niemand als die wunderschöne Fräulein Ida. Meinen Sie, +mein Herr sei früher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele, +obgleich ich für jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte; +aber ich will die Tasse Tee mit Löffel und Stiel aufessen, die er +seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus +hinüberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinüber. + +"Seit der Zeit läßt aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er +raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz +ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine +Freude, als ich dies bemerkte, daß ich dem alten Doktor auf der +Stelle mein Hab und Gut geschenkt hätte; dem Engelsfräulein aber, das +dies Wunder bewirkte, möchte ich, so oft ich es sehe, vor purer +Freude zu Füßen fallen. + +"Wenn es nun Gottes Wille wäre, daß das Fräulein meinen Herrn liebte, +ach, da wäre ihm geholfen, so gewiß ich selig werden will! Und wenn +sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiß recht +sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen +Sie ihn nur ein wenig lächeln wie früher, lassen Sie ihn erst einmal +wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er +anhat,--da muß er ja einem Mädel gefallen, und wenn sie einen +Marbelstein in der Brust hätte statt eines Herzens. Über das Vermögen +will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich +eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Güter Ratitzka, +Martinizow, da ist Flazizhof, da--" + +"Laß gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon +könnten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn +betrifft, so glaube ich selbst, daß er das Fräulein gerne sieht; wie +das Fräulein über ihn denkt, weiß ich nicht so genau, doch kann sie +ihn nicht übel leiden. Das Ding muß sich übrigens bald geben, glaube +mir! Hat dein Herr das Fräulein recht von Herzen lieb, so soll er, +merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich könnte dafür +stehen, daß sie nicht Nein sagt." + +Der alte Brktzwisl war außer sich vor Freude, als er dies hörte. +"Nun, das muß wahr sein, wenn sich vernünftige Menschen miteinander +besprechen, gibt es ein Stück; mein Herr soll dran, soll Hochzeit +haben und wieder fröhlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln, +und all sein vierzigjähriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht, +ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten +Fährte hat." + +"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du +den Herrn Neveu verheiratest? Das Fräulein ist eigentlich doch keine +rechte Partie für einen polnischen Grafen--" + +"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an +der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist +ein räsonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht. +'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir +abfuhren, 'bringe ihn vernünftig zurück _à tout prix_!' Da darf +man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und überdies bekümmern wir +uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist +eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu +gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und daß der +Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafür stehe ich! Ach, wenn er nur +das liebe Engelskind selbst sehen könnte!" Dem alten Mann schien der +Mund zu wässern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und +ging. + + * * * * * + + + + +DER SELIGE BERNER. + +Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem +andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem +klugen Alten nicht merken lassen dürfen, und doch hätte er dem alten +verwitterten Polacken um den Hals fallen mögen, so recht ins Schwarze +seiner Seele hatte er mit seinen Plänchen getroffen. "Ein kapitaler +Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den wären wir doch +samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plänchen ganz und gar +den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben +und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der +alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen +Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Königin Aarstein und dem +Staatssekretär Springer mit seinen Winkelzügen ein verdecktes und +entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es +war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten, +der sein letztes Examen im Rücken und vor sich die Aussicht auf eine +fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kühen, +Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde +residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig göttlich zu Mut, als +hätte er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und +regiere an geheimen Schicksalsfäden das Los des Grafen und seiner +Ida. + +Alle Leute blieben auf der Straße stehen, als Berner vorüberkam. Man +kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne +jedermann grüßte und hier und dort mit einem sprach; aber heute-- +nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin +sprach und lächelte, alle Mädchen in die Wangen kniff, allen Männern +zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt prügelten, +einige Groschen schenkte, daß sie sich einen vergnügten Tag machen +möchten. Den Präsidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen +guten Morgen, schüttelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte +sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier +angestiegen komme, um sein eheleibliches Töchterchen zu freien. + +"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen +mit der Gräfin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der +Präsident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner? +Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?" + +"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt +noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst +denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, daß ihm das Feuer +aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem +Staatssekretär den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie gütigst, +wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand für meine zärtlichen Neigungen +rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders +gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen +Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so wäre der +Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Präsident. + +"Verliebt, wie ich sage, und für die Gräfin so gut wie verloren."-- +"Ei, ei," sagte der Präsident mit einem klugen Gesicht, indem er die +Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich +gedacht, daß das Attachement an die hohe Person nicht so gar groß +sein müsse. Du weißt von den Aufträgen, die mir in einem +Handschreiben des Staatssekretärs zukamen; ich richtete mich mit +aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst +über die hiesige Gegend an; weiß Gott, ich meine, der Mensch wird mir +närrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den +vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen +Lokalschönheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und +fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in +meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, daß ihm die hellen +Tränen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der +Freilinger Kreis ist nicht übel; aber die Gräfin Aarstein ist +wahrscheinlich der Köder. Ich wende also das Gespräch auf den Hof und +endlich auch auf die Gräfin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig +wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeißen wollte, ob +er die Gräfin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes +Gesicht, wie wenn man beim überzuckerten Kalmus endlich aufs +Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par +renommée._' Das ist nun freilich bei der Frau Gräfin nicht das +beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von +dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretär schlecht +manövriert." + +"Weiß Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich könnte dir Dinge +sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den +Herrn Grafen als Bräutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht, +an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein +Landeskind unseres allergnädigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes, +schönes--" + +"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der +Präsident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es +mir, daß es die Gräfin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der +Hand Nachrichten über sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal." + +War es dem Präsidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat +außerordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg, +als er näher und näher an Idas Zimmer kam, als ihn das Mädchen +Wunderhold empfing. Er hätte mögen nur gleich mit allem, was er im +Herzen und Gedächtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den +Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt +dirigierte, wäre _das_ Mädchen bis in das Herz hinein errötet +und davongelaufen. Daher ließ er seine Gedanken eine kleine +Schwenkung rechts machen, um dem Mädchen mit den Plänklern der +Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Rührung in die +linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzählte er +ihr das Unglück des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die +rührendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu +schildern. + +Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Mädchens Tränen +flossen, als er noch nicht zur Hälfte fertig war. Wenn sie sich den +fröhlichen, kräftigen Jüngling dachte, geliebt, geachtet von allen, +und plötzlich so unendlich unglücklich--ja, jetzt hatte sie den +Schlüssel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen. + +Jetzt wußte sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so +bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er +niemals wieder recht fröhlich sein könne. Er hatte seinen liebsten +Freund getötet, und, wie die Erzählung des alten Dieners merken ließ, +unschuldig getötet; je zarter ihr eigenes Gefühl war, desto tiefer +fühlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so +verwandten Brust. + +Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses +Tränenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darüber +gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein möchte; so +schonend als möglich berührte er diese Saite, indem er nicht +undeutlich zu verstehen gab, daß ihre Nähe wunderbar auf ihn zu +wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besänne, ob sie +auch recht verstanden habe; eine hohe Röte flog über das liebliche +Gesichtchen, ein schelmisches Lächeln mitten durch die Tränen zeigte, +daß sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zögern, das +auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die +Brust des alten Mannes, verbarg ihr glühendes Gesichtchen und +flüsterte kaum hörbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere, +innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie +weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob +und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreißig Schnürlöcher des +Korsettchens zumal zersprengen. + +Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz höchst komisch vor. +Die weint, dachte er, weil sie einen schönen Mann und drei Millionen +verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch +um das Mädchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch, +als ob es Ihnen blutessigsauer würde, daß Sie den schönen, edlen +Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja +nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje +Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um +solche wäre es nicht der Mühe wert, sich die Hand naß zu machen, und +wenn sie im Sumpf bis unter die Nase stäken und nicht mehr um Hilfe +schreien, sondern nur ein wenig näseln und rüffeln könnten. Aber +nein, da ist der Ausbund von Männerschönheit, der Mann mit dem +interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blässe, welche die +Gemüter so anzieht, mit dem feinen Bärtchen über den Lippen, das ein +ganz klein wenig sticht, wenn er den würzigen Mund wölbt zum Ku--" + +"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und +reputierlich wie eine Karthäuserin, und doch mußte das lose Ding die +Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein +Fünkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne daß die böse Welt, den Herrn +Hofrat an der Spitze, gleich darüber kritisiert, ob es einem +_schönen_ Herrn gegolten oder nicht." + +"Nun, nun," lachte der Hofrat noch stärker als zuvor, "es kommt immer +besser; Sie machen ja, weiß Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie +mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im +Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es +faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiß nicht wie Fräulein von +Sorben und Frau von Schulderoff, die große Stadtklatsche, aus jedem +Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter +dem Vorhang hinüber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die +bösen Stadtkinder heißen, herauszuäugeln. Aber freilich, die jungen +Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den +schönen Sternen, welche das schönste Feuer haben,--da muß man ja doch +auch in den Mond sehen; aber Fräulein Ida wird nicht, wie jener +scharfsichtige Astronom, Städte, Festungen, ganze Wälle und +Verschanzungen darin erschauen, sondern höchstens die Besatzung +selbst, den Gr-" + +Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde röter als ein +Purpurröschen, sie preßte dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den +Mund, daß ihm Hören und Sehen verging, und schmälte ihn jetzt so +tüchtig aus, wie er früher sie selbst geschmält hatte, als sie noch +ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hören müssen," +eiferte sie, "man soll die schönen Püppchen nicht beschmutzen, und +Sie, böser Hochverräter, machen ja Ihr armes Püppchen Ida ganz +schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles +untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz +lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und +nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die +Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes +Oberbuchhaltergewissen vertragen?" + +Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war +ihm so verpetschiert, daß er nicht einmal ein Ach! oder Au! +hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schöpfte +tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige +Strafe sei, daß Sie auf der Stelle über und über rot werden!" Ida +behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half +nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, daß der Graf seit +einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte länger als +einen, höchstens zwei Tage verweilt, daß er auch eigentlich hier nur +einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe +Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der +Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als +er es aussprach. + +"Wegen mir wäre er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht +weiter; ein holdes Lächeln geschmeichelter Selbstzufriedenheit +schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward +überall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht +ein tiefes Rätsel für den Forscher war,--war es Freude, war es +Schmerz?--das überraschte Herzchen machte sich in heißen Tränen Luft. +Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem +anfangen, wollte die lindernden Mittel der Fröhlichkeit und des +Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen +hatte, wollte das Mädchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn +möglich, war das möglich, wenn man _dieses_ Auge in Tränen sah? +So mit ihrem Schmerz beschäftigt, hatte er ganz überhört, daß man +schon zweimal an der Türe geklopft habe; leise wurde sie endlich +geöffnet, auf dem weichen Fußteppich hallte kein Schritt--Ida war es, +als wehe sie ein kühlendes Lüftchen an, es war ihr so wunderwohl und +süß zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen +lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgröße Graf +Martiniz. + +Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade +in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida +gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann ließ sie nicht lange +in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so +unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden +gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet. +Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines +Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen dürfe. Ach! +er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Tränen, die +aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Mädchenherzens +heraufdrangen. + +Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte lächeln, +aber ihre unwillkürlich strömenden Tränen straften sie Lügen; er +hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu +dürfen, daß es sie immer mehr und mehr rührte. Mit einem +Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhältnisse; rasch +mußten die Blößen benützt werden. Der Zweck heiliget die Mittel, +dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich +eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also +sein Hütchen, brach auf und flüsterte dem Grafen laut genug, daß es +Ida hören konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen +und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie +weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fräulein, weil sie meint, Sie +seien unglücklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen +Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem, +der gesäet hat und doch nicht weiß, was aufgehen wird. "Der Würfel +liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt; +zählet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!" + + * * * * * + + + + +ENTDECKUNG. + +Die beiden jungen Leutchen saßen sich gegenüber wie die Ölgötzen; +keines wagte von Anfang ein Wörtchen zu sagen, selbst den Atem +hielten sie fest an sich. Dem Fräulein hatte der Hofrat durch seinen +gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr, +als stäche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das glühende Herz, +und ein anderer schütte eine Kufe des kältesten Wassers über sie +herab, und im nächsten Augenblick war ihr wieder so brühsiedheiß zu +Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede +und ein Rheinstrom von rotglühendem, flüssigem Eisen durch alle ihre +Nerven sich ergösse. Sie wußte nicht, sollte sie aufspringen und +davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut über diese Unzartheit +weinen; ein tiefer Seufzer entriß sich dem gepreßten Herzen-- + +Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium +dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbällen von Kaisern und +Königen gewesen, er hatte mit einer Fürstin eine Polonäse eröffnet +und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe +abgetreten, daß ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch +dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen +Kartätschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen ließ. Er +hatte--doch was konnte es ihm in diesem süßen Augenblicke helfen, daß +er sich sonst nicht so leicht verblüffen ließ? Der Moment riß ihn +hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in +seinen Träumen allnächtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie +hatte um ihn geweint, weil sie ihn für unglücklich hielt! + +Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die rührende Scham +aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Lächeln um den Mund, +tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser +Brust ansah--er hatte auf seiner großen Tour alle Galerien der Welt, +die Kunstschätze der Malerei, die lockenden, majestätischen, +niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit +wahrhaftem Kunstfleiß studiert, und was waren sie, was war Venus und +alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen +Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle +Amorettenköpfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem süßen Wesen.--Er +hörte sie seufzen, eine große, helle Perle hob sich unter den +seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drückte seinen Mund +darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg. + +"Können Sie zürnen, mein Fräulein," hub er an, "daß ich zu so +ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine +Antwort. + +"Wenn ich gewußt hätte, daß ich Sie nicht heiter finden würde, ich +hätte mir gewiß nicht die Freiheit"--noch keine Antwort. + +"Sie haben einem Unglücklichen eine Träne des Mitleids geschenkt; +zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel +früher als andere; möge Gott Ihnen diese Tränen des Mitgefühls +vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen +um Perlchen drängt sich über den feinen Rand der Wimpern. + +"Sie zürnen mir also dennoch," fuhr Martiniz trübe lächelnd fort; +"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal +zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida +hielt ihn fest. + +"Herr Graf!" flüsterte sie leise bittend-- + +"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft +haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu +sagen?" + +"Martiniz!" flüsterte sie wieder. + +"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht +mehr die freundliche, tröstende Ida wie früher?" + +"Emil!" hauchte sie kaum hörbar; aber in diesem einzigen Wörtchen lag +ein so süßer Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll +namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand; +doch er faßte sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber +dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden +Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhören, er wolle ihr sagen, +warum er so trübe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde +sie ihn entschuldigen. + +Er erzählte ihr die Geschichte seines unglücklichen Hauses, wie sie +der alte Brktzwisl dem Hofrat erzählt hatte; aber den schrecklichen +Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu +gestehen wagte, bestätigte er. Er erzählte, daß, als er aus jener +langen Krankheit wieder zu völligem Bewußtsein und dem Gebrauch +seiner Verstandeskräfte gekommen sei, habe ihm das Leben und die +ganze Erde so öde geschienen, daß er seiner Mutter und Schwester die +selige Ruhe im Grabe gegönnt, ja beneidet habe; besonders seine +Schwester habe er glücklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne, +den sie liebte--wie hätte sie ferner glücklich leben können? + +Aufs neue sei damals eine große Bitterkeit in seiner Seele gegen den +Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen +schien, um ein holdes Mädchen auf wenige Stunden glücklich zu machen +und dann zu betrügen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum +unerbittlichen Rächer zu machen. Da habe man ihm einen Brief +gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe; +er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwürdigen +Schande. Antonio habe lange geahnt, daß er, obgleich ihr Verlobter, +doch nicht der einzig Begünstigte sei. Er habe sie in einem +Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel über die Unwürdigkeit +der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem +Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen +Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau +verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit +den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der nächsten besten +Metze schenken. + +"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der +edle, so schändlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich +handelte, wissen Sie, mein Fräulein. Meinem Sekundanten wollte er die +Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persönliche +Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er +sich denn mit seinem ganzen Unglück, mit seinem noch größeren Edelmut +vor die Mündung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld +meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wütete ich gegen mich +selbst. + +"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo +er verschieden war, fühlte ich auf einmal seine Nähe, sein +blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele faßte das +Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen +Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde, +kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er würde mir +im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen. + +"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte +Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist +für jede Freude verloren, mir blüht kein Frühling mehr; die Natur ist +mir erstorben; ein rastloser Flüchtling, eile ich über die Erde hin, +verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unüberlegter Rachedurst +erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe +und fliehe, bis sich mir eine frühe Grube öffnet, wohin sein blutiger +Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der +letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die +der Frühling aus meiner Asche keimen läßt."-- + +Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten +Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen +Erzählung so ergriffen, daß er die laute Teilnahme des geliebten +Mädchens in diesem Augenblick nicht hätte ertragen können. Ihre zarte +stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache +hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, daß er die rasende +Glut in seinem gepreßten Herzen kaum mehr beschwichtigen, daß er sich +kaum enthalten konnte, die Tränen, die seinem Unglück flossen, von +den zarten Wangen zu küssen. Wie eine trauernde Andromache saß Ida, +das Engelsköpfchen auf ihr schneeweißes Händchen gestützt, und ließ +die Tränen herab in den Schoß rollen. Nach und nach schien sie aber +ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schönen Auge +etwas Schwärmerisch-Sinnendes, daß man glauben durfte, sie sinne über +einen großen Entschluß nach. + +So traf sie Berner, der mit einem Armensündergesicht zur Türe +hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel über +seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorüber war, doch ein wenig das +Gewissen geschlagen, daß er die Leutchen so im heillosen Zappel +zurückgelassen habe. Er mußte sich gestehen, daß die Sache auf diese +Manier ebenso leicht ganz über den Haufen gerannt werden konnte.-- +Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten +Verhältnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie +ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte +Berner weiß sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er +aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, daß das Mädchen so gar +bitterlich weinte und schluchzte, daß es einen Stein in der Erde +hätte erbarmen mögen,--da grieselte es ihm doch den Rücken hinauf, +eine Gänsehaut flog über seinen Kadaver und schnürte ihm die Brust +zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich +hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen +hervor traf ihn doch ein so mildes Lächeln, daß es ihm wieder wohl +und warm wurde, als hätte er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor +den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht, +mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte, +kluge Äuglein dazu, daß Ida, so ernst sie sein wollte, lächeln mußte. +Sie gab ihm die Hand und erzählte ihm, wie sie von Anfang durch seine +doch etwas gar zu indiskrete Äußerung sehr außer Kontenance gekommen, +daß sie ihm aber jetzt nicht genug danken könne; denn der Graf habe +ihr all sein Unglück, sein Leiden erzählt, und sie sei wie von ihrem +Leben überzeugt, daß er von seinem Phantome könne befreit werden. +Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte; +jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb +sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Hände. "Sie +können und müssen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle +Wagestück von vorhin eingegeben. _Sie_ müssen ihn überzeugen, +daß alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie müssen machen, daß er +wieder den Menschen angehört, der gute Junge, daß er bei Tag +freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche +läuft. Ich will davon gar nicht sagen, daß es für seine Gesundheit +höchst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu +fürchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die +ein solcher Umstand mit sich führt. Der Graf, ist er nun so recht im +Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen +herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles +Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der +zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewöhnlich, der +Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder +Kardinal und für Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden +soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach +und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus +der Tasche oder läßt sie in der Tasche repetieren, daß man glaubt, er +habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er +sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin +kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fürchterlichsten Eide dazu +schwöre, noch immer nicht begreiflich machen, daß er nicht auf ganz +schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiß das besser,' sagt +sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer +weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhältnis, wenn +der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll. +Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tücher und Tüchelchen, ihre +Röcke und Röckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und +Nachtkorsettchen ins Bettchen schlüpft--" + +"Was weiß ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fräulein +eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, über und über +errötend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch lächelte und +innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und +Schlafhäubchen? Solche Dinge gehören ganz und gar nicht in Ihr Fach, +und der Schuster, heißt ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei +seinem Leisten!" + +"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner +mit komischem Pathos, "leider heißt es bei mir: _ne ultra crepitam_, +[Fußnote: Nicht über den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als +die hübschen Füßchen und höchstens, aller--allerhöchstens jahrs +einmal ein hübsches Wäd--; doch um wieder auf Martiniz zu +kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiß nur ein Mittel, wie +man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir mögen über die Torheit des +Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt +uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom. +Nein, man muß ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie +müssen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei +ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafür, er +wird so viel an Sie denken, daß das Bild seiner Phantasie +verschwindet." Ida sträubte sich vor diesem Hilfsmittel mit +mädchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, daß das sich +aufbringen heiße, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem +landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes-- +aber der Hofrat, der das Mädchen von seiner Kindheit an kannte, sah +tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Mädchenhafte gegen das +Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen könne, +sträube, daß aber das Edle und Große, das sie, nur von wenigen +gekannt, tief in der stolzen, jungfräulichen Brust verschloß, schon +jetzt diesen Rettungsgedanken mit Wärme ergriffen haben müsse; denn +in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre +Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines großen Entschlusses +mächtig geworden wäre. Er tröstete sie über den Gedanken, was die +Welt sagen würde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die +Kirche führen,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Lächeln +fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in +den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt +hätte; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den +landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _möchte +hingehen und fragen, warum bist du nicht fröhlich mit den Fröhlichen? +Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas +im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt, +daß sie Entschlüsse fassen und ausführen, wovor ein Mann vielleicht +sich gescheut hätte. Auch Idas Herz war nicht unempfänglich für +solche große Entschlüsse, die der kältere Beobachter mit Unrecht +Schwärmerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes +und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hörbar, aber fest +entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fühle es: _der Zug des +Herzens ist des Schicksals Stimme!_" + + + + + + +ZWEITER TEIL. + + + +DIE HEILUNG + +Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Präsidenten Haus +ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, größere, war in einen dicken +Überrock geknöpft, den Hut tief ins Gesicht gedrückt; die andere, kleinere, +hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf geschlagen, war tief in +einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang schien; denn die Person, die +ihn trug, mußte ihn alle Augenblicke aufnehmen. Die beiden Gestalten +schlichen sich dicht an den Häusern hin, gingen mehrere Straßen entlang und +verschwanden endlich im Portal der Münsterkirche. + +Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne über den Münsterplatz; es war +der Freilinger Küster; er schloß schweigend die große, knarrende Kirchtüre +auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere schien zu +zögern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu treten; als +aber der Küster mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie mutiger zu +werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem Schal hervor, +als fürchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den großen Säulen +hervorgucken zu sehen. + +Am Altar machten sie Halt. Der Küster zeigte auf einen breit vorspringenden +Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen großen Teil der Kirche +übersehen konnte, und die beiden Verhüllten nahmen dort ihren Platz; die +Laterne gab übrigens so wenig Licht, daß man, ohne näher zu treten, die an +dem Pfeiler Sitzenden von dem übrigen Dunkel nicht unterscheiden konnte. +Indem hörte man den Glockenhammer im Turme surren und zum Schlag ausholen; +der erste Glockenschlag von Mitternacht rollte dumpf über die Kirche hin, +und zugleich hallten eilende Schritte den mittleren Säulengang herauf dem +Altar zu. Es war Martiniz mit seinem Diener. + +Blaß und verstört setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, auf +die Stufen des Altars. + +Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener +Nacht, da ihn der Küster zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit +wehmütiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versöhnt? Kannst du +noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme tönte voll und laut durch +die Gewölbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da rief +eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel: "_Er +hat vergeben!_" + +Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen röteten sich, sein +Auge glänzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: "Wer +bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte es an +jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor; der Graf +trat bebend einen Schritt zurück, sein Haar schien sich emporzusträuben, +sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden; die Gestalt kam näher +und, näher, der milde Schein der Laterne empfing sie, noch einige Schritte +und--der dunkle Mantel fiel, ein seraphähnliches Wesen--Ida mit der +Taubenfrommheit eines himmlischen Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser +war in ein willenloses Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen +Bewohner höherer Räume zu sehen, bis ihn die süße, wohlbekannte Stimme aus +der Betäubung weckte. + +"Ich bin es," flüsterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das mutige, +engelschöne Mädchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines Toten +verkündigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott der +Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus +Übereilung und Schwachheit gesündigt, wenn ernste Reue den Richter zu +versöhnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; ich +weiß, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie mit +feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche +wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch +diesseits Ansprüche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in dieser +Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner Nähe!" + +Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draußen in der Nacht, kein +Lüftchen regte sich, kein Blättchen bewegte sich. Mit seligem Lächeln, mit +dem Sieg der Überzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida wieder zum +Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht wieder,--er +ist versöhnt!" + +"Er ist versöhnt!" jubelte der Graf, daß die Kirche dröhnte. "Er ist +versöhnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn +gebannt; Ihre treue Freundschaft für mich Unglücklichen, die ebenso hoch, +ebenso rein ist als Antonios Treue und Großmut, sie hat den blutigen +Schatten versöhnt. Wie kann ich Ihnen danken--" + +"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm +sanft die Hand entzog, die er gefaßt und mit glühenden Küssen bedeckt +hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr gönnen als das Bewußtsein, dem +Freunde genützt zu haben, so danken Sie mir dadurch, daß Sie sich wieder +den Menschen schenken, daß Sie wieder heiter und froh sind, wie es Menschen +gebührt, denen Gott die schöne Erde zu einem Orte der Freude geschenkt +hat." + +Sprachlos faßte er das zarte Händchen wieder und drückte es an sein +klopfendes Herz, sein freudiges Lächeln, ein seliger Blick sagten ihr, daß +er erfüllen wolle, was Sie ihm geheißen. + +Der Hofrat war indes näher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen etwas +schalkhafter Miene die schöne Gruppe betrachtet. Man konnte aber auch +nichts Schöneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem zarten, +sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer gewichen war, +das jetzt nur Freude und Glück aussprach, an seiner Seite die feine +Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelsköpfchen, das aus den sinnigen, +schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem hinaufsah,--sie +beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der Laterne, an den +Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich geformten Bogen und +Säulen des majestätischen Tempels. "Nun," dachte Berner, "sei es um ein +paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit wieder hier am Altar; dort +auf den Stufen steht dann der Herr Pastor primarius, und weiter unten +müssen mir die beiden Leutchen dort knien: der Herr Pastor spricht dann den +Segen, und sie sind kopu--" + +Es zupfte ihn etwas am Rockschoß, er sah sich um. Der alte Brktzwisl stand +hinter ihm und wischte sich einmal über das andere die alten Augen, die vor +seliger Rührung übergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr Hofrat," schluchzte er, +"möge es in Zeit und Ewigkeit--" + +"Sei still," flüsterte Berner, "dein Werk ist es; denn hättest du nicht +endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor." + +Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch +der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne +sie hätten wir anzetteln können, was wir hätten wollen, wir hätten doch +nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn +Onkel, und der kann nicht anders, er muß seinen Segen zu der holdseligen, +zukünftigen Frau Gräf--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte zu +ihm hin, küßte die Hände des Grafen und den Saum von Idas Gewand und +brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es +von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Mädchen den Mantel um +und hüllte ihr das Köpfchen so tief in den Schal, daß nur noch das feine +Näschen hervorsah; der Hofrat führte sie, der stillselige Graf ging neben +seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersüchtig, daß diese das +Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte. + +Brktzwisl und der Küster, der ganz traurig schien, daß seine Talerquelle +doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm +der alte Diener, als er die Türe schloß, "sind wir zum letztenmal nachts da +drinnen gewesen; dir soll es übrigens dennoch nichts schaden, alter Kauz. +Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme nur zum +alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den Tisch, die +Frau Wirtin muß alten geben, und wir trinken dann aufs Wohlsein meines +Herrn und des schönen Fräuleins." + + * * * * * + + + + +NEUE ENTDECKUNG. + +Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem man +sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wünschte mit freundlichem +Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er Rhabarber zwischen +den Zähnen hätte, ein "wenn nur das heilige Kreuz-Donner--" oder "wenn nur +das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen" um das andere heraus. Er +rapportierte, daß er einen Brief von der alten Exzellenz, dem Oheim, habe, +worin ihm dies er ankündige, daß er seine Briefe nach Fuselbronn, einer +Badeanstalt zwischen Freilingen und der Residenz seitwärts gelegen, zu +schicken habe. "Der Kuckuck!" rasaunte der alte treue Knecht, "hätte der +alte Herr nicht die vierzehn Meilen weiter machen können? Jetzt wäre er +hier in Freilingen und schaute das Glück seines Herrn Brudersohnes mit +leiblichen Augen, könnte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was +hilft mich das, daß er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten, +wir können es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden +Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern von +Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir +herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, was +nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: 'Reise +weiter! Zerstreuung hilft! Glückliche Reise!'--Jetzt, wo wir hier +Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen armen Herrn +kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was hilft da der +verfluchte Mammon? Kann ich dem Fräulein sechs Louisdors geben wie einem +Doktor oder Professor?" + +So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so +hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf +sich und die ganze Welt ergrimmt, daß er jetzt nicht _stante pede_ eine +Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt +sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wüten vor. +"Alter Narr!" rief er endlich, "muß man dir denn die Nase drauf stoßen und +eine Brille aufsetzen, daß du findest, was du suchst? Kannst du dich denn +nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von den letzten vierzehn Tagen +deinem alten Herrn schreiben und dabei einfließen lassen, daß dein Herr zum +Sterben in das Mädchen verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das +weiß, nun ja--das Fräulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was für +ein besonderes Hindernis--" + +"Weiß Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt +so ganz aus dem Auge, daß er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber +eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fräulein im +reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen +Streich! Er ist so blöde, so furchtsam--" + +Wenn er es nur gewußt hätte, der alte Brktzwisl! Sein Herr saß, indem sein +Diener von seiner Blödigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der +Präsident, der nur so auf ein Viertelstündchen in seiner Tochter Boudoir +eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie Kunst um das +Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen ein Langes und +Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden Gründen, nebenher +hielten sie sich die schönsten Reden durch verstohlene Blicke mit einer +Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, von dem selbst Cicero in seiner +Rednerkunst keine Aufschlüsse gibt und wovon auch kein Wörtchen weder in +der Syntax der deutschen Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken +und ästhetischen Vorlesungen steht, die alljährlich von den Kathedern +abgehaspelt werden. Der Präsident taute immer mehr auf; denn Martiniz +sprach von einem bedeutenden Güterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne +habe, und der gute Präsident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen +haben den Grafen auf diesen vernünftigen Gedanken gebracht, und wenn er es +vollends dazu bringen könnte, daß der Graf die Gräfin Aarstein--er +gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnädigsten Handschreiben, +besah lächelnd seine Brust, wo nächstdem das Großkreuz des Zivil-Verdienst- +Ordens paradieren werde, nannte Martiniz seinen neuen Landsmann und sein +liebes Gräfchen und zog kichernd und schnalzend über seine vortrefflich +gelungene Negoziation zum Zimmer hinaus. + + * * * * * + + + + +DAS TETE-A-TETE. + +So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar +prickelte es beiden ein wenig ängstlich im Herzen; denn das Wiedersehen +nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, führt +immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht +sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat. +Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, daß man, wie in jedem Gespräch, so +auch in dem Flüstern der angehenden Liebe, abends wärmer ist und in einer +Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der Verstand +mehr mit der Phantasie über die Haushaltung rechnet. Daher war es Martiniz +auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida bange; er war so traulich +von ihr geschieden, er hätte ihr gestern abend alles, alles sagen können, +wovon sein Herz so voll war--und jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut +verloren. Er hatte mit den ersten Damen von vier großen Reichen gescherzt +und gelacht, ohne sich von den imposantesten Schönen verblüffen zu lassen, +--wo war sein Mut, seine Gewandtheit diesem Mädchen gegenüber? Es war aber +auch unmöglich, bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der +herrliche Tannenwuchs, das Ungezwungene, Graziöse der Haltung das Auge, war +man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der jungfräulichen +Pracht des Alabasterbusens, war man entzückt von dem Rosensamt der +blühenden Wangen, von den zum Kuß geöffneten Korallenlippen, war man +wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, den ihre brand-brand-brand- +raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen Ringellöckchen und orientalisch +geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen machten, war man hingerissen von +dem Zauberlächeln, das die Grübchen in den Wangen, die Perlen hinter dem +schöngeformten Mund zeigte, hätte man hinfliegen mögen, die zarte Taille +mit dem einen Arm zu umfangen, mit dem andern das Amorettenköpfchen recht +fest Mund auf Mund zu drücken--o! so durfte sie ja nur das Auge +aufschlagen, durfte nur jenen Blick voll jungfräulicher Hoheit auf den +sündigen Menschen und seine Begierden herabblicken lassen, so schlich man +sich so duchs und geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit +zurück, als haben einen zehn Paßvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter +zurückgedonnerwettert. + +Das ist der Zauber reiner Jungfräulichkeit. Man sage, was man will, von +Verdorbenheit der Sitten und daß kein reputierliches Frauenzimmer mehr +allein auch nur eine Meile weit reisen könne! An den Männern liegt es +wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und +Geleitsbrief jungfräulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der +Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche +glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, müsse auch unwillkürlich von +ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen +Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit +ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschämtheit an sie drängten, hatte +ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn +er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phönix von Mädchen vor allen +ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines höheren Wertes bewußt +war, wer stand ihm dafür, daß nicht dieses Mädchen, das gewiß auf ihre +Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fühlen werde, wenn +er zärtlichere Gefühle äußerte? Wer stand ihm dafür--zwar der Hofrat hatte +es ihm zu dutzend Malen mit den fürchterlichsten Eiden geschworen, daß es +nicht so sei; aber was wußte der Hofrat von den Heimlichkeiten eines tiefen +Mädchenherzens?--Wer stand ihm dafür, daß sie nicht schon einen anderen, +würdigeren lie-- + +Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn +gepeinigt; die guten Betten, über welche er jenen Morgen der Frau +Mondwirtin viel Schönes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die +Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; die +Kopfkissen--Jakob's Stein muß ein Eiderdunenpfühl dagegen gewesen sein; +denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter träumen, die +ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und Vormittag, bis er +endlich den Riesenentschluß faßte, sich _Gewißheit_ zu verschaffen. + +Noch auf der Treppe hatte er Löwenmut, er stieg die Stufen hinan, als wären +es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange der Papa +dabeisaß, flüsterte er sich zu, daß er mehr Mut besitze, als er gedacht +habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glänzend, schien ihn selbst +aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das gewöhnliche freundschaftliche +Wohlwollen; er wünschte den Papa zum Henker oder in seine Kanzlei, und doch +hätte er ihn, als er ging, beim Frackzipfel nehmen und festhalten mögen; +jetzt Mut!--Aber es schnürte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht +anfangen, alles schien ihm zu gemein, zu trivial für diese Stunde-- + +"Warum so still und trübe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch +keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat +ihm diese Teilnahme!--Das Gespräch war eingeleitet, und dennoch konnte er +nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloß ihn +auszuführen; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die +Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war +Idchen bekannt, und wie unendlich hübsch stand es dem Mädchen, wenn sie von +der Landökonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnäbelchen +gewachsen war. Es war ihm, als säße er schon mit ihr abends vor der Türe +seines Schlößchens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es auf +seines Vaters Schloß gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als +züchtiges, hübsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es war +zu hübsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die +Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und +die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte: +Männchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet-- + +"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstündchen," unterbrach Ida mit +fröhlichem Lachen sein Selbstgespräch, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so gar +nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels ausklügeln; wo +haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiß saßen Sie schon auf irgend einem Landgut +und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage vertreiben wollen." + +"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn man +so allein, so ganz allein auf der Erde ist." + +"Nun, das kömmt ja nur auf Sie an, Sie können sich die Einöde froh machen, +können Freunde zu sich bitten--" + +"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist +wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz +verlangt nach etwas Bleibendem."-- + +"Wer bedenkt," antwortete Ida mit gerührtem Blick auf den jungen Mann, "wer +bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese Ansicht nicht +schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf der Erde." + +So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es +hieße dem Leben seinen schönsten Reiz ablügen, wollte man dies so streng +behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen darf ich +es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem +Unglücklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande der +Gastfreundschaft mein Herz wieder für die edlen Freuden der Geselligkeit +öffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder über mein Unglück +spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost gewährte, die mir aus +gläubiger, frommer Freundschaft selbst in jene Schreckensstunde, die mich +von den Menschen verbannte, nachfolgte, die den Fluch von mir nahm, der +mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, dir, du reines, holdes, ewig +heiteres Engelskind, darf ich sagen, was mir fehlt, du hast mir ja immer +geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein liebes Weib--" + +Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an +seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht +anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem +Schrei der Überraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom +Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender +Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten bräutlicher Scham. + +"Mein Mädchen, meine Ida!" flüsterte Martiniz und zog sie zu sich herab in +seine Arme; er nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen. "O laß mir noch +_einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, laß mir noch _einen_ Trost, den +deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den süßen Lippen hervor--und +der Graf preßte sie in stürmischem Entzücken an die Brust; wollte eben den +ersten, heiligen Kuß reiner Lie-- + +Da schmetterten Posthörner die Straße herab; ein schwerer Reisewagen +rasselte dröhnend über das Pflaster und hielt vor des Präsidenten Haus; +aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riß das Fenster +auf; aber erbleichend trat sie zurück.--"Mein Gott im Himmel!" rief sie, +"es ist die Gräfin Aarstein."--Die Saat des Bösen reift schnell. + + * * * * * + + + + +DAS UNKRAUT IM WEIZEN + +Die höllischen Latwergen und Rhabarbermüschen aus der Leumundsiederei +_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel +Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen groß +gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie gegen +den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum den Brief +seiner liebenswürdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht bekommen, als er +wie wütend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die Geschichte so +geschickt, so fein eingefädelt gewesen, und Geschenke--vom Herrn eine Dose, +vom Staatssekretär ein Staatssouper, von der Gräfin ein Paar Pferde und +sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie verschmäht, und dies alles +sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum hinter den Ohren trocken, +wegliebäugeln. + +Die Röte des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Gräfin +vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr +täglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der +Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte; +denn die Gräfin schien mit Mühe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler Busen +wogte ungestüm auf und ab. + +"Exzellenz," krächzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor, +"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem +Zukünftigen aus Freilingen."--Die Gräfin und der Rittmeister warfen sich +bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann ließ sich nicht merken, daß er +es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein +galantes Verhältnis mit einer jungen Dame, des Präsidenten v. Sanden +Tochter, angeknüpft haben. Solches wäre nun unter andern Umständen ziemlich +gleichgültig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus dem Brief aus +Warschau erinnern, daß der Herr Graf ein Schwärmer genannt wurde, und einem +solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--" + +"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht, +und ich danke Ihnen für Ihren Eifer. Die Sache ist übrigens einmal so weit +eingeleitet, daß das Gräfchen daran muß, es mag wollen oder nicht;--was +schreibt sein Onkel?" + +Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz außer Fassung; denn sein +Gewissen sagte ihm, daß er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel spiele; +als nämlich Graf Martiniz ins Land kam, als man überall von seinem Reichtum +sprach, der Staatssekretär ihn für eine gute Prise erklärte und alle Segel +aufspannte, um ihn für die Gräfin zu kapern, da wollte es Sorbens +Glückstern, daß ihm eine bedeutende Rolle zufiel. + +Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand +jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschäft war es daher, +den alten Polen für die Heirat seines Neffen mit der Gräfin Aarstein zu +gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes +Spiel haben, der alte Graf wußte ja nichts von den fatalen Verhältnissen +der Aarstein, und--ja, es mußte gehen; er schrieb dem alten Martiniz und +trug ihm gleichsam die Hand der Gräfin für den Neffen an. Mittlerweile +hatte er, um sich bei der Gräfin, die dem regierenden Hause so nahe +verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem großen +Einfluß peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe und +jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich gesagt: +"Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muß wollen, was ich will, und damit +holla!" + +Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader +Freund wieder geantwortet, daß diese Verbindung mit einer so erlauchten +Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur +größten Ehre gereichen könne und daß er sich unendlich freue, die schöne +Gräfin einmal als seine Schwiegernièce zu umarmen; bis hieher war es nun +ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was übrigens sein Votum in der Sache +betreffe, schrieb er weiter, so müsse er sich mit Wünschen begnügen; denn +er habe den Grundsatz, in solche Affären sich auch nicht im geringsten +einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser Seite vollkommen und +wisse, daß er ihm zu keiner Verbindung weder zu- noch abraten werde. Er +solle einmal nach Liebe heiraten, natürlich nicht unter seinem Stand; wenn +er aber diese Grenze nicht überschreite, gebe er seinen Segen zu jeder +Wahl. + +Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der +Alte werde bei einer Gräfin Aarstein sogleich mit beiden Händen zugreifen +und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin präsentieren ohne weitere +Sperranzien; wahrhaftig, man mußte im Norden noch weit, sehr weit in der +Kultur zurück sein, daß man von einer _Heirat nach Liebe_ sprechen konnte; +doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte auf dieser Seite +nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von Sorben dachte also: +"_Vogue la galère_, der alte Narr _muß_ wollen!" machte gute Miene zum +bösen Spiel und sagte dem Staatssekretär und der Gräfin, der alte Martiniz +sei vollkommen damit einverstanden. Ein böses Gewissen behielt er aber bei +der Sache noch immer; wenn ja das Gräfchen Goldfischchen doch nicht +anbeißen mochte--Nein! Er konnte den Gedanken nicht ausdenken, er wäre ja +um Ehre und Reputation gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten +Grafen hin hatte man sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von +etwas, das sich von selbst verstünde, überall gesprochen. + +Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und die +fatale Querfrage der Gräfin: "Was schreibt sein Onkel?" hätte ihn beinahe +aus aller Kontenance gebracht. Doch er faßte sich und antwortete mit der +heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt habe, +durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in seinen +Wünsch--" + +"Wie? Ganz in seinen Wünschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die +Ausdrücke, die Sie mir früher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir: er +schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, daß sein Neffe +mich--" + +Höllenangst, Höllenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er +kompromittiert würde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit +einverstanden, meine Gnädige, so vollkommen, sage ich, daß er selbst zuerst +auf den glücklichen Gedanken kam." + +"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Gräfin ruhig fort. "Mein Gräfchen +wird nicht ungehorsames Söhnchen spielen wollen; denn die drei Milliönchen, +die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, wegfallen, wenn +er mich nicht--" + +Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die hellen +Tränen hervorstürzen, daß er sich so dumm verplaudert hatte, und dennoch +sollte er lächeln und freundlich sein; er grinste daher furchtbar, wie +einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt im Mund hat und +doch zuckerhonigsüß dabei aussehen will. + + * * * * * + + + + +DAS UNKRAUT WÄCHST + +Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene +des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spaßhaft vorkommen, als sie +aussehen sollte. "Mir scheint es, als dürfe man die Sache nicht nur so +gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein +will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnädige Gräfin--wenn +ich selbst drei Millionen hätte wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen +vor Anker liegt, so täte ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter +Oheim wollte." + +"Das heißt also," rief die Gräfin pikiert, "Sie würden Ihrem Kopf folgen, +auch zu den Füßen des Fräuleins Ida liegen und die Gräfin Aarstein +refüsieren?" + +"Wie Sie nur so reden mögen?" antwortete der Rittmeister empfindlich. "Sie +wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit sagen, daß +der Graf Sie sehen muß. Und hat er Sie nur erst einmal gesehen, nun, so +stehe ich dafür, daß er keine weitere Vergleichung anstellt, sondern zu +Ihren Füßen liegt." + +Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte +selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, daß dieser +Rat vielleicht so übel nicht wäre. Auch Sorben schien er das einzige +Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter +den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnädig; denn wenn _die_ einen +lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig +Stunden, und er ist im Netz. + +Sie hielten jetzt großen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister +von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor der +Gräfin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem überein, was +Fräulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Über den Tatbestand war also +nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen? + +"Ist sie denn wirklich so hübsch?" fragte Sorben, um die feindliche +Stellung recht genau zu rekognoszieren. + +"Hübsch?" lachte die Gräfin bitter. "Hübsch? Nun, das müssen Sie ihren +_primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander gefitztes +Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zähne, ein paar rote Bäckchen, eine +gedrechselte Hopfenstange von Körper, die mir die Nerven angreift, weil man +sie nicht berühren darf, ohne fürchten zu müssen, daß man eines der zarten +Gliederchen abknicke,"--bei der kolossalen Riesenkürassierfigur der Gräfin +war dies nicht zu befürchten--"wenn dies alles für hübsch gelten soll, so +ist sie wunderschön! Ha, ha, ha, wunderschön! Nun, und das--muß man ihr +lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse +mich herab, sie mir letzten Winter präsentieren zu lassen, lade sie zu +meinen Soirees und Hausbällen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich setzte +mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise ohnegleichen +ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die einen Affen an ihr +gefressen haben mußte, als ich mich bei der Fürstin Romanow beklagte, warum +die junge Dame sich so impertinent gegen mich betrage, was meinen Sie, daß +ich zur Antwort erhielt? Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben +und keusch, als daß sie sich in meinen Cercles gefallen könnte! Dergleichen +kann man von der Fürstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken, +aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, der +Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. Wie ist +es damit? Gestehen Sie!" + +Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, daß er Ida immer nur +als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein höhnisches +Teufelslächeln bei diesen Schwüren, die Art, mit welcher er den Stutzbart +bis an die Ohren zurückriß und die Augen einkniff, ließ fast erraten, daß +er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle. + +"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer zu +agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem Sattel, +der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, daß er den Grafen eifersüchtig +macht. Er darf nur dem süßen Schwärmer schwören, daß er die Gunst des +Fräuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und dazu ein Gesicht +machen, wie wir es eben gesehen haben, so muß der gute Mann abgekühlt sein, +als sei er nie entbrannt gewesen." + +"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir können doch die Mamsell Zimperlich +nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn Tagen die +Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so schnell zu meinen +Füßen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen." + +"Ist gar nicht nötig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer +hübscher mischte, "nicht nötig. Wie wäre es--ja, das wäre am Ende das +beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spaß auf +einmal ein Ende machten!" + +Der Gedanke schien der Gräfin nicht übel zu gefallen. "Wahrhaftig, es wäre +so übel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Präsident--wahrhaftig, +ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr hat er mich +eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine Güter durch +Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das wäre ein zu hübscher Spaß, +Fräulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan abzuspannen. Nein, der +Einfall ist göttlich, und ich bin fest entschlossen, ihn auszuführen." +Sorben atmete wieder freier, als er die Gräfin auf so gutem Wege sah. Jetzt +konnte, jetzt mußte ja noch alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre +war gerettet. Er tat sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er +so hübsch die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert +hatte. Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich. + +Als er fort war, gestand die Gräfin ihrem Cicisbeo, daß sie nach Freilingen +reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter _einer_ Bedingung, +nämlich er müsse sie eskortieren. Einmal würde ihr die Reise zu langweilig +ohne ihn, und dann habe sie ihn auch höchst nötig, um Ida bei dem Grafen +aus dem Felde zu schlagen. Der Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit +einer solchen Frau war eine herrliche Aussicht. Daß er als +Reisestallmeister den Wein nicht zu schonen habe, wußte er wohl. Nach +Freilingen war es drei Tagreisen; wie angenehm ließ es sich bei der Gräfin +im Wagen sitzen, wie interessant ließen sich die Verhältnisse weiter +spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrückte.--Und dann, er +kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu rächen, in die er--er +mußte es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden verliebt war +und die ihm nicht einmal ein Küßchen--nein, es war zu unverschämt; bei +andern hatte er nach den ersten Präliminarien beinahe ohne Schwertstreich +gesiegt, und dieses Landpomeränzchen hatte ihm so imponiert, daß er es +nicht wagte, nachdem sie ihn einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch +einmal einen Versuch zu machen. Und diese Blâme war ausgekommen, man wußte +es sogar in dem kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, +sein Kamerad Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu +räch--. Es mußte sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, daß +ihr die Haut schaudern sollte. + +Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem gräflich Aarsteinischen Wappen +zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck mit seinem +Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das Pferd dem Jockei +und setzte sich in den gräflichen Reisewagen, und fort ging es über Stock +und Stein, bis man den Münsterturm von Freilingen sah. Dort stieg er aus, +küßte noch einmal eine schöne Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, +saß auf und ritt auf einem Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum +Goldenen Mond einquartierte. + + * * * * * + + + + +TRÜBE AUGEN. + +Ida fühlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Gräfin aus dem Wagen +steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglück!" seufzte sie, indem sie +einen trüben Blick über Martiniz hinfliegen ließ und zur Treppe eilte, um +den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglück, wenn dieses Weib +in mein Leben greift!" + +Sie zerdrückte eine Träne des Unmuts über ihr Geschick und ging weiter. So +ungefähr muß es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die +Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick übertäubt, nicht +auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem Verderben +entgegengehen. + +Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in höheren Verhältnissen von +Kindheit an studiert, wußte die Gräfin schnell über das Unangenehme der +ersten Augenblicke hinüberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die +Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht +gebracht, daß sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren wärmsten +Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Überraschte und die Gräfin die +Überraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremoniös beim Empfang der +hohen Dame; aber ihr natürlicher Takt sagte ihr, daß sie jede andere +Rücksicht beiseite setzen müsse, um nur die im Auge zu haben, die Gräfin, +die nun einmal ihr Gast war, anständig und würdig zu behandeln. + +Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen leiteten, +als die der Gräfin! So verschieden als Natur und Kunst. Die Aarstein wußte +gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter haßte und ihm hätte den Dolch in den +Leib rennen mögen, freundlich und leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas +Verbindliches sagen, wenn sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber +so sind jene Gesellschaftsmenschen, die nichts Höheres kennen, als sich zu +produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten Zeiten +zu kommen, wo noch alles so brüderlich und freundlich war; da ist alles +übertüncht, alles hat den schönen Anstrich der Geselligkeit; aber man soll +nur einmal hinhorchen, wie es da über die ehrlichen Leute hergeht, wie +medisant da alles bekrittelt wird, wie da der Bruder, der Freund gewiß sein +darf, von dem, der ihm gerade noch so schön getan, ohne Schonung bitter +bespöttelt zu werden. + +Aber ist es nicht überhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer dem +andern so viel als möglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin gebracht +hat, daß er ruhig in dieses böse Treiben hineinsieht und dazu lächelt! Mit +Ruhe und dem Bewußtsein, Gutes gewollt zu haben, in der zufriedenen Brust, +lache ich über den Spott meiner Neider, über die hämischen Bemühungen jener +Falschmünzer, die mit schnöder Schadenfreude aus allem, was man je gesagt +und gedacht, nicht gesagt und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer +frechen Leumundsiederei ein Gebräu zusammenkochen, das sie gerne mir +unterschieben möchten! + +Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und +Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge +verlieren, glücklich und brüderlich untereinander zu wohnen! So denke ich +und viele Tausende mit mir über jene bösen Mensen in den gesellschaftlichen +Zirkeln und in der Welt überhaupt, so denken wir und lachen; denn _das +Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man ein sicheres Glück im +Herzen trägt, und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem +schönern Eigentum zurück_. + +So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Gräfin die Treppe hinanstieg; +ein tröstender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren +innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie +ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte +den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne daß ihr das Wasser in die Augen +trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren. + +Es gab einen sonderbaren, aber schönen Anblick, wenn man die beiden Damen +so nebeneinander hingehen sah. Gräfin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie +hätte ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen können,--voll, üppig +gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestätisches, +Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Übermut grenzte. Ihre +dunkeln Augen hatten das holde, mädchenhafte Niederschlagen schon lange +verlernt und rollten mit einem unstäten Feuer umher, als suchten sie +lüstern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher, +ob auch die gehörige Ehrfurcht gegen einen Sprößling eines so hohen Hauses +bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfällig, weil die korpulente Figur +für die in die feinsten Pariser Atlasschuhe eingepreßten Füße etwas zu +schwer war. + +Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenähnliche Gestalt Idas--nein, +dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber doch +war das holde Lockenköpfchen ein wenig vorwärts gesenkt; das sanfte Auge, +oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es aufschlug, so +glänzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden Ernst, daß es +durch die sanfte Beredsamkeit überzeugender gebot als das Rollauge der +gebietenden Gräfin. Und um wie viel anziehender war das +Schelmengrübchenlächeln des süßen Mädchens als das schrankenlose Lachen und +Gurren der Gräfin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes Ohr verletzte. +So schwebte Ida neben der Gräfin hin, so wie Juno und Hebe traten sie in +das Zimmer. + +Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn so +unbarmherzig aus dem süßesten Moment seines Lebens herausgerasselt hatte. +Er verwünschte den Gast, der gerade jetzt kommen mußte, wo er endlich +seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Mädchen, das er liebte, das er +anbetete, seine Gefühle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, süße verschämte +Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von Engeln des Himmels +gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen tönte, wo er, das Engelskind im +Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, Himmel und Erde vergaß +und auf diese würzigen Purpurlippen, auf die bräutlich errötenden Wangen +den ersten, seligen Ku-- + + * * * * * + + + + +DIE GRÄFIN AGIERT. + +Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des +Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen +gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt; die Stimme wollte ihr +beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Gräfin Aarstein" +vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie sie den +bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen drohte; es +zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen hinein, als die +Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf den Sofa warf, ihr zurief, +sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die +ein so plötzlicher Überfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie +möchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade +haben, sie zu unterhalten. + +"Da sei Gott gnädig," flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr fröstelnd +und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, "wenn die so fortmacht, +so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu +ihren Füßen knien." + +Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen +Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie ihn +bei einem reißenden Tier allein lassen. + +"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Gräfin an Martiniz, der +schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes +Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe +sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat. +Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der +Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten +findet sich dies eher." + +Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem aber +schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst, +als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete +ihre Frage durch ein leises Kopfnicken. + +"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der die +Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht ist +es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam; Sie können sich gar nicht +denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblühte; die +Straße vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht leer von den +Anbetern, und natürlich--ein solches Mädchen hat denn doch auch ein +Herzchen und fühlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Übrigens, +das muß man ihr lassen, mit dem größten Anstand wußte sie den Herren zu +imponieren und sie sogar zu verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem +Rittmeister von ....... es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht +verdenken." + +"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog. "Der +Rittm--"--"Nun ja," lachte die Gräfin, "da ist es auch kein Wunder, daß sie +ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein +Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte und das er nicht überwunden +hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze, ist aber sonst ein artiger +Mensch; _au fond_ ist es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen schnell +aus der Pension nahm; denn sehen Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte +sie Ida entgegen, die mit liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee +für ihren Gast brachte. Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf +den Boden fallen lassen; denn der Graf--was mußte ihm nur begegnet sein?-- +er saß da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet-- + +"Nun, da erzähle ich," fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer Freude +das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu +zerreißen strebte, "da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affäre mit +dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, daß man sie so grausam +herausriß aus der Wonne der ersten Lie--" + +"Gnädige Frau!" rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die Tasse +nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann. + +"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule schwatze; +das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa hätte auch keine +ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können--" + +"Ich muß Sie bitten, gnädige Frau--" + +"Ei, so lassen Sie doch die gnädige Frau," fiel ihr die Aarstein ins Wort, +"ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich +Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," setzte sie +naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu; "ich lebte +nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind +beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mädchen."-- + +Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Äußerungen mußten ihre +unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese wegwerfende +Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem +Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht +begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut +abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie +nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an +der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W--. Aber nein, wie sah der +Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekneipt, daß sie ganz weiß wurden, +sein Auge rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch +schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange +ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und her, +was ihm sein könnte, und fand immer nichts. + +Die Gräfin zog sich letzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden. Ida +sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich +nur so halb und halb, daß sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde +vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen; aber sie täuschte sich +bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah +er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging. +Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich +aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersüchtig war der gute +Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein +und unschuldig, daß es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu überzeugen; +aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir +die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister +sprechen und ihn recht bös machen. + +Das gute, fröhliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Böses +anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete! + + * * * * * + + + + +EIFERSUCHT. + +Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel +tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte +entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: nun, das ist +so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, und +damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem Trübsinn, von +seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es +einen viel tieferen Eindruck, dieses Mädchen, das so hoch stand in seiner +Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? Auch sie sollte so +zwanzig, dreißig Liebschäftchen und am Ende noch eine recht tüchtige Amour +mit einem leichten Rittmeister gehabt haben? + +Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein +Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister +viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüsterte ihm sein +tief zerrissenes Herz zu, das, daß sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau +so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte, ja, er durfte sagen, an +sich zog, während sie noch einen andern, wie es schien, Unwürdigen im +Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch möglich, vielleicht war es +doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr +geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie-- + +"Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe," schnatterte ein Jockei, +der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war; "der +Rittmeister von Sporeneck--" + +Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er +hier sein? + +"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob der +Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus +abtreten wollten?" + +Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber +Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese +Forderung war zu unverschämt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, der +ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der Graf +wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn und schnatterte weiter: + +"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein +Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da hat er +gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei--" + +"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so +finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh dabei +wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal +vormachen ließ. + +Da hat er es ja sonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat +er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte +jetzt noch die Unverschämtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, daß er besser +hinüber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es nicht +fortgehen; die Wehmut war stärker als die Bitterkeit und wurde Herr über +sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So war gewiß noch +kein Mensch getäuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn +ein Mädchen finden, so hold, so schön, so ganz Unschuld und reine +Jungfräulichkeit; er muß sie lieben, und wie glücklich ist er in dieser +Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die er seit langer, langer Zeit +nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein Herz, er fühlt sich glücklich, wie +er selbst damals, als noch sein Haus in Fülle des Glücks und der Freude +prangte, sich nie gefühlt hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er +sah das Morgenrot der ersten zarten, jungfräulichen Liebe auf ihren Wangen +aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus +ihm, dem Unglücklichsten der Sterblichen--den Glücklichsten. Jetzt hatte er +ja alles, was die kühnsten Wünsche nur verlangen mögen; Gesundheit, Jugend, +hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit +Talern hätte belegen lassen können, ohne daß er es sonderlich gefühlt +hätte; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein holdes, tugendsames +Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; er hielt im seligsten +Moment seines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für dessen Tugend er +sein Leben gegeben hätte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz +hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein +wenig lüftet und ihn das Mädchen ein wenig näher kennen lehrt, die ihn +merken läßt, daß dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser +keusche Mund nicht zum erstenmal geküßt werde, die, wenn man es gleich in +der großen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, daß es gut +sei, daß man das Mädchen aus einem unschicklichen Verhältnis herausgerissen +--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine +Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schüchtern mit der verschämten +Zartheit erster Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten +andere geschwelgt! Er schämte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen +hatte, so betrogen, so schnöde angeführt worden zu sein; er gönnte ihr, +obgleich sein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeister; es reute +ihn beinahe, daß er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm +geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch +drängte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rächen wollte er sich an ihr, +er wollte hinüber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn +betragen würde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber +gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase +herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das eine +war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg wehtun; daß +andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie +tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien ihm, er wollte ganz und +gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei +oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß +er sie verachte. + +Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präsidenten Tee trank, hatte schon +geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Träne, die er der +Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf +sich in die Kleider, preßte das weichgewordene Herz mit beiden Händen +zusammen und ging dann den schweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er +einst so unendlich glücklich gewesen war. + + * * * * * + + + + +DER NEUE NACHBAR. + +Es war, als sei ein feindlicher Dämon mit der Gräfin in Präsidents Haus +eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille Leben +des Hauses verändert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu bedienen; +es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, daß man glaubte, der +Feind sei vor den Toren. Der Ärgste war der Präsident selbst; ganz still +verklärt schlüpfte er in allen Ecken des Hauses umher, zankte und +hantierte, daß die Konfusion nur noch ärger wurde und sein Mädchen, das vor +Haushaltungsgeschäften und Herzensangelegenheiten nicht wußte, wo ihr der +Kopf stand, ihn um Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu +lassen. Es war aber auch kein Wunder, daß er sich ein wenig verrückt +gebärdete. Der Himmel hing ihm voller eigenhändig-durchlauchtigster +Belobungsschreiben, voll großer Verdienstkreuze mit breitem Band über die +Brust, voll Dotationen und Standeserhöhungen; jetzt war er in seinem +_Esse_, jetzt konnte er negozieren und zeigen, daß er nicht umsonst in +Regensburg und Wetzlar in seiner frühen Jugend Diplomatie studiert hatte: +Was er mit seinen kühnsten Wünschen nicht für möglich gehalten hätte, +führte ihm ganz bequem der Zufall in die Hände. Der Staatssekretär hatte +ihm aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Martiniz sich ankaufe und für die +Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte ihm +wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch allerhöchsten +Vertrauens auch gehörig rechtfertigen werde. Jetzt gab der Himmel der +Gräfin ein, auf ihre Güter zu reisen. Was doch nicht der Zufall tut! Ohne +daran zu denken, daß es wirklich einmal in Erfüllung gehen könne,--denn der +gerade Weg führte zwei Meilen seitwärts an Freilingen vorbei,--hatte er +einmal in der Residenz in einem Anfall von galanter Laune der Gräfin das +Versprechen abgenötigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und +wie glücklich fügte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die er +behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat, sie, +nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mußten, die, ohne daß man +es merkte, an ganz geheimen Fäden das Land regierte, sie besuchte _ihn_. + +Aber sie sollte auch gehalten werden, als wäre sie in ihrem eigenen Hause, +daß sie recht viel Schönes und Gutes höheren Orts von ihm und seinem Hause +sagen konnte. Kaum hatte sie geäußert, sie finde Idas Zimmer im ersten +Stock so hübsch, so mußte das Fräulein das Feld räumen und in die zweite +Etage wandern. Es kam dem Mädchen sauer an, als sie so die Plätze wechseln +wußte, und in ihrem traurigen, ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe +bedünken, als sei dies eine schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar +nicht zu verdenken; sie hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt; +dort saß sie am liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur +das Köpfchen ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig +aufheben, nur einen kleinen Viertelsseitenblick hinüberwerfen, so sah sie +ja auch schon ihn; und jetzt sollte sie der verhaßten Nebenbuhlerin, die ja +offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, jetzt +sollte sie dem üppigen Weib, die gewiß alle Künste der Fensterkoketterie +aufbieten werde, ihr heimliches Plätzchen am Fenster, ihr lauschiges +Schlafstübchen abtreten und dafür, weiß Gott wie lange, in den weiten, +unheimlichen Zimmern des oberen Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie +ihre kleine Haushaltung oben ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die +Toilette, die paar Kistchen und Kästchen waren bald gestellt; jetzt setzte +sie einen Stuhl ins Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den +ersten Stock des Mondes hinabsehen könne; es ging wohl, aber sie sah nichts +als die Wolken seiner Gardinen; er mußte schon herausschauen, wenn sie ihn +von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie +schon, einen steifen Hals konnte sie sich füglich gucken, wenn sie immer +das Köpfchen hinabbog. "Doch was schadet das," lächelte sie, "das tu' ich +ihm schon zu Gef--" + +Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen? +oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage +des Mondes zurückkehrte und ihr Blick zufällig an den Fenstern des zweiten +Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich für ein Kind," +dachte sie. "Wie, wäre es möglich? Was könnte er nur hier zu tun haben?" +Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von Sporeneck lag +geradeüber von ihr im Fenster und bückte und verbeugte sich herüber und tat +und lächelte so vertraut und so freundlich, als hätte er sie jahrelang +gekannt. + +Voll Unmut über den Unverschämten riß sie an der seidenen Schnur, welche +den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe zwischen +sie und den verhaßten Lüstling. Dieser Mann war ihr der widerwärtigste auf +der Erde; er war ein schöner, kräftiger Soldat, gebildet, von glänzendem +Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wußte den Bescheidenen zu spielen, +aber nicht länger als ein paar Tage; dann--das Mädchen, das er belagerte, +_mußte_ ja in dieser Frist kirre gemacht sein--dann kehrte er seine wahre +Seite heraus; sein Auge wurde lüstern, seine Reden, lockend, schlüpfrig, +mußten jedes zarte, weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht +schon ganz für ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genähert. Das +unschuldige Kind hatte Gefallen an seinen Gesprächen, die ihr ein wenig +mehr Gehalt zu haben schienen als die der übrigen jungen Herren; sie ging +oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein +rasendes Dementi bei diesem Mädchen gegeben. Er hatte sie in _eine_ Klasse +gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur Jungfrau +herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum verhaltene +Lüsternheit, ein sündiges Sinnen und Begehren verbergen. Diese hatte er +immer bald aufs Eis geführt, und waren sie nur einmal in einem Wörtchen +geglitscht und geschlüpfert, husch--; so hatte er auch bei Ida endlich, +nachdem er alle edlern Farben hatte spielen lassen, die herausgekehrt, die +jede andere geblendet hätte, aber vor dem strengen Blick der reinen +Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, man sagt sogar mit einer +tüchtigen Ohrfeige, war er abgezogen, erklärte Ida überall für ein +Gänschen, schwor ihr bittere Rache und warf sich in die Arme der Aarstein, +wo ihm ohne langweilige Präliminarien bald wurde, was er bei Ida durch +tausend Künste umsonst gesucht hatte. + +"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu +genieren!" Denn daß die Gräfin ihren Liebhaber mitgenommen, daß er auf +keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie gleich +weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind nichts dabei. +Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein so ziemlich, sie +wußte, daß diese gekommen sei, um den Grafen zu gewinnen; aber das ahnete +sie nicht, daß man den Rittmeister nur dazu mitgenommen haben könnte, um +sie von Martiniz' Herzen loszureißen, um sie in eben jenem Lichte zu +zeigen, in welchem sie die Gräfin sah. Nein, an diesen wahrhaft höllischen +Plan dachte das engelreine Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes +gönnte, nicht. Und wie sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja +gar nicht anders, als die Gräfin könne von ihrer Liebe zu Martiniz auch +nicht die leiseste Ahnung haben; wußte ja sogar sie kaum seit Stunden, daß +sie ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all +ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und +niemand könne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht höchstens Mart-- +ja, er mußte ja gefühlt haben, daß sie ihm gut sei, sonst hätte er wohl +nicht jenes Geständnis gewagt, daß er sie lie-- + +Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig, +die Teestunde war da, und noch manches war zu rüsten; die Gedanken an Rum +und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Brötchen, Tassen und Löffelchen +verdrängten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu +ordnen. Dort stand schon Papa und flüsterte ihr zu: "Schicke dich nur; es +sind allerhand Besuche da, und du könntest leicht mehr Rum brauchen als das +Bouteillchen da!" + + * * * * * + + + + +TRAU--SCHAU--WEM? + +Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Präsident--Nein, sie hätte +mögen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, "ein Bekannter +von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns diesen Abend mit +seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; wenn so einer von +euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, ist es gleich ein +Jubel und ein Fest für alle Mädchen, die nur einmal in der Residenz waren; +da werden dann allemal in Gedanken alle Bälle und die kleinsten Touren noch +einmal durchgetanzt und in der Erinnerung viel getollt; ich kenne das," +setzte der freundliche Alte hinzu, indem er sein Töchterchen in die Wange +knipp, "war auch einmal jung und kenne das." Er ging weiter und ließ den +Rittmeister vor Ida stehen. + +Diese wurde bald blaß, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade +umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnöde abgewiesen hatte, dieser konnte +es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht öffentlich +prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heißen und fortschicken? +Doch nein, sie wußte, wie heilig das Gastrecht ihrem Vater war, sie wollte +ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und bemerkte nicht, wie der +Rittmeister schon seit einigen Minuten neben ihr stand und an sie hin +sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was mußte nur der Graf denken, wenn +sie so lange bei dem Menschen stand, mit welchem sie die Aarstein bei ihm +so verdächtig gemacht hatte! Ihre Augen suchten den Geliebten--er saß neben +der Gräfin; traulich hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt +sahen beide nach ihr und dem Rittmeister herüber--die Gräfin mit höhnischer +Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, als +sehe er etwas, das er gar nicht für möglich gehalten hätte. + +Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob +denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein +Mißtrauen ihm zuflüsterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er +konnte ja auch in Geschäften an das hiesige Regiment geschickt worden sein; +dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenüber abzutreten--nun ja, das war +allerdings stark, und der böse Geist wollte ihm zuflüstern, daß dies schon +sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch wieder; das alles +bewies ja nur höchstens, daß der Rittmeister in Ida verliebt sei; von ihrer +Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber recht Achtung wollte er geben +auf Ida; das war sein Entschluß gewesen, als er durch die hellerleuchtete +Enfilade von Präsidents Zimmern ging. + +Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe +niemand, den er näher kannte oder mit welchem er in ein Gespräch sich hätte +einlassen mögen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken durch die +Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das Ida" dachte er; +er sah sich freundlich um--es war die Gräfin. Sie verwickelte ihn bald in +ein Gespräch, aus welchem er sich nicht so bald herauswirren konnte. Das +Fatalste war, daß er dem Redegang der Gräfin Plapperinsky immer folgen +mußte, um nicht zerstreut zu erscheinen, und doch ging ihm immer der +Rittmeister und sein Logis im Kopf herum. + +"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer +Pause wieder Altem geschöpft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger und +aufmerksamer für seine Gäste sein als Ida? Denken Sie sich, meine Coffres +und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es wohnt sich +dort ganz hübsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant eingerichtet wie +hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht man keine so großen +Ansprüche, besonders wenn man so schnell und unangemeldet kommt wie ich. +Ich war also schon ganz zufrieden in meinem Sinn und ließ auspacken. Da +kommt das gute, liebe Engelskind, denken Sie sich, und ruht nicht eher, bis +ich von ihrem schönen Boudoir, Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz +nehme, und sie selbst zieht in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock. +Nein, sagen Sie selbst, kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als +die gute Ida?" + +"Sehr viel, sehr viel!" preßte Emil heraus; es war ihm, als schnürte ihm +etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die Brust führe +und das warme, liebe glühende, treue Herz umdrehte und schmerzlich hin- und +herreiße. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden war jetzt die +fürchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so schändlich mit ihm +gespielt hatte; daß zwischen dem Logis des Rittmeisters und ihrer +ungemeinen Gefälligkeit gegen die Gräfin ein geheimer Zusammenhang +stattfand, konnte ein Blinder sehen. + +Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hölle lachte +aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein großes Opfer," sagte er mit schrecklicher +Lustigkeit zu der Gräfin, "eine ungeheure Großmut, die ganz allein aus der +allerausgedehntesten _Nächsten_liebe und _Gast_freundschaft hervorgeht!". +Die Gräfin Aarstein-Satanas wußte wohl, daß sie sein Herz mit glühenden +Zangen zwickte, wußte auch nur gar zu gut, woher die Logisveränderung kam; +aber so vollständig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren höllischen +Triumph nicht vorgestellt. + +Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wußte daher auch nicht, daß die +stärkste, glühendste Liebe zugleich die schwächste und empfindlichste ist. + +Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Präsidenten +reichlich versehen war. Der Graf bebte zurück vor ihm. Dieses gierige Auge, +dieses höhnische Lächeln, diese falsche, schlaue, lauernde Miene, so ganz +ohne höhere Bedeutung, ohne edlere Züge--diesen Menschen konnte Ida lieben? +Er hätte jedem unter die Nase gelacht, der ihm so etwas vor zwei Tagen, als +er noch an die Engelsunschuld des lieben Mädchens glaubte, hätte weismachen +wollen. Er hätte jeden einen Schurken geheißen, der _dieses_ heilige, +keusche Geschöpf mit diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle +Leidenschaften gewühlt hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt hätte.-- +Jetzt mußte er ja selbst daran glauben. Wie ein Kind ließ er sich von der +Aarstein leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte, +den Rittmeister hier zu sehen, sie ließ manche giftige Bemerkung schlüpfen +--er hörte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschäftigte ihn: er +wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie käme, wie sie sich gegen +Sporeneck benehmen würde. Die Türe ging auf, sie kam. An der Hand des +Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzücken +unterdrückte, wie Blässe und Röte auf ihrem Gesicht wechselten, wie sie +ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhörte, und wie glühende Dolche +fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur hin, Graf," +flüsterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie glücklich die +Leutchen dort sind! Das ist ein Erzählen, das ist eine Wonne, daß man +einander nach ein paar Wochen wieder hat. Daß sie sich nicht auf der Stelle +abherzen und küssen, ist alles!" + +Dem Grafen würde grün und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der +Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Röte des Unmuts und +der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so eigenen +Reiz, daß der Graf nur um so tiefer fühlte, wie schrecklich sich hier die +Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges Herz eine so +herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es so gar nicht +verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde Grübchen in den Wangen, +dieses bezaubernde, huldvolle Lächeln gegeben? Sie verneigte sich gegen die +Gesellschaft; die Gräfin drohte ihr lächelnd mit dem Finger; sie errötete +von neuem. Sie mußte noch die Zuckerdose herbeiholen; sie hätte einen viel +näheren Weg gehabt, aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorüber; er +wagte nur einen leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes +Auge gerichtet, ihm lächelte sie, ihm flüsterte sie im Vorbeigehen kaum +hörbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und düster?" + +Er fühlte den süßen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruß hätte ihn sonst +bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort hätte sonst alle +Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten Falten geebnet. Heute +--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche Erz-General-Armee-Kokette +mußte es ja auf dem weiten Erdenrund nicht geben! Ist fünf Minuten außer +sich, weil sie den alten Liebhaber wiedersieht, und um es doch mit dem +neuen nicht zu verderben, flüsterte sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Maß +ihrer Schuld über. Der reine, wahrheitsliebende Jüngling konnte ihr +verzeihen, daß sie einem so zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck +offenbar sein mußte, ihr Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich +es ihm das Herz brechen wollte, daß sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel +gespielt hatte; er konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, daß +sie sich, als der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Blößen gab,--er konnte +dies alles verzeihen. Daß sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen +wollte, daß sie Zweien auf einmal gehören wollte, nein, das ging über seine +Begriffe. Er mußte, seine Natur mochte sich dagegen sträuben, wie sie +wollte, es war ihm, als müsse er sie verachten. Aber sie hatte recht, +obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, daß er nicht dasaß +wie ein armer Sünder, über welchen der Stab gebrochen wurde. Wenn auch +besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, er _mußte_ lustig +sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden bluten. + +Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekränkten +aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemächtigte sich seiner, die +er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riß das Gespräch an sich, er +strahlte von Witz und Leben, daß alle weiblichen Herzen dem herrlichen +Mann, dem schönen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespräch; sein +feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schönes sagen zu wollen, +ausschließend aber galt es der Gräfin. Er wußte selbst nicht, was ihn +antrieb, ihr so sehr als möglich den Hof zu machen; aber es war ein dunkles +Gefühl in ihm, als müsse es Ida recht tief verletzen, wenn er die Gräfin so +sehr auszeichne, wenn er alle Damen für sich gewinnen wollte und ihr, ihr +allein keinen Blick, kein Lächeln gönnte, nicht einmal zu hören schien, +wenn sie hie und da ein Wörtchen mit einschlüpfen lassen wollte. + +Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es +getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das +nur für ihn, mit dem Feuer der ersten jungfräulichen Liebe nur für ihn +schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, daß er so +fröhlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Wörtchen die sie ihm +zuflüsterte, haben ihn aus seiner finstern Laune hervorgezaubert; ihr +kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, wie er sich an alle +wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick der Freundin galt, wie +er nur für die Aarstein zu leben schien, als sie seinen schneidenden Hohn, +die grelle Lustigkeit, den schillernden Witz, der ihm sonst gar nicht eigen +war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, daß ihm jetzt ein anderes Gestirn +aufgegangen sein müsse, das seinen Einfluß auf ihn übe. Und wer konnte dies +sein als die, die ihr von jeher feindlich entgegengetreten war--die +Aarstein! Der Glanz der üppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es +ihm auch ausmachen, daß er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, +sie weinte nicht; aber eine furchtbare Blässe lag auf dem holden +Engelsgesichtchen, ein wehmütiges Lächeln spielte um ihren Mund; sie sah ja +alle die leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in +einem einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie +sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. Von +Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art ängstlicher Eisersucht in +Gestalt einer Fledermaus durch den kaum dämmernden Morgenhimmel ihrer +Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr +als ein großer Schmerz. Sie fühlte, daß sie diesen ewig, ewig in ihrem +treuen BUSEN tragen werde. + + * * * * * + + + + +DER GRAM DER LIEBE + +Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den nächsten Tagen. Der +Hofrat hätte vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen können; aber +das Unglück wollte, daß er in wichtigen Angelegenheiten an demselben Abend +verreisen mußte, an welchem die Gräfin ankam. Die Gräfin schrieb, so oft +sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinüber und +spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten +Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr nötig zu sein, weil sie +den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, daß an kein Entrinnen zu +denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille +der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz +abdrücken, daß Ida in solchen Verhältnissen mit dem Rittmeister sei. Wenn +er bei Präsidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war sie ihm +wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem Mund ihn +geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann unter +Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das Mäulchen +gegangen wie ein oberschlächtiges Mühlchen, und keine fünf Minuten hatte +sie ruhig sitzen können, ohne daß sie aufgesprungen wäre, dort was zu +holen, hier was zu zeigen; und welche Freude gewährte es dann, das Mädchen +dahinhüpfen zu sehen! Ihr Gang war dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie +und Anmut; es war, wie wenn über die ganze Gestalt ein zauberisches Lächeln +gewoben gewesen wäre, und jetzt--und jetzt! + +Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar +bedünken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhüpfen, da mußte +sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so +abgemessen, als wäre er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar vor, +als liege etwas so Wehmütiges in dem lieben Gesichtchen, das er sich nicht +anders erklären konnte, als daß es sie reue, ihn so am Narrenseil geführt +zu haben, daß sie sich schäme, so unverhofft demaskiert worden zu sein. Zu +Zeiten wünschte er sich auch den Hofrat herbei, um mit ihm über das Mädchen +und seine grenzenlose Koketterie zu sprechen. + +Daß doch die Männer gewöhnlich so grausam sind und nicht sehen, was so +offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbüchern und Romanen alle +Folgen unglücklicher, verschmähter Liebe, alle Zeichen eines gebrochenen +Herzens; sie können es sich auch in der Phantasie recht lebhaft vorstellen, +wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram der Liebe gebrochenen +Herzen aussehen müsse, sie nehmen sich vor, das nicht zu vergessen; aber +wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst aus Übermut oder törichter +Eifersucht ein schönes, nur für sie schlagendes Herz gekränkt, geknickt, +gebrochen haben, da merken sie es nicht, sie können sogar noch ein recht +ungläubiges Hohngelächter der Hölle aufschlagen, wenn man ihnen die stille +Träne im trüben Auge, den wehmütig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, +wenn man sie aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da +wird man seine Gründe haben." lachen sie und gehen ungerührt vorüber und +denken nicht, daß man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen Herzen +sterben könne. + +Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in +Erfüllung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida. + +Für ihren tränenschweren Blick, für ihren wehmütigen Ernst wußte er tausend +Gründe anzugeben, wußte sich mit wieder tausend Vermutungen zu quälen und +zu härmen; die rechten fand er nicht. Es war eine wunderbare Veränderung +vorgegangen mit diesem Mädchen in den paar Tagen. Sonst das Leben, die +Fröhlichkeit selbst, jetzt ernst und abgemessen. Die bleicheren Wangen, das +trübere Auge, das ja so deutlich von tränenvollen Nächten, von +gramerfüllten Träumen sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der, +um welchen diese stillen Tränen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte +sie nur eben die heißen, ausgeweinten Augen zuschließen und sich in das +Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kühl um die vier Bretter und zwei +Brettchen, welche die arme Ida umschließen, sich legen werde, dort, wo sie +nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr geliebter Jüngling +näher und näher, enger und enger in die Schlingen jener Sirene sich +verwickle,--dort, dachte sie, müsse es gut schlummern sein. Denn das war +ihr ja das ärgste nicht, daß sie zurückgesetzt war; nicht daß sie es war, +die er verließ, um sich dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin +anzuschließen, nicht das brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Mühe und +Tränen gekostet, bis sie es dahin gebracht hatte, daß sie nicht mit +Bitterkeit daran dachte, daß er, als kaum das Geständnis seiner Liebe über +seinen Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte +überwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen, +unergründlichen Tiefen der heiligen jungfräulichen Brust hatte sie Mut +heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, daß der, den sie liebe, einer +andern angehören könne. + +Aber dagegen sträubte sich mit aller Macht ihr keusches, bräutliches Herz, +daß er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern deuteten +und sich ihre Schandtaten erzählten, daß er an _jene_ verloren gehen +sollte. Wäre er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem armen, unerfahrenen +Herzchen gespielt hätte, sie hätte es ertragen, daß er bei der Gräfin dafür +büßen sollte; aber Emil,--ihr feiner, weiblicher Takt, der darin so weit +und so scharf sieht, sagte ihr, daß er noch ein Neuling in der Liebe sei, +daß er sein Herz frei bewahrt, bis sie ihn kennen gelernt habe, daß sie +seine erste Neigung gewesen sei; und doch--er, der so namenloses Unglück +schon erduldet hatte, auch er sollte durch dieses Weib unglücklich werden? +Ach, wie oft wünschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm +hätte sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe, +wo er ihr gestand, daß er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein +pochendes Herz drückte, wo er sie mit den süßesten Schmeichelnamen der +Zärtlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen Kuß der +Liebe ihm entgegengewölbt hatte. Dies _alles_ war ja längst vorüber, war +begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, aller Sehnsucht, +die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es wissen, ihm hätte sie +alles gesagt und ihn dann zum warnenden Schutzgeist für den Grafen +aufgerufen. + +Aber er war noch nicht zurück; darum verschloß sie ihren Schmerz in die +Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein +flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen +Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren +geflüstert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten +Augenblick, hingerissen von den verführerischen Reizen der üppigen, +buhlerischen Dame Potiphar--sie errötete von dem Gedanken und preßte die +Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches +geschah--dann war er der Gräfin und dem Satan auf ewig verschrieben. + + * * * * * + + + + +FEINE NASEN. + +So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Fäden +gesponnen, angeknüpft und nach und nach zu einem dichten Gewebe +verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging. +Fräulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die +getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck über den Stand der Dinge +belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glänzten vor Freude, wenn sie wieder +neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fräulein Ida +weder mit Tränen, noch Gebet wieder heraushauen könnte. + +Nichts war ihnen aber größeres Labsal als das Fräulein von der traurigen +Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Daß sie ernster, blässer, trüber war +als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters Scharfblick entgangen, +und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die sich in einem vierstimmigen +Gelächter Luft machte, befiel sie, als Sporeneck erzählte, daß er sie durch +seinen Tubus, mit welchem er hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster +visierte, bitterlich habe weinen sehen. + +Aber Fräulein von Sorben sorgte auch dafür, daß Ida in ihrer Verzweiflung +sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie hatte alle ihre +Geistes- und Körperreize teils vor ihm entfaltet, teils durchschimmern +lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es nicht verborgen bleiben, +daß er ganz bezaubert davon war. Es ist nur schade, daß er auf die Liebe so +trefflich eingeschult war, daß er sechs oder acht der zärtlichsten +Liebschaften zumal haben konnte und jede die Betrogene war. So hatte also +die beleidigte Dame dem naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in +ihrer Gegenwart Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf +einmal weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die +Routine macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe +sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! Aber +das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding den Mund +sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Äugelein ausgeputzt, daß sie +sieht, daß in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn kommt." + +Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so +ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen +waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges +Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefaßt und zu dem Grafen +gesagt: "Wie doch das Fräulein so hübsch, so tausenddonnernett aussah am +Altar. _Bassa manelka_, wie müßte sie erst aussehen bei Tag und als +Bräutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht übel einzuleuchten; denn +er hatte zufrieden gelächelt und gesagt: "Nun, was nicht ist, kann noch +werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich hingesetzt und an den +alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und dem gnädigen Fräulein und +sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist man die Rettung meines Herrn +schuldig. Es kann aber auch in sechs Herrenländern kein solches Wunderkind +mehr geben. Die selige Komtesse war doch auch nicht, mit Respekt zu +vermelden, aus Bohnenstroh; aber, Gott weiß, sie reichte dem schönen +Fräulein das Wasser nicht. Und vornehm sieht sie aus, als wäre sie +allerwenigstens ein Stück von einer Prinzeß. Der junge Herr ist aber auch +rein in sie verschossen, und ich meine, daß es nicht menschenmöglich +gewesen wäre, ihn zu kurieren, außer durch so große Inbrunst und +Liebhaberei. Das hat ja auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich +Euer Exzellenz, meinem gnädigsten Herrn Grafen, vermeldet habe." + +So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung vom +Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe die +Herzkammertüre zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier gemalt +hatte. Bisher hatte er allwöchentlich Bericht erstatten müssen. Da hatte es +denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am Rhein, an der +Seine und an der Nordsee immer geheißen: "Der Herr Graf befindet sich noch +im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint zuzunehmen."--"Die Ärzte wußten +wieder nichts."--"Die Ärzte geben ihn auf." + +Hier, in dem unscheinbaren Städtchen, hier endlich sollte das Heil, der +Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn +denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im Geiste, +wie der Herr Graf lächeln, die Hände reiben und rufen werde. "Nun, in Gotts +Namen, macht Hochzeit!" + +Aber jetzt mußte der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn +sein Herr--der sah gar nicht mehr so glücklich und selig aus wie damals, +als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; fragte +der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage zustand, was ihm +denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, oder der Graf stöhnte +so schmerzlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, und sagte, dabei: +"Du kannst mir doch nicht helfen, alte Seele!" + +Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er klügelte hin und her, was es +denn wohl sein könne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig und trutzig +mache--da ist ein Gast drüben bei Präsidents, eine Große, Dicke, so halb +Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr-- + +Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich; +wenn er aber dieser nachlief und das schöne Fräulein im Stich ließ--nein, +er wollte seinem Herrn nichts Böses wünschen, aber da soll ihm doch das +siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem Gedanken so grimmig +auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang ausklopfte, daß der Staub in +dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte ich," rief er in seinem +Selbstgespräch weiter und klopfte immer schrecklicher, "wenn du die dicke +Trutschel nimmst und das schöne Fräulein, die dich aus den Klauen des +schwarzen Teufels herausklaubte, wenn du die fahren läßt, alles siedende +Schwefelpech des Fegefeuers soll dich dann kreuzmillionenmal--" + +"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte +nun gleich in den Boden sinken zu müssen. Ein großer ältlicher Mann, mit +seinen, klugen Gesichtszügen, in einem schlichten Reiseüberrock, dem nur +ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm. +"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden +noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--" + +"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband +freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo ist +dein Herr?" + +Starr und stumm bückte sich der alte Diener mehrere Male, führte dann den +fremden Herrn den Korridor entlang zur Türe seines Herrn, erwischte dort +noch einen Rockzipfel, küßte diesen mit Inbrunst und sah zu seiner großen +Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der Freude dem Fremden +in die Arme sank. + +Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade fällt uns ein, daß +der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl äußerte, inkognito reiset, und es +wäre daher auch von uns höchst indiskret, wenn wir dieses Inkognito früher +verrieten, als der fremde Herr selbst für gut findet, es abzulegen. + + * * * * * + + + + +DER HERR INKOGNITO. + +Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; es +war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von +Ladenstein bei dem Präsidenten einführte. Die Empfehlung eines +Hausfreundes, wie der Graf war, hätte schon hingereicht, ihn in diesem +Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt +des alten Herrn voll Würde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben +ihm Achtung, und als vollends der Präsident, ein Kenner in solchen Dingen, +das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur +Verehrung. Er wußte, daß, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen +Sinn des Wortes war und daß ein solcher sich gewiß einer Tat rühmen durfte, +die nicht die Laune des Glücks oder Hohe Protektion zu einer glänzenden +erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen Mut und tiefe +Einsicht bewährte. + +Vorzüglich Ida fühlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit der +Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem Widerwillen +der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, entgegengesehen. Der Graf +kam entweder gar nicht, oder sehr spät, oder unterhielt er sich mit der +Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen Fräulein und Damen kamen ihr +schal und langweilig vor, daß sie glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen +sitzen zu können; der Rittmeister, dessen Geschäfte beim hiesigen Regiment +noch immer nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen. + + Sein erstes war immer, daß er sich mit seinem Stuhl neben sie drängte und +dann so bekannt und vertraut tat, als wären sie Zeltkameraden; er half ihr +Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete alle jene +kleinen Dienste, die einem begünstigten Liebhaber von seiner Dame erlaubt +werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die Ohren zu flüstern, +aber die gleichgültigsten Dinge, etwa: ob sie noch mehr Milch oder noch +mehr Zucker bedürfe, sah aber dabei aus, wie wenn er die zärtlichste +Liebeserklärung gewagt hätte. + +Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafür, daß er +neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch für diesen Abend sicher +sein, daß der Rittmeister nicht ihr Nachbar würde. + +Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so tief +und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines grauen +Haares, trotz seiner sechzig Jährchen, die er haben mochte, war eine Kraft, +ein Feuer in seinen Reden, das einem Jüngling keine Schande gemacht hätte. +Aber auch dem alten Herrn schien das Mädchen zu behagen; sein ernstes +Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine lebhaften Augen werden +glänzender--solch ein Mädchen hatte er selten getroffen, und er war doch +auch ein bischen in der Welt gewesen. Diesen klaren Verstand, dieses +richtige Urteil, diese Gutmütigkeit neben so viel Humor und Witz--er war +ganz entzückt. Und überall war sie zu Haus; er bewunderte die +wunderherrlichen Blumen, die sie machte; man kam von diesen auf die +natürlichen Blumen, auf seltene Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die +so wunderschön aussehe und die sich zu Girlanden gar hübsch ausnehmen +würde, aber der Name fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blätter +erwähnt, so sagte sie ihm auch schon, daß die Blume _Calla aethiopica_ +heißen müsse, weiß blühe und auch äthiopische Drachenwurz genannt werde. Er +bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte; +aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten +Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch +kein Wörtchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon +gesprochen. + +Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte +alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken bekommt +oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante Geschichtswerke +gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte sie nichts Großes. +Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war ihr Urteil, und dabei tat +sie so unbefangen, als ob jedes Mädchen dergleichen gelesen hätte. Und als +sie auf ausländische Literatur kamen, als sie von Lord Byron, seinen +herrlichen Gedichten und seinem unglücklichen Ende sprachen, als der alte +Herr mit dem Theresienkreuz ihn dennoch glücklich pries, weil sein Geist +sich höher als alle andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze +Natur so tief erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging über seine +Begriffe--antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, +als hätte sie seinen Manfred eben erst gelesen: + + "The tree of knowledge is not that of life." [1] + +Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Mädchen hatte er in +vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte +mit seinem lieben hübschen Schnäbelchen so unschuldig in die Welt hinein, +das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein +wenig der lose Schalk saß, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte dem +Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurückgekommen waren, daß er +ihn mit einem so interessanten Geschöpf bekannt gemacht habe. + + [Fußnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum. + + * * * * * + + + + +EMIL AUF DER FOLTER. + +Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch +ich war einst erfüllt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine +Erscheinung wie aus Jenseits, wie des großen Dichters Mädchen aus der +Fremde; ich sah, wie sie mit ungetrübtem Frohsinn und dennoch mit einer +Würde, einer Höhe jedem eine Gabe reichte; mir, wähnte ich, mir habe sie +der Gaben schönste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, daß schon ein anderer +diesen Kranz zerpflückt--" + +"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwürdige Theresienritter; +"dieses Mädchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe, +herrliche, jungfräuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der +Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den +ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!" + +"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was +mich die Gräfin merken ließ, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie doch +nur zum Beispiel, daß sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, um ihn +recht vis-à-vis zu haben--" + +"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn +ein so kluges Mädchen wie die Ida trägt ihre Liebe nicht so schamlos zur +Schau." + +"Aber die Gräfin sagt mir ja, die Gräfin--" + +"Eben die Gräfin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Gräfin traue ich +nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegründeten Ursachen. Ich habe +sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich +auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch +die grüne Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge +gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, daß ich +recht hatte." + +So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig +Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiß alles, und ist alles gut, wenn +nur der verdammte Rittmeister nicht wäre!" + + * * * * * + + + + +DER RITTMEISTER. + +Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glück der Menschen +hängt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden Fremden, ob sie +unten an der Tafel oder hier oben in ihren Appartements speisen wollen. Der +Graf, der seit des Hofrats Reise abends selten mehr hinabgekommen war, +stimmte dafür, auf dem Zimmer zu speisen, indem er die schlechte +Unterhaltung unter den Offizieren, Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten +versprach. Der ältere Herr aber redete ihm zu; man sehe und höre doch +manches unter den Gästen, was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide +dienen könne;--sie gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von +Sporeneck einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond +gebeten. + +Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren +bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein kleines +Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Gräfin hatte ihm, wie +gewöhnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer +Verbindung stand, geschrieben, daß Idas Niederlage jetzt vollkommen sei. +Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe +nächstens einer Erklärung von seiner Seite entgegen. Das hatte der +Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen +anderen, vorgetragen; man stieß an auf das neue gräfliche Paar und auf den +galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiß nicht wie, darauf, ob man +nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten alle +darin überein, daß dies sehr dienlich wäre, um Unterhaltung für den +heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen +daraus. "Ja, wenn er Soldat wäre, dann wäre es etwas anderes; einen +Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Gräfchen, das in +der Welt umherreist, um den Damen schön zu tun und sein Geld auf die +langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen." + +Mit diesem löblichen Vorsatz hatten sich die Marssöhne nicht weit von der +Stelle placiert, wo Martiniz gewöhnlich zu sitzen pflegte, und harrten, ob +er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber diesmal ohne +Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock an. Martiniz und +der ältere Herr unterhielten sich flüsternd mit einander; um so lauter +waren die Kriegsgötter; die Pfropfen der Champagnerbouteillen fingen an zu +springen, und in kurzem waren die Herren allesamt kreuzfidel und erzählten +allerlei Schnurren aus ihrem Garnisonsleben. Die übrigen Gäste hatten sich +nach und nach verlaufen. Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon +abgehandelt, und der Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube +anzuziehen_. Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein +Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine Gesundheit +recht aus dem Herzen--deine Ida!" + + Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche +aneinander und sogen den weißen Gischt mit einer Wollust aus, als hätte die +Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biß die Lippen zusammen und sah +den Theresienritter an. + +"Auf Ehre, ein Götterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich wäre +selbst imstande gewesen, sie zu lieben, hätte ich nicht deine frühern +Rechte gewußt und mich daher bescheiden zurückgezogen." + +"Auf Ehre, ich hätte es ihr wohl gönnen mögen," antwortete der großmütige +Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, ist es für ein +junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht Luft machen soll. Einen +braven Kerl, wie du bist, hätte ich ihr zum Intermezzo wohl gewünscht; wäre +mir lieber gewesen, als hören zu müssen, daß mir so ein fremder +Gelbschnabel ins Nest habe sitzen wollen." + +Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdrücken von einem +Mädchen reden zu hören, das er liebte und ehrte--es war beinahe nicht zu +ertragen; doch hielt er an sich; denn er wußte, wie schlimm es ist, in +einem fremden Lande ohne ganz gegründete Ursache Händel anzufangen. + +"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an. + +"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Täubchen zu gut, +als daß ich hätte eifersüchtig werden sollen; wenn auch zehn solcher Wichte +ins Nest gesessen wären, sie hätte sich doch von keinem andern schnäbeln +lassen als von ihrem Hähnchen." + +Allgemeines Gelächter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war +ihm kaum mehr möglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, daß +ihm nur zwei Wege offen stehen würden, entweder sich zu entfernen, oder +loszubrechen. + + * * * * * + + + + +UNSCHULD UND MUT. + +Das erstere war jetzt nicht mehr möglich; seine Würde als Abkömmling so +tapferer Männer ließ einen solchen Rückzug nicht zu, und was würden seine +Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen hätte? Die +nächste schickliche Gelegenheit mußte entscheiden. + +"Nun, Brüderchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so +ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit +der kleinen Präsidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten, +Zurückhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich und +--rühmte sich heimlich von ihr erhaltener Begünstigungen, die Emils Blut zu +Eis erstarren ließen. Plötzlich aber, wie eine Erleuchtung von oben, trat +ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen Kindes mit ihrem sanften Blick, +mit ihrem keuschen, jungfräulichen Erröten vor das Auge--Nein! nein! rief +es mit tausend Stimmen in ihm, es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt +sich der Himmel nicht, daß er die heiligste Unschuld auf die Züge einer +Metze malte. Er stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von +wem sprechen Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich +nichts Erwünschteres denken, als daß endlich die Engelsgeduld von dem +zivilen Gräfchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke +einschüchtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu +lassen; da kam er aber an den Falschen. + +Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; Hoheit, +Mut, Zorn--alles sprühte auf einmal wie mit einem Feuerstrom aus diesen +Augen auf ihn zu, daß er die seinigen betroffen niederschlug. "Was fällt +Ihnen ein? Was kümmert Sie unser Gespräch? Es ist hier niemand, der darnach +zu fragen hätte." + +"Sie haben," fuhr der Graf mit großer Mäßigung fort, "Sie haben dem ganzen +Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzählt; es hat also +auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, und _ich frage_ +jetzt!" + +"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es +kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schätzchen reden, ohne daß ein +anderer sich dareinzulegen hätte. Wenn Sie übrigens durchaus uns mit Ihrer +Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher für den +Herrn da!" + +"Ist unnötig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte +Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, möchte ich +gerne beantwortet haben." + +"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine +Herzensangelegenheiten mischen müssen, was ich übrigens nicht sehr delikat +finde,--ich habe von Fräulein Ida von Sanden, meiner Nachbarin, +gesprochen." + +"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie +vorhin taten?" + +"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und maß den Grafen von +oben bis unten, wobei er übrigens sich hütete, seinem Auge zu begegnen. +"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!" + +"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!" + +"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, anmaßend +zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken behaupten, was +ich sagte." + +"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die +übrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört +hatten, wie der Graf geschraubt würde, sich wandte, "nun ja, so, muß ich +nur _Sie_ bedauern, meine Herren, daß Sie sich auf diese Art unterhalten +lassen von diesem erbärmlichen Lügner." + +"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir +vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen für blaue +Bohnen." + +"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf +Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist +spaßig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von der +Brust wegging, "das ist spaßig, daß ich in Freilingen einen kleinen Gang zu +machen habe!" + +Die Dragoner saßen noch ganz verdutzt über den schnellen Ausgang der +Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das +Kerlchen nahm sich doch so übel nicht bei der Sache; er hat einen +verfluchten Anstand, und es ist, als wäre er schon mehr dabei gewesen!" + +Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen. +Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant +bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht sonstwo +einen Sekundanten auftreiben könnte. Der Rittmeister zeigte eine ungemeine, +spaßige Fröhlichkeit, meinte, es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn +so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole losbrenne; den übrigen war es +übrigens nicht so ganz wohl zu Mut; das schnelle Ende des Streites hatte +aus allen Köpfen den Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich +an die Affäre, und manchen wollte es bedünken, daß sie doch im heillosen +Übermut herbeigeführt worden sei. Man äußerte dies auch unverhohlen gegen +Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er diese +Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, sogleich zum +Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. Nach einer +Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurück und sagte: "Sporeneck, +morgen früh acht Uhr, auf Pistolen." + +Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die +Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, und +keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestürmte +Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; er +erzählte: + +"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespräch miteinander im +Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr +höflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag +ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung +zurücknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, worauf +er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und haben die Wiese +hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewählt. Für einen Sekundanten +lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm sei, werde ihm sekundieren." +Der Rittmeister schien vor Freude außer sich zu sein, daß er seinem Rivalen +mit guter Manier eins auf den Pelz brennen könne; er wollte mit dem +Champagner weiter machen, die nüchtern gewordenen Kameraden ließen es aber +nicht zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen, +um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu frühstücken. + + * * * * * + + + + +NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS. + +Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden, +eben sich mit der Toilette beschäftigte, hörte sie Pferdegetrappel +gegenüber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig +zurück. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine +bestimmt für das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an diesem +kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine plötzliche Abreise ohne Abschied +durchblitzte sie, daß ihr die hellen Perlen in den zarten Wimpern hingen. +Doch sie hatte ja darüber einen Trost, der sie zugleich tief betrübte; die +Gräfin war ja noch hier, sie wußte nichts von seiner Abreise; er konnte +also doch nicht so schnell reisen. Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem +Torweg herauf zu hören: "Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der +Mondwirtin; o wie gerne wäre sie in diesem Augenblicke die Ehehälfte des +Mondwirts gewesen, um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen +Lippen zu hören! + +Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den Zügel +von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt kam Mart-- +nein, ein Offizier in fremder glänzender Uniform. Jetzt kam auch der alte +Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich unterhalten hatte; wo +blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit vielen Orden behängt, +schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der Offizier. "Eine schöne, +geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn sie nicht irrte, eine polnische +oder russische, vielleicht ein Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam +ihr so bekannt vor; wie? sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat +und trug auch keinen Orden, und diesem glänzte der Wladimir in Diamanten +auf der Brust--wenn er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er +doch nur den hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, daß sie sein +Gesicht sehen könnte. + +Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und +stieß den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war +Emil von Martiniz. + +Wie schön, wie götterschön war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn die +Uniform! Wie hingegossen saß er auf seinem stolzen Roß; die dunkeln Locken +stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und beschatteten die +blendend weiße Stirne; das dunkle Auge voll hohen Ausdrucks hatte heut eine +Bedeutung, die sie beinahe noch nie an ihm gesehen; stolz und frei, als +wollte es in einem Blick eine Welt ermessen, schweifte es her und hin; er +klopfte den zierlichen, schlankgebogenen Hals des schönen Tieres, das er +ritt, er sah so kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner +Ulanen und es werde in schmetternden Tönen Marsch, Marsch! geblasen; sie +konnte nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Negligé--sie öffnete +das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schöneres sehen als das +Mädchen, wie es hier im Fenster stand. Die Äuglein sahen so klar und +freundlich aus dem Köpfchen, die Bäckchen von der kalten Morgenluft +gerötet, das Mäulchen so süß und kußlich, um das feine, liebe Gesichtchen +ein zartes, reinliches Nachthäubchen, der Hals frei und dann ein +Spenzerchen, so weiß wie frischgefallener Schnee, über Nacken und Brust +herab. Tausend Löckchen und Stränge, die, vom mutwilligen Morpheus +entfesselt, unter dem Häubchen sich durchgestohlen hatten--das ganze +Wunderkind sah aus wie ein süßer Morgentraum-- + +Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der Glorie +der jungfräulichen Unschuld, mit der Wehmut gekränkter und doch +verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das letzte Mal +hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, und eine Träne +blitzte in seinem Auge; jetzt aber stieß er seinem Pferde beide Sporen in +den Leib, daß es wuterfüllt kerzengerade aufstand; unwillkürlich bog sich +seine Hand nach dem Mund, er warf ihr einen herzlichen Kuß zu: "_Adieu mon +coeur_!" rief er, und dahin flogen die Reiter; in einem Augenblicke war +nichts mehr von ihnen zu sehen. + + "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von +ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zärtlich herauf--er warf einen Kuß +herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grä-- konnte diese nicht auch im +Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuß zugeworfen--Sie mußte +Gewißheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Gräfin schon +aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und +schliefen. "Also mir, mir,--" lächelte das stillselige Mädchen vor sich +hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo +er gehalten, wo er ihr seinen Gruß, seinen Kuß zugewinkt hatte. Aber wie, +konnte er nicht nach der Gräfin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr +seinen Kuß geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben mußte, zu +kränken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief in +seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er +gegrüßt, sie, sie war die Glückliche; wie weit er sich auch verirrt hatte, +sie fühlte, daß sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog. + +Jetzt versank sie in angenehme Träume; sie wiederholte sich, wie +engelhübsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht +gut miteinander wären, ihn recht auszuschmälen, daß er sich nie vor ihr in +der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschön stand. So träumte +sie, das liebliche bräutliche Mädchen; sie ahnte nicht, welchen +gefährlichen Gang der Geliebte ging und daß die Parze so schnell den Faden +ihres Glücks zerreißen könne, daß dann das Herz, an dem sie so gerne ruhte, +für immer ausgeschlagen haben würde, daß die kühnen, liebesprühenden Augen +schnell sich zu jenem eisernen Schlummer schließen könnten, aus welchem +auch die süßeste Stimme, das zärtlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt. + + * * * * * + + + + +DAS DUELL + +Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und ließen sie +jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang, +und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhängen. Emils Brust +erfüllte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe +sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm und +flüsterte ihm mit sanfter Stimme Vorwürfe zu, daß er auch nur einen +Augenblick habe an ihr zweifeln können; dann kamen wieder alle Qualen der +Eifersucht über ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und +Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist +schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend nämlich, als +Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen +kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen sein +müsse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick +hineinzuwerfen, und ward weiß wie die Wand. Schweigend reichte er +Ladenstein das Billett, und dieser las: + +"Du mußt noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise +abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir übrigens an einem +Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du +eine Busenschleife? Willst Du ein Schnürband von meinem Korsettchen?" + +"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen, +"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich +um mein Lebensglück betrogen? Hätte ich den Wisch da um eine Stunde früher +gehabt, ich hätte den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, daß er von +seinem zärtlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!" + +"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es kommt +hiebei sehr viel darauf an, daß du sie genau kennst." + +Emil mußte gestehen, daß er noch nichts von Idas Hand gesehen; es könne es +ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die Adresse lautete +ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den Kopf dazu geschüttelt +und gesagt, daß dieses Billett der ganzen Sache eine andere Wendung geben +könnte; jetzt sei er aber schon einmal gefordert, und darum könne vor +Ausgang des Duells nicht mehr davon gesprochen werden; nachher werde sich +vielleicht manches aufklären. Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum +Kampfplatz Emil in den Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: +"Sie ist dennoch schuldig," entlockt. + +Der Alte reichte ihm die Hand hinüber und sagte freundlich ernst: "Urteile +nicht zu frühe! Du gehst einen gefährlichen Weg, nimm nicht die Schuld mit +dir, ungehört verdammt zu haben. Du bist der letzte Martiniz. Schlägt eine +Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei mit dir und dem +Heldenstamm, dessen Namen du trägst. Du schlägst dich für die Ehre einer +Dame; so lange du für sie kämpfst, darfst du nicht an ihrer Tugend +zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke dir: das Mädchen, so hold +und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu Pferde stiegen, wie du ihr, von +ihrem heiligen Anblick übermannt, dein zärtliches Lebewohl zuriefst--und du +wirst freudiger streiten." + +Emil hörte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den Platz +gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer des +Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein Roß +zusammen und sprengte majestätisch im kurzen Galopp an. + +Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und +hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen +angezogen, alles gewichst und gebürstet, als ginge es zur Hochzeit; denn +sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militärische +Würde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den +strahlenblitzenden, in den schönsten Farben schimmernden Ulanen ansprengen +sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink das zivile +Gräfchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die Zügel seinem Diener +zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine Honneurs machte. Die Diamanten +des Wladimir, der goldene, vom Vater ererbte Ehrensäbel glänzten im +Morgenrot; der ganze Mann hatte etwas Gewaltiges, Gebietendes, Königliches, +das sie beinahe mit Ehrfurcht bewunderten. + +"Alle Teufel, wer hätte das gedacht?" flüsterte Sporeneck. "Hätte ich das +gewußt--weiß Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder Rittmeister +für einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich gewußt hätte, daß er +Soldat ist, dann wäre es wohl etwas anderes gewesen." + +"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, wie +der behängt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen und noch +obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiß Gott, den +Kommandeur der Ehrenlegion! Das muß ein fixer Kerl sein." + +Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz +gelassen und kaltblütig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus. +"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefällig ist!" + +Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Äußerung des +Rittmeisters gehört, daß, wenn er gewußt hätte, daß der Graf Soldat wäre, +er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben hätte. Er versuchte daher +noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. Doch die Unterhandlungen +zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; man maß die Schritte ab, +man schüttete frisches Pulver auf die Pfannen--fertig! + +Sporeneck hatte den ersten Schuß. "Nun, wenn es denn einmal sein muß," +sagte er, drückte ab und--den Kalpak riß es dem Grafen von dem Kopf; mitten +durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein sonderbares Feuer +sprühte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole aufnahm. Es war ihm, als +stehe Antonios blutende Gestalt vor dem Rittmeister und wehre ihm ab; +zweimal setzte er an, zweimal ließ er das Pistol wieder sinken. Da rief der +Rittmeister mit bitterem Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in +demselben Augenblicke krachte es; Sporeneck schwankte und fiel. + +Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der +Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig +Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der +Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter +zur Stadt zurück. + + * * * * * + + + + +FINGERZEIG DES SCHICKSALS. + +Die Dragoner waren seit der Entdeckung, daß der Graf Offizier sei, die +Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der +Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da über die +Geschichte fallen ließen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel +merkte Martiniz und der alte Herr, daß der Rittmeister, indem er sich +geheimer, von Ida erhaltener Begünstigungen rühmte, gewaltig gelogen habe. +Von dem Duell war übrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt geworden. +Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem Tore fest, +daß nicht etwa durch ihn etwas auskäme; die übrigen hatten sich das +Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten. + +Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Gräfin im Mond gewesen und hatte +heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, er +sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Gräfin +Anstiften, ein Diener von Präsidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags +hinüber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem +blutigen Morgen, als daß er mit der Gräfin, die ohnehin ihn immer sehr +langweilte, hätte konversieren mögen. + +Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein +umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die +Kugel herausgenommen, die Ärzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil +verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit ihm +zu gehen und den Kranken, dem es gewiß Freude machen würde, zu besuchen. +Sie gingen mit. + +In einem der letzten Häuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die +beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die übrigen +Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie flüsterten etwas mit +Schulderoff, das ungefähr lautete, als sei der Kranke nicht recht bei sich +und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, das nicht wohl für einen Fremden +geeignet sei. Leutnant Schulderoff besann sich aber nicht lange. Er +erklärte, daß er es auf die Gefahr hin, seinen Freund zu beleidigen, über +sich nehmen wolle, die Fremden einzuführen, weil der Kranke es vor einer +Stunde selbst noch gewünscht habe. + +Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht +entstellt, nur daß sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, daß +zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn der Kranke +erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und faßte dann hastig +seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat von Sorben?" rief er. "Was +schreibt der Alte aus Polen? Darf der Graf die Aarstein heiraten?" + +Die Anwesenden waren alle höchst betreten, als der Verwundete so aus der +Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es möchte +doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit wiederkäme. Es +scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte Herr schien es aber +nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen sonderbaren Ausdruck von +forschendem Ernst an, der den Leutnant unwillkürlich zum Schweigen brachte. +Der Kranke aber fuhr fort: "Laß dich nicht von diesem da forttreiben, +lieber Sorben, du kannst mir jetzt einen großen Dienst erweisen. In meinem +Zimmer ist ein Koffer, in diesem eine Kassette; laß dir von Schulderoff die +Schlüssel geben und schließ auf! Dort findest du ein Strumpfband mit +goldenem Schloß--" er hielt inne, als ob er nachsänne; der Graf aber trat +in der höchsten Spannung näher, um jedes Wörtchen zu verschlingen, das er +sprechen würde,--"und richtig, _Honny soit qui mal y pense_ ist drauf +gestickt: Das bringst Du der Gräfin, sie hat den Kameraden dazu am linken +Bein, und sagst, das sei das Band, um welches sie mir geschrieben habe, ich +könne heute nicht selbst kommen. Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei +es nichts, ich habe es satt, dem spröden Ding die Cour zu schneiden, nur um +das Gräfchen eifersüchtig--ja, halt, bei dem Grafen fällt mir ein--sage +ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker, +sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben wolle, +so habe sie es mit mir zu tun." + +Erschöpft sank er auf die Kissen zurück, als er so gesprochen hatte. +Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so töricht +gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister +geführt zu haben. Gern hätte er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes +gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der +alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert, +daß er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten +Höflichkeit zu nahen. Die übrigen Dragoner waren aber von beiden ganz +entzückt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie +geehrt und gehoben fühlten sie sich, daß ein Kommandeur der Ehrenlegion, +ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der größten Freundlichkeit +"Herr Kamerad" titulierte. + +Es dauerte aber keine fünf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von dem +Alten gewonnen. Dieser führte ihn nämlich in eine Ecke und machte ihm unter +der Bedingung, daß er es nicht als Kränkung aufnehme, die Proposition, ob +er nicht für den Rittmeister, der jetzt doch so entfernt vom Haus sei, ein +kleines Anlehen von ihm annehmen wolle. + +"Lieber Gott," sagte er, "ich weiß, wie es in der Garnison ist, habe auch +lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, daß man +immer einen großen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muß immer dem +andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in Garnison liege, +Herr Kamerad--ich denke, wir könnten darüber einig sein." + +Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, rührte den +Leutnant zu Tränen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen als ein +solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, die +Kameraden hatten auch kein Geld, und er wäre am Ende genötigt gewesen, sich +an die Gräfin zu wenden, und doch war ihm diese in der tiefsten Seele +zuwider; lieber hätte er sein Pferd verkauft--da kam ihm nun das Anerbieten +des alten Kameraden sehr erwünscht; es war so natürlich und ehrenvoll +angetragen, daß er ohne Bedenken einschlug, und von dieser Stunde an wäre +er, und wenn ihn Frau Mama, Fräulein Sorben, die Gräfin und alle +Höllengeister am Kollet gepackt hätten, für die beiden Fremden durchs Feuer +gegangen. + + * * * * * + + + + +LICHT IN DER FINSTERNIS. + +"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu Martiniz, +als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der schönen +Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" antwortete Emil +nachdenklich--"daß er mit der Gräfin in einem sehr unanständigen Verhältnis +steht. Aber erklären Sie mir nur, was plauderte er nur von einem alten +Sorben und von einem Grafen, der die Gräfin Aarstein heiraten solle?" + +"Das will ich dir schwarz auf weiß zeigen," sagte jener und zog einen Pack +Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene Briefe, welche +der alte Sorben an den älteren Grafen Martiniz geschrieben hatte, um +womöglich eine Heirat zwischen Emil und der Aarstein zu bewirken. Immer +eifriger las Emil, immer zorniger und düsterer wurden seine Züge; der alte +Herr ging indessen auf und ab und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang +dieser auf und rief: "Nein, das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit +mir ein solches Spiel spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen? +Wie reimen Sie dies alles zusammen?" + +Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich auf +seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, daß ich sechzig +Jahre habe und du zwanzig, daß ich also auch manches kälter betrachte und +darum schärfer als du. Schon damals ahnte ich manches; jetzt durch die +Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles klar. Daß dich in +diesen Briefen die Gräfin durch den schlechten Kerl, den alten Sorben, zu +angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hört nun durch Kundschafter, oder wie +es sonst gegangen sein mag, du seiest hier, und, wie du nicht leugnen +kannst, in einem zärtlichen Verhältnis mit Ida; daß der Gräfin daran lag, +dich oder vielmehr dein Vermögen nicht hinauszulassen, kannst du dir +denken. Daher kam sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehörte aber +auch, daß sie Ida von deinem Herzen losriß, und wie konnte dies besser sein +als durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Gräfin stand, wissen wir aus +dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, dem +keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch +gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du dich, +daß er mir auftrug, der Gräfin zu sagen, daß mit dem spröden Mädchen nichts +anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, Freundchen; so und nicht +anders verhalten sich die Sachen. Was sagst du nun dazu?" + +Ganz versunken in Schmerz und Wehmut saß der Graf neben ihm. Er hatte sein +Gesicht in das Taschentuch gedrückt und weinte heftig. "O Ida, wie tief +habe ich dich beleidigt!" flüsterte er. "Was war ich für ein Tor, wie war +ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! Wie war ich so grausam +und konnte das gute, sanfte Engelskind, das mir so gut war, das mich so +lieb hatte, so tief kränken und beleidigen!" + +Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil möchte, wenn die Reue sein +Gemüt zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem +ihn das Mädchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann man +alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich ist +nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter Liebenden. +Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut machen!" Und nun +setzte er dem Grafen auseinander, daß er sich so bald als möglich mit +seinem Mädchen versöhnen müsse; aber dabei dürfte er nicht stehen bleiben; +er zeigte ihm, wie viel er diesem Mädchen schuldig sei, wie sie ihn zuerst +mit der Welt wieder ausgesöhnt habe, wie sie nachher, erhaben über alle +mögliche falsche Deutung, jenes unglückbringende Gespenst seiner Phantasie +entfernt, wie sie mit unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn +zu zerstreuen und zu erheitern. "Wahrlich," schloß er, "diesem Mädchen bist +du mehr schuldig, als daß du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister +abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, so +sehr sich auch," setzte er schalkhaft lächelnd hinzu, "so sehr sich auch +dein Herz dagegen sträuben mag!" + +Es hat selten ein geistlicher Witwentröster, wenn er auch noch mit zehnmal +größerer Salbung sprach, mit so großem Effekt sein "Amen, gehe hin und tue +also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben dem Grafen. Die Tränen +waren schnell getrocknet von den glühenden Strahlen, die aus dem dunkeln +Auge sprühten; ein holdes Lächeln spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht +war anmutig verklärt, er sprang auf, er ergriff die Hände des guten Alten +und preßte sie an sein lautpochendes Herz, an die glühenden Lippen. "O, wie +Herrliches verheißen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich +mein Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein väterlichen +Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe hätten wir das Inkognito +des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und Dinge geplaudert, +die jetzt noch verschwiegen werden müssen. Der alte Herr schloß Emil in die +Arme und ging dann an die Türe: "Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und +teile die Freude deines Herrn; er will Hochzeit machen, und das so bald als +möglich!" + +Der alte Diener machte ein sauersüßes Gesicht, als ob er ein +Rhabarbertränklein im Mund hätte und sollte es als den trefflichsten Xeres +loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muß ich ja gra--tulieren!" "Nun wie, +alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht zu freuen? +Gefällt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr erlesen?" + +"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schön, die Frau Gräfin--" + +"Wer spricht denn von der Gräfin?" sagte sein Herr, "Fräulein Ida meinen +wir!" + +"Was?" rief der alte Diener und gebärdete sich wie wahnsinnig; denn jetzt +hatte er wirklich süßen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? Also hat Gott +Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fräulein Ida soll meine Frau Exzellenz werden? +Hurra, das ist einmal schön!" + +Man mußte seinem Jubel Einhalt tun; er wäre sonst spornstreichs durch die +Straßen gerannt und hätte die Nachricht an allen Ecken verkündigt. Das +helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; er +küßte dem alten Herrn und dem Grafen die Röcke, und beiden war es ein neuer +schöner Beweis, wie das Mädchen Wunderhold alle Herzen bezauberte; hatte +sie ja doch, die holde Frühlingssonne, den alten, eingeschnurrten, +winterlichen Eisbären aufgeweicht und zum tollenden Kinde gemacht. + + * * * * * + + + + +REUE UND LIEBE. + +"Und nun noch eine Bitte," sagte der glückliche Graf zu seinem Retter und +Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage her so +wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen habe,--lassen +Sie es mich heute noch gut machen!" + +Der alte Herr meinte zwar, es möchte heute schon zu spät sein, und er solle +seine Ungeduld bis morgen zügeln; aber der Graf bat immer dringender. "Kann +ich es dulden, daß sie noch eine Nacht mir böse ist, daß sie auch nur noch +eine Träne über mich weint? Nein, heute abend noch bitte ich ihr ab, was +ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo die Gräfin, die an allem Unheil +ganz allein schuldig ist, auf mich lauert, macht sich eine solche +Versöhnung nicht gut. Sie müssen mir schon dazu helfen. Gehen Sie hinüber! +Wenn ich nicht irre, hat Ida versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. +Ich schleiche nach, wenn sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich +mich ja nicht zu genieren." + +"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes +Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und +hämmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das Hammerwerk +geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt oder nicht. Aber +das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen und dein Kollett an, den +Familienehrensäbel umgehängt, daß du auch etwas gleichsiehst! darfst dich +weiß Gott, vor König und Kaiser darin sehen lassen; darum tritt als Soldat +auf, wenn du dein Mädchen zum ersten Male ans Herz drückst!" + +"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen +Säbel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das +unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Gräfin kam dazwischen, als +ich schon den Mund zum ersten Küßchen spitzte." + +"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte +Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muß ausgeküßt werden, und +wenn eine Kartätschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es +wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts +Schädlicheres und Fürchterlicheres als ein unterbrochener Kuß." + +Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das +Reglement des alten Herrn zu halten. + +In Präsidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von +Ladenstein hinüber kam. Die Gräfin wollte ihn sogleich ins Gebet nehmen und +schmälen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber gab ihr kurz zur +Antwort, daß die Bewohner des Mondes und einige andere Herren auf der Jagd +gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob man doch keinen Bock geschossen +habe, und wollte sterben vor Lachen über ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber +dachte: "Lache du nur immer zu; wenn du wüßtest, wie nahe dich der Bock +angeht, der geschossen worden ist, du würdest nicht lachen; doch wer +zuletzt lacht, lacht am besten!" + +Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien zu +zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, daß +er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, das sie, +weil sie der Gräfin Platz machen mußte, einstweilen bewohnte. Sie +entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur keinen +falschen Schluß auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," sagte sie; +"aber die Gräfin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, und besonders mir +kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich aus meinen vier Wänden, +die ich so hübsch eingerichtet hatte, herausgejagt und nicht eher geruht, +bis ich hier heraufzog." + +"So, das hat die Gräfin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer +aufging, daß jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad notam_, +um den Grafen noch mehr zu überzeugen. Sie schloß jetzt ihre Mappe auf und +breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergaß auf einige Augenblicke, +daß er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen wollte; er war Kenner und +ein wenig streng gegen die gewöhnlichen Dilettantinnen in der Kunst; er +konnte es nicht ausstehen, wenn man die grellsten, fehlerhaftesten +Zeichnungen, wenn sie nur von einer schönen Hand waren, "wunderschön und +genial gedacht" fand; er hatte hundertmal gegen diese Allgemeinheit der +Kunst geeifert, wodurch sie endlich so gemein würde, daß ein jeder Sudler +ein Raphael oder jede Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, +ein Claude Lorrain würde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts +übersudelt oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem +Fleiß behandelt, mit einer Sorgfalt ausgeführt, die man leider heutzutage +selten mehr findet und die man gerade an den größten Kunstwerken alter +Meister so hoch schätzen muß. + +Des Mädchens tränenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten verließ, +heiterte sich unwillkürlich auf, als sie sich von einem so tiefen Kenner, +als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar bewundert fand; er +stieß auf Kartons, zu denen sie sich als Urheberin bekannte, und sie waren +alle meisterhaft; er wandte das letzte Blatt in der Mappe um und hielt +überrascht inne; sie wollte ihm die Zeichnung entreißen, sie bat, sie +flehte--es half nichts; es war ein zu bedeutendes Aktenstück, als daß er es +hätte unbetrachtet aus den Händen gelassen. Es stellte eine ihm unbekannte +Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei Gott, bis zum +Sprechen ähnlich--Emil; der tiefe, wehmütige Ernst, der sonst in seinen +Zügen lag, war herrlich aufgefaßt und wiedergegeben. Man fürchtete, wenn +man in diese Züge sah, ein namenloses Unglück zu erfahren, das auf den +feinen Lippen schwebte: zur Seite standen zwei Männer, wovon er nur den +einen kannte, es war der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als +malerischen Gesicht war die ehrliche Gutmütigkeit, die innige, +ergebungsvolle Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich +ausgedrückt; weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im +Schatten standen, kaum flüchtig angedeutet waren; doch glaubte er in der +einen die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war außer der +Ähnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen auch die +Verteilung des Lichtes höchst genial ausgeführt; es war nämlich Nacht in +der Kirche, und die Helle ging nur von einer trübe brennenden Laterne aus, +so daß nun die wunderherrlichen Licht- und Schattenpartien, das Verschweben +der Helle im Dunkel auf ergreifende Weise angegeben war. + +Die Zeichnung an sich hätte seine innigste Bewunderung erregt; aber er +kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die +Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die +Retterin seines geliebten Jünglings; gerührt sah er zu ihr herab; auch sie +war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie sie ihn +erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, daß der, den sie rettete, der +nachher, aufgelöst von Dankbarkeit, nur ihr gehört hatte, daß dieser auf +die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte?--Sie stand, das +holde Amorettenköpfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; Träne um Träne stahl +sich aus ihren Augen und rieselte über die Wangen herab. + +Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer. +Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Tränen in Lächeln +verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da, +den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder +gut machen."-- + +Sie sah fragend an ihm hinauf und schüttelte dann wehmütig lächelnd das +Köpfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein +Ende." Er aber ließ sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir +diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muß heran und +muß wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--" + +Das Mädchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen +Wehmut und Unmut kämpfend, "ich hätte nicht geglaubt, daß Sie--" + +"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muß ich Ihnen den Glauben in die Hände +geben." Damit schritt er zur Türe und riß sie auf. + + * * * * * + + + + +VERSÖHNTE LIEBE. + +Das Mädchen war sprachlos vor Staunen; es wußte nicht, wie ihm geschah, und +traute seinen Augen nicht. In glänzender Uniform, schön und freundlich wie +der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zärtlichkeit lag Emil vor ihr auf +den Knien, hatte ihr Händchen gefaßt und preßte heiße, glühende Küsse der +Liebe darauf, Sie wollte die Hand zurückziehen, sie zog ihn mit herauf, und +ehe sie sich es recht versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah +sich mit einem blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um; +doch der schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute +unverwandt durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum +recht versah, lag sie in des Grafen Armen, fühlte sie seine Lippen auf +ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuß, das ist ein Kuß!" + +Und nun bat der arme Sünder um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die Gräfin +so eifersüchtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der Rittmeister mache +ältere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung der Gräfin die Cour +gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark versündigt, aber sie ließ ihn +nicht weiter reden; mit dem ersten Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer +verschwunden. Sie legte ihm das weiche, zarte Flaumenhändchen auf den Mund +und wisperte ihm errötend zu, daß sie alles vergeben und vergessen wolle; +und jetzt ging es von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Küßchen +zum Zeichen der Vergebung, dann den größeren Versöhnungskuß, dann einen +langen dito, daß sie ihm nimmer bös sei, dann einen noch längeren, daß sie +ganz gewiß nimmer zürne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, daß er +morgen zum Papa gehe und um sie anhalte. + +"Aber Kinder, es wird spät," sprach endlich schon zum drittenmal der alte +Herr und tippte Ida auf das Ärmchen, das den reuevollen Geliebten +umschlungen hielt, daß sie erschrocken und über und über bepurpurt +aufsprang und nicht wußte, wohin sie sehen sollte; denn an diesen Zeugen +hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, es wird +spät, und die Bilder könnten alle schon zehnmal gezeigt sein; wir müssen +hinunter zur Gesellschaft." + +"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war, +herabzusteigen in einen nüchternen irdischen Tee." + +Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, daß er morgen recht +bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinüber zu spedieren, +und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch +nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuß mußte er gestatten. Er würde in +zwölf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift eingegeben, und +jetzt endlich trennte man sich. + +Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf +und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Köpfchen und +drängten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr +recht klar und deutlich, daß sie recht glücklich, unendlich glückselig sei, +daß er sie gek-- Sie errötete vor dem Gedanken, und dennoch spitzte sie das +Mäulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie sie es gemacht hatten, +daß es so wundersüß schmeckte. + +Nein, so ging es nicht, sie mußte sich zusammennehmen, ehe sie zur +Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals +fallen und ihnen ihr stilles Glück verkünden. So ging es nicht, da mußte +man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen Spiegel und +probierte recht ernsthafte oder gleichgültige Gesichter; aber sie mochte es +machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein lustige Köpfchen mit einem +spitzigen Mäulchen aus dem reinen, hellen Glas. Endlich schalt sie sich +selbst recht aus, nannte sich einen Kindskopf, einen Wildfang und alles +mögliche, und siehe, da ging es endlich; mit dem gleichgültigsten Gesicht +von der Welt trat sie wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen +Verwunderung die gleichgültige Miene, bis man sich verabschiedete. + +Doch nein, einmal wäre sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu beißen +und zu schlucken, daß kein Kichern hervorkam. + +Die Gräfin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre +Gesellschaftsdame spielte, daß der Graf heute sich gar nicht habe sehen +lassen. "Das verzeihe ich ihm in den nächsten zwei Tagen nicht," setzte sie +preziös hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die +verberstet vor Neid," während es nur unterdrücktes Lachen war, was dem +lustigen Amorettenköpfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen früh mich +zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht angenommen, +und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht machen, daß er nicht +mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu negligieren." + +"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" lächelte Fräulein von Sorben +mit einem schadenfrohen Blick auf Ida. + +"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte +sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde. + + * * * * * + + + + +DIE FREIWERBER + +Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem +Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte +Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam +noch nicht. Daß der Vater ihn erwarten würde, wußte sie wohl; denn der Graf +hatte sich anmelden lassen; aber sie fürchtete, der Präsident möchte übler +Laune werden, wenn er so lange warten müsse. Ihr Herzchen pochte so +ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren Wangen, der +bräutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. Es kann aber +auch für ein Mädchen keine erwartungsvollere Stunde geben als die, wenn der +Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein Mädchen anzuhalten. +Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung wechseln dann auf dem +lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, wohl auch ein leises Gebet +entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum erstenmal geteilt ist +zwischen der Anhänglichkeit an die Eltern und der Liebe zu dem, der sie zu +seinem Frauchen machen will. + +Zwar konnte Ida nicht zweifeln, daß der Vater diese Partie für sie sehr +anständig finden würde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den +Dienstverhältnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der allerhöchsten +Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen für eine andere +bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie hatte vom Hofrat +gehört, daß es einen solchen gebe, einen ältlichen, etwas grämlichen Mann, +von dem der Graf sehr abhängig sei; wird er auch seine Einwilligung +geben?-- + +Auch vor der Gräfin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph +darin, die Gegnerin, die alle Höllenkünste aufgeboten hatte, Emils Herz von +ihr abzureißen, überwunden zu haben; aber sie scheute sich doch beinahe +ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, zu sehen, was +sie für ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es ankündige. + +Endlich--ja, er war es; in seiner glänzenden Uniform wie gestern trat er +heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte, +als sie sich bei Hof präsentieren ließ, einmal einen ....schen Gesandten +gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener +Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm über die Brust quer herab, +auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das muß +doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida und +machte große Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus." + +Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Türe; gewiß wollte Emil noch +einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr willkommen. +Aber so freundlich er lächelte, so war es ihr doch, als könne sie heute +nicht so ungeniert sein als früher. Sie machte einen tiefen, tiefen Hof- +Gala-Knix, als er so bebändert, besternt und übergoldet zu ihr eintrat, und +wußte nicht gleich recht, wie sie ihn empfangen sollte; er aber lachte ihr +gerade ins Gesicht: "Ich weiß wohl, woran es liegt, daß mich Fräulein Ida +nicht empfängt wie einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das +hätte ich doch nicht gedacht, daß sich eine junge Dame dadurch gleich so +einschüchtern ließe!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst recht +aus, daß sie ihn so steif und förmlich wie eine ungeheure Respektsperson +empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den Divan und erzählte, +daß Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung vor dem Papa stehe und sie +hoffentlich recht bald als Bräutchen umfangen werde.-- + +Das Mädchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen +Braut nennen hören, es war ihr ein so ungewohntes Wörtchen, und doch kam es +ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht bräutlich zu Mut.-- + +Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und +Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz +angetan, um damit dem Herrn Papa-Präsidenten, wenn er etwa noch einiges +Bedenken tragen sollte, über den Hals zu fallen. + +Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hörte, daß es +denn doch fehlen könne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht so +bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schön bitte; aber +der Onkel--"--"Nun, was für ein Onkel ist denn das?" fragte Ladenstein +aufmerksam und neugierig. + +"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar +böser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die +Länge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen +Grafen und seine Verhältnisse kennt, gesagt; von ihm hängt Emil ab; denn er +soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch sehr +viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Rührung in Ladensteins +Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfährt," setzte sie traurig hinzu, +"wenn er dem Grafen eine Schönere, eine Bessere ausgesucht hätte, wenn er +_nein_ sagt--" + +"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie der +alte Herr voll wunderbarer Rührung. + +"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren würde; ach, wenn +man nur den erweichen könnte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter +Tränen lächelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar +eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu +ausersehen, daß Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche, +die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich für den +alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, daß ich seinem +Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen, +und Sie kennen den alten Herrn gewiß--so zeigen Sie ihm die Gruppe da, +sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen +Wahn befreite; wollen Sie?" + +Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Tränen +rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief gerührt, daß er +nicht sprechen konnte; er faßte ihre Hand und zog sie an seine Lippen. +Endlich faßte er sich doch wieder; er wischte die Tränen hinweg, er war +freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder. + +"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er lächelnd, "ich kenne +ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, daß ich sein innigster--bester +Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Töchterchen, der Alte schlägt mit +Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er +es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstück sein." + + * * * * * + + + + +FORTSETZUNG DER FREIER. + +Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stürmischer Eile Ladenstein zum +Präsidenten hinabrief. Dieser ging und ließ die beiden allein. Emil sagte +seinem Mädchen, daß der Papa durchaus nicht abgeneigt scheine; nur habe er +bange, was der Hof dazu sagen werde. Er für seinen Teil könne diese +Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar gehe es den Hof nicht im +mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida konnte wohl ahnen, was ihr +Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen des Hofes verstand; aber sie +scheute sich, den Geliebten darüber zu belehren. Es wäre aber auch Sünde +gewesen, ihn in seinem Glück zu stören. Er saß so selig neben dem +bräutlichen Mädchen, er war so trunken von Wonne und Glück, daß er nichts +anderes mehr zu hören und zu denken schien als sie. + +Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Mädchen. +Ihr Auge glänzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige +Frührot der bräutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Lächeln, +das bald Verlegenheit über den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald +Wonne und Freude verriet. + +"Mein holdes, einziges, mein bräutliches Mädchen," rief der glückliche +Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut +hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und +barg ihr tief errötendes Köpfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm +Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen, +das schöne Haar mit seinen Ringellöckchen zu betrachten und in den herrlich +gewölbten Nacken, so rein und weiß, so glänzend wie aus Wachs geformt, +niederzublicken, so machte ihm doch die Kehrseite mehr Freude. Er faßte das +Engelsköpfchen an dem sanften Kinn und hob es aufwärts. Wie mild, wie treu +blickten ihn diese Augen an, wie würzig wölbten sich die Purpurlippen ihm +entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er preßte sie an sich +und sog in langen, langen Küssen das süßeste Leben in sich ein. + +Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut +gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle +Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen, +bis hinab in den großen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als +sollte sie, aufgelöst in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen und +hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schämen und schalt sich +wieder aus über die Torheit; denn es war ja ihr Bräutig--; nein, das fiel +ihr eben siedendheiß ein, es war noch nicht ihr Bräutigam, Papa hatte ihm +seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte sich doch nicht so +recht; sie wand sich verschämt aus seinen Armen und wollte eben sagen, daß +er doch ein wenig einhalten-- + +Da ging die Türe auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den lächelnden +Präsidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," rief +er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres Vaters. Sie +weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine Wangen und küßte +ihn und war ein so munteres, wöhliges Kind, als habe er ihr eine hübsche +Puppe zum Weihnachten oder als Geburtstagsangebinde geschenkt. + +Auch Emil war aufgestanden und zum Präsidenten getreten. Er fragte ihn voll +Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen. + +Der Präsident lächelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine +Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, daß er sich +schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus kein +Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen wäre." + +Die Glücklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, den +guten Ladenstein, ja, es schien fast, als möchten sie noch mehr Zeugen +ihres Glückes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der Hochzeit; der +Graf wollte lieber heut als morgen und hätte gerne sein liebes Bräutchen +nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins Münster geführt. Aber dagegen +sträubte sie sich selbst. Sie sah gar zu naiv aus, als sie so ernsthaft +sagte--"Nein, wenn es einmal sein muß, so muß es auch recht sein. Im +Hausüberröckchen traut man kein reputierliches Fräulein." Der Präsident +stimmte bei; er sagte: "Sie haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt +hinlegen könnten, keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!" + +Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr ist +viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen könnten, +da habe ich ein so anständiges Plätzchen ausersehen, wie man es nur +wünschen kann. Da ist--" er zog eine große Schreibtafel hervor, nahm +mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein gerichtlich +ausgefertigter Kaufbrief von Schloß und Herrschaft Groß-Lanzau, drei +Viertelstunden von hier, angekauft für den Herrn Grafen Emil von Martiniz, +wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim zur Morgengabe übermacht, +kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm gefällig ist." + +Die drei machten große Augen. Emil stürzte dem alten Herrn an den Hals. +"Mein teurer väterlicher--" + +"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm +die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur +den Geschäftsträger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da ist!"-- +"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "daß ich ihm danken kann +für seine unendliche Güte?" + +"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine +Träne der Rührung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude an +seinem holden Töchterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem +Namen küssen." Er gab ihr einen recht väterlichen Kuß auf die schöne +Stirne. + +Der Präsident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je länger er las, +desto größer und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll faltete er +die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das ist zu viel; +bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Groß-Lanzau mit dem schönen, +neuen Schloß, ganz durch und durch elegant ausmöbliert, mit Stallung und +Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit Wäldern und Feldern, weiß Gott, +seine zweimalhunderttausend Taler unter Brüdern wert, nein, bedenkt auch +noch--" + +"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen +von dem Zeug! Ihr wißt, der alte Martiniz kann es geben und gibt es gern. +Da ist auch noch etwas in den Papieren für das liebe Bräutchen, nämlich ein +kleines Schlößchen, hart am Fluß, ein Stündchen von hier. Man hat mir +gesagt, daß Idchen immer gerne an jenem Plätzchen gewesen sei, und deswegen +hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte erb- und eigentümlich zum +Brautgeschenk übermacht." + +Voll freudigen Schreckens schlug das Mädchen die Hände zusammen. "Doch +nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete +Ladenstein und überreichte ihr die Schenkungsakte. + +Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem großen Brief im Zimmer umher +wie närrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, herziges +Blauenstein!" daß die drei unwillkürlich über die possierliche Freude des +Mädchens lachen mußten. + +Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schöneres sehen als dieses +Blauenstein. Ein allerliebstes Schlößchen mit fünf bis sechs elegant +eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem schönen +Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des Schlößchens, gegen den +schönen Fluß geöffnet, und eine paradiesische Aussicht hinüber in Täler und +Berge--und dieses lauschige, liebliche Plätzchen ihr ganz eigen, ihr, dem +fröhlichen Bräutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil-- +gewiß, ein solcher Gedanke hätte manche andere tanzen gemacht! + + Und jetzt hatte der Präsident auch nicht das geringste mehr einzuwenden, +und die Hochzeit wurde vor den Ohren des errötenden Mädchens auf die +nächste Woche festgesetzt. Heute abend aber wollte Papa Präsident große +Gesellschaft geben und dort das junge Paar als Braut und Bräutigam +präsentieren. + + * * * * * + + + + +DIE SOIREE. + +"Was aber der Präsident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als jetzt +die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. Die meisten +dachten, es geschehe der Gräfin Aarstein zu Ehren, bei welcher er sich auf +alle mögliche Weise zu insinuieren suche, um später einmal Minister zu +werden. + +Als man aber abends in den Salon des Präsidenten trat, wurde man noch mehr +von diesem "Dicketun" überzeugt. Außer den prachtvollen Lüstres, die +gewöhnlich bei Gesellschaften angezündet wurden, war eine ganze Galerie der +geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze angebracht, und Walratlichter, so +durchsichtig und klar wie Glas, eine ganz nagelneue Erscheinung für +Freilingen, strahlten ein Feuermeer von sich. Die Wände waren mit Festons +von Blumen und grünen Zweigen geschmückt, die sich in den deckenhohen +Spiegeln zu einem ganzen Wald von Kränzen und Girlanden vervielfältigten. +Ein ganzer Hausrat der prächtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher, +Platten, Schüsseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen Figuren in +tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an Bestecken und +Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermänniglich war erstaunt über +diese Pracht. + +Einige aber, die feinere Nasen hatten als die übrigen, legten die Finger +daran und klügelten hin und her, was dies alles zu bedeuten habe; denn man +wußte so ziemlich allgemein, daß der alte Sanden ohne Not und wichtige +Ursache nicht so viele Umstände mache. Doch aus seinem Gesicht konnte man +nicht recht vernehmen, was er in petto habe, Er empfing seine Gäste höchst +freundlich, aber zeremoniös, sprach mit keinem sehr viel und lange, sondern +teilte sich überall und allen mit. Die Gräfin--nun, die kam endlich, sah +aber nicht danach aus, als ob ihr das Fest gehöre; denn sie war wie +gewöhnlich prachtvoll, aber nicht gerade festlich gekleidet. + +Die einzigen von allen Gästen, die mit ihren Erwartungen so ziemlich am +nächsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine +Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des +Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, daß der +Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr +über die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, entschlüpfen +würde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehören soll," hatte Schulderoff +geäußert, "so gönne ich sie am liebsten dem Martiniz; er ist Soldat und, +das muß man ihm lassen, brav wie der Teufel; stand er doch da, als die +blaue Bohne auf ihn zusurrte, als wäre es ein Schneeglöckchen; so kalt und +fest habe ich in meinem Leben keinen sich schießen sehen. Und am Ende hatte +er doch recht; denn Sporeneck räsonierte doch über die Ida, daß es mir +selbst das Herz im Leibe hat zerreißen wollen. Das kommt aber von niemand +her als von der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel +modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit ihrer +ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und nebenbei auch von +der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann ergrimmt ist, der nicht +von ihren Reizen hingerissen wird." + +So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die +Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache verändert. + +Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem +festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Gräfin hatte +den größten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie müsse doch +vielleicht die Königin des Festes sein. Es fehlte niemand mehr; doch ja, +Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Gräfin suchte vergebens mit ihren +rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine tüchtige Schelte +einstudiert, um ihn für seine Vernachlässigung zu strafen; überhaupt hatten +sich ihr heute so sonderbare Gedanken aufgedrängt--der Graf, der sich doch +sonst an sie angeschlossen, dem sie so merklich als möglich ihre Neigung zu +ihm gezeigt hatte, war zwei Tage gar nicht für sie sichtbar; sie wußte, daß +er heute im Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der +Rittmeister--der war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterböse auf +ihn. Im ganzen war er ihr gleichgültig; denn ihre Neigungen waren sehr +flüchtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem interessanter, und +sie gestand es sich selbst, sie hätte ein Wohlwollen zu ihm, das beinahe +Liebe war,--aber dennoch sollte der Rittmeister noch immer der _Cavaliere +servente_ sein, und dennoch konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit +einem Blick sehen zu lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die +übrigen Offiziere äußerten, so hätte er wenigstens ein Billett an sie +hinterlassen können--aber sie wollte es ihm entgelten. + +Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die +fürchterlichsten Flüche, daß er sich jemals in die Dienste dieser Sirene +begeben habe. + + * * * * * + + + + +DIE BRAUT. + +Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich +noch manches für die Bewirtung zu sorgen und zu rüsten. Endlich--der +Präsident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die Türe +auf, ein allgemeines Flüstern der Erwartung rauschte durch den Saal--herein +trat ein großer, ältlicher Herr in reicher, prächtiger Kleidung, mit +Sternen und Orden besät--wir kennen ihn schon--, an seinem Arm ein holder; +verschämter Engel voll Huld und Anmut, demütig und doch voll wunderbarer +Majestät--Ida. + +Aber wie _das_ Mädchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte noch +nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den Schwanenhals ein +Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem Saal, aber sie schwuren +hoch und teuer, mit den fürchterlichsten Flüchen, er sei unschätzbar und +nicht in diesem Lande gekauft! Im zierlich geordneten Haar einen Solitär-- +die Gräfin hätte heulen mögen, daß sie den ihrigen hatte in der Residenz +lassen müssen--er war in Kost und Logis bei Salomon Moses Söhnen und doch +hätte er gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkensprühende Kraft _dieses_ +Steins verbleichen müssen! + +Hatten die Gäste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen angestarrt, +so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen Star zu bekommen; +denn jetzt trat der Präsident ein, an der Hand führte er einen Jüngling, +hoch und schlank, in prachtvoller, pompöser Uniform, den Diamantorden auf +der stolz gewölbten Brust, an der Seite einen mit flunkernden Steinen +übersäeten Säbel, in der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein +Familienstück, von Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschätzt wurde; +der Präsident mit seinem strahlenden Jüngling trat näher, es war Emil. + +Der Kreis der erstaunten Gäste öffnete sich--der Präsident empfing aus +Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Pärchen in den Kreis--die +Gräfin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoß wütende Blicke auf die +drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden neigte sich Ida, +das Engelskind, und errötete über und über; der Graf aber schaute fröhlich, +stolz mit seinem siegenden Glutblick im Kreise umher, der Präsident +verbeugte sich und begann: "Verehrte Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein +glückliches Ereignis meines Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich +heute verlobt mit dem Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe +Stille; man hätte eine Mücke können trappen hören--unwillkürlich flogen die +Blicke der erstaunten Gäste nach der Gräfin; denn _sie_, _sie_ mußte ja +nach ihren Kalkülen die Braut sein; dann öffneten sich die Schleusen der +Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen +Lobpreisungen brach über die Dame herein; man hörte sein eigenes Wort +nicht, so gingen wie in einer Windmühle, wenn der Nordost bläst, die Mäuler +und Mäulchen. + +Endlich fand auch die Gräfin Worte; sie hatte, das übersah sie mit _einem_ +Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet +zurückzuziehen und dem Feind, wo sie eine Blöße erspähen könnte, noch eine +tüchtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was sie wollte. Sie +eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wünschte ihr Glück zu ihrer +Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu und wollte +freundlich aussehen, obgleich ihr das grüne Neidfeuer aus den Augen sprühte +und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiß ich nicht, ob ihr ganz klug +getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiß, aus keinem alten Haus, und +Sie selbst, Graf, müssen wissen, wie Ihr Oheim; der Minister, darüber +denkt; wenigstens so viel ich mir von ihm habe sagen lassen, wird er diese +Verbindung nun und nimmermehr zugeben." + +Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, daß nur +böslicher Wille und Neid die Gräfin so sprechen lasse; das Wasser schoß ihr +in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick auf Ladenstein +und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst, beinahe höhnisch, +der Gräfin zu; Emil aber sagte ganz kalt und gelassen: "Wissen Sie das so +gewiß, gnädige Frau?" Diese Gleichmut reizte sie noch mehr; eine hohe Röte +flog über ihr Gesicht, die Augen strahlten noch tückischer. "Ja, ja, das +weiß ich gewiß," rief sie, "ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat +von Sorben, hat mir über diese Sache hinlänglich Licht gegeben, daß ich +weiß, daß er diese Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!" + +"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme +hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der +sie mit einem höhnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen Blick +nicht aushalten und maß ihn daher mit stolzem Lächeln, hinter das sie ihre +Wut verbarg, von oben bis unten. "Das müßte doch sehr schnell gegangen +sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, "noch vor fünf Tagen +lauteten die Nachrichten hierüber ganz anders; der Herr von Sorben sagt +mir--" + +"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig. + +"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem Mann +wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdrücken zu sprechen; wie können +_Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--" + +"Er steht vor Ihnen, gnädige Gräfin," sagte der alte Herr und beugte sich +tief, "ich heiße--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von Ladenstein- +Martiniz." + +Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des +Oheims, vergoß Tränen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich nach +Worten, ihr Entzücken auszusprechen. Die Gräfin stand da, wie zu einer +Säule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem hatte, auch +Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend als möglich +wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wünsche ich doppelt Glück, daß +ich mich geirrt habe. Hätte es Sr. Exzellenz früher gefallen, seine Maske +abzunehmen, so würde ich Ihr Glück auch nicht auf einen Augenblick gestört +haben." + +Sie ging, von außen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wünschte in ihrem +wutkochenden Herzen alles Unglück auf das Haupt der unschuldigen Ida. +Wütend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in einer +Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken erholte, der +ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist Ihr sauberer Herr +Onkel schuld, Fräulein Sorben," rief die Wütende, "warum hat er uns mit +falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns nicht gesagt, daß der alte +Narr hier herumspukt unter falschem Namen? O, ich möchte--" Der +orangefarbene Teint von Fräulein Sorben war ins Erdfahle übergegangen; sie +hatte die stille Wut und machte sich hie und da nur durch ein +unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle Tränenwasser in den Augen +stand. + +"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein +Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen mögen sie ziehen, und das +Affengesicht, den naseweisen, dürren Backfisch, mögen sie mitnehmen und +dort meinetwegen für Geld sehen lassen!" + +"Ach, das ist ja gerade das Unglück," seufzte Frau von Schulderoff, "daß +wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie der alte +Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk, erfahre ich +soeben, hat er ihnen Groß-Lanzau und das freundliche, nette Blauenstein +gekauft!" + +"Gekauft?" preßte die Gräfin zwischen den Zähnen, die sie ganz verbissen +hatte, heraus, "gek--" + +"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen +geschenkt; ob man etwas Tolleres hören kann!" + +"Das fehlte noch!" knirschte die Gräfin und rauschte weiter. + + * * * * * + + + + +PRÄLIMINARIEN. + +Indessen war Ida glücklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim. +Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen grämlichen, alten Herrn +vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glück noch +gestört hatte. Sie wußte ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn betrüben +würde, wenn jener sein Verhältnis zu Ida ungünstig ausnähme. Und jetzt-- +nein, sie wußte sich nicht zu fassen vor lauter Seligkeit! Der freundliche, +gütige Ladenstein hatte sich wie durch einen Zauberschlag in die gestrenge +Exzellenz den Minister Grafen von Martiniz verwandelt, und doch blieb er so +freundlich, väterlich, traulich wie zuvor; sie wußte nicht, wem von beiden +sie das nette, lustige Amorettenköpfchen zuwenden sollte. Sie lachte und +tollte, gab verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnäbelchen +gewachsen war. Es war das glückseligste Kind, die holdeste, vollendetste +Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Bräutchen unter der Sonne in +_einer_ Person. + +Einer der Glücklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst +war er zurückgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen und +schnurstracks zu Präsidents, und das erste war, als er in den Salon trat, +daß er hörte, wie der Präsident seine Kinder präsentierte; er hätte mögen +aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten treuen Herzens. +"Das ist _mein_ Werk," lächelte er vor sich hin, "ganz allein mein Werk; es +konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal eingefädelt war." Aber wie riß +er die Augen auf, als er von einer Gräfin Aarstein, von einem alten Grafen +Martiniz, welche auch hier seien, hörte. "Nun, da muß es was Tüchtiges +gesetzt haben," dachte er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst." + +Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich dem +alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und +Ratgeber ihrer Liebe erzählt. Ida gestand ihm, daß sie ihn oft schmerzlich +vermißt habe; auch Martiniz äußerte dies und versprach, ihm alles so bald +als möglich zu erzählen. + +"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz +seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog; +"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, für das Glück der Jungen zu sorgen. +Man hat mir gesagt, daß Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich darauf +verstünden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in früheren Jahren einmal +Oberhofmeister; das fügt sich nun ganz vortrefflich. Da wollen wir nun, wir +zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, wie man es hierzulande +noch nicht sah." + +Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine +Vorschläge. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann +ich für meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reißen jetzt so ein, +daß sie fast zur Mode werden, als wäre eine vornehme Ehe nicht dieselbe wie +eine geringe, als wäre der Altar Gottes nicht für alle und jeden; aber der +Fluch kommt gewöhnlich bald nach. Hat man sich in den gewöhnlichen Zimmern, +wo man sonst tollte und lachte, wo man, sobald der Altar weggeräumt ist, +tafelt und tanzt, hat man sich da trauen lassen, so kommt einem auch das +neue Verhältnis so ganz gewöhnlich vor, daß man bald davor keine Ehrfurcht +mehr hat."--Also in der Kirche; nachher sollten die Gäste hinausfahren nach +Blauenstein. + +Der Hofrat machte große Augen, und als er hörte, daß dies die neue +Besitzung des lieben Pärchens sei und daß Groß-Lanzau auch noch dazu +gehöre, er hätte, wenn es sich nur halbwegs geschickt hätte, ein paar +Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort mußte das Schloß +festlich geschmückt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes haben +kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte der kleine, +sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein, daß sie noch +Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort, "muß das Brautpaar +eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als _garde de dame_ auch mit, +bestellen die Pferde auf den Stationen, daß die jungen Eheleutchen in ihrem +Landau nicht inkommodiert werden, wir beide aber spiegeln und erfreuen uns +an dem Glück, das wir, ich und Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben." + +Dem Hofrat, obgleich er lächeln wollte, stand doch eine Träne der Rührung +im Auge; er drückte dem edelmütigen Polen die Hand und erklärte sich +bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und wann soll die Hoch--" + +"Über acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der +Präsident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud sämtliche +versammelte Gäste dazu ein. + + * * * * * + + + + +ZURÜSTUNGEN. + +Es war ein sonderbarer Anblick, den des Präsidenten Haus in diesen Tagen +gewährte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen, +Näherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Küster, Bäcker, Fleischer, +Köche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe in jedem Zimmer +sah man, auf jeder Treppe stieß man auf einen Handwerker, und alle taten, +als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die ganze Hochzeit abhinge. + +Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem +ordentlich, es lief wie eine dicke Gänsehaut über den Körper, wenn man den +Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel magerer und +bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzündet, ein Zeichen, daß +er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei Tag lief er sich beinahe +die Füße ab wie die Hündin des Herrn von Münchhausen aufschneiderischen +Angedenkens; da war zu bestellen und zu besorgen, er lief hin und her in +alle Ecken und Enden der Stadt; ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich +gesehen haben. + +Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, daß der Mann nicht schon längst tot +war! Nachdem er sich müde gelaufen, müde gesorgt, müde gesehen, müde +geschwatzt, müde gescholten, müde erzählt hatte, kam erst kein Schlaf über +ihn. + +Er streckte sich ins Bett, ließ zwei Wachskerzen und einigen Glühwein auf +den Nachttisch setzen, in einem großen Korbe standen vor ihm Bücher, ein +ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: "Wahrhafte und akkurate +Beschreibung des solennesten Festins am Hofe Ludwigs XIV." Ferner: "Der +allzeitfertige _Maitre de plaisir_, für Hofleute, vornehme Festlichkeiten +und anderen Kurzweil." "Der galante Junker, oder wie Tänze, Schmäuse, +Hochzeiten, Kindtaufen usw. am schönsten zu arrangieren." Sogar das +Festbüchlein von Krummacher hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen; +denn er dachte nicht anders, als es müssen darin allerhand neue und nie +gesehene Festivitäten erzählt sein. Er soll sich übrigens sehr geärgert +haben, als dem nicht also war. + +Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stück für Stück mit der größten +Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen und Auszüge; +er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit; denn das sah er ein, +wenn man alle die schönen Sachen, die er sich aufnotiert hatte, ausführen +wollte, so mußte man vierzehn Tage lang Hochzeit halten, und doch konnte er +nicht mit sich einig werden, was er weglassen sollte. So lebte er in einem +ewigen Zappel; ja, es war ordentlich rührend anzusehen, wenn er hie und da +bei Ida, bis zum Tode ermüdet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf +sie heftete, als wollte er sagen: "Sieh, für dich opfere ich mein Leben +auf." + +Und Ida? Habt ihr, meine schönen Leserinnen, je ein geliebtes Bräutchen +gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr es selbst noch seid, +gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein solches süßes Engelskind kennt +mit dem bräutlichen Erröten auf den Wangen, mit dem verstohlenen Lächeln +des kußlichen Mundes, der sich umsonst bemüht, sich in ehrbare +Matronenfalten zusammenzuziehen, mit der süßen, namenlosen Sehnsucht in dem +feuchten, liebetrunkenen Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen +Augenblicken, wo sie dem geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz +angehören soll, verstohlen die Hand drückt, ihm die Wange streichelt, wenn +sie den weichen Arm vertrauungsvoll um seine Hüfte schlingt wie um eine +Säule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stürme des +Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die +seidenen Wimpern aufschlägt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit, +voll Treue, voll Liebe an ihm hängt, wenn die Schneehügel des wogenden +Busens sich höher und höher heben, das kleine, liebewarme Herzchen sich +ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendrängt--kennet ihr ein solches +Mädchen, so wißt ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr ein solches +Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen Junggesellen über +die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der Jugend, ohne Genossin eures +Glückes, wenn ihr Männer seid, ohne Stütze im Alter--wißt ihr eine solche +frische Hebeblüte und ein fröhliches Amorettenköpfchen, das etwa auch so +warme Küßchen, auch so liebevolle Blicke spenden könnte wie Ida, o, so +bekehret euch, solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im +Arme schmiegt, wenn sie das Lockenköpfchen an eure Brust legt, aus milden +Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die Falten +von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat gegeben zu +haben. + +Und Emil? Nun, ich überlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht +bildschönen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er den +Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie kü-- + +Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen +gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Bräutigam aus. + +So sah ihn auch die Gräfin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, daß der +herrliche Mann nicht ihr gehören sollte. Eines Morgens, ehe man sich's +versah, sagte sie adieu, ließ packen und---weg war sie. + + * * * * * + + + + +HOCHZEIT. + +Und endlich war der schöne Tag gekommen. + +Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, und +der polnische Graf und Fräulein Ida von Sanden waren in aller Mund. Vor der +Kirchtüre schlugen und drängten sich die Leute als wie vor einem +Bäckerladen in der Hungersnot. Alle Stühle in der Kirche waren besetzt, und +von Minute zu Minute wuchs der Andrang. + +Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein Mensch, +das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief an dem +Glück des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Küster. Er hätte viel +darum gegeben, wenn er der versammelten Menge hätte sagen dürfen: "Sehet, +der Herr Bräutigam, es war just nicht ganz recht richtig mit ihm; er hatte +allerhand Affären mit Herrn Urian, der ihn allnächtlich hieher in die +Münsterkirche trieb; da herein konnte er aber nicht; und ich, der Küster +von Freilingen, habe ihm allnächtlich zu seiner Freistatt verholfen, war +auch dabei, wie das Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erlöset hat +von dem Übel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler +einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken gesagt, +daß die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche und vor meinen +Altar kommen würden?" + +So hätte er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte +ihm beinahe das Herz abdrücken, daß er sich nicht also in seiner Glorie +zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut, +daß er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten könne. Aber seine +Attention hatte er dem Pärchen bewiesen, daß es eine Freude war. Vom Portal +bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas kosten lassen +und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten gehabt; aber diesmal +hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen Willen gehabt. + +Jetzt kam Gerassel die Straße herauf; dem alten Küster schlug das Herz, +jetzt--ja, sie mußten es sein,--der große Glaswagen des Präsidenten fuhr +vor; darin saßen der Präsident und Emil. "Ach, der schöne Offizier!" +schrien die Freilinger und machten lange Hälse. "Wie prächtig, wie +wunderhübsch!" flüsterten die Mädchen, denen das Herz unter dem Mieder +lauter pochte; aber man konnte auch nichts Schöneres sehen. + +Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloß sich um den herrlichen, +schlanken, heldenkräftigen Körper, wie wenn er damit geboren worden wäre; +das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht gerötet und +verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein stolzes, +glänzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Küster, der in einem fort +Bückling über Bückling machte; gerührt und freundlich reichte er ihm die +Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal. + +Jetzt rasselte es wieder die Straße herauf. Ein Wagen, noch glänzender, +geschmackvoller als der erste; er gehörte zu der neuen Remise des Grafen +und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl, +der in höchster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang ab, +riß die Glastüre auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt sich kein +Atem mehr in der ganzen großen Menge; jedes Auge erwartungsvoll auf die +geöffnete Türe geheftet. Der alte Graf, angetan mit all seinen Orden, der +Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der Freundschaft auf dem Gesichte, +stiegen aus und postierten sich an den Schlag. Jetzt wurden ein Paar +glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein Füßchen, es war nicht möglich, +etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen als die winzigen weißseidenen +Schuhe--jetzt--ein Lockenköpfchen, ein Paar selig glänzende Augen, ein Paar +überpurpurte Wangen, ein lächelnder Mund--hübsch stand das Bräutchen +zwischen den alten Herren. Ein Kleid von schwerem, weißem Seidenzeug +schlang sich um den jugendlich-frischen Körper; wie darüber hingehaucht war +ein Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit +der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der +Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Gürtel, welcher +den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens seine achttausend +Taler wert, und die Bracelets mit den großen Steinen und das Diadem, um das +sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer sich auch nur ein wenig auf Steine +verstand, dem mußte hier der Mund wässern; aber war nicht alles dies im +Grund unbedeutende Fasson, um den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind +selbst, einzufassen? + +Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Bräutchen vergaß +nicht, im Vorübergehen dem Küster einen recht freundlichen Gruß zuzuwinken, +daß ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht begreifen konnte, wie +der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft gelangt sei. Ernster und +ernster wurden die Züge Idas, als sie sich dem wohlbekannten Altar näherte. +Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des Grafen und des Hofrats, die mit +Blicken des Dankes und der Rührung an ihr hingen. Hier war ja ihr +Siegesplatz, wo das mutige Mädchen mit hingebender Liebe gegen den bösen +Feind der Schwermut und des Trübsinnes gekämpft und gesiegt hatte. + +Mühsam rang sie nach Fassung, die Freude, daß sich alles so schön gefügt +hatte, wurde zur heiligen Rührung in ihr; noch einmal durchflog sie die +Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser Stätte, und +ihr Auge wurde feucht von Entzücken. Als aber die Trauung begann, als der +würdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis anvertraut hatte, in einer +kurzen, aber gehaltvollen Rede von den wunderbaren Fügungen Gottes sprach, +der oft aus Tausenden sein Werkzeug zur Beglückung vieler wähle, da +strömten ihre Tränen über. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist +erfüllt, was damals ahnungsvoll meine Seele füllte: _der Zug des Herzens +ist Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Tränen flossen; denn +auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Jünglings gesehen +hatten, gingen über. + +Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre +Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem Blick, +mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu einem +schönen, lichten Ziele führte. + + * * * * * + + + + +DER SCHMAUS. + +Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze +Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem die +neugebackenen Eheleute saßen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, um alles zu +leiten. Sechs Böller riefen ihnen Freudengrüße entgegen, als sie in die +Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein donnerschlagähnliches Wirbeln von +Pauken und Trompeten empfing sie am Portal des schönen Schlosses, und als +alle Wagen aufgefahren waren, als Emil sein Weibchen auf den Balkon +herausführte, um die herrliche Gegend zu übersehen, da gab der Hofrat das +Zeichen, und ein schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfüllte die Luft. + +Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloß, um alles in Augenschein zu +nehmen. Es wandelte die Gäste beinahe ein Grauen an vor dem Hexenmeister, +dem alten Martiniz. Das Schloß--es war zwar niedlich, geschmackvoll, bequem +gebaut, lag wunderschön und hatte Gärten und Felder, wie man sie selten +sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles noch leer gestanden, Tapeten +waren abgerissen herabgehangen, im Saal war Hafer ausgeschüttet gewesen, +kurz, man hatte gesehen, daß es eine gute Weile nicht bewohnt war, und +mancher Käufer hätte nicht geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der +Restauration fertig werden zu können. Und jetzt, die behaglichste Eleganz, +die man sich denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuß +hätte sich, und hätte er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut +gehabt, perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum äußersten +Federchen darin sehen können. Diese breitarmigen Lüstres, diese +Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten; Etageren, +diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an Servicen, +Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame sich wünschen +kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger wandelten wie in einem +Feenpalast umher, und die Mädchen und die Frauen--Ida wandelte zwar wie +eine Königin in dieser Herrlichkeit, als hätte sie von Jugend auf darin +gelebt; aber man hörte doch so manches Sprüchlein vom blinden Glück und +Zufall, die einen im Schlafe heimsuchen. + +Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner seine +Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen gräflichen Paares hatte +er schon so instruiert, daß alles wie am Schnürchen ging, und zwar alles +auf dem höchsten Fuß; denn wenn einer der Gäste nur vom silbernen Teller +ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar konversierte, husch! war der +Teller gewechselt, und eine neue Speise dampfte ihm entgegen. Aber auch in +der Küche hatte er gewaltet; und es hätte wenig gefehlt, so hätte er aus +lauterem Eifer, alles recht delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout +oder Hachee verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar +mit einer Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. +Auch ihn hielten die Damen für einen zweiten Oberon, der eine ewig +reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen zu +dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht! + +Da war: + +Schildkrötensuppe. +Coulissuppe von Fasanen mit Reis. + +_Hors d'oeuvres_. + +Pastetchen von Brießlein mit Salpicon. +Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_. +_Du boeuf au naturel_. +Englischer Braten mit _Sauce espagnole_. + + _Gemüse_. + +Spargeln mit _Sauce au beurre_. +Grüne Erbsen mit gerösteten Brießlein. + +_Entrées_. + +Junge Hühner mit _Sauce aux fines herbes_. +Financière mit Klößen. +Schinken _à la broche au vin de Malaga_. +Feldhühnersalmy. +Kalbskopf _à la tortue_. +_Fricandeau à la Provençale_. + +_Braten_. + +Kalbsschlegel. +Rehbraten. +Feldhühnerbraten. +Kapaunenbraten. +_Dindon à la Perigord_. + +_Salat vielerlei_. + +_Süße Speisen_. + +Sulz von Malaga. +Crême von Erdbeeren. +_Compote mêlée_. +_Crême panachée mêlée_. +Punschtorte mit Früchten. +_Tartelettes d'abricots_. +_Tourte de chocolat montée_. +Gußtorte. + +_Dessert_. + +Punsch _à la glace_. +_Crême de Vanille_. + + * * * * * + + + + +SCHLUSS. + +Als das Dessert aufgetragen wurde, entschlüpfte, unbemerkt von den +bechampagnerten Gästen, die junge Frau. Sie warf den schweren Hochzeitstaat +ab und erwählte unter der reichen Garderobe ein allerliebstes +Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich eingesessen und ein wenig +in die Welt hinausgefahren werden; so wollte es der alte Graf. + +Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so +wundergrazienhübsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Überröckchen schloß +so eng und passend, das Reisehäubchen, die hervorquellenden Löckchen gaben +dem Köpfchen einen wundervollen Reiz. Die Bäckchen waren so rosig, die +Äuglein glänzten so hell und klar im Widerschein ihres bräutlichen Glückes, +kleine, kleine Schelmchen saßen in ben Grübchen der Wangen und schienen +allerlei wunderbare Geheimnisse zu flüstern von Sehnsucht und Erwartung; +das Mäulchen so spitzig wie zum Küssen zeigte immer wieder die Perlen, die +hinter dem Purpur verborgen waren. + +Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, Minette, +und wie sie alle hießen, schlugen vor Verwunderung über ihre +wunderniedliche gnädige Frau die Hände zusammen. "Diese herrliche, +jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des +Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weißen Arme!" +flüsterte Philette. "Diese Füßchen," dachte Trinette weiter, "diese Wäd--" + +"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, doch +nicht so leise, daß es den Ohren der jungen Gräfin entging. Sie wollte tun, +als hätte sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von der Stirne bis +herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die das schneeweiße +Nachtzeug in die Vache packte, mit einer höchst naiven Frage in die Quere +kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz dunkel überpurpurt entschlüpfte +sie den sechs dienstbaren Geistern und lief wie ein gescheuchtes Reh in den +Speisesaal. + +Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin +einverstanden, daß ihr diese Tracht noch besser stehe als der Brautstaat; +kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins gelobte Land der +Ehe reiste. + +"Warum bist du nur so über und über rot?" fragte Emil sein holdes Weibchen, +indem er sie näher an seine Seite zog. "Hat dir jemand etwas getan?" + +Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," flüsterte sie endlich und +errötete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt." + +"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es +wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Lüge erfinden; aber +das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es ging nicht; +er mußte bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, nachdem er hatte +versprechen müssen, die Augen recht fest zuzumachen, flüsterte sie ihm ins +Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da hat sie gefragt, ob sie das +deinige auch dazu packen soll." Selig schloß der Graf sein Engelsweibchen +in die Arme; er wollte antworten, aber seine Antwort verhallte im Geräusch +der aufbrechenden Gäste. + +Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein +Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort +beschloß er, ihr zu antworten. + +Auf dem Balkon drängten sich die Gäste, die Champagnergläser in den Händen; +sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein +tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drückte ihr Köpfchen an die +Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr Emil +und seine glückliche Ida. + + * * * * * + + + + +NACHSCHRIFT. + +Es ist ein schöner Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und +getrennt sind, daß sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen sie +sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen und die +Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme anzünden. So halte +ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, die das Schicksal nach Ost +und nach West verschlagen. Auch heuer war ich hingereist an den Ort, den +wir zu unserem Rendezvous bestimmt hatten. Als ich an dem stattlichen +Weißen Hirsch in B. vorfuhr, lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl +tut da das freundliche, jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schönen +Lippen herab dem Freunde entgegentönt! + +Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige Doralice +und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer Kriegsrat, da +war Graf Law und seine Clementine, da war meine süße Mimili, da war Herr +von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein russisches Lisli; selbst +Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hieß ihn nur immer den Grünmantel, +hatte sich aus Venedig eingefunden und Emilie Mellinger mitgebracht; da war +auch Fanny und ihr Graf, der Generalbevollmächtigte, Kilian mit Julchen. Da +war Molly und ihr Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes +und Rose, Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Röschen, Klotilde +und ihr Sekretär.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie ein Ball +von einem Arm in den andern, und das Küssen wollte gar kein Ende nehmen. + +Endlich faßte man sich, daß es doch zu einem vernünftigen Gespräch kam. +Freilich trübte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen Willibald, die uns +im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode so innig verschwistert +mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des Wiedersehens; aber nachdem +wir ihnen das Totenopfer inniger Tränen geweiht, kehrte die holde Freude +wieder bei uns ein. + +Wir tollten, lachten und schäkerten, der Weiße Hirsch faßte kaum so viel +Gäste, und manches Pärchen mußte sich mit _einem_ Bettchen behelfen. + +So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem +Weißen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir saßen gerade beim Kaffee--da +fuhren Wagen vor; wir drängten uns alle an die Fenster und schlugen den +fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen und Trinken +konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne unsere Bewilligung +kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir gerade nicht gerne unter +uns haben. In einem prächtigen Landau, mit vier Postpferden bespannt, saß +ein Herr und eine junge Dame; sie hoben die Köpfe in die Höhe-- + +"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally: +"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie +heraufzuführen; sie folgten willig nebst noch drei andern ältlichen Herren, +welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen einander in +die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, kennen gelernt +und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den beiden jungen Damen, +um welche die übrigen schon einen dichten Kreis geschlossen hatten. "Sehen +Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern mein liebes Frauchen." + +Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in Hamburg +kennen gelernt. Damals faßte ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie wurde zur +Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. So wenig ich +an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, daß ihn Liebe zu +einem guten, reinen Mädchen zerstreuen, retten könnte; und wie herrlich +hatte sich dieses gemacht! Er war fröhlich, selig, war durch die Liebe +dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt. + +Auch in den drei andern Gästen--der Leser wird unschwer den alten Martiniz, +den Präsidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte ich wackere, +liebenswürdige Männer kennen. Schon den ersten Abend war es uns allen, als +hätten wir das holde Pärchen schon jahrelang gekannt, so trefflich paßten +sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen Wesen. Der junge Graf erzählte uns +seine Geschichte, und wenn wir bedachten, wie zufällig er nach Freilingen, +wie zufällig er auf jenen Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso +zufällig der alte Oheim auf einer Geschäftsreise diese Gegenden berührt, +dem Neffen eine Überraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_ +mitwirkte und die Ränke der bösen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir +mußten diese Fügungen bewundern und fanden den alten Spruch bestätigt: + +_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_ + +Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch wir +alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter. + +Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt zu +erzählen. + +Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet, +sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, sie +sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch den Zug +des Herzens ganz die Meinigen geworden. + +H. Clauren. + + + + * * * * * * * * * * * + + + +KONTROVERS-PREDIGT + +über + +H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND + +gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827 + +von + +WILHELM HAUFF + + + + +Text: Ev. Matth. VIII, 31-32 + + + +Allen Verehrern + +der + +CLAURENSCHEN MUSE + +widmet diese Blätter + +in bekannter Hochachtung + + DER VERFASSER + + + + +EHRWÜRDIGE VERSAMMLUNG, ANDÄCHTIGE ZUHÖRER! + +Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte, +verschmäheten es nicht, auch häusliche, bürgerliche Angelegenheiten der +Gemeinde zu Gegenständen ihrer Betrachtungen zu machen. Es läßt sich zwar +mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, daß sie belletristische Gegenstände +nicht berührt haben, daß sie literarische Streitigkeiten nicht, wie man zu +sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten Wichtigeres zu tun; +nichtsdestoweniger aber geschah dies einige Jahrhunderte später, und man +trifft in den Kirchenvätern nicht undeutliche Spuren, daß sie über +allerhand literarische Subtilitäten, sogar über die Tendenz und den Stil +ihrer Gegner auf dem kirchlichen Rednerstuhl gesprochen haben. + +Berühmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel über das +Theater gepredigt oder über das Tanzen am Sonntag oder über das Singen +unzüchtiger Lieder, andere wieder über das Spielen, namentlich das +Kartenspielen, und einen habe ich gehört, der in einer Vesperpredigt das +Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, daß es ein Heide erfunden. + +Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde +darzutun, welchen Irrtümern sie sich hingebe, welche bösen Gewohnheiten +unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer +solchen Aufdeckung von Irrtümern und böslichen Gewohnheiten bis ins +einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge +fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt, +so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit +einander eine Betrachtung anstellen über: + +DEN MANN IM MOND + +von + +H. Clauren; + +und zwar betrachten wir: + +I. +Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf dieser +Welt? + +II. +Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser Welt? + + + + +I. + +_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor +einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer +Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit +jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat, +die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer +Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen, +die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto +weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche +Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums +schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und +sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich +höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese +Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu +hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack +zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und +Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler +geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und +Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er +ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke +anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben +ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn +ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen. + +Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und +schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten +würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er +nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei +dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache +anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse +Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen +Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber +gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr +Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt, +ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das +Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen +Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja +nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern" +und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies +sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die +Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht. + +Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor +allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen +Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich +weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den +Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er +bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr +Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich +weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres +von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne +Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und +das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr +ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite +geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch +einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten; +ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber +nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen +Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_ + +Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte, +Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von +Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige +Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter +Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn +Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für +sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen +wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe +nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch +losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus +eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen +seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener +erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann, +--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war +euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es +über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man +euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr +konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm. + +Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine +Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu +erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in +diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes +Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten +Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem +die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die +Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark +anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen +als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen, +wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne +schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie +darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen +Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele +unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme +Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume +hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die +euch entzückte! + +Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau +zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes +um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal +dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als +die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß +wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben +Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele +anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu +was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder +Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser, +viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für +welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch +einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh; +das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit +schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg +mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des +Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper +genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des +Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und +so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt +ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen +Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges +könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, +die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht, +in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und +dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger +Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens +etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist +nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich +abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst +einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, +der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur +kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr +eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich. + +Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das +_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein +Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem +süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer +und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich +habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in +ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach. +Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig +geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe +an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die +Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so +denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade +so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von +welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr +keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie +den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein +Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, +je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto, +rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost +_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg +ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den +Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten +Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet +nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene +Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit +einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende +Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es. + +Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das +_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die +Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die +Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch +einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst +du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die +er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die +eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten +die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und +wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich, +daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre. +Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine. + +Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein +Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß +sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um +sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß +jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen, +daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche +Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges +Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die +körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem +Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen +Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus +Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung +schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur +eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen +Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern +spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige +Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des +Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen, +wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief +erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn +schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern +geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen +Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere +als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist! + +Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der +Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr +Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit +dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur +Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine +Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier +Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili +fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt +gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht +grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht +haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine +zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so +unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades +Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von +tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte, +Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame +des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die +nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally, +Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe +sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem +geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_. + +Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das +Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit +schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_" +Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt +und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben. +Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher +Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns +in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch +hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete +Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu +Gevatter stehen mußte. + +Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die +er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es +Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer +lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die +glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die +von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber +nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen +Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen +beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen +Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide +sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern +oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von +Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz +puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und +das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen +Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee +gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses +Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O +sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen, +ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb +zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer +Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im +Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr +leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das +ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches, +Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns +beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren! + +Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er +alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im +Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei +Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe +Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis +zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den +Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt +sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll +Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst +darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball +"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand, +treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines +Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines +Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche +Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können! + +Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen +ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das +Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht +sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an +Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der +Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die +Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen +Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs +Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die +Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet, +daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß. +Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten +gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein +solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie +von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers +oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er +ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten +Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht. + +Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von +herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und +dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte. + +Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten +für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten, +die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln. + +Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen +beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier +dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche +Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz +recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein +Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt. +Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der +aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt +den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber +und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend. +Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich, +und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem +Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs +hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt, +errötend nahte, hat er die Türe verschlossen. + +Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große +Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten +Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie? +Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich +mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte, +erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die +sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den +Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand! + +Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast +der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine +reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder, +reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an +sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge +dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und +siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und +rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva +licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte +sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines +Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt? + +Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken, +die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages +auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit +vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen +kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann +nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame +gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit +_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte, +das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum +mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem +belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_ +verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin! +Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur +selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur, +er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!! + +Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen, +wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen. +Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter +Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte, +verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für +ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen +läßt! + +In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer +gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald +wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette +gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst, +zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und +möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein +Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch +alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die +Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für +Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten +für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und +alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind, +um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen! + +Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen +kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins! +Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht +verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist +diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer +so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur +gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht +besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer +wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust, +fünfhundert Stück zum ersten Anfang? + +Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem +Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr +haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese +Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet +euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache +Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann +man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund, +wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit +zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in +den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?" + +"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort. + +"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen +Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben." + +"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger, +sondern der Berliner, H. Clauren--" + +"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?" + +"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das +Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich +gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause +weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in +diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre +von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und +ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt, +Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem +Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne, +Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem +an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an +den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im +'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir +nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit +schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere +Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche +ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen, +an--" + +"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber +könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum +mindesten mehr Abwechslung." + +"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht +recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird; +aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt. +Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede +Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn +er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei, +oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen! +Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, +und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im +Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter." + +So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches +Traktement der Verdauung wegen zu promenieren. + +Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet +aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht +mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige +Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des +gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja +sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant +nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder +antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige +Tafelseiten aus Clauren vorlesen. + +Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie +verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche +Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_, +wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten +Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom +Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande, +vor Mit- und Nachwelt schänden! + +Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den +man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte; +das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und +Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig, +es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt, +wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in +neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen; +waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus +einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen +Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen, +die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art +höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals; +denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der +Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit +sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet! +König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem +Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit +köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du +redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau +aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie +gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in +Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören +konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht +Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem +sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine +anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten +Vergnügen einer verworfenen Klasse! + +Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das +Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges +Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und +Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen +anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben +weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt +sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu. + +Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber +selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei +ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf +ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen +sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame +Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge +H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der +braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und +werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen, +Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir +sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der +Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet +zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht +weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen, +rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff, +durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von +London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den +unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen. + +Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte +erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt +in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich +von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren +übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen +und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene +lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und +nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser +Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte +den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten +erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem +mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber +offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für +eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen. +Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern +nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten +als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem +unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen. +Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und +siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige, +angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es +mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte +die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun +sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst +einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer +einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen +auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst +seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte +sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den +Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu +tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und +unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch +in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber +stand beinahe allein und zog beschämt von dannen. + +"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl +ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen! + +Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe +wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er +wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und +des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen. + +Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der +Gegenstand der folgenden Fragen. + + + + +II. + +Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der +"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen +er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu, +andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte. + +Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann +angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder +unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das +erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst, +mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen, +seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem +Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine +Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo +die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu +Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine +die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt +bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an +Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen +zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem +Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen, +einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen +Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter, +die nur mit Modeartikeln zu tun haben. + +Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich +nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen +Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie +steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen +Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie +schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei, +wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da +über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch +gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt +seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_, +das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie +in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem +Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man +müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch +ein anderer Grund fände. + +Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so +gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur +Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und +wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für +wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer +Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der +Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine +Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn +lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von +selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter +hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen +Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig +andern? + +So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt, +gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den +Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte +er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen +Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste +Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der +seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau +eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen +Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und +ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht +abzukaufen. + +Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche +Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt +wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder +nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann +höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder +eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der +Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für +Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur +den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum +wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann, +daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie +diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt +und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein +Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu +wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der +Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und +Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist +als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft. + +Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz +dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch +kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf +und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren +Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die +Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer, +die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr, +ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß +jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den +Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich +habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei: +_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und +Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie +hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus +denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn +würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an +diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht +widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_ +"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind +sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren. + +Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von +"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach +allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein +Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit; +alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle +seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen +hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen, +durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_, +alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes +Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so +vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren +auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner +Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den +schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten, +mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen +im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich +sagen, ich habe den Clauren studiert. + +Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie +gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei +Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten +Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann, +unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes, +plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das +Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem +Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß +entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn +beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches +"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler +Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von +Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige +Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit; +7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et +cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen, +und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht +darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man +immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe +mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben +und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz +honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit +wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen +Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war +der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen +Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben +in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in +der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich +oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten +"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer +Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_ +sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--" +(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte, +wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie +glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft +und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich +nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren +"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der +Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen", +"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die +man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und +Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig +_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie +natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen +Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt +war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser, +Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun +ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand"; +es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe +bis in die Brautkammer befördert. + +Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch +zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen, +durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire +sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen +Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt, +daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige, +unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es +gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der +Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden. + +Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von +Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden, +daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche +Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung, +daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und +Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht +doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche +Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen +Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner +Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen. + +Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten +_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er +jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes +_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und +_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen +lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat +Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen +könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters; +natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt, + + "--Federn auf dem Hut + und einen Klunker dran." + +Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich +erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel. + +Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging, +weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch, +dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein +angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des +Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde +"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen, +uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen +zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute +Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er, +was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei +nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem +namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von +seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl +literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen, +begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die +Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu +klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar +Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose +Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man +anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn +rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit +der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn +reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie +ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation +verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten +sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er +geschrieben, weniger schlüpfrig machen? + +Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich +vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens +Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei, +daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten, +H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes +Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht +unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen +acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime +Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch +und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie +täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond", +gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur +Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom +Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die +Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften +sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das +nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik, +in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_, +nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber +versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten, +auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu +verteidigen!--Bedenke: + + "Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte; + Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab." + +Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht +_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der +_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem +Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner +Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht +nach Worten richten. + +Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde +wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen +diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen +der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne +merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren +dasselbe sagen? + +Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den +"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob +und wie es geschehen werde. + +Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis +hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr +wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn +ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte +vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der +Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß +entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre +Klopstocks Messias werden soll? + +Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem +Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die +Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über +seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben, +die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur +verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den +tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen +suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu +verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert. +Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem +heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick +schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit +Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn +nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und +angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen +Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich +geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren, +verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo +nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet? +Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls +Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors +steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn +jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der +Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des +"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten +Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber +sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene +niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch +selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine +Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem +Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen? + +Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine +schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf, +sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten +reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder +Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich +selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot +bespritzen. + +Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in +unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde +jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu +Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean +Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder +Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so +gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler +nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es, +ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer +Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und +interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu +ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein +müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung +der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau, +nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum +können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem +Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten +Viertelstunde anekelt. + +Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere +Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die +ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine +Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei +ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche +Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren +entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung +über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner +Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen +Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz +dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist. + +Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer, +aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein +"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu +übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist +jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr +lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen +Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu +finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden +Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein +Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden? +Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene +obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die +interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was +wird dann übrig sein? + +Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab, +preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die +Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget +Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in +den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen, +und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von +Freund Heun! + +Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das +deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet +euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit +Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden +könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch, +ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit +wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt +habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen +lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine +holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß +ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen. + +Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren +ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den +Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen. + +Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders +konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist +vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt; +meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man +in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt. + +Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham +aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist, +wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe +ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen +noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und +sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND*** + + +******* This file should be named 13451-8.txt or 13451-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/3/4/5/13451 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/13451-8.zip b/old/13451-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b561ef4 --- /dev/null +++ b/old/13451-8.zip diff --git a/old/13451.txt b/old/13451.txt new file mode 100644 index 0000000..bbc9bd5 --- /dev/null +++ b/old/13451.txt @@ -0,0 +1,9474 @@ +The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Mond, by Wilhelm Hauff + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Der Mann im Mond + +Author: Wilhelm Hauff + +Release Date: September 13, 2004 [eBook #13451] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-646-US (US-ASCII) + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND*** + + +E-text prepared by Delphine Lettau, Jan Coburn, Charles Franks, and the +Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team + + + +DER MANN IM MOND + +oder Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme + +Nebst der Kontrovers-Predigt ueber H. Clauren und den Mann im Mond + +von WILHELM HAUFF + + + + + + + +INHALT. + + +ERSTER TEIL. + +Der Ball +Ida +Schoene Augen +Der Fremde +Die Kirche +Das Souper +Das Urteil der Welt +Der Kotillon +Die Beichte +Das Dejeuner +Der Brief +Operationsplan +Die Mondwirtin +Der polnische Gardist +Der Hofrat auf der Lauer +Der selige Graf +Gute Nachricht +Der lange Tag +Der Tee +Das Staendchen +Die Freilinger +Feindliche Minen +Geheime Liebe +Emils Kummer +Der selige Berner +Entdeckung + + +ZWEITER TEIL. + +Die Heilung +Neue Entdeckung +Das _Tete-a-tete_ +Das Unkraut im Weizen +Das Unkraut waechst +Truebe Augen +Die Graefin agiert +Eifersucht +Der neue Nachbar +Trau--schau--wem? +Der Gram der Liebe +Feine Nasen +Der Herr Inkognito +Emil auf der Folter +Der Rittmeister +Unschuld und Mut +Noch einmal zieht er vor des Liebchens Haus +Das Duell +Fingerzeig des Schicksals +Licht in der Finsternis +Reue und Liebe +Versoehnte Liebe +Die Freiwerber +Fortsetzung der Freier +Die Soiree +Die Braut +Praeliminarien +Zuruestungen +Hochzeit +Der Schmaus +Schluss +Nachschrift +Kontrovers-Predigt + + + +ERSTER TEIL. + + + +DER BALL. + +UEber Freilingen lag eine kalte, stuermische Novembernacht; der Wind +rumorte durch die Strassen, als sei er allein hier Herr und Meister +und eine loebliche Polizeiinspektion habe nichts ueber den Strassenlaerm +zu sagen. Dicke Tropfen schlugen an die Jalousien und mahnten die +Freilinger, hinter den warmen Ofen sich zu setzen waehrend des +Hoellenwetters, das draussen umzog. Nichtsdestoweniger war es sehr +lebhaft auf den Strassen; Wagen von allen Ecken und Enden der Stadt +rollten dem Marktplatz zu, aus welchem das Museum, von oben bis unten +erleuchtet, sich ausdehnte. + +Es war Ball dort, als am Namensfest des Koenigs, das die Freilinger, +wie sie sagten, aus purer Gewissenhaftigkeit nie ungefeiert +vorbeiliessen. Morgens waren die Milizen ausgerueckt, hatten praechtige +Kirchenparade gehalten und kuemmerten sich in ihrem Patriotismus wenig +darum, dass die Dragoner, welche als Garnison hier lagen, sie laut +genug bekrittelten. Mittags war herrliches Diner gewesen, an welchem +jedoch nur die Herren Anteil genommen und solange getrunken und +getollt hatten, bis sie kaum mehr mit dem Umkleiden zum Ball fertig +geworden waren. + +Auf Schlag sieben Uhr aber war der Ball bestellt, dem die Freilinger +Schoenen und Nichtschoenen schon seit sechs Wochen entgegengeseufzt +hatten. Schoen konnte er diesmal werden, dieser Ball; hatte ihn doch +Hofrat Berner arrangiert, und das musste man ihm lassen, so viele +Eigenheiten er sonst auch haben mochte: einen guten Ball zu +veranstalten, verstand er aus dem Fundament. + +Die Wagen hatten nach und nach alle ihre koestlichen Waren entladen; +die Damen hatten sich aus den neidischen Huellen der Pelzmaentel und +Schals herausgeschaelt und sassen jetzt in langen Reihen, alle in +unchristlichem Wichs, an den Waenden hinauf. Es war der erste Ball in +dieser Saison. Der Landadel hatte sich in die Stadt gezogen, Kranke +und Gesunde waren aus den Baedern zurueckgekehrt; es liess sich also +erwarten, dass das Neueste, was man ueberall an Haarputz und Kleidern +bemerkt und in feinem, aufmerksamem Herzen bewahrt hatte, an diesem +Abend zur Schau gestellt werden wuerde. Daher fuellte die erste halbe +Stunde eine Musterung der Coiffueren und Girlanden, und das Bebbern +und Wispern der rastlos gehenden Maeulchen schnurrte betaeubend durch +den Saal. Endlich aber hatte man sich satt geaergert und bewundert und +fragte ueberall, warum der Hofrat Berner das Zeichen zum Anfang noch +nicht geben wolle. + +Das hatte aber seine ganz eigenen Gruende; man sah ihm wohl die Unruhe +an; aber niemand wusste, warum er, ganz gegen seine Gewohnheit, +unruhig hin- und herlaufe, bald hinaus auf die Treppe, bald herein +ans Fenster renne. Sonst war er Punkt fuenf Uhr mit seinem Arrangement +fertig gewesen und hatte dann ruhig und besonnen den Ball eroeffnet; +aber heute schien ein sonderbarer Zappel das freundliche Maennchen +ueberfallen zu haben. + +Nur _er_ wusste, warum alles warten musste; keinem Menschen, +soviel man ihn auch mit Schmeichelwoertchen und schoenen Redensarten +bombardierte, vertraute er ein Sterbenswoertchen davon; er laechelte +nur still und geheimnisvoll vor sich hin und liess nur hie und da ein +"werdet schon sehen"--"man kann nicht wissen, was kommt" fallen. + +Wir wissen es uebrigens und koennen reinen Wein darueber einschaenken: +Praesidents Ida war vor wenigen Stunden aus der Pension zurueckgekommen; +er, der alte Hausfreund, war zufaellig dort, als sie ankam; er hatte nicht +eher geruht, bis sie versprochen hatte, das ganze Haus in Alarm zu +setzen, das Blondenkleid, in welchem sie bei Hofe war praesentiert +worden, ausbuegeln zu lassen und auf den Ball zu kommen. Wie spitzte +er sich auf die langen Gesichter der Damen, auf die freundlichen Blicke +der Herren, wenn er die wunderschoene Dame in den Saal fuehren wuerde; +denn _kennen_ konnte sie im ersten Augenblicke _niemand_. + +Wo hatte nur das Maedchen die Zeit hergenommen, so recht eigentlich +bildhuebsch zu werden? Als sie vor drei Jahren abreiste, wie +besorglich schaute da der gute Hofrat dem Wagen nach! Er hatte sie +auf dem Arm gehabt, als sie kaum geboren war; bis zu ihrem +vierzehnten Jahre hatte er sie alle Tage gesehen, hatte sie frueher +auf dem Knie reiten lassen, hatte sie nachher, trotz dem Schmollen +der Praesidentin, zu allen tollen Streichen angefuehrt. Er liebte sie +wie sein eigenes Kind; aber er musste sich vor drei Jahren doch +gestehen, dass ihm angst und bange sei, was aus dem wilden Ding werden +solle, das man da in die Residenz fuehre, um sie menschlich zu machen. + +Denn wollte man ein Maedchen sehen, das zur Jungfrau und fuers Haus +voellig verdorben schien, so war es Praesidents Wildfang; einen solchen +Unband traf man auf zwanzig Meilen nicht. Kein Graben war ihr zu +breit, kein Baum zu hoch, kein Zaun zu spitzig; sie sprang, sie +klimmte, sie schleuderte trotz dem wildesten Jungen; hatte sie doch +selbst einmal heimlich ihren Damensattel auf den wilden Renner ihres +Bruders, des Leutnants, gebunden und war durch die Stadt gejagt, als +sollte sie Feuer reiten! Dabei war sie mager und unscheinbar, scheute +vor jeder weiblichen Arbeit, und der einzige Trost der gnaedigen Mama +war, dass sie Franzoesisch plappere wie ein Staerchen und dass, trotz +ihrem Umherrennen in der Maerzsonne, ihr Teint dennoch trefflich +erhalten sei. + +Aber jetzt--! + +Nein, was war mit diesem Maedchen in den kurzen drei Jahren eine +Veraenderung vorgegangen! Wenigstens um einen Kopf war sie gewachsen, +alles an ihr hatte eine Rundung, eine zarte Fuelle bekommen, die man +sonst nicht fuer moeglich gehalten haette; das Haar, das sonst, wie oft +man es auch kaemmte und an den Kopf hinsalbte, der wilden Hummel in +unordentlichen Straengen und Locken um den Kopf flog, war jetzt der +herrlichste Kopfputz, den man sich denken konnte. Die Augen waren +glaenzender, und doch fuhren sie nicht, wie ehemals, wie ein +Feuerraedchen umher, alles anzuzuenden drohend. Die Wangen bedeckte ein +feines Rot, das bei jedem Atemzug in alle Schattierungen von zartem +Rosa bis ins Purpurrot wechselte; das liebe Gesichtchen war oval und +hatte eine Wuerde bekommen, ueber die der staunende Hofrat laecheln +musste, so sehr er sie bewunderte. + +Dieses Goetterkind, diesen Ausbund von Liebenswuerdigkeit, erwartete +der Hofrat; dem guten alten Junggesellen pochte das Herz beinahe +hoerbar, wenn er an sein Gold-Idchen dachte. Wie musste sie erst im +Ballkleide aussehen, wenn sie ihn in dem Reiseueberroeckchen und in der +Haube _a la jolie femme_ beinahe naerrisch machte; wie musste +sie erst strahlen, wenn sie, wie sie ihm versprochen, die Haare nach +dem allernagelfunkelneuesten Geschmack, die schoene Stirne und +den schlanken Hals, die wie aus Wachs geformten Partien, welche +die handbreiten Bruesseler Kanten umziehen sollten, mit dem +Amethystschmuck schmueckte, den sie von ihrer Pate, der Fuerstin +Romanow, geschenkt bekommen hatte. Ihm, ihm hatte sie mit all jener +Herzlichkeit, mit der sie frueher versprochen, einen Spaziergang mit +ihm zu machen oder ihn, den Einsamen, zu besuchen, wenn er krank war, +jetzt als Koenigin des Festes die erste Polonaese zugesagt.-- + +Immer verdriesslicher wurden die Damen, immer ungestuemer mahnten die +Herren den alten _Maitre de plaisir_; schon seit einer halben +Stunde stimmten die Musikanten, dass man vor dem Quieken der +Klarinette, vor dem Brummen der Baesse sein eigenes Wort nicht hoerte, +--er gab nicht nach. Da rasselte ein Wagen ueber den Marktplatz her und +hielt vor dem Fluegeltor des Museums. + +"Das sind sie," murmelte der Hofrat und stuerzte zum Saal hinaus; bald +darauf oeffneten sich die Fluegeltueren, und der kleine freundliche Alte +schritt am Arm einer jungen Dame in den Saal. + + * * * * * + + + + +IDA. + +Aller Augen waffneten sich mit Lorgnetten und Brillen. Wer konnte das +wunderschoene Maedchen sein, so hoch und schlank mit dem koeniglichen +Anstand, mit dem siegenden Blicke, mit der kraeftigen Frische des +jugendlichen Koerpers? Sie nickte so bekannt nach allen Seiten, als +kaeme sie alle Tage auf Freilinger Baelle und Assembleen; und doch +kannte sie niemand. Doch ja! Da kommt ja auch der alte Praesident, +wahrhaftig! Es kann niemand anders sein als Praesidents Ida! + +Aber wie herrlich war dieses Knoespchen aufgegangen! "Welcher +Anstand!" bemerkten die Herren. "Welche Figur! Welcher Nacken! +Wahrhaftig, man moechte ein Mueckchen oder noch etwas Wenigeres sein, +nur um darauf spazieren zu gehen." "Welcher Schmuck, welche Spitzen, +welche Stickerei an dem Kleid!" bemerkten die Damen und wuenschten +sich weit weg; denn wie sollten sie ihre Faehnchen, die sie doch ihr +gutes Geld gekostet, ihre Blumen, die sie selbst gemacht und fuer +wundervoll gehalten hatten, neben diesen italienischen Rosen und +Astern, die eben erst aus den Gaerten der Hesperiden gepflueckt zu sein +schienen, neben diesen Kanten sehen lassen, von welchen die Elle +vielleicht mehr wert war als eines ihrer Ballkleider, nebst +Schneiderskonto und Fasson! Nein, Berner, der arge Berner, haette +ihnen keinen schlimmern Streich spielen koennen, als diese Ida gerade +heute einzufuehren. Aber man musste sich Gewalt antun; der Praesident +machte das erste Haus in der Stadt, war der gewaltige Herrscher der +Provinz, eine glaenzende Aussicht auf _Thes dansants_, Soupers, +Hausbaelle und dergleichen eroeffnete sich vor den schnell berechnenden +Blicken der Damen; wehe _der_, die dann nicht mit Ida bekannt +war oder sie sogar kalt empfangen hatte! Man wusste, dass dies der Herr +Papa Praesident nie verzeihen wuerde; man nahm sich zusammen, und in +kurzem war die Gefeierte von allen jungen und alten Damen umringt, +welche Glueck wuenschten, alte Bekanntschaft erneuerten und nebenbei +dies und jenes von dem hoffaehigen Anzug spickten. Alle redeten zumal, +keine wurde verstanden, und die Herren fluchten und schimpften ein +Donnerwetter ueber das andere, dass sich eine so dichte Wolke vor diese +kaum aufgegangene Sonne gedraengt und sie ihrem Anblick entzogen habe. + +Jetzt zog Hofrat Berner das weisse Sacktuch, schwenkte es in der Luft +und gab dem Kapellmeister und Stabstrompeter der Dragoner das +Zeichen, und eine herrliche Polonaese begann. Im Nu stoben die +Glueckwuenschenden auseinander und machten Raum fuer die Assessoren, +Leutnants, Sekretaere, jungen Kaufherren, Jagdjunker, die +gluecklicherweise noch nicht versagt waren und sich jetzt um einen +Walzer, eine Ekossaese oder gar den Kotillon mit Ida die Haelse brechen +wollten. Sie aber lachte, dass die Schneeperlen der Zaehne durch die +Purpurlippen heraussahen, behauptete, sich immer nur auf eine Tour zu +versagen, huepfte dem Hofrat entgegen und reichte ihm die kleine Hand. + +Selig, geruehrt, begeistert stellte er sich mit seinem holden +Engelskinde an die Spitze der Kolonne und marschierte unter den +mutigen, lockenden Toenen der Polonaese stolzen Schrittes gegen das +wohlunterhaltene feindliche Tirailleurfeuer, das von vorn, von den +Flanken, ueberallher aus den Muendungen der Lorgnetten auf seine +Taenzerin spruehte. Aber diese,--war sie kurzsichtig, hatte sie statt +des Korsettchens einen Kuerassierpanzer von feinstem Stahl mit der +Musketenprobe um das Herzchen, oder war sie das Feuer so gewohnt wie +die alte Garde, die, Gewehr im Arm, im Paradeschritt durch das +Kartaetschenfeuer marschierte? Ich weiss nicht; aber sie schien gar +nicht auf die schrecklichen Ausbrueche der gebrochenen Herzen, auf die +Knallseufzer der Verwundeten zu hoeren; das Plappermaeulchen ging so +ruhig fort, als ginge sie, drei Jahre juenger, mit dem guten +Hofraetchen im Wald spazieren. + +Da kamen alle die Streiche, die der leichte Springinsfeld +losgelassen, alle jene tausend Suiten des kleinen Uebermuts aufs +Tapet. Lust und Lachen blitzte wie ehemals aus ihrem Auge, wenn sie +sich erinnerte, wie sie einem Spanferkel Kindszeug angezogen und es +dem Hofrat als Findling vor die Tuere gelegt, wie sie dem Oberpfarrer +die Waden voll Stecknadeln gesetzt, dass sie aussahen wie der Ruecken +eines Stachelschweines, alles, ohne dass er es merkte; denn er trug +_falsche_. Der Hofrat wollte seinen Ohren nicht trauen. Es war +ja dasselbe lustige, naive Ding wie frueher und doch so wunderherrlich, +so gross, mit so unendlich viel Anstand und Wuerde! Er haette sie auf +der Stelle am Kopf nehmen und recht abkuessen moegen wie frueher, +wenn sie einen rechten Ausbund von Schelmenstreich gemacht hatte. + +Es ging ueber seine Begriffe! "Wie koennen Sie nur so hartherzig sein, +Idchen," sagte er, "und nicht einen Blick auf unsere jungen Herren +werfen, die zerschmelzen wie Wachs am Feuer? Nicht einmal einen Blick +fuer alle diese Exklamationen und Beteuerungen, welche Sie doch gehoert +haben muessen?" + +"Was gehen mich Ihre jungen Herren an?" plapperte sie mit der groessten +Ruhe fort. "Die sind hier wie ueberall, unverschaemt wie die +Fleischmuecken im Sommer. Das koennte kein Pferd aushalten, wollte man +darauf achten. Sie pfeifen in der Residenz ebenso, das wird man +gewohnt; so von Anfang macht es ein wenig eitel. Wenn man aber sieht, +wie sie dieser und jener dasselbe zufluestern, vor der Ursel ebenso +wie vor der Baerbel sterben moechten, so weiss man schon, was solche +schnackische Redensarten zu bedeuten haben." + +Die muss eine gute Schule durchgemacht haben, dachte der Hofrat. +Siebzehn Jahre alt und spricht so mir nichts dir nichts von der +Farbe, als waere sie seit zwanzig Jahren in den Salons von Paris und +London umhergefahren! Er aergerte sich halb und halb ueber Mamsell +Neunmalklug und Uebergescheit; denn es waren just keine unebenen +jungen Maenner, die ihre Seufzer so hageldick losgelassen hatten, und +ihn, der in seiner Jugend wohl so zwanzig Amouren und Amuerchen gehabt +hatte, konnte nichts mehr aergern als ein fuehlloses Herz. + +Aber dieser Aerger konnte bei seinem Idchen nicht in ihm aufsteigen. +Wenn er in ihr volles, gluehendes Auge sah, wenn er den suessgewoelbten +Mund betrachtete, da dachte er: Nein, dir traue dieser und jener, +aber ich nicht! Weiss ich doch von frueher her, wie du gerne Flausen +machst und dem guten, ehrlichen Berner gerne ein X fuer ein U +unterschiebst. Jetzt willst du dein Schach verdeckt spielen und mir +irgendeinen blauen Dunst vorschwefeln, und das Herzchen ist am Ende +doch in der Residenz geblieben, und Fraeulein Stahlherz ist nur darum +so sproede gegen die Freilinger Stadtkinder. Aber basta! der Hofrat +Berner hat auch gelebt und geliebt und wettet seinen Kopf: dieses +Auge weiss, was Liebe ist, diese frischen Purpurlippen haben schon +gekuesst, aber anders als nur solche Hofratskuesse! + +Der gute Alte aeusserte etwas von diesen Gedanken gegen Ida; sie aber +sah ihm ganz ruhig ins Gesicht und versicherte laechelnd: gefallen +habe ihr schon mancher, geliebt habe sie aber bis diese Stunde noch +keinen Mann als ihren Vater und ihn. + + * * * * * + + + + +SCHOENE AUGEN. + +"Aber sagen Sie, Idchen," fragte der Hofrat, als er sie wieder an +ihren Platz gefuehrt hatte, "ist das etwa ein Cousin oder dergleichen, +der da mit Ihnen kam?" + +"Ich kam mit Papa," antwortete die Gefragte, "und sonst war niemand +dabei. Wen meinen Sie denn?" + +"Nun, der Bleiche dort kam ja doch wohl mit Ihnen; es kennt ihn +niemand im Saal, und mit Ihnen trat er herein, sonst muesste er ja--Sie +wissen, dass das Museum geschlossene Gesellschaft ist--sonst muesste er +ja eingefuehrt sein. Sehen Sie, der dort!" Er zeigte hin. An eine +Saeule gelehnt, stand unbeweglich mit uebergeschlagenen Armen eine +schlanke Gestalt. Noch konnte Ida das Gesicht nicht sehen, nur die +glaenzenden schwarzen Locken des Haares fielen ihr auf; sie wollte +sich eben besinnen, wo sie schon solche gesehen habe, da wandte jener +sich um, und unwillkuerlich schrak Ida zusammen. Gespensterhafte +Blaesse lag auf diesem feinen, schoenen Gesicht, geheimer Gram oder +verschlossenes Kaempfen mit finsterem Leiden schien das muntere, +jugendliche Leben aus diesen tiefen, im schoensten Ebenmass geformten +Zuegen hinweggewischt zu haben, und ein gemischtes Gefuehl draengte sich +bei seinem Anblick auf, neugieriges Mitleid schien sich mit +zweifelhafter Furcht streiten zu wollen. + +Kaum hatte des Fremden gluehendschwarzes Auge Ida getroffen, als sie +ihren Blick abwandte. Ueberraschung und Verlegenheit machten sie stumm +auf einige Augenblicke; von dem Diadem auf der schoenen Stirne, ueber +den Liliensamt der bluehenden Wange bis herab auf den jungfraeulichen +Alabasterbusen flog ein brennendes Rot, das der Hofrat nicht +unbemerkt liess. Er wollte sie eben mit dem pfiffigsten Gesicht nach +der Ursache ihres Rotwerdens fragen; aber eine Unzahl Herren draengte +sich zu, um sie um einen Tanz zu bitten; Vettern und Basen freuten +sich, sie wiederzusehen, und gafften das Wunderkind an. Der Hofrat +aber, welchem daran lag, die Spur, die er aufgefunden zu haben +meinte, zu verfolgen, machte seine Bewegungen wie ein geuebter +Feldherr; er fragte sie so laut als moeglich, ob es ihr jetzt, wie sie +gewuenscht, gefaellig sei, zu ihrem Herrn Vater zu gehen, der im +dritten Zimmer sich zu einem Whistchen gesetzt habe, und +Pfiffkoepfchen verstand gleich, wo der gute Alte hinaus wollte; sie +beurlaubte sich also mit grosser Hast von dem ungeheuern +Kometenschweif, in welchem sie als Kern gesessen, und ging mit Berner +durch den Saal. + +Und jetzt nahm sie Berner ins Gebet; zuerst setzte er die +Daumenschrauben des Spottes an, dann untersuchte er die vermeintliche +Herzenswunde seines Gold-Idchens mit der langen Sonde des vaeterlichen +Ernstes, indem er ihr vorwarf, sehr unklug getan zu haben, ihre +Residenzliebhaber mit nach Freilingen zu nehmen. Sie aber lachte dem +Ratgeber, welcher meinte, seine Sache recht gut gemacht und sie ganz +im Netz zu haben, ins Gesicht und witschte ihm aus. + +"Sie geben sich vergeblich Muehe, Hofraetchen," kicherte das lose Ding, +"ganz vergebliche Muehe; ich habe diesen Menschen in meinem ganzen +Leben, auf Ehre, noch nie gesprochen; doch gesehen"--setzte sie +ernster werdend hinzu--"gesehen habe ich ihn, und deswegen kam ich +auch vorhin etwas in Verlegenheit." + +"Was da! Zwischen sehen und sehen ist ein grosser Unterschied", +antwortete Berner mit einem voellig unglaeubigen Kopfschuetteln. "Da +muessen Sie ihm doch ein wenig gar scharf in die Augen gesehen haben?" + +"So hoeren Sie mich doch, Sie boeser Mann!" unterbrach ihn Ida. "Wer +wird denn auch gleich auf den Schein hin verdammen? Ich sage noch +einmal, ich weiss nicht, wer er ist; aber das innigste Mitleid habe +ich mit ihm. Als wir gestern durch den Lanzinger Wald kamen, fuhren +wir einer Equipage vor, die ganz langsam im Schritt hinging. Es war +ein prachtvoller Landau mit einem grossen Bock, worauf ein alter +Diener in reicher Livree sass; am Wagen zogen vier Postpferde; das +Dach war zurueckgeschlagen, und es sass niemand darin als ein grosser +Hund. Sie wissen, wie man auf der Reise ist, man interessiert sich um +die Mitreisenden, besonders wenn man glaubt, auf einerlei Station mit +ihnen zu wohnen oder zu speisen. So dachte ich mir jetzt, die +Reisenden, denen der Wagen gehoert, seien vorausgegangen und lassen +ihn langsam nachfahren. Ich sah daher alle Augenblicke aus unserem +Wagen, ob ich noch keine reisenden Englaenderinnen oder Franzoesinnen +gewahr werden koennte; aber immer vergebens. Endlich, als wir um eine +Waldecke bogen, sah ich auf einmal einen Mann, der unter einer Eiche +sass und zu dem Wagen gehoeren musste." + +"Und war es derselbe, der dort an der Saeule steht?" fragte der +Hofrat. + +"Derselbe; er war auch ganz schwarz gekleidet wie jetzt, sein Hut lag +neben ihm im Gras, seinen Kopf stuetzte er in die hohle Hand. Das +Geraeusch unseres Wagens, der jetzt, weil es bergauf ging, auch +langsam fuhr, schien ihn aufzuschrecken; ohne aufzusehen, ging er mit +gesenktem Haupt bis an unsere Wagentuere. Da richtete er sich auf, und +Sie koennen sich meinen Schrecken denken, Hofrat, als ich das naemliche +geisterbleiche Gesicht sah, das auch Ihnen aufgefallen ist. Er musste +heftig geweint haben; denn Traenen hingen in den langen schwarzen +Wimpern und gaben dem gluehendschwarzen, sinnigen Auge einen ganz +eigenen Reiz." + +"So, so? Einen ganz eigenen Reiz!" antwortete laechelnd der Hofrat. +"Wer hat denn meinem Maedchen erlaubt, ueber Maenneraugen Betrachtungen +anzustellen? Hat sie das auch bei Madame La Truiaire in der Residenz +gelernt?" + +Das lustige Amorettenkoepfchen, das sich da, es wusste nicht wie, +verbebbert hatte, schlug die Augen nieder und sagte: "Legen Sie nicht +alles so boes aus, Bernerchen! Sie verstanden ja doch sonst Ihre Ida +nicht immer falsch. + +"Sehen Sie, was die Augen betrifft, da habe ich nun einmal meinen +eigenen Geschmack. Schoene blaue oder schwarze Augen, mitunter auch +recht glaenzendbraune, sehe ich an jedermann gern. Daher sind mir auch +alle jungen Herren so zuwider, weil sie selten schoene Augen haben; +sie haben ihnen durch die Lorgnetten, Brillen und Gott weiss, durch +was sonst, den schoensten Glanz benommen und stieren uns an wie +gestochene Boecke; desto mehr freue ich mich, wenn ich einmal eine +solche Ausnahme treffe. Eine ganz eigene Freude macht mir auch das +Aufschlagen der Augen, das man unter Tausenden kaum einmal so recht +anmutig, sinnig und wie man es gern haben moechte, trifft. Beides sah +ich nun an dem Fremden; darum hat er mir auch so ge--" + +Da hatte sich das schnelle Schnaebelchen schon wieder verplappert! Der +Hofrat horchte noch immer; aber Idchen blieb still, biss die Lippen +zusammen und spielte mit dem Amethystkreuz am Kollier, das unter dem +Tanzen sich zwischen den Schneehuegeln hinabgeschoben hatte und ganz +gluehend heiss geworden war. + +"Ei, ei!" warnte der Hofrat, "ich habe da in zwei Minuten Dinge +gehoert, wovor einem die Haut schaudern koennte; nimm dich um Gottes +willen in acht, Kind, wenn du deine Augenbeobachtungen anstellst! Ich +weiss es aus meiner Jugend, dass in gewissen Augen Haekchen sitzen, die +uns, wenn man allzu tief schaut, festhalten, dass an kein Entrinnen zu +denken ist. Hast du nie etwas von der Augensprache gehoert?" + +"Doch," entgegnete der kleine Uebermut; "ich glaube sie auch zur Not +zu verstehen."-- + +"Ist gar nicht vonnoeten; man spricht sie zwar vom Rhein bis zum +Mississippi, vom Don bis zum Ohio; lerne aber nie mehr als etwas +kauderwelsch parlieren! Denn wer sich so gar gelaeufig ausdrueckt und +mit zwanzig zumal in dieser Sprache spricht, gilt nicht mit Unrecht +fuer eine Erzgeneralkokette." + +"Nun, fuer eine solche werden Sie mich doch nicht halten?" sagte Ida +etwas empfindlich. + +"Dazu kenne ich mein suesses Maedchen zu gut," entgegnete der Hofrat +traulich und drueckte ihr das weiche Samthaendchen; "was aber den +bleichen Patron dort drueben betrifft, so kann er ueber allerlei +geweint haben; er kann zum Beispiel seine Mutter, seine Schwester +oder gar sein Maedchen verloren haben." + +"Mei--nen Sie?" antwortete Ida gedehnt und unmutig. "Doch nein, da +wuerde er ja nicht auf den Ball gehen," setzte sie freudig hinzu; "da +wuerde er zu Haus trauern und nicht die Freude aufsuchen." + +"Oder," fuhr jener fort, "es gingen ihm vielleicht seine Wechsel aus, +und er hat im Augenblick kein Geld, um seine Reise weiter +fortzusetzen." + +"Nicht doch," fiel sie ein, "wie moegen Sie nur diesem interessanten +Gesicht einen so gemeinen Kummer andichten. Sieht er nicht nobler aus +als alle unsere Assessoren, Leutnants und so weiter zusammen? Und er +sollte mit vier Postpferden in einem herrlichen Landau fahren und +weinen, weil er kein Geld hat? Pfui!" + +"Ei, wie sich der kleine Advokat vereifert und verdisputiert! Das +Maeulchen geht ja, als sollte es einen Prozess vor den Assisen fuehren! +UEbrigens wollen wir bald sehen, wer der Patron ist; habe ich doch den +Ball arrangiert und daher auch das Recht, Fremden, die sich +eindraengen, auf den Zahn zu fuehlen." + +"Nun ja, tun Sie das, liebes Hofraetchen; aber ja recht artig und +delikat," setzte das erroetende Maedchen mit den suessesten +Schmeichelworten hinzu; "wer so tiefen Kummer hat, wie jener zu haben +scheint, muss unter Fremden wie unter Freunden zart behandelt werden!" + + * * * * * + + + + +DER FREMDE. + +Unterdessen hatten sich mehrere Herren an Berner gewendet, um zu +erfahren, wer der Fremde sei; allen war es aufgefallen, wie er schon +seit einer Stunde sich nicht vom Platz bewegte und, an seine Saeule +gelehnt, so wenig Interesse an dem glaenzenden Ball zu nehmen schien. +Der Hofrat ging zu ihm hin und kehrte bald zurueck. "Wer ist es? Wie +heisst er?" fragten zehn, zwanzig zumal. "Was hat er gesprochen?" + +"Nichts hat er gesprochen," antwortete Berner, "sondern mir nur diese +Karte gegeben." + +Die Karte ging jetzt von Hand zu Hand, es war aber nichts darauf zu +sehen als ein schoen gestochenes Wappen und der Name Emile, Comte de +Martiniz. "Ein Graf also?" Die Neugierde war nur halb gestillt; die +Freilinger, denen die Erscheinung eines fremden Grafen auf ihren +Baellen etwas Seltenes sein mochte, gingen kopfschuettelnd umher; sie +haetten gar zu gerne gewusst, woher er komme, wohin er gehe, warum er +nicht tanze. Man betrachtete das fremde Wundertier von allen Seiten; +doch der Hofrat, der so viel Takt hatte, dass er in des Fremden Seele +fuehlte, wie peinlich eine so kleinliche Neugierde sein muesse, gab das +Zeichen, und die Galoppade, von zwanzig Trompeten vorgetragen, +rauschte durch den Saal hin und rief zum Tanze. + +Walzer um Walzer waren getanzt; noch immer stand die fremde +gebietende Gestalt unbeweglich an die Saeule gelehnt. Es war, als +haette er sich nur in Schwarz und Weiss geteilt und kenne keine andere +Farbe. Sein Haar, sein Auge war so dunkel als das feine glaenzende +Tuch seines Kleides; das blendend bleiche Gesicht, wunderschoene +Waesche, welche durch ihre Weisse, durch ihre zierlichen Faeltchen den +Freilinger Damen schon von weitem Bewunderung einfloesste, +kontraktierten sonderbar mit jener dunkeln Farbe; nur die feinen +Lippen schmueckte ein gesundes, freundliches Rot. Er schien ganz ohne +Teilnahme in das bunte Gewuehl hineinzustarren; aber dennoch begegnete +nicht leicht einer diesem scharfen Blick, ohne das eigne Auge +ueberrascht vor diesem furchtbaren Ernst, dieser spruehenden Glut +niederzuschlagen. + +Wie es aber zu gehen pflegt, die Damen fingen nachgerade an, nicht +viel von dem Fremden zu halten, weil er nicht tanzte, die jungen +Herren machten sich ueber ihn lustig, und beide Teile hatten so viel +an der neuen Erscheinung der wunderlieblichen Ida zu schauen, zu +bekritteln, zu bewundern, dass man bald nicht mehr an jenen dachte. +Nur Idas Blicke streiften oefter nach jener Saeule hinueber; ein Blick +zu ihm schien sie fuer das Geschwaetz der Freilinger Stutzer, die ihr +heute unendlich fade vorkamen, zu entschaedigen. Doch betrachtete sie +ihn immer nur von der Seite; denn wenn Auge auf Auge traf, so trieb +es ihr unwiderstehlich die Glut ins Gesicht, und sie war froh, dass +die Musik so laut war; denn sie meinte in solchen Momenten, man muesse +ihr siedendes, gluehendes Blut an ihr Herzchen pochen hoeren. Waren es +die Traenen, die sie gestern in diesen dunklen Wimpern sah, war es der +wehmuetige Ernst auf seinem Gesicht, was sie so ruehrte? Hatte der +Hofrat recht mit den Haekchen, die in gewissen Augen sitzen, und hatte +sie zu tiefe Beobachtung angestellt und war geangelt worden und gef-- +Nein! laechelte sie schelmisch vor sich hin, gefangen? Da hat es keine +Not! Es ist ja nur das natuerliche Mitleiden, was mich immer nach ihm +hinsehen heisst. + +Elf Uhr war vorueber; es sollte noch eine Ekossaise vor dem Souper +getanzt werden. Stuermisch draengten sich die Herren um das Wunderkind; +aber Trotzkoepfchen Ida blieb fest dabei, diesmal auszusetzen, und +liess die Herren ablaufen. Der Hofrat setzte sich zu ihr, und +unwillkuerlich waren sie wieder mitten im Gespraech ueber den Fremden. + +"Ach, sehen Sie nur," sagte Ida mit der himmlischen Gutmuetigkeit +ihres Engelkoepfchens, "sehen Sie nur, ich meine, er wird zusehends +immer blaesser; wenn er nur nicht krank wird." Der Hofrat fand ihre +Bemerkung richtig, er zeigte ihr aber, wie dieser feste, heldenmaessige +Koerper nicht so leicht von einem Krankheitsanfall gestoert werden +koenne; aber Ida wurde immer unruhiger, sie sah, wie Martiniz die +Lippen zusammenpresste, als wolle er einen Schmerz verbeissen; der +Ernst in seinem Gesicht wurde nach und nach zur Trauer, das +Wehmuetige, der traenenschwere Truebsinn in seinem Auge wurde immer +unverkennbarer. + +"O Gott, sehen Sie ihn nur an, guter Berner, ist mir doch, als sollte +ich zu ihm gehen und fragen: Was fehlt dir, dass du nicht froehlich +bist mit den Froehlichen? Wie gern wollte ich alles tun, dir zu +helfen."-- + +Der Mensch denkt's, Gott lenkt's!!! + +Auch der Hofrat wurde jetzt unruhig; denn mit einem Ruck hatte sich +der bleiche Fremde aufgerafft und stand nun in seiner ganzen Groesse, +in gebietender und doch grazioeser Haltung da; aber sein Auge heftete +sich furchtbar starrend nach der Saaltuere. Berner wollte eben +aufstehen und zu ihm hin-- + +Da oeffnete sich die Tuer, ein alter, reichgekleideter Bedienter, +derselbe, welchen Ida gestern gesehen, trat ein, ging auf den Fremden +zu und neigte sich schweigend vor ihm. Dieser riss eine Uhr heraus, +warf einen Blick auf sie und einen zweiten voll Wehmut auf Ida +herueber und verliess langsamen Schrittes den Saal. + +Ehe noch der Hofrat seiner Nachbarin seine Vermutungen ueber diesen +sonderbaren Abzug mitteilen konnte, war die Ekossaise zu Ende. Der +Praesident kam und fuehrte sein liebes, holdes, wunderherziges +Toechterchen zur Tafel. + + * * * * * + + + + +DIE KIRCHE. + +Der alte Kuester am Muenster zu Freilingen sass in dieser Nacht nach +seiner Gewohnheit noch lange in seinem kleinen Stuebchen; der +Abendsegen war schon vor einer Stunde seiner Ehehaelfte vorgelesen, er +hatte sich jetzt hinter die alte Chronik gesetzt und las mit +brummender Stimme halblaut vor sich hin, wie man den herrlichen, +vierhundert Schuh hohen Muensterturm erbaut und wie solches viel Zeit +und Geld gekostet habe. Eben wollte die Alte den weiss- und +blaugestreiften Umhang der zweischlaefrigen Himmelbettlade +auseinanderschlagen, um ihren Ehezaerter zu ermahnen, sein gewohntes +Lager zu suchen, als man stark an den Fensterladen des niedern +Parterrestuebchens pochte. "Macht auf, Meister Kuester! Seid so gut und +macht auf!" rief eine tiefe, aber bescheidene Stimme draussen. "Wird +wohl ein Bote von einem Kranken sein," naeselte der Kuester, "der die +Sakramente noch will." Er legte die Brille ins Chronikbuch, dass die +Stelle nicht verblaettere; denn er hatte von dem Kalk gelesen, den man +mit Wein angemacht habe, und hatte dabei unmutig an das Duennbier +gedacht, das seine Ursula ihm, einem Nachkommen dieser Weinmaurer, +tagtaeglich vorsetzte. Draussen schob er die maechtigen Schloesser und +Riegel der Haustuer auf, und herein trat ein kleiner aeltlicher Mann in +reichbordiertem Bedientenrock. "Was soll's so spaet?" fragte der +Kuester. + +"Kamerad," antwortete der Bediente, indem er den Kuester aus dem +kalten Hausgang in die waermere Stube hineinzog, "Kamerad, wollt Ihr +mir und noch jemand einen Liebesdienst erweisen?" Zugleich legte er +einen blanken, harten Taler auf den Tisch. + +Der Kuester wog den Taler in der Hand, liess ihn wieder auf den Tisch +fallen, dass es einen wohllautenden Klang gab, und sagte: "Wenn's +nichts gegen Amt und Gewissen ist, warum nicht!" + +"So nehmt Eure Schluessel," fuhr der andere fort, "und schliesst die +Muensterkirche auf!" + +"Jetzt in dieser Stunde?" rief der Alte mit Entsetzen. "Jetzt in +dieser stuermischen Nacht? Geht nicht, Kamerad, so wahr ich--nein, es +geht nicht, mich bringt kein Hund hinueber!" + +"Beileibe," rief die Kuesterin aus dem Bette und riss den Umhang +zurueck, dass man das ganze Paradiesgaertlein ihres gebluemten Bettes +uebersehen konnte, "fuehre uns nicht in Versuchung! Alter, lass dich +nicht betoeren! Wer weiss, was draussen lauert?" + +"Haette nicht geglaubt, dass Ihr, ein so stattlicher Mann, unter dem +Weiberregimente stuendet," sprach der alte Diener. "Glaubt mir, es ist +auch ein Gottesdienst, wenn Ihr mitgeht, und bringt Euch guten Lohn." +Noch einmal wog der Kuester den Taler auf der Fingerspitze und schien +sich zu besinnen. "Es wird zwar gleich zwoelf Uhr brummen, und da ist +es gar nicht geheuer drueben in der Kirche; denn ich weiss, was ich +weiss, und habe gesehen, was ich gesehen habe; aber weil Ihr sagt, es +sei ein Gottesdienst, so kommt!" Indem hatte er schon die Laterne +zurechtgemacht. Er hing noch einen warmen Mantel um und ergriff die +gewichtigen, wunderlich geformten Schluessel. + +"Ei du meine Guete, laesst er sich doch verblenden vom Mammon," seufzte +die Alte im Bette. Der Kuester aber trat zu ihr mit dem groessten seiner +Schluessel: "Du schweigst, Ursel! Der Herr da soll sehen, dass +unsereiner nicht unterm Pantoffel steht," brummte er und verliess mit +dem Diener das Haus. + +Die Nacht war grimmigkalt, der Himmel jetzt ganz rein, nur einzelne +dunkle Woelkchen tanzten im Wirbel um den Mond. Schweigend schritten +die beiden durch die Nacht der Kirche zu. Wenige Schritte, so standen +sie am Portal des Muensters. Der Kuester schrak zusammen, als dort aus +dem Schatten eines Pfeilers eine hohe, in einen dunklen Mantel +gehuellte Gestalt hervortrat. Es war jener Fremde, der Idas Interesse +in so hohem Grade erregt hatte. + +"Schliess auf, schliess auf," sprach Martiniz, "denn es ist hohe Zeit!" +Indem er sprach, fing es an zu surren und zu klappern, dumpf rollte +gerade ueber ihnen im Turme das Uhrwerk, und in tiefen, zitternden +Klaengen schallte die zwoelfte Stunde in die Luefte. + +"Schliess auf!" schrie Martiniz, "schnell auf! Dort kommt er schon um +die Ecke!" + +Seufzend ging die hohe Tuere auf; in einem Sprung war jener in der +Kirche. Der Kuester schloss behutsam wieder hinter sich ab und ging +dann voraus mit der Laterne; stille folgten ihm die Fremden. In +wunderlichen Schatten und Figuren spielte das schwache Licht der +Laterne an den hohen Saeulen des Doms, nur auf wenige Schritte +verbreitete es Helle und verschwebte dann in matte Daemmerung, bis es +sich in der tiefen Nacht des Gewoelbes verlor. Manchmal schien es, als +schritten hohe Gestalten in weiten, schleppenden Gewaendern hinter den +Saeulen ihnen nach. Scheu blickte Emil von Martiniz nach allen Seiten +und ging dann schneller hinter dem Kuester her. Dumpf schallten ihre +Schritte auf dem hohlen Boden, unter welchem eine alte Gruft sich +befand, und ein vielfaches Echo gab diese Toene aus allen Ecken +zurueck. + +So waren sie bis an den Altar gekommen. Martiniz setzte sich dort auf +die Stufen; das Gesicht, das bei dem Schein der truebe brennenden +Laterne auch viel bleicher erschien, stuetzte er auf die Hand, dass die +glaenzend rabenschwarzen Ringellocken darueber herabfielen. Der Diener +winkte dem Kuester, zog ihn auf eine Bank an der Seite zu sich nieder +und gab ihm durch Zeichen zu verstehen, dass er schweigen und sich +ganz ruhig verhalten moechte. + +Tiefe Stille herrschte mehrere Minuten in den grossen dunklen Hallen, +tiefe Stille draussen in der Nacht. Nur vom Altar her hoerte man ein +leises Wispern; Martiniz schien zu beten. Bald aber erhob sich lauter +die Nachtluft und wehte um die Kirche. Je lauter es wurde, desto +unruhiger wurde Emil. Er seufzte, er blickte einigemal auf und +lauschte nach der Seite hin, wo der Luftzug staerker wehte. + +Naeher und naeher heulte der Wind, die Fenster bebten, das Licht der +Laterne wehte seine Schatten her und hin, die alten verblichenen +Banner, die an der Mauer hingen, rollten sich auf und bewegten ihre +zerfetzten Bilder an der schwach beleuchteten Wand. + +Jetzt brauste der Sturm auf in gewaltigen Stoessen. Krachend stuerzte +ein Fenster des Chors auf die breiten Quader des Bodens, dass der +Schall durch die Halle toente und--mit fuerchterlichem Lachen des +Wahnsinns fuhr der am Altar auf und sprang die Stufen hinan. Gellend +toenten diese hohlen Toene der Verzweiflung durch die Gewoelbe. "Er kann +nicht herein, er kann nicht herein zu mir," schrie er, "darum hat er +die Wolken aufgezaeumt, auf dem Sturmwind reitet er um die Kirche, ca +ca! Holla, Antonio--wie schaeumt das Purpurblut deiner Wunde! Rase, +tobe durch die Luefte, du kannst doch nicht herein zu meiner +Freistatt!" + +Der Sturm legte sich, ferner und ferner rollte der Wind, und saeuselnd +zog die Nachtluft durch die Kirche. Der Mond schien freundlich durch +die hellen Scheiben, und mit des Sturmes Toben schien auch der Sturm +in Emils Brust gewichen zu sein. "Seht Ihr," sprach er wehmuetig und +zeigte an die vom Mond beschienenen Fenster hinauf, "seht Ihr, wie er +so ernst und zuernend auf mich herabsieht! Kannst du denn nicht +vergeben, Antonio?" + +Immer leiser wurde seine Klage, bis er weinend am Altare niedersank. +Jetzt stand der alte Diener, dem waehrend der schrecklichen Szene die +Traenen in den grauen Wimpern gehangen, von seinem Sitze auf und +unterstuetzte seinen Herrn. Er wischte ihm den kalten Schweiss von der +Stirne und die Traenen aus dem gebrochenen Auge und floesste ihm aus +einer kristallenen Phiole mildernde Tropfen ein. + +Der Ohnmaechtige richtete sich wieder auf, huellte sich tiefer in +seinen Mantel und schritt durch die Kirche. + +Der alte Diener aber trat zu dem Kuester. "Ich danke, Alterle," sagte +er, "du hast jetzt gesehen, dass wir nichts Unrechtes in deinem +Gotteshaus gemacht haben; dafuer halte aber reinen Mund! Und wenn du +niemand ein Sterbenswoertchen hoeren laessest von dem, was du hier +gesehen und gehoert hast, so kommen wir vielleicht morgen und manche +Nacht wieder, und du sollst pflichtgemaess deinen Harten haben." + +"Das kann sich unsereiner schon gefallen lassen," antwortete der +Kuester im Weitergehen; "so viel merke ich, dass Euer Herr entweder +nicht richtig unter dem Hut ist, oder dass er mit dem Gottseibeiuns +hier Versteckens spielt. Nun, hier, denke ich, soll er ihn nicht +holen; kommt nur morgen nacht wieder! Was das Stillschweigen +betrifft, so seid ausser Sorgen, von mir erfaehrt es kein Mensch, vor +allem meine Ursel nicht: denn ich denke: was sie nicht weiss, macht +sie nicht heiss." + +Der alte Diener lobte den Entschluss des Kuesters und nahm am Portal +mit einem Haendedruck von ihm Abschied. "Ist doch schade um ein so +junges schoenes Blut," brummte dieser vor sich hin, indem er seinem +Haeuschen zuschritt; "so jung und hat schon Affaeren mit Herrn Urian. +Nun, er soll ihn immer noch ein Halbjaehrchen reiten; um die harten +Taler kann man zur Not so guten Wein kaufen, als die Freilinger +Maurermeister hatten, um den Kalk zu meinem Muenster festzumachen." + + * * * * * + + + + +DAS SOUPER. + +Es schlug ein Uhr, als der Fremde und sein Diener von dem Muenster +zurueck ueber den Marktplatz gingen. An den Fenstern des erleuchteten +Museums draengten sich Gestalten an Gestalten geschaeftig hin und her, +verworrenes Gemurmel vieler Stimmen toente herab auf den stillen +Platz, hie und da zeigten laute Ausbrueche der Froehlichkeit, mit +Trompeten vermischt, dass eine Gesundheit oder ein Toast ausgebracht +worden sei. + +"Robert!" begann der Graf, "ich will noch einmal hinaufgehen; die +suessen Toene der Floeten, die klagenden Klaenge der Hoerner haben etwas +Beruhigendes fuer mich, und mitten im Gewuehl der froehlichen Menge +vergesse ich vielleicht auf Augenblicke, dass ich unter den +Gluecklichen der einzige Unglueckliche bin." + +Umsonst bat der alte Robert seinen Herrn, er moechte doch seine +Gesundheit bedenken und sich jetzt zur Ruhe legen; er schien es gar +nicht zu hoeren, schweigend warf er in der Haustuere den Mantel ab, gab +ihn dem Alten und eilte die Treppe hinan. Kopfschuettelnd folgte ihm +der Diener; hatte er doch seit einer langen, traurigen Zeit nicht +bemerkt, dass sein armer Herr Freude an rauschender Lustbarkeit hatte; +es musste etwas Eigenes sein, das ihn noch einmal dahinauf zog; denn +wenn er sich sonst auch in das froehlichste Gewuehl gestuerzt hatte, so +war er doch immer nach einem halben Stuendchen wieder zurueckgekommen. +Und heute hatte er ihn sogar an die Stunde mahnen muessen; heute ging +er zu einer Zeit, wo er sonst, erschoepft von Kummer und Unglueck, dem +Schlaf in die Arme geeilt war, noch einmal auf den Tanzboden. "Gott +gebe, dass es zu seinem Heil ist!" schloss der treue Diener seine +Betrachtungen und wischte sich die Augen. + +Der Saal war noch leer, als Emil oben eintrat, nur die Musikanten +stimmten ihre Geigen, probierten ihre Hoerner und liessen die Schlegel +dumpf auf die Pauken fallen, um zu sondieren, ob das tiefe C recht +scharf anspreche; mittendurch netzten sie auch ihre Kehlen mit +manchem Viertel; denn ein ellenlanger Kotillon sollte den Ball +beschliessen. Loeffel- und Messergeklirr, das Jauchzen der Anstossenden +toente aus dem Speisesaal. Ein schwermuetiges Laecheln zog ueber Emils +blasses Gesicht; denn er gedachte der Zeiten, wo auch er keiner +froehlichen Nacht ausgewichen war, wo auch er unter frohen, guten +Menschen den Becher der Freude geleert und, wenn kein liebes Weib, +doch treue Freunde gekuesst hatte und mit froehlichem Jubel in das +allgemeine Millionenhallo und Welthurra der Freude eingestimmt hatte; +unter diesen Gedanken trat er in den Speisesaal. In bunten Reihen +sassen die froehlichen Gaeste die lange Tafel herab; man hatte soeben +die hunderterlei Sorten von Gefluegel und Braten abgetragen und +stellte jetzt das Dessert auf. Gewiss, man konnte nichts Schoeneres +sehen, als die Praezision, mit welcher die Kellner ihr Dessert +auftrugen; die Bewegungen auf die Flanken und ins Zentrum gingen wie +am Schnuerchen, die schweren Zwoelfpfuender der Torten und Kuchen, das +kleinere Geschuetz der franzoesischen Bonbons und Gelees werde mit +Blitzesschnelle aufgefahren; in prachtvoller Schlachtordnung, vom +Glanz der Kristalluesters bestrahlt, standen die Guss-, Johannisbeeren-, +Punsch-, Rosinentorten, die Apfelsinen, Ananas, Pomeranzen, die +silbernen Platten mit Trauben und Melonen. Aber Hofrat Berner hatte +sie auch eingeuebt, und den ungeschicktesten Kellnerrekruten schwur er +hoch und teuer, in acht Tagen so weit bringen zu wollen, dass er, +einen bis an den Rand gefuellten Champagnerkelch auf eine +spiegelglatte silberne Platte gesetzt, die Treppe heraufspringen +koenne, ohne einen Tropfen zu verschuetten, was in der Geschichte des +Servierens einzig in seiner Art ist. Wenn die Festins, die er zu +arrangieren hatte, herannahten, hielt er auf folgende Art voellige +UEbungen und Manoeuvres: Er setzte sich in den Salon, wo gespeist +werden sollte, liess eine Tafel zu dreissig bis vierzig Kuverts decken, +und wie den Rekruten ein fingierter Feind mit allen moeglichen +Bewegungen gegeben wird, so zeigte er ihnen auch Praesidenten, +Justizraete, Kollegiendirektoren, Regierungsraete und Assessoren mit +Weib und Tochter, Kind und Kegel und mahnte sie, bald diesem ein +Stueck Braten, jener eine Sauciere zu servieren, bald einem Dritten +und Vierten einzuschenken und dem Fuenften eine andere Sorte +vorzusetzen; da sprangen und liefen die Kellner sich beinahe die +Beine ab; aber--probatem est--wenn der Tag des Festes herannahte, +durfte er auch gewiss sein zu siegen. Wie jener grosse Sieger, der nur +mit feierlichem Ernst die Worte sprach: "Heute ist der Tag von +Friedland!" oder "Sehet die Sonne von Austerlitz!" so bedurfte es von +seinem Munde auch nur einiger ermahnenden, troestlichen Hindeutungen +auf fruehere Bravouren und gelungene Affaeren, und er konnte darauf +rechnen, dass keiner der zwanzig Kellnergeister ueber den andern +stolperte oder ihm die Aalpastete anstiess, aber dass sie mit Sauce und +Salat einander anrannten, purzelten und auf den Boden die ganze +Bescherung servierten. + +Mit dieser Praezision war also auch heute die Tafel serviert worden; +der Nachtisch war aufgetragen, die schweren Sorten, als da sind +Laubenheimer, Nierensteiner, Markobrunner, Hochheimer, Volnay, feiner +Nuits, Chambertin, beste Sorten von Bordeaux, Roussillon wuerden +weggenommen und der zungenbelebende Champagner aufgesetzt. Hatte +schon der aromatische Rheinwein die Zungen geloest und das +schwaerzliche Rot des Burgunders den Liliensammet der jungfraeulichen +Wangen und die Nasen der Herren geroetet, so war es jetzt, als die +Pfroepfe flogen und die Damen nicht wussten, wohin sie ihre Koepfe +wenden sollten, um den schrecklichen Explosionen zu entgehen, als die +Lilienkelche, bis an den Rand mit milchweissem Gischt gefuellt, +kredenzt wuerden, wie auf einem Basar im asiatischen Russland, wo alle +Nationen untereinander plappern und maulen, gurren und schnurren, +zwitschern und naeseln, plaerren und jodeln, brummen und rasaunen, so +schwirrte in betaeubendem Gemurmel, Gesurre und Brausen in den +hoechsten Fisteltoenen bis herab zum tiefsten, dreimalgestrichenen C +der menschlichen Brust das Gespraech um die Tafel. + + * * * * * + + + + +DAS URTEIL DER WELT. + +Aber der groesste Teil der Konversation, wenigstens am untern Ende des +Tisches, galt Praesidents Ida. Dort gingen die zahnlosen Maeulchen der +Tanten und Muetter wie oberschlaechtige Muehlen, und die Posaunen- +Seraph-Gesichter der Toechter nickten ihren Konsens aus den kleinen +Kalmueckenaeuglein. Wie hatte doch das Maedchen vor Gott gesuendigt und +gefrevelt dadurch, dass es so wunderhuebsch geworden war! Waere sie +zurueckgekommen wie eine wilde Hummel oder wie so manche, die man als +Gagak in die Residenz schickt, um sie Bildung und Blumenmachen lernen +zu lassen, und die als Gagak wiederkehrt, da haette es geheissen: "An +der ist Hopfen und Malz verloren, mich dauern nur die Eltern." Jetzt, +wo sie mit ihrem Tannenwuchs, mit ihrer unnachahmlichen Grazie +bescheiden und doch voll so erhabener Wuerde hereintrat, das +strahlende Diadem in den geschmackvoll geordneten Ringellocken und +Loeckchen, im feuerspruehenden Auge Geist und Liebe, verschmolzen mit +schuldloser, anspruchsloser Natuerlichkeit, die Wangen von Gesundheit +geroetet, in den feinen Gruebchen den kleinen, kleinen Schelm, den Mund +so wuerzig, so kusslich, die aphroditische Schwanenbrust mit dem +fuerstlichen Schmuck, mit dem Pariser Hofkleid umschlossen--Nein! das +Maedchen durfte nicht schoen, durfte nicht unschuldig und tugendhaft +sein--"Ha, ha, ha, Frau Oberforstmeisterin!" lachte die +Kammerdirektorin, ohne darauf zu achten, dass sie die acht +unschuldigen Ohren ihrer erwachsenen Toechterlein beleidigen koennte-- +"Tugendhaft? Wir kennen die Residenztugend noch aus unserer Zeit! Da +muessten sich die Steine umgekehrt haben, die Garde-Ulanen-Rittmeister +muessten ihre engschliessende Uniform ausgezogen und die Herren +Archidiakonen und Superintendenten um ihr ehrbares Kostuem ersucht +haben, muessten in schwarzen Maentelein, weissen Beffchen, kurzen Hoeschen +und seidenen Waedchen, die Bibel unter dem Arm, einhergehen, wenn man +bei siebzehnjaehrigen Maedchen Tugend finden sollte in Sodom!" + +"Wahrhaftig, Sie haben recht," schnatterte es ueber die Tafel herueber. +"Und die geruehmte Schoenheit? Ist alles Lug und Trug; das kann man +alles dort ums liebe Geld haben; meinen Sie denn, diese Locken dort, +die Zoepfe seien echt? Bewahre! Man hat ja gesehen, was fuer Haar +Mamsell Sausewind in die Residenz nahm; wo sind die gelben Zaehne +hingekommen? Meinen Sie etwa, ein so herrlicher Mund voll, wie jene +hat, schiebe sich im sechzehnten, siebzehnten Jahre noch nach? Lauter +Seehund, nichts als Seehund." + +"Ja, Frau Gevatterin," unterbrach eine dritte, "und die handbreiten +Bruesseler Kanten, der Amethystschmuck, mit welchem man meinen Torweg +pflastern koennte--von der Fuerstin Romanow soll er sein! Ha, ha, ha, +man hat auch seine Nachrichten; die Fuerstin, Gott halte sie in Ehren, +ist eine splendide Frau; auch reich, steinreich, gebe alles zu--aber +so einem naseweisen Kind, das kaum hinter den Ohren trocken ist, +dieses Diadem, diese Ohrenringe, dieses Kollier, dieses Kreuz zu +schenken--nein, dazu ist die Frau Fuerstin Hoheit doch zu vernuenftig. +Haben Sie aber nie von ihrem Neffen, dem Prinzen Ferdinand, gehoert? +Soll ein splendider, artiger Herr sein, der Prinz, und wenn man nur +gegen ihn gefaellig ist, ist er es wohl auch wieder, ha, ha, ha--" + +Und der ganze Zirkel lachte und stiess an auf den gefaelligen, +splendiden Prinzen. + +Nein, wahrhaftig, es war nicht zum Aushalten; ein schoenes, +engelreines Geschoepf, voll Milde, Sanftmut und Mitleiden so +schonungslos zu verdammen! Emil hatte in einer Fenstervertiefung, wo +er sich hingestellt hatte, um die Tafel zu uebersehen, alles mit +angehoert; er haette moegen der Frau Gevatter den einzigen Zahn, den sie +noch hatte, mit welchem sie aber nichtsdestoweniger den Ruf einer +jungen Dame tapfer benagte, ein wenig einschlagen; er rueckte, nur um +die giftigen Bemerkungen nicht zu hoeren, um ein Fenster weiter +hinaus. Aber hier kam er vom Regen in die Traufe. Frau von +Schulderoff setzte dort ihrem Sohn, dem Dragonerleutnant, weitlaeufig +auseinander, dass er, um den gesunkenen Glanz ihres Hauses wieder auf +den Strumpf zu bringen, notwendig eine gute, sehr gute Partie machen +muesse, und dazu sei die Ida ganz wie gemacht. + +Dem jungen Schulderoff, der neben dem gesunkenen Glanz seines Hauses +bei Juden und Christen einige tausend Taelerchen mehr stehen hatte, +als sein Gageabzug auf siebzig Jahre wahrscheinlicherweise aufwiegen +konnte, schien mit dem Vorschlag ganz zufrieden; nur das Wie wollte +ihm nicht recht einleuchten. + +Aber die gnaedige Mama wusste Rat. "Erstens; recht oft mit ihr getanzt, +namentlich im Kotillon recht oft geholt! Das heisst Attention +beweisen; das Maedchen wird dann mit dir aufgezogen, sie wird +aufmerksam auf dich. Zweitens: morgens zehn Uhr im kurzen Galopp am +Haus vorbei! Dort verlierst du, im Staunen ueber sie, die +Reitpeitsche; du voltigierst ja so gut, haeltst also nicht an, sondern +herab vom Gaul, Peitsche ergriffen, wieder hinauf, einen Feuerblick +dem Fraeulein zugeworfen, und davon im gestreckten Galopp! Wenn nur +ihr Herzchen aus Angst fuer dich einmal schneller pulsiert, dann hast +du sie schon im Sack. Drittens: in einer schoenen Nacht mit der ganzen +Regimentsmusik vors Haus! Einige mutige Stuecke, einige zaertliche +Arien aufgespielt, und sie kommt hinter die Jalousien, darauf wette +ich meinen ganzen Schmuck, der jetzt zufaellig bei Levi ist. Einige +Kameraden tun dir schon den Gefallen und gehen mit; sie rufen: +'Schulderoff! Schulderoff! Wo steckst du denn? Ach siehe, der arme +Junge weint.' 'Ach, lasst mich, tapfere Kameraden,' antwortest du, +'mir ist so weh und so wohl in ihrer Naehe.' So kommt es in allen +Ritterbuechern, wo der Adel noch allein liebte und die dummen +Buergerlichen noch kein Geld hatten." + +"Auf Ehre, Mama, Sie haben recht," antwortete der Leutnant und +wichste sich den Schnurrbart; "sehen Sie, dann kann ich auch so angr--" + +Emil wurde, er wusste nicht warum, ganz bange ums Herz, als er den +Eroberungsplan des Wildfangs hoerte; er rueckte um einige Fenster +weiter hinauf und war dort dem Gegenstand nahe, den die Schmaehsucht +der Weiber zu zerreissen, der Eroberungsgeist der Schulderoffs zu +gewinnen suchte. + +Obenan sass der Praesident; die feierliche Geschaeftsmiene war zu Hause +geblieben; er hatte den freundlichen, gefaelligen Gesellschaftsmenschen +angezogen und tafelte, zum grossen Trost der juengern Glieder seines +Kollegiums, wie ein Junger. + +Das behagliche runde Gesicht durchblitzte oft schnell wie ein Gedanke +ein satirisches Laecheln, wenn er und der Hofrat Ida zum suessen +bruesselnden Schaumwein noetigten. + +Es war nicht moeglich, etwas Liebreizenderes zu sehen, als das +Maedchen, eine ewig junge Hebe, zwischen den alten, froehlichen Herren. +Es war jetzt ganz das waehlige, mutwillige Kind wieder wie vor drei +Jahren, wenn es dem Papa oder dem alten Hagestolz Berner auf dem +Schosse sass; Madeirasekt und Xeres hatten ihr, weil Berner keinen der +schweren Weine ueber die Purpurbarrieren ihrer Lippen gelassen hatte, +alles Blut in die Wangen getrieben; es zischte und gischte in ihren +Adern so warm und wohltuend, dass das Auge von Lust und Liebe strahlte +und die rosige Tiefe des Schelmengruebchens alle Augenblicke sich +zeigte. Der Champagner, den sie auf den Trimadeira setzte, war auch +nicht aus seinen Kreidebergen geholt worden, um ein froehlichgluehendes +Engelskoepfchen abzukuehlen und einen in ewigwechselnder Wonne Flut und +Ebbe wogenden Busen zur Ruhe zu bringen. Wusste sie doch selbst nicht, +was sie so froehlich machte! Die Rueckkehr ins Vaterhaus allein war es +nicht, auch nicht, dass die Blicke der jungen Freilinger Stadtkinder +alle auf sie flogen; es war noch etwas anderes; war es nicht ein +bleiches, wunderschoenes Gesicht, das sich immer wieder ihrer +Phantasie aufdraengte, das sie wehmuetig durch Traenen anlaechelte? Warum +musste er aber auch gehen, gerade als es zur Tafel ging, wo sie ihn +haette sehen und sprechen koennen!-- + +"Ei, Kind," sagte der Praesident und weckte sie aus ihren Traeumen, "da +sitzest du schon eine geschlagene Glockenviertelstunde, starrst auf +den Teller hin, als laesest du in der Johannisbeermarmelade so gut als +im Kaffeesatz deine Zukunft, und laechelst dabei, als machten dir alle +ledigen Herren, unsern Hofrat mir eingeschlossen, ihr Kompliment!" + +Die Glutroete stieg ihr ins Gesicht; sie nahm sich zusammen und musste +doch wieder heimlich laecheln ueber den guten Papa, der doch auch kein +Spuerchen von ihren Gedanken haben konnte. Aber als vollends der +Hofrat ihr von der andern Seite zufluesterte: "Der alte Herr hat +fehlgeschossen; wir alle koennten uns den Ruecken lahm komplimentieren +und die Knie wund liegen, mein stolzes Trotzkoepfchen goennte keinem +einen halben Blick oder ein Viertelchen von dem Engelslaecheln, das +hier in den Teller ging. Aber da darf nur so ein interessanter +Fremder in einem Landau weinen, so ein Signor Bleichwangioso--" + +"Ach, wie garstig, Berner! An den habe ich gar nicht mehr gedacht!" +rief sie, aergerlich, dass der Kluge ins Schwarze geschossen haben +sollte. Jener aber wischte seine Brille ab, schaute auf Idas +silbernen Teller und deutete lachend auf den Rand-- + +"Gar nicht mehr an ihn gedacht? Welcher Graveur hat denn da +gekritzelt, Fraeulein Luegenhausen? He!" + +Nun, da hatte sich das Maedchen wieder vergaloppiert, hatte, ohne dass +sie es im geringsten wusste, unter ihrer Gedankenreihe das +Dessertmesser in die Hand bekommen, auf dem Teller herumgekritzelt, +und da stand mit huebschen, deutlichen Buchstaben: _Emil v. +Mart_-- + +"Nein, wie einem doch der Zufall bei boesen Leuten Streiche spielen +kann!" replizierte sie mit der unverschaemtesten Unbefangenheit, +kratzte, indem sie sich selbst ueber ihre furchtbare Kunst, zu +verdrehen, wunderte, in aller Geschwindigkeit ein Schnirkelchen hin, +wies dem kurzsichtigen Hofrat den Teller und sagte: "Sehen Sie! Da +war irgend einmal eine reisende Prinzess hier, welcher man auf Silber +servierte, und um den merkwuerdigen Tag ihrer Anwesenheit zu +verewigen, schrieb sie die paar Worte hieher: _Emilie v. Mart._, +heisst offenbar: Emilie, am fuenften Maerz." + +"Gott im Himmel, was haettest du fuer einen Rechtskonsulenten und +Rabulisten gegeben!" antwortete Berner und setzte vor Schrecken den +frischeingeschenkten Kelch, den er schon halbwegs gehabt, wieder +nieder. "Habe ich nicht gesehen, wie du das Ding da kritzeltest; und +jetzt taete es not, ich deprezierte den falschen Verdacht?" Doch +Engelskoepfchen Ida sah ihm so bittend ins Auge, dass er unwillkuerlich +wieder gut wurde; in den suessesten Schmeicheltoenen bat sie ihm die +Unart ab, versprach, sich nie mehr aufs Leugnen zu legen, wenn er +gelobe, dem Papa nichts zu sagen, der sie wenigstens acht Tage lang +mit ihrer Silberschrift necken wuerde. Er gelobte, mahnte aber, jetzt +sich zum Kotillon zu ruesten. "Nur noch ein Viertelstuendchen!" bat +Ida, weil sie dem widerwaertigen Kreissekretaer habe zusagen muessen. +Aber das Straeuben half nichts; die Hoerner erklangen im Tanzsaal, und +die Tafel ruestete sich, aufzubrechen. Da stand der Praesident auf. +"Noch einen Kelch, meine Damen!" rief er ueber die Tafel hin, "noch +einen echten Toast aus den guten alten Zeiten: die Glaeser hoch--der +Liebe und der Freude!" Die Trompeten schmetterten ihren Freudenruf +unter den Jubel; aber mitten durch das Geschmetter, durch das +donnerschlagaehnliche Wirbeln der Pauken, mitten in dem schrankenlosen +Hallo der bechampagnerten Gaeste war es Ida, als hoerte sie hinter sich +tief seufzen, und als sie, von einer ploetzlichen Ahnung ergriffen, +sich schnell umsah, begegnete sie Emils Auge, der wehmuetig, +traenenschwer in das Gewuehl der Freude schaute. Alles Blut jagte die +UEberraschung dem Maedchen aus den Wangen, es hatte keinen Atem mehr, +und doch konnte es um keinen Preis ihr Auge wieder von ihm abwenden. +Doch ehe sie noch ihrer Verlegenheit Meister werden konnte, gerade +als sie der schoene junge Mann anreden zu wollen schien, riss ihn das +Gedraenge der Aufstehenden aus ihrer Naehe; der Kreissekretaer kam mit +seinem widrigen, sauersuessen Gesicht, schaetzte sich gluecklich, den +Kotillon errungen zu haben, und fuehrte seine Taenzerin im Triumph +durch die dicken Reihen seiner Neider. Sie aber folgte ihm, noch +immer ueber diese Erscheinung, ueber die Gewalt dieser dunkeln +Flammensterne sinnend. "Wahrhaftig!" sagte sie zu sich. "Der Hofrat +hat doch recht, es muss Menschen geben, die Haekchen im Auge haben, von +welchen man sich gar nicht losreissen kann, und dieser muss einen von +den grossen Angelhaken haben." + + * * * * * + + + + +DER KOTILLON. + +In rauschenden Toenen klangen die Hoerner und Trompeten durch den Saal; +in verschlungenen Gruppen, bald suchend, bald fliehend, huepften die +Paare den froehlichen Reigen, und Idas liebliche Gestalt tauchte auf +und nieder in der Menge der Tanzenden wie eine Nixe, die neckend bald +dem Auge sich zeigt, bald in den Fluten verschwindet. Oft, wenn der +Augenblick es gestattete, wagte sie einen Viertelsseitenblick ueber +den Saal hinueber nach ihm, zu welchem ein unerklaerbares Etwas sie +noch immer hinzog, und wenn die Floeten leiser fluesterten, wenn die +weichen, gehaltenen Toene der Hoerner suesses Sehnen erweckten, da +glaubte sie zu fuehlen, dass diese Toene auch in seiner Brust +widerklingen muessen. In glaenzender Kette schwebten jetzt die Maedchen +in der Runde, bis die Reihe sich loeste und sie den Saal +durchschwaermten, um selbst sich Taenzer zu suchen. Emil stand wieder +an seine Saeule gelehnt. Kaum den Boden beruehrend, schwebte eine zarte +Gestalt, auf dem Amorettengesichtchen ein holdes, verschaemtes +Laecheln, auf ihn zu--es war Ida. Laechelnd neigte sie sich, zum Tanze +ihn einzuladen; er schien freudig ueberrascht, eine fluechtige Roete +ging ueber sein bleiches Gesicht, als er das holde Engelskind +umschlang und mit ihr durch den Saal flog. + +Aber aengstlich war es Ida in seinen Armen; kalt war die Hand, die in +der ihrigen ruhte, schaurige Kaelte fuehlte sie aus des Fremden Arm, +der ihre Huefte umschlang; in sie eindringen, scheu suchte ihr Auge +den Boden; denn sie fuerchtete, seinem Flammenblicke zu begegnen. +Jetzt erst fiel ihr auch ein, dass es sich doch nicht so recht +schicke, den ganz fremden Menschen, der ihr von niemand noch +vorgestellt war, zuerst zum Tanze aufgefordert zu haben. + +Aber ein freudiges Gefluester des Beifalls begleitete sie durch die +Reihen; bedeutender schien des Fremden edles Gesicht, von der +Bewegung des Tanzes leicht geroetet, bedeutender erschien seine edle +Gestalt, sein hoher koeniglicher Anstand, und dem schoenen Mann +gegenueber erschien auch Ida in noch vollerem Glanz der Schoenheit. Mit +dankendem Blick schied er, als er sie an den Platz zurueckfuehrte; +wieviel stiller Gram, wieviel Wehmut lag in diesem langen Blick! Ja, +wenn sie sich den Ausdruck seines Auges noch einmal zurueckrief, +wieviel Dank lag darin, wieviel Lie-- + +Sie drueckte geschwind die Augen zu, um nur den Gedanken zu entgehen, +die sie unablaessig verfolgten; sie tanzte rascher und eifriger, nur +um sich durch den raschen Wirbel zu zerstreuen; aber da wisperte von +der einen Seite der Xeres, von der andern kicherte der Champagner ihr +ins Ohr: er liebt dich, du bist es ja, nach welcher er immer sieht, +wegen dir ist er noch einmal auf den Ball gekommen.--Der Kotillon +hatte jetzt seine glaenzendste Hoehe erreicht; eine Tour, die in +Freilingen noch nie getanzt worden, sollte eingeschoben werden. Die +Dame, welche die Reihe traf, setzte sich, von ihrem Taenzer gefuehrt, +auf einen in die Mitte des Kreises gestellten Sessel; mit einem +seidenen Tuche wurden ihr die Augen verbunden und dann Taenzer +jeglicher Gattung zur blinden Wahl vorgefuehrt. Die Ausgeschlagenen +stellten sich als Gefangene und besiegt hinter den Stuhl, der +Erwaehlte flog mit der von der Binde erloesten Taenzerin durch den Saal. +Die Tour an sich war gerade nicht so kuehn erfunden, um durch sich +selbst sehr bedeutungsvoll zu werden; sie ward es aber dadurch, dass +der Vortaenzer, ein gerade von Reisen zurueckgekommener Herr aus +Freilingen, behauptete, in Wien werde diese Tour fuer sehr +verhaengnisvoll gehalten; denn es gelte dort bei dieser blinden Wahl +das Sprichwort: "Der Zug des Herzens sei des Schicksals Stimme," und +mehr denn hundertmal habe er den Spruch bei dieser Tour eintreffen +sehen. Die Freilinger Schoenen machten zwar Spass daraus und +behaupteten, die Wiener Damen werden unter dem Tuch hervorgesehen +haben; doch mochten sie aberglaeubisch genug sein und wuenschen, des +Schicksals Stimme moechte dem Zug ihres Herzens nachgeben und ihnen +den schoenen Major oder den Jagdjunker mit dem Stutzbaertchen oder +einen dergleichen vor die blinden Augen fuehren. + +Auch an Ida kam jetzt die Reihe, sich niederzusetzen; der sauersuesse +Kreissekretaer fuehrte sie zum Stuhl, fragte mit schalkhaft sein +sollendem Laecheln, das aber sein Gesicht zur scheusslichen Fratze +verzog, ob er den Herrn Hofrat Berner bringen solle, band ihr das +Tuch vor die Augen, und in wenigen Augenblicken standen schon drei +arme Unglueckliche, von der sproeden, blinden Mamsell Amor-Justitia +verschmaeht, hinter dem Stuhl. Es war ihr wohl auch der Gedanke an +Martiniz durch das Koepfchen gezogen; aber sie hatte sich selbst recht +tuechtig ausgescholten und vorgenommen, ihr Herzchen moege sie ziehen, +wie es wolle, das Schicksal moege noch so gebietend rufen, sie lasse +drei ablaufen und den vierten wolle sie endlich nehmen. + +"Numero vier, gnaediges Fraeulein!" meckerte der Kreissekretaer. Sie +liess die Binde loesen, sie schlug die Augen auf und sank in Emils +Arme, der sie im schmetternden Wirbel der Trompeten, im Jubelruf der +Hoerner im Saal umherschwenkte; die Sinne wollten ihr vergehen, sie +hatte keinen deutlichen Gedanken als das immer wiederkehrende: "Der +Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme." Ach! so haette sie durch +das Leben tanzen moegen; ihr war so wohl; so leicht; wie auf den +Fluegeln der Fruehlingsluefte schwebte sie in seinem Arme hin, sie +zitterte am ganzen Koerper; ihr Busen flog in fieberhaften Pulsen, sie +musste ihn ansehen, es mochte kosten, was es wollte. Sie hob das +schmachtende Gesichtchen. Ein suesser Blick der beiden Liebessterne +traf den Mann, der ihr in wenigen Stunden so wert geworden war; das +edle Gesicht lag offen vor ihr, wenige Zoll breit Auge von Auge, Mund +von Mund; ach, wie unendlich huebsch kam er ihr vor, wie fein alle +seine Zuege, wie schmelzend sein Auge, sein Laecheln; sie haette moegen +die paar Zoellchen breite Kluft durchfliegen, ihn zu lieben, zu kue-- + +Klatsch, klatsch, mahnten die ungeduldigen Herren, indem sie die +glacierten Handschuhe zusammenschlugen, dass die zarten Naehte +sprangen; will denn dies Paar ewig tanzen? Ach, ihr Kurzsichtigen, +wenn ihr wuesstet, wieviel namenlose Seligkeit in einer solchen kurzen +Minute liegt, wie die Pforten des Lebens sich oeffnen, wie die Seele +hinter die durchsichtige Haut des Auges heraufsteigt, um +hinueberzufliegen zu der Schwesterseele--wahrlich, ihr wuerdet diesen +Moment des suessesten Verstaendnisses nicht durch euer Klatschen +verscheuchen. + +Der Ball war zu Ende; der Hofrat nahte, Ida den Schal anzulegen und +das waermende Maentelchen umzuwerfen; er nahm dann ihren Arm, um sie +zur Abkuehlung noch ein wenig durch den Saal zu fuehren. "Sie haben mit +ihm getanzt, Toechterchen?"--"Ja," antwortete sie, "und wie der +tanzt, koennen Sie sich gar nicht denken; so angenehm, so leicht, so +schwebend!"--"Idchen, Idchen!" warnte der Hofrat laechelnd. "Was +werden unsere jungen Herren dazu sagen, wenn Sie sie ueber einem +Landfremden so ganz und gar vergessen?"--"Nun, die koennen sich +wenigstens ueber das Vergessen nicht beklagen; denn ich habe nie an +sie gedacht! Aber sagen Sie selbst, Hofrat, ist er nicht ganz, was +man interessant nennt?"--"Ihnen wenigstens scheint er es zu sein," +antwortete der neckische Alte.--"Nein, spassen Sie jetzt nicht! Ist +nicht etwas wunderbar Anziehendes an dem Menschen, etwas, das man +nicht recht erklaeren kann?" Der Hofrat schwieg nachdenklich. +"Wahrhaftig, Sie koennen recht haben, Maedchen," sagte er; "habe ich +doch den ganzen Abend darueber nachgesonnen, warum ich diesen Menschen +gar nicht aus dem Sinne bringen kann." + +"Aber noch etwas," fiel Ida ein; "wissen Sie nicht, wo er so +ploetzlich mit dem alten Diener hinging?"--"Das ist es eben!" sagte +jener. "Eine ganz eigene Geschichte mit dem Grafen da; kommt auf den +Ball, tanzt nicht, geht fort, bleibt ueber eine Stunde aus, kommt +wieder--und wo blieb er? Wo meinen Sie wohl? Er war im Muenster!!" + +"Jetzt eben, in dieser Nacht?" fragte Ida erschrocken und an allen +Gliedern zitternd. + +"Heute nacht, auf Ehre! Ich weiss es gewiss; aber reinen Mund gehalten, +Gold-Idchen! Morgen komme ich dem Ding auf die Spur." + +Der Wagen war vorgefahren; der Praesident kam in einer Weinlaune. +"Hofraetchen," rief er, "wenn du nicht anderthalbmal ihr Vater sein +koenntest, wollte ich dir Ida kuppeln!" + +"Haette ich das doch vor dem Ball gewusst!" jammerte der Hofrat; "aber +da gab es allerlei interessante Leute usw." Erroetend sprang Ida in +den Wagen, auf den losen Hofrat scheltend, und umsonst gab sich Papa +auf dem Heimweg Muehe, zu erfahren, was jener gemeint habe. +Trotzkoepfchen haette moegen laut lachen ueber die Bitten des alten +Herrn; es biss die scharfen Perlenzaehne in die Purpurlippen, dass auch +kein Woertchen heraus konnte. + +Nicht mehr so froehlich als in frueheren Tagen und dennoch gluecklicher, +legte Ida das Lockenkoepfchen auf die weichen Kissen. Es war ihr so +bange, so warm; mit einem Ruck war der seidene Plumeau am Fussende des +Bettes, und auch die duenne Seidenhuelle, die jetzt noch uebrig war, +musste immer weiter hinabgeschoben werden, dass die wogende, +entfesselte Schwanenbrust Luft bekam. + +Aber wie, ein Geraeusch von der Tuere her? Die Tuere geht auf, im matten +Schimmer des Nachtlichtes erkennt sie Martiniz' blendendes Gesicht; +sein dunkles, wehmuetiges Auge fesselt sie so, dass sie kein Glied zu +ruehren vermag, sie kann die Decke nicht weiter heraufziehen, sie kann +den Marmorbusen nicht vor seinem Feuerblick verhuellen; sie will +zuernen ueber den sonderbaren Besuch, aber die Stimme versagt ihr. +Aufgeloest in jungfraeuliche Scham und Sehnsucht, drueckt sie die Augen +zu; er naht, weiche Floetentoene erwachen und wogen um ihr Ohr, er +kniet nieder an ihrem braeutlichen Lager, "der Zug des Herzens ist des +Schicksals Stimme," fluestert er in ihr Ohr; er beugt das gramvolle, +wehmuetige Gesicht ueber sie hin, heisse Traenen stuerzen aus seinem +gluehenden Auge herab auf ihre Wangen, er woelbt den wuerzigen Mund--er +will sie kue-- + +Sie erwachte, sie fuehlte, dass ihre eigenen heftigstroemenden Traenen +sie aus dem schoenen Traume erweckt hatten. + + * * * * * + + + + +DIE BEICHTE. + +Am andern Morgen sehr frueh stand der Hofrat schon vor des Praesidenten +Haus und zog die Glocke. Er musste ja sein holdes Idchen fragen, wie +es zum erstenmal wieder in Freilingen geschlafen habe. Nebenbei hatte +er so viel zu fragen, so viel mitzuteilen, dass er nicht wusste, wo ihm +der Kopf stand. Nur soviel war ihm klar, als er den hellpolierten +Handgriff der Glocke in der Hand hielt, dass er um keinen Preis von +dem interessanten Herrn von gestern zuerst sprechen werde; sie soll +mir daran, sagte er, sie soll mir beichten. Er tat sich auf seinen +Witz nicht wenig zugut und laechelte noch still vor sich hin, als er +die breite Treppe hinanstieg. + +Der Praesident sei schon in die Session gefahren, gaben ihm die +Bedienten auf seine Anfrage zur Antwort, aber gnaediges Fraeulein nehme +ihn vielleicht an, obwohl ihre Toilette noch nicht fertig sei. + +Man meldete ihn; er wurde sogleich vorgelassen. In ihrem kleinen, +aufs geschmackvollste dekorierten Boudoir sass Ida auf einer Estrade +am Fenster, das Lockenkoepfchen in die Hand gestuetzt. War es doch, als +sei das Maedchen in dieser Nacht noch tausendmal schoener geworden! Der +Hofrat bekam ordentlich Ehrfurcht vor ihrer Schoenheit; es lag so viel +Schmachtendes in ihrem Auge, so viel ernste Sanftmut auf dem lieben +Gesichtchen, das ihn begruesste, dass er gar nicht wusste, woher dies +alles das Wunderkind gestohlen hatte. + +Er sagte ihr auch, wie schoen er sie finde; sie aber lachte ihm +geradezu ins Gesicht; sie finde, dass sie weit bleicher aussehe als +sonst, der Ball koenne einesteils daran schuld sein, sagte sie; dazu +komme, dass sie heute nacht so dumm getraeumt habe und alle Augenblicke +aufgewacht sei. Sie wollte bei dieser Behauptung recht ernst +aussehen; aber das kleine Schelmchen flog ihr doch beinahe unmerklich +um den Mund, als wuesste es, was dem huebschen Engelskind getraeumt habe. + +Der Hofrat sprach vom gestrigen Ball, von Herren und Damen, von allen +moeglichen Schoenen; aber er haette sich lieber die Zunge abgebissen, +ehe er von Martiniz zuerst angefangen haette, obgleich er wohl sah, +dass Ida darauf warte. + +Er sah sich daher, als alle Taenze und Touren bekrittelt waren und das +Gespraech zu stocken drohte, im Zimmer umher. "Nein," sagte er, "wie +wunderschoen Ihnen Papa das Boudoir da dekorieren liess, die bronzierte +Lampe am gewoelbten Plafond, die freundliche Tapete! Wie werden sich +Ihre Besucher erfreuen, wenn man sich nicht mehr um den Rang auf dem +Sofa streiten darf! denn jener von hellbraunem Kasimir, der sich an +drei Waenden hinzieht, den eleganten Teetisch von Zedernholz in der +Mitte, kann ja eine ganze Legion von Daemchen in sich aufnehmen. Der +franzoesische Kamin mit dem deckenhohen Spiegel scheint aber nicht +sehr warm geben zu wollen; doch Hoffart muss schon auch ein wenig +Schmerz leiden. Die geschmackvolle Etagere dort haben Sie gewiss +selbst erst aus der Residenz geschickt; denn hier wuesste ich niemand, +der solche Arbeit lieferte." + +Das ging ja dem alten Herrn aus dem Mund wie Wasser; schade nur, dass +er den tauben Waenden predigte; denn Ida schaute stillverklaert durch +die Scheiben und hatte weder Augen noch Ohren fuer ihren alten Freund. +Dieser sah sich um, sah das Hinstarren des Maedchens, folgte ihrem +Auge und--drueben in der ersten Etage des ehrsamen Gasthofes +"Zum goldenen _Mond_" hatten sich die rot und weissen Gardinen +aufgetan, und im geoeffneten Fenster stand--nein, er machte es gerade +zu, als der Hofrat hinsah, und liess die Gardine wieder herab; das +selige Kind drehte jetzt das Koepfchen, und ihr Blick begegnete dem +lauernden Auge des Hofrats. Die Flammenroete schlug ihr ins Gesicht, +als sie sich so verraten sah; aber dennoch sagte Trotzkoepfchen kein +Wort, sondern arbeitete eifrig an einer Zentifolie. Nun, dachte der +Alte, wenn du es durchaus nicht anders haben willst,--auf den Zahn +muss ich dir einmal fuehlen, also sei's! + +"Sie haben brave Nachbarschaft, Ida," sagte er, "da koennen Sie Ihre +astronomischen Beobachtungen nach den Glutsternen des Herrn von +Martiniz recht kommode anstellen; ich habe zu Haus einen guten +Dolland, er steht zu Diensten, wenn Sie etwa--" + +"Wie Sie nur so boes sein koennen, Berner!" klagte das verschaemte +Maedchen. "Wahrhaftig, ich habe bis auf diesen Augenblick gar nicht +gewusst, dass er nur im Mond logiert; und dass ich gestern diesen Mann +schon wegen seines Aeusseren gehaltvoller gefunden habe als unsere +jungen Herren hier, um die ich nun einmal kein Floeckchen Seide gebe, +--ist das denn ein so schweres Verbrechen, dass man es noch am andern +Tage buessen muss? Ist es denn so arg, wenn man Mitleiden hat mit einem +Menschen, der so ungluecklich scheint?" + +"Nun, da bringen Sie mich just auf den rechten Punkt," sagte der +Hofrat; "dass der junge Herr im Mond drueben gestern nacht in der +Muensterkirche war, habe ich Ihnen gesagt; aber was er dort tat, das +wissen Sie nicht,--und was bekomme ich, wenn ich es sage?" + +"Nun, was wird er viel dort getan haben?" antwortete Ida, vergeblich +bemueht, ihre Neugierde zu bekaempfen. "Er hat sich wahrscheinlich die +Kirche zeigen lassen, wie die Fremden auf der Durchreise immer tun?" + +"Durchreise? Als ob ich nicht wuesste, dass Herr von Martiniz die drei +Zimmer Ihnen gegenueber auf vier Wochen gemietet hat--" + +"Auf vier Wochen?" rief Ida freudig aus, erschrak aber im naemlichen +Augenblick ueber die laute Aeusserung ihrer Freude. "Vier Wochen?"-- +setzte sie gefasster hinzu. "Wie freut mich das fuer die gute +Mondwirtin! Sie muss immer Schelte hoeren von ihrem Mann, dass ihre +_Table d'hote_ nicht so gut sei wie im _Hotel de Saxe_, und +kein Mensch bleibe recht lange; da hat sie nun doch einen Beweis fuer +sich." + +"Die arme Mondwirtin," spottete der Hofrat, "die gute Seele! Muss sie +jetzt auch noch zur Entschuldigung dienen, wenn man seine Freude +nicht recht verbergen kann! Und, um aufs vorige zurueckzukommen, Sie +glauben also, der Mann im Monde da drueben habe sich als +durchreisender Fremder unsern Muenster zeigen lassen und dazu die +glueckliche Stunde nachts von zwoelf bis ein Uhr gewaehlt, habe den +Kuester mit seiner Laterne alles beleuchten lassen, nur um die +Finsternis desto deutlicher zu sehen?" + +Der kleine Schalk lachte verstohlen auf seine Arbeit hin und liess den +Hofrat immer fortfahren-- + +"Heute in aller Frueh war ich beim Kuester, dem ich vorzeiten einmal +einen Prozess gefuehrt und ein Kind aus der Taufe gehoben hatte; gewiss, +ohne diese Empfehlung waere ich bei dem Alten nicht durchgedrungen. +'Gevatter!' sagte ich zu ihm, 'Er kann mir wohl sagen, was der +Fremde, der Ihn gestern nacht noch besuchte, im Muenster getan hat.' +Der Mann wollte im Anfang von gar nichts wissen; ich rief aber meinen +alten Balthasar,--Sie kennen ihn ja, wie geschickt er ist, alles +aufzuspueren,--diesen rief ich her und konfrontierte beide; der +Balthasar hatte den Bedienten des Fremden in des Kuesters Haus gehen +und beide bald darauf mit dem Fremden im Muenster verschwinden sehen. +Er gab dies zu, bat mich aber, nicht weiter in ihn zu dringen, weil +es ein furchtbares Geheimnis sei, das er nicht verraten duerfe. So +neugierig ich war, stellte ich mich doch ganz ruhig, bedauerte, dass +er nichts sagen duerfe, weil es ihm sonst eine Bouteille Alten (seine +schwache Seite) eingetragen haette; da gab er weich und erzaehlte--" + +"Nun, fahren Sie doch fort!" sagte Ida ungeduldig, "Sie wissen von +frueher her, dass ich fuer mein Leben gerne Geschichten hoere, namentlich +geheimnisvolle, die bei Nacht in einer Kirche spielen." + +"So, so? Man hoert gerne Geschichten von interessanten, +geheimnisvollen Leuten? Nun ja, hoeren Sie weiter! Der Kuester, der fuer +seine Muehe einen harten Taler bekam, fuehrte gestern nacht einen +Herrn, der bleich wie der Tod, aber so vornehm wie ein Prinz +ausgesehen haben soll, in den Muenster. Dort habe sich der Fremde auf +die Altarstufen gesetzt und in voller Herzensangst gebetet. Dann sei +ein Sturm gekommen, wie er fast noch nie einen gehoert; er habe an den +Fenstern geruettelt und geschuettelt und die Scheiben in die Kirche +hereingeschlagen; der Herr aber habe wunderliche Reden gefuehrt, als +reite der Teufel draussen um die Kirche und wolle ihn holen. + +"Der Kuester glaubt auch daran wie ans Evangelium und weint wie ein +Kind um den bleichen jungen Mann, der schon so frueh in die Hoelle +fahren solle. Dabei verspricht er aber ganz getrost, wenn der Herr +alle Nacht bei ihm einkehre und sich in den Schutz seines Muensters +begebe, solle ihm vom Boesen kein Haar gekruemmt werden. Sehen Sie, das +ist die Geschichte; da werde jetzt einer klug daraus! Was halten Sie +davon?" + +In aengstlicher Spannung hatte Ida zugehoert; in hellem Wasser +schwammen ihr die grossen blauen Augen, die volle schoene Schwanenbrust +hob sich unter der durchsichtigen Chemisette, als wolle sie einen +Berg von sich abwaelzen; die Stimme versagte ihr; sie konnte nicht +gleich antworten. + +"O Gott!" rief sie, "was ich geahnt, scheint wahr zu sein: der arme +Mensch ist gewiss wahnsinnig; denn an die toerichte Konjektur des +Kuesters werden Sie doch nicht glauben?" + +"Nein, gewiss glaube ich an solche Torheiten nicht; aber auch was Sie +sagen, scheint mir unwahrscheinlich; sein Auge ist nicht das eines +Irren, sein Betragen ist geordnet, artig, wenn auch verschlossen." + +"Aber haben Sie nicht bemerkt," unterbrach ihn Ida, "nicht bemerkt, +wie unruhig er wurde, wie sein Auge rollte, als es elf Uhr schlug? +Gewiss hat es eine ganz eigene Bewandtnis mit dieser Stunde, und +irgend eine Gewissenslast treibt ihn wohl um diese Zeit, Schutz in +dem Heiligtum zu suchen, das jedem, der muehselig und beladen koemmt, +offen steht." + +"Ihr Frauen habt in solchen Sachen oft einen ganz eigenen Takt," +antwortete der Hofrat, "und sehet oft weiter als wir; doch will ich +auch hier bald auf der Spur sein; denn mich peinigt alles, was ich +nur halb weiss, und mein Idchen weiss mir vielleicht auch Dank, wenn +ich mit dem Herrn Nachbar Bleichwangioso aufs reine komme; das +greifen wir so an: Der Mondwirt ist mein spezieller Freund, weil ich +gewoehnlich abends mein Schoeppchen bei ihm trinke und mir seit zehn +Jahren das Essen von ihm holen lasse. Ich speise nun die naechsten +paar Tage an seiner Tafel, und er muss mein Kuvert neben das seines +bleichen Gastes setzen lassen; bekannt will ich bald mit ihm sein, +und habe ich ihn nur einmal auf einem freundschaftlichen Fuss, so will +ich den alten Diener aufs Korn fassen. Natuerlich holt man weit aus +und faellt nicht mit der Tuere ins Haus; aber ich habe schon mehr +solche Kaeuze ausgeholt, es ist nicht der erste." + + * * * * * + + + + +DAS DEJEUNER. + +"Das ist herrlich," sagte Ida und streichelte ihm die Wangen wie +ehemals, wenn er ihr etwas geschenkt oder versprochen hatte. "Das +machen Sie vortrefflich; zum Dank bekommen Sie aber auch etwas +Extragutes, und jetzt gleich!" Sie stand auf und ging hinaus; dem +Hofrat pupperte das Herz vor Freude, als er das wunderherrliche +Maedchen dahingehen sah; die zarten Fuesschen schienen kaum den +tuerkischen Fussteppich zu beruehren, der einfache, blendendweisse +Batistueberrock verriet in seinem leichten Faltenwurf das Ebenmass +dieses herrlichen Gliederbaues, diese frische, jugendliche +Kraeftigkeit! Er versank in Gedanken ueber das holde Geschoepf, das +allen Lockungen der Residenz Trotz geboten, sich das jungfraeuliche +Herz frei bewahrt von Liebe und jetzt, als sie in ihre kleine +Vaterstadt zurueckkommt, am ersten Abend einen Mann findet, den sie-- +nein! sie konnte es nicht leugnen, es war ja offenbar, dass sie ihm +mit der hohen Glut der ersten jungfraeulichen Liebe zugetan sei. Aber +wie? Durfte er, der gereifte Mann, diese Neigung, die doch +wahrscheinlicherweise kein vernuenftiges Ende nehmen konnte, durfte er +sie unterstuetzen? Konnte nicht der landfremde, wie es schien, sogar +gemuetskranke Mensch alle Augenblicke wieder in seinem Landau sitzen +und weiterfahren? Doch der Karren war jetzt schon verfahren.-- + +Ida trat ein, das Gesichtchen war hochgeroetet, sie trug einen +silbernen Teller mit zwei Bechern, ein Kammermaedchen folgte mit +allerlei Backwerk. "Schokolade mit Kapwein abgeruehrt," sagte Ida +laechelnd, indem sie ihm einen Becher praesentierte; "ich kenne den +Geschmack meines Hofraetchens gar wohl, darum habe ich dieses +Fruehstueck gewaehlt, und--denken Sie, wie geschickt ich bei Madame La +Truiaire geworden bin,--ich habe ihn ganz allein selbst gemacht, +Gesicht und Arme gluehen mir noch davon; versuchen Sie doch, er ist +ganz delikat ausgefallen." + +Sie lueftete, ohne sich vor dem alten Freund zu genieren, das leichte +UEberroeckchen; eine himmlische Aussicht oeffnete sich, der weisse +Alabasterbusen schwamm auf und nieder, dass der Hofrat die alten Augen +in seine Schokolade heftete, als solle er sie mit den Augen trinken. +"Hierher sollte einer unserer jungen Herren kommen," dachte er, +"Kapweinschokolade in den Adern, ein solches Himmelskind mit dem +offenen leichten Ueberroeckchen vor sich--ob er nicht rein von Sinnen +kaeme!" Beinahe ebenso grossen Respekt als vor ihren entfesselten +Reizen bekam er aber vor der Kochkunst des Maedchens. Die Schokolade +war so fein, so wuerzig, das rechte Mass des Weines so gut beobachtet, +dass er bei jedem Schlueckchen zoegerte zu schlucken. + +Idchen aber schien ihre Schokolade ganz vergessen zu haben; denn ein +neues Schauspiel bot sich ihren Augen dar. Der wohlbekannte Diener +des Fremden fuehrte ein Paar prachtvolle Pferde vor das Portal des +goldenen Mondes. Sie selbst war soviel Reiterin, dass sie wohl +beurteilen konnte, dass besonders das eine Pferd, ein majestaetischer +Stumpfschwanz, Tigerschimmel, von unschaetzbarem Wert sei. Auch +Berner, der in allen Saetteln gerecht war, stimmte bei und pries die +einzelnen Schoenheiten des Schimmels, besonders auch das elegante, +geschmackvolle Reitzeug. + +Ida wagte voll Erwartung kaum Atem zu holen; der Mondwirt, ein +stattlicher Vierziger, trat gravitaetisch aus dem Torweg und +bekomplimentierte sich mit dem alten Diener um die Ehre, die Zuegel +des Tigerschimmels zu halten. Als aber dieser sich dieses Geschaeft +nicht nehmen liess, hielt er den Steigbuegel. Emil von Martiniz, in +einem eleganten Morgenueberrock, trat jetzt aus der Halle, gefolgt von +dem Oberkellner; er streichelte den schlanken Hals seines Schimmels +und warf ueber ihn weg oft seine Blicke zu dem Fenster gegenueber, wo +Ida neben dem Hofrat sass. + +Indem toente der Hufschlag eines in kurzem Galopp ansprengenden +Pferdes die Strasse herauf; es kam naeher, es war der junge Dragoner- +Freier, Leutnant von Schulderoff. Er hatte die gute Uniform an und +von einem seiner Kameraden eine prachtvolle Tigerdecke entlehnt und +langte jetzt in vollem Wichs vor des Praesidenten Haus an. + +Nach Vorschrift der gnaedigen Mama liess er jetzt mit einem Blick auf +die Holdselige seine Reitpeitsche fallen; im Nu war der geuebte +Voltigeur herab von seinem Rappen; aber gerade, als er wieder +aufspringen wollte, scheute sein Ross an denen, die vor dem goldenen +Mond standen, machte einen Seitensprung und dann im Karriere davon, +gerade auf einen Kirchplatz zu, wo viele Kinder, die gerade aus der +Schule kamen, ihre unschuldigen Spiele trieben. Der Mondwirt, der bis +letzt noch immer den Buegel gehalten, flog rechts, der alte Diener +links, und _ventre a terre_ flog Martiniz mit Windeseile dem +Rappen nach, ueberholte ihn noch drei Schritte vor einem Haufen +Kinder, die keinen Ausweg mehr hatten und klaeglich schrien, riss sein +eigenes Ross herum, packte mit Riesenkraft den Ausreisser und brachte +ihn zum Stehen. Alles dies war das Werk eines Augenblicks. Der +liebende Dragoner hinkte auf seinen Freiersfuessen dem Rappen nach, +murmelte einige Flueche, die wie ein Dank lauten sollten, sass auf und +jagte davon. Martiniz aber ritt, ohne auf den tausendstimmigen +Beifall, der ihm von der Menge, die sich versammelt hatte, zugejubelt +wurde, zu achten, zurueck, gruesste ehrerbietig an des Praesidenten Haus +hinauf und zog, gefolgt von dem alten Diener, auf seinem Morgenritt +weiter. + +Ida hatte in dem schrecklichen Moment das Fenster aufgerissen; sie +hatte die Gefahr der armen Kleinen, hatte mit steigender Angst den +gefaehrlichen Moment gesehen, wo Martiniz in gestreckter Karriere sein +Pferd herumriss, auf die Gefahr hin, zu ueberstuerzen; sie haette moegen +mit jener Menge laut aufjauchzen und konnte sich nicht enthalten, als +er vor ihrem Fenster vorbeikam, seinen Gruss so freundlich als moeglich +zu erwidern. Dieser Moment war entscheidend; in der Angst, die sie +fuehlte, ward sie sich bewusst, wie teuer ihr der Mann war, der dort +hinflog. Das gepresste Herz, die stuermisch wogende Brust rang nach +einem Ausweg. Der Hofrat wollte seinen alten Sarkasmus wieder spielen +lassen; aber er draengte ihn zurueck, als ihn das Maedchen so bittend +ansah, als sie seine Hand drueckte und die hellen, vollen Traenen aus +den sanften Augen herabfielen. "Ich bin ein rechtes Kind, nicht wahr, +Hofrat? Aber ueber solche Szenen kann ich nicht anders, muss ich +unwillkuerlich weinen. Lachen Sie nur nicht ueber mich! Es wuerde mir +gerade jetzt recht wehe tun." + +"Gott bewahre mich, dass ich lache," entgegnete der Hofrat; "wenn +eines im hoechsten Fieberparoxismus ist, wie Sie, Goldkind, so lacht +man gewoehnlich nicht." Er dankte ihr fuer ihre Schokolade, nahm Stock +und Hut und liess das Maedchen mit ihrem siebzehnjaehrigen, von dem Keim +der ersten Liebe stuermisch bewegten Herzchen allein. + + * * * * * + + + + +DER BRIEF + +Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Praesidenten Haus kam, um +ihn, da er ihn heute frueh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida +wieder so vergnuegt und froehlich wie immer. Das ewige Aprilwetter! +dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen, +so darf man gewiss sein, dass uns auch der Abend noch traurig oder doch +ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander +wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Praesidenten, der gewoehnlich vor +dem Kaffee noch ein halbes Stuendchen tischelte; gegenueber hatte er +das liebe Aprillen-Kind und noetigte sie durch sein beredtes +Mienenspiel, wodurch er sie an heute frueh erinnerte, alle Augenblicke +zum Lachen oder Rotwerden. + +"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Praesident, +"haette ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie koennen mir durch +Ihre Umgaenglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die +Sie haben, einen sehr grossen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom +Minister-Staatssekretaer ein Brieflein, worin mir unter den groessten +Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als +Praesident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen. +Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem grossen +Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die +Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding fuer meinen Tod nicht +leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt." + +Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Faellen der Staatssekretaer +von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und +begann: + +"--Naechstdem wurde mir hoeheren Orts der Wink gegeben, dass, da ein +sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde, +ihm aller moegliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter +Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre +plenipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im +Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich +bedeutende Gueter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen +Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muss daher womoeglich +im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz koennen, wenn solches gelingen +sollte, auf grossen Dank hoehern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als +altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande +ansiedelte und sein Vermoegen hereinzoege, die Hand der Graefin Aarstein +Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird." + +Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch +erroetet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der ueber den Brief +weg zu ihr hinueber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam, +wurde die Freude schwaecher; ein dreifacher Millionaer war nicht fuer +Idas bescheidene Wuensche; als aber die Hand der Graefin Aarstein nach +ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den +Wangen des zitternden Maedchens, sie senkte das Lockenkoepfchen tief, +und eine Traene, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl +sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das +verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab. + +Sie kannte diese Graefin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die +natuerliche Tochter des Fuersten .....; von ihm mit ungeteilter +Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermoegen ausgestattet, lebte +sie in der Residenz wie eine Fuerstin. Sie war einmal einige Jahre +verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte +den Grafen Aarstein genoetigt, seine Person von ihr scheiden und ihr +nur seinen Namen zurueckzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz; +sie galt dort in der grossen Welt als Dame, die ihr Leben zu geniessen +wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hoerte man +von der Graefin, dass sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes +fuehre, zehn Liebeshaendel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so +viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich +nicht entbloede, mit dem Geringsten zu liebaeugeln, wenn seine Formen +ihr gefielen. + +So war Graefin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in +der Residenz die reine jungfraeuliche Ida von dieser ueppigen Buhlerin +zurueckgeschreckt; so oft sie zu ihren glaenzenden Soirees geladen war, +wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit +zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren +Geschaeft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war, +sie sollte der ernste, unglueckliche junge Mann mit dem ruehrenden Zuge +von Wehmut, dem gefuehlvollen, sprechenden Auge-- + +Berner hatte schweigend den Brief noch einmal ueberlesen und legte ihn +dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurueck. "Nun, was sagen Sie +zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Praesident. "Wahr ist es, der +Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht +hinauslassen darf, ja, ja,--man muss negoziieren, dass er in unserem +Kreise bleibt. Da koennte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um +zweimalhunderttausend Taelerchen ist Schloss, Gut, Wiesen, Feld, Fluss, +See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis +ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht uebel gekartet +von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der +Fuerst uebernehmen muesste; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du +kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?" + +"Nie!" antwortete Ida unter den Loeckchen hervor und sah noch immer +nicht vom Teller auf. + +"Nie?" fragte der Praesident gereizt. "Ich will nicht hoffen, dass die +gnaedige Graefin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat +sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?" + +"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie +dazu, hinzugehen." + +"Was der T--! Ich haette geglaubt, du waerest ein vernuenftiges, +gesittetes Maedchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen +und die Einladungen einer Dame, die mit dem fuerstlichen Hause so nahe +liiert ist, refuesieren?" + +"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen," +antwortete Ida und hob das von Unmut geroetete Gesichtchen empor; "man +hat sich vielleicht gedacht, dass es der Ehre eines unbescholtenen +Maedchens wohl anstehe, so fern als moeglich von der Frau Graefin zu +bleiben." + +"So sieht es dort aus?" fragte der Praesident kopfschuettelnd. "Nun, +nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darueber +weg. Ich mag dir hierueber nichts sagen, ihr jungen Maedchen habt eure +eigenen Grundsaetze; nur waere es wegen der jetzigen Verhaeltnisse +besser gewesen, du haettest sie oefter gesehen; denn wenn sie sich hier +in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre +ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft +die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Graef in +Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz +negligiertest?" + +"Nun, Graefin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und +laechelte dabei so geheimnisvoll, dass es sogar dem Praesidenten +auffiel. + +"Nun, Er spricht ja so sicher ueber diesen Punkt," sagte dieser, "als +kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem +Fundament." + +"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," laechelte Berner; +"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--" + +"Wie," unterbrach ihn der Praesident, "er ist schon hier? Und wir +schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--" + +"Fraeulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete +jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich." + +"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat +Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?" + +"Nein--ja--" antwortete Ida, noch hoeher erroetend. "Ich habe mit ihm +getanzt, das ist alles." + +"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natuerlich, ein +aeltlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?" + +"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis +vierundzwanzig Jaehrchen haben. Uebrigens koennen Exzellenz seine +Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drueben im Mond." + +Der Praesident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie +der junge Mann am besten zu halten sein moechte; denn er trieb alles +gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog, +rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnuegen als moeglich +zu geben. Der Hofrat nahm es ueber sich, die Sache einzuleiten, und +der Praesident ging um ein Geschaeft leichter in sein Kollegium. + + * * * * * + + + + +OPERATIONSPLAN. + +Als er weg war, sahen sich Ida und Berner eine Zeitlang an, ohne ein +Wort zu wechseln. Der Hofrat, dem das lange Schweigen peinlich wurde, +zwang sich, obgleich ihm die wehmuetige Freundlichkeit in Idas +Gesicht, ihr traenenschwerer Blick bis tief ins Herz hinein wehe tat, +zum Laecheln. "Nun, wer haette es," sagte er, "wer haette es dem +leidenden Herrn von gestern nacht angesehen, dass er drei Millioenchen +habe? Wie dumm ich war, dass ich glaubte, er weine in seinem Landau, +weil er keine Wechselchen mehr habe! Wer haette es dem truebseligen +Schmerzenreich angesehen, dass er bald eine so glaenzende, lustige +Partie machen wuerde!" + +Ida schwieg noch immer; es war, als scheute sie sich vor dem ersten +Wort, das sie vor dem Freund, der ihr Herz so tief durchschaut hatte, +auszusprechen habe. + +"Oder wie?" fuhr er fort. "Wollen wir eine Allianz schliessen, mein +liebes Aprillen-Wetterchen, dass die Graefin Aarstein ihre Schulden +nicht zahlen kann, dass--" + +"O Berner, verkennen Sie mich nicht," sagte Ida unter Traenen; "es ist +gewiss nur das reine Mitleiden, was mich noetigt, auszusprechen, was +sonst nie gesprochen worden waere. Sehen Sie, dieses Weib ist die +Schande unseres Geschlechts! Sie ist so schlecht, dass ein ehrliches +Maedchen erroeten muss, wenn es nur an ihre Gemeinheit denkt. Pruefen Sie +den jungen Mann da drueben, und wenn er ist, wie er aussieht, wenn er +edel ist und trotz seines Reichtums ungluecklich, so machen Sie, dass +er nicht noch ungluecklicher wird; suchen Sie ihn aus den Schlingen, +die man um ihn legen wird, zu reissen--" + +"Das kann niemand besser als mein Idchen," entgegnete jener und sah +ihr recht scharf in das Auge; "wenn mich nicht alles truegt, haengt das +Goldfischchen an einem ganz anderen Haken als dem, womit ihn der +Minister koedern will; nur nicht gleich so rot werden, Kind! Ich will +alles tun, will ihm sein Leben angenehm machen, wenn ich kann, will +ihm die Augen auftun, dass er sieht, wohin er mit der Aarstein kommt, +will machen, dass er sich in unserer Gegend ankauft und seine drei +Millionen ins Land zieht, will machen, dass er mein Maedchen da lie--" + +"Still, um Gottes willen," unterbrach ihn die Kleine und prusste ihm +das kleine, weiche Patschhaendchen auf den Mund, dass er nicht weiter +reden konnte. "Wer spricht denn davon? Einen Millionaer mag ich gar +nicht; es waere ganz gegen meine Grundsaetze; nur die Schlange im +Residenzparadies soll ihn nicht haben; vom uebrigen kein Wort mehr, +unartiger Mann!--" + +Verschaemt, wie wenn der Hofrat durch die glaenzenden Augen +hinabschauen koennte auf den spiegelklaren Grund ihrer Seele, wo die +Gedanken sich insgeheim draengten und trieben, sprang sie auf und an +den Fluegel hin, uebertoente die Schmeichelworte des Hofrats mit dem +rauschendsten Fortissimo, drueckte sich die weichen Knie rot an dem +Saitendaempfer, den sie hinauftrieb, um die Toene so laut und schreiend +als moeglich zu machen, um durch den Sturm, den sie auf den +Elfenbeintasten erregte, den Sturm, der in dem kleinen Herzchen +keinen Raum hatte, zu uebertaeuben. + +Verzweiflungsvoll ueber den halloenden Schmetter dieses Furioso +enteilte der Hofrat dem Salon. Aber kaum hatte er die Tuere +geschlossen, so stieg sie herab aus ihrem Tonwetter; die gellenden +Akkorde loesten sich auf in ein suesses, fluesterndes Dolce, sie ging +ueber in die schoene Melodie: "Freudvoll und leidvoll"; mit Meisterhand +fuehrte sie dieses Thema in Variationen aus, die aus ihrem innersten +Leben herauf stiegen; durch alle Toene des weichsten Moll klagte sie +ihren einsamen Schmerz, bis sie fuehlte, dass diese Toene sie viel zu +weich machen, und ihr Spiel, ohne seine Dissonanzen aufzuloesen, +schnell wie ihre Hoffnung endete. + + * * * * * + + + + +DIE MONDWIRTIN. + +Im Goldenen Mond drueben ging es hoch her. Drei Zimmer in der Beletage +vorn heraus hatte schon lange Zeit kein Fremder mehr gehabt. Die +Mondwirtin hatte daher alles aufgeboten, um diese Zimmer so anstaendig +als moeglich zu dekorieren; das mittlere hatte sie durch einen +eleganten Armoir zum Arbeits-, durch ein grosses Sofa zum +Empfangzimmer eingerichtet. Das linke nannte sie Schlafkabinett, das +rechte, weil sie ihren ganzen Vorrat ueberfluessiger Tassen und eine +bronzierte Maschine auf einen runden Tisch gesetzt hatte, das +Teezimmer. Auch an der _Table d'hote_, wo sonst nur einige +Individuen der Garnison, einige Forst- und Justizassessoren, +Kreissteuereinnehmer und dergleichen, selten aber Grafen sassen, waren +bedeutende Veraenderungen vorgegangen. Zum Dessert kam sogar das +feinere Porzellan mit gemalten Gegenden und die damaszierten +Strassburger Messer, die sonst nur alle hohen Festtage aufgelegt +wurden. + +Dass ihr angesehener Goenner und spezieller Freund, der Hofrat Berner, +jetzt im Mond statt zu Haus essen wollte und augenscheinlich dem +Grafen zu Ehren, zog einen neuen Nimbus um die Stirne des letzteren +in den Augen der Frau Mondwirtin. Sie war ganz vernarrt in ihren +neuen Gast. Schon als er in dem herrlichen Landau mit den vier +Postpferden, den aus Leibeskraeften blasenden Schwager darauf, +vorfuhr, als der reichbordierte Bediente dem jungen Mann heraushalf, +sagte sie gleich zu ihrem Ehezaerter: "Gib acht, das ist was +Vornehmes." + +Als sie aber dem Brktzwisl,--so nannte sich der gute alte Diener,-- +die Kommoden in den drei Zimmern oeffnete, ihm die Kleider und Waesche +seines Herrn aus den Koffern nehmen, sortieren und ordnen half, da +schlug sie vor Seligkeit und Staunen die Haende zusammen. Sie hatte +doch von ihrer Mutter gewiss recht feine, sanfte Leinwand zum +Brauthemdchen bekommen; aber das war grober Zwillich gegen diese +Hemden, diese Tuecher--nein, so etwas Extrafeines, Schneeweisses +konnte es auf der Erde nicht mehr geben wie dieses. + +Es ist kein uebles Zeichen unserer Zeit, wo der Edelmann seinen Degen +abgelegt hat und Grafen und Barone im naemlichen Gewand wie der +Buergerliche erscheinen, dass die Frauen dem Fremden, der zu ihnen +kommt, nach dem Herzen sehen, das heisst nach seiner Waesche. Ist sie +grob, unordentlich oder gar schmutzig, so zeigt sie, dass der Herr aus +einem Hause sein muesse, wo man entweder seine Erziehung sehr +vernachlaessigte, oder selbst _malpropre_ und unordentlich war. +Wo aber der blaeuliche oder milchweisse Glanz des Halstuches, die +feinen Faeltchen der Busenkrause und des Hemdes ins Auge fallen, da +findet gewiss der Gast Gnade vor den Augen der Hausfrau, weil sie +immer dieses Zeichen guter Sitte ordnet und aufrecht erhaelt. + +Auch die Freilinger Mondwirtin hatte diesen wahren Schoenheitssinn, +diese angeborene Vorliebe fuer schoenes Linnenzeug in ihrer oft +schmutzigen Wirtschaft noch nicht verloren; daher der ungemeine +Respekt vor dem Gast, als sein Diener ihr die feinen Hemden +dutzendweis, bald mit gelockten, bald mit gefaeltelten Busenstreifen, +bald mit, bald ohne Manschetten aus den geoeffneten Koffern +hinueberreichte. Und als er vollends an die Unzahl von Hals- und +Sacktuechern kam, wovon sie jedes zum hoechsten Staat in die Kirche +angezogen haette, da vergingen ihr beinahe die Sinne. "Ach, wie +fuerstlich ist der Herr ausgestattet! Das hat gewiss die gnaedige Frau +Mama ihm mitgegeben?" + +"Der tut schon lange kein Zahn mehr weh," gab Brktzwisl zur Antwort. + +"Ist sie tot, die brave Frau, die so schoene Linnen machte?" sagte die +mitleidige Mondwirtin. "Aber die gnaedigen Fraeulein Schwestern haben--" + +"Hat keine mehr. Vor einem Jahre starb die Graefin Crescenz." + +"Auch keine Schwester mehr? Der arme Herr! Aber auf solche exquisite +Prachtwaesche verfaellt kein junger Herr von selbst. Ich kann mir +denken, der gnaedige Herr Papa Exzellenz--" + +"Ist schon lange verstorben," entgegnete das alte Totenregister mit +einem Ton, vor welchem der Wirtin die Haut schauderte. + +"Der arme junge Herr!" rief sie, "was hat er jetzt von seinem schoenen +Linnenzeug, wenn er nach Haus kommt und trifft keine Mutter mehr, die +ihn lobt, dass er alles so ordentlich gehalten, und keine Fraeulein +Schwester, die ihm das Schadhafte flickt und ordnet. Jetzt kann ich +mir denken, warum der gnaedige Herr immer so schwarz angezogen ist und +so bleich aussieht,--Vater tot, Mutter tot, Schwester tot, es ist +recht zum Erbarmen." + +"Ja, wenn's das allein waere!" seufzte der alte Diener und wischte +sich das Wasser aus dem Auge. Doch, als haette er schon zu viel +gesagt, zog er murrend den zweiten Koffer, der die Kleider enthielt, +heran und schloss auf. Die Wirtin haette fuer ihr Leben gerne gewusst, +was sonst noch fuer Unglueck den bleichen Herrn verfolge, dass der +Verlust aller Verwandten klein dagegen aussehe. Aber sie wagte nicht, +den alten Brktzwisl, dessen Name ihr schon gehoerig imponierte, +darueber zu befragen; auch schloss der Anblick, der sich jetzt darbot, +ihr den Mund. + +Die schwarze Kleidung hatte ihr an dem ernsten, stillen Gast nicht so +recht gefallen wollen; sie hatte sich immer gedacht, ein buntes Tuch, +ein huebsches helles Kleid muessten ihn von selbst freundlicher machen. +Aber da blinkte ihr eine Uniform entgegen--nein! Sie hatte geglaubt, +doch auch Geschmack und Urteil in diesen Sachen zu haben. Sie hatte +in frueherer Zeit, als sie noch bei ihrer Mutter war, die Franzosen im +Quartier gehabt, schoene Leute, huebsch und geschmackvoll gekleidet; +spaeter, als sie schon auf den Mond geheiratet hatte, waren die Russen +und Preussen dagewesen, grosse stattliche Maenner wie aus Gusseisen. +Freilich hatten sie nicht die lebhaften Manieren wie die frueheren +Gaeste; aber die knappsitzenden Spenzer und Kutkas waren denn doch +auch nicht zu verachten. Aber vor der himmlischen Pracht dieser +Uniform verblichen sie samt und sonders zu abgetragenen Landwehr- und +Buergermilizkamisoelern. Sie hob den Uniformsfrack vom Sessel auf, +wohin ihn Brktzwisl gelegt hatte, und hielt ihn gegen das Licht; +nein, es war nicht moeglich, etwas Schoeneres, Feineres zu sehen als +dieses Tuch, das wie Samt glaenzte, das brennende Rot an den +Aufschlaegen, die herrliche Posamentierarbeit an der Stickerei und den +Achselschnueren. + +"Das ist die polnische Garde bei uns zu Haus in Warschau," belehrte +sie der alte Diener, dem dieser Anblick selbst das Herz zu erfreuen +schien. "Moechte man da nicht gleich selbst in die mit Seide +gefuetterten Aermel fahren und das spannende Jaeckchen zuknoepfen? Und, +weiss Gott! So wie mein Herr gewachsen, war keiner unter allen! Der +Schneider wollte sich selbst nicht glauben, dass die Taille so fein +und schmal sei, gab noch einen Finger zu und brachte unter Zittern +und Zagen, es moechte zu eng sitzen, sein Kunstwerk; aber Gott weiss, +wie es zugeht, sie war zwar ueber seine breite Heldenbrust gerade +recht, aber hier in den Weichen viel zu weit, und dabei ist an kein +Schnueren zu denken, mein Herr verachtet diese Kunststuecke. Der +Schneider machte einen Sprung in die Hoehe vor Verwunderung; er konnte +es rein nicht begreifen. Die andern Herren beim Regiment liessen sich +Korsette machen mit Fischbein, schnuerten sich zusammen, dass man haette +glauben sollen, der Herzbuendel wolle ihnen zerspringen, und dennoch +rissen die Knoepfe alle drei Tage, wenn sie nur ein wenig mehr als zu +viel gegessen hatten--mein Herr war immer der Fixeste, gedrechselt +wie eine Puppe, und alles ohne ein Lot Fischbein, so wahr ich lebe!" + +"Es ist unbegreiflich, was es fuer herrliche Leute unter den Militaers +gibt," unterbrach ihn die Wirtin, andaechtig staunend. + +"Und dann, Madame, lassen Sie ihn erst noch die Galabeinkleider da +anlegen, den Federhut aufsetzen, seine goldenen Sporen mit den +silbernen Raedchen an den feinen Absaetzchen,--denn Fuesschen hat er +trotz einer Dame,--lassen Sie mich ihm den St. Wladimir in Diamanten +auf die Brust haengen, den Ehrensaebel, den sein Herr Vater vom Kaiser +bekommen und den er aus hoher Gnade als Andenken tragen darf, um den +Leib schnallen--Frauchen, wenn ich ein Maedchen waere, ich floege ihm an +den Hals und kuesste ihm die schwarzen Locken aus der schoenen Stirne. +Und dabei war er so froehlich, die Wangen so rot, das Auge so freudig +blitzend, und alles hiess ihn nur den schoenen, lustigen Martiniz. Das +alles ist jetzt vorbei," setzte der treue Brktzwisl seufzend hinzu, +indem er die Staatsuniform der Wirtin abnahm und in die Kommode +legte, "da liegt das schoene Kleid, nach dem Zehntausend die Finger +leckten; so liegt es seit drei Vierteljahren, und wie lange wird es +noch so liegen!" + +"Aber sagen Sie doch, lieber Herr Wiesel,--Sein Vorderteil kann ich +nicht aussprechen,--sagen Sie doch, warum dies alles? Warum sieht +Sein Herr so bleich und traurig? Warum kleidet er sich wie ein junger +Kandidat, da er unsere ganze Garnison in den Boden glaenzen koennte? +Warum denn?" + +Der Alte sah sie mit einem grimmigen Blick an, als wollte er ueber +diesen Punkt nicht gefragt sein. Aber die junge, reinliche, +appetitliche Wirtin mochte doch dem tauben Mann zu zart fuer eine +derbe Antwort vorkommen. "Bassa manelka!" sagte er unfreundlich. +"Warum? Weil--ja, sehen Sie, Madame, weil, weil wir, richtig--weil +wir als Zivil reisen," und nach diesem war auch kein Sterbenswoertchen +mehr aus ihm herauszubringen. + + * * * * * + + + + +DER POLNISCHE GARDIST. + +Dies alles hatte die Wirtin dem Hofrat erzaehlt, der sich in dem +schoenen Speisesaal wohl eine Stunde frueher als die uebrigen Gaeste zur +Abendtafel eingefunden hatte, um so allerlei Nachrichten, die ihm +dienen konnten, einzuziehen. Er hatte sie ganz aussprechen lassen und +nur hie und da seinen Graukopf ein wenig geschuettelt; als sie zu Ende +war, dankte er fuer die Nachrichten. "Und ihn selbst, Ihren +wunderlichen Gast, haben Sie noch nicht gesprochen oder beobachtet? +Ich kenne Ihren Scharfblick; Sie wissen nach der ersten Stunde +gleich, was an diesem oder jenem ist, und auch ueber Leben und Treiben +fangen Sie hie und da ein Woertchen weg, aus dem sich viel schliessen +laesst." + +Die Geschmeichelte laechelte und sprach: "Es ist wahr, ich betrachte +meine Gaeste gern, und wenn man so seine acht oder zehn Jaehrchen auf +einer Wirtschaft ist, kennt man die Leute bald von aussen und innen. +Aber aus dem da droben in der Beletage werde ein anderer klug. Mein +Mann, der sich sonst auch nicht uebel auf Gesichter versteht, sagt: +'Wenn es nicht ein Polack waere, so musste er mir ein Englaender sein, +der den Spleen hat.' Aber nein, wir hatten auch schon Englaender, die +den Spleen faustdick hatten, tage-, wochenlang bei uns; aber die +seien griesgraemig, unzufrieden in die Welt hinein; aber die Frauen, +nehmen Sie nicht uebel, Herr Hofrat, haben darin einen feinern Takt +als mancher Professor. Der Graf sieht nicht spleenigt und griesgraemig +aus, nein, da wette ich, der hat wirkliches Unglueck; denn die Wehmut +schaut ihm ja aus seinen schwarzen Guckfenstern ganz deutlich heraus. +Denke ich den Nachmittag, du gehst einmal hinauf und sprichst mit +ihm, vielleicht, dass man da etwas mehr erfaehrt als von dem alten +Burrewisl. Im Teezimmer sitzt mein stiller Graf am Fenster, die +Stirne in die hohle Hand gelegt, dass ich meine, er schlaeft oder hat +Kopfweh. Drueben spielte gerade die Fraeulein Ida auf dem Fluegel so +wunderschoen und ruehrend, dass es eine Freude war. Dem Grafen musste es +aber nicht so vorkommen; denn die hellen Perlen standen ihm in dem +dunklen Auge, als er sich nach mir umsah." + +"Wann war denn dies?" fragte der Hofrat. + +"So gegen vier Uhr ungefaehr; wie ich nun so vor ihm stehe und er mich +mit seinem sinnenden Auge mass, da muss ich feuerrot geworden sein; +denn da fiel mir ein, dass doch nicht so leicht mit vornehmen Leuten +umzugehen sei, wie man sich sonst wohl einbildet; er ist auch nicht +so ein Herr Obenhinaus und Nirgendan wie unsere jungen Herren, mit +denen man kurzen Prozess macht; nein, er sah gar zu vornehm aus. 'Ich +wollte nur gefaelligst fragen, ob Ew. Exzellenz mit Ihrem Logis +zufrieden seien?' hub ich an. + +"Er stand auf, fragte mich, ob ich Madame waere, holte mir,--denken +Sie sich, so artig, als waere ich eine polnische Prinzess,--einen Stuhl +und lud mich zum Sitzen ein. Es ist erstaunend, was der Herr +freundlich sein kann; aber man sieht ihm doch an, dass es nicht so +recht von Herzen gehen will. + +"An dem Logis hatte er gar nichts auszusetzen, und auch die Strasse +gefiel ihm. Das Gespraech kam auf die Nachbarschaft und auch auf +Praesidents Haus; ich erzaehlte ihm von dem wunderschoenen Fraeulein, die +erst aus der Pension gekommen, und wie sie so gut und liebenswuerdig +sei, von dem alten Herrn drueben, und dass die gnaedige Frau schon lange +tot sei, und ich hatte mich so ins Erzaehlen vertieft, dass ich gar +nicht merkte, wo die Zeit hinging, und statt ihn auszufragen, hatte +ich die Gelegenheit so dumm verplaudert!" + +"Schade! Jammerschade!" lachte Berner ueber die sprachselige Wirtin. + +"Und wie gut der Herr ist! Denken Sie sich nur, hinten im Garten, wo +es nun freilich zu jetziger Jahreszeit nicht mehr schoen ist, sitzt +mein Luischen,--das Dingelchen ist jetzt acht Jahre und schon recht +vernuenftig,--sitzt es im Garten und weiss nicht, dass ein so vornehmer +Herr hinter ihm steht. Ich war in der Kueche und sah alles mit an; +mein Luischen kann allerhand schnackische Lieder, auch ein +schwaebisches, ich weiss nicht, wer sie es gelehrt hat; wie nun der +Graf hinter ihr steht, faengt der Unband an zu singen: + + "''n bissel schwarz und 'n bissel weiss, + 'n bissel polnisch und 'n bissel deutsch, + 'n bissel weiss und 'n bissel schwarz, + 'n bissel falsch ist mei Schatz!' + +"Ich glaube, ich muss vor Scham in den Wurstkessel springen, dass mein +Kind so ungebildetes Zeug singt; was musste nur der Graf von meiner +Erziehung denken! Ihm aber schoss das helle, klare Schmerzenswasser in +die Augen; er bog sich nieder, nahm das Dingelchen auf den Arm, +herzte und kuesste es; dass mir bruehsiedheiss wurde, und fragte, wo sie +das Liedchen her habe. + +"Das Kind weiss vor Schrecken gar nicht zu antworten; mein Herr Graf +aber langt in die Tasche, kriegt einen blanken Taler heraus und +verspricht, wenn es das Verschen noch einmal deutlich sage und +zweimal singe, so bekomme es den Taler. Ich haette ihm befehlen moegen, +wie ich haette moegen, es haette nicht gesungen. Der Taler aber tat +seine Wirkung; sie sagte ihr Spruechlein ganz mir nichts dir nichts +auf und sang nachher das 'bissel polnisch und 'n bissel deutsch', wie +wenn es so sein muesste. Den Taler bekam es richtig; er liegt in der +Sparbuechse, in ein Papier geschlagen, und darauf steht deutlich, dass +sie es in zwoelf Jahren noch lesen und einmal ihren Kindern noch +zeigen kann: _Den 12. November 1825 bekommen vom polnischen +Gardeoffizier, Grafen von Martiniz._" + + * * * * * + + + + +DER HOFRAT AUF DER LAUER. + +Die Gaeste waren nach und nach alle zur Abendtafel herbeigekommen. +Madame trennte sich von dem Hofrat mit dem Versprechen, ihm naechstens +wieder zu erzaehlen. Der Hofrat sann nach ueber das, was er gehoert; die +Szenen und Winke, die ihm Madame Plappertasche vorgesetzt hatte, +gingen ihm wie ein Muehlenrad im Kopfe herum; sinnend kam er an seinen +Platz und setzte sich nieder. "Vater tot, Mutter tot, Schwestern tot, +und dennoch hatte der alte Diener gesagt: 'Ja, wenn es dies +_allein_ waere!', Was konnte ihm denn sonst noch gestorben sein? +Etwa eine Gel--Nein! Geliebt konnte er nicht haben; denn wie koennte +er nach drei Vierteljahren,--so lange hatte der Diener gesagt, sei er +traurig,--wie koennte er nach so kurzer Frist schon wieder um eine +Graefin Aarstein auf die Freite gehen? Unmoeglich!--Haette, wenn jenes +doch der Fall waere, haette Ida auf ihn einen solchen Eindruck--" + +Ja, was wollte er eigentlich, der gute Hofrat? Ida hatte bestimmt auf +ihn einen grossen Eindruck gemacht, das war auf dem Ball ganz und gar +sichtbar; denn er schaute ja nur nach ihr und immer wieder nach ihr, +und sein ernstes Gesicht, wie klaerte es sich auf, als sie ihn im +Kotillon holte! Heute frueh, hatte er nicht einen Feuerblick gegen sie +heraufgeworfen, als haette er eine Congrevesche Batterie hinter den +Wimpern aufgefahren? War es ihm selbst nicht, als sollte die +Schokolade in seiner Hand, von diesen Brennspiegeln getroffen, +anfangen zu sieden? + +Heute abend, wer hatte denn da hinter den roten Gardinen auf des +Maedchens gefuehlvolles Spiel gelauscht als er? Wer war so geruehrt +davon, dass ihm die hellen Traenen hervorperlten, als der gute Graf +Martiniz? Und Idchen--nun, die war ja rein weg in den Mondgast +verschossen. "Die Aktien stehen gut!" lachte der Hofrat in sich +hinein und rieb sich unter dem Tisch die Haende; "bin neugierig, ob +diesmal der alte vergessene Hofrat nicht weiter kommt mit seinem +guten, ehrlichen Hausverstand als der Herr Minister-Staatssekretaer +Superklug und Uebergescheit in der Residenz mit seinen diplomatischen, +extrafeinen Kniffen; mir muss das Goldfischchen in das Netz, mir muss--" + +"Wenn ich nicht irre, mein Herr, so hatte ich gestern schon das +Vergnuegen--" toente dem alten Traeumer, der ueber seinen staatsklugen +Plaenen die Tafel, Nachbarschaft und alles vergessen hatte und jetzt +erschrocken auffuhr und sich umsah, ins Ohr--es war Martiniz, der +sich unbemerkt neben ihn gesetzt hatte. Er haette vor Schrecken in den +Boden sinken moegen; denn sein erster Gedanke war, dieser muesse seine +Gedanken erraten haben, besonders da er sich nicht mehr deutlich +erinnern konnte, ob er nicht etwa, was ihm oft passierte, laut mit +sich selbst gesprochen habe. + +Die Naehe des Fremden uebte eine beinahe magische Gewalt auf den Hofrat +aus, die sinnende, kluge Miene, das neben seinem schwaermerischen +Glanz Verstand und Nachdenken verratende Auge imponierte ihm, jedoch +auf eine Weise, die ihm nicht unangenehm war; es war ihm, als muesse +er sich vor dem jungen Manne recht zusammennehmen, um nirgends eine +Bloesse zu geben oder einen seiner Plaene zu verraten. Die gewoehnlichen +Fragen, wie sich der Gast hier gefalle, Komplimente ueber seine +Reitfertigkeit, mit welcher er heute frueh einem Kinde das Leben +gerettet, und dergleichen, waren bald abgemacht, ohne dass er ueber des +Fremden Gesinnungen naehern Aufschluss bekommen haette. Es kam an die +Gegend des Freilinger Kreises, es wurde gelobt, gepriesen, einzelne +Gueter, die durch Lage und Ertrag sich auszeichneten, naeher +beschrieben; aber auch hier ging der Gast nicht ein; er verlor kein +Woertchen, als wolle er sich nur um einen Taler Land mieten oder +kaufen. + +Der Hofrat haute sich jetzt einen neuen Weg ins Holz, er lobte die +Residenz, das angenehme Leben dort, die Schoenen der Stadt und des +Hofes; jetzt musste er etwas sagen, es musste sich zeigen, ob er die +Aarstein--Der Gast sprach von der Residenz, von den schoenen Anstalten +dort, von der Militaerverfassung, schien namentlich ueber die +Kavallerie sich gerne genauere Aufschluesse geben zu lassen, aber +kein Woertchen ueber die Damen. Endlich, der Hofrat hatte gerade +eine trefflich bereitete _Ortolane a la Provencale_, seine +Leibspeise, am Mund und einen tuechtigen Biss hineingetan, da wandte +sich Martiniz zu ihm herueber und fragte, ob er nicht in der Residenz +die schoene Ar--- schnell wie der Wind fuhr Berner mit seiner Ortolane +auf den Teller, wischte den Mund ab und war ganz Ohr; denn jetzt +musste ja die Graefin aufs Tapet kommen--"ob er nicht die schoene +Armenanstalt kenne, die er in solcher Vollkommenheit nirgends gesehen +habe." + +Dem Hofrat war es auf einmal wieder froh und leicht um das Herz; denn +solange er ja ueber das Verhaeltnis des Polen zur Graefin Aarstein +nichts Gewisses wusste, durfte er immer der Hoffnung Raum geben. Als +die Abendtafel zu Ende war, rief Martiniz nach Punsch und lud seinen +Nachbar ein, mit ihm noch ein Stuendchen zu trinken. Berner sagte zu +und hat es nie bereut; denn hatte ihm der interessante junge Mann +zuvor durch seine aeussere Persoenlichkeit imponiert, so gewann er jetzt +ordentlich Respekt vor ihm, da jener, wie es schien, von dem Punsch, +dem die Mondwirtin eine eigene geheimnisvolle Wuerze zu geben +verstand, aufgetaut, eine so glaenzende Unterhaltungsgabe entwickelte, +wie sie dem Hofrat, obgleich er in seinem Leben vieles gesehen und +gehoert hatte, selten vorgekommen war. Wie freudig war aber sein +Erstaunen, als er nach einer Viertelstunde schon bemerkte, dass er und +sein Nachbar die Rollen getauscht zu haben schienen. Der kluge Alte +bemerkte naemlich bald, dass der Graf auf allerlei Umwegen sich immer +nur einem Ziele, naemlich Ida, naehere. Er konnte dieses Flankieren dem +Ulanenoffizier gar leicht verzeihen; hatte er doch nicht den Dienst +der schweren Kavallerie gelernt, die, wenn "Marsch, Marsch" geblasen +wird, im Karriere gradaus sprengt, das feindliche Viereck durch ihre +eigene Wucht und Schwere im Chok zu zerdruecken. Der Ulan umschwaermt +seinen Feind, sticht nach ihm, wo er eine Bloesse entdeckt, und sucht +auf gefluegeltem Ross das Weite, wenn der Feind sich zu einer Salve +sammelt. So der Garde-Ulan Martiniz. Aber der tapfere Pole mochte +sich tummeln, wie er wollte, seine Angriffe so versteckt machen, als +er wollte, sein Gegner durchschaute ihn; auf Idchen ging es los, und +dem alten Mann pochte das Herz vor Freude, als er es merkte: auf +Idchen ging es los, sie wollte der Pole rekognoszieren. + +Er glaubte den Hofrat drueben am Fenster gesehen, auch gestern auf dem +Ball ein engeres Verhaeltnis bemerkt zu haben; er pries des Maedchens +koeniglichen Anstand, der sie vor den uebrigen Freilinger Damen so hoch +erhebe; er lobte die Zurueckhaltung, mit welcher sie die ungestuemen +Herren zurueckgewiesen habe, pries ihr Spiel und ihren Gesang, womit +sie unbewusst sein einsames Zimmer erheitert habe--eine schoene Roete +war durch das warmgewordene Gespraech auf den Wangen des jungen Mannes +aufgegangen, jener Zug von Unglueck und Wehmut, der sich sonst um +seinen schoenen Mund gelagert hatte, war gewichen und hatte einem +feinen, holden Laecheln Platz gemacht, das Auge strahlte von freudigem +Feuer; er ergriff das Glas, als er ausgesprochen hatte, und zog es +bis zum letzten Tropfen so andaechtig aus, als haette er in seinem +Herzen einen Toast dazu gesprochen. + + * * * * * + + + + +DER SELIGE GRAF. + +"Herzensjunge! liebstes, bestes Graefchen! Soehnchen! Goldpolaeckchen!" +alle Schmeichelnamen haette der Hofrat ausschreien, den trefflichen +Redner an sein Herz reissen und mit vaeterlichen Kuessen bedecken moegen +--aber das 'ging nicht; ein Diplomat vom Fach--und das war er ja bei +seinen jetzigen Negoziationen durch und durch--durfte seine Freude +ueber eine glueckliche Entdeckung, ueber einen unverhofften, koestlichen +Fund nicht laut werden lassen; er schluckte alle jene Ausbrueche des +Vergnuegens wieder hinunter, fasste den Grafen nur mit einem recht +zaertlichen, seligen Blick und bestaetigte weitlaeufig sein treffendes +Urteil. Er beschrieb ihm das Maedchen, wie er es, seit es den ersten +Schrei in die Welt getan, kenne, wie es frueher ein lustiger, +froehlicher Zeisig war, wie es jetzt zur ernsten Jungfrau +herangewachsen sei; ihre Anmut, ihre Geschicklichkeit in Sprachen und +allen Dingen, die ein Maedchen zieren, als da sind: Stricken, Naehen, +Schneidern, Sticken, Kochen, Fruechteeinmachen, Backen, Blumenmachen, +Zeichnen, Malen, Tanzen, Reiten, Klavier- und Gitarrespielen; wie es +in der Residenz trotz der hohen Stellung, die es in der Gesellschaft +eingenommen, doch immer seinem Sinn fuer reine Weiblichkeit gefolgt +sei, wie es seinen reinen, keuschen, kindlichen Sinn auf dem Boden, +wo schon so manches gute Kind ausgeglitscht sei, bewahrt habe. + +"Es ist mir unbegreiflich," setzte er, von dem Eifer, der ihn +beseelte, fortgerissen, hinzu, "rein unbegreiflich, wie dieses, fuer +alles Schoene und Gute gluehende Herz sich in der Residenz so vor aller +Liebe bewahrt hat. Unsere jungen Herren schreien gewoehnlich bei +solchen Maedchen ueber Eiskaelte und Phlegma; aber Gott weiss, +_diesem_ Maedchen kann man dieses nicht nachsagen. Aber unsere +jungen Herren sind meistens selbst daran schuld. Kraft- und marklos +schlendern sie einher auf den Baellen, stehen sie scharweise zusammen, +gucken durch Glaeser von Nr. 4 und 5, die fuer Blinde scharf genug +geschliffen waeren, nach den Reizen der Ballschoenen, lassen ganze +Reihen sitzen und tanzen nicht, und geben sie sich auch einmal zu +einem Walzerchen und Kotilloenchen her, so meint man, sie wollen den +letzten Atem ausschnaufen, so wogt es in den ausgedoerrten +Herzkammern. Kann solche Lumperei einem jungen, schoenen, in der Fuelle +der Kraft strotzenden Maedchen, das zwei solcher Flederwische an die +Wand schleuderte, gefallen? Kann man es einem folgen Engelskind, das +sich so gut wie jede andere abends im Bettchen mit verschlossenen +Augen und verstohlenem Laecheln sein Ideal vormalt und vortraeumt, kann +man es ihr verargen, wenn sie solche Vogelscheuchen gering achtet und +kalt abweist? + +"Ein solches Maedchen soll dann kalt sein wie Eis, soll kein Feuer im +Leib haben! Habe ich doch ueber mein Goldmaedchen gestern abend solche +Urteile hoeren muessen; geschossen haette ich mich um sie, waere ich nur +dreissig Jahre juenger gewesen. Sie haette kein Feuer? Habe ich nicht +gesehen, wie sie heute frueh, als Sie, Herr Graf, das Kind retteten, +das Fenster aufriss und beinahe hinaussprang aus purem Mitgefuehl! Und +dies es Maedchen haette kein Feu--" + +"Das hat sie getan?" fragte der glueckliche Martiniz, bis an die Stirn +erroetend. "Sie hat das Fenster ein wenig geoeffnet und herausgesehen?" + +"Was oeffnen und heraussehen! Dazu braucht man zwei Minuten; aber +aufgerissen hat sie das Fenster, dass sie mir den Schokoladebecher +beinahe aus der Hand schlug, sie war in zwei Sekunden fertig! Sehen +Sie, so ist das Maedchen; Feuer und Leben, wo es etwas Schoenes, +wahrhaft Freudiges, Erhabenes gilt, schwaermerisch empfindsam, wenn +sie wahre Leiden der Seele sieht aber kalt und abgemessen, wenn die +leere, schale Alltaeglichkeit sich ihr aufdraengen will." + +Mit einem Feuerblick an die Decke, die Rechte auf das lautpochende +Herz gelegt, trank Graf Martiniz wieder einen stillen Toast, der +nirgends widerklang, als in seinem tiefen Herzen; aber dort traf er +so viele Anklaenge, dass dieses wehmuetige, traurige Herz, das solange +nichts kannte--als die Wehmut und den Kummer heimlicher Traenen, im +stillen, aber vollen Jubel aufschwoll und sich stolz wie vor Zeiten +unter dem Ordensband hob, das es von aussen zierte. + +Er sagte dem Hofrat, dass er, wenn es moeglich waere, waehrend seines +hiesigen Aufenthalts gerne von einem Empfehlungsschreiben an den +wuerdigen Herrn Praesidenten Gebrauch machte, das er heute durch den +Gesandten seines Herrn von dem Minister-Staatssekretaer bekommen habe. +Der Hofrat versprach freudig, ihn dort einzufuehren und seine Abende +im Umgange mit diesem trefflichen Menschen erheitern zu helfen. Bei +sich lachte er aber ueber den Staatssekretaer, der seine Sachen so +geschickt einzufaedeln wisse; der Graf soll dem Lande bleiben mit +seinen drei Millioenchen, aber die Graefin soll ihn nicht bekommen, +dafuer steht der Hofrat Berner. Auch trank er jetzt im stillen ein +Toastchen und liess mit einem freundlichen, wohlwollenden Seitenblick +die kuenftige Frau Graefin leben. Vivat hoch! scholl es in allen +Winkeln. seines alten treuen Herzens, hoch und abermal h-- + +Da brummte in dumpfen Toenen die Glocke vom Muensterturme elf Uhr. Mit +wehmuetigem Blick sprang Martiniz auf, stammelte gegen den +erschrockenen Hofrat eine Entschuldigung hervor, dass er noch einen +Besuch machen muesse, und ging. Berner konnte sich wohl denken, wohin +der unglueckliche Junge ging. Mitleidig sah er ihm nach und lehnte +sich dann in seinen Stuhl zurueck, um ueber das, was diesen Abend +besprochen worden war, nachzudenken; der Graf hatte einen tiefen +Eindruck auf ihn gemacht; es hatte ihm nicht leicht ein junger Mann +so wohl gefallen wie dieser; so viel Grazie und Feinheit des Umgangs, +so viele Bildung und Kenntnisse, so viel anspruchslose Bescheidenheit +bei drei Millionen Talern; so hohe maennliche Schoenheit und doch nicht +jenes eitle, gefallsuechtige Sichzeigenwollen, das schoenen jungen +Maennern oft eigen ist--nein, es ist ein seltener Mensch und gewiss +beinahe so viel wert als mein Idchen, dachte er; wenn die beiden erst +einmal ein Paar--Die Mondwirtin unterbrach ihn; mit zorngluehendem +Gesichte setzte sie sich hastig auf den Sessel, den Martiniz soeben +verlassen hatte. "Nein, da traue einer den Maennern!" wuetete sie, +"haette ich doch mein Leben eingesetzt fuer diesen Herrn Grafen, haette +geglaubt, er waere ein unschuldiges, reines Blut und kein so Bruder +Liederlich, die an jede Schuerze tappen--" + +"Nun, was ist denn geschehen?" unterbrach sie der aus allen Himmeln +gefallene Hofrat. "Was haben Sie denn, das Sie so aufbringt, +Frauchen?" + +"Was ich habe? Moechte da einem nicht die Galle ueberlaufen? So ein +schoener, reicher Herr, wo es sich manche Dame zur Ehre rechnen wuerde, +in naehere Bekanntschaft--geht auf naechtlichen, liederlichen Wegen, +glaubt, es sei hier in Freilingen auch so eine grossstaedtische +Nachtpromenade; tief in seinen Mantel gehuellt, ist er zum Torweg +hinausgewischt mit dem alten Kuppler, dem Brktzwisl. Will haben, man +solle das Haus offen lassen bis ein Uhr! Aber die Tuere schlage ich +ihm vor der Nase zu; ich brauche keinen solchen Herrn im Hause, der +bei Nacht und Nebel nicht weiss, wo er steckt." + +"Habe ich doch Wunder geglaubt, was es gibt," sagte der Hofrat, +wieder freier atmend; "da duerfen Sie ruhig sein. Der geht nicht auf +schlimmem Wege; er macht noch einen durchaus ehrbaren Besuch; ich +weiss wo, darf es aber nicht sagen." + +Die Wirtin sah ihn zweifelhaft an. "Ist es aber auch so?" sprach sie +freundlicher. "Ist es auch so, und machen Sie mir keine Flausen vor? +Doch Ihnen glaube ich alles aufs Wort, und ich aergere mich nur, dass +ich gleich so Schlimmes dachte, aber die Welt liegt jetzt im argen, +unsern jungen Herren ist nicht mehr ueber die Strasse zu trauen. Sagen +Sie ihm aber um Gottes willen nichts! Ich glaube, er koennte mich mit +einem einzigen Blick verbrennen; es war ja lauter christliche Liebe +zu meinem Nebenmenschen." + +Der Hofrat laechelte fein, indem er ihr die Hand zum Versprechen und +zugleich zum Abschied bot, er jagte ihr alle Roete auf die huebschen +Wangen, sie wusste nicht, wo sie hinsehen, ob sie lachen oder zuernen +solle; denn schon im Fortgehen begriffen, wisperte er ihr ins Ohr: +"Es war all nichts als lauter christliche, nebenmenschliche-- +Eifersucht!" + + * * * * * + + + + +GUTE NACHRICHT. + +Man haette glauben sollen, das Haus des Praesidenten sei ein grosser +Vogelbauer geworden, in welchem Nachtigallen, Kanarienvoegel, Staerchen +und alle Gattungen gefiederter Bewohner waeren. Es huepfte etwas Treppe +auf, Treppe ab; ein suesses Stimmchen hoerte man bald in gehaltenen, +wehmuetigen Toenen singen, bald in froehlichen, scherzenden Rouladen +jauchzen und jodeln wie die Kanarienhaehnchen, bald zwitschern und +plaudern wie Staerchen; aber Haehnchen, Nachtigallen und Staerchen, sie +alle waren in _einer_ Person, Idchen, das vor Freude, vor +Sehnsucht, vor Langeweile und Geschaeftigkeit Treppe auf- und abflog, +mit allen Menschen anband, alle auslachte, alle begruesste und neckte, +allen zugleich befahl und schalt. + +Graf Martiniz hatte dem Vater eine Karte und den Empfehlungsbrief des +Staatssekretaers geschickt; der alte Herr war mit beidem zu ihr +gekommen und hatte sie foermlich um Rat gefragt, was nun zu beginnen +sei: nach seiner Ansicht,--wenigstens war es vor zwanzig Jahren noch +so,--musste man den Fremden zum Mittagessen bitten, zwei Tage nachher +zum Tee, nach zwei Tagen wieder zum Nachtessen, und vor seiner +Abreise musste ihm ein kleiner Hausball gegeben werden. + +Das selige Maedchen drueckte die Augen zu und biss die +_Purpurlippen_ zusammen, um ihre Freude nicht zu verraten; nach +ihrer Ansicht--und das war endlich doch die vernuenftigste--sollte man +ihn auf Mittag zu einer Suppe laden, nachmittags setzte er sich dann +zu ihr ans Klavier, abends trank er mit ihr Tee, und dann konnte ja +ein kleiner Hausball mit einem Souper den seligsten Tag ihres Lebens +schliessen; doch nein; sie nahm sich zusammen und erklaerte ihm, wie +sie das in der Residenz ganz anders gelernt habe. + +"Es wuerde dem guten Grafen ein wenig kleinstaedtisch vorkommen, +wollten wir ihn gleich von vornherein zum Mittagessen einladen. Wir +muessen einen Bedienten hinueberschicken und ihm sagen lassen, dass wir +ihn zur Teestunde erwarten, da wird er dann nicht fehlen; wir bitten +Direktors Pauline und Fraeulein Sorben, den Hofrat, meinetwegen einen +oder den andern Ihrer jungen Raete dazu. Ich mache die Honneurs beim +Tee, und um neun Uhr marschieren die Herrschaften wieder ab. Dem +Grafen sagen Sie, Sie wuenschen ihn oefter bei uns zu sehen und +namentlich um die Teestunde. Ist er einigemal dagewesen, so bittet +man ihn, einmal beim Nachtessen zu bleiben; nachher koche und backe +ich eines Tages recht flott und anstaendig, Sie, lieber Papa, geben +ihm morgens nur so en passant einen Besuch heim und lassen fallen, +ob er nicht einmal, etwa heute, eine Suppe mit uns essen wolle; es +waere unartig, es auszuschlagen. Die Idee mit dem Hausball ist +recht huebsch, uebrigens darf nur _er_ allein merken, dass es _ihm_ +zu Ehren geschieht; wir wuerden uns laecherlich machen, wollten wir den +Leuten sagen, dass wir dem Grafen Martiniz einen Ball geben; es kann +ja heissen, Papa gebe mir einen Einstand in sein Haus." + +Papa Praesident war alles zufrieden, nur wollte ihm die neue Sitte, +dass man sich stelle, als sei alles Natur, was doch nur immer wieder +die alte Kunst ist, nicht recht einleuchten. Er hatte ihr die +Schluessel des Hauses und alle Gewalt im Boden und Keller uebergeben, +und das Maedchen rumorte jetzt als taetige Hausfrau in dem grossen +Gebaeude umher, als sollte sie zwanzig Wagen voll Gaeste empfangen. Sie +sollte ihn sehen, sie sollte ihn sprechen, er musste, wenn er nur +halbwegs so artig war, als er aussah, jetzt alle Wochen wenigstens +viermal herueberkommen--Nein, es war nicht zu sagen, wie himmlisch +selig das Maedchen war! Um zehn Uhr hatte es angefangen zu tollen und +zu rumoren, und schon um zwoelf Uhr war das Teezimmer bereitet, wie es +heute abend sein musste. Erschoepft von den Haushaltungsgeschaeften, +warf sie sich in ein Sofa; sie machte die Augen zu, um sich den Abend +schon recht selig zu traeumen, sie besann sich, wie man ihm den Abend +recht schoen mache, dass er recht oft wiederkomme, sie suchte ihre +beste Musik zusammen, um ihn zu erheitern und die Schwermut von +seiner Stirne zu bannen, so--o, es musste einen herrlichen Abend +geben; da fiel ihr auf einmal die Graef in Aarstein ein, und alle +Freude, aller Jubel war wieder hinweggeflogen; Traene auf Traene stahl +sich aus dem Auge, sie klagte alle Menschen an und war auf sich, auf +die Welt bitterboese. Aber Berner, der nachmittags nur im Flug ein +wenig bei ihr einsprach, verscheuchte diese Wolken. Er war zwar +zu vorsichtig, um ihr den tiefen Eindruck zu schildern, den sie +auf den geliebten Fremden gemacht hatte; aber das sagte er mit +triumphierender Miene, dass sie vor der Aarstein nicht bange haben +solle; er habe gute, koestliche Nachrichten, die dies vollkommen +bestaetigen. Weg war er, ehe sie ihn noch recht fragen konnte, und sie +hatte doch so viel, so unendlich viel zu fragen. Er hatte ihr nur von +der Aarstein gesprochen und wollte sich nichts weiter merken lassen, +der gute Hofrat! Aber wo ist ein Maedchen, das die Flamme der ersten, +reinen Liebe im Herzen traegt, wo ist ein solches Engelskind, das +nicht in ein paar Stunden die groessten Fortschritte in der Kunst zu +schliessen und zu berechnen gemacht haette? Man sprach so viel von +magnetisierten Schlaeferinnen und Clairvoyantes, man schrieb viele +gelehrte Buecher ueber solche seltene Erscheinungen, und wie gewoehnlich +liess man, was am naechsten lag, unbeachtet! Das sind ja die +eigentlichen Clairvoyantes, die Maedchen mit der ersten, kaum +erkannten Sehnsucht in der Brust; wohl haben sie die Augen +niedergeschlagen, aber dennoch sehen sie weiter als unsereiner mit +der schaerfsten Brille; die Liebe hat sie magnetisiert, hat ihnen das +Auge des Geistes geoeffnet, dass sie in den Herzen lesen. So auch Ida; +sie merkte dem Hofrat wohl an, dass er mehr wisse, als er sagen wolle; +mit der Graefin war es nichts, aber ebensogut musste er wissen, dass es +auch mit keiner andern etwas sei, sonst haette er nicht so vergnuegt, +nicht so schelmisch gelaechelt. Er wusste,--das sah die neue +Clairvoyante jetzt hell und klar,--er musste sogar wissen, dass +Martiniz _sie_-- + +O! wer das Maedchen jetzt gesehen haette, wie es das Koepfchen in die +Ecke des Sofas barg, wie alles Blut nach dem vom suessen Schauer der +ersten Liebe bebenden Herzen hinauf und hinab wogte, wie der +jungfraeuliche Busen zitterte und huepfte, wie ein nie gekanntes Gefuehl +wie eine Mitternachtssonne in den Naechten des Nordpols im Tiefsten +ihres Innern mit ihren zuckenden, blitzenden Strahlen aufging! +Wahrlich, es liegt eine ruehrende Zaubermacht in einem solchen +Gesichtchen voll stiller Seligkeit, es ist der Lichtpunkt des +jungfraeulichen Lebens, zu dem sie einen kurzen Weg hinauf, von +welchem sie lange, oft traurige Stufen hinabsteigt! + + * * * * * + + + + +DER LANGE TAG. + +Aber der Nachmittag war auch gar zu lange, die Stunden gingen so +traege hin! Sie konnte sich ordentlich ueber sich selbst aergern, dass +sie schon heute frueh das Teezeug geruestet hatte; sie fing an zu +arbeiten, zehnerlei nahm sie vor und legte es ebenso schnell zurueck. +Sie hatte ein Bukett von Phantasieblumen angefangen, sie hatte sonst +mit Lust und Liebe daran gearbeitet, aber nein! Es war doch auch gar +zu langweilig; erfunden war etwas bald, man malte seine Gedanken +recht artig aufs Papier, aber bis man alle die Blaetter und Blaettchen +zusammenband--zurueckgelegt bis auf weiteres! Sie naehte so +wunderhuebsche Tapisserien; sie machte ihre Kreuzstiche so fein und +gleich, als habe sie in den besten Fabriken gelernt, und alles ging +ihr so schnell von der Hand, dass es eine Freude war. Ihre Freundinnen +in der Residenz hatten sich immer Stuecke von Paris und London kommen +lassen; da waren die schoensten Girlanden von Rosen, Astern, alle +moeglichen Blumen und Farben; in der Mitte war leerer Raum gelassen, +dass die Damen nach ihrem Belieben hinein naehen konnten, was sie immer +wollten; natuerlich stachen meistens die schoenen Pariser Girlanden +sonderbar ab gegen die Dessins der Residenzdamen; Ida hatte immer nur +ihr leeres Stickstramin vorgenommen, hatte sich selbst mit geuebter +Hand Zeichnungen entworfen und war noch vor ihren Freundinnen fertig, +die Idas Arbeit fuer Zauber, fuer nicht moeglich gehalten haetten, wenn +sie nicht unter ihren Augen entstanden und vollendet worden waere. Sie +hatte noch in der Residenz ein prachtvolles Fusskissen fuer Papa +angefangen; sie nahm es jetzt auch wieder vor; aber sie konnte sich +selbst nicht begreifen, wie sie frueher so langweilige Arbeiten +machen, Stich ueber Stich und immer wieder Stich um Stich machen +konnte--zurueckgelegt bis auf weiteres! Sie zeichnete mit schwarzer +Kreide so fein, so gefaellig fuer das Auge, dass sie der Stolz ihres +Zeichenlehrers war; auch hier war ihre Geduld unermuedlich gewesen; +wenn andere ihre Kopien kaum durchgezeichnet und, mit den ersten +Schatten versehen, schon weggeworfen oder dem Zeichenmeister zur +Vollendung auf einen Geburts- oder Namenstag uebergeben hatten, so +hatte Ida fortgemacht, und man sah allen ihren wunderlieblichen +Bildern an, dass sie _con amore_ ausgefuehrt waren; denn hatte sie +einmal etwas angefangen, so musste es auch vollendet werden. Sie hatte +eine angefangene _Madonna della sedia_ mitgebracht; sie oeffnete +jetzt die Mappe, breitete das Bild, das schon in seinen Umrissen viel +versprach, vor sich aus, spitzte die Kreide, nahm sich vor, mit recht +viel Geduld zu zeichnen, aber bald gab die Kreide keine Farbe, bald +wurden die Striche zu dick und mussten verwischt werden; sie wurde von +neuem gespitzt, aber--war die Spitze zu fein oder die Zeichnerin zu +ungeduldig oder die Kreide zu grobkoernig?--alle Augenblicke brach +sie unter dem Messer ab, und Finger bekam man so schwarz, dass sie +kaum mehr rein gemacht werden konnten; sie entsetzte sich wie Lady +Macbeth vor ihren eigenen Haendchen, packte die Madonna schnell ein +und legte sie _ad acta_. Sie setzte sich vor ihre Kommode, zog +alle Schubfaecher heraus, wuehlte in Blonden und Baendern und besah sich +Stueck vor Stueck, auch der Schmuck wurde hervorgezogen und gemustert; +aber hatte sie dies alles nicht hundertmal gesehen und wiedergesehen? +Schnell Schmuck, Baender und Blonden in die Faecher und zugeschlossen! +Alle diese Herrlichkeiten wollten das unruhige Herzchen nicht +zerstreuen. + +Endlich, endlich schlug es fuenf Uhr, und sie konnte sich jetzt doch, +ohne sich von ihrem Zoefchen auslachen zu lassen, zum Tee anziehen. +Sie studierte jetzt recht ernsthaft, was sie waehlen sollte; einen +vollen Anzug oder ein Hausneglige? In der Residenz haette sie, ohne +sich zu besinnen, das erstere gewaehlt. Dort fing ja der Tag +eigentlich erst abends recht an, und zur zweiten Toilette konnte sie +dort kein Neglige waehlen; aber hier in Freilingen, wo Morgen Morgen, +der Mittag Mittag, der Abend nur Abend war, hier schien ein Neglige +fuer den Abend ganz am Platz, um so mehr, da die paar Fraeulein, die +sie geladen hatte, wahrscheinlich recht geputzt kommen wuerden. Sie +waehlte daher ein feines Hausneglige, ein allerliebstes weisses +Batistueberroeckchen, das nach einem Muster, wie man es hierzulande +noch nie gesehen hatte, gemacht war; und wie gluecklich hatte sie +gewaehlt! Das knappe, alle Formen hervorhebende Ueberroeckchen zeigte +den in jugendlicher Frische bluehenden Koerper; den Teint hob zwar +keine Perle, kein Steinchen, aber er war so schneefrisch, so zart, so +blendend weiss, dass er ja gar keines Schmuckes bedurfte. Aber das Haar +wurde dafuer so sorgfaeltig, so glaenzend als moeglich geordnet. Die +seidenen Ringelloeckchen schmiegten sich eng und zart um Schlaefe und +Stirne, die Pracht ihrer Haarkrone war so entzueckend, dass sie sich +selbst gestand, als sie beim Glanz der Kerzen in den Spiegel blickte, +als sie ihre hoeher geroeteten Wangen, ihr glaenzendes Auge sah, mit +Lust und heimlichem Laecheln sich gestand, heute ganz besonders gut +auszusehen. + +Und nun musterte sie noch einmal mit Kennerblicken den Teetisch. Der +grosse Luester verbreitete eine angenehme Helle ueber das ganze Zimmer. +Die Sitze waren im Kreise gestellt; ihr Platz neben dem Sofa; neben +ihr musste der Graf sitzen; die silberne Teemaschine, den Hahn ihr +zugekehrt, dampfte und sang lustige Weisen, die Tassen standen in +voller Parade, die goldenen Loeffelchen alle rechts gekehrt. Die Vasen +mit Blumen von ihrer eigenen Arbeit nahmen sich gar nicht uebel +zwischen dem Backwerk und den Kristallflaschen mit Arrak und kaltem +Punsch aus. Die kleineren Partien, als Zucker, geschlagener Rahm, +kalte und warme Milch, Zitronen, waren in ihren silbernen Huellen +gefaellig geordnet,--es fehlte nichts mehr als--weil es einmal in +Freilingen Ton war, beim Tee zu arbeiten--eine geschickte Arbeit fuer +sie; auch diese war bald gefunden, und kaum hatte sie einige Minuten +in Erwartung gesessen, so fuhr ein Wagen vor. + +"Wenn dies Marti--" doch nein, er konnte es nicht sein, die paar +Schritte aus dem Goldenen Mond herueber machte er wohl ohne Wagen; die +Fluegeltuere rauschte auf--Fraeulein von Sorben! "Wenn nur die andern +auch bald kaemen," dachte Ida, indem sie das Fraeulein empfing; denn +diese war nicht die angenehmste ihrer Freilinger Bekannten; sie war +wenigstens acht Jahre aelter als Ida, spielte aber doch immer noch das +naive, lustige Maedchen von sechzehn Jahren, was bei ihrer stattlichen +Korpulenz, die sich fuer eine junge Frau nicht uebel geschickt haette, +schlecht passte. Sie musste uebrigens von Praesidents mit Schonung und +Achtung behandelt werden, weil sie einigermassen mit ihr verwandt +waren und ihr Oheim in der Residenz eine der wichtigsten Stellen +bekleidete. Sie flog, als sie eingetreten war, Ida an den Hals, +nannte sie Herzenscousinchen und gab ihr alle moegliche suesse, +verbrauchte Schmeichelnamen. Nachdem sie ihr Haar vor dem deckenhohen +Spiegel ein wenig zurecht geordnet, die Falten des Kleides +glattgestrichen hatte, fragte sie, wer heute abend mit Tee trinken +werde. Kaum hatte Ida zoegernd, als wuerde er dadurch entheiligt, den +Namen Martiniz ausgesprochen, so machte sie einige muehselige +_Entrechats_ und kuesste Ida die Hand: "Wie danke ich dir fuer +deine Aufmerksamkeit, dass du mich zu ihm eingeladen hast! Du +bemerktest gestern gewiss auch, wie er mich mit seinen schwarzen +Kohlenaugen immer und ewig verfolgte? Und heute frueh, ich hatte mich +kaum frisieren lassen, war schon mein guter Graf zu Pferd vor meinem +Haus, das macht sich herrlich, so ein kleiner Liebeshandel _en +passant_. Lache mich nur nicht aus, Herzenscousinchen! Aber du +weisst, junge Maedchen, wie wir, plaudern gern, und die andern nehmen +es nicht so genau, wenn eine eine Eroberung gemacht hat." + +Ida hatte zwar auch die Kohlenaugen leuchten sehen, aber nicht nach +der alten, gelblichen Cousine; sie stand noch neben ihr vor dem +Trumeau, sie warf einen Blick in das helle, klare Glas und ueberzeugte +sich, dass Emil nicht nach der Cousine geschaut haben koenne. Das "mein +guter Graf" und das "wir jungen Maedchen" aus dem Munde der alten +schnurrenden Hummel kam ihr so possierlich vor, dass sie, statt in +Eifersucht zu geraten, des heitersten, froehlichsten Humors wurde. "O +du Glueckliche," sagte sie boshaft, "wer auch so im Flug Eroberungen +machen koennte!"--"Es gehoert nichts dazu, mein Kind, als Routine, +nichts als eine gewisse Gewandtheit, die man freilich so schnell +nicht erlernt; die Gewohnheit, der Geist muss sie geben. Du bist +huebsch, Cousinchen, du bist gut gewachsen, an Anstand, an schoenen +gesellschaftlichen Formen fehlt es dir auch nicht,--ehe drei Jaehrchen +ins Land kommen, angelst du Grafen, als haettest du von Jugend auf +gefischt." + +Ida brach, weil sie das Lachen nicht mehr halten konnte, in lauten +Jubel aus. "Das waere schoen, das waere herrlich, Grafen fangen!" rief +sie, nahm ihre naive Lehrerin unter dem Arm und flog mit ihr im +rasenden Schnellwalzer um den Teetisch. + +Von Anfang liess sich die Sorben diese rasche Bewegung gefallen, +obgleich ihr, da sie bei ungemeiner Korpulenz bis zum Ersticken +geschnuert war, der Walzer nicht sehr behagte; aber sie wusste, wenn +man nur erst aufhoere zu tanzen, so werde man gleich unter das alte +Eisen gezaehlt, und gab sich also alle Muehe, leicht zu tanzen. Als +aber das Teufelskind, dem der Schelm aus Augen, Mund und Wangen +hervorsah, immer rasender walzte, immer rascher im Wirbel tollte, da +stoehnte sie: "Ich kann nicht mehr--o--hoe--re auf!" Aber Idchen riss +sie noch einmal herum und liess sie dann, weil sie das Geraeusch der +Kommenden hoerte, atemlos und bis zum Tod gepresst vor der Fluegeltuere +stehen, die in diesem Augenblicke von zwei Lakaien aufgerissen wurde. + + * * * * * + + + + +DER TEE. + +Martiniz und der Hofrat traten ein. War es Emils hoher, kraeftiger +Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie seiner wuerdigen Haltung, +war es das Geistvolle seines sprechenden Auges, war es der wehmuetige +Ernst, der auf diesem schoenen Gesichte lag und ihm einen so +unendlichen Liebreiz gab, waren die Traeume der Ballnacht wieder +aufgestiegen, um suesse Erinnerungen zu fluestern?--Ida stand +versteinert, als sie den Grafen erblickte. Ach, sie haette viel darum +gegeben, in diesem Augenblicke nicht die Hausfrau machen zu duerfen! +Sie haette ganz von ferne ihn betrachten und selig sein wollen. Hofrat +Berner stellte ihn mit einem vielsagenden Blicke seiner Ida vor; aber +diese haette sich in diesem wichtigen Moment selbst Schlaege geben +moegen; so links, meinte sie, so albern hatte sie sich noch nie +benommen. Was musste er nur von ihr denken? War sie doch gerade +aus der Residenz gekommen, wo ihre Erziehung nach allen Regeln +vollendet worden war, hatte sich in allen Zirkeln, in den feinsten +Salons ohne Aengstlichkeit bewegt, und hier stand sie erroetend, mit +niedergeschlagenen Augen--und stammelte recht kleinstaedtisch "von der +Ehre, die Seine Exzellenz ihrem Hause erzeige". + +Aber bei dem feinfuehlenden Manne, der schon frueher ihren Anstand, +ihre Wuerde, ihre Erhabenheit ueber jedes Verlegenwerden bewundert +hatte, erhoehte gerade diese suesse Verlegenheit den Wert des Maedchens. +Mit unendlicher Gewandtheit wusste er sie aus der peinlichen +Verlegenheit dieser ersten Minuten herauszufuehren; in wenigen +Augenblicken war sie wieder das frohe, unbefangen scheinende Maedchen +wie frueher und konnte die Albernheit ihrer Cousine beobachten. Diese +war, als die Fluegeltuere aufging, dagestanden wie Frau von Loth bei +Sodom, als sie in Steinsalz verwandelt wurde, starr, steif, atemlos, +nur die beiden ungeheuern Fleischmassen ihres aufgepressten Busens +arbeiteten, von dem rasenden Schnellwalzer in Aufruhr gebracht, noch +immer fort. Als ihr Martiniz vorgestellt wurde, war sie noch nicht zu +Atem gekommen; sie liess also nur einen Liebesblick auf ihn +hinueberspazieren und verneigte sich hin und wieder. Als sie aber +wieder Atem geschoepft hatte, fing sie in ihrer naivsten Manier an zu +kichern und erzaehlte, dass sie fuer ihr Leben gern tanze und dass es ihr +und dem kleinen Herzenscousinchen unwiderstehlich in die Fuesse +gekommen sei. Sie plapperte fort und fort, aber leider schien ihr nur +der Hofrat zuzuhoeren; denn Martiniz, der neben Ida Platz genommen +hatte, war mit dieser schon in so tiefem Gespraech, dass er auf das +Geschnatter der Dicken nicht hoeren konnte. Sich so vernachlaessigt zu +sehen, konnte das fuenfundzwanzigjaehrige Kind nicht dulden; sie erhob +also ihre Stimme noch lauter und wurde sogar witzig; aber der Graf, +dachte sie, nein, einen so verschaemten Anbeter hatte sie noch nicht +gehabt, nicht einmal die Augen wagte er zu ihr aufzuschlagen; aber +der Graf, denken wir, _wie_ konnte sie auch nur verlangen, dass +er zu ihr aufsehe? Hatte er denn jetzt nicht gerade alle Augen noetig, +um die unnachahmliche Grazie zu sehen, mit welcher das Engelskind Ida +ihren Tee machte? Wie appetitlich sah es aus, wenn sie in die Tassen +warmes Wasser stroemen liess, um sie in dem Guempchen zu reinigen; wie +allerliebst drehte sie den Hahn in der Maschine auf und zu, wie +verbindlich wusste sie die Tasse zu reichen; ach, er haette sich auch +die Butterbroetchen, den Zucker, den Arrak und alle andren Beduerfnisse +viel lieber von ihr reichen lassen als von den fuenf reich galonierten +Dienern, die solches umherboten! Mit welchen Augen hing er an ihr, an +allen ihren Bewegungen! Und Ida haette nicht das pfiffige Maedchen sein +muessen, wenn sie nicht in diesem sprechenden Auge das Gefuehl bemerkt +haette, das fuer sie in seiner Brust lebte. + +Die Gesellschaft war nach und nach groesser geworden; der Praesident +hatte einige seiner jungen Assessoren und Raete mitgebracht, einige +junge Damen von Idas Bekanntschaft hatten sich eingefunden, und die +Freilinger mussten sich alle, mit Ausnahme der Sorben, die sich +schrecklich ennuyierte, gestehen, dass sie selten einen so geselligen, +interessanten Abend verlebt hatten. Es kam dies wohl daher, dass der +Praesident, der Hofrat und Idchen alles aufboten, um ihren neuen Gast +zu erheitern; dadurch werde das Gespraech allgemein und anziehend. Es +ist eine alte Erfahrung, dass der allgemein anerkannte Wert des +Geliebten ihn in den Augen seines Maedchens noch unendlich reizender +macht, ihm noch eine erhabenere Stellung in ihrem Herzen gibt; so +ging es auch Ida. Der Umfang des Wissens, den Martiniz im Gespraech +mit den Maennern an den Tag legte, seine interessanten Mitteilungen +von seinem Vaterlande, von den vielen Reisen, die er gemacht hatte, +seine feine Gewandtheit, womit er auch die Damen in das Gespraech zog, +die verbindliche Artigkeit, womit er jeder zuhoerte und ihr Urteil +weiter auszufuehren und unbemerkt so zu drehen wusste, dass es wie etwas +Bedeutendes klang, sein glaenzender, lebhafter Witz, den ihm das immer +rascher fortrollende Gespraech entriss--dies alles gewann ihm die +Achtung der Maenner, riss die Herzen der Damen zu dem glaenzenden +Fremden hin. + +Und Ida--sie war ganz weg! Seine Reden hatten allen, seine +Feuerblicke nur ihr gegolten; ihr Herzchen pochte stolz und froh; wo +die Sorben und die andern Freilingerinnen seinen kuehnen Ideen nicht +mehr folgen konnten, da fing fuer sie erst die rechte Strasse an, sie +plauderte, wie ihr das Rosenschnaebelchen gewachsen war, lachte, +scherzte in Witz und Schwank, dass dem Praesidenten vor Freuden das +Herz aufging, wie gebildet, wie gesellschaftlich sein Kind geworden +war. Er nahm sich in seinem Entzuecken vor, gleich morgen ein +Belobungsschreiben an Madame La Truiaire zu schreiben, die ihm eine +so glaenzende Weltdame mit ungetruebter Unschuld und Natuerlichkeit +erzogen habe. Die gute Madame La Truiaire aber hatte _dieses_ +Wunder nicht bewirkt; zwar galt Ida von Sanden in den ersten Haeusern +der Residenz fuer eine sehr feine und anstaendig erzogene junge Dame; +doch war sie dort ernst, zurueckhaltend, so dass, wer sie nicht naeher +kannte, ueber ihren Geist wenig oder gar nicht urteilen konnte; nein, +eine andere Lehrmeisterin, die reine Seligkeit der ersten erwiderten +Liebe, hatte sie so freudig, so selig gemacht, hatte alle Pforten +ihres tiefen Herzens aufgeschlossen und den Reichtum ihres Geistes +ans Licht gelockt. + +Der Hofrat war ein feiner Menschenkenner; von Anfang, als das +Gespraech noch nicht recht fortwollte, hatte er alles getan, um es ins +rechte Geleis zu bringen. Nachher aber hatte er sich zurueckgezogen +und nur beobachtet. Da entging ihm denn nicht, dass der Graf, je +laenger er mit dem suessen Zauberkind sprach, je tiefer er ihm in das +geistvolle Veilchenauge sah, je mehr sich vor ihm diese zarte +Maedchenhaftigkeit, dieser reiche Geist, diese hohe Herzensguete +entfaltete, immer maechtiger zu ihr hingezogen wurde; wie gestern, als +er ihm von des Maedchens gebildetem Geist, seinen stillen Tugenden +erzaehlte, so verschwand auch jetzt nach und nach die Wehmut aus +seinen Zuegen; eine rosige Laune, die diesem Gesicht unendlichen Reiz +gab, ging an ihm auf; er konnte, was der Hofrat bei diesem +Ungluecklichen nicht fuer moeglich gehalten haette, sogar recht herzlich +lachen; er konnte--Nein, der alte Mann war selbst verliebt in ihn, er +sah ja vor Seligkeit und Liebe aus wie ein verklaerter Cherub. + +Kam uebrigens der Graf dem Hofrat wie ein Cherub vor, so sah in ihm +die Sorben den leibhaftigen Satan. Hatte sie sich doch alle +erdenkliche Muehe gegeben, ihm ihre Neigung zu ihm zu zeigen. Hatte +sie nicht die kleinen Kalmuckenaugen aufgerissen, dass ihr das Wasser +daran aufstieg, nur um ihm das Feuer zu zeigen, das fuer ihn strahle? +Hatte sie nicht alle naiven Kuenste aufgeboten, um seine +Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen? Aber jetzt sah sie klar: die +kleine, unzeitige Kokette, ihre Cousine, hatte ihr den herrlichen +Mann weggeschnappt. Sie warf allen Hass auf diese; hatte sie sich doch +vorhin so kindisch gestellt, als koennte sie nicht fuenfe zaehlen. Sie +selbst--o, sie haette sich koennen auf den Mund schlagen fuer die +Dummheit--ja, sie selbst hatte offenbar das Maedchen, das eigentlich +noch ein Backfisch war, dazu aufgereizt, den Grafen zu fangen. Waere +sie mit ihrer Anleitung zur Routine zurueckgeblieben, das Kind haette +nie daran gedacht, ihr Auge zu dem schoenen Fremden zu erheben. So +dachte die Sorben. + +Ihr pomeranzenfarbiger Teint roetete sich vor Zorn, sich so +hintangesetzt zu sehen; hatte ja doch, wenn sie recht darueber +nachdachte, der Graf sogar ihrer gespottet, als sie glaubte, etwas +recht Witziges gesagt zu haben. Es war davon die Rede gewesen, dass +jetzt alles Fraeulein heisse, was man sonst wohl auch schlechthin +Mamsell genannt habe. Man sprach her und hin darueber, und um Ida +einen Stich zu geben, die zwar von vaeterlicher Seite von altem Adel +war, aber eine Buergerliche zur Mutter gehabt hatte, warf sie die +witzige Bemerkung ein: Die Fraeulein kommen ihr gerade vor wie die +Spitzen. Es heisse alles Spitzen, und doch sei ein so grosser +Unterschied zwischen den echten und unechten, dass jedes Kind die +Feinheit der echten von den groeberen unterscheiden koenne. Sie hatte +triumphierend ueber ihr Bonmot im Kreise umhergesehen; die Antwort des +Grafen machte sie aber stutzen. "Sie haben recht, gnaediges Fraeulein," +hatte er gesagt, "und die echten unterscheiden sich, wenn ich nicht +irre, hie und da auch durch ihre Farbe von den unechten; wenigstens +habe ich mir sagen lassen, dass die ganz echten gelblichbraun +aussehen." Hatte er auf ihre braeunliche Haut anspielen wollen? Die +Herren, und namentlich der Hofrat, hatten so hoehnisch dabei +ausgesehen. Das Betragen des Grafen, der sie ueber Ida gaenzlich zu +ignorieren schien, bestaetigte die Meinung. Sie kochte Rache in ihrer +Brust und schwur sich mit den fuerchterlichsten Eiden, dass der +Backfisch seine Eroberungen nicht weiter fortsetzen solle. Sie war +auch die erste, welche aufstand, und weil es schon ziemlich spaet war, +folgten die uebrigen. Nein, es war ihr unertraeglich! An der Tuere +noch musste sie mit ansehen, wie der Graf, welcher sich auch +verabschiedete, mit seinen Blicken Ida beinahe verzehren wollte. Sie +musste hoeren, wie er versprach, recht oft herueberzukommen. +Verachtungsvoll wandte sie ihrer Cousine, die ihre Freundinnen zum +Abschied kuesste, den Ruecken, stuermte die Treppe hinab und setzte sich, +mit der ganzen Welt zerfallen, in ihren Wagen. + +"Herrlicher Mensch, der Martiniz," sagte der Praesident, als die +Gesellschaft auseinander gegangen war, zu Ida und dem Hofrat, die +noch bei ihm sassen; "scharmanter Mensch! Wie gewandt, wie fein! +Schade nur, dass er sich nicht aufs diplomatische Fach gelegt hat! Wie +er alles so artig zu geben weiss; wie er allem, auch dem Trivialsten, +was unsere Damen sagten, mit einer Engelsgeduld zuhoerte und gutmuetig +ein glaenzendes Maentelchen umhing, wenn sie etwas Dummes plapperten. +Er waere eine wahre Zierde des Landes, wenn er sich bei uns ankaufte. +Die Graefin Aarstein mag ich ihm auch ganz wohl goennen, moechte +uebrigens wissen, wie weit er mit ihr steht--" + +Ida, die dem Lob des Geliebten mit niedergeschlagenen Augen und +fliegender Brust zugehoert hatte, fuehlte bei den letzten Worten nicht +nur einen Stich ins Herz, sondern auch einen leisen Druck auf ihr +Fuesschen. Sie merkte gleich, woher dies kam, und begegnete dem +listigen Auge des Hofrats, der ihr Trost zuwinkte und den alten Papa +ueber seine Fehlschuesse auszulachen schien. Ja, es stieg reiner, suesser +Trost in ihr auf. Zwar sie hatte schon von der hohen Verstellungsgabe +der Maenner gehoert und gelesen; sie wusste das Sprichwort solcher +Reisenden: "Ein ander Staedtchen, ein ander Maedchen". Sie erinnerte +sich an die ueppigen Reize der Aarstein, an ihre Verfuehrungskunst, die +schon so manches junge unerfahrene Maennerherz betoerte, an ihre +wichtigen Verbindungen mit dem Hof, an ihre eigene, nicht ganz streng +stiftsfaehige Geburt. Aber was wollte sie denn? Sie wollte ja gar +nicht an das Glueck denken, Hand in Hand mit diesem Manne durchs Leben +zu gehen, sie wollte ja nur geliebt sein, und dass sie es war, sagte +ihr scharfes Auge, ihr Herz, das jeden Ton der Liebe verstanden +hatte. Aber konnte dieses alles nicht dennoch Verstellung sein? Wer +sagte ihr, dass dieser fremde Mann sie nicht betr-- + +Nein, betruegen konnte dieses edle, reine Gesicht nicht, die Glut +dieser Augen konnte nicht taeuschen! Froh dieser Ueberzeugung, die sie +waehrend des Auskleidens gewann, huepfte sie in ihr Schlafzimmer und +machte dort vor dem Spiegel einen komischen Knix. "Habe die Ehre, +mich zu empfehlen, Frau Exzellenz, Graefin von Aarstein," sprach die +Mutwillige, "hier steht eine junge Dame, die sich mit Ihnen in den +Kampf um den schoenen Polacken einlassen will, welchen Eure Exzellenz +als Sattelpferd an Ihren Triumphwagen spannen moechten. Ich bin zwar +weder so dick, noch so geschminkt als Sie; aber dennoch wagt es meine +Wenigkeit, gegen Hoechstdieselben zu streiten." Noch einen Knicks und +dann Unterroeckchen und Struempfchen herunter und mit einem Satz in das +weiche Bettchen! Dort streckte sie das Engelskoepfchen noch einmal aus +der Decke hervor, warf ein Kusshaendchen nach dem Goldenen Mond hinueber +und fluesterte: "Gute Nacht, mein armer Emil, schlafe sanft und traeume +suess, traeume auch ein ganz klein wenig von Ida!" Sie schloss selig die +Augen und legte sich zurecht, wollte eben hinueberwandern in das +unbekannte Land der Traeume; da schuettelte sie ein jaeher Schrecken +wieder auf und jagte sie aus dem Bette.-- + + * * * * * + + + + +DAS STAENDCHEN. + +Dem Oberleutnant von Schulderoff hatte die Demonstration seiner +gnaedigen Frau Mama zu wohl gefallen, als dass er sich durch den +ersten, ziemlich bedeutenden Durchfall, den er ueberall lieber als vor +Praesidents Haus erlebt haette, abschrecken liess. + +Im Gegenteil, wenn er recht darueber nachsann, so schien ihm die Sache +eine gluecklichere Wendung genommen zu haben, als er dachte. Schon oft +hatte er ja von dem zarten Mitleiden der Maedchen gelesen, und dass aus +Mitleid leicht Liebe werde, hatte er an sich selbst erfahren. Einer +seiner Kameraden hatte einen Hund gehabt, eine prachtvolle englische +Dogge. Dieser war der Fuss abgefahren worden, und,--wie es mit den +Invaliden zu gehen pflegt,--der Herr Bruder wollte Diana dem Schinder +geben. Schulderoff aber bat, von Mitleiden ergriffen, um ihr Leben, +erhielt sie als Geschenk, und jetzt laeuft sie auf allen Vieren so gut +als zuvor. Ihr Herr aber liebt sie, wie man nur einen Hund lieben +kann, und das alles aus Mitleiden! So konnte auch ihr Mitleiden bald +in Liebe verwandelt werden. Dass sie aber Mitleiden fuehle, war gar +keine Frage. War sie nicht, als er die verdammte Maehre nicht +mehr erreichen konnte, ganz bleich mit dem Kopf zum Fenster +hinausgefahren, als wollte sie durch die Tafelscheiben brechen? Hatte +sie nicht seinem Ross mit einem Jammerblick nachgesehen, der ihm +deutlich sagte, dass sie den innigsten Anteil an seiner Fatalitaet +nehme? + +Der erste Coup war solchergestalt ungluecklich und dennoch gluecklich +ausgefallen; der zweite sollte um so brillanter werden. Mama hatte +auf Nr. 2 im Eroberungsplan die ungemeine Nachtmusik mit den +Regimentstrompetern angegeben, sie hatte ihm noch einmal eingepraegt, +wie er sich dabei zu gebaerden habe, und endlich schritt man an das +grosse Werk. + +Schulderoff hatte einige Kameraden, denen auch Rollen von diesem +neuen Don Juan zugeteilt worden waren, in ein Weinhaus gefuehrt, wo +sie sich guetlich taten, bis der entscheidende Moment kam. Je naeher es +aber an zwoelf Uhr ging, desto besorgter sahen sich die Freunde an; +denn Schulderoff hatte, sie wussten nicht wie, einen kapitalen Hips +bekommen, dass er allerlei tolles Zeug untereinander vorbrachte. Aber +die Kaelte draussen konnte ihn schon zur Besinnung bringen; man brach +also Schlag zwoelf Uhr auf, rief die Regimentsmusik aus einem +Bierhaus, wo sie sich versammelt hatte, und fort ging es vor des +Praesidenten Haus. Da man voraussetzen konnte, dass Ida schon sanft +entschlafen sei, so werde zum ersten Stueck kein Adagio gewaehlt, +sondern das rauschendste Fortissimo, das unter den Dragonern +_Tagwache_ oder Reveille genannt wurde, weil die achthundert +Dragoner alle Morgen mit diesem Stueck aus ihrem sanften +Morgenschlummer trompetet wurden. Zu dieser Reveille setzten die +zwanzig Trompeter ihre Hoerner, Posaunen und Trompeten an, der +Stabstrompeter oder--wie er sich lieber nennen liess--Kapellmeister +winkte, und in rauschendem Geschmetter, als wollten sie den juengsten +Tag anblasen, toente die Reveille durch die stille Mitternacht zu dem +einsamen Bettchen Idas und weckte sie aus suessen Traeumen. Diese Art +von Attention war ihr so ungewohnt, dass sie von Anfang glaubte, es +brenne irgendwo im Staedtchen; als sie aber nachher deutlich einige +Walzer unterschied, so war kein Zweifel mehr, dass es eine Nachtmusik +sei, die ihr gelte. + +Es war kalt; sie huellte sich froestelnd wieder in ihre seidene Decke +und dachte unter den lockenden Toenen nach, ob wohl Martiniz auf so +unzarte Weise ihr eine Aufmerksamkeit erweisen wolle. Nein, der +Unglueckliche musste ja der Zeit nach jetzt in der Kirche sein; und er, +der sich in allem so zartfuehlend, so sinnig bewies, er konnte nicht +diese Trompeten zu Organen waehlen, um seine Empfindungen +auszudruecken; in Walzerchen und Polonaisechen, in diesem rauhtoenenden +Deideldum und Schnirkeldum konnte Emil seine Liebe nicht ausdruecken. + +Jetzt schwieg die Musik; sie hoerte Stimmen auf der Strasse. + +Die Offiziere hatten Schulderoff in den Schein einer Strassenlaterne +an eine Mauer gelehnt. Verabredeterweise fingen sie nach dem dritten +Walzer an: "Herr Bruder Schulderoff! Wo steckst du denn? Ich glaube, +die Liebe hat den armen Kerl ganz voll gemacht." + +"Ach, Kameraden, mir ist so weh, so weh!" stammelte der begeisterte +Liebhaber, dem nur noch ein Teil seiner Rolle beifiel, und zwar +gerade der Teil, welchen er in seiner jetzigen Lage mit grosser +Wahrheit spielte. "Blast, blast!" rief er dann und focht mit den +Armen in der Luft. "Blast! O waeren das die schwedischen Hoerner und +ging's von hier gerade ins Feld des Todes!" + +"Wie der Herr Leutnant befehlen," antwortete der Stabstrompeter. +"Frisch auf, Nr. 62, die Galoppade!" Und jetzt ging der Tanz von +neuem los, dass alle Hunde in der Nachbarschaft laut wurden und die +Nachbarn sich beklagten, dass man ihre Nachtruhe stoere. Ida war kein +Woertchen des Gespraeches entgangen, und sie schaemte sich ordentlich, +dem Herrn von Schulderoff, der ihr gerade nicht von der +empfehlendsten Seite bekannt war, diese Musik zu verdanken. Es schlug +ein Uhr, als die Kuenstler abzogen, und von Idas Augen war aller +Schlaf gewichen. Sie warf sich hin und her; aber es wollte ihr nicht +gelingen, den mohnbekraenzten Gott, den Schulderoff so unzarterweise +verscheucht hatte, zurueckzurufen. Sie ging noch einmal die Bilder +dieses Abends und der letzten Tage durch; durfte sie auch mit Recht +hoffen, dass sie ihm nicht gleichgueltig-- + +Der Ball? Es ist wahr, er hatte immer nach ihr gesehen; aber das +bewies nur, dass auch sie immer nach ihm gesehen hatte; konnte ihm +nicht ihr wiederholtes Hinsehen aufgefallen sein? Konnte er nicht +deswegen so oft nach ihr gesehen haben?--Bei dem Souper, ja, da war +er hinter ihr gestanden, hatte, als sie anstiessen auf Liebe und +Freude, tief geseufzt; aber durfte sie dies auch auf sich beziehen? +Konnte ihn, der so ungluecklich schien, nicht so manches seufzen +machen?--Nachher bei dem Kotillon,--ja, er erroetete, als sie ihn zum +Tanz aufzog; aber etwa nur wegen ihr? Nicht, weil sie die einzige +war, die es wagte, ihn aufzuziehen?--Heute abend, als er beim Tee +neben ihr gesessen, da hatte er oft sonderbare Winke ihr +zugefluestert: einmal, als man ihn fragte, was ihm an der hiesigen +Gegend so anziehend sei, hatte er ihre Hand unter dem Tische gefasst, +sie gedrueckt und ihr zugefluestert: "Ich weiss wohl, darf es aber nicht +sagen." Was konnte er damit gemeint haben? Es war wohl blosse +Galanterie gegen sie, als Dame des Hauses. + +Schelmchen Ida wusste es wohl, was es war; aber sie belog sich selbst, +um immer wieder aufs neue zu zweifeln und zu hoffen. Sie laechelte +sich selbst aus ueber ihren Zweifel. "Nein, der Hofrat muss mir +beichten," sagte sie zu sich und klopfte auf die seidene Decke, "der +muss beichten; hat er doch so geheimnisvoll getan, als habe der Graf +sein ganzes Herz gegen ihn ausgeschuettet; da will ich schon erfahren, +ob er mich lie--" + +Einige rasche, volle Griffe auf einer Gitarre unterbrachen ihr +Selbstgespraech; sie setzte sich im Bettchen auf, sie lauschte; ein +suesses, melancholisches Adagio wurde gespielt; Ida hatte selbst etwas +Weniges klimpern gelernt, sie kannte hinlaenglich die Schwierigkeit +dieses Instruments, wenn es ohne Begleitung der Stimme oder eines +andern Instruments die Gefuehle in wohlgerundeten vollen Saetzen +ausdruecken sollte; aber so hatte sie dieses Instrument nie spielen +gehoert. Es graute ihr vor diesen fliessenden Laeufen, wenn sie daran +dachte, wie schwer sie seien, und diese vollen, runden Klaenge, diese +melodischen Klagen, die den aermlichen sechs Saiten entlockt wurden! +Wer konnte nur in Freilingen so hinreissend, so suess spielen? Sie +huschte schnell in die Pantoeffelchen, zog die seidene Mantille um und +schlich sich ans Fenster; sollte Mart-- + +Ja, weiss Gott! Seine Zimmer waren noch hell erleuchtet, die Gardinen +waren herabgelassen; aber deutlich konnte sie den Schatten eines an +den Fenstern Auf- und Abwandelnden erspaehen. Es war Martiniz; und +jetzt gewann sein Spiel erst volle Bedeutung, jetzt verstand sie +seine fluesternden Klagen, seine sehnenden Uebergaenge, die suesse +Melancholie seiner Moll-Akkorde. Er schwieg, er stand--sie sah +deutlich seinen Schatten--er stand ihr gegenueber am Fenster. Ein +bedeutungsvolles Vorspiel begann. "O, wenn er auch singen koennte, wie +koestlich, wie wunderschoen waere es!" dachte Ida, huellte sich tiefer in +ihr Maentelchen und setzte sich ans Fenster; ihr Herzchen pochte voll +Erwartung.--Er sang; eine tiefe, volle, klare Maennerstimme trug eines +jener polnischen Nationallieder vor, wie sie schon mehrere gehoert +hatte und die jedes fuehlende Herz durch ihre Innigkeit, durch ihre +sanften Klagen so tief ansprechen; er sang,--sie verstand kein +Silbchen von den polnischen Woertern; aber dennoch fasste sie den Sinn +so gut als irgend eine polnische Schoene; ach, es waren ja die Toene, +die man auf der ganzen Erde versteht, die Klagen der Liebe, die sich +nach dem geliebten Gegenstande sehnt, die um Erwiderung fleht, die +ihren Schmerz in den fluesternden Toenen der Wehmut ausweint. Traenen +stuerzten dem liebenden Maedchen aus den Augen; sie schlich sich zurueck +zu ihrem einsamen Lager; Emils Toene begleiteten sie. Die +geheimnisvolle Stille der Nacht, das raetselhafte Leiden des +interessanten, ungluecklichen Mannes, sein Liebe atmender Gesang, der +ja ihr allein in der schweigenden Mitternacht galt, dies alles +erfuellte sie mit einer nie gekannten Sehnsucht, es war ein +unaussprechliches, aber suesses Gefuehl der Wehmut und des Glueckes; ja, +sie war geliebt--diese liebewarmen Toene wisperten es ihr in die +Seele--sie war geliebt, wahr und innig, wie auch sie liebte; sie +presste ihre weichen Haendchen auf das lautpochende Herz, auf die +entfesselte Brust, wo es siedete und brannte, als habe das dunkle +Feuerauge des Geliebten das wallende Blut wie duerren Zunder +angezuendet. Verschaemt, als koenne er durch die finstere Nacht, durch +ihre dichten Jalousien zu ihr heruebersehen, verhuellte sie das +pochende Herzchen, zog die Decke bis an den Mund herauf, presste die +AEuglein zu und fluesterte hinueber in die weichen Toene seiner Laute +noch ein herzliches: "Schlaf wohl!" + + * * * * * + + + + +DIE FREILINGER. + +Die Leute in Freilingen sind wie ueberall; es vergingen keine acht +Tage, so wusste jedes Kind, dass Praesidents Ida und der reiche Pole ein +Paar seien. Die Freilinger aergerten sich nur darueber, dass man ihnen +Sand in die Augen streuen wolle; dass die beiden Leutchen einander +vorher schon gekannt hatten, war am Tage; denn wie sollte Martiniz an +gleichem Tage mit ihr ankommen, was sollte er ueberhaupt in dem +obskuren Freilingen so lange tun, als weil er Ida liebte, die, Gott +weiss durch was fuer Kunstgriffe, den Goldfisch in ihr Netzchen gelockt +hatte? Papa-Praesident--nun, dem schwefelte man etwas Blaues vor, dass +der Herr Graf doch mit Ehren ins Haus kommen konnte; was da beim Tee +vorging, das wusste freilich jedermann, weil man hie und da so ein +paar Respektspersonen dazu einlud; aber was vormittags im Zimmer, +nachmittags im Garten, abends nach dem Tee vorging, das wusste +niemand; beten werden sie nicht mit einander, sagten die Leute; da +spricht man wohl immer von dem Hofrat Berner, der sei ja hinten und +vorn dabei, dass ja nichts Unrechtes geschehen koenne; aber man wusste +ja von frueher her, wie er dem Maedchen alle losen Streiche durch die +Finger sah; jetzt wird es nicht viel anders sein, da sie groesser ist. +So urteilte die Welt; sie urteilte aber noch weiter: das Maedchen, die +Ida, tut jetzt so juengferlich und so zimperlich, als waere sie in der +Residenz eine Vestalin geworden, und vorher war sie wild, +ausgelassen, trotzig; das muesste ja ein Gott sein, der aus einer +solchen Hummel ein reputierliches Maedchen ziehen wollte. Aber in +allen Instituten ist man seit neuerer Zeit viel pfiffiger geworden; +da sagt man den Maedchen: Ihr koennt alles tun; aber haltet Mass und +treibet es fein! Daher kommt es, dass jetzt lauter Tugendspiegel aus +den Instituten kommen. Sonst kamen sie ein wenig affektiert, ein +wenig frei nach franzoesischem Schnitt und Ton; jetzt weiss man das +ganz anders; sittsam, keusch, ehrbar, alles, was sie sein sollten, +sind sie, da fehlt sich's nicht, vollkommen, wenn man es so von der +Seite sieht. Kommt aber so ein Pole, so ein Graf Weissnichtwoher und +Baron Nirgendan, so bewahrt man den Schein, und damit holla! So +urteilten die Freilinger von dem edelsten, besten Maedchen, das in +ihren Mauern war; so urteilten sie, und wie das Boese ueberall +schneller um sich greift als das Gute, so wusste und glaubte schon +nach acht Tagen die ganze Stadt, was ein paar Muhmen bei einer Tasse +Kaffee ausgeheckt hatten. Auch ueber den harmlosen Martiniz erging das +naemliche Gericht. + +Leute wie die Freilinger koennen nichts weniger leiden, als wenn +Menschen unter ihnen umherwandeln, von denen sie nicht alles vom A +bis zum Z wissen, woher und wohin, was sie fuer Plaene haben usw. Kauft +einer nicht ein Pferd oder ein Paar Ochsen oder ein paar Hufen +Landes, so ist er ein unertraeglicher Geheimniskraemer, der allein das +Vorrecht haben wolle, dass die Leute nicht wissen sollen, was an ihm +ist. Dieser Pole vollends versuendigte sich auf die impertinenteste +Art an Freilingen. Er schien kein Frauenzimmer zu bemerken als Ida; +und doch gab es viele, die ihm ihre Aufmerksamkeit da und dort +bezeigt hatten; er war reich, gab viel Geld aus, und doch konnte +niemand sagen, was er denn eigentlich im Staedtchen zu tun habe; schon +sein ernstes, bleiches Gesicht war ihnen wie ein verschlossenes Buch, +das sie gar zu gerne durchblaettert haetten. Das ist ein Bruder +Liederlich, sagten die einen, man sieht es ihm an der Farbe an, ein +Mensch ohne ein Fuenkchen Lebensart; sonst wuerde er wenigstens seine +Tischnachbarn mit seinen naeheren Verhaeltnissen bekannt machen, wuerde +auch in andere anstaendige Zirkel kommen als nur zu Praesidents. So +urteilten sie von Martiniz, zuckten die Achseln, wenn sie von ihm und +seinem Verhaeltnis zu Ida sprachen; darin waren sie aber alle +einverstanden, dass der Praesident von seinen Verhaeltnissen doch etwas +wissen muesse; denn er laechelte so geheimnisvoll, wenn man ihn wegen +des Fremden anbohrte. + +Alt und jung kannte bald den fremden Grafen, und ueberall kursierte er +unter dem Namen "der Mann im Mond"; denn sein geisterhaft bleiches +Gesicht, sein Aufenthalt im Goldenen Mond hatte dem Volkswitz Anlass +zu diesem Spottnamen gegeben, und selbst Ida, als sie es erfuhr, +nannte ihn nie anders als den "Mann im Mond". + + * * * * * + + + + +FEINDLICHE MINEN. + +Wie es uebrigens zu gehen pflegt: die aergsten Feinde Idas und des +Grafen liessen sich oeffentlich am wenigsten ueber dies Verhaeltnis aus. +Frau von Schulderoff und Fraeulein von Sorben fuehlten sich bis zum Tod +beleidigt; aber sie hielten oeffentlich an sich und schwiegen. + +Beide hatten sich vorher wenig gesehen; denn sie waren etwas ueber den +Fuss gespannt; der Leutnant Schulderoff hatte einmal einen ganzen +Winter hindurch dem Fraeulein die Cour gemacht; das Verhaeltnis hatte +sich aber aufgeloest, man wusste nicht wie. Jetzt, da sie in +_einem_ Spital krank waren, jetzt naeherten sie sich wieder, und +obgleich das Fraeulein in ihrem Herzen der Frau von Schulderoff schuld +gab, sie habe den Sohn aus ihren Netzen gezogen, so vergass sie doch +einstweilen diese Kraenkung, um diese neuere besser zu tragen oder zu +raechen. Die Frauen sehen in solchen Sachen feiner und viel weiter als +jeder Mann an ihrer Statt; so hatte die Sorben bald weggehabt, dass +das Unglueck des Leutnants vor dem Hause des Praesidenten, von dem die +ganze Stadt sprach, wohl nicht so zufaellig sei, als man es erzaehlte; +sie hatte durch ihre Kundschafter bald weggehabt, dass die Nachtmusik, +von den zwanzig Regimentstrompetern aufgefuehrt, nicht den Grafen, +sondern Leutnant Schulderoff zum Urheber habe, der, wie die Juden die +Mauern von Jericho, so die Steinwaelle und Gusseisentore von Idas +Herzen mit Zinken und Posaunen habe niederblasen wollen. + +Dies alles fuehlte sie recht gut und kalkulierte, was sie _nicht_ +wusste, so richtig zusammen, dass sie ueber den ganzen Roman des Herrn +von Schulderoff Rechenschaft geben konnte. Die Mama des verunglueckten +Liebhabers, der seit der Nachtmusik nur noch sproeder behandelt worden +war,--mochte sie nun ahnen, dass die Sorben auch ein wenig verletzt +sei, oder mochte sie nur einen gewissen Verwandtschaftsneid zwischen +dem Fraeulein und Ida voraussetzen,--sie besuchte von freien Stuecken +die Sorben, teilte ihr mit, was sie wusste, und liess sich mitteilen, +was das Fraeulein im stillen erlauscht und erspaeht hatte. Uebrigens +lebte auch sie in der festen Ueberzeugung, Martiniz und Ida haben sich +schon lange gekannt und er sei ihr nach Freilingen nachgefolgt; denn +von den naechtlichen Leiden des ungluecklichen Grafen ahnte niemand +auch nur ein Silbchen, so verschwiegen war der Kuester des Muensters in +dieser Sache. + +Unbegreiflich war und blieb es uebrigens sowohl der Frau von +Schulderoff, als der Sorben, warum der Graf, der doch sein eigener +Herr schien, nicht schon lange bei dem Praesidenten um Idas Hand +gefreit habe; sie, die sich kein anderes Hindernis dachten, sie, die +nur einen Grund sehen wollten, waren einig darueber, dass es dem Grafen +entweder nicht recht ernst sei, oder dass es sonst irgendwo ein +Haekchen haben muesse. So hatten beide Damen schon seit vielen +Nachmittagen und Abenden, die sie bei Kaffee oder Tee miteinander +zubrachten, kalkuliert, und immer schien es ihnen, sie haben noch +nicht das Rechte getroffen; da traf es sich, dass ein Kammerherr, den +Frau von Schulderoff kannte, durch Freilingen kam und der gnaedigen +Frau, bei welcher Fraeulein Sorben gerade auf Kaffee war, waehrend man +umspannte, einen Besuch machte. + +Wessen das Herz voll ist, des geht der Mund ueber. Der Kammerherr +hatte kaum seine Tagesneuigkeiten vom Hof ausgepackt, als Frau von +Schulderoff auch auf Ida und den Grafen kam und den Kammerherrn +fragte, ob sie wohl schon in der Residenz liiert gewesen seien. + +Der Kammerherr horchte hoch auf bei dem Namen des Grafen Martiniz. +"Wie ist mir denn?" sagte er. "Ist das nicht der polnische Graf mit +den drei Millioenchen, der unsere Graefin Aarstein--Ja, wahrhaftig! +Jetzt faellt es mir erst ein--in dieser Gegend, sagte man, werde er +sich ankaufen, und darum ist er wohl hier. Nein, meine Gnaedigen, mit +Fraeulein Ida von Sanden war der Pole in der Residenz nicht liiert; +denn er war noch nie in der Residenz, wird aber dort jeden Tag +erwartet; das Verhaeltnis, das er hier angeknuepft hat,--da koennen Sie +sich auf Ehre darauf verlassen,--ist nur so _en passant_, weil +er vielleicht nichts zu tun hat; nein, der ist nicht fuer die Sanden!" + +Die beiden Damen warfen sich bedeutende Blicke zu, als sie diese +Nachrichten hoerten. "Sie sprachen vorhin von der Graefin Aarstein," +sagte die Schulderoff, "darf man fragen, wie diese--" + +"Die Aarstein will ihn heiraten," warf der Kammerherr leicht hin, +"sie hat es jetzt genug, die Witwe zu spielen; der Hof wuenscht sie +wieder vermaehlt zu sehen, und zwar soll es, weil der Fuerst +ueberdruessig ist, ihre enormen Schulden zu bezahlen, etwas Reiches +sein. Da kommt wie ein Engel vom Himmel dieser Pole ins Land, um sich +hier anzukaufen; er ist von seinem Gesandten der Regierung aufs +dringendste empfohlen; denn man macht hauptsaechlich wegen seines +Oheims, der Minister in ....schen Diensten ist, ein grosses Wesen aus +ihm; kaum hoert die Aarstein von den drei Millionen und dem alten +Oheim, der ihm einmal ebensoviel hinterlaesst, so erklaert sie mit +schwaermerischer Liebe--Sie kennen ihr liebevolles, ahnendes Herz---: +'Diesen und keinen andern!' Man ist hoeheren Orts schon gewoehnt, ihrem +Trotzkoepfchen nachzugeben, und diesmal traf es ja ueberdies ganz +herrlich mit allen Plaenen zusammen; kurz, die Sache ist eingeleitet +und, so viel ich weiss, schon so gut als richtig." + +"_Est-il possible, est-il croyable?_" toente es von dem Mund der +erfreuten Damen; die Sorben aber traute doch nicht so ganz. "Ich kann +Sie versichern," sagte sie zum Kammerherrn, "Fraeulein von Sanden, die +Sie aus der Residenz kennen muessen, ist sehr liiert mit dem Grafen, +und ich fuerchte, ich fuerchte, die Graefin kommt nicht zum Ziel!" + +"Nicht zum Ziel?" lachte der Kammerherr. "Nicht zum Ziel? Das waere +doch kurios; man spricht ja in allen Cercles von dieser Verbindung; +die Graefin nimmt zwar noch keine Gratulationen an; aber ihr Laecheln, +mit dem sie es ablehnt, ist so gut als Bestaetigung; und wenn er auch +nicht wollte, er muss sie heiraten; denn er kann doch nicht unsern Hof +vor den Kopf stossen. Was wird er aber nicht wollen? Bedenken Sie, die +Graefin ist so gut als anerkannt von unserem Hof, hat unleugbar mehr +Gewicht als alle uebrigen zusammen, ist schoen, bluehend, macht das +beste Haus; er waere ja ein Narr, wenn er nur den leisesten Gedanken +haette, sie auszuschlagen. Und Fraeulein Ida? Nun, das soll mich doch +wundernehmen, wenn die sich endlich einmal hat erweichen lassen. +Unsere Herren in der Residenz knieten sich die Knie wund vor diesem +Marmorengel, aber alles soll umsonst gewesen sein; zwar erzaehlte man +sich allerlei von dem Rittmeister von Sporeneck; sie sollen aber +gebrochen haben, weil sie seine Liaison mit der Aarstein erfuhr. Nun, +Glueck auf! Wenn der Graf _die_ zahm gemacht hat, dann passt er zu +der Graefin; und ich sehe nicht ein, was dieses Verhaeltnis schaden +koennte; die Graefin Aarstein wird als Gemahlin des Polen ihre +Liebhaber nebenher auch nicht aufgeben. Doch was schwatze ich! Ihr +Onkel, Fraeulein von Sorben, kann Ihnen ueber diese Sache die beste +Auskunft geben; denn ich muesste mich sehr irren, wenn er nicht die +Hand dabei im Spiel hat." Der Reisewagen fuhr vor; der Kammerherr +empfahl sich und liess die beiden Damen in frohem Staunen und +Verwunderung zurueck. + +"Arme Ida!" sagte die Sorben spoettisch. "So viel Routine hast du denn +doch noch nicht, dass du Geschmack daran finden koenntest, die Nebenbei +des Grafen Martiniz zu spielen. Nein, wie das Daemchen, das also in +der Residenz die Sproede so schoen zu spielen wusste, aufschauen wird, +wenn der gute _Mann im Mond_, den sie schon ganz sicher in +Ketten und Banden hat, wenn der amoroso Bleichwangioso auf einmal +morgens verschwunden ist, am naechsten Posttag aber ein Paket einlaeuft +mit Karten, worauf _Graf Martiniz mit seiner Gemahlin, verwitwete +Graefin von Aarstein_, deutlich zu lesen ist." + +"Nicht mit Gold ist sie zu bezahlen, diese Nachricht," bemerkte die +Schulderoff mit triumphierender Miene, "und um so mehr wird sie sich +aergern, dass es die Graefin Aarstein ist; denn diese hat ihr ja, wie +Sie hoerten, auch den herzigen Jungen, den Sporeneck, abgespannt--" + +"Sie kennen den Sporeneck, gnaedige Frau?" fragte die Sorben, und ihr +gelbliches Gesicht schien tief ueber etwas nachzusinnen. + +"Wie meinen Sohn," versicherte jene; "wie oft war er aus Besuch bei +uns in Schulderoff, als er in Garnison in Tranzow lag! Mich nimmt es +nicht wunder, wenn er Ida kirre gemacht hat; denn wo lebt ein +Maedchen, das er, wenn er es einmal auszeichnete, nicht fuer sich +gewann!" + +"Herrlich, das muss uns dienen," fuhr das Fraeulein fort; sie setzte +auseinander, dass ihr scheine, als habe der Graf doch etwas zu tief +angebissen bei Praesidents und als wolle er vor der Hand nicht an die +Graefin denken; da wolle sie nun ihren Onkel, den geheimen Staatsrat +von Sorben, gehoerig praeparieren, und sie stehe davor, dass der Graf +die laengste Zeit im Mond logiert haben werde. Am besten waere es, wenn +man die Aarstein selbst in Freilingen haben koennte; doch sei dies bei +dieser Jahreszeit nicht wohl moeglich; darum solle auch Frau von +Schulderoff Schritte tun. Sporeneck werde ihr schon die Gefaelligkeit +erweisen, auf einige Tage hieherzukommen; seine Sache sei es, den +Grafen recht eifersuechtig zu machen. Habe man diesen nur erst dahin, +dass er nicht so ganz auf die Scheinheiligkeit Idas baue, so sei auch +im uebrigen bald geholfen. + +Frau von Schulderoff umarmte die Rednerin stuermisch und ergaenzte den +Plan vollends--"und wenn der Graf aus dem Netz ist, wenn man dann +fuehlt, dass man sich doch ein wenig sehr prostituiert hat, dann ist +auch mein Leutnant wieder gut genug; aber dann soll er mir sie auch +nicht nehmen, die stolze Prinzessin, als bis der Herr Papa-Praesident +mit seinen Friedrichsdors herausrueckt und unsern Schulderoff wieder +flott macht; um die zimpferliche Schwiegertochter bekuemmere ich mich +dann nicht so viel; die mag sehen, wie sie mit meinem Monsieur +Tunichtgut auskommt." + +Der Traktat, der noch einige geheime Artikel enthielt, war gemacht +und beschworen. Schon nach zwei Stunden ging eine Depesche von +Fraeulein von Sorben an ihren Onkel in die Residenz ab, worin mit +bewunderungswuerdiger Klarheit dargetan war, wie die Tochter des +Praesidenten einen jungen Polen in ihre Netze zu ziehen suche, dass man +schon von einer Heirat zwischen beiden spreche, und dass sie nur +bedaure, dass dadurch der Residenz ein glaenzendes Haus entzogen werde; +denn Ida scheine darauf zu bestehen, dass der polnische Graf sich in +Freilingen niederlasse. + +Der Brief, das wusste sie, konnte seine Wirkung nicht verfehlen. Wenn +auch der Oheim-Geheime Rat nicht daran gedacht haette, bei der +eingeleiteten Heirat zwischen Martiniz und der Graefin Aarstein seine +Hand im Spiel zu haben, so haette ihn doch der letzte Punkt des +Briefes dazu vermocht, alles aufzubieten, um die Niederlassung des +Grafen in Freilingen zu hintertreiben. Der Gedanke, dass ein grosses +Haus mehr in die Residenz kommen koennte, war begeisternd fuer ihn. +Unter allen Sterblichen schaetzte er die am hoechsten, welche Haeuser +machten; darunter verstand er freilich nicht Zimmerleute oder Maurer, +sondern die, welche ihm Schildkroetensuppen, fette Austern, feine +Ragouts, gute fremde Weine vorsetzten, die, welche regelmaessig einmal +in der Woche des Abends Tueren und Tore oeffneten, um frohe Gaeste bei +sich zu sehen, hohe Spiele arrangierten, koestliche Baelle zu geben +wussten. Solche Haeusermacher liebte der alte Sorben; denn er war ein +altes Weltkind und ein feiner Schmecker aller Delizen, sie mochten +tot oder lebendig, vier- oder zweifuessig sein, mochten dem Gaumen oder +der Nase, dem Ohre, dem Auge oder dem Tastsinne schmeicheln--er war +ein Kenner, und daher musste es in seinen Wuenschen liegen, ein +Dreimillionen-Graefchen in die Residenz zu bekommen. + +So hatte ihn seine gewandte Nichte, ohne dass er es merkte, bei allen +fuenf Sinnen zumal nur durch ein paar kleine Worte gefasst, und sie +durfte ueberzeugt sein, er fange Feuer. Aus dem Freiherrlich +Schulderoffschen Palais, das fuer jetzt, in Ermangelung eines bessern, +nur aus einigen Mansardenstuebchen bestand, lief ein Brief ab, der +keinen geringeren Hagelslaerm, kein schwaecheres Hallo in die Residenz +machen sollte als die zwanzig Trompeter letzthin, als sie die +Reveille vor Idas Fenster bliesen. Er war an Se. Freiherrliche +Gnaden, den Herrn Rittmeister von Sporeneck, bei Husaren Nr. 3, +ueberschrieben und lautete wie folgt: + + "_Freilingen_, 11. Dez. 1825. +"Herr Bruder! + +"In meiner Garnison dahier geht es eigentlich noch immer so ledern zu +wie vordem. Das halbe Dutzend Reitpeitschen habe ich erhalten und +sende hier den Betrag. Sie sind recht schwank und sehen flott genug +aus. Den Saebel erwarte ich noch bestimmt vor Neujahr; vergiss nicht, +dass der Korb, wie bei den badischen Dragonern, doppelt sei. Dahier +hat sich vor kurzem auch etwas zugetragen, was Dir, Herr Bruder, +vielleicht auch interessiert; die junge Sanden ist mit einem Galan +hier angekommen, der ihr jetzt taeglich und stuendlich die Cour +schneidet. Begreife uebrigens nicht, wie sie dazu kommt, da man hier +allgemein sagt, sie habe _Dich_ sehr schnoede abgewiesen. Auf +Ehre, Herr Bruder, es tut mir leid; aber ein Kerl wie Du, der seine +vierundzwanzig Liebschaften des Monats hat, sollte nicht so von sich +sprechen lassen. Solltest Du wegen dieser Affaere, was ich fuers beste +hielte, selbst einige Woertchen entweder mit dem neuen Courtisan, oder +mit dem Fraeulein selbst sprechen wollen, so steht Dir mein Logis zu +Dienst. Der junge Herr ist ein Pole, Graf von Martiniz, soll schwer +Geld haben und scheint meines Erachtens der angefuehrte Teil; denn sie +hat ihn in der Kuppel, dass er weder links noch rechts kann. Lebe +wohl, gruesse alle Kameraden bei Nr. 1, 2 und 3 und verbleibe in +Bruderliebe Dein + "_Franz von Schulderoff_, + Leutnant bei Koenigin-Dragoner." + +Dies war das Schreiben, womit die Frau von Schulderoff den Rachegeist +fuer Ida beschwor. Noch war des guten, unschuldigen Kindes Himmel rein +und heiter; aber indem es in das reine Blau des Aethers hineinsah und +sich dessen freute, zog Wolke um Wolke am Horizont auf und drohte ihr +stilles Glueck zu suchen und zu zerschmettern. + + * * * * * + + + + +GEHEIME LIEBE. + +Aber so gewiss die Freilinger alles zu wissen glaubten, so wussten sie +doch nichts. Es ist eine eigene Sache um die Liebe, besonders um die +erste. Es gehen so zwei Menschen neben einander hin, still vergnuegt, +still selig; sie sehen aus wie Kinder, denen etwas recht Huebsches +traeumt, und einem andern kaeme es grausam vor, sie aufzuwecken. Sie +gehen neben einander hin, sprechen von den gleichgueltigsten Dingen +und denken an das, was ihr Herz erfuellt; sie wagen es nicht +auszusprechen, und doch verstehen sie sich so gut durch die Augen; +denn sie tragen den Schluessel zu dieser Zeichensprache nebst +Woerterbuch und Formenlehre in ihrem treuen Herzen. So war es auch bei +Martiniz und Ida. Sie wussten, dass sie sich liebten; aber noch hatte +der Graf nie deutlich darueber gesprochen, noch hatte ihm Ida keine +Gelegenheit gegeben, sich zu erklaeren. + +Der Hofrat Berner sah diesem allem halb freudig, halb unmutig zu. Er +liebte die beiden guten Leutchen, als waeren es seine eigenen Kinder; +darum haette er ihnen auch alles Gute und Liebe gegoennt, eben darum +konnte er aber dieses verschaemte Treiben nicht leiden. Er war so halb +und halb des Grafen Vertrauter; denn dieser hatte ihm ja alle Tage +von des Maedchens Schoenheit, seinem Reichtum an stillen Tugenden +vorgeschwatzt, hatte ihm gestanden, dass er glaube, Ida sei ihm gut; +aber dabei blieb es auch, und Berner war zu zart, bei dem Grafen den +Kuppler zu spielen. Auch Idas Vertrauter war er, er kannte ja ihr +Herzchen beinahe, seit es schlug; er wusste jede Schattierung in ihren +Lebenssternen zu deuten, er sah ganz deutlich den Schelm mit Pfeil +und Bogen in ihren klaren Pupillen, und doch wollte auch sie nicht +recht voran; doch konnte er es ihr, als einem Maedchen, weniger uebel +nehmen als ihm. + +"Nein, wer mir je so etwas gesagt haette," dachte er, "dem haette ich +mit Fug und Recht unter die Nase gelacht; ein polnischer Garde- +Ulanen-Rittmeister, mit dem Rang eines Oberstleutnants in der Linie, +und wagt nicht einmal, ein Maedchenherz, das ihm gewogen ist, +anzugreifen." Er haette moegen aus der Haut fahren, wenn er daran +dachte, wie man zu seiner Zeit gelebt und geliebt habe und wie die +Welt in den letzten Jahrzehnten sich so aendern konnte. Aber wie, wenn +Martiniz aus Gewissenh--ja, das war nicht unmoeglich, es konnte +Gewissenhaftigkeit sein, dass er sich nicht erklaerte; befand er sich, +der unglueckliche junge Mann, ja doch immer noch in demselben +Zustande, wie er hier angekommen war. + +Der Kuester, der jetzt regelmaessig nachmittags sein Daepschen hatte, +ohne dass seine Frau begreifen und ergruenden konnte, wo er das Geld +dazu herbringe, der Kuester hatte dem Hofrat alle morgen referiert, +wie es in der Nacht zuvor mit dem Grafen in der Kirche gegangen sei; +er hoerte zwar, dass er seit neuerer Zeit weniger stark wuete; dass er +aber desto mehr weine und jammere. Es war ein eigenes Ding mit diesem +Zustand; es war kein Zweifel, dass der Graf jede Nacht um dieselbe +Stunde davon befallen werde, und doch sah man ihm den Tag ueber keine +Spur von Wahnsinn an; nur seine zarte Blaesse, das Wehmuetige, das noch +immer in seinem Wesen vorherrschte, konnte darauf hindeuten, dass er +koerperlich oder geistig angegriffen sei. + +Seinen Entschluss, den alten Brktzwisl um die Krankheit seines Herrn +zu fragen, hatte der Hofrat noch immer nicht ausfuehren koennen; je +naeher er den jungen Mann kennen lernte, je mehr Achtung er taeglich +vor seinem gediegenen Charakter, vor seinem ausgebreiteten Wissen +bekam, desto unzarter schien es ihm, auf diesem Wege in seine +Geheimnisse eindringen zu wollen. + +Aber unablaessig verfolgte ihn der Gedanke, dass er vielleicht, wenn er +das Naehere ueber des Grafen Krankheit wuesste, helfen koennte. So sass er +eines Morgens in seinem Zimmer, dem man die Junggesellenwirtschaft +wohl ansah; der Kuester hatte im Vorbeigehen zum Schnapshaus ein wenig +bei ihm eingesprochen und erzaehlt, gestern nacht sei der fremde Herr +so zahm gewesen wie ein Lamm, aber geweint habe er wieder, dass ein +Toepfer die Haende darunter haette waschen koennen. Er sann hin und her, +wie man dem Geheimnis benommen koennte; da klopfte es bescheiden an +der Tuer, und der alte Brktzwisl trat zu ihm ins Zimmer. + +Der Hofrat konnte den alten Diener wohl leiden; er schien so fest an +seinem jungen Herrn zu haengen, schien so vaeterlich fuer ihn besorgt zu +sein, dass man sah, er muesse ihn schon seit Kindesbeinen gekannt und +gepflegt haben; recht erwuenscht kam er daher gerade in diesem +Augenblick, wo Berner so ganz mit Gedanken an seinen Herrn erfuellt +war. Der Alte war anfangs ein wenig in Verlegenheit, was er sagen +solle; denn dass er nicht aus Auftrag des Grafen komme, hatte Berner +gleich weggehabt. Nachdem er sich in allen Ecken sorgfaeltig umgesehen +hatte, ob nicht sonst wer im Zimmer sei, trat er naeher. + +"Mit Exkuese, Herr Hofrat," sagte er, "nehmen Sie es einem alten +Dienstboten, der es gut mit seiner Herrschaft meint, nicht ungnaedig, +wenn er ein Woertchen im Vertrauen sprechen moechte!" + +"Wenn es keine Klagen ueber deinen Herrn sind, so rede immerhin frisch +von der Leber weg!" sagte Berner. + +"Klagen! Jesus Maria, wie kaeme ich bei unserem jungen Herrn zu +Klagen; habe ich ihn doch auf den Haenden getragen, als er's +Vaterunser noch nicht kannte, und ihm gedient bis auf den heutigen +Tag, und er hat mir noch kein unschoenes Wort gegeben, so wahr Gott +lebt, Herr, und das sind jetzt fuenfundzwanzig Jahre. Nein, aber sonst +etwas haette ich anzubringen, wenn es der Herr Hofrat nicht ungnaedig +nehmen wollen. Ich weiss, Sie sind meines Herrn bester Freund in +hiesiger Stadt, ja, ich darf sagen, im ganzen Land hier, und mein +Herr hat mir dies nicht nur zehnmal versichert, ich weiss auch vom +Kuester, dass Sie schon seit dem ersten Tag unseres Hierseins etwas +wissen, das Sie keiner Seele wiedergesagt haben, was Ihnen Gott +lohnen wolle--" + +"Nun ja," unterbrach ihn der Hofrat, "und Du willst mir erzaehlen, wie +Dein Herr in diesen ungluecklichen Zustand kam, dass er alle Nacht von +einer Art von Wahnsinn befallen wird, willst mich fragen, ob ich +nicht etwa helfen koenne?" + +"Ja, das wollte ich," fuhr jener fort, "aber--eine Art von Wahnsinn +nennen Sie das? Ich versichere Sie, es ist ein Wahnsinn von so echter +Art, wie man sie nur im Tollhaus finden kann; aber ich will erzaehlen, +wie er dazu kam." + + * * * * * + + + + +EMILS KUMMER. + +"Mein Herr war nicht von jeher so, wie Sie ihn jetzt sehen; jetzt ist +er bleich, still, finster, spricht wenig und lacht nie, geht langsam +seine Strasse, und wenn er allein ist, so weint er. Ach! Sie haetten +ihn sehen sollen, als noch die gnaedige Frau Graefin und die Fraeulein +Schwester lebten. Keinen frischeren, kraeftigeren jungen Herrn gab es +in ganz Polen nicht mehr; das sprang, ritt, tanzte, focht, liebte und +lebte, lachte und tollte, wie man nur in der Jugend sein kann. Keinen +schmuckeren Offizier habe ich mein Tage nicht gesehen, und es traten +mir immer die Traenen in die Augen, wenn er wie ein Hauptmann aus den +himmlischen Heerscharen an der Spitze seiner Schwadron zur Parade +zog, wenn die Trompeter an unserem Hotel aufbliesen, die Ulanen ihre +Faehnlein senkten und der junge Graf zu seiner Fraeulein Schwester +herauflaechelte wie verklaert und seinen Tigerschimmel dazu tanzen +liess. + +"Das ging nun so seinen guten Gang, bis der Teufel den Herrn Vetter +Antonio nach Warschau fuehrte. Das war ein Schwestersohn von der Frau +Graefin Exzellenz, ein schoener, schmucker Italiener mit braunroten +Wangen, blitzenden Augen, und wenn er sprach, glaubte man, er singe. +Der war eigentlich nur so weit herausgekommen aus seinem schoenen +Land, um die Familie seiner Frau Mutter zu besuchen; aber ehe man +sich's versah, nahm er Dienste bei uns und blieb; denn er sagte, es +gefalle ihm nirgends so wie in Polen; muss auch so gewesen sein; denn +--wie sich nachher zeigte--er war zum Sterben verliebt in des Grafen +Schwester, die junge Graefin Crescenz. Im Hause hatte ihn jedermann +lieb; absonderlich aber der junge Graf, mein Herr, war ihm mit +uebermenschlicher Freundschaft zugetan und tat ihm alles, was er ihm +nur an den Augen absehen konnte. + +"Das ging nun lange Zeit gut; kein Mensch merkte, dass Herr Baron +Antonio die junge Graefin liebte; denn diese hatte viele Liebhaber, +welche grosses Geraeusch und Aufsehen machten; der Italiener aber trieb +seine Sache im stillen und kam wohl baelder ans Ziel als die andern; +denn er hatte, ich stand dabei, eines Tages einen schoenen +Brillantring am Finger, der auch mir bekannt vorkam. Ploetzlich fasste +Graf Emil seine Hand und fragte: 'Wo hast du den Ring her?' Er aber +sagte laechelnd und ganz gelassen. 'Von deiner Schwester.' Nun wusste +ich, was die Stunde geschlagen hatte; der Graf sah ihn mit einem +sonderbaren Blick an, gab ihm die Hand und sprach: 'Ich habe nichts +dagegen, nur sei ihr treu!' Es verging wieder ungefaehr ein +Vierteljahr, da kam mein Herr auf einmal nach Hause, wie ich ihn noch +nie gesehen hatte; seine Augen rollten und blitzten schrecklich, +zweimal schnallte er den Saebel um, und ebenso oft warf er ihn wieder +hin. Ich fragte, was ihm waere, er aber gab mir gar keine Antwort, was +er sonst nie getan hatte. Ich habe nachher den ganzen Handel erfahren +und darf ihn wohl erzaehlen. Der Graf war an jenem Nachmittag in ein +Kaffeehaus gekommen; da kam ein Offizier zu ihm, nahm ihn auf die +Seite, zeigte ihm einen Ring und fragte, ob er ihn wohl kenne. Der +Graf besah ihn genau und erkannte, dass es derselbe Ring sei, den +seine Schwester dem Marchese geschenkt. Er aeusserte dies aber nicht +gegen den Offizier, sondern fragte nur, woher er den Ring habe. Der +Offizier sagte ihm, dass er diesen Ring an Personen gesehen habe, die +dem Grafen Martiniz nahe angingen; er sei daher gekommen, um ihm +freundschaftlich zu sagen, dass er diesen Ring auf eine Stunde von +Madame Trizka entlehnt habe, die ihn vom Italiener, seinem Vetter, +zum Praesent bekommen zu haben behaupte. + +"Madame Trizka aber war die beruechtigte Kurtisane der Stadt und um +Geld zu haben. Der Herr Graf fragte den Offizier auf sein Ehrenwort, +ob alles sich so verhalte, und nahm ihn auf seine Versicherung +sogleich zum Sekundanten an. Er schickte ihn mit dem Ring an seinen +Vetter und liess ihn fragen, ob die Trizka denselben von ihm bekommen +habe. Der Italiener antwortete mit einem kalten einfachen Ja, das +meinen Herrn nur noch wuetender machte. Seiner Fraeulein Schwester +mochte er das Herzeleid nicht antun, ihr etwas von diesem Bubenstueck +zu sagen, und beschloss daher, den treulosen Vetter sobald als moeglich +aus der Welt zu schaffen. + +"In einem Garten der Krakauer Vorstadt schossen sie sich gleich den +Morgen darauf. Mein Herr wurde an der rechten Schulter leicht +gestreift, er aber, der eine sichere Hand hatte und einen Rubel auf +dreissig Schritte traf, schoss den Marchese durch die Brust, dass er +keine Ader mehr zuckte. Man brachte beide in die Stadt und machte mit +dem Italiener noch einige Versuche, ihn wieder zum Leben zu bringen, +aber alles vergeblich. Es war zwar noch Leben in ihm; aber er lag +ohne Besinnung, und die Aerzte gaben gar keine Hoffnung. + +"Mein Herr, der den Herrn Vetter trotz seiner Schlechtigkeit dennoch +beweinte, war so um ihn besorgt, dass er sogar nicht auf seine Rettung +bedacht war, sondern sich an das Sterbebett des Vetters bringen liess. +Dieser lag immer ohne Besinnung und, wie es schien, ohne Rettung. +Mein Herr sass bis tief in die Nacht bei ihm; am Ende gegen zwoelf Uhr +hin in der Nacht war niemand mehr zugegen als er, zwei Freunde, der +Wundarzt und ich. Mit dem Schlag zwoelf Uhr aber schlug der Italiener +seine graeulichen dunkeln Augen auf. Er richtete sich in die Hoehe und +sah sich im Zimmer um. + +"Uns alle wandelte ein Grauen an; denn man konnte glauben, er sei +schon gestorben, so gestanden und glaesern war sein Blick. Endlich sah +er meinen Herrn; wuetend riss er seine blutigen Binden von der +durchschossenen Brust, dass das Blut herausstroemte. '_Maledetto +diavolo!_' bruellte er und warf dem Grafen die Binden an den Kopf, +sank zurueck auf die Kissen, und als wir hineilten, um ihn zu +unterstuetzen, hatte er seinen wilden Geist schon aufgegeben. + +"Mein Herr aber war bei dem schrecklichen Fluch des Toten in Ohnmacht +gesunken. Er fiel in eine lange Krankheit, aus der er so ungluecklich +wiedererstand, wie Sie ihn jetzt sehen. Als er aber aus seinem +Wahnsinnfieber, in welchem er drei Wochen gelegen, wieder aufwachte, +da ging erst der Jammer von neuem an; denn waehrend der Krankheit war +er vollends ganz zur Waise geworden. Die junge Graefin war ein paar +Tage nach dem traurigen Vorfall ploetzlich gestorben. Man sagt arge +Sachen in Warschau von Gift und dergleichen, die aber ein alter +Diener nicht glauben darf. Die Frau Graefin Mutter, die immer gesiecht +hatte, ueberlebte sie wenige Tage; dann trug man auch sie zu Grabe. + +"Der junge Herr vernahm dies alles mit grosser Fassung; als man ihm +aber einen Brief seiner Schwester brachte, da kam er ausser sich, so +dass wir fuerchteten, er komme wieder vom Verstand. + +"Ich vermute, der Italiener war doch nicht so schuldig, als wir alle +glaubten; denn der Graf liess sich auf sein Grab fuehren, weinte dort +lange und rief mit flehender Stimme in die Erde hinein um Vergebung. +Als ich in der naechsten Nacht neben dem Zimmer des Herrn zum ersten +Male seit langer Zeit ruhig schlief, weckte mich ein schreckliches +Geschrei--es kam aus seinem Zimmer--ich eilte hinein, und sah ihn in +Schrecken und Wahnsinn; denn er glaubte, der Italiener sei in seinem +blutigen Hemde zu ihm gekommen, habe die Binden abgerissen, sie +ihm an den Kopf geworfen und sein _Maledetto diavolo_ dazu +geschrien. Mit dem Schlag ein Uhr hoerte auch sein Wahnsinn auf. Aber +seitdem kehrte er jede Nacht wieder. Er bekam wegen des Duells +Begnadigung, musste aber auf einige Zeit sich ausser Landes begeben. + +"Diese Weisung kam erwuenscht; denn die Aerzte rieten zur Zerstreuung +durch eine Reise. Ach! wir fahren jetzt seit einem Jahr durch ganz +Europa, und dennoch kehrt sein Zustand jede Nacht wieder. Ich glaube +nicht an Gespenster, Herr; aber oft ist es mir doch auch, als habe +mein Herr recht, und der selige Herr Antonio folge uns auf den +Fersen. In Rom, wohin wir auf unserer Irrfahrt kamen, entwischte er +mir in seinem Anfall und lief in eine Kirche; wie es nun sein mag, +von da an behauptet er, der Spuk koenne nicht zu ihm herein, wenn er +am Altar sitze. + +"Wer war froher als ich ueber dieses Auskunftsmittel! Aber auch nicht +jede Kirche war ihm recht; bald ist sie zu gross, bald zu klein, wie +es so mit kranken Leuten geht. Hier geht es nun unbegreiflich gut. +Die Kirche behagt ihm wie beinahe keine, und seit acht oder zehn +Tagen hat er gar nicht mehr gewuetet, sondern nur geweint." + +Der alte Diener hatte, oft unterbrochen von dem Hofrat, seine +Erzaehlung beendigt. Berner konnte kaum seine Ruehrung zurueckhalten. Es +wollte ihm das Herz abdruecken, dass ein Mensch, so schoen, mit allen +Gaben des Glueckes so reichlich versehen, mit _einem_ Schlage in +so namenloses Unglueck stuerzen sollte. Er war voll Eifer zu helfen; +aber welchen Weg konnte man einschlagen, um dem Grafen seinen +schrecklichen Wahn zu benehmen? Waren nicht gewiss alle Mittel schon +versucht worden, ihn zu heilen? Er fragte den Alten, wozu er ihm +behilflich sein koennte bei dieser Sache. + +Der alte Brktzwisl laechelte geheimnisvoll vor sich hin und begann +dann: "Wenn ich recht gesehen habe, so ist mein Herr auf dem besten +Wege zur Heilung, und der Herr Hofrat koennen als Arzt dabei dienen. +Vor allem muss ich um Verzeihung bitten, wenn ich etwa nicht recht +gesehen haette. Einem alten Diener, der nur fuer das Wohl seines Herrn +besorgt ist, kann man ja schon etwas zu gut halten. Der Herr Onkel +des Grafen, ein steinreicher Mann, der jetzt auch das Vermoegen des +Grafen verwaltet, hatte mich mit reichlichen Mitteln versehen, dass +ich jeden beruehmten Arzt um Rat fragen konnte. Ueberall, wohin wir +kamen und uns auch nur zwei Tage aufhielten, befragte ich gleich die +AErzte; die einen wollten dies, die andern jenes, was man schon oft +probiert hatte, die meisten aber rieten Reisen und Zerstreuung. + +"In einer kleinen deutschen Stadt, wo ich gar keinen Arzt gesucht +haette, traf ich durch Zufall einen in unserm Wirtshaus. Es war ein +kleiner alter Mann mit einem klugen Gesicht, das mir sogleich +Vertrauen zu ihm einfloesste. Er gab nicht gleich eine Antwort, sondern +betrachtete den Kranken in seinem Zustand, aber von ihm ungesehen. +Den andern Tag sagte er zu mir: 'Hoere, Alter! Dein Herr ist +unheilbar, wenn ihn nicht Liebe heilt, und zwar recht innige, warme +Liebe zu einem Maedchen, das sie erwidert. Hat ihn erst einmal eine +recht gefasst, so ist es unzweifelhaft, dass sein Wahnsinn sich +zerstreut und nach und nach vergeht.' + +"Diese Nachricht war mir nun von Anfang ein Donnerschlag; denn ich +wusste, wie wenig er sich aus den Frauenzimmern macht. Wenn er durch +Liebe geheilt werden soll und durch nichts anderes, so ist er +verloren, dachte ich. Denn wo soll er sich verlieben? Er ging an +keinen Ort, wo schoene Maedchen waren, in keiner Stadt wollte er ueber +einen oder zwei Tage bleiben. Kurz, dieser Rat brachte mich erst +recht zur Verzweiflung. Aber dennoch schrieb ich es treulich dem +alten Herrn Onkel. + +"Diesem aber leuchtete das Ding ein. Er schrieb mir, er wolle seinem +Neffen eine rechte gute Partie suchen, und wir sollen einstweilen +hieher ins ----sche gehen. + +"Hier in Freilingen geschah nun, was ich fuer meine Seele nicht fuer +moeglich gehalten haette. Er blieb vor vierzehn Tagen bis nach elf Uhr +auf dem Ball, dass ich ihn sogar abrufen musste; nach der Kirche geht +er wieder auf den Ball, was er in einem Jahre nie getan, und kommt +ganz still selig nach Haus. Gleich den andern Morgen laesst er mich das +Logis im Goldenen Mond auf vier Wochen bestellen; ich glaubte, mir +solle Hoeren und Sehen vergehen; er merkte auch, dass ich mich so +verwundere, und gab vor, dass ihm die Kirche so wohl gefallen habe. +Aber wie ich aus unserem mittleren Zimmer einmal hinausschaue, werde +ich in dem Haus drueben einen Engel gewahr, der so holdselig +herueberlaechelte, dass mir altem Kerl ganz warm ums Herz wurde. Da ging +mir denn ein Licht auf! Schon aus der Herreise hatten wir dieses +Fraeulein gesehen; auf dem Ball war sie auch gewesen, und tagelang +schaute jetzt mein Herr hinter dem Vorhang nach dem Fenster im Haus +gegenueber. + +"Und das ist niemand als die wunderschoene Fraeulein Ida. Meinen Sie, +mein Herr sei frueher in Gesellschaft gegangen? Zu keiner Seele, +obgleich ich fuer jede Stadt eine Handvoll Empfehlungsbriefe hatte; +aber ich will die Tasse Tee mit Loeffel und Stiel aufessen, die er +seit einem Jahre in Gesellschaft getrunken hat, und seit er ins Haus +hinueberkommt, geht er alle Abende, die Gott gibt, zum Tee hinueber. + +"Seit der Zeit laesst aber auch sein Zustand mehr und mehr nach; er +raset gar nicht mehr, er richtet sich nicht mehr auf, er bleibt ganz +ruhig am Altar setzen und weint aber nur desto mehr. Ich hatte eine +Freude, als ich dies bemerkte, dass ich dem alten Doktor auf der +Stelle mein Hab und Gut geschenkt haette; dem Engelsfraeulein aber, das +dies Wunder bewirkte, moechte ich, so oft ich es sehe, vor purer +Freude zu Fuessen fallen. + +"Wenn es nun Gottes Wille waere, dass das Fraeulein meinen Herrn liebte, +ach, da waere ihm geholfen, so gewiss ich selig werden will! Und wenn +sie nicht schon einen andern hat, der kann ihr ja doch gewiss recht +sein. Lassen Sie ihn nur wieder einmal zu roten Wangen kommen, lassen +Sie ihn nur ein wenig laecheln wie frueher, lassen Sie ihn erst einmal +wieder in die Uniform schlupfen statt des schwarzen Zeugs, das er +anhat,--da muss er ja einem Maedel gefallen, und wenn sie einen +Marbelstein in der Brust haette statt eines Herzens. Ueber das Vermoegen +will ich gar nichts sagen; sehen Sie, da ist das herrlich +eingerichtete Hotel in Warschau, da sind die Gueter Ratitzka, +Martinizow, da ist Flazizhof, da--" + +"Lass gut sein, Alter," bat der Hofrat, "mit _einem_ davon +koennten wir samt und sonders zufrieden sein. Was deinen Herrn +betrifft, so glaube ich selbst, dass er das Fraeulein gerne sieht; wie +das Fraeulein ueber ihn denkt, weiss ich nicht so genau, doch kann sie +ihn nicht uebel leiden. Das Ding muss sich uebrigens bald geben, glaube +mir! Hat dein Herr das Fraeulein recht von Herzen lieb, so soll er, +merke wohl auf, so soll er es ihr sagen; ich meine, ich koennte dafuer +stehen, dass sie nicht Nein sagt." + +Der alte Brktzwisl war ausser sich vor Freude, als er dies hoerte. +"Nun, das muss wahr sein, wenn sich vernuenftige Menschen miteinander +besprechen, gibt es ein Stueck; mein Herr soll dran, soll Hochzeit +haben und wieder froehlich sein, und der alte Brktzwisl will kuppeln, +und all sein vierzigjaehriges Dienen soll umsonst sein, wenn er nicht, +ehe acht Tage ins Land kommen, den Herrn Grafen auf der rechten +Faehrte hat." + +"Aber meinst du auch, du verdienst dir beim alten Onkel Dank, wenn du +den Herrn Neveu verheiratest? Das Fraeulein ist eigentlich doch keine +rechte Partie fuer einen polnischen Grafen--" + +"Wird ihm wohl an ein paar hunderttausend Taler mehr liegen als an +der gesunden Vernunft seines Brudersohnes? Nein, der alte Graf ist +ein raesonabler, nobler Herr, der nicht auf solche Sachen viel sieht. +'Mache mir meinen Emil gesund,' hat er zu mir gesagt, als wir +abfuhren, 'bringe ihn vernuenftig zurueck _a tout prix_!' Da darf +man ja wohl auch eine Heirat dazu rechnen! Und ueberdies bekuemmern wir +uns eigentlich nicht sehr viel um den alten Herrn; der junge Graf ist +eigentlich sein eigener Herr, und der Onkel hat ihm nicht so viel zu +gestatten oder zu verbieten. Doch besser bleibt besser, und dass der +Alte mit Freuden seinen Segen gibt, dafuer stehe ich! Ach, wenn er nur +das liebe Engelskind selbst sehen koennte!" Dem alten Mann schien der +Mund zu waessern; er bat den Hofrat noch einmal, recht zu sorgen, und +ging. + + * * * * * + + + + +DER SELIGE BERNER. + +Als Brktzwisl fort war, schlug der Hofrat ein Schnippchen nach dem +andern in die Luft. Er hatte sich ja seine Herzensfreude vor dem +klugen Alten nicht merken lassen duerfen, und doch haette er dem alten +verwitterten Polacken um den Hals fallen moegen, so recht ins Schwarze +seiner Seele hatte er mit seinen Plaenchen getroffen. "Ein kapitaler +Kerl, der Brktzwisl," dachte der Hofrat, "ohne den waeren wir doch +samt unserer stillen Liebe und unsern geheimen Plaenchen ganz und gar +den Katzen. Beim alten Oheim scheint er einen Stein im Brett zu haben +und nicht nur so einen Bauern oder lausigen Laufer, wie man von der +alten Tressenrockseele glauben sollte, sondern einen gewichtigen +Rochen, der dem ganzen feindlichen Hof, der Koenigin Aarstein und dem +Staatssekretaer Springer mit seinen Winkelzuegen ein verdecktes und +entscheidendes Schach geben soll!" So waren des Hofrats Gedanken; es +war ihm dabei so federleicht und stolz zu Mut wie einem Kandidaten, +der sein letztes Examen im Ruecken und vor sich die Aussicht auf eine +fette Pfarre hat, wo er mit Frauchen, Pferdchen, Kindchen, Kuehen, +Schafen und Schweinen mitten unter seiner lieben Pastoralherde +residieren kann. Ja, es war ihm sogar ein wenig goettlich zu Mut, als +haette er Stangen, Zaum und Trense der Welt unter der Faust und +regiere an geheimen Schicksalsfaeden das Los des Grafen und seiner +Ida. + +Alle Leute blieben auf der Strasse stehen, als Berner vorueberkam. Man +kannte ihn sonst als einen lieben, freundlichen Mann, der gerne +jedermann gruesste und hier und dort mit einem sprach; aber heute-- +nein, es sah zu possierlich aus, wie der gute alte Herr vor sich hin +sprach und laechelte, alle Maedchen in die Wangen kniff, allen Maennern +zuwinkte und ein paar Bettelbuben, die sich am Markt pruegelten, +einige Groschen schenkte, dass sie sich einen vergnuegten Tag machen +moechten. Den Praesidenten traf er auf der Treppe; er bot ihm einen +guten Morgen, schuettelte ihm recht treuherzig die Hand und dachte +sich, wie sich wohl der Alte freuen werde, wenn der polnische Freier +angestiegen komme, um sein eheleibliches Toechterchen zu freien. + +"Alte Exzellenz," wisperte er ihm ins Ohr, "aus der Heirat des Polen +mit der Graefin Aarstein wird--nichts."--"Nichts?" fragte der +Praesident mit langem Gesicht. "Nichts? Hat Er Nachrichten, Berner? +Hat etwa der Hof andere Absichten mit dieser Dame?" + +"Was der Hof! Was der Staatsminister!" lachte der Hofrat. "Es gibt +noch ganz andere Diplomaten, als die Herren in der Residenz! Meinst +denn du, wenn so ein echter feuriger Pole liebt, dass ihm das Feuer +aus den Kohlenaugen herauspfupfert, er werde erst vor dem +Staatssekretaer den Hut abziehen und fragen: Erlauben Sie guetigst, +wollen Ew. Gnaden mir einen Gegenstand fuer meine zaertlichen Neigungen +rekommandieren? Nein, Herr Bruder! Auf Ehre, wir haben das anders +gehalten anno achtundachtzig, und ich mag es dem guten, reichen +Jungen nicht verdenken, wenn er es auch so macht."--"Wie, so waere der +Graf in eine andere verliebt?" unterbrach ihn der Praesident. + +"Verliebt, wie ich sage, und fuer die Graefin so gut wie verloren."-- +"Ei, ei," sagte der Praesident mit einem klugen Gesicht, indem er die +Finger an die Nase legte; "siehst du, das habe ich mir neulich gleich +gedacht, dass das Attachement an die hohe Person nicht so gar gross +sein muesse. Du weisst von den Auftraegen, die mir in einem +Handschreiben des Staatssekretaers zukamen; ich richtete mich mit +aller Gewissenhaftigkeit nach meiner Vorschrift und bohrte ihn zuerst +ueber die hiesige Gegend an; weiss Gott, ich meine, der Mensch wird mir +naerrisch, lobt und preist die Gegend bis an den Himmel, hat in den +vierzehn Tagen, wie er mich versichert, mit seinen scharfen Augen +Lokalschoenheiten entdeckt, die ihn unwiderstehlich anziehen und +fesseln, ja sogar unser gutes, ehrliches Freilingen, das nun in +meinen Augen eben nichts Apartes hat, liebt er so, dass ihm die hellen +Traenen liefen. Nun haben wir ja den Goldfisch, denke ich, ja, ja, der +Freilinger Kreis ist nicht uebel; aber die Graefin Aarstein ist +wahrscheinlich der Koeder. Ich wende also das Gespraech auf den Hof und +endlich auch auf die Graefin; da ist er aber so kalt und gleichgiltig +wie Eis. Ich frage ihn endlich, als er gar nicht anbeissen wollte, ob +er die Graefin denn nicht kenne, und da machte er ein ganz eigenes +Gesicht, wie wenn man beim ueberzuckerten Kalmus endlich aufs +Bittere kommt, und sagte: 'Nicht anders kenne ich sie als _par +renommee._' Das ist nun freilich bei der Frau Graefin nicht das +beste, das man haben kann. Wenn er sie daher nur und zuerst von +dieser Stelle kennt, so hat der Herr Staatssekretaer schlecht +manoevriert." + +"Weiss Gott, das hat er," lachte der Hofrat; "ich koennte dir Dinge +sagen--doch gedulde dich noch ein paar Wochen, und du siehest den +Herrn Grafen als Braeutigam! Eine Dame aus der Residenz ist es nicht, +an die er sein Herz verlieren wird; nichtsdestoweniger ist es ein +Landeskind unseres allergnaedigsten Herrn, und zwar ein gutes, liebes, +schoenes--" + +"Nun, nun, so arg wird der Engel auch nicht sein," meinte der +Praesident, indem er sich verabschiedete; "aber ordentlich wohl ist es +mir, dass es die Graefin nicht ist, denn ich sammelte mir so unter der +Hand Nachrichten ueber sie, und die lauteten denn doch gar zu fatal." + +War es dem Praesidenten ordentlich wohl, so war es dem Hofrat +ausserordentlich selig zu Mut, als er vollends die Treppe hinanstieg, +als er naeher und naeher an Idas Zimmer kam, als ihn das Maedchen +Wunderhold empfing. Er haette moegen nur gleich mit allem, was er im +Herzen und Gedaechtnis hatte, herausplatzen; aber nein! Hand auf den +Mund! So ging's nicht; vor seinem Schicksalspuppenspiel, das er jetzt +dirigierte, waere _das_ Maedchen bis in das Herz hinein erroetet +und davongelaufen. Daher liess er seine Gedanken eine kleine +Schwenkung rechts machen, um dem Maedchen mit den Plaenklern der +Neugierde und mit den schweren Kavalleriemassen der Ruehrung in die +linke Flanke zu fallen und ihr Herzchen zu nehmen. Darum erzaehlte er +ihr das Unglueck des Martiniz; aus seiner eigenen Phantasie tat er die +ruehrendsten Farben hinzu, um den tiefen Jammer des Grafen zu +schildern. + +Doch das bedurfte es ja nicht; des innigliebenden Maedchens Traenen +flossen, als er noch nicht zur Haelfte fertig war. Wenn sie sich den +froehlichen, kraeftigen Juengling dachte, geliebt, geachtet von allen, +und ploetzlich so unendlich ungluecklich--ja, jetzt hatte sie den +Schluessel zu seinem ganzen Wesen, zu seinem ganzen Betragen. + +Jetzt wusste sie, warum er damals, als sie ihn zuerst im Walde sah, so +bitter geweint habe; jetzt ward es ihr auf einmal klar, warum er +niemals wieder recht froehlich sein koenne. Er hatte seinen liebsten +Freund getoetet, und, wie die Erzaehlung des alten Dieners merken liess, +unschuldig getoetet; je zarter ihr eigenes Gefuehl war, desto tiefer +fuehlte sie den Schmerz in dieser fremden und ihr dennoch so +verwandten Brust. + +Sie weinte lange, und ihr alter, treuer Freund wagte es nicht, dieses +Traenenopfer zu unterbrechen. Noch hatte er ihr aber nichts darueber +gesagt, wie der Graf aus seinem Wahnsinn zu retten sein moechte; so +schonend als moeglich beruehrte er diese Saite, indem er nicht +undeutlich zu verstehen gab, dass ihre Naehe wunderbar auf ihn zu +wirken scheine. Sie sah ihn lange an, als ob sie sich besaenne, ob sie +auch recht verstanden habe; eine hohe Roete flog ueber das liebliche +Gesichtchen, ein schelmisches Laecheln mitten durch die Traenen zeigte, +dass sie dies selbst wohl gedacht habe; sie schien zu zoegern, das +auszusprechen, was sie dachte, aber endlich warf sie sich an die +Brust des alten Mannes, verbarg ihr gluehendes Gesichtchen und +fluesterte kaum hoerbar: "Wenn er durch warme Teilnahme, durch lautere, +innige Freundschaft zu retten ist, so will ich ihn retten!" Sie +weinte an Berners Brust leise fort und fort; ihre Schwanenbrust hob +und senkte sich, als wolle sie alle sechsunddreissig Schnuerloecher des +Korsettchens zumal zersprengen. + +Dem Hofrat aber kam dies mitten in seinem Schmerz hoechst komisch vor. +Die weint, dachte er, weil sie einen schoenen Mann und drei Millionen +verdienen soll! Er konnte sich nicht enthalten, sie, vielleicht auch +um das Maedchen wieder aufzuheitern, recht auszukichern. "Ist es doch, +als ob es Ihnen blutessigsauer wuerde, dass Sie den schoenen, edlen +Grafen aus seinem Wahnsinnsfegefeuer herauslangen sollen! Es ist ja +nicht die Rede von einem solchen leeren Schniffel und Musje +Unausstehlich, wie sie jetzt zu Dutzenden herumschlendern; nein, um +solche waere es nicht der Muehe wert, sich die Hand nass zu machen, und +wenn sie im Sumpf bis unter die Nase staeken und nicht mehr um Hilfe +schreien, sondern nur ein wenig naeseln und rueffeln koennten. Aber +nein, da ist der Ausbund von Maennerschoenheit, der Mann mit dem +interessanten, feurigen Auge, mit der zarten Blaesse, welche die +Gemueter so anzieht, mit dem feinen Baertchen ueber den Lippen, das ein +ganz klein wenig sticht, wenn er den wuerzigen Mund woelbt zum Ku--" + +"Nein, es ist zu arg!" maulte Idchen und tat so ernst und +reputierlich wie eine Karthaeuserin, und doch musste das lose Ding die +Knie zusammenpressen, um nicht zu lachen. "Zu arg, nicht einmal ein +Fuenkchen Mitleiden darf man zeigen, ohne dass die boese Welt, den Herrn +Hofrat an der Spitze, gleich darueber kritisiert, ob es einem +_schoenen_ Herrn gegolten oder nicht." + +"Nun, nun," lachte der Hofrat noch staerker als zuvor, "es kommt immer +besser; Sie machen ja, weiss Gott, ein Gesichtchen, als wollten Sie +mir nichts dir nichts der ganzen Welt ein Pereat bringen; aber im +Hintergrunde lauert doch der Schelm; denn mein Idchen hat es +faustdick hinter den Ohren. Ich mache gewiss nicht wie Fraeulein von +Sorben und Frau von Schulderoff, die grosse Stadtklatsche, aus jedem +Maulwurfshaufen einen Himalaya, aber--wer schaut denn immer hinter +dem Vorhang hinueber in den Mond, um den Mann im Mond, wie ihn die +boesen Stadtkinder heissen, herauszuaeugeln. Aber freilich, die jungen +Damen machen jetzt gerne astronomische Versuche, sehen nach den +schoenen Sternen, welche das schoenste Feuer haben,--da muss man ja doch +auch in den Mond sehen; aber Fraeulein Ida wird nicht, wie jener +scharfsichtige Astronom, Staedte, Festungen, ganze Waelle und +Verschanzungen darin erschauen, sondern hoechstens die Besatzung +selbst, den Gr-" + +Idchen hielt es nicht mehr aus; sie wurde roeter als ein +Purpurroeschen, sie presste dem Hofrat die weiche Flammenhand auf den +Mund, dass ihm Hoeren und Sehen verging, und schmaelte ihn jetzt so +tuechtig aus, wie er frueher sie selbst geschmaelt hatte, als sie noch +ein ganz kleines unreifes Ding war. "Wie oft habe ich hoeren muessen," +eiferte sie, "man soll die schoenen Pueppchen nicht beschmutzen, und +Sie, boeser Hochverraeter, machen ja Ihr armes Pueppchen Ida ganz +schwarz; wie oft haben Sie gesagt, man solle nicht alles +untereinander werfen, sondern jedes Ding ordentlich an seinem Platz +lassen, wo es steht, und Sie nehmen da und dort etwas, rudeln und +nudeln es recht bunt durch einander wie ein Apotheker und malen die +Leute damit an. Ist das auch recht? Kann das Ihr sonst so geordnetes +Oberbuchhaltergewissen vertragen?" + +Der arme Hofrat bat nur durch die Augen um Pardon; denn der Mund war +ihm so verpetschiert, dass er nicht einmal ein Ach! oder Au! +hervorgurgeln konnte. Endlich gab sie Pardon; der Hofrat schoepfte +tief Atem und sagte endlich: "Das verdient Strafe, und die einzige +Strafe sei, dass Sie auf der Stelle ueber und ueber rot werden!" Ida +behauptete zwar, das lasse sich nicht nur so befehlen; aber es half +nichts. Der Hofrat begann: "So wissen Sie denn, dass der Graf seit +einem Jahre Europa durchfliegt, durchrennt, an keinem Orte laenger als +einen, hoechstens zwei Tage verweilt, dass er auch eigentlich hier nur +einen Rasttag halten wollte--es sind Wochen daraus geworden; ich gebe +Ihnen mein Wort: wegen Ihnen allein ist er hier geblieben." Der +Hofrat hatte seine Strafe richtig beurteilt; sie schrak zusammen, als +er es aussprach. + +"Wegen mir waere er hier geblieben? Meinetwill--" sie konnte nicht +weiter; ein holdes Laecheln geschmeichelter Selbstzufriedenheit +schwebte um die roten, frischen Lippen; der zarte Inkarnat ward +ueberall zur Flamme, und wie von alters her das weibliche Geschlecht +ein tiefes Raetsel fuer den Forscher war,--war es Freude, war es +Schmerz?--das ueberraschte Herzchen machte sich in heissen Traenen Luft. +Das hatte der Hofrat nicht gewollt; er wollte wieder von neuem +anfangen, wollte die lindernden Mittel der Froehlichkeit und des +Scherzes auf die Wunde legen, die er so ganz ohne Absicht geschlagen +hatte, wollte das Maedchen aufheitern, zerstreuen; aber war es denn +moeglich, war das moeglich, wenn man _dieses_ Auge in Traenen sah? +So mit ihrem Schmerz beschaeftigt, hatte er ganz ueberhoert, dass man +schon zweimal an der Tuere geklopft habe; leise wurde sie endlich +geoeffnet, auf dem weichen Fussteppich hallte kein Schritt--Ida war es, +als wehe sie ein kuehlendes Lueftchen an, es war ihr so wunderwohl und +suess zu Mut, sie nahm das Tuch von den weinenden Augen und tat einen +lauten Schrei; denn vor ihr stand in voller Lebensgroesse Graf +Martiniz. + +Auch dem Hofrat erstarb das Wort auf den Lippen vor Staunen, gerade +in diesem Augenblick den Mann zu sehen, von welchem er und Ida +gesprochen hatten. Doch der gewandte junge Mann liess sie nicht lange +in diesem peinlichen Stillschweigen; er entschuldigte sich, so +unberufen eingetreten zu sein; er habe aber niemand zum Anmelden +gefunden, und auf sein wiederholtes Pochen habe niemand geantwortet. +Er setzte sich neben Ida und fragte mit der Zutraulichkeit eines +Hausfreundes, ob er den Grund ihres Kummers nicht wissen duerfe. Ach! +er war ja der Grund dieses Kummers, ihm galten ja diese Traenen, die +aus den geheimnisvollen Tiefen des liebevollen Maedchenherzens +heraufdrangen. + +Sie wollte antworten, die Stimme versagte ihr; sie wollte laecheln, +aber ihre unwillkuerlich stroemenden Traenen straften sie Luegen; er +hatte so freundlich, so zart gebeten, an ihrem Schmerz teilnehmen zu +duerfen, dass es sie immer mehr und mehr ruehrte. Mit einem +Feldherrnauge schaute der Hofrat in diese wirren Verhaeltnisse; rasch +mussten die Bloessen benuetzt werden. Der Zweck heiliget die Mittel, +dachte er, wirf sie beide in einen wirbelnden Strom, sie werden sich +eher finden, sich vereint an den Strand hinausretten. Er ergriff also +sein Huetchen, brach auf und fluesterte dem Grafen laut genug, dass es +Ida hoeren konnte, ins Ohr: "Und wenn Sie noch zehn Jahre so dasitzen +und nach ihrem Kummer fragen, sie sagt Ihnen doch nicht, warum sie +weint. Um Sie, bester Graf, weint das Fraeulein, weil sie meint, Sie +seien ungluecklich, und doch nicht helfen kann." Mit schnellen +Schritten witschte er aus dem Zimmer; es war ihm zu Mut wie einem, +der gesaeet hat und doch nicht weiss, was aufgehen wird. "Der Wuerfel +liegt," sprach er bei sich, als er die Treppe hinabeilte, "er liegt; +zaehlet nun selbst die Augen und vergleichet euer Gerad oder Ungerad!" + + * * * * * + + + + +ENTDECKUNG. + +Die beiden jungen Leutchen sassen sich gegenueber wie die Oelgoetzen; +keines wagte von Anfang ein Woertchen zu sagen, selbst den Atem +hielten sie fest an sich. Dem Fraeulein hatte der Hofrat durch seinen +gewagten Scherz alles Blut aus den rosigen Wangen gejagt; es war ihr, +als staeche ihr einer einen Dolch von Eiszapfen in das gluehende Herz, +und ein anderer schuette eine Kufe des kaeltesten Wassers ueber sie +herab, und im naechsten Augenblick war ihr wieder so bruehsiedheiss zu +Mut, als ob die Feuerflammenbrandung der Lava in ihren Adern siede +und ein Rheinstrom von rotgluehendem, fluessigem Eisen durch alle ihre +Nerven sich ergoesse. Sie wusste nicht, sollte sie aufspringen und +davonlaufen, sollte sie lachen oder vor Unmut ueber diese Unzartheit +weinen; ein tiefer Seufzer entriss sich dem gepressten Herzen-- + +Und Martiniz--was hilft in solchen Momenten das vollendetste Studium +dessen, was wir Welt nennen? Er war auf Hofbaellen von Kaisern und +Koenigen gewesen, er hatte mit einer Fuerstin eine Polonaese eroeffnet +und ihr dabei die Schleppe von der _drap d'argent_'nen Hofrobe +abgetreten, dass ihr die Fetzen vom Leibe hingen, und hatte dennoch +dabei die Fassung behalten, obgleich die Durchlaucht einen ganzen +Kartaetschenhagel aus ihrer Augenbatterie auf ihn spielen liess. Er +hatte--doch was konnte es ihm in diesem suessen Augenblicke helfen, dass +er sich sonst nicht so leicht verblueffen liess? Der Moment riss ihn +hin; sie, die er mit aller Macht heimlicher Glut liebte, sie, die in +seinen Traeumen allnaechtlich ihm erschien und ihn zum Gott machte, sie +hatte um ihn geweint, weil sie ihn fuer ungluecklich hielt! + +Und als er jetzt zu ihr hinaufblinzelte, als er die ruehrende Scham +aus dem engelreinen Gesichtchen, das holde Laecheln um den Mund, +tiefer hinab die Schneepracht des Halses, dieses Nackens, dieser +Brust ansah--er hatte auf seiner grossen Tour alle Galerien der Welt, +die Kunstschaetze der Malerei, die lockenden, majestaetischen, +niedlichen Formen der alten und neuen Bildhauerkunst gesehen, mit +wahrhaftem Kunstfleiss studiert, und was waren sie, was war Venus und +alle Grazien, was war Madonna und alle die herrlichen, heiligen +Gesichtchen aller Zeiten und Schulen gegen dieses geheimnisvolle +Amorettenkoepfchen? Es lag ein Liebreiz in diesem suessen Wesen.--Er +hoerte sie seufzen, eine grosse, helle Perle hob sich unter den +seidenen Wimpern; er ergriff ihre Hand und drueckte seinen Mund +darauf; sie zog das weiche Wunderpatschchen nicht weg. + +"Koennen Sie zuernen, mein Fraeulein," hub er an, "dass ich zu so +ungelegener Zeit"--er hielt inne, um ihre Antwort zu erwarten--keine +Antwort. + +"Wenn ich gewusst haette, dass ich Sie nicht heiter finden wuerde, ich +haette mir gewiss nicht die Freiheit"--noch keine Antwort. + +"Sie haben einem Ungluecklichen eine Traene des Mitleids geschenkt; +zarte Herzen wie das Ihrige verstehen einen tiefen Schmerz viel +frueher als andere; moege Gott Ihnen diese Traenen des Mitgefuehls +vergelten, die mir so unendlich wohltun"--keine Antwort, nur Perlchen +um Perlchen draengt sich ueber den feinen Rand der Wimpern. + +"Sie zuernen mir also dennoch," fuhr Martiniz truebe laechelnd fort; +"das beste wird sein, ich nehme mir die Freiheit, Sie ein ander Mal +zu besuchen." Er wollte seine Hand aus der ihrigen ziehen; aber Ida +hielt ihn fest. + +"Herr Graf!" fluesterte sie leise bittend-- + +"Warum nennen Sie mich Herr Graf?" antwortete Martiniz. "Wie oft +haben Sie versprochen, Martiniz, und wenn ich recht gut bin, Emil zu +sagen?" + +"Martiniz!" fluesterte sie wieder. + +"O, bin ich denn nicht mehr so gut wie gestern, oder sind Sie nicht +mehr die freundliche, troestende Ida wie frueher?" + +"Emil!" hauchte sie kaum hoerbar; aber in diesem einzigen Woertchen lag +ein so suesser Ton, dem alle Saiten in Emils Brust antworteten; voll +namenloser Seligkeit beugte er sich von neuem auf ihre zarte Hand; +doch er fasste sich wieder, und, es war ihm zwar sauer genug, aber +dennoch kam er halb wieder in den rechten Takt der vertrauenden +Freundschaft. Er bat sie, ihn geduldig anzuhoeren, er wolle ihr sagen, +warum er so truebe und traurig durchs Leben gehe, und vielleicht werde +sie ihn entschuldigen. + +Er erzaehlte ihr die Geschichte seines ungluecklichen Hauses, wie sie +der alte Brktzwisl dem Hofrat erzaehlt hatte; aber den schrecklichen +Verdacht, den der alte Diener nur ahnte und sich selbst nicht zu +gestehen wagte, bestaetigte er. Er erzaehlte, dass, als er aus jener +langen Krankheit wieder zu voelligem Bewusstsein und dem Gebrauch +seiner Verstandeskraefte gekommen sei, habe ihm das Leben und die +ganze Erde so oede geschienen, dass er seiner Mutter und Schwester die +selige Ruhe im Grabe gegoennt, ja beneidet habe; besonders seine +Schwester habe er gluecklich gepriesen; denn, betrogen von dem Manne, +den sie liebte--wie haette sie ferner gluecklich leben koennen? + +Aufs neue sei damals eine grosse Bitterkeit in seiner Seele gegen den +Italiener aufgestiegen, der nur nach dem fernen Norden gekommen +schien, um ein holdes Maedchen auf wenige Stunden gluecklich zu machen +und dann zu betruegen, einen Freund zu gewinnen und ihn dann zum +unerbittlichen Raecher zu machen. Da habe man ihm einen Brief +gebracht, den seine Schwester kurz vor ihrem Ende geschrieben habe; +er enthielt das Bekenntnis einer tiefen Schuld, einer unwuerdigen +Schande. Antonio habe lange geahnt, dass er, obgleich ihr Verlobter, +doch nicht der einzig Beguenstigte sei. Er habe sie in einem +Augenblick getroffen, der ihm keinen Zweifel ueber die Unwuerdigkeit +der Geliebten gelassen. Doch zu edel, sie der Schmach und dem +Unwillen ihrer Familie preiszugeben, habe er ihr erlaubt, seinen +Verlobungsring fortzutragen, in wenigen Wochen wolle er Warschau +verlassen und sie nie mehr sehen; ihren Ring, bei welchem sie ihm mit +den heiligsten Eiden Treue geschworen, wolle er der naechsten besten +Metze schenken. + +"Dies war die einzige Strafe," fuhr Martiniz fort, "die sich der +edle, so schaendlich betrogene Mann erlaubte. Wie unselig rasch ich +handelte, wissen Sie, mein Fraeulein. Meinem Sekundanten wollte er die +Schande meiner Schwester nicht anvertrauen, eine persoenliche +Zusammenkunft mit ihm schlug ich in meiner Wut aus; so stellte er +sich denn mit seinem ganzen Unglueck, mit seinem noch groesseren Edelmut +vor die Muendung meiner Pistole. Jenen ganzen Tag, da ich die Schuld +meiner Schwester und seine Unschuld erfuhr, wuetete ich gegen mich +selbst. + +"Ich wurde ruhiger, als es Abend wurde; aber zu derselben Stunde, wo +er verschieden war, fuehlte ich auf einmal seine Naehe, sein +blutbedecktes Bild stand vor mir da; meine Seele fasste das +Schreckliche nicht, ich verfiel in Wahnsinn. Seit jener schrecklichen +Stunde naht er mir alle Nacht und zeigt mir seine klaffende Wunde, +kein Raum ist ihm zu weit, kein Gebet verscheucht ihn, er wuerde mir +im frohesten Zirkel meiner Freunde erscheinen. + +"Nur in eine Kirche scheint er sich nicht zu wagen, und meine letzte +Zuflucht ist, mich jede Nacht an den Altar zu retten. Mein Leben ist +fuer jede Freude verloren, mir blueht kein Fruehling mehr; die Natur ist +mir erstorben; ein rastloser Fluechtling, eile ich ueber die Erde hin, +verfolgt vom Gespenste dessen, den mein unueberlegter Rachedurst +erschlug. Ich bin Kain, der seinen edlen Bruder ermordete; ich fliehe +und fliehe, bis sich mir eine fruehe Grube oeffnet, wohin sein blutiger +Schatten nicht mehr dringt, wo ich ausruhe, ungekannt, unbeweint, der +letzte Sprosse meines Stammes, ohne Denkmal als das der Blumen, die +der Fruehling aus meiner Asche keimen laesst."-- + +Ohne Idas Antwort abzuwarten, hatte sich nach den letzten Worten +Martiniz erhoben und war davon geeilt. Er war von seiner eigenen +Erzaehlung so ergriffen, dass er die laute Teilnahme des geliebten +Maedchens in diesem Augenblick nicht haette ertragen koennen. Ihre zarte +stille Teilnahme, die tausend Zeichen der lautlosen Liebessprache +hatten ohnedies schon so heftig auf ihn gewirkt, dass er die rasende +Glut in seinem gepressten Herzen kaum mehr beschwichtigen, dass er sich +kaum enthalten konnte, die Traenen, die seinem Unglueck flossen, von +den zarten Wangen zu kuessen. Wie eine trauernde Andromache sass Ida, +das Engelskoepfchen auf ihr schneeweisses Haendchen gestuetzt, und liess +die Traenen herab in den Schoss rollen. Nach und nach schien sie aber +ruhiger zu werden; sie sah oft auf, und dann lag in dem schoenen Auge +etwas Schwaermerisch-Sinnendes, dass man glauben durfte, sie sinne ueber +einen grossen Entschluss nach. + +So traf sie Berner, der mit einem Armensuendergesicht zur Tuere +hereinguckte. Es hatte ihm unterwegs, nachdem der erste Kitzel ueber +seinen gewagten Feldherrn-Einfall vorueber war, doch ein wenig das +Gewissen geschlagen, dass er die Leutchen so im heillosen Zappel +zurueckgelassen habe. Er musste sich gestehen, dass die Sache auf diese +Manier ebenso leicht ganz ueber den Haufen gerannt werden konnte.-- +Doch, da war er ja der Mann dazu, auch die verzweifeltsten +Verhaeltnisse wieder zu entwirren. "Haben sie sich auch, wie +ungeschickte Hauderer, ein wenig verfahren," dachte er, "der alte +Berner weiss sie schon wieder ins rechte Geleis zu bringen." Als er +aber den Grafen nicht mehr traf, als er sah, dass das Maedchen so gar +bitterlich weinte und schluchzte, dass es einen Stein in der Erde +haette erbarmen moegen,--da grieselte es ihm doch den Ruecken hinauf, +eine Gaensehaut flog ueber seinen Kadaver und schnuerte ihm die Brust +zusammen.--"Sicher einen dummen Streich gemacht," brummte er vor sich +hin. Da schaute sich Ida nach ihm um. Unter den verweinten Augen +hervor traf ihn doch ein so mildes Laecheln, dass es ihm wieder wohl +und warm wurde, als haette er den besten _Extrait d'Absinthe_ vor +den Magen geschlagen.--"Habe ich ein dummes Streichelchen gemacht, +mein Kindchen?" fragte er kleinlaut, machte aber so verschmitzte, +kluge Aeuglein dazu, dass Ida, so ernst sie sein wollte, laecheln musste. +Sie gab ihm die Hand und erzaehlte ihm, wie sie von Anfang durch seine +doch etwas gar zu indiskrete Aeusserung sehr ausser Kontenance gekommen, +dass sie ihm aber jetzt nicht genug danken koenne; denn der Graf habe +ihr all sein Unglueck, sein Leiden erzaehlt, und sie sei wie von ihrem +Leben ueberzeugt, dass er von seinem Phantome koenne befreit werden. +Jetzt hatte ja der Hofrat Ida auf dem Punkte, wo er sie haben wollte; +jetzt war er mit der ganzen Geschichte auf einmal im klaren und rieb +sich unter dem Tisch vor Freuden und lauter Seligkeit die Haende. "Sie +koennen und muessen ihn retten, und darum hat mir mein Genius das tolle +Wagestueck von vorhin eingegeben. _Sie_ muessen ihn ueberzeugen, +dass alles Ausgeburt seiner Phantasie ist. Sie muessen machen, dass er +wieder den Menschen angehoert, der gute Junge, dass er bei Tag +freundlich und gesellig ist und nachts nicht mehr in die Kirche +laeuft. Ich will davon gar nicht sagen, dass es fuer seine Gesundheit +hoechst nachteilig ist, alle Nacht sich vor einem blutigen Gespenst zu +fuerchten. Aber bedenken Sie nur alle andern Unannehmlichkeiten, die +ein solcher Umstand mit sich fuehrt. Der Graf, ist er nun so recht im +Feuer, so recht, was man sagt, im Zug, gibt es dann einen +herrlicheren, angenehmeren Gesellschafter als ihn? Da ist alles +Leben, alles Feuer, das sprudelt von dem feinsten Witz, von der +zartesten Geselligkeit, und um die Zeit, wo gewoehnlich, der +Champagnerpunsch, den Sie so trefflich zu bereiten wissen, oder +Kardinal und fuer Liebhaber des Roten auch Bischof aufgesetzt werden +soll, wenn man glaubt, jetzt geht es erst recht an, da wird er nach +und nach ernster und stiller, zieht einmal um das andere die Uhr aus +der Tasche oder laesst sie in der Tasche repetieren, dass man glaubt, er +habe ein Glockenspiel im Magen, und--hast ihn gesehen--schleicht er +sich _sans adieu_ fort und eilt der Kirche zu. Der Mondwirtin +kann ich es, ob ich gleich die heiligsten, fuerchterlichsten Eide dazu +schwoere, noch immer nicht begreiflich machen, dass er nicht auf ganz +schlimmen Wegen im Dunkeln schleiche. 'Ich weiss das besser,' sagt +sie immer; 'im Dunkeln ist gut munkeln--das mache mir ein anderer +weis!' Und dann, wie unangenehm ist ein solches Verhaeltnis, wenn +der Herr Graf einmal in den heiligen Stand der Ehe sich begeben soll. +Zur Zeit, wenn da sein Weibchen ihre Tuecher und Tuechelchen, ihre +Roecke und Roeckchen abgeworfen hat, wenn sie im Hemdchen und +Nachtkorsettchen ins Bettchen schluepft--" + +"Was weiss ein alter Hagestolz wie Sie?" unterbrach ihn das Fraeulein +eifrig, indem sie ihm mit dem weichen Patschchen, ueber und ueber +erroetend, eines hinter das Ohr versetzte, schelmisch laechelte und +innerlich beinahe platzte. "Was wissen Sie von Nachtkorsettchen und +Schlafhaeubchen? Solche Dinge gehoeren ganz und gar nicht in Ihr Fach, +und der Schuster, heisst ein altes Sprichwort, der Schuster bleibe bei +seinem Leisten!" + +"Leider, Gott erbarm's!" seufzte und knurrte der alte Kater-Murr-Berner +mit komischem Pathos, "leider heisst es bei mir: _ne ultra crepitam_, +[Fussnote: Nicht ueber den Leist hinaus!] ich darf nichts sehen als +die huebschen Fuesschen und hoechstens, aller--allerhoechstens jahrs +einmal ein huebsches Waed--; doch um wieder auf Martiniz zu +kommen! Ich habe hin- und hergedacht, ich weiss nur ein Mittel, wie +man ihn der Welt wiedergeben kann. Wir moegen ueber die Torheit des +Gespensterglaubens an ihn hin predigen, so lange wir wollen, er gibt +uns Recht, und in der Nacht sieht er dennoch wieder sein Phantom. +Nein, man muss ihm auf ganz anderem Wege beikommen. Sie, Ida, Sie +muessen in der Stunde der Mitternacht zu ihm an den Altar gehen, bei +ihm bleiben in den Augenblicken der Angst, und ich stehe dafuer, er +wird so viel an Sie denken, dass das Bild seiner Phantasie +verschwindet." Ida straeubte sich vor diesem Hilfsmittel mit +maedchenhafter Scheu. Sie gab dem Hofrat zu bedenken, dass das sich +aufbringen heisse, was die Welt dazu sagen werde, wenn sie einem +landfremden Menschen in die Kirche nachlaufe, und dies und jenes-- +aber der Hofrat, der das Maedchen von seiner Kindheit an kannte, sah +tiefer. Er sah, wie sich in ihr zwar das Maedchenhafte gegen das +Unschickliche, das nach den Begriffen der Welt darin liegen koenne, +straeube, dass aber das Edle und Grosse, das sie, nur von wenigen +gekannt, tief in der stolzen, jungfraeulichen Brust verschloss, schon +jetzt diesen Rettungsgedanken mit Waerme ergriffen haben muesse; denn +in ihrem Auge sah er jenes stille Feuer ernsten Nachdenkens, ihre +Brust hob sich stolzer, wie wenn sie eines grossen Entschlusses +maechtig geworden waere. Er troestete sie ueber den Gedanken, was die +Welt sagen wuerde; unerkannt wolle er sie in der dunklen Nacht in die +Kirche fuehren,--"und landfremd," fuhr er mit schalkhaftem Laecheln +fort, "landfremd nennen Sie diesen Menschen? Mir wenigstens ist es in +den vierzehn Tagen geworden, wie wenn ich ihn lange, lange gekannt +haette; und wer war es denn, der in jener Ballnacht, als wir den +landfremden Menschen zum allererstenmal sahen, sagte: ich _moechte +hingehen und fragen, warum bist du nicht froehlich mit den Froehlichen? +Sage mir deinen Kummer, ob ich nicht helfen kann_!"--Es ist etwas +im weiblichen Herzen, das sie in einzelnen Momenten so hoch erhebt, +dass sie Entschluesse fassen und ausfuehren, wovor ein Mann vielleicht +sich gescheut haette. Auch Idas Herz war nicht unempfaenglich fuer +solche grosse Entschluesse, die der kaeltere Beobachter mit Unrecht +Schwaermerei nennt; sie lehnte sich an die Brust des alten Freundes +und lispelte mit geschlossenen Augen kaum hoerbar, aber fest +entschlossen: "Ich will es tun, denn ich fuehle es: _der Zug des +Herzens ist des Schicksals Stimme!_" + + + + + + + +ZWEITER TEIL. + + + +DIE HEILUNG + +Es war vierundvierzig Minuten auf Mitternacht, als aus des Praesidenten +Haus ein paar dunkle Gestalten traten; die eine, groessere, war in +einen dicken Ueberrock geknoepft, den Hut tief ins Gesicht gedrueckt; +die andere, kleinere, hatte einen Schal von dunkler Farbe um den Kopf +geschlagen, war tief in einen Karbonaro eingewickelt, der aber zu lang +schien; denn die Person, die ihn trug, musste ihn alle Augenblicke +aufnehmen. Die beiden Gestalten schlichen sich dicht an den Haeusern +hin, gingen mehrere Strassen entlang und verschwanden endlich im Portal +der Muensterkirche. + +Bald darauf kam ein Mann mit einer Laterne ueber den Muensterplatz; es +war der Freilinger Kuester; er schloss schweigend die grosse, knarrende +Kirchtuere auf und winkte den beiden Gestalten, einzutreten. Die kleinere +schien zu zoegern, als scheue sie sich, in den nachtrabenschwarzen Dom zu +treten; als aber der Kuester mit seiner Laterne voranleuchtete, schien sie +mutiger zu werden und folgte; doch sah sie bei jedem Schritt unter dem +Schal hervor, als fuerchte sie, irgend etwas Greuliches hinter den +grossen Saeulen hervorgucken zu sehen. + +Am Altar machten sie Halt. Der Kuester zeigte auf einen breit +vorspringenden Pfeiler, von wo aus man den Altar und einen grossen Teil +der Kirche uebersehen konnte, und die beiden Verhuellten nahmen dort +ihren Platz; die Laterne gab uebrigens so wenig Licht, dass man, ohne +naeher zu treten, die an dem Pfeiler Sitzenden von dem uebrigen Dunkel +nicht unterscheiden konnte. Indem hoerte man den Glockenhammer im Turme +surren und zum Schlag ausholen; der erste Glockenschlag von Mitternacht +rollte dumpf ueber die Kirche hin, und zugleich hallten eilende +Schritte den mittleren Saeulengang herauf dem Altar zu. Es war Martiniz +mit seinem Diener. + +Blass und verstoert setzte sich jener, wie er alle Nacht zu tun pflegte, +auf die Stufen des Altars. + +Zuerst sah er still vor sich hin; er weinte und seufzte, und wie in jener +Nacht, da ihn der Kuester zum erstenmal gesehen hatte, rief er mit +wehmuetiger, bittender Stimme: "Bist du noch immer nicht versoehnt? Kannst +du noch immer nicht vergeben, Antonio?" Seine Stimme toente voll und laut +durch die Gewoelbe der Kirche; aber kaum war der letzte Laut verhallt, da +rief eine silberreine, glockenhelle Stimme wie die eines Engels vom Himmel: +"_Er hat vergeben!_" + +Freudiger Schrecken durchzuckte den Grafen; seine Wangen roeteten sich, +sein Auge glaenzte; er streckte seine Rechte zum Himmel hinauf und rief: +"Wer bist du, der du mir Vergebung bringst von den Toten?" Da rauschte +es an jenem vorspringenden Pfeiler, eine dunkle Gestalt trat hervor; +der Graf trat bebend einen Schritt zurueck, sein Haar schien sich +emporzustraeuben, sein Blick hing starr an jeder Bewegung des Nahenden; +die Gestalt kam naeher und, naeher, der milde Schein der Laterne +empfing sie, noch einige Schritte und--der dunkle Mantel fiel, ein +seraphaehnliches Wesen--Ida mit der Taubenfrommheit eines himmlischen +Engels schwebte auf den Grafen zu. Dieser war in ein willenloses +Hinstarren versunken; noch immer glaubte er einen Bewohner hoeherer +Raeume zu sehen, bis ihn die suesse, wohlbekannte Stimme aus der +Betaeubung weckte. + +"Ich bin es," fluesterte, als sie ganz nahe zu ihm getreten war, das +mutige, engelschoene Maedchen, "ich bin es, die Ihnen die Vergebung eines +Toten verkuendigt. Ich bringe sie Ihnen im Namen des Gottes, der ein Gott +der Liebe und nicht der Qual ist, der dem Sterblichen vergibt, was er aus +Uebereilung und Schwachheit gesuendigt, wenn ernste Reue den Richter zu +versoehnen strebt. Dies lehrt mich mein Glaube, es ist auch der Ihrige; +ich weiss, Sie werden ihn nicht zuschanden machen. Du aber", setzte sie +mit feierlicher Stimme hinzu, indem sie sich gegen das Schiff der Kirche +wandte, "du, der du durch die Hand des Freundes fielst, wenn du noch +diesseits Ansprueche hast an dieses reuevolle Herz, so erscheine in +dieser Stunde, zeige dich unseren Blicken oder gib ein Zeichen deiner +Naehe!" + +Tiefe Stille in dem Gotteshause, tiefe Stille draussen in der Nacht, kein +Lueftchen regte sich, kein Blaettchen bewegte sich. Mit seligem Laecheln, +mit dem Sieg der Ueberzeugung in dem strahlenden Auge wandte sich Ida +wieder zum Grafen. "Er schweigt," sagte sie, "sein Schatten kehrt nicht +wieder,--er ist versoehnt!" + +"Er ist versoehnt!" jubelte der Graf, dass die Kirche droehnte. "Er ist +versoehnt und kehrt nicht wieder! O Engel des Himmels, Sie, Sie haben ihn +gebannt; Ihre treue Freundschaft fuer mich Ungluecklichen, die ebenso +hoch, ebenso rein ist als Antonios Treue und Grossmut, sie hat den +blutigen Schatten versoehnt. Wie kann ich Ihnen danken--" + +"Danken Sie dem, der stark war in mir Schwachen," sagte Ida, indem sie ihm +sanft die Hand entzog, die er gefasst und mit gluehenden Kuessen bedeckt +hatte; "wollen Sie aber mir etwas mehr goennen als das Bewusstsein, dem +Freunde genuetzt zu haben, so danken Sie mir dadurch, dass Sie sich wieder +den Menschen schenken, dass Sie wieder heiter und froh sind, wie es +Menschen gebuehrt, denen Gott die schoene Erde zu einem Orte der Freude +geschenkt hat." + +Sprachlos fasste er das zarte Haendchen wieder und drueckte es an sein +klopfendes Herz, sein freudiges Laecheln, ein seliger Blick sagten ihr, +dass er erfuellen wolle, was Sie ihm geheissen. + +Der Hofrat war indes naeher getreten und hatte mit freudiger, zuweilen +etwas schalkhafter Miene die schoene Gruppe betrachtet. Man konnte aber +auch nichts Schoeneres sehen. Der hohe, schlanke, junge Mann mit dem +zarten, sprechenden Gesicht, aus dem jetzt alle Wehmut, alle Trauer +gewichen war, das jetzt nur Freude und Glueck aussprach, an seiner Seite +die feine Seraphgestalt mit dem lieblichen Engelskoepfchen, das aus den +sinnigen, schmelzenden Augen so freudig, so schmachtend an jenem +hinaufsah,--sie beide umstrahlt von dem ungewissen, milden Schein der +Laterne, an den Seiten und im Hintergrund der Altar und die wunderlich +geformten Bogen und Saeulen des majestaetischen Tempels. "Nun," dachte +Berner, "sei es um ein paar Wochen, dann sind wir zu guter Tageszeit +wieder hier am Altar; dort auf den Stufen steht dann der Herr Pastor +primarius, und weiter unten muessen mir die beiden Leutchen dort knien: +der Herr Pastor spricht dann den Segen, und sie sind kopu--" + +Es zupfte ihn etwas am Rockschoss, er sah sich um. Der alte Brktzwisl +stand hinter ihm und wischte sich einmal ueber das andere die alten +Augen, die vor seliger Ruehrung uebergingen. "Das ist Ihr Werk, Herr +Hofrat," schluchzte er, "moege es in Zeit und Ewigkeit--" + +"Sei still," fluesterte Berner, "dein Werk ist es; denn haettest du +nicht endlich geschwatzt, so spukte der Herr Antonio nach wie vor." + +Der alte treue Diener nahm aber das Lob nicht an. "Nun, am Ende ist es doch +der Himmelsengel dort," schluchzte er weiter, "der es vollbracht hat, ohne +sie haetten wir anzetteln koennen, was wir haetten wollen, wir haetten doch +nichts zuwege gebracht. Morgenden Tages schreibe ich alles dem alten Herrn +Onkel, und der kann nicht anders, er muss seinen Segen zu der holdseligen, +zukuenftigen Frau Graef--" Ein Wink seines Herrn unterbrach ihn; er eilte +zu ihm hin, kuesste die Haende des Grafen und den Saum von Idas Gewand und +brachte dann, wie ihm der Graf befahl, Idas Mantel. Scherzend, als ging es +von einem Ball nach Hause, hing Martiniz dem holden Maedchen den Mantel um +und huellte ihr das Koepfchen so tief in den Schal, dass nur noch das feine +Naeschen hervorsah; der Hofrat fuehrte sie, der stillselige Graf ging neben +seiner Retterin her, und Berner wurde gar nicht eifersuechtig, dass diese +das Gesichtchen immer nur dem Grafen und viel seltener ihm zuwandte. + +Brktzwisl und der Kuester, der ganz traurig schien, dass seine Talerquelle +doch endlich versiegt war, schlossen den Zug. "So Gott will," sagte zu ihm +der alte Diener, als er die Tuere schloss, "sind wir zum letztenmal nachts +da drinnen gewesen; dir soll es uebrigens dennoch nichts schaden, alter +Kauz. Wenn deine durstige Seele nach einem Glas Wein verlangt, so komme +nur zum alten Brktzwisl in den Mond; da setzen wir uns denn hinter den +Tisch, die Frau Wirtin muss alten geben, und wir trinken dann aufs +Wohlsein meines Herrn und des schoenen Fraeuleins." + + * * * * * + + + + +NEUE ENTDECKUNG. + +Der alte Brktzwisl kam am andern Morgen mit einem Gesicht, aus welchem +man sich nicht recht vernehmen konnte, zum Hofrat; er wuenschte mit +freundlichem Grinsen guten Morgen und zischte doch dabei, wie wenn er +Rhabarber zwischen den Zaehnen haette, ein "wenn nur das heilige +Kreuz-Donner--" oder "wenn nur das Mohren-Kraut-Stern-Elementerchen" +um das andere heraus. Er rapportierte, dass er einen Brief von der +alten Exzellenz, dem Oheim, habe, worin ihm dies er ankuendige, dass +er seine Briefe nach Fuselbronn, einer Badeanstalt zwischen Freilingen +und der Residenz seitwaerts gelegen, zu schicken habe. "Der Kuckuck!" +rasaunte der alte treue Knecht, "haette der alte Herr nicht die +vierzehn Meilen weiter machen koennen? Jetzt waere er hier in +Freilingen und schaute das Glueck seines Herrn Brudersohnes mit +leiblichen Augen, koennte nebenbei auch den Hochzeitvater vorstellen! Was +hilft mich das, dass er wieder schreibt: 'Brktzwisl, scheue keine Kosten, +wir koennen es ja bezahlen, wenn der Himmel unserem Emil wieder gesunden +Menschenverstand verleihen will!' Was hilft mich das? In allen Nestern +von Italien, Frankreich, Schweden, Norwegen, England, Holland, wo wir +herumfuhren, habe ich keine Kosten gescheut; ich mag gar nicht denken, +was nur die Doktores kosteten, wenn ich allemal die Antwort bekam: +'Reise weiter! Zerstreuung hilft! Glueckliche Reise!'--Jetzt, wo wir +hier Zerstreuung und Freude umsonst hatten, wo ein Engelchen meinen +armen Herrn kuriert hat, jetzt soll ich keine Kosten scheuen? Was +hilft da der verfluchte Mammon? Kann ich dem Fraeulein sechs Louisdors +geben wie einem Doktor oder Professor?" + +So knurrte der alte Kauz bei dem Hofrat; die Worte pullerten ihm nur so +hervor, es war ihm ganz ernstlicher Ernst mit der Sache, und er war auf +sich und die ganze Welt ergrimmt, dass er jetzt nicht _stante pede_ eine +Hochzeit herhexen konnte. Der Hofrat sah ihn ganz erstaunt an und hielt +sich den Bauch vor Lachen, so komisch kam ihm des alten Gesellen Wueten +vor. "Alter Narr!" rief er endlich, "muss man dir denn die Nase drauf +stossen und eine Brille aufsetzen, dass du findest, was du suchst? +Kannst du dich denn nicht hinsetzen und die ganze Geschichte von +den letzten vierzehn Tagen deinem alten Herrn schreiben und dabei +einfliessen lassen, dass dein Herr zum Sterben in das Maedchen +verschammeriert sei? Und wenn der Herr Onkel das weiss, nun ja--das +Fraeulein ist von gutem Adel, ich sehe nicht ein, was fuer ein +besonderes Hindernis--" + +"Weiss Gott, so tu' ich," rief Brktzwisl und setzte vor Freuden den Respekt +so ganz aus dem Auge, dass er einen Katzensprung in die Luft machte; "aber +eines fehlt doch immer noch: mein Herr sollte nur erst mit dem Fraeulein +im reinen sein. Aber geben Sie acht, geben Sie acht, der macht uns einen +Streich! Er ist so bloede, so furchtsam--" + +Wenn er es nur gewusst haette, der alte Brktzwisl! Sein Herr sass, indem +sein Diener von seiner Bloedigkeit perorierte, bei Ida auf dem Sofa, der +Praesident, der nur so auf ein Viertelstuendchen in seiner Tochter +Boudoir eingesprochen hatte, neben ihm. Was es doch eine eigene freie +Kunst um das Augenparlieren ist! Da schwatzten jetzt die guten Leutchen +ein Langes und Breites mit dem Herrn Papa von Bergen und liegenden +Gruenden, nebenher hielten sie sich die schoensten Reden durch +verstohlene Blicke mit einer Beredsamkeit, einem rednerischen Feuer, +von dem selbst Cicero in seiner Rednerkunst keine Aufschluesse gibt +und wovon auch kein Woertchen weder in der Syntax der deutschen +Sprachlehren, noch in den verschiedenen Rhetoriken und aesthetischen +Vorlesungen steht, die alljaehrlich von den Kathedern abgehaspelt +werden. Der Praesident taute immer mehr auf; denn Martiniz sprach von +einem bedeutenden Gueterkauf, den er in hiesiger Gegend im Sinne habe, +und der gute Praesident glaubte nicht anders, als seine Aufmunterungen +haben den Grafen auf diesen vernuenftigen Gedanken gebracht, und wenn +er es vollends dazu bringen koennte, dass der Graf die Graefin +Aarstein--er gratulierte sich schon im voraus zu einem allergnaedigsten +Handschreiben, besah laechelnd seine Brust, wo naechstdem das +Grosskreuz des Zivil-Verdienst- Ordens paradieren werde, nannte +Martiniz seinen neuen Landsmann und sein liebes Graefchen und zog +kichernd und schnalzend ueber seine vortrefflich gelungene Negoziation +zum Zimmer hinaus. + + * * * * * + + + + +DAS TETE-A-TETE. + +So lange er da war, war es dem Grafen und Ida ziemlich leicht zu Mut; zwar +prickelte es beiden ein wenig aengstlich im Herzen; denn das Wiedersehen +nach einem so wichtigen Moment, wie die gestrige Mitternacht war, fuehrt +immer eine kleine, unabweisbare Verlegenheit mit sich; man ist nicht +sicher, den Ton gleich wiederzufinden, in welchem man sich verlassen hat. +Denn das ist keinem Zweifel unterworfen, dass man, wie in jedem Gespraech, +so auch in dem Fluestern der angehenden Liebe, abends waermer ist und in +einer Viertelstunde weiter kommt als den Morgen nachher, wo schon der +Verstand mehr mit der Phantasie ueber die Haushaltung rechnet. Daher +war es Martiniz auf den ersten Augenblick des Alleinseins mit Ida +bange; er war so traulich von ihr geschieden, er haette ihr gestern +abend alles, alles sagen koennen, wovon sein Herz so voll war--und +jetzt, jetzt hatte er wieder allen Mut verloren. Er hatte mit den ersten +Damen von vier grossen Reichen gescherzt und gelacht, ohne sich von den +imposantesten Schoenen verblueffen zu lassen, --wo war sein Mut, seine +Gewandtheit diesem Maedchen gegenueber? Es war aber auch unmoeglich, +bei dem Engelskind die Fassung zu behalten;--erfreute der herrliche +Tannenwuchs, das Ungezwungene, Grazioese der Haltung das Auge, +war man beinahe geblendet von dem Lilienschnee der Haut, von der +jungfraeulichen Pracht des Alabasterbusens, war man entzueckt von +dem Rosensamt der bluehenden Wangen, von den zum Kuss geoeffneten +Korallenlippen, war man wunderbar bewegt von dem lieblichen Kontrast, +den ihre brand-brand-brand- raben-raben-kohlen-tinten-schwarzen +Ringelloeckchen und orientalisch geschweiften Brauen mit den Cyanenaugen +machten, war man hingerissen von dem Zauberlaecheln, das die Gruebchen +in den Wangen, die Perlen hinter dem schoengeformten Mund zeigte, haette +man hinfliegen moegen, die zarte Taille mit dem einen Arm zu umfangen, +mit dem andern das Amorettenkoepfchen recht fest Mund auf Mund zu +druecken--o! so durfte sie ja nur das Auge aufschlagen, durfte nur jenen +Blick voll jungfraeulicher Hoheit auf den suendigen Menschen und seine +Begierden herabblicken lassen, so schlich man sich so duchs und +geschmiegt hinter die Grenzbarrieren der Bescheidenheit zurueck, als +haben einen zehn Passvisitatoren und zwanzig; Gendarmen dahinter +zurueckgedonnerwettert. + +Das ist der Zauber reiner Jungfraeulichkeit. Man sage, was man will, von +Verdorbenheit der Sitten und dass kein reputierliches Frauenzimmer mehr +allein auch nur eine Meile weit reisen koenne! An den Maennern liegt es +wahrhaftig nicht, sondern an jenen selbst, die ohne den Schutz- und +Geleitsbrief jungfraeulicher Reinheit in Blick und Mienen hinausgehen. Der +Graf war kein solcher Geck wie viele unserer heutigen jungen Herren, welche +glauben, jedes Herz, das sie lorgnettieren, muesse auch unwillkuerlich von +ihrer interessanten Erscheinung hingerissen sein. Nein, seinem scharfen +Auge war es nicht entgangen, wie Ida diese saubern Herren, als sie sich mit +ihrer dreisten, handgreiflichen Unverschaemtheit an sie draengten, hatte +ablaufen lassen; wenn auch ihm keine solche Zurechtweisung bevorstand, wenn +er sich auch schmeicheln durfte, von diesem Phoenix von Maedchen vor allen +ausgezeichnet worden zu sein, wenn er sich auch eines hoeheren Wertes +bewusst war, wer stand ihm dafuer, dass nicht dieses Maedchen, das gewiss +auf ihre Freundschaft einen hohen Wert legte, sich tief beleidigt fuehlen +werde, wenn er zaertlichere Gefuehle aeusserte? Wer stand ihm dafuer--zwar +der Hofrat hatte es ihm zu dutzend Malen mit den fuerchterlichsten Eiden +geschworen, dass es nicht so sei; aber was wusste der Hofrat von den +Heimlichkeiten eines tiefen Maedchenherzens?--Wer stand ihm dafuer, dass +sie nicht schon einen anderen, wuerdigeren lie-- + +Nein, er konnte den Gedanken nicht ertragen; die ganze Nacht hatte es ihn +gepeinigt; die guten Betten, ueber welche er jenen Morgen der Frau +Mondwirtin viel Schoenes gesagt hatte, waren hart und schneidend wie die +Latten, auf welche er sonst seine ungezogensten Ulanen geschickt hatte; +die Kopfkissen--Jakob's Stein muss ein Eiderdunenpfuehl dagegen gewesen +sein; denn er konnte ja darauf schlafen und sogar eine Himmelsleiter +traeumen, die ihn in den Himmel--es peinigte ihn den ganzen Morgen und +Vormittag, bis er endlich den Riesenentschluss fasste, sich _Gewissheit_ +zu verschaffen. + +Noch auf der Treppe hatte er Loewenmut, er stieg die Stufen hinan, als +waeren es die schiefen Seiten einer feindlichen Batterie; noch so lange +der Papa dabeisass, fluesterte er sich zu, dass er mehr Mut besitze, +als er gedacht habe; ihr Blick schien ihm heute besonders glaenzend, +schien ihn selbst aufzumuntern; aber nein, es war ja nur das +gewoehnliche freundschaftliche Wohlwollen; er wuenschte den Papa zum +Henker oder in seine Kanzlei, und doch haette er ihn, als er ging, +beim Frackzipfel nehmen und festhalten moegen; jetzt Mut!--Aber es +schnuerte ihm die Kehle zusammen, er konnte nicht anfangen, alles +schien ihm zu gemein, zu trivial fuer diese Stunde-- + +"Warum so still und truebe, Martiniz?" fragte Ida, als der Graf immer noch +keine Worte finden konnte. "Sie sind doch wohl nicht krank?" Wie wohl tat +ihm diese Teilnahme!--Das Gespraech war eingeleitet, und dennoch konnte er +nicht weiter. Da fiel ihm auf einmal ein Gedanke ein--er beschloss ihn +auszufuehren; er nahm noch einmal das Thema von vorhin auf und ging die +Landsitze, die ihm angeboten worden waren, einzeln durch; auf allen war +Idchen bekannt, und wie unendlich huebsch stand es dem Maedchen, wenn sie +von der Landoekonomie so kunterbunt plapperte, wie ihr das Schnaebelchen +gewachsen war. Es war ihm, als saesse er schon mit ihr abends vor der +Tuere seines Schloesschens, die Kinderchen alle um ihn her im Gras, wie es +auf seines Vaters Schloss gehalten wurde, und neben ihm, neben ihm Ida als +zuechtiges, huebsches, allerliebstes Frauchen; und wie sie dann--nein, es +war zu huebsch, wenn er es sich so vorstellte,--wenn sie dann sorglich die +Kinder hineinschickte--und selbst aufstand--und ihn bei der Hand nahm--und +die andere Hand ihm auf die Stirne legte--und, ja--und dann sagte: +Maennchen, es macht hier unten schon etwas kalt, wollen wir nicht zu Bet-- + +"Da sitze ich schon ein gutes Halbviertelstuendchen," unterbrach Ida mit +froehlichem Lachen sein Selbstgespraech, "und sehe Ihnen zu, wie Sie so +gar nachdenklich sind, als wollten Sie die Quadratur des Zirkels +auskluegeln; wo haben Sie nur Ihre Gedanken? Gewiss sassen Sie schon auf +irgend einem Landgut und sannen nach, wie lustig Sie sich dort die Tage +vertreiben wollen." + +"Ach," antwortete Emil, "so lustig wird es wohl dort nicht werden, wenn +man so allein, so ganz allein auf der Erde ist." + +"Nun, das koemmt ja nur auf Sie an, Sie koennen sich die Einoede froh +machen, koennen Freunde zu sich bitten--" + +"Freunde?" fragte Martiniz mit sonderbarem Ausdruck der Stimme. "Es ist +wohl etwas Gutes um Freunde; aber sie kommen und gehen, und das Herz +verlangt nach etwas Bleibendem."-- + +"Wer bedenkt," antwortete Ida mit geruehrtem Blick auf den jungen Mann, +"wer bedenkt, wie viel Sie schon verloren haben, wird Sie um diese +Ansicht nicht schelten; Sie haben recht, es ist nichts Bleibendes auf +der Erde." + +So hatte aber der Graf auch wieder nicht gemeint. "Nein," sagte er, "es +hiesse dem Leben seinen schoensten Reiz abluegen, wollte man dies so +streng behaupten. Etwas ist, was dem Mann in jedem Wechsel bleibt. Ihnen +darf ich es sagen, was ich meine, Ihnen, die in dem ersten Augenblick dem +Ungluecklichen ihre zarte Teilnahme schenkte, die durch die zarten Bande +der Gastfreundschaft mein Herz wieder fuer die edlen Freuden der +Geselligkeit oeffnete, die, wenn alle Menschen mich verkannten oder +ueber mein Unglueck spotteten, mir treue Teilnahme und reichen Trost +gewaehrte, die mir aus glaeubiger, frommer Freundschaft selbst in jene +Schreckensstunde, die mich von den Menschen verbannte, nachfolgte, die +den Fluch von mir nahm, der mich von Land zu Land rastlos fortscheuchte, +dir, du reines, holdes, ewig heiteres Engelskind, darf ich sagen, was +mir fehlt, du hast mir ja immer geholfen, mir fehlt--sei du es mir--ein +liebes Weib--" + +Mit steigendem Erstaunen war Ida der Rede Emils gefolgt--ihr Auge hing an +seinen Lippen, ihre Hand zitterte in der seinigen; denn sie meinte nicht +anders, als ein neues, noch furchtbareres Geheimnis zu vernehmen. Mit einem +Schrei der Ueberraschung, der Freude, der Verlegenheit flog sie daher vom +Stuhle auf, als er endete. "Herr Graf--Marti--" stammelte sie in steigender +Verlegenheit, ihr Gesicht brannte in den hohen Gluten braeutlicher Scham. + +"Mein Maedchen, meine Ida!" fluesterte Martiniz und zog sie zu sich herab in +seine Arme; er nannte sie mit den suessesten Schmeichelnamen. "O lass mir +noch _einen_ Glauben, noch _eine_ Hoffnung, lass mir noch _einen_ Trost, den +deiner Liebe!"--"Mein Emil!" hauchte sie aus den suessen Lippen hervor--und +der Graf presste sie in stuermischem Entzuecken an die Brust; wollte eben +den ersten, heiligen Kuss reiner Lie-- + +Da schmetterten Posthoerner die Strasse herab; ein schwerer Reisewagen +rasselte droehnend ueber das Pflaster und hielt vor des Praesidenten Haus; +aufgeschreckt wie ein Reh flog Ida aus des Grafen Armen und riss das +Fenster auf; aber erbleichend trat sie zurueck.--"Mein Gott im Himmel!" +rief sie, "es ist die Graefin Aarstein."--Die Saat des Boesen reift +schnell. + + * * * * * + + + + +DAS UNKRAUT IM WEIZEN + +Die hoellischen Latwergen und Rhabarbermueschen aus der Leumundsiederei +_Schulderoff_ und _Komp._ taten ihre Wirkung vollkommen. Kaum hatte Onkel +Sorben, eine jener Hofseelen, die durch Intrigen geboren, mit Intrigen +gross gezogen werden und sicher einmal in einer Intrige sterben, die sie +gegen den Tod oder den Meister Urian anzetteln--Onkel Sorben hatte kaum +den Brief seiner liebenswuerdigen Posaunen-Seraphs-Nichte zu Gesicht +bekommen, als er wie wuetend nach seinem Stadtwagen schrie. War doch die +Geschichte so geschickt, so fein eingefaedelt gewesen, und Geschenke--vom +Herrn eine Dose, vom Staatssekretaer ein Staatssouper, von der Graefin +ein Paar Pferde und sonst noch was, was ein alter Kauz wie er nie +verschmaeht, und dies alles sollte ihm ein so naseweises Ding, die kaum +hinter den Ohren trocken, wegliebaeugeln. + +Die Roete des Zorns lag noch auf seinem Gesicht, als er bei der Graefin +vorgelassen wurde; er traf sie allein, nur der Rittmeister Sporeneck, ihr +taeglicher Gesellschafter, war dort. Der letztere hatte einen Brief in der +Hand, aus welchem er soeben etwas Unangenehmes vorgelesen haben mochte; +denn die Graefin schien mit Muehe sehr heiter zu sein; ihr kolossaler +Busen wogte ungestuem auf und ab. + +"Exzellenz," kraechzte Sorben aus seiner angegriffenen Brust hervor, +"Exzellenz! Da bekomme ich soeben ganz sonderbare Nachrichten von Ihrem +Zukuenftigen aus Freilingen."--Die Graefin und der Rittmeister warfen sich +bedeutende Blicke zu; aber der graue Hofmann liess sich nicht merken, dass +er es gemerkt habe,--"ja, aus Freilingen; er soll dort _en passant_ ein +galantes Verhaeltnis mit einer jungen Dame, des Praesidenten v. Sanden +Tochter, angeknuepft haben. Solches waere nun unter andern Umstaenden +ziemlich gleichgueltig; Exzellenz werden sich aber vielleicht noch aus +dem Brief aus Warschau erinnern, dass der Herr Graf ein Schwaermer +genannt wurde, und einem solchen, wissen Sie wohl, ist nicht zu tr--" + +"Nicht zu trauen, da haben Sie recht, lieber Sorben, da haben Sie recht, +und ich danke Ihnen fuer Ihren Eifer. Die Sache ist uebrigens einmal so +weit eingeleitet, dass das Graefchen daran muss, es mag wollen oder +nicht;--was schreibt sein Onkel?" + +Diese Querfrage brachte den Geheimrat beinahe ganz ausser Fassung; denn +sein Gewissen sagte ihm, dass er in dieser Hinsicht ein gewagtes Spiel +spiele; als naemlich Graf Martiniz ins Land kam, als man ueberall von +seinem Reichtum sprach, der Staatssekretaer ihn fuer eine gute Prise +erklaerte und alle Segel aufspannte, um ihn fuer die Graefin zu kapern, +da wollte es Sorbens Glueckstern, dass ihm eine bedeutende Rolle zufiel. + +Er hatte in Karlsbad den alten Onkel Martiniz kennen gelernt und stand +jetzt noch in einiger Korrespondenz mit ihm. Sein Geschaeft war es daher, +den alten Polen fuer die Heirat seines Neffen mit der Graefin Aarstein zu +gewinnen; er hatte sich auch nicht anders gedacht, als er werde leichtes +Spiel haben, der alte Graf wusste ja nichts von den fatalen Verhaeltnissen +der Aarstein, und--ja, es musste gehen; er schrieb dem alten Martiniz und +trug ihm gleichsam die Hand der Graefin fuer den Neffen an. Mittlerweile +hatte er, um sich bei der Graefin, die dem regierenden Hause so nahe +verwandt war, wichtig und unentbehrlich zu machen, viel von seinem grossen +Einfluss peroriert, den er auf seinen Intimus, den alten Martiniz, habe +und jedesmal, so oft auf die Heirat die Rede kam, ganz zuversichtlich +gesagt: "Es fehlt sich gar nicht, der alte Pole muss wollen, was ich +will, und damit holla!" + +Das Ding hatte aber doch einen Haken; der Graf hatte seinem Karlsbader +Freund wieder geantwortet, dass diese Verbindung mit einer so erlauchten +Dame seinem Neffen wie dem ganzen Hause Martiniz nicht anders als zur +groessten Ehre gereichen koenne und dass er sich unendlich freue, die +schoene Graefin einmal als seine Schwiegerniece zu umarmen; bis hieher +war es nun ganz gut, jetzt aber kam der Haken,--was uebrigens sein Votum +in der Sache betreffe, schrieb er weiter, so muesse er sich mit Wuenschen +begnuegen; denn er habe den Grundsatz, in solche Affaeren sich auch +nicht im geringsten einzumischen; sein Neffe kenne ihn auch von dieser +Seite vollkommen und wisse, dass er ihm zu keiner Verbindung weder zu- +noch abraten werde. Er solle einmal nach Liebe heiraten, natuerlich nicht +unter seinem Stand; wenn er aber diese Grenze nicht ueberschreite, gebe +er seinen Segen zu jeder Wahl. + +Das war nun ein verzweifelter Haken; Sorben hatte sich vorgestellt, der +Alte werde bei einer Graefin Aarstein sogleich mit beiden Haenden +zugreifen und sie dem Herrn Neveu als Frau Gemahlin praesentieren ohne +weitere Sperranzien; wahrhaftig, man musste im Norden noch weit, sehr +weit in der Kultur zurueck sein, dass man von einer _Heirat nach Liebe_ +sprechen konnte; doch der Karren war schon einmal verfahren und konnte +auf dieser Seite nicht mehr herausgehaudert werden; der alte Herr von +Sorben dachte also: "_Vogue la galere_, der alte Narr _muss_ wollen!" +machte gute Miene zum boesen Spiel und sagte dem Staatssekretaer und +der Graefin, der alte Martiniz sei vollkommen damit einverstanden. Ein +boeses Gewissen behielt er aber bei der Sache noch immer; wenn ja das +Graefchen Goldfischchen doch nicht anbeissen mochte--Nein! Er konnte +den Gedanken nicht ausdenken, er waere ja um Ehre und Reputation +gekommen; denn auf _seine_ Nachricht von dem alten Grafen hin hatte man +sich nicht mehr geniert und von der Verbindung als von etwas, das sich +von selbst verstuende, ueberall gesprochen. + +Wie jetzt die Sachen standen, ging ihm das Wasser bis an die Kehle, und +die fatale Querfrage der Graefin: "Was schreibt sein Onkel?" haette ihn +beinahe aus aller Kontenance gebracht. Doch er fasste sich und antwortete +mit der heitersten Miene von der Welt: "Der ist, wie ich schon oft gesagt +habe, durchaus damit einverstanden, und diese Verbindung liegt ganz in +seinen Wuensch--" + +"Wie? Ganz in seinen Wuenschen? Damit einverstanden?--Das sind nicht die +Ausdruecke, die Sie mir frueher sagten; erinnern Sie sich, Sie sagten mir: +er schreibe, er sei von selbst auf den Gedanken gekommen, dass sein Neffe +mich--" + +Hoellenangst, Hoellenpein nagte in Sorbens Brust; nein! wenn er +kompromittiert wuerde! Doch da galt kein Besinnen mehr. "Vollkommen damit +einverstanden, meine Gnaedige, so vollkommen, sage ich, dass er selbst +zuerst auf den gluecklichen Gedanken kam." + +"Nun, was wollen wir weiter?" fuhr die Graefin ruhig fort. "Mein +Graefchen wird nicht ungehorsames Soehnchen spielen wollen; denn die drei +Millioenchen, die er von dem Onkel erben soll und die, wie Sie mir sagen, +wegfallen, wenn er mich nicht--" + +Sorben schnitt greuliche Gesichter; es war ihm, als sollten ihm die +hellen Traenen hervorstuerzen, dass er sich so dumm verplaudert hatte, +und dennoch sollte er laecheln und freundlich sein; er grinste daher +furchtbar, wie einer, der _Asa foetida_ oder recht bitteres Salzkonfekt +im Mund hat und doch zuckerhonigsuess dabei aussehen will. + + * * * * * + + + + +DAS UNKRAUT WAECHST + +Der Rittmeister hatte bis jetzt noch kein Wort gesprochen; aber die Miene +des alten Fuchses mochte ihm doch nicht so ganz spasshaft vorkommen, als +sie aussehen sollte. "Mir scheint es, als duerfe man die Sache nicht nur so +gehen lassen, wie sie geht, und am Ende warten, ob der Graf gehorsam sein +will oder nicht; denn hole mich der--verzeihen Sie, gnaedige Graefin--wenn +ich selbst drei Millionen haette wie der Goldfisch, der jetzt in Freilingen +vor Anker liegt, so taete ich nach meinem Sinn und nicht, wie mein alter +Oheim wollte." + +"Das heisst also," rief die Graefin pikiert, "Sie wuerden Ihrem Kopf +folgen, auch zu den Fuessen des Fraeuleins Ida liegen und die Graefin +Aarstein refuesieren?" + +"Wie Sie nur so reden moegen?" antwortete der Rittmeister empfindlich. +"Sie wissen ja selbst, wie ich mit Ida stehe; aber ich wollte damit +sagen, dass der Graf Sie sehen muss. Und hat er Sie nur erst einmal +gesehen, nun, so stehe ich dafuer, dass er keine weitere Vergleichung +anstellt, sondern zu Ihren Fuessen liegt." + +Die Geschmeichelte schlug ihn mit der Eventaille auf die Hand und meinte +selbst, indem sie einen Blick in den deckenhohen Spiegel warf, dass dieser +Rat vielleicht so uebel nicht waere. Auch Sorben schien er das einzige +Rettungsmittel in seiner peinlichen Lage. Kommt die nur erst einmal hinter +den Polen, dachte er, dann sei ihm Gott gnaedig; denn wenn _die_ einen +lieben und von einem geliebt sein will, dann kostet es vierundzwanzig +Stunden, und er ist im Netz. + +Sie hielten jetzt grossen Kriegsrat. Die Nachrichten, die der Rittmeister +von seinem Kameraden Schulderoff aus Freilingen erhalten und kaum zuvor +der Graefin mitgeteilt hatte, stimmten auf ein Haar mit dem ueberein, was +Fraeulein Sorben ihrem Onkel geschrieben hatte. Ueber den Tatbestand war +also nicht der geringste Zweifel mehr. Aber wie dem Grafen beikommen? + +"Ist sie denn wirklich so huebsch?" fragte Sorben, um die feindliche +Stellung recht genau zu rekognoszieren. + +"Huebsch?" lachte die Graefin bitter. "Huebsch? Nun, das muessen Sie +ihren _primo amoroso_, den Rittmeister, fragen. Wenn durch einander +gefitztes Rabenhaar, ein Maul voll gesunder Zaehne, ein paar rote +Baeckchen, eine gedrechselte Hopfenstange von Koerper, die mir die +Nerven angreift, weil man sie nicht beruehren darf, ohne fuerchten +zu muessen, dass man eines der zarten Gliederchen abknicke,"--bei der +kolossalen Riesenkuerassierfigur der Graefin war dies nicht zu +befuerchten--"wenn dies alles fuer huebsch gelten soll, so ist sie +wunderschoen! Ha, ha, ha, wunderschoen! Nun, und das--muss man ihr +lassen, viel Welt und _bon ton_ hat sie auch. Denken Sie sich, ich lasse +mich herab, sie mir letzten Winter praesentieren zu lassen, lade sie zu +meinen Soirees und Hausbaellen ein; aber siehe da, Mamsell Zimperlich +setzte mir keinen Schritt wieder ins Haus. Ob dies nicht eine Sottise +ohnegleichen ist? Und als ich mich einmal bei ihrer Frau Pate, die +einen Affen an ihr gefressen haben musste, als ich mich bei der +Fuerstin Romanow beklagte, warum die junge Dame sich so impertinent +gegen mich betrage, was meinen Sie, dass ich zur Antwort erhielt? +Denken Sie sich: das gute Kind sei zu unverdorben und keusch, als +dass sie sich in meinen Cercles gefallen koennte! Dergleichen kann +man von der Fuerstin sich sagen lassen und es ohne Replik einstecken, +aber, _ma foi_! sonst von niemand. Also zu unverdorben und keusch! Nun, +der Herr Rittmeister da wird von ihrer Keuschheit zu sprechen wissen. +Wie ist es damit? Gestehen Sie!" + +Der Rittmeister versicherte zwar auf das heiligste, dass er Ida immer +nur als ein reines Kind der Natur gefunden habe; aber sein hoehnisches +Teufelslaecheln bei diesen Schwueren, die Art, mit welcher er den +Stutzbart bis an die Ohren zurueckriss und die Augen einkniff, liess +fast erraten, dass er mehr wisse und erfahren habe, als er sagen wolle. + +"Nun," sagte Sorben, "wenn die Aktien so stehen, so ist es nicht schwer +zu agieren. Sie, Exzellenz, heben den Grafen durch Ihre Reize aus dem +Sattel, der Rittmeister aber Ida, und zwar dadurch, dass er den Grafen +eifersuechtig macht. Er darf nur dem suessen Schwaermer schwoeren, dass +er die Gunst des Fraeuleins Engelrein noch nie ganz genossen habe, und +dazu ein Gesicht machen, wie wir es eben gesehen haben, so muss der +gute Mann abgekuehlt sein, als sei er nie entbrannt gewesen." + +"Aber wie soll dies alles geschehen? Wir koennen doch die Mamsell +Zimperlich nicht mit Extrapost kommen lassen, da sie erst vor vierzehn +Tagen die Residenz verlassen hat, und der Graf ist auch nicht so +schnell zu meinen Fuessen zitiert, als Sie sich wohl vorstellen." + +"Ist gar nicht noetig," replizierte Sorben, indem er seine Karte immer +huebscher mischte, "nicht noetig. Wie waere es--ja, das waere am Ende das +beste, wenn Sie selbst nach Freilingen gingen und dort dem ganzen Spass +auf einmal ein Ende machten!" + +Der Gedanke schien der Graefin nicht uebel zu gefallen. "Wahrhaftig, es +waere so uebel nicht," antwortete sie sinnend; "der alte Praesident-- +wahrhaftig, ich quartiere mich selbst bei ihm ein--erst vor einem Jahr +hat er mich eingeladen, wenn ich einmal auf der Durchreise auf meine +Gueter durch Freilingen komme, bei ihm abzusteigen. Das waere ein zu +huebscher Spass, Fraeulein Ida in ihrem eigenen Hause den Galan +abzuspannen. Nein, der Einfall ist goettlich, und ich bin fest +entschlossen, ihn auszufuehren." Sorben atmete wieder freier, als er +die Graefin auf so gutem Wege sah. Jetzt konnte, jetzt musste ja noch +alles gut werden, und sein Ansehen, seine Ehre war gerettet. Er tat +sich nicht wenig auf seinen Witz zugut, mit welchem er so huebsch +die Volte geschlagen und sein zweifelhaftes Spiel korrigiert hatte. +Noch einmal riet er dringend zur Reise und empfahl sich. + +Als er fort war, gestand die Graefin ihrem Cicisbeo, dass sie nach +Freilingen reisen werde, und zwar gleich morgen, aber nur unter +_einer_ Bedingung, naemlich er muesse sie eskortieren. Einmal wuerde +ihr die Reise zu langweilig ohne ihn, und dann habe sie ihn auch +hoechst noetig, um Ida bei dem Grafen aus dem Felde zu schlagen. Der +Rittmeister sagte freudig zu. Eine Reise mit einer solchen Frau war +eine herrliche Aussicht. Dass er als Reisestallmeister den Wein nicht +zu schonen habe, wusste er wohl. Nach Freilingen war es drei +Tagreisen; wie angenehm liess es sich bei der Graefin im Wagen +sitzen, wie interessant liessen sich die Verhaeltnisse weiter +spielen, wenn man abends ins Nachtquartier einrueckte.--Und dann, er +kitzelte sich schon mit dem Gedanken, sich an Ida zu raechen, in die +er--er musste es sich zu seiner Schande gestehen--bis zum Tollwerden +verliebt war und die ihm nicht einmal ein Kuesschen--nein, es war zu +unverschaemt; bei andern hatte er nach den ersten Praeliminarien +beinahe ohne Schwertstreich gesiegt, und dieses Landpomeraenzchen +hatte ihm so imponiert, dass er es nicht wagte, nachdem sie ihn +einmal mit Verachtung abgewiesen hatte, noch einmal einen Versuch zu +machen. Und diese Blame war ausgekommen, man wusste es sogar in dem +kleinen Nest Freilingen, zwanzig Meilen von der Residenz, sein Kamerad +Schulderoff, die ehrliche Haut, hatte ihn beschworen, sich zu raech--. +Es musste sein. Rache wollte er nehmen an der stolzen Jungfrau, dass +ihr die Haut schaudern sollte. + +Am andern Morgen fuhr ein Reisewagen mit dem graeflich Aarsteinischen +Wappen zum Tor hinaus. Bald nachher jagte der Rittmeister von Sporeneck +mit seinem Jockei hintendrein, eine Stunde vor der Stadt gab er das +Pferd dem Jockei und setzte sich in den graeflichen Reisewagen, und +fort ging es ueber Stock und Stein, bis man den Muensterturm von +Freilingen sah. Dort stieg er aus, kuesste noch einmal eine schoene +Hand, die ihm aus dem Wagen geboten wurde, sass auf und ritt auf einem +Umweg in die Stadt, wo er sich im Gasthof zum Goldenen Mond +einquartierte. + + * * * * * + + + + +TRUEBE AUGEN. + +Ida fuehlte einen tiefen Stich im Herzen, als sie die Graefin aus dem Wagen +steigen sah. "Nun adieu, Liebes- und Lebensglueck!" seufzte sie, indem sie +einen trueben Blick ueber Martiniz hinfliegen liess und zur Treppe eilte, +um den erlauchten Gast zu empfangen. "Nun adieu, Liebesglueck, wenn dieses +Weib in mein Leben greift!" + +Sie zerdrueckte eine Traene des Unmuts ueber ihr Geschick und ging weiter. +So ungefaehr muss es jenen unschuldigen Tierchen zu Mut sein, wenn sie die +Riesenschlange erblicken und, von ihrem greulichen Anblick uebertaeubt, +nicht auf ihre Flucht denken, sondern in geduldiger Resignation dem +Verderben entgegengehen. + +Mit jener Leichtigkeit und Grazie, die man in hoeheren Verhaeltnissen von +Kindheit an studiert, wusste die Graefin schnell ueber das Unangenehme der +ersten Augenblicke hinueberzukommen. Sie war die Freundlichkeit, die +Herzlichkeit selbst. So weit hatte es freilich Ida in der Bildung nicht +gebracht, dass sie denen, die sie nicht lieben konnte, wie ihren waermsten +Freunden begegnete. Auch war _sie_ die Ueberraschte und die Graefin die +Ueberraschende; daher war Ida etwas befangen und zeremonioes beim Empfang +der hohen Dame; aber ihr natuerlicher Takt sagte ihr, dass sie jede andere +Ruecksicht beiseite setzen muesse, um nur die im Auge zu haben, die +Graefin, die nun einmal ihr Gast war, anstaendig und wuerdig zu behandeln. + +Um wie viel edler waren die Motive, welche Ida bei ihrem Betragen +leiteten, als die der Graefin! So verschieden als Natur und Kunst. +Die Aarstein wusste gegen jeden, auch wenn sie ihn bitter hasste +und ihm haette den Dolch in den Leib rennen moegen, freundlich und +leutselig zu sein. Sie konnte ihm etwas Verbindliches sagen, wenn +sie das bitterste Wort auf der Zunge hatte. Aber so sind jene +Gesellschaftsmenschen, die nichts Hoeheres kennen, als sich zu +produzieren. Wenn man in ihre Cercles tritt, glaubt man in die alten +Zeiten zu kommen, wo noch alles so bruederlich und freundlich war; +da ist alles uebertuencht, alles hat den schoenen Anstrich der +Geselligkeit; aber man soll nur einmal hinhorchen, wie es da ueber die +ehrlichen Leute hergeht, wie medisant da alles bekrittelt wird, wie da +der Bruder, der Freund gewiss sein darf, von dem, der ihm gerade noch +so schoen getan, ohne Schonung bitter bespoettelt zu werden. + +Aber ist es nicht ueberhaupt in der Welt so? Sucht nicht immer einer +dem andern so viel als moeglich Abbruch zu tun? Wohl dem, der es dahin +gebracht hat, dass er ruhig in dieses boese Treiben hineinsieht und dazu +laechelt! Mit Ruhe und dem Bewusstsein, Gutes gewollt zu haben, in der +zufriedenen Brust, lache ich ueber den Spott meiner Neider, ueber die +haemischen Bemuehungen jener Falschmuenzer, die mit schnoeder +Schadenfreude aus allem, was man je gesagt und gedacht, nicht gesagt +und nicht gedacht hat, Gift saugen und in ihrer frechen Leumundsiederei +ein Gebraeu zusammenkochen, das sie gerne mir unterschieben moechten! + +Sie sind zu bedauern, solche schlechte Menschen, die, von Neid und +Scheelsucht gestachelt, so ganz den wahren Lebenszweck aus dem Auge +verlieren, gluecklich und bruederlich untereinander zu wohnen! So denke +ich und viele Tausende mit mir ueber jene boesen Mensen in den +gesellschaftlichen Zirkeln und in der Welt ueberhaupt, so denken wir +und lachen; denn _das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man +ein sicheres Glueck im Herzen traegt, und froher kehr' ich, wenn ich +es gemustert, zu meinem schoenern Eigentum zurueck_. + +So dachte auch Ida, als sie an der Hand der Graefin die Treppe hinanstieg; +ein troestender Gedanke lag recht hell in ihrer Seele; sie verglich ihren +innern Wert mit dem ihres Gastes und dachte: wenn Martiniz mich liebt, wie +ich ihn liebe, in wird er diese Frau verachten, und wenn--ach, sie durfte +den Gedanken nicht recht ausdenken, ohne dass ihr das Wasser in die Augen +trat!--nun, wenn er an _sie_ verloren geht, so habe ich wenig verloren. + +Es gab einen sonderbaren, aber schoenen Anblick, wenn man die beiden Damen +so nebeneinander hingehen sah. Graefin Aarstein, eine kolossale Figur,--sie +haette ohne Anstand in jedem Garderegiment dienen koennen,--voll, ueppig +gebaut, in ihren Bewegungen lag etwas Imposantes, Majestaetisches, +Gebietendes, in ihren Mienen eine Hoheit, die an Uebermut grenzte. Ihre +dunkeln Augen hatten das holde, maedchenhafte Niederschlagen schon lange +verlernt und rollten mit einem unstaeten Feuer umher, als suchten sie +luestern einen Gegenstand der Begierde oder als musterten sie alles umher, +ob auch die gehoerige Ehrfurcht gegen einen Sproessling eines so hohen +Hauses bewiesen werde. Ihr Gang war etwas schwerfaellig, weil die +korpulente Figur fuer die in die feinsten Pariser Atlasschuhe +eingepressten Fuesse etwas zu schwer war. + +Neben ihr die leichte, schlanke, sylphidenaehnliche Gestalt Idas--nein, +dieser Kontrast! Sie hielt sich zwar kerzengerade wie eine Tanne, aber +doch war das holde Lockenkoepfchen ein wenig vorwaerts gesenkt; das +sanfte Auge, oft niedergeschlagen in Demut, zeigte dennoch, wenn sie es +aufschlug, so glaenzenden Mut, so feurige Lust und Liebe, so gebietenden +Ernst, dass es durch die sanfte Beredsamkeit ueberzeugender gebot als +das Rollauge der gebietenden Graefin. Und um wie viel anziehender war das +Schelmengruebchenlaecheln des suessen Maedchens als das schrankenlose +Lachen und Gurren der Graefin, die durch ihre rauhe; tiefe Stimme jedes +Ohr verletzte. So schwebte Ida neben der Graefin hin, so wie Juno und +Hebe traten sie in das Zimmer. + +Martiniz sah finster durch die Scheiben auf den Wagen hinab, der ihn +so unbarmherzig aus dem suessesten Moment seines Lebens herausgerasselt +hatte. Er verwuenschte den Gast, der gerade jetzt kommen musste, wo er +endlich seinem Herzen Luft gemacht, wo er dem Maedchen, das er liebte, +das er anbetete, seine Gefuehle gestanden hatte, wo er Gegenliebe, +suesse verschaemte Gegenliebe in ihren sanften Augen las, wo, wie von +Engeln des Himmels gesungen, "_mein Emil_" von ihren Lippen toente, wo +er, das Engelskind im Arm, die Seligkeit erwiderter Liebe in der Brust, +Himmel und Erde vergass und auf diese wuerzigen Purpurlippen, auf die +braeutlich erroetenden Wangen den ersten, seligen Ku-- + + * * * * * + + + + +DIE GRAEFIN AGIERT. + +Die Fluegeltueren flogen auf, und Ida, hoch erroetend beim Anblick des +Geliebten, fuehrte die Graefin herein. Sie zitterte, von so vielen +gegeneinander kaempfenden Empfindungen bestuermt; die Stimme wollte ihr +beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Graefin Aarstein" +vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erroeten, sie sah, wie sie den +bildschoenen Mann mit ihren Feuerraedchen beinahe zu versengen drohte; +es zuckte ihr ganz eisig in das liebende, aengstliche Herzchen hinein, +als die Graefin sich in einer nachlaessigen Stellung auf den Sofa warf, +ihr zurief, sie moechte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements +treffen, die ein so ploetzlicher Ueberfall wie der ihrige immer notwendig +mache, sie moechte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde +schon die Gnade haben, sie zu unterhalten. + +"Da sei Gott gnaedig," fluesterte Ida in sich hinein, indem es ihr +froestelnd und doch wieder siedheiss durch alle Glieder ging, "wenn +die so fortmacht, so muessen wir ja alle samt und sonders, den Grafen +mit eingeschlossen, zu ihren Fuessen knien." + +Sie nahm ihre Schluessel und ging; aber noch in der Tuere warf sie einen +Blick auf Martiniz zurueck, so voll Liebe und Besorgnis, als muesse sie +ihn bei einem reissenden Tier allein lassen. + +"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Graefin an Martiniz, der +schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes +Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe +sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat. +Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade +der Ort ist, wo sie anstaendige Vorbilder dazu haben mag; in groesseren +Staedten findet sich dies eher." + +Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem +aber schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und +jetzt erst, als die Graefin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen +und beantwortete ihre Frage durch ein leises Kopfnicken. + +"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der +die Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht +ist es gut, dass das Fraeulein aus der Residenz wegkam; Sie koennen sich +gar nicht denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich +aufbluehte; die Strasse vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht +leer von den Anbetern, und natuerlich--ein solches Maedchen hat denn +doch auch ein Herzchen und fuehlt sich durch diese Aufmerksamkeit +geschmeichelt. Uebrigens, das muss man ihr lassen, mit dem groessten +Anstand wusste sie den Herren zu imponieren und sie sogar zu +verscheuchen; dass sie nun freilich bei dem Rittmeister von ....... +es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht verdenken." + +"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen ueberzog. +"Der Rittm--"--"Nun ja," lachte die Graefin, "da ist es auch kein +Wunder, dass sie ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in +der Residenz ein Damenherz, das er zu ueberwinden sich vorsetzte und +das er nicht ueberwunden haette? Er hat zwar etwas leichte Grundsaetze, +ist aber sonst ein artiger Mensch; _au fond_ ist es uebrigens dennoch +gut, dass man das Maedchen schnell aus der Pension nahm; denn sehen +Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte sie Ida entgegen, die mit +liebenswuerdiger, wirtlicher Geschaeftigkeit Tee fuer ihren Gast +brachte. Beinahe haette sie das ganze zierliche Dejeuner auf den +Boden fallen lassen; denn der Graf--was musste ihm nur begegnet sein?-- +er sass da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet-- + +"Nun, da erzaehle ich," fuhr die Graefin Satanas, die mit teuflischer +Freude das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen +hatte, zu zerreissen strebte, "da erzaehle ich gerade dem Herrn Grafen +Ihre Affaere mit dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, +dass man sie so grausam herausriss aus der Wonne der ersten Lie--" + +"Gnaedige Frau!" rief Ida mit den Toenen des Schreckens und setzte +die Tasse nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann. + +"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, dass ich aus der Schule schwatze; +das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa haette auch +keine ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurueckberufung waehlen koennen--" + +"Ich muss Sie bitten, gnaedige Frau--" + +"Ei, so lassen Sie doch die gnaedige Frau," fiel ihr die Aarstein ins +Wort, "ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als +ob ich Frau waere, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," +setzte sie naiv und mit einem schalkhaften Laecheln gegen Martiniz hinzu; +"ich lebte nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns +kein Kind beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Maedchen."-- + +Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Aeusserungen mussten +ihre unentweihten jungfraeulichen Ohren hoeren, ohne dass sie diese +wegwerfende Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen +mit dem Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte +gar nicht begreifen, was nur die Graefin damit wollte; hatte sie ihn +denn nicht so gut abgetrumpft wie jeden andern? Was musste nur Martiniz +von ihr denken! Sie nahm sich vor, bei der naechsten Gelegenheit ihn +zu ueberzeugen, dass gewiss an der Geschichte mit dem Rittmeister +kein wahres W--. Aber nein, wie sah der Graf aus! Er hatte die Lippen +zusammengekneipt, dass sie ganz weiss wurden, sein Auge rollte unstaet +umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch schlug er es nieder, +so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange ums Herzchen, +als ahne sie irgend ein Unglueck; sie kluegelte hin und her, was ihm +sein koennte, und fand immer nichts. + +Die Graefin zog sich letzt in ihre Zimmer zurueck, um sich umzukleiden. Ida +sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich +nur so halb und halb, dass sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde +vielleicht an dem Gespraech von vorhin fortmachen; aber sie taeuschte sich +bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah +er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging. +Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich +aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersuechtig war der gute +Graf. Sie musste lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fuehlte sich so rein +und unschuldig, dass es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu ueberzeugen; +aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir +die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister +sprechen und ihn recht boes machen. + +Das gute, froehliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht +Boeses anrichten koenne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete! + + * * * * * + + + + +EIFERSUCHT. + +Das Gift, das die Graefin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel +toedlicher auf Martiniz, als man haette denken sollen. Ein anderer haette +entweder der Graefin keinen Glauben beigemessen, haette gedacht: nun, das +ist so das gewoehnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, +und damit holla; aber auf sein Gemuet, das kaum erst von seinem Truebsinn, +von seinem Missmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn +machte es einen viel tieferen Eindruck, dieses Maedchen, das so hoch +stand in seiner Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? +Auch sie sollte so zwanzig, dreissig Liebschaeftchen und am Ende noch +eine recht tuechtige Amour mit einem leichten Rittmeister gehabt haben? + +Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein +Maedchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister +viel oder wenig Gehoer gibt? Was ging es denn ihn an? Das fluesterte ihm +sein tief zerrissenes Herz zu, das, dass sie die Maske der hohen, reinen +Jungfrau so kuenstlich vorhielt, dass sie ihn beguenstigte, ja, er durfte +sagen, an sich zog, waehrend sie noch einen andern, wie es schien, +Unwuerdigen im Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch moeglich, +vielleicht war es doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich +eingebildet, von ihr geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch +ihre erste Lie-- + +"Bitte untertaenigst um Vergebung, wenn ich stoere," schnatterte ein +Jockei, der waehrend des Grafen Selbstgespraech ins Zimmer gekommen war; +"der Rittmeister von Sporeneck--" + +Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er +hier sein? + +"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob +der Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus +abtreten wollten?" + +Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenueber +Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese +Forderung war zu unverschaemt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, +der ihm die Ungluecksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der +Graf wolle noch weitere Auftraege von seinem Herrn und schnatterte +weiter: + +"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein +Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schoene Aussicht, und da hat er +gemeint, Exzellenz koennten vielleicht eines von den drei--" + +"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so +finster die Augen dazu, dass dem armen Jockei ganz wind und weh dabei +wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal +vormachen liess. + +Da hat er es ja sonnenhell, dass ihm das Licht in den Augen weh tat, da +hat er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und +hatte jetzt noch die Unverschaemtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, dass +er besser hinueber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es +nicht fortgehen; die Wehmut war staerker als die Bitterkeit und wurde +Herr ueber sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So +war gewiss noch kein Mensch getaeuscht worden wie er; der Zufall, der +blinde Zufall laesst ihn ein Maedchen finden, so hold, so schoen, so +ganz Unschuld und reine Jungfraeulichkeit; er muss sie lieben, und wie +gluecklich ist er in dieser Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die +er seit langer, langer Zeit nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein +Herz, er fuehlt sich gluecklich, wie er selbst damals, als noch sein +Haus in Fuelle des Gluecks und der Freude prangte, sich nie gefuehlt +hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er sah das Morgenrot der +ersten zarten, jungfraeulichen Liebe auf ihren Wangen aufgehen, und +diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus ihm, dem +Ungluecklichsten der Sterblichen--den Gluecklichsten. Jetzt hatte er +ja alles, was die kuehnsten Wuensche nur verlangen moegen; Gesundheit, +Jugend, hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, dass er den Markt von +Freilingen mit Talern haette belegen lassen koennen, ohne dass er es +sonderlich gefuehlt haette; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein +holdes, tugendsames Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; +er hielt im seligsten Moment seines Lebens ein Maedchen im Arm, ein +Maedchen, fuer dessen Tugend er sein Leben gegeben haette. Da sendet in +dem Augenblick, wo er sein Herz hingeben will, der Himmel eine Dame, +die unwillkuerlich den Schleier ein wenig lueftet und ihn das Maedchen +ein wenig naeher kennen lehrt, die ihn merken laesst, dass dieses Auge +nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser keusche Mund nicht zum +erstenmal gekuesst werde, die, wenn man es gleich in der grossen Welt +nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, dass es gut sei, dass +man das Maedchen aus einem unschicklichen Verhaeltnis herausgerissen +--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine +Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schuechtern mit der +verschaemten Zartheit erster Liebe um ein einziges Kuesschen gebeten +hatte, da hatten andere geschwelgt! Er schaemte sich wie ein Primaner, +der die Rute bekommen hatte, so betrogen, so schnoede angefuehrt +worden zu sein; er goennte ihr, obgleich sein Herz dabei blutete, er +goennte ihr den Rittmeister; es reute ihn beinahe, dass er ihm sein +Logis versagt hatte, alle Zimmer haette er ihm geben sollen, er wollte +morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch draengte es ihn, noch +dazubleiben; wenigstens raechen wollte er sich an ihr, er wollte +hinueber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn betragen +wuerde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber gekommen, +ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase +herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das +eine war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg +wehtun; dass andere war ihm zu weich, zu gefuehlvoll; er wollte ihr +nicht zeigen, wie tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien +ihm, er wollte ganz und gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob +gar keine Ida in der Welt sei oder als sei sie ihm wenigstens sehr +gleichgueltig, wollte ihr zeigen, dass er sie verachte. + +Die Stunde, zu der man gewoehnlich beim Praesidenten Tee trank, hatte +schon geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Traene, die +er der Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine +Toilette, warf sich in die Kleider, presste das weichgewordene Herz +mit beiden Haenden zusammen und ging dann den schweren Gang hinueber +in jene Zimmer, wo er einst so unendlich gluecklich gewesen war. + + * * * * * + + + + +DER NEUE NACHBAR. + +Es war, als sei ein feindlicher Daemon mit der Graefin in Praesidents +Haus eingezogen. In wenigen Stunden war alles, das ganze ruhige, stille +Leben des Hauses veraendert. Alles rannte und flog, um den hohen Gast zu +bedienen; es war ein Jagen und Treiben, ein Rennen und Laufen, dass man +glaubte, der Feind sei vor den Toren. Der Aergste war der Praesident +selbst; ganz still verklaert schluepfte er in allen Ecken des Hauses +umher, zankte und hantierte, dass die Konfusion nur noch aerger wurde +und sein Maedchen, das vor Haushaltungsgeschaeften und +Herzensangelegenheiten nicht wusste, wo ihr der Kopf stand, ihn um +Gottes willen bat, sie doch ganz allein machen zu lassen. Es war aber +auch kein Wunder, dass er sich ein wenig verrueckt gebaerdete. Der +Himmel hing ihm voller eigenhaendig-durchlauchtigster Belobungsschreiben, +voll grosser Verdienstkreuze mit breitem Band ueber die Brust, voll +Dotationen und Standeserhoehungen; jetzt war er in seinem _Esse_, jetzt +konnte er negozieren und zeigen, dass er nicht umsonst in Regensburg +und Wetzlar in seiner fruehen Jugend Diplomatie studiert hatte: Was er +mit seinen kuehnsten Wuenschen nicht fuer moeglich gehalten haette, +fuehrte ihm ganz bequem der Zufall in die Haende. Der Staatssekretaer +hatte ihm aufgetragen, dafuer zu sorgen, dass Martiniz sich ankaufe und +fuer die Idee einer Verbindung mit der Aarstein gewonnen werde; es hatte +ihm wahrhaftig schon manche Sorge gemacht, ob er diesen Ausbruch +allerhoechsten Vertrauens auch gehoerig rechtfertigen werde. Jetzt gab +der Himmel der Graefin ein, auf ihre Gueter zu reisen. Was doch nicht +der Zufall tut! Ohne daran zu denken, dass es wirklich einmal in +Erfuellung gehen koenne,--denn der gerade Weg fuehrte zwei Meilen +seitwaerts an Freilingen vorbei,--hatte er einmal in der Residenz +in einem Anfall von galanter Laune der Graefin das Versprechen +abgenoetigt, einmal auf ihrer Reise bei ihm einzusprechen. Und +wie gluecklich fuegte es sich jetzt! Sie, die beim Herrn alles galt, die +er behandelte wie seine eigene Tochter und der er alles zu Gefallen tat, +sie, nach deren Wink die ersten Chargen sich richten mussten, die, ohne +dass man es merkte, an ganz geheimen Faeden das Land regierte, sie +besuchte _ihn_. + +Aber sie sollte auch gehalten werden, als waere sie in ihrem eigenen +Hause, dass sie recht viel Schoenes und Gutes hoeheren Orts von ihm und +seinem Hause sagen konnte. Kaum hatte sie geaeussert, sie finde Idas +Zimmer im ersten Stock so huebsch, so musste das Fraeulein das Feld +raeumen und in die zweite Etage wandern. Es kam dem Maedchen sauer +an, als sie so die Plaetze wechseln wusste, und in ihrem traurigen, +ahnungsvollen Herzen wollte es ihr beinahe beduenken, als sei dies eine +schlimme Vorbedeutung. Und es war ihr auch gar nicht zu verdenken; sie +hatte das Fenster mit der Estrade so gerne gehabt; dort sass sie am +liebsten, dort las, dort arbeitete sie; sie durfte ja nur das Koepfchen +ein wenig heben, Den blauseidenen Vorhang nur ein wenig aufheben, nur +einen kleinen Viertelsseitenblick hinueberwerfen, so sah sie ja auch +schon ihn; und jetzt sollte sie der verhassten Nebenbuhlerin, die ja +offenbar nur gekommen war, um den Grafen in ihre Fesseln zu schlagen, +jetzt sollte sie dem ueppigen Weib, die gewiss alle Kuenste der +Fensterkoketterie aufbieten werde, ihr heimliches Plaetzchen am +Fenster, ihr lauschiges Schlafstuebchen abtreten und dafuer, weiss +Gott wie lange, in den weiten, unheimlichen Zimmern des oberen +Stockes wohnen. Mit Seufzen richtete sie ihre kleine Haushaltung oben +ein. Der Stickrahmen, die Staffelei, die Toilette, die paar Kistchen +und Kaestchen waren bald gestellt; jetzt setzte sie einen Stuhl ins +Fenster; sie probierte, ob man nicht auch von da in den ersten Stock +des Mondes hinabsehen koenne; es ging wohl, aber sie sah nichts als +die Wolken seiner Gardinen; er musste schon herausschauen, wenn sie ihn +von diesem Platz aus zu Angesicht bekommen sollte, und das merkte sie +schon, einen steifen Hals konnte sie sich fueglich gucken, wenn sie +immer das Koepfchen hinabbog. "Doch was schadet das," laechelte sie, +"das tu' ich ihm schon zu Gef--" + +Mit einem Schrei des Entsetzens sprang sie auf; hatte sie recht gesehen? +oder hatte ihr nur die Phantasie diese Gestalt--als sie von der Beletage +des Mondes zurueckkehrte und ihr Blick zufaellig an den Fenstern des +zweiten Stockes vorbeistreifte, erblickte sie--"Nein, was bin ich fuer +ein Kind," dachte sie. "Wie, waere es moeglich? Was koennte er nur hier +zu tun haben?" Sie wagte noch einen Blick--richtig; der Rittmeister von +Sporeneck lag geradeueber von ihr im Fenster und bueckte und verbeugte +sich herueber und tat und laechelte so vertraut und so freundlich, als +haette er sie jahrelang gekannt. + +Voll Unmut ueber den Unverschaemten riss sie an der seidenen Schnur, +welche den Vorhang am Fenster emporhielt, und rauschend rollte derselbe +zwischen sie und den verhassten Luestling. Dieser Mann war ihr der +widerwaertigste auf der Erde; er war ein schoener, kraeftiger Soldat, +gebildet, von glaenzendem Witz, angenehm in der Unterhaltung; er wusste +den Bescheidenen zu spielen, aber nicht laenger als ein paar Tage; +dann--das Maedchen, das er belagerte, _musste_ ja in dieser Frist kirre +gemacht sein--dann kehrte er seine wahre Seite heraus; sein Auge wurde +luestern, seine Reden, lockend, schluepfrig, mussten jedes zarte, +weibliche Ohr aufs tiefste beleidigen, wenn es nicht schon ganz fuer +ihn gewonnen war. So hatte er sich auch Ida genaehert. Das unschuldige +Kind hatte Gefallen an seinen Gespraechen, die ihr ein wenig mehr +Gehalt zu haben schienen als die der uebrigen jungen Herren; sie ging +oft in seinen Witz, in seine heitere Laune ein. Er aber hatte sich ein +rasendes Dementi bei diesem Maedchen gegeben. Er hatte sie in _eine_ +Klasse gerechnet mit den verdorbenen Kindern der Residenz, die, zur +Jungfrau herangewachsen, unter dem Schleier der Sittsamkeit eine kaum +verhaltene Luesternheit, ein suendiges Sinnen und Begehren verbergen. +Diese hatte er immer bald aufs Eis gefuehrt, und waren sie nur einmal +in einem Woertchen geglitscht und geschluepfert, husch--; so hatte er +auch bei Ida endlich, nachdem er alle edlern Farben hatte spielen +lassen, die herausgekehrt, die jede andere geblendet haette, aber vor +dem strengen Blick der reinen Jungfrau nicht Farbe hielt. Mit Schanden, +man sagt sogar mit einer tuechtigen Ohrfeige, war er abgezogen, +erklaerte Ida ueberall fuer ein Gaenschen, schwor ihr bittere Rache und +warf sich in die Arme der Aarstein, wo ihm ohne langweilige +Praeliminarien bald wurde, was er bei Ida durch tausend Kuenste umsonst +gesucht hatte. + +"Das ist aber auch zu abscheulich," dachte Ida, "so wenig sich zu +genieren!" Denn dass die Graefin ihren Liebhaber mitgenommen, dass er +auf keinem anderen Wege nach Freilingen gekommen sei, das hatte sie +gleich weggehabt. Weiter dachte sich aber das gute unschuldige Kind +nichts dabei. Sie kannte zwar die grundlose Schlechtigkeit der Aarstein +so ziemlich, sie wusste, dass diese gekommen sei, um den Grafen zu +gewinnen; aber das ahnete sie nicht, dass man den Rittmeister nur dazu +mitgenommen haben koennte, um sie von Martiniz' Herzen loszureissen, um +sie in eben jenem Lichte zu zeigen, in welchem sie die Graefin sah. +Nein, an diesen wahrhaft hoellischen Plan dachte das engelreine +Herzchen, das allen Menschen gerne ihr Gutes goennte, nicht. Und wie +sollte sie auch daran gedacht haben? Sie glaubte ja gar nicht anders, +als die Graefin koenne von ihrer Liebe zu Martiniz auch nicht die +leiseste Ahnung haben; wusste ja sogar sie kaum seit Stunden, dass sie +ihn so recht innig liebe, hatte sie ja doch all ihre Sehnsucht, all +ihre Liebe recht tief und geheimnisvoll im Herzchen verschlossen, und +niemand koenne, glaubte sie, da hinein sehen als vielleicht hoechstens +Mart--ja, er musste ja gefuehlt haben, dass sie ihm gut sei, sonst +haette er wohl nicht jenes Gestaendnis gewagt, dass er sie lie-- + +Aber da schellte es schon zum zweitenmal in des Vaters Zimmer; wahrhaftig, +die Teestunde war da, und noch manches war zu ruesten; die Gedanken an Rum +und Zitrone, Zucker und Tee, Milch und Broetchen, Tassen und Loeffelchen +verdraengten alle andern; sie flog die Treppe hinab, um schnell alles zu +ordnen. Dort stand schon Papa und fluesterte ihr zu: "Schicke dich nur; es +sind allerhand Besuche da, und du koenntest leicht mehr Rum brauchen als +das Bouteillchen da!" + + * * * * * + + + + +TRAU--SCHAU--WEM? + +Als Ida in das Teezimmer trat, stellte ihr der Praesident--Nein, sie +haette moegen gerade in den Boden sinken--"Siehe da, Ida," sagte er, +"ein Bekannter von dir aus der Residenz, Herr von Sporeneck, hat uns +diesen Abend mit seinem Besuch beehrt. Nun, das wird mein Kind freuen; +wenn so einer von euch Herren in unser kleines Freilingen hereinkommt, +ist es gleich ein Jubel und ein Fest fuer alle Maedchen, die nur +einmal in der Residenz waren; da werden dann allemal in Gedanken alle +Baelle und die kleinsten Touren noch einmal durchgetanzt und in der +Erinnerung viel getollt; ich kenne das," setzte der freundliche Alte +hinzu, indem er sein Toechterchen in die Wange knipp, "war auch +einmal jung und kenne das." Er ging weiter und liess den Rittmeister +vor Ida stehen. + +Diese wurde bald blass, bald rot und zitterte, als sollte sie gerade +umfallen. Dieser Mensch, den sie so schnoede abgewiesen hatte, dieser +konnte es wagen, in ihres Vaters Haus zu kommen! Sollte sie ihn nicht +oeffentlich prostituieren, ihn einen impertinenten Menschen heissen und +fortschicken? Doch nein, sie wusste, wie heilig das Gastrecht ihrem +Vater war, sie wollte ihn schonen. So hing sie ihren Gedanken nach und +bemerkte nicht, wie der Rittmeister schon seit einigen Minuten neben +ihr stand und an sie hin sprach. Jetzt kam sie wieder zu sich--was +musste nur der Graf denken, wenn sie so lange bei dem Menschen stand, +mit welchem sie die Aarstein bei ihm so verdaechtig gemacht hatte! +Ihre Augen suchten den Geliebten--er sass neben der Graefin; traulich +hatte sie ihre Hand auf die seine gelegt, unverwandt sahen beide nach +ihr und dem Rittmeister herueber--die Graefin mit hoehnischer +Schadenfreude, mit triumphierendem Blick, der Graf starr und finster, +als sehe er etwas, das er gar nicht fuer moeglich gehalten haette. + +Und so war es ihm auch; noch waren immer Zweifel in ihm aufgestiegen, ob +denn auch wirklich alles so sei, wie die Aarstein gesagt hatte, wie sein +Misstrauen ihm zufluesterte; zwar das Hiersein des Rittmeisters--doch er +konnte ja auch in Geschaeften an das hiesige Regiment geschickt worden +sein; dann die Zumutung, ihm ein Zimmer Ida gegenueber abzutreten--nun +ja, das war allerdings stark, und der boese Geist wollte ihm zufluestern, +dass dies schon sehr viel beweise. Aber sein besserer Sinn siegte doch +wieder; das alles bewies ja nur hoechstens, dass der Rittmeister in Ida +verliebt sei; von ihrer Seite hatte er ja keinen Beweis gesehen. Aber +recht Achtung wollte er geben auf Ida; das war sein Entschluss gewesen, +als er durch die hellerleuchtete Enfilade von Praesidents Zimmern ging. + +Er war heute einer der ersten und in den hohen, weiten Zimmern beinahe +niemand, den er naeher kannte oder mit welchem er in ein Gespraech sich +haette einlassen moegen. Daher ging er allein und in tiefen Gedanken +durch die Zimmer. Da tippte es ihm leise auf die Schultern. "Wenn das +Ida" dachte er; er sah sich freundlich um--es war die Graefin. Sie +verwickelte ihn bald in ein Gespraech, aus welchem er sich nicht so +bald herauswirren konnte. Das Fatalste war, dass er dem Redegang der +Graefin Plapperinsky immer folgen musste, um nicht zerstreut zu +erscheinen, und doch ging ihm immer der Rittmeister und sein Logis im +Kopf herum. + +"Nein, aber sagen Sie selbst, Graf," fuhr sie fort, nachdem sie in einer +Pause wieder Altem geschoepft hatte, "sagen Sie selbst, kann man artiger +und aufmerksamer fuer seine Gaeste sein als Ida? Denken Sie sich, meine +Coffres und Vachen waren schon in den obern Stock gebracht worden; es +wohnt sich dort ganz huebsch; zwar sind die Zimmer nicht so elegant +eingerichtet wie hier unten; doch Sie wissen selbst, auf Reisen macht +man keine so grossen Ansprueche, besonders wenn man so schnell und +unangemeldet kommt wie ich. Ich war also schon ganz zufrieden in meinem +Sinn und liess auspacken. Da kommt das gute, liebe Engelskind, denken +Sie sich, und ruht nicht eher, bis ich von ihrem schoenen Boudoir, +Schlafzimmerchen und allem hier unten Besitz nehme, und sie selbst zieht +in ihrem Edelmute hinauf in den obern Stock. Nein, sagen Sie selbst, +kann man die Gastfreundschaft weiter treiben als die gute Ida?" + +"Sehr viel, sehr viel!" presste Emil heraus; es war ihm, als schnuerte +ihm etwas die Kehle zusammen, als ob eine eiskalte Hand ihm in die +Brust fuehre und das warme, liebe gluehende, treue Herz umdrehte und +schmerzlich hin- und herreisse. Jetzt war es ja sonnenklar, entschieden +war jetzt die fuerchterliche Verstellungskunst dieser----Dirne, die so +schaendlich mit ihm gespielt hatte; dass zwischen dem Logis des +Rittmeisters und ihrer ungemeinen Gefaelligkeit gegen die Graefin ein +geheimer Zusammenhang stattfand, konnte ein Blinder sehen. + +Er lachte; es war das Lachen der Verzweiflung, und die ganze Hoelle +lachte aus ihm heraus. "Wahrhaftig, ein grosses Opfer," sagte er mit +schrecklicher Lustigkeit zu der Graefin, "eine ungeheure Grossmut, die +ganz allein aus der allerausgedehntesten _Naechsten_liebe +und _Gast_freundschaft hervorgeht!". Die Graefin Aarstein-Satanas +wusste wohl, dass sie sein Herz mit gluehenden Zangen zwickte, wusste +auch nur gar zu gut, woher die Logisveraenderung kam; aber so +vollstaendig, so schnell hatte sie sich ihren Sieg, ihren hoellischen +Triumph nicht vorgestellt. + +Sie hatte ja nie so recht geliebt; sie wusste daher auch nicht, dass die +staerkste, gluehendste Liebe zugleich die schwaechste und empfindlichste +ist. + +Jetzt kam auch der Rittmeister, der mit Empfehlungen an den Praesidenten +reichlich versehen war. Der Graf bebte zurueck vor ihm. Dieses gierige +Auge, dieses hoehnische Laecheln, diese falsche, schlaue, lauernde +Miene, so ganz ohne hoehere Bedeutung, ohne edlere Zuege--diesen +Menschen konnte Ida lieben? Er haette jedem unter die Nase gelacht, der +ihm so etwas vor zwei Tagen, als er noch an die Engelsunschuld des +lieben Maedchens glaubte, haette weismachen wollen. Er haette jeden +einen Schurken geheissen, der _dieses_ heilige, keusche Geschoepf mit +diesem Mann, in dessen Gesicht schon alle Leidenschaften gewuehlt +hatten, nur im leisesten Verdacht gehabt haette.--Jetzt musste er ja +selbst daran glauben. Wie ein Kind liess er sich von der Aarstein +leiten; sie zog ihn zu sich nieder, sie spielte die Verwunderte, den +Rittmeister hier zu sehen, sie liess manche giftige Bemerkung schluepfen +--er hoerte nichts, er sah nichts; nur ein Gedanke beschaeftigte ihn: er +wollte recht haarscharf acht geben, wenn sie kaeme, wie sie sich gegen +Sporeneck benehmen wuerde. Die Tuere ging auf, sie kam. An der Hand des +Vaters ging ihr der Geliebte entgegen, er sah, wie sie ihr Entzuecken +unterdrueckte, wie Blaesse und Roete auf ihrem Gesicht wechselten, wie +sie ganz versunken in Liebe dem Rittmeister zuhoerte, und wie gluehende +Dolche fuhr die bitterste Eifersucht durch sein Herz.--"Sehen Sie nur +hin, Graf," fluesterte ihm die Aarstein ins Ohr, "sehen Sie nur, wie +gluecklich die Leutchen dort sind! Das ist ein Erzaehlen, das ist eine +Wonne, dass man einander nach ein paar Wochen wieder hat. Dass sie sich +nicht auf der Stelle abherzen und kuessen, ist alles!" + +Dem Grafen wuerde gruen und gelb vor den Augen.--Jetzt nahte Ida, der +Gesellschaft am Teetisch ihr Kompliment zu machen. Die Roete des Unmuts +und der Verlegenheit lag noch auf dem Gesichtchen und gab ihm einen so +eigenen Reiz, dass der Graf nur um so tiefer fuehlte, wie schrecklich +sich hier die Natur vergriffen und um ein so falsches, zweideutiges +Herz eine so herrliche Gestalt gezogen. Warum sie gerade ihr, die es +so gar nicht verdiente, diese sanften Taubenaugen, dieses holde +Gruebchen in den Wangen, dieses bezaubernde, huldvolle Laecheln +gegeben? Sie verneigte sich gegen die Gesellschaft; die Graefin drohte +ihr laechelnd mit dem Finger; sie erroetete von neuem. Sie musste noch +die Zuckerdose herbeiholen; sie haette einen viel naeheren Weg gehabt, +aber sie machte einen Umweg an Martiniz vorueber; er wagte nur einen +leichten Viertelsseitenblick--auf ihn war ihr strahlendes Auge +gerichtet, ihm laechelte sie, ihm fluesterte sie im Vorbeigehen kaum +hoerbar zu: "Guten Abend, Freund! Warum so ernst und duester?" + +Er fuehlte den suessen Hauch an seiner Wange; ein solcher Gruss haette +ihn sonst bis in den dritten Himmel erhoben, ein solches Zauberwort +haette sonst alle Wolken von seiner Stirne gebannt und die traurigsten +Falten geebnet. Heute--er blieb starr und stumm. Nein, eine solche +Erz-General-Armee-Kokette musste es ja auf dem weiten Erdenrund nicht +geben! Ist fuenf Minuten ausser sich, weil sie den alten Liebhaber +wiedersieht, und um es doch mit dem neuen nicht zu verderben, fluesterte +sie ihm--nein! jetzt sprudelte das Mass ihrer Schuld ueber. Der reine, +wahrheitsliebende Juengling konnte ihr verzeihen, dass sie einem so +zweideutigen Menschen, wie dieser Sporeneck offenbar sein musste, ihr +Herz schenkte; er konnte ihr verzeihen, obgleich es ihm das Herz brechen +wollte, dass sie mit ihm ein so grundfalsches Spiel gespielt hatte; er +konnte es der schwachen weiblichen Natur beimessen, dass sie sich, als +der alte Liebhaber nahte, so ungeheure Bloessen gab,--er konnte dies +alles verzeihen. Dass sie aber auch jetzt noch ihr Spiel fortspielen +wollte, dass sie Zweien auf einmal gehoeren wollte, nein, das ging ueber +seine Begriffe. Er musste, seine Natur mochte sich dagegen straeuben, +wie sie wollte, es war ihm, als muesse er sie verachten. Aber sie hatte +recht, obgleich in einem andern Sinn. Seine Ehre forderte es, dass er +nicht dasass wie ein armer Suender, ueber welchen der Stab gebrochen +wurde. Wenn auch besiegt, durfte er nicht traurig aussehen. Er wollte, +er _musste_ lustig sein, und sollte sein Herz dabei aus allen Wunden +bluten. + +Der Hohn gegen die ganze Welt, der in der Brust des Tiefgekraenkten +aufstieg, gab ihm Kraft dazu. Eine Lustigkeit bemaechtigte sich seiner, +die er seit Jahren nicht gekannt hatte. Er riss das Gespraech an sich, er +strahlte von Witz und Leben, dass alle weiblichen Herzen dem herrlichen +Mann, dem schoenen, witzigen Grafen zuflogen. Allen galt sein Gespraech; +sein feuriges Auge schien jeder Dame etwas Schoenes sagen zu wollen, +ausschliessend aber galt es der Graefin. Er wusste selbst nicht, was ihn +antrieb, ihr so sehr als moeglich den Hof zu machen; aber es war ein +dunkles Gefuehl in ihm, als muesse es Ida recht tief verletzen, wenn er +die Graefin so sehr auszeichne, wenn er alle Damen fuer sich gewinnen +wollte und ihr, ihr allein keinen Blick, kein Laecheln goennte, nicht +einmal zu hoeren schien, wenn sie hie und da ein Woertchen mit +einschluepfen lassen wollte. + +Und in der Tat erreichte er seinen Zweck voll--kommen; er hatte es +getroffen, tief bis ins innerste Leben getroffen, dieses treue Herz, das +nur fuer ihn, mit dem Feuer der ersten jungfraeulichen Liebe nur fuer ihn +schlug! Ihr Blick hing an seinen Lippen; sie freute sich anfangs, dass +er so froehlich sei, sie glaubte nicht anders, als die paar Woertchen +die sie ihm zufluesterte, haben ihn aus seiner finstern Laune +hervorgezaubert; ihr kleines Herzchen triumphierte. Als sie aber sah, +wie er sich an alle wandte, nur an sie nicht, wie auch nicht ein Blick +der Freundin galt, wie er nur fuer die Aarstein zu leben schien, als +sie seinen schneidenden Hohn, die grelle Lustigkeit, den schillernden +Witz, der ihm sonst gar nicht eigen war, bemerkte, da ahnete ihr wohl, +dass ihm jetzt ein anderes Gestirn aufgegangen sein muesse, das seinen +Einfluss auf ihn uebe. Und wer konnte dies sein als die, die ihr von +jeher feindlich entgegengetreten war--die Aarstein! Der Glanz der +ueppigen Rose hatte ihn geblendet,--was konnte es ihm auch ausmachen, +dass er nebenbei das Veilchen zertrat? Sie klagte nicht, sie weinte +nicht; aber eine furchtbare Blaesse lag auf dem holden Engelsgesichtchen, +ein wehmuetiges Laecheln spielte um ihren Mund; sie sah ja alle die +leise geahnten Hoffnungen ihres Herzens; die sie, ach! nur in einem +einzigen seligen Augenblicke, recht klar sich gestanden hatte, sie +sah sie alle mit _einemmal_ versinken und--mit dem Freunde untergehen. +Von Anfang war es ihr noch, als flattere eine Art aengstlicher Eisersucht +in Gestalt einer Fledermaus durch den kaum daemmernden Morgenhimmel ihrer +Liebe. Dann aber war alles stille Nacht in ihr. Es blieb ihr nichts mehr +als ein grosser Schmerz. Sie fuehlte, dass sie diesen ewig, ewig in +ihrem treuen BUSEN tragen werde. + + * * * * * + + + + +DER GRAM DER LIEBE + +Wie es an jenem Abend war, ebenso war es auch in den naechsten Tagen. Der +Hofrat haette vielleicht alles bald wieder ins Gleis bringen koennen; aber +das Unglueck wollte, dass er in wichtigen Angelegenheiten an demselben +Abend verreisen musste, an welchem die Graefin ankam. Die Graefin schrieb, +so oft sie es unbemerkt tun konnte, an den Rittmeister in den Mond hinueber +und spornte ihn an, Ida nur noch immer mehr zu verfolgen. Nach den letzten +Briefen schien es zwar wegen ihr selbst nicht mehr noetig zu sein, weil sie +den Grafen schon so umgarnt zu haben glaubte, dass an kein Entrinnen zu +denken sei. Dem war aber nicht also. Dem Grafen, der nur durch die Brille +der Eifersucht sah, wollte es trotz seiner Resignation fast das Herz +abdruecken, dass Ida in solchen Verhaeltnissen mit dem Rittmeister sei. +Wenn er bei Praesidents war--ach, es war ja nicht wie ehemals; sonst war +sie ihm wohl bis an die Treppe entgegengesprungen, hatte mit lachendem +Mund ihn geneckt oder ihm eine neue Schnacke aufgetischt, hatte ihn dann +unter Tollen und Lachen hereingezogen ins Zimmer; dort war dann das +Maeulchen gegangen wie ein oberschlaechtiges Muehlchen, und keine fuenf +Minuten hatte sie ruhig sitzen koennen, ohne dass sie aufgesprungen +waere, dort was zu holen, hier was zu zeigen; und welche Freude +gewaehrte es dann, das Maedchen dahinhuepfen zu sehen! Ihr Gang war +dann Tanz, alles war Leben, alles Grazie und Anmut; es war, wie wenn +ueber die ganze Gestalt ein zauberisches Laecheln gewoben gewesen waere, +und jetzt--und jetzt! + +Kalt und ernst sah sie ihn an, wenn er kam; oft wollte es ihn zwar +beduenken, sie setze schon an, um ihm wie sonst entgegenzuhuepfen, da +musste sie aber wohl an den Sporenecker denken; denn sie neigte sich so +abgemessen, als waere er ihr ganz und gar fremde; oft kam es ihm sogar +vor, als liege etwas so Wehmuetiges in dem lieben Gesichtchen, das er +sich nicht anders erklaeren konnte, als dass es sie reue, ihn so am +Narrenseil gefuehrt zu haben, dass sie sich schaeme, so unverhofft +demaskiert worden zu sein. Zu Zeiten wuenschte er sich auch den Hofrat +herbei, um mit ihm ueber das Maedchen und seine grenzenlose Koketterie +zu sprechen. + +Dass doch die Maenner gewoehnlich so grausam sind und nicht sehen, was +so offen vor den Augen liegt! Sie lesen in Taschenbuechern und Romanen +alle Folgen ungluecklicher, verschmaehter Liebe, alle Zeichen eines +gebrochenen Herzens; sie koennen es sich auch in der Phantasie recht +lebhaft vorstellen, wie ein gutes, liebes Engelskind mit einem vom Gram +der Liebe gebrochenen Herzen aussehen muesse, sie nehmen sich vor, das +nicht zu vergessen; aber wenn es drauf und dran kommt, wenn sie selbst +aus Uebermut oder toerichter Eifersucht ein schoenes, nur fuer sie +schlagendes Herz gekraenkt, geknickt, gebrochen haben, da merken sie es +nicht, sie koennen sogar noch ein recht unglaeubiges Hohngelaechter der +Hoelle aufschlagen, wenn man ihnen die stille Traene im trueben Auge, +den wehmuetig ansprechenden Zug um den Mund zeigt, wenn man sie +aufmerksam macht auf die immer bleicher werdenden Wangen. "Da wird man +seine Gruende haben." lachen sie und gehen ungeruehrt vorueber und +denken nicht, dass man auch ohne Doktor und Apotheker am gebrochenen +Herzen sterben koenne. + +Die Eifersucht macht blind; nirgends schien dieser Ausspruch besser in +Erfuellung zu gehen als hier bei Martiniz und Ida. + +Fuer ihren traenenschweren Blick, fuer ihren wehmuetigen Ernst wusste +er tausend Gruende anzugeben, wusste sich mit wieder tausend Vermutungen +zu quaelen und zu haermen; die rechten fand er nicht. Es war eine +wunderbare Veraenderung vorgegangen mit diesem Maedchen in den paar +Tagen. Sonst das Leben, die Froehlichkeit selbst, jetzt ernst und +abgemessen. Die bleicheren Wangen, das truebere Auge, das ja so +deutlich von traenenvollen Naechten, von gramerfuellten Traeumen +sprach, wollte niemand verstehen, am wenigsten der, um welchen diese +stillen Traenen flossen. Es war ihr oft zu Mut, als sollte sie nur +eben die heissen, ausgeweinten Augen zuschliessen und sich in das +Grab legen lassen; dort, wenn die Erde so kuehl um die vier Bretter und +zwei Brettchen, welche die arme Ida umschliessen, sich legen werde, +dort, wo sie nicht mehr gefoltert werde von dem Anblick, wie ihr +geliebter Juengling naeher und naeher, enger und enger in die Schlingen +jener Sirene sich verwickle,--dort, dachte sie, muesse es gut +schlummern sein. Denn das war ihr ja das aergste nicht, dass sie +zurueckgesetzt war; nicht dass sie es war, die er verliess, um sich +dem Triumphzug der allgemeinen Siegerin anzuschliessen, nicht das +brach ihr das Herz. Zwar, es hatte ihr Muehe und Traenen gekostet, +bis sie es dahin gebracht hatte, dass sie nicht mit Bitterkeit daran +dachte, dass er, als kaum das Gestaendnis seiner Liebe ueber seinen +Lippen war, schon andern Sinnes sein konnte; aber sie hatte +ueberwunden; sie war tief in sich eingekehrt; aus den geheimnisvollen, +unergruendlichen Tiefen der heiligen jungfraeulichen Brust hatte sie +Mut heraufgeholt, um den Gedanken zu ertragen, dass der, den sie +liebe, einer andern angehoeren koenne. + +Aber dagegen straeubte sich mit aller Macht ihr keusches, braeutliches +Herz, dass er _jene_, auf welche die Kinder in der Residenz mit Fingern +deuteten und sich ihre Schandtaten erzaehlten, dass er an _jene_ +verloren gehen sollte. Waere er ein Mann gewesen, der frech mit ihrem +armen, unerfahrenen Herzchen gespielt haette, sie haette es ertragen, +dass er bei der Graefin dafuer buessen sollte; aber Emil,--ihr feiner, +weiblicher Takt, der darin so weit und so scharf sieht, sagte ihr, dass +er noch ein Neuling in der Liebe sei, dass er sein Herz frei bewahrt, +bis sie ihn kennen gelernt habe, dass sie seine erste Neigung gewesen +sei; und doch--er, der so namenloses Unglueck schon erduldet hatte, +auch er sollte durch dieses Weib ungluecklich werden? Ach, wie oft +wuenschte sie sich ihren alten Freund, den Hofrat, herbei! Ihm haette +sie alles, alles vertraut, auch jenen Augenblick der seligen Liebe, wo +er ihr gestand, dass er sie liebe, wo er sie umschlang und an sein +pochendes Herz drueckte, wo er sie mit den suessesten Schmeichelnamen +der Zaertlichkeit genannt, wo ihr Mund sich schon zum ersten heiligen +Kuss der Liebe ihm entgegengewoelbt hatte. Dies _alles_ war ja laengst +vorueber, war begraben, tief, tief in ihrem Herzen, mit aller Hoffnung, +aller Sehnsucht, die es einst erweckt hatte; aber Berner durfte es +wissen, ihm haette sie alles gesagt und ihn dann zum warnenden +Schutzgeist fuer den Grafen aufgerufen. + +Aber er war noch nicht zurueck; darum verschloss sie ihren Schmerz in die +Seele; aber mit Angst und Zittern sah sie, wie der Graf um die Aarstein +flatterte wie die Fliege um das Licht. Alle Beispiele von den sinnlichen +Lockungen dieser Sirene, die man sich in der Residenz in die Ohren +gefluestert, fielen ihr bei; wie leicht konnte er in einem unbewachten +Augenblick, hingerissen von den verfuehrerischen Reizen der ueppigen, +buhlerischen Dame Potiphar--sie erroetete von dem Gedanken und presste +die Augen zu, als sollte sie was Schreckliches sehen. Wenn etwas solches +geschah--dann war er der Graefin und dem Satan auf ewig verschrieben. + + * * * * * + + + + +FEINE NASEN. + +So verdeckt hier jedes sein Spiel spielte, so geheim alle diese Faeden +gesponnen, angeknuepft und nach und nach zu einem dichten Gewebe +verschlungen werden, so merkte man doch hin und wieder, was vorging. +Fraeulein Sorben und die alte Schulderoff wurden von Tag zu Tag durch die +getreuen Rapporte des Rittmeisters von Sporeneck ueber den Stand der Dinge +belehrt. Ihre scheelblickenden Augen glaenzten vor Freude, wenn sie wieder +neues erfuhren. Der Graf war ihnen ein verlorener Posten, den Fraeulein +Ida weder mit Traenen, noch Gebet wieder heraushauen koennte. + +Nichts war ihnen aber groesseres Labsal als das Fraeulein von der +traurigen Gestalt selbst, wie sie Ida nannten. Dass sie ernster, +blaesser, trueber war als sonst, war weder ihrem, noch des Rittmeisters +Scharfblick entgangen, und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude, die +sich in einem vierstimmigen Gelaechter Luft machte, befiel sie, als +Sporeneck erzaehlte, dass er sie durch seinen Tubus, mit welchem er +hinter seinen Gardinen nach Idas Fenster visierte, bitterlich habe +weinen sehen. + +Aber Fraeulein von Sorben sorgte auch dafuer, dass Ida in ihrer +Verzweiflung sich nicht dem Rittmeister in die Arme werfen konnte; sie +hatte alle ihre Geistes- und Koerperreize teils vor ihm entfaltet, +teils durchschimmern lassen, und ihrem scharfsinnigen Auge konnte es +nicht verborgen bleiben, dass er ganz bezaubert davon war. Es ist nur +schade, dass er auf die Liebe so trefflich eingeschult war, dass er +sechs oder acht der zaertlichsten Liebschaften zumal haben konnte und +jede die Betrogene war. So hatte also die beleidigte Dame dem +naseweisen Backfisch, der sich erdreistet hatte, in ihrer Gegenwart +Grafen in sich verliebt zu machen, zwei Liebhaber auf einmal +weggeputzt. "Da kann man sehen," sagte sie zu sich, "was die Routine +macht. Das armselige Ding ist kaum sechzehn Jahre gewesen, ich habe +sie noch in den Windeln gesehen, und sie will sich mir gleichstellen! +Aber das Affengesicht hat jetzt seinen Lohn, man hat dem unreifen Ding +den Mund sauber abgewischt, hat ihr die verliebten Aeugelein ausgeputzt, +dass sie sieht, dass in der ganzen Welt vierundzwanzig vor sechzehn +kommt." + +Aber auch der alte Brktzwisl, die gute ehrliche Seele, hatte das Ding so +ein wenig gemerkt. Als sie damals mit einander aus der Kirche gekommen +waren--seitdem hatte der schreckliche Wahnsinn seinen Herrn kein einziges +Mal mehr befallen--damals hatte er sich ein Herz gefasst und zu dem +Grafen gesagt: "Wie doch das Fraeulein so huebsch, so tausenddonnernett +aussah am Altar. _Bassa manelka_, wie muesste sie erst aussehen bei Tag +und als Braeutchen--!" Dem Grafen schien der Gedanke nicht uebel +einzuleuchten; denn er hatte zufrieden gelaechelt und gesagt: "Nun, was +nicht ist, kann noch werden." Er aber hatte sich folgenden Tages gleich +hingesetzt und an den alten Herrn Grafen geschrieben: "So und so, und +dem gnaedigen Fraeulein und sonst auf Gottes weitem Erdboden niemand ist +man die Rettung meines Herrn schuldig. Es kann aber auch in sechs +Herrenlaendern kein solches Wunderkind mehr geben. Die selige Komtesse +war doch auch nicht, mit Respekt zu vermelden, aus Bohnenstroh; aber, +Gott weiss, sie reichte dem schoenen Fraeulein das Wasser nicht. Und +vornehm sieht sie aus, als waere sie allerwenigstens ein Stueck von +einer Prinzess. Der junge Herr ist aber auch rein in sie verschossen, +und ich meine, dass es nicht menschenmoeglich gewesen waere, ihn zu +kurieren, ausser durch so grosse Inbrunst und Liebhaberei. Das hat ja +auch schon der deutsche Doktor prophezeit, wie ich Euer Exzellenz, +meinem gnaedigsten Herrn Grafen, vermeldet habe." + +So lautete die Freuden-Epistel an den alten Onkel, worin die Errettung +vom Wahnsinn gemeldet werde. Die Freude wollte dem alten Diener beinahe +die Herzkammertuere zersprengen, bis er die Buchstaben alle aufs Papier +gemalt hatte. Bisher hatte er allwoechentlich Bericht erstatten muessen. +Da hatte es denn aus Italien, Frankreich, Holland, vom Genfersee, am +Rhein, an der Seine und an der Nordsee immer geheissen: "Der Herr Graf +befindet sich noch im alten Zustande."--"Die Krankheit scheint +zuzunehmen."--"Die Aerzte wussten wieder nichts."--"Die Aerzte geben +ihn auf." + +Hier, in dem unscheinbaren Staedtchen, hier endlich sollte das Heil, der +Stern des Segens aufgehen. Er konnte sich die Freude des alten Herrn +denken, der so ganz an Emil wie an einem Sohn hing; er sah schon im +Geiste, wie der Herr Graf laecheln, die Haende reiben und rufen werde. +"Nun, in Gotts Namen, macht Hochzeit!" + +Aber jetzt musste der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt haben; denn +sein Herr--der sah gar nicht mehr so gluecklich und selig aus wie damals, +als jene Freudenbotschaft abging--er war niedergeschlagen, traurig; +fragte der alte Brktzwisl, dem aus alten Zeiten eine solche Frage +zustand, was ihm denn fehle, so erhielt er entweder gar keine Antwort, +oder der Graf stoehnte so schmerzlich, dass es einen Stein haette +erbarmen moegen, und sagte, dabei: "Du kannst mir doch nicht helfen, +alte Seele!" + +Es wollte ihm nun gar nicht recht gefallen; er kluegelte hin und her, +was es denn wohl sein koenne, das seinen Herrn auf einmal so stutzig +und trutzig mache--da ist ein Gast drueben bei Praesidents, eine Grosse, +Dicke, so halb Jungfer, halb Frau, hat die vielleicht Unkraut gestr-- + +Ja, das konnte sein, das schien dem alten Brktzwisl sogar wahrscheinlich; +wenn er aber dieser nachlief und das schoene Fraeulein im Stich liess-- +nein, er wollte seinem Herrn nichts Boeses wuenschen, aber da soll ihm +doch das siedende Donnerwetter auf den Leib--er schlug zu diesem +Gedanken so grimmig auf seines Herrn Rock zu, den er im Hausgang +ausklopfte, dass der Staub in dichten Wolken umherflog. "Ja, da wollte +ich," rief er in seinem Selbstgespraech weiter und klopfte immer +schrecklicher, "wenn du die dicke Trutschel nimmst und das schoene +Fraeulein, die dich aus den Klauen des schwarzen Teufels herausklaubte, +wenn du die fahren laesst, alles siedende Schwefelpech des Fegefeuers +soll dich dann kreuzmillionenmal--" + +"Wen denn?" fragte eine tiefe Stimme hinter ihm. Er sah sich um und glaubte +nun gleich in den Boden sinken zu muessen. Ein grosser aeltlicher Mann, mit +seinen, klugen Gesichtszuegen, in einem schlichten Reiseueberrock, dem nur +ein vielfarbiges Band im Knopfloch einige Bedeutung gab, stand vor ihm. +"Alle guten Geister!" stammelte endlich Brktzwisl, indem er den Fremden +noch immer mit weit Aufgerissenen Augen anstarrte--"wie kommen Ew. Ex--" + +"Halt jetzt dein Maul von dergleichen!" sagte der Herr mit dem Ordensband +freundlich, "ich reise inkognito und brauche diesen Firlefanz nicht; wo +ist dein Herr?" + +Starr und stumm bueckte sich der alte Diener mehrere Male, fuehrte dann +den fremden Herrn den Korridor entlang zur Tuere seines Herrn, erwischte +dort noch einen Rockzipfel, kuesste diesen mit Inbrunst und sah zu +seiner grossen Herzensfreude, wie sein junger Herr mit einem Ausruf der +Freude dem Fremden in die Arme sank. + +Der Fremde war aber niemand anders als----Doch gerade faellt uns ein, dass +der Herr, wie er sich gegen Brktzwisl aeusserte, inkognito reiset, und es +waere daher auch von uns hoechst indiskret, wenn wir dieses Inkognito +frueher verrieten, als der fremde Herr selbst fuer gut findet, es +abzulegen. + + * * * * * + + + + +DER HERR INKOGNITO. + +Ein stiller, aber scharfer Beobachter erschien jetzt auf dem Schauplatz; +es war der fremde Herr, den der Graf unter dem Namen eines Herrn von +Ladenstein bei dem Praesidenten einfuehrte. Die Empfehlung eines +Hausfreundes, wie der Graf war, haette schon hingereicht, ihn in diesem +Hause willkommen zu machen; aber die vom Alter noch nicht gebeugte Gestalt +des alten Herrn voll Wuerde und Anstand, sein sprechendes Gesicht erwarben +ihm Achtung, und als vollends der Praesident, ein Kenner in solchen Dingen, +das Theresienkreuz auf seiner Brust wahrnahm, stieg seine Achtung zur +Verehrung. Er wusste, dass, wer dieses Zeichen trug, ein Ritter im vollen +Sinn des Wortes war und dass ein solcher sich gewiss einer Tat ruehmen +durfte, die nicht die Laune des Gluecks oder Hohe Protektion zu einer +glaenzenden erhoben, sondern die, _aufgesucht_ unter der Gefahr, hohen +Mut und tiefe Einsicht bewaehrte. + +Vorzueglich Ida fuehlte sich von diesem Mann wunderbar angezogen. Seit +der Spannung zwischen ihr und Martiniz hatte sie immer mit geheimem +Widerwillen der Teestunde, sonst ihre liebste im ganzen Tag, +entgegengesehen. Der Graf kam entweder gar nicht, oder sehr spaet, oder +unterhielt er sich mit der Aarstein. Die Sorben und andere dergleichen +Fraeulein und Damen kamen ihr schal und langweilig vor, dass sie +glaubte, nicht eine Stunde bei ihnen sitzen zu koennen; der +Rittmeister, dessen Geschaefte beim hiesigen Regiment noch immer +nicht zu Ende gehen wollten, war ihr am fatalsten von allen. + +Sein erstes war immer, dass er sich mit seinem Stuhl neben sie draengte +und dann so bekannt und vertraut tat, als waeren sie Zeltkameraden; er +half ihr Tee einschenken, Arak und Milch umherreichen und verrichtete +alle jene kleinen Dienste, die einem beguenstigten Liebhaber von seiner +Dame erlaubt werden. Dabei nahm er sich oft die Freiheit, ihr in die +Ohren zu fluestern, aber die gleichgueltigsten Dinge, etwa: ob sie noch +mehr Milch oder noch mehr Zucker beduerfe, sah aber dabei aus, wie wenn +er die zaertlichste Liebeserklaerung gewagt haette. + +Daher kam ihr der alte Ladenstein sehr zu statten. Sie sorgte dafuer, +dass er neben sie zu sitzen kam, und nun durfte sie doch fuer diesen +Abend sicher sein, dass der Rittmeister nicht ihr Nachbar wuerde. + +Und wie angenehm war seine Unterhaltung! Alles, was er sagte, war so +tief und klar gedacht, so angenehm und interessant, und trotz seines +grauen Haares, trotz seiner sechzig Jaehrchen, die er haben mochte, +war eine Kraft, ein Feuer in seinen Reden, das einem Juengling keine +Schande gemacht haette. Aber auch dem alten Herrn schien das Maedchen +zu behagen; sein ernstes Gesicht heiterte sich zusehends auf, seine +lebhaften Augen werden glaenzender--solch ein Maedchen hatte er selten +getroffen, und er war doch auch ein bischen in der Welt gewesen. +Diesen klaren Verstand, dieses richtige Urteil, diese Gutmuetigkeit +neben so viel Humor und Witz--er war ganz entzueckt. Und ueberall +war sie zu Haus; er bewunderte die wunderherrlichen Blumen, die sie +machte; man kam von diesen auf die natuerlichen Blumen, auf seltene +Pflanzen. Er beschrieb ihr eine Blume, die so wunderschoen aussehe +und die sich zu Girlanden gar huebsch ausnehmen wuerde, aber der Name +fiel ihm nicht ein. Kaum hatte er die Form der Blaetter erwaehnt, so +sagte sie ihm auch schon, dass die Blume _Calla aethiopica_ heissen +muesse, weiss bluehe und auch aethiopische Drachenwurz genannt werde. Er +bekam ordentlich Respekt vor dem holden Kind, das so gelehrt sein konnte; +aber da war nicht jenes Prahlen mit Kenntnissen, das man bei gelehrten +Damen so oft findet. Nein, als die Blume abgemacht war, sprach sie auch +kein Woertchen mehr von Botanik, und es war, als habe sie nie davon +gesprochen. + +Er kam auf die neueste Literatur und pochte da an; wahrhaftig, sie hatte +alles gelesen, und zwar nicht nur, was man so aus Leihbibliotheken +bekommt oder in einem Almanach findet; nein, sie hatte interessante +Geschichtswerke gelesen und eigentlich studiert. Aber auch daraus machte +sie nichts Grosses. Je wichtiger das Werk war; desto bescheidener war +ihr Urteil, und dabei tat sie so unbefangen, als ob jedes Maedchen +dergleichen gelesen haette. Und als sie auf auslaendische Literatur +kamen, als sie von Lord Byron, seinen herrlichen Gedichten und seinem +ungluecklichen Ende sprachen, als der alte Herr mit dem Theresienkreuz +ihn dennoch gluecklich pries, weil sein Geist sich hoeher als alle +andern geschwungen, weil er den Menschen und die ganze Natur so tief +erkannt habe, da antwortete ihm--nein, es ging ueber seine Begriffe-- +antwortete ihm die kleine Wetterhexe mit Byrons eigenen Worten, als +haette sie seinen Manfred eben erst gelesen: + + "The tree of knowledge is not that of life." [1] + +Er war ganz selig, der alte Herr; ein solches Maedchen hatte er in +vielleicht zwanzig Jahren nicht gefunden. Und das schnepperte und bepperte +mit seinem lieben huebschen Schnaebelchen so unschuldig in die Welt hinein, +das blickte ihn mit seinen frommen Taubenaugen, in welchen doch wieder ein +wenig der lose Schalk sass, so wundervoll an! Er war ganz weg und dankte +dem Grafen tausendmal, als sie wieder in den Mond zurueckgekommen waren, +dass er ihn mit einem so interessanten Geschoepf bekannt gemacht habe. + + [Fussnote 1] Erkenntnisbaum ist nicht des Lebens Baum. + + * * * * * + + + + +EMIL AUF DER FOLTER. + +Dieser sah ihn wehmutig an und seufzte. "Glauben Sie mir," sagte er, "auch +ich war einst erfuellt von diesem Himmelskind; auch mir war sie eine +Erscheinung wie aus Jenseits, wie des grossen Dichters Maedchen aus der +Fremde; ich sah, wie sie mit ungetruebtem Frohsinn und dennoch mit einer +Wuerde, einer Hoehe jedem eine Gabe reichte; mir, waehnte ich, mir habe +sie der Gaben schoenste aufbewahrt--ach! da gewahrte ich, dass schon ein +anderer diesen Kranz zerpflueckt--" + +"Nein, ich kann's nicht glauben," rief der ehrwuerdige Theresienritter; +"dieses Maedchen kann nicht so niedrig denken, kann nicht das tiefe, +herrliche, jungfraeuliche Herz an einen Windbeutel verlieren, wie der +Sporeneck ist, dessen seichtes Wesen, dessen Gemeinheit ihr ja gleich den +ersten Augenblick nicht verborgen bleiben konnte!" + +"Aber, mein Gott," rief Emil ungeduldig, "habe ich Ihnen nie gesagt, was +mich die Graefin merken liess, was ich mit eigenen Augen sah? Nehmen Sie +doch nur zum Beispiel, dass sie ihm gleich in den obern Stock nachzog, +um ihn recht vis-a-vis zu haben--" + +"Beweist viel, recht sehr viel, und doch wieder nichts, gar nichts; denn +ein so kluges Maedchen wie die Ida traegt ihre Liebe nicht so schamlos +zur Schau." + +"Aber die Graefin sagt mir ja, die Graefin--" + +"Eben die Graefin sagte dir alles, Freundchen, und eben der Graefin traue +ich nicht; dazu habe ich meine vollkommen gegruendeten Ursachen. Ich habe +sechzig Jahre in der Welt gelebt, du erst deine zwanzig; darum darf ich +auch meinem Blick trauen; denn ich bin unparteiisch und schaue nicht durch +die gruene Konversationsbrille der Eifersucht. Ich habe diesen Abend Dinge +gesehen, die mir gar nicht gefielen; doch der Erfolg wird lehren, dass ich +recht hatte." + +So sprach der alte Theresier mit dem Grafen; doch auf ihn schien es wenig +Eindruck zu machen; denn er murmelte. "Weiss alles, und ist alles gut, +wenn nur der verdammte Rittmeister nicht waere!" + + * * * * * + + + + +DER RITTMEISTER. + +Was doch oft an einem kleinen, unscheinbaren Zufall das Glueck der +Menschen haengt! So fragte an diesem Abend der Kellner die beiden +Fremden, ob sie unten an der Tafel oder hier oben in ihren +Appartements speisen wollen. Der Graf, der seit des Hofrats Reise +abends selten mehr hinabgekommen war, stimmte dafuer, auf dem Zimmer zu +speisen, indem er die schlechte Unterhaltung unter den Offizieren, +Assessoren, Ober- und Unterjustizleuten versprach. Der aeltere Herr +aber redete ihm zu; man sehe und hoere doch manches unter den Gaesten, +was zum Nachdenken oder zur Augen- und Ohrenweide dienen koenne;--sie +gingen. Gerade an diesem Abend hatte der Rittmeister von Sporeneck +einige Freunde der Garnison zu sich auf ein Abendbrot in den Mond +gebeten. + +Sie hatten schon auf seinem Zimmer mit Rheinwein angefangen und waren +bereits ganz kordial. Der Rittmeister hatte auch alle Ursache, ein +kleines Sieges- und Jubelfest zu veranstalten. Die Graefin hatte ihm, wie +gewoehnlich, durch ihre Zofe, die mit seinem Bedienten in telegraphischer +Verbindung stand, geschrieben, dass Idas Niederlage jetzt vollkommen sei. +Der Graf sei nie so warm gegen sie gewesen wie diesen Abend, und sie sehe +naechstens einer Erklaerung von seiner Seite entgegen. Das hatte der +Rittmeister seinen Vertrauten, dem Leutnant von Schulderoff und einigen +anderen, vorgetragen; man stiess an auf das neue graefliche Paar und auf +den galanten Hausfreund, und so kam man auch, weiss nicht wie, darauf, ob +man nicht den Grafen auch einmal ein wenig schrauben sollte. Sie stimmten +alle darin ueberein, dass dies sehr dienlich waere, um Unterhaltung fuer +den heutigen Abend zu haben, und sie machten sich auch gar kein Gewissen +daraus. "Ja, wenn er Soldat waere, dann waere es etwas anderes; einen +Kameraden schraubt man nicht gerne; aber solch ein ziviles Graefchen, das +in der Welt umherreist, um den Damen schoen zu tun und sein Geld auf die +langweiligste Manier totzuschlagen--nun, das kann man mit gutem Gewissen." + +Mit diesem loeblichen Vorsatz hatten sich die Marssoehne nicht weit von +der Stelle placiert, wo Martiniz gewoehnlich zu sitzen pflegte, und +harrten, ob er nicht komme. Er kam und mit ihm der andere Gast, aber +diesmal ohne Ordensband; denn er hatte nur einen unscheinbaren Oberrock +an. Martiniz und der aeltere Herr unterhielten sich fluesternd mit +einander; um so lauter waren die Kriegsgoetter; die Pfropfen der +Champagnerbouteillen fingen an zu springen, und in kurzem waren die +Herren allesamt kreuzfidel und erzaehlten allerlei Schnurren aus ihrem +Garnisonsleben. Die uebrigen Gaeste hatten sich nach und nach verlaufen. +Das Kapitel der Hunde und Pferde war schon abgehandelt, und der +Rittmeister hielt es jetzt an der Zeit, die _Schraube anzuziehen_. +Er gab also Schulderoff einen Wink, und dieser ergriff sein +Champagnerglas, stand auf und rief: "Nun, Bruder Sporeneck, eine +Gesundheit recht aus dem Herzen--deine Ida!" + + Auf flogen die Dragoner von ihren Sitzen, tippten die feinen Lilienkelche +aneinander und sogen den weissen Gischt mit einer Wollust aus, als haette +die Gesundheit ihnen selbst gegolten. Martiniz biss die Lippen zusammen +und sah den Theresienritter an. + +"Auf Ehre, ein Goetterkind, Herr Bruder," fuhr Schulderoff fort; "ich +waere selbst imstande gewesen, sie zu lieben, haette ich nicht deine +fruehern Rechte gewusst und mich daher bescheiden zurueckgezogen." + +"Auf Ehre, ich haette es ihr wohl goennen moegen," antwortete der +grossmuetige Liebhaber; "wenn man so einen Winter allein zubringen soll, +ist es fuer ein junges, warmes Blut immer fatal, wenn es sich nicht +Luft machen soll. Einen braven Kerl, wie du bist, haette ich ihr zum +Intermezzo wohl gewuenscht; waere mir lieber gewesen, als hoeren zu +muessen, dass mir so ein fremder Gelbschnabel ins Nest habe sitzen +wollen." + +Das Herzblut fing dem Grafen an zu kochen. In solchen Ausdruecken von +einem Maedchen reden zu hoeren, das er liebte und ehrte--es war beinahe +nicht zu ertragen; doch hielt er an sich; denn er wusste, wie schlimm +es ist, in einem fremden Lande ohne ganz gegruendete Ursache Haendel +anzufangen. + +"Hattest du bange?" lachten die Reiter den Rittmeister an. + +"Nicht im geringsten," replizierte dieser; "ich kenne mein Taeubchen zu +gut, als dass ich haette eifersuechtig werden sollen; wenn auch zehn +solcher Wichte ins Nest gesessen waeren, sie haette sich doch von keinem +andern schnaebeln lassen als von ihrem Haehnchen." + +Allgemeines Gelaechter applaudierte den schlechten Witz. Der Graf--es war +ihm kaum mehr moeglich, anzuhalten; er sah voraus, es werde so kommen, dass +ihm nur zwei Wege offen stehen wuerden, entweder sich zu entfernen, oder +loszubrechen. + + * * * * * + + + + +UNSCHULD UND MUT. + +Das erstere war jetzt nicht mehr moeglich; seine Wuerde als Abkoemmling so +tapferer Maenner liess einen solchen Rueckzug nicht zu, und was wuerden +seine Ulanen gesagt haben, wenn er so vom Kampfplatz sich weggestohlen +haette? Die naechste schickliche Gelegenheit musste entscheiden. + +"Nun, Bruederchen," sagte ein anderer zum Rittmeister, "wir sind hier so +ziemlich unter uns;--gib weich, beichte uns ein wenig! Wie stehst du mit +der kleinen Praesidentin?" Der Rittmeister spielte von Anfang den Zarten, +Zurueckhaltenden; endlich aber auf vieles Zureden gab er wirklich weich +und --ruehmte sich heimlich von ihr erhaltener Beguenstigungen, die +Emils Blut zu Eis erstarren liessen. Ploetzlich aber, wie eine +Erleuchtung von oben, trat ihm das Bild des unschuldigen, engelreinen +Kindes mit ihrem sanften Blick, mit ihrem keuschen, jungfraeulichen +Erroeten vor das Auge--Nein! nein! rief es mit tausend Stimmen in ihm, +es kann ja nicht wahr sein, so weit verfehlt sich der Himmel nicht, +dass er die heiligste Unschuld auf die Zuege einer Metze malte. Er +stand auf und stellte sich dicht vor den Rittmeister. "Von wem sprechen +Sie da, mein Herr?" fragte er ihn. Der Rittmeister konnte sich nichts +Erwuenschteres denken, als dass endlich die Engelsgeduld von dem +zivilen Graefchen gewichen sei. Er wollte ihn mit _einem_ Blicke +einschuechtern und setzte daher an, die Augen recht an ihn hinrollen zu +lassen; da kam er aber an den Falschen. + +Er begegnete einem jener Glutblicke, die dem Grafen so eigen waren; +Hoheit, Mut, Zorn--alles spruehte auf einmal wie mit einem Feuerstrom +aus diesen Augen auf ihn zu, dass er die seinigen betroffen +niederschlug. "Was faellt Ihnen ein? Was kuemmert Sie unser Gespraech? +Es ist hier niemand, der darnach zu fragen haette." + +"Sie haben," fuhr der Graf mit grosser Maessigung fort, "Sie haben dem +ganzen Zimmer hier mit vernehmlicher Stimme Ihre Sottisen erzaehlt; es +hat also auch jeder das Recht, zu fragen, von wem Sie sprachen, +und _ich frage_ jetzt!" + +"Mein Herr, das kommt mir schnackisch vor," lachte, der Rittmeister; "es +kann doch wahrhaftig jeder von seinem Schaetzchen reden, ohne dass ein +anderer sich dareinzulegen haette. Wenn Sie uebrigens durchaus uns mit +Ihrer Gesellschaft beehren wollen--Kellner, noch einen Kelch hierher +fuer den Herrn da!" + +"Ist unnoetig," rief der Graf, "es ist mir durchaus nicht um Ihre werte +Gesellschaft zu tun, sondern nur die Frage, die ich an Sie tat, moechte +ich gerne beantwortet haben." + +"Nun ja," schnarrte Sporeneck, "wenn Sie sich durchaus in meine +Herzensangelegenheiten mischen muessen, was ich uebrigens nicht sehr +delikat finde,--ich habe von Fraeulein Ida von Sanden, meiner +Nachbarin, gesprochen." + +"Und von dieser Dame wagen Sie auf so freche Weise zu sprechen, wie Sie +vorhin taten?" + +"Wer will es mir wehren?" lachte der Rittmeister und mass den Grafen von +oben bis unten, wobei er uebrigens sich huetete, seinem Auge zu begegnen. +"Wer will es mir wehren? Ein jeder kann zu seinem Heu Stroh sagen!" + +"Sie beharren also auf dem, was Sie von der Dame aussagten!" + +"Dame hin oder her," antwortete der Rittmeister, "Sie fangen an, +anmassend zu werden; ich werde vor Ihnen und zehn solcher--Polacken +behaupten, was ich sagte." + +"Nun ja," sagte der Graf, indem er sich stolz aufrichtete und an die +uebrigen Offiziere, die bisher mit gespannter Aufmerksamkeit zugehoert +hatten, wie der Graf geschraubt wuerde, sich wandte, "nun ja, so, muss +ich nur _Sie_ bedauern, meine Herren, dass Sie sich auf diese Art +unterhalten lassen von diesem erbaermlichen Luegner." + +"Donner und alle Teufel!" fuhr der Rittmeister auf, "wie kommen Sie mir +vor, Herr! Ich glaube, Sie haben Platz zwischen den Rippen fuer blaue +Bohnen." + +"Tun Sie, was Ihnen beliebt," sagte der Graf, "ich wohne hier und bin auf +Nr. 2 zu finden." Er ging, der alte Theresienritter mit ihm. "Das ist +spassig," lachte der Rittmeister, obgleich es ihm nicht recht frei von +der Brust wegging, "das ist spassig, dass ich in Freilingen einen kleinen +Gang zu machen habe!" + +Die Dragoner sassen noch ganz verdutzt ueber den schnellen Ausgang der +Schrauberei. "Hol' mich der Teufel" sagte ein alter Leutnant, "das +Kerlchen nahm sich doch so uebel nicht bei der Sache; er hat einen +verfluchten Anstand, und es ist, als waere er schon mehr dabei gewesen!" + +Man beriet sich jetzt, was zu tun sei; man verteilte die Rollen. +Schulderoff sollte des Rittmeisters Sekundant sein; den alten Leutnant +bestimmte man, Martiniz denselben Dienst zu leisten, wenn er nicht +sonstwo einen Sekundanten auftreiben koennte. Der Rittmeister zeigte +eine ungemeine, spassige Froehlichkeit, meinte, es muesse sich ganz +herrlich ausnehmen, wenn so ein Herrchen vom Zivil eine Pistole +losbrenne; den uebrigen war es uebrigens nicht so ganz wohl zu Mut; +das schnelle Ende des Streites hatte aus allen Koepfen den +Champagnerdampf weggeblasen, man dachte doch ernstlich an die Affaere, +und manchen wollte es beduenken, dass sie doch im heillosen Uebermut +herbeigefuehrt worden sei. Man aeusserte dies auch unverhohlen gegen +Sporeneck, und auch er schien so etwas zu denken; doch versteckte er +diese Gedanken hinter lustigem Lachen und beauftragte Schulderoff, +sogleich zum Grafen zu gehen, um die Sache ins reine zu bringen. +Nach einer Viertelstunde kam dieser wieder sehr ernst zurueck und +sagte: "Sporeneck, morgen frueh acht Uhr, auf Pistolen." + +Diese lakonische Meldung machte einen ganz eigenen Eindruck auf die +Gesellschaft; es war allen, als sei doch etwas Ungerechtes vorgefallen, +und keinem war es recht behaglich, an morgen zu denken. Man bestuermte +Schulderoff mit Fragen, wie der Graf es aufgenommen, und dergleichen; +er erzaehlte: + +"Die beiden Fremden seien in ziemlich ruhigem Gespraech miteinander im +Zimmer auf- und abgegangen, als er eingetreten sei. Sie haben ihn sehr +hoeflich und zuvorkommend empfangen, er aber habe seinen Auftrag +ausgerichtet und den Grafen zuerst gefragt, ob er seine Beleidigung +zuruecknehmen wolle. Dieser habe ganz ruhig mit 'Nein' geantwortet, +worauf er ihn gefordert; sie seien auf Pistolen einig geworden und +haben die Wiese hinter dem Gottesacker zum Kampfplatz ausgewaehlt. +Fuer einen Sekundanten lasse er danken; der alte Herr, der bei ihm +sei, werde ihm sekundieren." Der Rittmeister schien vor Freude +ausser sich zu sein, dass er seinem Rivalen mit guter Manier eins +auf den Pelz brennen koenne; er wollte mit dem Champagner weiter +machen, die nuechtern gewordenen Kameraden liessen es aber nicht +zu, baten ihn, auf morgen recht fest auszuschlafen, und versprachen, +um sieben Uhr allesamt bei Schulderoff zu fruehstuecken. + + * * * * * + + + + +NOCH EINMAL ZIEHT ER VOR DES LIEBCHENS HAUS. + +Als Ida am Morgen, der zu dem Duell festgesetzt war, kaum aufgestanden, +eben sich mit der Toilette beschaeftigte, hoerte sie Pferdegetrappel +gegenueber am Mond; sie trat ans Fenster und schob den Vorhang ein wenig +zurueck. Es standen drei Pferde vor dem Wirtshaus, wovon sie das eine +bestimmt fuer das von Martiniz erkannte. "Wo er nur hinreiten mag an +diesem kalten Tag, ob er--" der Gedanke an eine ploetzliche Abreise +ohne Abschied durchblitzte sie, dass ihr die hellen Perlen in den +zarten Wimpern hingen. Doch sie hatte ja darueber einen Trost, der +sie zugleich tief betruebte; die Graefin war ja noch hier, sie wusste +nichts von seiner Abreise; er konnte also doch nicht so schnell reisen. +Endlich glaubte sie Emils Stimme aus dem Torweg herauf zu hoeren: +"Adieu, Madame, adieu!" galt offenbar der Mondwirtin; o wie gerne +waere sie in diesem Augenblicke die Ehehaelfte des Mondwirts gewesen, +um ihn zu sehen und das freundliche Adieu von seinen Lippen zu hoeren! + +Der alte Brktzwisl, die gute, treue Seele, sprang hervor, ergriff den +Zuegel von Martiniz' Pferd und stellte ihn zum Aufsitzen zurecht; jetzt +kam Mart-- nein, ein Offizier in fremder glaenzender Uniform. Jetzt kam +auch der alte Herr von Ladenstein, der sie gestern so trefflich +unterhalten hatte; wo blieb aber nur Emil? Der alte Herr, heute mit +vielen Orden behaengt, schwingt sich auf sein Pferd; jetzt auch der +Offizier. "Eine schoene, geschmackvolle Uniform;" dachte Ida; wenn +sie nicht irrte, eine polnische oder russische, vielleicht ein +Bekannter von Martiniz; aber die Gestalt kam ihr so bekannt vor; wie? +sollte etwa Em-- doch nein, er war ja nicht Soldat und trug auch keinen +Orden, und diesem glaenzte der Wladimir in Diamanten auf der Brust--wenn +er--eine kleine Neugierde ist ja verzeihlich--wenn er doch nur den +hohen Ulanen-Kalpak ein wenig hintersetzte, dass sie sein Gesicht sehen +koennte. + +Jetzt war alles in Richtigkeit, der alte Herr schaute am Haus herauf und +stiess den Offizier an; er richtete das Haupt auf, er sah herauf--es war +Emil von Martiniz. + +Wie schoen, wie goetterschoen war dieser Mann! Wie herrlich kleidete ihn +die Uniform! Wie hingegossen sass er auf seinem stolzen Ross; die +dunkeln Locken stahlen sich unter dem Sturmband des Tschapkas hervor und +beschatteten die blendend weisse Stirne; das dunkle Auge voll hohen +Ausdrucks hatte heut eine Bedeutung, die sie beinahe noch nie an +ihm gesehen; stolz und frei, als wollte es in einem Blick eine Welt +ermessen, schweifte es her und hin; er klopfte den zierlichen, +schlankgebogenen Hals des schoenen Tieres, das er ritt, er sah so +kampflustig, so mutig aus, als halte er an der Seite seiner Ulanen und +es werde in schmetternden Toenen Marsch, Marsch! geblasen; sie konnte +nicht mehr anders, sie dachte nicht mehr an ihr Neglige--sie oeffnete +das Fenster und sah heraus. Man konnte nichts Schoeneres sehen als das +Maedchen, wie es hier im Fenster stand. Die Aeuglein sahen so klar und +freundlich aus dem Koepfchen, die Baeckchen von der kalten Morgenluft +geroetet, das Maeulchen so suess und kusslich, um das feine, liebe +Gesichtchen ein zartes, reinliches Nachthaeubchen, der Hals frei und +dann ein Spenzerchen, so weiss wie frischgefallener Schnee, ueber +Nacken und Brust herab. Tausend Loeckchen und Straenge, die, vom +mutwilligen Morpheus entfesselt, unter dem Haeubchen sich +durchgestohlen hatten--das ganze Wunderkind sah aus wie ein suesser +Morgentraum-- + +Noch einmal sah der Graf nach diesem Engelsbild herauf: das in der +Glorie der jungfraeulichen Unschuld, mit der Wehmut gekraenkter und +doch verzeihender Liebe zu ihm herabsah--noch einmal, vielleicht das +letzte Mal hienieden, warf er einen seiner Feuerblicke zu ihr hinauf, +und eine Traene blitzte in seinem Auge; jetzt aber stiess er seinem +Pferde beide Sporen in den Leib, dass es wuterfuellt kerzengerade +aufstand; unwillkuerlich bog sich seine Hand nach dem Mund, er warf +ihr einen herzlichen Kuss zu: "_Adieu mon coeur_!" rief er, und dahin +flogen die Reiter; in einem Augenblicke war nichts mehr von ihnen zu +sehen. + + "Was war das? Wem galt das?" fragte sich Ida, als sie sich ein wenig von +ihrem Staunen erholt hatte. Er sah so zaertlich herauf--er warf einen Kuss +herauf--wem flog er zu? Ihr oder der Grae-- konnte diese nicht auch im +Fenster gestanden sein? Konnte er nicht ihr den Kuss zugeworfen--Sie musste +Gewissheit haben; sie schickte schnell hinab, zu fragen, ob die Graefin +schon aufgestanden sei.--Exzellenz lagen noch schuhtief in den Federn und +schliefen. "Also mir, mir,--" laechelte das stillselige Maedchen vor sich +hin, schaute hinaus und zehnmal wieder hinaus nach dem Fleckchen Erde, wo +er gehalten, wo er ihr seinen Gruss, seinen Kuss zugewinkt hatte. Aber wie, +konnte er nicht nach der Graefin Fenster gewinkt haben? Konnte er nicht ihr +seinen Kuss geschickt haben, nur um sie, die er doch gesehen haben musste, +zu kraenken? Doch nein; _ihr_ hatte ja sein Blick gegolten, sie hatte tief +in seine dunkeln Liebessterne hineingeschaut, nach ihrem Fenster hatte er +gegruesst, sie, sie war die Glueckliche; wie weit er sich auch verirrt +hatte, sie fuehlte, dass sein besserer Sinn ihn dennoch zu seiner Ida zog. + +Jetzt versank sie in angenehme Traeume; sie wiederholte sich, wie +engelhuebsch er ausgesehen habe! Sie nahm sich vor, wenn sie wieder recht +gut miteinander waeren, ihn recht auszuschmaelen, dass er sich nie vor +ihr in der Kleidung hatte sehen lassen, die ihm so wunderschoen stand. So +traeumte sie, das liebliche braeutliche Maedchen; sie ahnte nicht, welchen +gefaehrlichen Gang der Geliebte ging und dass die Parze so schnell den +Faden ihres Gluecks zerreissen koenne, dass dann das Herz, an dem sie so +gerne ruhte, fuer immer ausgeschlagen haben wuerde, dass die kuehnen, +liebespruehenden Augen schnell sich zu jenem eisernen Schlummer +schliessen koennten, aus welchem auch die suesseste Stimme, das +zaertlichste Klagen der Liebe nicht aufweckt. + + * * * * * + + + + +DAS DUELL + +Vor der Stadt hatten die drei Reiter ihre Pferde angehalten und liessen sie +jetzt im Schritt dem bestimmten Ort zugehen; sie schwiegen eine Zeitlang, +und jeder schien seinen besondern Gedanken nachzuhaengen. Emils Brust +erfuellte die Qual aller Zweifel an Ida. Es war ihm da einmal, als stehe +sie, wie er sie eben gesehen hatte, in blendend reiner Unschuld vor ihm +und fluesterte ihm mit sanfter Stimme Vorwuerfe zu, dass er auch nur einen +Augenblick habe an ihr zweifeln koennen; dann kamen wieder alle Qualen der +Eifersucht ueber ihn; er wiederholte sich alles, was er zwischen ihr und +Sporeneck bemerkt hatte, und das Billett von gestern--"Nein! _Sie ist +schuldig_," rief er laut und unmutig. Gestern abend naemlich, als +Schulderoff sie verlassen hatte, war Brktzwisl gekommen und hatte einen +kleinen Zettel gebracht, der wahrscheinlich dem Rittmeister entfallen +sein muesse. Er war offen, Emil konnte sich nicht enthalten, einen Blick +hineinzuwerfen, und ward weiss wie die Wand. Schweigend reichte er +Ladenstein das Billett, und dieser las: + +"Du musst noch das Strumpfband haben, das Du mir letzthin mutwilligerweise +abgebunden hast; ich brauche es notwendig; ist Dir uebrigens an einem +Zeichen Deiner Dame gelegen, so kannst Du etwas anderes haben. Willst Du +eine Busenschleife? Willst Du ein Schnuerband von meinem Korsettchen?" + +"Das ist freilich stark," hatte Ladenstein gesagt, nachdem er gelesen, +"kennst Du die Handschrift?"--"Von wem soll es sein als von ihr, die mich +um mein Lebensglueck betrogen? Haette ich den Wisch da um eine Stunde +frueher gehabt, ich haette den Rittmeister wahrhaftig nicht getadelt, +dass er von seinem zaertlichen Liebchen so ausdrucksvoll sprach!" + +"Kennst du Idas Handschrift?" fragte der alte Herr noch einmal. "Es +kommt hiebei sehr viel darauf an, dass du sie genau kennst." + +Emil musste gestehen, dass er noch nichts von Idas Hand gesehen; es +koenne es ja aber doch gar niemand anders geschrieben haben; denn die +Adresse lautete ja an Herrn von Sporeneck. Der alte Herr hatte den +Kopf dazu geschuettelt und gesagt, dass dieses Billett der ganzen +Sache eine andere Wendung geben koennte; jetzt sei er aber schon einmal +gefordert, und darum koenne vor Ausgang des Duells nicht mehr davon +gesprochen werden; nachher werde sich vielleicht manches aufklaeren. +Dieses Billett war nun auch auf dem Wege zum Kampfplatz Emil in den +Sinn gekommen und hatte ihm jenen lauten Ausruf: "Sie ist dennoch +schuldig," entlockt. + +Der Alte reichte ihm die Hand hinueber und sagte freundlich ernst: +"Urteile nicht zu fruehe! Du gehst einen gefaehrlichen Weg, nimm nicht +die Schuld mit dir, ungehoert verdammt zu haben. Du bist der letzte +Martiniz. Schlaegt eine Kugel hier unter den Wladimir, so ist es vorbei +mit dir und dem Heldenstamm, dessen Namen du traegst. Du schlaegst dich +fuer die Ehre einer Dame; so lange du fuer sie kaempfst, darfst du +nicht an ihrer Tugend zweifeln, sonst ist deine Sache nicht gut. Denke +dir: das Maedchen, so hold und engelrein, wie du sie sahst, als wir zu +Pferde stiegen, wie du ihr, von ihrem heiligen Anblick uebermannt, +dein zaertliches Lebewohl zuriefst--und du wirst freudiger streiten." + +Emil hoerte nur mit halbem Ohr; seine ganze Aufmerksamkeit war auf den +Platz gerichtet, dem sie sich nahten. Sie bogen um die Ecke der Mauer +des Gottesackers. Sein Gegner war schon auf dem Platz; er nahm sein +Ross zusammen und sprengte majestaetisch im kurzen Galopp an. + +Sporeneck und sein Begleiter waren auf einem andern Weg herausgeritten und +hatten auf der Wiese den Grafen erwartet. Sie hatten ihre besten Uniformen +angezogen, alles gewichst und gebuerstet, als ginge es zur Hochzeit; denn +sie wollten dem Grafen und seinem Begleiter durch Glanz und militaerische +Wuerde imponieren. Wer beschreibt ihr Erstaunen, als sie den +strahlenblitzenden, in den schoensten Farben schimmernden Ulanen +ansprengen sahen? Sie trauten ihren Augen kaum, wie gewandt, wie flink +das zivile Graefchen vom Sattel sprang, mit welchem Anstand er die +Zuegel seinem Diener zuwarf, sich dann zu ihnen wandte und seine +Honneurs machte. Die Diamanten des Wladimir, der goldene, vom Vater +ererbte Ehrensaebel glaenzten im Morgenrot; der ganze Mann hatte +etwas Gewaltiges, Gebietendes, Koenigliches, das sie beinahe mit +Ehrfurcht bewunderten. + +"Alle Teufel, wer haette das gedacht?" fluesterte Sporeneck. "Haette ich +das gewusst--weiss Gott, die Uniform der polnischen Garde, wo jeder +Rittmeister fuer einen Obersten in der Linie zieht! Nein, wenn ich +gewusst haette, dass er Soldat ist, dann waere es wohl etwas anderes +gewesen." + +"Und alle Wetter," fuhr ein anderer fort, "sieh nur den alten Graukopf, +wie der behaengt ist, eins--zwei--drei--sieben Orden hat das Kerlchen +und noch obendrein einen Stern! Siehe, des Theresienkreuz--und weiss +Gott, den Kommandeur der Ehrenlegion! Das muss ein fixer Kerl sein." + +Der alte bekreuzte und besternte Herr nahte sich Schulderoff, zog ganz +gelassen und kaltbluetig eine reich mit Brillanten besetzte Uhr heraus. +"Herr Kamerad," sprach er, "wenn's gefaellig ist!" + +Dieser hatte sich von seinem Staunen kaum erholt. Er hatte die Aeusserung +des Rittmeisters gehoert, dass, wenn er gewusst haette, dass der Graf +Soldat waere, er die Sache vielleicht nicht so weit getrieben haette. +Er versuchte daher noch einmal mit dem alten Herrn zu parlamentieren. +Doch die Unterhandlungen zerschlugen sich an dem harten Sinn des Grafen; +man mass die Schritte ab, man schuettete frisches Pulver auf die +Pfannen--fertig! + +Sporeneck hatte den ersten Schuss. "Nun, wenn es denn einmal sein muss," +sagte er, drueckte ab und--den Kalpak riss es dem Grafen von dem Kopf; +mitten durch war die Kugel gegangen; er stand unverletzt. Ein +sonderbares Feuer spruehte aus seinem Auge, als er jetzt die Pistole +aufnahm. Es war ihm, als stehe Antonios blutende Gestalt vor dem +Rittmeister und wehre ihm ab; zweimal setzte er an, zweimal liess +er das Pistol wieder sinken. Da rief der Rittmeister mit bitterem +Lachen: "Wird's bald, Herr Kamerad?" Und in demselben Augenblicke +krachte es; Sporeneck schwankte und fiel. + +Er hatte genug; gerade unter der Brust hatte die Kugel durchgeschlagen. Der +Regimentsarzt der Dragoner machte ein bedenkliches Gesicht und gab wenig +Hoffnung. Man brachte ihn in die Wohnung eines der Offiziere, der vor der +Stadt wohnte. In tiefem Ernst, schweigend ritt der Graf und sein Begleiter +zur Stadt zurueck. + + * * * * * + + + + +FINGERZEIG DES SCHICKSALS. + +Die Dragoner waren seit der Entdeckung, dass der Graf Offizier sei, die +Artigkeit selbst. Alle Stunden kam einer, um zu rapportieren, wie der +Verwundete sich befinde. Aus ihren Reden, die sie hie und da ueber die +Geschichte fallen liessen, wurde man zwar nicht ganz klug; aber so viel +merkte Martiniz und der alte Herr, dass der Rittmeister, indem er sich +geheimer, von Ida erhaltener Beguenstigungen ruehmte, gewaltig gelogen +habe. Von dem Duell war uebrigens bis jetzt noch nirgends etwas bekannt +geworden. Den Reitknecht des Rittmeisters hielt man in dem Haus vor dem +Tore fest, dass nicht etwa durch ihn etwas auskaeme; die uebrigen +hatten sich das Ehrenwort gegeben, nichts zu verraten. + +Mehr denn achtmal war die Kammerzofe der Graefin im Mond gewesen und hatte +heimlich nach dem Rittmeister gefragt und allemal den Bescheid erhalten, +er sei auf der Jagd. Endlich kam auch, wahrscheinlich auf der Graefin +Anstiften, ein Diener von Praesidents, um den Grafen zu bitten, nachmittags +hinueber zu kommen. Er schlug es ab; denn er war noch zu aufgeregt von dem +blutigen Morgen, als dass er mit der Graefin, die ohnehin ihn immer sehr +langweilte, haette konversieren moegen. + +Endlich, als es schon Abend war, kam Schulderoff, der jetzt auch wie ein +umgekehrter Handschuh war, und brachte bessere Nachricht. Man hatte die +Kugel herausgenommen, die Aerzte behaupteten, es sei kein edlerer Teil +verletzt. Zugleich lud er den Grafen und Herrn von Ladenstein ein, mit +ihm zu gehen und den Kranken, dem es gewiss Freude machen wuerde, zu +besuchen. Sie gingen mit. + +In einem der letzten Haeuser der Vorstadt lag der Rittmeister. Als die +beiden Fremden mit Schulderoff die Treppe hinaufkamen, gerieten die +uebrigen Offiziere augenscheinlich in einige Verlegenheit. Sie +fluesterten etwas mit Schulderoff, das ungefaehr lautete, als sei der +Kranke nicht recht bei sich und phantasiere allerhand verwirrtes Zeug, +das nicht wohl fuer einen Fremden geeignet sei. Leutnant Schulderoff +besann sich aber nicht lange. Er erklaerte, dass er es auf die Gefahr +hin, seinen Freund zu beleidigen, ueber sich nehmen wolle, die +Fremden einzufuehren, weil der Kranke es vor einer Stunde selbst +noch gewuenscht habe. + +Sie traten ein. Der Rittmeister war sehr bleich, sonst aber nicht +entstellt, nur dass sein Auge unstet umherirrte. Sie hatten ausgemacht, +dass zuerst Ladenstein ans Bett treten solle, um zu probieren, ob ihn +der Kranke erkenne. Es geschah so. Sporeneck sah ihn lange an und +fasste dann hastig seine Hand: "Ach, sind Sie es, Herr Geheimrat +von Sorben?" rief er. "Was schreibt der Alte aus Polen? Darf der +Graf die Aarstein heiraten?" + +Die Anwesenden waren alle hoechst betreten, als der Verwundete so aus +der Schule schwatzte. Schulderoff gab dem alten Herrn zu verstehen, es +moechte doch vielleicht besser sein, wenn er zu einer andern Zeit +wiederkaeme. Es scheine, der Kranke erhitze sich zu sehr. Der alte +Herr schien es aber nicht verstehen zu wollen. Sein Auge nahm einen +sonderbaren Ausdruck von forschendem Ernst an, der den Leutnant +unwillkuerlich zum Schweigen brachte. Der Kranke aber fuhr fort: +"Lass dich nicht von diesem da forttreiben, lieber Sorben, du kannst +mir jetzt einen grossen Dienst erweisen. In meinem Zimmer ist ein +Koffer, in diesem eine Kassette; lass dir von Schulderoff die +Schluessel geben und schliess auf! Dort findest du ein Strumpfband mit +goldenem Schloss--" er hielt inne, als ob er nachsaenne; der Graf aber +trat in der hoechsten Spannung naeher, um jedes Woertchen zu +verschlingen, das er sprechen wuerde,--"und richtig, _Honny soit qui +mal y pense_ ist drauf gestickt: Das bringst Du der Graefin, sie hat +den Kameraden dazu am linken Bein, und sagst, das sei das Band, um +welches sie mir geschrieben habe, ich koenne heute nicht selbst kommen. +Ja--und weiter sage ihr, mit der Ida sei es nichts, ich habe es satt, +dem sproeden Ding die Cour zu schneiden, nur um das Graefchen +eifersuechtig--ja, halt, bei dem Grafen faellt mir ein--sage +ihr, den Grafen soll sie mir in Ruhe lassen, er sei kein Ofenhocker, +sondern ein braver Soldat, und wenn sie ihm ferner noch was anhaben +wolle, so habe sie es mit mir zu tun." + +Erschoepft sank er auf die Kissen zurueck, als er so gesprochen hatte. +Schulderoff stand in einer Ecke und schalt sich selbst aus, so toericht +gehandelt und die Fremden in diesem kritischen Momente zu dem Rittmeister +gefuehrt zu haben. Gern haette er in seinem Unmut den beiden etwas Hartes +gesagt; aber der Graf hatte ihm durch sein Betragen und seinen Stand, der +alte Herr durch seine vielen und bedeutenden Ordenszeichen so imponiert, +dass er nicht wagte, sich ihnen anders als mit der zuvorkommendsten +Hoeflichkeit zu nahen. Die uebrigen Dragoner waren aber von beiden ganz +entzueckt. In des Grafen Uniform verliebten sie sich ganz und gar, und wie +geehrt und gehoben fuehlten sie sich, dass ein Kommandeur der Ehrenlegion, +ein alter Ritter des Theresienordens, sie mit der groessten Freundlichkeit +"Herr Kamerad" titulierte. + +Es dauerte aber keine fuenf Minuten, so war auch Schulderoff ganz von +dem Alten gewonnen. Dieser fuehrte ihn naemlich in eine Ecke und machte +ihm unter der Bedingung, dass er es nicht als Kraenkung aufnehme, die +Proposition, ob er nicht fuer den Rittmeister, der jetzt doch so +entfernt vom Haus sei, ein kleines Anlehen von ihm annehmen wolle. + +"Lieber Gott," sagte er, "ich weiss, wie es in der Garnison ist, habe +auch lange gedient; mit dem besten Willen bringt man es selten so weit, +dass man immer einen grossen Notpfennig in Bereitschaft hat. Einer muss +immer dem andern aushelfen, und da ich jetzt gleichsam auch hier in +Garnison liege, Herr Kamerad--ich denke, wir koennten darueber einig +sein." + +Der herzliche Ton, mit welchem dies Anerbieten gemacht wurde, ruehrte +den Leutnant zu Traenen; es konnte ihm nichts mehr zustatten kommen +als ein solches Anlehen; er hatte kein Geld, die Mama hatte kein Geld, +die Kameraden hatten auch kein Geld, und er waere am Ende genoetigt +gewesen, sich an die Graefin zu wenden, und doch war ihm diese in der +tiefsten Seele zuwider; lieber haette er sein Pferd verkauft--da kam +ihm nun das Anerbieten des alten Kameraden sehr erwuenscht; es war so +natuerlich und ehrenvoll angetragen, dass er ohne Bedenken einschlug, +und von dieser Stunde an waere er, und wenn ihn Frau Mama, Fraeulein +Sorben, die Graefin und alle Hoellengeister am Kollet gepackt haetten, +fuer die beiden Fremden durchs Feuer gegangen. + + * * * * * + + + + +LICHT IN DER FINSTERNIS. + +"Nun, was sagst du zu dieser Geschichte?" sprach der alte Herr zu +Martiniz, als sie wieder in ihrem Zimmer waren. "Was sagst du zu der +schoenen Strumpfbandgeschichte?" "Nun, was werde ich dazu sagen!" +antwortete Emil nachdenklich--"dass er mit der Graefin in einem sehr +unanstaendigen Verhaeltnis steht. Aber erklaeren Sie mir nur, was +plauderte er nur von einem alten Sorben und von einem Grafen, der die +Graefin Aarstein heiraten solle?" + +"Das will ich dir schwarz auf weiss zeigen," sagte jener und zog einen +Pack Briefe hervor, den er Emil zur Durchsicht gab. Es waren jene +Briefe, welche der alte Sorben an den aelteren Grafen Martiniz +geschrieben hatte, um womoeglich eine Heirat zwischen Emil und der +Aarstein zu bewirken. Immer eifriger las Emil, immer zorniger und +duesterer wurden seine Zuege; der alte Herr ging indessen auf und ab +und betrachtete den Lesenden. Endlich sprang dieser auf und rief: "Nein, +das ist zu arg! Das ist nicht auszuhalten! Mit mir ein solches Spiel +spielen zu wollen! Was sagen Sie zu diesen Briefen? Wie reimen Sie +dies alles zusammen?" + +Der alte Herr setzte sich zu Emil nieder, legte seine Hand zutraulich +auf seine Schulter und sprach: "Ich habe dir letzthin gesagt, dass ich +sechzig Jahre habe und du zwanzig, dass ich also auch manches kaelter +betrachte und darum schaerfer als du. Schon damals ahnte ich manches; +jetzt durch die Irrereden des Rittmeisters ist mir auf einmal alles +klar. Dass dich in diesen Briefen die Graefin durch den schlechten +Kerl, den alten Sorben, zu angeln sucht, siehst du wohl ein; sie hoert +nun durch Kundschafter, oder wie es sonst gegangen sein mag, du seiest +hier, und, wie du nicht leugnen kannst, in einem zaertlichen +Verhaeltnis mit Ida; dass der Graefin daran lag, dich oder vielmehr +dein Vermoegen nicht hinauszulassen, kannst du dir denken. Daher kam +sie eilends hieher, um dich zu erobern; dazu gehoerte aber auch, dass +sie Ida von deinem Herzen losriss, und wie konnte dies besser sein als +durch den Rittmeister? Wie dieser mit der Graefin stand, wissen wir aus +dem Strumpfbandbillett, das also von _ihr_ ist; wie er aber mit Idchen, +dem keuschen, reinen Engel, stand--und hat er sein ganzes Leben hindurch +gelogen, so war er wenigstens in seinem Wundfieber wahr--erinnerst du +dich, dass er mir auftrug, der Graefin zu sagen, dass mit dem sproeden +Maedchen nichts anzufangen sei? Da hast du jetzt den ganzen Plan, +Freundchen; so und nicht anders verhalten sich die Sachen. Was sagst +du nun dazu?" + +Ganz versunken in Schmerz und Wehmut sass der Graf neben ihm. Er hatte +sein Gesicht in das Taschentuch gedrueckt und weinte heftig. "O Ida, +wie tief habe ich dich beleidigt!" fluesterte er. "Was war ich fuer +ein Tor, wie war ich so stockblind, um nicht gleich alles einzusehen! +Wie war ich so grausam und konnte das gute, sanfte Engelskind, das +mir so gut war, das mich so lieb hatte, so tief kraenken und +beleidigen!" + +Dem alten Herrn wurde angst und bange, Emil moechte, wenn die Reue sein +Gemuet zu sehr angreife, wieder in seinen Wahnsinn verfallen, aus welchem +ihn das Maedchen so wundervoll errettet hatte. "So lange man lebt, kann +man alles wieder gut machen," sagte er zu dem Weinenden, "und namentlich +ist nichts leichter zu schlichten als kleine Katzbalgereien unter +Liebenden. Sei darum getrost und glaube, es wird sich alles noch gut +machen!" Und nun setzte er dem Grafen auseinander, dass er sich so bald +als moeglich mit seinem Maedchen versoehnen muesse; aber dabei duerfte +er nicht stehen bleiben; er zeigte ihm, wie viel er diesem Maedchen +schuldig sei, wie sie ihn zuerst mit der Welt wieder ausgesoehnt habe, +wie sie nachher, erhaben ueber alle moegliche falsche Deutung, jenes +unglueckbringende Gespenst seiner Phantasie entfernt, wie sie mit +unendlicher Freundschaft allem aufgeboten habe, ihn zu zerstreuen und +zu erheitern. "Wahrlich," schloss er, "diesem Maedchen bist du mehr +schuldig, als dass du ihr den argen Verdacht mit dem Rittmeister +abbittest--du bist, ich sage es offen, du bist ihr deine Hand schuldig, +so sehr sich auch," setzte er schalkhaft laechelnd hinzu, "so sehr sich +auch dein Herz dagegen straeuben mag!" + +Es hat selten ein geistlicher Witwentroester, wenn er auch noch mit +zehnmal groesserer Salbung sprach, mit so grossem Effekt sein "Amen, +gehe hin und tue also!" gesagt, als der alte Herr auf dem Sofa neben +dem Grafen. Die Traenen waren schnell getrocknet von den gluehenden +Strahlen, die aus dem dunkeln Auge spruehten; ein holdes Laecheln +spielte um seinen Mund, das ganze Gesicht war anmutig verklaert, er +sprang auf, er ergriff die Haende des guten Alten und presste sie an +sein lautpochendes Herz, an die gluehenden Lippen. "O, wie Herrliches +verheissen Sie mir! Sie, Sie muntern mich dazu auf, wozu mich mein +Herz schon lange zog; o, wie kann ich Ihnen danken, mein vaeterlichen +Freund, mein guter, teurer O--" doch halt, beinahe haetten wir das +Inkognito des Herrn von Ladenstein gebrochen und Namen genannt und +Dinge geplaudert, die jetzt noch verschwiegen werden muessen. Der +alte Herr schloss Emil in die Arme und ging dann an die Tuere: +"Brktzwisl, alter Kerl, komm herein und teile die Freude deines Herrn; +er will Hochzeit machen, und das so bald als moeglich!" + +Der alte Diener machte ein sauersuesses Gesicht, als ob er ein +Rhabarbertraenklein im Mund haette und sollte es als den trefflichsten +Xeres loben. "So--o?" sagte er, "nun, da muss ich ja gra--tulieren!" +"Nun wie, alter Kauz," sagte Ladenstein, "du scheinst dich nicht recht +zu freuen? Gefaellt dir denn die Braut nicht, die sich dein Herr +erlesen?" + +"Nun," antwortete Brktzwisl, "sie ist schoen, die Frau Graefin--" + +"Wer spricht denn von der Graefin?" sagte sein Herr, "Fraeulein Ida +meinen wir!" + +"Was?" rief der alte Diener und gebaerdete sich wie wahnsinnig; denn +jetzt hatte er wirklich suessen Xeres im Mund. "Das Wunderengelskind? +Also hat Gott Ihr Herz gelenkt zum Guten? Fraeulein Ida soll meine +Frau Exzellenz werden? Hurra, das ist einmal schoen!" + +Man musste seinem Jubel Einhalt tun; er waere sonst spornstreichs durch +die Strassen gerannt und haette die Nachricht an allen Ecken verkuendigt. +Das helle Wasser der Freude stand der alten, treuen Seele in den Augen; +er kuesste dem alten Herrn und dem Grafen die Roecke, und beiden war es +ein neuer schoener Beweis, wie das Maedchen Wunderhold alle Herzen +bezauberte; hatte sie ja doch, die holde Fruehlingssonne, den alten, +eingeschnurrten, winterlichen Eisbaeren aufgeweicht und zum tollenden +Kinde gemacht. + + * * * * * + + + + +REUE UND LIEBE. + +"Und nun noch eine Bitte," sagte der glueckliche Graf zu seinem Retter +und Ratgeber; "jetzt noch eine Bitte! Ich habe dem armen Kind diese Tage +her so wehe getan; ich sah es ihr an, wie ich ihr Herzchen gebrochen +habe,--lassen Sie es mich heute noch gut machen!" + +Der alte Herr meinte zwar, es moechte heute schon zu spaet sein, und er +solle seine Ungeduld bis morgen zuegeln; aber der Graf bat immer +dringender. "Kann ich es dulden, dass sie noch eine Nacht mir boese ist, +dass sie auch nur noch eine Traene ueber mich weint? Nein, heute abend +noch bitte ich ihr ab, was ich gefrevelt habe; aber in dem Salon, wo +die Graefin, die an allem Unheil ganz allein schuldig ist, auf mich +lauert, macht sich eine solche Versoehnung nicht gut. Sie muessen mir +schon dazu helfen. Gehen Sie hinueber! Wenn ich nicht irre, hat Ida +versprochen, Ihnen ihre Zeichnungen zu zeigen. Ich schleiche nach, wenn +sie mit Ihnen hinaus geht, und vor Ihnen habe ich mich ja nicht zu +genieren." + +"Will dir auch den Platz ganz und gar nicht versperren. Nun, in Gottes +Namen, komm!--wenn so ein Herzchen von vierundzwanzig Jahren siedet und +haemmert, da hilft es nichts mehr, zu raten und zu predigen. Das +Hammerwerk geht fort, ob so ein alter Meister Dietrich 'halt' sagt +oder nicht. Aber das sage ich dir: den fatalen Frack da ausgezogen +und dein Kollett an, den Familienehrensaebel umgehaengt, dass du auch +etwas gleichsiehst! darfst dich weiss Gott, vor Koenig und Kaiser +darin sehen lassen; darum tritt als Soldat auf, wenn du dein Maedchen +zum ersten Male ans Herz drueckst!" + +"Zum erstenmal ist es nun nicht," lachte der Graf, indem er den goldenen +Saebel umschnallte; "aber leider war die erste Umarmung gleichsam das +unterbrochene Opferfest unserer Liebe; denn die Graefin kam dazwischen, +als ich schon den Mund zum ersten Kuesschen spitzte." + +"Kamerad, das hast du schlecht gemacht," belehrte ihn schmunzelnd der alte +Theresienritter; "wenn man einmal so weit ist, so muss ausgekuesst werden, +und wenn eine Kartaetschenkugel zwischendurch fahren wollte; so stand es +wenigstens im Reglement zu meiner Zeit; denn es ist in der Natur nichts +Schaedlicheres und Fuerchterlicheres als ein unterbrochener Kuss." + +Der Graf versprach, folgsam zu sein und sich ein andermal streng an das +Reglement des alten Herrn zu halten. + +In Praesidents Haus war man beim Tee versammelt, als der alte Herr von +Ladenstein hinueber kam. Die Graefin wollte ihn sogleich ins Gebet +nehmen und schmaelen, wo denn die Herren heute alle bleiben; er aber +gab ihr kurz zur Antwort, dass die Bewohner des Mondes und einige +andere Herren auf der Jagd gewesen seien. Sie fragte sehr witzig, ob +man doch keinen Bock geschossen habe, und wollte sterben vor Lachen +ueber ihr eigenes Bonmot. Der Alte aber dachte: "Lache du nur immer +zu; wenn du wuesstest, wie nahe dich der Bock angeht, der geschossen +worden ist, du wuerdest nicht lachen; doch wer zuletzt lacht, lacht +am besten!" + +Er erinnerte Ida an ihr Versprechen, ihm ihre Zeichnungen und Malereien +zu zeigen. Sie nickte freundlich ein Ja und flog vor ihm die Treppe hinan, +dass er kaum folgen konnte. Es sah etwas kunterbunt in dem Zimmer aus, +das sie, weil sie der Graefin Platz machen musste, einstweilen bewohnte. +Sie entschuldigte sich daher bei dem alten Herrn. "Machen Sie doch nur +keinen falschen Schluss auf meine Ordnungsliebe, lieber Ladenstein," +sagte sie; "aber die Graefin hat uns aus aller Ordnung herausgejagt, +und besonders mir kam sie gar nicht sehr geschickt; denn sie hat mich +aus meinen vier Waenden, die ich so huebsch eingerichtet hatte, +herausgejagt und nicht eher geruht, bis ich hier heraufzog." + +"So, das hat die Graefin gewollt?" sagte der Alte, dem es immer klarer +aufging, dass jene ein falsches Spiel spiele; er schrieb es sich _ad +notam_, um den Grafen noch mehr zu ueberzeugen. Sie schloss jetzt ihre +Mappe auf und breitete ihren Schatz vor ihm aus. Der Alte vergass auf +einige Augenblicke, dass er ja dies alles nur als Vorwand gebrauchen +wollte; er war Kenner und ein wenig streng gegen die gewoehnlichen +Dilettantinnen in der Kunst; er konnte es nicht ausstehen, wenn man +die grellsten, fehlerhaftesten Zeichnungen, wenn sie nur von einer +schoenen Hand waren, "wunderschoen und genial gedacht" fand; er hatte +hundertmal gegen diese Allgemeinheit der Kunst geeifert, wodurch sie +endlich so gemein wuerde, dass ein jeder Sudler ein Raphael oder jede +Dame, die den Baumschlag ein wenig nachmachen konnte, ein Claude +Lorrain wuerde. Aber hier bekam er Respekt; da war nichts uebersudelt +oder schon als Skizze weggeworfen; nein, es war alles mit einem +Fleiss behandelt, mit einer Sorgfalt ausgefuehrt, die man leider +heutzutage selten mehr findet und die man gerade an den groessten +Kunstwerken alter Meister so hoch schaetzen muss. + +Des Maedchens traenenschwere Miene, die seit einiger Zeit sie selten +verliess, heiterte sich unwillkuerlich auf, als sie sich von einem so +tiefen Kenner, als welcher der alte Herr sich zeigte, belobt, sogar +bewundert fand; er stiess auf Kartons, zu denen sie sich als +Urheberin bekannte, und sie waren alle meisterhaft; er wandte das +letzte Blatt in der Mappe um und hielt ueberrascht inne; sie wollte +ihm die Zeichnung entreissen, sie bat, sie flehte--es half nichts; +es war ein zu bedeutendes Aktenstueck, als dass er es haette +unbetrachtet aus den Haenden gelassen. Es stellte eine ihm +unbekannte Kirche vor, am Altar stand eine hohe, erhabene Figur--bei +Gott, bis zum Sprechen aehnlich--Emil; der tiefe, wehmuetige Ernst, +der sonst in seinen Zuegen lag, war herrlich aufgefasst und +wiedergegeben. Man fuerchtete, wenn man in diese Zuege sah, ein +namenloses Unglueck zu erfahren, das auf den feinen Lippen schwebte: +zur Seite standen zwei Maenner, wovon er nur den einen kannte, es war +der alte Brktzwisl; auch in diesem, nichts weniger als malerischen +Gesicht war die ehrliche Gutmuetigkeit, die innige, ergebungsvolle +Teilnahme an dem Schicksal seines Herrn trefflich ausgedrueckt; +weiter im Hintergrund sah man zwei Figuren, die, weil sie im Schatten +standen, kaum fluechtig angedeutet waren; doch glaubte er in der einen +die Zeichnerin selbst zu erkennen. An dem Bilde war ausser der +Aehnlichkeit der Gesichter und der gelungenen Anordnung der Gruppen +auch die Verteilung des Lichtes hoechst genial ausgefuehrt; es war +naemlich Nacht in der Kirche, und die Helle ging nur von einer truebe +brennenden Laterne aus, so dass nun die wunderherrlichen Licht- und +Schattenpartien, das Verschweben der Helle im Dunkel auf ergreifende +Weise angegeben war. + +Die Zeichnung an sich haette seine innigste Bewunderung erregt; aber er +kannte auch gar wohl den Moment, der hier dargestellt war; er kannte die +Gestalt, die sich so bescheiden ins Dunkel gestellt hatte; es war die +Retterin seines geliebten Juenglings; geruehrt sah er zu ihr herab; auch +sie war tief ergriffen. War es der furchtbare Moment des Wahnsinns, wie +sie ihn erlebt und gesehen hatte, war es der Gedanke, dass der, den sie +rettete, der nachher, aufgeloest von Dankbarkeit, nur ihr gehoert hatte, +dass dieser auf die ersten Lockungen einer Kokette sie verlassen hatte? +--Sie stand, das holde Amorettenkoepfchen tief gesenkt, voll Wehmut da; +Traene um Traene stahl sich aus ihren Augen und rieselte ueber die +Wangen herab. + +Er sah sie einige Augenblicke an und teilte stillschweigend ihren Kummer. +Doch er konnte ja alles gut machen, er konnte die Traenen in Laecheln +verwandeln. "Seien Sie nur ruhig, gutes herziges Kind; der tolle Patron da, +den Sie so gut getroffen haben, der soll Ihnen abbitten, soll alles wieder +gut machen."-- + +Sie sah fragend an ihm hinauf und schuettelte dann wehmuetig laechelnd das +Koepfchen, als wollte sie sagen: "Das ist jetzt alles vorbei und hat ein +Ende." Er aber liess sich nicht aus seinem Konzept bringen. "Wetten wir +diese Zeichnung," sagte er, "der undankbare Junker Obenhinaus muss heran +und muss wieder brav und mild sein und seine Ida lieb--" + +Das Maedchen ward feuerrot. "Herr von Ladenstein," sagte sie, zwischen +Wehmut und Unmut kaempfend, "ich haette nicht geglaubt, dass Sie--" + +"Nun, wenn Sie nicht glauben, so muss ich Ihnen den Glauben in die +Haende geben." Damit schritt er zur Tuere und riss sie auf. + + * * * * * + + + + +VERSOEHNTE LIEBE. + +Das Maedchen war sprachlos vor Staunen; es wusste nicht, wie ihm geschah, +und traute seinen Augen nicht. In glaenzender Uniform, schoen und +freundlich wie der Tag, ganz hingegossen in reuevoller Zaertlichkeit +lag Emil vor ihr auf den Knien, hatte ihr Haendchen gefasst und presste +heisse, gluehende Kuesse der Liebe darauf, Sie wollte die Hand +zurueckziehen, sie zog ihn mit herauf, und ehe sie sich es recht +versah--doch das konnte man doch nicht sagen--sie sah sich mit einem +blitzschnellen Viertelsseitenblickchen nach Ladenstein um; doch der +schien gar nicht auf sie beide zu achten; denn er schaute unverwandt +durch die Scheiben in die Nacht hinaus--also ehe sie sich kaum recht +versah, lag sie in des Grafen Armen, fuehlte sie seine Lippen auf +ihren Lippen und--"_Solch_ ein Kuss, das ist ein Kuss!" + +Und nun bat der arme Suender um Verzeihung; er sagte ihr, wie ihn die +Graefin so eifersuechtig gemacht hatte, wie er geglaubt habe, der +Rittmeister mache aeltere Rechte geltend, wie er in der Verzweiflung +der Graefin die Cour gemacht, wie er--nun, er hatte sich stark +versuendigt, aber sie liess ihn nicht weiter reden; mit dem ersten +Wort seiner Reue war ja auch ihr Kummer verschwunden. Sie legte ihm das +weiche, zarte Flaumenhaendchen auf den Mund und wisperte ihm erroetend +zu, dass sie alles vergeben und vergessen wolle; und jetzt ging es +von neuem los. Da wollte er erstens ein kleines Kuesschen zum Zeichen +der Vergebung, dann den groesseren Versoehnungskuss, dann einen langen +dito, dass sie ihm nimmer boes sei, dann einen noch laengeren, dass sie +ganz gewiss nimmer zuerne, dann den ganz ellenlangen zur Erlaubnis, +dass er morgen zum Papa gehe und um sie anhalte. + +"Aber Kinder, es wird spaet," sprach endlich schon zum drittenmal der +alte Herr und tippte Ida auf das Aermchen, das den reuevollen Geliebten +umschlungen hielt, dass sie erschrocken und ueber und ueber bepurpurt +aufsprang und nicht wusste, wohin sie sehen sollte; denn an diesen +Zeugen hatte sie in ihrer Seligkeit gar nicht mehr gedacht.--"Kinder, +es wird spaet, und die Bilder koennten alle schon zehnmal gezeigt sein; +wir muessen hinunter zur Gesellschaft." + +"Nur ich nicht," bat Martiniz; "mir graut, vom Himmel, in dem ich war, +herabzusteigen in einen nuechternen irdischen Tee." + +Es wurde ihm zugestanden, aber unter der Bedingung, dass er morgen recht +bald kommen solle. Ladenstein versprach, ihn selbst hinueber zu spedieren, +und trieb immer wieder zum Aufbruch. Nun, so unbarmherzig konnte er doch +nicht sein, den allereinzigen Gutenachtkuss musste er gestatten. Er +wuerde in zwoelf kleine Portionen verteilt und nach alter Vorschrift +eingegeben, und jetzt endlich trennte man sich. + +Idchen war es ganz schwindlig zu Mut; tausend Gedanken stiegen in ihr auf +und nieder; sie hatten gar nicht alle recht Platz in dem Koepfchen und +draengten und trieben sich daher wirbelnd um und um. Nur _eines_ war ihr +recht klar und deutlich, dass sie recht gluecklich, unendlich glueckselig +sei, dass er sie gek-- Sie erroetete vor dem Gedanken, und dennoch +spitzte sie das Maeulchen und probierte es noch einmal im Geiste, wie +sie es gemacht hatten, dass es so wundersuess schmeckte. + +Nein, so ging es nicht, sie musste sich zusammennehmen, ehe sie zur +Gesellschaft ging; es war ihr, als sollte sie allen Menschen um den Hals +fallen und ihnen ihr stilles Glueck verkuenden. So ging es nicht, da +musste man es gleich merken; sie stellte sich vor den deckenhohen +Spiegel und probierte recht ernsthafte oder gleichgueltige Gesichter; +aber sie mochte es machen, wie sie wollte, immer guckte wieder ein +lustige Koepfchen mit einem spitzigen Maeulchen aus dem reinen, hellen +Glas. Endlich schalt sie sich selbst recht aus, nannte sich einen +Kindskopf, einen Wildfang und alles moegliche, und siehe, da ging +es endlich; mit dem gleichgueltigsten Gesicht von der Welt trat sie +wieder ins Zimmer und behielt zu ihrer eigenen Verwunderung die +gleichgueltige Miene, bis man sich verabschiedete. + +Doch nein, einmal waere sie beinahe herausgeplatzt, und sie hatte zu +beissen und zu schlucken, dass kein Kichern hervorkam. + +Die Graefin beklagte sich noch einmal gegen die Sorben, die jetzt ihre +Gesellschaftsdame spielte, dass der Graf heute sich gar nicht habe sehen +lassen. "Das verzeihe ich ihm in den naechsten zwei Tagen nicht," setzte +sie prezioes hinzu, indem sie die arme Ida dabei fixierte und dachte: "Die +verberstet vor Neid," waehrend es nur unterdruecktes Lachen war, was dem +lustigen Amorettenkoepfchen um die Lippen zuckte,--"wenn er morgen frueh +mich zu besuchen kommt, wird er nicht angenommen, nachmittags--nicht +angenommen, und abends--nun, da will ich ihm ein so saures Gesicht +machen, dass er nicht mehr daran denkt, uns einen ganzen Tag zu +negligieren." + +"Der arme Graf, wie ihn das mitnehmen wird!" laechelte Fraeulein von +Sorben mit einem schadenfrohen Blick auf Ida. + +"Der arme Graf," dachte sie und lachte still in sich hinein; sie konnte +sich denken, wie arg dieser schreckliche Vorsatz ihn angreifen werde. + + * * * * * + + + + +DIE FREIWERBER + +Schon seit einer langen halben Stunde hatte am andern Morgen Ida an ihrem +Fenster gelauscht. Um neun Uhr, ehe der Vater in die Session ginge, hatte +Martiniz kommen wollen, um mit ihm zu sprechen; es war ein Viertel, er kam +noch nicht. Dass der Vater ihn erwarten wuerde, wusste sie wohl; denn der +Graf hatte sich anmelden lassen; aber sie fuerchtete, der Praesident +moechte uebler Laune werden, wenn er so lange warten muesse. Ihr Herzchen +pochte so ungeduldig, alle Augenblicke wechselte das Rot auf ihren +Wangen, der braeutliche Busen flog auf und nieder voll banger Erwartung. +Es kann aber auch fuer ein Maedchen keine erwartungsvollere Stunde geben +als die, wenn der Geliebte zum Vater oder zur Mutter gehen will, um sein +Maedchen anzuhalten. Freude und Angst, Besorgnis und frohe Hoffnung +wechseln dann auf dem lieblichen Brautgesichtchen, ein tiefer Seufzer, +wohl auch ein leises Gebet entsteigt dann dem kindlichen Herzen, das zum +erstenmal geteilt ist zwischen der Anhaenglichkeit an die Eltern und der +Liebe zu dem, der sie zu seinem Frauchen machen will. + +Zwar konnte Ida nicht zweifeln, dass der Vater diese Partie fuer sie sehr +anstaendig finden wuerde; aber sie kannte ihn, wie er alles nach den +Dienstverhaeltnissen abwog. Konnte er nicht aus Furcht vor der +allerhoechsten Ungnade nein sagen, weil man in der Residenz den Grafen +fuer eine andere bestimmt hatte? Und dann der Onkel des Grafen,--sie +hatte vom Hofrat gehoert, dass es einen solchen gebe, einen aeltlichen, +etwas graemlichen Mann, von dem der Graf sehr abhaengig sei; wird er +auch seine Einwilligung geben?-- + +Auch vor der Graefin war ihr bange. Zwar, es lag kein geringer Triumph +darin, die Gegnerin, die alle Hoellenkuenste aufgeboten hatte, Emils Herz +von ihr abzureissen, ueberwunden zu haben; aber sie scheute sich doch +beinahe ebenso sehr vor dem Zorn der Gewaltigen, als sie sich freute, +zu sehen, was sie fuer ein Gesicht machen werde, wenn man ihr es +ankuendige. + +Endlich--ja, er war es; in seiner glaenzenden Uniform wie gestern trat er +heraus,--mit ihm Ladenstein; nein, wie aber dieser geputzt war! Sie hatte, +als sie sich bei Hof praesentieren liess, einmal einen ....schen Gesandten +gesehen, gerade so war er gekleidet; der Frack starrte von goldener +Stickerei, ein handbreites Ordensband ging ihm ueber die Brust quer herab, +auf der Brust--was tausend! Da hatte er ja sogar einen Stern! "Nun, das +muss doch ein vornehmer Herr sein, der Herr von Ladenstein," dachte Ida +und machte grosse Augen, "und sonst sieht er doch ganz schlicht aus." + +Es kam die Treppe herauf, es pochte an ihrer Tuere; gewiss wollte Emil +noch einmal--nein, es war nur Ladenstein, aber auch dieser war ihr +willkommen. Aber so freundlich er laechelte, so war es ihr doch, als +koenne sie heute nicht so ungeniert sein als frueher. Sie machte einen +tiefen, tiefen Hof- Gala-Knix, als er so bebaendert, besternt und +uebergoldet zu ihr eintrat, und wusste nicht gleich recht, wie sie ihn +empfangen sollte; er aber lachte ihr gerade ins Gesicht: "Ich weiss +wohl, woran es liegt, dass mich Fraeulein Ida nicht empfaengt wie +einen alten Freund; die paar Ellen Band da! Ei, ei, das haette ich +doch nicht gedacht, dass sich eine junge Dame dadurch gleich so +einschuechtern liesse!" Sie sammelte sich und lachte sich jetzt selbst +recht aus, dass sie ihn so steif und foermlich wie eine ungeheure +Respektsperson empfangen habe; er zog sie zutraulich zu sich auf den +Divan und erzaehlte, dass Emil in diesem Augenblick mit seiner Werbung +vor dem Papa stehe und sie hoffentlich recht bald als Braeutchen +umfangen werde.-- + +Das Maedchen ward feuerflammrot; sie hatte sich noch von keinem Menschen +Braut nennen hoeren, es war ihr ein so ungewohntes Woertchen, und doch +kam es ihr selbst wieder vor, als sei es ihr recht braeutlich zu Mut.-- + +Er selbst, fuhr der freundliche Alte fort, sei als Reservebataillon und +Hinterhalt aufgestellt; er habe sich darum mit all seinem Flitterputz +angetan, um damit dem Herrn Papa-Praesidenten, wenn er etwa noch einiges +Bedenken tragen sollte, ueber den Hals zu fallen. + +Ida ward recht nachdenklich, als sie aus Ladensteins Mund hoerte, dass es +denn doch fehlen koenne, und sagte: "Ach, vor meinem Vater ist mir nicht +so bange, der gibt am Ende schon nach, wenn ich ihn recht schoen bitte; +aber der Onkel--"--"Nun, was fuer ein Onkel ist denn das?" fragte +Ladenstein aufmerksam und neugierig. + +"Emils Onkel, wissen Sie denn nichts von dem? Ach Gott! Das soll ein gar +boeser alter Herr sein,"--Ladensteins Gesicht zog sich immer mehr in die +Laenge bei diesen Nachrichten--"das hat mir Hofrat Berner, der den jungen +Grafen und seine Verhaeltnisse kennt, gesagt; von ihm haengt Emil ab; denn +er soll ihn so lieb haben wie seinen Vater, und der alte Herr soll auch +sehr viel an dem Neffen tun--"--es zuckte wie tiefe Ruehrung in +Ladensteins Gesicht--"wenn nun dieser die Sache erfaehrt," setzte sie +traurig hinzu, "wenn er dem Grafen eine Schoenere, eine Bessere +ausgesucht haette, wenn er _nein_ sagt--" + +"O, er sagt nicht nein, er kann keine Bessere finden," unterbrach sie +der alte Herr voll wunderbarer Ruehrung. + +"Eine Treuere wenigstens nicht, keine, die ihn mehr ehren wuerde; ach, wenn +man nur den erweichen koennte! Sehen Sie, Ladenstein," sagte sie unter +Traenen laechelnd, "ich habe mir eine kleine List ausgedacht, es ist zwar +eine Kriegslist, aber doch wohl eine erlaubte, und Sie habe ich dazu +ausersehen, dass Sie mir dabei helfen. Sie kennen die Szene aus der Kirche, +die ich Ihnen gestern zeigte; die habe ich nun ganz eigentlich fuer den +alten Martiniz entworfen. Sehen Sie, wenn er etwa zweifelt, dass ich seinem +Neffen so recht von Herzen gut bin, so--das tun Sie mir schon zu Gefallen, +und Sie kennen den alten Herrn gewiss--so zeigen Sie ihm die Gruppe da, +sagen Sie ihm, ich sei es gewesen, die seinen Emil von dem schrecklichen +Wahn befreite; wollen Sie?" + +Der alte Herr nickte ihr stumm seine Einwilligung zu, die hellen Traenen +rollten ihm durch die gefurchten Wangen, er war so tief geruehrt, dass er +nicht sprechen konnte; er fasste ihre Hand und zog sie an seine Lippen. +Endlich fasste er sich doch wieder; er wischte die Traenen hinweg, er war +freundlich wie zuvor und fand auch die Sprache wieder. + +"Ich will es ihm geben, dem alten Gesellen," sagte er laechelnd, "ich kenne +ihn so gut wie mich selbst und darf sagen, dass ich sein innigster--bester +Freund bin; haben Sie keine Sorgen, Toechterchen, der Alte schlaegt mit +Freuden ein; aber das Bild da soll er haben, und wie ich ihn kenne, wird er +es hoch anschlagen, es wird sein bestes Kabinettsstueck sein." + + * * * * * + + + + +FORTSETZUNG DER FREIER. + +Sie wurden von Emil unterbrochen, der in stuermischer Eile Ladenstein +zum Praesidenten hinabrief. Dieser ging und liess die beiden allein. +Emil sagte seinem Maedchen, dass der Papa durchaus nicht abgeneigt +scheine; nur habe er bange, was der Hof dazu sagen werde. Er fuer +seinen Teil koenne diese Bedenklichkeiten nicht begreifen; denn offenbar +gehe es den Hof nicht im mindesten etwas an, wen er heiraten wolle. Ida +konnte wohl ahnen, was ihr Vater unter diesen Bedenklichkeiten wegen +des Hofes verstand; aber sie scheute sich, den Geliebten darueber zu +belehren. Es waere aber auch Suende gewesen, ihn in seinem Glueck zu +stoeren. Er sass so selig neben dem braeutlichen Maedchen, er war so +trunken von Wonne und Glueck, dass er nichts anderes mehr zu hoeren und +zu denken schien als sie. + +Man konnte aber auch nichts Holderes, Lieblicheres sehen als das Maedchen. +Ihr Auge glaenzte voll Liebe und Seligkeit, auf den Wangen lag das heilige +Fruehrot der braeutlichen Scham, um den Mund spielte ein reizendes Laecheln, +das bald Verlegenheit ueber den ihr so ungewohnten Stand einer Braut, bald +Wonne und Freude verriet. + +"Mein holdes, einziges, mein braeutliches Maedchen," rief der glueckliche +Martiniz, nachdem er sie lange mit seinen trunkenen Blicken angeschaut +hatte. "Mein lieber, guter Emil," lispelte sie und sank in seine Arme und +barg ihr tief erroetendes Koepfchen an seiner Brust. Aber obgleich es ihm +Freude machte, das Engelskind so an sein treues Herz geschmiegt zu sehen, +das schoene Haar mit seinen Ringelloeckchen zu betrachten und in den +herrlich gewoelbten Nacken, so rein und weiss, so glaenzend wie +aus Wachs geformt, niederzublicken, so machte ihm doch die +Kehrseite mehr Freude. Er fasste das Engelskoepfchen an dem +sanften Kinn und hob es aufwaerts. Wie mild, wie treu blickten +ihn diese Augen an, wie wuerzig woelbten sich die Purpurlippen ihm +entgegen! Er schlang den Arm um den schlanken Leib, er presste sie an +sich und sog in langen, langen Kuessen das suesseste Leben in sich ein. + +Nein, wahrhaftig, so sonderbar war ihr in ihrem ganzen Leben nicht zu Mut +gewesen wie in diesen Augenblicken. Es prickelte und zuckte ihr durch alle +Nerven, durch alle Glieder und Gliedchen, bis hinaus in die Fingerspitzen, +bis hinab in den grossen Zehen. Es war ihr so wohl, so wonnig zu Mut, als +sollte sie, aufgeloest in innige Liebe, vergehen. Sie wollte ihn ansehen +und hatte doch das Herz nicht dazu, sie wollte sich schaemen und schalt +sich wieder aus ueber die Torheit; denn es war ja ihr Braeutig--; nein, +das fiel ihr eben siedendheiss ein, es war noch nicht ihr Braeutigam, +Papa hatte ihm seine Einwilligung noch nicht zugesagt--es schickte +sich doch nicht so recht; sie wand sich verschaemt aus seinen Armen +und wollte eben sagen, dass er doch ein wenig einhalten-- + +Da ging die Tuere auf und mit freudestrahlendem Gesicht, den laechelnden +Praesidenten an der Hand, schritt Ladenstein herein. "Ich gratuliere," +rief er, "der Herr Papa willigt ein." Ida flog an den Hals ihres +Vaters. Sie weinte, sie lachte in einem Atem, sie streichelte seine +Wangen und kuesste ihn und war ein so munteres, woehliges Kind, als +habe er ihr eine huebsche Puppe zum Weihnachten oder als +Geburtstagsangebinde geschenkt. + +Auch Emil war aufgestanden und zum Praesidenten getreten. Er fragte ihn +voll Freude, ob es ihm erlaubt sei, ihn Vater zu nennen. + +Der Praesident laechelte und zeigte auf Ladenstein. "Nach dem, was Seine +Exzellenz, Ihr Herr O--" ein Wink des alten Herrn machte, dass er sich +schnell korrigierte--"was Herr von Ladenstein mir sagte, ist durchaus +kein Zweifel mehr in mir, der dieser Verbindung entgegen waere." + +Die Gluecklichen sanken sich in die Arme, sie umarmten sich, den Vater, +den guten Ladenstein, ja, es schien fast, als moechten sie noch mehr +Zeugen ihres Glueckes. Und nun ging es an ein Akkordieren wegen der +Hochzeit; der Graf wollte lieber heut als morgen und haette gerne +sein liebes Braeutchen nur so im Hauskleidchen, wie sie dastand, ins +Muenster gefuehrt. Aber dagegen straeubte sie sich selbst. Sie sah gar +zu naiv aus, als sie so ernsthaft sagte--"Nein, wenn es einmal sein +muss, so muss es auch recht sein. Im Hausueberroeckchen traut man kein +reputierliches Fraeulein." Der Praesident stimmte bei; er sagte: "Sie +haben ja noch gar nichts, wo sie nur ihr Haupt hinlegen koennten, +keine Wohnung, keinen Stuhl, kein Bette!" + +Aber dagegen protestierte wieder Ladenstein feierlich: "Ein Vierteljahr +ist viel zu lang, und was den Ort betrifft, wo sie ihr Haupt hinlegen +koennten, da habe ich ein so anstaendiges Plaetzchen ausersehen, wie +man es nur wuenschen kann. Da ist--" er zog eine grosse Schreibtafel +hervor, nahm mehrere Papiere heraus und entfaltete sie--"da ist ein +gerichtlich ausgefertigter Kaufbrief von Schloss und Herrschaft +Gross-Lanzau, drei Viertelstunden von hier, angekauft fuer den Herrn +Grafen Emil von Martiniz, wenn Sie ihn kennen, und ihm von seinem Oheim +zur Morgengabe uebermacht, kann heute schon bezogen werden, wenn es ihm +gefaellig ist." + +Die drei machten grosse Augen. Emil stuerzte dem alten Herrn an den +Hals. "Mein teurer vaeterlicher--" + +"Still, still, ist schon gut," unterbrach ihn der alte Herr, indem er ihm +die Hand auf den Mund legte, "bedenke dein Versprechen. Ich habe hier nur +den Geschaeftstraeger gemacht, danke deinem Onkel, wenn er einmal da +ist!"--"Ach, wo ist er denn, der gute Onkel," rief Ida, "dass ich ihm +danken kann fuer seine unendliche Guete?" + +"Wird auch kommen zu seiner Zeit," antwortete Ladenstein, indem ihm eine +Traene der Ruehrung im Auge blinkte, "er wird schon kommen und eine Freude +an seinem holden Toechterchen haben; einstweilen soll ich Idchen in seinem +Namen kuessen." Er gab ihr einen recht vaeterlichen Kuss auf die schoene +Stirne. + +Der Praesident hatte indessen die Papiere durchgesehen. Je laenger er +las, desto groesser und staunender wurden seine Augen. Ehrfurchtsvoll +faltete er die Papiere zusammen und sagte: "Nein, das ist zu arg, das +ist zu viel; bedenket, Kinderchen, nicht nur das herrliche Gross-Lanzau +mit dem schoenen, neuen Schloss, ganz durch und durch elegant +ausmoebliert, mit Stallung und Pferden, mit Scheunen und Knechten, mit +Waeldern und Feldern, weiss Gott, seine zweimalhunderttausend Taler +unter Bruedern wert, nein, bedenkt auch noch--" + +"Still, alter Herr," unterbrach ihn Ladenstein. "Macht kein solches Wesen +von dem Zeug! Ihr wisst, der alte Martiniz kann es geben und gibt es +gern. Da ist auch noch etwas in den Papieren fuer das liebe Braeutchen, +naemlich ein kleines Schloesschen, hart am Fluss, ein Stuendchen von +hier. Man hat mir gesagt, dass Idchen immer gerne an jenem Plaetzchen +gewesen sei, und deswegen hat es der Herr Onkel seiner lieben Nichte +erb- und eigentuemlich zum Brautgeschenk uebermacht." + +Voll freudigen Schreckens schlug das Maedchen die Haende zusammen. "Doch +nicht mein liebes Blauenstein?" rief sie. "Ebendasselbe," antwortete +Ladenstein und ueberreichte ihr die Schenkungsakte. + +Sie konnte es nicht fassen, sie tanzte mit dem grossen Brief im Zimmer +umher wie naerrisch und rief immer: "Mein Blauenstein, mein liebes, +herziges Blauenstein!" dass die drei unwillkuerlich ueber die +possierliche Freude des Maedchens lachen mussten. + +Es ist aber auch wahr, man kann nichts Schoeneres sehen als dieses +Blauenstein. Ein allerliebstes Schloesschen mit fuenf bis sechs elegant +eingerichteten Zimmern und einem Salon, auf drei Seiten von einem +schoenen Wald umgeben und die vierte Seite, die Fassade des +Schloesschens, gegen den schoenen Fluss geoeffnet, und eine +paradiesische Aussicht hinueber in Taeler und Berge--und dieses +lauschige, liebliche Plaetzchen ihr ganz eigen, ihr, dem froehlichen +Braeutchen, und dort zu wohnen als Frauchen mit ihrem Emil--gewiss, +ein solcher Gedanke haette manche andere tanzen gemacht! + + Und jetzt hatte der Praesident auch nicht das geringste mehr + einzuwenden, und die Hochzeit wurde vor den Ohren des erroetenden + Maedchens auf die naechste Woche festgesetzt. Heute abend aber + wollte Papa Praesident grosse Gesellschaft geben und dort das + junge Paar als Braut und Braeutigam praesentieren. + + * * * * * + + + + +DIE SOIREE. + +"Was aber der Praesident Sanden dick tut!" sagten die Freilinger, als +jetzt die Lakaien in der Stadt umherflogen und zum Souper einluden. +Die meisten dachten, es geschehe der Graefin Aarstein zu Ehren, bei +welcher er sich auf alle moegliche Weise zu insinuieren suche, um +spaeter einmal Minister zu werden. + +Als man aber abends in den Salon des Praesidenten trat, wurde man noch +mehr von diesem "Dicketun" ueberzeugt. Ausser den prachtvollen +Luestres, die gewoehnlich bei Gesellschaften angezuendet wurden, war +eine ganze Galerie der geschmackvollsten Wandleuchter von Bronze +angebracht, und Walratlichter, so durchsichtig und klar wie Glas, +eine ganz nagelneue Erscheinung fuer Freilingen, strahlten ein +Feuermeer von sich. Die Waende waren mit Festons von Blumen und +gruenen Zweigen geschmueckt, die sich in den deckenhohen Spiegeln zu +einem ganzen Wald von Kraenzen und Girlanden vervielfaeltigten. Ein +ganzer Hausrat der praechtigsten Kristalls, Vasen, Teller, Becher, +Platten, Schuesseln, Bouteillen blinkte mit seinen geschliffenen +Figuren in tausend vielfarbigen Lichtern. Das schwerste Silber an +Bestecken und Leuchtern ward heute aufgesetzt, und jedermaenniglich +war erstaunt ueber diese Pracht. + +Einige aber, die feinere Nasen hatten als die uebrigen, legten die +Finger daran und kluegelten hin und her, was dies alles zu bedeuten +habe; denn man wusste so ziemlich allgemein, dass der alte Sanden ohne +Not und wichtige Ursache nicht so viele Umstaende mache. Doch aus +seinem Gesicht konnte man nicht recht vernehmen, was er in petto habe, +Er empfing seine Gaeste hoechst freundlich, aber zeremonioes, sprach +mit keinem sehr viel und lange, sondern teilte sich ueberall und allen +mit. Die Graefin--nun, die kam endlich, sah aber nicht danach aus, als +ob ihr das Fest gehoere; denn sie war wie gewoehnlich prachtvoll, aber +nicht gerade festlich gekleidet. + +Die einzigen von allen Gaesten, die mit ihren Erwartungen so ziemlich +am naechsten ans Ziel trafen, waren wohl Leutnant Schulderoff und seine +Kameraden. Sie waren seit der Duellgeschichte die eifrigsten Freunde des +Polen geworden und hatten ihre geheime Schadenfreude daran, dass der +Goldfisch wahrscheinlich der Aarstein, welche die Garnisonoffiziere sehr +ueber die Achsel angesehen und ganz obenhin behandelt hatte, +entschluepfen wuerde. "Wenn die Ida doch keinem von uns gehoeren soll," +hatte Schulderoff geaeussert, "so goenne ich sie am liebsten dem +Martiniz; er ist Soldat und, das muss man ihm lassen, brav wie der +Teufel; stand er doch da, als die blaue Bohne auf ihn zusurrte, als +waere es ein Schneegloeckchen; so kalt und fest habe ich in meinem Leben +keinen sich schiessen sehen. Und am Ende hatte er doch recht; denn +Sporeneck raesonierte doch ueber die Ida, dass es mir selbst das Herz +im Leibe hat zerreissen wollen. Das kommt aber von niemand her als von +der Aarstein, die den guten Jungen, den Sporeneck, zum Teufel +modelliert hat, und nebenbei kommt es auch von meiner Frau Mama mit +ihrer ewigen Planmacherei, mich unter die Haube zu bringen, und +nebenbei auch von der falschen Katze, der Sorben, die gegen jedermann +ergrimmt ist, der nicht von ihren Reizen hingerissen wird." + +So urteilte der Leutnant und mit ihm seine Kameraden, so sehr hatte die +Uniform und der Orden auf Martiniz' Brust die ganze Sache veraendert. + +Endlich war die ganze Gesellschaft beisammen. Man konversierte in dem +festonierten Saal, ehe man zu den Spieltischen ging, und die Graefin +hatte den groessten Hof um sich; denn man dachte nicht anders, als sie +muesse doch vielleicht die Koenigin des Festes sein. Es fehlte niemand +mehr; doch ja, Martiniz und Ladenstein fehlten noch; die Graefin suchte +vergebens mit ihren rastlosen Blicken nach dem ersteren. Sie hatte eine +tuechtige Schelte einstudiert, um ihn fuer seine Vernachlaessigung zu +strafen; ueberhaupt hatten sich ihr heute so sonderbare Gedanken +aufgedraengt--der Graf, der sich doch sonst an sie angeschlossen, dem +sie so merklich als moeglich ihre Neigung zu ihm gezeigt hatte, war +zwei Tage gar nicht fuer sie sichtbar; sie wusste, dass er heute im +Haus gewesen, und doch hatte er sie nicht besucht; der Rittmeister--der +war ihr nun ganz unbegreiflich, und sie war bitterboese auf ihn. Im +ganzen war er ihr gleichgueltig; denn ihre Neigungen waren sehr +fluechtiger Natur; auch war ihr der Graf jetzt bei weitem +interessanter, und sie gestand es sich selbst, sie haette ein +Wohlwollen zu ihm, das beinahe Liebe war,--aber dennoch sollte der +Rittmeister noch immer der _Cavaliere servente_ sein, und dennoch +konnte er es wagen, zwei Tage sich nicht mit einem Blick sehen zu +lassen. Wenn er auf die Jagd geritten war, wie die uebrigen Offiziere +aeusserten, so haette er wenigstens ein Billett an sie hinterlassen +koennen--aber sie wollte es ihm entgelten. + +Der Arme! er lag gerade jetzt auf seinem Schmerzenslager und fluchte die +fuerchterlichsten Flueche, dass er sich jemals in die Dienste dieser +Sirene begeben habe. + + * * * * * + + + + +DIE BRAUT. + +Auch Ida fehlte noch in der Gesellschaft; nun, sie hatte wahrscheinlich +noch manches fuer die Bewirtung zu sorgen und zu ruesten. Endlich--der +Praesident hatte sich heimlicherweise weggeschlichen--endlich ging die +Tuere auf, ein allgemeines Fluestern der Erwartung rauschte durch den +Saal--herein trat ein grosser, aeltlicher Herr in reicher, praechtiger +Kleidung, mit Sternen und Orden besaet--wir kennen ihn schon--, an +seinem Arm ein holder; verschaemter Engel voll Huld und Anmut, +demuetig und doch voll wunderbarer Majestaet--Ida. + +Aber wie _das_ Maedchen heute geputzt war, das Blondenkleid--man hatte +noch nichts so Feines, Zartes, Geschmackvolles gesehen. Um den +Schwanenhals ein Perlenschmuck, der--es waren scharfe Kenner in dem +Saal, aber sie schwuren hoch und teuer, mit den fuerchterlichsten +Fluechen, er sei unschaetzbar und nicht in diesem Lande gekauft! Im +zierlich geordneten Haar einen Solitaer--die Graefin haette heulen +moegen, dass sie den ihrigen hatte in der Residenz lassen muessen--er +war in Kost und Logis bei Salomon Moses Soehnen und doch haette er +gegen _dieses_ Wasser, gegen die funkenspruehende Kraft _dieses_ +Steins verbleichen muessen! + +Hatten die Gaeste schon dieses Paar mit weit aufgerissenen Augen +angestarrt, so riskierten sie jetzt, vor Verwunderung den schwarzen +Star zu bekommen; denn jetzt trat der Praesident ein, an der Hand +fuehrte er einen Juengling, hoch und schlank, in prachtvoller, +pompoeser Uniform, den Diamantorden auf der stolz gewoelbten Brust, +an der Seite einen mit flunkernden Steinen uebersaeeten Saebel, in +der Hand seinen Kalpak, woran die Agraffe, ein Familienstueck, von +Kennern auf zweimalhunderttausend Taler geschaetzt wurde; der +Praesident mit seinem strahlenden Juengling trat naeher, es war Emil. + +Der Kreis der erstaunten Gaeste oeffnete sich--der Praesident empfing +aus Ladensteins Hand sein Idchen; so trat er mit dem Paerchen in den +Kreis--die Graefin mochte ahnen, was vorging; denn sie schoss wuetende +Blicke auf die drei, ihr Busen flog auf und nieder; tief und bescheiden +neigte sich Ida, das Engelskind, und erroetete ueber und ueber; der +Graf aber schaute froehlich, stolz mit seinem siegenden Glutblick im +Kreise umher, der Praesident verbeugte sich und begann: "Verehrte +Freunde, ich habe Sie eingeladen, ein glueckliches Ereignis meines +Hauses mit mir zu begehen--meine Ida hat sich heute verlobt mit dem +Grafen Emil von Martiniz." Von Anfang tiefe, tiefe Stille; man haette +eine Muecke koennen trappen hoeren--unwillkuerlich flogen die Blicke +der erstaunten Gaeste nach der Graefin; denn _sie_, _sie_ musste ja +nach ihren Kalkuelen die Braut sein; dann oeffneten sich die Schleusen +der Beredsamkeit, ein ungeheurer Strom von Gratulationen, gegenseitigen +Lobpreisungen brach ueber die Dame herein; man hoerte sein eigenes Wort +nicht, so gingen wie in einer Windmuehle, wenn der Nordost blaest, die +Maeuler und Maeulchen. + +Endlich fand auch die Graefin Worte; sie hatte, das uebersah sie mit +_einem_ Blick, das Schlachtfeld verloren; jetzt galt es, sich geordnet +zurueckzuziehen und dem Feind, wo sie eine Bloesse erspaehen koennte, +noch eine tuechtige Schlappe zu geben. Sie hatte schnell gefunden, was +sie wollte. Sie eilte auf Ida zu, umarmte sie herzlich und wuenschte ihr +Glueck zu ihrer Verbindung. "Aber dennoch, Kinderchen," setzte sie hinzu +und wollte freundlich aussehen, obgleich ihr das gruene Neidfeuer aus +den Augen spruehte und ihr Mund krampfhaft zuckte, "dennoch weiss ich +nicht, ob ihr ganz klug getan habt. Idas Mutter war, soviel ich weiss, +aus keinem alten Haus, und Sie selbst, Graf, muessen wissen, wie Ihr +Oheim; der Minister, darueber denkt; wenigstens so viel ich mir von +ihm habe sagen lassen, wird er diese Verbindung nun und nimmermehr +zugeben." + +Ida war ganz bleich geworden; sie dachte im Augenblick nicht daran, dass +nur boeslicher Wille und Neid die Graefin so sprechen lasse; das Wasser +schoss ihr in die Augen, sie warf einen bittenden, hilfesuchenden Blick +auf Ladenstein und Martiniz. Jener stand auf der Seite und sah ernst, +beinahe hoehnisch, der Graefin zu; Emil aber sagte ganz kalt und +gelassen: "Wissen Sie das so gewiss, gnaedige Frau?" Diese Gleichmut +reizte sie noch mehr; eine hohe Roete flog ueber ihr Gesicht, die Augen +strahlten noch tueckischer. "Ja, ja, das weiss ich gewiss," rief sie, +"ein Freund Ihres Herrn Onkels, der Geheimrat von Sorben, hat mir ueber +diese Sache hinlaenglich Licht gegeben, dass ich weiss, dass er diese +Mesalliance nie genehmigen wird; Sie werden es sehen!" + +"Und dennoch hat er sie genehmigt," antwortete eine tiefe, feste Stimme +hinter ihr. Erschrocken sah sie sich um; es war der alte Ladenstein, der +sie mit einem hoehnischen, sprechenden Blicke ansah; sie konnte seinen +Blick nicht aushalten und mass ihn daher mit stolzem Laecheln, hinter +das sie ihre Wut verbarg, von oben bis unten. "Das muesste doch sehr +schnell gegangen sein," sagte sie und schlug eine gellende Lache auf, +"noch vor fuenf Tagen lauteten die Nachrichten hierueber ganz anders; +der Herr von Sorben sagt mir--" + +"Er hat Sie belogen," entgegnete der alte Herr ganz ruhig. + +"Nein, das wird mir zu stark," rief die hohe Dame gereizt, "von einem +Mann wie Herr von Sorben bitte ich in andern Ausdruecken zu sprechen; +wie koennen _Sie_ wissen, was der alte Herr von Martiniz--" + +"Er steht vor Ihnen, gnaedige Graefin," sagte der alte Herr und beugte +sich tief, "ich heisse--mit Ihrer Erlaubnis--Dagobert, Graf von +Ladenstein-Martiniz." + +Ehe er noch ausgesprochen hatte, lag Ida an der besternten Brust des +Oheims, vergoss Traenen der Freude und der Wonne und suchte vergeblich +nach Worten, ihr Entzuecken auszusprechen. Die Graefin stand da, wie +zu einer Saeule versteinert; doch hatte sie, sobald Sie wieder Atem +hatte, auch Fassung genug zu sprechen; so freundlich und herablassend +als moeglich wandte sie sich an das junge Paar: "Nun, da wuensche ich +doppelt Glueck, dass ich mich geirrt habe. Haette es Sr. Exzellenz +frueher gefallen, seine Maske abzunehmen, so wuerde ich Ihr Glueck +auch nicht auf einen Augenblick gestoert haben." + +Sie ging, von aussen ein Engel, im Herzen eine Furie; sie wuenschte in +ihrem wutkochenden Herzen alles Unglueck auf das Haupt der unschuldigen +Ida. Wuetend kam sie zu der Sorben, die mit Frau von Schulderoff in +einer Fenstervertiefung bei einem Glas Punsch sich von dem Schrecken +erholte, der ihr in alle Glieder gefahren war. "An allem Unheil ist +Ihr sauberer Herr Onkel schuld, Fraeulein Sorben," rief die Wuetende, +"warum hat er uns mit falschen Nachrichten bedient? Warum hat er uns +nicht gesagt, dass der alte Narr hier herumspukt unter falschem Namen? +O, ich moechte--" Der orangefarbene Teint von Fraeulein Sorben war ins +Erdfahle uebergegangen; sie hatte die stille Wut und machte sich hie +und da nur durch ein unartikuliertes Kichern Luft, indem ihr das helle +Traenenwasser in den Augen stand. + +"Und keine Hufe Landes sollen sie mir kaufen, das Polenpack, solange mein +Oheim noch Herr im Land ist; nach ihrem Polen moegen sie ziehen, und das +Affengesicht, den naseweisen, duerren Backfisch, moegen sie mitnehmen und +dort meinetwegen fuer Geld sehen lassen!" + +"Ach, das ist ja gerade das Unglueck," seufzte Frau von Schulderoff, +"dass wir sie in der Nachbarschaft behalten; denken sich Exzellenz, wie +der alte Narr sein Geld zum Fenster hinauswirft; zum Hochzeitgeschenk, +erfahre ich soeben, hat er ihnen Gross-Lanzau und das freundliche, +nette Blauenstein gekauft!" + +"Gekauft?" presste die Graefin zwischen den Zaehnen, die sie ganz +verbissen hatte, heraus, "gek--" + +"Denken Sie sich, gekauft um dreimalhunderttausend Taler und ihnen +geschenkt; ob man etwas Tolleres hoeren kann!" + +"Das fehlte noch!" knirschte die Graefin und rauschte weiter. + + * * * * * + + + + +PRAELIMINARIEN. + +Indessen war Ida gluecklich, selig zwischen dem Geliebten und dem Oheim. +Dieser Oheim, sie hatte sich ihn als einen graemlichen, alten Herrn +vorgestellt, dieser war es, der hie und da in Gedanken ihr Glueck noch +gestoert hatte. Sie wusste ja, wie Emil an ihm hing, wie es ihn +betrueben wuerde, wenn jener sein Verhaeltnis zu Ida unguenstig +ausnaehme. Und jetzt-- nein, sie wusste sich nicht zu fassen vor lauter +Seligkeit! Der freundliche, guetige Ladenstein hatte sich wie durch +einen Zauberschlag in die gestrenge Exzellenz den Minister Grafen von +Martiniz verwandelt, und doch blieb er so freundlich, vaeterlich, +traulich wie zuvor; sie wusste nicht, wem von beiden sie das nette, +lustige Amorettenkoepfchen zuwenden sollte. Sie lachte und tollte, gab +verkehrte Antworten und schnepperte, wie ihr das Schnaebelchen +gewachsen war. Es war das glueckseligste Kind, die holdeste, +vollendetste Jungfrau und das lieblichste, anmutigste Braeutchen unter +der Sonne in _einer_ Person. + +Einer der Gluecklichsten im Saal war aber Hofrat Berner. Heute abend erst +war er zurueckgekommen, hatte sich nur schnell in die Toilette geworfen +und schnurstracks zu Praesidents, und das erste war, als er in den Salon +trat, dass er hoerte, wie der Praesident seine Kinder praesentierte; er +haette moegen aus der Haut fahren vor teilnehmendem Jubel seines alten +treuen Herzens. "Das ist _mein_ Werk," laechelte er vor sich hin, "ganz +allein mein Werk; es konnte nicht anders gehen, nachdem es einmal +eingefaedelt war." Aber wie riss er die Augen auf, als er von einer +Graefin Aarstein, von einem alten Grafen Martiniz, welche auch hier +seien, hoerte. "Nun, da muss es was Tuechtiges gesetzt haben," dachte +er; "das beste wird sein, ich frage Idchen selbst." + +Das Brautpaar empfing ihn mit Jubel, und Martiniz stellte ihn sogleich +dem alten Grafen vor; denn er hatte ihm viel von diesem alten Freund und +Ratgeber ihrer Liebe erzaehlt. Ida gestand ihm, dass sie ihn oft +schmerzlich vermisst habe; auch Martiniz aeusserte dies und versprach, +ihm alles so bald als moeglich zu erzaehlen. + +"Lassen wir die Brautleutchen, alter Freund," unterbrach Graf Martiniz +seinen Neffen, indem er den Hofrat am Arm nahm und mit sich fortzog; +"lassen wir sie! Uns Alten liegt es ob, fuer das Glueck der Jungen zu +sorgen. Man hat mir gesagt, dass Sie, lieber Hofrat, sich so trefflich +darauf verstuenden, ein Festchen zu arrangieren. Ich war in frueheren +Jahren einmal Oberhofmeister; das fuegt sich nun ganz vortrefflich. Da +wollen wir nun, wir zwei, beide miteinander etwas zusammenschustern, +wie man es hierzulande noch nicht sah." + +Der Hofrat war es zufrieden, und der Graf machte ihm jetzt seine +Vorschlaege. Morgens sollten sie getraut werden. "Nicht zu Haus, das kann +ich fuer meinen Tod nicht leiden; die Hauskopulationen reissen jetzt so +ein, dass sie fast zur Mode werden, als waere eine vornehme Ehe nicht +dieselbe wie eine geringe, als waere der Altar Gottes nicht fuer alle +und jeden; aber der Fluch kommt gewoehnlich bald nach. Hat man sich +in den gewoehnlichen Zimmern, wo man sonst tollte und lachte, wo man, +sobald der Altar weggeraeumt ist, tafelt und tanzt, hat man sich da +trauen lassen, so kommt einem auch das neue Verhaeltnis so ganz +gewoehnlich vor, dass man bald davor keine Ehrfurcht mehr hat."--Also +in der Kirche; nachher sollten die Gaeste hinausfahren nach Blauenstein. + +Der Hofrat machte grosse Augen, und als er hoerte, dass dies die neue +Besitzung des lieben Paerchens sei und dass Gross-Lanzau auch noch dazu +gehoere, er haette, wenn es sich nur halbwegs geschickt haette, ein paar +Kapriolen in die Luft gemacht--nach Blauenstein, dort musste das Schloss +festlich geschmueckt sein und zum Essen, was man nur Feines und Gutes +haben kann! Nachher--die beiden Alten sahen sich an und beiden zuckte +der kleine, sarkastische Schelm um den Mund; denn beiden fiel ein, +dass sie noch Junggesellen seien--"Nun, nachher," fuhr der Graf fort, +"muss das Brautpaar eine kleine Reise machen, und wir beide gehen als +_garde de dame_ auch mit, bestellen die Pferde auf den Stationen, dass +die jungen Eheleutchen in ihrem Landau nicht inkommodiert werden, wir +beide aber spiegeln und erfreuen uns an dem Glueck, das wir, ich und +Sie, lieber Hofrat, zusammen gemacht haben." + +Dem Hofrat, obgleich er laecheln wollte, stand doch eine Traene der +Ruehrung im Auge; er drueckte dem edelmuetigen Polen die Hand und +erklaerte sich bereit, mit ihm selbst um die Erde zu reisen. "Und +wann soll die Hoch--" + +"Ueber acht Tage soll die Hochzeit sein," rief der alte Herr; und der +Praesident, der gerade hinzugetreten war, rief es nach und lud +saemtliche versammelte Gaeste dazu ein. + + * * * * * + + + + +ZURUESTUNGEN. + +Es war ein sonderbarer Anblick, den des Praesidenten Haus in diesen +Tagen gewaehrte. Das Rennen und Laufen der Schneider und Schneiderinnen, +Naeherinnen, Schuster, Schreiner, Schlosser, Kuester, Baecker, +Fleischer, Koeche, Kaufleute usw. wollte gar kein Ende nehmen. Beinahe +in jedem Zimmer sah man, auf jeder Treppe stiess man auf einen +Handwerker, und alle taten, als ob von ihrer Nadel oder Pfriemen die +ganze Hochzeit abhinge. + +Machten aber diese schon wichtige Gesichter--hu! da grauste einem +ordentlich, es lief wie eine dicke Gaensehaut ueber den Koerper, wenn +man den Hofrat sah. Er war in diesen Tagen der Vorbereitung viel +magerer und bleicher geworden, seine Augen lagen tief und entzuendet, +ein Zeichen, dass er viel bei Nacht wachte; und es war auch so; bei +Tag lief er sich beinahe die Fuesse ab wie die Huendin des Herrn von +Muenchhausen aufschneiderischen Angedenkens; da war zu bestellen und +zu besorgen, er lief hin und her in alle Ecken und Enden der Stadt; +ja, man will ihn an mehreren Orten zugleich gesehen haben. + +Bei Nacht--nein, es war ein Wunder, dass der Mann nicht schon laengst tot +war! Nachdem er sich muede gelaufen, muede gesorgt, muede gesehen, muede +geschwatzt, muede gescholten, muede erzaehlt hatte, kam erst kein Schlaf +ueber ihn. + +Er streckte sich ins Bett, liess zwei Wachskerzen und einigen Gluehwein +auf den Nachttisch setzen, in einem grossen Korbe standen vor ihm +Buecher, ein ganzer Schatz von Festen. Da war das seltene Werk: +"Wahrhafte und akkurate Beschreibung des solennesten Festins am Hofe +Ludwigs XIV." Ferner: "Der allzeitfertige _Maitre de plaisir_, fuer +Hofleute, vornehme Festlichkeiten und anderen Kurzweil." "Der galante +Junker, oder wie Taenze, Schmaeuse, Hochzeiten, Kindtaufen usw. am +schoensten zu arrangieren." Sogar das Festbuechlein von Krummacher +hatte er sich aus dem Buchladen kommen lassen; denn er dachte nicht +anders, als es muessen darin allerhand neue und nie gesehene +Festivitaeten erzaehlt sein. Er soll sich uebrigens sehr geaergert +haben, als dem nicht also war. + +Aus dieser Festbibliothek nun, die er Stueck fuer Stueck mit der +groessten Geduld und Aufmerksamkeit durchlas, machte er sich Randglossen +und Auszuege; er kam aber dadurch am Ende selbst mit sich in Streit; +denn das sah er ein, wenn man alle die schoenen Sachen, die er sich +aufnotiert hatte, ausfuehren wollte, so musste man vierzehn Tage lang +Hochzeit halten, und doch konnte er nicht mit sich einig werden, was er +weglassen sollte. So lebte er in einem ewigen Zappel; ja, es war +ordentlich ruehrend anzusehen, wenn er hie und da bei Ida, bis zum +Tode ermuedet, in einen Sofa sank, den brechenden Blick auf sie heftete, +als wollte er sagen: "Sieh, fuer dich opfere ich mein Leben auf." + +Und Ida? Habt ihr, meine schoenen Leserinnen, je ein geliebtes +Braeutchen gesehen, oder waret ihr es einmal, oder--nun, wenn ihr +es selbst noch seid, gratuliere ich von Herzen--nun, wenn ihr ein +solches suesses Engelskind kennt mit dem braeutlichen Erroeten auf +den Wangen, mit dem verstohlenen Laecheln des kusslichen Mundes, der +sich umsonst bemueht, sich in ehrbare Matronenfalten zusammenzuziehen, +mit der suessen, namenlosen Sehnsucht in dem feuchten, liebetrunkenen +Auge, wenn ihr sie gesehen habt in jenen Augenblicken, wo sie dem +geliebten Mann, dem sie nun bald ganz, ganz angehoeren soll, +verstohlen die Hand drueckt, ihm die Wange streichelt, wenn sie den +weichen Arm vertrauungsvoll um seine Huefte schlingt wie um eine +Saeule, an der sie sich anschmiegen, hinaufranken, gegen die Stuerme des +Lebens Schutz suchen will, wenn sie mit unaussprechlichem Liebreiz die +seidenen Wimpern aufschlaegt und mit einem langen Blick voll Ergebenheit, +voll Treue, voll Liebe an ihm haengt, wenn die Schneehuegel des wogenden +Busens sich hoeher und hoeher heben, das kleine, liebewarme Herzchen +sich ungeduldig dem Herzen des Geliebten entgegendraengt--kennet ihr +ein solches Maedchen, so wisst ihr, wie Ida aussah. Kennet aber ihr +ein solches Engelskind, ihr Tausende, die ihr einsam unter dem Namen +Junggesellen ueber die Erde hinschleicht, ohne wahre Freude in der +Jugend, ohne Genossin eures Glueckes, wenn ihr Maenner seid, ohne +Stuetze im Alter--wisst ihr eine solche frische Hebebluete und ein +froehliches Amorettenkoepfchen, das etwa auch so warme Kuesschen, auch +so liebevolle Blicke spenden koennte wie Ida, o, so bekehret euch, +solange es Tag ist, wenn sie sich euch vertrauungsvoll im Arme +schmiegt, wenn sie das Lockenkoepfchen an eure Brust legt, aus milden +Taubenaugen zu euch aufblickt, mit dem weichen Sammetpatschchen die +Falten von der Stirne streichelt,--ihr werdet mir danken, euch den Rat +gegeben zu haben. + +Und Emil? Nun, ich ueberlasse es meinen Leserinnen, sich einen recht +bildschoenen Mann aus ihrer Bekanntschaft zu denken, zu denken, wie er +den Arm um sie schlingt, ihnen recht sinnig ins Auge blickt und sie +kue-- + +Nun, erschrecken Sie nur nicht! Es tut nicht weh; Sie haben sich einen +gedacht?--Ja?--Nun, gerade _so_ sah Emil von Martiniz als Braeutigam +aus. + +So sah ihn auch die Graefin; das Herz wollte ihr beinahe bersten, dass +der herrliche Mann nicht ihr gehoeren sollte. Eines Morgens, ehe man +sich's versah, sagte sie adieu, liess packen und---weg war sie. + + * * * * * + + + + +HOCHZEIT. + +Und endlich war der schoene Tag gekommen. + +Was nur halbwegs laufen konnte, war heute in Freilingen auf den Beinen, +und der polnische Graf und Fraeulein Ida von Sanden waren in aller Mund. +Vor der Kirchtuere schlugen und draengten sich die Leute als wie vor +einem Baeckerladen in der Hungersnot. Alle Stuehle in der Kirche waren +besetzt, und von Minute zu Minute wuchs der Andrang. + +Aber zum Hauptportal, den Gang hinauf bis an den Altar durfte kein +Mensch, das hatte sich ein Mann ausgewirkt, der heute stille, aber tief +an dem Glueck des Brautpaares teilnahm; dieser Mann war der Kuester. +Er haette viel darum gegeben, wenn er der versammelten Menge haette +sagen duerfen: "Sehet, der Herr Braeutigam, es war just nicht ganz +recht richtig mit ihm; er hatte allerhand Affaeren mit Herrn Urian, +der ihn allnaechtlich hieher in die Muensterkirche trieb; da herein +konnte er aber nicht; und ich, der Kuester von Freilingen, habe ihm +allnaechtlich zu seiner Freistatt verholfen, war auch dabei, wie das +Wunderkind, das jetzt seine Braut ist, ihn erloeset hat von dem +Uebel, das mir, nebenbei gesagt, alle Tage einen harten Taler +einbrachte; habe ich es nicht gleich damals zu dem alten Polacken +gesagt, dass die beiden Liebesleutchen noch einmal in meine Kirche +und vor meinen Altar kommen wuerden?" + +So haette er gerne zu den Freilingern gesprochen; es juckte ihn und wollte +ihm beinahe das Herz abdruecken, dass er sich nicht also in seiner Glorie +zeigen durfte; aber--er tat sich doch auch wieder nicht wenig darauf zugut, +dass er, was nicht jeder kann, so gut das Maul halten koenne. Aber seine +Attention hatte er dem Paerchen bewiesen, dass es eine Freude war. Vom +Portal bis zum Altar waren Blumen gestreut, er hatte es sich etwas +kosten lassen und keine kleine Hatz deswegen mit seiner Liebsten +gehabt; aber diesmal hatte er doch durchgedrungen und seinen eigenen +Willen gehabt. + +Jetzt kam Gerassel die Strasse herauf; dem alten Kuester schlug das Herz, +jetzt--ja, sie mussten es sein,--der grosse Glaswagen des Praesidenten +fuhr vor; darin sassen der Praesident und Emil. "Ach, der schoene +Offizier!" schrien die Freilinger und machten lange Haelse. "Wie +praechtig, wie wunderhuebsch!" fluesterten die Maedchen, denen das +Herz unter dem Mieder lauter pochte; aber man konnte auch nichts +Schoeneres sehen. + +Er hatte die Staatsuniform angelegt; sie schloss sich um den herrlichen, +schlanken, heldenkraeftigen Koerper, wie wenn er damit geboren worden +waere; das sonst so bleiche, ernste Gesicht war heut leicht geroetet +und verherrlicht durch einen Schimmer von holder Freundlichkeit; sein +stolzes, glaenzendes Auge durchlief den Kreis, es traf den Kuester, der +in einem fort Bueckling ueber Bueckling machte; geruehrt und freundlich +reichte er ihm die Hand und stellte sich neben ihn unter das Portal. + +Jetzt rasselte es wieder die Strasse herauf. Ein Wagen, noch glaenzender, +geschmackvoller als der erste; er gehoerte zu der neuen Remise des Grafen +und war heute von Blauenstein hereingefahren worden. Der alte Brktzwisl, +der in hoechster Gala mit noch einem Kameraden hintendrauf stand, sprang +ab, riss die Glastuere auf, schlug klirrend den Tritt herab--jetzt regt +sich kein Atem mehr in der ganzen grossen Menge; jedes Auge +erwartungsvoll auf die geoeffnete Tuere geheftet. Der alte Graf, angetan +mit all seinen Orden, der Hofrat mit dem himmlischen Ehrenzeichen der +Freundschaft auf dem Gesichte, stiegen aus und postierten sich an den +Schlag. Jetzt wurden ein Paar glacierte Handschuhe sichtbar, jetzt ein +Fuesschen, es war nicht moeglich, etwas Kleineres, Niedlicheres zu sehen +als die winzigen weissseidenen Schuhe--jetzt--ein Lockenkoepfchen, ein +Paar selig glaenzende Augen, ein Paar ueberpurpurte Wangen, ein +laechelnder Mund--huebsch stand das Braeutchen zwischen den alten +Herren. Ein Kleid von schwerem, weissem Seidenzeug schlang sich um +den jugendlich-frischen Koerper; wie darueber hingehaucht war ein +Oberkleid vom feinsten Spitzengrund, ein Geschenk des Oheims, und mit +der reichen Blondengarnierung, in welche es endigte, mit der +Diamantenschnalle und dem aus Venezianerketten geflochtenen Guertel, +welcher den wunderniedlichen Blusenleib zusammenhielt, wenigstens +seine achttausend Taler wert, und die Bracelets mit den grossen +Steinen und das Diadem, um das sich der Myrtenkranz schlang! Nein, wer +sich auch nur ein wenig auf Steine verstand, dem musste hier der Mund +waessern; aber war nicht alles dies im Grund unbedeutende Fasson, um +den herrlichsten Edelstein, das Wunderkind selbst, einzufassen? + +Sie traten in die Kirche; das in Seligkeit schwimmende Braeutchen +vergass nicht, im Voruebergehen dem Kuester einen recht freundlichen +Gruss zuzuwinken, dass ihn die Menge ehrfurchtsvoll angaffte und nicht +begreifen konnte, wie der alte Schnapsbruder zu so hoher Bekanntschaft +gelangt sei. Ernster und ernster wurden die Zuege Idas, als sie sich dem +wohlbekannten Altar naeherte. Ihr Auge begegnete dem Auge Emils, des +Grafen und des Hofrats, die mit Blicken des Dankes und der Ruehrung an +ihr hingen. Hier war ja ihr Siegesplatz, wo das mutige Maedchen mit +hingebender Liebe gegen den boesen Feind der Schwermut und des +Truebsinnes gekaempft und gesiegt hatte. + +Muehsam rang sie nach Fassung, die Freude, dass sich alles so schoen +gefuegt hatte, wurde zur heiligen Ruehrung in ihr; noch einmal durchflog +sie die Erinnerung an den ersten Blick des Grafen bis hieher zu dieser +Staette, und ihr Auge wurde feucht von Entzuecken. Als aber die Trauung +begann, als der wuerdige Diener der Kirche, dem man das Geheimnis +anvertraut hatte, in einer kurzen, aber gehaltvollen Rede von den +wunderbaren Fuegungen Gottes sprach, der oft aus Tausenden sein +Werkzeug zur Beglueckung vieler waehle, da stroemten ihre Traenen +ueber. "Ja," dachte sie bei sich selbst, "es ist erfuellt, was +damals ahnungsvoll meine Seele fuellte: _der Zug des Herzens ist +Gottes, ist des Schicksals Stimme_." Und viele Traenen flossen; denn +auch die Augen derer, die einst den Jammer des edlen Juenglings gesehen +hatten, gingen ueber. + +Wie ein Engel Gottes kam sie dem alten Oheim vor, als sie am Altar ihre +Hand in die seines Neffen legte, wie ein Engel, der mit freundlichem +Blick, mit treuer Hand den Menschen aus der dunkeln Irre des Lebens zu +einem schoenen, lichten Ziele fuehrte. + + * * * * * + + + + +DER SCHMAUS. + +Schnurstracks von der Kirche ging es hinaus nach Blauenstein. Eine ganze +Karawane von Wagen und Reitern zog dem wohlbekannten Landau, in welchem +die neugebackenen Eheleute sassen, nach. Der Hofrat war vorangeeilt, +um alles zu leiten. Sechs Boeller riefen ihnen Freudengruesse +entgegen, als sie in die Grenze ihres Eigentums einfuhren. Ein +donnerschlagaehnliches Wirbeln von Pauken und Trompeten empfing sie am +Portal des schoenen Schlosses, und als alle Wagen aufgefahren waren, +als Emil sein Weibchen auf den Balkon herausfuehrte, um die herrliche +Gegend zu uebersehen, da gab der Hofrat das Zeichen, und ein +schrankenloses Vivat, Hurra und Hallo erfuellte die Luft. + +Paar und Paar zog man jetzt durch das Schloss, um alles in Augenschein +zu nehmen. Es wandelte die Gaeste beinahe ein Grauen an vor dem +Hexenmeister, dem alten Martiniz. Das Schloss--es war zwar niedlich, +geschmackvoll, bequem gebaut, lag wunderschoen und hatte Gaerten und +Felder, wie man sie selten sah; aber vor vierzehn Tagen war dies alles +noch leer gestanden, Tapeten waren abgerissen herabgehangen, im Saal +war Hafer ausgeschuettet gewesen, kurz, man hatte gesehen, dass es eine +gute Weile nicht bewohnt war, und mancher Kaeufer haette nicht +geglaubt, innerhalb eines halben Jahres mit der Restauration fertig +werden zu koennen. Und jetzt, die behaglichste Eleganz, die man sich +denken konnte; diese Trumeaus--ein Gardist mit sieben Fuss haette sich, +und haette er noch einen ellenlangen Federbusch auf dem Hut gehabt, +perfekt am ganzen Leib von der Zehenspitze bis zum aeussersten +Federchen darin sehen koennen. Diese breitarmigen Luestres, diese +Kristallampen, diese geschmackvollen Sofas, Teetische, Toiletten; +Etageren, diese Pracht von Porzellan, Beinglas, Kristall, Silber an +Servicen, Leuchtern, Vasen, an allem, was nur die feinste Modedame +sich wuenschen kann; gar nichts war vergessen! Die Freilinger +wandelten wie in einem Feenpalast umher, und die Maedchen und die +Frauen--Ida wandelte zwar wie eine Koenigin in dieser Herrlichkeit, +als haette sie von Jugend auf darin gelebt; aber man hoerte doch so +manches Spruechlein vom blinden Glueck und Zufall, die einen im +Schlafe heimsuchen. + +Jetzt riefen die Trompeten zur Tafel, und da war es, wo Hofrat Berner +seine Lorbeeren erntete. Die neue Dienerschaft des jungen graeflichen +Paares hatte er schon so instruiert, dass alles wie am Schnuerchen ging, +und zwar alles auf dem hoechsten Fuss; denn wenn einer der Gaeste nur +vom silbernen Teller ein wenig aufsah oder mit seinem Nachbar +konversierte, husch! war der Teller gewechselt, und eine neue Speise +dampfte ihm entgegen. Aber auch in der Kueche hatte er gewaltet; und +es haette wenig gefehlt, so haette er aus lauterem Eifer, alles recht +delikat zu machen, sich selbst zu einem Ragout oder Hachee +verarbeiten oder zu einer Gallerte einsieden, wenn nicht gar mit einer +Zutat von Zucker zu einer Marmelade oder Gelee einkochen lassen. Auch +ihn hielten die Damen fuer einen zweiten Oberon, der eine ewig +reichbesetzte Tafel aus dem Boden zaubern kann. Denn solche Speisen +zu dieser Jahreszeit, und alles so fein und delikat gekocht! + +Da war: + +Schildkroetensuppe. +Coulissuppe von Fasanen mit Reis. + +_Hors d'oeuvres_. + +Pastetchen von Briesslein mit Salpicon. +Kabeljau mit Kartoffeln und _Sauce hollandaise_. +_Du boeuf au naturel_. +Englischer Braten mit _Sauce espagnole_. + + _Gemuese_. + +Spargeln mit _Sauce au beurre_. +Gruene Erbsen mit geroesteten Briesslein. + +_Entrees_. + +Junge Huehner mit _Sauce aux fines herbes_. +Financiere mit Kloessen. +Schinken _a la broche au vin de Malaga_. +Feldhuehnersalmy. +Kalbskopf _a la tortue_. +_Fricandeau a la Provencale_. + +_Braten_. + +Kalbsschlegel. +Rehbraten. +Feldhuehnerbraten. +Kapaunenbraten. +_Dindon a la Perigord_. + +_Salat vielerlei_. + +_Suesse Speisen_. + +Sulz von Malaga. +Creme von Erdbeeren. +_Compote melee_. +_Creme panachee melee_. +Punschtorte mit Fruechten. +_Tartelettes d'abricots_. +_Tourte de chocolat montee_. +Gusstorte. + +_Dessert_. + +Punsch _a la glace_. +_Creme de Vanille_. + + * * * * * + + + + +SCHLUSS. + +Als das Dessert aufgetragen wurde, entschluepfte, unbemerkt von den +bechampagnerten Gaesten, die junge Frau. Sie warf den schweren +Hochzeitstaat ab und erwaehlte unter der reichen Garderobe ein +allerliebstes Reisekleidchen; denn nach der Tafel sollte gleich +eingesessen und ein wenig in die Welt hinausgefahren werden; so +wollte es der alte Graf. + +Sie erschrak selbst, als sie in den Spiegel sah, nein, so +wundergrazienhuebsch hatte sie noch nie ausgesehen; das Ueberroeckchen +schloss so eng und passend, das Reisehaeubchen, die hervorquellenden +Loeckchen gaben dem Koepfchen einen wundervollen Reiz. Die Baeckchen +waren so rosig, die Aeuglein glaenzten so hell und klar im Widerschein +ihres braeutlichen Glueckes, kleine, kleine Schelmchen sassen in ben +Gruebchen der Wangen und schienen allerlei wunderbare Geheimnisse zu +fluestern von Sehnsucht und Erwartung; das Maeulchen so spitzig wie +zum Kuessen zeigte immer wieder die Perlen, die hinter dem Purpur +verborgen waren. + +Die sechs Kammerjungfern, Lisette, Babette, Trinette, Philette, +Minette, und wie sie alle hiessen, schlugen vor Verwunderung ueber ihre +wunderniedliche gnaedige Frau die Haende zusammen. "Diese herrliche, +jugendliche Frische! Dieser Alabasterbusen, der alle Nestel des +Korsettchens zu zersprengen droht!" sagte Minette. "Diese weissen +Arme!" fluesterte Philette. "Diese Fuesschen," dachte Trinette weiter, +"diese Waed--" + +"Der Herr Graf wird ganz selig sein," wisperte Lisette der Babette zu, +doch nicht so leise, dass es den Ohren der jungen Graefin entging. Sie +wollte tun, als haette sie nichts gemerkt, aber ward feuerflammrot von +der Stirne bis herab in das Halstuch, und als vollends Babette, die +das schneeweisse Nachtzeug in die Vache packte, mit einer hoechst +naiven Frage in die Quere kam, da hielt sie es nicht mehr aus; ganz +dunkel ueberpurpurt entschluepfte sie den sechs dienstbaren Geistern +und lief wie ein gescheuchtes Reh in den Speisesaal. + +Allgemeiner Jubel empfing die holde Reisende. Alles war darin +einverstanden, dass ihr diese Tracht noch besser stehe als der +Brautstaat; kein Wunder! es war ja das Pilgerkleid, in welchem sie ins +gelobte Land der Ehe reiste. + +"Warum bist du nur so ueber und ueber rot?" fragte Emil sein holdes +Weibchen, indem er sie naeher an seine Seite zog. "Hat dir jemand +etwas getan?" + +Sie wollte lange nicht heraus. "Die Babette," fluesterte sie endlich und +erroetete von neuem, "die Babette hatte so dumm gefragt." + +"Nun, was denn?" fragte der neugierige Herr Gemahl. Aber da stockte es +wieder; zehnmal setzte sie an; sie wollte gerne eine Luege erfinden; +aber das schickte sich denn doch nicht am Hochzeittag, und doch--es +ging nicht; er musste bitten, flehen, drohen, betteln sogar; endlich, +nachdem er hatte versprechen muessen, die Augen recht fest zuzumachen, +fluesterte sie ihm ins Ohr: "Sie hat mein Nachtzeug eingepackt, und da +hat sie gefragt, ob sie das deinige auch dazu packen soll." Selig +schloss der Graf sein Engelsweibchen in die Arme; er wollte antworten, +aber seine Antwort verhallte im Geraeusch der aufbrechenden Gaeste. + +Die Wagen waren vorgefahren, man verabschiedete sich. Der Graf nahm sein +Idchen um den Leib und trug sie schnell hinab in den Wagen; denn dort +beschloss er, ihr zu antworten. + +Auf dem Balkon draengten sich die Gaeste, die Champagnerglaeser in den +Haenden; sie riefen, vermischt mit den neuen Untertanen des Grafen, ein +tausendstimmiges Vivat in den Wagen hinab. Ida drueckte ihr Koepfchen an +die Brust des Geliebten. Er winkte, die Pferde zogen an, und dahin fuhr +Emil und seine glueckliche Ida. + + * * * * * + + + + +NACHSCHRIFT. + +Es ist ein schoener Brauch unter guten Menschen, die sich lieben und +getrennt sind, dass sie gewisse Tage des Jahres festsetzen, an welchen +sie sich von nahen und entfernten Orten her sammeln, sich wiedersehen +und die Strahlen ihrer Liebe von neuem an der allgemeinen Flamme +anzuenden. So halte ich es seit langen Jahren mit meinen Freunden, +die das Schicksal nach Ost und nach West verschlagen. Auch heuer war +ich hingereist an den Ort, den wir zu unserem Rendezvous bestimmt +hatten. Als ich an dem stattlichen Weissen Hirsch in B. vorfuhr, +lagen schon manche Fenster voll, und wie wohl tut da das freundliche, +jubelnde: "Er ist's, er ist's," das von schoenen Lippen herab dem +Freunde entgegentoent! + +Ich traf sie alle, alle meine Lieben; da war meine holde, sinnige +Doralice und ihr Stern, da war die lose, naive Vally und ihr geheimer +Kriegsrat, da war Graf Law und seine Clementine, da war meine suesse +Mimili, da war Herr von Estavayer mit seiner Elsi, da war mein +russisches Lisli; selbst Sponseri, mein lieber Sponseri, ich hiess +ihn nur immer den Gruenmantel, hatte sich aus Venedig eingefunden und +Emilie Mellinger mitgebracht; da war auch Fanny und ihr Graf, der +Generalbevollmaechtigte, Kilian mit Julchen. Da war Molly und ihr +Justizrat, da war die herzige Pina und ihr Gatte, Agnes und Rose, +Rosamunde und der Graf Oliva, das liebe Dijon-Roeschen, Klotilde +und ihr Sekretaer.--Meine Freude war unaussprechlich, ich flog wie +ein Ball von einem Arm in den andern, und das Kuessen wollte gar kein +Ende nehmen. + +Endlich fasste man sich, dass es doch zu einem vernuenftigen Gespraech +kam. Freilich truebte der Tod unsrer Magdalis und ihres treuen +Willibald, die uns im Leben so nahe standen und auch nach ihrem Tode +so innig verschwistert mit uns fortleben, die ersten Augenblicke des +Wiedersehens; aber nachdem wir ihnen das Totenopfer inniger Traenen +geweiht, kehrte die holde Freude wieder bei uns ein. + +Wir tollten, lachten und schaekerten, der Weisse Hirsch fasste kaum so +viel Gaeste, und manches Paerchen musste sich mit _einem_ Bettchen +behelfen. + +So lebten wir schon seit zwei Tagen in Saus und Braus und brachen dem +Weissen Hirschwirt beinahe das Haus ab; da--wir sassen gerade beim +Kaffee--da fuhren Wagen vor; wir draengten uns alle an die Fenster und +schlugen den fremden Menschenkindern ein Schnippchen; denn--gut Essen +und Trinken konnten sie wohl bekommen, aber Betten,--Logis,--ohne +unsere Bewilligung kein Fleckchen, und landfremde Leute mochten wir +gerade nicht gerne unter uns haben. In einem praechtigen Landau, mit +vier Postpferden bespannt, sass ein Herr und eine junge Dame; sie hoben +die Koepfe in die Hoehe-- + +"Mein Gott, das ist ja Graf Martiniz," rief ich, und zugleich rief Vally: +"Ei der Tausend, das ist ja Ida Sanden!" Ich sprang gleich hinab, um sie +heraufzufuehren; sie folgten willig nebst noch drei andern aeltlichen +Herren, welche der zweite Wagen entladen hatte. Ida und Vally flogen +einander in die Arme; sie hatten sich in der Residenz, wo Vally lebt, +kennen gelernt und liebten einander innig. Der Graf zog mich zu den +beiden jungen Damen, um welche die uebrigen schon einen dichten Kreis +geschlossen hatten. "Sehen Sie," sagte er zu mir, "das ist seit gestern +mein liebes Frauchen." + +Da fanden sich also alte Bekannte zusammen. Ich hatte den Grafen in +Hamburg kennen gelernt. Damals fasste ich tiefe Zuneigung zu ihm, sie +wurde zur Freundschaft, und er gestand mir seine schrecklichen Leiden. +So wenig ich an solche Visionen glaubte, so war ich doch der Meinung, +dass ihn Liebe zu einem guten, reinen Maedchen zerstreuen, retten +koennte; und wie herrlich hatte sich dieses gemacht! Er war froehlich, +selig, war durch die Liebe dieses Engels der Menschheit wiedergeschenkt. + +Auch in den drei andern Gaesten--der Leser wird unschwer den alten +Martiniz, den Praesidenten und den Hofrat in ihnen erkannt haben--lernte +ich wackere, liebenswuerdige Maenner kennen. Schon den ersten Abend war +es uns allen, als haetten wir das holde Paerchen schon jahrelang +gekannt, so trefflich passten sie zu unserem Sinn, zu unserem ganzen +Wesen. Der junge Graf erzaehlte uns seine Geschichte, und wenn wir +bedachten, wie zufaellig er nach Freilingen, wie zufaellig er auf jenen +Ball, wo er Ida fand, gekommen war, wie ebenso zufaellig der alte Oheim +auf einer Geschaeftsreise diese Gegenden beruehrt, dem Neffen eine +Ueberraschung bereiten wollte und als _Deus ex machina_ mitwirkte und +die Raenke der boesen Aarstein vereiteln half--wahrlich, wir mussten +diese Fuegungen bewundern und fanden den alten Spruch bestaetigt: + +_"Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme."_ + +Noch zwei Tage blieb das junge Paar unter uns und reiste dann, als auch +wir alle uns wieder nach Ost und nach West zerstreuten, weiter. + +Noch in der letzten Stunde erlaubte mir Emil, seine Geschichte der Welt +zu erzaehlen. + +Es soll mich innig freuen, wenn ihre innige, treue Liebe Beifall findet, +sie sind es wert; alle, die sie kennen, lieben sie, und ich darf sagen, +sie sind _ein_ Herz, _eine_ Seele mit mir; sie sind auch wieder durch +den Zug des Herzens ganz die Meinigen geworden. + +H. Clauren. + + + + * * * * * * * * * * * + + + +KONTROVERS-PREDIGT + +ueber + +H. CLAUREN UND DEN MANN IM MOND + +gehalten vor dem deutschen Publikum in der Herbstmesse 1827 + +von + +WILHELM HAUFF + + + + +Text: Ev. Matth. VIII, 31-32 + + + +Allen Verehrern der CLAURENSCHEN MUSE widmet diese Blaetter +in bekannter Hochachtung + +DER VERFASSER + + + +EHRWUERDIGE VERSAMMLUNG, ANDAECHTIGE ZUHOERER! + +Die Apostel, besonders der heilige Paulus, als er zu Rom predigte, +verschmaeheten es nicht, auch haeusliche, buergerliche Angelegenheiten der +Gemeinde zu Gegenstaenden ihrer Betrachtungen zu machen. Es laesst sich +zwar mit vieler Wahrscheinlichkeit annehmen, dass sie belletristische +Gegenstaende nicht beruehrt haben, dass sie literarische Streitigkeiten +nicht, wie man zu sagen pflegt, auf die Kanzel brachten; denn sie hatten +Wichtigeres zu tun; nichtsdestoweniger aber geschah dies einige +Jahrhunderte spaeter, und man trifft in den Kirchenvaetern nicht +undeutliche Spuren, dass sie ueber allerhand literarische Subtilitaeten, +sogar ueber die Tendenz und den Stil ihrer Gegner auf dem kirchlichen +Rednerstuhl gesprochen haben. + +Beruehmte Kanzelredner neuerer Zeit haben oft und viel zum Beispiel ueber +das Theater gepredigt oder ueber das Tanzen am Sonntag oder ueber das +Singen unzuechtiger Lieder, andere wieder ueber das Spielen, namentlich das +Kartenspielen, und einen habe ich gehoert, der in einer Vesperpredigt das +Schachspiel in Schutz nahm und nur bedauerte, dass es ein Heide erfunden. + +Und wenn es die Pflicht des Redners ist, meine Freunde, der Gemeinde +darzutun, welchen Irrtuemern sie sich hingebe, welche boesen Gewohnheiten +unter ihr herrschen, wenn es die Natur der Sache erfordert, bei einer +solchen Aufdeckung von Irrtuemern und boeslichen Gewohnheiten bis ins +einzelne und kleinste zu gehen, weil oft gerade dort, recht ins Auge +fallend, der Teufel nachgewiesen werden kann, der darin sein Spiel treibt, +so kann es niemand befremden, wenn wir nach Anleitung der Textesworte mit +einander eine Betrachtung anstellen ueber: + +DEN MANN IM MOND + +von + +H. Clauren; + +und zwar betrachten wir: + + I. Wer und was ist dieser Mann im Mond? Oder--was ist sein Zweck auf + dieser Welt? + +II. Wie hat er diesen Zweck verfolgt? und wie erging es ihm auf dieser + Welt? + + + +I. + +_Andaechtige Zuhoerer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor +einer so grossen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer +Betrachtung so klar und deutlich als moeglich vor das Auge zu stellen, +damit jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet +hat, die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in +unserer Literatur nie an sogenannten _Volksmaennern_ gefehlt, das heisst an +solchen, die fuer ein grosses Publikum schrieben, das, je allgemeiner es +war, desto weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. +Solche Volksmaenner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres +Publikums schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhoerer und +Leser und sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hueteten, +jemals sich hoeher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren +haetten. Diese Leute handelten bei den groessten Geistern der Nation, +welche dem Volke zu hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie +nach ihrem Geschmack zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die +solche mit Jubel und Herzenslust verschlangen. Diese Volksmaenner sind die +Zwischenhaendler geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von +Gassenwirtshaeusern und Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den +grossen Handlungen, wo er ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen +ihn, weil er dem Volke anders nicht munden will, mit einigem gebrannten +Wasser und Zucker, faerben ihn mit roten Beeren, dass er lieblich +anzuschauen ist, und verzapfen ihn ihren Kunden unter irgend einem +bedeutungsvollen Namen. + +Diese Gassenwirte oder Volksmaenner treiben aber eine schaendliche und +schaedliche Wirtschaft. Sie fuehlen selbst, dass ihr Gebraeu sich nicht +halten wuerde, dass es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten +koennte, wenn er nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und +allerlei dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um +die Sache anders auszudruecken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse +Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen +Sitte ist, kuenstlich verhuellen, um durch den Schleier, den sie darueber +gezogen haben, das luesterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr +Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt, +ohne den Kopf mit ueberfluessigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich +das Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmuetigen +Natuerlichkeit, die lebt und leben laesst; sie sind arglose Leute, die ja +nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trueben Stunden +erheitern" und ihn auf eine natuerliche, unschuldige Weise ergoetzen. Aber +gerade dies sind die Woelfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der +Kutte, und die Krallen kommen fruehe genug ans Tageslicht. + +Wem unter euch, meine Andaechtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor +allem _jener_ beifallen, der alljaehrlich im Gewande eines unschuldigen +Blumenmaedchens auf die Messe zieht und "Vergissmeinnicht" feilbietet. Ich +weiss wohl, dass dort drueben auf der Emporkirche, dass da unten in den +Kirchstuehlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiss wohl, dass +er bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Naehermaedchen, +ihr Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so zuechtigen Buergerstoechterlein, +ich weiss, dass ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas +Hoeheres von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fraeulein +mit und ohne Von, ihr gnaedigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiss, dass +er das A und das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und +Ladendiener, dass ihr ihn bestaendig bei euch fuehrt, und wenn der +Prinzipal ein wenig beiseite geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure +magere Phantasie durch einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und +Austernschmaeuse anzufeuchten; ich weiss, dass er bei euch allen der Mann +des Tages geworden ist; aber nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben +deswegen will ich seinen Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. +_Anathema sit!_ + +Vor zwoelf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte, +Spiess und Cramer, mitunter die koestlichen Schriften ueber Erziehung von +Lafontaine; wenn ihr von Meissner etwas anderes gelesen als einige +Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehuetet, es in guter +Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn +Schiller fing an, ein grosses Publikum zu bekommen. Gewinn fuer ihn und +fuer sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode +gekommen waere; dazu war er aber auch zu gross, zu stark. Ihr wolltet euch +die Muehe nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte +euch losreissen aus eurer Spiessbuergerlichkeit, er wollte euch aufruetteln +aus eurem Hinbrueten mit jener ehernen Stimme, die er mit den +Silberklaengen seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von +Menschenwuerde, von jener erhabenen Empfindung, die in der menschlichen +Brust geweckt werden kann,--gemeine Seelen! Euch langweilten seine +herrlichsten Tragoedien, er war euch nicht allgemein genug. Was soll ich +von Goethe reden? Kaum, dass ihr es ueber euch vermoegen konntet, seine +Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man euch sagte, es finden sich dort +einige sogenannte pikante Stellen,--ihr konntet ihm keinen Geschmack +abgewinnen, er war euch zu vornehm. + +Da war eines Tages in den Buchladen ausgehaengt: "Mimili, eine +Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu +erzaehlen, _so angenehm, so natuerlich, so ruehrend_ und _so reizend_! Und +in diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzuege und den Gehalt jenes +Buches ausgesprochen. Man wuerde luegen, wollte man nicht auf den ersten +Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein laendliches Gemaelde, +dem die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltoenende, leichte Sprache, die +Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark +anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie hoeher zu nehmen +als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen, +wie eine Musik angenehm zu hoeren ist, die dem Ohr durch sanfte Toene +schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie +darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen +Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdruecken; sonst wuerde die arme Seele +unverstaendlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme +Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in suesse +Traeume hinueberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen +Manier, die euch entzueckte! + +Das _Zweite_, was euch gefiel, haengt mit diesem ersteren sehr genau +zusammen: diese Manier war so _natuerlich_. Es ist etwas Schoenes, +Erhabenes um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist +auch einmal dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so +erhaben als die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so +koestlich und gross wie die von der Tellskapelle ueber den See hin; aber +nicht wahr, ihr lieben Seelen, der ist euch doch nicht natuerlich genug? Zu +was auch die Seele anfuellen mit unnuetzen Erinnerungen an die Taten einer +grossen Vorzeit? Zu was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder +eine Bertha, oder Maenner wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiss es +Clauren viel besser, viel natuerlicher zu machen! Statt grossartige +Charaktere zu malen, fuer welche er freilich in seinem Kasten keine Farben +finden mag, malt er euch einen Hintergrund von Schneebergen, gruenen +Waldwiesen mit allerlei Vieh; das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen +Krieger neuerer Zeit mit schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er +hat den Freiheitskrieg mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das +ist der Held des Stueckes. Eine interessante Figur! Naemlich _Figur_ als +wirklicher Koerper genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und +_interessant_, nicht wegen des Charakters, sondern weil er etwas bleich +ist, ein eisernes Kreuz traegt und so ein Ding von einem preussischen +Husaren war. Neben diesen Helden kommt ein frisches, rundes "Dingelchen" zu +stehen mit kurzem Roeckchen, schoenen Zwickelstruempfen usw. Kurz, das +Inventarium ihres Koerpers und ihres Anzuges koennt ihr selbst nachlesen +oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind, die Mimili, ist nun so +natuerlich als moeglich; d. h. sie geniert sich nicht, in Gegenwart des +Kriegers das Busentuch zu lueften und ihn den Schnee und dergleichen sehen +zu lassen, dass ihm "angst und bange" wird. Einiger Schweizerdialekt ist +auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens etwas unnatuerlich +klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist nicht nur nachgeahmt, +sondern foermlich kopiert und getreulich abgeschrieben. Aber leider ist es +nur die Natur, so wie man sie mittelst einer _Camera obscura_ abzeichnen +kann. Der warme Odem Gottes, der Geist, der in der Natur lebt, ist +weggeblieben, weil man nur das Kostuem der Natur kopierte. Zeichnet die +naechste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr eine Mimili, und +freilich alles so natuerlich als moeglich. + +Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das +_Ruehrende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht ruehrend? Es ist +ein Motiv, das jedem Roman als Wuerze beigegeben wird wie bittere Mandeln +einem suessen Kuchen, um das Suesse durch die Vorkost des Bitteren desto +angenehmer und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen +Zuhoererinnen, und ich habe dies zu oefteren Malen an euch geruegt, +versetzt euch gar zu gerne in ein solches Liebesverhaeltnis, wenn nicht dem +Koerper, doch dem Geiste nach. Wenn ihr so dasitzet und naehet oder +stricket und ueber eure Nachbarn gehoerig geklatscht habt, kommt gar leicht +in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe an die Reihe, und ihr traeumet und +traeumet und vergesset die Welt und die Maschen an eurem Strickstrumpf. +Wenn man nachts durch den Wald geht, so denkt man gerne an arge +Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade so machet ihr es. Je +greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von welchem ihr leset, desto +angenehmer fuehlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr keine Natuerlichkeit, +da soll es recht arg und tuerkisch zugehen, und wie den spanischen +Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafe ein Freudenfest. Je laenger +die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten, je mehr man ihnen mit +der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto, ruehrender koemmt es +euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost _in petto_, dass der +Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg ist und die +verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den +Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten +Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet +nicht geruehrt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht +jene Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch +mit einer Aeolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der +schnarrende Konterbass Meister, und je graesslicher es zugeht, desto +ruehrender ist es. + +Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, naemlich auf +--das _Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist +aber die Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes +war die Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich +bei euch einfuehrt; aber siehe da, das ist der Pferdefuss, und an seinen +Spuren wirst du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die +Sinnlichkeit, die er aufregt, das sind jene reizenden, verfuehrerischen, +lockenden Bilder, die eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu +sehen, dass ihr da unten die Augen nicht aufschlagen koennet. Es freut mich +zu sehen, dass hin und wieder auf mancher Wange die Roete der Beschaemung +aufsteigt. Es freut mich, dass Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; +wenn ich diesen Punkt beruehre. Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu +wohl, was ich meine. + +Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein +Herder waren doch wahrhaftig grosse Dichter, und habt ihr je gesehen, dass +sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mussten, um +sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, dass +jene edleren Geister nur fuer wenige Menschen ihre hehren Worte +aussprachen, dass die grosse Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil +er koestliche Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Spruenge macht? +Armseliges Maennervolk, dass du keinen hoeheren geistigen Genuss kennst, +als die koerperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von +einem Marmorbusen, von huepfenden Schneehuegeln, von schoenen Hueften; von +weissen Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schoenheiten +einer Venus Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus +Clauren Bildung schoepfen wollet! Erroetet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr +leset, dass man nur eurem Koerper huldigt, dass man die Reize bewundert, +die ihr in der raschen Bewegung eines Walzers entfaltet, dass der Wind, der +mit euren Gewaendern spielt, das luesterne Auge eures Geliebten mehr +entzueckt als die heilige Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glueht, +als die Goetterfunken des Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste +entlockt? Verlorene Wesen, wenn es euch nicht kraenkt, euer Geschlecht so +tief, so unendlich tief erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren +jungfraeulichen Sinn schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset +immer von andern geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit +jenen Vergissmeinnichtbluemchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine +andere als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist! + +Siehe da die Anmut, die Natuerlichkeit, das Ruehrende und den hohen Reiz +der Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr +Erfinder machte! Wie das Unkraut ueppig sich ausbreitet, so ging es auch +mit dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde +zur Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natuerlicher, als dass Clauren +eine Fabrik dieses koestlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier +Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili +fanden? Bei jener Klasse von Menschen, fuer welche er schreibt, liegt +gewoehnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht +grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht +haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Faeden spinnen, +keine zarteren Nueancen der Farben geben, sein Stoff ist gewoehnlich so +unkuenstlerisch und grob als moeglich angelegt; ein fadengerades +Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als moeglich ausgedehnt; von +tieferer Charakterzeichnung ist natuerlich keine Rede; Kommerzienraete, +Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjuenglinge _comme il faut, etc_. Die Dame +des Stueckes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpueppchen, die +nach Verhaeltnissen kostuemiert wird, heisse sie nun Mimili oder Vally, +Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe +sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem +geringen Massstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_. + +Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Ruecksicht genommen +auf das Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige +Kupfer mit schoenen "_Engelskoepfchen_", angetan nach der +"_allernagelfunkelneuesten_" Mode. Diese werden natuerlich in der Fabrik +immer zuvor entworfen, gemalt und gestochen und nachher der resp. Namen +unten hingeschrieben. Suendigerweise benuetzt der gute Mann auch die +Portraets schoener fuerstlicher Damen, die er als Quasi-Aushaengeschild vor +den Titel pappt. So hat es uns in der Seele wehe getan, dass die +Grossfuerstin Helena von Russland, eine durch hohe Geistesgaben, +natuerliche Anmut und Koerperschoenheit ausgezeichnete Dame, bei dem +Tornister-Lieschen (im Vergissmeinnicht 1826) gleichsam zu Gevatter stehen +musste. + +Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die +er trotz den ersten Modehaendlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es +Virgil uebel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer +lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die +glaenzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Maenner, +die von Maennern, es sind edle Saenger, die von Helden singen. Ueberwiegt +aber nicht der Ekel noch das Laecherliche, wenn man einen preussischen +Geheimen Hofrat hoert, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den +Zehenspitzen beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem +hohlen Schaedel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque +von Seide sitzt, ob die Federn, die solche schmuecken, Marabout- oder +Straussfedern oder gar Paradiesvoegel sind; und dann die niedlichen +"Saechelchen" von Ohrgeschmeide, Halsbaendern, Bracelets _et cetera_, dass +"einem das Herz puppert," und dann die Bruesseler Kanten um die wogende +Schwanenbrust und das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Struempfe +und die seidenen Pariser Ballschuhe oder ein Neglige, wie aus dem +leichtesten Schnee gewoben, und dieses Ueberroeckchen und jenes Maentelchen +und dieses Spitzenhaeubchen, aus dem sich die goldenen Ringelloeckchen +hervorstehlen. _O sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner +Sprache zu bedienen, ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und +wollet euch nicht halb zu Tode lachen ueber den koestlichen Spass, dass ein +preussischer Geheimer Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch +vorrechnet, was man im Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, +ihr lachet nicht! ihr leset den allerliebsten Modebericht mit grosser +Andacht, ihr sprechet: das ist doch einmal eine Lektuere von Geschmack; +nichts Ueberirdisches, Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde +hat er uns beschrieben, der delizioese Mann, der Clauren! + +Ein drittes Ingredienz fuer Maedchen sind die magnifiken Baelle, die er +alljaehrlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, dass das Herzchen "im +Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schoen! Vornehme Damen, die bei +Praesidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe +Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonaese bis +zum Kotillon. Arme Landfraeulein, die nur in das naechste Staedtchen auf +den Kasinoball kommen koennen, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie +traegt sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel haengt ihnen +voll Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich +selbst darin zeigen zu koennen, Kammermaedchen, die ihre Dame zu dem Ball +"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand, +treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Fuessen den Takt eines +Schnellwalzers und traeumen sich in die glaenzenden Reihen eines +Fastnachtballes! Treffliches Surrogat fuer tanzlustige Seelen, koestliche +Stallfuetterung fuer Schafe, die nicht auf der Weide huepfen koennen! + +Als ein viertes treffliches Hauptingredienz fuer liebevolle weibliche +Seelen ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, +das Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht +sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an +Clauren nicht ruegen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der +Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die +Vergissmeinnichtmaenner herrliche Rabenlocken, einen etwas +schwindsuechtigen Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, +unter fuenf Fuss sechs Zoll darf keiner messen; kraeftige, maennliche +Formen, sprechende Augen, die Haende und Fuesse aber wie andere Menschen. +Sie sind gerade so eingerichtet, dass man sich ohne weiteres auf den ersten +Augenblick in sie verlieben muss. Dabei sind sie meistens arm, aber edel, +stolz, grossmuetig und heiraten gewoehnlich im fuenften Akt. Auf welche +edle weibliche Seele sollte ein solcher Held neuerer Zeit nicht den +wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie von ihm liest? Sie schnitzelt das +Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers oder Apothekergehilfen, das sie +im Herzen traegt, so lange zurecht, bis er ungefaehr gerade so aussieht wie +der Allerschoenste im allerneuesten Jahrgange des allerliebsten +Vergissmeinnicht. + +Fuenftens: von schimmernden Luesters, von deckenhohen Trumeaus, von +herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und +dergleichen waere hier noch viel zu reden, wenn es die Muehe lohnte. + +Gehen wir, andaechtige Versammlung, ueber zu den Ingredienzien und Zutaten +fuer _Maenner_, so koennen wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten, +die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln. + +Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Maedchen +beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier +dasselbe, was von den Maennern gesagt wurde; eine tiefe, edle, +jungfraeuliche Seele weiss kein Clauren zu schildern, und wenn er es +wuesste, so hat er ganz recht, dass er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder +ein Wesen, das etwa ein Titan oder Horion lieben koennte, unter seiner +Affenfamilie mittanzen laesst. Was das Aeussere betrifft, so macht er es +wie jener griechische Kuenstler, der aus sieben schoenen Maedchen sich eine +Venus bilden wollte. Aber er vergisst den hohen Sinn, der in der Sage von +dem Kuenstler liegt. Sechs zogen vorueber und zeigten dem entzueckten Auge +stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend. Die siebente, als die Gewaender +fallen sollten, erroetete und verhuellte sich, und der Kuenstler liess jene +sechs voruebergehen und bildete nach diesem Vorbild jungfraeulicher Hoheit +seine Goettin. Nicht also Clauren; die sechs hat er wohl aufgenommen, der +siebenten, als sie verschaemt, verhuellt, erroetend nahte, hat er die Tuere +verschlossen. + +Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der grosse +Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten +Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie? +Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich +mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erroete, +erroete darueber, dass ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die +sittenlose Frechheit hat, alljaehrlich ein ausfuehrliches Verzeichnis von +den Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand! + +Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast +der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine +reiche, gluehende Phantasie haette ihm nicht noch lockendere Bilder, +reizendere Wendungen einhauchen koennen als einem Clauren? Doch er dachte +an sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, fuer die er seine Gesaenge +dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und +siehe, die reichen Locken fallen herab und stroemen um die Nymphen und +rollen in das Wasser, und der See verhuellt ihre Glieder. Aber, _si parva +licet componere magnis_, was soll man zu jener skandaloesen Geschichte +sagen, die H. Clauren in einem frueheren Jahrgang des Freimuetigen, eines +Blattes, das in so manchem haeuslichen Zirkel einheimisch ist, erzaehlt? + +Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schaendlichkeiten aufdecken, +die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame koemmt eines Tages +auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, dass sie zwar +seit vierzehn _Tagen_ verheiratet, und gluecklich _verheiratet_, aber durch +einen kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr +Mann nicht ahnen duerfe. H. Clauren erzaehlt uns, dass er der engelschoenen +Dame gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der +Krankheit _et cetera_ zeige. Die Dame entschliesst sich zu der Prozedur. +Ich daechte, das Bisherige ist so ziemlich der hoechste Grad der +Schaendlichkeit, zum mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in +einem belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, +_gluecklich_ verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glueckliches Weib und +Ehebrecherin! Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu +der Prozedur selbst ein; er rueckt den Sessel ans Fenster, er setzt die +Dame in Positur, er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwaerts seine +Beobachtungen!!! + +Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen, +wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu ruegen. +Warum in einem oeffentlichen Blatte etwas _erzaehlen_, was man in guter +Gesellschaft nicht _erwaehnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte, +verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug fuer +ein Publikum, das sich Schaendlichkeiten dieser Art ungestraft erzaehlen +laesst! + +In die eben erwaehnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz fuer Maenner +gehoeren auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. +Bald wird uns ausfuehrlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu +Bette gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens +Angst, zu _zwei_ schlafen zu muessen, bald hoert man Vally im Bade +plaetschern und moechte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man +ein Kammermaedchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der gluehenden, +durch alle Nerven zitternden Kuesse, der Blicke beim Tanze abwaerts auf die +Wellenlinien der Taenzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte fuer +Leute, die nichts Hoeheres kennen als Sinnlichkeit, koestlich kandierte +Zoten fuer einen verwoehnten Gaumen, treffliches Hausmittel fuer junge +Wuestlinge und alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft +zu Rande sind, um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen! + +Ein _zweites_ Reizmittel fuer Maenner sind jene Zutaten, die den Gaumen +kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des bruesselnden +Schaumweins! Ha, wie der Kork knallend an die Decke faehrt! Eingeschenkt, +lasst ihn nicht verrauchen! Jetzt fuer jeden zwei, drei Dutzend Austern +draufgesetzt!" Ist diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer +erinnert, der immer so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; +freilich gab er ihnen nur gewoehnliches "Schweinefleisch", und die +Weinsorten ruehmt er auch nicht besonders; aber ein Clauren ist denn doch +auch etwas anderes als Homer; wer wollte es uebel nehmen, wenn er die Korke +fliegen laesst und Austern schmaust, fuenfhundert Stueck zum ersten Anfang? + +Ich kannte einen jener bedauernswuerdigen Menschen, die man in glaenzendem +Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr +haltet sie fuer das gluecklichste Geschlecht der Menschen, diese +Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr taeuschet +euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Muenze, um eine +einfache Mittagskost zu bezahlen, und was er an grossem Gelde bei sich +traegt, kann man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines +Tages: "Freund, wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der +Tafelzeit mit zufriedener Miene die Strasse herabkommen, mit der Zunge +schnalzend oder in den Zaehnen stochernd; bei welchem beruehmten Restaurant +speiset Ihr?" + +"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort. + +"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen +Strassenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu +haben." + +"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger, +sondern der Berliner, H. Clauren--" + +"Wie, und dieser schickt Euch kalte Kueche bis hieher?" + +"Kalte und warme Kueche nebst etzlichem Getraenke. Doch ich will Euch das +Raetsel loesen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt +jaehrlich gerade das Schneiderkonto und die Rechnung fuer Zuckerwasser im +Kaffeehause weg; nun bin ich aber gewoehnt, gute Tafel zu halten; was fange +ich in diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir +alle Jahre von ersparten Groschen das herrliche Vergissmeinnicht von H. +Clauren, und ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, +Fischmarkt, Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr muesst wissen, +dass in solchem Buechlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich +sie nenne, Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stueck Brot, +zu welchem an Festtagen Butter koemmt, nebst einem Glase Wasser oder +duennem Biere an den Tisch, speise vornehm und langsam, und waehrend ich +kaue, lese ich im 'Vergissmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine +Tafelseiten werden mir nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist +nicht mehr mit schlechtem Brot besetzt, meine Zaehne malmen nicht mehr +dieses magere Gebaeck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, +was gute Kueche ist. Was da an Fasanen, Gaenseleberpasteten, Trueffeln, an +seltenen Fischen, an--" + +"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie laesst Euch satt werden? +Aber koenntet Ihr hiezu nicht das naechste beste Kochbuch nehmen? Ihr +haettet zum mindesten mehr Abwechslung." + +"Ei, da ist noch ein grosser Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht +recht; in den Kochbuechern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird; +aber ganz anders im Vergissmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt. +Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede +Schuessel vor und erzaehlt: so schmeckte es; und wie natuerlich ist es, +wenn er oft beschreibt, wie diesem die Sauce ueber den Bart +herabgetraeufelt sei, oder wie jener vor Vergnuegen ueber die +Trueffelpastete die Augen geschlossen! UEberdies hat man dabei den +herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand, und wenn ich das Glas mit +Duennbier zum Munde fuehre, schiebt er mir immer im Geiste Trimadera, +Bordeaux oder Champagner unter." + +So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein grosses Claurensches +Traktement der Verdauung wegen zu promenieren. + +Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet +aus alten Knochen kraeftige Suppen fuer Arme und Kranke; ist aber hier +nicht mehr als Rumford und andere? Speist und traenkt er nicht durch eine +einzige Auflage des "Vergissmeinnicht" fuenftausend Mann? Wenn nur die +Phantasie des gemeinen Mannes etwas hoeher ginge, wie wohlfeil koennte man +Spitaeler, ja sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der +respektive Leutnant naehme das "Vergissmeinnicht" zur Hand, liesse seine +Kompanie Hungernder antreten, liesse sie trockenes Kommisbrot speisen und +wuerde ihnen einige Tafelseiten aus Clauren vorlesen. + +Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie +verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, dass solche +Niedertraechtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _a la +carte_, wenn sie ungeruegt jede Messe wiederkehren duerfen, wenn man den +gebildeten Poebel in seinem Wahn laesst, als waere dies das Manna, so in +der Wueste vom Himmel faellt, die Wuerde unserer Literatur vor uns selbst +und dem Auslande, vor Mit- und Nachwelt schaenden! + +Doch ich komme, meine verehrten Zuhoerer, noch auf einen andern Punkt, den +man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen koennte; +das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und +Schweizern vor, dass sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber +wahrhaftig, es gereicht H. Clauren zu noch groesserem Vorwurf, dass er so +gemein schreibt, wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken +scheint. Man hat in neuerer Zeit manches verschrobene und verschraenkte +Deutsch lesen muessen; waren es Wendungen aus dem fuenfzehnten Jahrhundert, +waren es Saetze aus einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer +reichen, herrlichen Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreissend waren auch +die Kompositionen, die Voss nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann +Maenner dieser Art hoechstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, +anklagen niemals; denn es lag dennoch ein schoener Zweck ihrem wunderlichen +Handhaben der Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen +Gemeinheit sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte +einkleidet! Koenig Salomo, wenn er noch lebte, wuerde diesen Menschen mit +einem Freudenmaedchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan +mit koestlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem +Haupte. Du redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine +wohlerzogene Frau aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem +Gelaechter, sie gesteht, sie muesse lachen, dass "_sie der Bock stoesst_"; +sie spricht in Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen +Montagstaenzen hoeren konnte; sie enthuellt sich, ohne zu erroeten, vor +deinen Augen und spricht Zoten und Zoetchen dazu. Wehe deinem Geschmack, +wehe dir selbst und deinem sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, dass +die, welche du fuer eine anstaendige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, +bestimmt zum niedrigsten Vergnuegen einer verworfenen Klasse! + +Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsuenden hieher setzen, da ja das +Buch, ueber welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges +Verzeichnis, ein vollstaendiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und +Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen +anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben +weiss, der schon auf einer Art von Faeulnis und Moder beruht, desto mehr +sagt sie dem verwoehnten Gaumen seines Publikums zu. + +Noch ist endlich ein Zutaetchen und Ingredienzchen anzufuehren, das er aber +selten anwendet, vielleicht weil er weiss, wie laecherlich er sich dabei +ausnimmt; ich meine jene ruehrenden, erbaulichen Redensarten, die als auf +ein frommes Gemuet, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen +sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame +Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge +H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der +braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Suenden mit Zerknirschung ein und +werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen, +Vielliebchen und dergleichen ueberzeugten uns freilich eines andern, und +wir sahen, dass er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der +Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet +zur Suende wird, so geht es auch hier; er schaendet die Religion nicht +weniger, als er sonst die Sittlichkeit schaendet, und diese heiligen, +ruehrenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlueberlegter Kunstgriff, +durch Ruehrung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Strassen von +London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den +ungluecklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen. + +Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte +erzaehlen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt +in die gute Gesellschaft zu verschaffen wusste. Dieser Mensch betrug sich +von Anfang etwas linkisch, doch so, dass man manche seiner Manieren +uebersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewoehnlich zu den Frauen +und Maedchen, weil ihm das Gespraech der Maenner zu ernst war, und jene +lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und +nach aber fand es sich, dass dieser Mensch seiner gemeineren Natur in +dieser Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er +schwatzte den Ohren unschuldiger Maedchen Dinge vor, worueber selbst die +aelteren haetten erroeten muessen. Wie es aber zu gehen pflegt: das +Luesterne reizt bei weitem mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit +niedergeschlagenen Augen, aber offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und +selbst manche Zote, die fuer eine Bierschenke derb genug gewesen waere, +bewahrten sie in feinem Herzen. Der fremde Mann wuerde der Liebling dieses +Zirkels. Es fiel aber den Maennern nach und nach auf, dass ihre Frauen +ueber manche Verhaeltnisse freier dachten als zuvor, dass selbst ihre +Maedchen ueber Dinge sprachen, die sonst einem unbescholtenen Kinde von +fuenfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein muessen. Sie staunten, sie +forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und siehe, die Frauen +gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswuerdige, angenehme Herr, +der uns dieses gesagt hat." Viele der Maenner versuchten es mit Ernst und +Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schuettelte die Pfeile +ab und plauderte fort. Die Maenner wussten nicht, was sie tun sollten; denn +es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst einen verworfenen +Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer einen andern Weg. Er +setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen auf die Rede des Mannes +und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst seine Stimme. Und eines +Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte sich an seine Seite, +liess ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzaehlte den Frauen nach +derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu tun +pflegte. Da fanden die Vernuenftigeren wenigstens, wie laecherlich und +unsittlich dies alles sei. Sie schaemten sich, und als jener Mensch dennoch +in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber +stand beinahe allein und zog beschaemt von dannen. + +"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl +ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen! + +Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzaehlt ist, dasselbe +wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er +wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und +des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte laecherlich machen. + +Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der +Gegenstand der folgenden Fragen. + + + +II. + +Haben wir bisher nachgewiesen und darueber gesprochen, welchen Zweck der +"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen +er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu, +andaechtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte. + +Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann +angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine boese Gewohnheit +oder unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. +Das erste und natuerlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit +Ernst, mit Gruenden anzugreifen, seine Anhaenger von ihrem Irrtum zu +ueberfuehren, seine Bloesse offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat +man auch mit dem Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. +Ihr alle, meine Zuhoerer, kennet hinlaenglich jene oeffentlichen Gerichte +der Literatur, wo die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhuellt +und ohne Namen zu Gericht sitzen, aber unverhuellt und unumwunden Recht +sprechen; ich meine die Journale, die sich mit der Literatur beschaeftigen. +Wie es in aller Welt bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige +freilich an Obskurantismus laborierende Blaetter, welche jedes Jahr eine +Fanfare bliesen zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem +Vater wie dem Kindlein wurde gebuehrendes Lob gespendet und das Publikum +eingeladen, einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der +deutschen Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige +Winkelblaetter, die nur mit Modeartikeln zu tun haben. + +Bessere Blaetter, bessere Maenner als jene, die um Geld lobten, scheuten +sich nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen +Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie +steigerten ihre Stimme, sie erhoehten ihren Tadel, je mehr die Lust an +jenen Produkten unter euch ueberhand nahm; sie bewiesen mit triftigen +Gruenden, wie schaendlich eine solche Lektuere, wie entwuerdigend ein +solcher Geschmack sei, wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch +herrliches Wort wurde da ueber die Wuerde der Literatur, ueber wahren Adel +der Poesie und ueber euch gesprochen, die ihr nicht erroetet, ihm zu +huldigen, die ihr so verstockt seid, das Haessliche _schoen_, das Unsaubere +_rein_, das Kleinliche _erhaben_, das Laecherliche _ruehrend_ zu finden. +Woran lag es aber, dass jene Worte wie in den Wind gesprochen scheinen, +dass, so oft sich auch Maenner von wahrem Wert _dagegen_ erklaerten, die +Menge immer mehr Partei _dafuer_ nahm? Man muesste glauben, der Herr habe +ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch ein anderer Grund faende. + +Jene Institute fuer Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so +gruendlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur +Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und +wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gruenden,--sie sind leider nur fuer +wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Buerger von wahrer +Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich ueber das Gebiet der +Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren fuer _diese_ schreibt? Ob seine +Manier _diesen_ schaedlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn +lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von +selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter +hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn waeren, die sich aus jenen +Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig +andern? + +So kam es, dass Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt, +gescholten, verhoehnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schuettelte +den Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Strasse. +Wusste er doch, dass ihm ein grosses, ansehnliches Publikum geblieben, zu +dessen Ohren jene Stimmen nie drangen; wusste er doch, dass, wenn ihn der +ernste Vater mit Verachtung vor die Tuere geworfen wie einen raeudigen +Hund, der seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Toechterlein oder +die Hausfrau eine Hintertuere willig oeffnen werde, um auf die Honigworte +des angenehmen Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu +verbinden weiss, und ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Straeusschen +Vergissmeinnicht abzukaufen. + +Man koennte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewoehnliche +Erscheinung der Literatur handelte, die in Blaettern oeffentlich getadelt +wird, weil sie von den gewoehnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder +nach Form und Inhalt den aesthetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann +hoechstens die Zeit, die man der Lektuere einer Gespenstergeschichte oder +eines ehrlichen Ritterromans widmete, uebel angewendet scheinen, oder der +Geschmack kann darunter leiden. Solange fuer die jugendliche Phantasie, +fuer Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, moegen immer die Richter der +Literatur den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine +Publikum wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen +werden kann, dass eine Art von Lektuere die groesstmoegliche Verbreitung +gewinnt, wenn sie diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Luesternheit, +die das Auge reizt und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines +Wesen, so ist sie ein Gift, das um so gefaehrlicher wirkt, als es nicht +schnell und offen zu wirken pflegt, sondern allmaehlich die Phantasie +erhitzt, die Kraft der Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schoene +und Edle, Reine und Erhabene schwaecht und ein Verderben bereitet, das +bedauerungswuerdiger ist als eine koerperliche Seuche, welche die Bluete +der Laender wegrafft. + +Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz +dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthuellt, und wer unter +euch kann leugnen, dass er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der +trete auf und beschuldige mich einer Luege! Maenner meines Volkes, die ihr +den wahren Wert einer schoenen, kraeftigen Nation nicht verkennt, Maenner, +die ihr die Phantasie eurer Juenglinge mit erhabenen Bildern schmuecken +wollt, Maenner, die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau fuer ein hohes Gut +erachtet, ihr, ich weiss es, fuehlet mit mir. Aber ihr muesst auch +gefuehlt, gesehen haben, dass jene oeffentlichen Stimmen, die den +Marktschreier ruegten, der den Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in +eure Haeuser gedrungen sind. Ich habe gefuehlt wie ihr, und der Ausspruch +jenes alten Arztes fiel mir bei: _"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich +dachte nach ueber Ursache und Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete +genau die Symptome, die sie hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, +worauf ich Hoffnung setzte. Aus denselben Stoffen, sprach ich zu mir, musst +du einen Teig kneten, musst ihn wuerzen mit derselben Wuerze, nur +reichlicher ueberall, nur noch pikanter; an diesem Backwerk sollen sie mir +kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht widersteht, wenn es ihnen auch +dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_ "Trueffelpaste", an _diesem_ +"Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind sie nicht mehr zu kurieren, +oder--es war nichts an ihnen verloren. + +Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Muehe, die reiche Bibliothek von +"Scherz und Ernst", die ueppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergissmeinnicht" +nach allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs +mein Grimm ueber diese nichtige Erbaermlichkeit. Es war eine schreckliche +Arbeit; alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, +alle seine Schnoerkel und Arabesken, jene Kostuems, worein er seine +Pueppchen huellt, alle Nueancen der Sinnlichkeit und Luesternheit, jenen +feinen, durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als +_verhuellt_, alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende +Abbrechen, jenes Hindeuten auf Gegenstaende, die man verschweigen will, +dies alles und so vieles andere musste ich suchen, mir zu eigen zu machen. +Ich musste einkehren auf seinen Baellen, bei seinen Schmaeusen, ich musste +einkehren in seiner Garkueche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden +Braten, den schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine musst' +ich kosten, musste den Kork zur Decke springen lassen, musste die +"_bruesselnden Blaeschen im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen +--und dann erst konnte ich sagen, ich habe den Clauren studiert. + +Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie +gewoehnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei +Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten +Gesetzen 1. ein junger, schmaechtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann, +ungluecklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stuecks, ein tanzendes, +plauderndes, naives, schoenes, luesternes, mitleidiges "Dingelchen", dem +das Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem +Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfass +entlehnt, eines Kuefers wuerdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn +beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches +"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler +Vater, der zum wenigsten Praesident sein muss; 5. ein paar Furien von +Weibern, die das boese, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige +Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit; +7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et +cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stueck zu Faden geschlagen, +und jetzt musste gewoben werden. Hier musste nun hauptsaechlich Ruecksicht +darauf genommen werden, dass man sein Dessein immer im Auge behielt, dass +man immer daran dachte, wie wuerde er, der grosse Meister, dies weben? Das +Gewebe musste locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr +herausgehoben und schattiert. Es waere z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida +eine ganz honette, wuerdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat +Berner haette mit wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden koennen; man +haette aus der ganzen Novelle ein mehr gerundetes, wuerdiges Ganze machen +koennen! Aber dann--war der Zweck verfehlt. So flach als moeglich mussten +die verschiedenen Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren +Bewegungen, uebertrieben in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, +sinnlich, _sinnlich_ in der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, +und dennoch hat es mich oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder +das andere der gesammelten "Zutaetchen" einstreuen, wenn ich von keuschem +Marmorbusen, stolzer Schwanenbrust, jungfraeulichen Schneehuegeln, +Alabasterformen _et cetera_ sprechen musste, wenn ich nach seinem Vorgange +von schoenen von suessen "Kue--" (was nicht _Kueche_ bedeutet), von +wolluestigen Traeumen schreiben sollte, wenn die Liebesglut zur Sprache +kam, die dem "jungfraeulichen Kind" wie gluehendes Eisen durch alle Adern +rinnt, dass sie alle andern Tuecher wegwirft und die leichte Bettdecke +herabschieben muss! Ich habe gelacht, wenn ich nach Anleitung seines +_Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren "kohlrabenschwarz" oder +"Flachsperuecke" setzen musste, wenn man statt der Augen "Feuerraeder" oder +"Liebessterne" hat, "Korallenlippen", "Perlenschnuere" statt der Zaehne, +Schwanenhaelse samt _dito_ Brust, Knie, die man zusammen "kneipt", weil man +vor Lachen "bersten" moechte; Waed--und Fuesschen zum Kue--und +dergleichen laecherlich gemeine Worte. Nachdem gehoerig _getollt, gejodelt, +getanzt, geweint, abgehaermt_ war, nachdem, wie natuerlich, das Laster +besiegt und die Tugend in einem herrlichen Schleppkleide, mit Bruesseler +Kanten, Blumen im Haare, auf die Buehne gefuehrt war, wurden als Morgengabe +mehrere Millionen Taler, einige Schloesser, Parks, Gruende _et cetera_ +aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun ein "erschreckliches Hallo, +dass man nicht wusste, wo einem der Kopf stand"; es wurde trefflich +gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe bis in die +Brautkammer befoerdert. + +Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch +zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen, +durch Uebersaettigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire +sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andaechtigen +Zuhoerern laecherlich zu machen. Mit Vergnuegen haben wir da und dort +bemerkt, dass der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder +vernuenftige, unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es +gedankt, es gab noch Maenner, es gab noch edle Frauen, die diese +oeffentliche Ruege der Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden. + +OEffentliche Blaetter, deren ernster, wuerdiger Charakter seit einer Reihe +von Jahren sich gleich blieb, haben sich darueber ausgesprochen, haben +gefunden, dass es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, +verderbliche Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, +ehrwuerdige Versammlung, dass ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne +Ansprueche auf Sitz und Stimme in der Literatur, es wagte, den +Hochberuehmten anzugreifen. Steht doch jedem Leser das Recht zu, seine +Meinung ueber das Gelesene, auf welche Art es sei, oeffentlich zu machen; +steht doch jedem Mann in der buergerlichen Gesellschaft das Recht zu, ueber +Erscheinungen, die auf die Bildung seiner Zeitgenossen von einigem Einfluss +sind, zu sprechen. + +Ich bin weit entfernt, mich mit dem grossen juedischen Koenig und +Harfenisten _David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, +obgleich er jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein +steinernes _Vergissmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in +_Scherz_ und _Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor +sich hertragen lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: +"Er hat Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhaenger +verstehen koennte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des +Philisters; natuerlich, er hat ja, wie Asmus sagt, + + "--Federn auf dem Hut + und einen Klunker dran." + +Selbst die juedischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich +erklaert. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel. + +Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging, +weiter, so stossen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch, +dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein +angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des +Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde +"geharnischt bis an die Zaehne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen, +uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen +zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja fuer eine gute +Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklaerte +er, was schon auf den ersten Anblick jeder wusste, dieser "Mann im Mond" +sei nicht sein Kind; aber statt, wie es einem beruehmten Literator, einem +namhaften Belletristen geziemt haette, wie es sogar seine Ehre gegenueber +von seinen Anbetern und Freunden verlangte, oeffentlich vor dem +Richterstuhl literarischer Kritik, nach aesthetischen Gesetzen sich zu +verteidigen, begnuegte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" +auf die Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _buergerlichen Gerichten +zu klagen, man habe seinen Namen gemissbraucht. Hatte man denn die paar +Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose +Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man +anfocht? Konnten Schoeppen und Beisitzer eines buergerlichen Gerichts ihn +rein machen von den literarischen Suenden, die er begangen? Konnten sie mit +der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn +reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie +ihm ihr buergerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation +verschaffen, die er laengst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten +sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er +geschrieben, weniger schluepfrig machen? + +Wenn aber, andaechtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich +vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklaert, dass man Claurens +Namen nicht fuehren duerfe, dass es unrechtmaessigerweise geschehen sei, +dass man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten, H. C. l. a. +u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes Werk gesetzt +habe. In einer andern Reihenfolge waere es also durchaus nicht unrecht +gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen acht +Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime Hofrat +Carl Heun bezeugt eine ausserordentliche Freude ueber diesen Spruch und +glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie taeuscht +sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond", gegen +seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur Sache; +der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom Esslinger +Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die Tendenz, die +Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften sittlich oder +unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das nach kritischen +Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Aesthetik, in welches Gebiet +doch die Schriften eines Clauren gehoeren? Der _Name_, nicht die _Sache_ +konnte nach buergerlichen Gesetzen unrecht sein; aber versuche er einmal, +nachdem er mit Glueck seinen _Namen_ verfochten, auch seine _Sache_, den +Geist und die Sprache seiner Schriften zu verteidigen!--Bedenke: + + "Auch das Schoene muss sterben, das Menschen und Goetter entzueckte; + Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab." + +Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergissmeinnicht +_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der +_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem +Einfluss war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er fuer die Wuerde +seiner Nation, fuer den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach +Werken, nicht nach Worten richten. + +Bei den alten Aegyptern war es Sitte, wenn man die Koenige der Erde +wiedergab, Gericht zu halten ueber ihre Taten. Man hat in unseren Tagen +diese schoene Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Koenigen +der Phantasie, hinuebergegangen war. Ueber Jean Paul vernahmen wir das +schoene merkwuerdige Wort. "Gute Buecher sind gute Taten!" Wird man von +Clauren dasselbe sagen? + +Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den +"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob +und wie es geschehen werde. + +Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhoerer! Habt ihr bis +hierher mir aufmerksam zugehoert, so danke ich euch herzlich; denn ihr +wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen wuerde es mich uebrigens, +wenn ihr mich dennoch nicht verstaendet, nicht recht verstaendet. Es +moechte vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und +denken: der Tor predigt in der Wueste; sollen wir denn jeglichem heiteren +Geistesgenuss entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, dass unsere +Taschenlektuere Klopstocks Messias werden soll? + +Mitnichten! und es waere Torheit, es zu verlangen; als der Schoepfer dem +Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfaenglichkeit fuer Freude in die +Seele goss, da wollte er nicht, dass seine Menschen trauernd und stumm +ueber seine schoene Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten grosse Geister +gegeben, die es nicht fuer zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen +die Natur verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie +den tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade +deswegen suchten sie von diesem Ernste--trueben Sinn und jene Traurigkeit +zu verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert. +Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Grosse mit dem +heiteren Gewand der Laune zu verbinden, moechte auf den ersten Anblick +schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit +Jahrhunderten so glaenzende Resultate gegeben, dass wir glauben duerfen, +wenn nur der Geschmack der Menge besser waere, der Geister, die sie wuerdig +und angenehm zu unterhalten wuessten, wuerden immer mehrere auftauchen. +Welchen Mann, der nicht allen Sinn fuer Scherz und muntere Laune hinter +sich geworfen hat, welchen Mann ergoetzt nicht die Schilderung eines +sonderbaren, verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren +Szenen, wo nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns +gezeichnet? Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelaechelt haette, muessten +nicht Jean Pauls Pruegelszenen ein Laecheln abgewinnen? Auf der +Stufenleiter seines Humors steigt er herab bis in das unterste, gemeinste +Leben; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite +ist? Walter Scott, der Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die +Wurzel des "Vergissmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den +gemeinsten Schenken des Landes, in den schmutzigsten Hoehlen von Alsatia +umher; aber sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiss er nicht, wie jene +niederlaendischen Kuenstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch +selbst unreinlich und schluepfrig zu sein? Koennet ihr nicht seine +Schilderungen, selbst an das Gefaehrliche streifende Situationen, jedem +Maedchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erroeten zu machen? + +Solche Maenner kommen mir vor wie anstaendige Leute, die durch eine +schmutzige Strasse in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf, +sie wissen mit sicherem Fusse die breiten Steine herauszufinden und treten +reinlich in den Hausflur, waehrend Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder +Schweinen gleich, durch dick und duenn laufen und, nicht zufrieden, sich +selbst beschmutzt zu haben, die Voruebergehenden besudeln und mit Kot +bespritzen. + +Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in +unserer Literatur, gibt es der Maenner viele, die mit Wahrheit und Wuerde +jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trueben Stunden freundlich zu +Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, dass uns ein Goethe, ein +Jean Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzaehlungen gaben, die sich mit jeder +Dichtung des Auslandes messen koennen? Hat euch der Vergissmeinnicht-Mann +so gaenzlich gefesselt, dass ihr die schoenen Blueten zahlreicher anderer +Erzaehler nicht einmal vom Hoerensagen kennt? Freilich, diese Maenner +verschmaehten es, ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem +Wasser einer Pfuetze zu mischen; sie fuehlten, dass der Entwurf ihrer +Gemaelde anziehend und interessant, dass die Stellung der Gruppen nach +natuerlichen Gesetzen zu ordnen sei, dass selbst das Neue, Ueberraschende +angenehm fuer das Auge sein muesse. Zeichnung der Landschaft, nicht der +Spiegel und Sofas, Schilderung der Charaktere, nicht der Huete und +Gewaender, der Geist einer Jungfrau, nicht der ueppige Bau ihrer Glieder +war ihnen die Hauptsache. Und darum koennen wir auch ihre Bilder, wie jedes +gute Buch, alle Jahre mit erneuertem Vergnuegen lesen, waehrend uns der +_Beruehmte_ schon nach der ersten Viertelstunde anekelt. + +Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere +Literatur hochzuschaetzen. Die Englaender fanden einen Ernst, eine Tiefe, +die ihnen bewunderungswuerdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine +Natuerlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemaelden, die sie selbst bei +ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Goetz und so manche herrliche +Dichtung Goethes sind ins Englische uebertragen worden, seine Memoiren +entzuecken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung +ueber dem Kanal, und Talma ruestet sich, Schillers tragische Helden seiner +Nation vor das Auge zu fuehren. Wir Deutschen handelten bisher von jenen +Laendern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausfuehren zu koennen. Mit Stolz +duerfen wir sagen, dass die Zeit dieses einseitigen Handels vorueber ist. + +Aber muessen wir nicht erroeten, wenn es endlich einem ihrer Uebersetzer, +aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfaellt, ein +"Vergissmeinnichtchen" ueber ein Baendchen von "Scherz und Ernst" zu +uebertragen? Mit Recht koennt' er in einer pompoesen Anzeige sagen: "Das +ist jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ muesst +ihr lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen +Laecherlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur ertraeglich zu +finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden +Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein +Maedchen mit eigentuemlichen Kunstausdruecken anatomisch beschrieben +fanden? Oder, wenn der Uebersetzer in unserem Namen erroetet, wenn er alle +jene obszoenen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnoerkel streicht und nur +die interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, +was wird dann uebrig sein? + +Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringelloeckchen ab, +presst ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reisst ihr die +Perlenzaehne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget +Schals, Huete, Federn, Unter- und Oberroeckchen, Korsettchen _et cetera_ in +den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen, +und es bleibt euch nichts als ein hoelzerner Kadaver, das Knochengerippe +von Freund Heun! + +Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schaemet, wenn ihr ueber das +deutsche Publikum nicht erroeten koennet, so erroetet vor euch selbst! +Schaemet euch, ihr Maenner, wenn ihr eure Langweile nicht anders toeten +koennet als mit Hilfe dieses Clauren! Schaemet euch, ihr Frauen, wenn ihr +Gefallen finden koennet an dieser niedrigsten Darstellung eures +Geschlechtes! Schaemet euch, ihr Juenglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem +Handbuche der Sinnlichkeit wiederfinden wollet! Erroetet, wenn ihr es in +seiner Schule nicht verlernt habt, erroetet vor euch selbst, ihr +Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen luesternen Bildern zu schmuecken! Es +gibt eine moralische Keuschheit, eine holde, erhabene Jungfraeulichkeit der +Seele. Man darf darauf rechnen, dass ein Maedchen sie verloren hat, wenn +sie Claurens Erzaehlungen gelesen. + +Ueberlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren +ist. Man wird es ihnen so wenig uebelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den +Handwerksburschen, wenn sie auf der Strasse unzuechtige Lieder singen. + +Meine Zuhoerer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders +konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist +vielleicht so tief gesunken, dass sie nicht mehr an solche Worte glaubt; +meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man +in diesem Augenblick einen frischen Strauss "Vergissmeinnicht" empfaengt. + +Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Roete der Scham +aufjagten, die wie die Morgenroete der Bote eines schoeneren Lichtes ist, +wenn auch nur zwei, drei Herzen entruestet sich von ihm abwenden, so habe +ich fuer mein Bewusstsein genug getan! Weiss ich doch, dass es in diesen +Landen noch Maenner gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand +druecken und sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM MOND*** + + +******* This file should be named 13451.txt or 13451.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/3/4/5/13451 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/old/13451.zip b/old/13451.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..07eb291 --- /dev/null +++ b/old/13451.zip |
