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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10823 ***
+
+Reise durch England und Schottland
+
+Johanna Schopenhauer
+
+
+
+ENGLAND
+
+VORLÄUFIGE BEMERKUNGEN ÜBER ENGLAND
+
+
+
+
+Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen.
+Die schönsten Landschaftsgemälden ähnlichen Parks, die Gärten,
+die zweckmäßige Einrichtung der Häuser, der raffinierte Luxus,
+die Nettigkeit der Ordnung überall, die selbst in dem unbedeutendsten
+Hausgeräte sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen
+Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wünscht sich alle
+diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht
+einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefühl von heiterem
+Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen,
+sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muß man nicht
+aufkommen lassen; denn seine Erfüllung ist in diesem Lande mit
+so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird.
+
+Von den Schönheiten des Landes und der Wege, von den bequemen
+Gasthöfen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und
+in welchen man nur einen wohlgefüllten Beutel braucht, um gleich
+so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen
+Einrichtung des Postwesens ist überall viel gesagt und geschrieben,
+und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste
+Ganze gehörig zu loben.
+
+Für jetzt wollen wir uns aber darauf beschränken, eine allgemeine
+Idee eines englischen großen Landhauses mit seinen Umgebungen
+aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf
+einer Reise von London durch das nördliche England nach Schottland
+zu sehen Gelegenheit hatten.
+
+
+Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter
+diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus
+oder Schloß zunächst umgebenden, eigentlich zu demselben gehörigen
+Ländereien und ist gewöhnlich von ziemlichen Umfange. Äcker und Wiesen,
+mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von
+wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk,
+sowie auch einzelne Wirtschaftsgebäude von gefälliger, aber doch
+ihre Bestimmung andeutender Form. Überall hat man nach malerischen
+Effekten gestrebt, und die sanften Anhöhen und Vertiefungen dieses
+Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nützliche
+mit dem Schönen vereint.
+
+Der höchste Schmuck dieses Parks sind die üppige Vegetation der
+wohlbestellten Äcker, die unvergleichlich schönen grünen Wiesen und
+die prächtigen Bäume, größtenteils Eichen und Buchen, welche überall
+in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Bäume das Eigne,
+daß sie mehr als in anderen Ländern gleich von der Wurzel an ausschlagen
+und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebüsche
+sich hinschlängelnde Gänge findet man in keinem Parke; auch Gehölze
+sind, wie überall in England, selten. Man könnte sagen, es fehle
+Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft
+dennoch die Sonne selten recht heiß und hell scheint, der Schatten
+entbehrlicher wäre als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien
+unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden
+Gebäude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus näher
+umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen.
+Nur in sehr großen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht
+hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloß
+aus eine Ansicht zu gewähren.
+
+
+An Wasser darf es nie fehlen. Künstliche Wasserfälle kennt man nicht
+Und noch weniger Springbrunnen. Fließt aber ein kleiner Fluß oder
+nur ein beträchtlicher Bach in der Nähe einer solchen Besitzung,
+so muß er, wenn auch mit großen Kosten herbeigeführt, sich in
+mannigfaltigen Krümmungen hindurchschlängeln. Fehlt es an lebendigem
+Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein
+davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natürliche Krümmung,
+verdeckt Anfang und Ende mit überhängendem Gebüsche, wirft schöne
+Brücken darüber und täuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer
+eines Teichs in die unregelmäßigen Umgebungen eines kleinen Sees.
+Überall strebt man nach dem Schönen und flieht das Gesuchte, Steife,
+Pretiöse.
+
+Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von
+halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf
+den grünsten Wiesen der Welt; mit ihnen die schönsten Pferde, Kühe
+und Ziegen, besonders in der Nähe des Hauses, wo sich die Wiesen
+rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schönen
+Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein
+geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz.
+
+Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhöhe, alle Bäume sind
+aus seiner nächsten Nähe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne
+kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiß in den Zimmern,
+teils weil es überhaupt in England nicht heiß ist, teils wegen
+der wenigen Fenster, die aber so verständig angebracht sind,
+daß jeder Teil des Gebäudes sein hinlängliches Licht hat.
+
+Die äußere Ansicht der englischen Landhäuser ist aus unzähligen
+Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack
+darin, oft sind sie mit Verzierungen überladen. Die Hauptfassade ist
+gewöhnlich mit Säulen geziert. Sind gleich die Verhältnisse derselben
+nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft müßig dazustehen, so
+gewähren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plätzchen vor
+dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie über den grünen
+Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Säulen stehen unzählbare
+fremde Gesträuche und Blumen in Vasen, teils auf schönen Gestellen
+übereinander getürmt, teils auf den Stufen des Eingang und den Geländern
+zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt,
+ist unglaublich. Täglich müssen die verblühten hinweggeschafft und
+andere an ihre Stelle gesetzt werden.
+
+Höchst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schätze
+werden aus allen Ländern der Welt hierher gezaubert. Doch auch über
+diese schönsten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter
+der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte
+sie gerade die Eriken oder Heidekräuter ihrer besonderen Huld gewürdigt.
+Man gab wohl fünfzig und mehr Guineen für so ein geruch-, oft
+farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel
+der Erde herstammte. Große Orangerien sind in England, außer in den
+königlichen Gärten, selten anzutreffen.
+
+Die innere Einrichtung der Häuser richtet sich hier, wie überall,
+nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des
+Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben große,
+vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Küche,
+die Gewölbe zur Bewahrung der Vorräte nebst den Bedientenzimmern befinden.
+Letztere sind durchaus gut möbliert, ja die der Haushälterin und des
+Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, hübsch
+tapeziert, mit Mahagonimöbeln und guten Fußteppichen. Auch bei den
+Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, daß sie außer ihren
+Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben.
+
+Aus dem Garten tritt man gewöhnlich zuerst in eine große, hohe,
+öfters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemälden oder Statuen,
+Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die
+verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthält die
+Bibliothek, deren schöne Schränke und zierliche Einbände sie zu
+einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Häusern
+ist es Sitte, daß die Familie sich zum Frühstück darin versammelt.
+Sonst gibt es noch Frühstückszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer,
+Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours),
+Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter
+Größe. Überall einfache Pracht, Fußböden, Treppen und Vorplätze
+mit schönen Teppichen belegt.
+
+In vielen Häusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche
+mit kühlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von beträchtlicher
+Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens
+nur an Treppengeländern, großen Eßtischen, Bettstellen; die Möbel
+in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden köstlicheren oder
+kunstreich lackierten Hölzern.
+
+Man findet es bürgerlich, unmodisch, lächerlich, die Möbel an den
+Wänden hinzustellen, wie es in Deutschland gebräuchlich ist; in den
+Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem großen Kreis
+umher, so daß noch ein beträchtlicher Raum zum Spazieren zwischen
+den Stühlen, Sofas, Tischen und den Wänden übrig bleibt. Die
+Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer,
+wo eben das Licht am günstigsten fällt und man nicht von der Hitze
+nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch müssen wir
+der Kamine gedenken, die, künstlich in Marmor gearbeitet oder mit
+brillantiertem Stahl geschmückt, eine der größten Zierden der Zimmer
+ausmachen. Schöne Vasen und prächtige Kandelaber prangen auf ihren
+Gesimsen. Der zweite Stock enthält die Schlafzimmer, welche indessen
+den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der
+Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen
+darf. Oft hörten wir Engländerinnen mit wahrem Grausen von der Sitte
+der Französinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum
+Besuchszimmer vorzugsweise erwählen.
+
+So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen.
+Kehren wir jetzt zurück zu den nächsten äußeren Umgebungen derselben.
+
+Die Obst- und Gemüsegärten, die Treibhäuser liegen mit allen zur
+inneren Ökonomie gehörigen Gebäuden ganz nahe am herrschaftlichen
+Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen.
+Diese Bezirke sind es, was der Engländer eigentlich Gärten (Gardens)
+nennt. Der zur Fußpromenade bestimmte Teil der Besitzung heißt
+Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man
+Ähnlichkeit mit den deutschen Parks: Gänge, die sich bald durch
+dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlängeln, Tempel, Säulen,
+Denkmäler, Ruheplätze und den ganzen architektonischen Reichtum
+der neueren Gartenkunst. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer
+und Türen von schönem eisernen Gitterwerk. Hier blühen und grünen
+die vielen einheimischen Gesträuche, Bäume und Blumen neben den
+aus fremden Ländern herübergebrachten, die stark genug sind,
+den Winter im Freien zu ertragen.
+
+Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfältig vor der Kälte
+schützen müssen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen
+Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der
+Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in
+einer Höhe von sechs bis acht Fuß sich an den Mauern hinziehen sehen.
+
+Obstbäume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verständige
+Weise, mit welcher alle Bäume mit Hinsicht auf Höhe, Wuchs und die
+dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem
+Ganzen einen Zauber, den man fühlt, ohne sich ihn gleich erklären
+zu können. Alles ist zur schönsten befriedigenden Einheit gebracht.
+Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes
+oft getäuscht. Die englischen Gärtner sind wahre Landschaftsmaler
+im Großen, ja wir möchten sie fast für die einzigen eigentlichen
+Künstler der Nation erklären. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln
+der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen,
+ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhölzern aller Art,
+den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten,
+immergrünen Stauden und Sträuchern, deren einige sogar bisweilen
+im Dezember blühen, werden sehr schöne Effekte hervorgebracht.
+Gewöhnlich sieht man davon in der Nähe des Hauses eine Art Wintergarten
+an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem
+Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Grün getäuscht,
+in den Frühling hineinträumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel
+notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist,
+der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog,
+verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht
+auf Kleidung und Vergnügen bis über die Mitte des Junius hinaus.
+Dann fängt der Frühling erst an, und so muß der Sommer und mit ihm
+der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August
+und noch später beginnt, bis nach Weihnachten verlängert werden,
+damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe.
+
+Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prächtiges Tor, hat zu beiden
+Seiten zwei kleine Gebäude, die Wohnung des Türhüters und seiner
+Familie, bei welchem sich jeder Einlaßbegehrende vermittelst einer
+Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebäuden, the Lodge genannt,
+ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im
+gotischen Geschmacke, bald im ägyptischen; sie stellen Türme,
+griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhäuschen vor,
+je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Türhüter
+eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Küche und Keller und
+allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie
+in Deutschland würde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt
+zu besitzen.
+
+
+
+Woburn-Abbey
+
+
+[Fußnote: Johanna trat die Reise nach längerem Aufenthalt in London
+mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an]
+
+Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum
+des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des
+größten Ökonomen in England. Sein Bruder, der Ökonomie mit noch
+größerem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreißig
+Jahre alt, und hinterließ dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem
+geistlichen Stande gewidmet hatte, das große Vermögen.
+
+Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man
+uns hier zeigt, waren natürlicherweise die Wirtschaftsgebäude, vor
+allem die Viehställe: denn der Herzog, wie seine Vorgänger, beschäftigt
+sich hauptsächlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen
+die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre.
+Sie tragen bei den in England gewöhnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht
+der Größe, Schönheit und des Gedeihens gewöhnlich über alle anderen
+Mitbewerber den Preis davon. Dafür wird auch alles getan, um ihr
+Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen.
+Im Schloß wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen ähnlichen
+Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in
+Kupfer gestochen, und ihr Porträt prangt in den Londoner Kupferstichläden
+neben anderen berühmten Porträts von großen Gelehrten oder Ministern.
+
+So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch
+unmöglich, die Ordnung überall und die zweckmäßigen Einrichtungen
+ohne Vergnügen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in
+diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die ländliche
+Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und einträglicher zu machen.
+Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide
+abzuschälen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine,
+womit man in der Mühle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt,
+und noch manches andere von dieser Art.
+
+In den Viehställen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders
+da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle.
+Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen,
+waren so groß und von der Last ihres Fettes so niedergedrückt, daß sie
+uns völlig lebensmüde erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene
+ihrer Schönheit wegen berühmte Stiere und einige indianische Kühe.
+Letztere haben einen geraderen Rücken und einen kleineren Kopf, übrigens
+sehen sie wie andere Kühe aus.
+
+Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwürdigen Bäumen ist
+von pittoresker Schönheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin
+umher, zu achtzig Stück und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die
+schönsten, größten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwänzen.
+Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen
+erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen;
+sie führte ein Bild der schönen goldenen Zeit vor die Seele.
+
+Das an sich große Schloß zeichnet sich vor andren weder durch besondere
+Pracht noch große Schönheit aus. Es ist zu neu, um ehrwürdig, zu alt,
+um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; für uns
+traf es sich diesmal sehr glücklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer
+voll Gemälden, größtenteils Porträts. Sechs große wunderschöne
+van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgröße, fielen uns besonders auf.
+Dann auch das Porträt des unglücklichen Grafen Essex, ebenfalls in
+Lebensgröße. Er hatte eine schlaue, höchst bedeutende Physiognomie
+und einen ganz roten Bart. Ihm gegenüber hängt das Porträt der Königin
+Elisabeth, im geschmacklosesten, übertriebensten Putz, ohne allen
+weiblichen Reiz. Der historischen Gemälde und Landschaften, größtenteils
+aus der niederländischen Schule, sind eine große Anzahl, und darunter
+gewiß Stücke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek
+befindet sich im Schlosse.
+
+Das Orangeriehaus ist einfach prächtig. Acht große Marmorsäulen tragen
+in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben
+eine große, mit Basreliefs geschmückte antike Marmorvase, über die man
+ein ganzes Buch schreiben könnte und an der wir flüchtig vorübereilen
+mußten.
+
+Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade
+angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen
+bei schlechtem Wetter und im Winter. Geißblatt, Rosen, echter Jasmin,
+Heliotrop und viele andere ähnliche Gewächse umranken die Pfeiler und
+die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzählige
+seltene und schöne Blumen und Gewächse stehen in Vasen, der Promenade
+entlang.
+
+Ganz in der Nähe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen
+und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase.
+Alle zur Milcherei gehörigen Gefäße sind darin von seltenem japanischen
+und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergänge fanden wir,
+im Vergleich mit den übrigen, weder groß noch prächtig, aber
+geschmackvoll angelegt.
+
+
+
+Stowe's Garden
+
+Landsitz des Marquis von Buckingham
+
+
+Diese Gärten werden mit Recht für die schönsten und prächtigsten in
+England gehalten und liegen in nicht gar großer Entfernung von Woburn.
+Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags
+Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden
+Gasthofe sehr gute Bedienung.
+
+Stowe's Garden enthält einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Säulen,
+Pavillons aller Art. In jedem beschränkteren Platze ist freilich
+weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen;
+aber hier in diesem großen Raume fällt die Anzahl der Gebäude nur auf,
+weil man jedesmal die glückliche Wahl bewundern muß, mit der sie
+angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot,
+auf eine so kostbare Weise eines der natürlich schönsten Plätzchen
+der Erde noch zu verschönern. Unmöglich ist's, diese Gärten durch bloße
+Worte darzustellen, man muß sie gesehen haben, um sie sich denken
+zu können. Sie bilden die schönste, lieblichste Landschaft, die nur
+eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf
+klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsächlich ihre Verschönerung
+verdanken, lebte hier in der glänzendsten Zeit der englischen Literatur.
+Die besten Köpfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem
+reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm.
+
+Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins
+zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen
+Cobhams und seiner Freunde Büsten in Marmor, eine Art halboffener
+Rotunde enthält die Büsten merkwürdiger Menschen, die zu verschiedenen
+Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. König Alfred,
+Königin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere,
+durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das
+allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine.
+
+Eine hohe Säule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem
+Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist
+inwendig hohl und enthält eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe.
+Man genießt oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu.
+Eine andere Säule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine
+kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers
+Kapitän Cook.
+
+Noch müssen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von
+gefärbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt.
+Diese Anlagen sind reich an schönen alten Bäumen, besonders Eichen und
+Zypressen; ein ungeheuer großer Taxusbaum zeichnet sich besonders aus.
+Schattige Gänge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natürliche
+Wasserfälle, schöne malerische Brücken, alles ist hier vereint, was
+einen solchen Platz nur zu verschönern vermag.
+
+Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebäude und zwei
+Flügeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsäulen getragenen,
+weit vorspringenden Attika blühen die seltensten Pflanzen in Blumentöpfen.
+Von hier tritt man in die prächtige, durch eine Kuppel von oben
+erleuchtete Halle. Am Friese ist ein römischer Triumphzug in Marmor
+abgebildet. Marmorsäulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen
+stehen marmorne Statuen.
+
+Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Büsten verzierten
+Saal, in dessen Mitte ein schöner Apoll aufgestellt ist. Diese Statue
+sowohl als der größte Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken.
+
+Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum
+an Gemälden, meist Niederländern, namentlich Rembrandts, unter anderem
+das eigene Porträt dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders
+hochgeschätzt werden. Ein Kabinett voller Porträts, größtenteils aus
+dem merkwürdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte,
+ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison,
+der ein höchst gutmütiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein
+Originalporträt der unglücklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher
+Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint
+weit weniger schön, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag
+auch wohl die nicht außerordentliche Kunst des Malers daran schuld sein.
+
+Lady Buckingham und ihre Tochter beschäftigen sich auch mit der Malerei.
+Die Mutter malt in Öl, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer
+mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich übrigens nichts weiter
+sagen läßt, als daß es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn
+sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen.
+
+Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen
+hatten, nach Woodstock, einem Städtchen, das auf vielfache Weise bekannt
+ist. Das prächtige Schloß Blenheim, welches die Königin Anna ihrem
+Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fußnote: John Churchill
+(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluß
+seiner Frau Sarah auf die Königin Anna, die letzte Herrscherin aus dem
+Hause Stuart (1702-14), höchste politische Macht.], zum Dank für seine
+erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glänzendsten benannte,
+liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzüglichsten, in ganz
+England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmäßig, sondern von einzelnen
+Arbeitern in ihren Häusern verfertigt. Wir besuchten einen der
+geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein
+Lieblingsbild mit Gold weggeben muß, so betrachtete der gute Alte seine
+besten Scheren und Messer mit wahrem Künstlerschmerz, ehe er sie uns
+übergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und
+zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das
+Wichtigste, was uns beschäftigen könnte.
+
+In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwürdig. Auf einer
+Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein
+Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja
+gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, daß
+ihre Ansprüche an die Krone von England einst geltend werden würden;
+und eben diese Ansprüche, die sie gewiß oft in jenen Zeiten bitter
+beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede
+Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die
+Festigkeit, Klugheit, welche sie späterhin zur weisen, glücklichen
+Regentin machten. Wie war es aber möglich, daß diese frühere Erfahrung
+des Unglücks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten
+und Großen, was weise Männer vor ihrer Zeit dachten und schrieben,
+sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen
+war, wie konnte sie ihre unglückliche Schwester Leiden fühlen lassen,
+welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt
+dem fürchterlichen Tode auf dem Blutgerüst weihen! Die Nachwelt ist
+gerecht. Jeder Engländer spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe,
+und der Name der unglücklichen Maria wird noch überall mit Liebe und
+Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglück
+und ihre Liebenswürdigkeit lebt noch in allen Herzen.
+
+
+
+Blenheim
+
+
+Als wir uns in Woodstock morgens früh anschickten, nach unserer
+Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit
+Erstaunen, daß ein himmelhoher Phaeton [Fußnote: leichter, eleganter
+Wagen], mit zweien ziemlich unbändig scheinenden Schimmeln bespannt,
+unser vor der Tür des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns
+mit der in solchen Fällen gebräuchlichen Eloquenz, es wäre geradezu
+unmöglich den Park zu Fuße zu sehen. Wir fügten uns also
+ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefährlich aussehende Fuhrwerk
+und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein.
+Der Park ist so groß, daß kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt
+hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbändig, als sie zuerst
+schienen, und die große Höhe des jetzt aus der Mode gekommenen
+ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen
+nach allen Seiten und den Genuß der verschiedenen sich darbietenden
+Aussichten.
+
+Übrigens wird Blenheim auf eine noch umständlichere und dadurch auch
+kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebräuchlich
+ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs
+Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze
+übliche Etikette Einfluß zu haben.
+
+Ein großes, prächtiges Tor mit zwei Nebengebäuden, die Wohnung des
+Türwärters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer
+darüber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, daß Lady Sarah diese
+Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der
+Türhüter empfing uns mit einer wahrscheinlich für diesen Zweck ein
+für allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa
+fünfzig Schritte neben dem Wagen her, dann ließ er ihn halten.
+"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drüben sehen Sie
+ein Wasser mit einer schönen geraden Brücke; daneben rechts steht
+ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug
+und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze
+des Obelisks und ist zehn Fuß hoch, so klein sie auch von hier aus
+erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute:
+denn alles, was wir später in der Nähe sehen sollten, ward hier von
+weitem gezeigt, ohne daß man uns Zeit gelassen hätte, der wirklich
+mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war
+es unmöglich, dem Strome dieser eingeübten Rede Einhalt zu tun.
+
+Endlich waren wir an dem Orte, wo der lästige Redner, nach der
+hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden mußte. Er übergab
+uns einem Förster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum
+Beschluß, trotz der herzöglichen Livree, die er trug, den endlichen
+Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem
+er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glück weniger beredt;
+bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war.
+
+Der Park ist einer der schönsten in England. Sanfte Anhöhen, liebliche
+Täler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schönsten Grase,
+werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere
+schöne steinerne Brücken führen über einen Kanal, welchem man sehr
+täuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben
+wußte. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebäude, der Obelisk
+mit der Statue des großen Marlborough und unzählige alte herrliche Bäume
+gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Überall sind mannigfaltige
+Aussichten auf das Schloß, das Wasser, die Brücken, die Gebäude mit
+Auswahl und bescheiden sich verhüllter Kunst veranlaßt. Nachdem wir
+alles gehörig bewundert und uns auch mit dem Förster abgefunden hatten,
+übergab uns dieser dem Gärtner, welcher uns in den das Schloß in der
+Nähe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumführte.
+Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so
+prächtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muß zwar gefallen,
+doch dünkte uns, sie würde sich besser zu jenem kleineren, in
+prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so
+viel Reichtum ausgestatteten Gärten von Stowe zum Prachtpalaste von
+Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher
+Weg um einen kleinen See herum und viele vorzüglich große, schöne
+Bäume bilden hier die schönsten Partien.
+
+Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir
+am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir
+anfangs für die Haushälterin hielten, welche uns, wie das in England
+gebräuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle
+Engländerinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks
+bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und führte uns mit großer
+Redseligkeit bis an das Schloß. Hier nahm sie wieder mit unzähligen
+Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt wäre, die hohen Herrschaften
+(the Quality nannte sie es) mit gebührendem Respekt zu empfangen und
+dahin zu sehen, daß sie, wie es sich gehöre, über den Hof begleitet
+würden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis,
+daß sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit
+wechselseitiger Zufriedenheit voneinander.
+
+Das Schloß ist ein durch seine Größe imponierendes Gebäude; übrigens
+schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Säulen, Vasen, Treppen,
+Geländern und Türmen verziert oder verunziert.
+
+Die große Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch,
+sehr groß und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie
+hat einen schön gemalten Plafond, den marmorne Säulen unterstützen,
+schöne, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die übrigen Zimmer
+sind von altmodischer Pracht, alles solid und köstlich, wie man es
+an diesem Orte erwarten muß. Französische Hautelisse-Tapeten schmücken
+mehrere Säle, alle stellen des großen Herzogs Siege vor, sind aber
+leider sehr verblichen.
+
+Die Gemäldesammlung ist sehr groß; eine Magdalena von Tizian und eine
+heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben
+vorstellend, einige Porträts von van Dyck sind uns bei dem schnellen
+Durchfliegen noch einigermaßen im Gedächtnisse geblieben; Raffaele
+zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser große Meister
+selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederländer sind hier,
+verschiedene Gemälde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit
+von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mußten wir uns von diesen,
+in engen Banden gehaltenen Schätzen wegwenden. Ein großes Gemälde von
+Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend,
+hängt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostüm tut
+ihm Schaden.
+
+Noch ein großer, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre
+mit vieler Wahrheit gemalt, dünkt uns des Erwähnens wert. Der Plafond
+stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen
+aufhalten. Die Wände sind wie eine offene Halle gemalt; rundum läuft
+ein Geländer, hinter welchem alle europäischen Nationen mit
+charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen
+stehen. Die Figuren, etwas über Lebensgröße, übrigens von täuschender
+Wahrheit, ragen halb über das Geländer vor.
+
+Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend
+Bände enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der
+Königin Anna in völliger Staatstracht; mit dem Königsmantel, dem langen,
+über einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide,
+dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine
+große Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit
+bewundernswürdigem Fleiße in den harten Stein gearbeitet. Auch in
+der Bibliothek hängen viele Porträts; der große Herzog und seine Sarah
+sind hier abgebildet; sie hält die herzogliche Krone recht fest und
+schaut keck und übermütig in die Welt hinein.
+
+In der Schloßkapelle zeigte man uns das große Grabmal, welches Lady Sarah
+sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen ließ.
+Die Familie ist in Lebensgröße darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen
+Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer
+bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke
+noch die Ausführung zog uns an.
+
+Des flüchtigen Sehens überdrüssig, ermüdet von dem Stehen und Gehen
+in den vielen großen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurück
+und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und
+chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwürdiges zu zeigen
+sich erbot.
+
+
+
+Birmingham und Soho
+
+
+Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fußnote: heute einer der größten
+Industriestädte der Welt mit über 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit
+Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschönte sich mit
+jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Tälern. Wir mußten
+zuweilen die Räder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab führte.
+Die Aussichten von der Höhe sind sehr reizend. In Birmingham selbst
+erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den
+Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem großen eleganten Gasthofe
+gelangten. Dieser heißt noch immer "Zur Henne mit den Küchlein",
+obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich
+alle Mühe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln.
+
+Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit berühmt, ja man
+könnte fast behaupten, es gäbe kein Dorf im kultivierten Europa,
+vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie
+dieser Stadt zu finden wäre, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel
+oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage
+nicht schön; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstätten, die hier
+ihr Wesen treiben, gibt ihr ein düsteres, schmutziges Ansehen.
+Überall hört man hämmern und pochen, alles läuft am Tage geschäftig
+hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafür
+hallen des abends die Straßen vom Geschrei und von Gesängen derer wider,
+die sich den Tag über unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten.
+In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne lähmenden Schlafe
+des ermüdeten Arbeiters abstehlen können, suchen sie in Tavernen
+und Spielhäusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag über
+nicht denken konnten.
+
+Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwürdigsten Punkt
+dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene
+Etablissement des Herrn Boulton [Fußnote: Matthew (1728-1809)
+gründete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt;
+die Fabrikanlagen in Soho gründete er 1762], zu besuchen.
+
+Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen
+glänzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiß und anhaltendes
+Streben nach einem Ziele vermögen, als diesen kleinen freundlichen
+Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schöpfer, den achtzigjährigen
+Boulton, noch in völliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen,
+obgleich sein Körper der Krankheit, dem Alter und der unermüdeten
+Arbeit längst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen völlig
+gelähmt; im Hause ließ er sich durch zwei rüstige Bediente herumtragen;
+im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke,
+die in England zum Troste der dort so häufigen Lahmen und Gebrechlichen
+erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm
+durch einen seiner Freunde empfohlen waren, überall selbst hinzubegleiten.
+Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzählte,
+wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten
+mutig bekämpfte und glücklich überwand. Freundlich erklärte und
+zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten,
+die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann,
+sprangen uns seine blühenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein
+Wägelchen und fuhren den glücklichen Greis wie im Triumph davon.
+
+Achthundert Menschen finden in Soho täglich Arbeit und Brot.
+Hier werden englische Kupfermünzen und ausländische, für die
+ostindische Compagnie, für Amerika und manche fremde Höfe geprägt.
+In Deutschland sagt das Gerücht: Boulton lasse auch die vielen
+falschen Münzen fabrizieren, die von England aus Deutschland überschwemmen.
+Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit,
+als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem
+so gefährlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachprägen
+fremder Münzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert;
+sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in großer Menge, meistens
+auf Bestellung spekulativer Köpfe in Deutschland und anderen Ländern,
+ziemlich öffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf
+diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen
+englischer Banknoten und Münzen, wird dieses Geschäft nur ganz heimlich
+betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken,
+welchen oft eine Knopffabrik zum Aushängeschild dient, nicht fehlen.
+
+Außer der Münze enthält Soho noch eine große Fabrik von plattierten
+Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen.
+
+Die erstaunenswürdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum
+an Steinkohlen für England von unermeßlichem Wert, hat Boulton erst
+auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht.
+Er verfertigt Dampfmaschinen für ganz Europa und Amerika, läßt aber
+diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen,
+die seine Gastfreundschaft mißbrauchten und mühsam errungenen Vorteile
+ihm abzusehen strebten, während er sie freundlich bei sich aufnahm.
+Er sagte uns, wir würden es unartig gefunden haben, daß er in allen
+Gasthöfen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement
+anschlagen ließ, in welchem er bekanntmachte: daß ohne besondere Empfehlung
+an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den
+ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associés
+alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Störungen veranlaßte,
+wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er höchst ungern tat.
+"Nichts ist unerträglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen,
+das eine Sehenswürdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein;
+beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon
+aus Höflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu müssen,
+und so wußte ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese
+unfreundliche Weise."
+
+Das Wohnhaus in Soho ist ein hübsches, bequemes und großes Gebäude,
+überall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben,
+mit den prächtigen Villen der Großen des Landes zu wetteifern. Es liegt
+sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern übersieht man eine sehr schöne,
+reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Hügel
+steigen über ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein hübscher Garten
+voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende
+Promenade, längs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf,
+indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Sümpfe austrocknete
+und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergießt sich ein
+Wasserfall von einem mit schönen Blumen und Bäumen gezierten Hügel.
+Alles dieses war vor ungefähr zwanzig Jahren eine öde, sumpfige Heide.
+
+Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant.
+Es ist unmöglich, schönere Formen und bessere Politur zu sehen,
+als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem
+ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch,
+auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach.
+
+Auf ein Stück Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im
+Durchmesser, werden Längen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa
+den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen.
+Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech
+ausgedehnt, so dünne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit
+dem Kupfer im nämlichen Verhältnisse. Dieses Blech braucht man zur
+Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergerätes, welches eine
+Fläche bietet; zu den Henkeln, Füßen und dergleichen nimmt man eine
+runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die nämliche Weise, wie
+wir oben beschrieben, behandelt wird. Die äußeren Ecken werden den
+Gefäßen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten
+Verzierungen daran ganz Silber.
+
+Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwürdig. In einem sehr langen Zimmer
+sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhörlich schnell sich drehen.
+Eine lange hölzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch
+eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird,
+setzt sie alle in Bewegung. Mit der größten anscheinenden Leichtigkeit
+schleifen die Arbeiter die schönsten Muster auf die Gläser mit einer
+bewundernswürdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie
+dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten.
+Von hier aus kommen größtenteils die schönen Girandolen, Lüster,
+Trinkgläser und Prachtvasen, die glänzendste Zierde großer Tafeln,
+welche wir oft in den, bei nächtlicher Beleuchtung einem Feenschloß
+ähnlichen, flimmernden Glasläden Londons nicht genug bewundern konnten.
+Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hölzernen Scheibe,
+statt des Schleifsteins, gegeben.
+
+Die Münze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton ließ aber
+einige kleine Geldstücke prägen, um uns den Mechanismus zu zeigen.
+Acht Prägstöcke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben;
+jeder derselben prägt in einer Minute dreißig bis einhundertzwanzig
+Stücke aus, je nachdem sie größer oder kleiner sind, und zwar auf
+beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine höchst sinnreich
+erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben
+geprägte Stück fort und ein noch ungeprägtes an dessen Stelle einschiebt.
+Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben.
+Das Gepräge der Münzen ist durchgängig schön. Sie sind alle vollkommen
+rund, von gleicher Größe und möglichst gleichem Werte.
+
+In einem anderen Zimmer werden die Münzen geschnitten, ehe sie
+geprägt werden; noch in einem anderen nach dem Prägen gereinigt,
+indem sie in langen leinenen Säcken hin und her geschwungen werden.
+Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt.
+
+Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch
+ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewölbe eine Pumpe durch den Dampf
+des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden
+Wassers unaufhörlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige große
+Räder, diese Räder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern
+befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder
+hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir
+durch's bloße Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen.
+Das Wasser muß das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die
+Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehöre weit
+weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben möchte.
+
+
+
+Burton und Derby
+
+
+Von Birmingham reisten wir über Burton [Fußnote: Burton-upon-Trent,
+berühmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Mönchen der
+Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Güte dieses Bieres wird
+auf die Qualität des Wasser zurückgeführt] nach Derby. Burton ist ein
+freundliches Städtchen, weltberühmt durch das Ale [Footnote: helles,
+alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und
+kräftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In
+Friedenszeiten gehen jährlich große Sendungen davon nach ganz Europa,
+besonders nach Rußland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In
+England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in bürgerlichen
+Häusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, daß es
+sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz
+verliert.
+
+Derby ist eine ziemlich große, aber nicht schöne Stadt. Sie enthält
+viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten
+ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan
+wohl dem Meißner und Sèvres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben,
+Vergoldung und Schönheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren
+läßt es nichts zu wünschen übrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit
+hinter den sächsischen zurück, sowohl in der Erfindung als der Ausführung.
+Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade
+Nützliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der
+höchsten Vollkommenheit.
+
+Zum erstenmal in England mußten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten,
+und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last
+reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen
+von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen
+sind in England gewöhnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher
+achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer
+eingekerkert hätte, und reisten ab. Die Pferde waren sehr müde: der
+Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen;
+langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als wären wir
+auf irgendeiner Poststraße in der Mark. Wir fürchteten, die armen Tiere
+würden zuletzt aus Ermüdung ganz stille stehen. Der Regen strömte heftiger,
+und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten
+Hälfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen
+türmten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach
+durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den
+Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die
+Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde
+scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhänge hinab und hinauf,
+tief unten brausende Waldströme ließen uns Abgründe neben dem Wege ahnen.
+Das Geklapper der vielen Mühlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen
+Räder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewässer
+ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalköfen),
+alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen.
+
+Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns
+indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise
+erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort,
+den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die
+abenteuerliche, ermüdende Reise machte ihn uns doppelt angenehm.
+
+
+
+Badeorte
+
+
+Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer
+des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es
+erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder
+weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode
+es gewollt hat. Zu diesen Badeplätzen sowohl als zu den im Lande
+gelegenen mineralischen Quellen flüchtet jeder, der keine eigene Villa
+besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande
+entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden.
+
+Bekanntlich ist dann die Stadt (so heißt London vorzugsweise in ganz
+England) leer, obgleich die Straßen von Menschen wimmeln und der Fremde
+diese angebliche Öde gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom
+Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte
+Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt,
+die Müßigen, die Reichen, die Glücksritter, alles flüchtet aufs Land
+oder ins Bad. Die Seebäder sind im ganzen die besuchtesten und
+luxuriösesten. Die mineralischen Quellen werden öfter von der mittleren
+Klasse besucht, welche dort mehr ländliche Freuden als rauschende
+Ergötzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer
+besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrüchigen der
+warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fängt dort erst im
+Dezember an und währt bis zum Frühjahr. Alle Londoner Freuden sind
+alsdann wohlfeiler und nach verjüngtem Maßstabe auch in Bath zu finden.
+Deshalb eilen die dorthin, welche gern groß und vornehm leben möchten
+und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu können. Viele
+große Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Ökonomie
+ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen.
+
+Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, öfter die Not,
+so ausgezeichnet schön auch die dortige Gegend ist. Man weiß, wie viele
+Opfer die Schwindsucht jährlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle
+wird gewöhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen
+Ärzten angeraten. Daß es wirklich oft der letzte sei, bezeigen
+die vielen Denkmäler auf dem dortigen Gottesacker.
+
+An allen diesen Plätzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den
+kleinen Bädern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger
+zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebräuchlich ist, aber
+dennoch weit weniger so als in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen.
+
+In den großen, von den Vornehmen besuchtesten Bädern herrscht eine
+strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden,
+hiervon ausführlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und
+seinen Umgebungen.
+
+
+
+Matlock
+
+
+Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens,
+ist dieses liebliche Tal eines der schönsten Plätzchen Britanniens.
+
+Sei es immer, daß seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer
+nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden.
+Auch sahen die fünfzig oder sechzig Badegäste, die wir hier fanden,
+gar nicht aus, als ob Äskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher
+gebannt hätte. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben
+des Lebens hergeflüchtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schöpfen
+und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen.
+
+Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schönen großen Gasthöfen
+und zwei Logierhäusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen
+davon. Es ist unmöglich, dies reizende Tal durch bloße Beschreibung
+anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da,
+durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kühnen Felsen, die bald
+schroff und nackt gen Himmel starren, öfter noch ihre mit den schönsten
+Bäumen gekrönten Gipfel freundlich erheben.
+
+Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar
+ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser,
+voll Fällen und Strudeln. Die Felswände zogen sich enger zusammen, als
+wollten sie uns den Weg versperren; die Sträucher am Ufer bildeten Lauben
+über den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein.
+Dann traten sie wieder zurück, und wir sahen freundliche Hütten,
+mit Gärtchen und Wiesenplätzchen untermischt, an ihrer Seite hangen;
+stattliche Häuser, große Fabrikgebäude, zu ihren Füßen liegen.
+Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergänge ziehen sich
+an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurück zu unserem Gasthofe.
+
+Ihm gegenüber erhebt sich der höchste Fels dieser Gegend. Die Landleute
+nennen ihn High Tor. Auf einem größtenteils schattigen, nicht sehr
+beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer
+Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner üppigen Vegetation.
+Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenüberstehenden,
+waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebäude des Bades und geben ein
+freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser
+Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein
+zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuß bis hierher gedrungen
+wäre, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von
+grünen Bergen. Schöne Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase.
+Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schönheit der Natur glücklicher
+mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der
+Badegäste beschränken sich größtenteils auf den Genuß dieser herrlichen
+Natur; denn ein Bowling green [Fußnote: dazu Johanna in einer Anmerkung:
+"Ein grüner, solgfältig mit Walzen geglätteter Rasenplatz, zu einem nur
+in England gebräuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln
+sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergötzen ihnen hier darzubieten wagt.
+Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegäste selbst: denn
+der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem
+Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau;
+es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Bäder sind so bequem und
+reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann.
+
+Für den Geologen ist Matlock höchst interessant, die verschiedenen
+Steinarten, Flußspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt,
+sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Läden in
+aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt,
+zum Teil roh in sehr schönen Exemplaren für den Liebhaber und Sammler,
+der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzähligen anderen
+Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen
+hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schöner Form und sehen
+ungemein glänzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer
+Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verführen.
+
+Noch ist eine versteinernde Quelle [Fußnote: kalksinterhaltiges Wasser]
+hier merkwürdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert,
+und wenn es länger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Wächter
+dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Perücke
+und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen.
+
+Jenseits der Derwent, dem Dorfe schräg gegenüber, liegt Cromford Mill,
+die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fußnote: (1732-92),
+ursprünglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine,
+die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde],
+die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans
+Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine
+mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwürdige
+Mann war ursprünglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen
+Schwierigkeiten zu bekämpfen, denen ein gewöhnlicher Mann unterlegen wäre.
+Er verdiente, mächtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistünden,
+und er fand sie; sein großes Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange
+genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese
+Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz
+der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schöne
+Villa Wellersley bewohnt. Das von weißen Steinen massiv erbaute Wohnhaus
+sowohl als die großen Fabrikgebäude am Ufer des Stromes, beschirmt von
+mächtigen Felsen, erhöhen die Schönheit der Gegend. Noch erfreulicher aber
+ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den
+Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an
+einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern
+und Mädchen spazieren gehen, umspielt von schönen reinlichen Kindern.
+
+Die englischen Bauernmädchen und jungen Weiber sind durchgängig
+schöne Gestalten, älter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie
+gewissermaßen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem
+Bande geschmückt, auf einem kleinen schneeweißen Häubchen, steht den
+artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu große, weiße musselinene
+Halstücher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe,
+himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen
+kattunenes langes Kleid, hinten künstlich mit Nadeln aufgesteckt,
+alles blendend rein bis auf die feinen weißen gewebten Strümpfe [Fußnote:
+dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die ärmsten Engländerinnen stricken;
+diese Arbeit wird bei ihnen für schimpflich gehalten].
+Dies ist ihr Sonntagskostüm, von welchem das der Wochentage nur durch
+dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht.
+
+Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehörigen
+großen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen
+Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschön. Die Gärten
+enthalten Treibhäuser und eine hübsche Orangerie. Überall sieht man
+die segensreichen Früchte des Fleißes und der Industrie.
+
+An einem frühen Morgen verließen wir endlich ungern das freundliche
+Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald
+ruhig hinfließenden, bald über Felsstücke wild daherbrausenden Derwent.
+Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht
+auf das fruchtbare, durch unzählige Fabriken und Häuser belebte Land
+eröffneten. Jetzt führte der Weg abwärts; im Morgenlicht schimmerte uns
+ein prächtiges Gebäude entgegen. Es war Chatsworth [Fußnote: das Schloß
+wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem
+Spätrenaissancestil erbaut, anstelle eines älteren Schlosses, in dem Maria
+Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordflügel angebaut.
+Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das ursprüngliche
+Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen
+Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkömmlinge, der Herzöge von Devonshire.
+
+Das Schloß liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter
+demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekrönten Scheitel.
+Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Grün,
+eine sehr schöne steinerne Brücke führt hinüber. Wir fuhren durch
+den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe,
+von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise.
+
+
+
+Chatsworth
+Landsitz des Herzogs von Devonshire
+
+
+Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von außen eines der größten
+und prächtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig
+Fuß lang. Die auswärts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir
+sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und
+gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese äußere Pracht
+sticht auffallend ab gegen die große Stille und Einsamkeit der
+wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloß hier
+zu eigenen Zwecken entstehen ließ. Auch hatte es einst eine traurige
+Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre
+Freiheit, jedes Glück des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin
+sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach
+sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland,
+wo sie hingerichtet ward.
+
+Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthält wenig
+Merkwürdiges. Seit Jahren von den Eigentümern nicht besucht, zeigt
+es überall nur Spuren alter, allmählich hinsinkender Pracht; dennoch
+wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefügt,
+und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhäuser
+so angenehm macht. Für uns hatte es dennoch ein hohes Interesse.
+Im zweiten Stock des ältesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer
+der unglücklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und möbliert,
+wie sie es bewohnte. Es ist sehr groß und hoch; alte gewirkte Tapeten,
+die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, hängen an den Wänden.
+Ein hoher Betstuhl steht in der Nähe eines Fensters, die Aussicht aus
+demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schöne,
+aber höchst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Möbel
+im Zimmer, die hohen schweren Stühle mit kleinen Treppen davor,
+die eichenen und nußbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns
+in jene trüben Tage, welche die schönste und unglücklichste Frau
+ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen,
+die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da;
+uns war, als sähen wir noch die Spuren der einsamen Tränen, die sie
+hier verweinte.
+
+Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen
+Zeit fremden Geschmack angelegt. Man könnte ihn altfranzösisch nennen,
+wenn er regelmäßiger wäre, doch mag er dies wohl eher gewesen sein;
+denn es ist sichtbar, daß viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus
+und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande berühmt macht,
+sind die Wasserkünste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen
+und der Wilhelmshöhe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur daß sie
+die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine künstliche,
+zwei- bis dreihundert Fuß hohe Kaskade mit Stufen, der es aber,
+wie den meisten dieser Art, an hinlänglichem Wasser fehlt, wird zuerst
+gezeigt. In einem anderen Bassin muß das Wasser die Gestalt einer
+gläsernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem
+Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer künstlich gebildet,
+das Wasser spritzt schäumend aus seinen Zweigen, er sieht dann
+ganz artig aus, als ob er mit großen Eiszapfen und Schnee bedeckt wäre,
+kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor.
+Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuß hoch
+gen Himmel und machen eine recht hübsche Wirkung. Die Engländer,
+welche in den ringsumher liegenden Bädern hausen, wallfahrten fleißig
+her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu
+einem Wunder der Welt.
+
+
+
+Castleton
+
+Voll von Mariens Schicksale und stolz, daß unser Schiller den Briten
+den Rang abgewann und ihrem Andenken das schönste Denkmal schuf,
+verließen wir das traurig schöne Chatsworth. Nur kurze Zeit noch
+und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand.
+
+Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur
+von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns
+ängstlich hindurchwinden mußten, die jeden Augenblick den Weg
+zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch
+ansehnliche Fabrikgebäude von großem Umfange; auch diese ödeste,
+schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire.
+Es waren deren unzählige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch
+die ärmlichsten, aus Feldsteinen aufgetürmten Hütten, vor ihnen
+langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Öde, von der
+schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkräftet.
+
+Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Städtchen,
+wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem ärmlich
+aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshöhle
+mit einem Führer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen
+unserer bemächtigt hatte.
+
+
+
+Die Peaks Höhle
+
+
+Diese sehr berühmte Höhle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben
+ist wahrhaft groß und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen
+von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Bäumen gekrönten Scheitel.
+In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuß
+hohes und einhundertzwanzig Fuß breites Tor gewölbt, durch welches man
+in undurchdringliches Dunkel zu blicken wähnt. Langsam fließt ein
+schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht
+hervor. Vor der Wölbung hängen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine;
+wildes Gesträuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert
+in leichten Kränzen darum her. Felsenstücke hängen herab, Untergang
+drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der
+Unterwelt dringen will.
+
+Wir traten in die Höhle, die dunkle Nacht war dem allmählich sich
+daran gewöhnenden Auge zur Dämmerung. Bald unterschieden wir darin
+eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die ärmlichsten Gestalten,
+welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie
+in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kümmerlich ihr
+armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Hütten,
+die sie sich in der Höhle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl
+umherstehen sahen. Ungestüm bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns
+gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton,
+eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen.
+Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat.
+Die Wärme der Höhle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich
+macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewähren,
+besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt,
+im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so
+unfreundliche Wohnung zu wählen.
+
+Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestüm losgekauft hatten,
+kauften wir Lichter. Jeder von uns mußte eins tragen, der Führer trug
+deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren
+Hintergrund der Höhle. Der Führer machte uns auf einige ungeheuer große
+Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne daß wir
+die Ähnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten.
+Dann öffnete er eine schmale niedrige Tür, und wir standen in einem
+großen Gewölbe, von dessen Decke große Felsenstücke, drohender als je,
+über unsere Häupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter
+machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen.
+
+Jetzt ward das Gewölbe ganz niedrig. Gebückt, mit unsicherem Tritte
+auf dem schlüpfrigen unebenen Boden, mußten wir uns lange durch
+eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Höhe,
+bald ebenso hinunter. Wir stießen von allen Seiten an die vorragenden
+Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur,
+das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer,
+wir möchten sagen zähe, denn ihr Widerstand schien uns fühlbar.
+
+Endlich konnten wir unsere Häupter erheben, wir befanden uns in einem
+kleinen Gewölbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier,
+wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen
+langsam dahinwälzt. Wir fanden einen mit Stroh angefüllten Kahn,
+in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten.
+Der Führer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Hüfte ging,
+so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh
+lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur
+eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke
+einzustürzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer,
+um darauf fußen zu können. Nie war uns die Idee eines lebendig
+Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargähnlichen Kahne
+mit der schwarzen, schweren Felsendecke über uns. Der Führer
+mußte ganz gebückt waten, ein Stoß an einen der Felsen, der ihn
+besinnungslos gemacht hätte, und wir waren verloren auf die
+entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschäftigt,
+schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer
+das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge.
+Schwindlig von der Fahrt, mußten wir uns erst eine Weile erholen,
+ehe wir um uns blicken konnten, und fast wären wir es beim ersten
+Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach
+der Aussage des Führers einhundertzwanzig Fuß hoch, zweihundertsiebzig
+lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider
+zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel
+des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt,
+ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Höhle war uns
+noch bänglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem
+Leben war hier fühlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte.
+
+Mühsam kletterten wir über abgerissene, rauhe Felsstücke und kamen
+wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Töne einer
+sehr fernen Musik zu uns herüberschlüpften. Der Führer stieg abermals
+ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke
+auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Höhle, in welcher
+das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhörlich niedersinkt,
+und die deshalb Rogers Regenhaus heißt, fanden wir eben in diesem
+ewigen Tröpfeln die Ursache jener Töne, die uns zuvor wie Musik
+aus der Ferne schienen. Der Fußboden war mit tausend wunderlichen
+Schnörkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf höchst
+beschwerlich, besonders da die ewige Nässe ihn schlüpfrig macht.
+Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor.
+
+So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer höheren,
+gewölbten Abteilung der Höhle harrte unser eine sonderbare Überraschung.
+Ein Chor von Männern empfing uns mit einem langsamen, eintönigen Gesang.
+Lichter in den Händen haltend, die sie hin und her schwenkten,
+standen sie fünfzig Fuß hoch über uns in einer Art von Nische,
+welche die Natur in einer der Seitenwände geschaffen hatte.
+Ihr Gesang war rauh, aus wenig Tönen zusammengesetzt, wild und klagend,
+aber dennoch nicht unangenehm.
+
+Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Ängstlich gebückt
+schlichen wir unter und über Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewölbe,
+noch grausender und schauerlicher als alle übrigen, und ein schwarzer
+Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gähnte dicht
+vor unseren Füßen. Der Führer zeigte uns den steilen, furchtbaren
+Fußsteig, welcher über schlüpfrige Tropfsteine hinabführt. "Dies ist
+der Teufelskeller", sagte er, und indem er plötzlich einen von uns
+beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend,
+"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich hätte Napoleon hier!"--
+Wir können's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar
+Herr, und wir hatten es längst gemerkt, daß er uns für Franzosen hielt.
+Indessen faßten wir uns bald und antworteten ihm, daß wir ihm die
+Erfüllung dieses Wunsches gern gönnen wollten, wenn nur Napoleon
+[Fußnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit
+Frankreich] nicht die Gewohnheit hätte, immer mit starker Begleitung zu
+kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draußen
+geblieben wären, würden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein
+Unglück widerführe. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn
+etwas höflicher. Unser Erschrecken über das wunderliche Benehmen des
+Führers wäre indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon
+gewußt hätten, was wir später erfuhren, daß vor mehreren Jahren ein Herr
+und eine Dame in einem einspännigen Whisky ohne andere Begleitung
+ankamen, gerade vor die Höhle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen
+und nie wieder gesehen wurden.
+
+Der Führer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab.
+Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter,
+der einhundertfünfzig Fuß tiefer führt; sie lassen bloß den Führer
+mit einigen Lichtern hinabgehen und begnügen sich mit dem schauerlichen
+Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kühne, bogenähnliche Vertiefungen,
+emporstrebende Säulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir
+im flimmernden Lichte, das Wasser plätscherte lebendiger im tiefsten Grunde.
+Der Führer sagte uns, es wäre dort von kristallener Helle.
+Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rückweg an,
+ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewöhntes Auge
+jetzt in der zweiten Höhle vom Eingang entdeckte, erfreute uns
+unbeschreiblich.
+
+Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens
+geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht,
+wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig
+empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beängstigenden Traume;
+alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns
+in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller:
+
+ Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht!
+ Dort unten aber ist's fürchterlich
+ Und der Mensch versuche die Götter nicht.
+
+Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir übernachten
+wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges,
+dicht hinter Castleton, über welchen der Weg führt, ist des Verweilens
+wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten
+die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschließen.
+
+Einer dieser Berge heißt Win Hill, der andere Lose Hill, von einer
+Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der
+merkwürdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der
+schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, daß seine Oberfläche sich immer
+auflöse und wie Sand herabkrümle, ohne daß er dadurch abnehme. Der
+schaudernde heißt er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem
+aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, daß Regen und
+Wetter jährlich größere und kleinere Fragmente von Mam Tor ablösen,
+indem er ungewöhnlich schroff und steil ist, aber auch, daß er, genauen
+Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute
+bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der
+sieben Wunder des Peaks Gebirge. Über unfruchtbare Felsen, öde Heiden
+ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht.
+
+
+
+Buxton
+
+
+Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch
+schönen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in
+einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher,
+große Schätze verbarg die Natur hier tief im Schoße der Erde,
+aber dem Wanderer lächelt sie nicht freundlich entgegen.
+
+Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls berühmte Pools Höhle;
+man versicherte uns, sie wäre nach der von Castleton kaum sehenswert
+und überdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es
+nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken.
+Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle,
+welche die Römer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher
+Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht übel, und wird
+sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele
+andere Übel gebraucht.
+
+Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit
+Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe
+zierlicher Häuser, hingebracht. Letztere enthalten viele hübsche Wohnungen
+für die Brunnengäste und ein paar elegante Gasthöfe, in welchen sich
+die zu Bällen und Assembleen bestimmten Säle befinden. Dessen ungeachtet
+haben sie das Ansehen eines einzigen großen Prachtgebäudes von mehr als
+dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Läden, ein paar
+Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von
+der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfüllten das Erdgeschoß,
+ringsumher läuft ein oben bedeckter Säulengang für die Spaziergänger,
+zum Schutze bei dem hier sehr gewöhnlichen Regenwetter. Das Brunnengebäude
+und die Bäder liegen ganz in der Nähe. Nach der Morgenpromenade
+wird die übrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht,
+obgleich die Gegend eben nicht einladend ist.
+
+Die Jagd macht hier für die Herren eine Hauptergötzlichkeit aus.
+Liebhaber davon können auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird,
+subskribieren. In England fehlt es überhaupt am Wilde, hier aber
+in dieser öden Wüstenei gibt es noch bisweilen Hasen und Füchse,
+auch wilde Enten und andere Wasservögel in Menge auf den nahegelegenen
+Sümpfen des Strömchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee,
+und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig
+aufgeputzten Scheune.
+
+Die größte Merkwürdigkeit sind hier die prächtigen, vom Herzog
+von Devonshire erbaute Pferdeställe; man hält sie für die schönsten
+und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens mögen sie
+diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade,
+unter welcher die Pferde, geschützt vor Wind und Regen, den ganzen Tag
+nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden,
+umschließen sie eine sehr schöne, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebäudes
+enthält Wagen-Remisen, und das Ganze ist von beträchtlicher Größe,
+so daß es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengäste hier die
+Hauptpersonen wären. Ein daran hinfließender Bach dient dazu,
+diese Prachtställe reinlich zu halten und fast allen üblen Geruch
+zu verbannen.
+
+Das Interessanteste für uns war eine Fensterscheibe in der Halle,
+dem ältesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart
+auf ihrer unglücklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb
+mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf:
+
+ "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell;
+ which I perhaps shall see no more, farewell!"
+
+
+
+Manchester
+
+
+[Fußnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die
+industrielle Umwälzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt
+einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevölkerung stieg von 20 000 um
+1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803]
+
+Frühmorgens verließen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese
+berühmte, große Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeräuchert,
+sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt ähnlich.
+Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein,
+überall hört man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der
+Webstühle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen.
+
+An Freude und Vergnügen zu denken, hat das arbeitsame Völkchen hier eben
+nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier
+ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich
+winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln;
+und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm
+ganz kürzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber
+ziemlich schwerfällig geraten ist.
+
+Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen
+bloß von Fabriken lebenden Städten, ziemlich fremd. Die Männer erholen
+sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermüdenden Arbeit, die Frauen
+haben ihre Zirkel unter sich. Wie amüsant aber solch eine Gesellschaft
+von lauter Engländerinnen sein mag, wünschten wir lieber zu erraten,
+als zu erfahren.
+
+Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die öffentliche
+Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, wäre nicht
+übel, führte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf
+und ab; so aber hört man unaufhörlich das Geschrei und Geplapper der
+armen Verrückten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am
+Irrenhause dahinfließenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies
+ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergötzlich; doch die Einwohner
+von Manchester scheinen sich daran gewöhnt zu haben und lassen sich
+durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stören.
+
+Wir besuchten eine der größten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain
+angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzähligen, in vielen
+übereinander getürmten Stockwerken angebrachten Räder und Spindeln
+in Bewegung. Uns schwindelte in diesen großen Sälen bei dem Anblicke des
+mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber
+beschäftigt, die nur selten reißenden Fäden der unaufhörlich sich drehenden
+Spindeln wieder anzuknüpfen; Kinder wickelten und haspelten das
+gesponnene Garn. In einem großen Saale reinigte man die noch ungesponnene
+Baumwolle; in großen viereckigen, watteähnlichen Stücken lag sie
+ausgebreitet auf großen Tischen; eine Menge Weiber und Mädchen,
+in jeder Hand mit einem dünnen Stecken bewaffnet, prügelten lustig
+darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren
+Kamme ähnliche Maschine getrieben und glich nun einem äußerst dünnen,
+aber doch zusammenhängenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie
+zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so
+durch viele Säle hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares.
+
+Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren
+jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum
+Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stücke Garn ganz eigene
+Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage ähnliche Maschine zeigte
+vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit
+der daran gehängten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste,
+geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit
+Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als wären alle diese Räder hier
+das eigentlich Lebendige und die darum beschäftigten Menschen die
+Maschinen.
+
+Betäubt von den gesehenen Wundern verließen wir das Haus und bestiegen
+den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von
+Bridgewater angelegten Aquädukt [Fußnote: Bridgewater Kanal, verbindet
+Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu
+verwechseln mit dem 1894 eröffneten Manchester Schiffskanal, der die
+Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat
+sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst
+erworben, sowohl durch Anlegung der Kanäle, die hier den Warentransport
+so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der
+benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden
+mechanischen Lebens sind. Der Aquädukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist
+des Herzogs höchster Triumph und erschien uns ein Werk, würdig der
+Zeiten der alten Römer.
+
+Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein
+Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, während ein anderes in
+entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel
+traf durch den glücklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment
+unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten
+Erstaunens vorüber war, besahen wir uns die Sache näher. Ein schiffbarer
+Fluß strömt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal führt auf dem höheren
+Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Über den Fluß ist
+eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brücke (anders
+wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiß wie? wasserdicht
+gemacht, empfängt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um
+nicht bloß Kähne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Größe zu tragen.
+Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fußsteig gelassen. Wenn
+man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das
+Dasein der Brücke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein.
+
+Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr beträchtlichen
+Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die
+sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in
+einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, für
+ziemlich große Kähne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter
+der Oberfläche führt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen
+Stellen breit genug für zwei einander begegnende Kanäle. Über ihm wölbt
+sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene
+Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land
+durchkreuzenden Kanälen in Verbindung.
+
+Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein großes Tor,
+in einen senkrecht steilen, majestätisch hohen Felsen eingehauen.
+Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte
+dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze für uns
+darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit
+brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen,
+stillen Flut. Unser Führer war über die Maßen redselig und wir merkten bald,
+daß er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft
+versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort
+perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit
+gegen die Wände des Gewölbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand
+jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, düster, unheimlich war es
+um uns her.
+
+An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewölbter
+Gänge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so
+niedrig, daß man nur mit Mühe ganz gebückt durchkriechen kann. Die
+Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden,
+bald auf dem Rücken liegenden Männern mit einer Bergmannshaue
+losgebrochen. Die Arbeit schien uns höchst mühsam und beschwerlich, auch
+ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben.
+Giftige Dämpfe entstehen plötzlich und ersticken den Arbeiter, oder
+entzünden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich
+nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird,
+daß die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nächste Augenblick ist
+gewöhnlich schon zu spät.
+
+Nachdem jedes von uns ein Stück Kohle heruntergeschlagen hatte,
+was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mußten, waren wir nicht ferner begierig,
+tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurück in unser
+illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Führer
+und erblickten bald darauf wieder das schöne Licht der Sonne.
+
+Auf dem Rückwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer
+ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch
+nicht viel Freude zu machen; doch ließ man uns, auf die Fürsprache
+unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei
+sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen
+und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt
+sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument
+die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte
+das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stücke,
+gerade so dick, daß sie in die Spalte paßten. Vorher wurden sie
+in eine schwärzliche Flüssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte
+gefügt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt
+abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepaßte Späne
+hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige
+Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell
+und war gar leicht und artig anzusehen.
+
+
+
+Leeds
+
+
+Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire.
+Traurig war die erste Hälfte des Weges, wieder mußten wir steile,
+himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes,
+der sich gewöhnlich ganz England als ein schönes, fruchtbares,
+einem Garten ähnliches Land denkt. Öde, unangebaut, ohne Spur
+freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier müssen, wie auf den
+westfälischen Steppen, durch die wir früher gekommen, die Jahreszeiten
+ebenso unmerkbar für die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt
+ihnen Gaben, womit sie glücklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum,
+kein Kornfeld, keine ländlichen Gärten, aber überall Blei- und Kohlenminen,
+Steinbrüche, Schmelzöfen, Ziegelfabriken, unterbrochen von großen,
+einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebäuden.
+
+Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; überall sahen wir
+den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, während jener
+selbst nur kümmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemälde
+menschlichen Fleißes, doch nicht von der erfreulichen Seite.
+Wie erheiternd ist doch der Anblick des rüstigen Landmanns, der im
+Schweiße seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie
+schmückt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner
+der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wühlen
+muß, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beängstigendes Gefühl
+des Mitleids drängte sich uns unwillkürlich auf bei diesem Schauspiele,
+das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten.
+
+Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und ländlicher; wir dachten
+des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fußnote: Oliver (1728-
+74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemütlicher Dichtung
+bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Dörfchen, sein
+wirtliches Dach. Wakefield ist ein Städtchen voll Fabriken.
+
+Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich große Stadt,
+welche hauptsächlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt
+war von einer höchst traurigen, herzzerreißenden Szene begleitet.
+Wir bemerkten mit Erstaunen, daß der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum,
+dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau
+mit der Gebärde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Mädchen
+blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute,
+was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn
+ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme.
+Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Händeringen
+rief sie: "Ach, er war der schönste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt,
+immer gehorsam und fleißig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis
+fröhlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen
+und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen,
+hier trösten zu wollen?
+
+Wunderbar ist's, daß in England nicht unendlich viel Kinder verunglücken;
+nirgends scheint der alte fromme Glaube, daß jedes seinen eigenen
+Engel habe, der es beschützt, einheimischer als hier; denn nirgends
+werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst überlassen.
+In den Städten und Dörfern, auf den volkreichsten Straßen kriechen
+kleine, kaum zweijährige Säuglinge in den Fahrwegen umher,
+größere Kinder laufen ohne Furcht im Gewühle zwischen Rädern und
+Pferden durch, und der Reisende sitzt ängstlich im pfeilschnell
+rollenden Wagen und zürnt über die unachtsamen Mütter.
+
+Die Tuchfabrikanten machen den größten Teil der Einwohner von Leeds aus;
+sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter,
+mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er
+an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil hält. Diese Halle,
+ein großes, ganz bedecktes Gebäude, schließt einen geräumigen Hof
+von allen vier Seiten ein und ist einer Börse nicht unähnlich.
+
+Man macht sehr hübsche Teppiche in Leeds, sie werden auf
+gewöhnlichen Webstühlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen,
+wie schnell die schönen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht
+vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fußdecken für die Zimmer
+arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen
+zu Treppen und Vorplätzen nur einer.
+
+
+Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall
+
+Ripon, ein freundliches, reinliches Landstädtchen, liegt in einer
+zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough
+[Fußnote: ursprünglich Bezeichnung für eine Burg oder eine befestigte
+Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough]
+und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied
+zu wählen und nach London zu schicken. Nun gehören alle Häuser
+in Ripon einer alten achtzigjährigen Dame, die unermeßlich reich,
+auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Güter
+im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige
+Grundbesitzerin in Ripon, wählt also dies Mitglied, und das Gewicht,
+welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Königreich
+erhält, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich
+jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miß Lawrence alle ihre Reichtümer
+und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon längst über die Jugendjahre
+hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern
+umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und
+erklärt laut: sie würde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich
+um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst
+kürzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde.
+Miß Lawrence ward uns übrigens als sehr gut und auch im Äußern
+nicht unliebenswürdig geschildert.
+
+Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus
+enthält nichts besonders Sehenswertes, auch die Außenseite desselben
+zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitläufigen Spaziergänge
+gehören aber zu den schönsten in England.
+
+Der Park hat einen, ihn von den gewöhnlichen Parks unterscheidenden
+ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, grüne Rasenplätze
+trifft man weniger, aber herrliche Schattengänge, unter dem Schutze
+himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen,
+auf lachenden Höhen und in duftigen Tälern. Mit unbeschreiblichem
+Vergnügen wandelten wir hier und ahnten nicht, daß die Krone
+des Ganzen uns noch erst wunderbar überraschen sollte. Unser Führer,
+ein alter vernünftiger, eisgrauer Gärtner, seit mehr als vierzig Jahren
+hier in Dienst, öffnete plötzlich eine kleine, unscheinbare Gartentür,
+und wir erblickten in einem lieblichen grünen Tale die schönsten
+gotischen Ruinen, die wir je sahen.
+
+Vom Morgenstrahl gerötet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es
+waren die Überbleibsel von Fountains Abbey [Fußnote: in seinem Grundriß
+einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergründung:
+1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die
+Ruinen zählen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwölften
+Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfünfzig Jahren
+in Trümmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach
+fehlt gänzlich, die Seitenwände größtenteils auch; aber noch stehen, wie
+trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit
+Skulptur gezierte Säulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten;
+feste Gewölbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstörung, alles
+bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Särge
+stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu
+unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch
+die Kreuzgänge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele
+unterirdische Gänge und Gewölbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt
+man eine Küche, und an dem die Wand schwärzenden Rauche die Stelle, wo
+sonst der Herd stand.
+
+Fountains Abbey ist ein großes Grab vergangener Zeiten, dennoch drängt
+sich überall das frische Leben der ewig jungen Natur üppig hervor. Efeu
+umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der
+Hoffnung, junge Blumen und Sträuche nicken aus den hohen Bogenfenstern
+und von den Kapitellen der Säulen. In der Kirche wandelt man unter dem
+Schatten bejahrter Bäume. Überall neues Entstehen mitten unter den
+Trümmern der Zerstörung, überall die Lehre, Menschenwerk ist
+vergänglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur
+waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen.
+
+Welche Verzierungen für einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles
+so kleinlich dagegen zusammen, was selbst große Fürsten auf ihren
+Landsitzen unternehmen, um nur etwas ähnliches zu erkünsteln! Der vorige
+Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich für eine große Summe,
+aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und
+sicherte zugleich diese heiligen Überreste zwar nicht gegen den langsam
+zerstörenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der
+leider überall dem Schönen droht.
+
+Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt
+sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise,
+an die wir noch nach Jahren gern zurückdenken werden; hier aber
+fühlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur flüchtig
+am Schönen vorüberstreifen zu können und es nur im Bilde
+davonzutragen. Hier wünschten wir Hütten zu bauen. Wie schön
+muß sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Grünend,
+blühend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen.
+Wege schlängeln sich bald in schwindelnder Höhe, bald tiefer
+in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und
+blinkt und wogt ein spiegelheller Fluß, von allen Felsen rauschen
+und gaukeln Bäche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schäumend,
+bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur höchsten Höhe.
+Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene
+fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben,
+und zu unseren Füßen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zögernd,
+wider Willen, verließen wir abends diesen lieblichen Ort, über
+Berg und Tal rollten wir hin durch den schönen, fruchtbaren Teil
+von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem großen, ganz isoliert
+liegenden Gasthofe.
+
+
+Englische Gasthöfe
+
+Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man
+auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darüber
+zu sagen. Durchgängig, auch in den Städten, sind die englischen Gasthöfe
+sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit übertreffen alles,
+was man in anderen Ländern in dieser Art antrifft, aber wir möchten
+fast behaupten, daß die guten Gasthöfe auf dem Lande wieder die in Städten
+in dem Maße übertreffen wie jene die deutschen.
+
+Die Teuerung ist auch nicht so groß, als man denken möchte, wenn man nur
+erst die Sitte kennt. Der Umstand, daß man durchaus nicht portionsweise
+speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorräte des Hauses an Fleisch,
+Fischen, Gemüsen und dergleichen sind mit der höchsten Sauberkeit und
+mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit
+Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man
+gewöhnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Außer einigem
+Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Häuser, in welchen die
+öffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch
+hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch
+gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten
+Preis in Gesellschaft speisen können. Außer diesem aber muß der einzelne
+Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der
+Zubereitung selbst wählen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Wählt
+man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein großes Stück, so
+bekommt man es ganz auf den Tisch und muß es auch ganz bezahlen, wenn es
+gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen würde. Dies ist freilich
+nicht angenehm, aber der Landeskundige weiß sich einzurichten und
+bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht
+teuer. Für das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird,
+auch bei längerem Aufenthalt, gewöhnlich nichts gerechnet, es sei denn,
+daß man nur im Hause wohne und immer auswärts speise. Im Schlafzimmer
+bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen
+Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schönsten Matratzen, die
+feinsten Bettücher und Decken. Schöne Vorhänge umgeben das Bett, ein
+hübscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weiße Nachtmütze und
+ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende
+Engländer, die immer wenig Gepäck mit sich führen, ohne alle Scheu
+bedienen.
+
+Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit,
+tausend kleine Rücksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem
+Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Engländer, zum Beispiel, der
+nicht zu den vornehmsten Klassen gehört, wird sich weigern, mit andern
+aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch
+wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum
+fehlt.
+
+Auch in den Städten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim
+Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's,
+als käme man zu einem längst erwarteten Besuch. Der Wirt öffnet selbst
+den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tür steht die Wirtin;
+mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend
+Mal kurz hintereinander, bemächtigt sich der reisenden Damen sogleich,
+führt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise für
+ihre Bequemlichkeit, während ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht.
+Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren,
+so bleibt diese Höflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin
+begleiten die Reisenden an den Wagen, danken für die erzeigte Ehre
+und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall
+einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post für eigene Rechnung
+bedienen.
+
+Je weiter man in's nördliche England dringt und sich Schottland nähert,
+je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit
+einer Art Kordialität, die unangenehm auffällt. Der Wirt bringt immer
+die erste Schüssel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so groß
+und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses,
+die nur einigermaßen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach
+in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen
+kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschäftig mit
+einem Pfefferbüchsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwärter, Waiters,
+scheinen Flügel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug,
+und in allen Zimmern hängen gute, gangbare Klingeln, welche
+der reisende Engländer nach Herzenslust handhabt.
+
+So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine
+viel verlangerenden Gäste als in England. Das Wirtschaftswesen
+wird aber gewissermaßen fabrikmäßig betrieben: jeder hat sein
+Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde
+besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle
+seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht
+zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an
+und führt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser,
+gewöhnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal,
+wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr
+wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermaßen die auswärtigen
+Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, führt die Fremden im Orte herum
+und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhörlich hört man in
+einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus
+"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand.
+
+Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermädchen, Chambermaid,
+gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer
+schneeweißen Musselinschürze, einem artigen Spitzenhäubchen, kurz,
+so nett und damenhaft gekleidet als möglich. Ihr Amt ist, den Fremden,
+ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter
+mit einem Wachslicht anzuzünden, ihn in's Schlafzimmer zu führen
+und zuzusehen, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle.
+Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte.
+
+Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots,
+ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks,
+ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt
+diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt,
+und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression
+kehren wir zurück nach Catterick Bridge.
+
+Krankheitshalber mußten wir einige Tage dort verweilen und wurden
+gewartet und gepflegt, als wären wir unter Bekannten und Freunden.
+Die Wirtin, Mistreß Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer,
+wenn ihre Geschäfte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst
+nach dem vier Meilen entlegenen Städtchen Richmond, um den Apotheker
+des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher
+aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei,
+um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker
+war ein vernünftiger, guter Arzt, und das Übel wich seinen
+Heilmitteln bald.
+
+In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Ärzte;
+man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Ärzte werden,
+außer bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr großer Gefahr gefordert.
+Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem
+für jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewöhnlich
+jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrückt. Eine Konsultation
+des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Hälfte. Die Apotheker
+werden ungefähr wie die Ärzte in großen deutschen Städten bezahlt.
+Übrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England;
+dies bezeugen die öffentlichen Blätter, deren größte Hälfte
+aus Ankündigungen von Arkanen besteht.
+
+
+
+Richmond
+
+Gänzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt,
+am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses
+Richmond, von welchem die jetzigen Herzöge von Richmond zwar
+den Namen führen, aber keine fünfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren
+hoch auf dem Gipfel desselben über die Stadt. Letztere liegt
+höchst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen
+Wälle gewähren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese,
+hübsche Landhäuser, Gärten, Dörfer, kleine fruchtbare Anhöhen wechseln
+auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom,
+über den eine steinerne Brücke führt, belebt das Ganze. Jeder Schritt
+entdeckt neue Schönheiten; der wilde Fels, auf dem Schloß und Stadt
+erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen
+Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und
+weniger prächtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch
+von ehemaliger Größe und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht
+unterhalten und drohen stündlichen Einsturz, zur großen Gefahr
+für die an ihrem Fuße liegenden Wohnhäuser. Ein einziger Turm
+steht erhalten da, alles übrige sind nur hohe, üppig mit Efeu bewachsene
+Mauern. Die Abteilungen der Gemächer sieht man noch deutlich und
+die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gänzlich; Regen und Wind
+haben überall freien Zugang.
+
+
+
+Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle
+
+
+Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz
+des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein großes gotisches Gebäude,
+zwar recht nett, aber doch ganz bürgerlich und einfach möbliert,
+zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich
+für einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehörige Garten
+ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert,
+aber von Natur eines der schönsten, lieblichsten Fleckchen der Erde.
+Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluß stürzt bald gaukelnd,
+bald unwillig über wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg
+wirft. Unendlich viel Schönes könnte hier mit Geld und Geschmack
+hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht,
+muß man unwillkürlich wünschen, daß alles so bleibe, wie es ist.
+
+Wir fuhren durch den großen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham.
+Sie ist eine der ältesten, wenngleich nicht der größten in England
+und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten
+Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir über Sunderland
+nach Newcastle.
+
+Sunderland ist wegen einer eisernen Brücke, der größten in England,
+sehr merkwürdig. Ein einziger ungeheurer Bogen wölbt sich hundert Fuß hoch
+über die Fläche des Wassers, so daß ein Schiff, ohne die Masten umzulegen,
+darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Stärke so vereint.
+Wie ein Zauberwerk scheint die Brücke in der Luft zu schweben.
+Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Geländer, die sie an beiden
+Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein.
+
+Auf einem bequemen Platze unter der Brücke konnten wir den Mechanismus
+derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende
+Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht
+aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander
+aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder
+fünfzehn Fuß im Diameter hält. Diese Ringe ruhen unten wieder auf
+einer der oberen ähnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch
+angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze
+liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen,
+die aber inwendig hohl sind.
+
+Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich;
+augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kräfte vereinigt
+tragen können. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt
+zerstört würde, so bleibt doch immer genug übrig, das Ganze zu erhalten,
+und man möchte fast behaupten, es könne nie sehr baufällig werden,
+weil man mit leichter Mühe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann.
+Es wohnt hier ein eigener Wächter neben der Brücke, der darauf zu sehen hat,
+daß sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland
+bekannten großen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbrücke
+sehr gut und deutlich darstellt.
+
+In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg führte, fanden wir nichts zu tun
+als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich groß, hat neben vielen
+engen und winkligen auch einige hübsche Straßen und ist, besonders
+wegen des Steinkohlenhandels, für Großbritannien sehr wichtig.
+Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschäfts und
+also für den bloß zum Vergnügen Reisenden wenig Einladendes.
+
+
+
+Alnwick Castle und Berwick
+
+
+Alnwick, diesen alten Sitz der Herzöge von Northumberland, erreichten wir
+einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick
+dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurück in längst
+vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns
+zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen
+feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schützen suchen mußte.
+Die wunderbare Erhaltung dieses großen altertümlichen Gebäudes,
+an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war,
+fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertümliche Burg mit
+ihren runden Ecktürmen, ihren mit Schießscharten versehenen Ringmauern,
+ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren über dem Schloßgraben führenden
+Zugbrücken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente
+wie der gegen sie anstürmenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche
+Weise getrotzt zu haben.
+
+Es war eine Täuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art
+jemals vorgekommen ist.
+
+Alnwick Castle [Fußnote: eines der schönsten Feudalschlösser Englands,
+letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht
+"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht
+unglücklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine
+altertümliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland.
+Auf den Zinnen der Mauer und der Türme stehen alte Krieger in
+drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgröße. So viel wir
+von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet.
+Über jedem Tor steht einer davon in gebückter Stellung, mit beiden Händen
+einen großen Stein haltend, als wäre er im Begriff, den Eintretenden
+damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich
+nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art
+sie ist, macht einen großen Effekt. Von weitem glaubt man fast,
+die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, wären zurückgekehrt
+und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren:
+in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebärde stehen sie da.
+Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken möchte. Mancher dieser Helden
+kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward,
+und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an.
+
+Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten:
+hohe gewölbte Zimmer mit Bogenfenstern voll künstlicher gotischer Verzierungen
+und Schnörkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende
+Galerien, dunkle, krumme Gänge würden ein sehr schauerliches Ganzes
+machen, wären die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig
+aufgemalt. Indessen glauben wir doch, daß einer der englischen
+Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung
+nicht verfehlen würde.
+
+Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen,
+die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten
+Treibhäusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog
+nicht da war, mit Weintrauben und Melonen für die Reise versorgen konnten.
+Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet,
+sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns
+nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten
+Schwierigkeit findet.
+
+Jetzt führte der Weg längs der Küste des Meeres, das wir fast nie
+aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der
+äußersten Spitze Northumberlands.
+
+In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt,
+fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine
+Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen
+ganz unbekannten Provinzialausdrücke, welche sie einmischen, machten,
+daß wir Mühe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle
+spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus.
+
+
+
+SCHOTTLAND
+
+
+Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfünfzig englische Meilen,
+fast immer im Angesichte des Meeres, wäre allein die Reise wert;
+von so seltener, wunderbarer Schönheit ist die Gegend, aber deshalb
+wohl umso unbeschreibbarer.
+
+Bis dicht hinab an die Wellen der Küste bebaut wie ein Garten:
+Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemüsegärten
+wechseln, alles in der Pracht der üppigsten Vegetation. Dazwischen
+kleine Gehölze, duftende, blühende Hecken, und in ihrer Mitte Dörfer,
+die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein ländlicheres
+Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Städten ähnlich
+sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenförmig
+erhebt es sich zu kleinen Anhöhen und sinkt wieder zu lieblichen
+Gründen hinab. Freundliche, einzelne Landhäuser liegen überall zerstreut,
+ehrwürdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern
+und zeugen von vergangener Größe. Und nun noch der Anblick des Meeres,
+dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der ödesten,
+Leben gibt!
+
+Kleine Inseln mit Leuchttürmen, entfernte blaue Felsen, die zackig
+und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier,
+um ein Ganzes voll wunderbarer Schönheit zu bilden. Zwei Lager (Fußnote:
+in England befürchtete man eine Invasion der Franzosen],
+jedes von ungefähr dreitausend Mann, die eben hier die Küste bewachen,
+kontrastieren mit der ländlichen Anmut rings umher. Der Anblick
+dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glänzenden Waffen und Uniformen,
+brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzückende Gegend.
+
+Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied
+zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf.
+Freundliches, gutmütiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden
+mit großer, aber fröhlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner
+deutscher Gebirge. Schuhe und Strümpfe, ohne welche man in England
+keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende
+Klasse und der größte Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern,
+laufen Sommer und Winter barfuß; vielleicht geschieht dies fast
+ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es fällt sehr auf,
+wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhört ist.
+
+
+
+Edinburgh
+
+
+In keinem der vielen schönen Gasthöfe dieser Stadt konnten wir unterkommen.
+Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljährlich
+Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden,
+die teils jenes edle Vergnügen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten,
+das Theater, die Bälle, Konzerte und tausend andere Freuden
+herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem
+Kupferstichhändler, einem der unzähligen Mackintoshes, fanden,
+waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude
+zu sehen.
+
+Die Stadt Edinburgh, von beträchtlicher Größe, ist eine der schönsten
+und häßlichsten Städte zugleich und verdient in dieser Hinsicht
+mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und
+ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Häuser,
+die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Straßen an- und
+übereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd
+mit den schönsten Städten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig
+in ihrer Art, von hoher romantischer Schönheit.
+
+An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestätische
+Reihe anderer Felsen anschließt, liegen die Häuser der alten Stadt,
+wie Schwalbennester angeklebt, unter- und übereinander; einige
+dieser Häuser haben, von einer Straße aus gesehen, zehn Stockwerke,
+während sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zählen,
+und man aus dem vierten oder fünften Stock der niedriger liegenden
+Seite auf der hohen geraden Fußes ins Freie in eine andere Straße geht.
+Wie krumm, wie eng, wie winklig der größte Teil dieser Straßen ist,
+läßt sich schwer beschreiben. Einige derselben führen steile und
+hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise.
+Auf den höchsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung
+der schottischen Könige, das Kastell, hoch über den Häusern
+der übrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil,
+fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhöhe,
+auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schöne steinerne Brücken
+führen hinüber und vereinigen beide Städte. Tief im Abgrunde
+sieht man von einer dieser Brücke Straßen, die dort unten liegen,
+wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Dächer
+noch lange nicht bis zu der Grundlage der Brücke hinaufreichen.
+Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen,
+wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schönen,
+neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann.
+Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der übrige wird zum Teil
+als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da.
+
+Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmäßigkeit und Breite
+der wohlgepflasterten, mit breiten Fußwegen auf beiden Seiten
+versehenden Straßen mit den schönsten Städten Europas messen;
+in Hinsicht der Schönheit, der Solidität und des guten Geschmacks
+der aus Quadersteinen erbauten Wohnhäuser übertrifft sie solche vielleicht.
+
+Wie in London gibt es auch hier große Plätze, umgeben von schönen
+Gebäuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Geländer eingefaßten
+artigen Garten oder einen schönen Grasplatz. Fast alle Straßen
+bieten Aussicht auf's Meer. Dieses große, ewig wechselnde, ewig neue
+Schauspiel erhält hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut
+liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von
+der einen Seite die große Perspektive, die von der anderen sich
+in's Unendliche ausbreitet.
+
+Unvergeßlich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem
+unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Straße
+besteht nur aus einer Reihe sehr schöner Häuser; gegenüber begrenzt eine
+eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen
+scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kühen und Ziegen zur Weide
+dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild,
+zackig, in schönen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Königsburg
+und andere alte Gebäude; über ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben,
+König Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron
+gestaltet. Von ihm erzählt sich das Volk manche schauerliche Sage der
+Vorzeit. In seiner Nähe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine
+eines alten Schlosses, in welchem die unglückliche Maria Stuart von
+ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den
+Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Straße. Hier sahen
+wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen röten, später den Mond die
+Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Überzeugung, daß
+nicht leicht eine andere große, volkreiche Stadt uns ein ähnliches
+Schauspiel darbieten wird.
+
+Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt
+für sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhängend, kann sie doch
+dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen,
+in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind
+die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer,
+die mit allen diesen Dingen sich beschäftigen. Hier gibt's des Drängens,
+Stoßens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so häßlich
+als die Altstadt Edinburgh; die Straßen sind voll Gewühl und Getümmel;
+wir waren froh, bald zu entkommen.
+
+Das schönste Gebäude in Edinburgh ist das Register Office; es dient
+zu mannigfaltigen öffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel
+von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue
+des Königs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande
+in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwürdigste
+dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muß ihren guten Willen ehren,
+die Statue selbst ist ein unförmiges Machwerk.
+
+Das Kastell ist ehrwürdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter
+und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House,
+die Residenz des Königs von Großbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh
+kommen sollte, ist ein großes, ganz gewöhnliches altmodisches Schloß,
+welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste
+von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen,
+denen der König die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es
+die Residenz des Grafen Artois, späterhin König Karl der Zehnte.
+Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunächst umgebenden Bezirke
+haben das Vorrecht, daß niemand schuldenhalber darin arretiert
+werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns
+versicherte, vom schottischen Adel.
+
+Graf Artois [Fußnote: als Karl X. König von Frankreich (1824-30). Er
+gründete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Condé die
+Emigration. In dieser Eigenschaft führte er mehrere Feindhandlungen
+gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer
+Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier,
+soviel möglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er
+öffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt
+er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir
+sahen seine Zimmer; sie sind so ganz bürgerlich einfach, daß sie ihn
+doch oft an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben
+müssen. Uns waren nur drei Gegenstände darin merkwürdig: das Bildnis der
+Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin
+Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglückliche Dame
+zu Paris im Temple [Fußnote: hier wurden die Mitglieder des Königshauses
+gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig
+heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den großen Schmerz vergaß, der
+schwer auf ihr lastete.
+
+Bei aller romantischen Pracht und Schönheit eignet sich die Lage
+Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergängen. Es fehlt in der Nähe
+an Schatten, an ländlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese,
+wenn man sich nur die Mühe geben will, sie ein oder zwei Stunden
+weit aufzusuchen.
+
+Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf,
+erfüllte während der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze
+Stadt Edinburgh mit ungewöhnlichem Leben. Die Vergnügungen jagten
+einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in
+London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden
+nicht, wie es dort durchaus gewöhnlich ist, in Pensionen erzogen, sie
+wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran.
+
+Die äußere Frömmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier
+noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns
+an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloß sorgfältig
+die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er
+sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, daß er
+in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat.
+Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Bücher, die
+nicht religiösen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch
+die unbedeutendsten, sorgfältig weggeschlossen, damit auch selbst ihr
+Anblick nicht störend werde. Jedermann geht in die Kirche und hält
+Andachtsübungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten
+Bedienten erscheinen müssen. Jede Ergötzung ist hoch verpönt; den Herren
+bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch länger als sonst
+nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch.
+
+Zuvorkommende, gutmütige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig-
+fröhliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Engländer.
+Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter
+mit ihren Sitten und Gebräuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft,
+in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es
+lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland
+mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der größte Teil der
+in Deutschland und anderen Ländern angesiedelten Briten sind
+eigentlich Schotten.
+
+Frömmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks
+im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande,
+zu ihrer vaterländischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten,
+ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht.
+Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren
+Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzählige warme Verehrer,
+und jede Reliquie, die von ihr übrig ist, wird wie ein Heiligtum
+betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschützt.
+
+Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen;
+doch daß sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht,
+davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Künstler,
+mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant
+gebauten und möblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und
+vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fuß lebt. Ein ähnliches Landhaus
+besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel,
+denn er war ohne Vermögen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwählt,
+der wohl nirgends so belohnt werden würde als in Großbritannien;
+er malt Pferde, aber so wunderschön, mit solcher Wahrheit, daß selbst
+ein nicht englisches Auge davon entzückt werden muß. Auch menschliche
+Porträts gelingen ihm mit ziemlichem Glück, aber die Konterfeis
+der vierfüßigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich
+doch sein Glück und seinen Ruhm gegründet. In einem großen,
+von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen ließ,
+sahen wir viele seiner Gemälde im schönsten Lichte mit wahrer Freude.
+
+
+
+Pferderennen
+
+
+Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte,
+konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden
+letzten und daher wichtigsten bei. Gewöhnlich werden sie an anderen
+Orten auf einer dazu eingerichteten große Wiese gehalten, hier aber
+hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwählt,
+eigentlich die sandige Fläche, von welcher sich das Meer zur Zeit
+der Ebbe zurückzieht. Darum muß die Stunde genau abgepaßt werden.
+Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den
+alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen
+etwas früher zurück, so möchte wohl die Katastrophe des Königs Pharao
+im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh wäre mit
+einem Male verödet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange
+zu Hause, wenn er nicht muß. Uns kann das ganze Vergnügen etwas
+wunderlich vor.
+
+Auf dem nassen, pfützenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist,
+wie die Pferde festen Tritt haben können, und der noch obendrein
+wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken
+umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten
+auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter,
+auf einem hohen, mit Fähnchen verzierten Gerüste, gravitätisch
+wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde,
+stehen daneben. Eine unzählige Menge Menschen umgibt den Platz.
+Auf die Dächer, an die Fenster der benachbarten Häuser von Leith,
+auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerüste, auf den Quai
+des Hafens, überall, wo nur ein Plätzchen zu finden ist, haben
+neugierige Fußgänger sich hingestellt. Diese bunte, fröhliche Menge
+gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr hübschen Anblick.
+Die Glücklichen, welche über ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren
+können, tummeln sich, in Erwartung des großen Schauspiels, lustig
+auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr
+belustigenden Anblick. Prächtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte,
+mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren
+mit einem alten, lebensmüden Gaul davor, Reiter und Reitpferde
+jeder Art, alle möglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren,
+es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und
+reiten untereinander herum im buntesten Gewühl. Alles patscht ohne
+Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande
+lustig darauf los.
+
+Während der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht,
+damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis,
+welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Diät auf diesen
+großen Tag bereiten mußten, werden sorgfältig gewogen; keiner darf
+schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das
+fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt.
+
+Die wettlustigen Zuschauer schließen indessen ihre Wetten.
+Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich,
+an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen
+zu bekommen, viele Männer steigen aus den Kutschen hinaus oben
+auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den
+hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten
+Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus,
+man hält vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast
+nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorüberrauschen und hernach,
+auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder,
+rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie nähern sich zum zweiten Mal
+dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Fußnote:
+Spitzname für den Engländer, entnommen einer Satire "History of
+John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise,
+ohne auf irgend etwas zu achten, wie wütend, hinterdrein, um bei
+der Entscheidung gegenwärtig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten,
+durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches
+das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt.
+
+Der Weg, den die Renner so zurücklegen, beträgt, genau gemessen,
+vier englische Meilen, von denen man fünfe auf eine deutsche rechnet;
+die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz.
+Sowie das erste Rennen vorüber ist, fährt und reitet alles wieder
+auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag
+verkündet, daß andere Pferde zum Laufen bereit sind, und
+die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen während
+der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettläufe gehalten.
+Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause.
+
+Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen;
+ermattet, mit Schweiße bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut
+strömt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis
+sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt
+ihnen den Atem, sie müssen unaufhörlich mit der einen Hand vor
+dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken.
+
+Die übrige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden
+der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise
+hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltänzer,
+unsichtbare Mädchen und ein sehr interessantes Panorama von
+Konstantinopel. Nächst dem wechseln abends Bälle, Konzerte und
+Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schönen Sälen.
+Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht hübsch eingerichtet,
+hält es doch keinen Vergleich mit dem berühmten Vauxhall [Fußnote:
+Londoner Stadtteil mit Vergnügungspark] in London
+aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird.
+
+Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestüm
+und souverän herrschend wie in London; das Haus ist nicht groß, aber
+sehr hübsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmäßig eingerichtet. Nur
+die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen
+erhebt sich über die Mittelmäßigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben
+sogar noch weit unter ihr zurück.
+
+In dem sehr hübschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert
+vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert
+angekündigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet
+von einem Pianoforte. Die Sänger gaben den ganzen Abend nur
+leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt.
+Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt.
+Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt,
+erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltöne sich hinwindend.
+Manche uralte Melodie ertönte hier und wurde mit heißer Vaterlandsliebe
+aufgenommen. Das Ganze wäre für eine Stunde etwa recht angenehm
+gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergötzlichkeiten in Großbritannien,
+es währte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam
+bis ans Ende; nur einige ältliche Herren, die sich wahrscheinlich
+bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten,
+verfielen in süßen Schlummer und schnarchten überlaut den Grundbaß
+zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen
+waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen
+gesungen werden müssen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll.
+
+Die lärmende Woche war nun vorüber, die Sehenswürdigkeiten wurden
+eingepackt, die Assembleesäle geschlossen, die Fremden reisten fort,
+die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhäuser, und alles
+kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurück.
+
+Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen
+und zu genießen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus
+der Tür unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz
+ungewohnten Anblick: eine große Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen
+bis zur Haustür; wir mußten unseren Weg von den Söhnen und Töchtern
+des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne
+rötete das alte Schloß, König Arthurs Sitz, und die Ruinen von
+Mariens Gefängnis. Nochmals blickten wir zurück auf das spiegelhelle
+Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu.
+
+
+
+Carron, Stirling
+
+Rasch ging es vorwärts auf ebenem Wege, durch ein schön kultiviertes,
+nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele
+große Gebäude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke
+schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und wälzten sich
+verfinsternd über die blühende Gegend; hoch aufsprühende Flammen
+blitzten aus dem Dampfe gen Himmel.
+
+Es waren die berühmten Eisengießereien von Carron, denen wir
+uns nahten, vielleicht die größten in aller Welt. Hier werden
+Kanonen, Mörser, große Kessel und alles mögliche Eisenwerk gegossen.
+Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung
+nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren
+eben nicht unzufrieden darüber, denn auf Reisen sieht man manches,
+weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art
+von Pflichtgefühl, und wäre zuweilen gern der Mühe überhoben.
+Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Größe, dennoch wenig Einladendes.
+Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betäubendes Getöse
+und Gehämmer erscholl aus dem Innern der Gebäude; ewige Dämmerung
+herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche
+und Ruß Bäume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand
+der Trauer hüllen.
+
+Nicht weit von Carron sahen wir einen großen Kanal, der die
+beiden Ströme Clyde und Forth verbindet und für den inneren Handel
+von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling.
+
+Diese ziemlich große, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden
+gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Straßen und Häuser
+umso lebendiger. Ihre Lage am Fuße eines hohen Felsen ist sehr schön.
+Einige Straßen führen gerade den Fels hinauf, auf dessen höchstem
+Gipfel ein altes Schloß thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen,
+zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet.
+
+Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschönen
+Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht
+der höchsten Kultur, der üppigsten Vegetation, mit einzelnen
+Wohnungen, Dörfern, stattlichen Bäumen wie besät. In den mannigfaltigsten
+Krümmungen windet der Fluß Forth sich durch die lachende Gegend;
+bald geht er vorwärts, bald kehrt er auf lange Strecken zurück
+und schleicht dann wieder zögernd weiter, als sträube er sich,
+dies Paradies zu verlassen. Eine schöne, steinerne Brücke, dicht vor
+der zu unseren Füßen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch
+malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron
+wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schöne blaudämmernde Berge
+schließen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt.
+
+Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schöne Teppiche aller Art
+werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewürfelte Wollenzeuch,
+worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken
+und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu
+bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige
+Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen
+bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Mädchen mehr
+als fünfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren
+in einem großen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden
+jeder dieser Spulen an die darüber stehende sehr große Haspel
+gebunden; das Mädchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache
+Maschine auf das zweckmäßigste und mit der größten Leichtigkeit
+in Bewegung.
+
+Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen
+einen sehr schönen großen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen
+mußte, wie ein Eichhörnchen, um eine Mühle zur Reibung der Farben
+zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amüsieren,
+er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher
+Behendigkeit, gerade wie er uns seine Künste vormachen mußte.
+Jung und alt lief mit großem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam
+glücklich seinen Verfolgern zu unserer großen Freude und zum
+großen Leidwesen seines Herrn.
+
+In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger
+gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr häufig der Fall ist.
+Die Männer tragen enge, blaue Mützen, oben mit einer roten Quaste,
+bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage
+von rot und weiß gewürfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke
+und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr
+faltenreiches Röckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewürfelten,
+schottischen wollenen Zeuche. Ein Gürtel, in welchem oft eine Art
+von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hüften;
+auch hängt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran,
+in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fußbekleidung
+besteht in rot und weiß gewürfelten, unten mit einer starken
+ledernen Sohle versehenen Strümpfen, welche auch nur bis etwa
+über die Hälfte der Wade reichen; von da an bis über das Knie
+sind die Beine ganz bloß. Diese Fußbekleidung gibt den Schotten
+etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die römischen Soldaten
+in der Oper, und die roten Streifen in den Strümpfen haben
+das Ansehen von übergeschnürten roten Bändern.
+
+Das Hauptstück ihrer Kleidung, wir möchten sagen, ihres Mobiliars,
+ist der Plaid, ein langes breites Stück von jenem gewürfelten
+schottischen Zeuche, wie ein sehr großer Shawl. Den Plaid tragen sie
+bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlässig von einer Schulter
+zur Hüfte vorn und hinten wieder herübergeworfen. Zuweilen wird er
+auf der Schulter quer mit einer großen silbernen Nadel befestigt.
+Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Kälte
+nehmen sie den Plaid über den Kopf und hüllen sich ganz hinein;
+nachts dient er ihnen auf Reisen statt Hütte und Bette, und auch
+in ihren Wohnungen schlafen sie gewöhnlich in dem Plaid gewickelt
+ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden.
+
+Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen
+sich häufig jenes schottischen Zeuches, übrigens gehen sie
+sehr ärmlich, schmutzig sogar, mit nackten Füßen, oft in bloßen,
+kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen
+stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schönheit nicht hinter den Engländerinnen
+zurück. Sie übertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht
+der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmädchen
+und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Engländerinnen
+und Schottinnen sehr groß. Keine langen Kleider, keine hübschen
+Strohhüte mehr, die man in England überall sieht. Bloße Füße,
+schlechte, baumwollene Röcke, unförmige, bis an die Knie reichende
+weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Gürtel gehalten,
+öfter noch lose hängend, weiße Hauben, die tief ins Gesicht gehen
+und bis auf die Schultern herabhängen: dies ist das Kostüm der
+ärmeren Schottinnen in den Städten und mit weniger Abweichung
+auch auf dem Lande und in den Gebirgen.
+
+Die Wohnungen, sowohl in den Dörfern, durch die wir jetzt kamen,
+als auch die einzeln zerstreut liegenden Hütten, sehen höchst
+ärmlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetürmten Feldsteinen und
+Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen
+menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend große Armut
+mit der großen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs
+sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist,
+ist uns unbegreiflich.
+
+
+
+Perth
+
+
+Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt
+ist nicht klein, hat hübsche große Häuser und schöne breite Straßen
+voll lebendigen Gewühls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier
+blühen Handel und Fabrikwesen; besonders berühmt sind
+die großen Bleichereien von Perth.
+
+Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher
+schönen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmählich verlor nun
+das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und
+fruchtbar. In bläulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette
+der Hochlande düster vor uns aus; mühselig erklommen wir ein paar
+ziemlich hohe Berge, über welchen noch höhere drohten. Der Weg
+senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurück und
+begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schönen Strome Tay,
+an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist.
+
+Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace,
+dem ehemaligen Sitz der schottischen Könige, wo sich auch
+das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher
+einer alten Scheune als einem Palaste ähnlich.
+
+Scone Palace gehört dem Lord Mansfield, als ein Geschenk König Jacobs
+des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch
+von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, daß mancher
+Krämer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit
+vorlieb nehmen würde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben
+dem alten Gebäude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unverändert
+erhalten, die sein ehrwürdiges Alter und seine ehemalige
+hohe Bestimmung verdienen.
+
+Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen
+Reste ehemaliger königlicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart
+während ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Trümmern liegenden
+Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen
+ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt;
+auch eine Stickerei, die sie dort sehr mühsam und fleißig verfertigte.
+Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang
+eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin
+ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich.
+
+Eine lange, schmale, düstere Galerie diente dem schottischen
+Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer,
+an ihre ehemalige große Bestimmung zu glauben, so unscheinbar
+ist sie. An der gewölbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man
+Spuren von Malerei, die auch in ihrem glänzendsten Zustande
+sehr unbedeutend gewesen sein muß.
+
+In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begräbnis
+der Familie Mansfield, wurden sonst die Könige von Schottland gekrönt.
+
+Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm
+und reich. Auf dem Rückwege verweilten wir bei einer der großen
+Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben
+war sehr willfährig, uns überall herumzuführen. Hier braucht's
+der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke
+in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine
+weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause,
+das Stampfen der Leinwand und das Glätten derselben wird durch Wasser
+betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders
+des Tischzeugs, schien uns merkwürdig. Die Waren erhalten hier
+einen Glanz, der alles Ähnliche, selbst den schönsten Atlas,
+weit übertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, daß das Stück
+Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer großen hölzernen
+Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben
+eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng
+anschließen, daß die Leinwand nur mühsam beim Aufrollen sich
+dazwischen durchdrängen kann, und diese Reibung ist es,
+welche ihr den vorzüglichen Glanz gibt.
+
+Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil
+der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind,
+wenn auch nicht so gut wie im übrigen Königreiche, dennoch
+zum größten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit
+die sogenannten Militärstraßen anlegte; aber Posten waren noch
+nicht eingerichtet, Pferde überhaupt selten; deshalb mieteten wir
+welche in Perth für die ganze Strecke Weges und reisten
+dem Gebirge zu.
+
+
+
+Kenmore
+
+
+Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir
+in ein Tal von erhabener Schönheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es
+von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fuße immer in einer
+gewissen Höhe sich hinwindet, öffnen sich neue, entzückende Aussichten.
+Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay.
+Kleine Kornfelder und Baumgärtchen grünen und blühen an den Ufern,
+zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Hütten. In einem tieferen
+Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedrängt, sahen wir
+ein Dörfchen; Scharen fröhlicher Kinder trieben darin ihr
+lautes Spiel, die Mütter spannen in den Türen, die Männer,
+in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Gärten
+beschäftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch,
+so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Fähre über den Strom
+gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere
+Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel
+der Welt.
+
+Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay führte unser Weg
+nach Kenmore, einem Dörfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande.
+Wir fuhren über Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgründen hin,
+die uns schaudern machten. Bald näherten wir uns ganz dem Gestade
+des Stroms; bald sahen wir ihn völlig aus dem Gesichte; aber immer
+führte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlängelnde Weg
+wieder in seine Nähe. Ein unnennbar freudiges Gefühl von Ruhe und
+Frieden bemächtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit,
+wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Täler rieseln
+und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht,
+wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schöne Waldungen
+bekleiden sie, fast bis zum höchsten Gipfel hinaus, und winken freundlich
+dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten.
+
+Der Anblick der armen Hütten, die wir einzeln in den Tälern, am Fuße der
+Felsen oder in der Nähe des Stroms zerstreut liegen sahen, würde uns
+schmerzhaft berührt haben, wenn die Bewohner mit ihrem kläglichen Lose
+weniger zufrieden geschienen hätten. Wir sahen große Armut, aber nicht
+eigentliches Elend. Jede Hütte hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die
+Einwohner nährt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr
+kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lüneburger Heide,
+welche ihnen Milch, Käse und die notwendige Kleidung gewähren.
+
+Die Häuser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten
+menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, daß man
+nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen,
+oft ohne allen Mörtel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos
+und Lehmerde verstopft, Türen aus Brettern schlecht zusammengeschlagen,
+ohne Schloß und Riegel (denn wer sollte hier Diebe fürchten?), Fenster,
+so klein, daß man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas.
+Die niedrigen Dächer von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch
+aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine Öffnung,
+durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Hütten entspricht
+dem Äußeren. Menschen und Tiere hausen unter dem nämlichen Dache
+friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag
+voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man
+deutlich, bei dem fast gänzlichen Mangel allen Hausgeräts, wie wenig
+der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fußboden besteht aus
+festgetretenem Lehm; der große Feuerplatz, dicht auf der Erde,
+ohne alle Erhöhung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an
+einer Kette hängender Kessel über dem Feuer, einige hölzerne Schemel,
+ein groß zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von
+Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit
+entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben.
+
+Das Ansehen der Männer ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr
+von jeder anderen europäischen abweicht, ist zum Teil schuld daran.
+Im Umgange verliert sich der Eindruck gänzlich, den ihr erster Anblick
+erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebräuntes Gesicht ist
+ausdrucksvoll, seine Züge sind angenehm und regelmäßig. Stiller,
+an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens;
+dennoch können sie sehr fröhlich sein. Sie sind gebildeter,
+als man vermuten möchte. Die Geschichte ihrer Väter und ihre
+Heldengesänge sind keinem fremd. Fast in jeder Hütte, in welcher
+wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl
+irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die
+Seinen erbaut. Winters mögen die Wege den Besuch der Kirchen sehr
+erschweren, doch kann gewiß nur die Unmöglichkeit den frommen Bergschotten
+davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin
+zu machen haben.
+
+"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schönes Mädchen
+auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Kälte und Schnee
+euch in euren Hütten gefangen halten?"
+
+In jedem Hause beinah hängt der Stammbaum der Familie, auf welchen
+sie oft mit Stolz blickten; gewöhnlich ist ein horizontal liegender
+geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen
+irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Königs führt.
+Aus seiner Brust sprießt der Baum, der sich in unzählige Äste verbreitet.
+Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien
+in Schottland, deren Glieder alle einen Namen führen, sich in allen
+drei Königreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber
+doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fühlen und dies gewissenhaft
+anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich
+auch vorher nie sahen.
+
+In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa
+zwanzig solcher Hütten, wie wir oben beschrieben. Sie machten
+das ganze Dorf aus. So klein sind alle Dörfer, die einzelnen Wohnungen
+liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander.
+
+
+
+Killin
+
+
+Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte
+an wurden die Felsen immer höher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite
+hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See
+Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar über
+unserem Haupte, immer höher und höher übereinander, während wir
+den längs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten.
+Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die höchsten Gipfel der Berge
+und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich,
+groß und einsam. Wir erstiegen, geführt von einem Einwohner des Tales,
+den Gipfel eines Berges. Unsere Führer nannten ihn uns Ben Lawers.
+[Fußnote: Johanna irrt hier; der höchste Berg Schottlands und damit
+auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist
+niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.]
+Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten
+nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle
+einsame Täler. Ben More, der höchste Berg in Schottland, drohte aus
+der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehüllt. Herden von jenen
+kleinen Schafen, geführt von einem einsamen Knaben, belebten allein
+die feierliche Wüste.
+
+Wir kehrten zurück zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames,
+ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees
+erbauten Hütten. Die Flüsse Dochart und Lochay fallen hier in den
+See und bilden in sanften Krümmungen kleine Halbinseln. Das Tal,
+welches diesen einschließt, ist so grün, Bäume und Sträucher wachsen
+in so üppiger Fülle, wie wir es nimmer in diesem nördlichen Winkel
+der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten,
+kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und
+steinerne Einfassungen schützen die Felder gegen Beschädigung durch Tiere
+des Waldes und der überall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben
+dies liebliche Plätzchen, als wollten sie es wie ein schönes Geheimnis
+den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht
+auf Fels und Tal am großen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest.
+Sie ist als eine der schönsten in diesem Lande berühmt, wie unzählige
+Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkünden,
+und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm.
+
+Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschöne Bucht, ein
+einsamer Kahn durchschnitt die silberne Fläche in mannigfaltigen
+Wendungen. Bäume und Sträuche spiegelten sich im klaren Wasser, die
+Felsen glühten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre
+Gipfel umwogen, glänzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns
+herüber tönten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes
+durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht.
+
+Während wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten
+unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir
+bedurften. Bald dampfte eine köstliche Lachsforelle auf dem Tisch,
+die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten.
+Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung;
+sie verdienten wohl, daß unsere modernen Gastronomen einzig um
+ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst
+die berühmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit
+von ihnen übertroffen.
+
+Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen
+an einem Wasserfall vorbei. Von einer beträchtlichen Höhe eilt er
+dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schäumend über
+abgerissene Felsentrümmer. Seit Jahrhunderten schon glänzen
+seine Tropfen gleich Tränen auf den grünbemoosten Steinen eines
+ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertönt wie
+der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd,
+die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen
+der Väter geleiteten.
+
+Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und höher, öder und
+einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten
+von allen Bergen und stürzten hinab ins Tal, durch welches bald
+silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten
+erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige
+Hütte, daß in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben.
+
+Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fußnote: Sohn des Fingal,
+Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation
+des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen
+als angebliche Übertragung alter gälischer Lieder des Ossian herausgab,
+gelangten diese Dichtungen zu großer und weitreichender dichtungs- und
+geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterließen auch in der deutschen
+Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Ströme, die Felsen,
+die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte über die Heide,
+die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger.
+Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Hügel
+der Helden und verkünden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte
+vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir,
+von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschließen, mit Ehrfurcht
+geschont und bewahrt. König Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale,
+im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte
+Stätte noch bezeichnen zu können. Ossians, seines Sohnes, Name
+und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die
+Geister der Helden können noch immer von ihrem Wolkensitze der alten
+wohlbekannten Töne sich erfreuen.
+
+Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof,
+in einer schauerlich wilden Einöde, auf der höchsten bewohnten Höhe
+der schottischen Hochlande. Der Regen stürzte jetzt in Strömen herab.
+lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten,
+einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel
+der Felsen verklärten und der Wind den Regen wild herumpeitschte.
+Gegen Abend klärte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des
+wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden
+und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande
+kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen.
+Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den
+höchsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewölk zog sich wie ein
+heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem
+Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im nächsten,
+oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe
+mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel.
+
+
+
+Dalmally
+
+
+Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch
+fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und öder. Nur das Rauschen
+der von den kahlen Felsen schäumenden herabstürzenden Bergströme
+tönte durch die leblose Stille der öden Heide. Hie und da klommen
+einige Schafe an den mit spärlichen Berggräsern und Heidekräutern
+bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann
+ein Hirtenknabe von den Höhen herab auf unseren Wagen, der ihm
+eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens
+war verschwunden.
+
+Viele halb versunkene alte Gräber zeigten, daß sonst ein mächtigeres
+Leben hier waltete. Am Himmel war geschäftige Bewegung, Nebel und
+Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel.
+
+Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus
+einer handvoll armer Hütten und wieder aus einem für diese abgelegene
+Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche
+in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den übrigen Hütten
+unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker
+entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhügel erhoben sich
+in dem kleinen Bezirke.
+
+Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen
+erreichen ein hohes, glückliches Alter. Mit sechzig Jahren dünken
+sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur
+ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen Öl
+erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen
+in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn
+gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, daß er sich
+jünger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Ländern hätte man
+ihm deren höchstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er
+eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage
+ein Tänzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt,
+denn er galt noch immer für einen der ersten Virtuosen auf diesem
+Lieblingsinstrument der Schotten.
+
+In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert.
+Ein Greis, in der Nationaltracht, saß auf einem Steine nahe
+am Kirchhofe; sein langer, schneeweißer Bart flog im Winde,
+sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen glühten unter
+einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch
+von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er
+eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhängende Akkorde wie mit Gewalt
+einzeln hervorriß. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu
+alte Volksgesänge; sein Gesang war eintönig, fast mehr Deklamation
+als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen
+auch der hundertjährige Greis; alles hörte feierlich aufmerksam zu.
+Unser Nähertreten störte weder den Sänger noch seine Zuhörer
+im geringsten, nur machten sie uns mit natürlicher Höflichkeit Raum
+in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Sänger, der mit
+seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat,
+aber überall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden.
+Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht
+Englisch. Überhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden,
+der Englisch sprach oder es auch nur verstand, außer in den Gasthöfen.
+
+
+
+Inverary
+
+
+Über steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Plötzlich senkte sich
+der Weg; ein großer silberner See breitete sich vor unseren
+erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schöne Bäume,
+kleine Gärten vor den Hütten des Landmanns und Getreidefelder
+begrenzten seine Ufer.
+
+Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch
+das grünende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten
+die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch
+geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie Überresten
+alten Gemäuers, selbst mehr in der Nähe konnten wir nicht entscheiden,
+ob es Felsen oder Ruinen wären. Kein Kahn war in der Nähe,
+uns hinüberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff.
+Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht.
+Unbefriedigt über diesen Punkt mußten wir weiter, aber der Anblick
+des Sees und seiner schönen Ufer erfreute uns umso lebhafter,
+als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Größe
+angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir später,
+daß jene Felsenblöcke wirkliche Überbleibsel eines uralten,
+zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehörenden Schlosses seien.
+Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels,
+den sie krönen, einer Insel gleich; sonst hängt mehr mit dem Ufer
+zusammen.
+
+Zu bald mußten wir uns von dem herrlichen See wegwenden,
+um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward
+wieder still, groß und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg,
+frisches Laubgehölz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten;
+bald sahen wir uns in einem schönen englischen Park, angestaunt
+von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches
+Schloß mit vier runden Ecktürmen.
+
+Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend.
+Vor uns lag das schöne große Schloß Inverary, der Sitz des Herzogs
+von Argyle, mitten in einem durch herrliche Bäume und Büsche
+verschönten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlängeln sich
+nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich.
+Im Hintergrunde erheben schöne waldbewachsene Felsen das stolze Haupt,
+seitwärts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll blühender
+Rosenbüsche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte
+Geländer, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher,
+schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze
+krönt ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr große Beschwerden
+auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher
+Schönheit genießt, die alles vereint, was die Natur Erhabenes
+und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebüsch füllen
+in der reizendsten Mannigfaltigkeit das übrige Tal.
+
+Vom Schlosse an erstreckt sich eine schöne Wiese bis hinab an
+den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen,
+der hier tief in das Land hineinläuft. Eine schöne Brücke wölbt sich
+dicht am Schlosse über ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich
+an beiden Ufern hin. Die Länge des Loch Fyne ist dem Auge unübersehbar,
+das ferne Meer, dem er angehört, begrenzt ihn; grün wie dieses
+spiegelt seine dunkle Fläche, kleine, weiße Wellen hüpfen
+wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe
+und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben
+geben.
+
+Dem Schloß seitwärts über der Brücke liegt das Städtchen Inverary,
+mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein
+sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Straßen und
+den weißen hübschen Häusern, unter denen der Gasthof sich stattlich
+erhebt. Alles sieht aus, als wäre es erst gestern fertig geworden.
+Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenüber,
+aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben
+schien, ließ sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder
+aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Großbritannien
+erleben.
+
+
+
+Arrochar
+
+
+Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schönem
+ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer längs dem
+Ufer des Loch Fyne. Wir hätten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier
+möglich wäre, wo nur eine fahrbare Straße durch das Gebirge führt: denn
+der Kastellan im Schloß von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir
+jetzt nehmen mußten, als den fürchterlichsten im ganzen Lande
+beschrieben; dunklere Klüfte, steilere, öde Felsenberge sollten wir noch
+nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er
+nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt.
+
+Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, daß wir uns
+auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See,
+das schöne Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke.
+Mehrere Stunden hindurch ging es immer höher und höher, über nackte
+Felsen, durch dunkle enge Klüfte, zuweilen durch düstere Täler,
+dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines grünes Moos deckt wie ein Teppich
+das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und
+öde Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertönt in diese Wüste
+als das Brausen der Felsenbäche, die hin und wieder hinabstürzen;
+keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, außer zuweilen
+eine jener armen Hütten, neben dem schäumenden Bache in eine
+Felsenecke gedrückt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen
+machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter müssen ihre
+Bewohner, ausgeschlossen von aller Möglichkeit, zu Menschen zu kommen,
+ein Leben führen wie auf einer wütenden Insel, und noch verlassener
+hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich
+lächelt. Dennoch verändern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Öde
+trägt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich
+erhabener Größe. Die mächtigen Felsen stehen ringsumher wie
+anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Blüte
+des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel,
+ohne sie zu verhüllen; ihre Häupter sind umwogen von ewigen Nebeln,
+die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft
+schwebt über Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch
+vereinend.
+
+Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and
+be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen
+der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg
+bahnten.
+
+Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege
+durch diese Wüste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehüllten
+Hochländer. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig,
+eine nahe Anhöhe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht
+sich uns eröffnete.
+
+Doch übersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen
+Kronen unzähliger anderer, von aller Vegetation entblößter Berge;
+die Wasserfälle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in
+dunklen Tiefen verlieren, ohne daß wir ihr Brausen auf dieser Höhe
+vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch
+das schauerliche Tal Glencoe [Fußnote: dieses Tag liegt am Ostende
+des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen.
+Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds
+durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft
+gewährt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
+in einer Nacht unter dem meuchelmörderischen Schwerte der nach Rache
+dürstenden Engländer fielen, weil sie mit Treue dem Könige anhingen,
+den sie als den einzigen rechtmäßigen Erben der schottischen Krone
+anerkannten.
+
+Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen
+am Fuße der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, düsteren Täler,
+die so enge sind, daß sie, größeren Felsspalten gleich, wohl nur
+wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen
+wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kümmerlich
+die Spitzen der Heidekräuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte
+uns dunkelblau ein Wasser und etwas Grün entgegen: es war Loch Long,
+an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise.
+Nun ging es tief hinab, immerfort über öde Felsen, durch
+düstere Klüfte und enge Täler, bis zu den Ufern des Loch Long,
+der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet.
+
+Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender
+Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht
+aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten über
+sie hin, während auch im Sonnenscheine die Bergwasser glänzen,
+die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen.
+
+Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Hütten umgeben,
+liegt hart am Ufer des Sees. In früheren Zeiten war dieses Haus
+der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man
+in dessen Bauart die Spuren jener höheren Bestimmung.
+
+
+
+Loch Lomond
+
+
+Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich
+zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schönsten
+und größten Sees in den Hochlanden. Ländliche Anmut und erhabene Größe
+wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die prächtigen,
+größtenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu drängen, als wollten
+sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder
+zurück, und Wiesen und Felder umgeben das glänzende Gewässer.
+
+Zuerst empfing uns ein frischer, grüner Wald am Ufer; unter hohen
+Laubgewölben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes
+im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der höchsten,
+über die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg;
+wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns,
+unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze,
+herrliche See da, besät mit kleinen und größeren grünenden Inseln,
+zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weiße,
+sich kräuselnde Wellchen belebten die silberne Fläche, aus der
+auf der anderen Seite der mächtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt,
+bis zu den Wolken, die sein Haupt verhüllen.
+
+Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schönheit, daß jeder Versuch,
+sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos wäre; aber nie werden wir
+den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten.
+
+Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Dörfchen Luss, leider
+dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen
+gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten
+hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte
+zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich,
+ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Mädchen hatten
+nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Männer nicht, dennoch
+ihre Nationaltänze aufzuführen und sich vortrefflich dabei zu divertieren.
+Das pferdemäßige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem
+wohlgelungenen Sprunge würde uns in's Freie getrieben haben,
+wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt hätte. Nur für
+die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war
+ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, daß wir ihn alle Augenblicke
+aus dem Zimmer komplimentieren mußten. Seine Tochter, ein sehr
+hübsches Mädchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich
+alle Mühe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung,
+immer strebend, das kindliche Verhältnis nicht zu verletzen,
+und wieder wie beschämt, daß wir, die Fremden, die so weit herkamen,
+ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch
+an Bequemlichkeit leiden mußten.
+
+
+
+Glasgow
+
+
+Hinter Luss ward die Gegend allmählich flacher, der Weg besser;
+alles kündigte uns an, daß wir das Land der Poesie verlassen und
+zurückkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton
+schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen,
+die uns über so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal
+geführt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber
+die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere
+schöne Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterländischen Gebirgen,
+von denen diese, die wir jetzt verließen, sich indessen so merkwürdig
+als merklich unterscheiden.
+
+Die Gegend von Dumbarton ward als schön gerühmt; unsere Phantasie
+war nur von der nächsten Vergangenheit noch zu sehr erfüllt,
+als daß wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Städtchens
+schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darüber emporragender Fels,
+dessen steilen Gipfel ein festes Schloß krönt, nimmt sich malerisch aus
+mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge
+umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir
+gegen Abend in Glasgow an.
+
+Die Stadt ist ziemlich groß; schöne breite Straßen und Plätze,
+sehr hübsche, von Quadersteinen erbaute Häuser erinnerten uns an Edinburgh.
+Auch hier fanden wir wie dort in allen Häusern breite steinerne Treppen,
+mit eisernen Geländern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner
+sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als großen Vorzug
+vor London preisen. Dort, meinen sie, könne man in einem oberen Stockwerke
+keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskäme,
+in der entsetzlichsten Gefahr wäre, elendiglich umzukommen.
+
+Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine
+lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman ließ uns auf
+das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer
+besuchen zu dürfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr höflicher
+Herr mit ein paar dicken Büchern unter dem Arme und erbot sich,
+als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen,
+daß wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Französisch
+untereinander sprachen, und hielt uns folglich für eine ausgewanderte
+französische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten müsse.
+
+Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind
+hier zu Hause; übrigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch
+erkundigen mochten, irgend ein merkwürdiges Gebäude oder sonst einen
+Gegenstand angeben, welcher für ein nicht kaufmännisches Gemüt näherer
+Betrachtung würdig gewesen wäre. Wir ruhten also, im eigentlichsten
+Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die
+Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, wären doch nur
+Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig
+die ganze Zeit über, wir sahen es mit Vergnügen regnen und dankten dem
+Himmel, daß er diese Sintflut nicht in den Hochlanden über unsere
+Häupter herabströmen ließ.
+
+Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anständig,
+zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften,
+die wir schon an ihren Landsleuten rühmten, mit der Wohlhabenheit und
+allem vernünftigen Luxus, welchen der hier blühende Handel nur
+gewähren kann.
+
+
+
+Die Fälle des Stromes Clyde
+
+
+Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter
+nach Lanark, um die berühmten Wasserfälle des Clyde zu sehen.
+Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg
+sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal,
+durchschlängelt vom schönen Strome Clyde; Gehölze, Äcker, Landsitze,
+Dörfer wechselten höchst anmutig.
+
+An einer Stelle, wo dichtes Gehölz uns den Anblick des laut
+brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr
+steilen und schlüpfrigen Flußpfad hinab bis an das Ufer des Stroms.
+Ganz in Schaum verwandelt stürzt er hier laut brausend von einer
+beträchtlichen Höhe hinab, über große Felsstücke, und windet sich
+dann zürnend und schäumend weiter durch das liebliche Tal.
+Die hohen, malerischen Felsen, bekränzt mit schönem Gesträuche
+und hohen Bäumen, von welchen wieder leichtere Efeukränze hinflattern
+in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die große Wassermasse,
+die hier herunterstürzt, der Kontrast des Schaumes, weißer als Schnee,
+mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Grün, die Millionen
+Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzückte uns
+und hielt uns lange fest. Wasserfälle soll man aber nicht malen,
+weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung
+fühlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt.
+
+Ziemlich spät langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten
+wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen
+größeren Fällen des Stroms.
+
+Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehört zu den schönsten
+im unteren Schottland. Eine Meile ging es über Berg und Tal durch
+frisches, dichtes Gehölz hin; nun erstiegen wir mühsam einen ziemlich
+hohen Berg, höhere Felsen drohten über ihm gen Himmel. Als wir oben
+waren, erschreckte uns die fürchterlich schönste Ansicht, die wir
+jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch
+war's unmöglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen
+steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns
+und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde,
+der kleinste Unfall am Wagen wäre unvermeidlicher Tod gewesen;
+es war unmöglich, den Wagen halten zu lassen, unmöglich an der Felsenwand,
+an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergaßen wir
+alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschönen Tales, das uns
+viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte,
+durchströmt vom Clyde, der zögernd zwischen den blühenden Gärten
+und fruchtbaren Feldern sich fortwand.
+
+Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier
+große ansehnliche Gebäude mit schönen Gärten. Es sind Baumwollspinnereien,
+deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden.
+Wir sahen die Räder behend sich drehen, die kleinen Fälle, welche
+durch diese veranlaßt werden, blitzten wie flüssiges Silber;
+aber wir hörten nicht ihr Geräusch, es war zu tief unter uns.
+
+Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehölz
+empfing uns wieder in seine Schatten, laut hörten wir den Strom
+donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten
+hinein, erstiegen einen kleinen Hügel, und vor uns stürzte der Strom,
+weit wasserreicher und majestätischer als gestern, über wilde
+hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn
+abermals über noch höhere Felsen, in noch tiefere Abgründe gewaltig
+herabbrausen. Er fällt von einer so steilen Höhe, daß er einen Bogen
+bildet; wer es wagen will auf dem schlüpfrigen Boden, kann zwischen
+dem Felsen und der großen Wassermasse hingehen. Unten in dieser
+kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es muß ein
+betäubendes Gefühl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und
+Wogen über seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten
+davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab,
+der bloße Anblick des Wagestücks schreckt zurück.
+
+Als wir den Garten verließen, fuhren wir an einem schönen Landhause
+vorbei, zu welchem er zu gehören scheint; wir wünschten dem Besitzer
+desselben Sinn für sein Glück.
+
+Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenuß uns zu erfreuen,
+denn öde und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen,
+elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel,
+und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Städtchen
+Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem
+sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden
+des vergangenen Tages.
+
+Moffat ist ein kleiner, von den Schotten häufig besuchter Badeort;
+die hiesigen Heilquellen werden für sehr wirksam gehalten, nur konnten wir
+nicht erfahren, für welche Gattung von Übeln sie eigentlich gebraucht
+werden. Für die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Bäder.
+Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Städtchen selbst sieht
+sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den
+hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Bällen,
+noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, daß wohl nur Kranke
+herkommen, denn für körperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein.
+
+Über Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green,
+einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend,
+wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von großer Wichtigkeit.
+Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben.
+Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormünder, Onkel und Tanten
+in England, die reiche oder schöne Mädchen zu hüten haben; der Trost
+und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz
+mit Romanlektüre anfüllen, der Hafen, nach welchem alle Glücksritter
+zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen
+nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe
+des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich
+ein solides Glück zu machen.
+
+In Gretna Green wohnt nämlich der alte berühmte Hufschmied, der die
+unauflöslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter,
+und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn
+in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots,
+keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar
+geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und
+ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm
+ohne weitere Umstände getraut. Diese Trauung ist so gültig und vor allen
+britischen Tribunalen so unauflöslich, al wäre sie von dem ersten Bischof
+im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten,
+ein von irgend einem widerwärtigen Argus bewachtes Liebchen hat,
+der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise,
+mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach
+Gretna Green, dem nächsten schottischen Grenzorte, wo oben erwähnter
+Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten.
+
+Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen
+Dingen sprechen, kaum, daß sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem
+zeigte; gern hätte sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern
+sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit
+Inschriften und Namenszügen glücklicher Paare angefüllt, die ihrem
+wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenständen ihre süßen,
+freudigen Gefühle anvertrauten.
+
+Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns
+war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hörten wir,
+daß Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare
+in einem Tag anlangen.
+
+Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green
+auf englischem Boden, daß man uns nirgends anhielt, um Wegegeld
+zu fordern; alle Schlagbäume flogen gleich auf, und die Zöllner kamen
+sehr gefällig in die Gasthöfe, wo wir Pferde wechselten, das Geld
+zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt,
+den Flüchtlingen [Fußnote: England hatte nach der Revolution
+in Frankreich viele Flüchtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten.
+
+
+
+ENGLAND
+
+
+Die Lakes
+
+
+Über Carlisle, ein hübsches, lebhaftes Städtchen, das erste wieder
+auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus
+die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten
+Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefähr zwanzig Jahren
+ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich
+von der schönsten Natur entzücken zu lassen. Die Londoner nennen
+diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland
+die Gegend bei Schandau die sächsische Schweiz nennt, und auch
+ungefähr mit dem nämlichen Rechte.
+
+Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, öde Gegend, bis ganz nahe
+vor Keswick. Hier öffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal;
+ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben.
+Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schönen Formen
+noch die imposante Größe der schottischen.
+
+Keswick ist ein kleines, freundliches Städtchen mit sehr angenehmen
+Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden hätten, wären wir
+nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhügel
+verschwinden gegen jene gigantisch übereinandergetürmten Kolosse;
+diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an
+Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen;
+sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch
+die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen.
+
+Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schöner, die Felsen werden
+höher; nur vermißten wir die Wälder, die in Schottland die niedrigeren
+Berge mit ihrem wechselnden Grün bekränzen. Zuerst kamen wir wieder an
+einen See, der, unregelmäßig, bald breiter, bald schmäler, sich durch
+das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heißt Derwentwater, und
+gern begrüßten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks
+Felsen bespült. Einige hübsche Landsitze liegen sehr angenehm an den
+Ufern des Sees; Berge, Bäume, Felder, umgeben ihn in reizender
+Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal
+empfing uns, als wir den See verließen, durchrauscht von einem
+lebendigen Flüßchen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen
+kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heißt. Einige
+Brücken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier
+lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als sähen
+wir ein Miniaturgemälde jener berühmten Gegenden.
+
+Nahe bei Ambleside öffnen sich weit ausgebreitete Aussichten,
+die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher
+uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier
+die Welt vor uns in mannigfaltiger Schönheit, verschiedene kleinere Seen
+blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut
+einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch;
+von allen Seiten bieten sich schöne Aussichten auf die benachbarte
+Landschaft dar; aber die schönste derselben erwartete uns jenseits
+des freundlichen Städtchens.
+
+Ein großer spiegelheller See trat allmählich zwischen Bergen und
+Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt
+scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Grün bekleidet,
+mit Gebüsch und Bäumen gekrönt. Auf der größten dieser Inseln
+erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers,
+umgeben von freundlichen Gärten. Sie heißt Curwens Insel,
+nach dem Namen ihres Eigentümers. Zierliche, zu jener Villa
+gehörige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet
+Freude und Lust.
+
+Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schönheit:
+rauhe, zackige Felsen, grüne bebaute, zum Teil waldige Hügel,
+prächtige, einzeln stehende Bäume, Wiesen, Kornfelder, Dörfer,
+einzelne ländliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch.
+Die Berge von Keswick schießen die bläulich dämmernde Ferne.
+In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner
+Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schönsten Stellen
+erbaut. Der See heißt Windermere; er enthält mehrere Stunden
+im Umfange und ist der größte in England.
+
+
+
+Lancaster
+
+
+Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser berühmten Gegend,
+gesehen hatten, hielten wir es für überflüssig, auch die übrigen
+kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher
+unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut
+wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder groß, noch lebhaft,
+noch hübsch. Viele Quäkerfamilien [Fußnote: eine um die Mitte des
+17. Jahrhunderts vom G. Fox gegründete Religionsgemeinschaft.
+Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhängern 1689
+die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem
+in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute
+stellen sich jetzt im Äußeren mehr den Kindern der Welt gleich.
+Selten nur hört man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde;
+auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung
+haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie
+vor anderen auszuzeichnen.
+
+Die Mädchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen
+von Lancaster, Lancaster Witches, als die schönsten in ganz England
+berühmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster
+auf Beweise, daß sie dieses Ruhms vollkommen würdig sind.
+Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quäkermädchen in ihrer
+anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie
+sich gewöhnlich kleiden, die Schürze und das große Halstuch
+vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Hütchen, alles ohne
+die mindeste Verzierung, geben den frischen, blühenden Gesichtern
+eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Klösterliches in ihrer
+Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln,
+so erregen sie nicht das beängstigende Mitleid wie die Nonne;
+auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer,
+als jene gotische entstellende Verhüllung.
+
+Wir reisten über das sehr hübsche, freundliche Fabrikstädtchen Preston
+nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch
+einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land
+so flach als möglich, unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchkreuzt,
+Gräben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten
+Landstraßen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte
+Ansehen der holländischen Landhäuser fehlte. In England wird kein Haus
+von außen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher
+die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes,
+rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewöhnten Auge mißfällt.
+Nichts ist dagegen hübscher und freundlicher als die ländlichen
+Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmäßig alle Jahre
+mit Ölfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefärbt,
+die Fugen derselben weiß gemacht; alles sieht daher immer neu aus
+und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich fröhliches und wohlhabendes
+Aussehen.
+
+
+
+Liverpool
+
+
+Diese Stadt, nächst London die größte und bedeutendste in England,
+steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schönheit als des Umfangs,
+weit hinter Edinburgh zurück. Aber Handel und Betriebsamkeit
+haben über Liverpool ihr Füllhorn ausgeschüttet, und Reichtum und
+Luxus glänzen dem beobachtenden Fremden überall entgegen.
+
+Die reichen Kaufleute wenden ihren Überfluß auf eine sehr zweckmäßige
+Weise an, indem sie die an sich nicht schöne Stadt mit vielen neuen,
+prächtigen Gebäuden verzieren. Vier neue palastähnliche Kaffeehäuser,
+Newshouses, Neuigkeitshäuser hier genannt, sind seit kurzem
+durch Subskription erbaut; ein schönes Theater, ein Konzertsaal,
+ein großer Gasthof, viele mildtätige Anstalten, welche der Menschheit
+Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein.
+Das prächtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kräfte sind
+aber die Docks.
+
+In diesen künstlichen Häfen liegen die Schiffe sicher und bequem,
+fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert,
+aus- und eingeladen, und überdies sind die Ladungen vor Dieben
+sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kräfte, um sie
+zustande zu bringen, sind aber auch für den Handel vom größten Nutzen.
+
+Die Promenade längs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewühl,
+das Schreien, das Drängen und Stoßen ist betäubend, der Seegeruch
+unangenehm, aber der Anblick der offenen See über die Docks hinaus
+entschädigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit
+wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir
+es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes.
+Das Meer verschönert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe
+erhält dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen
+tönt wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herüber, und
+wir horchen gern mit stiller Wehmut zu.
+
+Wir haben schon bemerkt, daß Liverpool keine eigentlich schöne Stadt
+sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen
+aus. Doch müssen wir die schönen Wohnungen verschiedener reicher
+Kaufleute erwähnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert
+von dieser, auf einer mäßigen Anhöhe erbaut sind. Höchst elegant
+eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens
+auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl
+nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt täglich vergrößert
+und man schon jetzt berechnen kann, daß im Verlauf von einigen Jahren
+jene Häuser mitten in ihr und in ihrem Gewühl liegen werden.
+
+Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein
+wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort
+an dem allgemeinen Interesse im Gespräch, welches die Fremden
+bald einheimisch macht. Sind die gewöhnlichen Redensarten, welche
+in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette
+herbeigeführt werden, abgetan, hat man über Wetter und Wohlbefinden
+sich ausgesprochen, so ist man in der Regel übel daran, wenn man
+von Handel und Politik nichts weiß oder nichts wissen will.
+
+Die Männer dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen,
+sie kennen fremde Sitten und Gebräuche; dies macht sie wenigstens
+toleranter gegen Ausländer. Die Frauen aber sind echte Engländerinnen
+im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen
+die höhere Bildung, die denn doch in einer großen Stadt wie London
+leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafür haben sie
+sich tausend Bedürfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum
+und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran
+nicht Gewöhnten aber höchst lästig und peinlich werden.
+
+Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit,
+die dem Engländer in Städten sonst weder eigen ist noch seiner
+Einrichtung nach sein kann; daß aber die Langeweile an ihren
+wohlbesetzten Tischen auch hier gewöhnlich präsidiert, kann
+nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen
+aufbrechen und den Männern bei Wein und Politik freien Spielraum
+lassen.
+
+In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quäker-Familien;
+doch sind sie hier sehr ausgeartet und schämen sich ihrer alten
+einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich;
+besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein
+wollen, ungemein link. Sie, deren Väter selbst vor dem Könige
+nicht den Hut abnahmen, grüßen jetzt, zum Beispiel auf der
+Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei
+sie sind; ungefähr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie
+Bildung an den Tag zu legen, sich an öffentlichen Orten mit
+Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Läden fanden wir
+noch Quäkerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion
+ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so höflich und
+bescheiden, daß unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht lächerlich
+schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer
+von vorzüglicher Güte, sie überteuern niemand, und kein Feilschen
+und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen würde.
+
+Das Theater ist nicht groß, aber sehr elegant und bequem eingerichtet.
+Man hört überall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung
+ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wünschen übrig.
+Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele,
+welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen
+damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen
+freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht
+über die beschränkteste Mittelmäßigkeit hinauszugehen.
+
+Die Zuschauer waren weit weniger lärmend als in London; unter ihnen
+bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen,
+die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet,
+saßen leichenblaß, starr und steif nebeneinander, wie Tote,
+mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze
+herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen.
+Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so
+zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, daß man deutlich sah,
+jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!"
+
+Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten
+erwähnt, die hier der Wohltätigkeit und dem Reichtume der Einwohner
+ihr Dasein verdanken. Eine davon, für Blinde, besuchten wir
+mit Freude und Rührung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch
+nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geräumig genug wäre,
+daß all diese Unglücklichen darin wohnen können. Deshalb sind sie
+in der Stadt in Privathäusern eingemietet, aber sie versammeln sich
+alle Tage in dem für sie eingerichteten Gebäude, Asylum genannt;
+dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik,
+in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten
+können, und bringen übrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu.
+In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten
+eine Orgel. Als wir in letzteres traten, saß ein junger Blinder
+an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Mädchen, seinen
+Unglücksgefährtinnen. Sie sangen dreistimmig eine rührende Klage,
+gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst
+ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein,
+sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestört fort;
+gerührt standen wir am Eingange des Zimmers still und hüteten uns
+wohl, sie zu unterbrechen.
+
+Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Unglücksgenossen
+immer heiter und froh und gesprächig. In einem unteren Zimmer
+fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Mädchen, Räder und
+Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer,
+wo sich Männer und Jünglinge mit Korbflechten beschäftigten,
+ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit
+und zierliche Form der Körbchen, sie flochten sogar Muster
+von grünen und roten Weiden hinein und wußten diese von den weißen
+durchs bloße Gefühl auf das genaueste zu unterscheiden.
+
+Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nützliche Arbeiten,
+welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt
+verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher
+unter ihnen. Diese Anstalt gehört wohl zu den zweckmäßigsten
+und wohltätigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien,
+strebt sie nur den Unglücklichen wirkliche Hilfe zu leisten,
+sie soweit möglich zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft
+zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit
+und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequält
+wie in anderen ähnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit
+das Ehrwürdigste sein wollte, das Unglück, zum Zeitvertreib
+einer müßig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwürdigt.
+
+Am Tage, ehe wir Liverpool verließen, erscholl plötzlich
+von allen Türmen ein betäubendes Glockengeläute, welches eine
+ganze Stunde ununterbrochen fortwährte; die Glocken erklangen lustig
+bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten,
+die ganze Skala durch, nach Gusto der Künstler. Jeder von diesen Herren
+bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich
+an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht
+einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds
+der königlichen Familie würde gefeiert oder wenigstens eine große,
+vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloß häuslichen
+Freudentagen darf jeder Engländer mit allen Glocken läuten lassen,
+wenn er dafür bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern
+eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war
+die Ursache alles dieses Lärms. Diese hat in ihrem Testamente
+sämtlichen Liverpoolschen Künstlern eine gebratenen Hammelkeule
+mit Gurkensalat und dem dazugehörigen Porter für jeden Donnerstagabend
+das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren
+dieses Gastmahl in Gesellschaft, müssen aber vorher mit ihren Glocken
+einen furchtbaren Lärm machen, der die Nachbarn der Kirchen
+in Verzweiflung bringt; alles zum Gedächtnis des Namens
+der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art
+von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist
+als manche andere.
+
+Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso holländisch als die,
+durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als möglich,
+aber höchst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanälen.
+Über Warrington, ein sehr freundliches Städtchen, berühmt durch
+Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester,
+von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley.
+
+Die englischen Landstraßen werden mit Recht im Durchschnitt
+als höchst vortrefflich gepriesen. Aber in der Nähe großer Fabrikstädte,
+wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und
+her rollen, sind sie es weit weniger und müssen den Chausseen
+um Dresden, im Dessauischen, im Österreichischen und anderen
+in Deutschland den Vorrang einräumen.
+
+Eine Unannehmlichkeit für fremde Reisende in England besteht darin,
+daß es sehr schwer wird, früh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit
+der Gasthöfe ist es dennoch unmöglich, vor sieben Uhr morgens
+das Frühstück zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten
+schlafen bis spät in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser
+ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich
+nicht weiter als höchstens zur Herbeischaffung der Pferde.
+Diese Beschwerde fühlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche:
+denn die Engländer sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden
+nach dem Aufstehen zu frühstücken und reisen immer eine oder
+ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geröstetem Butterbrote
+verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen
+folgen wollten, fanden wir das Haus in so großer Unordnung und
+Unsauberkeit, daß es uns unmöglich war, den Wagen zu verlassen.
+
+Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung
+der Nation gegen die gefürchtete Landung der berüchtigten Bateaux plats.
+Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstätten, Läden
+standen die Hälfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch
+schöne Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte
+der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie
+freilich wie die päpstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade.
+
+Nach dem Exerzieren wurden in Gasthöfen bei großen gemeinschaftlichen
+Gastmählern die durch diese patriotische Anstrengung erschöpften Kräfte
+hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz
+und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals
+durch ganz England, und die Chefs der darüber leerstehenden Comptoires
+und Fabriken wollten ob der großen Vaterlandsliebe der jungen Helden
+schier verzweifeln.
+
+In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest
+gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich
+abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen.
+Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch;
+alles grün, über und über. Dann gerieten wir wieder zwischen
+unfruchtbare hohe Felsen. Dürftig mit Heidekraut bewachsen,
+boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns
+durch erhabenen Schönheit dafür zu entschädigen. Kurz vor Middleton
+kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schönerer Form
+sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter über noch höhere
+und freudenlosere Berge bis Sheffield.
+
+Dies ist eine große, aber nicht freundliche Manufakturstadt.
+Kohlendampf, üble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede
+überall. Die Straßen hallen wider von wildem, wüstem Geschrei
+und Gehämmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen.
+Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schöne Stahl- und
+plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort
+nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns
+in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam,
+Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schöpfen.
+
+
+
+Wentworth House und Rotherham
+
+
+Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren.
+Obgleich groß und angenehm, zeichnet er sich dennoch übrigens
+nicht aus; ebensowenig die Gärten und Anlagen.
+
+Das Merkwürdigste hier sind die prächtigen Ställe; sie gleichen
+wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden.
+Sie umschließen einen großen viereckigen Hof von allen Seiten.
+Der eine Flügel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebäudes
+ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir
+eine Menge der schönsten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde,
+meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene berühmte Renner,
+welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten.
+Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt
+Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge
+der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte
+allen unangenehmen Geruch. Über dem Stande der vornehmsten Pferde,
+der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer
+werten Eltern und bisweilen ein noch längerer Stammbaum zierlich
+geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich große Spiegel
+vor sich, um zu bezwecken, daß ihre Nachkömmlinge ihnen an Schönheit
+gleich würden.
+
+In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr hübsches
+persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es wäre über zwanzig Jahre alt.
+Zahm wie ein Hund und auch nicht viel größer, kam das zierliche Tier
+auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen.
+
+Müde und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir
+unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwürdigkeiten anderer Art
+erwarteten.
+
+Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal
+nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen.
+
+Diese Eisengießerei, an Größe und Bedeutung die nächste jener nach Carron,
+gehört Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere
+Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker
+hatten, so genügte ihm doch schon ein Blick auf einige offene
+Adreßbriefe, die wir von London aus für andere Orte in England
+mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns überall herumzuführen.
+Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt,
+geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt
+versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme
+Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Rußland,
+teils roh, teils in langen Stangen.
+
+Die Eisengießerei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft
+schönen Anblick geben die hochsprühenden Flammen und Funken,
+die roten zischenden Feuerströme, welche sich mit glühendem Schein
+langsam hinwälzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken,
+um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen,
+kolossalen Männer, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her
+beschäftigen. In Rotherham ward die große eiserne Brücke gegossen,
+die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch größere,
+ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier
+in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen
+Brücken an bis herab zum demütigen Plätteisen. Man verfertigt hier
+auch viel schönes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens
+der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr häufig
+zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und
+Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung,
+dergleichen Dinge zu gießen, statt sie zu hämmern, ist ihr Gebrauch
+ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit
+dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb
+so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es
+seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug.
+
+Das Glück wollte uns so wohl, daß wir eine vierundzwanzigpfündige
+Kanone gießen sehen konnten. Aus zwei Öfen floß brausend
+das flüssige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedämmte Kanäle,
+die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam
+in die tief eingegrabene Form stürzte. Dantes Hölle und der feurige
+Phlegethon [Fußnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie]
+waren bei diesem Anblick die nächstverwandten Ideen.
+Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man
+die Form und bringt sie so heraus.
+
+Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen.
+Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen,
+doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch
+äußerten, sie zu sehen. Die dazu nötige Maschine wird vom Wasser
+getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Mündung
+der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest.
+Ein platter Stahl, ungefähr einen halben Zoll stark, mit scharfen
+Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der übrigens
+ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser
+getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt
+zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus
+der Öffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben.
+Es ist unmöglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall
+wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch
+mit seiner Stärke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er
+hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt,
+die sich aber auch an dem ohnmächtigen Herrscher oft furchtbar
+rächen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann,
+und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter
+zu vernichten.
+
+
+
+Nottingham
+
+
+Über das artige Städtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham,
+einer schönen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele
+und große Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby,
+durch eine sehr reizende Gegend, dicht besät mit Parks und
+freundlichen, zum Teil schönen Landhäusern, zwischen welchen
+einige stolze Schlösser der Großen sich stattlich erheben.
+Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reißaus; doch
+auf diesen schönen und lebhaften Straßen hat solch ein Vorfall
+wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen
+als ein großes Motiv paradieren muß. Unsere flüchtigen Pferde
+wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken,
+doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir
+uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise
+war das Merkwürdigste, was Derby darbietet, schon bewundert;
+deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick.
+
+Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein,
+arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn:
+denn hier erblickte Shakespeare [Fußnote: das Grab ist heute bekannt
+und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk
+des Geburtshauses stammt tatsächlich aus der Zeit Shakespeares]
+zuerst den Tag, hierher kehrte er zurück am Ende seiner großen Bahn,
+und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiß recht die Stätte,
+aber in der Westminster Abtei, dort wo die Könige ruhen,
+strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist.
+
+Wir ließen uns zu der Hütte fahren, in welcher sein Vater,
+ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkämmer, einst wohnte,
+wo der große Geist, seiner selbst nicht bewußt, in der engen
+Eingeschränktheit ängstlich und beklommen sich fühlte, bis ins
+sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Außenwelt,
+an den Banden riß, die ihn einzwängten, und endlich, nach mancher
+wilden, ungezügelten Äußerung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete
+Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh
+und frei seinem Genius folgte.
+
+Die armen Lehnwände des Hauses können sohl schwerlich schon vor
+weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords
+Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde
+aber ist ein alter hölzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische
+eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine große steinerne
+Platte liegt davor; hier hat gewiß Shakespeares Vater gesessen,
+eifernd über die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei
+aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein mußte.
+
+In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein großes altes Bettgestell,
+in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein
+Stammbaum hängt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt,
+der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er über diese
+heilige Stätte: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden
+bei seiner Dürftigkeit eine sehr willkommene Hilfe.
+
+
+
+Tewkesbury und Cheltenham
+
+
+In dem kleinen freundlichen Landstädtchen Tewkesbury vernahmen wir,
+daß dort in einigen Tagen ein großes Pferderennen gehalten werden sollte.
+Unter den Wölfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den
+Engländern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen
+also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen,
+dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurückzukehren,
+und reisten nach Cheltenham ab.
+
+Dieser berühmte Brunnenort ist ein hübsches Städtchen, in einem
+angenehmen, von Hügeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht
+neu aus. Die Stadt ist größtenteils während der letzten vergangenen
+fünfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefähr ist es, daß die dortige
+Quelle bekannt und berühmt ward.
+
+Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile
+langen Straße, an welche sich kleine Nebenstraßen und einzelne Gebäude
+anschließen. In dieser Hauptstraße mit den schönsten Gebäuden,
+den glänzendsten Läden, Leihbibliotheken und Kaffeehäusern wogt
+die schöne Welt den Morgen über langsam und, wie es uns schien,
+auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gähnend zu zweien
+und dreien aus einem Laden in den anderen, während die Herren
+mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise
+hinzubringen suchen.
+
+Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England
+heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnügen
+zur Arbeit. Wenn der Morgen überstanden ist, so helfen Bälle,
+Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft,
+die übrigen Stunden hinzubringen; für alles dies ist gesorgt,
+wenn auch nach etwas verjüngtem Maßstabe. Während der Saison
+präsidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer
+über dort müßige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen
+der englischen Bäder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise
+behalten wir uns vor ausführlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung
+von Bath, dieser Königin aller englischen Badeorte, kommen.
+
+Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham führt, wird
+für eine der schönsten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr
+in diesem Lande die große Seltenheit gerader, von hohen Bäumen eingefaßter
+Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier
+von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuß
+lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas
+schwerfälligen Tempel eingeschlossen, daneben ein hübscher Saal
+zum Gebrauch der Brunnengäste bei schlechtem Wetter, und in diesem
+ein Buch zu Subskriptionen für die Erhaltung der Promenade, des Saals usw.
+Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen
+und Stand; im Unterlassungsfall wird er für einen Nobody angesehen
+und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade
+befindet sich noch eine gewöhnliche englische Gartenanlage;
+ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegäste bestimmtes Gebäude
+schließt hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet
+der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue.
+
+Es ist ein hübscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr,
+der gewöhnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den
+ehrwürdigen Bäumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz,
+welcher die Engländerinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt,
+und hier, in diesem grünen Dämmerlichte, zeigen sich die weiß gekleideten,
+nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar hält
+diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Engländer
+sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schönste in der Welt.
+Während man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr
+charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande
+Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und läßt laut
+ihr God save the King und Rule Britannia erschallen.
+
+Eine wunderliche Einrichtung ist's, daß man nicht anders als
+über den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar
+ganz artig, mit hübschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen
+besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken
+Ideen erwecken, die deren Heilkräfte schwächen könnten.
+
+Das Wasser von Cheltenham wird hauptsächlich gegen Hautschäden, Skorbut
+und ähnliche Übel gebraucht. König Georg der Dritte brachte durch
+einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses
+sehr übel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten,
+vielleicht angeborenen Hautübel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag
+verging, aber der gute Georg geriet darüber in den traurigen
+Gemütszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fußnote: Georg III.
+regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas
+Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter
+Anfällen von Geistesgestörtheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen
+Dämmerzustand, der nach einem völligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft
+des Prinzen von Wales erforderlich machte.]
+
+Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief;
+ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe
+zu Wagen und zu Roß.
+
+Dort war alles in geschäftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock
+angezogen, hübsche Mädchen in weißen Kleidern und gelben Nankingschuhen
+liegen überall munter und fröhlich umher. Eine Bande Seiltänzer
+und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier für den Abend
+Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch
+für die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles
+im Städtchen Tewkesbury für Lärm machen mußte, und wie die jungen,
+dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim bloßen Herrlichkeit
+ungewohnten Herzen schon beim bloßen Gedanken daran rascher schlugen.
+Und noch dazu alle die glänzenden Herren und Damen aus Cheltenham,
+die Equipagen, schönen Pferde, Bedienten und der übrige Troß,
+es war zum Entzücken! Glücklich, wer wie wir beizeiten für Wohnung
+und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in
+dem Gewühle schwerlich ein Unterkommen zu finden.
+
+Um zwölf Uhr zog alles, Mann und Roß und Wagen, hinaus zum Rennplatze.
+Eine große schöne Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise
+zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schließen
+rings die Aussicht. Das an sich schon recht hübsche Lokal, belebt von
+mehreren tausend fröhlichen Menschen jedes Standes, gewährte
+ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltänzer hatten die mit
+unzähligen Fähnchen recht bunt verzierten Gerüste, auf welchen sie
+den Abend ihre Künste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet;
+dieses, die türkische Musik, welche ertönte, um die Neugierde
+des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Tänzertracht,
+in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf
+ihren Gerüsten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter
+und lebendiger.
+
+Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten
+bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermüdet teilten
+sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese
+Ankündigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon
+zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler
+durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu
+verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen,
+mit Ernst und Eifer in ihren Zügen, das fröhliche Treiben der übrigen
+verächtlich anzublicken.
+
+Endlich tönte die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren
+einige berühmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser
+als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, daß wir,
+wie der größte Teil der übrigen Gesellschaft, nach Tische wieder
+zum zweiten Rennen fuhren.
+
+Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende
+eines fröhlichen Tages zu langweilen, ließen wir Ball und Assembleen,
+Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar
+die Entscheidung des großen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine
+Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide
+zugleich angekommen wären. Wir wünschten den guten Einwohnern
+von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als
+vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnügen für
+den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden
+sie erwarteten, bewunderten noch die schöne gotische Kirche,
+eine der größten und schönsten im Reiche, und fuhren fröhlichen
+Muts nach Gloucester.
+
+Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend,
+mit hübschen Häusern und breiten Straßen. Übrigens enthielt sie,
+so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere nähere Aufmerksamkeit
+auf sich zog.
+
+
+
+Bristol
+
+
+Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten
+und der Charakter der Gegend völlig von dem des übrigen England
+verschieden. Sie ist mannigfaltiger, südlicher. Grün ist nicht mehr
+so ganz die prädominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich
+auch hier in höchster Pracht darstellt. Schönere, größere Bäume
+als irgendwo, in gedrängten Gruppen, viele große Pflanzungen
+von Obstbäumen, mit Mauern statt der gewöhnlichen Hecken eingefaßt,
+zeichnen sie vor allen anderen in Großbritannien aus.
+
+Hier glüht der Goldpepping [Fußnote: Goldreinette, Apfelsorte],
+der Stolz Englands, zwischen dem hellgrünen Laube und seufzt im
+Herbst unter der Presse, um später als Cider [Fußnote: Apfelwein,
+Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren französischen
+und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier
+reift die Birne auf hohen stattlichen Bäumen und liefert den Perry
+[Fußnote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden
+Champagners von den Weinhändlern teuer verkauft wird.
+
+Der schöne Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe
+schweben auf seiner silbernen Fläche. Nahe bei Bristol wird er
+tief genug, um selbst große Schiffe von vierzig bis fünfzig Kanonen
+zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten
+Gegenden, fällt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen,
+der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig
+die schönsten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer,
+der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in höchstem
+Reichtume, den weiser Fleiß und ein vortrefflicher Boden nur
+gewähren können.
+
+Die Stadt schien uns größer als Edinburgh. Straßen und Plätze
+sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit
+schönen Privathäusern sowohl als öffentlichen Gebäuden und Kirchen,
+unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe
+als ehrwürdige gotische Gebäude sich auszeichnen. Das Theater
+ist groß, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite
+mit korinthischen Säulen verzierte Gebäude, in welchem unter
+der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Bälle
+während der hiesigen Badezeit statt haben.
+
+Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Königin der Städte
+thront es ebenfalls auf sieben Hügeln, und einige davon gewähren
+von ihren Gipfeln eine sehr schöne Aussicht in das Land ringsumher.
+Die Straßen, die hinaufführen, sind aber größtenteils sehr steil.
+Außer dem schiffbaren Avon strömt auch noch ein kleinerer Fluß,
+der Frome, durch die Stadt; hübsche steinerne Brücken führen
+über beide Gewässer. Der Quai am Hafen ist prächtig, ein Meisterwerk
+seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick;
+denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste
+Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausrüstete, der Bristols
+Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen
+kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es
+uns unmöglich, heiteren Mutes die schönen Docks zu bewundern,
+welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden
+der Welt sicher und bequem beherbergen.
+
+Eine der schönsten Partien um Bristol gewährt King's Weston,
+der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist
+groß und stattlich, wenn auch etwas schwerfällig und mit
+Verzierungen überladen; wir mochten uns aber mit näherer
+Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schönen Anlagen
+durchliefen wir nur flüchtig, so mächtig zieht hier
+die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst
+zu schmücken versuchte. King's Weston liegt auf einer beträchtlichen
+Anhöhe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von
+einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet
+mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England
+zu einem der schönsten Länder Europas machen, und liebliche Hügel,
+mit aller Pracht der üppigsten Vegetation geschmückt,
+scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der übrigen Welt.
+Von der anderen Seite der Anhöhe von King's Weston sieht man
+den hier mächtigen Avon sich majestätisch hinwinden durch
+ein jenem Tale ähnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden
+der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken,
+schweben auf seiner silberblinkenden Fläche. Lange verfolgt hier
+der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer mächtiger,
+immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten
+immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen,
+wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht
+und zugleich den Lauf des schönen Stroms begrenzt, indem es
+ihn in seinen Schoß aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt.
+Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren;
+endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwürdigen Bäumen
+besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch höheren Hügel,
+Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe
+Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und
+noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzückender.
+
+Ein sehr angenehmer Weg führt von da nach Clifton. Man nennt Clifton
+ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir möchten sagen, aus Palästen
+bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf
+der sonnigen Seite eines Hügels. Die schönen großen Häuser
+stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes,
+teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden
+auch breite Straßen und schöne, regelmäßige Plätze. Alles
+dieses ist durch Gärten, Felder, steile, wilde Felsen und
+sanfte Anhöhen auf das Reizendste vermannigfaltigt.
+
+Einige dieser Gebäude werden für immer oder auch nur den Sommer
+hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der größere Teil
+derselben ist zum Gebrauche der Badegäste eingerichtet, deren
+jährlich eine große Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und
+Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit
+entfernt von Clifton fließt. Leider oft vergebens; denn
+diese Quelle wird gewöhnlich als letztes Mittel gegen
+das traurigste aller Übel, die unser kurzes Leben bedrohen,
+gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt.
+
+Nirgends häufiger als in England wüten diese Krankheiten,
+die fast immer die jüngsten und liebenswürdigsten Opfer sich erwählten,
+und sie verschönen und verklären, indem sie sie zerstören.
+So blüht die vom Wurm gestochene Rose oft um so früher und
+schöner auf. Es ist ein herzzerreißender Anblick, die jungen,
+ätherischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt,
+in diesen elysischen Gegenden über den grünen Rasen hinwanken
+zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhestätte
+ihrer Vorgängerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen
+von zwanzig und fünfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen
+Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind.
+
+
+
+Hotwells
+
+
+Ein sehr steiler Weg führt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle
+fließt und ebenfalls viele schöne Wohnungen für Badegäste erbaut sind.
+Nahe am Ufer des Avon rauscht sie mächtig hervor, aus einem der
+Felsen, die in majestätischen Reihen sich von beiden Seiten längs
+dem Bette des Stroms hinziehen. Ein hübsches Gebäude ist über
+der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden
+zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt
+das Brunnenzimmer. Ein artiges Mädchen personifiziert hier die Hebe
+und schenkt das gar nicht übel schmeckende, wie Champagner
+petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschöpft wird,
+sieht es etwas trübe und weißlich aus, wird aber ganz klar,
+sowie es sich abkühlt.
+
+Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien,
+Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier
+zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche
+in den Ritzen und Spalten der den Avon umschließenden Felsen gefunden
+werden und sowohl an Glanz als Härte den wirklichen Diamanten sehr
+ähnlich sind.
+
+Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschränkt,
+aber von ernster Schönheit; wild und hoch streckend die dunkelroten
+Marmorfelsen von St. Vincent ihr majestätisches Haupt hinauf in
+die blaue Luft. Der Avon drängt sich brausend durch das ihn einengende
+Felsenbette; ihm gegenüber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen,
+starren andere, ganz ähnliche Gebirge; es ist, als hätte der dunkle Strom
+hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben,
+mächtig seine Grundfeste erschütternd, ihn zersplittert. Verfolgt man
+mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit
+zwischen diesen Kolossen hinwinden muß, so erblickt man am fernen Horizont
+die schönen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete,
+aber höchst romantische Aussicht schließen.
+
+Hinter dem Brunnenhause dient eine schöne, mit Bäumen besetzte Terrasse
+am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen;
+kein Brunnenort hat wohl eine ähnliche Promenade aufzuweisen.
+Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gäste unter einer in Form
+eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite
+von einer Reihe eleganter Läden begrenzt wird.
+
+In Hinsicht der schönen Gebäude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung
+von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schönen Reihen
+und Straßen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten
+auf See und Fluß, Berg und Tal; es ist unmöglich, mit der Feder
+auszudrücken, wie überschwänglich reich sich hier die Natur bewies.
+Aber auch für andere Vergnügungen ist gesorgt. In zwei schönen,
+zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebäuden werden jeden
+Montag und Donnerstag Déjeuners dansants auf Subskription gegeben.
+Dienstags ist regelmäßig Ball, an den übrigen Tagen füllen Assembleen
+und Promenaden die müßige Zeit aus.
+
+Wie in den übrigen größeren Bädern präsidiert auch in Hotwells
+ein Zeremonienmeister; seine Gesetze hängen in den Sälen an der Wand
+angeschlagen und werden pünktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht
+auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der übrigen Etikette,
+besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung
+von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten;
+wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunächst
+folgenden Abschnitt.
+
+Außer den allen Bädern gemeinen Vergnügungen, welche regelmäßige
+Promenaden, Assembleen, Bälle, Lesebibliotheken und dergleichen gewähren,
+erfreuen sich die glücklichen Bristoler Brunnengäste noch viel
+mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher
+durchstreifen; denn außer King's Weston gibt es noch in ganz mäßiger
+Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs
+wert wären.
+
+Leider waltete über uns das gewöhnliche Schicksal der Reisenden,
+wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen,
+vielleicht Monate lang hier verweilt, muß sich manchen hohen Genuß
+verschaffen können, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten,
+auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt
+die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann
+widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet.
+
+
+
+Bath
+
+
+Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang.
+Im unaufhörlichen Wechsel der reizendsten Aussichten fährt man,
+wie in einem Garten, auf den schönsten, ebenen Wegen, durch ein Land
+von mannigfaltiger hoher Schönheit.
+
+Die Jahreszeit war die günstigste, um alles dies zu genießen,
+aber nicht um das eigentümliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt
+von den meisten anderen unterscheidet. Früher hatten wir im Winter
+Gelegenheit dazu, und was wir während unseres ersten und zweiten
+Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz,
+um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollständigere Ansicht
+dieses merkwürdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen
+von dem Leben der Engländer in Badeorten, weil es uns zur Verständlichkeit
+des Ganzen unentbehrlich dünkt.
+
+Etikette ist in England überall an der Tagesordnung. Dem Briten
+geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnürbrust, wenn sie sich
+von Jugend auf daran gewöhnt haben. Sie fühlen sich unbehaglich,
+wenn der gewohnte Zwang aufhört, und wissen ohne ihn nicht zu leben.
+Schon mit dem häuslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt;
+in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander
+verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Bädern
+fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt
+und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewöhnlichen verschiedenen
+Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein,
+wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermaßen unterscheidet.
+Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm
+neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist
+in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath
+gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt für alles,
+er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem höflich entgegen.
+Bei den Bällen und überall hält er auf strenge Beobachtung der von
+der ganzen Gesellschaft für gültig anerkannten Gesetze, in allem,
+was die Ordnung der dem Vergnügen gewidmeten Stunden, der Kleidung,
+des Ranges und tausend anderer Zufälligkeiten betrifft. Diese Gesetze
+sind in den Assemblee- und Ballsälen angeschlagen, damit er sich
+gleich darauf berufen könne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich
+bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, für sich selbst zu sorgen,
+und er verschafft ihnen Mittänzer, Partners, für den ganzen Ballabend.
+Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen
+zu schlichten. Unermüdet muß er für Anstand und Sitte wachen.
+
+Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister
+zu sein. Männer, die sich und ihr Vermögen im großen Strudel der Welt
+verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche
+nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton
+und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich
+am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder
+der freiwilligen Resignation ihres Vorgängers durch die Stimmenmehrheit
+der anwesenden Brunnengäste. Das Leben, das sie führen, ist sehr
+ermüdend, ihr Lohn dafür Achtung im Äußeren, der Ertrag einiger Bälle,
+die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste
+ein anständiges Geschenk. Daß sie überall freien Zutritt haben,
+versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an
+einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung
+ihres Amtes.
+
+Eine entfernte Ähnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern
+haben die Brunnenärzte in einigen der kleinen deutschen Bäder,
+wo sie auf Promenaden und an den öffentlichen Tischen Gesunde und Kranke
+umflattern, alles anordnen, alles wissen, überall sind und nirgends.
+Die eigentlichen Brunnenärzte fehlen in England gänzlich; man hält sich
+an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes,
+und nur in ungewöhnlichen Fällen zieht man einen aus dem Orte oder
+der Nachbarschaft zu Rate.
+
+Auch öffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet,
+und man hat nicht wie in Deutschland schon vom frühen Morgen
+den empörenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hyänen und ihrer
+sinnlosen Beute zu ertragen.
+
+Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte häuslich und komfortabel
+eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist,
+hat man Karten an die Badegäste geschickt, die man schon kennt
+oder deren Bekanntschaft man zu machen wünscht, so bleibt nun weiter
+nichts übrig, als sich überall zu abonnieren, um überall Eintritt
+zu haben. Zuerst in die Assemblee-Säle, dann zu den an festgesetzten Tagen
+statthabenden Bällen, dann zu den Konzerten, die in den größeren Bädern
+auch regelmäßig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den
+verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher
+Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller,
+welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig
+zu werden wissen.
+
+Ist früh das Wasser getrunken, welches gewöhnlich während der Promenade
+in einem der Brunnensäle geschieht, hat man gebadet, en famille
+gefrühstückt (öffentliche Frühstücke sind selten), was fängt man
+dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische
+beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen
+Visiten, die Revue der Putzläden sind bald abgetan. Welche eine
+Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken!
+Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein
+paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen
+wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen,
+Journale, Broschüren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder
+dort durchblättert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht
+genug. Außer den geistigen Schätzen findet man in diesen Läden
+noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen
+Kleinigkeiten aus köstlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt
+unentbehrlich dünken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen
+dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug
+oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe
+fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere
+lotteriemäßig verspielt und gewährt so diesen Anstalten ein
+neues Interesse.
+
+Zu Mittag speist man etwas früher als in London, weil die
+Abendvergnügungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt
+für sich zu Hause ihre Ökonomie selbst oder läßt sie außer dem Hause
+besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe.
+Hin und wieder gibt's auch Häuser, wo die Gesellschaft, die im Hause
+wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist;
+doch entschließen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist
+nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish.
+Öffentliche Tische lieben die Engländer nicht; nur in kleinen Bädern,
+wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermögen und Vergnügungen beschränkter,
+mehr zusammenhalten muß, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern
+teil daran.
+
+Nach Tische wird in den größeren Bädern die dritte Toilette gemacht.
+In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung.
+Abendessen sind nicht gebräuchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe,
+einige privilegierte Nachtschwärmer vielleicht ausgenommen.
+
+Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland:
+man weiß jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des
+zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont
+oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein fürchterlicher Tag. Spiel,
+Tanz, Musik, alles ist hoch verpönt alle Läden, alle Leihbibliotheken
+sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade
+im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt
+sehr einförmig, die Ausländer, die merkwürdigen Menschen fremder
+Nationen, die unseren Bädern oft ein so hohes Interesse geben,
+fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur
+Landeseinwohner. Ein Irländer oder Schotte heißt sogar schon ein Fremder.
+
+In England muß nun einmal alles im Leben dem gewöhnlichen Laufe
+der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter
+zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht
+zum Tage, und um diese allgemeine Veränderung aller Zeiten recht
+vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den
+Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort
+von Badegästen, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten
+bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht
+bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam
+zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden
+an Krücken und auf Podagristenwägelchen die belebenden Strahlen
+der Sonne aufsuchen.
+
+Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer
+traurig verhallen. Viele führt das Vergnügen, einige auch wohl
+eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der größte Teil
+der Badegäste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken.
+Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und
+jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerrütteten
+Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschränkten Mitteln den Freuden
+der großen Welt nicht zu entsagen versteht, der flüchtet hierher,
+wo er sie alle findet; freilich in etwas verjüngtem Maßstabe
+wie in London gehalten, aber dafür auch unendlich wohlfeiler.
+Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger
+als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen muß.
+Schon in dem Umstande, daß die bergige Lage von Bath Pferde und
+Wagen entbehrlich, ja ganz überflüssig macht, liegt ein sehr
+bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern
+ist man gewöhnlich wieder zu Kräften gekommen und kann sich von neuem
+auf einer größeren Laufbahn versuchen.
+
+Da die Gesellschaft hier größtenteils aus Mitgliedern der müßigen
+und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert
+und vornehm frivol als möglich. An Glücksrittern fehlt es dabei nicht;
+diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen.
+Väter und Vormünder reicher Erbinnen, welche diese bisweilen
+hierher führen, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem größeren
+Theater vorzubereiten, müssen sich freilich in acht nehmen. Von Bath
+aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green
+vorbereitet oder gar angetreten.
+
+Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von beträchtlichen
+Anhöhen, die sich nur öffnen, um dem schönen Strom eben den Durchweg
+zu gewähren. Langsam und majestätisch windet er sich, bis zu dem
+zwölf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und
+Stadt, erhebt die Schönheit der Gegend und gewährt durch die leichte
+Kommunikation mit jenem großen Seehafen beträchtliche Vorteile.
+Von wunderbar einziger Schönheit ist der Anblick der Stadt. Bald
+ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die nächsten Anhöhen,
+höher und immer höher türmte sie Paläste über Paläste, wetteifernd
+untereinander an Schönheit und allem Schmucke der neueren Architektur.
+
+Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schöpfungen
+liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Fußnote:
+Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle
+und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher
+König Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll.
+Ernst steht sie da, in alter Majestät; ihre gotischen Türme streben
+wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus,
+während die bunte neue Welt um sie her die Hügel erklettert und
+sich groß dünkt.
+
+Die Häuser sind alle von schönen Quadersteinen erbaut, die man
+ganz in der Nähe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als wäre
+es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Häuser,
+mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Häusern bestehend,
+die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert,
+das Ansehen eines einzigen Prachtgebäudes haben, stehen zerstreut,
+wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr
+beträchtlicher Höhe.
+
+Regelmäßig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,,
+aber doch unbeschreiblich hübsch anzusehen; ausgezeichnet schön
+der große Platz, Queen's Square genannt, mit seinen prächtigen,
+vielleicht ein wenig mit Zierart überladenen Häusern, aus deren
+Fenstern man sich einer schönen Aussicht erfreut. In der Mitte
+dieses Platzes umschließen eiserne Geländer einen artigen Garten,
+dessen sich die Bewohner der umliegenden Häuser zum Spazieren
+bedienen können; schade, daß ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt.
+
+Von Queen's Square geht es sehr steil in die Höhe durch Gay Street
+zum Royal Circus, einem großen runden Platze. Die ihn umgebenden
+Häuser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen
+möglichen Säulen aller möglichen Ordnungen verziert oder verunziert.
+Hinter ihm, noch viel höher, liegt der Royal Crescent; er besteht
+aus dreißig sehr schönen Häusern, die das Ansehen eines einzigen
+haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil
+erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Säulen. Vor ihnen hin
+breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und läuft hinab
+gegen die Ufer des Avon. Eine diesem ähnliche Reihe Häuser,
+Marlboroughsgebäude genannt, liegt ganz in der Nähe. Der höchste
+bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls
+eine schöne, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Häuser.
+Sie liegen, gleichsam die Krone der schönen Stadt, in schwindelnder
+Höhe.
+
+Noch mehrere oder gar alle diesen ähnliche Plätze und Straßen
+zu nennen, würde ermüdend werden, und vielleicht reicht
+das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben,
+was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr,
+ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche
+Pflaster, die große Reinlichkeit der Straßen und nachts
+die wunderschöne Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr,
+und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise über alles,
+was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengäste beizutragen vermag.
+
+Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere
+der schönsten Straßen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz
+mit großen Quadersteinen gepflastert und gar nicht für Equipagen
+eingerichtet. Zu den Assembleesälen, zu beiden Promenaden,
+die Nord- und Südparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen
+gelangen. Doch befürchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermüden:
+eine Anzahl von Portechaisen [Fußnote: Tragstühle] steht überall
+bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und
+transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den
+höchsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht
+der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und
+einer ziemlich mäßigen Taxe unterworfen, die sie nicht überschreiten
+dürfen.
+
+Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schönen
+Gebäude werden ganz oder teilweise an Badegäste vermietet.
+Der festgesetzte Preis eines möblierten Zimmers während der Badezeit
+beträgt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet
+die Hälfte. Unangenehm ist es, daß man immer die ganze Reihe Zimmer
+mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen muß, während man
+kaum die Hälfte davon braucht. Es gibt zwar Häuser, welche zugleich
+ihre Gäste in die Kost nehmen, und in diesen ist man gefälliger
+und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich muß man auch dort
+weniger Ansprüche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man
+außer der Wohnung noch nötig hat, ist ebenfalls zu vermieten:
+Möbel aller Art, Betten, Porzellan, Küchengeschirr, Hausgeräte
+und Gemälde, Gläser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwäsche,
+alles wie man es verlangt, auf das Prächtigste oder zierlich
+einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein großes Haus
+mit allem Nötigen und Überflüssigen versehen werden. Überall
+findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen,
+überall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und
+der Bequemlichkeitsliebe hinter großen Glasfenstern in schönen
+Läden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt.
+
+Das Wasser ist sehr heiß. Drei Stunden muß es stehen, ehe man sich
+hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet.
+Der heißen Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad
+beim Trinken von der schwächsten zur stärkeren allmählich über.
+Die Ärzte empfehlen dabei die größte Vorsicht. Das Wasser ist klar
+und schmeckt nicht unangenehm; Nervenübel, Lähmungen, Podagra
+und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptsächlich
+angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs
+und zehn Uhr, und dann wieder einige Gläser gegen Mittag. Gewöhnlich
+trinkt man in dem zur Quelle gehörigen Brunnensaale.
+
+In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath
+der ekelhafte Brauch, in großen gemeinschaftlichen Bädern
+in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden.
+Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser
+hervorragenden Köpfe auf das Modernste und Vorteilhafteste;
+Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten
+mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu
+vertreiben. Diese großen Bäder existieren noch, vier an der Zahl,
+aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene
+Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Bäder, das Königsbad genannt,
+liegt dicht hinter dem großen Brunnensaale; eine Reihe dorischer
+Säulen umgibt es; es ist fünfundsechzig Fuß lang und vierzig breit,
+das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad
+Fahrenheit heiß. Neben diesem Bade liegt der Königin Bad,
+es enthält nur fünfundzwanzig Fuß im Geviert und ist etwas weniger
+warm. Das Kreuzbad führt diesen Namen von einem Kreuze, welches
+ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal.
+Mit dieser Quelle, als der schwächsten, fängt man gewöhnlich an
+zu trinken. Das heiße Bad hat einhundertsiebzehn Grad Wärme.
+Privatbäder, Dampfbäder und ähnliche Anstalten sind damit
+in dem nämlichen Gebäude vereint. Diese Quelle, als die stärkste,
+wird selten getrunken, der dazugehörige Brunnensaal ist dumpf
+und düster.
+
+Die erste Entdeckung der heißen Quellen von Bath verliert sich
+ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und
+bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt
+der heißen Bäder, nannten. Später gaben ihr die Römer verschiedene
+andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen
+nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen.
+Im Sommer möchte sie noch so heißen; wenn aber jetzt einer
+jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit
+plötzlich in einen ihrer Ballsäle versetzt würde, er gäbe ihr gewiß
+dann einen schöneren Namen.
+
+
+
+Salisbury und Stonehenge
+
+
+Wir fuhren nun über eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut
+sproß kümmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand,
+auf dem das Auge nur Momente haften könnte; die Lüneburger Heide
+ist ein Paradies dagegen.
+
+Es war die berüchtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns
+jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, besät mit uralten Gräbern
+längst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen.
+Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese großen,
+abgerundeten Hügel nur wenig über die graue, düstere Fläche,
+und bloß an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst
+umgebenden Grabens. Der blaue Himmel wölbt sich lautlos darüber hin,
+kein Vogel singt in dieser Einöde, denn nirgends steht ein Strauch,
+auf dem er sich niederlassen könnte.
+
+Wir rollten schnell vorwärts und merkten doch kaum, daß wir
+weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle,
+die wir verließen, glich ganz genau der, auf welcher wir am nächsten
+Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen
+wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt
+erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise;
+wir kamen näher und näher, noch immer wußten wir nicht, was wir sahen;
+jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Fußnote:
+das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung
+und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden;
+sicher ist nur, daß die Steine, man schätzt die Anlage auf 4000 Jahre,
+in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.],
+dem ältesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa.
+
+Unförmige, riesengroße Steine, sichtbar von Menschenhänden aufgestellt,
+erheben sich in ungeheuren Massen auf einer mäßigen, nur ganz allmählich
+emporsteigenden Anhöhe. Hohen Säulen gleich, stehen sie in einem
+der großen tempelähnlichen Kreise, immer zwei und zwei näher aneinander,
+welche dann ein großer, ähnlicher Stein, wie ein Querbalken
+oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige
+der Säulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch
+bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den
+umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren;
+denn an jeder der Säulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen,
+freilich sehr roh und in ungeheuren Verhältnissen, und die quer darauf
+liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden,
+welche genau auf jene Knöpfe passen. So bildete und verband sie
+die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um
+Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Säulen tragen Spuren des Meißels,
+sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh
+behauen, an Höhe und Stärke einander nicht gleich, aber alle
+von erstaunenswürdiger Größe und Schwere.
+
+Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur
+ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden.
+Jetzt hält man dies wunderbare Gebäude für die Überreste eines alten
+Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohltätige Sonne.
+Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer
+gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle
+ihrer verblendeten Brüder.
+
+Mitten in dem großen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man
+Überbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen
+gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt
+ein großer, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung
+war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein
+ist von einem der ungeheuren herabgestürzten Quersteine des äußeren
+Kreises in drei Stücke zerschmettert. Seitwärts, außer dem Kreise,
+liegt ein zweiter, dem Altarsteine ähnlicher Stein von ungeheurer Größe.
+
+Ungefähr dreißig Schritte vom großen Kreise stehen noch ein paar
+der säulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreißig Schritte
+voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch größeren
+Kreis, der jenen engeren einschloß, eine Art Vorhalle des heiligen
+Tempels; denn gewiß ist das gigantische Werk, das wir anstaunten,
+nur ein kleiner Überrest von dem, was es Ungeheures war in
+seiner Vollendung.
+
+Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast
+übermenschlichen Kräfte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast
+ebenso unbegreiflich, wie sie zerstört wurden. Vielleicht stürzte
+ein Erdbeben sie um, es öffnete sich die Erde und begrub zum Teil
+wieder in ihrem Schoße die ihr entrissenen Felsstücke, welche
+sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind,
+ohne daß es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche
+fortgeführt. Welch ungeheure Kraft wäre auch erforderlich gewesen
+zum Transport dieser Riesenmassen!
+
+Was das Wunderbare noch mehr erhöht, die Steine bestehen aus
+einer Art Granit, wie er mehr als dreißig englische Meilen in der Runde
+nicht anzutreffen ist. Wie war es möglich, sie durch unwegsame Wälder,
+über Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn
+man sie sieht, man fühlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks
+Glauben beizumessen, welche sie für das Werk einer früheren Riesenwelt
+hält, der mächtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick
+des Ganzen macht, läßt sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen
+ergriff uns in dieser öden Wildnis beim Anschauen eines Werks,
+dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und
+das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt.
+Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu überlassen; denn öde und traurig
+ging unser Weg über die große Ebene hin, die sich immer gleich blieb,
+bis wir spät abends die alte Stadt Winchester erreichten.
+
+Von Winchester aus hatten wir sehr böse Wege; denn durch unsere
+Kreuz- und Querzüge waren wir von der großen, gebahnten Straße abgekommen
+und mußten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder
+zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Hügel,
+über welche unser Wagen mühsam hinrasselte, zu Fuß hinab; reiche,
+weit ausgebreitete Aussichten entschädigten uns zuweilen für unsere Mühe.
+
+Endlich erreichten wir das Städtchen Chichester. Wir fanden
+den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein
+Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Mädchen
+besetzt, die Straße voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern.
+Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison
+liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen
+aufmarschiert, dem Gasthofe gegenüber. In letzterem hatte niemand Zeit;
+Herr und Frau und Aufwärter liefen mit den Köpfen gegeneinander.
+Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert
+[Fußnote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales,
+des nachmaligen Georgs IV. Nach dem königlichen Ehegesetz von 1772
+jedoch illegal, da der König die Erlaubnis nicht gegeben hatte.
+Die Verbindung überdauerte auch die Eheschließung des Prinzen mit
+Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas
+in die Brüche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es;
+sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet.
+Nach zwei Stunden erschien sie, ließ, ohne auszusteigen oder sich
+umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die große Begebenheit
+war vorüber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich
+nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel.
+
+Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schloß; es wurde eben
+durch ein neues Hauptgebäude und einen daran stoßenden Flügel ergänzt
+und vergrößert; alles war voll Lärm, Staub und Unordnung, wie es
+gewöhnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses wäre überall
+ehrwürdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr geräumigen
+Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebäuden, verliert es unendlich.
+Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, daß das Schloß
+von Arundel weit größer und beträchtlicher gewesen sein müsse als jetzt.
+Der noch übrige Teil des Gebäudes mit runden Türmen und einem schönen
+Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden
+Schöpfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert,
+unterm Schutze alter Bäume, wären diese heiligen Überreste vergangener
+Größe zu dem Schönsten zu rechnen, was England in dieser Art
+aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmälern der Vorzeit ist.
+
+Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthöfen alles in Bewegung und
+Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontärs, von denen
+wir schon früher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer
+ein großes Bankett. Das Gebäude bebte vom Jubel der Helden
+bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten
+des Regiments eine Musik, welche Tote hätte erwecken können;
+die Aufwärter hatten alle Hände voll Bouteillen und Korkzieher;
+die Pfropfen knallten, Waldhörner und Trompeten schmetterten,
+die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschüttern,
+zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen
+und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel,
+es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir
+mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin;
+ein sanfter Wind kräuselte kaum dessen vom Monde versilberte Fläche,
+die Wellen spielten und flüsterten und blinkten geheimnisvoll
+und leise; so kamen wir glücklich nach Brighton.
+
+
+
+Brighton
+
+
+Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest,
+ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag.
+In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerfälligen Namen
+Brighthelmstone verloren und heißt viel eleganter und kürzer Brighton.
+
+Während der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt
+des damaligen Prinzen von Wales, späterhin des jetzt schon bei seinen
+Vätern ruhenden Königs, Georgs des Vierten [Fußnote: geb. 1762,
+1811 Regent, nominell König von 1820-50. Johanna brachte hier
+in seinem Todesjahr für die Herausgabe der "Sämtlichen Werke"
+ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfünfzig
+englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise
+in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Nähe der Hauptstadt
+den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz
+unbedeutende Fischerstädtchen zu erwählen.
+
+In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal
+eine wahre Ebbe und Flut unter den übrigen Brunnengästen. War er abwesend,
+so wurde alles öde und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurück.
+Wie sehnsüchtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte,
+ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode
+nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich.
+Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend,
+daß dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermaßen
+zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen
+und zu behaupten, die Leute im Orte würden ungewöhnlich alt. Und in der Tat
+ist das Klima hier sehr gemäßigt. Ein Amphitheater von leider ganz
+kahlen Bergen schützt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt,
+trocken und gesund, auf einer mäßigen Anhöhe; Seelüfte mildern
+die zu große Hitze im Sommer.
+
+Die Stadt ist klein. Stattliche Häuser aus der neuesten und unscheinbare
+Hütten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander
+gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes Äußere.
+Man baut hier von Kieseln, die mit Mörtel verbunden sind;
+nur die Einfassungen der Fenster und Türen bestehen aus Ziegeln.
+Man rühmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus,
+besonders da es in England gar nicht gebräuchlich ist, den Häuser
+von außen einen Tünch zu geben.
+
+Ganze Reihen geräumiger, bequemer Häuser für Fremde, alle unter
+einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes.
+Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer hübschen
+Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden
+zum Spazierengehen, von einer Seite mit schönen Häusern besetzt,
+während man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer
+sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Maßstabe.
+
+Die Promenaden sind von der Natur wenig begünstigt. Nackte Berge
+umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich
+große Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach,
+als daß große Schiffe in der Nähe vorbeisegeln könnten; daher gewährt
+es einen ziemlich einförmigen Anblick, den nur Fischerboote etwas
+beleben.
+
+Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen
+sich hinziehende hübsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebäuden
+bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhäuser
+sind fast alle auf dem Steine angelegt.
+
+Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Fußnote: Royal Pavillon],
+liegt ebenfalls am Steine, ein hübsches, mit einer Kolonnade verziertes
+Gebäude; da es nicht von bedeutender Größe ist, erscheint es etwas
+niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr prächtig gewesen
+sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte
+Gärten anzulegen, doch kommen Bäume und Sträucher hier auf keine Weise
+fort. Eine große pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche
+einen Sonnenzeiger trägt, nimmt sich wunderlich aus und spricht
+nicht sehr gut für den guten Geschmack der übrigen Verzierungen.
+
+Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebäude enthält die Bäder. Man findet
+dort deren kalte und warme, Schwitzbäder, Schauerbäder, kurz alles,
+was je erfunden ward, um die Übel, die unser armes Leben bedrohen,
+fortzuspülen. Zu allen diesen Bädern wird Seewasser genommen.
+Bademaschinen, wie in anderen Seebädern, um damit sicher und ungesehen
+in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich
+weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen
+im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Plätze, einer für Herren,
+der andere für die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden
+hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden,
+wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr.
+
+Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton
+besteht; sehr unangenehm aber ist es, daß auch die Fischer sich
+in diesen glänzenden Kreis drängen, und gerade in der Gegend,
+wo man am häufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten
+und die Luft verderben.
+
+Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten.
+Ihn umgeben schattige Bäume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden,
+obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken würde. Er enthält
+auch einen hübschen Salon mit einem Orchester.
+
+Die Versammlungssäle befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthöfen,
+der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird
+gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen
+darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch können hier
+auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben
+weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Säle
+beider Häuser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und
+einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle
+artig und zweckmäßig verziert.
+
+Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege
+gelegenen Städtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten,
+der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte.
+Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen
+und Atem zu schöpfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel
+der großen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig
+an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, öffentliche
+Fuhrwerke aller Art rollten unablässig an unserer Wohnung vorüber.
+Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten,
+denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorüberreisenden.
+
+Die Landkutschen füllten von innen und außen Weiber und Mädchen,
+und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase
+über Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zurüstungen
+zu künftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur
+keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert
+als hier nach Brighton, wohin alles zog.
+
+
+
+
+RÜCKKUNFT NACH LONDON
+
+Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fußnote: zur Zeit Johannas
+zählte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir glücklich
+anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer
+fühlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte
+unterbrochenen Reise.
+
+Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden.
+Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Wänden hier wie überall
+heimisch; doch kaum setzt man den Fuß auf die Straße, so ist man
+in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und hätte man auch
+ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer
+Million Menschen, auf einem verhältnismäßig immer kleinen Punkte,
+reißt unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt.
+Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem großen Strudel
+mit herumwirbeln ließen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen
+aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken.
+
+
+
+London
+
+Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man
+schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte.
+Keine der größten Städte Europas, nicht Wien, nicht Berlin,
+selbst nicht Paris kündigt sich aus der Ferne so imposant an. Häuser
+reihen sich an Häuser, durch fast unbemerkbare Zwischenräume in
+verschiedene Flecken, Städtchen und Dörfer abgeteilt, alle scheinen
+zu einem Ganzen vereint, alle vergrößern ins Ungeheure die Stadt,
+welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhältnismäßiger Breite,
+anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr führen von allen Seiten
+schöne breite Heerstraßen, welche, auch außer den Städten und Flecken,
+mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges
+Gewühl von Wagen und Reitern verkündigt dem Fremden schon von ferne,
+daß er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich nähere.
+
+Von Shooter's Hill [Fußnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem
+Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage
+die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab,
+frühstückten in Rochester, und aßen in Schooting-Hill zu Mittag.
+Man hat von hier eine prächtige Aussicht auf London und die umliegende
+Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten.
+Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig
+englische Meilen von London entfernten Anhöhe, erblickten wir
+zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend
+an den Ufern der königlichen, mit Schiffen bedeckten Themse.
+Hoch in die Lüfte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben,
+weiter zurück den schönen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei,
+daneben noch die Türme von weit über hundert anderen Kirchen.
+Es war ein schöner, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen
+aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände wie durch
+einen Flor erblicken.
+
+Schnell rollten wir hin auf dem prächtigen Wege und glaubten,
+wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten.
+Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schöne Blackfriars Brücke
+führte uns hinüber, und nun erst waren wir in London. Beträubt
+von dem Gewühle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit
+von der Brücke entlegene York Hotel, wo wir für's erste abstiegen,
+um späterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem
+Privathause zu wählen. Fast alle Fremden, welche längere Zeit
+in London zu verweilen gedenken, tun dies.
+
+Der Aufenthalt in den Londoner Gasthöfen ist unglaublich teuer,
+die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken,
+sonder auch wohnen können, ist verhältnismäßig klein zu nennen,
+und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet,
+als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten
+verlangen muß, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten
+vorkommt.
+
+Hingegen findet man mit leichter Mühe in allen Straßen vollkommen
+gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Küche und Keller
+und allen sonstigen Erfordernissen versehen; größer und kleiner,
+elegant und einfach möbliert, wie man es wünscht, sogar ganze Häuser
+mit Stallung und allem Zubehör. Man braucht nur durch die Straßen
+des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wünscht, überall
+erblickt man angeschlagene Zettel an den Häusern, welche Wohnungen
+zur Miete ausbieten, so daß bloß die Wahl unter so vielen den Fremden
+in Verlegenheit setzen kann.
+
+Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande,
+angesehene Landhändler oder Handwerker, Witwen von beschränktem
+Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste,
+dem Fremden jede mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen.
+Gewöhnlich übernimmt es auch die Haushälterin oder die Frau
+vom Hause, für Reinlichkeit der Zimmer und für die Küche zu sorgen,
+so daß man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch
+in seinen vier Pfählen befindet.
+
+London in aller seiner Größe, seiner Pracht und seiner Individualität
+ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen
+fühlen; auch wäre es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgängern
+ein sehr überflüssiges. Nur das, was wir während unseres Aufenthaltes
+einzeln sahen und aufzeichneten, können wir dem Leser hier geben,
+kleinere Züge zu dem großen Gemälde liefern, welches andere
+vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch
+in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen.
+
+
+
+Ein Gang durch die Straßen in London
+
+
+[Fußnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt
+vor der Einführung der Gasbeleuchtung um 1807.]
+
+Man erzählt von einem der unzähligen kleinen vormaligen Souveräne
+des weiland Heiligen Römischen Reichs: er habe, da er spät abends
+in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren
+illuminiert. Wäre er bei Tage durch die volkreichsten Straßen
+der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen,
+er hätte ebenso leicht meinen können, ein allgemeiner gefährlicher
+Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung.
+
+Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff
+machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte
+des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fußgänger auf den
+an beiden Seiten der Straßen hinlaufenden, etwas erhöhten Trottoirs.
+Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris
+können hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser
+zu Fuß als in London, sobald man sich in die Art und Weise
+der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewährt den Fremden,
+besonders den reisenden Damen, einen großen Vorteil, um alles zu sehen
+und zu bemerken. Wenn man wie in anderen großen Städten immer
+in seinem Wagen festgebannt bleiben muß und keinen Schritt
+gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Hälfte kennen; auf den
+schönen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich
+fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz günstig wäre.
+In den Hauptstraßen sind diese breit genug, um sechs, acht und
+mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen
+winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem,
+weil die Fußpfade dort auch schmäler sein müssen. Fremde kommen
+indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen ähnlichen Stadtviertel,
+wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben
+und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden.
+
+Die prächtigen Läden, die Ausstellungen aller Art trifft man
+größtenteils in den breiten Straßen, welche gleichsam das Mittel
+halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren,
+nur genießenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Engländer,
+immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen,
+erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stoßen und Drängen.
+Den Damen und überhaupt den Respektspersonen läßt man immer die Seite
+nach den Häusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen.
+Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie führende
+Londoner, so oft man eine Straße durchkreuzt hat, ihren Arm losläßt
+und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald
+wird man von dem Nutzen dieser Nationalhöflichkeit überzeugt.
+Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen
+her durcheinander drängen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht
+zu erhalten als auf den Fußpfaden. So breit die Fahrwege auch
+im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung,
+die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen,
+der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick
+gewährt; nur muß man dem Lärmen gelassen aus dem Fenster zusehen können.
+
+Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen
+Plätzen bereit, und dennoch ist's oft unmöglich, einen zu finden,
+wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fürchten vielleicht
+den Regen nicht so sehr als die Londoner; naß werden ist ihnen
+eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen,
+eilt alles, was keinen Regenschirm führt, sich in einer Kutsche
+zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet
+selbst jene große Anzahl noch bei weitem nicht zulänglich.
+
+Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anständig aus und würden
+in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren;
+nur das Stroh, womit der Fußboden belegt ist, macht sie unangenehm.
+Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt,
+daß sie täglich über zwölf Stunden auf dem Pflaster bleiben.
+Auch werden sie möglichst gut verpflegt; sowie sie einen
+ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher
+einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer
+um, aus welchem sie sich gütlich tun. Die Polizei hält strenge
+Aufsicht über die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher,
+der sich beigehen ließe, die festgesetzten, sehr billigen Preise
+zu überschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen
+die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder vorübergehende,
+der Sache kundige Engländer wird dann sein Richter und hält streng
+auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht
+kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, wäre man auch ganz
+allein, und trüge man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich;
+wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer
+des Wagens so bemerkt, daß es der Kutscher gewahr wird.
+
+Von der Pracht der Läden und Magazine ist schon vielleicht
+zum Überfluß viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden
+mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben.
+Die kostbaren glänzenden Ausstellungen der Silberarbeiten,
+die schönen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche
+mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter großen
+Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer
+der Glasmagazine, alles blendet und reizt.
+
+Aber auch viel geringere Gegenstände werden auf eine dem Auge
+gefällige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengießer
+zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern
+aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren
+ihre Läden mit großen gläsernen Vasen, angefüllt mit Spiritus
+oder Wassern in allen möglichen schönen und glänzenden Farben;
+dazwischen prangen große künstliche Blumensträuße. Abends,
+wenn hinter allen diesen farbigen Gläsern Lampen brennen,
+schimmern diese Läden wie Aladins Zaubergrotte.
+
+Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen großen
+Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der
+königlichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in
+zierlichen Körben, mit Blumen und Orangerien geschmückt, prangen. Die
+Kuchenläden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige
+kleine Törtchen, heiß von der Pfanne weg, zum Frühstück einzunehmen,
+präsentieren sich auch recht hübsch. Alles, was Kuchenbäcker und
+Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiß
+behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Liköre, Dragées von
+allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns
+wieder die Kupferstichläden, in welchen täglich neue Gegenstände
+dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, öfter Erguß satirischer Laune
+oder Porträts berühmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer
+umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmöglich,
+vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust
+festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhändler gewähren ebenfalls
+täglich neuen Genuß. Bald sind es Neuigkeiten, bald schöne
+Prachtausgaben älterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke,
+sogenannte Stationers, die mit allen möglichen, zum Schreiben und
+Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen täglich tausend neue Dinge,
+uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche,
+Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Läden
+Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmäßigsten Mappe an
+bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern
+Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge
+blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schönen Arbeiten dem
+Publikum vor's Auge; gewöhnlich sind's sehr ähnliche Porträts bekannter
+Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein
+eigenen wertes Ich so täuschen vervielfacht zu sehen.
+
+Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhält, welche
+an den Häusern mit vollkommen schön gezogenen goldenen Buchstaben
+glänzen. Welche Mengen Bedürfnisse, die der genügsame Deutsche
+kaum kennt! Besonders fällt es auf, daß die königliche Familie
+so viele Kaufleute und Handwerker beschäftigt. Aber jeder derselben,
+bei dem einmal zufällig für ein Mitglied des königlichen Hauses
+gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal
+so glücklich war, für einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht,
+sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu rühmen und die Gunst
+des Augenblicks für dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name
+eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses
+am Strand mit dem prächtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty,
+the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestät der Königin. Gewiß ein Titel,
+der noch auf keiner Hofliste gefunden ward!
+
+Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewühl
+der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles
+auf bequemes, ruhiges Genießen; kein rauschender Erwerb,
+kein Gedränge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint
+einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen.
+
+Die Magazine und Läden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus
+verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schöner, moderner,
+eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel
+seine Waren im Laden, hübsch aufgeputzt, und nimmt in seiner
+an denselben stoßenden, reinlich möblierten Stube das Maß,
+wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes,
+mit Diwan, köstlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmücktes
+Boudoir zu diesem Zweck geführt, und schwerlich würde der Artist
+einen Fuß berühren, der nicht aus einer Equipage gestiegen wäre.
+Dafür kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem
+Maßstabe geht alles.
+
+Nichts ist schöner als die großen Plätze in diesem Teile von London;
+zwar umgeben sie keine Paläste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige,
+aber schöne große Häuser, alles solid und prächtig. Dazu die
+hübschen Boskette in der Mitte der Plätze, zu welchen jeder Bewohner
+der umliegenden Häuser für eine Guinee einen Schlüssel haben kann.
+
+Glänzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren
+und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedränge, ohne Lärm
+Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk
+kennen zu lernen, kehrt bald gern zurück aus diesem vornehmen
+Quartiere, wo es wie überall in der großen Welt zugeht,
+und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen
+Stadt London auf.
+
+
+
+Bettler
+
+
+Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straßen wenig gewahr,
+dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltätigkeit
+anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein,
+dem anderen ein Arm; aufeinander gestützt schwankten sie durch
+die Straßen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden,
+klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte
+ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede
+und belohnte es gern mit einigen Pence.
+
+An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Straße zu gelangen,
+die Trottoirs verlassen und über den Fahrweg gehen muß,
+stehen immer Leute, die geschäftig einen reinlichen Fußpfad kehren,
+der freilich alle Augenblicke durch darüber rollende Wagen wieder
+zerstört wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage:
+ob man nicht einige einzelne Pfennige führe? Und auch ohne diese
+gibt man ihnen gern.
+
+An wenigen betretenen Plätzen, besonders im ruhigen Teile
+der Stadt, sieht man oft Männer, die mit Kreide auf den breiten
+Quadersteinen der Trottoirs wunderschöne kolossale Buchstaben
+malen, Namen, Sentenzen, Sprüche aus der Bibel. Der Vorübergehende
+steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert
+mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute,
+die eine so schöne Hand schreiben, so tief in Armut versinken können.
+Auf dem festen Lande müßte jeder dieser Bettler als Schreibmeister
+oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmöglich,
+etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift.
+
+Besonders merkwürdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir
+täglich in den volkreichsten Straßen der City begegneten.
+Man hielt sie allgemein für eine durch verschuldete oder unverschuldete
+Unglücksfälle so tief gesunkene Schwester der berühmten Schauspielerin
+Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser
+in ihren Zügen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick
+und Miene, nur älter, blaß und wie versteinert durch lange Gewohnheit
+des Unglücks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Härte gegen
+ihre unglückliche Schwester, denn alle, welche diese Frau
+für solche ausgaben, fügten hinzu: sie nähme nichts von ihr an
+und wolle nun einmal bloß von fremdem Mitleid ihr Leben fristen.
+Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer
+einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging,
+daß man nicht dessen Züge hätte bemerken können; ein grünwollenes Kleid,
+eine schneeweiße große Schürze und ein ebensolches Halstuch.
+Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestützt auf zwei Krücken,
+langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr
+mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit
+eines großen, ungekannten Unglücks. Sie forderte nicht, sie bat nicht,
+aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten,
+jeder fühlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war,
+als müsse man ihr danken, daß sie die gebotenen Gabe nur nahm.
+Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Königin nahm sie
+das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst
+hat sich diese auffallende, große Gestalt, diesen weiblichen Belisar,
+möchten wir sagen, oft zum Vorbild gewählt. In allen Kupferstichmagazinen,
+bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend ähnliches Bild,
+denn diese Züge drückten sich leicht der Phantasie ein.
+
+
+
+Wohnungen in London
+
+
+Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London.
+Da der Eigentümer eines Hauses sich hier großer Vorzüge im bürgerlichen
+Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus
+entsteht dann, daß London fast aus lauter kleinen Häusern zusammengesetzt
+ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch für sich allein
+wohnen; dies verengt den Platz ungemein.
+
+In Paris, möchte man sagen, schweben vier Städte übereinander;
+in London macht jeder Anspruch auf sein Plätzchen auf Gottes Erdboden,
+und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln
+sehr beschränkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich
+bei der Kleinheit der Häuser wenig Bequemlichkeit darbieten.
+An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewöhnlichen bürgerlichen Häusern
+nicht zu denken; selten, daß man zwei aneinanderstoßende findet,
+selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthält
+gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach
+dem oft engen Hofraum zu. Überall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer.
+Die Küchen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht,
+die Türen alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustüren als
+die in den Zimmern. Jene sehen bei größeren Gebäuden oft nur wie
+eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Flügeltüren.
+Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwände zwischen denselben
+dagegen sehr breit. Die schönen Teppiche aber, die selbst
+bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fußböden der Zimmer,
+sondern auch Treppen und Vorplätze von der Haustüre an bedecken,
+die zierlichen Möbel, das schöne Mahagoniholz mit seinem bescheidenen
+Glanze, die Reinlichkeit überall, geben diesen kleinen Wohnungen
+einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und
+ist es auch.
+
+Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen
+geschmückt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer;
+schöne Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fußnote: Josiah Wedgwood
+(1730-95); Schöpfer der englischen Tonwarenindustrie. Berühme
+Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims;
+der stählerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel
+und alles Metallgerät glänzen hell poliert; Kupferstiche schmücken
+die Wände, schöne Vorhänge die Fenster. Nichts in der Welt ist
+gemütlicher, als ein englisches Wohnzimmer.
+
+Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen.
+Die englischen Bettstellen sind alle sehr groß. Drei Personen
+fänden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein
+zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstände das Bett
+miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes
+eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmädchen mit sich
+zu Bette, denn die Engländerinnen fürchten sich nachts allein
+in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran
+gewöhnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten
+von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch,
+doch sind Matratzen gewöhnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie
+Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut.
+
+
+
+Lebensweise
+
+
+Der größte, fleißigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker
+und Ladenhändler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet),
+führt im Ganzen ein trauriges Leben. Die großen Abgaben, die Teuerung
+aller Bedürfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus
+in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind,
+zwingt sie zu einer großen Frugalität, die in anderen Ländern
+fast Ärmlichkeit heißen würde.
+
+Ewig in den Laden und an die daran stoßende, oft ziemlich dunkle
+Hinterstube gebannt, müssen sie fast jedem Vergnügen entsagen.
+Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum
+daß die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse
+zweimal im Jahre hinkommt.
+
+In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns,
+sie hätten seit zehn Jahren keine anderen Bäume als die von
+St. James Park gesehen. Die Woche über dürfen sie von morgens
+neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen;
+dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt
+dann in dem oben erwähnten Hinterzimmer und führt die Rechnungen.
+Sonntags sind freilich alle Läden geschlossen, aber die Theater auch,
+und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen,
+auszugehen, so muß die Frau vom Hause es hüten.
+
+Der größere, wirkliche Kaufmann führt ein nicht viel tröstlicheres
+Leben. Auch er muß in gesellschaftlichen und öffentlichen Vergnügungen
+weit hinter den reichen Kaufmannshäusern von Hamburg oder Leipzig
+zurückstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart.
+Die Frauen lieben mehr häusliche Zurückgezogenheit, sie sind
+an das rauschende Leben, an die vielen großen Zirkel nicht gewöhnt.
+Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichförmigkeit in ihrem Hause
+nicht derangieren. Die Männer hingegen suchen nach vollbrachten Geschäften
+die Freude gern auswärts, in Kaffeehäusern und Tavernen.
+
+Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den größten Teil
+des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr
+zierlichen, größeren und kleineren Landhäusern, die sie Cottages,
+Hütten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen.
+Hier genießen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft
+und erfreuen sich ganz gelassen und anständig, vielleicht etwas
+langweilig, des Lebens; während das Haupt der Familie den Tag in London
+auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden
+auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt.
+
+Von der Lebensweise der Großen und Vornehmen läßt sich nichts sagen:
+diese gehören in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich überall
+gleich, in Rußland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland.
+Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel,
+auf's höchste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie
+Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen
+so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht.
+Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich
+die Gelegenheit dazu künftig darbietet, im Vorübergehen das vielleicht
+Nötige erwähnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin,
+die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muß
+man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande
+ist sie noch zu finden.
+
+
+
+Ein Tag in London
+
+
+Wer spät zu Bette geht, steht spät auf, das ist in der Regel;
+daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer
+als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird.
+Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anständig gekleidet,
+versammelt sich dann die Familie in dem zum Frühstück bestimmten
+Zimmer, die Herren in Stiefeln und Überröcken, die Damen
+unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiß verhüllt bis ans Kinn,
+mit zierlichen Häubchen. Das Negligé ist der Triumph der Engländerinnen;
+mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die höchste Eleganz;
+der volle Anzug hingegen fällt of steif und überladen aus.
+
+Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches
+Familienfrühstück, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus
+für die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlängert
+sie gern. Auf dem hellpolierten, stählernen Roste lodert die stille
+Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter
+feucht ist. Das elegante Teegeräte steht in zierlicher Ordnung
+auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene,
+in Wasser schwimmende Butter, das weißeste Brot von der Welt,
+Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte,
+Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heiße Rollen,
+eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts,
+Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen,
+langsam am Feuer rösten, dürfen nie fehlen; letztere stehen
+in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel
+braust und siedet gesellig daneben.
+
+Mit allem diesem wäre aber dennoch das Frühstück ohne die neuesten
+Zeitungsblätter sehr unvollständig, sie sind ein Hauptstück dabei.
+Ein selten vermißtes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife,
+ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt;
+dies schmutzige Vergnügen wird der letzten Klasse des Volks überlassen;
+höchst ergötzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann
+oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen
+vier Pfählen daran.
+
+Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umständlicher,
+aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfältig
+mit heißem Wasser ausgewärmt, der Tee abgemessen, das heiße Wasser
+nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe
+den gehörigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee
+nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit
+einer feierlichen Ruhe, welche die Engländer gern ihren Mahlzeiten
+geben: denn sie mögen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen,
+außer den des gegenwärtigen Genusses. Nur die Zeitungsblätter
+machen beim Frühstück hiervon eine Ausnahme, und die Herren und
+Damen beschäftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische
+Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und
+Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten,
+frohe und traurige, erbauliche und skandalöse, wahre, halbwahre
+und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen.
+Daß bei solchen Fällen das Gespräch seltener stockt, als sonst
+wohl geschieht, ist natürlich.
+
+Nach dem Frühstück begeben sich die Männer an ihr Geschäft,
+ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel möglich
+wird den Vormittag über alle Arbeit abgetan, und trotz des späten
+Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fünf bis sechs Uhr
+zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht
+gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt.
+
+Viele Herren besuchen bald nach dem Frühstück ihr gewohntes Kaffeehaus,
+wo sie einen großen Teil ihrer Geschäfte abtun, eine Menge Briefe
+aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer;
+dorthin verlegen sie auch gewöhnlich ihre Zusammenkünfte
+mit Freunde, um über wichtige Dinge sich mündlich zu besprechen
+und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt
+auf ihrem erhöhten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt
+es mit pünktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persönlich
+kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur nämlichen Stunde
+einzustellen.
+
+Diese Gewohnheit, sich täglich an einem bestimmten Orte finden
+zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von großem Nutzen;
+eine Menge unnützer Gänge und viel sonst verlorene Zeit
+werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der häusliche Friede
+dabei, denn nächst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs
+liegt einer Engländerin nichts so sehr am Herzen, als die
+ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fußteppiche, und wie sehr
+ist für alles dies dadurch gesorgt, daß so manches außer
+dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung
+oder doch wenigstens Unruhe erregen müßte!
+
+Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschäft. Sie greifen zu
+den Morgenhüten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostüm,
+und selbst im Wagen würde es auffallend erscheinen, wenn sich
+eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen.
+Wäre sie auch in siebenfache Schleier gehüllt, alles würde
+sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends
+wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuß über die Straße
+zu gehen, sie wäre ganz verloren; unbarmherzig würde sie der Pöbel
+verfolgen, als hätte sie die größte Unanständigkeit begangen.
+
+Wohlversehen also mit großen Hüten, mit Halstüchern, Shawls,
+wandern wir nun aus, denn die Mode will, daß man sich in den heißen
+Stunden des Tages am sorgfältigsten verhüllt. Visiten haben wir
+nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten
+ist klein, man schränkt sich zum näheren Umgange auf wenige Häuser
+ein, wie in allen großen Städten. Das Visitenwesen wird in London
+überdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch
+haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie überall,
+unerläßlich; nur werden sie später als bei uns angenommen.
+
+Wir finden die Dame in dem glänzenden Schlafzimmer. Vor allem
+prunkt das große Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen
+und feiner Näharbeit verziert, mit grüner Seide gefütterte Draperie
+vom thronartigen Baldachin herab, so daß man die schönen Säulen
+von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt.
+Das Negligé der Dame ist über und über mit den teuersten Spitzen
+geschmückt und bekräuselt; alles ist fein und erlesen, alles
+zeigt Reichtum.
+
+Den Hauptgegenstand des Gesprächs gewährt die auf einem Seitentisch
+ausgestellte Garderobe des neuen Ankömmlings. Er selbst ist
+nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme,
+denn das Selbststillen der vornehmeren Mütter ist in England
+nicht so allgemein wie in Deutschland.
+
+Es gibt hier bedeutende Läden, wo nichts anderes verkauft wird
+als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren
+dieser Läden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch
+aufgehäuft. Selbst ein großes Nadelkissen in der Mitte ist nicht
+zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Größen
+künstliche Muster steckt, die einer schönen, reichen Silberstickerei
+gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht,
+denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergänglich, sie dienen
+nur zum Prunke.
+
+Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir
+weiter a Shopping, dies heißt: wir kehren in zwanzig Läden ein,
+lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt,
+kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon,
+ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute
+sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert
+werden; keinem fällt es ein, nur eine verdrießliche Miene darüber
+zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich
+aus dem Wagen zu bemühen, lassen sie sich den halben Laden
+in die Kutsche bringen, zur großen Beschwerde der Kaufleute sowohl
+als der Vorübergehenden auf dem Trottoir. Man erzählt, daß ein Trupp
+Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage
+den Weg versperrte, ohne Umstände einer nach dem anderen
+hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame höflich
+guten Morgen boten.
+
+Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von
+Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir
+es endlich müde sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen.
+
+Die Promenade im St. James Park könnte auch eine Abwechslung gewähren;
+doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist.
+Zwar fehlt es nie an Spaziergängern darin, aber nur bei sehr seltenen
+Gelegenheiten findet man sie so bevölkert, wie es die Terrassen
+der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der müßigen Männer
+weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen
+nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen
+sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor.
+
+Die Kuchenläden, deren wir früher gedachten, liegen, gleich anderen,
+frei und offen unten an der Straße; daher können Damen recht
+anständig allein dort einkehren. Nur in dem berühmtesten aller
+Etablissements, bei Mr. Birch, in der Nähe der Börse, geht dies
+wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne männliche Begleitung
+blicken lassen.
+
+Das nicht sehr geräumige Frühstückszimmer befindet sich hinten
+im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts
+wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne
+draußen noch so hell schiene; die übrige Einrichtung des Zimmers
+ist anständig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man
+Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewöhnlich schweigend
+ihre Schildkrötensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen
+verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet;
+aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein,
+und nun vollends die Schildkrötensuppe, darüber geht nichts.
+Nirgends weiß man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner.
+Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen
+das von Madeirawein und Cayennepfeffer glühende, uns Zunge und Gaumen
+verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor
+als die Suppe selbst.
+
+Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen
+bloß mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit
+ein Vermögen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen,
+und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege,
+es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig
+und wie überall ein für allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt,
+ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt
+eine ungeheure Einnahme.
+
+Gegen fünf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die nötige Toilette
+vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen,
+aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubrächten,
+so wäre es doch höchst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhört,
+im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Männer ziehen den Börsen-Rock
+aus und mit ihm alle Gedanken an Geschäfte, um in einem eleganteren
+Anzuge zu erscheinen.
+
+Schön und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben
+zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen
+nicht sowohl die große Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier
+von allen geselligen Zusammenkünften durchaus unzertrennliche Etikette,
+welche einen solchen Tag für die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau
+zu einer schweren Last macht. Daher werden gewöhnlich solche Dinners
+nur durch äußere Anlässe herbeigeführt, wie etwa die Gegenwart
+von Fremden, denen man die Ehre antun zu müssen glaubt. Sonst
+führt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als daß
+er ihn bei sich aufnimmt, dort tête a tête, oder in einem größeren,
+doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik
+und lustigen Gesprächen gütlich. Zu Hause ängstigt sie die Gegenwart
+der Frauen, denen man zwar die größte Hochachtung im Äußeren
+aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb
+gern so viel möglich aus dem Wege geht.
+
+Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir
+die Gesellschaft versammelt; es faßt höchstens zwölf bis vierzehn
+Personen. Nach den herkömmlichen Begrüßungsformeln nehmen die Damen
+zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstühlen Platz, die Herren
+wärmen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise.
+Schläfrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben
+und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer
+ertönt. Dies liegt oft eine Treppe höher oder niedriger als
+das Besuchszimmer, weil, wie wir schon früher bemerkten, die Wohnungen,
+selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geräumig und bequem sind.
+
+Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Gläser. Servietten
+gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Engländer so viel
+reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit
+fand man sie nur in Häusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten.
+Das Tischtuch hing damals und hängt auch noch wohl jetzt, wenn man
+en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann
+nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns
+die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen
+Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenüber unten am Tisch,
+die Gäste nehmen auf gewöhnlichen Stühlen zu beiden Seiten Platz,
+so viel möglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen
+vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche
+zum ersten Gange gehören, stehen auf der Tafel.
+
+Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer;
+wir gehören nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch,
+vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser
+halb gar gekochten Gemüse, den Hasen und Rebhühnern, die, wie alle
+anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloß in ihrer eigenen
+Brühe zubereitet werden.
+
+Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewürzte,
+übrigens ziemlich dünne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen
+namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens
+von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gäste
+ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine große Verlegenheit
+für den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache
+sonst ziemlich mächtig ist, dennoch unmöglich alle diese technischen
+Ausdrücke wissen kann. Er muß Rede und Antwort von jeder Schüssel
+geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Brühe oder
+ohne Brühe, welchen Teil vom Geflügel, vom Fisch, ob er es gern
+stärker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft
+die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done,
+wörtlich übersetzt heißt das: viel getan oder wenig getan.
+
+Diese Fragen ertönen von allen Seiten des Tisches zugleich,
+denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause
+im Vorlegen der Schüsseln. Alle werden nach der Suppe zugleich
+serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen
+aus einem großen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder
+dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich wäre,
+so aber dem Fremden fast ungenießbar bleibt, aus Puddingen,
+Gemüsen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Geflügel,
+ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Brühe gedämpft,
+geröstet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht
+daran gespart. Hat man über eine solche Schüssel einen dünnen,
+trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel
+einer Pastete.
+
+Die halbrohen Gemüse müssen ganz grün und frisch aussehen,
+erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben
+geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit,
+sie sind vortrefflich, bloß in Wasserdampf gekocht. Die Puddings
+aller Art wären auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur
+aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts,
+der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst,
+in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen.
+Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemüse,
+Mais, unreife Walnüsse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem
+Essig und vielem Gewürze eingemacht, sind vortrefflich.
+
+Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen,
+die hier im Großen fabriziert und verkauft werden, treibt London
+einen großen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Öl
+und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gäste da,
+sowie auch immer für zwei Personen ein Salzfaß.
+
+Der Salat wird von der Dame vom Hause über Tische mit vieler
+Umständlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht
+aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blätter schmal,
+aber wohl eine halbe Elle lang sind; außer England sahen wir
+sie nirgends, dafür aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt.
+Unermüdet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gästen an;
+dafür müssen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und
+versichern, sie hätten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder
+Hammelfleisch gesehen, und es wäre auch alles ganz vortrefflich
+zubereitet.
+
+Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen,
+noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen
+wir betäubt und ängstlich von alledem wunderlichen Wesen;
+plötzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet
+eine Dame, und aus Höflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis,
+ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen,
+ob sie weißen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe?
+Denn die französischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst
+zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme
+wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Gläser Wein von der bestimmten
+Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend,
+sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre
+gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Gläser
+aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile tönt dieselbe
+Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie
+wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame
+und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat.
+Keine kleine Aufgabe für die, welche des starken Weins ungewohnt sind.
+Abschlagen darf man es niemandem, das wäre beleidigend;
+obendrein muß man noch mit dem ersten Glase den Wunsch für
+die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens
+durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand
+der anderen Gäste uns diese Ehre erzeigt. Es wäre die höchste
+Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte,
+sie muß warten, wäre sie auch noch so durstig, doch bleibt
+die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren müssen sich
+zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber
+die Erlaubnis, sich mit anzuschließen, wenn er vorher geziemend
+darum anhält.
+
+So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken,
+mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt,
+vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespräch kann aufkommen,
+es wird sogar für unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht,
+eines aufzubringen; der Herr des Hauses fährt gleich mit
+der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen,
+nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin
+nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden können
+sich nicht genug vor zu großer Lebhaftigkeit des Gesprächs hüten;
+es gehört hier gar nicht viel dazu, um für ungeheuer dreist,
+monstrous bold, zu gelten.
+
+Ist der erste beschwerliche Akt des Essens überstanden, so wird
+der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfältig vom Tischtuch abgekehrt,
+und es erscheinen verschiedene Arten von Käse, Butter, Radieschen
+und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloß mit Salz
+zum Käse gegessen.
+
+Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz.
+Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schön geschliffenes Kristallbecken
+voll Wasser zum Spülen der Zähne und zum Händewaschen und eine
+kleine Serviette; man verfährt damit, als wäre man für sich allein
+zu Hause. Die ganze so beschäftigte Gesellschaft erinnerte uns oft
+an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontänen
+sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, große Zierlichkeit
+im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen;
+die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke.
+
+Nach dieser Reinigungszeremonie ändert sich die ganze Dekoration.
+Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und
+der schöne, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glänzt uns entgegen.
+Jetzt werden Flaschen und Gläser vor den Herrn des Hauses hingestellt,
+das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhält ein kleines Couvert
+zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewürfeltes oder ganz rotes,
+viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht
+entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst
+wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte
+vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht,
+sauer und halbreif. Haselnüsse, die Lieblingsfrucht der Engländer,
+welche sie Jahr für Jahr knacken, fehlen nie dabei, süße Konfitüren
+und Bonbons sind wenig im Gebrauch.
+
+Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder
+schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat,
+viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben,
+und bei jedem Toast muß das Eingeschenkte ausgetrunken werden.
+Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloß
+ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus,
+er läßt seine Freunde leben, die sich denn wieder durch
+ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren;
+die königliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen.
+Einige der Gäste geben Sentiments zum besten, das heißt, kurze Sätze,
+die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win
+a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen,
+und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden
+beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt.
+
+Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen,
+die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hört.
+Bald nachdem man dem König die gebührende Ehre erzeigt hat,
+erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer
+kleinen Verbeugung gibt sie den übrigen Damen das Signal,
+alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Führerin
+zur Tür hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tête à tête allein essen,
+geht Madame fort und läßt den Eheherrn allein hinter der Flasche.
+Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt.
+
+Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter
+um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich
+allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spaß, den sie
+während unserer Gegenwart mühsam zurückhalten mußten. Ihr lautes
+Sprechen und Lachen verkündet dem ganzen Hause, daß ihnen
+gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns?
+Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gähnen mit
+geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns
+einigermaßen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft
+wäre auch unerhört, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald
+durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier
+und sind allesamt des Lebens herzlich müde. Wie gern schliefen
+wir ein! Aber das schickt sich nicht.
+
+Endlich ist eine Stunde so jämmerlich hingeschlichen. Wir haben
+vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so
+gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener
+hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefällt,
+und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend
+wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer
+dadurch ein Ende, daß sie die Herren zum Tee bitten läßt.
+
+Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks
+sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann
+oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zögern, sie kommen doch,
+die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre
+sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten
+keinen gesehen.
+
+Die Dame macht jetzt den Tee sehr umständlich. Die Fragen,
+wie man ihn findet, wie man ihn wünscht, ob süß, ob mit viel Milch
+oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Häusern
+wird er draußen serviert und vom Bedienten herumgereicht;
+doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies
+lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so
+ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter,
+dünner Kaffee geboten.
+
+Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen
+die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen,
+die Damen sind müde und sprechen überhaupt wenig, es wird selten
+ein munteres, erfreuliches Gespräch daraus. Nach dem Tee fährt man
+nach Hause, denn für's Theater ist's zu spät, oder man bleibt
+zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist.
+
+Whist ist das einzige übliche Spiel in Gesellschaft;
+von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, daß man
+nur Partie Simple oder Double zählt, kein Tripel oder Quadrupel.
+Auf diese Weise kann man höchstens sieben Points in einem Tobber
+verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger.
+Die Karten sind sehr teuer und groß, aber ungeschickt. Dies ist wohl
+das einzige Fabrikat, in welchem die Engländer anderen Nationen
+nachstehen. Kartengeld ist nicht gebräuchlich, ebensowenig Trinkgeld
+an die Bedienten.
+
+Daß die Engländer sehr gut, sehr ernst und schweigend dies
+ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, daß keineswegs
+die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat,
+wie hoch seine Gäste spielen sollen. Dieser Taxe muß man sich
+ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will.
+Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere,
+die vernünftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten,
+daß er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er
+zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten.
+
+Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen
+von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell
+abgetan. Froh, das Vergnügen des Tages überstanden zu haben,
+fährt man spät nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen
+wimmelnden Straßen nach Hause. Alle Läden sind noch offen
+und erleuchtet, die Straßenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne
+wieder scheint.
+
+Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkünfte, welche die erste Klasse
+des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren,
+aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat.
+Sie heißen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland.
+Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee
+einer auf Unterzeichnung gegründeten Zusammenkunft an einem
+öffentlichen Orte.
+
+Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein.
+Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt,
+und zwar ungefähr dreimal so vielen Personen, als das Lokal
+gemächlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, daß man zu
+einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewöhnlichen
+haben muß, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer
+Zimmer enthält.
+
+Um zehn Uhr, oft noch viel später, fängt man an, sich zu versammeln,
+drängt sich durch, um die Wirtin zu begrüßen, die gewöhnlich unfern
+der ersten Tür im Zimmer Posto gefaßt hat, und nimmt dann Platz
+an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedrängt
+den ganzen Raum erfüllen. Tee und andere Erfrischungen werden
+herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen können. Wird es
+zuletzt so voll, daß niemand mehr atmen kann, daß vor allgemeinem
+Geräusch kein Wort mehr zu verstehen ist, daß es an Stühlen und
+Raum fehlt, welche zu stellen, ja, daß die zuletzt Kommenden
+auf Treppen und Vorplätzen stehen bleiben müssen, so hat das Vergnügen
+seinen Höhepunkt erreicht.
+
+Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknäuel
+langsam, wie er anschwoll. Man fährt nach Hause und hat einen
+deliziösen Abend im großen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause
+zieht sich in ihr Zimmer zurück, zwar betäubt vom Lärm,
+wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und
+allen Begrüßungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewußtsein,
+die höchste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben.
+
+
+
+Sonntag
+
+
+Welch ein Tag für die arbeitende Klasse auf dem festen Lande!
+Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt,
+wo sie nach sechs mühevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich
+gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen
+schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule,
+dann können sie frei und frank herumlaufen und spielen nach
+Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten öffnet sich
+ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke.
+
+Von den Vornehmen in den Städten haben freilich viele alle Tage
+Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist für alle Stände der Tag
+des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude,
+geselligen Vergnügens und vor allem Familienzusammenkünften geweiht.
+Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint,
+mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und wäre es nur die,
+einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche
+alle Abende bei der Arbeit war.
+
+Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpönt,
+an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Läden,
+alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie,
+mit der man hier für die Heilighaltung des Sabbats wacht, übertrifft
+noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen,
+aber das Vergnügen erlauben.
+
+Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit
+fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschänder und schreckliche
+Sünder abgekanzelt und in allen öffentlichen Blättern mit Schmähreden
+überhäuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben,
+und weil es bisweilen vorkam, daß die Gesellschaften, welche sie
+sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz
+und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten,
+ehe er noch recht erschienen war.
+
+"Ist's wirklich wahr, daß man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?"
+hörten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags,
+wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!"
+seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu,
+"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt",
+und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen
+doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um
+viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurück. "God bless us all",
+Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags
+(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute
+nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich
+über den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber
+zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und
+hatte die schrecklichste Langeweile, während die Herren bei der Flasche
+wie angemauert blieben.
+
+Der echte Engländer teilt den Tag zwischen öffentlichem Gottesdienst,
+häuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit,
+welche ihr die Andacht übrig läßt, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu
+und läßt den lieben Nächsten eine etwas scharfe Revue passieren,
+denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar übel daran,
+seit man eigene Schulen für die Sonntagabende errichtet hat,
+in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag über
+zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose
+Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten müssen.
+
+Aber wie noch erbärmlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden!
+Sie öffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein
+und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch,
+da kommt ein Besuch, sieht, daß Sie einer weltlichen Lektüre sich
+überließen, und hält Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede.
+Ärgerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken,
+ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Pöbel vor dem Hause,
+mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu,
+welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrückt,
+als kurz vorher. Beschäftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer,
+so äußern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu,
+wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie
+mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen,
+so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim nächsten Friedensrichter
+zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht.
+
+Was fängt man aber mit dem Tage an, der zweiundfünfzigmal im Jahre
+wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter
+es erlauben, und achtet's nicht, daß die Wegegelder am Sabbat doppelt
+erlegt werden müssen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter,
+faßt man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht.
+
+
+
+
+ÖFFENTLICHE VERGNÜGUNGEN
+
+
+
+Theater
+
+
+Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen,
+welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebärde.
+Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer
+zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und
+untrügliche Kennzeichen.
+
+Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und
+angeeignete Unterschied der Nationen großen Einfluß. Kein Niederländer
+malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle müssen
+ihrer Nationalität treu bleiben. Die Gestalten, die Gebärden,
+der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen,
+prägen sich uns mit unauslöschlichen Zügen ein. Wir können nur
+wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen
+liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern,
+die man für ihre Stifter erkennt.
+
+Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalität noch deutlicher
+hervor, und wäre es möglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne
+daß man ein Wort davon hörte, so müßte doch der kundige Beobachter
+gleich entscheiden können, ob er ein englisches, französisches oder
+deutsches Theater vor sich sähe. Alle drei können in ihrer Art
+vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden mißfallen.
+Denn dieser, mit der Individualität der Nationen noch nicht bekannt
+genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Maßstabe
+messen. Nur nach und nach wird er entdecken, daß das, was ihm zuerst
+widerwärtig, unnatürlich, übertrieben erschien, dennoch treu, wahr
+und bewundernswürdig ist.
+
+Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes,
+abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen
+keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Künstler wir auch
+aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, begünstigt durch
+ein Zusammentreffen vieler seltener, außerordentlicher Umstände,
+war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch
+zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzüglichsten
+Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils
+zum Ganzen, der Vollkommenheit näherten.
+
+Daß der deutsche Schauspieler allen alles sein muß, ist ein Unglück;
+dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden für das
+seiner Persönlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London
+ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine
+Individualität ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger
+genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu
+gehört, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen.
+Kein vollendeter Künstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung
+und Studium gehören dazu, um das große Talent auszubilden;
+oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt.
+In Frankreich und England erkennt man dies und läßt sich lieber
+willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung täuschen, als daß man
+den höchsten Genuß, den die Kunst gewähren kann, verschmähte,
+weil der Künstler einige Jahre zuviel zählt.
+
+Der vorzügliche deutsche Schauspieler ist in Gebärde, Ton,
+Deklamation und Stellung bei weitem der gemäßigste, weil Maßhalten
+und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen
+unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns
+übertrieben erscheinen. Ebenso wird der westfälische Bauer gewiß
+glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen,
+wenn jener ihm bloß nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet.
+
+Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes
+ein vollendetes Kunstwerk, so hat die französische Tragödie
+vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort.
+Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Verstoß
+gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des
+sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt,
+binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide dürfen sich nur
+in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise mühevoll
+hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt
+Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Frösteln,
+das wir ungern Langeweile nennen möchten, bemächtigt sich unser.
+Die Stellungen der berühmtesten Schauspieler, schön und kunstreich,
+wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren,
+die wir auch auf den französischen Gemälden finden, und von denen
+es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien.
+Der Geist der Tragödie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher
+alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer über Sterbliche
+verhängen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall,
+widerstrebt der höheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation.
+Alles wird bloß durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hörte man
+einen auf das kunstreichste gebildeten Sänger, dem aber die Natur
+eine sonore Stimme versagte. In der höheren Komödie hingegen
+steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben,
+Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen,
+welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet.
+
+Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte.
+Keine Regel beschränkt den Dichter, keine den Schauspieler.
+Ungebunden überlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht
+dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene,
+Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle möglichen Motive.
+Wie schwer es sei, von dieser unbeschränkten Gewalt den rechten Gebrauch
+zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragödien; nur Shakespeares
+Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da,
+das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und drängt sich
+unermüdet zu seinen Meisterwerken.
+
+Die englische Komödie gibt ein treues, oft etwas überladenes Bild
+des häuslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden,
+der Lächerlichkeiten, die man in den verschiedenen Ständen trifft.
+Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren,
+besonders ihrer Dialekte, erhöhen das Komische derselben und
+werden mit vieler Treue dargestellt.
+
+Charakter-Komödien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen,
+in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste
+Detail herausgehoben wird, kennt der Engländer nicht. Dafür wimmeln
+alle Stücke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen,
+die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die stärksten
+Züge ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft überall
+im geselligen Leben die Urbilder dazu an.
+
+Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir
+uns auch zuweilen in Deutschland ergötzen, ist dieses schon der Fall;
+Ähnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so
+mit fremden Zügen überladen, als man im Auslande wohl glaubt.
+
+So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Männern
+und Frauen gemischt sind, auf Dezenz hält, so nachsichtig ist man
+in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben
+jedes nur von fern ihr Zartgefühl beleidigende Wort empört,
+sehen Szenen an, von denen jede Französin sich zürnend wegwenden würde
+und die gewiß das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen
+aufnähme.
+
+Der englische Tragiker spielt natürlicher als der französische,
+feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und überschreitet
+oft die Grenze des Schönen. Der wütendste Ausdruck des Leidens,
+selbst der laute Schrei körperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen
+des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird
+dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die höchste Kunst
+zu sehen glaubt und mit gesträubtem Haare dann am lautesten in
+Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert.
+
+Die Größte des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, überlaut
+zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose
+will für seine Sixpence so gut alles hören und vernehmen als die
+vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach
+die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler
+macht. Dieser muß daher mit der äußersten Anstrengung jedes Wort,
+jede Silbe abstoßend betonen. Bei den mittelmäßigen Künstlern
+bringt dies eine sehr unangenehme, oft lächerliche Wirkung hervor;
+nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Mühe diese Schwierigkeit
+zu bekämpfen.
+
+Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor,
+welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalität Bezug haben,
+und von denen sie voraus wissen, daß das Publikum sie jedes Mal beklatscht.
+Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden
+während einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit
+tritt später wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler
+seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlängliche Pause
+für den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen,
+so daß das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum
+das Akkompagnement liefert.
+
+Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton,
+ohne große Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes
+Pathetisches, das sich nicht beschreiben läßt; bei etwas Aufmerksamkeit
+aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft
+gehobenen Gespräch. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie;
+jede Sprache hat die ihrige.
+
+Im Komischen, besonders im Possenspiel, übertreffen die Engländer
+vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst
+dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergötzlicher.
+Die Späße sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit
+und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige
+Schauspieler, zum Beispiel Munden [Fußnote: Joseph, beliebter
+Komiker, von der zeitgenössischen Kritik jedoch als Grimassenschneider
+einschränkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus
+erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten
+Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen
+für unanständig hält und dem Gebildeten höchstens nur ein Lächeln
+erlaubt. Hier siegt die Natur, unterstützt von der Kunst, und Regel
+und Zwang sind vergessen.
+
+Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar,
+und der Engländer findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatürlich.
+Das Volk liebt überhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen
+als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an
+guten Sängern und Sängerinnen, um sie für ein englisches Ohr
+ganz angenehm aufzuführen.
+
+
+
+Das englische Publikum im Theater
+
+
+Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt.
+Wie es despotisch über die bretterne Welt herrscht, davon
+hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht,
+wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist.
+
+Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche
+Publikum von seinen Lieblingen gefallen läßt, wünschten wir
+diese nur auf wenige Monate auf die englische Bühne, damit sie
+erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht.
+
+Im Ganzen läßt sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus
+nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede
+Vernachlässigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet;
+nur gegen Debütierende zeigt man große Nachsicht und muntert sie
+auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, daß wir nie einen
+Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt hätte.
+Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten
+ist gänzlich von der Bühne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen,
+stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig
+für sich nachlesen und dem Schauspieler notdürftig zu Hilfe kommen,
+wenn diesen einmal sein Gedächtnis verläßt.
+
+Wie überall, so hat auch hier der auf den höchsten Spitzen befindlichen
+Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie,
+welche diesen Erhabenen gefällt, muß zweimal, oft dreimal
+gesungen werden. Und ihnen gefällt vieles. Selbst die stolze Billington
+mußte in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie
+und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit
+im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und muß weggebracht
+werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler,
+inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter
+hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Lärm so arg, daß die
+Schauspieler das Theater verlassen müssen, bei der Wiederkehr
+werden sie mit Händeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhörten,
+fangen sie wieder an.
+
+Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kümmert sich
+niemand; die Hauptsache ist, daß jeder für sein Geld alles sehe
+und höre, was es zu sehen und zu hören gibt.
+
+Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam,
+wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem
+Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab
+Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang
+für das, was er war, gut genug und mit einer ganz erträglichen Stimme,
+dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil
+aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall
+und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schön machen,
+überstieg sich über seine Kräfte und warf mitten in einer Roulade
+förmlich um. Ein allgemeines Gelächter endigte für diesmal
+die Szene.
+
+
+
+Einrichtungen der beiden großen Londoner Theater in Hinsicht
+auf die Zuschauer
+
+
+Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es
+fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu früh
+für ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr
+und oft weit später noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen
+dauern so lange, daß jede nicht englische Geduld ermüden muß.
+Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun
+einmal nicht das Symbol der Engländer: überall lieben sie
+lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater.
+
+Jeden Abend müssen zwei Stücke gegeben werden, eines von fünf Akten
+und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzüge hat.
+Gewöhnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine
+kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen
+nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob übrigens das Nachtspiel
+zum ersten Stück passend gewählt ist, ob es nicht mit den durch
+jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert -
+dies kümmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Maß
+für sein Geld.
+
+Beide großen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind
+vom Monat September bis Ende Junius geöffnet, dann werden sie
+geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt
+an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten
+Benefiz-Vorstellungen für die älteren und besseren Schauspieler
+gegeben; sie gehören mit zu deren Gehalt. Dann währen diese
+Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut
+zu bewirten, schiebt man noch allerhand Sächelchen in die Zwischenakte ein,
+bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewöhnlich
+den hohen Zuschauern, müssen zwei- bis dreimal wiederholt werden
+und kosten viel Zeit.
+
+Die Logen sind sehr geräumig und so gebaut, daß man aus allen
+gleich gut sehen kann. Sie enthalten sämtlich mehrere Reihen Bänke,
+die sich übereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich,
+ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende
+des Hauses erstreckt.
+
+In allen Reihen Logen werden die Plätze gleich zu sechs Schilling
+bezahlt, das Parterre kostet etwas über die Hälfte. Über die Logen
+erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person,
+und hoch über der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen,
+wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzählten,
+gewöhnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge
+von ihren nächsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet,
+angefüllt mit Zuschauern, gewähren sie einen bezaubernden Anblick.
+Die Etikette will, daß alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen,
+wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen,
+besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame
+wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn
+oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen
+erscheint man in gewöhnlicher Kleidung mit großen Hüten, die aber
+ohne Widerrede abgenommen werden müssen, wenn es verlangt wird.
+Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen
+das Parterre. Es ist ein ganz anständiger Platz, nur muß man früh,
+oft vor Öffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden;
+denn kein Vorherbestellen findet dort statt.
+
+In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen,
+die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch
+ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die öffentlichen
+Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche für die ersten
+und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen
+sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen.
+
+Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Plätze,
+in welcher Reihe Bänke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges
+für sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten
+hinschicken, oder, was gewöhnlicher ist, einen Shilling bezahlen.
+Für diesen Preis wird jemand von dem Logenwärter hineingestellt.
+Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Plätze freigelassen,
+später hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemächtigten. Niemand
+darf für mehr Plätze bezahlen, als er braucht, und täte man es,
+mietete man auch eine ganze Loge, es würde nichts helfen.
+Der Engländer behauptet: niemand dürfe durch sein Geld einen anderen,
+der auch bezahlt, vom Genusse eines öffentlichen Vergnügens
+ausschließen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch
+in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst
+die königliche Familie muß ihre Loge vorher bestellen, die sich
+übrigens durch nichts von den übrigen unterscheidet und ohne Unterschied
+wie die übrigen besetzt wird, wenn niemand vom königlichen Hause da ist.
+
+Nach dem dritten Akt wird jedermann für den halben Preis hineingelassen;
+dieser Gebrauch ist sehr unangenehm für den besseren Teil
+der Gesellschaft. Mit großem Geräusche schwärmen dann jene Nachtvögel,
+die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle
+Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze
+in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich
+vorschriftsmäßig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus;
+deshalb gehen auch Damen nie ohne männliche Begleitung ins Theater,
+und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten
+Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden
+in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer
+von den Fällen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt,
+aus großer Höflichkeit unhöflich werden könnte.
+
+
+
+Drury Lane
+
+
+[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794
+und brannte 1809 wieder ab. Die Gründung des Drury Lane Theaters
+geht auf Thomas Killigrew zurück, der mit königlichem Patent 1662
+hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert
+und umgebaut wurde. Das Patent besagte, daß nur Drury Lane
+und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzuführen;
+daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Bühnen.
+Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble
+und Sarah Siddons, Drury Lane die Führung gegenüber Covent Garden
+verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan
+wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus
+eröffnet, das in wenig veränderter Form bis heute besteht.]
+
+Dieses Theater ist von innen eines der größten und schönsten
+in der Welt; die Außenseite desselben sahen wir nicht vollendet.
+In einem schwerfälligen Stil erbaut, wie fast alle öffentlichen Gebäude
+Londons, scheint es trotz seiner Größe von einem ungewöhnlich hohen
+Dache fast erdrückt zu werden. Dies Dach ist indessen für das Ganze
+von unschätzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke
+und übrigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es
+einen eisernen Vorhang enthält, der im Fall, daß während der Vorstellung
+Feuer auf dem Theater auskäme, sogleich herabgelassen wird
+und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfüllen, vor aller Gefahr
+sichert.
+
+Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthält
+vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fünfzig glänzende
+kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter
+sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert
+von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz
+gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet
+durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine.
+
+Die Dekorationen sind des Ganzen würdig; der hintere Vorhang derselben
+ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern
+zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist,
+den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere,
+schieben sich ineinander und werden so in die Höhe gezogen.
+So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle,
+keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat
+den Vorteil, daß die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschädigt
+werden, daß sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung
+kommen wie unsere Vorhänge, die uns oft in den friedlichsten Szenen
+ein Erdbeben vergegenwärtigen.
+
+Die glänzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich,
+wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane,
+besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr
+ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glänzte Mme. Jordan
+[Fußnote: Wilhelm, Herzog von Clarence, König Wilhelm IV. von 1830-37,
+hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Bühne
+gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre
+miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung
+vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht.
+Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas
+Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten
+trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.]
+hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich
+angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen
+Königs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer
+in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren ließ.
+Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau mußte man ganz vergessen,
+daß sie schon ziemlich weit über die erste Blüte der Jugend hinaus
+und für jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der fröhlich
+schalkhafte Ausdruck ihres sehr hübschen Gesichts, ihr angenehmes
+sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen
+bezauberten unwiderstehlich und ließen nichts vermissen.
+
+Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns
+vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing"
+(Viel Lärm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen
+eine Verkrüppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen:
+"Die Quälgeister" [Fußnote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck.
+Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt,
+am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und
+es unterhält auch da noch, soviel Mühe sich dessen Verfasser gegeben hat,
+es zur Mittelmäßigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch
+Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder
+Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genuß aber ist es,
+dieses Stück mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus
+notwendig machen, in seinem ursprünglichen Glanze zu sehen!
+Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Fußnote: John;
+"den besten niederen Komiker auf der Bühne" nannte ihn Leigh Hunt
+in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz
+an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen
+wie ein Wort das andere jagt, muß man von beiden gesehen haben,
+um zu glauben, daß etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit
+wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstoßung der Worte,
+deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen
+Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch
+verlor kein Zuhörer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe.
+Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten,
+erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. Über alles ergötzlich
+waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten
+Bauerndialekte. Das ganze große Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelächter
+der Zuschauer; sowie sie erschienen, mußten sie oft innehalten,
+um nur gehört zu werden.
+
+Mme. Bland, eine kurze, dicke, ältliche Favoritin des Publikums,
+die für eine vortreffliche Sängerin galt, weil sie gewaltig schrie
+und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt
+eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme
+wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von
+seinem Geliebten betrogenen und darüber wahnsinnig gewordenen Mädchens.
+Die Musik war nicht sonderlich; doch mußte sie unter lautem Beifall
+zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik,
+und solche Schilderungen des höchsten menschlichen Elends sind
+einmal die größte Freude der Engländer. Mit ihrem Gefühl geht
+es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das möglichst Starke
+vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen.
+
+Den Beschluß machte für diesen Abend, oder wie man hierzulande passender
+sagt, für diese Nacht, eine große, meistenteils von Italienern
+aufgeführte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit
+noch nirgends sahen. Ein Zauberer saß auf seinem Throne, umgeben von
+dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen
+Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den
+treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Särgen
+liegen. Der Zauberer mußte notwendig verreisen, und alles kam darauf an,
+daß jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne säße und das
+Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer
+Kobold, unübertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fußnote: der Clown
+Grimaldi gehörte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein über alle
+Maßen beliebter, aber auch von der Kritik gerühmter Pantomime.]gespielt,
+wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiß sich nicht wenig damit. Der
+Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und
+fährt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der
+kleine närrische Kobold ist außer sich vor Freuden auf dem weiten
+prächtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er
+aus allen Kräften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so
+starke Prise, daß er dreimal niesen muß, bei jedem Niesen wenigstens
+drei Ellen hoch vom Sitze in die Höhe geschnellt wird, in der Luft sich
+ein paar mal überschlägt und immer wieder auf den Sitz zurückplumpt. Die
+Natur siegt, er schläft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner
+Hand, der Zauber ist zerstört, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die
+Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Särgen, alles verschwindet.
+Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, überall, in tausend
+Abwechslungen, lassen sie sich häuslich nieder und fangen an, ihr
+lustiges Wesen zu treiben, überall verfolgt sie der Kobold. Ewiger
+Szenenwechsel, Dekorationen, so prächtig man sie nur erdenken kann,
+Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben,
+folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, daß das Auge kaum Zeit hat,
+alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die
+Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus
+erscholl vom unaufhaltsamsten Gelächter; alles lachte, alles war
+erfreut, aber gewiß niemand imstande, zu Hause zu erzählen, was er
+gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel.
+
+
+
+Covent Garden
+
+
+[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch
+den Architekten Henry Holland wesentlich vergrößert worden
+(3600 Plätze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner
+Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, daß das Haus
+1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809.
+Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt
+unter dem Namen Covent Garden Opera House.]
+
+Das Haus, nicht völlig so groß als das von Drury Lane, aber nicht
+weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch prächtiger
+als jenes, denn viele große und kleinere angebrachte Spiegel
+vervielfältigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche.
+
+Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die
+berühmtesten Künstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit
+wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fußnote: Sarah (1755-1830),
+geniale Tragödin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane,
+doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon berühmt,
+ein zweites Mal an diese Bühne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat
+sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05
+verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem
+dreizehnjährigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und
+Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich
+dann vom Theater zurück, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe
+königliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns
+darstellen, das Piedestal verlassen hätte, um unter den Lebenden zu
+wandeln, so trat sie einher, groß, schön, im einfachen Ebenmaß. Ihr
+ganzes Wesen war zur Tragödie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres
+schönen Gesichts paßte nur für das Trauerspiel, unmöglich konnte man sie
+sich fröhlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war
+ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich
+klagende Töne in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber
+die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmäßig schönen
+Zügen vermißte niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark;
+aber auch dies machte keinen Übelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie wäre
+ein Ideal gewesen, über das hinaus man sich nichts denken konnte, hätte
+sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen,
+hinreißen lassen, ihr großes Talent zu mißbrauchen. So aber überschritt
+sie oft die Grenzen des Schönen und ward fürchterlich.
+
+Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent"
+(Die schöne Büssende) [Fußnote: von Nicholas Rowe, seit der Uraufführung
+(1703) vielgespieltes Repertoirestück.], wo sie im fünften Akt
+den Dolch sich ins Herz stößt, verschied sie mit einem lauten,
+konvulsivischen, herz- und nervenzerreißenden Gelächter, das ziemlich
+lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge sträubte.
+Aber so etwas will der Engländer, und halb London strömte ins Theater,
+um Mme. Siddons lachen zu hören, obgleich die Damen Krämpfe und
+Ohnmachten davontrugen.
+
+Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in
+dieser hatte sie ein weites offenes Feld für ihr großes Talent. In der
+Szene des Nachtwandelns machte ihr bloßer Anblick jeden Blutstropfen
+erstarren.
+
+Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fußnote: John Philipp,
+Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung.
+Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie,
+in seinem Bestreben, Kostüm und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck
+einer Aufführung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.].
+Seine Gestalt war noch sehr edel und schön, obgleich auch er
+die Jugendjahre weit überschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht
+ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert,
+und immer erkannte man darin seine Lehrerin.
+
+Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend
+ähnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schönheit
+ein großes Talent für sanfte, duldende, liebende Rollen vereint,
+zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals
+leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule,
+für die Zukunft gaben. Unmöglich kann man die Rolle der Julia
+lieblicher dargestellt sehen als von der jüngeren Mme. Siddons.
+
+Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schöne
+Gestalt; dafür gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie,
+besonders für die Rollen, die er sich erwählt hatte, Tyrannen,
+Bösewichte; kalte, kühne, trotzige Charaktere spielte er unübertrefflich.
+Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so
+dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin
+Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen
+seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt,
+Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er
+unverhüllt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten
+Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er
+mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Häßlichkeit bespöttelte,
+wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Königreich
+für'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady
+Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer
+groß und wahr.
+
+In Hinsicht der sonst hier gewöhnlichen Pracht vernachlässigt man
+oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts
+wegen immer ein gefülltes Haus bringen, und verwendet den Flitter
+lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glänzen
+können. Dennoch muß man jene Stücke gerade auf diesem Theater sehen,
+um der großen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen
+wahrhaft glänzen.
+
+Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame,
+einem Gebelle ähnliche Perorieren der mittelmäßigen Schauspieler
+wird erst lächerlich, dann unerträglich. Freilich mag es sehr
+schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation
+in der Stimme zu behalten.
+
+Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stücke, die noch
+gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele
+seinesgleichen in dem Wahne stand, ein großer Schauspieler
+müsse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem
+großen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fußnote:
+David Garrick (1717-79), berühmter englischer Schauspieler,
+Stückeschreiber und Theaterdirektor. Verkörperte eine neue
+Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natürlichkeit Wert legte.].
+In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo
+noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene;
+die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu
+gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles
+Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details,
+als hätte er "Wilhelm Meister" gelesen.
+
+Was Cooke und Kemble in der Tragödie, das waren Munden, Fawcett,
+Lewis in der Komödie, vor allem Munden [Fußnote: William Lewis,
+Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche
+alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet"
+sein Triumph. Übrigens übertraf er in Gesichterschneiden
+und närrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben.
+Stürmisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane.
+Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhaß und Reue"
+[Fußnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung
+hieß "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den
+komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward,
+trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fußnote:
+dazu führt Johanna in einer Fußnote an: "ein in Matrosenkleidung
+getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Bühnen sieht."].
+Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Gönnern, denn er tanzte
+herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber
+der junge Herr war so ungefällig, nicht zu erscheinen. Nun entstand
+ein Lärmen, als sollte das Haus einstürzen wie weiland die Mauern
+von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr
+zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren;
+es übersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand
+auf der Bühne und wartete, bis die Schreihälse einmal würden pausieren
+müssen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Bücklingen trat er hervor
+und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er,
+der andere Gentleman würde gleich darauf tanzen, er erhole sich
+nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor
+der Tadel; der Sänger sang ein närrisches Lied von einem Yorkshireman
+[Fußnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen
+ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen:
+give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel,
+ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse,
+mußte aber dennoch zweimal wiederholt werden. Daß der Sänger sich
+nicht lange darum bitten ließ, versteht sich von selbst.
+Sowie das Lied geendigt war, trat der Tänzer wieder auf, man ließ ihn
+gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus.
+
+Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten
+Mitglieder beider Theater auf's täuschendste nach; etwas,
+das doch wohl bei keiner Bühne anderer Nationen geduldet werden würde.
+Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall
+rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers
+aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragödie
+mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren
+zu hören. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches
+das Publikum gewiß nicht ruhig nach Hause gegangen wäre, obgleich
+schon fast der Tag wieder anbrach.
+
+Den größten Lärm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von
+"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stück
+nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan
+war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen
+prächtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekündigt. Mme. Siddons
+sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen.
+Alle Logen waren längst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll
+Erwartung.
+
+Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden
+unmöglich gleichgültig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel
+ihn zu vereiteln. Für's erste kündigte sie dasselbe Stück für
+den nämlichen Abend an. Der Fall, daß das nämliche Stück an einem Abend
+in beiden Häusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen,
+solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag
+vor der Vorstellung ein prächtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren.
+Daß auf englische Weise dabei viel getrunken ward, daß der Held
+des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden mußte,
+war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich
+eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glänzendste Versammlung,
+die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang
+ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz
+aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort
+hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst,
+er mußte verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane
+die Schwäche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet,
+denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser,
+so daß er unmöglich spielen konnte. Das Übel dauerte nur den
+einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert.
+Der Zorn, das Wüten des Publikums überstieg nun alle Grenzen;
+das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild
+des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien.
+In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten,
+alle waren leichenblaß, und einige wurden ohnmächtig hinausgebracht.
+Alle Schauspieler mußten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons,
+Kemble, der in der indischen Tracht [Fußnote: indianische Federmäntel]
+wunderschön aussah, standen ängstlich verlegen dem entsetzlichen Lärm
+gegenüber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen,
+drohte man es zu stürmen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde.
+So lärmte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns,
+wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes
+plötzliche Krankheit und ein anderes Stück für den heutigen Abend
+anzukündigen, kaum ließ man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!"
+riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere
+und achteten nicht darauf, daß Kemble mit den demütigsten Gebärden
+das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu,
+die Schauspieler schienen sich ängstlich untereinander um Rat zu fragen.
+Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem
+jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand
+zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke
+schlich sich von der Bühne fort, und das Stück wurde genau
+von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte.
+
+Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders
+Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten;
+sie übertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschön,
+und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man
+erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble
+das Stück für den folgenden Tag wieder ankündigte, rief man ihm
+von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!"
+
+
+
+Die italienische Große Oper
+
+
+[Fußnote: das große Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's,
+nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eröffnet
+(dieses Haus stand in seiner Größe kaum der Mailänder Scala nach),
+1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel
+für dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.]
+
+Von diesem großen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt
+zur italienischen Oper.
+
+Obgleich die Vornehmsten es beschützten, so ist dieses Theater
+dennoch dem Volke verhaßt, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste
+entgegenstrebt. John Bull geht höchstens einmal hin, um sich hernach
+zeitlebens darüber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze
+ausländische Wesen, vor allem die französischen Tänzer erscheinen ihm
+wie ebenso viele Entheiligungen des vaterländischen Bodens. Längst
+wäre die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Großen Eitelkeit,
+Prachtliebe und Vorliebe für das Ausländische sie erhielte;
+deutlich sieht man, daß sie hier nicht gedeihen kann und trotz
+der großen Summen, die darauf verwendet werden, nur kümmerlich vegetiert.
+
+Das Haus, noch größer als Drury Lane, enthält außer dem Parterre
+fünf Reihen Logen und zwei Galerien. Über und über mit Malereien
+überladen, schien es, ungeachtet der sehr glänzenden Erleuchtung,
+dennoch dunkler als die anderen Schauspielhäuser. Die Verzierungen
+waren ziemlich geschmacklos, überall schwärmen Amoretten zwischen
+tausend Schnörkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze
+erschien bunt, aber nicht heiter.
+
+Dieses Theater ist der glänzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels,
+dem es hauptsächlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch
+auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht,
+der tut wenigstens als besuche er es fleißig und sei jedes Mal entzückt,
+wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde während der Vorstellung
+gähnen mußte. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet,
+für welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus
+nich allein mieten, sondern sogar kaufen könnte.
+
+Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man wöchentlich zweimal,
+dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schönsten, berühmtesten,
+reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten
+Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen
+und gewähren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit übertrifft.
+Wer nicht abonniert ist, muß ins Parterre, welches hier an Rang
+den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee,
+und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren
+in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schönste
+geschmückt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel
+kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk
+viel sehen und hören läßt, müssen wir billig bezweifeln.
+
+Unser Schicksal wollte, daß wir die von Winter komponierte Oper
+"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken
+[Fußnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener
+Komponist, seit 1788 in München Hofkapellmeister. Schrieb über 40 Opern,
+ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung
+seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen
+hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett
+ununterbrochen hintereinander fort, bis Sänger und Tänzer es müde sind;
+denn das Publikum in den Logen ermüdet nicht, immer das nämliche zu
+sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter über
+die Vorstellungen gewechselt.
+
+Die berühmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile.
+[Fußnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter
+eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie
+in Italien, kehrte dann nach London zurück und blieb bis 1809 am Theater.]
+Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man übersehen, wäre sie nur nicht
+so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt
+auf dem Theater erblickten, hätte sie sich nur bemüht, durch Spiel
+und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es
+unter ihrer Würde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da
+und sang, und glaubte damit schon ein übriges getan zu haben.
+Die Engländer hielten sie für die erste Sängerin der Welt.
+Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Höhe
+von großem Umfang, dabei kunstmäßig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag
+fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig
+hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen
+und Triller an, wobei dem Zuhörer der Atem verging, und glaubte so
+die höchste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von
+einer Viertelstunde, darüber geht dem Egländer kein Gesang der Welt.
+
+Alle übrigen Sänger und Sängerinnen, größtenteils Italiener,
+waren fast noch weniger als mittelmäßig. Unter den schlechtesten
+als die schlechteste zeichnete sich die zweite Sängerin aus, und man
+sagte uns, die Direktion hätte sie bloß engagiert, weil ihr die Kleider
+ihrer Vorgängerin wie angegossen paßten.
+
+Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht hübsch, aber bei
+weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die
+ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fußnote: Kleinlichkeit]
+betrieben, die sowohl der großen Summen, welche darauf verwendet werden,
+als des Publikums, das sich dort versammelt, unwürdig ist.
+
+Sehr vergnügt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung
+machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses
+drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches,
+sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und
+noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich.
+Die Haupttänzer sind es immer; denn man engagiert alljährlich
+ausgezeichnete Künstler aus Paris für die Saison um große Preise.
+Desto schlechter stechen aber die anderen Tänzer, noch mehr
+die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung;
+nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine
+andere Welt versetzt.
+
+Nach ein Uhr kamen wir ermüdet, als hätten wir mitgetanzt,
+zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren.
+
+
+
+Vauxhall
+
+
+[Fußnote: der Vergnügungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts
+und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, ursprünglich der Name
+eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Blüte
+des Vergnügungsortes auch für ähnliche Anlagen in anderen Städten,
+so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.]
+
+Reizender, blendender, feenhafter läßt sich nichts denken als dieser,
+in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten,
+besonders in sogenannten Galanächsten, wenn er zur Feier des Geburtstages
+irgend eines Mitglieds der königlichen Familie in doppelter Erleuchtung
+prangt. Gegen fünfzehntausend wohlgekleidete Männer und Frauen wandeln dann
+im Schimmer unzähliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde
+zwischen schönen Bäumen und blühenden Sträuchern im fröhlichsten Gedränge
+umher. Musik tönt durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und
+Vergnügen; es ist, als beträte man das Paradies der Mohammedaner.
+Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben
+prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhöht.
+
+Gleich der Eintritt in diesen Zauberort überrascht und blendet.
+In der Mitte eines großen, ringsum mit schönen Bäumen umgebenen Platzes
+erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen
+zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen nächtlichen Himmel
+wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht
+das phantastische Gebäude da, und doch innerlich fest genug, um nahe
+an hundert Personen sicher zu tragen.
+
+Hinter den ebenfalls erleuchteten Bäumen ziehen sich oben
+bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen
+und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich
+Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, überall funkelndes Licht
+und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere
+hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt
+die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemälde endigen die
+erleuchteten Alleen; Säle mit Statuen, Transparenten, Blumen und
+kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kälte, Wind
+und plötzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen
+Sälen spielen kleine Musikchöre.
+
+Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwärter stehen neben
+den Bogen, welche den großen Platz umgeben. Jedes Winks bereit,
+besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem,
+was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getränken
+verlangen kann.
+
+Das Orchester besteht größtenteils aus Blasinstrumenten. Wir hörten hier
+unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit,
+deren Möglichkeit wir nie geträumt hätten. Ein im Dienste des Prinzen
+von Wales stehender Künstler blies es.
+
+Auch die beliebtesten englischen Theatersänger, einige wenige
+der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien,
+Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesängen hören. Im Freien
+klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem
+Feentempel erschallenden mächtigen Töne in der funkelnden,
+schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich;
+denn trotz der großen Menschenmenge hört man doch nirgends
+wilden Lärm auf diesem Platze. Schweigend oder flüsternd
+wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns
+in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft.
+
+Dort sehen wir in einem großen, sich bewegenden Gemälde einen Wasserfall
+auf das täuschendste dargestellt. Man hört das wilde Rauschen
+der Flut und sieht sie in stäubendem Schaum sich verwandeln.
+Die Szene belebt noch eine am Fuße des Wasserfalls angebrachte Brücke,
+über welche mancherlei Fuhrwerke, Fußgänger, Reiter und Tiere
+passieren, alles auf's natürlichste und täuschendste dargeboten.
+
+Von hier kehrt man zum Orchester zurück, von welchem um diese Zeit
+gewöhnlich eine große Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstück
+erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht
+die verschiedenen Säle. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man
+es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns
+in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke,
+bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht
+im Wiener Prater denken muß. Nach dem Feuerwerke verteilt sich
+der größte Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen,
+selbstgewählten Kreisen fröhlich zu Abend ißt und dabei die draußen
+umher wandelnde schöne Welt die Musterung passieren läßt.
+
+Späterhin wird auf dem grünen Rasen in der Nähe des Orchesters
+getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mögen freilich wohl nicht
+die unbescholtensten sein. Schwerlich würde sich in London
+ein Mädchen von gutem Rufe zu einer solchen öffentlichen Ausstellung
+verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tänzerinnen
+und schließen daraus, daß sie vom Unternehmer der Anstalt
+hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit
+dem Ausdruck der Freude und dennoch anständig, so daß sie
+eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schön, jung
+und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl
+eigentlich sein möchten?
+
+Gewöhnlich bricht der Tag über alle diese Freuden an, doch
+pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen;
+später artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch,
+als daß man gern dabei verweilen möchte.
+
+
+
+Konzerte
+
+
+Berühmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren
+ein Vermögen erwarben, das sie auf dem festen Lande während
+einer ganzen Lebenszeit nicht erworben hätten, wissen am besten,
+wie man hier die Musik liebt.
+
+Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr
+nicht bloß an Talent, sondern auch an Gehör und Geschmack.
+Daher gibt's nichts Ungefälligeres, Monotoneres als die englische
+Volksmusik. Wir haben schon früher bemerkt, daß hier der Text
+mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst
+des Sängers.
+
+So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Großen aber,
+welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen,
+nehmen ausländische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr
+als fürstlich. Viele von ihnen haben in ihren Häusern zu bestimmten
+Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berühmte Tonkünstler
+teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft
+oder Adresse nach London kommt; sein Glück ist gemacht.
+
+Verschiedene große Subskriptionskonzerte existieren den Winter über
+in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen
+engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind,
+werden größtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten.
+Das glänzendste derselben wird während der beiden letzten
+sogenannten Wintermonate wöchentlich einmal in Hanover Square,
+in einem schönen, hochgewölbten Saale gegeben, an welchen
+zwei brillante Konversationszimmer stoßen. Es ist hauptsächlich
+der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnügen
+gewährt als dies. Das sehr glänzende Auditorium war still und
+aufmerksam. Londons beste Sänger wetteiferten miteinander.
+Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor
+in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des
+berühmten Klavierspielers [Fußnote: Tochter Domenico Corris,
+eines Opernkomponisten. Corri gründete 1797 mit seinem Schwiegersohn
+Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte.
+Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Böhmen, gest. 1812 in Paris)
+war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose
+am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere ließ sich auch
+auf der Harfe hören, die sie meisterhaft spielte. Besonders
+entzückte uns der Tenorist Braham [Fußnote: eigentlich Abraham, John;
+(1774-1856). Bedeutender Sänger, der zeit seines Lebens in London wirkte.
+In Webers "Oberon", der für London komponiert wurde, war er
+der erste Hüon.], welcher damals vielleicht die schönste Stimme hatte,
+die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heißt Abraham.
+Arien, Duette und vierstimmige Musikstücke wechselten miteinander ab,
+manches mußte wiederholt werden, denn der Engländer, hoch oder
+niedrig, läßt sich's nicht nehmen, für sein Geld zu befehlen,
+ohne Umstände und Ansehen der Person. Die Künstler müssen gehorchen,
+wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende
+noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's
+hierzulande nennt.
+
+Am Ende des Konzerts sang ein siebenjähriger Knabe, der Sohn
+des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug für sein Alter.
+Die Gutmütigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende
+Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored,
+obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen
+gleich nach Brahams männlich schönem Gesange auch nur einmal
+anzuhören.
+
+
+
+Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens
+
+
+Kein Fürst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen
+kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der
+König von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte,
+winkelige, rostige Gebäude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James
+Palast prangt [Fußnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die ständige
+Residenz der englischen Könige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809
+zerstörte ein Feuer den Ostflügel, so daß wenig mehr vom alten Tudor
+Palast übrigblieb.]. Auch bewohnte König Georg der Dritte es
+gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein großes Bette mit
+rotsamtenen Vorhängen im großen Leverzimmer.
+
+Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise
+in diesem königlichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften
+begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich
+im Palaste der Königin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield,
+Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und
+von Georg IV. 1825 nach Plänen von Nash umgebaut und später
+noch mehrmals ergänzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb.
+Seit dem Regierungsantritt der Königin Victoria (1837) Residenz
+der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas
+moderneren Gebäude, welches aber auch, weit entfernt von aller
+königlicher Pracht, weder sehr groß noch sehr schön aus bloßen
+Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James
+anstoßenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner.
+
+Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schöne große Wiese,
+durchschnitten von angenehmen Fußwegen, belebt durch einen ihn
+durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten
+Gruppen schöner alter Bäume. Alles darin ist einfach, aber
+unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser ländlichen Stille
+mit dem Geräusche der großen Hauptstadt, aus welchem man
+unmittelbar hineintritt.
+
+Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gärten.
+Der Green Park zieht sich längs diesen hin, ebenfalls eine
+zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Bäumen besetzt.
+Der Hyde Park begrenzt beide; größer als sie, geht er bis an
+die Gärten von Kensington; ein in mannigfaltigen Krümmungen
+sich hindurchwindender silberheller Strom verschönt ihn;
+Kühe und schöne Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und grün,
+als wäre man hundert Meilen von der Stadt.
+
+Wenn man vom Hyde Park aus in die Gärten von Kensington tritt,
+wähnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein;
+so majestätisch erheben die hohen, schönen Bäume, der ausgezeichnetste
+Schmuck jener Gärten, ihr prächtiges Laubgewölbe. Diese Gärten,
+das gewöhnliche Ziel der Spaziergänger, gehören ebenfalls dem Könige
+und stehen, solange die schöne Jahreszeit währt, von acht Uhr morgens
+bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen.
+Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch
+nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin
+und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst
+nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade
+einer großen Hauptstadt. Angefüllt mit Spaziergängern, die unter
+diesen prächtigen Bäumen lustwandeln, machten sie einen ebenso
+reizenden als imposanten Eindruck.
+
+Der zu diesen Gärten gehörende Palast von Kensington verdient nur
+wegen seines Eigentümers diesen prächtigen Namen. Die königliche Familie
+kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt,
+welche vom König die Erlaubnis dazu erhielten.
+
+Jeden Sonntag nachmittags bei schönem Wetter wimmelt im Sommer
+der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergängern, die zwar
+Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als würden sie
+wirklich mitgezählt. Alles was die Woche hindurch sich in den
+Ladengewölben und Arbeitszimmern der City abmühte und kein Haus
+zu hüten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schöpfen,
+grüne Bäume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen.
+
+Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm;
+weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Frühling
+gewährt. An schönen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung
+zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags, fährt, reitet und geht
+dann die schöne Welt dort spazieren. Eine unzählbare Menge
+der schönsten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken
+in dieser Zeit den durch Hyde Park führenden Fuhrweg bis Kensington;
+kein Fiaker, kein öffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren;
+nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern könnte,
+daß es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm
+sind. Der Anblick der vielen schönen Reiter und Pferde,
+der tausend Equipagen von allen Formen und Größen, der schönen
+Frauen und lieblichen Kinderköpfchen, die aus diesen herausgucken,
+ist einer der prächtigsten, den nur irgendeine große Hauptstadt
+gewähren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis
+der Opulenz und Bevölkerung Londons.
+
+Auch die Spaziergänge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil
+jene schimmernden Equipagen verließen, um hier zu lustwandeln
+und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen
+von Kensington; man hat berechnet, daß an solchen Tagen bisweilen
+hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gärten
+von Kensington des blauen Himmels und der schönen Erde freuen.
+
+Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort,
+besonders, wenn bei starker Kälte der Strom im Hyde Park mit Eis
+bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhläufer ihre Künste,
+man eilt hin, sie zu bewundern; für Erfrischungen und Wärme
+ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist,
+für Hilfe bei möglichen Unglücksfällen, durch eine sehr zweckmäßige,
+an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt.
+
+
+
+Des Königs Geburtstag
+
+
+Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger
+Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte,
+ist für die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre,
+der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet,
+er gibt für die nächsten zwölf Monate den Ton an für Moden, Equipagen;
+alles wird für diesen Tag und nach diesem Tag berechnet.
+So war es wenigstens, solange des alten Königs Gesundheit
+ihm erlaubte, sich öffentlich sehen zu lassen. Sein späteres
+anhaltendes Übelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage
+üblichen Zeremonielles manche Änderung herbeigeführt haben,
+doch die Hauptsache blieb gewiß, solange er lebte, und es wird
+auch später, solange es Könige von England gibt.
+
+Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider,
+Juweliere und Modehändler in großer, eilender Geschäftigkeit;
+neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht,
+Juwelen umfaßt, Pracht-Equipagen und glänzende Livreen angeschafft,
+alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glänzen,
+denn viel länger währt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen
+tun freilich das ihrige nach besten Kräften, um diesen Glanz,
+soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie füllen viele Tage hindurch
+lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quästchen
+an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperücken der Herren
+wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden
+nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene
+Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer.
+
+Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr
+viele Leute vor einer kleinen Hintertüre des Palastes, die den König
+dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House käme.
+Kanonendonner verkündete einstweilen die Feier des Tages;
+Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk
+hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen
+langer Regierung der größte Teil desselben geboren ward.
+Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedränge
+zu geraten, sondern begaben uns in die schöne und breite Straße
+von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes führt.
+Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug
+der Glückwünschenden bequem ansehen.
+
+Es war ein schöner, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon
+der ziemlich langen Straße blieb unbesetzt, frohe Gesichter
+schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedrängt, sogar die Dächer
+wimmelten von Zuschauern; eine unzählbare Menge wohlgekleideter
+Leute drängte sich auf der Straße weit über den Fußpfad hinaus,
+so daß in der Mitte kaum Platz für die Wagen blieb. Eine Menge
+Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange,
+stillstehende Reihe. Fast lauter hübscher Frauen und Mädchen
+blickten neben den reizendsten Kinderköpfchen neugierig
+daraus hervor in das bunte Gewühl. Vor dem Schlosse paradierte
+die schöne königliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente
+standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Königs
+eigentlich eine Art Schweizergarde [Fußnote: King's Body Guard
+Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache für den Herrscher aufgestellt.
+Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst
+versehen und bedeutend früher gegründet wurden.]. Ihre Kleidung
+ist noch genau dieselbe, die sie im fünfzehnten Jahrhundert war,
+bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten
+des Königs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre
+wohlgenährten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen.
+So sonderbar sie in der über und über mit Gold besetzten, scharlachroten
+altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Rücken glänzenden
+silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen
+gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung
+dem Feste doch etwas Feierliches, Altväterisches, das uns
+in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt,
+als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie
+aus dem Palaste wo sie ihren Glückwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen
+nach einer Taverne zog, um dort auf des Königs Gesundheit
+feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher,
+karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte
+God save the King geblasen [Fußnote: in dem zu jener Zeit stark
+feuergefährdeten London gab es keine städtische Feuerwehr,
+sondern die Phönix Versicherungsgesellschaft hielt sich
+eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein
+bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.].
+
+Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare
+Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren.
+Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick.
+Nirgends kann man prächtigere Kutschen von der neuesten, noch nie
+zuvor gesehenen Form, nirgends schönere, stolzere Pferde erblicken.
+Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt
+vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde,
+aber der mit einer großen, runden Perücke versehene, auf dem
+befransten Bocke majestätisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt.
+Wie in anderen Ländern Schnurrbärte, so sind in England solche
+dicken runden Perücken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer
+der Herr, je größer sind die Perücken.
+
+Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich
+bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen
+nahmen sich von oben nicht sehr graziös aus in dem überladenen
+Putze und der steifen, ängstlichen Stellung; fast wie die überfüllte
+umgestülpte Schachtel einer Modenhändlerin, ein formloser Berg
+von Flor, Blumen, Federn und tausend schönen Sachen.
+
+Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung,
+mit schweren goldenen Ketten geschmückt, fuhren in großen, über und über
+vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen überall
+fast ebenso vergoldete Bediente mit großen Federhüten hingen.
+Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten
+nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte
+Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren.
+
+Die Herzöge von York, von Glocester und andere Glieder der königlichen
+Familie saßen in beinahe ganz gläsernen Staatswagen, so daß man sie
+von allen Seiten deutliche sehen konnte.
+
+In alle diese Pracht mischten sich ganz gewöhnliche Fiaker
+und behaupteten ihren Platz in der glänzenden Reihe so gut wie die anderen.
+Größtenteils saßen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel
+neben uns wollte in einem derselben drei Bischöfe erblicken, die so,
+das Stück für sechs Pence, an den Hof fuhren.
+
+Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete
+Portechaisenträger ihren Hundstrott, mit schön aufgeputzten
+Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden
+glänzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten
+begleitete jede derselben.
+
+Von ein bis sechs Uhr währte dieser Zug ununterbrochen fort,
+ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen,
+machten dem König und der Königin ihr Kompliment, vielleicht ohne
+im Gewühl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort,
+um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude,
+mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen.
+
+Nach der Cour gab die Königin ein Familiendinner, das einzige im ganzen
+Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafür besoldete
+Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muß. Auch zum Konzert
+werden nur wenige von den Vornehmsten auserwählt und zugelassen. Sonst
+pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der höchstens zwei
+Stunden währte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den
+Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnügt man sich mit übrigen
+Freuden des Tages.
+
+Abends waren einige öffentliche Gebäude, die Theater und die Häuser
+der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich hübsch
+illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag.
+
+
+
+Pension für Mädchen
+
+
+[Fußnote: der fünfzehnjährige Arthur notierte dazu: "Mittwoch
+den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt
+dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schöne Aussicht.
+Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School)
+von jungen Mädchen, wo Hr. Harris auch zwey Töchter hatte.
+Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball,
+wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer
+hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier über 40
+junge Mädchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem
+Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn.
+Nachher wurden ein Paar Tänze getanzt in die sich auch Herren mengten,
+und die ich auch mittanzte."]
+
+Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend
+bei London einem Zuge von dreißig bis vierzig jungen Mädchen, auf dem
+Fußpfade neben der Landstraße andächtig zur Kirche wandelnd. Es war ein
+lieblicher Anblick. Schneeweiß gekleidet, mit artigen Strohhüten, gingen
+sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufblühender
+jugendlicher Schönheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit.
+Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend über jeden Tritt,
+jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf
+dem ernsten Wege entschlüpfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein
+ähnlicher Zug Knaben daher, dem nämlichen Ziele zuwandelnd, begleitet
+von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und grüßten sich wohl
+als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig
+an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zöglinge aus
+irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich
+zum Gottesdienste getrieben werden. Dörfer und Flecken ringsumher
+wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast
+niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und
+Unruhe machen würden. Sowie Knaben und Mädchen aus der Kinderstube
+kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst
+nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das väterliche
+Haus zurück.
+
+Die Mädchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig
+Gründliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch
+weiß eine Engländerin selten, wie es außer ihrem Vaterlande aussieht
+und was dort in früheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der
+französischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht,
+aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert;
+schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm
+in einer fremden Sprache Rede stünde. Musik und Zeichnen
+wird sehr oberflächlich und gewöhnlich nur betrieben, um beides
+späterhin so bald als möglich wieder zu vergessen. Die Mädchen
+lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige
+Papparbeiten, Kästchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen,
+tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich für's Haus braucht,
+bleibt ihnen gewöhnlich unbekannt. Der Hauptzweck des größten Teils
+der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen,
+einmal im Jahre mit ihren Zöglingen recht zu glänzen, wenn sich
+die Eltern und Verwandten derselben bei dem großen Prüfungsfeste
+versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hört schon aller
+ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder
+für den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstücke werden ihnen
+eingelernt, die sie vor der entzückten Versammlung mechanisch
+ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters
+verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt,
+sie für den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und
+der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause.
+
+Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Töchter in dem nahe bei London
+gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, führte uns
+zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr großen Hauses
+empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen großen Saal
+geführt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Mütter und übrigen
+Verwandten der jungen Mädchen saßen; die Zöglinge selbst waren
+am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch
+übereinander sich erhebender Bänke wie zur Schau ausgestellt.
+Auch gewährten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich
+fünfzig junge Mädchen von acht bis sechzehn Jahren, hübsch,
+in blühender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform
+des Hauses gekleidet, mit schneeweißen kurzen Kleidern und
+blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schärpe
+um den Leib war ihr ganzer Putz; so saßen sie da, glühend
+vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude.
+
+Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball.
+Die Mädchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Tänze;
+keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine künstlichen Sprünge,
+sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche
+der Tanzmeister für sie eigens komponiert hatte und die wohl
+sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten
+wie dieser. Die geschickten Tänzerinnen hatten kleine Solos darin,
+um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie
+von Müttern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei
+arme kleine Holländerinnen standen traurig und unbemerkt
+in einer Ecke allein, niemand bekümmerte sich um die Fremden,
+die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren.
+Wir, Fremdlinge wie sie, fühlten uns ihnen verwandt, riefen sie
+zu uns, erzählten ihnen, daß wir unlängst aus ihrem Vaterlände kämen,
+und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen
+die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Länge etwas langweilige
+Paradetänze abgetan waren, kamen einige englische und schottische
+an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, hüpften
+die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge
+anwesende Vettern und Brüder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen
+herumzudrehen.
+
+Mit stiller Rührung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten
+sich die holden Geschöpfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick,
+da wir dies niederschrieben, schon längst mit seinem ganzen Ernste
+ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen
+der Zukunft entgegen, als wäre auch sie ein Tanz der Freude;
+jetzt füllen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich
+hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Tränen der Sehnsucht.
+Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verließen sie,
+noch mitten in der Freude, mit stillen Wünschen für die Zukunft.
+
+
+
+Pension für Knaben
+
+
+Gewöhnlich sind es Landprediger, die irgend ein großes schönes Lokal,
+unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen
+und neben ihren Berufsgeschäften dieses Erziehungsgeschäft treiben,
+wobei sich die sehr ehrwürdigen Herren ungemein wohl befinden.
+[Fußnote: dazu notierte Johanna in einer Fußnote. "Most reverend Sir,
+sehr ehrwürdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."]
+
+Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster
+in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen.
+Sie gilt für eine der besten, selbst Lord Nelson ließ zwei seiner Neffen
+da erziehen [Fußnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurückgezogen
+mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805
+schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-französische
+bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde
+gleichen sich alle; nur die Zahl der Zöglinge, die größere oder
+beschränktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander.
+
+Der sehr ehrwürdige Herr zu Wimbledon befaßte sich gar nicht mit
+dem Unterrichte; unsichtbar für seine Schüler saß er den Tag über
+in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloß
+als Kostgänger, nicht als Schüler in seinem Hause lebten, im Englischen
+unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er
+auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport
+abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen
+wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht über die Schüler hatte,
+gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem
+nämlichen großen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder,
+und die Schüler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen.
+Dies währt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwölf.
+
+Die Schule wird mit Gebet eröffnet und geschlossen, ganz nach
+der englischen Liturgie, wobei auch des Königs, seines Hauses,
+der Schwangeren und Säugenden usw. von den Knaben christlich gedacht
+werden muß.
+
+Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie,
+Geschichte, Schreiben, Rechnen und der französischen Sprache.
+Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muß es besonders
+bezahlen; die Lehrer dazu kommen wöchentlich einige Male von London
+herüber; an alles übrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland
+lernen, wird nicht gedacht.
+
+Die Zöglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht
+des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm
+auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter
+seiner Aufsicht auf dem großen Hofe und werden täglich in einem
+großen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen
+werden muß.
+
+Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach
+angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Rücksicht auf Alter,
+Charakter und Fähigkeit. Wie könnte es anders sein, ihrer sind sechzig,
+zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der
+die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, daß er auf drei Wochen
+die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel
+des sehr ehrwürdigen Herrn mit den Kostgängern und der übrigen
+Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel
+erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie
+nur ungefähr zwölf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeiträumen
+unter seiner Aufsicht hat.
+
+Die Kostgänger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen
+dem ehrwürdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schüler.
+Nur einige Schüler, deren Eltern es zu bezahlen vermögen, gehören
+auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber
+an dem gut besetzten Tische, können nach Herzenswunsch im Lustgarten
+und im Obstgarten ihr Wesen treiben, während ihre Kameraden
+auf dem öden Hofe bleiben müssen und entsetzlich geprügelt werden,
+wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben.
+So müssen die Kinder schon in der Jugend lernen, daß dem Reichen
+alles erlaubt, und Geld daher das höchste Ziel ist, wonach man
+zu trachten hat.
+
+Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt
+oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe
+aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen.
+Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiß, so schreibt
+der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn
+Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer
+gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir
+oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens,
+ob sie ihre Aufgabe gewußt haben? Sie müssen natürlich mit "Nein"
+antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er:
+was sie dafür verdient hätten? Sie antworten: geprügelt zu werden,
+und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwürdige Herr an ihnen
+dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander,
+ohne Rücksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist,
+und dazu auf die beschimpfendste Weise.
+
+Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so
+verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so
+sonnenklar wäre, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet.
+Der Kläger muß Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch
+so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er
+nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles
+wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstühlen; den
+Charakter der Kinder zu ergründen, ihr Gefühl für Recht und Unrecht im
+höheren Sinn, ihre Liebe für das eigentliche Wissen zu bilden, daran
+denkt niemand.
+
+Wir enthalten uns aller Bemerkungen über eine solche Erziehungsmethode,
+jeder macht sie gewiß selbst und fühlt, welchen Vorzug auch in
+dieser Rücksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben,
+und welche Resultate sich von einer solchen frühen Behandlung
+erwarten lassen.
+
+Sonntagmorgens werden die Schüler im Schulzimmer versammelt.
+Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton,
+einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Übung
+hält er seinen Schülern die Predigt, die er mittags dort halten wird,
+erst einmal in der Frühe. Damit verbindet er den in der englischen
+Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so daß das Ganze eine
+starke Stunde währt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern
+paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung
+der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie
+bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen müssen.
+Nachmittags werden sie wieder auf die nämliche Weise zur Kirche getrieben,
+und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube großer Gottesdienst
+gehalten, wobei wieder des Königs und seines Hauses gedacht wird.
+Zwischen allen diesen Andachtsübungen müssen sie in der Bibel lesen
+und dürfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele
+aber und alle lauten Ausbrüche der Freude sind hoch verpönt,
+und werden streng bestraft.
+
+
+
+Das Britische Museum
+
+
+[Fußnote: größtes Nationalmuseum Großbritanniens (Geschichte, Archäologie,
+Kunst und Völkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen
+Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung
+des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House
+untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum
+beschränkt werden ließ, erbauten die Brüder Smirke in den Jahren
+1823-55 das neue Museum.]
+
+Diese reiche, in einem schönen Lokal aufgestellte Sammlung verdient,
+der großen Nation anzugehören, deren Namen sie führt. Der unermüdliche
+Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
+den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum
+der Nation vermachte. Mehrere große Sammlungen wurden damit vereinigt,
+und so erreichte das Ganze den Grad von Vollständigkeit, auf welchem
+es sich heute befindet.
+
+Die prächtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schönste
+Zierde desselben; [Fußnote: Altertumsforscher (1730-1803);
+nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji
+teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton.
+Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch
+die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb
+ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquités étrusques,
+grécques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir
+im Anschauen dieser schönen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten
+glücklich benützt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen
+häßlichen, verkrüppelten Formen verbannten und nach und nach
+unserem Hausgeräte die jetzt übliche schöne, geschmackvolle Gestalt
+gaben.
+
+Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schönen Jahrhunderte der Römer
+und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger
+Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgötter, unendliches kleines Gerät,
+aus den Gräbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum
+freundlichen Tageslicht gefördert, vergegenwärtigte uns das heitere,
+gefällige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir
+in diesen Zimmern verweilten.
+
+Schnell streiften wir hernach durch die Säle, welche das
+Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so
+auch durch das sehr beträchtliche Münzkabinett. Wenn man in seiner Zeit
+so beschränkt ist, wie wir es hier waren, so muß man entbehrend zu
+genießen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Muße
+betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu
+nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenständen verwirrt und
+ermüdet ohne allen Nutzen.
+
+Auch die von Kapitän Cook [Fußnote: James (1728-79), Forscher und
+Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch
+G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem
+fünften Weltteile mitgebrachten Merkwürdigkeiten, die hier ein
+ganzes Zimmer anfüllen, betrachten wir nur im Vorübergehen.
+
+Mehrere Zimmer enthalten in Schränken, mit Drahtgittern versehen,
+die große, reichhaltige Bibliothek. Außer eine großen Zahl älterer,
+zum Teil sehr seltener Bücher, faßt sie beinahe alles, was bis auf
+den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium
+gedruckten Buche muß ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten
+nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden.
+
+Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen
+Palmblättern und in Stein gehauenen ägyptischen Hieroglyphen an bis auf
+die krausen, bunten Schriftzüge der Mönche des Mittelalters, werden hier
+aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der
+interessantesten und berühmtesten Menschen späterer Zeiten; eine
+unendliche Fundgrube für den Geschichtsforscher, dem ein freundliches
+Geschick erlaubt, sie mit Muße und Auswahl zu benutzen. Und welch ein
+Feld würde sich hier dem Anekdotenjäger und Zeitblättler eröffnen, der
+nach Willkür fouragieren könnte! Wie viele Bände interessanter Briefe
+könnten da ausgewählt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und
+schreibsüchtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein
+Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Könige und
+Königinnen, vieler Männer, die auf ihr Zeitalter wirkten, füllen,
+wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schränke.
+
+Man war so gefällig, uns manches zu zeigen; unter anderem
+einen ganzen Band eigenhändiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe
+der Königin Elisabeth an ihren unglücklichen Liebling, Grafen Essex.
+Ihre Handschrift ist merkwürdig. Diesen nicht schönen, aber mit Schnörkeln
+überladenen, sehr großen Buchstaben sieht man es an, daß sie langsam
+und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte,
+die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, möchte man in etwas verändertem
+Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zügen spricht
+kein Herz!" Auch von dieser unglücklichen Nebenbuhlerin Elisabeths
+werden hier viel Briefe aufbewahrt, größtenteils in französischer Sprache.
+Besonders rührend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend
+und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte,
+ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt
+bereitete.
+
+Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche
+Wilhelm der Eroberer [Fußnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028
+als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie.
+1051-52 weilte er als Gast König Eduards des Bekenners in England,
+der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England--
+er ließ sich 1066 in Westminster krönen--stieß das Land
+in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstände; dennoch gelang es
+ihm, ein autokratisches Königtum in England zu errichten und ein
+streng durchgeführtes feudales Lehenssystem zu begründen.]
+an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand
+in französischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch
+und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte
+war er bloß aus Liebe zu dem Volke herübergekommen, um dieses
+glücklich zu machen.
+
+Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man",
+so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen
+und Änderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen
+den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht
+ist auf kleinen Papierstücken sehr schlecht und unleserlich
+niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette,
+ja sogar auf den Rändern alter Zeitungsblätter, und dann mit Stecknadeln
+und seidenen Fäden bestmöglichst zusammengeflickt.
+
+Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend
+das Heiligtum der Engländer, die ursprüngliche Magna Charta,
+[Fußnote: liberatum, The Great Charter; Privileg für die englischen Stände,
+am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus,
+Adel und Städten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung,
+Widerstandsrecht gegen willkürliche Bestrafung, persönliche Freiheit
+und persönlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie
+verloren und ward glücklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem
+ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen
+zum Maßnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch
+etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher,
+kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten
+mit Ehrfurcht betrachtet.
+
+Gern wären wir an einem anderen Tage ins Museum zurückgekehrt,
+aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch.
+Zuviel Fremde wünschten das Museum zu sehen, als daß die nämlichen
+öfter als einmal dazu kommen könnten. Nur wenige Personen dürfen
+zugleich zugelassen werden, und man muß sich lange zuvor um die Erlaubnis
+dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar öffentlich gezeigt,
+aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden
+Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrängt
+zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will,
+kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern
+erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen
+wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages
+den Arbeitenden offen.
+
+
+
+Herrn Whitbreads Brauerei
+
+
+Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren
+und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, größer wie ein Haus
+in den Hochlanden! Kühlfässer wie Meere!--Diese Brauerei verdiente
+in Walhalla für Odins Helden den stärkenden Gerstentrank zu bereiten.
+
+Ohne fernere Ausrufungen können wir versichern, daß sie wenigstens
+zu Londons ersten Sehenswürdigkeiten gehört. Der alte König,
+welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause
+ein Frühstück ein, das dem Eigentümer auf fünfzehnhundert Pfund Sterling
+zu stehen kam, und der berühmte englische Dichter, Peter Pindar
+[Fußnote: Pseudonym für John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher.
+1778 kam er nach London und wurde ein gefürchteter Satiriker,
+der weder vor der königlichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus
+zurückschreckte.], war beflissen, diese merkwürdige Begebenheit
+in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem
+fragte damals der König Herrn Whitbread: wie viel Fässer er besitze?
+Die Antwort war: "Der Länge nach dicht aneinandergelegt, möchten sie wohl
+von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor
+zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese
+ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads
+gar nicht unwahrscheinlich.
+
+Eine nicht große, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine
+ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste,
+geräuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, daß sie
+die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschäftigen Pferden verrichtet.
+Sie schafft das nötige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter
+durch unterirdische Kanäle quer über die Straße in ein anderes Gebäude,
+wo er in Fässer gefüllt wird, bringt die Fässer zum Aufladen
+aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, rührt es in den zwanzig Fuß
+tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen
+Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebäudes.
+
+Dort sind auch die ungeheuer großen, aber nur sechs Zoll tiefen
+Kühlschiffe oder Zisternen zum Abkühlen des Porters; wahre Seen,
+von denen man uns versicherte, sie würden fünf englische Acker
+Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen,
+um kalt zu werden. Alles in dieser großen Anstalt trägt das Gepräge
+der höchsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender
+Leichtigkeit vonstatten.
+
+Täglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue
+Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung
+bedacht, welche die drei großen Kessel, jeder zu fünfhundert Fuß,
+erfordern. Zweihundert Arbeiter werden täglich beschäftig und
+achtzig ungeheuer große Pferde. Letztere sind vielleicht die größten Tiere
+ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben,
+welches krankheitshalber getötet werden mußte, wogen vierundzwanzig
+Pfund. Wahre Pferderiesen!
+
+In einem Gebäude, hoch und groß wie eine Kirche, stehen neunundvierzig
+große Fässer, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn
+zum Gebrauch in kleinere abfüllt. Dadurch, daß er eine Zeitlang
+in so großer Masse beisammenbleibt, soll er vorzüglich verbessert werden.
+Wäre das Faß, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen,
+so konnte der Philosoph füglich an einem runden Tische zwölf Personen
+bewirten und noch ein artiges Boudoir für sich behalten.
+Das größte dieser Fässer hat oben eine Art Balkon, zu welchem
+eine Treppe führt, es ist siebenundzwanzig Fuß hoch und hält
+zweiundzwanzig Fuß im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen,
+etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten
+gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz,
+mehrere enthalten dreitausendfünfhundert gewöhnliche Fässer;
+der Heidelberger Kollege [Fußnote: das bekannte "Große Faß"
+im Heidelberger Schloß] käme in dieser respektablen Gesellschaft
+um seinen Ruhm.
+
+Als wir das Haus verließen, waren wir wie betrunken vom Geruche
+des Porters; man müßte in dieser Atmosphäre schon von der Luft leben
+können. Die darin beschäftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus,
+als ob sie sich auf solche Experimente einließen.
+
+
+
+Greenwich
+
+
+Mitten im Geräusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City,
+an der Londoner Brücke, schifften wir uns auf einem der Boote ein,
+die, so wie die Fiaker in den Straßen, auf der Themse numeriert
+und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen.
+
+Diese Brücke, die älteste der drei, welche in London über die Themse
+führen, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden,
+um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen.
+Wie die Brücke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng
+für den mächtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestüm drängt er sich
+wild brausend hindurch und verschlingt jährlich mehrere Opfer,
+welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier
+durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen müssen.
+
+Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit
+der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt
+wie die befahrenste Landstraße von Barken und kleinen Fahrzeugen
+aller Art; eben ankommende oder abgehende große Schiffe bewegen sich
+majestätisch durch sie hin, von allen Seiten ertönt das Rufen
+des fröhlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen
+durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschäftigten Arbeiter
+an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkündigt hier
+den Markt der Welt.
+
+Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes
+uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten.
+Endlich, fünf englische Meilen von der Stadt, breitete sich
+das Invalidenhospital von Greenwich [Fußnote: 1694 gegründet
+und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht;
+gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.]
+mit seiner schönen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen
+prächtig und groß vor unseren Augen aus.
+
+Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden
+Elementen endlich ermüdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz;
+denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier
+voneinander ganz abgesondert liegende Gebäude, die aber,
+von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger großer Palast sich
+ausnehmen, geziert mit Säulen, Balustraden und aller Pracht
+der neueren Architektur. Eine große Terrasse, die eine entzückende
+Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom,
+zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg
+Georg der Erste [Fußnote: (1660-1727); Kurfürst von Hannover,
+erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben
+der Königin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714
+hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, über welches
+er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James
+gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Könige schloß!
+
+Das ganze Gebäude ist aus schönen Quadersteinen erbaut. Vorzüglich
+bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmückte Kapelle.
+Sie prangt mit Marmorsäulen, einem gut gemalten Plafond und jeder
+einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schöne große Hallen
+dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter,
+besonders zeichnet sich die größte, mit einer Kuppel versehene Halle aus;
+sie ist hundertsechs Fuß lang und hat einen gut gemalten Plafond,
+schöne Säulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf
+einem Hügel erbauten Sternwarte umgibt das Gebäude von der anderen Seite.
+
+Es war ein schöner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestätte
+am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und
+auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz
+ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See
+stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut.
+Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem mühevollen Leben aus.
+Sie wohnen fürstlich, werden gut genährt und gepflegt, alle zwei
+Jahre neu, anständig, bequem gekleidet und erhalten wöchentlich
+ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedürfnissen
+und Vergnügungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet.
+Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem,
+was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch
+darin und kämpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen
+Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemälden, welche diese vorstellen
+und die Wände ihrer Speise- und Wohnsäle schmücken.
+
+Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen.
+In langen, hohen, luftigen Sälen, welche zur Winterszeit von
+mehreren großen Kaminen erwärmt werden, sind auf der den Fenstern
+entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajüten ähnlicher Kabinette
+dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach
+dem Saale ausgehenden Tür zwei Fenster und ist groß genug,
+um ein nach englischer Art geräumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl
+und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres
+als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster
+und Bett sind mit reinlichen Vorhängen versehen, an den Wänden
+auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und
+Teekästen, Gläser, Tassen und dergleichen in gefälliger Ordnung.
+Kupferstiche zieren die Wände. Jeder hängt daran nach Gefallen Bildnisse
+des Königs, der Königin oder berühmter Seehelden auf; dazwischen
+Seeschlachten, Häfen und auch wohl manche lustige Karikatur.
+
+Hundertvierzig Witwen verdienter Seemänner wohnen ebenfalls im Hause,
+sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken
+und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen
+selbst. Auch für die Waisen der gebliebenen Seemänner ist hier
+gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile
+des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Väter erzogen. Noch
+dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten
+außer demselben Pensionen.
+
+
+
+Die St. Paulskirche
+
+
+[Fußnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen
+1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes,
+auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten,
+dessen Pläne ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung
+Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan
+des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden
+Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und
+wählten dafür die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas,
+die Kirche wäre nach der Peterskirche in Rom die größte, ist irrig;
+die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls
+größer.]
+
+Das Äußere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt.
+Leider übersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser
+als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten
+Standpunkt dafür gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom
+die größte in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof
+eingeklemmt zwischen Häusern, umgeben von engen Straßen.
+Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz
+übersehen könnte, überall drängt sich die Architektur vor und
+verhindert eine reine Übersicht.
+
+Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare große Gebäude
+dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer,
+denn leicht übersieht man einige wenige Statuen und eine kleine,
+zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich
+in einem der Flügel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche
+erbaut ist. Überall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille
+und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geräte gewahr,
+welches die Menschen nötig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe
+zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im höchsten Sinne
+des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit,
+die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten
+in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar
+der Dom sich wölbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war
+kein erhebendes, es war mehr ein beängstigendes Gefühl.
+Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken
+und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Größe dieser
+Steinmasse uns erst recht anschaulich.
+
+Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureißen.
+Solche Pygmäen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche
+dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportürmten,
+und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste,
+noch ehe es sich in die Lüfte erhob. Ja, er dachte es sich noch
+weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kräfte
+der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmühten und doch nicht
+deutlich wußten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister
+und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der mächtigen
+Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt
+längst eine Wüste ward wie Palmyra und Persepolis.
+
+Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume,
+in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner
+ertönte es durch das weite Gewölbe, als man oben auf der Galerie,
+die am Fuße des Doms rings um denselben hinläuft, eine Tür zuwarf.
+Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick
+von dort hinab und hinauf. In der Höhe glaubt man eine zweite Kirche
+sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewölbe
+des Doms. In der Tiefe scheint der aus großen schwarzen und weißen
+Marmorquadern zusammengesetzte Fußboden wie feines Mosaik.
+Die Galerie heißt die Flüstergalerie, Whispering Gallery, weil das
+an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich
+vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen
+die Wand gesprochen wird.
+
+Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis außen, wo auf
+der höchsten Höhe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt.
+Wir betraten die ihren Fuß umgebende Galerie mit der Hoffnung,
+aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns
+die Nähe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft
+die Ferne.
+
+Ein Trupp Matrosen, den wir mit großem Geräusche heraufsteigen
+hörten, trieb uns hinunter.
+
+Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunächst gelegene
+sehr volkreiche Straße nach Hause gingen, sahen wir alle Fußgänger
+still stehen und ängstlich nach dem von unten sehr klein
+scheinenden Kreuze hinblicken, welches über einer Kugel oben
+auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir
+sahen natürlicherweise hin und bemerkten etwas oben am äußersten
+Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases
+entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin
+in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende
+Vergnügen, auf dieser entsetzlichen Höhe allerhand gefährliche
+Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine
+zu stehen, bloß um die Zuschauer unten in ängstliche Bewunderung
+zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen
+schwankenden Mastkorbe, gewiß längst jede Idee von Schwindel
+verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt
+trotz seiner Höhe wohl gar nicht gefährlich dünken, während
+uns andere beim bloßen Anblick banges Grausen ergriff.
+
+
+
+Der Tower
+
+
+[Fußnote: alte Stadtfestung und Gefängnis von London; ältester
+Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Gräben
+wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den
+zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.]
+
+Wir wollen die Löwen sehen, sagen die englischen Pächter- und
+Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt
+und ihren Merkwürdigkeiten unternehmen. Diese Löwen, eigentlich
+die im Tower aufgewahrte königliche Menagerie, dienen ihnen,
+als die Hauptmerkwürdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles
+Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt
+ihrer Residenz durch diese Popularität etwas verrufen, und
+ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen.
+Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches,
+mit dem hohen Stil ganz Unverträgliches zu unternehmen,
+und suchten den Tower mit seinen Löwen am äußersten Ende der City auf,
+wo er nahe am Ufer der Themse liegt.
+
+Grämlich und düster blickt dieser uralte Schauplatz unzähliger
+Greuel mit seinen grauen Türmen über den ihn umgebenden Wassergraben.
+In einem dicht über demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewölbe
+ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher
+hineingeführt wurden. Sie heißt das Tor der Verräter, Traitor's Gate;
+man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange,
+der sich hinter ihnen oft für immer verschloß.
+
+Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not
+für eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen
+vergitterten Fenster über dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer,
+in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen
+Söhne seines Bruders ersticken ließ, als sie eben sanft und ruhig
+im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr träumten.
+Uns gelüstete nicht, das Mordzimmer zu betreten.
+
+Eine alte Sage gibt Julius Cäsar für den ersten Erbauer dieser Veste
+an; die Geschichte aber sagt uns, daß Wilhelm der Eroberer
+in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine
+vielgeliebten Londoner im gehörigen Respekt zu erhalten. Man sieht
+es dem sehr weitläufigen Ganzen an, daß kein fester Plan bei dessen
+Gründung vorwaltete, sondern während der Regierung mehrerer Könige
+bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward.
+
+Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschließt
+in seinem Bezirke mehrere Straßen, eine Kirche, Magazine, Kasernen
+für die Garnison, Häuser für die Offiziere, Zeughäuser, die Münze,
+nebst Wohnungen für die dabei beschäftigten Offizianten und sonst
+noch mancherlei Gebäude. Ein breiter Wassergraben läuft ringsumher,
+und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art
+Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen
+Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen
+Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder
+Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden
+Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten
+Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen trägt gleich am Eintritte
+dazu bei, uns in frühe dunkle Jahrhunderte zu versetzen.
+
+Die Münze mit den dazugehörigen Gebäuden nimmt ein gutes Drittel
+des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weiße Turm,
+die Schatzkammer und die Löwen zu sehen. Letzteren machten wir
+zuerst unseren Besuch.
+
+Nicht nur Löwen werden hier in einer besonderen Abteilung
+in starken Käfigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und
+mehrere Arten wilder Bewohner der Wüsten, grimmige stattliche Bestien,
+denen man es ansieht, daß sie gut gehalten werden. Nach englischer
+Sitte hat jede derselben außer dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer
+in ihrem Käfig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen
+Namen, besonders die Löwinnen; da findet man eine Miß Howe, Miß Jenny,
+Miß Charlotte, Miß Nanny, als wäre man auf einer englischen Assemblee.
+Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es
+ist merkwürdig, daß diese gerade die wildesten und unbändigsten sind.
+
+Die Kronjuwelen [Fußnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.],
+welche ebenfalls der Tower aufbewahrt,
+zeigt man auf eine wunderlich ängstliche Weise, die sehr
+gegen die Liberalität absticht, mit welcher Fremde im Dresdner
+grünen Gewölbe herumgeführt werden. Der uns leitende Ochsenfresser
+öffnete uns eine kleine Türe, wir traten hinein und mußten uns alle
+in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tür ward
+hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen
+steinernen, ganz dunklen Gewölbe wie in einem Gefängnis.
+Die unerwartete Finsternis blendete uns; es währte lange,
+ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und
+hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern.
+
+Dieser etwas drachenähnliche Hüter unterirdischer Schätze zeigte uns
+nun viele Kostbarkeiten. Manches Stück davon war wegen der alten,
+mitunter sehr feinen Arbeit merkwürdig; zum Beispiel ein goldener
+Adler, dessen Hals das heilige Öl zur Salbung der Könige enthält;
+der goldene Löffel, in welchen der Bischof bei der Krönung
+dieses Öl gießt, und vieles uralte Tischgeräte von Gold und Silber.
+Dann sahen wir auch das mit französischen Lilien verzierte Zepter,
+den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge,
+die bei Krönungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch
+zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschätzbarem Werte,
+ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll groß ist, und ein
+wunderschöner Rubin schmücken die Krone, welche der König
+im Parlamente auf dem Haupte trägt; die Krone des Prinzen von Wales
+wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen,
+daß er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese
+Herrlichkeiten blitzen von köstlichen Edelsteinen. In der
+düsteren Höhle sahen sie wie ein von bösen Geistern bewachter
+Feenschatz aus; ihr Wert wird über zwei Millionen Pfund Sterling
+angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht
+bestimmen kann.
+
+Von hier wandten wir uns zum weißen Turme, der aber weder ein Turm
+noch weiß ist, sondern ein großes viereckiges Gebäude mitten
+in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttürme
+krönen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist.
+
+Im ersten Stock sahen wir die der großen spanischen Armada
+abgenommenen Trophäen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar
+erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei;
+die Spanier führten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung
+von den besiegten Engländern Auskunft über etwa verborgenen Schätze
+zu erpressen.
+
+In diesem Saale ist eine lebensgroße Puppe zu schauen,
+welche die Königin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist,
+einen weißen Zelter zu besteigen. Sie trägt die Kleider,
+welche Ihre Majestät trug, da sie nach diesem merkwürdigen Siege
+zum Volke sprach [Fußnote: Untergang der spanischen Armada
+im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.].
+Wir möchten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle
+der Elisabeth nach diesem Muster zu kostümieren. Die gute Dame
+sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme
+aufgekräuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht,
+und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch
+gepreßte Taille.
+
+Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn
+schönes Haupt fiel [Fußnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.;
+1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwürdigkeiten,
+von denen der Tower wimmelt.
+
+Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr großen Saale
+aufgestellt. Nimmer hätten wir diesen Mordgewehren zugetraut,
+daß sie einen so hübschen Anblick gewähren könnten. Sie sind hier
+auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack
+geordnet; die Wände blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen
+und Säbeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man
+daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen,
+Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen,
+um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden.
+
+In einem anderen großen Saale sind alle Könige Englands, von
+Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen
+stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Rüstung zu schauen.
+Die zum Teil sehr prächtigen Rüstungen sind die nämlichen, welche
+ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat
+eine über und über vergoldete Rüstung an; der Ochsenfresser,
+unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche
+nie getragen. Der berühmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten,
+muß ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Rüstung ist
+sieben Fuß hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich
+der Achte war gewiß ein ansehnlicher Herr; die für ihn in seinem
+achtzehnten Jahre verfertigte Rüstung gibt der des John of Gaunt
+an Größe wenig nach.
+
+
+
+Der Palast von Westminster
+
+
+[Fußnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebäude
+sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang
+der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch.
+Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom
+Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.]
+
+In diesen Überbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner
+erbauten Palastes thront jetzt die Göttin Themis [Fußnote: Göttin
+der göttlichen und natürlichen Ordnung.]. Gleich den Königen
+von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz
+sieht von innen und außen sehr zerfallen aus. Neugierig,
+den Schauplatz so vieler merkwürdiger Entscheidungen, den Tummelplatz
+der berühmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin.
+
+Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher,
+gewölbter Saal, zweihundertfünfundsiebzig Fuß land und vierundsiebzig
+breit. Man hält ihn in England für den größten in Europa, dessen Decke
+nicht auf Säulen ruht. Dies mögen wir nicht bestreiten, aber trotz
+seiner Größe gewährt er keinen brillanten Anblick. Die Wände sind
+ohne alle Verzierungen, und die künstlich geschnitzte Decke
+von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen
+der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nähe
+betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke
+nicht ohne Kunstwert sein.
+
+In früheren Zeiten diente diese Halle bei großen Festen und
+Schmausereien den Königen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll
+darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier
+das Parlament versammelt, hier war der große Gerichtshof,
+in welchem der König persönlich präsidierte. Der unglückliche
+Karl der Erste [Fußnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen
+stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit
+den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats
+vor ein außerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649
+zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall
+enthauptet.] ward in dieser Halle verhört und verurteilt,
+und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen
+seltenen Rechtsfällen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine
+andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewöhnlich aber dient
+diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade,
+bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden.
+
+Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mänteln, mit großen,
+weißgepuderten Perücken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert
+ging es übrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte;
+keine Wache, kein Türsteher, niemand, der auf Ordnung hielte,
+war sichtbar. Auch wir eilten ungestört umher, traten von ungefähr
+hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang
+und sahen uns plötzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht großen,
+nicht schönen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine
+Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhöhung hinter einem Tische
+saß ein schwarzbemäntelter Herr mit einer gewaltig respektablen
+Staatsperücke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend;
+wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn
+eine Menge Leute gingen mit großen Geräusche aus und ein und
+machten einen Lärm, als wären sie für sich allein zu Hause.
+Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand
+kehrte sich sonderlich daran, der Lärm dauerte fort nach wie vor.
+Rund um den Tisch saßen dreißig bis vierzig andere Herren auf Bänken,
+ebenfalls mit schwarzen Talaren und weißen, obgleich etwas
+kleineren Perücken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner
+zuzuhören, so gut es sich bei so bewandten Umständen tun ließ.
+Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof,
+High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler,
+die anderen wären die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel
+sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden.
+Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus
+appellieren.
+
+Verwundert über die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge
+betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher,
+durch viele uralte gewölbte Gänge, Treppen auf und ab, kreuz und
+quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der großen Halle,
+im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench.
+
+Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe;
+derselbe Lärm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Perücken
+angetan, die auf einer größeren Erhöhung sich befanden, präsidierten;
+einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen,
+hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren
+Armesündergesichtern, über deren Haupt es eben herzugehen schien.
+
+Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und
+Polizeiverbrechen gerichtet; der berühmte Mr. Erskine [Fußnote: Thomas,
+englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler.
+Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete
+Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Kläger
+vor die Schranken. Hoffentlich gönnt man diesen Männern mehr
+Aufmerksamkeit, als sonst hier gebräuchlich ist. Nie und nirgends
+sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschäft der Welt ist,
+die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld,
+Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise
+betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste,
+der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte.
+Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Lärm
+ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, für ihr Geschäft zu verlieren.
+Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshöfe
+zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden
+und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden,
+welche wir besuchten.
+
+Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch
+wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt.
+Dies ist ein alter, mittelmäßig großer, räucheriger Saal.
+Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg über die Armada
+vorstellen, bekleiden die Wände; man rühmt ihre Kunstwert,
+aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub
+und Schmutz haben sie dermaßen entstellt, daß wenig mehr
+von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende
+des Saals, auf einer Erhöhung, steht der königliche Thron,
+der wie der Baldachin einer vom Trödel geholten, altmodischen,
+rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten
+Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl für
+den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stühle für die übrigen
+Prinzen. Mitten im Saal liegen vier große viereckige, mit rotem
+Zeuge bezogenen Wollsäcke für die Lords, welche zugleich Richter
+sind; die übrigen Lords finden ihre Plätze auf einigen zu beiden
+Seiten stehenden Reihen Bänken. Ein sehr großer Kamin vollendet
+das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke
+versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens
+hineinfalle.
+
+So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen
+entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und mächtigsten
+Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball
+Gesetze gäbe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade
+diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der,
+auf innerem Bewußtsein ruhend, allen äußeren Glanz verachtet.
+
+Im Unterhause sieht es nicht glänzender aus; nur der Thron
+und die Wollsäcke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals
+ungefähr die nämliche. Die Wände sind mit braunem Holze getäfelt,
+und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie für die,
+welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen
+werden hier während derselben zugelassen. Auch möchten wenige es
+ertragen können, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon
+um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis
+Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafür gesorgt,
+daß man nicht verhungere; denn ein Gastwirt hält in einem
+unter dem nämlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen
+für die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden
+ist's erlaubt, sich in seiner Küche zu erquicken und zu stärken.
+Es ist Sitte, daß man nach einer solchen Exkursion seinen Platz
+in der Galerie unbesetzt wiederfindet.
+
+Ursprünglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom
+Könige Stephan [Fußnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers,
+von 1135-1154 König von England.] dem Schutzheiligen seines Namens
+gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie
+in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her.
+Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, ließ sie
+dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gängen und
+Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schönsten Werke
+gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riß man
+einen Teil der Vertäfelung, welche die Wände bekleidet, herab,
+um den Saal zu vergrößern. Mit Erstaunen entdeckte man die Überbleibsel
+der reichen Verzierungen an der ursprünglichen Mauer und schloß
+mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen.
+Man fand unschätzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkünstliches
+Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glänzend,
+als wären sie von gestern; besonders am östlichen Ende der Kapelle,
+wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwände
+und Decke waren dort mit schönem Schnitzwerke und alten Wappenbildern
+ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgroße gemalte Figuren
+und ein uraltes Gemälde, die Anbetung der Hirten vorstellend,
+für den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte.
+Alles wurde barbarischerweise zerstört und gänzlich vernichtet,
+um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen,
+als gäbe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem
+die Herren des Unterhauses sich versammeln könnten. Von aller
+dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schönes gotisches Fenster,
+durch welches die Sonne jetzt trübe blickt, als vermisse sie
+den ehemaligen Glanz.
+
+Von außen sah das ganze Gebäude traurig und verfallen aus, sowie auch
+die schöne, gegenüberstehende, dazugehörige Kirche, die berühmte
+Abtei von Westminster. Man wendete wenig Mühe und Kosten daran,
+diese Denkmäler früherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen
+allmählich ihrem Untergange zusinken zu wollen.
+
+
+
+Die Westminster Abtei
+
+
+Diese Behausung berühmter Toter steht öde und trauernd, selbst
+einem großen Grabmale vergangener Jahrhunderte ähnlich. Die alte
+Herrlichkeit und Schönheit der in der gewöhnlichen Kreuzform
+erbauten gotischen Kirche kann man von außen nur ahnen;
+denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden,
+von welchem es möglich wäre, das Ganze zu überblicken. Zwei schöne
+viereckige Türme krönen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach
+gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich
+erhebenden Türmchen geziert; ein prächtiges Portal führt in
+das innere Heiligtum.
+
+Vom Eingange an der Westseite überblickt man den ganzen Plan desselben.
+Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns
+in seiner ehrwürdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch
+verhältnismäßig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhänden
+kühn geschaffene Gewölbe, an welchem Bogen über Bogen sich leicht
+und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe
+von fünf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch
+die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht
+verbreitet heilige Dämmerung ringsumher, über alle die unzähligen,
+mit unendlichem Kunstfleiße gearbeiteten Verzierungen, welche
+diesen ehrwürdigen Tempel schmücken.
+
+Alles Alte darin ist groß, herzerhebend und erfreulich;
+desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd
+nimmt sich der moderne, von weißem Marmor im sogenannten
+griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen
+alten Chor aus, in welchem die englischen Könige gekrönt werden.
+
+Auch die unzähligen Momente, welche diese Kirche eigentlich überfüllen,
+zerstören die Einheit des Gebäudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie
+durcheinander, als hätte man sie vor irgendeinem Unfalle hierher
+geflüchtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies
+Plätzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten,
+wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu
+verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so
+kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgeführt, an die sie lehnen,
+und obgleich es ein schöner Gedanke ist, daß eine große Nation
+hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Gräbern ihrer Könige,
+das Andenken großer, verdienter Männer dankbar aufbewahrt,
+so kann man sich doch nicht enthalten zu wünschen, daß dieses
+auf eine weniger störende Weise geschehen sein möchte.
+Ein großer Teil der Ausführung des schönen Zwecks geht durch
+die Art verloren, mit welcher alles unter- und übereinander
+gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzählige Spinnweben
+muß man sich drängen, um manches Monument in seinem engen Winkel
+zu betrachten, und dabei den Kummer zu fühlen, das wahrhaft
+Schöne und Große durch soviel Mittelmäßigkeit verdrängt und
+entstellt zu sehen.
+
+Eine Ecke in einem der kürzeren Flügel ward dem höheren Talent
+gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel,
+The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Händel, Shakespeare,
+Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton,
+Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope
+suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher
+hochgefeierte Name muß sich in diesem Pantheon aus Mangel
+an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon
+mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hölty
+so nah verwandten Goldsmith ist über der Türe angebracht.
+Händel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er
+die Melodie der Sphären und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten.
+Im königlichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange
+hervor und schaut entzückt und geblendet die neue Szene.
+Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt
+auf eine herabhängende Pergamentrolle mit folgender Inschrift
+aus seinem "Sturm:
+
+ "So werden
+ Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
+ Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
+ Ja, was daran nur Teil hat, untergehen,
+ Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug
+ Wie der zu träumen, und dies kleine Leben
+ Umfaßt ein Schlaf."
+
+Unter den im übrigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmäler wird das dem
+Lord Mansfield gewidmete und von den Engländern besonders hoch gehalten.
+Es ist vom jüngeren Flaxmann gearbeitet [Fußnote: John (1755-1826),
+bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham,
+Vater des berühmten William Pitt [Fußnote: im Gegensatz zu seinem Vater
+der jüngere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine
+größten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Großbritanniens
+waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit
+Irland. Vorkämpfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund
+Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst
+gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich
+ungraziöser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand stützt sich auf's
+Knie, die andere hält eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas
+niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel
+auslöschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schönen, nackten,
+weiblichen Figur dargestellt.
+
+Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham;
+viele Tugenden weinen zu seinen Füßen und lassen es unentschieden,
+ob seine Rede sie rührt, oder ob er Dinge sagt, über welche
+die Tugend weinen muß.
+
+Auch die traurigen Manen des unglücklichen Majors Andree, der im
+amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehängt ward,
+finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument.
+
+Zwölf an die Kirche sich anschließende Kapellen enthalten die Asche
+der Könige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths
+Zeiten ward keinem Könige ein Monument hier errichtet, obgleich
+alle hier begraben lieben.
+
+Gern betrachteten wir jene alten Denkmäler; fast alle sind große,
+viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen
+in völliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten
+Händen, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir
+wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria
+von Medici und Karl der Neunte in den gräßlichsten Verzerrungen
+des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in
+entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Gräbern abgebildet liegen.
+Gerührt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie
+unweit ihrer Todfeindin und Mörderin gebettet; das Gesicht ihrer
+Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden.
+
+Die älteste der zwölf Kapellen enthält das Grab Eduards des
+Bekenners [Fußnote: angelsächsischer König (1042-66)
+[Fußnote: König von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus
+dem Heiligen Land zurück, nachdem er mehrere Jahre dort gekämpft
+hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert,
+welche leider größtenteils von ungezogenen Altertumsfreunden
+ausgebrochen und mitgenommen wurden.
+
+Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin,
+Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und
+Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war,
+zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land.
+Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen
+Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem
+so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestärkt durch ihren Anblick,
+angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen
+bald große Verwüstungen an. Die Ungläubigen rächten sich
+aber fürchterlich und tückisch. Sie sandten Meuchelmörder
+gegen ihn aus, die ihn mit einem tödlich vergifteten Pfeile
+am Arme verletzten. Die Mörder fielen zwar unter den rächenden
+Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewußtlos
+in sein Zelt getragen. Die Ärzte gaben ihn ohne Rettung verloren,
+wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen
+und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens
+zu erhalten sich entschlösse. Starr und stumm standen all
+um das Sterbebette ihres künftigen Königs; sie hatten oft
+dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch
+konnte keiner zu diesem Opfer sich entschließen. Da eilte Eleonore
+herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich
+auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die
+Augen wieder auf. Mit welchem Gefühl er auf diese Weise sich
+dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, fürchtend ihn auf's
+neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal
+an die treue Brust zu drücken, und nur von ferne, zitternd
+vor Freude, vor ihm stand, dafür haben wir keine Worte.
+Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden?
+War es vielleicht nur bei einer äußeren Verletzung tödlich?
+Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre
+ein glückliches, schönes Leben an der Seite ihres Gatten,
+teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre
+später hier ihre letzte Ruhestätte.
+
+So erzählt die Sage, und zu schön, um ihre Wahrheit zu bezweifeln,
+obschon einige berühmte Geschichtsschreiber diese rührende
+Begebenheit nicht erwähnen.
+
+Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter
+Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der
+Kindheit, aber diesmal führte ihr Genius den Meißel des Künstlers,
+ein schützender Engel wachte über das Bild und barg es vor
+der zerstörenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von
+hoher Schönheit und wunderbarer Güte und Milde auf dieser
+ihre Züge der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung.
+
+Die Gräber Eduards des Dritten [Fußnote: König von England
+[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Fußnote: König von England
+(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle.
+
+Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwürdiges Denkmal
+alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und
+Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf.
+Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Könige
+bei der Krönung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefügt,
+welcher den Königen von Schottland zum Königsthrone diente.
+Eduard der Erste ließ ihn von Scone, welches die Leser aus dem
+ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen.
+
+Die dicht daran stoßende Kapelle Heinrichs des Fünften
+[Fußnote: König von England (1485-1509] ist wegen ihrer
+altertümlichen Pracht eine der merkwürdigsten. Leider liegt der
+gute König ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und
+Zepter sind seinen Händen entrissen. Alles dies war, dem
+solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gemäß, ganz von
+gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume
+der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen.
+
+Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren
+Namen sie noch führen, enthalten viele für den Altertumsforscher
+höchst merkwürdige Gegenstände, viele Belege zur Geschichte
+des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter;
+selbst das uralte hölzerne Monument des sächsischen Königs Sebert,
+welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute.
+
+Merkwürdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen
+seiner Ähnlichkeit und zugleich Unähnlichkeit mit dem berühmten
+Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht
+der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem
+ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten ließ;
+neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit,
+seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken
+ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmöglich sich entschließen,
+ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte
+durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, während
+ihre Vorgängerin zur Rechten läge. Noch auf dem Totenbette
+war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge
+der rangsüchtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte
+ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand weiß, wo ihre
+Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens wäre längst verschollen,
+wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden
+Jahrhunderten aufbewahrt worden wäre.
+
+Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache,
+nur die letzte und schönste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten,
+[Fußnote: König von England 1485-1509)] ist daran angebaut,
+so daß nur der Eingang dazu in der Kirche steht.
+
+Dies Gebäude ist eines der schönsten seiner Zeit, aber leider
+sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlässigten Zustande,
+mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben
+notdürftig unterhalten; hätte man die langsam zerstörende Zeit
+noch länger ungehindert fortwüten lassen, so wäre bald alles
+zu einer schönen Ruine zusammengesunken, die überall sich besser
+ausgenommen haben würde als an dieser, dem heiligen Andenken
+großer Vorfahren geweihten Stelle. Von außen ist die Kapelle
+mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmückt, das Ganze
+im schönsten Ebenmaße, leicht und erfreulich. Vierzehn schöne
+durchbrochene Türme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der
+Kirche aus, dient ein prächtiges, in Stein gehauenes Portal,
+welches drei sehr künstlich gearbeitete Gittertüren von
+vergoldetem Eisen verschließen. Die Decke ist über und über mit
+schöner Bildhauerarbeit von Stein geschmückt, schöne, gewölbte
+Bogen, unterstützt von Pfeilern im reinsten Ebenmaße, prächtige
+Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur
+ist hier zu finden. Unmöglich kann man dieses schöne Überbleibsel
+früherer Zeit zu hoch preisen, und wohl wäre es wünschenswert,
+daß die Kapelle einen Freund und Verehrer fände, wie der Dom
+von Köln ihn an dem Herrn von Boisserée fand, [Fußnote: Sulpiz
+und Melchior, zwei Brüder, gebürtige Kölner, deutsche Kunstsammler
+und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854)
+vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung
+des Kölner Doms anregte.
+
+Zum üblen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830
+in einer Anmerkung ergänzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten
+Erscheinen dieses Buches erfüllt, und auch für die bessere
+Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher
+der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken
+der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte.
+
+Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten
+von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze,
+umgeben von einem ebensolchen, sehr prächtigen Geländer.
+Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze
+schmücken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano.
+
+Außer diesen wirklich merkwürdigen und ehrwürdigen Kunstwerken
+werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Könige und
+Königinnen in alten Glasschränken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen,
+die dem Untergange längst hätten übergeben werden sollen.
+Nur das leiht ihnen einiges Interesse, daß sie mit den nämlichen
+Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten
+trugen. Wüßte besonders die Königin Elisabeth, welch ein
+häßliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so würde
+die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe
+keine Ruhe lassen.
+
+
+
+LONDONS UMGEBUNGEN
+
+
+Windsor
+
+
+[Fußnote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III.
+ließ es niederreißen und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert
+ein neues Schloß bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern
+mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV.,
+und Königin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey
+Wyattville.]
+
+An dem südlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen
+westlich von London, thront auf einer Anhöhe das alte stattliche
+Schloß von Windsor. Von dieser herab genießt man eine der
+ausgebreitetsten Aussichten auf die schöne, reiche Gegend umher.
+Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses,
+seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Türmen.
+
+Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schloß, kurze Zeit nachdem er
+sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab
+es Heinrich der Erste und vergrößerte es. Später erwählte Eduard
+der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der
+Dritte ward hier geboren. Vorliebe für den Ort, an welchem seine
+Wiege stand, bestimmte diesen, das Schloß, welches er zu seiner
+Sommerwohnung wählte, nach einem neuen Plane prächtiger zu bauen.
+Auch König Karl der Zweite wendete viel auf die Verschönerung
+von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt
+der Könige von England und ihre gewöhnliche Sommerwohnung.
+Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche
+Veränderung und Verschönerung damit vorgenommen worden.
+Der Schloßgraben ward ausgefüllt, ein Hügel, welcher die Aussicht
+gegen Morgen beschränkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden
+abgetragen. Dennoch sieht das Schloß noch immer ehrwürdig und
+altertümlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten
+imponierenden Ansehen verloren haben mag.
+
+Es hat zwei Höfe, den oberen und unteren; beide werden durch den
+sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander
+getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats-
+und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen
+und gegen Süden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof
+ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen
+Säle und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von höherem,
+bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar,
+und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwürdigste
+unter den Sälen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter
+des Ordens vom Hosenbande [Fußnote: Order of the Garter; angesehenster
+englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der Überlieferung zufolge
+verlor Eduards Geliebte, die Gräfin Salisbury, bei einem Tanz
+ihr blaue Strumpfband. Der König hob mit dem Band auch den Rocksaum
+der Gräfin auf und entblößte dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert
+hinein war es zwar schicklich, die Büste mehr oder minder frei
+zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen
+zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.].
+Er ist einhundertacht Fuß lang, am Ende desselben steht der
+königliche Thron, über diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz
+in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande
+und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense.
+
+Die Staatszimmer hängen voll Gemälden, welche man aus Mangel an Zeit
+nur zu flüchtig betrachten muß. Dem Anschauer werden im Vorübereilen
+die Namen der größten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein
+und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael
+und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone
+der Versammlung.
+
+Der schönste Punkt von Windsor Castle ist die große, in ihrer Art
+einzige Terrasse. Sie erstreckt sich längs der östlichen und
+eines Teils der nördlichen Seite des Schlosses, ist
+eintausendachthundertsiebzig Fuß lang und von verhältnismäßiger Breite.
+Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten
+Landschaften hinschlängelt, auf die mannigfaltigen Landhäuser,
+Dörfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkähnlichen Wald
+von Windsor und die in der Nähe liegenden Gärten, ist über alle
+Beschreibung schön und reizend.
+
+Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die königliche
+Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebäude,
+welches der südlichen Terrasse gegenüberliegt. Hinter diesem Gebäude
+erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel
+der großen Terrasse übersieht. In ihm befindet sich ein zweites
+Gebäude, das die Prinzessinnen bewohnten.
+
+Die Königin besaß nahe bei Windsor noch ein kleines, bürgerlich
+aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung,
+welche sie sehr liebte, heißt Frogmore. Hierher machte sie oft
+Landpartien mit ihren Töchtern und einigen Lieblingen unter ihren
+Damen. Kleine ländliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen,
+Frühstücke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr
+beschränkten Familienzirkel.
+
+In Windsor mußte man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten
+die königliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns
+Persönlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken,
+welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen.
+Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen,
+wenn man sich nicht präsentieren lassen wollte. Im Theater
+erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten
+eilten sie zu schnell vorüber, als daß man die Gestalten auffassen
+konnte.
+
+Während ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle
+Sonntage morgens in bescheidenen Negligé, nach englischer Sitte,
+beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der König
+gesund, so versäumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr
+des Morgens in der königlichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses
+seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls
+jedermann zugelassen wurde. Später traf man ihn vormittags oft
+in den Wirtschaftsgebäuden, in den Pferdeställen, überall.
+Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer
+runden braunen Perücke, die ihm völlig das Ansehen eines
+wohlhabenden Pächters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hören,
+wenn man ihn Farmer George nannte; ländliche Ökonomie war in
+früheren Zeiten seine Lieblingsbeschäftigung.
+
+An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie
+auf der großen Terrasse, und dieses gewährte dann einen
+in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen
+altertümlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Türmen,
+von der anderen die oben erwähnte reiche Aussicht auf den Strom,
+Feld und Wald im verklärenden Glanze der sinkenden Sonne,
+und nun das bunte drängende Gewühl aller Stände, jeden Alters,
+beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versäumte es leicht,
+Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage
+zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner
+der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum
+geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfällige
+Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehälften
+und zierlichen trippelnden Misses.
+
+Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden
+nach Windsor geflüchtet und mischten uns unter die bunte Menge.
+Auf und ab wogte das Gewühl, die große Terrasse war fast
+zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militärischer
+Musik auf der Schloßmauer an beiden Ecken der Terrasse.
+[Fußnote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande
+Musiker. Uns dünkt dies recht charakteristisch."]. Beide
+spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich
+umeinander zu kümmern; die Entfernung und das Geräusch waren
+auch zu groß, als daß sie viel voneinander hätten hören können.
+Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung
+den ganzen Abend fort zu musizieren. Die königliche Familie
+erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe
+voraus, um nur einigermaßen Raum für sie zu machen. Man drängte
+sich von allen Seiten um sie her. Der König ging zuerst,
+an seiner Seite die Königin. Wo er einen Bekannten erblickte,
+redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gruß zu,
+ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er
+nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hörten
+verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar
+so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft
+drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen
+Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte;
+auch die Königin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen
+ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude
+zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen
+auf den hohen, spitzigen Absätzen, die sie noch immer trug,
+wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem
+grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Höhe nahm,
+mit einem altmodischen Mäntelchen von weißem Taft, sah sie gar
+nicht königlich aus. Der König schien oft ganz zu vergessen, daß er
+sie führte, und ging, stand oder kehrte plötzlich um, wie es ihm
+eben gefiel.
+
+Hinter dem königlichen Paare wandelten die beiden ältesten Prinzessinnen
+am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht.
+Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gestützt.
+Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden jüngeren Schwestern
+am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie
+in Prozession durch das Gewühl auf und ab; stand der König,
+so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm.
+
+In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen
+wenigstens zwanzigmal, denn so wie der König an einen etwas
+menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden
+machten ihm viel Vergnügen; selten kehrte er vor der Dämmerung
+nach Hause. Wir waren ihrer eher überdrüssig als er, denn er
+wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verließen.
+
+Das Städtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich
+den ganz beträchtlichen Hügel hinan, auf welchem das Schloß liegt.
+Die Straßen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und
+Gehen; auch die Gasthöfe fanden wir weniger gut, als man es
+in dieser Nähe des Hofes vermuten sollte.
+
+Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College,
+liegt am Fuße des Hügels, jenseits der Themse, und wird nur
+durch eine Brücke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebäude
+zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber
+ist ein schönes gotisches Gebäude, welches die reiche Landschaft
+noch mehr verschönert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute
+diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionäre werden dort
+auf Kosten des Königs erzogen, aber auch Söhne guter Familien
+für Bezahlung darin aufgenommen. Die Schüler sind in zwei Klassen
+geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung
+in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und
+Cambridge haben noch viel Strenges und Klösterliches, sogar
+in der Kleidung. Im Monat August werden die Schüler in Eton
+examiniert und diejenigen ausgewählt, welche nach Cambridge
+gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwölfe unter
+diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht,
+nach drei Jahren Mitglieder der Universität Cambridge zu werden,
+Fellows of the University, welches ehrenvoll und einträglich ist.
+Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitläufige, wohlunterhaltene
+Gärten umgeben die Schulgebäude.
+
+
+
+Die Gärten von Kew
+
+
+Durch den Hyde Park hindurch, vorüber an den schönen Gärten
+von Kensington, führt der Weg zu diesen, besonders in botanischer
+Hinsicht mit Recht berühmten königlichen Gärten.
+
+Vier englische Meilen fährt man von Kensington nach Kew zwischen
+einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen
+Grasplätzen und Gärten eingefaßter Landhäuser. Größtenteils
+sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien,
+deren Häupter in der Stadt ihren Geschäften nachgehen, während Frau
+und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphäre der City, sich hier
+einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines ländlichen
+Aufenthalts in der schönen Gegend erfreuen. Oft schon erwähnten
+wir in diese Blättern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit,
+Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb städtischen,
+halb ländlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmöglich,
+nicht immer in neue Lobsprüche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt,
+und sich dabei des Gefühls von häuslicher Ruhe und behaglichen
+Wohllebens erinnert, welches ihr bloßer Anblick selbst dem
+vorübereilenden Wanderer einflößt.
+
+Nur die Gärten sind in Kew merkwürdig; das Haus des Königs ist klein,
+unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen
+Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum
+Absteigequartier. Es wird nie von der königlichen Familie bewohnt
+und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne würdig. Indessen
+war man während unseres dortigen Aufenthalts beschäftigt,
+ein großes massives Gebäude zum künftigen Witwensitz der Königin
+zu erbauen [Fußnote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV.,
+1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerfälligeres
+als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack
+aufgetürmte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine,
+spaltenähnliche Fenster, dicke, unbeholfene Säulen geben ihr
+eher das Ansehen eines Staatsgefängnisses als der Wohnung einer Königin.
+
+Die botanischen Gärten von Kew vereinigen eine unzählige
+Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen,
+und gehören gewiß zu den merkwürdigsten in Europa, wenn sie nicht
+vielleicht alle übrigen übertreffen. Die überall wehende englische
+Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt
+fast alles zusammen, was nur auf Erden wächst. Von der Zeder
+des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier
+Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kümmerlich
+zu vegetieren, sondern üppig zu wachsen, zu grünen und zu blühen.
+Der König liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Mühe
+auf diese Gärten und freute sich ihres Gedeihens. Der berühmte
+Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht,
+und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsäglicher Mühe
+und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites,
+fruchtbares Feld. Auf diese Weise mußte etwas sehr Vollkommenes
+entstehen. Das durch die wärmende Seeluft unendlich gemilderte Klima,
+der natürlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei,
+um der Anstalt das höchste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter
+den Wiesen ihren grünen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr
+hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden
+Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche
+selbst im südlichsten Teile von Deutschland den größten Teil des Jahres
+im Hause gehalten werden müssen und nur während der Sommermonate dort
+der Luft ausgesetzt werden dürfen, wachsen hier üppig im Freien,
+wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die großblättrige Myrte,
+der duftende Heliotrop und noch viele mehr.
+
+Es ist eine große Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen
+dieser Gärten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten
+zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele
+der Natur mit Farben und Formen zu ergötzen; dann in die großen
+Treibhäuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt
+zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des glühend heißen
+Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im südlichen Amerika
+wächst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen,
+und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was
+zusammengehört und gleichsam ein für sich bestehendes Ganzes ausmacht.
+
+Auch die lebendigen Blumen der Lüfte werden hier gepflegt.
+Eine große Volière vereinigt eine Menge der schönsten ausländischen
+Vögel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges
+Wesen treiben, als wären sie zu Hause. In einer größeren Abteilung
+des Gartens werden eine Menge der schönsten Gold- und Silberfasanen
+gehalten, neben ihnen stolzieren prächtige, zum Teil seltene Pfauen
+und mehrere andere Arten größerer fremder Vögel. Mitten in dieser
+Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel,
+auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservögel
+aller Art, mit langen und breiten Schnäbeln, schwimmen auf den
+silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen
+gravitätisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und
+lustig, als wäre es im Vaterlande.
+
+Auf einer großen grünen Wiese sahen wir ein anderes lustiges
+Schauspiel; einige vierzig Känguruhs hüpften darauf in völliger
+Freiheit umher.
+
+Nichts Lächerliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen
+Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwänze aufrecht und
+machen dabei ganz gewaltige Sätze. Die kurzen Vorderbeinchen,
+die sie zum Gehen gar nicht brauchen können, halten sie auf eine
+possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl
+Mannshöhe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem
+die Mütter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal
+zu arge Sprünge, so fällt wohl so ein liebes Kleines aus dem
+Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfältig
+aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzürnten sich ein paar
+Männchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfuße
+und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel
+am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir
+dem argen, wilden Treiben dieses närrischen Volkes zu, das uns
+oft lautes Lachen abnötigte.
+
+Als wir die eigentlichen Lustgärten von Kew zu sehen wünschten,
+ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt,
+und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein
+Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir
+verdrießlich und ließen unseren Unmut untereinander in gutem,
+vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glück hörte dies ein in
+der Nähe arbeitender deutscher Gärtner. Der süße Klang aus
+dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute
+so kräftig an, daß ihm endlich erlaubt wurde, unser Führer zu sein.
+
+Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche
+Bäume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten
+mit lichten Gängen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gesträuch.
+Besonders reizend erschien uns ein reich geschmückter Blumengarten
+mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten.
+Nur ein wenig zu überladen mit Gebäuden sind diese Gärten.
+Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem Äolus,
+dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht;
+da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen
+Gebäude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee,
+römische Ruinen, kurz - viel zu viel für den guten Geschmack.
+Keines dieser Gebäude ist ausgezeichnet schön, aber auch keines
+seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht
+enthalten, manches davon wegzuwünschen; denn dieses bunte Allerlei
+wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche
+Einfachheit der englischen Parks zu bewundern.
+
+
+
+Richmond Hill
+
+
+Ein höchst angenehmer Weg führt durch die Gärten von Kew zu den
+daran stoßenden von Richmond. Viele Gebäude, mit denen auch
+diese unter der Regierung mehrerer Könige und Königinnen überladen
+wurden, sind glücklicherweise wie von selbst verschwunden.
+Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem
+zauberisch schönen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher
+einem großen herrlichen Garten gleicht.
+
+Nur ein Landhaus der Königin, welches diese oft mit ihrer Familie
+besuchte, steht an einem der freundlichsten Plätzchen des Gartens,
+einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Könige
+erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor
+Herschel verfertigter Instrumente merkwürdig sein. Wir besuchten
+sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schön, um von ihr
+weg den Blick zum Himmel zu wenden.
+
+Schon von der hübschen steinernen Brücke aus, die nahe vor dem
+berühmten Hügel von Richmond über die Themse führt, genießt man
+einer entzückenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schönen Villen
+geschmückten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr beträchtlichen
+Höhe erhebenden grünenden und blühenden Hügel. Weit schöner noch
+ist es, wenn man diese Anhöhe ersteigt und nun aus dem Fenster
+des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der
+reizendsten Täler der Welt. Größere, ausgebreitetere, romantisch
+schönere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut
+diese überträfe. Ein unaussprechlich süßes Gefühl von Ruhe,
+stillem Glück, Freude am Leben ergreift jeden mächtig, der von hier
+aus den Blick herabsenkt. Alles grünt und blüht in der herrlichsten,
+üppigsten Vegetation. Die höchstmögliche Kultur schmückt das weite,
+von einem der schönsten Sröme belebte, von sanft anschwellenden,
+waldgekrönten Hügeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine
+solche zweite Aussicht dar, und außer dieser Insel kann es keine
+ähnliche geben; wo fände man noch dieses frische Grün in Wiese
+und Garten, Feld und Wald?
+
+In mannigfaltigen Biegungen und Krümmen durchströmt die Themse
+dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der mächtige Strom,
+der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich prächtig weit ausbreitend,
+die Schätze aller Weltteile auf seinem Rücken trägt.
+Nur schiffbar für kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch
+die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schönen tätigen
+Lebens in stillem Frieden. Überall trägt sie die klaren Wellen hin,
+verschönt, erfrischt, tränkt die Umgebungen und wandert dann
+geräuschlos weiter.
+
+Das üppigste Gedeihen füllt Wald, Höhe und Tal, krönt die Ufer,
+die schönen Hügel, so weit das Auge nur reicht. Weiße Giebel
+freundlicher Pächterwohnungen, schöne Fassaden prächtiger
+mit Säulen geschmückter Villen, Landhäuser, umrankt von
+Jelängerjelieber, Türme entfernterer Kirchen, stattliche Schlösser,
+freundliche Dörfer und Städtchen blinken überall hervor aus Bäumen
+und Gebüsch, in der Höhe und in der Tiefe, in der Nähe und in der
+Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstände,
+überall ist Lebensgenuß und Freude, nirgends Geräusch und ängstliches
+Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes drängt sich alles dies
+noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen,
+damit alles Schöne und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne
+schauen die ehrwürdigen grauen Türme von Windsor von ihrem Hügel
+herüber, unten, mehr in der Nähe, breitet sich stattlich das große
+königliche Schloß Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde,
+nahe an der Themse, liegt das reizende Schloß Strawberry Hill;
+dicht daran das aus lauter schönen Häusern zusammengesetzte Dorf
+Twickenham mit seiner hübschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich
+die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus.
+
+Es wäre sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umständlich
+beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder
+können ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht
+einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Höhe
+von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft
+sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abriß,
+ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff
+die Ähnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim
+ersten Anblick. Nur daß dort alles groß, mannigfaltig ausgebreitet
+daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch
+schmücken nicht unzählige Türme und Gebäude das stille, einsame
+Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse krönen.
+
+Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern
+und Strumpfband", Star and Garter, übersieht man all diese
+Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schöne Lage,
+sondern auch die vorzüglich gute Einrichtung und Bedienung erheben
+diesen Gasthof zu einem der ersten in England.
+
+Ihm gegenüber ist der Eingang zum Park, den man zu den größten
+rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen beträgt.
+Bescheiden hat die Kunst hier nur für die Bequemlichkeit der
+Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudrängen. Zahme Hirsche und
+Rehe weiden hier in großer Anzahl zwischen herrlichen Bäumen.
+Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher
+gebracht, da der alte König dort selten hinkam. Überall im
+Park öffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der großen
+Landschaft, die man von Richmonds Hügel erblickt; in anderen
+Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen,
+bilden sie hier neue Ansichten und vervielfältigen den Genuß
+ins Unendliche.
+
+
+
+Staines. Slough. Oatlands
+
+
+Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der
+Themse, fuhren wir durch den schönen Park von Claremont,
+alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Städtchen
+Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird
+Fremden nicht gezeigt. Seine Außenseite verspricht nichts
+Außerordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung
+und die vielen Gemälde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt.
+
+Die Gärten von Painshill waren die ersten, welche wir vor
+mehreren Jahren bei einem früheren Aufenthalte in London besuchten.
+In der Nähe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz,
+dessen Promenaden sie an Größe und Schönheit überträfen.
+Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen,
+langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getäuschter
+Hoffnungen für uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill
+war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher
+Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt
+in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig
+sahen wir von weitem die schönen Bäume, nach deren Schatten
+wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem
+hart an ihren Ufern erbauten Städtchen Staines, in dessen
+Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging.
+
+Das frohe, bunte Gewühl der Zuschauer ergötzte uns und zerstreute
+schnell den Verdruß über unser Mißgeschick in Painshill und
+Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste
+an die Jahrmärkte und Kirchmessen, welche in Deutschland
+von Zeit zu Zeit Dörfern und kleine Städten Leben und Freude
+bringen.
+
+Dicht neben dem Gasthofe in Staines führt eine hoch und kühn
+gewölbte Brücke über den Strom. Nicht ganz so groß als die
+bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient
+allein, daß man die kleine Reise von London hierher macht,
+besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen
+Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein kühner Sprung
+wirft sie sich über den Strom, und der Pont aux arts in Paris
+läßt sich trotz seiner mit Orangenbäumen garnierten Geländer
+auf keine Weise mit diesem schönen, wie von Feenhänden
+durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen.
+
+Von Staines führte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine
+höchst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht
+der Themse, über Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill,
+einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet,
+die man nur wünschen kann. Von London aus werden oft Landpartien
+dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier
+verweilen, um alles Schöne mit Muße zu genießen, was Windsor
+und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewähren.
+
+Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem
+Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht großen,
+aber sehr hübschen, vom Könige ihm geschenkten Hause wohnt
+[Fußnote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus
+und über 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline
+(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein
+Empfehlungsschreiben an unseren berühmten Landsmann. Freundlich
+empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung
+ähnliche Schwester. Während diese die Aufsicht über den Himmel
+mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben
+auf der Erde so angenehm als möglich und überhob ihn jeder
+irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide
+ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen
+Geschwister in ruhiger, ländlicher Stille hier ein schönes,
+glückliches Dasein.
+
+Die königliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig
+ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus,
+besonders während des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze
+Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten
+und liebten sie; überall war man ihres Lobes voll, sowie wir
+nur ihren Namen nannten.
+
+Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft
+unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen
+Nächten vielleicht zerstörerischer sind als irgendwo, erfreute
+sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit.
+Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste
+Wort für sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen
+Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt,
+wenigstens wurde es ihnen schwer, sich geläufig darin auszudrücken;
+übrigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes
+Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation.
+
+Gefällig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen
+Instrumente. Das große Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete
+er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast
+immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, daß er mit diesen alle
+seine wichtigen Entdeckungen machte, und daß nicht die Größe
+der Gläser, sondern unablässige Aufmerksamkeit, Fleiß und
+Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Höhe brachten,
+die er erreicht hatte.
+
+Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir,
+bei unserem Mangel an den dazugehörigen Kenntnissen, durch unsere
+Beschreibung es machen könnten. Herschel erschien uns immer
+selbst das Merkwürdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach
+dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister,
+aber uns dünkt doch, daß der Meister immer über sein Werk
+erhaben bleibt.
+
+Doktor Herschel gehörte zu den merkwürdigen Menschen, die ohne
+äußere Unterstützung, ohne daß ihre Eltern sie durch eine, ihrem
+Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten,
+in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen,
+hellem Blick und nie zu ermüdendem Mute bei allen Stürmen des
+Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater,
+ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr für ihn
+tun, als daß er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen
+Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit,
+Französisch zu lernen, und glücklicherweise war sein Lehrer auch
+übrigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und
+mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des
+lernbegierigen Schülers auf das lebhafteste beschäftigten.
+Während des siebenjährigen Krieges gingen Herschel und sein Vater
+mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England.
+Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurück ins
+Vaterland, während der Sohn sich entschloß, in London zu bleiben
+und dort sein Glück zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht
+aufgegangen. Verloren in der Menge, übersehen, zurückgestoßen
+überall, gehörte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut
+zu verlieren. Er verließ die glänzende Hauptstadt, die dem
+schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte,
+und wanderte ins nördliche England. Auch hier irrte er eine
+Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende
+Stätte ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt,
+er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen.
+Außer den Stunden, welche er seinem Amte widmen mußte, und
+einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen
+Unterricht verwendete, gab er alle seine übrige Zeit jetzt dem
+Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an,
+dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er große
+Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren
+anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien
+trieb er für sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium
+der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen,
+immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine
+vollkommene Übersicht des ihm zunächst gelegenen, der Theorie
+der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik
+und allen ihr verwandten Wissenschaften.
+
+So verflossen ihm in Halifax einige von ihm höchst nützlich
+verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls
+als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem
+einmal erwählten Stande, er mußte in den Assemblee-Sälen spielen,
+in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht,
+in seinem eigentümlichen Berufe fortzufahren. Trotz der überhäuften
+Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der
+glänzenden Außenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu
+und verwachte viele Nächte bei den abstraktesten Gegenständen.
+
+Astronomie und Optik beschäftigten ihn jetzt fast ausschließend.
+Mit unbeschreiblichem Vergnügen betrachtete er den gestirnten Himmel
+durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich
+erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat
+zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten,
+schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er möge ihm für's erste
+ein größeres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert
+über den dafür geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht,
+ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak
+nicht wenig darüber, denn die verlangte Summe schien ihm
+unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen,
+faßte er jetzt den kühnen Entschluß, selbst ein solches Instrument,
+wie er es sich wünschte, zu verfertigen. Nach unendlichen
+fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln,
+immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm
+endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten,
+fünffüßigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er
+weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor
+nie gesehenen Größe und hielt doch fest bei seinem einmal
+angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glänzenden
+Konzertsälen, während der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen
+und kehrte dann zur rechten Zeit zurück zum Notenpulte.
+
+Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen
+Entdeckungen. Herschel ward berühmt und zuletzt drang sein Ruf
+bis zum Könige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen
+Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten,
+gab ihm eine lebenslängliche Pension und räumte ihm die Wohnung
+in Slough ein, wo wir so glücklich waren, den ehrenwerten Mann
+persönlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor
+einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphären belauschte.
+
+Von Slough nahmen wir unseren Weg über Oatlands zurück nach London.
+Diese einsame ländliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen
+Prinzessin Friederike von Preußen [Fußnote: Gattin des Herzogs
+von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete.
+Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjähriger Ehe.
+Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren berühmt, und auch
+der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin
+des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern
+der Themse, fast am äußersten Ende des schönen Tals, welches
+der Blick von Richmonds Hügel aus beherrscht. Hier wohnte diese
+Fürstin, die Tochter König Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind
+schon der Liebling ihres großen Oheims, beinahe das ganze Jahr
+hindurch in klösterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen.
+Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und
+brachte Abwechslung in ihr einförmiges Leben. Ihre Hauptbeschäftigung
+waren wunderschöne Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen
+bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen dämmerte, ging sie
+gewöhnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder
+zu sinken begann.
+
+Der böse Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise
+begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns
+auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder
+nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt
+wird, und hätten durchaus an einem Sonntage kommen sollen,
+versicherte uns eine alte, ziemlich grämliche, korpulente Dame,
+die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter
+und verdrießlicher Berliner Mops und wies uns knurrend die
+weißen Zähne. Trotz dieser trüben Aspekte versuchten wir unsere
+Redekünste und glücklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten
+ihr vor, wie wir ausdrücklich aus Deutschland über's Meer
+hierher gekommen wären, um unseren Landsleuten hernach sagen zu können,
+wie es in der Wohnung unserer Prinzessin aussähe und wie es ihr erginge?
+Dies rührte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher,
+der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb
+ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin,
+und machte zuletzt noch eine große Toilette, um uns selbst
+ins Schloß zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops
+gesellig neben uns her.
+
+In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schönen großen
+Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schönsten
+und seltensten Pflanzen. Eine Menge großer und kleiner, lang- und
+kurzgeschwänzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin
+liebte diese und alle Tiere, welche sich zur häuslichen Geselligkeit
+erziehen lassen. Fremde und einheimische Vögel, Papageien,
+Hunde aller Art fanden wir in großer Anzahl überall in und um
+ihre Wohnung.
+
+Die größte Zierde des nicht groß, nicht prächtig, sondern
+ganz einfach und fast bürgerlich eingerichteten Schlosses waren
+die künstlichen Stickereien der Fürstin und ihrer Damen.
+Die Spaziergänge fanden wir sehr angenehm, sehenswürdig allein
+eine schöne, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus
+Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes
+Bad enthält. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen
+Gräber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Fürstin.
+Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich
+der Große in Sanssouci für seine vierbeinigen Freunde einrichtete
+und in dessen Mitte er einst, in einer trüben Stunde, sein eigenes
+Grab bereiten ließ.
+
+
+
+Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset
+
+
+Die nördlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe
+bei London mit unzähligen Magazinen, Schiffswerften und anderen
+dem Seehandel unentbehrlichen Gebäuden bedeckt. Hier auf der
+befahrensten Straße zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten
+Tätigkeit geweiht, und die ländlichen Freuden fliehen von selbst
+diesen ewigen Lärm, wo der Amboß und der laute Ruf einer zahllosen
+Menge arbeitender Menschen unaufhörlich ertönt.
+
+Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage:
+die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft
+Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit.
+Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund
+Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschädigt
+die Unternehmer für ihre Auslage vollkommen, denn alle
+Westindienfahrer müssen in diesem durch Kunst hervorgebrachten
+Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei
+ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloß zum Laden dient,
+das größere zwei- bis dreihundert große Schiffe beherbergen kann,
+die darin sicher und bequem unter Schloß und Riegel liegen.
+
+Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen.
+Schöne breite Quais, belebt von allem Gewühl des Seehandels,
+umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Paläste
+gleich, stehen die großen prächtigen Magazine die Quais entland;
+kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Größe des Ganzen scheint
+es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewährt dem Handel
+nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren
+beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl,
+in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den übrigen
+Fahrzeugen, welche den Hafen überfüllen. Da die Westindienfahrer
+gewöhnlich in großen Flotten zugleich anlangen, so entstand
+bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung,
+ein fürchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich
+bringende Gedränge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt,
+und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten.
+
+Den prächtigen Docks gegenüber breitet sich das stattliche
+Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit
+liegenden Boote quer über die Themse zu schiffen, so ist man
+in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter
+in dem schönen Park von Greenwich und die friedlichste Stille
+umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der
+gelderwerbenden Menge tönt mehr herüber.
+
+Hinter dem Park erstreckt sich die nicht große, aber als
+Haupttummelplatz englischer Straßenräuber berüchtigte Heide
+von Blackheath, welche jedoch in üblerem Rufe steht, als sie es
+verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England
+ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte,
+die man in den englischen Blättern liest, wurde nur ersonnen,
+um den Platz zu füllen, oder den übrigen, oft faden Inhalt
+der Neuigkeiten bekannter zu machen.
+
+Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch
+einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir
+auf der Reise von Dover nach London sahen.
+
+Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in
+ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die
+mächtige Stadt, ihre unzähligen Türme und den Dom von St. Paul
+ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten,
+wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige
+beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur
+linken Hand die nicht unbeträchtliche, fast einzig dem Schiffsbau
+gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks,
+ihren gewühlvollen Schiffswerften, rechts die ihr ähnliche Stadt
+Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen
+Seemacht nebst vielen dazugehörigen Schmieden, Magazinen und
+Fabriken befindet. Das sanfthügelige Land ringsumher, belebt
+durch unzählige Dörfer, trägt ganz den englischen Charakter;
+alles ist grün, fruchtbar, angebaut und geschmückt mit
+einzelnen Gruppen ehrwürdiger Eichen und Buchen.
+
+Manchen schönen Park mit seiner Villa, manche reizende ländliche
+Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen
+von London entlegenen Landstädtchen Bromley. Hier drängen sich
+indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend
+um Richmond herum, denn es fehlen die höheren Reize, die dort
+der alles belebende Strom gewährt, und überhaupt mangelt es
+der Grafschaft Kent an Gewässern.
+
+Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor
+mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen
+mittelmäßig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verließen
+und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden.
+Ein schöner Park, angenehme Gärten und Spaziergänge umgeben die
+elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke
+erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der
+Hauptfassade zum Modell.
+
+Wenige Meilen weiter, nahe beim Städtchen Sevenoaks, liegt Knole,
+der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behält
+die Gegend denselben Charakter, hügelig, grün, angebaut wie
+ein Garten.
+
+Das durch sein Alter ehrwürdige Schloß liegt mitten in einem
+weitläufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht
+schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein düsteres,
+weitläufiges Gebäude, dessen innere Einrichtung aus einem
+wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer
+sind ganz modern möbliert, andere, wie sie vor ein paar hundert
+Jahren es waren; die übrigen, gerade die am meisten bewohnt
+zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt
+und nehmen sich eben nicht zum besten aus.
+
+Besonders merkwürdig für den Forscher nach alter Sitte sind
+zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie König Jakob der Erste
+[Fußnote: König von Großbritannien und Irland (1603-25),
+als König von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.]
+es verließ, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen
+geschnitzten Bette könnten wenigsten sechs Personen bequem Platz
+finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas,
+und die zentnerschweren Lehnstühle sind mit kleinen Treppen
+zum Hinaufsteigen versehen.
+
+Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt,
+ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus
+Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein
+zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre
+Entstehung eher dem Amboß und Hammer als dem Webstuhle zu
+verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken
+künstlichen goldenen Stickerei über und über verzierte Decke
+desselben würde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre
+Schwere erdrücken. Eine silberne Toilette von schöner alter
+getriebener Arbeit, ein großer silberner Tisch und ein geschnitzter
+Schrank, groß wie ein Haus in den Hochlanden, über und über
+besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement
+vollständig.
+
+Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemälde.
+Besonders merkwürdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie
+voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen
+früherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher
+vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Wänden auf uns herab.
+Zu den letzteren gehört besonders ein sehr charakteristisches
+Porträt Cromwells, nächst dem Luthers, dessen bleichen Freundes
+Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Porträts
+fast aller bekannten und berühmten Gelehrten und Dichter Englands
+füllen ein besonderes Kabinett.
+
+Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmählich;
+höhere Berge gewähren dem Reisenden manche schöne Aussicht; bald
+zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel;
+weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr
+pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schöne Ruine eines
+uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das
+and seinem Fuße liegende Städtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es
+fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen
+Badeorte Tunbridge Wells.
+
+Dieser wird sehr häufig besucht, da er nur sechsunddreißig Meilen
+von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen
+Stunden zurücklegt. Wir würden indessen die Grenzen der nächsten
+Umgebung überschreiten, wenn wir uns auf dessen nähere
+Beschreibung hier einließen; auch zeichnet er sich weder durch
+seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen
+ähnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir
+dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares
+Lebewohl sagen.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
+by Johanna Schopenhauer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10823 ***
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #10823 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10823)
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+The Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
+by Johanna Schopenhauer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Reise durch England und Schottland
+
+Author: Johanna Schopenhauer
+
+Release Date: January 24, 2004 [EBook #10823]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND ***
+
+
+
+
+Produced by Tina Gr„we
+
+
+
+
+
+
+Reise durch England und Schottland
+
+Johanna Schopenhauer
+
+
+
+ENGLAND
+
+VORLÄUFIGE BEMERKUNGEN ÜBER ENGLAND
+
+
+
+
+Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen.
+Die schönsten Landschaftsgemälden ähnlichen Parks, die Gärten,
+die zweckmäßige Einrichtung der Häuser, der raffinierte Luxus,
+die Nettigkeit der Ordnung überall, die selbst in dem unbedeutendsten
+Hausgeräte sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen
+Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wünscht sich alle
+diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht
+einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefühl von heiterem
+Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen,
+sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muß man nicht
+aufkommen lassen; denn seine Erfüllung ist in diesem Lande mit
+so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird.
+
+Von den Schönheiten des Landes und der Wege, von den bequemen
+Gasthöfen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und
+in welchen man nur einen wohlgefüllten Beutel braucht, um gleich
+so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen
+Einrichtung des Postwesens ist überall viel gesagt und geschrieben,
+und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste
+Ganze gehörig zu loben.
+
+Für jetzt wollen wir uns aber darauf beschränken, eine allgemeine
+Idee eines englischen großen Landhauses mit seinen Umgebungen
+aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf
+einer Reise von London durch das nördliche England nach Schottland
+zu sehen Gelegenheit hatten.
+
+
+Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter
+diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus
+oder Schloß zunächst umgebenden, eigentlich zu demselben gehörigen
+Ländereien und ist gewöhnlich von ziemlichen Umfange. Äcker und Wiesen,
+mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von
+wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk,
+sowie auch einzelne Wirtschaftsgebäude von gefälliger, aber doch
+ihre Bestimmung andeutender Form. Überall hat man nach malerischen
+Effekten gestrebt, und die sanften Anhöhen und Vertiefungen dieses
+Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nützliche
+mit dem Schönen vereint.
+
+Der höchste Schmuck dieses Parks sind die üppige Vegetation der
+wohlbestellten Äcker, die unvergleichlich schönen grünen Wiesen und
+die prächtigen Bäume, größtenteils Eichen und Buchen, welche überall
+in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Bäume das Eigne,
+daß sie mehr als in anderen Ländern gleich von der Wurzel an ausschlagen
+und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebüsche
+sich hinschlängelnde Gänge findet man in keinem Parke; auch Gehölze
+sind, wie überall in England, selten. Man könnte sagen, es fehle
+Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft
+dennoch die Sonne selten recht heiß und hell scheint, der Schatten
+entbehrlicher wäre als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien
+unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden
+Gebäude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus näher
+umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen.
+Nur in sehr großen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht
+hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloß
+aus eine Ansicht zu gewähren.
+
+
+An Wasser darf es nie fehlen. Künstliche Wasserfälle kennt man nicht
+Und noch weniger Springbrunnen. Fließt aber ein kleiner Fluß oder
+nur ein beträchtlicher Bach in der Nähe einer solchen Besitzung,
+so muß er, wenn auch mit großen Kosten herbeigeführt, sich in
+mannigfaltigen Krümmungen hindurchschlängeln. Fehlt es an lebendigem
+Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein
+davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natürliche Krümmung,
+verdeckt Anfang und Ende mit überhängendem Gebüsche, wirft schöne
+Brücken darüber und täuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer
+eines Teichs in die unregelmäßigen Umgebungen eines kleinen Sees.
+Überall strebt man nach dem Schönen und flieht das Gesuchte, Steife,
+Pretiöse.
+
+Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von
+halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf
+den grünsten Wiesen der Welt; mit ihnen die schönsten Pferde, Kühe
+und Ziegen, besonders in der Nähe des Hauses, wo sich die Wiesen
+rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schönen
+Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein
+geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz.
+
+Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhöhe, alle Bäume sind
+aus seiner nächsten Nähe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne
+kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiß in den Zimmern,
+teils weil es überhaupt in England nicht heiß ist, teils wegen
+der wenigen Fenster, die aber so verständig angebracht sind,
+daß jeder Teil des Gebäudes sein hinlängliches Licht hat.
+
+Die äußere Ansicht der englischen Landhäuser ist aus unzähligen
+Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack
+darin, oft sind sie mit Verzierungen überladen. Die Hauptfassade ist
+gewöhnlich mit Säulen geziert. Sind gleich die Verhältnisse derselben
+nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft müßig dazustehen, so
+gewähren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plätzchen vor
+dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie über den grünen
+Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Säulen stehen unzählbare
+fremde Gesträuche und Blumen in Vasen, teils auf schönen Gestellen
+übereinander getürmt, teils auf den Stufen des Eingang und den Geländern
+zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt,
+ist unglaublich. Täglich müssen die verblühten hinweggeschafft und
+andere an ihre Stelle gesetzt werden.
+
+Höchst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schätze
+werden aus allen Ländern der Welt hierher gezaubert. Doch auch über
+diese schönsten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter
+der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte
+sie gerade die Eriken oder Heidekräuter ihrer besonderen Huld gewürdigt.
+Man gab wohl fünfzig und mehr Guineen für so ein geruch-, oft
+farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel
+der Erde herstammte. Große Orangerien sind in England, außer in den
+königlichen Gärten, selten anzutreffen.
+
+Die innere Einrichtung der Häuser richtet sich hier, wie überall,
+nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des
+Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben große,
+vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Küche,
+die Gewölbe zur Bewahrung der Vorräte nebst den Bedientenzimmern befinden.
+Letztere sind durchaus gut möbliert, ja die der Haushälterin und des
+Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, hübsch
+tapeziert, mit Mahagonimöbeln und guten Fußteppichen. Auch bei den
+Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, daß sie außer ihren
+Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben.
+
+Aus dem Garten tritt man gewöhnlich zuerst in eine große, hohe,
+öfters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemälden oder Statuen,
+Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die
+verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthält die
+Bibliothek, deren schöne Schränke und zierliche Einbände sie zu
+einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Häusern
+ist es Sitte, daß die Familie sich zum Frühstück darin versammelt.
+Sonst gibt es noch Frühstückszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer,
+Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours),
+Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter
+Größe. Überall einfache Pracht, Fußböden, Treppen und Vorplätze
+mit schönen Teppichen belegt.
+
+In vielen Häusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche
+mit kühlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von beträchtlicher
+Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens
+nur an Treppengeländern, großen Eßtischen, Bettstellen; die Möbel
+in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden köstlicheren oder
+kunstreich lackierten Hölzern.
+
+Man findet es bürgerlich, unmodisch, lächerlich, die Möbel an den
+Wänden hinzustellen, wie es in Deutschland gebräuchlich ist; in den
+Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem großen Kreis
+umher, so daß noch ein beträchtlicher Raum zum Spazieren zwischen
+den Stühlen, Sofas, Tischen und den Wänden übrig bleibt. Die
+Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer,
+wo eben das Licht am günstigsten fällt und man nicht von der Hitze
+nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch müssen wir
+der Kamine gedenken, die, künstlich in Marmor gearbeitet oder mit
+brillantiertem Stahl geschmückt, eine der größten Zierden der Zimmer
+ausmachen. Schöne Vasen und prächtige Kandelaber prangen auf ihren
+Gesimsen. Der zweite Stock enthält die Schlafzimmer, welche indessen
+den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der
+Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen
+darf. Oft hörten wir Engländerinnen mit wahrem Grausen von der Sitte
+der Französinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum
+Besuchszimmer vorzugsweise erwählen.
+
+So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen.
+Kehren wir jetzt zurück zu den nächsten äußeren Umgebungen derselben.
+
+Die Obst- und Gemüsegärten, die Treibhäuser liegen mit allen zur
+inneren Ökonomie gehörigen Gebäuden ganz nahe am herrschaftlichen
+Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen.
+Diese Bezirke sind es, was der Engländer eigentlich Gärten (Gardens)
+nennt. Der zur Fußpromenade bestimmte Teil der Besitzung heißt
+Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man
+Ähnlichkeit mit den deutschen Parks: Gänge, die sich bald durch
+dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlängeln, Tempel, Säulen,
+Denkmäler, Ruheplätze und den ganzen architektonischen Reichtum
+der neueren Gartenkunst. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer
+und Türen von schönem eisernen Gitterwerk. Hier blühen und grünen
+die vielen einheimischen Gesträuche, Bäume und Blumen neben den
+aus fremden Ländern herübergebrachten, die stark genug sind,
+den Winter im Freien zu ertragen.
+
+Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfältig vor der Kälte
+schützen müssen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen
+Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der
+Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in
+einer Höhe von sechs bis acht Fuß sich an den Mauern hinziehen sehen.
+
+Obstbäume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verständige
+Weise, mit welcher alle Bäume mit Hinsicht auf Höhe, Wuchs und die
+dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem
+Ganzen einen Zauber, den man fühlt, ohne sich ihn gleich erklären
+zu können. Alles ist zur schönsten befriedigenden Einheit gebracht.
+Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes
+oft getäuscht. Die englischen Gärtner sind wahre Landschaftsmaler
+im Großen, ja wir möchten sie fast für die einzigen eigentlichen
+Künstler der Nation erklären. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln
+der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen,
+ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhölzern aller Art,
+den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten,
+immergrünen Stauden und Sträuchern, deren einige sogar bisweilen
+im Dezember blühen, werden sehr schöne Effekte hervorgebracht.
+Gewöhnlich sieht man davon in der Nähe des Hauses eine Art Wintergarten
+an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem
+Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Grün getäuscht,
+in den Frühling hineinträumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel
+notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist,
+der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog,
+verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht
+auf Kleidung und Vergnügen bis über die Mitte des Junius hinaus.
+Dann fängt der Frühling erst an, und so muß der Sommer und mit ihm
+der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August
+und noch später beginnt, bis nach Weihnachten verlängert werden,
+damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe.
+
+Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prächtiges Tor, hat zu beiden
+Seiten zwei kleine Gebäude, die Wohnung des Türhüters und seiner
+Familie, bei welchem sich jeder Einlaßbegehrende vermittelst einer
+Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebäuden, the Lodge genannt,
+ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im
+gotischen Geschmacke, bald im ägyptischen; sie stellen Türme,
+griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhäuschen vor,
+je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Türhüter
+eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Küche und Keller und
+allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie
+in Deutschland würde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt
+zu besitzen.
+
+
+
+Woburn-Abbey
+
+
+[Fußnote: Johanna trat die Reise nach längerem Aufenthalt in London
+mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an]
+
+Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum
+des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des
+größten Ökonomen in England. Sein Bruder, der Ökonomie mit noch
+größerem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreißig
+Jahre alt, und hinterließ dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem
+geistlichen Stande gewidmet hatte, das große Vermögen.
+
+Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man
+uns hier zeigt, waren natürlicherweise die Wirtschaftsgebäude, vor
+allem die Viehställe: denn der Herzog, wie seine Vorgänger, beschäftigt
+sich hauptsächlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen
+die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre.
+Sie tragen bei den in England gewöhnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht
+der Größe, Schönheit und des Gedeihens gewöhnlich über alle anderen
+Mitbewerber den Preis davon. Dafür wird auch alles getan, um ihr
+Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen.
+Im Schloß wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen ähnlichen
+Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in
+Kupfer gestochen, und ihr Porträt prangt in den Londoner Kupferstichläden
+neben anderen berühmten Porträts von großen Gelehrten oder Ministern.
+
+So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch
+unmöglich, die Ordnung überall und die zweckmäßigen Einrichtungen
+ohne Vergnügen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in
+diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die ländliche
+Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und einträglicher zu machen.
+Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide
+abzuschälen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine,
+womit man in der Mühle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt,
+und noch manches andere von dieser Art.
+
+In den Viehställen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders
+da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle.
+Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen,
+waren so groß und von der Last ihres Fettes so niedergedrückt, daß sie
+uns völlig lebensmüde erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene
+ihrer Schönheit wegen berühmte Stiere und einige indianische Kühe.
+Letztere haben einen geraderen Rücken und einen kleineren Kopf, übrigens
+sehen sie wie andere Kühe aus.
+
+Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwürdigen Bäumen ist
+von pittoresker Schönheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin
+umher, zu achtzig Stück und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die
+schönsten, größten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwänzen.
+Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen
+erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen;
+sie führte ein Bild der schönen goldenen Zeit vor die Seele.
+
+Das an sich große Schloß zeichnet sich vor andren weder durch besondere
+Pracht noch große Schönheit aus. Es ist zu neu, um ehrwürdig, zu alt,
+um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; für uns
+traf es sich diesmal sehr glücklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer
+voll Gemälden, größtenteils Porträts. Sechs große wunderschöne
+van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgröße, fielen uns besonders auf.
+Dann auch das Porträt des unglücklichen Grafen Essex, ebenfalls in
+Lebensgröße. Er hatte eine schlaue, höchst bedeutende Physiognomie
+und einen ganz roten Bart. Ihm gegenüber hängt das Porträt der Königin
+Elisabeth, im geschmacklosesten, übertriebensten Putz, ohne allen
+weiblichen Reiz. Der historischen Gemälde und Landschaften, größtenteils
+aus der niederländischen Schule, sind eine große Anzahl, und darunter
+gewiß Stücke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek
+befindet sich im Schlosse.
+
+Das Orangeriehaus ist einfach prächtig. Acht große Marmorsäulen tragen
+in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben
+eine große, mit Basreliefs geschmückte antike Marmorvase, über die man
+ein ganzes Buch schreiben könnte und an der wir flüchtig vorübereilen
+mußten.
+
+Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade
+angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen
+bei schlechtem Wetter und im Winter. Geißblatt, Rosen, echter Jasmin,
+Heliotrop und viele andere ähnliche Gewächse umranken die Pfeiler und
+die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzählige
+seltene und schöne Blumen und Gewächse stehen in Vasen, der Promenade
+entlang.
+
+Ganz in der Nähe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen
+und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase.
+Alle zur Milcherei gehörigen Gefäße sind darin von seltenem japanischen
+und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergänge fanden wir,
+im Vergleich mit den übrigen, weder groß noch prächtig, aber
+geschmackvoll angelegt.
+
+
+
+Stowe's Garden
+
+Landsitz des Marquis von Buckingham
+
+
+Diese Gärten werden mit Recht für die schönsten und prächtigsten in
+England gehalten und liegen in nicht gar großer Entfernung von Woburn.
+Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags
+Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden
+Gasthofe sehr gute Bedienung.
+
+Stowe's Garden enthält einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Säulen,
+Pavillons aller Art. In jedem beschränkteren Platze ist freilich
+weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen;
+aber hier in diesem großen Raume fällt die Anzahl der Gebäude nur auf,
+weil man jedesmal die glückliche Wahl bewundern muß, mit der sie
+angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot,
+auf eine so kostbare Weise eines der natürlich schönsten Plätzchen
+der Erde noch zu verschönern. Unmöglich ist's, diese Gärten durch bloße
+Worte darzustellen, man muß sie gesehen haben, um sie sich denken
+zu können. Sie bilden die schönste, lieblichste Landschaft, die nur
+eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf
+klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsächlich ihre Verschönerung
+verdanken, lebte hier in der glänzendsten Zeit der englischen Literatur.
+Die besten Köpfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem
+reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm.
+
+Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins
+zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen
+Cobhams und seiner Freunde Büsten in Marmor, eine Art halboffener
+Rotunde enthält die Büsten merkwürdiger Menschen, die zu verschiedenen
+Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. König Alfred,
+Königin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere,
+durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das
+allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine.
+
+Eine hohe Säule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem
+Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist
+inwendig hohl und enthält eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe.
+Man genießt oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu.
+Eine andere Säule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine
+kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers
+Kapitän Cook.
+
+Noch müssen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von
+gefärbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt.
+Diese Anlagen sind reich an schönen alten Bäumen, besonders Eichen und
+Zypressen; ein ungeheuer großer Taxusbaum zeichnet sich besonders aus.
+Schattige Gänge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natürliche
+Wasserfälle, schöne malerische Brücken, alles ist hier vereint, was
+einen solchen Platz nur zu verschönern vermag.
+
+Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebäude und zwei
+Flügeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsäulen getragenen,
+weit vorspringenden Attika blühen die seltensten Pflanzen in Blumentöpfen.
+Von hier tritt man in die prächtige, durch eine Kuppel von oben
+erleuchtete Halle. Am Friese ist ein römischer Triumphzug in Marmor
+abgebildet. Marmorsäulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen
+stehen marmorne Statuen.
+
+Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Büsten verzierten
+Saal, in dessen Mitte ein schöner Apoll aufgestellt ist. Diese Statue
+sowohl als der größte Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken.
+
+Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum
+an Gemälden, meist Niederländern, namentlich Rembrandts, unter anderem
+das eigene Porträt dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders
+hochgeschätzt werden. Ein Kabinett voller Porträts, größtenteils aus
+dem merkwürdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte,
+ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison,
+der ein höchst gutmütiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein
+Originalporträt der unglücklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher
+Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint
+weit weniger schön, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag
+auch wohl die nicht außerordentliche Kunst des Malers daran schuld sein.
+
+Lady Buckingham und ihre Tochter beschäftigen sich auch mit der Malerei.
+Die Mutter malt in Öl, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer
+mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich übrigens nichts weiter
+sagen läßt, als daß es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn
+sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen.
+
+Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen
+hatten, nach Woodstock, einem Städtchen, das auf vielfache Weise bekannt
+ist. Das prächtige Schloß Blenheim, welches die Königin Anna ihrem
+Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fußnote: John Churchill
+(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluß
+seiner Frau Sarah auf die Königin Anna, die letzte Herrscherin aus dem
+Hause Stuart (1702-14), höchste politische Macht.], zum Dank für seine
+erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glänzendsten benannte,
+liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzüglichsten, in ganz
+England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmäßig, sondern von einzelnen
+Arbeitern in ihren Häusern verfertigt. Wir besuchten einen der
+geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein
+Lieblingsbild mit Gold weggeben muß, so betrachtete der gute Alte seine
+besten Scheren und Messer mit wahrem Künstlerschmerz, ehe er sie uns
+übergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und
+zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das
+Wichtigste, was uns beschäftigen könnte.
+
+In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwürdig. Auf einer
+Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein
+Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja
+gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, daß
+ihre Ansprüche an die Krone von England einst geltend werden würden;
+und eben diese Ansprüche, die sie gewiß oft in jenen Zeiten bitter
+beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede
+Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die
+Festigkeit, Klugheit, welche sie späterhin zur weisen, glücklichen
+Regentin machten. Wie war es aber möglich, daß diese frühere Erfahrung
+des Unglücks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten
+und Großen, was weise Männer vor ihrer Zeit dachten und schrieben,
+sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen
+war, wie konnte sie ihre unglückliche Schwester Leiden fühlen lassen,
+welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt
+dem fürchterlichen Tode auf dem Blutgerüst weihen! Die Nachwelt ist
+gerecht. Jeder Engländer spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe,
+und der Name der unglücklichen Maria wird noch überall mit Liebe und
+Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglück
+und ihre Liebenswürdigkeit lebt noch in allen Herzen.
+
+
+
+Blenheim
+
+
+Als wir uns in Woodstock morgens früh anschickten, nach unserer
+Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit
+Erstaunen, daß ein himmelhoher Phaeton [Fußnote: leichter, eleganter
+Wagen], mit zweien ziemlich unbändig scheinenden Schimmeln bespannt,
+unser vor der Tür des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns
+mit der in solchen Fällen gebräuchlichen Eloquenz, es wäre geradezu
+unmöglich den Park zu Fuße zu sehen. Wir fügten uns also
+ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefährlich aussehende Fuhrwerk
+und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein.
+Der Park ist so groß, daß kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt
+hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbändig, als sie zuerst
+schienen, und die große Höhe des jetzt aus der Mode gekommenen
+ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen
+nach allen Seiten und den Genuß der verschiedenen sich darbietenden
+Aussichten.
+
+Übrigens wird Blenheim auf eine noch umständlichere und dadurch auch
+kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebräuchlich
+ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs
+Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze
+übliche Etikette Einfluß zu haben.
+
+Ein großes, prächtiges Tor mit zwei Nebengebäuden, die Wohnung des
+Türwärters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer
+darüber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, daß Lady Sarah diese
+Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der
+Türhüter empfing uns mit einer wahrscheinlich für diesen Zweck ein
+für allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa
+fünfzig Schritte neben dem Wagen her, dann ließ er ihn halten.
+"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drüben sehen Sie
+ein Wasser mit einer schönen geraden Brücke; daneben rechts steht
+ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug
+und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze
+des Obelisks und ist zehn Fuß hoch, so klein sie auch von hier aus
+erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute:
+denn alles, was wir später in der Nähe sehen sollten, ward hier von
+weitem gezeigt, ohne daß man uns Zeit gelassen hätte, der wirklich
+mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war
+es unmöglich, dem Strome dieser eingeübten Rede Einhalt zu tun.
+
+Endlich waren wir an dem Orte, wo der lästige Redner, nach der
+hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden mußte. Er übergab
+uns einem Förster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum
+Beschluß, trotz der herzöglichen Livree, die er trug, den endlichen
+Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem
+er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glück weniger beredt;
+bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war.
+
+Der Park ist einer der schönsten in England. Sanfte Anhöhen, liebliche
+Täler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schönsten Grase,
+werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere
+schöne steinerne Brücken führen über einen Kanal, welchem man sehr
+täuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben
+wußte. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebäude, der Obelisk
+mit der Statue des großen Marlborough und unzählige alte herrliche Bäume
+gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Überall sind mannigfaltige
+Aussichten auf das Schloß, das Wasser, die Brücken, die Gebäude mit
+Auswahl und bescheiden sich verhüllter Kunst veranlaßt. Nachdem wir
+alles gehörig bewundert und uns auch mit dem Förster abgefunden hatten,
+übergab uns dieser dem Gärtner, welcher uns in den das Schloß in der
+Nähe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumführte.
+Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so
+prächtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muß zwar gefallen,
+doch dünkte uns, sie würde sich besser zu jenem kleineren, in
+prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so
+viel Reichtum ausgestatteten Gärten von Stowe zum Prachtpalaste von
+Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher
+Weg um einen kleinen See herum und viele vorzüglich große, schöne
+Bäume bilden hier die schönsten Partien.
+
+Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir
+am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir
+anfangs für die Haushälterin hielten, welche uns, wie das in England
+gebräuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle
+Engländerinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks
+bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und führte uns mit großer
+Redseligkeit bis an das Schloß. Hier nahm sie wieder mit unzähligen
+Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt wäre, die hohen Herrschaften
+(the Quality nannte sie es) mit gebührendem Respekt zu empfangen und
+dahin zu sehen, daß sie, wie es sich gehöre, über den Hof begleitet
+würden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis,
+daß sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit
+wechselseitiger Zufriedenheit voneinander.
+
+Das Schloß ist ein durch seine Größe imponierendes Gebäude; übrigens
+schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Säulen, Vasen, Treppen,
+Geländern und Türmen verziert oder verunziert.
+
+Die große Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch,
+sehr groß und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie
+hat einen schön gemalten Plafond, den marmorne Säulen unterstützen,
+schöne, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die übrigen Zimmer
+sind von altmodischer Pracht, alles solid und köstlich, wie man es
+an diesem Orte erwarten muß. Französische Hautelisse-Tapeten schmücken
+mehrere Säle, alle stellen des großen Herzogs Siege vor, sind aber
+leider sehr verblichen.
+
+Die Gemäldesammlung ist sehr groß; eine Magdalena von Tizian und eine
+heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben
+vorstellend, einige Porträts von van Dyck sind uns bei dem schnellen
+Durchfliegen noch einigermaßen im Gedächtnisse geblieben; Raffaele
+zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser große Meister
+selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederländer sind hier,
+verschiedene Gemälde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit
+von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mußten wir uns von diesen,
+in engen Banden gehaltenen Schätzen wegwenden. Ein großes Gemälde von
+Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend,
+hängt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostüm tut
+ihm Schaden.
+
+Noch ein großer, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre
+mit vieler Wahrheit gemalt, dünkt uns des Erwähnens wert. Der Plafond
+stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen
+aufhalten. Die Wände sind wie eine offene Halle gemalt; rundum läuft
+ein Geländer, hinter welchem alle europäischen Nationen mit
+charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen
+stehen. Die Figuren, etwas über Lebensgröße, übrigens von täuschender
+Wahrheit, ragen halb über das Geländer vor.
+
+Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend
+Bände enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der
+Königin Anna in völliger Staatstracht; mit dem Königsmantel, dem langen,
+über einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide,
+dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine
+große Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit
+bewundernswürdigem Fleiße in den harten Stein gearbeitet. Auch in
+der Bibliothek hängen viele Porträts; der große Herzog und seine Sarah
+sind hier abgebildet; sie hält die herzogliche Krone recht fest und
+schaut keck und übermütig in die Welt hinein.
+
+In der Schloßkapelle zeigte man uns das große Grabmal, welches Lady Sarah
+sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen ließ.
+Die Familie ist in Lebensgröße darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen
+Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer
+bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke
+noch die Ausführung zog uns an.
+
+Des flüchtigen Sehens überdrüssig, ermüdet von dem Stehen und Gehen
+in den vielen großen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurück
+und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und
+chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwürdiges zu zeigen
+sich erbot.
+
+
+
+Birmingham und Soho
+
+
+Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fußnote: heute einer der größten
+Industriestädte der Welt mit über 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit
+Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschönte sich mit
+jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Tälern. Wir mußten
+zuweilen die Räder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab führte.
+Die Aussichten von der Höhe sind sehr reizend. In Birmingham selbst
+erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den
+Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem großen eleganten Gasthofe
+gelangten. Dieser heißt noch immer "Zur Henne mit den Küchlein",
+obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich
+alle Mühe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln.
+
+Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit berühmt, ja man
+könnte fast behaupten, es gäbe kein Dorf im kultivierten Europa,
+vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie
+dieser Stadt zu finden wäre, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel
+oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage
+nicht schön; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstätten, die hier
+ihr Wesen treiben, gibt ihr ein düsteres, schmutziges Ansehen.
+Überall hört man hämmern und pochen, alles läuft am Tage geschäftig
+hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafür
+hallen des abends die Straßen vom Geschrei und von Gesängen derer wider,
+die sich den Tag über unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten.
+In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne lähmenden Schlafe
+des ermüdeten Arbeiters abstehlen können, suchen sie in Tavernen
+und Spielhäusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag über
+nicht denken konnten.
+
+Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwürdigsten Punkt
+dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene
+Etablissement des Herrn Boulton [Fußnote: Matthew (1728-1809)
+gründete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt;
+die Fabrikanlagen in Soho gründete er 1762], zu besuchen.
+
+Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen
+glänzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiß und anhaltendes
+Streben nach einem Ziele vermögen, als diesen kleinen freundlichen
+Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schöpfer, den achtzigjährigen
+Boulton, noch in völliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen,
+obgleich sein Körper der Krankheit, dem Alter und der unermüdeten
+Arbeit längst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen völlig
+gelähmt; im Hause ließ er sich durch zwei rüstige Bediente herumtragen;
+im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke,
+die in England zum Troste der dort so häufigen Lahmen und Gebrechlichen
+erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm
+durch einen seiner Freunde empfohlen waren, überall selbst hinzubegleiten.
+Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzählte,
+wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten
+mutig bekämpfte und glücklich überwand. Freundlich erklärte und
+zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten,
+die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann,
+sprangen uns seine blühenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein
+Wägelchen und fuhren den glücklichen Greis wie im Triumph davon.
+
+Achthundert Menschen finden in Soho täglich Arbeit und Brot.
+Hier werden englische Kupfermünzen und ausländische, für die
+ostindische Compagnie, für Amerika und manche fremde Höfe geprägt.
+In Deutschland sagt das Gerücht: Boulton lasse auch die vielen
+falschen Münzen fabrizieren, die von England aus Deutschland überschwemmen.
+Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit,
+als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem
+so gefährlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachprägen
+fremder Münzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert;
+sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in großer Menge, meistens
+auf Bestellung spekulativer Köpfe in Deutschland und anderen Ländern,
+ziemlich öffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf
+diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen
+englischer Banknoten und Münzen, wird dieses Geschäft nur ganz heimlich
+betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken,
+welchen oft eine Knopffabrik zum Aushängeschild dient, nicht fehlen.
+
+Außer der Münze enthält Soho noch eine große Fabrik von plattierten
+Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen.
+
+Die erstaunenswürdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum
+an Steinkohlen für England von unermeßlichem Wert, hat Boulton erst
+auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht.
+Er verfertigt Dampfmaschinen für ganz Europa und Amerika, läßt aber
+diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen,
+die seine Gastfreundschaft mißbrauchten und mühsam errungenen Vorteile
+ihm abzusehen strebten, während er sie freundlich bei sich aufnahm.
+Er sagte uns, wir würden es unartig gefunden haben, daß er in allen
+Gasthöfen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement
+anschlagen ließ, in welchem er bekanntmachte: daß ohne besondere Empfehlung
+an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den
+ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associés
+alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Störungen veranlaßte,
+wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er höchst ungern tat.
+"Nichts ist unerträglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen,
+das eine Sehenswürdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein;
+beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon
+aus Höflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu müssen,
+und so wußte ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese
+unfreundliche Weise."
+
+Das Wohnhaus in Soho ist ein hübsches, bequemes und großes Gebäude,
+überall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben,
+mit den prächtigen Villen der Großen des Landes zu wetteifern. Es liegt
+sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern übersieht man eine sehr schöne,
+reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Hügel
+steigen über ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein hübscher Garten
+voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende
+Promenade, längs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf,
+indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Sümpfe austrocknete
+und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergießt sich ein
+Wasserfall von einem mit schönen Blumen und Bäumen gezierten Hügel.
+Alles dieses war vor ungefähr zwanzig Jahren eine öde, sumpfige Heide.
+
+Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant.
+Es ist unmöglich, schönere Formen und bessere Politur zu sehen,
+als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem
+ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch,
+auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach.
+
+Auf ein Stück Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im
+Durchmesser, werden Längen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa
+den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen.
+Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech
+ausgedehnt, so dünne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit
+dem Kupfer im nämlichen Verhältnisse. Dieses Blech braucht man zur
+Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergerätes, welches eine
+Fläche bietet; zu den Henkeln, Füßen und dergleichen nimmt man eine
+runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die nämliche Weise, wie
+wir oben beschrieben, behandelt wird. Die äußeren Ecken werden den
+Gefäßen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten
+Verzierungen daran ganz Silber.
+
+Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwürdig. In einem sehr langen Zimmer
+sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhörlich schnell sich drehen.
+Eine lange hölzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch
+eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird,
+setzt sie alle in Bewegung. Mit der größten anscheinenden Leichtigkeit
+schleifen die Arbeiter die schönsten Muster auf die Gläser mit einer
+bewundernswürdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie
+dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten.
+Von hier aus kommen größtenteils die schönen Girandolen, Lüster,
+Trinkgläser und Prachtvasen, die glänzendste Zierde großer Tafeln,
+welche wir oft in den, bei nächtlicher Beleuchtung einem Feenschloß
+ähnlichen, flimmernden Glasläden Londons nicht genug bewundern konnten.
+Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hölzernen Scheibe,
+statt des Schleifsteins, gegeben.
+
+Die Münze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton ließ aber
+einige kleine Geldstücke prägen, um uns den Mechanismus zu zeigen.
+Acht Prägstöcke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben;
+jeder derselben prägt in einer Minute dreißig bis einhundertzwanzig
+Stücke aus, je nachdem sie größer oder kleiner sind, und zwar auf
+beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine höchst sinnreich
+erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben
+geprägte Stück fort und ein noch ungeprägtes an dessen Stelle einschiebt.
+Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben.
+Das Gepräge der Münzen ist durchgängig schön. Sie sind alle vollkommen
+rund, von gleicher Größe und möglichst gleichem Werte.
+
+In einem anderen Zimmer werden die Münzen geschnitten, ehe sie
+geprägt werden; noch in einem anderen nach dem Prägen gereinigt,
+indem sie in langen leinenen Säcken hin und her geschwungen werden.
+Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt.
+
+Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch
+ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewölbe eine Pumpe durch den Dampf
+des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden
+Wassers unaufhörlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige große
+Räder, diese Räder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern
+befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder
+hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir
+durch's bloße Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen.
+Das Wasser muß das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die
+Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehöre weit
+weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben möchte.
+
+
+
+Burton und Derby
+
+
+Von Birmingham reisten wir über Burton [Fußnote: Burton-upon-Trent,
+berühmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Mönchen der
+Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Güte dieses Bieres wird
+auf die Qualität des Wasser zurückgeführt] nach Derby. Burton ist ein
+freundliches Städtchen, weltberühmt durch das Ale [Footnote: helles,
+alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und
+kräftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In
+Friedenszeiten gehen jährlich große Sendungen davon nach ganz Europa,
+besonders nach Rußland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In
+England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in bürgerlichen
+Häusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, daß es
+sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz
+verliert.
+
+Derby ist eine ziemlich große, aber nicht schöne Stadt. Sie enthält
+viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten
+ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan
+wohl dem Meißner und Sèvres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben,
+Vergoldung und Schönheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren
+läßt es nichts zu wünschen übrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit
+hinter den sächsischen zurück, sowohl in der Erfindung als der Ausführung.
+Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade
+Nützliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der
+höchsten Vollkommenheit.
+
+Zum erstenmal in England mußten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten,
+und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last
+reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen
+von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen
+sind in England gewöhnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher
+achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer
+eingekerkert hätte, und reisten ab. Die Pferde waren sehr müde: der
+Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen;
+langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als wären wir
+auf irgendeiner Poststraße in der Mark. Wir fürchteten, die armen Tiere
+würden zuletzt aus Ermüdung ganz stille stehen. Der Regen strömte heftiger,
+und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten
+Hälfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen
+türmten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach
+durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den
+Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die
+Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde
+scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhänge hinab und hinauf,
+tief unten brausende Waldströme ließen uns Abgründe neben dem Wege ahnen.
+Das Geklapper der vielen Mühlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen
+Räder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewässer
+ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalköfen),
+alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen.
+
+Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns
+indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise
+erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort,
+den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die
+abenteuerliche, ermüdende Reise machte ihn uns doppelt angenehm.
+
+
+
+Badeorte
+
+
+Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer
+des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es
+erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder
+weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode
+es gewollt hat. Zu diesen Badeplätzen sowohl als zu den im Lande
+gelegenen mineralischen Quellen flüchtet jeder, der keine eigene Villa
+besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande
+entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden.
+
+Bekanntlich ist dann die Stadt (so heißt London vorzugsweise in ganz
+England) leer, obgleich die Straßen von Menschen wimmeln und der Fremde
+diese angebliche Öde gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom
+Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte
+Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt,
+die Müßigen, die Reichen, die Glücksritter, alles flüchtet aufs Land
+oder ins Bad. Die Seebäder sind im ganzen die besuchtesten und
+luxuriösesten. Die mineralischen Quellen werden öfter von der mittleren
+Klasse besucht, welche dort mehr ländliche Freuden als rauschende
+Ergötzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer
+besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrüchigen der
+warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fängt dort erst im
+Dezember an und währt bis zum Frühjahr. Alle Londoner Freuden sind
+alsdann wohlfeiler und nach verjüngtem Maßstabe auch in Bath zu finden.
+Deshalb eilen die dorthin, welche gern groß und vornehm leben möchten
+und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu können. Viele
+große Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Ökonomie
+ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen.
+
+Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, öfter die Not,
+so ausgezeichnet schön auch die dortige Gegend ist. Man weiß, wie viele
+Opfer die Schwindsucht jährlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle
+wird gewöhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen
+Ärzten angeraten. Daß es wirklich oft der letzte sei, bezeigen
+die vielen Denkmäler auf dem dortigen Gottesacker.
+
+An allen diesen Plätzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den
+kleinen Bädern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger
+zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebräuchlich ist, aber
+dennoch weit weniger so als in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen.
+
+In den großen, von den Vornehmen besuchtesten Bädern herrscht eine
+strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden,
+hiervon ausführlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und
+seinen Umgebungen.
+
+
+
+Matlock
+
+
+Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens,
+ist dieses liebliche Tal eines der schönsten Plätzchen Britanniens.
+
+Sei es immer, daß seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer
+nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden.
+Auch sahen die fünfzig oder sechzig Badegäste, die wir hier fanden,
+gar nicht aus, als ob Äskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher
+gebannt hätte. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben
+des Lebens hergeflüchtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schöpfen
+und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen.
+
+Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schönen großen Gasthöfen
+und zwei Logierhäusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen
+davon. Es ist unmöglich, dies reizende Tal durch bloße Beschreibung
+anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da,
+durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kühnen Felsen, die bald
+schroff und nackt gen Himmel starren, öfter noch ihre mit den schönsten
+Bäumen gekrönten Gipfel freundlich erheben.
+
+Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar
+ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser,
+voll Fällen und Strudeln. Die Felswände zogen sich enger zusammen, als
+wollten sie uns den Weg versperren; die Sträucher am Ufer bildeten Lauben
+über den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein.
+Dann traten sie wieder zurück, und wir sahen freundliche Hütten,
+mit Gärtchen und Wiesenplätzchen untermischt, an ihrer Seite hangen;
+stattliche Häuser, große Fabrikgebäude, zu ihren Füßen liegen.
+Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergänge ziehen sich
+an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurück zu unserem Gasthofe.
+
+Ihm gegenüber erhebt sich der höchste Fels dieser Gegend. Die Landleute
+nennen ihn High Tor. Auf einem größtenteils schattigen, nicht sehr
+beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer
+Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner üppigen Vegetation.
+Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenüberstehenden,
+waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebäude des Bades und geben ein
+freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser
+Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein
+zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuß bis hierher gedrungen
+wäre, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von
+grünen Bergen. Schöne Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase.
+Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schönheit der Natur glücklicher
+mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der
+Badegäste beschränken sich größtenteils auf den Genuß dieser herrlichen
+Natur; denn ein Bowling green [Fußnote: dazu Johanna in einer Anmerkung:
+"Ein grüner, solgfältig mit Walzen geglätteter Rasenplatz, zu einem nur
+in England gebräuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln
+sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergötzen ihnen hier darzubieten wagt.
+Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegäste selbst: denn
+der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem
+Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau;
+es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Bäder sind so bequem und
+reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann.
+
+Für den Geologen ist Matlock höchst interessant, die verschiedenen
+Steinarten, Flußspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt,
+sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Läden in
+aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt,
+zum Teil roh in sehr schönen Exemplaren für den Liebhaber und Sammler,
+der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzähligen anderen
+Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen
+hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schöner Form und sehen
+ungemein glänzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer
+Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verführen.
+
+Noch ist eine versteinernde Quelle [Fußnote: kalksinterhaltiges Wasser]
+hier merkwürdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert,
+und wenn es länger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Wächter
+dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Perücke
+und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen.
+
+Jenseits der Derwent, dem Dorfe schräg gegenüber, liegt Cromford Mill,
+die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fußnote: (1732-92),
+ursprünglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine,
+die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde],
+die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans
+Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine
+mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwürdige
+Mann war ursprünglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen
+Schwierigkeiten zu bekämpfen, denen ein gewöhnlicher Mann unterlegen wäre.
+Er verdiente, mächtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistünden,
+und er fand sie; sein großes Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange
+genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese
+Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz
+der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schöne
+Villa Wellersley bewohnt. Das von weißen Steinen massiv erbaute Wohnhaus
+sowohl als die großen Fabrikgebäude am Ufer des Stromes, beschirmt von
+mächtigen Felsen, erhöhen die Schönheit der Gegend. Noch erfreulicher aber
+ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den
+Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an
+einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern
+und Mädchen spazieren gehen, umspielt von schönen reinlichen Kindern.
+
+Die englischen Bauernmädchen und jungen Weiber sind durchgängig
+schöne Gestalten, älter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie
+gewissermaßen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem
+Bande geschmückt, auf einem kleinen schneeweißen Häubchen, steht den
+artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu große, weiße musselinene
+Halstücher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe,
+himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen
+kattunenes langes Kleid, hinten künstlich mit Nadeln aufgesteckt,
+alles blendend rein bis auf die feinen weißen gewebten Strümpfe [Fußnote:
+dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die ärmsten Engländerinnen stricken;
+diese Arbeit wird bei ihnen für schimpflich gehalten].
+Dies ist ihr Sonntagskostüm, von welchem das der Wochentage nur durch
+dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht.
+
+Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehörigen
+großen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen
+Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschön. Die Gärten
+enthalten Treibhäuser und eine hübsche Orangerie. Überall sieht man
+die segensreichen Früchte des Fleißes und der Industrie.
+
+An einem frühen Morgen verließen wir endlich ungern das freundliche
+Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald
+ruhig hinfließenden, bald über Felsstücke wild daherbrausenden Derwent.
+Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht
+auf das fruchtbare, durch unzählige Fabriken und Häuser belebte Land
+eröffneten. Jetzt führte der Weg abwärts; im Morgenlicht schimmerte uns
+ein prächtiges Gebäude entgegen. Es war Chatsworth [Fußnote: das Schloß
+wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem
+Spätrenaissancestil erbaut, anstelle eines älteren Schlosses, in dem Maria
+Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordflügel angebaut.
+Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das ursprüngliche
+Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen
+Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkömmlinge, der Herzöge von Devonshire.
+
+Das Schloß liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter
+demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekrönten Scheitel.
+Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Grün,
+eine sehr schöne steinerne Brücke führt hinüber. Wir fuhren durch
+den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe,
+von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise.
+
+
+
+Chatsworth
+Landsitz des Herzogs von Devonshire
+
+
+Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von außen eines der größten
+und prächtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig
+Fuß lang. Die auswärts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir
+sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und
+gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese äußere Pracht
+sticht auffallend ab gegen die große Stille und Einsamkeit der
+wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloß hier
+zu eigenen Zwecken entstehen ließ. Auch hatte es einst eine traurige
+Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre
+Freiheit, jedes Glück des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin
+sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach
+sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland,
+wo sie hingerichtet ward.
+
+Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthält wenig
+Merkwürdiges. Seit Jahren von den Eigentümern nicht besucht, zeigt
+es überall nur Spuren alter, allmählich hinsinkender Pracht; dennoch
+wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefügt,
+und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhäuser
+so angenehm macht. Für uns hatte es dennoch ein hohes Interesse.
+Im zweiten Stock des ältesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer
+der unglücklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und möbliert,
+wie sie es bewohnte. Es ist sehr groß und hoch; alte gewirkte Tapeten,
+die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, hängen an den Wänden.
+Ein hoher Betstuhl steht in der Nähe eines Fensters, die Aussicht aus
+demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schöne,
+aber höchst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Möbel
+im Zimmer, die hohen schweren Stühle mit kleinen Treppen davor,
+die eichenen und nußbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns
+in jene trüben Tage, welche die schönste und unglücklichste Frau
+ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen,
+die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da;
+uns war, als sähen wir noch die Spuren der einsamen Tränen, die sie
+hier verweinte.
+
+Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen
+Zeit fremden Geschmack angelegt. Man könnte ihn altfranzösisch nennen,
+wenn er regelmäßiger wäre, doch mag er dies wohl eher gewesen sein;
+denn es ist sichtbar, daß viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus
+und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande berühmt macht,
+sind die Wasserkünste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen
+und der Wilhelmshöhe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur daß sie
+die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine künstliche,
+zwei- bis dreihundert Fuß hohe Kaskade mit Stufen, der es aber,
+wie den meisten dieser Art, an hinlänglichem Wasser fehlt, wird zuerst
+gezeigt. In einem anderen Bassin muß das Wasser die Gestalt einer
+gläsernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem
+Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer künstlich gebildet,
+das Wasser spritzt schäumend aus seinen Zweigen, er sieht dann
+ganz artig aus, als ob er mit großen Eiszapfen und Schnee bedeckt wäre,
+kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor.
+Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuß hoch
+gen Himmel und machen eine recht hübsche Wirkung. Die Engländer,
+welche in den ringsumher liegenden Bädern hausen, wallfahrten fleißig
+her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu
+einem Wunder der Welt.
+
+
+
+Castleton
+
+Voll von Mariens Schicksale und stolz, daß unser Schiller den Briten
+den Rang abgewann und ihrem Andenken das schönste Denkmal schuf,
+verließen wir das traurig schöne Chatsworth. Nur kurze Zeit noch
+und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand.
+
+Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur
+von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns
+ängstlich hindurchwinden mußten, die jeden Augenblick den Weg
+zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch
+ansehnliche Fabrikgebäude von großem Umfange; auch diese ödeste,
+schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire.
+Es waren deren unzählige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch
+die ärmlichsten, aus Feldsteinen aufgetürmten Hütten, vor ihnen
+langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Öde, von der
+schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkräftet.
+
+Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Städtchen,
+wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem ärmlich
+aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshöhle
+mit einem Führer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen
+unserer bemächtigt hatte.
+
+
+
+Die Peaks Höhle
+
+
+Diese sehr berühmte Höhle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben
+ist wahrhaft groß und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen
+von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Bäumen gekrönten Scheitel.
+In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuß
+hohes und einhundertzwanzig Fuß breites Tor gewölbt, durch welches man
+in undurchdringliches Dunkel zu blicken wähnt. Langsam fließt ein
+schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht
+hervor. Vor der Wölbung hängen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine;
+wildes Gesträuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert
+in leichten Kränzen darum her. Felsenstücke hängen herab, Untergang
+drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der
+Unterwelt dringen will.
+
+Wir traten in die Höhle, die dunkle Nacht war dem allmählich sich
+daran gewöhnenden Auge zur Dämmerung. Bald unterschieden wir darin
+eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die ärmlichsten Gestalten,
+welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie
+in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kümmerlich ihr
+armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Hütten,
+die sie sich in der Höhle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl
+umherstehen sahen. Ungestüm bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns
+gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton,
+eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen.
+Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat.
+Die Wärme der Höhle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich
+macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewähren,
+besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt,
+im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so
+unfreundliche Wohnung zu wählen.
+
+Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestüm losgekauft hatten,
+kauften wir Lichter. Jeder von uns mußte eins tragen, der Führer trug
+deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren
+Hintergrund der Höhle. Der Führer machte uns auf einige ungeheuer große
+Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne daß wir
+die Ähnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten.
+Dann öffnete er eine schmale niedrige Tür, und wir standen in einem
+großen Gewölbe, von dessen Decke große Felsenstücke, drohender als je,
+über unsere Häupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter
+machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen.
+
+Jetzt ward das Gewölbe ganz niedrig. Gebückt, mit unsicherem Tritte
+auf dem schlüpfrigen unebenen Boden, mußten wir uns lange durch
+eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Höhe,
+bald ebenso hinunter. Wir stießen von allen Seiten an die vorragenden
+Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur,
+das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer,
+wir möchten sagen zähe, denn ihr Widerstand schien uns fühlbar.
+
+Endlich konnten wir unsere Häupter erheben, wir befanden uns in einem
+kleinen Gewölbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier,
+wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen
+langsam dahinwälzt. Wir fanden einen mit Stroh angefüllten Kahn,
+in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten.
+Der Führer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Hüfte ging,
+so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh
+lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur
+eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke
+einzustürzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer,
+um darauf fußen zu können. Nie war uns die Idee eines lebendig
+Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargähnlichen Kahne
+mit der schwarzen, schweren Felsendecke über uns. Der Führer
+mußte ganz gebückt waten, ein Stoß an einen der Felsen, der ihn
+besinnungslos gemacht hätte, und wir waren verloren auf die
+entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschäftigt,
+schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer
+das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge.
+Schwindlig von der Fahrt, mußten wir uns erst eine Weile erholen,
+ehe wir um uns blicken konnten, und fast wären wir es beim ersten
+Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach
+der Aussage des Führers einhundertzwanzig Fuß hoch, zweihundertsiebzig
+lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider
+zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel
+des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt,
+ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Höhle war uns
+noch bänglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem
+Leben war hier fühlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte.
+
+Mühsam kletterten wir über abgerissene, rauhe Felsstücke und kamen
+wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Töne einer
+sehr fernen Musik zu uns herüberschlüpften. Der Führer stieg abermals
+ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke
+auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Höhle, in welcher
+das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhörlich niedersinkt,
+und die deshalb Rogers Regenhaus heißt, fanden wir eben in diesem
+ewigen Tröpfeln die Ursache jener Töne, die uns zuvor wie Musik
+aus der Ferne schienen. Der Fußboden war mit tausend wunderlichen
+Schnörkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf höchst
+beschwerlich, besonders da die ewige Nässe ihn schlüpfrig macht.
+Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor.
+
+So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer höheren,
+gewölbten Abteilung der Höhle harrte unser eine sonderbare Überraschung.
+Ein Chor von Männern empfing uns mit einem langsamen, eintönigen Gesang.
+Lichter in den Händen haltend, die sie hin und her schwenkten,
+standen sie fünfzig Fuß hoch über uns in einer Art von Nische,
+welche die Natur in einer der Seitenwände geschaffen hatte.
+Ihr Gesang war rauh, aus wenig Tönen zusammengesetzt, wild und klagend,
+aber dennoch nicht unangenehm.
+
+Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Ängstlich gebückt
+schlichen wir unter und über Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewölbe,
+noch grausender und schauerlicher als alle übrigen, und ein schwarzer
+Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gähnte dicht
+vor unseren Füßen. Der Führer zeigte uns den steilen, furchtbaren
+Fußsteig, welcher über schlüpfrige Tropfsteine hinabführt. "Dies ist
+der Teufelskeller", sagte er, und indem er plötzlich einen von uns
+beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend,
+"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich hätte Napoleon hier!"--
+Wir können's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar
+Herr, und wir hatten es längst gemerkt, daß er uns für Franzosen hielt.
+Indessen faßten wir uns bald und antworteten ihm, daß wir ihm die
+Erfüllung dieses Wunsches gern gönnen wollten, wenn nur Napoleon
+[Fußnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit
+Frankreich] nicht die Gewohnheit hätte, immer mit starker Begleitung zu
+kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draußen
+geblieben wären, würden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein
+Unglück widerführe. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn
+etwas höflicher. Unser Erschrecken über das wunderliche Benehmen des
+Führers wäre indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon
+gewußt hätten, was wir später erfuhren, daß vor mehreren Jahren ein Herr
+und eine Dame in einem einspännigen Whisky ohne andere Begleitung
+ankamen, gerade vor die Höhle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen
+und nie wieder gesehen wurden.
+
+Der Führer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab.
+Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter,
+der einhundertfünfzig Fuß tiefer führt; sie lassen bloß den Führer
+mit einigen Lichtern hinabgehen und begnügen sich mit dem schauerlichen
+Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kühne, bogenähnliche Vertiefungen,
+emporstrebende Säulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir
+im flimmernden Lichte, das Wasser plätscherte lebendiger im tiefsten Grunde.
+Der Führer sagte uns, es wäre dort von kristallener Helle.
+Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rückweg an,
+ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewöhntes Auge
+jetzt in der zweiten Höhle vom Eingang entdeckte, erfreute uns
+unbeschreiblich.
+
+Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens
+geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht,
+wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig
+empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beängstigenden Traume;
+alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns
+in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller:
+
+ Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht!
+ Dort unten aber ist's fürchterlich
+ Und der Mensch versuche die Götter nicht.
+
+Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir übernachten
+wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges,
+dicht hinter Castleton, über welchen der Weg führt, ist des Verweilens
+wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten
+die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschließen.
+
+Einer dieser Berge heißt Win Hill, der andere Lose Hill, von einer
+Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der
+merkwürdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der
+schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, daß seine Oberfläche sich immer
+auflöse und wie Sand herabkrümle, ohne daß er dadurch abnehme. Der
+schaudernde heißt er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem
+aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, daß Regen und
+Wetter jährlich größere und kleinere Fragmente von Mam Tor ablösen,
+indem er ungewöhnlich schroff und steil ist, aber auch, daß er, genauen
+Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute
+bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der
+sieben Wunder des Peaks Gebirge. Über unfruchtbare Felsen, öde Heiden
+ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht.
+
+
+
+Buxton
+
+
+Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch
+schönen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in
+einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher,
+große Schätze verbarg die Natur hier tief im Schoße der Erde,
+aber dem Wanderer lächelt sie nicht freundlich entgegen.
+
+Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls berühmte Pools Höhle;
+man versicherte uns, sie wäre nach der von Castleton kaum sehenswert
+und überdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es
+nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken.
+Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle,
+welche die Römer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher
+Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht übel, und wird
+sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele
+andere Übel gebraucht.
+
+Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit
+Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe
+zierlicher Häuser, hingebracht. Letztere enthalten viele hübsche Wohnungen
+für die Brunnengäste und ein paar elegante Gasthöfe, in welchen sich
+die zu Bällen und Assembleen bestimmten Säle befinden. Dessen ungeachtet
+haben sie das Ansehen eines einzigen großen Prachtgebäudes von mehr als
+dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Läden, ein paar
+Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von
+der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfüllten das Erdgeschoß,
+ringsumher läuft ein oben bedeckter Säulengang für die Spaziergänger,
+zum Schutze bei dem hier sehr gewöhnlichen Regenwetter. Das Brunnengebäude
+und die Bäder liegen ganz in der Nähe. Nach der Morgenpromenade
+wird die übrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht,
+obgleich die Gegend eben nicht einladend ist.
+
+Die Jagd macht hier für die Herren eine Hauptergötzlichkeit aus.
+Liebhaber davon können auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird,
+subskribieren. In England fehlt es überhaupt am Wilde, hier aber
+in dieser öden Wüstenei gibt es noch bisweilen Hasen und Füchse,
+auch wilde Enten und andere Wasservögel in Menge auf den nahegelegenen
+Sümpfen des Strömchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee,
+und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig
+aufgeputzten Scheune.
+
+Die größte Merkwürdigkeit sind hier die prächtigen, vom Herzog
+von Devonshire erbaute Pferdeställe; man hält sie für die schönsten
+und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens mögen sie
+diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade,
+unter welcher die Pferde, geschützt vor Wind und Regen, den ganzen Tag
+nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden,
+umschließen sie eine sehr schöne, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebäudes
+enthält Wagen-Remisen, und das Ganze ist von beträchtlicher Größe,
+so daß es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengäste hier die
+Hauptpersonen wären. Ein daran hinfließender Bach dient dazu,
+diese Prachtställe reinlich zu halten und fast allen üblen Geruch
+zu verbannen.
+
+Das Interessanteste für uns war eine Fensterscheibe in der Halle,
+dem ältesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart
+auf ihrer unglücklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb
+mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf:
+
+ "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell;
+ which I perhaps shall see no more, farewell!"
+
+
+
+Manchester
+
+
+[Fußnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die
+industrielle Umwälzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt
+einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevölkerung stieg von 20 000 um
+1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803]
+
+Frühmorgens verließen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese
+berühmte, große Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeräuchert,
+sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt ähnlich.
+Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein,
+überall hört man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der
+Webstühle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen.
+
+An Freude und Vergnügen zu denken, hat das arbeitsame Völkchen hier eben
+nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier
+ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich
+winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln;
+und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm
+ganz kürzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber
+ziemlich schwerfällig geraten ist.
+
+Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen
+bloß von Fabriken lebenden Städten, ziemlich fremd. Die Männer erholen
+sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermüdenden Arbeit, die Frauen
+haben ihre Zirkel unter sich. Wie amüsant aber solch eine Gesellschaft
+von lauter Engländerinnen sein mag, wünschten wir lieber zu erraten,
+als zu erfahren.
+
+Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die öffentliche
+Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, wäre nicht
+übel, führte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf
+und ab; so aber hört man unaufhörlich das Geschrei und Geplapper der
+armen Verrückten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am
+Irrenhause dahinfließenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies
+ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergötzlich; doch die Einwohner
+von Manchester scheinen sich daran gewöhnt zu haben und lassen sich
+durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stören.
+
+Wir besuchten eine der größten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain
+angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzähligen, in vielen
+übereinander getürmten Stockwerken angebrachten Räder und Spindeln
+in Bewegung. Uns schwindelte in diesen großen Sälen bei dem Anblicke des
+mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber
+beschäftigt, die nur selten reißenden Fäden der unaufhörlich sich drehenden
+Spindeln wieder anzuknüpfen; Kinder wickelten und haspelten das
+gesponnene Garn. In einem großen Saale reinigte man die noch ungesponnene
+Baumwolle; in großen viereckigen, watteähnlichen Stücken lag sie
+ausgebreitet auf großen Tischen; eine Menge Weiber und Mädchen,
+in jeder Hand mit einem dünnen Stecken bewaffnet, prügelten lustig
+darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren
+Kamme ähnliche Maschine getrieben und glich nun einem äußerst dünnen,
+aber doch zusammenhängenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie
+zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so
+durch viele Säle hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares.
+
+Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren
+jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum
+Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stücke Garn ganz eigene
+Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage ähnliche Maschine zeigte
+vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit
+der daran gehängten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste,
+geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit
+Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als wären alle diese Räder hier
+das eigentlich Lebendige und die darum beschäftigten Menschen die
+Maschinen.
+
+Betäubt von den gesehenen Wundern verließen wir das Haus und bestiegen
+den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von
+Bridgewater angelegten Aquädukt [Fußnote: Bridgewater Kanal, verbindet
+Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu
+verwechseln mit dem 1894 eröffneten Manchester Schiffskanal, der die
+Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat
+sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst
+erworben, sowohl durch Anlegung der Kanäle, die hier den Warentransport
+so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der
+benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden
+mechanischen Lebens sind. Der Aquädukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist
+des Herzogs höchster Triumph und erschien uns ein Werk, würdig der
+Zeiten der alten Römer.
+
+Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein
+Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, während ein anderes in
+entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel
+traf durch den glücklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment
+unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten
+Erstaunens vorüber war, besahen wir uns die Sache näher. Ein schiffbarer
+Fluß strömt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal führt auf dem höheren
+Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Über den Fluß ist
+eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brücke (anders
+wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiß wie? wasserdicht
+gemacht, empfängt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um
+nicht bloß Kähne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Größe zu tragen.
+Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fußsteig gelassen. Wenn
+man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das
+Dasein der Brücke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein.
+
+Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr beträchtlichen
+Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die
+sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in
+einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, für
+ziemlich große Kähne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter
+der Oberfläche führt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen
+Stellen breit genug für zwei einander begegnende Kanäle. Über ihm wölbt
+sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene
+Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land
+durchkreuzenden Kanälen in Verbindung.
+
+Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein großes Tor,
+in einen senkrecht steilen, majestätisch hohen Felsen eingehauen.
+Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte
+dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze für uns
+darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit
+brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen,
+stillen Flut. Unser Führer war über die Maßen redselig und wir merkten bald,
+daß er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft
+versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort
+perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit
+gegen die Wände des Gewölbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand
+jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, düster, unheimlich war es
+um uns her.
+
+An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewölbter
+Gänge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so
+niedrig, daß man nur mit Mühe ganz gebückt durchkriechen kann. Die
+Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden,
+bald auf dem Rücken liegenden Männern mit einer Bergmannshaue
+losgebrochen. Die Arbeit schien uns höchst mühsam und beschwerlich, auch
+ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben.
+Giftige Dämpfe entstehen plötzlich und ersticken den Arbeiter, oder
+entzünden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich
+nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird,
+daß die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nächste Augenblick ist
+gewöhnlich schon zu spät.
+
+Nachdem jedes von uns ein Stück Kohle heruntergeschlagen hatte,
+was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mußten, waren wir nicht ferner begierig,
+tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurück in unser
+illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Führer
+und erblickten bald darauf wieder das schöne Licht der Sonne.
+
+Auf dem Rückwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer
+ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch
+nicht viel Freude zu machen; doch ließ man uns, auf die Fürsprache
+unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei
+sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen
+und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt
+sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument
+die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte
+das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stücke,
+gerade so dick, daß sie in die Spalte paßten. Vorher wurden sie
+in eine schwärzliche Flüssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte
+gefügt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt
+abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepaßte Späne
+hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige
+Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell
+und war gar leicht und artig anzusehen.
+
+
+
+Leeds
+
+
+Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire.
+Traurig war die erste Hälfte des Weges, wieder mußten wir steile,
+himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes,
+der sich gewöhnlich ganz England als ein schönes, fruchtbares,
+einem Garten ähnliches Land denkt. Öde, unangebaut, ohne Spur
+freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier müssen, wie auf den
+westfälischen Steppen, durch die wir früher gekommen, die Jahreszeiten
+ebenso unmerkbar für die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt
+ihnen Gaben, womit sie glücklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum,
+kein Kornfeld, keine ländlichen Gärten, aber überall Blei- und Kohlenminen,
+Steinbrüche, Schmelzöfen, Ziegelfabriken, unterbrochen von großen,
+einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebäuden.
+
+Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; überall sahen wir
+den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, während jener
+selbst nur kümmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemälde
+menschlichen Fleißes, doch nicht von der erfreulichen Seite.
+Wie erheiternd ist doch der Anblick des rüstigen Landmanns, der im
+Schweiße seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie
+schmückt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner
+der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wühlen
+muß, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beängstigendes Gefühl
+des Mitleids drängte sich uns unwillkürlich auf bei diesem Schauspiele,
+das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten.
+
+Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und ländlicher; wir dachten
+des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fußnote: Oliver (1728-
+74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemütlicher Dichtung
+bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Dörfchen, sein
+wirtliches Dach. Wakefield ist ein Städtchen voll Fabriken.
+
+Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich große Stadt,
+welche hauptsächlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt
+war von einer höchst traurigen, herzzerreißenden Szene begleitet.
+Wir bemerkten mit Erstaunen, daß der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum,
+dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau
+mit der Gebärde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Mädchen
+blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute,
+was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn
+ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme.
+Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Händeringen
+rief sie: "Ach, er war der schönste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt,
+immer gehorsam und fleißig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis
+fröhlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen
+und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen,
+hier trösten zu wollen?
+
+Wunderbar ist's, daß in England nicht unendlich viel Kinder verunglücken;
+nirgends scheint der alte fromme Glaube, daß jedes seinen eigenen
+Engel habe, der es beschützt, einheimischer als hier; denn nirgends
+werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst überlassen.
+In den Städten und Dörfern, auf den volkreichsten Straßen kriechen
+kleine, kaum zweijährige Säuglinge in den Fahrwegen umher,
+größere Kinder laufen ohne Furcht im Gewühle zwischen Rädern und
+Pferden durch, und der Reisende sitzt ängstlich im pfeilschnell
+rollenden Wagen und zürnt über die unachtsamen Mütter.
+
+Die Tuchfabrikanten machen den größten Teil der Einwohner von Leeds aus;
+sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter,
+mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er
+an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil hält. Diese Halle,
+ein großes, ganz bedecktes Gebäude, schließt einen geräumigen Hof
+von allen vier Seiten ein und ist einer Börse nicht unähnlich.
+
+Man macht sehr hübsche Teppiche in Leeds, sie werden auf
+gewöhnlichen Webstühlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen,
+wie schnell die schönen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht
+vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fußdecken für die Zimmer
+arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen
+zu Treppen und Vorplätzen nur einer.
+
+
+Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall
+
+Ripon, ein freundliches, reinliches Landstädtchen, liegt in einer
+zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough
+[Fußnote: ursprünglich Bezeichnung für eine Burg oder eine befestigte
+Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough]
+und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied
+zu wählen und nach London zu schicken. Nun gehören alle Häuser
+in Ripon einer alten achtzigjährigen Dame, die unermeßlich reich,
+auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Güter
+im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige
+Grundbesitzerin in Ripon, wählt also dies Mitglied, und das Gewicht,
+welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Königreich
+erhält, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich
+jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miß Lawrence alle ihre Reichtümer
+und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon längst über die Jugendjahre
+hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern
+umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und
+erklärt laut: sie würde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich
+um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst
+kürzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde.
+Miß Lawrence ward uns übrigens als sehr gut und auch im Äußern
+nicht unliebenswürdig geschildert.
+
+Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus
+enthält nichts besonders Sehenswertes, auch die Außenseite desselben
+zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitläufigen Spaziergänge
+gehören aber zu den schönsten in England.
+
+Der Park hat einen, ihn von den gewöhnlichen Parks unterscheidenden
+ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, grüne Rasenplätze
+trifft man weniger, aber herrliche Schattengänge, unter dem Schutze
+himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen,
+auf lachenden Höhen und in duftigen Tälern. Mit unbeschreiblichem
+Vergnügen wandelten wir hier und ahnten nicht, daß die Krone
+des Ganzen uns noch erst wunderbar überraschen sollte. Unser Führer,
+ein alter vernünftiger, eisgrauer Gärtner, seit mehr als vierzig Jahren
+hier in Dienst, öffnete plötzlich eine kleine, unscheinbare Gartentür,
+und wir erblickten in einem lieblichen grünen Tale die schönsten
+gotischen Ruinen, die wir je sahen.
+
+Vom Morgenstrahl gerötet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es
+waren die Überbleibsel von Fountains Abbey [Fußnote: in seinem Grundriß
+einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergründung:
+1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die
+Ruinen zählen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwölften
+Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfünfzig Jahren
+in Trümmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach
+fehlt gänzlich, die Seitenwände größtenteils auch; aber noch stehen, wie
+trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit
+Skulptur gezierte Säulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten;
+feste Gewölbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstörung, alles
+bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Särge
+stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu
+unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch
+die Kreuzgänge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele
+unterirdische Gänge und Gewölbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt
+man eine Küche, und an dem die Wand schwärzenden Rauche die Stelle, wo
+sonst der Herd stand.
+
+Fountains Abbey ist ein großes Grab vergangener Zeiten, dennoch drängt
+sich überall das frische Leben der ewig jungen Natur üppig hervor. Efeu
+umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der
+Hoffnung, junge Blumen und Sträuche nicken aus den hohen Bogenfenstern
+und von den Kapitellen der Säulen. In der Kirche wandelt man unter dem
+Schatten bejahrter Bäume. Überall neues Entstehen mitten unter den
+Trümmern der Zerstörung, überall die Lehre, Menschenwerk ist
+vergänglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur
+waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen.
+
+Welche Verzierungen für einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles
+so kleinlich dagegen zusammen, was selbst große Fürsten auf ihren
+Landsitzen unternehmen, um nur etwas ähnliches zu erkünsteln! Der vorige
+Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich für eine große Summe,
+aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und
+sicherte zugleich diese heiligen Überreste zwar nicht gegen den langsam
+zerstörenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der
+leider überall dem Schönen droht.
+
+Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt
+sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise,
+an die wir noch nach Jahren gern zurückdenken werden; hier aber
+fühlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur flüchtig
+am Schönen vorüberstreifen zu können und es nur im Bilde
+davonzutragen. Hier wünschten wir Hütten zu bauen. Wie schön
+muß sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Grünend,
+blühend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen.
+Wege schlängeln sich bald in schwindelnder Höhe, bald tiefer
+in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und
+blinkt und wogt ein spiegelheller Fluß, von allen Felsen rauschen
+und gaukeln Bäche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schäumend,
+bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur höchsten Höhe.
+Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene
+fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben,
+und zu unseren Füßen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zögernd,
+wider Willen, verließen wir abends diesen lieblichen Ort, über
+Berg und Tal rollten wir hin durch den schönen, fruchtbaren Teil
+von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem großen, ganz isoliert
+liegenden Gasthofe.
+
+
+Englische Gasthöfe
+
+Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man
+auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darüber
+zu sagen. Durchgängig, auch in den Städten, sind die englischen Gasthöfe
+sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit übertreffen alles,
+was man in anderen Ländern in dieser Art antrifft, aber wir möchten
+fast behaupten, daß die guten Gasthöfe auf dem Lande wieder die in Städten
+in dem Maße übertreffen wie jene die deutschen.
+
+Die Teuerung ist auch nicht so groß, als man denken möchte, wenn man nur
+erst die Sitte kennt. Der Umstand, daß man durchaus nicht portionsweise
+speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorräte des Hauses an Fleisch,
+Fischen, Gemüsen und dergleichen sind mit der höchsten Sauberkeit und
+mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit
+Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man
+gewöhnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Außer einigem
+Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Häuser, in welchen die
+öffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch
+hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch
+gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten
+Preis in Gesellschaft speisen können. Außer diesem aber muß der einzelne
+Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der
+Zubereitung selbst wählen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Wählt
+man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein großes Stück, so
+bekommt man es ganz auf den Tisch und muß es auch ganz bezahlen, wenn es
+gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen würde. Dies ist freilich
+nicht angenehm, aber der Landeskundige weiß sich einzurichten und
+bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht
+teuer. Für das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird,
+auch bei längerem Aufenthalt, gewöhnlich nichts gerechnet, es sei denn,
+daß man nur im Hause wohne und immer auswärts speise. Im Schlafzimmer
+bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen
+Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schönsten Matratzen, die
+feinsten Bettücher und Decken. Schöne Vorhänge umgeben das Bett, ein
+hübscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weiße Nachtmütze und
+ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende
+Engländer, die immer wenig Gepäck mit sich führen, ohne alle Scheu
+bedienen.
+
+Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit,
+tausend kleine Rücksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem
+Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Engländer, zum Beispiel, der
+nicht zu den vornehmsten Klassen gehört, wird sich weigern, mit andern
+aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch
+wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum
+fehlt.
+
+Auch in den Städten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim
+Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's,
+als käme man zu einem längst erwarteten Besuch. Der Wirt öffnet selbst
+den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tür steht die Wirtin;
+mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend
+Mal kurz hintereinander, bemächtigt sich der reisenden Damen sogleich,
+führt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise für
+ihre Bequemlichkeit, während ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht.
+Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren,
+so bleibt diese Höflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin
+begleiten die Reisenden an den Wagen, danken für die erzeigte Ehre
+und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall
+einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post für eigene Rechnung
+bedienen.
+
+Je weiter man in's nördliche England dringt und sich Schottland nähert,
+je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit
+einer Art Kordialität, die unangenehm auffällt. Der Wirt bringt immer
+die erste Schüssel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so groß
+und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses,
+die nur einigermaßen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach
+in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen
+kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschäftig mit
+einem Pfefferbüchsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwärter, Waiters,
+scheinen Flügel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug,
+und in allen Zimmern hängen gute, gangbare Klingeln, welche
+der reisende Engländer nach Herzenslust handhabt.
+
+So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine
+viel verlangerenden Gäste als in England. Das Wirtschaftswesen
+wird aber gewissermaßen fabrikmäßig betrieben: jeder hat sein
+Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde
+besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle
+seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht
+zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an
+und führt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser,
+gewöhnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal,
+wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr
+wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermaßen die auswärtigen
+Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, führt die Fremden im Orte herum
+und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhörlich hört man in
+einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus
+"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand.
+
+Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermädchen, Chambermaid,
+gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer
+schneeweißen Musselinschürze, einem artigen Spitzenhäubchen, kurz,
+so nett und damenhaft gekleidet als möglich. Ihr Amt ist, den Fremden,
+ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter
+mit einem Wachslicht anzuzünden, ihn in's Schlafzimmer zu führen
+und zuzusehen, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle.
+Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte.
+
+Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots,
+ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks,
+ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt
+diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt,
+und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression
+kehren wir zurück nach Catterick Bridge.
+
+Krankheitshalber mußten wir einige Tage dort verweilen und wurden
+gewartet und gepflegt, als wären wir unter Bekannten und Freunden.
+Die Wirtin, Mistreß Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer,
+wenn ihre Geschäfte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst
+nach dem vier Meilen entlegenen Städtchen Richmond, um den Apotheker
+des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher
+aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei,
+um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker
+war ein vernünftiger, guter Arzt, und das Übel wich seinen
+Heilmitteln bald.
+
+In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Ärzte;
+man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Ärzte werden,
+außer bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr großer Gefahr gefordert.
+Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem
+für jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewöhnlich
+jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrückt. Eine Konsultation
+des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Hälfte. Die Apotheker
+werden ungefähr wie die Ärzte in großen deutschen Städten bezahlt.
+Übrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England;
+dies bezeugen die öffentlichen Blätter, deren größte Hälfte
+aus Ankündigungen von Arkanen besteht.
+
+
+
+Richmond
+
+Gänzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt,
+am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses
+Richmond, von welchem die jetzigen Herzöge von Richmond zwar
+den Namen führen, aber keine fünfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren
+hoch auf dem Gipfel desselben über die Stadt. Letztere liegt
+höchst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen
+Wälle gewähren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese,
+hübsche Landhäuser, Gärten, Dörfer, kleine fruchtbare Anhöhen wechseln
+auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom,
+über den eine steinerne Brücke führt, belebt das Ganze. Jeder Schritt
+entdeckt neue Schönheiten; der wilde Fels, auf dem Schloß und Stadt
+erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen
+Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und
+weniger prächtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch
+von ehemaliger Größe und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht
+unterhalten und drohen stündlichen Einsturz, zur großen Gefahr
+für die an ihrem Fuße liegenden Wohnhäuser. Ein einziger Turm
+steht erhalten da, alles übrige sind nur hohe, üppig mit Efeu bewachsene
+Mauern. Die Abteilungen der Gemächer sieht man noch deutlich und
+die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gänzlich; Regen und Wind
+haben überall freien Zugang.
+
+
+
+Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle
+
+
+Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz
+des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein großes gotisches Gebäude,
+zwar recht nett, aber doch ganz bürgerlich und einfach möbliert,
+zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich
+für einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehörige Garten
+ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert,
+aber von Natur eines der schönsten, lieblichsten Fleckchen der Erde.
+Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluß stürzt bald gaukelnd,
+bald unwillig über wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg
+wirft. Unendlich viel Schönes könnte hier mit Geld und Geschmack
+hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht,
+muß man unwillkürlich wünschen, daß alles so bleibe, wie es ist.
+
+Wir fuhren durch den großen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham.
+Sie ist eine der ältesten, wenngleich nicht der größten in England
+und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten
+Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir über Sunderland
+nach Newcastle.
+
+Sunderland ist wegen einer eisernen Brücke, der größten in England,
+sehr merkwürdig. Ein einziger ungeheurer Bogen wölbt sich hundert Fuß hoch
+über die Fläche des Wassers, so daß ein Schiff, ohne die Masten umzulegen,
+darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Stärke so vereint.
+Wie ein Zauberwerk scheint die Brücke in der Luft zu schweben.
+Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Geländer, die sie an beiden
+Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein.
+
+Auf einem bequemen Platze unter der Brücke konnten wir den Mechanismus
+derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende
+Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht
+aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander
+aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder
+fünfzehn Fuß im Diameter hält. Diese Ringe ruhen unten wieder auf
+einer der oberen ähnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch
+angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze
+liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen,
+die aber inwendig hohl sind.
+
+Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich;
+augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kräfte vereinigt
+tragen können. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt
+zerstört würde, so bleibt doch immer genug übrig, das Ganze zu erhalten,
+und man möchte fast behaupten, es könne nie sehr baufällig werden,
+weil man mit leichter Mühe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann.
+Es wohnt hier ein eigener Wächter neben der Brücke, der darauf zu sehen hat,
+daß sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland
+bekannten großen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbrücke
+sehr gut und deutlich darstellt.
+
+In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg führte, fanden wir nichts zu tun
+als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich groß, hat neben vielen
+engen und winkligen auch einige hübsche Straßen und ist, besonders
+wegen des Steinkohlenhandels, für Großbritannien sehr wichtig.
+Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschäfts und
+also für den bloß zum Vergnügen Reisenden wenig Einladendes.
+
+
+
+Alnwick Castle und Berwick
+
+
+Alnwick, diesen alten Sitz der Herzöge von Northumberland, erreichten wir
+einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick
+dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurück in längst
+vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns
+zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen
+feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schützen suchen mußte.
+Die wunderbare Erhaltung dieses großen altertümlichen Gebäudes,
+an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war,
+fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertümliche Burg mit
+ihren runden Ecktürmen, ihren mit Schießscharten versehenen Ringmauern,
+ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren über dem Schloßgraben führenden
+Zugbrücken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente
+wie der gegen sie anstürmenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche
+Weise getrotzt zu haben.
+
+Es war eine Täuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art
+jemals vorgekommen ist.
+
+Alnwick Castle [Fußnote: eines der schönsten Feudalschlösser Englands,
+letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht
+"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht
+unglücklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine
+altertümliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland.
+Auf den Zinnen der Mauer und der Türme stehen alte Krieger in
+drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgröße. So viel wir
+von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet.
+Über jedem Tor steht einer davon in gebückter Stellung, mit beiden Händen
+einen großen Stein haltend, als wäre er im Begriff, den Eintretenden
+damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich
+nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art
+sie ist, macht einen großen Effekt. Von weitem glaubt man fast,
+die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, wären zurückgekehrt
+und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren:
+in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebärde stehen sie da.
+Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken möchte. Mancher dieser Helden
+kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward,
+und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an.
+
+Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten:
+hohe gewölbte Zimmer mit Bogenfenstern voll künstlicher gotischer Verzierungen
+und Schnörkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende
+Galerien, dunkle, krumme Gänge würden ein sehr schauerliches Ganzes
+machen, wären die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig
+aufgemalt. Indessen glauben wir doch, daß einer der englischen
+Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung
+nicht verfehlen würde.
+
+Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen,
+die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten
+Treibhäusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog
+nicht da war, mit Weintrauben und Melonen für die Reise versorgen konnten.
+Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet,
+sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns
+nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten
+Schwierigkeit findet.
+
+Jetzt führte der Weg längs der Küste des Meeres, das wir fast nie
+aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der
+äußersten Spitze Northumberlands.
+
+In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt,
+fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine
+Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen
+ganz unbekannten Provinzialausdrücke, welche sie einmischen, machten,
+daß wir Mühe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle
+spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus.
+
+
+
+SCHOTTLAND
+
+
+Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfünfzig englische Meilen,
+fast immer im Angesichte des Meeres, wäre allein die Reise wert;
+von so seltener, wunderbarer Schönheit ist die Gegend, aber deshalb
+wohl umso unbeschreibbarer.
+
+Bis dicht hinab an die Wellen der Küste bebaut wie ein Garten:
+Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemüsegärten
+wechseln, alles in der Pracht der üppigsten Vegetation. Dazwischen
+kleine Gehölze, duftende, blühende Hecken, und in ihrer Mitte Dörfer,
+die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein ländlicheres
+Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Städten ähnlich
+sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenförmig
+erhebt es sich zu kleinen Anhöhen und sinkt wieder zu lieblichen
+Gründen hinab. Freundliche, einzelne Landhäuser liegen überall zerstreut,
+ehrwürdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern
+und zeugen von vergangener Größe. Und nun noch der Anblick des Meeres,
+dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der ödesten,
+Leben gibt!
+
+Kleine Inseln mit Leuchttürmen, entfernte blaue Felsen, die zackig
+und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier,
+um ein Ganzes voll wunderbarer Schönheit zu bilden. Zwei Lager (Fußnote:
+in England befürchtete man eine Invasion der Franzosen],
+jedes von ungefähr dreitausend Mann, die eben hier die Küste bewachen,
+kontrastieren mit der ländlichen Anmut rings umher. Der Anblick
+dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glänzenden Waffen und Uniformen,
+brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzückende Gegend.
+
+Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied
+zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf.
+Freundliches, gutmütiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden
+mit großer, aber fröhlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner
+deutscher Gebirge. Schuhe und Strümpfe, ohne welche man in England
+keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende
+Klasse und der größte Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern,
+laufen Sommer und Winter barfuß; vielleicht geschieht dies fast
+ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es fällt sehr auf,
+wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhört ist.
+
+
+
+Edinburgh
+
+
+In keinem der vielen schönen Gasthöfe dieser Stadt konnten wir unterkommen.
+Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljährlich
+Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden,
+die teils jenes edle Vergnügen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten,
+das Theater, die Bälle, Konzerte und tausend andere Freuden
+herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem
+Kupferstichhändler, einem der unzähligen Mackintoshes, fanden,
+waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude
+zu sehen.
+
+Die Stadt Edinburgh, von beträchtlicher Größe, ist eine der schönsten
+und häßlichsten Städte zugleich und verdient in dieser Hinsicht
+mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und
+ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Häuser,
+die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Straßen an- und
+übereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd
+mit den schönsten Städten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig
+in ihrer Art, von hoher romantischer Schönheit.
+
+An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestätische
+Reihe anderer Felsen anschließt, liegen die Häuser der alten Stadt,
+wie Schwalbennester angeklebt, unter- und übereinander; einige
+dieser Häuser haben, von einer Straße aus gesehen, zehn Stockwerke,
+während sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zählen,
+und man aus dem vierten oder fünften Stock der niedriger liegenden
+Seite auf der hohen geraden Fußes ins Freie in eine andere Straße geht.
+Wie krumm, wie eng, wie winklig der größte Teil dieser Straßen ist,
+läßt sich schwer beschreiben. Einige derselben führen steile und
+hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise.
+Auf den höchsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung
+der schottischen Könige, das Kastell, hoch über den Häusern
+der übrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil,
+fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhöhe,
+auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schöne steinerne Brücken
+führen hinüber und vereinigen beide Städte. Tief im Abgrunde
+sieht man von einer dieser Brücke Straßen, die dort unten liegen,
+wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Dächer
+noch lange nicht bis zu der Grundlage der Brücke hinaufreichen.
+Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen,
+wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schönen,
+neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann.
+Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der übrige wird zum Teil
+als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da.
+
+Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmäßigkeit und Breite
+der wohlgepflasterten, mit breiten Fußwegen auf beiden Seiten
+versehenden Straßen mit den schönsten Städten Europas messen;
+in Hinsicht der Schönheit, der Solidität und des guten Geschmacks
+der aus Quadersteinen erbauten Wohnhäuser übertrifft sie solche vielleicht.
+
+Wie in London gibt es auch hier große Plätze, umgeben von schönen
+Gebäuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Geländer eingefaßten
+artigen Garten oder einen schönen Grasplatz. Fast alle Straßen
+bieten Aussicht auf's Meer. Dieses große, ewig wechselnde, ewig neue
+Schauspiel erhält hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut
+liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von
+der einen Seite die große Perspektive, die von der anderen sich
+in's Unendliche ausbreitet.
+
+Unvergeßlich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem
+unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Straße
+besteht nur aus einer Reihe sehr schöner Häuser; gegenüber begrenzt eine
+eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen
+scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kühen und Ziegen zur Weide
+dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild,
+zackig, in schönen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Königsburg
+und andere alte Gebäude; über ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben,
+König Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron
+gestaltet. Von ihm erzählt sich das Volk manche schauerliche Sage der
+Vorzeit. In seiner Nähe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine
+eines alten Schlosses, in welchem die unglückliche Maria Stuart von
+ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den
+Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Straße. Hier sahen
+wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen röten, später den Mond die
+Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Überzeugung, daß
+nicht leicht eine andere große, volkreiche Stadt uns ein ähnliches
+Schauspiel darbieten wird.
+
+Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt
+für sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhängend, kann sie doch
+dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen,
+in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind
+die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer,
+die mit allen diesen Dingen sich beschäftigen. Hier gibt's des Drängens,
+Stoßens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so häßlich
+als die Altstadt Edinburgh; die Straßen sind voll Gewühl und Getümmel;
+wir waren froh, bald zu entkommen.
+
+Das schönste Gebäude in Edinburgh ist das Register Office; es dient
+zu mannigfaltigen öffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel
+von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue
+des Königs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande
+in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwürdigste
+dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muß ihren guten Willen ehren,
+die Statue selbst ist ein unförmiges Machwerk.
+
+Das Kastell ist ehrwürdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter
+und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House,
+die Residenz des Königs von Großbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh
+kommen sollte, ist ein großes, ganz gewöhnliches altmodisches Schloß,
+welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste
+von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen,
+denen der König die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es
+die Residenz des Grafen Artois, späterhin König Karl der Zehnte.
+Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunächst umgebenden Bezirke
+haben das Vorrecht, daß niemand schuldenhalber darin arretiert
+werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns
+versicherte, vom schottischen Adel.
+
+Graf Artois [Fußnote: als Karl X. König von Frankreich (1824-30). Er
+gründete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Condé die
+Emigration. In dieser Eigenschaft führte er mehrere Feindhandlungen
+gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer
+Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier,
+soviel möglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er
+öffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt
+er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir
+sahen seine Zimmer; sie sind so ganz bürgerlich einfach, daß sie ihn
+doch oft an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben
+müssen. Uns waren nur drei Gegenstände darin merkwürdig: das Bildnis der
+Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin
+Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglückliche Dame
+zu Paris im Temple [Fußnote: hier wurden die Mitglieder des Königshauses
+gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig
+heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den großen Schmerz vergaß, der
+schwer auf ihr lastete.
+
+Bei aller romantischen Pracht und Schönheit eignet sich die Lage
+Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergängen. Es fehlt in der Nähe
+an Schatten, an ländlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese,
+wenn man sich nur die Mühe geben will, sie ein oder zwei Stunden
+weit aufzusuchen.
+
+Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf,
+erfüllte während der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze
+Stadt Edinburgh mit ungewöhnlichem Leben. Die Vergnügungen jagten
+einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in
+London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden
+nicht, wie es dort durchaus gewöhnlich ist, in Pensionen erzogen, sie
+wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran.
+
+Die äußere Frömmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier
+noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns
+an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloß sorgfältig
+die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er
+sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, daß er
+in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat.
+Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Bücher, die
+nicht religiösen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch
+die unbedeutendsten, sorgfältig weggeschlossen, damit auch selbst ihr
+Anblick nicht störend werde. Jedermann geht in die Kirche und hält
+Andachtsübungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten
+Bedienten erscheinen müssen. Jede Ergötzung ist hoch verpönt; den Herren
+bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch länger als sonst
+nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch.
+
+Zuvorkommende, gutmütige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig-
+fröhliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Engländer.
+Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter
+mit ihren Sitten und Gebräuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft,
+in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es
+lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland
+mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der größte Teil der
+in Deutschland und anderen Ländern angesiedelten Briten sind
+eigentlich Schotten.
+
+Frömmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks
+im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande,
+zu ihrer vaterländischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten,
+ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht.
+Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren
+Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzählige warme Verehrer,
+und jede Reliquie, die von ihr übrig ist, wird wie ein Heiligtum
+betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschützt.
+
+Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen;
+doch daß sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht,
+davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Künstler,
+mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant
+gebauten und möblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und
+vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fuß lebt. Ein ähnliches Landhaus
+besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel,
+denn er war ohne Vermögen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwählt,
+der wohl nirgends so belohnt werden würde als in Großbritannien;
+er malt Pferde, aber so wunderschön, mit solcher Wahrheit, daß selbst
+ein nicht englisches Auge davon entzückt werden muß. Auch menschliche
+Porträts gelingen ihm mit ziemlichem Glück, aber die Konterfeis
+der vierfüßigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich
+doch sein Glück und seinen Ruhm gegründet. In einem großen,
+von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen ließ,
+sahen wir viele seiner Gemälde im schönsten Lichte mit wahrer Freude.
+
+
+
+Pferderennen
+
+
+Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte,
+konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden
+letzten und daher wichtigsten bei. Gewöhnlich werden sie an anderen
+Orten auf einer dazu eingerichteten große Wiese gehalten, hier aber
+hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwählt,
+eigentlich die sandige Fläche, von welcher sich das Meer zur Zeit
+der Ebbe zurückzieht. Darum muß die Stunde genau abgepaßt werden.
+Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den
+alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen
+etwas früher zurück, so möchte wohl die Katastrophe des Königs Pharao
+im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh wäre mit
+einem Male verödet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange
+zu Hause, wenn er nicht muß. Uns kann das ganze Vergnügen etwas
+wunderlich vor.
+
+Auf dem nassen, pfützenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist,
+wie die Pferde festen Tritt haben können, und der noch obendrein
+wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken
+umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten
+auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter,
+auf einem hohen, mit Fähnchen verzierten Gerüste, gravitätisch
+wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde,
+stehen daneben. Eine unzählige Menge Menschen umgibt den Platz.
+Auf die Dächer, an die Fenster der benachbarten Häuser von Leith,
+auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerüste, auf den Quai
+des Hafens, überall, wo nur ein Plätzchen zu finden ist, haben
+neugierige Fußgänger sich hingestellt. Diese bunte, fröhliche Menge
+gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr hübschen Anblick.
+Die Glücklichen, welche über ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren
+können, tummeln sich, in Erwartung des großen Schauspiels, lustig
+auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr
+belustigenden Anblick. Prächtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte,
+mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren
+mit einem alten, lebensmüden Gaul davor, Reiter und Reitpferde
+jeder Art, alle möglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren,
+es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und
+reiten untereinander herum im buntesten Gewühl. Alles patscht ohne
+Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande
+lustig darauf los.
+
+Während der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht,
+damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis,
+welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Diät auf diesen
+großen Tag bereiten mußten, werden sorgfältig gewogen; keiner darf
+schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das
+fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt.
+
+Die wettlustigen Zuschauer schließen indessen ihre Wetten.
+Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich,
+an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen
+zu bekommen, viele Männer steigen aus den Kutschen hinaus oben
+auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den
+hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten
+Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus,
+man hält vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast
+nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorüberrauschen und hernach,
+auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder,
+rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie nähern sich zum zweiten Mal
+dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Fußnote:
+Spitzname für den Engländer, entnommen einer Satire "History of
+John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise,
+ohne auf irgend etwas zu achten, wie wütend, hinterdrein, um bei
+der Entscheidung gegenwärtig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten,
+durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches
+das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt.
+
+Der Weg, den die Renner so zurücklegen, beträgt, genau gemessen,
+vier englische Meilen, von denen man fünfe auf eine deutsche rechnet;
+die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz.
+Sowie das erste Rennen vorüber ist, fährt und reitet alles wieder
+auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag
+verkündet, daß andere Pferde zum Laufen bereit sind, und
+die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen während
+der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettläufe gehalten.
+Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause.
+
+Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen;
+ermattet, mit Schweiße bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut
+strömt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis
+sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt
+ihnen den Atem, sie müssen unaufhörlich mit der einen Hand vor
+dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken.
+
+Die übrige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden
+der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise
+hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltänzer,
+unsichtbare Mädchen und ein sehr interessantes Panorama von
+Konstantinopel. Nächst dem wechseln abends Bälle, Konzerte und
+Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schönen Sälen.
+Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht hübsch eingerichtet,
+hält es doch keinen Vergleich mit dem berühmten Vauxhall [Fußnote:
+Londoner Stadtteil mit Vergnügungspark] in London
+aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird.
+
+Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestüm
+und souverän herrschend wie in London; das Haus ist nicht groß, aber
+sehr hübsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmäßig eingerichtet. Nur
+die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen
+erhebt sich über die Mittelmäßigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben
+sogar noch weit unter ihr zurück.
+
+In dem sehr hübschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert
+vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert
+angekündigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet
+von einem Pianoforte. Die Sänger gaben den ganzen Abend nur
+leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt.
+Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt.
+Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt,
+erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltöne sich hinwindend.
+Manche uralte Melodie ertönte hier und wurde mit heißer Vaterlandsliebe
+aufgenommen. Das Ganze wäre für eine Stunde etwa recht angenehm
+gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergötzlichkeiten in Großbritannien,
+es währte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam
+bis ans Ende; nur einige ältliche Herren, die sich wahrscheinlich
+bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten,
+verfielen in süßen Schlummer und schnarchten überlaut den Grundbaß
+zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen
+waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen
+gesungen werden müssen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll.
+
+Die lärmende Woche war nun vorüber, die Sehenswürdigkeiten wurden
+eingepackt, die Assembleesäle geschlossen, die Fremden reisten fort,
+die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhäuser, und alles
+kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurück.
+
+Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen
+und zu genießen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus
+der Tür unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz
+ungewohnten Anblick: eine große Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen
+bis zur Haustür; wir mußten unseren Weg von den Söhnen und Töchtern
+des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne
+rötete das alte Schloß, König Arthurs Sitz, und die Ruinen von
+Mariens Gefängnis. Nochmals blickten wir zurück auf das spiegelhelle
+Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu.
+
+
+
+Carron, Stirling
+
+Rasch ging es vorwärts auf ebenem Wege, durch ein schön kultiviertes,
+nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele
+große Gebäude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke
+schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und wälzten sich
+verfinsternd über die blühende Gegend; hoch aufsprühende Flammen
+blitzten aus dem Dampfe gen Himmel.
+
+Es waren die berühmten Eisengießereien von Carron, denen wir
+uns nahten, vielleicht die größten in aller Welt. Hier werden
+Kanonen, Mörser, große Kessel und alles mögliche Eisenwerk gegossen.
+Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung
+nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren
+eben nicht unzufrieden darüber, denn auf Reisen sieht man manches,
+weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art
+von Pflichtgefühl, und wäre zuweilen gern der Mühe überhoben.
+Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Größe, dennoch wenig Einladendes.
+Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betäubendes Getöse
+und Gehämmer erscholl aus dem Innern der Gebäude; ewige Dämmerung
+herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche
+und Ruß Bäume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand
+der Trauer hüllen.
+
+Nicht weit von Carron sahen wir einen großen Kanal, der die
+beiden Ströme Clyde und Forth verbindet und für den inneren Handel
+von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling.
+
+Diese ziemlich große, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden
+gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Straßen und Häuser
+umso lebendiger. Ihre Lage am Fuße eines hohen Felsen ist sehr schön.
+Einige Straßen führen gerade den Fels hinauf, auf dessen höchstem
+Gipfel ein altes Schloß thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen,
+zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet.
+
+Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschönen
+Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht
+der höchsten Kultur, der üppigsten Vegetation, mit einzelnen
+Wohnungen, Dörfern, stattlichen Bäumen wie besät. In den mannigfaltigsten
+Krümmungen windet der Fluß Forth sich durch die lachende Gegend;
+bald geht er vorwärts, bald kehrt er auf lange Strecken zurück
+und schleicht dann wieder zögernd weiter, als sträube er sich,
+dies Paradies zu verlassen. Eine schöne, steinerne Brücke, dicht vor
+der zu unseren Füßen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch
+malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron
+wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schöne blaudämmernde Berge
+schließen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt.
+
+Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schöne Teppiche aller Art
+werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewürfelte Wollenzeuch,
+worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken
+und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu
+bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige
+Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen
+bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Mädchen mehr
+als fünfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren
+in einem großen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden
+jeder dieser Spulen an die darüber stehende sehr große Haspel
+gebunden; das Mädchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache
+Maschine auf das zweckmäßigste und mit der größten Leichtigkeit
+in Bewegung.
+
+Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen
+einen sehr schönen großen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen
+mußte, wie ein Eichhörnchen, um eine Mühle zur Reibung der Farben
+zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amüsieren,
+er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher
+Behendigkeit, gerade wie er uns seine Künste vormachen mußte.
+Jung und alt lief mit großem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam
+glücklich seinen Verfolgern zu unserer großen Freude und zum
+großen Leidwesen seines Herrn.
+
+In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger
+gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr häufig der Fall ist.
+Die Männer tragen enge, blaue Mützen, oben mit einer roten Quaste,
+bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage
+von rot und weiß gewürfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke
+und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr
+faltenreiches Röckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewürfelten,
+schottischen wollenen Zeuche. Ein Gürtel, in welchem oft eine Art
+von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hüften;
+auch hängt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran,
+in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fußbekleidung
+besteht in rot und weiß gewürfelten, unten mit einer starken
+ledernen Sohle versehenen Strümpfen, welche auch nur bis etwa
+über die Hälfte der Wade reichen; von da an bis über das Knie
+sind die Beine ganz bloß. Diese Fußbekleidung gibt den Schotten
+etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die römischen Soldaten
+in der Oper, und die roten Streifen in den Strümpfen haben
+das Ansehen von übergeschnürten roten Bändern.
+
+Das Hauptstück ihrer Kleidung, wir möchten sagen, ihres Mobiliars,
+ist der Plaid, ein langes breites Stück von jenem gewürfelten
+schottischen Zeuche, wie ein sehr großer Shawl. Den Plaid tragen sie
+bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlässig von einer Schulter
+zur Hüfte vorn und hinten wieder herübergeworfen. Zuweilen wird er
+auf der Schulter quer mit einer großen silbernen Nadel befestigt.
+Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Kälte
+nehmen sie den Plaid über den Kopf und hüllen sich ganz hinein;
+nachts dient er ihnen auf Reisen statt Hütte und Bette, und auch
+in ihren Wohnungen schlafen sie gewöhnlich in dem Plaid gewickelt
+ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden.
+
+Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen
+sich häufig jenes schottischen Zeuches, übrigens gehen sie
+sehr ärmlich, schmutzig sogar, mit nackten Füßen, oft in bloßen,
+kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen
+stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schönheit nicht hinter den Engländerinnen
+zurück. Sie übertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht
+der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmädchen
+und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Engländerinnen
+und Schottinnen sehr groß. Keine langen Kleider, keine hübschen
+Strohhüte mehr, die man in England überall sieht. Bloße Füße,
+schlechte, baumwollene Röcke, unförmige, bis an die Knie reichende
+weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Gürtel gehalten,
+öfter noch lose hängend, weiße Hauben, die tief ins Gesicht gehen
+und bis auf die Schultern herabhängen: dies ist das Kostüm der
+ärmeren Schottinnen in den Städten und mit weniger Abweichung
+auch auf dem Lande und in den Gebirgen.
+
+Die Wohnungen, sowohl in den Dörfern, durch die wir jetzt kamen,
+als auch die einzeln zerstreut liegenden Hütten, sehen höchst
+ärmlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetürmten Feldsteinen und
+Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen
+menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend große Armut
+mit der großen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs
+sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist,
+ist uns unbegreiflich.
+
+
+
+Perth
+
+
+Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt
+ist nicht klein, hat hübsche große Häuser und schöne breite Straßen
+voll lebendigen Gewühls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier
+blühen Handel und Fabrikwesen; besonders berühmt sind
+die großen Bleichereien von Perth.
+
+Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher
+schönen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmählich verlor nun
+das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und
+fruchtbar. In bläulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette
+der Hochlande düster vor uns aus; mühselig erklommen wir ein paar
+ziemlich hohe Berge, über welchen noch höhere drohten. Der Weg
+senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurück und
+begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schönen Strome Tay,
+an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist.
+
+Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace,
+dem ehemaligen Sitz der schottischen Könige, wo sich auch
+das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher
+einer alten Scheune als einem Palaste ähnlich.
+
+Scone Palace gehört dem Lord Mansfield, als ein Geschenk König Jacobs
+des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch
+von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, daß mancher
+Krämer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit
+vorlieb nehmen würde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben
+dem alten Gebäude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unverändert
+erhalten, die sein ehrwürdiges Alter und seine ehemalige
+hohe Bestimmung verdienen.
+
+Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen
+Reste ehemaliger königlicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart
+während ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Trümmern liegenden
+Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen
+ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt;
+auch eine Stickerei, die sie dort sehr mühsam und fleißig verfertigte.
+Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang
+eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin
+ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich.
+
+Eine lange, schmale, düstere Galerie diente dem schottischen
+Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer,
+an ihre ehemalige große Bestimmung zu glauben, so unscheinbar
+ist sie. An der gewölbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man
+Spuren von Malerei, die auch in ihrem glänzendsten Zustande
+sehr unbedeutend gewesen sein muß.
+
+In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begräbnis
+der Familie Mansfield, wurden sonst die Könige von Schottland gekrönt.
+
+Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm
+und reich. Auf dem Rückwege verweilten wir bei einer der großen
+Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben
+war sehr willfährig, uns überall herumzuführen. Hier braucht's
+der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke
+in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine
+weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause,
+das Stampfen der Leinwand und das Glätten derselben wird durch Wasser
+betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders
+des Tischzeugs, schien uns merkwürdig. Die Waren erhalten hier
+einen Glanz, der alles Ähnliche, selbst den schönsten Atlas,
+weit übertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, daß das Stück
+Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer großen hölzernen
+Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben
+eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng
+anschließen, daß die Leinwand nur mühsam beim Aufrollen sich
+dazwischen durchdrängen kann, und diese Reibung ist es,
+welche ihr den vorzüglichen Glanz gibt.
+
+Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil
+der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind,
+wenn auch nicht so gut wie im übrigen Königreiche, dennoch
+zum größten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit
+die sogenannten Militärstraßen anlegte; aber Posten waren noch
+nicht eingerichtet, Pferde überhaupt selten; deshalb mieteten wir
+welche in Perth für die ganze Strecke Weges und reisten
+dem Gebirge zu.
+
+
+
+Kenmore
+
+
+Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir
+in ein Tal von erhabener Schönheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es
+von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fuße immer in einer
+gewissen Höhe sich hinwindet, öffnen sich neue, entzückende Aussichten.
+Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay.
+Kleine Kornfelder und Baumgärtchen grünen und blühen an den Ufern,
+zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Hütten. In einem tieferen
+Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedrängt, sahen wir
+ein Dörfchen; Scharen fröhlicher Kinder trieben darin ihr
+lautes Spiel, die Mütter spannen in den Türen, die Männer,
+in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Gärten
+beschäftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch,
+so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Fähre über den Strom
+gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere
+Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel
+der Welt.
+
+Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay führte unser Weg
+nach Kenmore, einem Dörfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande.
+Wir fuhren über Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgründen hin,
+die uns schaudern machten. Bald näherten wir uns ganz dem Gestade
+des Stroms; bald sahen wir ihn völlig aus dem Gesichte; aber immer
+führte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlängelnde Weg
+wieder in seine Nähe. Ein unnennbar freudiges Gefühl von Ruhe und
+Frieden bemächtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit,
+wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Täler rieseln
+und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht,
+wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schöne Waldungen
+bekleiden sie, fast bis zum höchsten Gipfel hinaus, und winken freundlich
+dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten.
+
+Der Anblick der armen Hütten, die wir einzeln in den Tälern, am Fuße der
+Felsen oder in der Nähe des Stroms zerstreut liegen sahen, würde uns
+schmerzhaft berührt haben, wenn die Bewohner mit ihrem kläglichen Lose
+weniger zufrieden geschienen hätten. Wir sahen große Armut, aber nicht
+eigentliches Elend. Jede Hütte hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die
+Einwohner nährt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr
+kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lüneburger Heide,
+welche ihnen Milch, Käse und die notwendige Kleidung gewähren.
+
+Die Häuser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten
+menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, daß man
+nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen,
+oft ohne allen Mörtel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos
+und Lehmerde verstopft, Türen aus Brettern schlecht zusammengeschlagen,
+ohne Schloß und Riegel (denn wer sollte hier Diebe fürchten?), Fenster,
+so klein, daß man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas.
+Die niedrigen Dächer von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch
+aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine Öffnung,
+durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Hütten entspricht
+dem Äußeren. Menschen und Tiere hausen unter dem nämlichen Dache
+friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag
+voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man
+deutlich, bei dem fast gänzlichen Mangel allen Hausgeräts, wie wenig
+der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fußboden besteht aus
+festgetretenem Lehm; der große Feuerplatz, dicht auf der Erde,
+ohne alle Erhöhung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an
+einer Kette hängender Kessel über dem Feuer, einige hölzerne Schemel,
+ein groß zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von
+Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit
+entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben.
+
+Das Ansehen der Männer ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr
+von jeder anderen europäischen abweicht, ist zum Teil schuld daran.
+Im Umgange verliert sich der Eindruck gänzlich, den ihr erster Anblick
+erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebräuntes Gesicht ist
+ausdrucksvoll, seine Züge sind angenehm und regelmäßig. Stiller,
+an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens;
+dennoch können sie sehr fröhlich sein. Sie sind gebildeter,
+als man vermuten möchte. Die Geschichte ihrer Väter und ihre
+Heldengesänge sind keinem fremd. Fast in jeder Hütte, in welcher
+wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl
+irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die
+Seinen erbaut. Winters mögen die Wege den Besuch der Kirchen sehr
+erschweren, doch kann gewiß nur die Unmöglichkeit den frommen Bergschotten
+davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin
+zu machen haben.
+
+"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schönes Mädchen
+auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Kälte und Schnee
+euch in euren Hütten gefangen halten?"
+
+In jedem Hause beinah hängt der Stammbaum der Familie, auf welchen
+sie oft mit Stolz blickten; gewöhnlich ist ein horizontal liegender
+geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen
+irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Königs führt.
+Aus seiner Brust sprießt der Baum, der sich in unzählige Äste verbreitet.
+Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien
+in Schottland, deren Glieder alle einen Namen führen, sich in allen
+drei Königreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber
+doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fühlen und dies gewissenhaft
+anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich
+auch vorher nie sahen.
+
+In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa
+zwanzig solcher Hütten, wie wir oben beschrieben. Sie machten
+das ganze Dorf aus. So klein sind alle Dörfer, die einzelnen Wohnungen
+liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander.
+
+
+
+Killin
+
+
+Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte
+an wurden die Felsen immer höher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite
+hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See
+Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar über
+unserem Haupte, immer höher und höher übereinander, während wir
+den längs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten.
+Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die höchsten Gipfel der Berge
+und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich,
+groß und einsam. Wir erstiegen, geführt von einem Einwohner des Tales,
+den Gipfel eines Berges. Unsere Führer nannten ihn uns Ben Lawers.
+[Fußnote: Johanna irrt hier; der höchste Berg Schottlands und damit
+auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist
+niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.]
+Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten
+nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle
+einsame Täler. Ben More, der höchste Berg in Schottland, drohte aus
+der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehüllt. Herden von jenen
+kleinen Schafen, geführt von einem einsamen Knaben, belebten allein
+die feierliche Wüste.
+
+Wir kehrten zurück zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames,
+ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees
+erbauten Hütten. Die Flüsse Dochart und Lochay fallen hier in den
+See und bilden in sanften Krümmungen kleine Halbinseln. Das Tal,
+welches diesen einschließt, ist so grün, Bäume und Sträucher wachsen
+in so üppiger Fülle, wie wir es nimmer in diesem nördlichen Winkel
+der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten,
+kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und
+steinerne Einfassungen schützen die Felder gegen Beschädigung durch Tiere
+des Waldes und der überall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben
+dies liebliche Plätzchen, als wollten sie es wie ein schönes Geheimnis
+den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht
+auf Fels und Tal am großen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest.
+Sie ist als eine der schönsten in diesem Lande berühmt, wie unzählige
+Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkünden,
+und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm.
+
+Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschöne Bucht, ein
+einsamer Kahn durchschnitt die silberne Fläche in mannigfaltigen
+Wendungen. Bäume und Sträuche spiegelten sich im klaren Wasser, die
+Felsen glühten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre
+Gipfel umwogen, glänzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns
+herüber tönten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes
+durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht.
+
+Während wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten
+unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir
+bedurften. Bald dampfte eine köstliche Lachsforelle auf dem Tisch,
+die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten.
+Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung;
+sie verdienten wohl, daß unsere modernen Gastronomen einzig um
+ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst
+die berühmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit
+von ihnen übertroffen.
+
+Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen
+an einem Wasserfall vorbei. Von einer beträchtlichen Höhe eilt er
+dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schäumend über
+abgerissene Felsentrümmer. Seit Jahrhunderten schon glänzen
+seine Tropfen gleich Tränen auf den grünbemoosten Steinen eines
+ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertönt wie
+der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd,
+die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen
+der Väter geleiteten.
+
+Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und höher, öder und
+einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten
+von allen Bergen und stürzten hinab ins Tal, durch welches bald
+silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten
+erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige
+Hütte, daß in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben.
+
+Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fußnote: Sohn des Fingal,
+Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation
+des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen
+als angebliche Übertragung alter gälischer Lieder des Ossian herausgab,
+gelangten diese Dichtungen zu großer und weitreichender dichtungs- und
+geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterließen auch in der deutschen
+Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Ströme, die Felsen,
+die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte über die Heide,
+die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger.
+Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Hügel
+der Helden und verkünden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte
+vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir,
+von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschließen, mit Ehrfurcht
+geschont und bewahrt. König Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale,
+im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte
+Stätte noch bezeichnen zu können. Ossians, seines Sohnes, Name
+und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die
+Geister der Helden können noch immer von ihrem Wolkensitze der alten
+wohlbekannten Töne sich erfreuen.
+
+Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof,
+in einer schauerlich wilden Einöde, auf der höchsten bewohnten Höhe
+der schottischen Hochlande. Der Regen stürzte jetzt in Strömen herab.
+lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten,
+einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel
+der Felsen verklärten und der Wind den Regen wild herumpeitschte.
+Gegen Abend klärte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des
+wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden
+und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande
+kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen.
+Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den
+höchsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewölk zog sich wie ein
+heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem
+Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im nächsten,
+oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe
+mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel.
+
+
+
+Dalmally
+
+
+Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch
+fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und öder. Nur das Rauschen
+der von den kahlen Felsen schäumenden herabstürzenden Bergströme
+tönte durch die leblose Stille der öden Heide. Hie und da klommen
+einige Schafe an den mit spärlichen Berggräsern und Heidekräutern
+bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann
+ein Hirtenknabe von den Höhen herab auf unseren Wagen, der ihm
+eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens
+war verschwunden.
+
+Viele halb versunkene alte Gräber zeigten, daß sonst ein mächtigeres
+Leben hier waltete. Am Himmel war geschäftige Bewegung, Nebel und
+Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel.
+
+Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus
+einer handvoll armer Hütten und wieder aus einem für diese abgelegene
+Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche
+in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den übrigen Hütten
+unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker
+entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhügel erhoben sich
+in dem kleinen Bezirke.
+
+Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen
+erreichen ein hohes, glückliches Alter. Mit sechzig Jahren dünken
+sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur
+ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen Öl
+erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen
+in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn
+gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, daß er sich
+jünger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Ländern hätte man
+ihm deren höchstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er
+eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage
+ein Tänzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt,
+denn er galt noch immer für einen der ersten Virtuosen auf diesem
+Lieblingsinstrument der Schotten.
+
+In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert.
+Ein Greis, in der Nationaltracht, saß auf einem Steine nahe
+am Kirchhofe; sein langer, schneeweißer Bart flog im Winde,
+sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen glühten unter
+einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch
+von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er
+eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhängende Akkorde wie mit Gewalt
+einzeln hervorriß. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu
+alte Volksgesänge; sein Gesang war eintönig, fast mehr Deklamation
+als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen
+auch der hundertjährige Greis; alles hörte feierlich aufmerksam zu.
+Unser Nähertreten störte weder den Sänger noch seine Zuhörer
+im geringsten, nur machten sie uns mit natürlicher Höflichkeit Raum
+in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Sänger, der mit
+seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat,
+aber überall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden.
+Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht
+Englisch. Überhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden,
+der Englisch sprach oder es auch nur verstand, außer in den Gasthöfen.
+
+
+
+Inverary
+
+
+Über steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Plötzlich senkte sich
+der Weg; ein großer silberner See breitete sich vor unseren
+erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schöne Bäume,
+kleine Gärten vor den Hütten des Landmanns und Getreidefelder
+begrenzten seine Ufer.
+
+Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch
+das grünende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten
+die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch
+geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie Überresten
+alten Gemäuers, selbst mehr in der Nähe konnten wir nicht entscheiden,
+ob es Felsen oder Ruinen wären. Kein Kahn war in der Nähe,
+uns hinüberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff.
+Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht.
+Unbefriedigt über diesen Punkt mußten wir weiter, aber der Anblick
+des Sees und seiner schönen Ufer erfreute uns umso lebhafter,
+als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Größe
+angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir später,
+daß jene Felsenblöcke wirkliche Überbleibsel eines uralten,
+zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehörenden Schlosses seien.
+Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels,
+den sie krönen, einer Insel gleich; sonst hängt mehr mit dem Ufer
+zusammen.
+
+Zu bald mußten wir uns von dem herrlichen See wegwenden,
+um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward
+wieder still, groß und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg,
+frisches Laubgehölz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten;
+bald sahen wir uns in einem schönen englischen Park, angestaunt
+von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches
+Schloß mit vier runden Ecktürmen.
+
+Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend.
+Vor uns lag das schöne große Schloß Inverary, der Sitz des Herzogs
+von Argyle, mitten in einem durch herrliche Bäume und Büsche
+verschönten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlängeln sich
+nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich.
+Im Hintergrunde erheben schöne waldbewachsene Felsen das stolze Haupt,
+seitwärts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll blühender
+Rosenbüsche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte
+Geländer, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher,
+schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze
+krönt ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr große Beschwerden
+auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher
+Schönheit genießt, die alles vereint, was die Natur Erhabenes
+und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebüsch füllen
+in der reizendsten Mannigfaltigkeit das übrige Tal.
+
+Vom Schlosse an erstreckt sich eine schöne Wiese bis hinab an
+den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen,
+der hier tief in das Land hineinläuft. Eine schöne Brücke wölbt sich
+dicht am Schlosse über ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich
+an beiden Ufern hin. Die Länge des Loch Fyne ist dem Auge unübersehbar,
+das ferne Meer, dem er angehört, begrenzt ihn; grün wie dieses
+spiegelt seine dunkle Fläche, kleine, weiße Wellen hüpfen
+wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe
+und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben
+geben.
+
+Dem Schloß seitwärts über der Brücke liegt das Städtchen Inverary,
+mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein
+sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Straßen und
+den weißen hübschen Häusern, unter denen der Gasthof sich stattlich
+erhebt. Alles sieht aus, als wäre es erst gestern fertig geworden.
+Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenüber,
+aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben
+schien, ließ sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder
+aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Großbritannien
+erleben.
+
+
+
+Arrochar
+
+
+Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schönem
+ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer längs dem
+Ufer des Loch Fyne. Wir hätten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier
+möglich wäre, wo nur eine fahrbare Straße durch das Gebirge führt: denn
+der Kastellan im Schloß von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir
+jetzt nehmen mußten, als den fürchterlichsten im ganzen Lande
+beschrieben; dunklere Klüfte, steilere, öde Felsenberge sollten wir noch
+nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er
+nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt.
+
+Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, daß wir uns
+auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See,
+das schöne Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke.
+Mehrere Stunden hindurch ging es immer höher und höher, über nackte
+Felsen, durch dunkle enge Klüfte, zuweilen durch düstere Täler,
+dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines grünes Moos deckt wie ein Teppich
+das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und
+öde Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertönt in diese Wüste
+als das Brausen der Felsenbäche, die hin und wieder hinabstürzen;
+keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, außer zuweilen
+eine jener armen Hütten, neben dem schäumenden Bache in eine
+Felsenecke gedrückt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen
+machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter müssen ihre
+Bewohner, ausgeschlossen von aller Möglichkeit, zu Menschen zu kommen,
+ein Leben führen wie auf einer wütenden Insel, und noch verlassener
+hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich
+lächelt. Dennoch verändern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Öde
+trägt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich
+erhabener Größe. Die mächtigen Felsen stehen ringsumher wie
+anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Blüte
+des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel,
+ohne sie zu verhüllen; ihre Häupter sind umwogen von ewigen Nebeln,
+die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft
+schwebt über Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch
+vereinend.
+
+Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and
+be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen
+der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg
+bahnten.
+
+Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege
+durch diese Wüste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehüllten
+Hochländer. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig,
+eine nahe Anhöhe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht
+sich uns eröffnete.
+
+Doch übersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen
+Kronen unzähliger anderer, von aller Vegetation entblößter Berge;
+die Wasserfälle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in
+dunklen Tiefen verlieren, ohne daß wir ihr Brausen auf dieser Höhe
+vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch
+das schauerliche Tal Glencoe [Fußnote: dieses Tag liegt am Ostende
+des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen.
+Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds
+durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft
+gewährt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts
+in einer Nacht unter dem meuchelmörderischen Schwerte der nach Rache
+dürstenden Engländer fielen, weil sie mit Treue dem Könige anhingen,
+den sie als den einzigen rechtmäßigen Erben der schottischen Krone
+anerkannten.
+
+Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen
+am Fuße der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, düsteren Täler,
+die so enge sind, daß sie, größeren Felsspalten gleich, wohl nur
+wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen
+wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kümmerlich
+die Spitzen der Heidekräuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte
+uns dunkelblau ein Wasser und etwas Grün entgegen: es war Loch Long,
+an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise.
+Nun ging es tief hinab, immerfort über öde Felsen, durch
+düstere Klüfte und enge Täler, bis zu den Ufern des Loch Long,
+der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet.
+
+Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender
+Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht
+aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten über
+sie hin, während auch im Sonnenscheine die Bergwasser glänzen,
+die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen.
+
+Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Hütten umgeben,
+liegt hart am Ufer des Sees. In früheren Zeiten war dieses Haus
+der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man
+in dessen Bauart die Spuren jener höheren Bestimmung.
+
+
+
+Loch Lomond
+
+
+Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich
+zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schönsten
+und größten Sees in den Hochlanden. Ländliche Anmut und erhabene Größe
+wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die prächtigen,
+größtenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu drängen, als wollten
+sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder
+zurück, und Wiesen und Felder umgeben das glänzende Gewässer.
+
+Zuerst empfing uns ein frischer, grüner Wald am Ufer; unter hohen
+Laubgewölben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes
+im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der höchsten,
+über die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg;
+wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns,
+unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze,
+herrliche See da, besät mit kleinen und größeren grünenden Inseln,
+zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weiße,
+sich kräuselnde Wellchen belebten die silberne Fläche, aus der
+auf der anderen Seite der mächtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt,
+bis zu den Wolken, die sein Haupt verhüllen.
+
+Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schönheit, daß jeder Versuch,
+sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos wäre; aber nie werden wir
+den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten.
+
+Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Dörfchen Luss, leider
+dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen
+gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten
+hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte
+zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich,
+ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Mädchen hatten
+nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Männer nicht, dennoch
+ihre Nationaltänze aufzuführen und sich vortrefflich dabei zu divertieren.
+Das pferdemäßige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem
+wohlgelungenen Sprunge würde uns in's Freie getrieben haben,
+wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt hätte. Nur für
+die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war
+ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, daß wir ihn alle Augenblicke
+aus dem Zimmer komplimentieren mußten. Seine Tochter, ein sehr
+hübsches Mädchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich
+alle Mühe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung,
+immer strebend, das kindliche Verhältnis nicht zu verletzen,
+und wieder wie beschämt, daß wir, die Fremden, die so weit herkamen,
+ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch
+an Bequemlichkeit leiden mußten.
+
+
+
+Glasgow
+
+
+Hinter Luss ward die Gegend allmählich flacher, der Weg besser;
+alles kündigte uns an, daß wir das Land der Poesie verlassen und
+zurückkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton
+schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen,
+die uns über so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal
+geführt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber
+die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere
+schöne Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterländischen Gebirgen,
+von denen diese, die wir jetzt verließen, sich indessen so merkwürdig
+als merklich unterscheiden.
+
+Die Gegend von Dumbarton ward als schön gerühmt; unsere Phantasie
+war nur von der nächsten Vergangenheit noch zu sehr erfüllt,
+als daß wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Städtchens
+schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darüber emporragender Fels,
+dessen steilen Gipfel ein festes Schloß krönt, nimmt sich malerisch aus
+mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge
+umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir
+gegen Abend in Glasgow an.
+
+Die Stadt ist ziemlich groß; schöne breite Straßen und Plätze,
+sehr hübsche, von Quadersteinen erbaute Häuser erinnerten uns an Edinburgh.
+Auch hier fanden wir wie dort in allen Häusern breite steinerne Treppen,
+mit eisernen Geländern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner
+sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als großen Vorzug
+vor London preisen. Dort, meinen sie, könne man in einem oberen Stockwerke
+keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskäme,
+in der entsetzlichsten Gefahr wäre, elendiglich umzukommen.
+
+Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine
+lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman ließ uns auf
+das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer
+besuchen zu dürfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr höflicher
+Herr mit ein paar dicken Büchern unter dem Arme und erbot sich,
+als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen,
+daß wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Französisch
+untereinander sprachen, und hielt uns folglich für eine ausgewanderte
+französische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten müsse.
+
+Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind
+hier zu Hause; übrigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch
+erkundigen mochten, irgend ein merkwürdiges Gebäude oder sonst einen
+Gegenstand angeben, welcher für ein nicht kaufmännisches Gemüt näherer
+Betrachtung würdig gewesen wäre. Wir ruhten also, im eigentlichsten
+Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die
+Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, wären doch nur
+Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig
+die ganze Zeit über, wir sahen es mit Vergnügen regnen und dankten dem
+Himmel, daß er diese Sintflut nicht in den Hochlanden über unsere
+Häupter herabströmen ließ.
+
+Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anständig,
+zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften,
+die wir schon an ihren Landsleuten rühmten, mit der Wohlhabenheit und
+allem vernünftigen Luxus, welchen der hier blühende Handel nur
+gewähren kann.
+
+
+
+Die Fälle des Stromes Clyde
+
+
+Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter
+nach Lanark, um die berühmten Wasserfälle des Clyde zu sehen.
+Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg
+sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal,
+durchschlängelt vom schönen Strome Clyde; Gehölze, Äcker, Landsitze,
+Dörfer wechselten höchst anmutig.
+
+An einer Stelle, wo dichtes Gehölz uns den Anblick des laut
+brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr
+steilen und schlüpfrigen Flußpfad hinab bis an das Ufer des Stroms.
+Ganz in Schaum verwandelt stürzt er hier laut brausend von einer
+beträchtlichen Höhe hinab, über große Felsstücke, und windet sich
+dann zürnend und schäumend weiter durch das liebliche Tal.
+Die hohen, malerischen Felsen, bekränzt mit schönem Gesträuche
+und hohen Bäumen, von welchen wieder leichtere Efeukränze hinflattern
+in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die große Wassermasse,
+die hier herunterstürzt, der Kontrast des Schaumes, weißer als Schnee,
+mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Grün, die Millionen
+Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzückte uns
+und hielt uns lange fest. Wasserfälle soll man aber nicht malen,
+weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung
+fühlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt.
+
+Ziemlich spät langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten
+wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen
+größeren Fällen des Stroms.
+
+Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehört zu den schönsten
+im unteren Schottland. Eine Meile ging es über Berg und Tal durch
+frisches, dichtes Gehölz hin; nun erstiegen wir mühsam einen ziemlich
+hohen Berg, höhere Felsen drohten über ihm gen Himmel. Als wir oben
+waren, erschreckte uns die fürchterlich schönste Ansicht, die wir
+jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch
+war's unmöglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen
+steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns
+und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde,
+der kleinste Unfall am Wagen wäre unvermeidlicher Tod gewesen;
+es war unmöglich, den Wagen halten zu lassen, unmöglich an der Felsenwand,
+an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergaßen wir
+alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschönen Tales, das uns
+viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte,
+durchströmt vom Clyde, der zögernd zwischen den blühenden Gärten
+und fruchtbaren Feldern sich fortwand.
+
+Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier
+große ansehnliche Gebäude mit schönen Gärten. Es sind Baumwollspinnereien,
+deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden.
+Wir sahen die Räder behend sich drehen, die kleinen Fälle, welche
+durch diese veranlaßt werden, blitzten wie flüssiges Silber;
+aber wir hörten nicht ihr Geräusch, es war zu tief unter uns.
+
+Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehölz
+empfing uns wieder in seine Schatten, laut hörten wir den Strom
+donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten
+hinein, erstiegen einen kleinen Hügel, und vor uns stürzte der Strom,
+weit wasserreicher und majestätischer als gestern, über wilde
+hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn
+abermals über noch höhere Felsen, in noch tiefere Abgründe gewaltig
+herabbrausen. Er fällt von einer so steilen Höhe, daß er einen Bogen
+bildet; wer es wagen will auf dem schlüpfrigen Boden, kann zwischen
+dem Felsen und der großen Wassermasse hingehen. Unten in dieser
+kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es muß ein
+betäubendes Gefühl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und
+Wogen über seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten
+davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab,
+der bloße Anblick des Wagestücks schreckt zurück.
+
+Als wir den Garten verließen, fuhren wir an einem schönen Landhause
+vorbei, zu welchem er zu gehören scheint; wir wünschten dem Besitzer
+desselben Sinn für sein Glück.
+
+Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenuß uns zu erfreuen,
+denn öde und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen,
+elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel,
+und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Städtchen
+Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem
+sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden
+des vergangenen Tages.
+
+Moffat ist ein kleiner, von den Schotten häufig besuchter Badeort;
+die hiesigen Heilquellen werden für sehr wirksam gehalten, nur konnten wir
+nicht erfahren, für welche Gattung von Übeln sie eigentlich gebraucht
+werden. Für die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Bäder.
+Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Städtchen selbst sieht
+sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den
+hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Bällen,
+noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, daß wohl nur Kranke
+herkommen, denn für körperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein.
+
+Über Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green,
+einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend,
+wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von großer Wichtigkeit.
+Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben.
+Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormünder, Onkel und Tanten
+in England, die reiche oder schöne Mädchen zu hüten haben; der Trost
+und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz
+mit Romanlektüre anfüllen, der Hafen, nach welchem alle Glücksritter
+zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen
+nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe
+des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich
+ein solides Glück zu machen.
+
+In Gretna Green wohnt nämlich der alte berühmte Hufschmied, der die
+unauflöslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter,
+und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn
+in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots,
+keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar
+geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und
+ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm
+ohne weitere Umstände getraut. Diese Trauung ist so gültig und vor allen
+britischen Tribunalen so unauflöslich, al wäre sie von dem ersten Bischof
+im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten,
+ein von irgend einem widerwärtigen Argus bewachtes Liebchen hat,
+der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise,
+mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach
+Gretna Green, dem nächsten schottischen Grenzorte, wo oben erwähnter
+Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten.
+
+Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen
+Dingen sprechen, kaum, daß sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem
+zeigte; gern hätte sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern
+sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit
+Inschriften und Namenszügen glücklicher Paare angefüllt, die ihrem
+wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenständen ihre süßen,
+freudigen Gefühle anvertrauten.
+
+Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns
+war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hörten wir,
+daß Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare
+in einem Tag anlangen.
+
+Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green
+auf englischem Boden, daß man uns nirgends anhielt, um Wegegeld
+zu fordern; alle Schlagbäume flogen gleich auf, und die Zöllner kamen
+sehr gefällig in die Gasthöfe, wo wir Pferde wechselten, das Geld
+zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt,
+den Flüchtlingen [Fußnote: England hatte nach der Revolution
+in Frankreich viele Flüchtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten.
+
+
+
+ENGLAND
+
+
+Die Lakes
+
+
+Über Carlisle, ein hübsches, lebhaftes Städtchen, das erste wieder
+auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus
+die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten
+Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefähr zwanzig Jahren
+ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich
+von der schönsten Natur entzücken zu lassen. Die Londoner nennen
+diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland
+die Gegend bei Schandau die sächsische Schweiz nennt, und auch
+ungefähr mit dem nämlichen Rechte.
+
+Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, öde Gegend, bis ganz nahe
+vor Keswick. Hier öffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal;
+ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben.
+Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schönen Formen
+noch die imposante Größe der schottischen.
+
+Keswick ist ein kleines, freundliches Städtchen mit sehr angenehmen
+Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden hätten, wären wir
+nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhügel
+verschwinden gegen jene gigantisch übereinandergetürmten Kolosse;
+diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an
+Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen;
+sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch
+die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen.
+
+Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schöner, die Felsen werden
+höher; nur vermißten wir die Wälder, die in Schottland die niedrigeren
+Berge mit ihrem wechselnden Grün bekränzen. Zuerst kamen wir wieder an
+einen See, der, unregelmäßig, bald breiter, bald schmäler, sich durch
+das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heißt Derwentwater, und
+gern begrüßten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks
+Felsen bespült. Einige hübsche Landsitze liegen sehr angenehm an den
+Ufern des Sees; Berge, Bäume, Felder, umgeben ihn in reizender
+Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal
+empfing uns, als wir den See verließen, durchrauscht von einem
+lebendigen Flüßchen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen
+kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heißt. Einige
+Brücken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier
+lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als sähen
+wir ein Miniaturgemälde jener berühmten Gegenden.
+
+Nahe bei Ambleside öffnen sich weit ausgebreitete Aussichten,
+die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher
+uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier
+die Welt vor uns in mannigfaltiger Schönheit, verschiedene kleinere Seen
+blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut
+einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch;
+von allen Seiten bieten sich schöne Aussichten auf die benachbarte
+Landschaft dar; aber die schönste derselben erwartete uns jenseits
+des freundlichen Städtchens.
+
+Ein großer spiegelheller See trat allmählich zwischen Bergen und
+Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt
+scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Grün bekleidet,
+mit Gebüsch und Bäumen gekrönt. Auf der größten dieser Inseln
+erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers,
+umgeben von freundlichen Gärten. Sie heißt Curwens Insel,
+nach dem Namen ihres Eigentümers. Zierliche, zu jener Villa
+gehörige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet
+Freude und Lust.
+
+Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schönheit:
+rauhe, zackige Felsen, grüne bebaute, zum Teil waldige Hügel,
+prächtige, einzeln stehende Bäume, Wiesen, Kornfelder, Dörfer,
+einzelne ländliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch.
+Die Berge von Keswick schießen die bläulich dämmernde Ferne.
+In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner
+Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schönsten Stellen
+erbaut. Der See heißt Windermere; er enthält mehrere Stunden
+im Umfange und ist der größte in England.
+
+
+
+Lancaster
+
+
+Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser berühmten Gegend,
+gesehen hatten, hielten wir es für überflüssig, auch die übrigen
+kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher
+unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut
+wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder groß, noch lebhaft,
+noch hübsch. Viele Quäkerfamilien [Fußnote: eine um die Mitte des
+17. Jahrhunderts vom G. Fox gegründete Religionsgemeinschaft.
+Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhängern 1689
+die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem
+in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute
+stellen sich jetzt im Äußeren mehr den Kindern der Welt gleich.
+Selten nur hört man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde;
+auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung
+haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie
+vor anderen auszuzeichnen.
+
+Die Mädchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen
+von Lancaster, Lancaster Witches, als die schönsten in ganz England
+berühmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster
+auf Beweise, daß sie dieses Ruhms vollkommen würdig sind.
+Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quäkermädchen in ihrer
+anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie
+sich gewöhnlich kleiden, die Schürze und das große Halstuch
+vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Hütchen, alles ohne
+die mindeste Verzierung, geben den frischen, blühenden Gesichtern
+eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Klösterliches in ihrer
+Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln,
+so erregen sie nicht das beängstigende Mitleid wie die Nonne;
+auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer,
+als jene gotische entstellende Verhüllung.
+
+Wir reisten über das sehr hübsche, freundliche Fabrikstädtchen Preston
+nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch
+einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land
+so flach als möglich, unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchkreuzt,
+Gräben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten
+Landstraßen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte
+Ansehen der holländischen Landhäuser fehlte. In England wird kein Haus
+von außen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher
+die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes,
+rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewöhnten Auge mißfällt.
+Nichts ist dagegen hübscher und freundlicher als die ländlichen
+Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmäßig alle Jahre
+mit Ölfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefärbt,
+die Fugen derselben weiß gemacht; alles sieht daher immer neu aus
+und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich fröhliches und wohlhabendes
+Aussehen.
+
+
+
+Liverpool
+
+
+Diese Stadt, nächst London die größte und bedeutendste in England,
+steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schönheit als des Umfangs,
+weit hinter Edinburgh zurück. Aber Handel und Betriebsamkeit
+haben über Liverpool ihr Füllhorn ausgeschüttet, und Reichtum und
+Luxus glänzen dem beobachtenden Fremden überall entgegen.
+
+Die reichen Kaufleute wenden ihren Überfluß auf eine sehr zweckmäßige
+Weise an, indem sie die an sich nicht schöne Stadt mit vielen neuen,
+prächtigen Gebäuden verzieren. Vier neue palastähnliche Kaffeehäuser,
+Newshouses, Neuigkeitshäuser hier genannt, sind seit kurzem
+durch Subskription erbaut; ein schönes Theater, ein Konzertsaal,
+ein großer Gasthof, viele mildtätige Anstalten, welche der Menschheit
+Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein.
+Das prächtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kräfte sind
+aber die Docks.
+
+In diesen künstlichen Häfen liegen die Schiffe sicher und bequem,
+fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert,
+aus- und eingeladen, und überdies sind die Ladungen vor Dieben
+sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kräfte, um sie
+zustande zu bringen, sind aber auch für den Handel vom größten Nutzen.
+
+Die Promenade längs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewühl,
+das Schreien, das Drängen und Stoßen ist betäubend, der Seegeruch
+unangenehm, aber der Anblick der offenen See über die Docks hinaus
+entschädigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit
+wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir
+es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes.
+Das Meer verschönert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe
+erhält dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen
+tönt wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herüber, und
+wir horchen gern mit stiller Wehmut zu.
+
+Wir haben schon bemerkt, daß Liverpool keine eigentlich schöne Stadt
+sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen
+aus. Doch müssen wir die schönen Wohnungen verschiedener reicher
+Kaufleute erwähnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert
+von dieser, auf einer mäßigen Anhöhe erbaut sind. Höchst elegant
+eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens
+auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl
+nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt täglich vergrößert
+und man schon jetzt berechnen kann, daß im Verlauf von einigen Jahren
+jene Häuser mitten in ihr und in ihrem Gewühl liegen werden.
+
+Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein
+wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort
+an dem allgemeinen Interesse im Gespräch, welches die Fremden
+bald einheimisch macht. Sind die gewöhnlichen Redensarten, welche
+in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette
+herbeigeführt werden, abgetan, hat man über Wetter und Wohlbefinden
+sich ausgesprochen, so ist man in der Regel übel daran, wenn man
+von Handel und Politik nichts weiß oder nichts wissen will.
+
+Die Männer dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen,
+sie kennen fremde Sitten und Gebräuche; dies macht sie wenigstens
+toleranter gegen Ausländer. Die Frauen aber sind echte Engländerinnen
+im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen
+die höhere Bildung, die denn doch in einer großen Stadt wie London
+leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafür haben sie
+sich tausend Bedürfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum
+und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran
+nicht Gewöhnten aber höchst lästig und peinlich werden.
+
+Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit,
+die dem Engländer in Städten sonst weder eigen ist noch seiner
+Einrichtung nach sein kann; daß aber die Langeweile an ihren
+wohlbesetzten Tischen auch hier gewöhnlich präsidiert, kann
+nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen
+aufbrechen und den Männern bei Wein und Politik freien Spielraum
+lassen.
+
+In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quäker-Familien;
+doch sind sie hier sehr ausgeartet und schämen sich ihrer alten
+einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich;
+besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein
+wollen, ungemein link. Sie, deren Väter selbst vor dem Könige
+nicht den Hut abnahmen, grüßen jetzt, zum Beispiel auf der
+Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei
+sie sind; ungefähr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie
+Bildung an den Tag zu legen, sich an öffentlichen Orten mit
+Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Läden fanden wir
+noch Quäkerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion
+ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so höflich und
+bescheiden, daß unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht lächerlich
+schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer
+von vorzüglicher Güte, sie überteuern niemand, und kein Feilschen
+und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen würde.
+
+Das Theater ist nicht groß, aber sehr elegant und bequem eingerichtet.
+Man hört überall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung
+ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wünschen übrig.
+Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele,
+welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen
+damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen
+freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht
+über die beschränkteste Mittelmäßigkeit hinauszugehen.
+
+Die Zuschauer waren weit weniger lärmend als in London; unter ihnen
+bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen,
+die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet,
+saßen leichenblaß, starr und steif nebeneinander, wie Tote,
+mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze
+herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen.
+Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so
+zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, daß man deutlich sah,
+jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!"
+
+Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten
+erwähnt, die hier der Wohltätigkeit und dem Reichtume der Einwohner
+ihr Dasein verdanken. Eine davon, für Blinde, besuchten wir
+mit Freude und Rührung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch
+nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geräumig genug wäre,
+daß all diese Unglücklichen darin wohnen können. Deshalb sind sie
+in der Stadt in Privathäusern eingemietet, aber sie versammeln sich
+alle Tage in dem für sie eingerichteten Gebäude, Asylum genannt;
+dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik,
+in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten
+können, und bringen übrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu.
+In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten
+eine Orgel. Als wir in letzteres traten, saß ein junger Blinder
+an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Mädchen, seinen
+Unglücksgefährtinnen. Sie sangen dreistimmig eine rührende Klage,
+gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst
+ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein,
+sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestört fort;
+gerührt standen wir am Eingange des Zimmers still und hüteten uns
+wohl, sie zu unterbrechen.
+
+Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Unglücksgenossen
+immer heiter und froh und gesprächig. In einem unteren Zimmer
+fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Mädchen, Räder und
+Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer,
+wo sich Männer und Jünglinge mit Korbflechten beschäftigten,
+ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit
+und zierliche Form der Körbchen, sie flochten sogar Muster
+von grünen und roten Weiden hinein und wußten diese von den weißen
+durchs bloße Gefühl auf das genaueste zu unterscheiden.
+
+Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nützliche Arbeiten,
+welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt
+verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher
+unter ihnen. Diese Anstalt gehört wohl zu den zweckmäßigsten
+und wohltätigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien,
+strebt sie nur den Unglücklichen wirkliche Hilfe zu leisten,
+sie soweit möglich zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft
+zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit
+und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequält
+wie in anderen ähnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit
+das Ehrwürdigste sein wollte, das Unglück, zum Zeitvertreib
+einer müßig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwürdigt.
+
+Am Tage, ehe wir Liverpool verließen, erscholl plötzlich
+von allen Türmen ein betäubendes Glockengeläute, welches eine
+ganze Stunde ununterbrochen fortwährte; die Glocken erklangen lustig
+bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten,
+die ganze Skala durch, nach Gusto der Künstler. Jeder von diesen Herren
+bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich
+an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht
+einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds
+der königlichen Familie würde gefeiert oder wenigstens eine große,
+vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloß häuslichen
+Freudentagen darf jeder Engländer mit allen Glocken läuten lassen,
+wenn er dafür bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern
+eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war
+die Ursache alles dieses Lärms. Diese hat in ihrem Testamente
+sämtlichen Liverpoolschen Künstlern eine gebratenen Hammelkeule
+mit Gurkensalat und dem dazugehörigen Porter für jeden Donnerstagabend
+das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren
+dieses Gastmahl in Gesellschaft, müssen aber vorher mit ihren Glocken
+einen furchtbaren Lärm machen, der die Nachbarn der Kirchen
+in Verzweiflung bringt; alles zum Gedächtnis des Namens
+der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art
+von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist
+als manche andere.
+
+Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso holländisch als die,
+durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als möglich,
+aber höchst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanälen.
+Über Warrington, ein sehr freundliches Städtchen, berühmt durch
+Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester,
+von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley.
+
+Die englischen Landstraßen werden mit Recht im Durchschnitt
+als höchst vortrefflich gepriesen. Aber in der Nähe großer Fabrikstädte,
+wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und
+her rollen, sind sie es weit weniger und müssen den Chausseen
+um Dresden, im Dessauischen, im Österreichischen und anderen
+in Deutschland den Vorrang einräumen.
+
+Eine Unannehmlichkeit für fremde Reisende in England besteht darin,
+daß es sehr schwer wird, früh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit
+der Gasthöfe ist es dennoch unmöglich, vor sieben Uhr morgens
+das Frühstück zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten
+schlafen bis spät in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser
+ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich
+nicht weiter als höchstens zur Herbeischaffung der Pferde.
+Diese Beschwerde fühlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche:
+denn die Engländer sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden
+nach dem Aufstehen zu frühstücken und reisen immer eine oder
+ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geröstetem Butterbrote
+verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen
+folgen wollten, fanden wir das Haus in so großer Unordnung und
+Unsauberkeit, daß es uns unmöglich war, den Wagen zu verlassen.
+
+Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung
+der Nation gegen die gefürchtete Landung der berüchtigten Bateaux plats.
+Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstätten, Läden
+standen die Hälfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch
+schöne Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte
+der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie
+freilich wie die päpstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade.
+
+Nach dem Exerzieren wurden in Gasthöfen bei großen gemeinschaftlichen
+Gastmählern die durch diese patriotische Anstrengung erschöpften Kräfte
+hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz
+und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals
+durch ganz England, und die Chefs der darüber leerstehenden Comptoires
+und Fabriken wollten ob der großen Vaterlandsliebe der jungen Helden
+schier verzweifeln.
+
+In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest
+gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich
+abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen.
+Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch;
+alles grün, über und über. Dann gerieten wir wieder zwischen
+unfruchtbare hohe Felsen. Dürftig mit Heidekraut bewachsen,
+boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns
+durch erhabenen Schönheit dafür zu entschädigen. Kurz vor Middleton
+kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schönerer Form
+sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter über noch höhere
+und freudenlosere Berge bis Sheffield.
+
+Dies ist eine große, aber nicht freundliche Manufakturstadt.
+Kohlendampf, üble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede
+überall. Die Straßen hallen wider von wildem, wüstem Geschrei
+und Gehämmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen.
+Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schöne Stahl- und
+plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort
+nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns
+in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam,
+Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schöpfen.
+
+
+
+Wentworth House und Rotherham
+
+
+Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren.
+Obgleich groß und angenehm, zeichnet er sich dennoch übrigens
+nicht aus; ebensowenig die Gärten und Anlagen.
+
+Das Merkwürdigste hier sind die prächtigen Ställe; sie gleichen
+wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden.
+Sie umschließen einen großen viereckigen Hof von allen Seiten.
+Der eine Flügel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebäudes
+ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir
+eine Menge der schönsten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde,
+meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene berühmte Renner,
+welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten.
+Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt
+Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge
+der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte
+allen unangenehmen Geruch. Über dem Stande der vornehmsten Pferde,
+der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer
+werten Eltern und bisweilen ein noch längerer Stammbaum zierlich
+geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich große Spiegel
+vor sich, um zu bezwecken, daß ihre Nachkömmlinge ihnen an Schönheit
+gleich würden.
+
+In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr hübsches
+persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es wäre über zwanzig Jahre alt.
+Zahm wie ein Hund und auch nicht viel größer, kam das zierliche Tier
+auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen.
+
+Müde und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir
+unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwürdigkeiten anderer Art
+erwarteten.
+
+Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal
+nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen.
+
+Diese Eisengießerei, an Größe und Bedeutung die nächste jener nach Carron,
+gehört Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere
+Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker
+hatten, so genügte ihm doch schon ein Blick auf einige offene
+Adreßbriefe, die wir von London aus für andere Orte in England
+mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns überall herumzuführen.
+Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt,
+geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt
+versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme
+Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Rußland,
+teils roh, teils in langen Stangen.
+
+Die Eisengießerei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft
+schönen Anblick geben die hochsprühenden Flammen und Funken,
+die roten zischenden Feuerströme, welche sich mit glühendem Schein
+langsam hinwälzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken,
+um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen,
+kolossalen Männer, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her
+beschäftigen. In Rotherham ward die große eiserne Brücke gegossen,
+die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch größere,
+ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier
+in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen
+Brücken an bis herab zum demütigen Plätteisen. Man verfertigt hier
+auch viel schönes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens
+der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr häufig
+zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und
+Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung,
+dergleichen Dinge zu gießen, statt sie zu hämmern, ist ihr Gebrauch
+ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit
+dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb
+so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es
+seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug.
+
+Das Glück wollte uns so wohl, daß wir eine vierundzwanzigpfündige
+Kanone gießen sehen konnten. Aus zwei Öfen floß brausend
+das flüssige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedämmte Kanäle,
+die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam
+in die tief eingegrabene Form stürzte. Dantes Hölle und der feurige
+Phlegethon [Fußnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie]
+waren bei diesem Anblick die nächstverwandten Ideen.
+Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man
+die Form und bringt sie so heraus.
+
+Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen.
+Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen,
+doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch
+äußerten, sie zu sehen. Die dazu nötige Maschine wird vom Wasser
+getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Mündung
+der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest.
+Ein platter Stahl, ungefähr einen halben Zoll stark, mit scharfen
+Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der übrigens
+ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser
+getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt
+zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus
+der Öffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben.
+Es ist unmöglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall
+wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch
+mit seiner Stärke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er
+hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt,
+die sich aber auch an dem ohnmächtigen Herrscher oft furchtbar
+rächen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann,
+und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter
+zu vernichten.
+
+
+
+Nottingham
+
+
+Über das artige Städtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham,
+einer schönen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele
+und große Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby,
+durch eine sehr reizende Gegend, dicht besät mit Parks und
+freundlichen, zum Teil schönen Landhäusern, zwischen welchen
+einige stolze Schlösser der Großen sich stattlich erheben.
+Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reißaus; doch
+auf diesen schönen und lebhaften Straßen hat solch ein Vorfall
+wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen
+als ein großes Motiv paradieren muß. Unsere flüchtigen Pferde
+wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken,
+doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir
+uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise
+war das Merkwürdigste, was Derby darbietet, schon bewundert;
+deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick.
+
+Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein,
+arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn:
+denn hier erblickte Shakespeare [Fußnote: das Grab ist heute bekannt
+und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk
+des Geburtshauses stammt tatsächlich aus der Zeit Shakespeares]
+zuerst den Tag, hierher kehrte er zurück am Ende seiner großen Bahn,
+und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiß recht die Stätte,
+aber in der Westminster Abtei, dort wo die Könige ruhen,
+strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist.
+
+Wir ließen uns zu der Hütte fahren, in welcher sein Vater,
+ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkämmer, einst wohnte,
+wo der große Geist, seiner selbst nicht bewußt, in der engen
+Eingeschränktheit ängstlich und beklommen sich fühlte, bis ins
+sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Außenwelt,
+an den Banden riß, die ihn einzwängten, und endlich, nach mancher
+wilden, ungezügelten Äußerung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete
+Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh
+und frei seinem Genius folgte.
+
+Die armen Lehnwände des Hauses können sohl schwerlich schon vor
+weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords
+Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde
+aber ist ein alter hölzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische
+eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine große steinerne
+Platte liegt davor; hier hat gewiß Shakespeares Vater gesessen,
+eifernd über die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei
+aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein mußte.
+
+In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein großes altes Bettgestell,
+in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein
+Stammbaum hängt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt,
+der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er über diese
+heilige Stätte: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden
+bei seiner Dürftigkeit eine sehr willkommene Hilfe.
+
+
+
+Tewkesbury und Cheltenham
+
+
+In dem kleinen freundlichen Landstädtchen Tewkesbury vernahmen wir,
+daß dort in einigen Tagen ein großes Pferderennen gehalten werden sollte.
+Unter den Wölfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den
+Engländern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen
+also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen,
+dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurückzukehren,
+und reisten nach Cheltenham ab.
+
+Dieser berühmte Brunnenort ist ein hübsches Städtchen, in einem
+angenehmen, von Hügeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht
+neu aus. Die Stadt ist größtenteils während der letzten vergangenen
+fünfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefähr ist es, daß die dortige
+Quelle bekannt und berühmt ward.
+
+Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile
+langen Straße, an welche sich kleine Nebenstraßen und einzelne Gebäude
+anschließen. In dieser Hauptstraße mit den schönsten Gebäuden,
+den glänzendsten Läden, Leihbibliotheken und Kaffeehäusern wogt
+die schöne Welt den Morgen über langsam und, wie es uns schien,
+auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gähnend zu zweien
+und dreien aus einem Laden in den anderen, während die Herren
+mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise
+hinzubringen suchen.
+
+Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England
+heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnügen
+zur Arbeit. Wenn der Morgen überstanden ist, so helfen Bälle,
+Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft,
+die übrigen Stunden hinzubringen; für alles dies ist gesorgt,
+wenn auch nach etwas verjüngtem Maßstabe. Während der Saison
+präsidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer
+über dort müßige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen
+der englischen Bäder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise
+behalten wir uns vor ausführlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung
+von Bath, dieser Königin aller englischen Badeorte, kommen.
+
+Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham führt, wird
+für eine der schönsten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr
+in diesem Lande die große Seltenheit gerader, von hohen Bäumen eingefaßter
+Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier
+von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuß
+lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas
+schwerfälligen Tempel eingeschlossen, daneben ein hübscher Saal
+zum Gebrauch der Brunnengäste bei schlechtem Wetter, und in diesem
+ein Buch zu Subskriptionen für die Erhaltung der Promenade, des Saals usw.
+Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen
+und Stand; im Unterlassungsfall wird er für einen Nobody angesehen
+und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade
+befindet sich noch eine gewöhnliche englische Gartenanlage;
+ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegäste bestimmtes Gebäude
+schließt hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet
+der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue.
+
+Es ist ein hübscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr,
+der gewöhnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den
+ehrwürdigen Bäumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz,
+welcher die Engländerinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt,
+und hier, in diesem grünen Dämmerlichte, zeigen sich die weiß gekleideten,
+nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar hält
+diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Engländer
+sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schönste in der Welt.
+Während man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr
+charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande
+Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und läßt laut
+ihr God save the King und Rule Britannia erschallen.
+
+Eine wunderliche Einrichtung ist's, daß man nicht anders als
+über den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar
+ganz artig, mit hübschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen
+besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken
+Ideen erwecken, die deren Heilkräfte schwächen könnten.
+
+Das Wasser von Cheltenham wird hauptsächlich gegen Hautschäden, Skorbut
+und ähnliche Übel gebraucht. König Georg der Dritte brachte durch
+einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses
+sehr übel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten,
+vielleicht angeborenen Hautübel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag
+verging, aber der gute Georg geriet darüber in den traurigen
+Gemütszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fußnote: Georg III.
+regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas
+Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter
+Anfällen von Geistesgestörtheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen
+Dämmerzustand, der nach einem völligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft
+des Prinzen von Wales erforderlich machte.]
+
+Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief;
+ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe
+zu Wagen und zu Roß.
+
+Dort war alles in geschäftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock
+angezogen, hübsche Mädchen in weißen Kleidern und gelben Nankingschuhen
+liegen überall munter und fröhlich umher. Eine Bande Seiltänzer
+und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier für den Abend
+Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch
+für die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles
+im Städtchen Tewkesbury für Lärm machen mußte, und wie die jungen,
+dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim bloßen Herrlichkeit
+ungewohnten Herzen schon beim bloßen Gedanken daran rascher schlugen.
+Und noch dazu alle die glänzenden Herren und Damen aus Cheltenham,
+die Equipagen, schönen Pferde, Bedienten und der übrige Troß,
+es war zum Entzücken! Glücklich, wer wie wir beizeiten für Wohnung
+und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in
+dem Gewühle schwerlich ein Unterkommen zu finden.
+
+Um zwölf Uhr zog alles, Mann und Roß und Wagen, hinaus zum Rennplatze.
+Eine große schöne Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise
+zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schließen
+rings die Aussicht. Das an sich schon recht hübsche Lokal, belebt von
+mehreren tausend fröhlichen Menschen jedes Standes, gewährte
+ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltänzer hatten die mit
+unzähligen Fähnchen recht bunt verzierten Gerüste, auf welchen sie
+den Abend ihre Künste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet;
+dieses, die türkische Musik, welche ertönte, um die Neugierde
+des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Tänzertracht,
+in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf
+ihren Gerüsten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter
+und lebendiger.
+
+Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten
+bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermüdet teilten
+sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese
+Ankündigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon
+zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler
+durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu
+verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen,
+mit Ernst und Eifer in ihren Zügen, das fröhliche Treiben der übrigen
+verächtlich anzublicken.
+
+Endlich tönte die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren
+einige berühmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser
+als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, daß wir,
+wie der größte Teil der übrigen Gesellschaft, nach Tische wieder
+zum zweiten Rennen fuhren.
+
+Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende
+eines fröhlichen Tages zu langweilen, ließen wir Ball und Assembleen,
+Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar
+die Entscheidung des großen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine
+Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide
+zugleich angekommen wären. Wir wünschten den guten Einwohnern
+von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als
+vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnügen für
+den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden
+sie erwarteten, bewunderten noch die schöne gotische Kirche,
+eine der größten und schönsten im Reiche, und fuhren fröhlichen
+Muts nach Gloucester.
+
+Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend,
+mit hübschen Häusern und breiten Straßen. Übrigens enthielt sie,
+so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere nähere Aufmerksamkeit
+auf sich zog.
+
+
+
+Bristol
+
+
+Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten
+und der Charakter der Gegend völlig von dem des übrigen England
+verschieden. Sie ist mannigfaltiger, südlicher. Grün ist nicht mehr
+so ganz die prädominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich
+auch hier in höchster Pracht darstellt. Schönere, größere Bäume
+als irgendwo, in gedrängten Gruppen, viele große Pflanzungen
+von Obstbäumen, mit Mauern statt der gewöhnlichen Hecken eingefaßt,
+zeichnen sie vor allen anderen in Großbritannien aus.
+
+Hier glüht der Goldpepping [Fußnote: Goldreinette, Apfelsorte],
+der Stolz Englands, zwischen dem hellgrünen Laube und seufzt im
+Herbst unter der Presse, um später als Cider [Fußnote: Apfelwein,
+Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren französischen
+und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier
+reift die Birne auf hohen stattlichen Bäumen und liefert den Perry
+[Fußnote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden
+Champagners von den Weinhändlern teuer verkauft wird.
+
+Der schöne Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe
+schweben auf seiner silbernen Fläche. Nahe bei Bristol wird er
+tief genug, um selbst große Schiffe von vierzig bis fünfzig Kanonen
+zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten
+Gegenden, fällt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen,
+der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig
+die schönsten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer,
+der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in höchstem
+Reichtume, den weiser Fleiß und ein vortrefflicher Boden nur
+gewähren können.
+
+Die Stadt schien uns größer als Edinburgh. Straßen und Plätze
+sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit
+schönen Privathäusern sowohl als öffentlichen Gebäuden und Kirchen,
+unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe
+als ehrwürdige gotische Gebäude sich auszeichnen. Das Theater
+ist groß, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite
+mit korinthischen Säulen verzierte Gebäude, in welchem unter
+der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Bälle
+während der hiesigen Badezeit statt haben.
+
+Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Königin der Städte
+thront es ebenfalls auf sieben Hügeln, und einige davon gewähren
+von ihren Gipfeln eine sehr schöne Aussicht in das Land ringsumher.
+Die Straßen, die hinaufführen, sind aber größtenteils sehr steil.
+Außer dem schiffbaren Avon strömt auch noch ein kleinerer Fluß,
+der Frome, durch die Stadt; hübsche steinerne Brücken führen
+über beide Gewässer. Der Quai am Hafen ist prächtig, ein Meisterwerk
+seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick;
+denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste
+Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausrüstete, der Bristols
+Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen
+kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es
+uns unmöglich, heiteren Mutes die schönen Docks zu bewundern,
+welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden
+der Welt sicher und bequem beherbergen.
+
+Eine der schönsten Partien um Bristol gewährt King's Weston,
+der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist
+groß und stattlich, wenn auch etwas schwerfällig und mit
+Verzierungen überladen; wir mochten uns aber mit näherer
+Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schönen Anlagen
+durchliefen wir nur flüchtig, so mächtig zieht hier
+die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst
+zu schmücken versuchte. King's Weston liegt auf einer beträchtlichen
+Anhöhe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von
+einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet
+mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England
+zu einem der schönsten Länder Europas machen, und liebliche Hügel,
+mit aller Pracht der üppigsten Vegetation geschmückt,
+scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der übrigen Welt.
+Von der anderen Seite der Anhöhe von King's Weston sieht man
+den hier mächtigen Avon sich majestätisch hinwinden durch
+ein jenem Tale ähnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden
+der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken,
+schweben auf seiner silberblinkenden Fläche. Lange verfolgt hier
+der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer mächtiger,
+immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten
+immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen,
+wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht
+und zugleich den Lauf des schönen Stroms begrenzt, indem es
+ihn in seinen Schoß aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt.
+Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren;
+endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwürdigen Bäumen
+besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch höheren Hügel,
+Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe
+Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und
+noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzückender.
+
+Ein sehr angenehmer Weg führt von da nach Clifton. Man nennt Clifton
+ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir möchten sagen, aus Palästen
+bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf
+der sonnigen Seite eines Hügels. Die schönen großen Häuser
+stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes,
+teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden
+auch breite Straßen und schöne, regelmäßige Plätze. Alles
+dieses ist durch Gärten, Felder, steile, wilde Felsen und
+sanfte Anhöhen auf das Reizendste vermannigfaltigt.
+
+Einige dieser Gebäude werden für immer oder auch nur den Sommer
+hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der größere Teil
+derselben ist zum Gebrauche der Badegäste eingerichtet, deren
+jährlich eine große Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und
+Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit
+entfernt von Clifton fließt. Leider oft vergebens; denn
+diese Quelle wird gewöhnlich als letztes Mittel gegen
+das traurigste aller Übel, die unser kurzes Leben bedrohen,
+gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt.
+
+Nirgends häufiger als in England wüten diese Krankheiten,
+die fast immer die jüngsten und liebenswürdigsten Opfer sich erwählten,
+und sie verschönen und verklären, indem sie sie zerstören.
+So blüht die vom Wurm gestochene Rose oft um so früher und
+schöner auf. Es ist ein herzzerreißender Anblick, die jungen,
+ätherischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt,
+in diesen elysischen Gegenden über den grünen Rasen hinwanken
+zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhestätte
+ihrer Vorgängerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen
+von zwanzig und fünfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen
+Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind.
+
+
+
+Hotwells
+
+
+Ein sehr steiler Weg führt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle
+fließt und ebenfalls viele schöne Wohnungen für Badegäste erbaut sind.
+Nahe am Ufer des Avon rauscht sie mächtig hervor, aus einem der
+Felsen, die in majestätischen Reihen sich von beiden Seiten längs
+dem Bette des Stroms hinziehen. Ein hübsches Gebäude ist über
+der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden
+zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt
+das Brunnenzimmer. Ein artiges Mädchen personifiziert hier die Hebe
+und schenkt das gar nicht übel schmeckende, wie Champagner
+petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschöpft wird,
+sieht es etwas trübe und weißlich aus, wird aber ganz klar,
+sowie es sich abkühlt.
+
+Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien,
+Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier
+zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche
+in den Ritzen und Spalten der den Avon umschließenden Felsen gefunden
+werden und sowohl an Glanz als Härte den wirklichen Diamanten sehr
+ähnlich sind.
+
+Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschränkt,
+aber von ernster Schönheit; wild und hoch streckend die dunkelroten
+Marmorfelsen von St. Vincent ihr majestätisches Haupt hinauf in
+die blaue Luft. Der Avon drängt sich brausend durch das ihn einengende
+Felsenbette; ihm gegenüber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen,
+starren andere, ganz ähnliche Gebirge; es ist, als hätte der dunkle Strom
+hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben,
+mächtig seine Grundfeste erschütternd, ihn zersplittert. Verfolgt man
+mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit
+zwischen diesen Kolossen hinwinden muß, so erblickt man am fernen Horizont
+die schönen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete,
+aber höchst romantische Aussicht schließen.
+
+Hinter dem Brunnenhause dient eine schöne, mit Bäumen besetzte Terrasse
+am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen;
+kein Brunnenort hat wohl eine ähnliche Promenade aufzuweisen.
+Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gäste unter einer in Form
+eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite
+von einer Reihe eleganter Läden begrenzt wird.
+
+In Hinsicht der schönen Gebäude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung
+von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schönen Reihen
+und Straßen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten
+auf See und Fluß, Berg und Tal; es ist unmöglich, mit der Feder
+auszudrücken, wie überschwänglich reich sich hier die Natur bewies.
+Aber auch für andere Vergnügungen ist gesorgt. In zwei schönen,
+zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebäuden werden jeden
+Montag und Donnerstag Déjeuners dansants auf Subskription gegeben.
+Dienstags ist regelmäßig Ball, an den übrigen Tagen füllen Assembleen
+und Promenaden die müßige Zeit aus.
+
+Wie in den übrigen größeren Bädern präsidiert auch in Hotwells
+ein Zeremonienmeister; seine Gesetze hängen in den Sälen an der Wand
+angeschlagen und werden pünktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht
+auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der übrigen Etikette,
+besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung
+von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten;
+wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunächst
+folgenden Abschnitt.
+
+Außer den allen Bädern gemeinen Vergnügungen, welche regelmäßige
+Promenaden, Assembleen, Bälle, Lesebibliotheken und dergleichen gewähren,
+erfreuen sich die glücklichen Bristoler Brunnengäste noch viel
+mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher
+durchstreifen; denn außer King's Weston gibt es noch in ganz mäßiger
+Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs
+wert wären.
+
+Leider waltete über uns das gewöhnliche Schicksal der Reisenden,
+wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen,
+vielleicht Monate lang hier verweilt, muß sich manchen hohen Genuß
+verschaffen können, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten,
+auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt
+die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann
+widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet.
+
+
+
+Bath
+
+
+Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang.
+Im unaufhörlichen Wechsel der reizendsten Aussichten fährt man,
+wie in einem Garten, auf den schönsten, ebenen Wegen, durch ein Land
+von mannigfaltiger hoher Schönheit.
+
+Die Jahreszeit war die günstigste, um alles dies zu genießen,
+aber nicht um das eigentümliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt
+von den meisten anderen unterscheidet. Früher hatten wir im Winter
+Gelegenheit dazu, und was wir während unseres ersten und zweiten
+Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz,
+um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollständigere Ansicht
+dieses merkwürdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen
+von dem Leben der Engländer in Badeorten, weil es uns zur Verständlichkeit
+des Ganzen unentbehrlich dünkt.
+
+Etikette ist in England überall an der Tagesordnung. Dem Briten
+geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnürbrust, wenn sie sich
+von Jugend auf daran gewöhnt haben. Sie fühlen sich unbehaglich,
+wenn der gewohnte Zwang aufhört, und wissen ohne ihn nicht zu leben.
+Schon mit dem häuslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt;
+in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander
+verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Bädern
+fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt
+und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewöhnlichen verschiedenen
+Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein,
+wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermaßen unterscheidet.
+Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm
+neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist
+in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath
+gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt für alles,
+er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem höflich entgegen.
+Bei den Bällen und überall hält er auf strenge Beobachtung der von
+der ganzen Gesellschaft für gültig anerkannten Gesetze, in allem,
+was die Ordnung der dem Vergnügen gewidmeten Stunden, der Kleidung,
+des Ranges und tausend anderer Zufälligkeiten betrifft. Diese Gesetze
+sind in den Assemblee- und Ballsälen angeschlagen, damit er sich
+gleich darauf berufen könne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich
+bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, für sich selbst zu sorgen,
+und er verschafft ihnen Mittänzer, Partners, für den ganzen Ballabend.
+Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen
+zu schlichten. Unermüdet muß er für Anstand und Sitte wachen.
+
+Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister
+zu sein. Männer, die sich und ihr Vermögen im großen Strudel der Welt
+verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche
+nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton
+und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich
+am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder
+der freiwilligen Resignation ihres Vorgängers durch die Stimmenmehrheit
+der anwesenden Brunnengäste. Das Leben, das sie führen, ist sehr
+ermüdend, ihr Lohn dafür Achtung im Äußeren, der Ertrag einiger Bälle,
+die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste
+ein anständiges Geschenk. Daß sie überall freien Zutritt haben,
+versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an
+einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung
+ihres Amtes.
+
+Eine entfernte Ähnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern
+haben die Brunnenärzte in einigen der kleinen deutschen Bäder,
+wo sie auf Promenaden und an den öffentlichen Tischen Gesunde und Kranke
+umflattern, alles anordnen, alles wissen, überall sind und nirgends.
+Die eigentlichen Brunnenärzte fehlen in England gänzlich; man hält sich
+an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes,
+und nur in ungewöhnlichen Fällen zieht man einen aus dem Orte oder
+der Nachbarschaft zu Rate.
+
+Auch öffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet,
+und man hat nicht wie in Deutschland schon vom frühen Morgen
+den empörenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hyänen und ihrer
+sinnlosen Beute zu ertragen.
+
+Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte häuslich und komfortabel
+eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist,
+hat man Karten an die Badegäste geschickt, die man schon kennt
+oder deren Bekanntschaft man zu machen wünscht, so bleibt nun weiter
+nichts übrig, als sich überall zu abonnieren, um überall Eintritt
+zu haben. Zuerst in die Assemblee-Säle, dann zu den an festgesetzten Tagen
+statthabenden Bällen, dann zu den Konzerten, die in den größeren Bädern
+auch regelmäßig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den
+verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher
+Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller,
+welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig
+zu werden wissen.
+
+Ist früh das Wasser getrunken, welches gewöhnlich während der Promenade
+in einem der Brunnensäle geschieht, hat man gebadet, en famille
+gefrühstückt (öffentliche Frühstücke sind selten), was fängt man
+dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische
+beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen
+Visiten, die Revue der Putzläden sind bald abgetan. Welche eine
+Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken!
+Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein
+paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen
+wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen,
+Journale, Broschüren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder
+dort durchblättert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht
+genug. Außer den geistigen Schätzen findet man in diesen Läden
+noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen
+Kleinigkeiten aus köstlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt
+unentbehrlich dünken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen
+dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug
+oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe
+fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere
+lotteriemäßig verspielt und gewährt so diesen Anstalten ein
+neues Interesse.
+
+Zu Mittag speist man etwas früher als in London, weil die
+Abendvergnügungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt
+für sich zu Hause ihre Ökonomie selbst oder läßt sie außer dem Hause
+besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe.
+Hin und wieder gibt's auch Häuser, wo die Gesellschaft, die im Hause
+wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist;
+doch entschließen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist
+nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish.
+Öffentliche Tische lieben die Engländer nicht; nur in kleinen Bädern,
+wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermögen und Vergnügungen beschränkter,
+mehr zusammenhalten muß, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern
+teil daran.
+
+Nach Tische wird in den größeren Bädern die dritte Toilette gemacht.
+In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung.
+Abendessen sind nicht gebräuchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe,
+einige privilegierte Nachtschwärmer vielleicht ausgenommen.
+
+Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland:
+man weiß jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des
+zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont
+oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein fürchterlicher Tag. Spiel,
+Tanz, Musik, alles ist hoch verpönt alle Läden, alle Leihbibliotheken
+sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade
+im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt
+sehr einförmig, die Ausländer, die merkwürdigen Menschen fremder
+Nationen, die unseren Bädern oft ein so hohes Interesse geben,
+fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur
+Landeseinwohner. Ein Irländer oder Schotte heißt sogar schon ein Fremder.
+
+In England muß nun einmal alles im Leben dem gewöhnlichen Laufe
+der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter
+zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht
+zum Tage, und um diese allgemeine Veränderung aller Zeiten recht
+vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den
+Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort
+von Badegästen, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten
+bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht
+bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam
+zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden
+an Krücken und auf Podagristenwägelchen die belebenden Strahlen
+der Sonne aufsuchen.
+
+Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer
+traurig verhallen. Viele führt das Vergnügen, einige auch wohl
+eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der größte Teil
+der Badegäste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken.
+Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und
+jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerrütteten
+Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschränkten Mitteln den Freuden
+der großen Welt nicht zu entsagen versteht, der flüchtet hierher,
+wo er sie alle findet; freilich in etwas verjüngtem Maßstabe
+wie in London gehalten, aber dafür auch unendlich wohlfeiler.
+Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger
+als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen muß.
+Schon in dem Umstande, daß die bergige Lage von Bath Pferde und
+Wagen entbehrlich, ja ganz überflüssig macht, liegt ein sehr
+bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern
+ist man gewöhnlich wieder zu Kräften gekommen und kann sich von neuem
+auf einer größeren Laufbahn versuchen.
+
+Da die Gesellschaft hier größtenteils aus Mitgliedern der müßigen
+und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert
+und vornehm frivol als möglich. An Glücksrittern fehlt es dabei nicht;
+diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen.
+Väter und Vormünder reicher Erbinnen, welche diese bisweilen
+hierher führen, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem größeren
+Theater vorzubereiten, müssen sich freilich in acht nehmen. Von Bath
+aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green
+vorbereitet oder gar angetreten.
+
+Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von beträchtlichen
+Anhöhen, die sich nur öffnen, um dem schönen Strom eben den Durchweg
+zu gewähren. Langsam und majestätisch windet er sich, bis zu dem
+zwölf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und
+Stadt, erhebt die Schönheit der Gegend und gewährt durch die leichte
+Kommunikation mit jenem großen Seehafen beträchtliche Vorteile.
+Von wunderbar einziger Schönheit ist der Anblick der Stadt. Bald
+ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die nächsten Anhöhen,
+höher und immer höher türmte sie Paläste über Paläste, wetteifernd
+untereinander an Schönheit und allem Schmucke der neueren Architektur.
+
+Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schöpfungen
+liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Fußnote:
+Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle
+und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher
+König Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll.
+Ernst steht sie da, in alter Majestät; ihre gotischen Türme streben
+wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus,
+während die bunte neue Welt um sie her die Hügel erklettert und
+sich groß dünkt.
+
+Die Häuser sind alle von schönen Quadersteinen erbaut, die man
+ganz in der Nähe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als wäre
+es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Häuser,
+mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Häusern bestehend,
+die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert,
+das Ansehen eines einzigen Prachtgebäudes haben, stehen zerstreut,
+wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr
+beträchtlicher Höhe.
+
+Regelmäßig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,,
+aber doch unbeschreiblich hübsch anzusehen; ausgezeichnet schön
+der große Platz, Queen's Square genannt, mit seinen prächtigen,
+vielleicht ein wenig mit Zierart überladenen Häusern, aus deren
+Fenstern man sich einer schönen Aussicht erfreut. In der Mitte
+dieses Platzes umschließen eiserne Geländer einen artigen Garten,
+dessen sich die Bewohner der umliegenden Häuser zum Spazieren
+bedienen können; schade, daß ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt.
+
+Von Queen's Square geht es sehr steil in die Höhe durch Gay Street
+zum Royal Circus, einem großen runden Platze. Die ihn umgebenden
+Häuser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen
+möglichen Säulen aller möglichen Ordnungen verziert oder verunziert.
+Hinter ihm, noch viel höher, liegt der Royal Crescent; er besteht
+aus dreißig sehr schönen Häusern, die das Ansehen eines einzigen
+haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil
+erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Säulen. Vor ihnen hin
+breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und läuft hinab
+gegen die Ufer des Avon. Eine diesem ähnliche Reihe Häuser,
+Marlboroughsgebäude genannt, liegt ganz in der Nähe. Der höchste
+bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls
+eine schöne, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Häuser.
+Sie liegen, gleichsam die Krone der schönen Stadt, in schwindelnder
+Höhe.
+
+Noch mehrere oder gar alle diesen ähnliche Plätze und Straßen
+zu nennen, würde ermüdend werden, und vielleicht reicht
+das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben,
+was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr,
+ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche
+Pflaster, die große Reinlichkeit der Straßen und nachts
+die wunderschöne Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr,
+und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise über alles,
+was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengäste beizutragen vermag.
+
+Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere
+der schönsten Straßen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz
+mit großen Quadersteinen gepflastert und gar nicht für Equipagen
+eingerichtet. Zu den Assembleesälen, zu beiden Promenaden,
+die Nord- und Südparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen
+gelangen. Doch befürchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermüden:
+eine Anzahl von Portechaisen [Fußnote: Tragstühle] steht überall
+bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und
+transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den
+höchsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht
+der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und
+einer ziemlich mäßigen Taxe unterworfen, die sie nicht überschreiten
+dürfen.
+
+Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schönen
+Gebäude werden ganz oder teilweise an Badegäste vermietet.
+Der festgesetzte Preis eines möblierten Zimmers während der Badezeit
+beträgt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet
+die Hälfte. Unangenehm ist es, daß man immer die ganze Reihe Zimmer
+mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen muß, während man
+kaum die Hälfte davon braucht. Es gibt zwar Häuser, welche zugleich
+ihre Gäste in die Kost nehmen, und in diesen ist man gefälliger
+und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich muß man auch dort
+weniger Ansprüche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man
+außer der Wohnung noch nötig hat, ist ebenfalls zu vermieten:
+Möbel aller Art, Betten, Porzellan, Küchengeschirr, Hausgeräte
+und Gemälde, Gläser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwäsche,
+alles wie man es verlangt, auf das Prächtigste oder zierlich
+einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein großes Haus
+mit allem Nötigen und Überflüssigen versehen werden. Überall
+findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen,
+überall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und
+der Bequemlichkeitsliebe hinter großen Glasfenstern in schönen
+Läden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt.
+
+Das Wasser ist sehr heiß. Drei Stunden muß es stehen, ehe man sich
+hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet.
+Der heißen Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad
+beim Trinken von der schwächsten zur stärkeren allmählich über.
+Die Ärzte empfehlen dabei die größte Vorsicht. Das Wasser ist klar
+und schmeckt nicht unangenehm; Nervenübel, Lähmungen, Podagra
+und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptsächlich
+angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs
+und zehn Uhr, und dann wieder einige Gläser gegen Mittag. Gewöhnlich
+trinkt man in dem zur Quelle gehörigen Brunnensaale.
+
+In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath
+der ekelhafte Brauch, in großen gemeinschaftlichen Bädern
+in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden.
+Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser
+hervorragenden Köpfe auf das Modernste und Vorteilhafteste;
+Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten
+mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu
+vertreiben. Diese großen Bäder existieren noch, vier an der Zahl,
+aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene
+Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Bäder, das Königsbad genannt,
+liegt dicht hinter dem großen Brunnensaale; eine Reihe dorischer
+Säulen umgibt es; es ist fünfundsechzig Fuß lang und vierzig breit,
+das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad
+Fahrenheit heiß. Neben diesem Bade liegt der Königin Bad,
+es enthält nur fünfundzwanzig Fuß im Geviert und ist etwas weniger
+warm. Das Kreuzbad führt diesen Namen von einem Kreuze, welches
+ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal.
+Mit dieser Quelle, als der schwächsten, fängt man gewöhnlich an
+zu trinken. Das heiße Bad hat einhundertsiebzehn Grad Wärme.
+Privatbäder, Dampfbäder und ähnliche Anstalten sind damit
+in dem nämlichen Gebäude vereint. Diese Quelle, als die stärkste,
+wird selten getrunken, der dazugehörige Brunnensaal ist dumpf
+und düster.
+
+Die erste Entdeckung der heißen Quellen von Bath verliert sich
+ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und
+bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt
+der heißen Bäder, nannten. Später gaben ihr die Römer verschiedene
+andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen
+nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen.
+Im Sommer möchte sie noch so heißen; wenn aber jetzt einer
+jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit
+plötzlich in einen ihrer Ballsäle versetzt würde, er gäbe ihr gewiß
+dann einen schöneren Namen.
+
+
+
+Salisbury und Stonehenge
+
+
+Wir fuhren nun über eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut
+sproß kümmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand,
+auf dem das Auge nur Momente haften könnte; die Lüneburger Heide
+ist ein Paradies dagegen.
+
+Es war die berüchtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns
+jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, besät mit uralten Gräbern
+längst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen.
+Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese großen,
+abgerundeten Hügel nur wenig über die graue, düstere Fläche,
+und bloß an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst
+umgebenden Grabens. Der blaue Himmel wölbt sich lautlos darüber hin,
+kein Vogel singt in dieser Einöde, denn nirgends steht ein Strauch,
+auf dem er sich niederlassen könnte.
+
+Wir rollten schnell vorwärts und merkten doch kaum, daß wir
+weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle,
+die wir verließen, glich ganz genau der, auf welcher wir am nächsten
+Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen
+wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt
+erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise;
+wir kamen näher und näher, noch immer wußten wir nicht, was wir sahen;
+jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Fußnote:
+das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung
+und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden;
+sicher ist nur, daß die Steine, man schätzt die Anlage auf 4000 Jahre,
+in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.],
+dem ältesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa.
+
+Unförmige, riesengroße Steine, sichtbar von Menschenhänden aufgestellt,
+erheben sich in ungeheuren Massen auf einer mäßigen, nur ganz allmählich
+emporsteigenden Anhöhe. Hohen Säulen gleich, stehen sie in einem
+der großen tempelähnlichen Kreise, immer zwei und zwei näher aneinander,
+welche dann ein großer, ähnlicher Stein, wie ein Querbalken
+oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige
+der Säulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch
+bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den
+umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren;
+denn an jeder der Säulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen,
+freilich sehr roh und in ungeheuren Verhältnissen, und die quer darauf
+liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden,
+welche genau auf jene Knöpfe passen. So bildete und verband sie
+die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um
+Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Säulen tragen Spuren des Meißels,
+sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh
+behauen, an Höhe und Stärke einander nicht gleich, aber alle
+von erstaunenswürdiger Größe und Schwere.
+
+Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur
+ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden.
+Jetzt hält man dies wunderbare Gebäude für die Überreste eines alten
+Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohltätige Sonne.
+Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer
+gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle
+ihrer verblendeten Brüder.
+
+Mitten in dem großen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man
+Überbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen
+gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt
+ein großer, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung
+war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein
+ist von einem der ungeheuren herabgestürzten Quersteine des äußeren
+Kreises in drei Stücke zerschmettert. Seitwärts, außer dem Kreise,
+liegt ein zweiter, dem Altarsteine ähnlicher Stein von ungeheurer Größe.
+
+Ungefähr dreißig Schritte vom großen Kreise stehen noch ein paar
+der säulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreißig Schritte
+voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch größeren
+Kreis, der jenen engeren einschloß, eine Art Vorhalle des heiligen
+Tempels; denn gewiß ist das gigantische Werk, das wir anstaunten,
+nur ein kleiner Überrest von dem, was es Ungeheures war in
+seiner Vollendung.
+
+Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast
+übermenschlichen Kräfte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast
+ebenso unbegreiflich, wie sie zerstört wurden. Vielleicht stürzte
+ein Erdbeben sie um, es öffnete sich die Erde und begrub zum Teil
+wieder in ihrem Schoße die ihr entrissenen Felsstücke, welche
+sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind,
+ohne daß es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche
+fortgeführt. Welch ungeheure Kraft wäre auch erforderlich gewesen
+zum Transport dieser Riesenmassen!
+
+Was das Wunderbare noch mehr erhöht, die Steine bestehen aus
+einer Art Granit, wie er mehr als dreißig englische Meilen in der Runde
+nicht anzutreffen ist. Wie war es möglich, sie durch unwegsame Wälder,
+über Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn
+man sie sieht, man fühlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks
+Glauben beizumessen, welche sie für das Werk einer früheren Riesenwelt
+hält, der mächtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick
+des Ganzen macht, läßt sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen
+ergriff uns in dieser öden Wildnis beim Anschauen eines Werks,
+dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und
+das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt.
+Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu überlassen; denn öde und traurig
+ging unser Weg über die große Ebene hin, die sich immer gleich blieb,
+bis wir spät abends die alte Stadt Winchester erreichten.
+
+Von Winchester aus hatten wir sehr böse Wege; denn durch unsere
+Kreuz- und Querzüge waren wir von der großen, gebahnten Straße abgekommen
+und mußten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder
+zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Hügel,
+über welche unser Wagen mühsam hinrasselte, zu Fuß hinab; reiche,
+weit ausgebreitete Aussichten entschädigten uns zuweilen für unsere Mühe.
+
+Endlich erreichten wir das Städtchen Chichester. Wir fanden
+den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein
+Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Mädchen
+besetzt, die Straße voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern.
+Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison
+liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen
+aufmarschiert, dem Gasthofe gegenüber. In letzterem hatte niemand Zeit;
+Herr und Frau und Aufwärter liefen mit den Köpfen gegeneinander.
+Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert
+[Fußnote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales,
+des nachmaligen Georgs IV. Nach dem königlichen Ehegesetz von 1772
+jedoch illegal, da der König die Erlaubnis nicht gegeben hatte.
+Die Verbindung überdauerte auch die Eheschließung des Prinzen mit
+Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas
+in die Brüche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es;
+sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet.
+Nach zwei Stunden erschien sie, ließ, ohne auszusteigen oder sich
+umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die große Begebenheit
+war vorüber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich
+nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel.
+
+Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schloß; es wurde eben
+durch ein neues Hauptgebäude und einen daran stoßenden Flügel ergänzt
+und vergrößert; alles war voll Lärm, Staub und Unordnung, wie es
+gewöhnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses wäre überall
+ehrwürdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr geräumigen
+Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebäuden, verliert es unendlich.
+Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, daß das Schloß
+von Arundel weit größer und beträchtlicher gewesen sein müsse als jetzt.
+Der noch übrige Teil des Gebäudes mit runden Türmen und einem schönen
+Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden
+Schöpfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert,
+unterm Schutze alter Bäume, wären diese heiligen Überreste vergangener
+Größe zu dem Schönsten zu rechnen, was England in dieser Art
+aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmälern der Vorzeit ist.
+
+Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthöfen alles in Bewegung und
+Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontärs, von denen
+wir schon früher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer
+ein großes Bankett. Das Gebäude bebte vom Jubel der Helden
+bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten
+des Regiments eine Musik, welche Tote hätte erwecken können;
+die Aufwärter hatten alle Hände voll Bouteillen und Korkzieher;
+die Pfropfen knallten, Waldhörner und Trompeten schmetterten,
+die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschüttern,
+zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen
+und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel,
+es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir
+mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin;
+ein sanfter Wind kräuselte kaum dessen vom Monde versilberte Fläche,
+die Wellen spielten und flüsterten und blinkten geheimnisvoll
+und leise; so kamen wir glücklich nach Brighton.
+
+
+
+Brighton
+
+
+Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest,
+ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag.
+In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerfälligen Namen
+Brighthelmstone verloren und heißt viel eleganter und kürzer Brighton.
+
+Während der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt
+des damaligen Prinzen von Wales, späterhin des jetzt schon bei seinen
+Vätern ruhenden Königs, Georgs des Vierten [Fußnote: geb. 1762,
+1811 Regent, nominell König von 1820-50. Johanna brachte hier
+in seinem Todesjahr für die Herausgabe der "Sämtlichen Werke"
+ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfünfzig
+englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise
+in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Nähe der Hauptstadt
+den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz
+unbedeutende Fischerstädtchen zu erwählen.
+
+In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal
+eine wahre Ebbe und Flut unter den übrigen Brunnengästen. War er abwesend,
+so wurde alles öde und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurück.
+Wie sehnsüchtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte,
+ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode
+nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich.
+Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend,
+daß dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermaßen
+zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen
+und zu behaupten, die Leute im Orte würden ungewöhnlich alt. Und in der Tat
+ist das Klima hier sehr gemäßigt. Ein Amphitheater von leider ganz
+kahlen Bergen schützt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt,
+trocken und gesund, auf einer mäßigen Anhöhe; Seelüfte mildern
+die zu große Hitze im Sommer.
+
+Die Stadt ist klein. Stattliche Häuser aus der neuesten und unscheinbare
+Hütten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander
+gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes Äußere.
+Man baut hier von Kieseln, die mit Mörtel verbunden sind;
+nur die Einfassungen der Fenster und Türen bestehen aus Ziegeln.
+Man rühmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus,
+besonders da es in England gar nicht gebräuchlich ist, den Häuser
+von außen einen Tünch zu geben.
+
+Ganze Reihen geräumiger, bequemer Häuser für Fremde, alle unter
+einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes.
+Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer hübschen
+Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden
+zum Spazierengehen, von einer Seite mit schönen Häusern besetzt,
+während man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer
+sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Maßstabe.
+
+Die Promenaden sind von der Natur wenig begünstigt. Nackte Berge
+umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich
+große Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach,
+als daß große Schiffe in der Nähe vorbeisegeln könnten; daher gewährt
+es einen ziemlich einförmigen Anblick, den nur Fischerboote etwas
+beleben.
+
+Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen
+sich hinziehende hübsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebäuden
+bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhäuser
+sind fast alle auf dem Steine angelegt.
+
+Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Fußnote: Royal Pavillon],
+liegt ebenfalls am Steine, ein hübsches, mit einer Kolonnade verziertes
+Gebäude; da es nicht von bedeutender Größe ist, erscheint es etwas
+niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr prächtig gewesen
+sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte
+Gärten anzulegen, doch kommen Bäume und Sträucher hier auf keine Weise
+fort. Eine große pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche
+einen Sonnenzeiger trägt, nimmt sich wunderlich aus und spricht
+nicht sehr gut für den guten Geschmack der übrigen Verzierungen.
+
+Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebäude enthält die Bäder. Man findet
+dort deren kalte und warme, Schwitzbäder, Schauerbäder, kurz alles,
+was je erfunden ward, um die Übel, die unser armes Leben bedrohen,
+fortzuspülen. Zu allen diesen Bädern wird Seewasser genommen.
+Bademaschinen, wie in anderen Seebädern, um damit sicher und ungesehen
+in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich
+weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen
+im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Plätze, einer für Herren,
+der andere für die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden
+hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden,
+wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr.
+
+Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton
+besteht; sehr unangenehm aber ist es, daß auch die Fischer sich
+in diesen glänzenden Kreis drängen, und gerade in der Gegend,
+wo man am häufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten
+und die Luft verderben.
+
+Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten.
+Ihn umgeben schattige Bäume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden,
+obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken würde. Er enthält
+auch einen hübschen Salon mit einem Orchester.
+
+Die Versammlungssäle befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthöfen,
+der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird
+gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen
+darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch können hier
+auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben
+weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Säle
+beider Häuser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und
+einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle
+artig und zweckmäßig verziert.
+
+Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege
+gelegenen Städtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten,
+der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte.
+Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen
+und Atem zu schöpfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel
+der großen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig
+an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, öffentliche
+Fuhrwerke aller Art rollten unablässig an unserer Wohnung vorüber.
+Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten,
+denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorüberreisenden.
+
+Die Landkutschen füllten von innen und außen Weiber und Mädchen,
+und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase
+über Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zurüstungen
+zu künftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur
+keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert
+als hier nach Brighton, wohin alles zog.
+
+
+
+
+RÜCKKUNFT NACH LONDON
+
+Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fußnote: zur Zeit Johannas
+zählte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir glücklich
+anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer
+fühlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte
+unterbrochenen Reise.
+
+Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden.
+Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Wänden hier wie überall
+heimisch; doch kaum setzt man den Fuß auf die Straße, so ist man
+in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und hätte man auch
+ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer
+Million Menschen, auf einem verhältnismäßig immer kleinen Punkte,
+reißt unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt.
+Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem großen Strudel
+mit herumwirbeln ließen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen
+aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken.
+
+
+
+London
+
+Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man
+schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte.
+Keine der größten Städte Europas, nicht Wien, nicht Berlin,
+selbst nicht Paris kündigt sich aus der Ferne so imposant an. Häuser
+reihen sich an Häuser, durch fast unbemerkbare Zwischenräume in
+verschiedene Flecken, Städtchen und Dörfer abgeteilt, alle scheinen
+zu einem Ganzen vereint, alle vergrößern ins Ungeheure die Stadt,
+welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhältnismäßiger Breite,
+anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr führen von allen Seiten
+schöne breite Heerstraßen, welche, auch außer den Städten und Flecken,
+mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges
+Gewühl von Wagen und Reitern verkündigt dem Fremden schon von ferne,
+daß er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich nähere.
+
+Von Shooter's Hill [Fußnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem
+Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage
+die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab,
+frühstückten in Rochester, und aßen in Schooting-Hill zu Mittag.
+Man hat von hier eine prächtige Aussicht auf London und die umliegende
+Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten.
+Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig
+englische Meilen von London entfernten Anhöhe, erblickten wir
+zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend
+an den Ufern der königlichen, mit Schiffen bedeckten Themse.
+Hoch in die Lüfte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben,
+weiter zurück den schönen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei,
+daneben noch die Türme von weit über hundert anderen Kirchen.
+Es war ein schöner, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen
+aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände wie durch
+einen Flor erblicken.
+
+Schnell rollten wir hin auf dem prächtigen Wege und glaubten,
+wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten.
+Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schöne Blackfriars Brücke
+führte uns hinüber, und nun erst waren wir in London. Beträubt
+von dem Gewühle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit
+von der Brücke entlegene York Hotel, wo wir für's erste abstiegen,
+um späterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem
+Privathause zu wählen. Fast alle Fremden, welche längere Zeit
+in London zu verweilen gedenken, tun dies.
+
+Der Aufenthalt in den Londoner Gasthöfen ist unglaublich teuer,
+die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken,
+sonder auch wohnen können, ist verhältnismäßig klein zu nennen,
+und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet,
+als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten
+verlangen muß, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten
+vorkommt.
+
+Hingegen findet man mit leichter Mühe in allen Straßen vollkommen
+gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Küche und Keller
+und allen sonstigen Erfordernissen versehen; größer und kleiner,
+elegant und einfach möbliert, wie man es wünscht, sogar ganze Häuser
+mit Stallung und allem Zubehör. Man braucht nur durch die Straßen
+des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wünscht, überall
+erblickt man angeschlagene Zettel an den Häusern, welche Wohnungen
+zur Miete ausbieten, so daß bloß die Wahl unter so vielen den Fremden
+in Verlegenheit setzen kann.
+
+Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande,
+angesehene Landhändler oder Handwerker, Witwen von beschränktem
+Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste,
+dem Fremden jede mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen.
+Gewöhnlich übernimmt es auch die Haushälterin oder die Frau
+vom Hause, für Reinlichkeit der Zimmer und für die Küche zu sorgen,
+so daß man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch
+in seinen vier Pfählen befindet.
+
+London in aller seiner Größe, seiner Pracht und seiner Individualität
+ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen
+fühlen; auch wäre es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgängern
+ein sehr überflüssiges. Nur das, was wir während unseres Aufenthaltes
+einzeln sahen und aufzeichneten, können wir dem Leser hier geben,
+kleinere Züge zu dem großen Gemälde liefern, welches andere
+vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch
+in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen.
+
+
+
+Ein Gang durch die Straßen in London
+
+
+[Fußnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt
+vor der Einführung der Gasbeleuchtung um 1807.]
+
+Man erzählt von einem der unzähligen kleinen vormaligen Souveräne
+des weiland Heiligen Römischen Reichs: er habe, da er spät abends
+in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren
+illuminiert. Wäre er bei Tage durch die volkreichsten Straßen
+der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen,
+er hätte ebenso leicht meinen können, ein allgemeiner gefährlicher
+Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung.
+
+Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff
+machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte
+des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fußgänger auf den
+an beiden Seiten der Straßen hinlaufenden, etwas erhöhten Trottoirs.
+Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris
+können hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser
+zu Fuß als in London, sobald man sich in die Art und Weise
+der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewährt den Fremden,
+besonders den reisenden Damen, einen großen Vorteil, um alles zu sehen
+und zu bemerken. Wenn man wie in anderen großen Städten immer
+in seinem Wagen festgebannt bleiben muß und keinen Schritt
+gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Hälfte kennen; auf den
+schönen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich
+fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz günstig wäre.
+In den Hauptstraßen sind diese breit genug, um sechs, acht und
+mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen
+winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem,
+weil die Fußpfade dort auch schmäler sein müssen. Fremde kommen
+indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen ähnlichen Stadtviertel,
+wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben
+und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden.
+
+Die prächtigen Läden, die Ausstellungen aller Art trifft man
+größtenteils in den breiten Straßen, welche gleichsam das Mittel
+halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren,
+nur genießenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Engländer,
+immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen,
+erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stoßen und Drängen.
+Den Damen und überhaupt den Respektspersonen läßt man immer die Seite
+nach den Häusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen.
+Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie führende
+Londoner, so oft man eine Straße durchkreuzt hat, ihren Arm losläßt
+und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald
+wird man von dem Nutzen dieser Nationalhöflichkeit überzeugt.
+Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen
+her durcheinander drängen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht
+zu erhalten als auf den Fußpfaden. So breit die Fahrwege auch
+im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung,
+die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen,
+der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick
+gewährt; nur muß man dem Lärmen gelassen aus dem Fenster zusehen können.
+
+Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen
+Plätzen bereit, und dennoch ist's oft unmöglich, einen zu finden,
+wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fürchten vielleicht
+den Regen nicht so sehr als die Londoner; naß werden ist ihnen
+eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen,
+eilt alles, was keinen Regenschirm führt, sich in einer Kutsche
+zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet
+selbst jene große Anzahl noch bei weitem nicht zulänglich.
+
+Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anständig aus und würden
+in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren;
+nur das Stroh, womit der Fußboden belegt ist, macht sie unangenehm.
+Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt,
+daß sie täglich über zwölf Stunden auf dem Pflaster bleiben.
+Auch werden sie möglichst gut verpflegt; sowie sie einen
+ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher
+einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer
+um, aus welchem sie sich gütlich tun. Die Polizei hält strenge
+Aufsicht über die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher,
+der sich beigehen ließe, die festgesetzten, sehr billigen Preise
+zu überschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen
+die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder vorübergehende,
+der Sache kundige Engländer wird dann sein Richter und hält streng
+auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht
+kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, wäre man auch ganz
+allein, und trüge man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich;
+wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer
+des Wagens so bemerkt, daß es der Kutscher gewahr wird.
+
+Von der Pracht der Läden und Magazine ist schon vielleicht
+zum Überfluß viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden
+mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben.
+Die kostbaren glänzenden Ausstellungen der Silberarbeiten,
+die schönen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche
+mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter großen
+Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer
+der Glasmagazine, alles blendet und reizt.
+
+Aber auch viel geringere Gegenstände werden auf eine dem Auge
+gefällige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengießer
+zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern
+aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren
+ihre Läden mit großen gläsernen Vasen, angefüllt mit Spiritus
+oder Wassern in allen möglichen schönen und glänzenden Farben;
+dazwischen prangen große künstliche Blumensträuße. Abends,
+wenn hinter allen diesen farbigen Gläsern Lampen brennen,
+schimmern diese Läden wie Aladins Zaubergrotte.
+
+Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen großen
+Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der
+königlichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in
+zierlichen Körben, mit Blumen und Orangerien geschmückt, prangen. Die
+Kuchenläden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige
+kleine Törtchen, heiß von der Pfanne weg, zum Frühstück einzunehmen,
+präsentieren sich auch recht hübsch. Alles, was Kuchenbäcker und
+Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiß
+behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Liköre, Dragées von
+allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns
+wieder die Kupferstichläden, in welchen täglich neue Gegenstände
+dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, öfter Erguß satirischer Laune
+oder Porträts berühmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer
+umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmöglich,
+vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust
+festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhändler gewähren ebenfalls
+täglich neuen Genuß. Bald sind es Neuigkeiten, bald schöne
+Prachtausgaben älterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke,
+sogenannte Stationers, die mit allen möglichen, zum Schreiben und
+Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen täglich tausend neue Dinge,
+uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche,
+Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Läden
+Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmäßigsten Mappe an
+bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern
+Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge
+blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schönen Arbeiten dem
+Publikum vor's Auge; gewöhnlich sind's sehr ähnliche Porträts bekannter
+Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein
+eigenen wertes Ich so täuschen vervielfacht zu sehen.
+
+Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhält, welche
+an den Häusern mit vollkommen schön gezogenen goldenen Buchstaben
+glänzen. Welche Mengen Bedürfnisse, die der genügsame Deutsche
+kaum kennt! Besonders fällt es auf, daß die königliche Familie
+so viele Kaufleute und Handwerker beschäftigt. Aber jeder derselben,
+bei dem einmal zufällig für ein Mitglied des königlichen Hauses
+gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal
+so glücklich war, für einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht,
+sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu rühmen und die Gunst
+des Augenblicks für dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name
+eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses
+am Strand mit dem prächtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty,
+the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestät der Königin. Gewiß ein Titel,
+der noch auf keiner Hofliste gefunden ward!
+
+Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewühl
+der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles
+auf bequemes, ruhiges Genießen; kein rauschender Erwerb,
+kein Gedränge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint
+einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen.
+
+Die Magazine und Läden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus
+verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schöner, moderner,
+eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel
+seine Waren im Laden, hübsch aufgeputzt, und nimmt in seiner
+an denselben stoßenden, reinlich möblierten Stube das Maß,
+wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes,
+mit Diwan, köstlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmücktes
+Boudoir zu diesem Zweck geführt, und schwerlich würde der Artist
+einen Fuß berühren, der nicht aus einer Equipage gestiegen wäre.
+Dafür kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem
+Maßstabe geht alles.
+
+Nichts ist schöner als die großen Plätze in diesem Teile von London;
+zwar umgeben sie keine Paläste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige,
+aber schöne große Häuser, alles solid und prächtig. Dazu die
+hübschen Boskette in der Mitte der Plätze, zu welchen jeder Bewohner
+der umliegenden Häuser für eine Guinee einen Schlüssel haben kann.
+
+Glänzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren
+und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedränge, ohne Lärm
+Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk
+kennen zu lernen, kehrt bald gern zurück aus diesem vornehmen
+Quartiere, wo es wie überall in der großen Welt zugeht,
+und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen
+Stadt London auf.
+
+
+
+Bettler
+
+
+Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straßen wenig gewahr,
+dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltätigkeit
+anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein,
+dem anderen ein Arm; aufeinander gestützt schwankten sie durch
+die Straßen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden,
+klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte
+ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede
+und belohnte es gern mit einigen Pence.
+
+An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Straße zu gelangen,
+die Trottoirs verlassen und über den Fahrweg gehen muß,
+stehen immer Leute, die geschäftig einen reinlichen Fußpfad kehren,
+der freilich alle Augenblicke durch darüber rollende Wagen wieder
+zerstört wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage:
+ob man nicht einige einzelne Pfennige führe? Und auch ohne diese
+gibt man ihnen gern.
+
+An wenigen betretenen Plätzen, besonders im ruhigen Teile
+der Stadt, sieht man oft Männer, die mit Kreide auf den breiten
+Quadersteinen der Trottoirs wunderschöne kolossale Buchstaben
+malen, Namen, Sentenzen, Sprüche aus der Bibel. Der Vorübergehende
+steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert
+mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute,
+die eine so schöne Hand schreiben, so tief in Armut versinken können.
+Auf dem festen Lande müßte jeder dieser Bettler als Schreibmeister
+oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmöglich,
+etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift.
+
+Besonders merkwürdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir
+täglich in den volkreichsten Straßen der City begegneten.
+Man hielt sie allgemein für eine durch verschuldete oder unverschuldete
+Unglücksfälle so tief gesunkene Schwester der berühmten Schauspielerin
+Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser
+in ihren Zügen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick
+und Miene, nur älter, blaß und wie versteinert durch lange Gewohnheit
+des Unglücks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Härte gegen
+ihre unglückliche Schwester, denn alle, welche diese Frau
+für solche ausgaben, fügten hinzu: sie nähme nichts von ihr an
+und wolle nun einmal bloß von fremdem Mitleid ihr Leben fristen.
+Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer
+einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging,
+daß man nicht dessen Züge hätte bemerken können; ein grünwollenes Kleid,
+eine schneeweiße große Schürze und ein ebensolches Halstuch.
+Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestützt auf zwei Krücken,
+langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr
+mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit
+eines großen, ungekannten Unglücks. Sie forderte nicht, sie bat nicht,
+aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten,
+jeder fühlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war,
+als müsse man ihr danken, daß sie die gebotenen Gabe nur nahm.
+Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Königin nahm sie
+das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst
+hat sich diese auffallende, große Gestalt, diesen weiblichen Belisar,
+möchten wir sagen, oft zum Vorbild gewählt. In allen Kupferstichmagazinen,
+bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend ähnliches Bild,
+denn diese Züge drückten sich leicht der Phantasie ein.
+
+
+
+Wohnungen in London
+
+
+Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London.
+Da der Eigentümer eines Hauses sich hier großer Vorzüge im bürgerlichen
+Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus
+entsteht dann, daß London fast aus lauter kleinen Häusern zusammengesetzt
+ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch für sich allein
+wohnen; dies verengt den Platz ungemein.
+
+In Paris, möchte man sagen, schweben vier Städte übereinander;
+in London macht jeder Anspruch auf sein Plätzchen auf Gottes Erdboden,
+und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln
+sehr beschränkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich
+bei der Kleinheit der Häuser wenig Bequemlichkeit darbieten.
+An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewöhnlichen bürgerlichen Häusern
+nicht zu denken; selten, daß man zwei aneinanderstoßende findet,
+selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthält
+gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach
+dem oft engen Hofraum zu. Überall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer.
+Die Küchen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht,
+die Türen alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustüren als
+die in den Zimmern. Jene sehen bei größeren Gebäuden oft nur wie
+eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Flügeltüren.
+Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwände zwischen denselben
+dagegen sehr breit. Die schönen Teppiche aber, die selbst
+bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fußböden der Zimmer,
+sondern auch Treppen und Vorplätze von der Haustüre an bedecken,
+die zierlichen Möbel, das schöne Mahagoniholz mit seinem bescheidenen
+Glanze, die Reinlichkeit überall, geben diesen kleinen Wohnungen
+einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und
+ist es auch.
+
+Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen
+geschmückt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer;
+schöne Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fußnote: Josiah Wedgwood
+(1730-95); Schöpfer der englischen Tonwarenindustrie. Berühme
+Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims;
+der stählerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel
+und alles Metallgerät glänzen hell poliert; Kupferstiche schmücken
+die Wände, schöne Vorhänge die Fenster. Nichts in der Welt ist
+gemütlicher, als ein englisches Wohnzimmer.
+
+Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen.
+Die englischen Bettstellen sind alle sehr groß. Drei Personen
+fänden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein
+zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstände das Bett
+miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes
+eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmädchen mit sich
+zu Bette, denn die Engländerinnen fürchten sich nachts allein
+in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran
+gewöhnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten
+von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch,
+doch sind Matratzen gewöhnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie
+Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut.
+
+
+
+Lebensweise
+
+
+Der größte, fleißigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker
+und Ladenhändler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet),
+führt im Ganzen ein trauriges Leben. Die großen Abgaben, die Teuerung
+aller Bedürfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus
+in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind,
+zwingt sie zu einer großen Frugalität, die in anderen Ländern
+fast Ärmlichkeit heißen würde.
+
+Ewig in den Laden und an die daran stoßende, oft ziemlich dunkle
+Hinterstube gebannt, müssen sie fast jedem Vergnügen entsagen.
+Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum
+daß die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse
+zweimal im Jahre hinkommt.
+
+In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns,
+sie hätten seit zehn Jahren keine anderen Bäume als die von
+St. James Park gesehen. Die Woche über dürfen sie von morgens
+neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen;
+dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt
+dann in dem oben erwähnten Hinterzimmer und führt die Rechnungen.
+Sonntags sind freilich alle Läden geschlossen, aber die Theater auch,
+und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen,
+auszugehen, so muß die Frau vom Hause es hüten.
+
+Der größere, wirkliche Kaufmann führt ein nicht viel tröstlicheres
+Leben. Auch er muß in gesellschaftlichen und öffentlichen Vergnügungen
+weit hinter den reichen Kaufmannshäusern von Hamburg oder Leipzig
+zurückstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart.
+Die Frauen lieben mehr häusliche Zurückgezogenheit, sie sind
+an das rauschende Leben, an die vielen großen Zirkel nicht gewöhnt.
+Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichförmigkeit in ihrem Hause
+nicht derangieren. Die Männer hingegen suchen nach vollbrachten Geschäften
+die Freude gern auswärts, in Kaffeehäusern und Tavernen.
+
+Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den größten Teil
+des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr
+zierlichen, größeren und kleineren Landhäusern, die sie Cottages,
+Hütten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen.
+Hier genießen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft
+und erfreuen sich ganz gelassen und anständig, vielleicht etwas
+langweilig, des Lebens; während das Haupt der Familie den Tag in London
+auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden
+auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt.
+
+Von der Lebensweise der Großen und Vornehmen läßt sich nichts sagen:
+diese gehören in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich überall
+gleich, in Rußland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland.
+Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel,
+auf's höchste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie
+Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen
+so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht.
+Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich
+die Gelegenheit dazu künftig darbietet, im Vorübergehen das vielleicht
+Nötige erwähnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin,
+die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muß
+man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande
+ist sie noch zu finden.
+
+
+
+Ein Tag in London
+
+
+Wer spät zu Bette geht, steht spät auf, das ist in der Regel;
+daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer
+als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird.
+Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anständig gekleidet,
+versammelt sich dann die Familie in dem zum Frühstück bestimmten
+Zimmer, die Herren in Stiefeln und Überröcken, die Damen
+unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiß verhüllt bis ans Kinn,
+mit zierlichen Häubchen. Das Negligé ist der Triumph der Engländerinnen;
+mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die höchste Eleganz;
+der volle Anzug hingegen fällt of steif und überladen aus.
+
+Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches
+Familienfrühstück, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus
+für die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlängert
+sie gern. Auf dem hellpolierten, stählernen Roste lodert die stille
+Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter
+feucht ist. Das elegante Teegeräte steht in zierlicher Ordnung
+auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene,
+in Wasser schwimmende Butter, das weißeste Brot von der Welt,
+Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte,
+Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heiße Rollen,
+eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts,
+Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen,
+langsam am Feuer rösten, dürfen nie fehlen; letztere stehen
+in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel
+braust und siedet gesellig daneben.
+
+Mit allem diesem wäre aber dennoch das Frühstück ohne die neuesten
+Zeitungsblätter sehr unvollständig, sie sind ein Hauptstück dabei.
+Ein selten vermißtes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife,
+ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt;
+dies schmutzige Vergnügen wird der letzten Klasse des Volks überlassen;
+höchst ergötzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann
+oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen
+vier Pfählen daran.
+
+Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umständlicher,
+aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfältig
+mit heißem Wasser ausgewärmt, der Tee abgemessen, das heiße Wasser
+nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe
+den gehörigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee
+nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit
+einer feierlichen Ruhe, welche die Engländer gern ihren Mahlzeiten
+geben: denn sie mögen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen,
+außer den des gegenwärtigen Genusses. Nur die Zeitungsblätter
+machen beim Frühstück hiervon eine Ausnahme, und die Herren und
+Damen beschäftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische
+Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und
+Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten,
+frohe und traurige, erbauliche und skandalöse, wahre, halbwahre
+und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen.
+Daß bei solchen Fällen das Gespräch seltener stockt, als sonst
+wohl geschieht, ist natürlich.
+
+Nach dem Frühstück begeben sich die Männer an ihr Geschäft,
+ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel möglich
+wird den Vormittag über alle Arbeit abgetan, und trotz des späten
+Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fünf bis sechs Uhr
+zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht
+gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt.
+
+Viele Herren besuchen bald nach dem Frühstück ihr gewohntes Kaffeehaus,
+wo sie einen großen Teil ihrer Geschäfte abtun, eine Menge Briefe
+aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer;
+dorthin verlegen sie auch gewöhnlich ihre Zusammenkünfte
+mit Freunde, um über wichtige Dinge sich mündlich zu besprechen
+und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt
+auf ihrem erhöhten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt
+es mit pünktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persönlich
+kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur nämlichen Stunde
+einzustellen.
+
+Diese Gewohnheit, sich täglich an einem bestimmten Orte finden
+zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von großem Nutzen;
+eine Menge unnützer Gänge und viel sonst verlorene Zeit
+werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der häusliche Friede
+dabei, denn nächst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs
+liegt einer Engländerin nichts so sehr am Herzen, als die
+ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fußteppiche, und wie sehr
+ist für alles dies dadurch gesorgt, daß so manches außer
+dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung
+oder doch wenigstens Unruhe erregen müßte!
+
+Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschäft. Sie greifen zu
+den Morgenhüten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostüm,
+und selbst im Wagen würde es auffallend erscheinen, wenn sich
+eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen.
+Wäre sie auch in siebenfache Schleier gehüllt, alles würde
+sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends
+wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuß über die Straße
+zu gehen, sie wäre ganz verloren; unbarmherzig würde sie der Pöbel
+verfolgen, als hätte sie die größte Unanständigkeit begangen.
+
+Wohlversehen also mit großen Hüten, mit Halstüchern, Shawls,
+wandern wir nun aus, denn die Mode will, daß man sich in den heißen
+Stunden des Tages am sorgfältigsten verhüllt. Visiten haben wir
+nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten
+ist klein, man schränkt sich zum näheren Umgange auf wenige Häuser
+ein, wie in allen großen Städten. Das Visitenwesen wird in London
+überdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch
+haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie überall,
+unerläßlich; nur werden sie später als bei uns angenommen.
+
+Wir finden die Dame in dem glänzenden Schlafzimmer. Vor allem
+prunkt das große Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen
+und feiner Näharbeit verziert, mit grüner Seide gefütterte Draperie
+vom thronartigen Baldachin herab, so daß man die schönen Säulen
+von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt.
+Das Negligé der Dame ist über und über mit den teuersten Spitzen
+geschmückt und bekräuselt; alles ist fein und erlesen, alles
+zeigt Reichtum.
+
+Den Hauptgegenstand des Gesprächs gewährt die auf einem Seitentisch
+ausgestellte Garderobe des neuen Ankömmlings. Er selbst ist
+nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme,
+denn das Selbststillen der vornehmeren Mütter ist in England
+nicht so allgemein wie in Deutschland.
+
+Es gibt hier bedeutende Läden, wo nichts anderes verkauft wird
+als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren
+dieser Läden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch
+aufgehäuft. Selbst ein großes Nadelkissen in der Mitte ist nicht
+zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Größen
+künstliche Muster steckt, die einer schönen, reichen Silberstickerei
+gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht,
+denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergänglich, sie dienen
+nur zum Prunke.
+
+Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir
+weiter a Shopping, dies heißt: wir kehren in zwanzig Läden ein,
+lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt,
+kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon,
+ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute
+sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert
+werden; keinem fällt es ein, nur eine verdrießliche Miene darüber
+zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich
+aus dem Wagen zu bemühen, lassen sie sich den halben Laden
+in die Kutsche bringen, zur großen Beschwerde der Kaufleute sowohl
+als der Vorübergehenden auf dem Trottoir. Man erzählt, daß ein Trupp
+Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage
+den Weg versperrte, ohne Umstände einer nach dem anderen
+hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame höflich
+guten Morgen boten.
+
+Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von
+Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir
+es endlich müde sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen.
+
+Die Promenade im St. James Park könnte auch eine Abwechslung gewähren;
+doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist.
+Zwar fehlt es nie an Spaziergängern darin, aber nur bei sehr seltenen
+Gelegenheiten findet man sie so bevölkert, wie es die Terrassen
+der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der müßigen Männer
+weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen
+nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen
+sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor.
+
+Die Kuchenläden, deren wir früher gedachten, liegen, gleich anderen,
+frei und offen unten an der Straße; daher können Damen recht
+anständig allein dort einkehren. Nur in dem berühmtesten aller
+Etablissements, bei Mr. Birch, in der Nähe der Börse, geht dies
+wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne männliche Begleitung
+blicken lassen.
+
+Das nicht sehr geräumige Frühstückszimmer befindet sich hinten
+im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts
+wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne
+draußen noch so hell schiene; die übrige Einrichtung des Zimmers
+ist anständig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man
+Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewöhnlich schweigend
+ihre Schildkrötensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen
+verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet;
+aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein,
+und nun vollends die Schildkrötensuppe, darüber geht nichts.
+Nirgends weiß man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner.
+Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen
+das von Madeirawein und Cayennepfeffer glühende, uns Zunge und Gaumen
+verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor
+als die Suppe selbst.
+
+Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen
+bloß mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit
+ein Vermögen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen,
+und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege,
+es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig
+und wie überall ein für allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt,
+ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt
+eine ungeheure Einnahme.
+
+Gegen fünf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die nötige Toilette
+vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen,
+aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubrächten,
+so wäre es doch höchst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhört,
+im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Männer ziehen den Börsen-Rock
+aus und mit ihm alle Gedanken an Geschäfte, um in einem eleganteren
+Anzuge zu erscheinen.
+
+Schön und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben
+zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen
+nicht sowohl die große Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier
+von allen geselligen Zusammenkünften durchaus unzertrennliche Etikette,
+welche einen solchen Tag für die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau
+zu einer schweren Last macht. Daher werden gewöhnlich solche Dinners
+nur durch äußere Anlässe herbeigeführt, wie etwa die Gegenwart
+von Fremden, denen man die Ehre antun zu müssen glaubt. Sonst
+führt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als daß
+er ihn bei sich aufnimmt, dort tête a tête, oder in einem größeren,
+doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik
+und lustigen Gesprächen gütlich. Zu Hause ängstigt sie die Gegenwart
+der Frauen, denen man zwar die größte Hochachtung im Äußeren
+aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb
+gern so viel möglich aus dem Wege geht.
+
+Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir
+die Gesellschaft versammelt; es faßt höchstens zwölf bis vierzehn
+Personen. Nach den herkömmlichen Begrüßungsformeln nehmen die Damen
+zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstühlen Platz, die Herren
+wärmen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise.
+Schläfrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben
+und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer
+ertönt. Dies liegt oft eine Treppe höher oder niedriger als
+das Besuchszimmer, weil, wie wir schon früher bemerkten, die Wohnungen,
+selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geräumig und bequem sind.
+
+Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Gläser. Servietten
+gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Engländer so viel
+reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit
+fand man sie nur in Häusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten.
+Das Tischtuch hing damals und hängt auch noch wohl jetzt, wenn man
+en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann
+nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns
+die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen
+Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenüber unten am Tisch,
+die Gäste nehmen auf gewöhnlichen Stühlen zu beiden Seiten Platz,
+so viel möglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen
+vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche
+zum ersten Gange gehören, stehen auf der Tafel.
+
+Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer;
+wir gehören nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch,
+vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser
+halb gar gekochten Gemüse, den Hasen und Rebhühnern, die, wie alle
+anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloß in ihrer eigenen
+Brühe zubereitet werden.
+
+Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewürzte,
+übrigens ziemlich dünne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen
+namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens
+von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gäste
+ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine große Verlegenheit
+für den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache
+sonst ziemlich mächtig ist, dennoch unmöglich alle diese technischen
+Ausdrücke wissen kann. Er muß Rede und Antwort von jeder Schüssel
+geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Brühe oder
+ohne Brühe, welchen Teil vom Geflügel, vom Fisch, ob er es gern
+stärker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft
+die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done,
+wörtlich übersetzt heißt das: viel getan oder wenig getan.
+
+Diese Fragen ertönen von allen Seiten des Tisches zugleich,
+denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause
+im Vorlegen der Schüsseln. Alle werden nach der Suppe zugleich
+serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen
+aus einem großen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder
+dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich wäre,
+so aber dem Fremden fast ungenießbar bleibt, aus Puddingen,
+Gemüsen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Geflügel,
+ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Brühe gedämpft,
+geröstet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht
+daran gespart. Hat man über eine solche Schüssel einen dünnen,
+trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel
+einer Pastete.
+
+Die halbrohen Gemüse müssen ganz grün und frisch aussehen,
+erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben
+geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit,
+sie sind vortrefflich, bloß in Wasserdampf gekocht. Die Puddings
+aller Art wären auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur
+aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts,
+der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst,
+in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen.
+Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemüse,
+Mais, unreife Walnüsse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem
+Essig und vielem Gewürze eingemacht, sind vortrefflich.
+
+Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen,
+die hier im Großen fabriziert und verkauft werden, treibt London
+einen großen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Öl
+und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gäste da,
+sowie auch immer für zwei Personen ein Salzfaß.
+
+Der Salat wird von der Dame vom Hause über Tische mit vieler
+Umständlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht
+aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blätter schmal,
+aber wohl eine halbe Elle lang sind; außer England sahen wir
+sie nirgends, dafür aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt.
+Unermüdet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gästen an;
+dafür müssen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und
+versichern, sie hätten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder
+Hammelfleisch gesehen, und es wäre auch alles ganz vortrefflich
+zubereitet.
+
+Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen,
+noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen
+wir betäubt und ängstlich von alledem wunderlichen Wesen;
+plötzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet
+eine Dame, und aus Höflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis,
+ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen,
+ob sie weißen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe?
+Denn die französischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst
+zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme
+wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Gläser Wein von der bestimmten
+Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend,
+sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre
+gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Gläser
+aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile tönt dieselbe
+Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie
+wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame
+und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat.
+Keine kleine Aufgabe für die, welche des starken Weins ungewohnt sind.
+Abschlagen darf man es niemandem, das wäre beleidigend;
+obendrein muß man noch mit dem ersten Glase den Wunsch für
+die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens
+durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand
+der anderen Gäste uns diese Ehre erzeigt. Es wäre die höchste
+Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte,
+sie muß warten, wäre sie auch noch so durstig, doch bleibt
+die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren müssen sich
+zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber
+die Erlaubnis, sich mit anzuschließen, wenn er vorher geziemend
+darum anhält.
+
+So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken,
+mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt,
+vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespräch kann aufkommen,
+es wird sogar für unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht,
+eines aufzubringen; der Herr des Hauses fährt gleich mit
+der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen,
+nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin
+nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden können
+sich nicht genug vor zu großer Lebhaftigkeit des Gesprächs hüten;
+es gehört hier gar nicht viel dazu, um für ungeheuer dreist,
+monstrous bold, zu gelten.
+
+Ist der erste beschwerliche Akt des Essens überstanden, so wird
+der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfältig vom Tischtuch abgekehrt,
+und es erscheinen verschiedene Arten von Käse, Butter, Radieschen
+und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloß mit Salz
+zum Käse gegessen.
+
+Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz.
+Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schön geschliffenes Kristallbecken
+voll Wasser zum Spülen der Zähne und zum Händewaschen und eine
+kleine Serviette; man verfährt damit, als wäre man für sich allein
+zu Hause. Die ganze so beschäftigte Gesellschaft erinnerte uns oft
+an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontänen
+sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, große Zierlichkeit
+im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen;
+die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke.
+
+Nach dieser Reinigungszeremonie ändert sich die ganze Dekoration.
+Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und
+der schöne, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glänzt uns entgegen.
+Jetzt werden Flaschen und Gläser vor den Herrn des Hauses hingestellt,
+das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhält ein kleines Couvert
+zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewürfeltes oder ganz rotes,
+viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht
+entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst
+wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte
+vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht,
+sauer und halbreif. Haselnüsse, die Lieblingsfrucht der Engländer,
+welche sie Jahr für Jahr knacken, fehlen nie dabei, süße Konfitüren
+und Bonbons sind wenig im Gebrauch.
+
+Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder
+schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat,
+viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben,
+und bei jedem Toast muß das Eingeschenkte ausgetrunken werden.
+Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloß
+ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus,
+er läßt seine Freunde leben, die sich denn wieder durch
+ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren;
+die königliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen.
+Einige der Gäste geben Sentiments zum besten, das heißt, kurze Sätze,
+die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win
+a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen,
+und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden
+beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt.
+
+Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen,
+die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hört.
+Bald nachdem man dem König die gebührende Ehre erzeigt hat,
+erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer
+kleinen Verbeugung gibt sie den übrigen Damen das Signal,
+alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Führerin
+zur Tür hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tête à tête allein essen,
+geht Madame fort und läßt den Eheherrn allein hinter der Flasche.
+Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt.
+
+Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter
+um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich
+allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spaß, den sie
+während unserer Gegenwart mühsam zurückhalten mußten. Ihr lautes
+Sprechen und Lachen verkündet dem ganzen Hause, daß ihnen
+gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns?
+Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gähnen mit
+geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns
+einigermaßen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft
+wäre auch unerhört, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald
+durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier
+und sind allesamt des Lebens herzlich müde. Wie gern schliefen
+wir ein! Aber das schickt sich nicht.
+
+Endlich ist eine Stunde so jämmerlich hingeschlichen. Wir haben
+vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so
+gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener
+hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefällt,
+und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend
+wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer
+dadurch ein Ende, daß sie die Herren zum Tee bitten läßt.
+
+Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks
+sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann
+oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zögern, sie kommen doch,
+die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre
+sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten
+keinen gesehen.
+
+Die Dame macht jetzt den Tee sehr umständlich. Die Fragen,
+wie man ihn findet, wie man ihn wünscht, ob süß, ob mit viel Milch
+oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Häusern
+wird er draußen serviert und vom Bedienten herumgereicht;
+doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies
+lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so
+ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter,
+dünner Kaffee geboten.
+
+Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen
+die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen,
+die Damen sind müde und sprechen überhaupt wenig, es wird selten
+ein munteres, erfreuliches Gespräch daraus. Nach dem Tee fährt man
+nach Hause, denn für's Theater ist's zu spät, oder man bleibt
+zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist.
+
+Whist ist das einzige übliche Spiel in Gesellschaft;
+von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, daß man
+nur Partie Simple oder Double zählt, kein Tripel oder Quadrupel.
+Auf diese Weise kann man höchstens sieben Points in einem Tobber
+verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger.
+Die Karten sind sehr teuer und groß, aber ungeschickt. Dies ist wohl
+das einzige Fabrikat, in welchem die Engländer anderen Nationen
+nachstehen. Kartengeld ist nicht gebräuchlich, ebensowenig Trinkgeld
+an die Bedienten.
+
+Daß die Engländer sehr gut, sehr ernst und schweigend dies
+ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, daß keineswegs
+die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat,
+wie hoch seine Gäste spielen sollen. Dieser Taxe muß man sich
+ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will.
+Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere,
+die vernünftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten,
+daß er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er
+zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten.
+
+Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen
+von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell
+abgetan. Froh, das Vergnügen des Tages überstanden zu haben,
+fährt man spät nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen
+wimmelnden Straßen nach Hause. Alle Läden sind noch offen
+und erleuchtet, die Straßenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne
+wieder scheint.
+
+Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkünfte, welche die erste Klasse
+des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren,
+aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat.
+Sie heißen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland.
+Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee
+einer auf Unterzeichnung gegründeten Zusammenkunft an einem
+öffentlichen Orte.
+
+Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein.
+Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt,
+und zwar ungefähr dreimal so vielen Personen, als das Lokal
+gemächlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, daß man zu
+einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewöhnlichen
+haben muß, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer
+Zimmer enthält.
+
+Um zehn Uhr, oft noch viel später, fängt man an, sich zu versammeln,
+drängt sich durch, um die Wirtin zu begrüßen, die gewöhnlich unfern
+der ersten Tür im Zimmer Posto gefaßt hat, und nimmt dann Platz
+an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedrängt
+den ganzen Raum erfüllen. Tee und andere Erfrischungen werden
+herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen können. Wird es
+zuletzt so voll, daß niemand mehr atmen kann, daß vor allgemeinem
+Geräusch kein Wort mehr zu verstehen ist, daß es an Stühlen und
+Raum fehlt, welche zu stellen, ja, daß die zuletzt Kommenden
+auf Treppen und Vorplätzen stehen bleiben müssen, so hat das Vergnügen
+seinen Höhepunkt erreicht.
+
+Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknäuel
+langsam, wie er anschwoll. Man fährt nach Hause und hat einen
+deliziösen Abend im großen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause
+zieht sich in ihr Zimmer zurück, zwar betäubt vom Lärm,
+wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und
+allen Begrüßungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewußtsein,
+die höchste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben.
+
+
+
+Sonntag
+
+
+Welch ein Tag für die arbeitende Klasse auf dem festen Lande!
+Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt,
+wo sie nach sechs mühevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich
+gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen
+schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule,
+dann können sie frei und frank herumlaufen und spielen nach
+Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten öffnet sich
+ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke.
+
+Von den Vornehmen in den Städten haben freilich viele alle Tage
+Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist für alle Stände der Tag
+des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude,
+geselligen Vergnügens und vor allem Familienzusammenkünften geweiht.
+Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint,
+mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und wäre es nur die,
+einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche
+alle Abende bei der Arbeit war.
+
+Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpönt,
+an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Läden,
+alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie,
+mit der man hier für die Heilighaltung des Sabbats wacht, übertrifft
+noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen,
+aber das Vergnügen erlauben.
+
+Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit
+fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschänder und schreckliche
+Sünder abgekanzelt und in allen öffentlichen Blättern mit Schmähreden
+überhäuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben,
+und weil es bisweilen vorkam, daß die Gesellschaften, welche sie
+sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz
+und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten,
+ehe er noch recht erschienen war.
+
+"Ist's wirklich wahr, daß man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?"
+hörten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags,
+wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!"
+seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu,
+"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt",
+und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen
+doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um
+viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurück. "God bless us all",
+Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags
+(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute
+nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich
+über den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber
+zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und
+hatte die schrecklichste Langeweile, während die Herren bei der Flasche
+wie angemauert blieben.
+
+Der echte Engländer teilt den Tag zwischen öffentlichem Gottesdienst,
+häuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit,
+welche ihr die Andacht übrig läßt, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu
+und läßt den lieben Nächsten eine etwas scharfe Revue passieren,
+denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar übel daran,
+seit man eigene Schulen für die Sonntagabende errichtet hat,
+in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag über
+zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose
+Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten müssen.
+
+Aber wie noch erbärmlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden!
+Sie öffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein
+und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch,
+da kommt ein Besuch, sieht, daß Sie einer weltlichen Lektüre sich
+überließen, und hält Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede.
+Ärgerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken,
+ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Pöbel vor dem Hause,
+mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu,
+welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrückt,
+als kurz vorher. Beschäftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer,
+so äußern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu,
+wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie
+mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen,
+so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim nächsten Friedensrichter
+zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht.
+
+Was fängt man aber mit dem Tage an, der zweiundfünfzigmal im Jahre
+wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter
+es erlauben, und achtet's nicht, daß die Wegegelder am Sabbat doppelt
+erlegt werden müssen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter,
+faßt man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht.
+
+
+
+
+ÖFFENTLICHE VERGNÜGUNGEN
+
+
+
+Theater
+
+
+Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen,
+welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebärde.
+Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer
+zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und
+untrügliche Kennzeichen.
+
+Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und
+angeeignete Unterschied der Nationen großen Einfluß. Kein Niederländer
+malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle müssen
+ihrer Nationalität treu bleiben. Die Gestalten, die Gebärden,
+der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen,
+prägen sich uns mit unauslöschlichen Zügen ein. Wir können nur
+wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen
+liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern,
+die man für ihre Stifter erkennt.
+
+Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalität noch deutlicher
+hervor, und wäre es möglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne
+daß man ein Wort davon hörte, so müßte doch der kundige Beobachter
+gleich entscheiden können, ob er ein englisches, französisches oder
+deutsches Theater vor sich sähe. Alle drei können in ihrer Art
+vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden mißfallen.
+Denn dieser, mit der Individualität der Nationen noch nicht bekannt
+genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Maßstabe
+messen. Nur nach und nach wird er entdecken, daß das, was ihm zuerst
+widerwärtig, unnatürlich, übertrieben erschien, dennoch treu, wahr
+und bewundernswürdig ist.
+
+Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes,
+abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen
+keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Künstler wir auch
+aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, begünstigt durch
+ein Zusammentreffen vieler seltener, außerordentlicher Umstände,
+war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch
+zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzüglichsten
+Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils
+zum Ganzen, der Vollkommenheit näherten.
+
+Daß der deutsche Schauspieler allen alles sein muß, ist ein Unglück;
+dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden für das
+seiner Persönlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London
+ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine
+Individualität ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger
+genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu
+gehört, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen.
+Kein vollendeter Künstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung
+und Studium gehören dazu, um das große Talent auszubilden;
+oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt.
+In Frankreich und England erkennt man dies und läßt sich lieber
+willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung täuschen, als daß man
+den höchsten Genuß, den die Kunst gewähren kann, verschmähte,
+weil der Künstler einige Jahre zuviel zählt.
+
+Der vorzügliche deutsche Schauspieler ist in Gebärde, Ton,
+Deklamation und Stellung bei weitem der gemäßigste, weil Maßhalten
+und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen
+unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns
+übertrieben erscheinen. Ebenso wird der westfälische Bauer gewiß
+glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen,
+wenn jener ihm bloß nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet.
+
+Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes
+ein vollendetes Kunstwerk, so hat die französische Tragödie
+vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort.
+Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Verstoß
+gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des
+sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt,
+binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide dürfen sich nur
+in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise mühevoll
+hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt
+Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Frösteln,
+das wir ungern Langeweile nennen möchten, bemächtigt sich unser.
+Die Stellungen der berühmtesten Schauspieler, schön und kunstreich,
+wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren,
+die wir auch auf den französischen Gemälden finden, und von denen
+es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien.
+Der Geist der Tragödie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher
+alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer über Sterbliche
+verhängen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall,
+widerstrebt der höheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation.
+Alles wird bloß durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hörte man
+einen auf das kunstreichste gebildeten Sänger, dem aber die Natur
+eine sonore Stimme versagte. In der höheren Komödie hingegen
+steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben,
+Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen,
+welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet.
+
+Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte.
+Keine Regel beschränkt den Dichter, keine den Schauspieler.
+Ungebunden überlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht
+dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene,
+Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle möglichen Motive.
+Wie schwer es sei, von dieser unbeschränkten Gewalt den rechten Gebrauch
+zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragödien; nur Shakespeares
+Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da,
+das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und drängt sich
+unermüdet zu seinen Meisterwerken.
+
+Die englische Komödie gibt ein treues, oft etwas überladenes Bild
+des häuslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden,
+der Lächerlichkeiten, die man in den verschiedenen Ständen trifft.
+Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren,
+besonders ihrer Dialekte, erhöhen das Komische derselben und
+werden mit vieler Treue dargestellt.
+
+Charakter-Komödien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen,
+in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste
+Detail herausgehoben wird, kennt der Engländer nicht. Dafür wimmeln
+alle Stücke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen,
+die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die stärksten
+Züge ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft überall
+im geselligen Leben die Urbilder dazu an.
+
+Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir
+uns auch zuweilen in Deutschland ergötzen, ist dieses schon der Fall;
+Ähnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so
+mit fremden Zügen überladen, als man im Auslande wohl glaubt.
+
+So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Männern
+und Frauen gemischt sind, auf Dezenz hält, so nachsichtig ist man
+in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben
+jedes nur von fern ihr Zartgefühl beleidigende Wort empört,
+sehen Szenen an, von denen jede Französin sich zürnend wegwenden würde
+und die gewiß das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen
+aufnähme.
+
+Der englische Tragiker spielt natürlicher als der französische,
+feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und überschreitet
+oft die Grenze des Schönen. Der wütendste Ausdruck des Leidens,
+selbst der laute Schrei körperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen
+des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird
+dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die höchste Kunst
+zu sehen glaubt und mit gesträubtem Haare dann am lautesten in
+Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert.
+
+Die Größte des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, überlaut
+zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose
+will für seine Sixpence so gut alles hören und vernehmen als die
+vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach
+die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler
+macht. Dieser muß daher mit der äußersten Anstrengung jedes Wort,
+jede Silbe abstoßend betonen. Bei den mittelmäßigen Künstlern
+bringt dies eine sehr unangenehme, oft lächerliche Wirkung hervor;
+nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Mühe diese Schwierigkeit
+zu bekämpfen.
+
+Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor,
+welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalität Bezug haben,
+und von denen sie voraus wissen, daß das Publikum sie jedes Mal beklatscht.
+Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden
+während einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit
+tritt später wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler
+seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlängliche Pause
+für den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen,
+so daß das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum
+das Akkompagnement liefert.
+
+Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton,
+ohne große Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes
+Pathetisches, das sich nicht beschreiben läßt; bei etwas Aufmerksamkeit
+aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft
+gehobenen Gespräch. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie;
+jede Sprache hat die ihrige.
+
+Im Komischen, besonders im Possenspiel, übertreffen die Engländer
+vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst
+dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergötzlicher.
+Die Späße sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit
+und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige
+Schauspieler, zum Beispiel Munden [Fußnote: Joseph, beliebter
+Komiker, von der zeitgenössischen Kritik jedoch als Grimassenschneider
+einschränkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus
+erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten
+Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen
+für unanständig hält und dem Gebildeten höchstens nur ein Lächeln
+erlaubt. Hier siegt die Natur, unterstützt von der Kunst, und Regel
+und Zwang sind vergessen.
+
+Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar,
+und der Engländer findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatürlich.
+Das Volk liebt überhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen
+als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an
+guten Sängern und Sängerinnen, um sie für ein englisches Ohr
+ganz angenehm aufzuführen.
+
+
+
+Das englische Publikum im Theater
+
+
+Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt.
+Wie es despotisch über die bretterne Welt herrscht, davon
+hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht,
+wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist.
+
+Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche
+Publikum von seinen Lieblingen gefallen läßt, wünschten wir
+diese nur auf wenige Monate auf die englische Bühne, damit sie
+erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht.
+
+Im Ganzen läßt sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus
+nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede
+Vernachlässigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet;
+nur gegen Debütierende zeigt man große Nachsicht und muntert sie
+auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, daß wir nie einen
+Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt hätte.
+Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten
+ist gänzlich von der Bühne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen,
+stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig
+für sich nachlesen und dem Schauspieler notdürftig zu Hilfe kommen,
+wenn diesen einmal sein Gedächtnis verläßt.
+
+Wie überall, so hat auch hier der auf den höchsten Spitzen befindlichen
+Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie,
+welche diesen Erhabenen gefällt, muß zweimal, oft dreimal
+gesungen werden. Und ihnen gefällt vieles. Selbst die stolze Billington
+mußte in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie
+und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit
+im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und muß weggebracht
+werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler,
+inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter
+hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Lärm so arg, daß die
+Schauspieler das Theater verlassen müssen, bei der Wiederkehr
+werden sie mit Händeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhörten,
+fangen sie wieder an.
+
+Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kümmert sich
+niemand; die Hauptsache ist, daß jeder für sein Geld alles sehe
+und höre, was es zu sehen und zu hören gibt.
+
+Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam,
+wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem
+Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab
+Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang
+für das, was er war, gut genug und mit einer ganz erträglichen Stimme,
+dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil
+aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall
+und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schön machen,
+überstieg sich über seine Kräfte und warf mitten in einer Roulade
+förmlich um. Ein allgemeines Gelächter endigte für diesmal
+die Szene.
+
+
+
+Einrichtungen der beiden großen Londoner Theater in Hinsicht
+auf die Zuschauer
+
+
+Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es
+fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu früh
+für ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr
+und oft weit später noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen
+dauern so lange, daß jede nicht englische Geduld ermüden muß.
+Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun
+einmal nicht das Symbol der Engländer: überall lieben sie
+lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater.
+
+Jeden Abend müssen zwei Stücke gegeben werden, eines von fünf Akten
+und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzüge hat.
+Gewöhnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine
+kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen
+nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob übrigens das Nachtspiel
+zum ersten Stück passend gewählt ist, ob es nicht mit den durch
+jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert -
+dies kümmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Maß
+für sein Geld.
+
+Beide großen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind
+vom Monat September bis Ende Junius geöffnet, dann werden sie
+geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt
+an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten
+Benefiz-Vorstellungen für die älteren und besseren Schauspieler
+gegeben; sie gehören mit zu deren Gehalt. Dann währen diese
+Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut
+zu bewirten, schiebt man noch allerhand Sächelchen in die Zwischenakte ein,
+bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewöhnlich
+den hohen Zuschauern, müssen zwei- bis dreimal wiederholt werden
+und kosten viel Zeit.
+
+Die Logen sind sehr geräumig und so gebaut, daß man aus allen
+gleich gut sehen kann. Sie enthalten sämtlich mehrere Reihen Bänke,
+die sich übereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich,
+ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende
+des Hauses erstreckt.
+
+In allen Reihen Logen werden die Plätze gleich zu sechs Schilling
+bezahlt, das Parterre kostet etwas über die Hälfte. Über die Logen
+erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person,
+und hoch über der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen,
+wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzählten,
+gewöhnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge
+von ihren nächsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet,
+angefüllt mit Zuschauern, gewähren sie einen bezaubernden Anblick.
+Die Etikette will, daß alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen,
+wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen,
+besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame
+wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn
+oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen
+erscheint man in gewöhnlicher Kleidung mit großen Hüten, die aber
+ohne Widerrede abgenommen werden müssen, wenn es verlangt wird.
+Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen
+das Parterre. Es ist ein ganz anständiger Platz, nur muß man früh,
+oft vor Öffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden;
+denn kein Vorherbestellen findet dort statt.
+
+In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen,
+die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch
+ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die öffentlichen
+Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche für die ersten
+und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen
+sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen.
+
+Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Plätze,
+in welcher Reihe Bänke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges
+für sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten
+hinschicken, oder, was gewöhnlicher ist, einen Shilling bezahlen.
+Für diesen Preis wird jemand von dem Logenwärter hineingestellt.
+Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Plätze freigelassen,
+später hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemächtigten. Niemand
+darf für mehr Plätze bezahlen, als er braucht, und täte man es,
+mietete man auch eine ganze Loge, es würde nichts helfen.
+Der Engländer behauptet: niemand dürfe durch sein Geld einen anderen,
+der auch bezahlt, vom Genusse eines öffentlichen Vergnügens
+ausschließen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch
+in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst
+die königliche Familie muß ihre Loge vorher bestellen, die sich
+übrigens durch nichts von den übrigen unterscheidet und ohne Unterschied
+wie die übrigen besetzt wird, wenn niemand vom königlichen Hause da ist.
+
+Nach dem dritten Akt wird jedermann für den halben Preis hineingelassen;
+dieser Gebrauch ist sehr unangenehm für den besseren Teil
+der Gesellschaft. Mit großem Geräusche schwärmen dann jene Nachtvögel,
+die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle
+Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze
+in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich
+vorschriftsmäßig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus;
+deshalb gehen auch Damen nie ohne männliche Begleitung ins Theater,
+und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten
+Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden
+in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer
+von den Fällen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt,
+aus großer Höflichkeit unhöflich werden könnte.
+
+
+
+Drury Lane
+
+
+[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794
+und brannte 1809 wieder ab. Die Gründung des Drury Lane Theaters
+geht auf Thomas Killigrew zurück, der mit königlichem Patent 1662
+hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert
+und umgebaut wurde. Das Patent besagte, daß nur Drury Lane
+und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzuführen;
+daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Bühnen.
+Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble
+und Sarah Siddons, Drury Lane die Führung gegenüber Covent Garden
+verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan
+wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus
+eröffnet, das in wenig veränderter Form bis heute besteht.]
+
+Dieses Theater ist von innen eines der größten und schönsten
+in der Welt; die Außenseite desselben sahen wir nicht vollendet.
+In einem schwerfälligen Stil erbaut, wie fast alle öffentlichen Gebäude
+Londons, scheint es trotz seiner Größe von einem ungewöhnlich hohen
+Dache fast erdrückt zu werden. Dies Dach ist indessen für das Ganze
+von unschätzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke
+und übrigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es
+einen eisernen Vorhang enthält, der im Fall, daß während der Vorstellung
+Feuer auf dem Theater auskäme, sogleich herabgelassen wird
+und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfüllen, vor aller Gefahr
+sichert.
+
+Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthält
+vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fünfzig glänzende
+kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter
+sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert
+von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz
+gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet
+durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine.
+
+Die Dekorationen sind des Ganzen würdig; der hintere Vorhang derselben
+ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern
+zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist,
+den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere,
+schieben sich ineinander und werden so in die Höhe gezogen.
+So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle,
+keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat
+den Vorteil, daß die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschädigt
+werden, daß sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung
+kommen wie unsere Vorhänge, die uns oft in den friedlichsten Szenen
+ein Erdbeben vergegenwärtigen.
+
+Die glänzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich,
+wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane,
+besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr
+ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glänzte Mme. Jordan
+[Fußnote: Wilhelm, Herzog von Clarence, König Wilhelm IV. von 1830-37,
+hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Bühne
+gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre
+miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung
+vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht.
+Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas
+Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten
+trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.]
+hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich
+angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen
+Königs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer
+in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren ließ.
+Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau mußte man ganz vergessen,
+daß sie schon ziemlich weit über die erste Blüte der Jugend hinaus
+und für jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der fröhlich
+schalkhafte Ausdruck ihres sehr hübschen Gesichts, ihr angenehmes
+sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen
+bezauberten unwiderstehlich und ließen nichts vermissen.
+
+Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns
+vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing"
+(Viel Lärm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen
+eine Verkrüppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen:
+"Die Quälgeister" [Fußnote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck.
+Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt,
+am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und
+es unterhält auch da noch, soviel Mühe sich dessen Verfasser gegeben hat,
+es zur Mittelmäßigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch
+Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder
+Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genuß aber ist es,
+dieses Stück mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus
+notwendig machen, in seinem ursprünglichen Glanze zu sehen!
+Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Fußnote: John;
+"den besten niederen Komiker auf der Bühne" nannte ihn Leigh Hunt
+in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz
+an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen
+wie ein Wort das andere jagt, muß man von beiden gesehen haben,
+um zu glauben, daß etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit
+wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstoßung der Worte,
+deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen
+Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch
+verlor kein Zuhörer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe.
+Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten,
+erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. Über alles ergötzlich
+waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten
+Bauerndialekte. Das ganze große Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelächter
+der Zuschauer; sowie sie erschienen, mußten sie oft innehalten,
+um nur gehört zu werden.
+
+Mme. Bland, eine kurze, dicke, ältliche Favoritin des Publikums,
+die für eine vortreffliche Sängerin galt, weil sie gewaltig schrie
+und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt
+eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme
+wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von
+seinem Geliebten betrogenen und darüber wahnsinnig gewordenen Mädchens.
+Die Musik war nicht sonderlich; doch mußte sie unter lautem Beifall
+zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik,
+und solche Schilderungen des höchsten menschlichen Elends sind
+einmal die größte Freude der Engländer. Mit ihrem Gefühl geht
+es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das möglichst Starke
+vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen.
+
+Den Beschluß machte für diesen Abend, oder wie man hierzulande passender
+sagt, für diese Nacht, eine große, meistenteils von Italienern
+aufgeführte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit
+noch nirgends sahen. Ein Zauberer saß auf seinem Throne, umgeben von
+dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen
+Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den
+treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Särgen
+liegen. Der Zauberer mußte notwendig verreisen, und alles kam darauf an,
+daß jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne säße und das
+Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer
+Kobold, unübertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fußnote: der Clown
+Grimaldi gehörte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein über alle
+Maßen beliebter, aber auch von der Kritik gerühmter Pantomime.]gespielt,
+wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiß sich nicht wenig damit. Der
+Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und
+fährt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der
+kleine närrische Kobold ist außer sich vor Freuden auf dem weiten
+prächtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er
+aus allen Kräften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so
+starke Prise, daß er dreimal niesen muß, bei jedem Niesen wenigstens
+drei Ellen hoch vom Sitze in die Höhe geschnellt wird, in der Luft sich
+ein paar mal überschlägt und immer wieder auf den Sitz zurückplumpt. Die
+Natur siegt, er schläft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner
+Hand, der Zauber ist zerstört, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die
+Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Särgen, alles verschwindet.
+Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, überall, in tausend
+Abwechslungen, lassen sie sich häuslich nieder und fangen an, ihr
+lustiges Wesen zu treiben, überall verfolgt sie der Kobold. Ewiger
+Szenenwechsel, Dekorationen, so prächtig man sie nur erdenken kann,
+Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben,
+folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, daß das Auge kaum Zeit hat,
+alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die
+Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus
+erscholl vom unaufhaltsamsten Gelächter; alles lachte, alles war
+erfreut, aber gewiß niemand imstande, zu Hause zu erzählen, was er
+gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel.
+
+
+
+Covent Garden
+
+
+[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch
+den Architekten Henry Holland wesentlich vergrößert worden
+(3600 Plätze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner
+Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, daß das Haus
+1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809.
+Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt
+unter dem Namen Covent Garden Opera House.]
+
+Das Haus, nicht völlig so groß als das von Drury Lane, aber nicht
+weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch prächtiger
+als jenes, denn viele große und kleinere angebrachte Spiegel
+vervielfältigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche.
+
+Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die
+berühmtesten Künstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit
+wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fußnote: Sarah (1755-1830),
+geniale Tragödin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane,
+doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon berühmt,
+ein zweites Mal an diese Bühne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat
+sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05
+verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem
+dreizehnjährigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und
+Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich
+dann vom Theater zurück, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe
+königliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns
+darstellen, das Piedestal verlassen hätte, um unter den Lebenden zu
+wandeln, so trat sie einher, groß, schön, im einfachen Ebenmaß. Ihr
+ganzes Wesen war zur Tragödie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres
+schönen Gesichts paßte nur für das Trauerspiel, unmöglich konnte man sie
+sich fröhlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war
+ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich
+klagende Töne in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber
+die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmäßig schönen
+Zügen vermißte niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark;
+aber auch dies machte keinen Übelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie wäre
+ein Ideal gewesen, über das hinaus man sich nichts denken konnte, hätte
+sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen,
+hinreißen lassen, ihr großes Talent zu mißbrauchen. So aber überschritt
+sie oft die Grenzen des Schönen und ward fürchterlich.
+
+Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent"
+(Die schöne Büssende) [Fußnote: von Nicholas Rowe, seit der Uraufführung
+(1703) vielgespieltes Repertoirestück.], wo sie im fünften Akt
+den Dolch sich ins Herz stößt, verschied sie mit einem lauten,
+konvulsivischen, herz- und nervenzerreißenden Gelächter, das ziemlich
+lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge sträubte.
+Aber so etwas will der Engländer, und halb London strömte ins Theater,
+um Mme. Siddons lachen zu hören, obgleich die Damen Krämpfe und
+Ohnmachten davontrugen.
+
+Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in
+dieser hatte sie ein weites offenes Feld für ihr großes Talent. In der
+Szene des Nachtwandelns machte ihr bloßer Anblick jeden Blutstropfen
+erstarren.
+
+Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fußnote: John Philipp,
+Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung.
+Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie,
+in seinem Bestreben, Kostüm und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck
+einer Aufführung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.].
+Seine Gestalt war noch sehr edel und schön, obgleich auch er
+die Jugendjahre weit überschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht
+ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert,
+und immer erkannte man darin seine Lehrerin.
+
+Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend
+ähnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schönheit
+ein großes Talent für sanfte, duldende, liebende Rollen vereint,
+zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals
+leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule,
+für die Zukunft gaben. Unmöglich kann man die Rolle der Julia
+lieblicher dargestellt sehen als von der jüngeren Mme. Siddons.
+
+Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schöne
+Gestalt; dafür gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie,
+besonders für die Rollen, die er sich erwählt hatte, Tyrannen,
+Bösewichte; kalte, kühne, trotzige Charaktere spielte er unübertrefflich.
+Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so
+dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin
+Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen
+seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt,
+Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er
+unverhüllt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten
+Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er
+mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Häßlichkeit bespöttelte,
+wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Königreich
+für'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady
+Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer
+groß und wahr.
+
+In Hinsicht der sonst hier gewöhnlichen Pracht vernachlässigt man
+oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts
+wegen immer ein gefülltes Haus bringen, und verwendet den Flitter
+lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glänzen
+können. Dennoch muß man jene Stücke gerade auf diesem Theater sehen,
+um der großen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen
+wahrhaft glänzen.
+
+Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame,
+einem Gebelle ähnliche Perorieren der mittelmäßigen Schauspieler
+wird erst lächerlich, dann unerträglich. Freilich mag es sehr
+schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation
+in der Stimme zu behalten.
+
+Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stücke, die noch
+gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele
+seinesgleichen in dem Wahne stand, ein großer Schauspieler
+müsse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem
+großen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fußnote:
+David Garrick (1717-79), berühmter englischer Schauspieler,
+Stückeschreiber und Theaterdirektor. Verkörperte eine neue
+Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natürlichkeit Wert legte.].
+In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo
+noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene;
+die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu
+gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles
+Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details,
+als hätte er "Wilhelm Meister" gelesen.
+
+Was Cooke und Kemble in der Tragödie, das waren Munden, Fawcett,
+Lewis in der Komödie, vor allem Munden [Fußnote: William Lewis,
+Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche
+alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet"
+sein Triumph. Übrigens übertraf er in Gesichterschneiden
+und närrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben.
+Stürmisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane.
+Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhaß und Reue"
+[Fußnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung
+hieß "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den
+komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward,
+trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fußnote:
+dazu führt Johanna in einer Fußnote an: "ein in Matrosenkleidung
+getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Bühnen sieht."].
+Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Gönnern, denn er tanzte
+herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber
+der junge Herr war so ungefällig, nicht zu erscheinen. Nun entstand
+ein Lärmen, als sollte das Haus einstürzen wie weiland die Mauern
+von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr
+zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren;
+es übersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand
+auf der Bühne und wartete, bis die Schreihälse einmal würden pausieren
+müssen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Bücklingen trat er hervor
+und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er,
+der andere Gentleman würde gleich darauf tanzen, er erhole sich
+nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor
+der Tadel; der Sänger sang ein närrisches Lied von einem Yorkshireman
+[Fußnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen
+ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen:
+give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel,
+ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse,
+mußte aber dennoch zweimal wiederholt werden. Daß der Sänger sich
+nicht lange darum bitten ließ, versteht sich von selbst.
+Sowie das Lied geendigt war, trat der Tänzer wieder auf, man ließ ihn
+gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus.
+
+Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten
+Mitglieder beider Theater auf's täuschendste nach; etwas,
+das doch wohl bei keiner Bühne anderer Nationen geduldet werden würde.
+Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall
+rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers
+aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragödie
+mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren
+zu hören. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches
+das Publikum gewiß nicht ruhig nach Hause gegangen wäre, obgleich
+schon fast der Tag wieder anbrach.
+
+Den größten Lärm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von
+"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stück
+nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan
+war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen
+prächtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekündigt. Mme. Siddons
+sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen.
+Alle Logen waren längst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll
+Erwartung.
+
+Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden
+unmöglich gleichgültig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel
+ihn zu vereiteln. Für's erste kündigte sie dasselbe Stück für
+den nämlichen Abend an. Der Fall, daß das nämliche Stück an einem Abend
+in beiden Häusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen,
+solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag
+vor der Vorstellung ein prächtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren.
+Daß auf englische Weise dabei viel getrunken ward, daß der Held
+des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden mußte,
+war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich
+eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glänzendste Versammlung,
+die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang
+ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz
+aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort
+hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst,
+er mußte verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane
+die Schwäche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet,
+denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser,
+so daß er unmöglich spielen konnte. Das Übel dauerte nur den
+einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert.
+Der Zorn, das Wüten des Publikums überstieg nun alle Grenzen;
+das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild
+des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien.
+In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten,
+alle waren leichenblaß, und einige wurden ohnmächtig hinausgebracht.
+Alle Schauspieler mußten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons,
+Kemble, der in der indischen Tracht [Fußnote: indianische Federmäntel]
+wunderschön aussah, standen ängstlich verlegen dem entsetzlichen Lärm
+gegenüber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen,
+drohte man es zu stürmen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde.
+So lärmte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns,
+wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes
+plötzliche Krankheit und ein anderes Stück für den heutigen Abend
+anzukündigen, kaum ließ man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!"
+riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere
+und achteten nicht darauf, daß Kemble mit den demütigsten Gebärden
+das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu,
+die Schauspieler schienen sich ängstlich untereinander um Rat zu fragen.
+Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem
+jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand
+zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke
+schlich sich von der Bühne fort, und das Stück wurde genau
+von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte.
+
+Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders
+Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten;
+sie übertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschön,
+und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man
+erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble
+das Stück für den folgenden Tag wieder ankündigte, rief man ihm
+von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!"
+
+
+
+Die italienische Große Oper
+
+
+[Fußnote: das große Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's,
+nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eröffnet
+(dieses Haus stand in seiner Größe kaum der Mailänder Scala nach),
+1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel
+für dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.]
+
+Von diesem großen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt
+zur italienischen Oper.
+
+Obgleich die Vornehmsten es beschützten, so ist dieses Theater
+dennoch dem Volke verhaßt, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste
+entgegenstrebt. John Bull geht höchstens einmal hin, um sich hernach
+zeitlebens darüber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze
+ausländische Wesen, vor allem die französischen Tänzer erscheinen ihm
+wie ebenso viele Entheiligungen des vaterländischen Bodens. Längst
+wäre die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Großen Eitelkeit,
+Prachtliebe und Vorliebe für das Ausländische sie erhielte;
+deutlich sieht man, daß sie hier nicht gedeihen kann und trotz
+der großen Summen, die darauf verwendet werden, nur kümmerlich vegetiert.
+
+Das Haus, noch größer als Drury Lane, enthält außer dem Parterre
+fünf Reihen Logen und zwei Galerien. Über und über mit Malereien
+überladen, schien es, ungeachtet der sehr glänzenden Erleuchtung,
+dennoch dunkler als die anderen Schauspielhäuser. Die Verzierungen
+waren ziemlich geschmacklos, überall schwärmen Amoretten zwischen
+tausend Schnörkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze
+erschien bunt, aber nicht heiter.
+
+Dieses Theater ist der glänzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels,
+dem es hauptsächlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch
+auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht,
+der tut wenigstens als besuche er es fleißig und sei jedes Mal entzückt,
+wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde während der Vorstellung
+gähnen mußte. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet,
+für welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus
+nich allein mieten, sondern sogar kaufen könnte.
+
+Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man wöchentlich zweimal,
+dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schönsten, berühmtesten,
+reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten
+Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen
+und gewähren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit übertrifft.
+Wer nicht abonniert ist, muß ins Parterre, welches hier an Rang
+den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee,
+und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren
+in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schönste
+geschmückt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel
+kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk
+viel sehen und hören läßt, müssen wir billig bezweifeln.
+
+Unser Schicksal wollte, daß wir die von Winter komponierte Oper
+"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken
+[Fußnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener
+Komponist, seit 1788 in München Hofkapellmeister. Schrieb über 40 Opern,
+ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung
+seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen
+hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett
+ununterbrochen hintereinander fort, bis Sänger und Tänzer es müde sind;
+denn das Publikum in den Logen ermüdet nicht, immer das nämliche zu
+sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter über
+die Vorstellungen gewechselt.
+
+Die berühmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile.
+[Fußnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter
+eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie
+in Italien, kehrte dann nach London zurück und blieb bis 1809 am Theater.]
+Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man übersehen, wäre sie nur nicht
+so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt
+auf dem Theater erblickten, hätte sie sich nur bemüht, durch Spiel
+und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es
+unter ihrer Würde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da
+und sang, und glaubte damit schon ein übriges getan zu haben.
+Die Engländer hielten sie für die erste Sängerin der Welt.
+Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Höhe
+von großem Umfang, dabei kunstmäßig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag
+fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig
+hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen
+und Triller an, wobei dem Zuhörer der Atem verging, und glaubte so
+die höchste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von
+einer Viertelstunde, darüber geht dem Egländer kein Gesang der Welt.
+
+Alle übrigen Sänger und Sängerinnen, größtenteils Italiener,
+waren fast noch weniger als mittelmäßig. Unter den schlechtesten
+als die schlechteste zeichnete sich die zweite Sängerin aus, und man
+sagte uns, die Direktion hätte sie bloß engagiert, weil ihr die Kleider
+ihrer Vorgängerin wie angegossen paßten.
+
+Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht hübsch, aber bei
+weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die
+ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fußnote: Kleinlichkeit]
+betrieben, die sowohl der großen Summen, welche darauf verwendet werden,
+als des Publikums, das sich dort versammelt, unwürdig ist.
+
+Sehr vergnügt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung
+machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses
+drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches,
+sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und
+noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich.
+Die Haupttänzer sind es immer; denn man engagiert alljährlich
+ausgezeichnete Künstler aus Paris für die Saison um große Preise.
+Desto schlechter stechen aber die anderen Tänzer, noch mehr
+die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung;
+nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine
+andere Welt versetzt.
+
+Nach ein Uhr kamen wir ermüdet, als hätten wir mitgetanzt,
+zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren.
+
+
+
+Vauxhall
+
+
+[Fußnote: der Vergnügungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts
+und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, ursprünglich der Name
+eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Blüte
+des Vergnügungsortes auch für ähnliche Anlagen in anderen Städten,
+so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.]
+
+Reizender, blendender, feenhafter läßt sich nichts denken als dieser,
+in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten,
+besonders in sogenannten Galanächsten, wenn er zur Feier des Geburtstages
+irgend eines Mitglieds der königlichen Familie in doppelter Erleuchtung
+prangt. Gegen fünfzehntausend wohlgekleidete Männer und Frauen wandeln dann
+im Schimmer unzähliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde
+zwischen schönen Bäumen und blühenden Sträuchern im fröhlichsten Gedränge
+umher. Musik tönt durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und
+Vergnügen; es ist, als beträte man das Paradies der Mohammedaner.
+Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben
+prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhöht.
+
+Gleich der Eintritt in diesen Zauberort überrascht und blendet.
+In der Mitte eines großen, ringsum mit schönen Bäumen umgebenen Platzes
+erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen
+zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen nächtlichen Himmel
+wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht
+das phantastische Gebäude da, und doch innerlich fest genug, um nahe
+an hundert Personen sicher zu tragen.
+
+Hinter den ebenfalls erleuchteten Bäumen ziehen sich oben
+bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen
+und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich
+Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, überall funkelndes Licht
+und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere
+hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt
+die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemälde endigen die
+erleuchteten Alleen; Säle mit Statuen, Transparenten, Blumen und
+kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kälte, Wind
+und plötzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen
+Sälen spielen kleine Musikchöre.
+
+Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwärter stehen neben
+den Bogen, welche den großen Platz umgeben. Jedes Winks bereit,
+besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem,
+was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getränken
+verlangen kann.
+
+Das Orchester besteht größtenteils aus Blasinstrumenten. Wir hörten hier
+unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit,
+deren Möglichkeit wir nie geträumt hätten. Ein im Dienste des Prinzen
+von Wales stehender Künstler blies es.
+
+Auch die beliebtesten englischen Theatersänger, einige wenige
+der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien,
+Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesängen hören. Im Freien
+klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem
+Feentempel erschallenden mächtigen Töne in der funkelnden,
+schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich;
+denn trotz der großen Menschenmenge hört man doch nirgends
+wilden Lärm auf diesem Platze. Schweigend oder flüsternd
+wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns
+in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft.
+
+Dort sehen wir in einem großen, sich bewegenden Gemälde einen Wasserfall
+auf das täuschendste dargestellt. Man hört das wilde Rauschen
+der Flut und sieht sie in stäubendem Schaum sich verwandeln.
+Die Szene belebt noch eine am Fuße des Wasserfalls angebrachte Brücke,
+über welche mancherlei Fuhrwerke, Fußgänger, Reiter und Tiere
+passieren, alles auf's natürlichste und täuschendste dargeboten.
+
+Von hier kehrt man zum Orchester zurück, von welchem um diese Zeit
+gewöhnlich eine große Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstück
+erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht
+die verschiedenen Säle. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man
+es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns
+in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke,
+bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht
+im Wiener Prater denken muß. Nach dem Feuerwerke verteilt sich
+der größte Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen,
+selbstgewählten Kreisen fröhlich zu Abend ißt und dabei die draußen
+umher wandelnde schöne Welt die Musterung passieren läßt.
+
+Späterhin wird auf dem grünen Rasen in der Nähe des Orchesters
+getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mögen freilich wohl nicht
+die unbescholtensten sein. Schwerlich würde sich in London
+ein Mädchen von gutem Rufe zu einer solchen öffentlichen Ausstellung
+verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tänzerinnen
+und schließen daraus, daß sie vom Unternehmer der Anstalt
+hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit
+dem Ausdruck der Freude und dennoch anständig, so daß sie
+eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schön, jung
+und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl
+eigentlich sein möchten?
+
+Gewöhnlich bricht der Tag über alle diese Freuden an, doch
+pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen;
+später artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch,
+als daß man gern dabei verweilen möchte.
+
+
+
+Konzerte
+
+
+Berühmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren
+ein Vermögen erwarben, das sie auf dem festen Lande während
+einer ganzen Lebenszeit nicht erworben hätten, wissen am besten,
+wie man hier die Musik liebt.
+
+Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr
+nicht bloß an Talent, sondern auch an Gehör und Geschmack.
+Daher gibt's nichts Ungefälligeres, Monotoneres als die englische
+Volksmusik. Wir haben schon früher bemerkt, daß hier der Text
+mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst
+des Sängers.
+
+So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Großen aber,
+welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen,
+nehmen ausländische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr
+als fürstlich. Viele von ihnen haben in ihren Häusern zu bestimmten
+Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berühmte Tonkünstler
+teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft
+oder Adresse nach London kommt; sein Glück ist gemacht.
+
+Verschiedene große Subskriptionskonzerte existieren den Winter über
+in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen
+engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind,
+werden größtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten.
+Das glänzendste derselben wird während der beiden letzten
+sogenannten Wintermonate wöchentlich einmal in Hanover Square,
+in einem schönen, hochgewölbten Saale gegeben, an welchen
+zwei brillante Konversationszimmer stoßen. Es ist hauptsächlich
+der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnügen
+gewährt als dies. Das sehr glänzende Auditorium war still und
+aufmerksam. Londons beste Sänger wetteiferten miteinander.
+Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor
+in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des
+berühmten Klavierspielers [Fußnote: Tochter Domenico Corris,
+eines Opernkomponisten. Corri gründete 1797 mit seinem Schwiegersohn
+Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte.
+Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Böhmen, gest. 1812 in Paris)
+war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose
+am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere ließ sich auch
+auf der Harfe hören, die sie meisterhaft spielte. Besonders
+entzückte uns der Tenorist Braham [Fußnote: eigentlich Abraham, John;
+(1774-1856). Bedeutender Sänger, der zeit seines Lebens in London wirkte.
+In Webers "Oberon", der für London komponiert wurde, war er
+der erste Hüon.], welcher damals vielleicht die schönste Stimme hatte,
+die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heißt Abraham.
+Arien, Duette und vierstimmige Musikstücke wechselten miteinander ab,
+manches mußte wiederholt werden, denn der Engländer, hoch oder
+niedrig, läßt sich's nicht nehmen, für sein Geld zu befehlen,
+ohne Umstände und Ansehen der Person. Die Künstler müssen gehorchen,
+wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende
+noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's
+hierzulande nennt.
+
+Am Ende des Konzerts sang ein siebenjähriger Knabe, der Sohn
+des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug für sein Alter.
+Die Gutmütigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende
+Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored,
+obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen
+gleich nach Brahams männlich schönem Gesange auch nur einmal
+anzuhören.
+
+
+
+Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens
+
+
+Kein Fürst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen
+kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der
+König von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte,
+winkelige, rostige Gebäude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James
+Palast prangt [Fußnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die ständige
+Residenz der englischen Könige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809
+zerstörte ein Feuer den Ostflügel, so daß wenig mehr vom alten Tudor
+Palast übrigblieb.]. Auch bewohnte König Georg der Dritte es
+gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein großes Bette mit
+rotsamtenen Vorhängen im großen Leverzimmer.
+
+Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise
+in diesem königlichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften
+begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich
+im Palaste der Königin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield,
+Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und
+von Georg IV. 1825 nach Plänen von Nash umgebaut und später
+noch mehrmals ergänzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb.
+Seit dem Regierungsantritt der Königin Victoria (1837) Residenz
+der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas
+moderneren Gebäude, welches aber auch, weit entfernt von aller
+königlicher Pracht, weder sehr groß noch sehr schön aus bloßen
+Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James
+anstoßenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner.
+
+Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schöne große Wiese,
+durchschnitten von angenehmen Fußwegen, belebt durch einen ihn
+durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten
+Gruppen schöner alter Bäume. Alles darin ist einfach, aber
+unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser ländlichen Stille
+mit dem Geräusche der großen Hauptstadt, aus welchem man
+unmittelbar hineintritt.
+
+Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gärten.
+Der Green Park zieht sich längs diesen hin, ebenfalls eine
+zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Bäumen besetzt.
+Der Hyde Park begrenzt beide; größer als sie, geht er bis an
+die Gärten von Kensington; ein in mannigfaltigen Krümmungen
+sich hindurchwindender silberheller Strom verschönt ihn;
+Kühe und schöne Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und grün,
+als wäre man hundert Meilen von der Stadt.
+
+Wenn man vom Hyde Park aus in die Gärten von Kensington tritt,
+wähnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein;
+so majestätisch erheben die hohen, schönen Bäume, der ausgezeichnetste
+Schmuck jener Gärten, ihr prächtiges Laubgewölbe. Diese Gärten,
+das gewöhnliche Ziel der Spaziergänger, gehören ebenfalls dem Könige
+und stehen, solange die schöne Jahreszeit währt, von acht Uhr morgens
+bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen.
+Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch
+nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin
+und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst
+nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade
+einer großen Hauptstadt. Angefüllt mit Spaziergängern, die unter
+diesen prächtigen Bäumen lustwandeln, machten sie einen ebenso
+reizenden als imposanten Eindruck.
+
+Der zu diesen Gärten gehörende Palast von Kensington verdient nur
+wegen seines Eigentümers diesen prächtigen Namen. Die königliche Familie
+kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt,
+welche vom König die Erlaubnis dazu erhielten.
+
+Jeden Sonntag nachmittags bei schönem Wetter wimmelt im Sommer
+der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergängern, die zwar
+Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als würden sie
+wirklich mitgezählt. Alles was die Woche hindurch sich in den
+Ladengewölben und Arbeitszimmern der City abmühte und kein Haus
+zu hüten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schöpfen,
+grüne Bäume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen.
+
+Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm;
+weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Frühling
+gewährt. An schönen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung
+zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags, fährt, reitet und geht
+dann die schöne Welt dort spazieren. Eine unzählbare Menge
+der schönsten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken
+in dieser Zeit den durch Hyde Park führenden Fuhrweg bis Kensington;
+kein Fiaker, kein öffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren;
+nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern könnte,
+daß es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm
+sind. Der Anblick der vielen schönen Reiter und Pferde,
+der tausend Equipagen von allen Formen und Größen, der schönen
+Frauen und lieblichen Kinderköpfchen, die aus diesen herausgucken,
+ist einer der prächtigsten, den nur irgendeine große Hauptstadt
+gewähren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis
+der Opulenz und Bevölkerung Londons.
+
+Auch die Spaziergänge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil
+jene schimmernden Equipagen verließen, um hier zu lustwandeln
+und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen
+von Kensington; man hat berechnet, daß an solchen Tagen bisweilen
+hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gärten
+von Kensington des blauen Himmels und der schönen Erde freuen.
+
+Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort,
+besonders, wenn bei starker Kälte der Strom im Hyde Park mit Eis
+bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhläufer ihre Künste,
+man eilt hin, sie zu bewundern; für Erfrischungen und Wärme
+ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist,
+für Hilfe bei möglichen Unglücksfällen, durch eine sehr zweckmäßige,
+an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt.
+
+
+
+Des Königs Geburtstag
+
+
+Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger
+Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte,
+ist für die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre,
+der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet,
+er gibt für die nächsten zwölf Monate den Ton an für Moden, Equipagen;
+alles wird für diesen Tag und nach diesem Tag berechnet.
+So war es wenigstens, solange des alten Königs Gesundheit
+ihm erlaubte, sich öffentlich sehen zu lassen. Sein späteres
+anhaltendes Übelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage
+üblichen Zeremonielles manche Änderung herbeigeführt haben,
+doch die Hauptsache blieb gewiß, solange er lebte, und es wird
+auch später, solange es Könige von England gibt.
+
+Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider,
+Juweliere und Modehändler in großer, eilender Geschäftigkeit;
+neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht,
+Juwelen umfaßt, Pracht-Equipagen und glänzende Livreen angeschafft,
+alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glänzen,
+denn viel länger währt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen
+tun freilich das ihrige nach besten Kräften, um diesen Glanz,
+soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie füllen viele Tage hindurch
+lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quästchen
+an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperücken der Herren
+wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden
+nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene
+Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer.
+
+Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr
+viele Leute vor einer kleinen Hintertüre des Palastes, die den König
+dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House käme.
+Kanonendonner verkündete einstweilen die Feier des Tages;
+Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk
+hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen
+langer Regierung der größte Teil desselben geboren ward.
+Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedränge
+zu geraten, sondern begaben uns in die schöne und breite Straße
+von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes führt.
+Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug
+der Glückwünschenden bequem ansehen.
+
+Es war ein schöner, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon
+der ziemlich langen Straße blieb unbesetzt, frohe Gesichter
+schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedrängt, sogar die Dächer
+wimmelten von Zuschauern; eine unzählbare Menge wohlgekleideter
+Leute drängte sich auf der Straße weit über den Fußpfad hinaus,
+so daß in der Mitte kaum Platz für die Wagen blieb. Eine Menge
+Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange,
+stillstehende Reihe. Fast lauter hübscher Frauen und Mädchen
+blickten neben den reizendsten Kinderköpfchen neugierig
+daraus hervor in das bunte Gewühl. Vor dem Schlosse paradierte
+die schöne königliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente
+standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Königs
+eigentlich eine Art Schweizergarde [Fußnote: King's Body Guard
+Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache für den Herrscher aufgestellt.
+Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst
+versehen und bedeutend früher gegründet wurden.]. Ihre Kleidung
+ist noch genau dieselbe, die sie im fünfzehnten Jahrhundert war,
+bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten
+des Königs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre
+wohlgenährten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen.
+So sonderbar sie in der über und über mit Gold besetzten, scharlachroten
+altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Rücken glänzenden
+silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen
+gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung
+dem Feste doch etwas Feierliches, Altväterisches, das uns
+in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt,
+als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie
+aus dem Palaste wo sie ihren Glückwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen
+nach einer Taverne zog, um dort auf des Königs Gesundheit
+feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher,
+karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte
+God save the King geblasen [Fußnote: in dem zu jener Zeit stark
+feuergefährdeten London gab es keine städtische Feuerwehr,
+sondern die Phönix Versicherungsgesellschaft hielt sich
+eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein
+bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.].
+
+Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare
+Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren.
+Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick.
+Nirgends kann man prächtigere Kutschen von der neuesten, noch nie
+zuvor gesehenen Form, nirgends schönere, stolzere Pferde erblicken.
+Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt
+vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde,
+aber der mit einer großen, runden Perücke versehene, auf dem
+befransten Bocke majestätisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt.
+Wie in anderen Ländern Schnurrbärte, so sind in England solche
+dicken runden Perücken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer
+der Herr, je größer sind die Perücken.
+
+Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich
+bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen
+nahmen sich von oben nicht sehr graziös aus in dem überladenen
+Putze und der steifen, ängstlichen Stellung; fast wie die überfüllte
+umgestülpte Schachtel einer Modenhändlerin, ein formloser Berg
+von Flor, Blumen, Federn und tausend schönen Sachen.
+
+Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung,
+mit schweren goldenen Ketten geschmückt, fuhren in großen, über und über
+vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen überall
+fast ebenso vergoldete Bediente mit großen Federhüten hingen.
+Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten
+nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte
+Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren.
+
+Die Herzöge von York, von Glocester und andere Glieder der königlichen
+Familie saßen in beinahe ganz gläsernen Staatswagen, so daß man sie
+von allen Seiten deutliche sehen konnte.
+
+In alle diese Pracht mischten sich ganz gewöhnliche Fiaker
+und behaupteten ihren Platz in der glänzenden Reihe so gut wie die anderen.
+Größtenteils saßen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel
+neben uns wollte in einem derselben drei Bischöfe erblicken, die so,
+das Stück für sechs Pence, an den Hof fuhren.
+
+Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete
+Portechaisenträger ihren Hundstrott, mit schön aufgeputzten
+Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden
+glänzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten
+begleitete jede derselben.
+
+Von ein bis sechs Uhr währte dieser Zug ununterbrochen fort,
+ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen,
+machten dem König und der Königin ihr Kompliment, vielleicht ohne
+im Gewühl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort,
+um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude,
+mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen.
+
+Nach der Cour gab die Königin ein Familiendinner, das einzige im ganzen
+Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafür besoldete
+Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muß. Auch zum Konzert
+werden nur wenige von den Vornehmsten auserwählt und zugelassen. Sonst
+pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der höchstens zwei
+Stunden währte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den
+Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnügt man sich mit übrigen
+Freuden des Tages.
+
+Abends waren einige öffentliche Gebäude, die Theater und die Häuser
+der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich hübsch
+illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag.
+
+
+
+Pension für Mädchen
+
+
+[Fußnote: der fünfzehnjährige Arthur notierte dazu: "Mittwoch
+den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt
+dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schöne Aussicht.
+Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School)
+von jungen Mädchen, wo Hr. Harris auch zwey Töchter hatte.
+Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball,
+wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer
+hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier über 40
+junge Mädchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem
+Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn.
+Nachher wurden ein Paar Tänze getanzt in die sich auch Herren mengten,
+und die ich auch mittanzte."]
+
+Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend
+bei London einem Zuge von dreißig bis vierzig jungen Mädchen, auf dem
+Fußpfade neben der Landstraße andächtig zur Kirche wandelnd. Es war ein
+lieblicher Anblick. Schneeweiß gekleidet, mit artigen Strohhüten, gingen
+sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufblühender
+jugendlicher Schönheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit.
+Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend über jeden Tritt,
+jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf
+dem ernsten Wege entschlüpfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein
+ähnlicher Zug Knaben daher, dem nämlichen Ziele zuwandelnd, begleitet
+von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und grüßten sich wohl
+als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig
+an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zöglinge aus
+irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich
+zum Gottesdienste getrieben werden. Dörfer und Flecken ringsumher
+wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast
+niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und
+Unruhe machen würden. Sowie Knaben und Mädchen aus der Kinderstube
+kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst
+nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das väterliche
+Haus zurück.
+
+Die Mädchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig
+Gründliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch
+weiß eine Engländerin selten, wie es außer ihrem Vaterlande aussieht
+und was dort in früheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der
+französischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht,
+aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert;
+schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm
+in einer fremden Sprache Rede stünde. Musik und Zeichnen
+wird sehr oberflächlich und gewöhnlich nur betrieben, um beides
+späterhin so bald als möglich wieder zu vergessen. Die Mädchen
+lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige
+Papparbeiten, Kästchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen,
+tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich für's Haus braucht,
+bleibt ihnen gewöhnlich unbekannt. Der Hauptzweck des größten Teils
+der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen,
+einmal im Jahre mit ihren Zöglingen recht zu glänzen, wenn sich
+die Eltern und Verwandten derselben bei dem großen Prüfungsfeste
+versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hört schon aller
+ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder
+für den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstücke werden ihnen
+eingelernt, die sie vor der entzückten Versammlung mechanisch
+ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters
+verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt,
+sie für den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und
+der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause.
+
+Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Töchter in dem nahe bei London
+gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, führte uns
+zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr großen Hauses
+empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen großen Saal
+geführt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Mütter und übrigen
+Verwandten der jungen Mädchen saßen; die Zöglinge selbst waren
+am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch
+übereinander sich erhebender Bänke wie zur Schau ausgestellt.
+Auch gewährten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich
+fünfzig junge Mädchen von acht bis sechzehn Jahren, hübsch,
+in blühender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform
+des Hauses gekleidet, mit schneeweißen kurzen Kleidern und
+blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schärpe
+um den Leib war ihr ganzer Putz; so saßen sie da, glühend
+vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude.
+
+Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball.
+Die Mädchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Tänze;
+keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine künstlichen Sprünge,
+sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche
+der Tanzmeister für sie eigens komponiert hatte und die wohl
+sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten
+wie dieser. Die geschickten Tänzerinnen hatten kleine Solos darin,
+um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie
+von Müttern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei
+arme kleine Holländerinnen standen traurig und unbemerkt
+in einer Ecke allein, niemand bekümmerte sich um die Fremden,
+die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren.
+Wir, Fremdlinge wie sie, fühlten uns ihnen verwandt, riefen sie
+zu uns, erzählten ihnen, daß wir unlängst aus ihrem Vaterlände kämen,
+und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen
+die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Länge etwas langweilige
+Paradetänze abgetan waren, kamen einige englische und schottische
+an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, hüpften
+die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge
+anwesende Vettern und Brüder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen
+herumzudrehen.
+
+Mit stiller Rührung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten
+sich die holden Geschöpfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick,
+da wir dies niederschrieben, schon längst mit seinem ganzen Ernste
+ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen
+der Zukunft entgegen, als wäre auch sie ein Tanz der Freude;
+jetzt füllen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich
+hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Tränen der Sehnsucht.
+Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verließen sie,
+noch mitten in der Freude, mit stillen Wünschen für die Zukunft.
+
+
+
+Pension für Knaben
+
+
+Gewöhnlich sind es Landprediger, die irgend ein großes schönes Lokal,
+unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen
+und neben ihren Berufsgeschäften dieses Erziehungsgeschäft treiben,
+wobei sich die sehr ehrwürdigen Herren ungemein wohl befinden.
+[Fußnote: dazu notierte Johanna in einer Fußnote. "Most reverend Sir,
+sehr ehrwürdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."]
+
+Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster
+in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen.
+Sie gilt für eine der besten, selbst Lord Nelson ließ zwei seiner Neffen
+da erziehen [Fußnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurückgezogen
+mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805
+schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-französische
+bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde
+gleichen sich alle; nur die Zahl der Zöglinge, die größere oder
+beschränktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander.
+
+Der sehr ehrwürdige Herr zu Wimbledon befaßte sich gar nicht mit
+dem Unterrichte; unsichtbar für seine Schüler saß er den Tag über
+in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloß
+als Kostgänger, nicht als Schüler in seinem Hause lebten, im Englischen
+unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er
+auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport
+abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen
+wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht über die Schüler hatte,
+gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem
+nämlichen großen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder,
+und die Schüler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen.
+Dies währt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwölf.
+
+Die Schule wird mit Gebet eröffnet und geschlossen, ganz nach
+der englischen Liturgie, wobei auch des Königs, seines Hauses,
+der Schwangeren und Säugenden usw. von den Knaben christlich gedacht
+werden muß.
+
+Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie,
+Geschichte, Schreiben, Rechnen und der französischen Sprache.
+Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muß es besonders
+bezahlen; die Lehrer dazu kommen wöchentlich einige Male von London
+herüber; an alles übrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland
+lernen, wird nicht gedacht.
+
+Die Zöglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht
+des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm
+auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter
+seiner Aufsicht auf dem großen Hofe und werden täglich in einem
+großen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen
+werden muß.
+
+Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach
+angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Rücksicht auf Alter,
+Charakter und Fähigkeit. Wie könnte es anders sein, ihrer sind sechzig,
+zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der
+die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, daß er auf drei Wochen
+die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel
+des sehr ehrwürdigen Herrn mit den Kostgängern und der übrigen
+Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel
+erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie
+nur ungefähr zwölf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeiträumen
+unter seiner Aufsicht hat.
+
+Die Kostgänger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen
+dem ehrwürdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schüler.
+Nur einige Schüler, deren Eltern es zu bezahlen vermögen, gehören
+auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber
+an dem gut besetzten Tische, können nach Herzenswunsch im Lustgarten
+und im Obstgarten ihr Wesen treiben, während ihre Kameraden
+auf dem öden Hofe bleiben müssen und entsetzlich geprügelt werden,
+wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben.
+So müssen die Kinder schon in der Jugend lernen, daß dem Reichen
+alles erlaubt, und Geld daher das höchste Ziel ist, wonach man
+zu trachten hat.
+
+Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt
+oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe
+aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen.
+Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiß, so schreibt
+der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn
+Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer
+gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir
+oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens,
+ob sie ihre Aufgabe gewußt haben? Sie müssen natürlich mit "Nein"
+antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er:
+was sie dafür verdient hätten? Sie antworten: geprügelt zu werden,
+und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwürdige Herr an ihnen
+dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander,
+ohne Rücksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist,
+und dazu auf die beschimpfendste Weise.
+
+Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so
+verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so
+sonnenklar wäre, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet.
+Der Kläger muß Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch
+so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er
+nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles
+wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstühlen; den
+Charakter der Kinder zu ergründen, ihr Gefühl für Recht und Unrecht im
+höheren Sinn, ihre Liebe für das eigentliche Wissen zu bilden, daran
+denkt niemand.
+
+Wir enthalten uns aller Bemerkungen über eine solche Erziehungsmethode,
+jeder macht sie gewiß selbst und fühlt, welchen Vorzug auch in
+dieser Rücksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben,
+und welche Resultate sich von einer solchen frühen Behandlung
+erwarten lassen.
+
+Sonntagmorgens werden die Schüler im Schulzimmer versammelt.
+Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton,
+einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Übung
+hält er seinen Schülern die Predigt, die er mittags dort halten wird,
+erst einmal in der Frühe. Damit verbindet er den in der englischen
+Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so daß das Ganze eine
+starke Stunde währt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern
+paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung
+der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie
+bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen müssen.
+Nachmittags werden sie wieder auf die nämliche Weise zur Kirche getrieben,
+und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube großer Gottesdienst
+gehalten, wobei wieder des Königs und seines Hauses gedacht wird.
+Zwischen allen diesen Andachtsübungen müssen sie in der Bibel lesen
+und dürfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele
+aber und alle lauten Ausbrüche der Freude sind hoch verpönt,
+und werden streng bestraft.
+
+
+
+Das Britische Museum
+
+
+[Fußnote: größtes Nationalmuseum Großbritanniens (Geschichte, Archäologie,
+Kunst und Völkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen
+Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung
+des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House
+untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum
+beschränkt werden ließ, erbauten die Brüder Smirke in den Jahren
+1823-55 das neue Museum.]
+
+Diese reiche, in einem schönen Lokal aufgestellte Sammlung verdient,
+der großen Nation anzugehören, deren Namen sie führt. Der unermüdliche
+Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
+den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum
+der Nation vermachte. Mehrere große Sammlungen wurden damit vereinigt,
+und so erreichte das Ganze den Grad von Vollständigkeit, auf welchem
+es sich heute befindet.
+
+Die prächtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schönste
+Zierde desselben; [Fußnote: Altertumsforscher (1730-1803);
+nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji
+teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton.
+Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch
+die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb
+ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquités étrusques,
+grécques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir
+im Anschauen dieser schönen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten
+glücklich benützt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen
+häßlichen, verkrüppelten Formen verbannten und nach und nach
+unserem Hausgeräte die jetzt übliche schöne, geschmackvolle Gestalt
+gaben.
+
+Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schönen Jahrhunderte der Römer
+und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger
+Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgötter, unendliches kleines Gerät,
+aus den Gräbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum
+freundlichen Tageslicht gefördert, vergegenwärtigte uns das heitere,
+gefällige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir
+in diesen Zimmern verweilten.
+
+Schnell streiften wir hernach durch die Säle, welche das
+Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so
+auch durch das sehr beträchtliche Münzkabinett. Wenn man in seiner Zeit
+so beschränkt ist, wie wir es hier waren, so muß man entbehrend zu
+genießen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Muße
+betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu
+nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenständen verwirrt und
+ermüdet ohne allen Nutzen.
+
+Auch die von Kapitän Cook [Fußnote: James (1728-79), Forscher und
+Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch
+G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem
+fünften Weltteile mitgebrachten Merkwürdigkeiten, die hier ein
+ganzes Zimmer anfüllen, betrachten wir nur im Vorübergehen.
+
+Mehrere Zimmer enthalten in Schränken, mit Drahtgittern versehen,
+die große, reichhaltige Bibliothek. Außer eine großen Zahl älterer,
+zum Teil sehr seltener Bücher, faßt sie beinahe alles, was bis auf
+den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium
+gedruckten Buche muß ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten
+nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden.
+
+Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen
+Palmblättern und in Stein gehauenen ägyptischen Hieroglyphen an bis auf
+die krausen, bunten Schriftzüge der Mönche des Mittelalters, werden hier
+aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der
+interessantesten und berühmtesten Menschen späterer Zeiten; eine
+unendliche Fundgrube für den Geschichtsforscher, dem ein freundliches
+Geschick erlaubt, sie mit Muße und Auswahl zu benutzen. Und welch ein
+Feld würde sich hier dem Anekdotenjäger und Zeitblättler eröffnen, der
+nach Willkür fouragieren könnte! Wie viele Bände interessanter Briefe
+könnten da ausgewählt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und
+schreibsüchtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein
+Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Könige und
+Königinnen, vieler Männer, die auf ihr Zeitalter wirkten, füllen,
+wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schränke.
+
+Man war so gefällig, uns manches zu zeigen; unter anderem
+einen ganzen Band eigenhändiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe
+der Königin Elisabeth an ihren unglücklichen Liebling, Grafen Essex.
+Ihre Handschrift ist merkwürdig. Diesen nicht schönen, aber mit Schnörkeln
+überladenen, sehr großen Buchstaben sieht man es an, daß sie langsam
+und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte,
+die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, möchte man in etwas verändertem
+Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zügen spricht
+kein Herz!" Auch von dieser unglücklichen Nebenbuhlerin Elisabeths
+werden hier viel Briefe aufbewahrt, größtenteils in französischer Sprache.
+Besonders rührend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend
+und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte,
+ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt
+bereitete.
+
+Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche
+Wilhelm der Eroberer [Fußnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028
+als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie.
+1051-52 weilte er als Gast König Eduards des Bekenners in England,
+der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England--
+er ließ sich 1066 in Westminster krönen--stieß das Land
+in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstände; dennoch gelang es
+ihm, ein autokratisches Königtum in England zu errichten und ein
+streng durchgeführtes feudales Lehenssystem zu begründen.]
+an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand
+in französischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch
+und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte
+war er bloß aus Liebe zu dem Volke herübergekommen, um dieses
+glücklich zu machen.
+
+Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man",
+so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen
+und Änderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen
+den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht
+ist auf kleinen Papierstücken sehr schlecht und unleserlich
+niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette,
+ja sogar auf den Rändern alter Zeitungsblätter, und dann mit Stecknadeln
+und seidenen Fäden bestmöglichst zusammengeflickt.
+
+Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend
+das Heiligtum der Engländer, die ursprüngliche Magna Charta,
+[Fußnote: liberatum, The Great Charter; Privileg für die englischen Stände,
+am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus,
+Adel und Städten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung,
+Widerstandsrecht gegen willkürliche Bestrafung, persönliche Freiheit
+und persönlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie
+verloren und ward glücklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem
+ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen
+zum Maßnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch
+etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher,
+kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten
+mit Ehrfurcht betrachtet.
+
+Gern wären wir an einem anderen Tage ins Museum zurückgekehrt,
+aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch.
+Zuviel Fremde wünschten das Museum zu sehen, als daß die nämlichen
+öfter als einmal dazu kommen könnten. Nur wenige Personen dürfen
+zugleich zugelassen werden, und man muß sich lange zuvor um die Erlaubnis
+dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar öffentlich gezeigt,
+aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden
+Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrängt
+zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will,
+kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern
+erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen
+wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages
+den Arbeitenden offen.
+
+
+
+Herrn Whitbreads Brauerei
+
+
+Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren
+und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, größer wie ein Haus
+in den Hochlanden! Kühlfässer wie Meere!--Diese Brauerei verdiente
+in Walhalla für Odins Helden den stärkenden Gerstentrank zu bereiten.
+
+Ohne fernere Ausrufungen können wir versichern, daß sie wenigstens
+zu Londons ersten Sehenswürdigkeiten gehört. Der alte König,
+welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause
+ein Frühstück ein, das dem Eigentümer auf fünfzehnhundert Pfund Sterling
+zu stehen kam, und der berühmte englische Dichter, Peter Pindar
+[Fußnote: Pseudonym für John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher.
+1778 kam er nach London und wurde ein gefürchteter Satiriker,
+der weder vor der königlichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus
+zurückschreckte.], war beflissen, diese merkwürdige Begebenheit
+in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem
+fragte damals der König Herrn Whitbread: wie viel Fässer er besitze?
+Die Antwort war: "Der Länge nach dicht aneinandergelegt, möchten sie wohl
+von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor
+zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese
+ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads
+gar nicht unwahrscheinlich.
+
+Eine nicht große, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine
+ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste,
+geräuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, daß sie
+die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschäftigen Pferden verrichtet.
+Sie schafft das nötige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter
+durch unterirdische Kanäle quer über die Straße in ein anderes Gebäude,
+wo er in Fässer gefüllt wird, bringt die Fässer zum Aufladen
+aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, rührt es in den zwanzig Fuß
+tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen
+Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebäudes.
+
+Dort sind auch die ungeheuer großen, aber nur sechs Zoll tiefen
+Kühlschiffe oder Zisternen zum Abkühlen des Porters; wahre Seen,
+von denen man uns versicherte, sie würden fünf englische Acker
+Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen,
+um kalt zu werden. Alles in dieser großen Anstalt trägt das Gepräge
+der höchsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender
+Leichtigkeit vonstatten.
+
+Täglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue
+Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung
+bedacht, welche die drei großen Kessel, jeder zu fünfhundert Fuß,
+erfordern. Zweihundert Arbeiter werden täglich beschäftig und
+achtzig ungeheuer große Pferde. Letztere sind vielleicht die größten Tiere
+ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben,
+welches krankheitshalber getötet werden mußte, wogen vierundzwanzig
+Pfund. Wahre Pferderiesen!
+
+In einem Gebäude, hoch und groß wie eine Kirche, stehen neunundvierzig
+große Fässer, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn
+zum Gebrauch in kleinere abfüllt. Dadurch, daß er eine Zeitlang
+in so großer Masse beisammenbleibt, soll er vorzüglich verbessert werden.
+Wäre das Faß, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen,
+so konnte der Philosoph füglich an einem runden Tische zwölf Personen
+bewirten und noch ein artiges Boudoir für sich behalten.
+Das größte dieser Fässer hat oben eine Art Balkon, zu welchem
+eine Treppe führt, es ist siebenundzwanzig Fuß hoch und hält
+zweiundzwanzig Fuß im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen,
+etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten
+gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz,
+mehrere enthalten dreitausendfünfhundert gewöhnliche Fässer;
+der Heidelberger Kollege [Fußnote: das bekannte "Große Faß"
+im Heidelberger Schloß] käme in dieser respektablen Gesellschaft
+um seinen Ruhm.
+
+Als wir das Haus verließen, waren wir wie betrunken vom Geruche
+des Porters; man müßte in dieser Atmosphäre schon von der Luft leben
+können. Die darin beschäftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus,
+als ob sie sich auf solche Experimente einließen.
+
+
+
+Greenwich
+
+
+Mitten im Geräusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City,
+an der Londoner Brücke, schifften wir uns auf einem der Boote ein,
+die, so wie die Fiaker in den Straßen, auf der Themse numeriert
+und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen.
+
+Diese Brücke, die älteste der drei, welche in London über die Themse
+führen, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden,
+um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen.
+Wie die Brücke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng
+für den mächtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestüm drängt er sich
+wild brausend hindurch und verschlingt jährlich mehrere Opfer,
+welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier
+durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen müssen.
+
+Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit
+der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt
+wie die befahrenste Landstraße von Barken und kleinen Fahrzeugen
+aller Art; eben ankommende oder abgehende große Schiffe bewegen sich
+majestätisch durch sie hin, von allen Seiten ertönt das Rufen
+des fröhlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen
+durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschäftigten Arbeiter
+an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkündigt hier
+den Markt der Welt.
+
+Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes
+uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten.
+Endlich, fünf englische Meilen von der Stadt, breitete sich
+das Invalidenhospital von Greenwich [Fußnote: 1694 gegründet
+und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht;
+gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.]
+mit seiner schönen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen
+prächtig und groß vor unseren Augen aus.
+
+Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden
+Elementen endlich ermüdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz;
+denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier
+voneinander ganz abgesondert liegende Gebäude, die aber,
+von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger großer Palast sich
+ausnehmen, geziert mit Säulen, Balustraden und aller Pracht
+der neueren Architektur. Eine große Terrasse, die eine entzückende
+Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom,
+zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg
+Georg der Erste [Fußnote: (1660-1727); Kurfürst von Hannover,
+erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben
+der Königin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714
+hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, über welches
+er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James
+gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Könige schloß!
+
+Das ganze Gebäude ist aus schönen Quadersteinen erbaut. Vorzüglich
+bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmückte Kapelle.
+Sie prangt mit Marmorsäulen, einem gut gemalten Plafond und jeder
+einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schöne große Hallen
+dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter,
+besonders zeichnet sich die größte, mit einer Kuppel versehene Halle aus;
+sie ist hundertsechs Fuß lang und hat einen gut gemalten Plafond,
+schöne Säulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf
+einem Hügel erbauten Sternwarte umgibt das Gebäude von der anderen Seite.
+
+Es war ein schöner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestätte
+am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und
+auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz
+ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See
+stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut.
+Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem mühevollen Leben aus.
+Sie wohnen fürstlich, werden gut genährt und gepflegt, alle zwei
+Jahre neu, anständig, bequem gekleidet und erhalten wöchentlich
+ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedürfnissen
+und Vergnügungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet.
+Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem,
+was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch
+darin und kämpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen
+Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemälden, welche diese vorstellen
+und die Wände ihrer Speise- und Wohnsäle schmücken.
+
+Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen.
+In langen, hohen, luftigen Sälen, welche zur Winterszeit von
+mehreren großen Kaminen erwärmt werden, sind auf der den Fenstern
+entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajüten ähnlicher Kabinette
+dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach
+dem Saale ausgehenden Tür zwei Fenster und ist groß genug,
+um ein nach englischer Art geräumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl
+und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres
+als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster
+und Bett sind mit reinlichen Vorhängen versehen, an den Wänden
+auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und
+Teekästen, Gläser, Tassen und dergleichen in gefälliger Ordnung.
+Kupferstiche zieren die Wände. Jeder hängt daran nach Gefallen Bildnisse
+des Königs, der Königin oder berühmter Seehelden auf; dazwischen
+Seeschlachten, Häfen und auch wohl manche lustige Karikatur.
+
+Hundertvierzig Witwen verdienter Seemänner wohnen ebenfalls im Hause,
+sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken
+und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen
+selbst. Auch für die Waisen der gebliebenen Seemänner ist hier
+gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile
+des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Väter erzogen. Noch
+dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten
+außer demselben Pensionen.
+
+
+
+Die St. Paulskirche
+
+
+[Fußnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen
+1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes,
+auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten,
+dessen Pläne ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung
+Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan
+des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden
+Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und
+wählten dafür die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas,
+die Kirche wäre nach der Peterskirche in Rom die größte, ist irrig;
+die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls
+größer.]
+
+Das Äußere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt.
+Leider übersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser
+als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten
+Standpunkt dafür gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom
+die größte in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof
+eingeklemmt zwischen Häusern, umgeben von engen Straßen.
+Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz
+übersehen könnte, überall drängt sich die Architektur vor und
+verhindert eine reine Übersicht.
+
+Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare große Gebäude
+dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer,
+denn leicht übersieht man einige wenige Statuen und eine kleine,
+zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich
+in einem der Flügel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche
+erbaut ist. Überall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille
+und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geräte gewahr,
+welches die Menschen nötig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe
+zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im höchsten Sinne
+des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit,
+die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten
+in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar
+der Dom sich wölbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war
+kein erhebendes, es war mehr ein beängstigendes Gefühl.
+Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken
+und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Größe dieser
+Steinmasse uns erst recht anschaulich.
+
+Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureißen.
+Solche Pygmäen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche
+dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportürmten,
+und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste,
+noch ehe es sich in die Lüfte erhob. Ja, er dachte es sich noch
+weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kräfte
+der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmühten und doch nicht
+deutlich wußten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister
+und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der mächtigen
+Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt
+längst eine Wüste ward wie Palmyra und Persepolis.
+
+Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume,
+in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner
+ertönte es durch das weite Gewölbe, als man oben auf der Galerie,
+die am Fuße des Doms rings um denselben hinläuft, eine Tür zuwarf.
+Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick
+von dort hinab und hinauf. In der Höhe glaubt man eine zweite Kirche
+sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewölbe
+des Doms. In der Tiefe scheint der aus großen schwarzen und weißen
+Marmorquadern zusammengesetzte Fußboden wie feines Mosaik.
+Die Galerie heißt die Flüstergalerie, Whispering Gallery, weil das
+an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich
+vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen
+die Wand gesprochen wird.
+
+Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis außen, wo auf
+der höchsten Höhe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt.
+Wir betraten die ihren Fuß umgebende Galerie mit der Hoffnung,
+aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns
+die Nähe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft
+die Ferne.
+
+Ein Trupp Matrosen, den wir mit großem Geräusche heraufsteigen
+hörten, trieb uns hinunter.
+
+Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunächst gelegene
+sehr volkreiche Straße nach Hause gingen, sahen wir alle Fußgänger
+still stehen und ängstlich nach dem von unten sehr klein
+scheinenden Kreuze hinblicken, welches über einer Kugel oben
+auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir
+sahen natürlicherweise hin und bemerkten etwas oben am äußersten
+Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases
+entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin
+in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende
+Vergnügen, auf dieser entsetzlichen Höhe allerhand gefährliche
+Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine
+zu stehen, bloß um die Zuschauer unten in ängstliche Bewunderung
+zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen
+schwankenden Mastkorbe, gewiß längst jede Idee von Schwindel
+verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt
+trotz seiner Höhe wohl gar nicht gefährlich dünken, während
+uns andere beim bloßen Anblick banges Grausen ergriff.
+
+
+
+Der Tower
+
+
+[Fußnote: alte Stadtfestung und Gefängnis von London; ältester
+Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Gräben
+wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den
+zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.]
+
+Wir wollen die Löwen sehen, sagen die englischen Pächter- und
+Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt
+und ihren Merkwürdigkeiten unternehmen. Diese Löwen, eigentlich
+die im Tower aufgewahrte königliche Menagerie, dienen ihnen,
+als die Hauptmerkwürdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles
+Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt
+ihrer Residenz durch diese Popularität etwas verrufen, und
+ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen.
+Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches,
+mit dem hohen Stil ganz Unverträgliches zu unternehmen,
+und suchten den Tower mit seinen Löwen am äußersten Ende der City auf,
+wo er nahe am Ufer der Themse liegt.
+
+Grämlich und düster blickt dieser uralte Schauplatz unzähliger
+Greuel mit seinen grauen Türmen über den ihn umgebenden Wassergraben.
+In einem dicht über demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewölbe
+ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher
+hineingeführt wurden. Sie heißt das Tor der Verräter, Traitor's Gate;
+man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange,
+der sich hinter ihnen oft für immer verschloß.
+
+Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not
+für eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen
+vergitterten Fenster über dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer,
+in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen
+Söhne seines Bruders ersticken ließ, als sie eben sanft und ruhig
+im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr träumten.
+Uns gelüstete nicht, das Mordzimmer zu betreten.
+
+Eine alte Sage gibt Julius Cäsar für den ersten Erbauer dieser Veste
+an; die Geschichte aber sagt uns, daß Wilhelm der Eroberer
+in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine
+vielgeliebten Londoner im gehörigen Respekt zu erhalten. Man sieht
+es dem sehr weitläufigen Ganzen an, daß kein fester Plan bei dessen
+Gründung vorwaltete, sondern während der Regierung mehrerer Könige
+bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward.
+
+Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschließt
+in seinem Bezirke mehrere Straßen, eine Kirche, Magazine, Kasernen
+für die Garnison, Häuser für die Offiziere, Zeughäuser, die Münze,
+nebst Wohnungen für die dabei beschäftigten Offizianten und sonst
+noch mancherlei Gebäude. Ein breiter Wassergraben läuft ringsumher,
+und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art
+Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen
+Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen
+Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder
+Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden
+Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten
+Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen trägt gleich am Eintritte
+dazu bei, uns in frühe dunkle Jahrhunderte zu versetzen.
+
+Die Münze mit den dazugehörigen Gebäuden nimmt ein gutes Drittel
+des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weiße Turm,
+die Schatzkammer und die Löwen zu sehen. Letzteren machten wir
+zuerst unseren Besuch.
+
+Nicht nur Löwen werden hier in einer besonderen Abteilung
+in starken Käfigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und
+mehrere Arten wilder Bewohner der Wüsten, grimmige stattliche Bestien,
+denen man es ansieht, daß sie gut gehalten werden. Nach englischer
+Sitte hat jede derselben außer dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer
+in ihrem Käfig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen
+Namen, besonders die Löwinnen; da findet man eine Miß Howe, Miß Jenny,
+Miß Charlotte, Miß Nanny, als wäre man auf einer englischen Assemblee.
+Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es
+ist merkwürdig, daß diese gerade die wildesten und unbändigsten sind.
+
+Die Kronjuwelen [Fußnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.],
+welche ebenfalls der Tower aufbewahrt,
+zeigt man auf eine wunderlich ängstliche Weise, die sehr
+gegen die Liberalität absticht, mit welcher Fremde im Dresdner
+grünen Gewölbe herumgeführt werden. Der uns leitende Ochsenfresser
+öffnete uns eine kleine Türe, wir traten hinein und mußten uns alle
+in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tür ward
+hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen
+steinernen, ganz dunklen Gewölbe wie in einem Gefängnis.
+Die unerwartete Finsternis blendete uns; es währte lange,
+ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und
+hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern.
+
+Dieser etwas drachenähnliche Hüter unterirdischer Schätze zeigte uns
+nun viele Kostbarkeiten. Manches Stück davon war wegen der alten,
+mitunter sehr feinen Arbeit merkwürdig; zum Beispiel ein goldener
+Adler, dessen Hals das heilige Öl zur Salbung der Könige enthält;
+der goldene Löffel, in welchen der Bischof bei der Krönung
+dieses Öl gießt, und vieles uralte Tischgeräte von Gold und Silber.
+Dann sahen wir auch das mit französischen Lilien verzierte Zepter,
+den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge,
+die bei Krönungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch
+zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschätzbarem Werte,
+ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll groß ist, und ein
+wunderschöner Rubin schmücken die Krone, welche der König
+im Parlamente auf dem Haupte trägt; die Krone des Prinzen von Wales
+wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen,
+daß er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese
+Herrlichkeiten blitzen von köstlichen Edelsteinen. In der
+düsteren Höhle sahen sie wie ein von bösen Geistern bewachter
+Feenschatz aus; ihr Wert wird über zwei Millionen Pfund Sterling
+angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht
+bestimmen kann.
+
+Von hier wandten wir uns zum weißen Turme, der aber weder ein Turm
+noch weiß ist, sondern ein großes viereckiges Gebäude mitten
+in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttürme
+krönen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist.
+
+Im ersten Stock sahen wir die der großen spanischen Armada
+abgenommenen Trophäen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar
+erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei;
+die Spanier führten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung
+von den besiegten Engländern Auskunft über etwa verborgenen Schätze
+zu erpressen.
+
+In diesem Saale ist eine lebensgroße Puppe zu schauen,
+welche die Königin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist,
+einen weißen Zelter zu besteigen. Sie trägt die Kleider,
+welche Ihre Majestät trug, da sie nach diesem merkwürdigen Siege
+zum Volke sprach [Fußnote: Untergang der spanischen Armada
+im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.].
+Wir möchten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle
+der Elisabeth nach diesem Muster zu kostümieren. Die gute Dame
+sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme
+aufgekräuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht,
+und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch
+gepreßte Taille.
+
+Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn
+schönes Haupt fiel [Fußnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.;
+1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwürdigkeiten,
+von denen der Tower wimmelt.
+
+Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr großen Saale
+aufgestellt. Nimmer hätten wir diesen Mordgewehren zugetraut,
+daß sie einen so hübschen Anblick gewähren könnten. Sie sind hier
+auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack
+geordnet; die Wände blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen
+und Säbeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man
+daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen,
+Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen,
+um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden.
+
+In einem anderen großen Saale sind alle Könige Englands, von
+Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen
+stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Rüstung zu schauen.
+Die zum Teil sehr prächtigen Rüstungen sind die nämlichen, welche
+ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat
+eine über und über vergoldete Rüstung an; der Ochsenfresser,
+unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche
+nie getragen. Der berühmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten,
+muß ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Rüstung ist
+sieben Fuß hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich
+der Achte war gewiß ein ansehnlicher Herr; die für ihn in seinem
+achtzehnten Jahre verfertigte Rüstung gibt der des John of Gaunt
+an Größe wenig nach.
+
+
+
+Der Palast von Westminster
+
+
+[Fußnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebäude
+sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang
+der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch.
+Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom
+Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.]
+
+In diesen Überbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner
+erbauten Palastes thront jetzt die Göttin Themis [Fußnote: Göttin
+der göttlichen und natürlichen Ordnung.]. Gleich den Königen
+von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz
+sieht von innen und außen sehr zerfallen aus. Neugierig,
+den Schauplatz so vieler merkwürdiger Entscheidungen, den Tummelplatz
+der berühmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin.
+
+Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher,
+gewölbter Saal, zweihundertfünfundsiebzig Fuß land und vierundsiebzig
+breit. Man hält ihn in England für den größten in Europa, dessen Decke
+nicht auf Säulen ruht. Dies mögen wir nicht bestreiten, aber trotz
+seiner Größe gewährt er keinen brillanten Anblick. Die Wände sind
+ohne alle Verzierungen, und die künstlich geschnitzte Decke
+von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen
+der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nähe
+betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke
+nicht ohne Kunstwert sein.
+
+In früheren Zeiten diente diese Halle bei großen Festen und
+Schmausereien den Königen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll
+darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier
+das Parlament versammelt, hier war der große Gerichtshof,
+in welchem der König persönlich präsidierte. Der unglückliche
+Karl der Erste [Fußnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen
+stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit
+den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats
+vor ein außerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649
+zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall
+enthauptet.] ward in dieser Halle verhört und verurteilt,
+und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen
+seltenen Rechtsfällen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine
+andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewöhnlich aber dient
+diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade,
+bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden.
+
+Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mänteln, mit großen,
+weißgepuderten Perücken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert
+ging es übrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte;
+keine Wache, kein Türsteher, niemand, der auf Ordnung hielte,
+war sichtbar. Auch wir eilten ungestört umher, traten von ungefähr
+hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang
+und sahen uns plötzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht großen,
+nicht schönen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine
+Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhöhung hinter einem Tische
+saß ein schwarzbemäntelter Herr mit einer gewaltig respektablen
+Staatsperücke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend;
+wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn
+eine Menge Leute gingen mit großen Geräusche aus und ein und
+machten einen Lärm, als wären sie für sich allein zu Hause.
+Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand
+kehrte sich sonderlich daran, der Lärm dauerte fort nach wie vor.
+Rund um den Tisch saßen dreißig bis vierzig andere Herren auf Bänken,
+ebenfalls mit schwarzen Talaren und weißen, obgleich etwas
+kleineren Perücken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner
+zuzuhören, so gut es sich bei so bewandten Umständen tun ließ.
+Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof,
+High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler,
+die anderen wären die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel
+sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden.
+Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus
+appellieren.
+
+Verwundert über die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge
+betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher,
+durch viele uralte gewölbte Gänge, Treppen auf und ab, kreuz und
+quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der großen Halle,
+im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench.
+
+Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe;
+derselbe Lärm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Perücken
+angetan, die auf einer größeren Erhöhung sich befanden, präsidierten;
+einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen,
+hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren
+Armesündergesichtern, über deren Haupt es eben herzugehen schien.
+
+Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und
+Polizeiverbrechen gerichtet; der berühmte Mr. Erskine [Fußnote: Thomas,
+englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler.
+Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete
+Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Kläger
+vor die Schranken. Hoffentlich gönnt man diesen Männern mehr
+Aufmerksamkeit, als sonst hier gebräuchlich ist. Nie und nirgends
+sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschäft der Welt ist,
+die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld,
+Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise
+betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste,
+der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte.
+Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Lärm
+ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, für ihr Geschäft zu verlieren.
+Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshöfe
+zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden
+und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden,
+welche wir besuchten.
+
+Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch
+wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt.
+Dies ist ein alter, mittelmäßig großer, räucheriger Saal.
+Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg über die Armada
+vorstellen, bekleiden die Wände; man rühmt ihre Kunstwert,
+aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub
+und Schmutz haben sie dermaßen entstellt, daß wenig mehr
+von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende
+des Saals, auf einer Erhöhung, steht der königliche Thron,
+der wie der Baldachin einer vom Trödel geholten, altmodischen,
+rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten
+Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl für
+den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stühle für die übrigen
+Prinzen. Mitten im Saal liegen vier große viereckige, mit rotem
+Zeuge bezogenen Wollsäcke für die Lords, welche zugleich Richter
+sind; die übrigen Lords finden ihre Plätze auf einigen zu beiden
+Seiten stehenden Reihen Bänken. Ein sehr großer Kamin vollendet
+das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke
+versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens
+hineinfalle.
+
+So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen
+entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und mächtigsten
+Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball
+Gesetze gäbe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade
+diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der,
+auf innerem Bewußtsein ruhend, allen äußeren Glanz verachtet.
+
+Im Unterhause sieht es nicht glänzender aus; nur der Thron
+und die Wollsäcke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals
+ungefähr die nämliche. Die Wände sind mit braunem Holze getäfelt,
+und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie für die,
+welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen
+werden hier während derselben zugelassen. Auch möchten wenige es
+ertragen können, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon
+um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis
+Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafür gesorgt,
+daß man nicht verhungere; denn ein Gastwirt hält in einem
+unter dem nämlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen
+für die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden
+ist's erlaubt, sich in seiner Küche zu erquicken und zu stärken.
+Es ist Sitte, daß man nach einer solchen Exkursion seinen Platz
+in der Galerie unbesetzt wiederfindet.
+
+Ursprünglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom
+Könige Stephan [Fußnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers,
+von 1135-1154 König von England.] dem Schutzheiligen seines Namens
+gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie
+in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her.
+Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, ließ sie
+dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gängen und
+Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schönsten Werke
+gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riß man
+einen Teil der Vertäfelung, welche die Wände bekleidet, herab,
+um den Saal zu vergrößern. Mit Erstaunen entdeckte man die Überbleibsel
+der reichen Verzierungen an der ursprünglichen Mauer und schloß
+mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen.
+Man fand unschätzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkünstliches
+Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glänzend,
+als wären sie von gestern; besonders am östlichen Ende der Kapelle,
+wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwände
+und Decke waren dort mit schönem Schnitzwerke und alten Wappenbildern
+ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgroße gemalte Figuren
+und ein uraltes Gemälde, die Anbetung der Hirten vorstellend,
+für den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte.
+Alles wurde barbarischerweise zerstört und gänzlich vernichtet,
+um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen,
+als gäbe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem
+die Herren des Unterhauses sich versammeln könnten. Von aller
+dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schönes gotisches Fenster,
+durch welches die Sonne jetzt trübe blickt, als vermisse sie
+den ehemaligen Glanz.
+
+Von außen sah das ganze Gebäude traurig und verfallen aus, sowie auch
+die schöne, gegenüberstehende, dazugehörige Kirche, die berühmte
+Abtei von Westminster. Man wendete wenig Mühe und Kosten daran,
+diese Denkmäler früherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen
+allmählich ihrem Untergange zusinken zu wollen.
+
+
+
+Die Westminster Abtei
+
+
+Diese Behausung berühmter Toter steht öde und trauernd, selbst
+einem großen Grabmale vergangener Jahrhunderte ähnlich. Die alte
+Herrlichkeit und Schönheit der in der gewöhnlichen Kreuzform
+erbauten gotischen Kirche kann man von außen nur ahnen;
+denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden,
+von welchem es möglich wäre, das Ganze zu überblicken. Zwei schöne
+viereckige Türme krönen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach
+gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich
+erhebenden Türmchen geziert; ein prächtiges Portal führt in
+das innere Heiligtum.
+
+Vom Eingange an der Westseite überblickt man den ganzen Plan desselben.
+Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns
+in seiner ehrwürdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch
+verhältnismäßig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhänden
+kühn geschaffene Gewölbe, an welchem Bogen über Bogen sich leicht
+und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe
+von fünf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch
+die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht
+verbreitet heilige Dämmerung ringsumher, über alle die unzähligen,
+mit unendlichem Kunstfleiße gearbeiteten Verzierungen, welche
+diesen ehrwürdigen Tempel schmücken.
+
+Alles Alte darin ist groß, herzerhebend und erfreulich;
+desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd
+nimmt sich der moderne, von weißem Marmor im sogenannten
+griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen
+alten Chor aus, in welchem die englischen Könige gekrönt werden.
+
+Auch die unzähligen Momente, welche diese Kirche eigentlich überfüllen,
+zerstören die Einheit des Gebäudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie
+durcheinander, als hätte man sie vor irgendeinem Unfalle hierher
+geflüchtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies
+Plätzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten,
+wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu
+verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so
+kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgeführt, an die sie lehnen,
+und obgleich es ein schöner Gedanke ist, daß eine große Nation
+hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Gräbern ihrer Könige,
+das Andenken großer, verdienter Männer dankbar aufbewahrt,
+so kann man sich doch nicht enthalten zu wünschen, daß dieses
+auf eine weniger störende Weise geschehen sein möchte.
+Ein großer Teil der Ausführung des schönen Zwecks geht durch
+die Art verloren, mit welcher alles unter- und übereinander
+gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzählige Spinnweben
+muß man sich drängen, um manches Monument in seinem engen Winkel
+zu betrachten, und dabei den Kummer zu fühlen, das wahrhaft
+Schöne und Große durch soviel Mittelmäßigkeit verdrängt und
+entstellt zu sehen.
+
+Eine Ecke in einem der kürzeren Flügel ward dem höheren Talent
+gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel,
+The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Händel, Shakespeare,
+Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton,
+Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope
+suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher
+hochgefeierte Name muß sich in diesem Pantheon aus Mangel
+an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon
+mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hölty
+so nah verwandten Goldsmith ist über der Türe angebracht.
+Händel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er
+die Melodie der Sphären und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten.
+Im königlichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange
+hervor und schaut entzückt und geblendet die neue Szene.
+Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt
+auf eine herabhängende Pergamentrolle mit folgender Inschrift
+aus seinem "Sturm:
+
+ "So werden
+ Die wolkenhohen Türme, die Paläste,
+ Die hehren Tempel, selbst der große Ball,
+ Ja, was daran nur Teil hat, untergehen,
+ Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug
+ Wie der zu träumen, und dies kleine Leben
+ Umfaßt ein Schlaf."
+
+Unter den im übrigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmäler wird das dem
+Lord Mansfield gewidmete und von den Engländern besonders hoch gehalten.
+Es ist vom jüngeren Flaxmann gearbeitet [Fußnote: John (1755-1826),
+bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham,
+Vater des berühmten William Pitt [Fußnote: im Gegensatz zu seinem Vater
+der jüngere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine
+größten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Großbritanniens
+waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit
+Irland. Vorkämpfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund
+Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst
+gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich
+ungraziöser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand stützt sich auf's
+Knie, die andere hält eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas
+niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel
+auslöschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schönen, nackten,
+weiblichen Figur dargestellt.
+
+Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham;
+viele Tugenden weinen zu seinen Füßen und lassen es unentschieden,
+ob seine Rede sie rührt, oder ob er Dinge sagt, über welche
+die Tugend weinen muß.
+
+Auch die traurigen Manen des unglücklichen Majors Andree, der im
+amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehängt ward,
+finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument.
+
+Zwölf an die Kirche sich anschließende Kapellen enthalten die Asche
+der Könige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths
+Zeiten ward keinem Könige ein Monument hier errichtet, obgleich
+alle hier begraben lieben.
+
+Gern betrachteten wir jene alten Denkmäler; fast alle sind große,
+viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen
+in völliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten
+Händen, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir
+wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria
+von Medici und Karl der Neunte in den gräßlichsten Verzerrungen
+des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in
+entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Gräbern abgebildet liegen.
+Gerührt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie
+unweit ihrer Todfeindin und Mörderin gebettet; das Gesicht ihrer
+Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden.
+
+Die älteste der zwölf Kapellen enthält das Grab Eduards des
+Bekenners [Fußnote: angelsächsischer König (1042-66)
+[Fußnote: König von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus
+dem Heiligen Land zurück, nachdem er mehrere Jahre dort gekämpft
+hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert,
+welche leider größtenteils von ungezogenen Altertumsfreunden
+ausgebrochen und mitgenommen wurden.
+
+Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin,
+Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und
+Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war,
+zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land.
+Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen
+Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem
+so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestärkt durch ihren Anblick,
+angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen
+bald große Verwüstungen an. Die Ungläubigen rächten sich
+aber fürchterlich und tückisch. Sie sandten Meuchelmörder
+gegen ihn aus, die ihn mit einem tödlich vergifteten Pfeile
+am Arme verletzten. Die Mörder fielen zwar unter den rächenden
+Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewußtlos
+in sein Zelt getragen. Die Ärzte gaben ihn ohne Rettung verloren,
+wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen
+und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens
+zu erhalten sich entschlösse. Starr und stumm standen all
+um das Sterbebette ihres künftigen Königs; sie hatten oft
+dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch
+konnte keiner zu diesem Opfer sich entschließen. Da eilte Eleonore
+herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich
+auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die
+Augen wieder auf. Mit welchem Gefühl er auf diese Weise sich
+dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, fürchtend ihn auf's
+neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal
+an die treue Brust zu drücken, und nur von ferne, zitternd
+vor Freude, vor ihm stand, dafür haben wir keine Worte.
+Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden?
+War es vielleicht nur bei einer äußeren Verletzung tödlich?
+Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre
+ein glückliches, schönes Leben an der Seite ihres Gatten,
+teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre
+später hier ihre letzte Ruhestätte.
+
+So erzählt die Sage, und zu schön, um ihre Wahrheit zu bezweifeln,
+obschon einige berühmte Geschichtsschreiber diese rührende
+Begebenheit nicht erwähnen.
+
+Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter
+Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der
+Kindheit, aber diesmal führte ihr Genius den Meißel des Künstlers,
+ein schützender Engel wachte über das Bild und barg es vor
+der zerstörenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von
+hoher Schönheit und wunderbarer Güte und Milde auf dieser
+ihre Züge der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung.
+
+Die Gräber Eduards des Dritten [Fußnote: König von England
+[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Fußnote: König von England
+(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle.
+
+Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwürdiges Denkmal
+alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und
+Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf.
+Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Könige
+bei der Krönung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefügt,
+welcher den Königen von Schottland zum Königsthrone diente.
+Eduard der Erste ließ ihn von Scone, welches die Leser aus dem
+ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen.
+
+Die dicht daran stoßende Kapelle Heinrichs des Fünften
+[Fußnote: König von England (1485-1509] ist wegen ihrer
+altertümlichen Pracht eine der merkwürdigsten. Leider liegt der
+gute König ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und
+Zepter sind seinen Händen entrissen. Alles dies war, dem
+solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gemäß, ganz von
+gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume
+der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen.
+
+Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren
+Namen sie noch führen, enthalten viele für den Altertumsforscher
+höchst merkwürdige Gegenstände, viele Belege zur Geschichte
+des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter;
+selbst das uralte hölzerne Monument des sächsischen Königs Sebert,
+welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute.
+
+Merkwürdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen
+seiner Ähnlichkeit und zugleich Unähnlichkeit mit dem berühmten
+Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht
+der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem
+ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten ließ;
+neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit,
+seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken
+ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmöglich sich entschließen,
+ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte
+durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, während
+ihre Vorgängerin zur Rechten läge. Noch auf dem Totenbette
+war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge
+der rangsüchtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte
+ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand weiß, wo ihre
+Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens wäre längst verschollen,
+wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden
+Jahrhunderten aufbewahrt worden wäre.
+
+Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache,
+nur die letzte und schönste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten,
+[Fußnote: König von England 1485-1509)] ist daran angebaut,
+so daß nur der Eingang dazu in der Kirche steht.
+
+Dies Gebäude ist eines der schönsten seiner Zeit, aber leider
+sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlässigten Zustande,
+mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben
+notdürftig unterhalten; hätte man die langsam zerstörende Zeit
+noch länger ungehindert fortwüten lassen, so wäre bald alles
+zu einer schönen Ruine zusammengesunken, die überall sich besser
+ausgenommen haben würde als an dieser, dem heiligen Andenken
+großer Vorfahren geweihten Stelle. Von außen ist die Kapelle
+mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmückt, das Ganze
+im schönsten Ebenmaße, leicht und erfreulich. Vierzehn schöne
+durchbrochene Türme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der
+Kirche aus, dient ein prächtiges, in Stein gehauenes Portal,
+welches drei sehr künstlich gearbeitete Gittertüren von
+vergoldetem Eisen verschließen. Die Decke ist über und über mit
+schöner Bildhauerarbeit von Stein geschmückt, schöne, gewölbte
+Bogen, unterstützt von Pfeilern im reinsten Ebenmaße, prächtige
+Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur
+ist hier zu finden. Unmöglich kann man dieses schöne Überbleibsel
+früherer Zeit zu hoch preisen, und wohl wäre es wünschenswert,
+daß die Kapelle einen Freund und Verehrer fände, wie der Dom
+von Köln ihn an dem Herrn von Boisserée fand, [Fußnote: Sulpiz
+und Melchior, zwei Brüder, gebürtige Kölner, deutsche Kunstsammler
+und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854)
+vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung
+des Kölner Doms anregte.
+
+Zum üblen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830
+in einer Anmerkung ergänzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten
+Erscheinen dieses Buches erfüllt, und auch für die bessere
+Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher
+der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken
+der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte.
+
+Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten
+von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze,
+umgeben von einem ebensolchen, sehr prächtigen Geländer.
+Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze
+schmücken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano.
+
+Außer diesen wirklich merkwürdigen und ehrwürdigen Kunstwerken
+werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Könige und
+Königinnen in alten Glasschränken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen,
+die dem Untergange längst hätten übergeben werden sollen.
+Nur das leiht ihnen einiges Interesse, daß sie mit den nämlichen
+Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten
+trugen. Wüßte besonders die Königin Elisabeth, welch ein
+häßliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so würde
+die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe
+keine Ruhe lassen.
+
+
+
+LONDONS UMGEBUNGEN
+
+
+Windsor
+
+
+[Fußnote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III.
+ließ es niederreißen und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert
+ein neues Schloß bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern
+mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV.,
+und Königin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey
+Wyattville.]
+
+An dem südlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen
+westlich von London, thront auf einer Anhöhe das alte stattliche
+Schloß von Windsor. Von dieser herab genießt man eine der
+ausgebreitetsten Aussichten auf die schöne, reiche Gegend umher.
+Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses,
+seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Türmen.
+
+Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schloß, kurze Zeit nachdem er
+sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab
+es Heinrich der Erste und vergrößerte es. Später erwählte Eduard
+der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der
+Dritte ward hier geboren. Vorliebe für den Ort, an welchem seine
+Wiege stand, bestimmte diesen, das Schloß, welches er zu seiner
+Sommerwohnung wählte, nach einem neuen Plane prächtiger zu bauen.
+Auch König Karl der Zweite wendete viel auf die Verschönerung
+von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt
+der Könige von England und ihre gewöhnliche Sommerwohnung.
+Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche
+Veränderung und Verschönerung damit vorgenommen worden.
+Der Schloßgraben ward ausgefüllt, ein Hügel, welcher die Aussicht
+gegen Morgen beschränkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden
+abgetragen. Dennoch sieht das Schloß noch immer ehrwürdig und
+altertümlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten
+imponierenden Ansehen verloren haben mag.
+
+Es hat zwei Höfe, den oberen und unteren; beide werden durch den
+sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander
+getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats-
+und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen
+und gegen Süden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof
+ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen
+Säle und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von höherem,
+bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar,
+und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwürdigste
+unter den Sälen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter
+des Ordens vom Hosenbande [Fußnote: Order of the Garter; angesehenster
+englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der Überlieferung zufolge
+verlor Eduards Geliebte, die Gräfin Salisbury, bei einem Tanz
+ihr blaue Strumpfband. Der König hob mit dem Band auch den Rocksaum
+der Gräfin auf und entblößte dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert
+hinein war es zwar schicklich, die Büste mehr oder minder frei
+zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen
+zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.].
+Er ist einhundertacht Fuß lang, am Ende desselben steht der
+königliche Thron, über diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz
+in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande
+und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense.
+
+Die Staatszimmer hängen voll Gemälden, welche man aus Mangel an Zeit
+nur zu flüchtig betrachten muß. Dem Anschauer werden im Vorübereilen
+die Namen der größten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein
+und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael
+und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone
+der Versammlung.
+
+Der schönste Punkt von Windsor Castle ist die große, in ihrer Art
+einzige Terrasse. Sie erstreckt sich längs der östlichen und
+eines Teils der nördlichen Seite des Schlosses, ist
+eintausendachthundertsiebzig Fuß lang und von verhältnismäßiger Breite.
+Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten
+Landschaften hinschlängelt, auf die mannigfaltigen Landhäuser,
+Dörfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkähnlichen Wald
+von Windsor und die in der Nähe liegenden Gärten, ist über alle
+Beschreibung schön und reizend.
+
+Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die königliche
+Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebäude,
+welches der südlichen Terrasse gegenüberliegt. Hinter diesem Gebäude
+erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel
+der großen Terrasse übersieht. In ihm befindet sich ein zweites
+Gebäude, das die Prinzessinnen bewohnten.
+
+Die Königin besaß nahe bei Windsor noch ein kleines, bürgerlich
+aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung,
+welche sie sehr liebte, heißt Frogmore. Hierher machte sie oft
+Landpartien mit ihren Töchtern und einigen Lieblingen unter ihren
+Damen. Kleine ländliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen,
+Frühstücke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr
+beschränkten Familienzirkel.
+
+In Windsor mußte man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten
+die königliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns
+Persönlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken,
+welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen.
+Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen,
+wenn man sich nicht präsentieren lassen wollte. Im Theater
+erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten
+eilten sie zu schnell vorüber, als daß man die Gestalten auffassen
+konnte.
+
+Während ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle
+Sonntage morgens in bescheidenen Negligé, nach englischer Sitte,
+beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der König
+gesund, so versäumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr
+des Morgens in der königlichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses
+seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls
+jedermann zugelassen wurde. Später traf man ihn vormittags oft
+in den Wirtschaftsgebäuden, in den Pferdeställen, überall.
+Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer
+runden braunen Perücke, die ihm völlig das Ansehen eines
+wohlhabenden Pächters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hören,
+wenn man ihn Farmer George nannte; ländliche Ökonomie war in
+früheren Zeiten seine Lieblingsbeschäftigung.
+
+An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie
+auf der großen Terrasse, und dieses gewährte dann einen
+in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen
+altertümlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Türmen,
+von der anderen die oben erwähnte reiche Aussicht auf den Strom,
+Feld und Wald im verklärenden Glanze der sinkenden Sonne,
+und nun das bunte drängende Gewühl aller Stände, jeden Alters,
+beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versäumte es leicht,
+Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage
+zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner
+der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum
+geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfällige
+Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehälften
+und zierlichen trippelnden Misses.
+
+Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden
+nach Windsor geflüchtet und mischten uns unter die bunte Menge.
+Auf und ab wogte das Gewühl, die große Terrasse war fast
+zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militärischer
+Musik auf der Schloßmauer an beiden Ecken der Terrasse.
+[Fußnote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande
+Musiker. Uns dünkt dies recht charakteristisch."]. Beide
+spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich
+umeinander zu kümmern; die Entfernung und das Geräusch waren
+auch zu groß, als daß sie viel voneinander hätten hören können.
+Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung
+den ganzen Abend fort zu musizieren. Die königliche Familie
+erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe
+voraus, um nur einigermaßen Raum für sie zu machen. Man drängte
+sich von allen Seiten um sie her. Der König ging zuerst,
+an seiner Seite die Königin. Wo er einen Bekannten erblickte,
+redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gruß zu,
+ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er
+nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hörten
+verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar
+so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft
+drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen
+Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte;
+auch die Königin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen
+ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude
+zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen
+auf den hohen, spitzigen Absätzen, die sie noch immer trug,
+wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem
+grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Höhe nahm,
+mit einem altmodischen Mäntelchen von weißem Taft, sah sie gar
+nicht königlich aus. Der König schien oft ganz zu vergessen, daß er
+sie führte, und ging, stand oder kehrte plötzlich um, wie es ihm
+eben gefiel.
+
+Hinter dem königlichen Paare wandelten die beiden ältesten Prinzessinnen
+am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht.
+Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gestützt.
+Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden jüngeren Schwestern
+am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie
+in Prozession durch das Gewühl auf und ab; stand der König,
+so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm.
+
+In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen
+wenigstens zwanzigmal, denn so wie der König an einen etwas
+menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden
+machten ihm viel Vergnügen; selten kehrte er vor der Dämmerung
+nach Hause. Wir waren ihrer eher überdrüssig als er, denn er
+wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verließen.
+
+Das Städtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich
+den ganz beträchtlichen Hügel hinan, auf welchem das Schloß liegt.
+Die Straßen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und
+Gehen; auch die Gasthöfe fanden wir weniger gut, als man es
+in dieser Nähe des Hofes vermuten sollte.
+
+Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College,
+liegt am Fuße des Hügels, jenseits der Themse, und wird nur
+durch eine Brücke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebäude
+zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber
+ist ein schönes gotisches Gebäude, welches die reiche Landschaft
+noch mehr verschönert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute
+diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionäre werden dort
+auf Kosten des Königs erzogen, aber auch Söhne guter Familien
+für Bezahlung darin aufgenommen. Die Schüler sind in zwei Klassen
+geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung
+in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und
+Cambridge haben noch viel Strenges und Klösterliches, sogar
+in der Kleidung. Im Monat August werden die Schüler in Eton
+examiniert und diejenigen ausgewählt, welche nach Cambridge
+gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwölfe unter
+diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht,
+nach drei Jahren Mitglieder der Universität Cambridge zu werden,
+Fellows of the University, welches ehrenvoll und einträglich ist.
+Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitläufige, wohlunterhaltene
+Gärten umgeben die Schulgebäude.
+
+
+
+Die Gärten von Kew
+
+
+Durch den Hyde Park hindurch, vorüber an den schönen Gärten
+von Kensington, führt der Weg zu diesen, besonders in botanischer
+Hinsicht mit Recht berühmten königlichen Gärten.
+
+Vier englische Meilen fährt man von Kensington nach Kew zwischen
+einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen
+Grasplätzen und Gärten eingefaßter Landhäuser. Größtenteils
+sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien,
+deren Häupter in der Stadt ihren Geschäften nachgehen, während Frau
+und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphäre der City, sich hier
+einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines ländlichen
+Aufenthalts in der schönen Gegend erfreuen. Oft schon erwähnten
+wir in diese Blättern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit,
+Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb städtischen,
+halb ländlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmöglich,
+nicht immer in neue Lobsprüche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt,
+und sich dabei des Gefühls von häuslicher Ruhe und behaglichen
+Wohllebens erinnert, welches ihr bloßer Anblick selbst dem
+vorübereilenden Wanderer einflößt.
+
+Nur die Gärten sind in Kew merkwürdig; das Haus des Königs ist klein,
+unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen
+Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum
+Absteigequartier. Es wird nie von der königlichen Familie bewohnt
+und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne würdig. Indessen
+war man während unseres dortigen Aufenthalts beschäftigt,
+ein großes massives Gebäude zum künftigen Witwensitz der Königin
+zu erbauen [Fußnote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV.,
+1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerfälligeres
+als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack
+aufgetürmte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine,
+spaltenähnliche Fenster, dicke, unbeholfene Säulen geben ihr
+eher das Ansehen eines Staatsgefängnisses als der Wohnung einer Königin.
+
+Die botanischen Gärten von Kew vereinigen eine unzählige
+Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen,
+und gehören gewiß zu den merkwürdigsten in Europa, wenn sie nicht
+vielleicht alle übrigen übertreffen. Die überall wehende englische
+Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt
+fast alles zusammen, was nur auf Erden wächst. Von der Zeder
+des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier
+Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kümmerlich
+zu vegetieren, sondern üppig zu wachsen, zu grünen und zu blühen.
+Der König liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Mühe
+auf diese Gärten und freute sich ihres Gedeihens. Der berühmte
+Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht,
+und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsäglicher Mühe
+und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites,
+fruchtbares Feld. Auf diese Weise mußte etwas sehr Vollkommenes
+entstehen. Das durch die wärmende Seeluft unendlich gemilderte Klima,
+der natürlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei,
+um der Anstalt das höchste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter
+den Wiesen ihren grünen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr
+hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden
+Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche
+selbst im südlichsten Teile von Deutschland den größten Teil des Jahres
+im Hause gehalten werden müssen und nur während der Sommermonate dort
+der Luft ausgesetzt werden dürfen, wachsen hier üppig im Freien,
+wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die großblättrige Myrte,
+der duftende Heliotrop und noch viele mehr.
+
+Es ist eine große Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen
+dieser Gärten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten
+zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele
+der Natur mit Farben und Formen zu ergötzen; dann in die großen
+Treibhäuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt
+zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des glühend heißen
+Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im südlichen Amerika
+wächst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen,
+und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was
+zusammengehört und gleichsam ein für sich bestehendes Ganzes ausmacht.
+
+Auch die lebendigen Blumen der Lüfte werden hier gepflegt.
+Eine große Volière vereinigt eine Menge der schönsten ausländischen
+Vögel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges
+Wesen treiben, als wären sie zu Hause. In einer größeren Abteilung
+des Gartens werden eine Menge der schönsten Gold- und Silberfasanen
+gehalten, neben ihnen stolzieren prächtige, zum Teil seltene Pfauen
+und mehrere andere Arten größerer fremder Vögel. Mitten in dieser
+Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel,
+auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservögel
+aller Art, mit langen und breiten Schnäbeln, schwimmen auf den
+silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen
+gravitätisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und
+lustig, als wäre es im Vaterlande.
+
+Auf einer großen grünen Wiese sahen wir ein anderes lustiges
+Schauspiel; einige vierzig Känguruhs hüpften darauf in völliger
+Freiheit umher.
+
+Nichts Lächerliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen
+Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwänze aufrecht und
+machen dabei ganz gewaltige Sätze. Die kurzen Vorderbeinchen,
+die sie zum Gehen gar nicht brauchen können, halten sie auf eine
+possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl
+Mannshöhe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem
+die Mütter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal
+zu arge Sprünge, so fällt wohl so ein liebes Kleines aus dem
+Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfältig
+aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzürnten sich ein paar
+Männchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfuße
+und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel
+am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir
+dem argen, wilden Treiben dieses närrischen Volkes zu, das uns
+oft lautes Lachen abnötigte.
+
+Als wir die eigentlichen Lustgärten von Kew zu sehen wünschten,
+ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt,
+und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein
+Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir
+verdrießlich und ließen unseren Unmut untereinander in gutem,
+vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glück hörte dies ein in
+der Nähe arbeitender deutscher Gärtner. Der süße Klang aus
+dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute
+so kräftig an, daß ihm endlich erlaubt wurde, unser Führer zu sein.
+
+Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche
+Bäume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten
+mit lichten Gängen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gesträuch.
+Besonders reizend erschien uns ein reich geschmückter Blumengarten
+mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten.
+Nur ein wenig zu überladen mit Gebäuden sind diese Gärten.
+Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem Äolus,
+dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht;
+da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen
+Gebäude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee,
+römische Ruinen, kurz - viel zu viel für den guten Geschmack.
+Keines dieser Gebäude ist ausgezeichnet schön, aber auch keines
+seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht
+enthalten, manches davon wegzuwünschen; denn dieses bunte Allerlei
+wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche
+Einfachheit der englischen Parks zu bewundern.
+
+
+
+Richmond Hill
+
+
+Ein höchst angenehmer Weg führt durch die Gärten von Kew zu den
+daran stoßenden von Richmond. Viele Gebäude, mit denen auch
+diese unter der Regierung mehrerer Könige und Königinnen überladen
+wurden, sind glücklicherweise wie von selbst verschwunden.
+Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem
+zauberisch schönen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher
+einem großen herrlichen Garten gleicht.
+
+Nur ein Landhaus der Königin, welches diese oft mit ihrer Familie
+besuchte, steht an einem der freundlichsten Plätzchen des Gartens,
+einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Könige
+erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor
+Herschel verfertigter Instrumente merkwürdig sein. Wir besuchten
+sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schön, um von ihr
+weg den Blick zum Himmel zu wenden.
+
+Schon von der hübschen steinernen Brücke aus, die nahe vor dem
+berühmten Hügel von Richmond über die Themse führt, genießt man
+einer entzückenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schönen Villen
+geschmückten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr beträchtlichen
+Höhe erhebenden grünenden und blühenden Hügel. Weit schöner noch
+ist es, wenn man diese Anhöhe ersteigt und nun aus dem Fenster
+des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der
+reizendsten Täler der Welt. Größere, ausgebreitetere, romantisch
+schönere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut
+diese überträfe. Ein unaussprechlich süßes Gefühl von Ruhe,
+stillem Glück, Freude am Leben ergreift jeden mächtig, der von hier
+aus den Blick herabsenkt. Alles grünt und blüht in der herrlichsten,
+üppigsten Vegetation. Die höchstmögliche Kultur schmückt das weite,
+von einem der schönsten Sröme belebte, von sanft anschwellenden,
+waldgekrönten Hügeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine
+solche zweite Aussicht dar, und außer dieser Insel kann es keine
+ähnliche geben; wo fände man noch dieses frische Grün in Wiese
+und Garten, Feld und Wald?
+
+In mannigfaltigen Biegungen und Krümmen durchströmt die Themse
+dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der mächtige Strom,
+der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich prächtig weit ausbreitend,
+die Schätze aller Weltteile auf seinem Rücken trägt.
+Nur schiffbar für kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch
+die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schönen tätigen
+Lebens in stillem Frieden. Überall trägt sie die klaren Wellen hin,
+verschönt, erfrischt, tränkt die Umgebungen und wandert dann
+geräuschlos weiter.
+
+Das üppigste Gedeihen füllt Wald, Höhe und Tal, krönt die Ufer,
+die schönen Hügel, so weit das Auge nur reicht. Weiße Giebel
+freundlicher Pächterwohnungen, schöne Fassaden prächtiger
+mit Säulen geschmückter Villen, Landhäuser, umrankt von
+Jelängerjelieber, Türme entfernterer Kirchen, stattliche Schlösser,
+freundliche Dörfer und Städtchen blinken überall hervor aus Bäumen
+und Gebüsch, in der Höhe und in der Tiefe, in der Nähe und in der
+Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstände,
+überall ist Lebensgenuß und Freude, nirgends Geräusch und ängstliches
+Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes drängt sich alles dies
+noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen,
+damit alles Schöne und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne
+schauen die ehrwürdigen grauen Türme von Windsor von ihrem Hügel
+herüber, unten, mehr in der Nähe, breitet sich stattlich das große
+königliche Schloß Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde,
+nahe an der Themse, liegt das reizende Schloß Strawberry Hill;
+dicht daran das aus lauter schönen Häusern zusammengesetzte Dorf
+Twickenham mit seiner hübschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich
+die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus.
+
+Es wäre sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umständlich
+beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder
+können ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht
+einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Höhe
+von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft
+sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abriß,
+ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff
+die Ähnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim
+ersten Anblick. Nur daß dort alles groß, mannigfaltig ausgebreitet
+daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch
+schmücken nicht unzählige Türme und Gebäude das stille, einsame
+Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse krönen.
+
+Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern
+und Strumpfband", Star and Garter, übersieht man all diese
+Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schöne Lage,
+sondern auch die vorzüglich gute Einrichtung und Bedienung erheben
+diesen Gasthof zu einem der ersten in England.
+
+Ihm gegenüber ist der Eingang zum Park, den man zu den größten
+rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen beträgt.
+Bescheiden hat die Kunst hier nur für die Bequemlichkeit der
+Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudrängen. Zahme Hirsche und
+Rehe weiden hier in großer Anzahl zwischen herrlichen Bäumen.
+Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher
+gebracht, da der alte König dort selten hinkam. Überall im
+Park öffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der großen
+Landschaft, die man von Richmonds Hügel erblickt; in anderen
+Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen,
+bilden sie hier neue Ansichten und vervielfältigen den Genuß
+ins Unendliche.
+
+
+
+Staines. Slough. Oatlands
+
+
+Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der
+Themse, fuhren wir durch den schönen Park von Claremont,
+alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Städtchen
+Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird
+Fremden nicht gezeigt. Seine Außenseite verspricht nichts
+Außerordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung
+und die vielen Gemälde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt.
+
+Die Gärten von Painshill waren die ersten, welche wir vor
+mehreren Jahren bei einem früheren Aufenthalte in London besuchten.
+In der Nähe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz,
+dessen Promenaden sie an Größe und Schönheit überträfen.
+Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen,
+langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getäuschter
+Hoffnungen für uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill
+war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher
+Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt
+in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig
+sahen wir von weitem die schönen Bäume, nach deren Schatten
+wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem
+hart an ihren Ufern erbauten Städtchen Staines, in dessen
+Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging.
+
+Das frohe, bunte Gewühl der Zuschauer ergötzte uns und zerstreute
+schnell den Verdruß über unser Mißgeschick in Painshill und
+Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste
+an die Jahrmärkte und Kirchmessen, welche in Deutschland
+von Zeit zu Zeit Dörfern und kleine Städten Leben und Freude
+bringen.
+
+Dicht neben dem Gasthofe in Staines führt eine hoch und kühn
+gewölbte Brücke über den Strom. Nicht ganz so groß als die
+bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient
+allein, daß man die kleine Reise von London hierher macht,
+besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen
+Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein kühner Sprung
+wirft sie sich über den Strom, und der Pont aux arts in Paris
+läßt sich trotz seiner mit Orangenbäumen garnierten Geländer
+auf keine Weise mit diesem schönen, wie von Feenhänden
+durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen.
+
+Von Staines führte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine
+höchst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht
+der Themse, über Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill,
+einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet,
+die man nur wünschen kann. Von London aus werden oft Landpartien
+dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier
+verweilen, um alles Schöne mit Muße zu genießen, was Windsor
+und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewähren.
+
+Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem
+Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht großen,
+aber sehr hübschen, vom Könige ihm geschenkten Hause wohnt
+[Fußnote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus
+und über 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline
+(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein
+Empfehlungsschreiben an unseren berühmten Landsmann. Freundlich
+empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung
+ähnliche Schwester. Während diese die Aufsicht über den Himmel
+mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben
+auf der Erde so angenehm als möglich und überhob ihn jeder
+irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide
+ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen
+Geschwister in ruhiger, ländlicher Stille hier ein schönes,
+glückliches Dasein.
+
+Die königliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig
+ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus,
+besonders während des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze
+Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten
+und liebten sie; überall war man ihres Lobes voll, sowie wir
+nur ihren Namen nannten.
+
+Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft
+unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen
+Nächten vielleicht zerstörerischer sind als irgendwo, erfreute
+sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit.
+Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste
+Wort für sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen
+Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt,
+wenigstens wurde es ihnen schwer, sich geläufig darin auszudrücken;
+übrigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes
+Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation.
+
+Gefällig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen
+Instrumente. Das große Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete
+er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast
+immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, daß er mit diesen alle
+seine wichtigen Entdeckungen machte, und daß nicht die Größe
+der Gläser, sondern unablässige Aufmerksamkeit, Fleiß und
+Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Höhe brachten,
+die er erreicht hatte.
+
+Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir,
+bei unserem Mangel an den dazugehörigen Kenntnissen, durch unsere
+Beschreibung es machen könnten. Herschel erschien uns immer
+selbst das Merkwürdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach
+dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister,
+aber uns dünkt doch, daß der Meister immer über sein Werk
+erhaben bleibt.
+
+Doktor Herschel gehörte zu den merkwürdigen Menschen, die ohne
+äußere Unterstützung, ohne daß ihre Eltern sie durch eine, ihrem
+Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten,
+in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen,
+hellem Blick und nie zu ermüdendem Mute bei allen Stürmen des
+Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater,
+ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr für ihn
+tun, als daß er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen
+Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit,
+Französisch zu lernen, und glücklicherweise war sein Lehrer auch
+übrigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und
+mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des
+lernbegierigen Schülers auf das lebhafteste beschäftigten.
+Während des siebenjährigen Krieges gingen Herschel und sein Vater
+mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England.
+Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurück ins
+Vaterland, während der Sohn sich entschloß, in London zu bleiben
+und dort sein Glück zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht
+aufgegangen. Verloren in der Menge, übersehen, zurückgestoßen
+überall, gehörte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut
+zu verlieren. Er verließ die glänzende Hauptstadt, die dem
+schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte,
+und wanderte ins nördliche England. Auch hier irrte er eine
+Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende
+Stätte ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt,
+er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen.
+Außer den Stunden, welche er seinem Amte widmen mußte, und
+einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen
+Unterricht verwendete, gab er alle seine übrige Zeit jetzt dem
+Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an,
+dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er große
+Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren
+anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien
+trieb er für sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium
+der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen,
+immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine
+vollkommene Übersicht des ihm zunächst gelegenen, der Theorie
+der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik
+und allen ihr verwandten Wissenschaften.
+
+So verflossen ihm in Halifax einige von ihm höchst nützlich
+verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls
+als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem
+einmal erwählten Stande, er mußte in den Assemblee-Sälen spielen,
+in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht,
+in seinem eigentümlichen Berufe fortzufahren. Trotz der überhäuften
+Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der
+glänzenden Außenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu
+und verwachte viele Nächte bei den abstraktesten Gegenständen.
+
+Astronomie und Optik beschäftigten ihn jetzt fast ausschließend.
+Mit unbeschreiblichem Vergnügen betrachtete er den gestirnten Himmel
+durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich
+erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat
+zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten,
+schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er möge ihm für's erste
+ein größeres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert
+über den dafür geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht,
+ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak
+nicht wenig darüber, denn die verlangte Summe schien ihm
+unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen,
+faßte er jetzt den kühnen Entschluß, selbst ein solches Instrument,
+wie er es sich wünschte, zu verfertigen. Nach unendlichen
+fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln,
+immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm
+endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten,
+fünffüßigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er
+weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor
+nie gesehenen Größe und hielt doch fest bei seinem einmal
+angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glänzenden
+Konzertsälen, während der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen
+und kehrte dann zur rechten Zeit zurück zum Notenpulte.
+
+Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen
+Entdeckungen. Herschel ward berühmt und zuletzt drang sein Ruf
+bis zum Könige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen
+Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten,
+gab ihm eine lebenslängliche Pension und räumte ihm die Wohnung
+in Slough ein, wo wir so glücklich waren, den ehrenwerten Mann
+persönlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor
+einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphären belauschte.
+
+Von Slough nahmen wir unseren Weg über Oatlands zurück nach London.
+Diese einsame ländliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen
+Prinzessin Friederike von Preußen [Fußnote: Gattin des Herzogs
+von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete.
+Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjähriger Ehe.
+Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren berühmt, und auch
+der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin
+des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern
+der Themse, fast am äußersten Ende des schönen Tals, welches
+der Blick von Richmonds Hügel aus beherrscht. Hier wohnte diese
+Fürstin, die Tochter König Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind
+schon der Liebling ihres großen Oheims, beinahe das ganze Jahr
+hindurch in klösterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen.
+Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und
+brachte Abwechslung in ihr einförmiges Leben. Ihre Hauptbeschäftigung
+waren wunderschöne Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen
+bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen dämmerte, ging sie
+gewöhnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder
+zu sinken begann.
+
+Der böse Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise
+begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns
+auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder
+nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt
+wird, und hätten durchaus an einem Sonntage kommen sollen,
+versicherte uns eine alte, ziemlich grämliche, korpulente Dame,
+die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter
+und verdrießlicher Berliner Mops und wies uns knurrend die
+weißen Zähne. Trotz dieser trüben Aspekte versuchten wir unsere
+Redekünste und glücklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten
+ihr vor, wie wir ausdrücklich aus Deutschland über's Meer
+hierher gekommen wären, um unseren Landsleuten hernach sagen zu können,
+wie es in der Wohnung unserer Prinzessin aussähe und wie es ihr erginge?
+Dies rührte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher,
+der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb
+ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin,
+und machte zuletzt noch eine große Toilette, um uns selbst
+ins Schloß zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops
+gesellig neben uns her.
+
+In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schönen großen
+Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schönsten
+und seltensten Pflanzen. Eine Menge großer und kleiner, lang- und
+kurzgeschwänzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin
+liebte diese und alle Tiere, welche sich zur häuslichen Geselligkeit
+erziehen lassen. Fremde und einheimische Vögel, Papageien,
+Hunde aller Art fanden wir in großer Anzahl überall in und um
+ihre Wohnung.
+
+Die größte Zierde des nicht groß, nicht prächtig, sondern
+ganz einfach und fast bürgerlich eingerichteten Schlosses waren
+die künstlichen Stickereien der Fürstin und ihrer Damen.
+Die Spaziergänge fanden wir sehr angenehm, sehenswürdig allein
+eine schöne, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus
+Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes
+Bad enthält. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen
+Gräber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Fürstin.
+Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich
+der Große in Sanssouci für seine vierbeinigen Freunde einrichtete
+und in dessen Mitte er einst, in einer trüben Stunde, sein eigenes
+Grab bereiten ließ.
+
+
+
+Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset
+
+
+Die nördlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe
+bei London mit unzähligen Magazinen, Schiffswerften und anderen
+dem Seehandel unentbehrlichen Gebäuden bedeckt. Hier auf der
+befahrensten Straße zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten
+Tätigkeit geweiht, und die ländlichen Freuden fliehen von selbst
+diesen ewigen Lärm, wo der Amboß und der laute Ruf einer zahllosen
+Menge arbeitender Menschen unaufhörlich ertönt.
+
+Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage:
+die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft
+Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit.
+Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund
+Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschädigt
+die Unternehmer für ihre Auslage vollkommen, denn alle
+Westindienfahrer müssen in diesem durch Kunst hervorgebrachten
+Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei
+ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloß zum Laden dient,
+das größere zwei- bis dreihundert große Schiffe beherbergen kann,
+die darin sicher und bequem unter Schloß und Riegel liegen.
+
+Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen.
+Schöne breite Quais, belebt von allem Gewühl des Seehandels,
+umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Paläste
+gleich, stehen die großen prächtigen Magazine die Quais entland;
+kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Größe des Ganzen scheint
+es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewährt dem Handel
+nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren
+beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl,
+in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den übrigen
+Fahrzeugen, welche den Hafen überfüllen. Da die Westindienfahrer
+gewöhnlich in großen Flotten zugleich anlangen, so entstand
+bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung,
+ein fürchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich
+bringende Gedränge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt,
+und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten.
+
+Den prächtigen Docks gegenüber breitet sich das stattliche
+Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit
+liegenden Boote quer über die Themse zu schiffen, so ist man
+in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter
+in dem schönen Park von Greenwich und die friedlichste Stille
+umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der
+gelderwerbenden Menge tönt mehr herüber.
+
+Hinter dem Park erstreckt sich die nicht große, aber als
+Haupttummelplatz englischer Straßenräuber berüchtigte Heide
+von Blackheath, welche jedoch in üblerem Rufe steht, als sie es
+verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England
+ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte,
+die man in den englischen Blättern liest, wurde nur ersonnen,
+um den Platz zu füllen, oder den übrigen, oft faden Inhalt
+der Neuigkeiten bekannter zu machen.
+
+Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch
+einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir
+auf der Reise von Dover nach London sahen.
+
+Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in
+ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die
+mächtige Stadt, ihre unzähligen Türme und den Dom von St. Paul
+ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten,
+wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige
+beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur
+linken Hand die nicht unbeträchtliche, fast einzig dem Schiffsbau
+gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks,
+ihren gewühlvollen Schiffswerften, rechts die ihr ähnliche Stadt
+Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen
+Seemacht nebst vielen dazugehörigen Schmieden, Magazinen und
+Fabriken befindet. Das sanfthügelige Land ringsumher, belebt
+durch unzählige Dörfer, trägt ganz den englischen Charakter;
+alles ist grün, fruchtbar, angebaut und geschmückt mit
+einzelnen Gruppen ehrwürdiger Eichen und Buchen.
+
+Manchen schönen Park mit seiner Villa, manche reizende ländliche
+Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen
+von London entlegenen Landstädtchen Bromley. Hier drängen sich
+indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend
+um Richmond herum, denn es fehlen die höheren Reize, die dort
+der alles belebende Strom gewährt, und überhaupt mangelt es
+der Grafschaft Kent an Gewässern.
+
+Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor
+mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen
+mittelmäßig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verließen
+und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden.
+Ein schöner Park, angenehme Gärten und Spaziergänge umgeben die
+elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke
+erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der
+Hauptfassade zum Modell.
+
+Wenige Meilen weiter, nahe beim Städtchen Sevenoaks, liegt Knole,
+der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behält
+die Gegend denselben Charakter, hügelig, grün, angebaut wie
+ein Garten.
+
+Das durch sein Alter ehrwürdige Schloß liegt mitten in einem
+weitläufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht
+schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein düsteres,
+weitläufiges Gebäude, dessen innere Einrichtung aus einem
+wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer
+sind ganz modern möbliert, andere, wie sie vor ein paar hundert
+Jahren es waren; die übrigen, gerade die am meisten bewohnt
+zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt
+und nehmen sich eben nicht zum besten aus.
+
+Besonders merkwürdig für den Forscher nach alter Sitte sind
+zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie König Jakob der Erste
+[Fußnote: König von Großbritannien und Irland (1603-25),
+als König von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.]
+es verließ, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen
+geschnitzten Bette könnten wenigsten sechs Personen bequem Platz
+finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas,
+und die zentnerschweren Lehnstühle sind mit kleinen Treppen
+zum Hinaufsteigen versehen.
+
+Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt,
+ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus
+Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein
+zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre
+Entstehung eher dem Amboß und Hammer als dem Webstuhle zu
+verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken
+künstlichen goldenen Stickerei über und über verzierte Decke
+desselben würde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre
+Schwere erdrücken. Eine silberne Toilette von schöner alter
+getriebener Arbeit, ein großer silberner Tisch und ein geschnitzter
+Schrank, groß wie ein Haus in den Hochlanden, über und über
+besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement
+vollständig.
+
+Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemälde.
+Besonders merkwürdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie
+voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen
+früherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher
+vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Wänden auf uns herab.
+Zu den letzteren gehört besonders ein sehr charakteristisches
+Porträt Cromwells, nächst dem Luthers, dessen bleichen Freundes
+Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Porträts
+fast aller bekannten und berühmten Gelehrten und Dichter Englands
+füllen ein besonderes Kabinett.
+
+Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmählich;
+höhere Berge gewähren dem Reisenden manche schöne Aussicht; bald
+zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel;
+weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr
+pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schöne Ruine eines
+uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das
+and seinem Fuße liegende Städtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es
+fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen
+Badeorte Tunbridge Wells.
+
+Dieser wird sehr häufig besucht, da er nur sechsunddreißig Meilen
+von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen
+Stunden zurücklegt. Wir würden indessen die Grenzen der nächsten
+Umgebung überschreiten, wenn wir uns auf dessen nähere
+Beschreibung hier einließen; auch zeichnet er sich weder durch
+seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen
+ähnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir
+dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares
+Lebewohl sagen.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
+by Johanna Schopenhauer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND ***
+
+***** This file should be named 10823-8.txt or 10823-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/0/8/2/10823/
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+Produced by Tina Gr„we
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
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+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
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+ https://www.gutenberg.org/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+ https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+
diff --git a/old/10823-8.zip b/old/10823-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..2edaebf
--- /dev/null
+++ b/old/10823-8.zip
Binary files differ
diff --git a/old/10823.txt b/old/10823.txt
new file mode 100644
index 0000000..efc51dd
--- /dev/null
+++ b/old/10823.txt
@@ -0,0 +1,9734 @@
+The Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
+by Johanna Schopenhauer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Reise durch England und Schottland
+
+Author: Johanna Schopenhauer
+
+Release Date: January 24, 2004 [EBook #10823]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND ***
+
+
+
+
+Produced by Tina Gr"we
+
+
+
+
+
+
+Reise durch England und Schottland
+
+Johanna Schopenhauer
+
+
+
+ENGLAND
+
+VORLAeUFIGE BEMERKUNGEN UeBER ENGLAND
+
+
+
+
+Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen.
+Die schoensten Landschaftsgemaelden aehnlichen Parks, die Gaerten,
+die zweckmaessige Einrichtung der Haeuser, der raffinierte Luxus,
+die Nettigkeit der Ordnung ueberall, die selbst in dem unbedeutendsten
+Hausgeraete sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen
+Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wuenscht sich alle
+diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht
+einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefuehl von heiterem
+Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen,
+sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muss man nicht
+aufkommen lassen; denn seine Erfuellung ist in diesem Lande mit
+so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird.
+
+Von den Schoenheiten des Landes und der Wege, von den bequemen
+Gasthoefen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und
+in welchen man nur einen wohlgefuellten Beutel braucht, um gleich
+so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen
+Einrichtung des Postwesens ist ueberall viel gesagt und geschrieben,
+und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste
+Ganze gehoerig zu loben.
+
+Fuer jetzt wollen wir uns aber darauf beschraenken, eine allgemeine
+Idee eines englischen grossen Landhauses mit seinen Umgebungen
+aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf
+einer Reise von London durch das noerdliche England nach Schottland
+zu sehen Gelegenheit hatten.
+
+
+Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter
+diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus
+oder Schloss zunaechst umgebenden, eigentlich zu demselben gehoerigen
+Laendereien und ist gewoehnlich von ziemlichen Umfange. Aecker und Wiesen,
+mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von
+wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk,
+sowie auch einzelne Wirtschaftsgebaeude von gefaelliger, aber doch
+ihre Bestimmung andeutender Form. Ueberall hat man nach malerischen
+Effekten gestrebt, und die sanften Anhoehen und Vertiefungen dieses
+Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nuetzliche
+mit dem Schoenen vereint.
+
+Der hoechste Schmuck dieses Parks sind die ueppige Vegetation der
+wohlbestellten Aecker, die unvergleichlich schoenen gruenen Wiesen und
+die praechtigen Baeume, groesstenteils Eichen und Buchen, welche ueberall
+in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Baeume das Eigne,
+dass sie mehr als in anderen Laendern gleich von der Wurzel an ausschlagen
+und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebuesche
+sich hinschlaengelnde Gaenge findet man in keinem Parke; auch Gehoelze
+sind, wie ueberall in England, selten. Man koennte sagen, es fehle
+Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft
+dennoch die Sonne selten recht heiss und hell scheint, der Schatten
+entbehrlicher waere als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien
+unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden
+Gebaeude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus naeher
+umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen.
+Nur in sehr grossen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht
+hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloss
+aus eine Ansicht zu gewaehren.
+
+
+An Wasser darf es nie fehlen. Kuenstliche Wasserfaelle kennt man nicht
+Und noch weniger Springbrunnen. Fliesst aber ein kleiner Fluss oder
+nur ein betraechtlicher Bach in der Naehe einer solchen Besitzung,
+so muss er, wenn auch mit grossen Kosten herbeigefuehrt, sich in
+mannigfaltigen Kruemmungen hindurchschlaengeln. Fehlt es an lebendigem
+Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein
+davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natuerliche Kruemmung,
+verdeckt Anfang und Ende mit ueberhaengendem Gebuesche, wirft schoene
+Bruecken darueber und taeuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer
+eines Teichs in die unregelmaessigen Umgebungen eines kleinen Sees.
+Ueberall strebt man nach dem Schoenen und flieht das Gesuchte, Steife,
+Pretioese.
+
+Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von
+halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf
+den gruensten Wiesen der Welt; mit ihnen die schoensten Pferde, Kuehe
+und Ziegen, besonders in der Naehe des Hauses, wo sich die Wiesen
+rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schoenen
+Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein
+geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz.
+
+Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhoehe, alle Baeume sind
+aus seiner naechsten Naehe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne
+kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiss in den Zimmern,
+teils weil es ueberhaupt in England nicht heiss ist, teils wegen
+der wenigen Fenster, die aber so verstaendig angebracht sind,
+dass jeder Teil des Gebaeudes sein hinlaengliches Licht hat.
+
+Die aeussere Ansicht der englischen Landhaeuser ist aus unzaehligen
+Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack
+darin, oft sind sie mit Verzierungen ueberladen. Die Hauptfassade ist
+gewoehnlich mit Saeulen geziert. Sind gleich die Verhaeltnisse derselben
+nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft muessig dazustehen, so
+gewaehren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plaetzchen vor
+dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie ueber den gruenen
+Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Saeulen stehen unzaehlbare
+fremde Gestraeuche und Blumen in Vasen, teils auf schoenen Gestellen
+uebereinander getuermt, teils auf den Stufen des Eingang und den Gelaendern
+zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt,
+ist unglaublich. Taeglich muessen die verbluehten hinweggeschafft und
+andere an ihre Stelle gesetzt werden.
+
+Hoechst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schaetze
+werden aus allen Laendern der Welt hierher gezaubert. Doch auch ueber
+diese schoensten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter
+der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte
+sie gerade die Eriken oder Heidekraeuter ihrer besonderen Huld gewuerdigt.
+Man gab wohl fuenfzig und mehr Guineen fuer so ein geruch-, oft
+farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel
+der Erde herstammte. Grosse Orangerien sind in England, ausser in den
+koeniglichen Gaerten, selten anzutreffen.
+
+Die innere Einrichtung der Haeuser richtet sich hier, wie ueberall,
+nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des
+Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben grosse,
+vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Kueche,
+die Gewoelbe zur Bewahrung der Vorraete nebst den Bedientenzimmern befinden.
+Letztere sind durchaus gut moebliert, ja die der Haushaelterin und des
+Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, huebsch
+tapeziert, mit Mahagonimoebeln und guten Fussteppichen. Auch bei den
+Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, dass sie ausser ihren
+Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben.
+
+Aus dem Garten tritt man gewoehnlich zuerst in eine grosse, hohe,
+oefters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemaelden oder Statuen,
+Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die
+verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthaelt die
+Bibliothek, deren schoene Schraenke und zierliche Einbaende sie zu
+einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Haeusern
+ist es Sitte, dass die Familie sich zum Fruehstueck darin versammelt.
+Sonst gibt es noch Fruehstueckszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer,
+Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours),
+Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter
+Groesse. Ueberall einfache Pracht, Fussboeden, Treppen und Vorplaetze
+mit schoenen Teppichen belegt.
+
+In vielen Haeusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche
+mit kuehlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von betraechtlicher
+Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens
+nur an Treppengelaendern, grossen Esstischen, Bettstellen; die Moebel
+in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden koestlicheren oder
+kunstreich lackierten Hoelzern.
+
+Man findet es buergerlich, unmodisch, laecherlich, die Moebel an den
+Waenden hinzustellen, wie es in Deutschland gebraeuchlich ist; in den
+Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem grossen Kreis
+umher, so dass noch ein betraechtlicher Raum zum Spazieren zwischen
+den Stuehlen, Sofas, Tischen und den Waenden uebrig bleibt. Die
+Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer,
+wo eben das Licht am guenstigsten faellt und man nicht von der Hitze
+nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch muessen wir
+der Kamine gedenken, die, kuenstlich in Marmor gearbeitet oder mit
+brillantiertem Stahl geschmueckt, eine der groessten Zierden der Zimmer
+ausmachen. Schoene Vasen und praechtige Kandelaber prangen auf ihren
+Gesimsen. Der zweite Stock enthaelt die Schlafzimmer, welche indessen
+den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der
+Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen
+darf. Oft hoerten wir Englaenderinnen mit wahrem Grausen von der Sitte
+der Franzoesinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum
+Besuchszimmer vorzugsweise erwaehlen.
+
+So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen.
+Kehren wir jetzt zurueck zu den naechsten aeusseren Umgebungen derselben.
+
+Die Obst- und Gemuesegaerten, die Treibhaeuser liegen mit allen zur
+inneren Oekonomie gehoerigen Gebaeuden ganz nahe am herrschaftlichen
+Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen.
+Diese Bezirke sind es, was der Englaender eigentlich Gaerten (Gardens)
+nennt. Der zur Fusspromenade bestimmte Teil der Besitzung heisst
+Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man
+Aehnlichkeit mit den deutschen Parks: Gaenge, die sich bald durch
+dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlaengeln, Tempel, Saeulen,
+Denkmaeler, Ruheplaetze und den ganzen architektonischen Reichtum
+der neueren Gartenkunst. Alle Gebaeude sind von Stein, alle Gelaender
+und Tueren von schoenem eisernen Gitterwerk. Hier bluehen und gruenen
+die vielen einheimischen Gestraeuche, Baeume und Blumen neben den
+aus fremden Laendern heruebergebrachten, die stark genug sind,
+den Winter im Freien zu ertragen.
+
+Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfaeltig vor der Kaelte
+schuetzen muessen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen
+Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der
+Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in
+einer Hoehe von sechs bis acht Fuss sich an den Mauern hinziehen sehen.
+
+Obstbaeume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verstaendige
+Weise, mit welcher alle Baeume mit Hinsicht auf Hoehe, Wuchs und die
+dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem
+Ganzen einen Zauber, den man fuehlt, ohne sich ihn gleich erklaeren
+zu koennen. Alles ist zur schoensten befriedigenden Einheit gebracht.
+Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes
+oft getaeuscht. Die englischen Gaertner sind wahre Landschaftsmaler
+im Grossen, ja wir moechten sie fast fuer die einzigen eigentlichen
+Kuenstler der Nation erklaeren. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln
+der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen,
+ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhoelzern aller Art,
+den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten,
+immergruenen Stauden und Straeuchern, deren einige sogar bisweilen
+im Dezember bluehen, werden sehr schoene Effekte hervorgebracht.
+Gewoehnlich sieht man davon in der Naehe des Hauses eine Art Wintergarten
+an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem
+Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Gruen getaeuscht,
+in den Fruehling hineintraeumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel
+notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist,
+der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog,
+verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht
+auf Kleidung und Vergnuegen bis ueber die Mitte des Junius hinaus.
+Dann faengt der Fruehling erst an, und so muss der Sommer und mit ihm
+der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August
+und noch spaeter beginnt, bis nach Weihnachten verlaengert werden,
+damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe.
+
+Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr praechtiges Tor, hat zu beiden
+Seiten zwei kleine Gebaeude, die Wohnung des Tuerhueters und seiner
+Familie, bei welchem sich jeder Einlassbegehrende vermittelst einer
+Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebaeuden, the Lodge genannt,
+ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im
+gotischen Geschmacke, bald im aegyptischen; sie stellen Tuerme,
+griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhaeuschen vor,
+je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Tuerhueter
+eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Kueche und Keller und
+allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie
+in Deutschland wuerde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt
+zu besitzen.
+
+
+
+Woburn-Abbey
+
+
+[Fussnote: Johanna trat die Reise nach laengerem Aufenthalt in London
+mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an]
+
+Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum
+des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des
+groessten Oekonomen in England. Sein Bruder, der Oekonomie mit noch
+groesserem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreissig
+Jahre alt, und hinterliess dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem
+geistlichen Stande gewidmet hatte, das grosse Vermoegen.
+
+Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man
+uns hier zeigt, waren natuerlicherweise die Wirtschaftsgebaeude, vor
+allem die Viehstaelle: denn der Herzog, wie seine Vorgaenger, beschaeftigt
+sich hauptsaechlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen
+die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre.
+Sie tragen bei den in England gewoehnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht
+der Groesse, Schoenheit und des Gedeihens gewoehnlich ueber alle anderen
+Mitbewerber den Preis davon. Dafuer wird auch alles getan, um ihr
+Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen.
+Im Schloss wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen aehnlichen
+Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in
+Kupfer gestochen, und ihr Portraet prangt in den Londoner Kupferstichlaeden
+neben anderen beruehmten Portraets von grossen Gelehrten oder Ministern.
+
+So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch
+unmoeglich, die Ordnung ueberall und die zweckmaessigen Einrichtungen
+ohne Vergnuegen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in
+diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die laendliche
+Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und eintraeglicher zu machen.
+Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide
+abzuschaelen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine,
+womit man in der Muehle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt,
+und noch manches andere von dieser Art.
+
+In den Viehstaellen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders
+da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle.
+Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen,
+waren so gross und von der Last ihres Fettes so niedergedrueckt, dass sie
+uns voellig lebensmuede erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene
+ihrer Schoenheit wegen beruehmte Stiere und einige indianische Kuehe.
+Letztere haben einen geraderen Ruecken und einen kleineren Kopf, uebrigens
+sehen sie wie andere Kuehe aus.
+
+Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwuerdigen Baeumen ist
+von pittoresker Schoenheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin
+umher, zu achtzig Stueck und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die
+schoensten, groessten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwaenzen.
+Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen
+erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen;
+sie fuehrte ein Bild der schoenen goldenen Zeit vor die Seele.
+
+Das an sich grosse Schloss zeichnet sich vor andren weder durch besondere
+Pracht noch grosse Schoenheit aus. Es ist zu neu, um ehrwuerdig, zu alt,
+um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; fuer uns
+traf es sich diesmal sehr gluecklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer
+voll Gemaelden, groesstenteils Portraets. Sechs grosse wunderschoene
+van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgroesse, fielen uns besonders auf.
+Dann auch das Portraet des ungluecklichen Grafen Essex, ebenfalls in
+Lebensgroesse. Er hatte eine schlaue, hoechst bedeutende Physiognomie
+und einen ganz roten Bart. Ihm gegenueber haengt das Portraet der Koenigin
+Elisabeth, im geschmacklosesten, uebertriebensten Putz, ohne allen
+weiblichen Reiz. Der historischen Gemaelde und Landschaften, groesstenteils
+aus der niederlaendischen Schule, sind eine grosse Anzahl, und darunter
+gewiss Stuecke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek
+befindet sich im Schlosse.
+
+Das Orangeriehaus ist einfach praechtig. Acht grosse Marmorsaeulen tragen
+in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben
+eine grosse, mit Basreliefs geschmueckte antike Marmorvase, ueber die man
+ein ganzes Buch schreiben koennte und an der wir fluechtig voruebereilen
+mussten.
+
+Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade
+angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen
+bei schlechtem Wetter und im Winter. Geissblatt, Rosen, echter Jasmin,
+Heliotrop und viele andere aehnliche Gewaechse umranken die Pfeiler und
+die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzaehlige
+seltene und schoene Blumen und Gewaechse stehen in Vasen, der Promenade
+entlang.
+
+Ganz in der Naehe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen
+und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase.
+Alle zur Milcherei gehoerigen Gefaesse sind darin von seltenem japanischen
+und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergaenge fanden wir,
+im Vergleich mit den uebrigen, weder gross noch praechtig, aber
+geschmackvoll angelegt.
+
+
+
+Stowe's Garden
+
+Landsitz des Marquis von Buckingham
+
+
+Diese Gaerten werden mit Recht fuer die schoensten und praechtigsten in
+England gehalten und liegen in nicht gar grosser Entfernung von Woburn.
+Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags
+Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden
+Gasthofe sehr gute Bedienung.
+
+Stowe's Garden enthaelt einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Saeulen,
+Pavillons aller Art. In jedem beschraenkteren Platze ist freilich
+weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen;
+aber hier in diesem grossen Raume faellt die Anzahl der Gebaeude nur auf,
+weil man jedesmal die glueckliche Wahl bewundern muss, mit der sie
+angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot,
+auf eine so kostbare Weise eines der natuerlich schoensten Plaetzchen
+der Erde noch zu verschoenern. Unmoeglich ist's, diese Gaerten durch blosse
+Worte darzustellen, man muss sie gesehen haben, um sie sich denken
+zu koennen. Sie bilden die schoenste, lieblichste Landschaft, die nur
+eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf
+klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsaechlich ihre Verschoenerung
+verdanken, lebte hier in der glaenzendsten Zeit der englischen Literatur.
+Die besten Koepfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem
+reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm.
+
+Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins
+zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen
+Cobhams und seiner Freunde Buesten in Marmor, eine Art halboffener
+Rotunde enthaelt die Buesten merkwuerdiger Menschen, die zu verschiedenen
+Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Koenig Alfred,
+Koenigin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere,
+durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das
+allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine.
+
+Eine hohe Saeule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem
+Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist
+inwendig hohl und enthaelt eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe.
+Man geniesst oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu.
+Eine andere Saeule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine
+kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers
+Kapitaen Cook.
+
+Noch muessen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von
+gefaerbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt.
+Diese Anlagen sind reich an schoenen alten Baeumen, besonders Eichen und
+Zypressen; ein ungeheuer grosser Taxusbaum zeichnet sich besonders aus.
+Schattige Gaenge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natuerliche
+Wasserfaelle, schoene malerische Bruecken, alles ist hier vereint, was
+einen solchen Platz nur zu verschoenern vermag.
+
+Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebaeude und zwei
+Fluegeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsaeulen getragenen,
+weit vorspringenden Attika bluehen die seltensten Pflanzen in Blumentoepfen.
+Von hier tritt man in die praechtige, durch eine Kuppel von oben
+erleuchtete Halle. Am Friese ist ein roemischer Triumphzug in Marmor
+abgebildet. Marmorsaeulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen
+stehen marmorne Statuen.
+
+Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Buesten verzierten
+Saal, in dessen Mitte ein schoener Apoll aufgestellt ist. Diese Statue
+sowohl als der groesste Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken.
+
+Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum
+an Gemaelden, meist Niederlaendern, namentlich Rembrandts, unter anderem
+das eigene Portraet dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders
+hochgeschaetzt werden. Ein Kabinett voller Portraets, groesstenteils aus
+dem merkwuerdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte,
+ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison,
+der ein hoechst gutmuetiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein
+Originalportraet der ungluecklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher
+Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint
+weit weniger schoen, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag
+auch wohl die nicht ausserordentliche Kunst des Malers daran schuld sein.
+
+Lady Buckingham und ihre Tochter beschaeftigen sich auch mit der Malerei.
+Die Mutter malt in Oel, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer
+mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich uebrigens nichts weiter
+sagen laesst, als dass es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn
+sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen.
+
+Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen
+hatten, nach Woodstock, einem Staedtchen, das auf vielfache Weise bekannt
+ist. Das praechtige Schloss Blenheim, welches die Koenigin Anna ihrem
+Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fussnote: John Churchill
+(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluss
+seiner Frau Sarah auf die Koenigin Anna, die letzte Herrscherin aus dem
+Hause Stuart (1702-14), hoechste politische Macht.], zum Dank fuer seine
+erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glaenzendsten benannte,
+liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzueglichsten, in ganz
+England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmaessig, sondern von einzelnen
+Arbeitern in ihren Haeusern verfertigt. Wir besuchten einen der
+geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein
+Lieblingsbild mit Gold weggeben muss, so betrachtete der gute Alte seine
+besten Scheren und Messer mit wahrem Kuenstlerschmerz, ehe er sie uns
+uebergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und
+zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das
+Wichtigste, was uns beschaeftigen koennte.
+
+In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwuerdig. Auf einer
+Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein
+Landhaus, in welchem die Koenigin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja
+gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, dass
+ihre Ansprueche an die Krone von England einst geltend werden wuerden;
+und eben diese Ansprueche, die sie gewiss oft in jenen Zeiten bitter
+beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede
+Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die
+Festigkeit, Klugheit, welche sie spaeterhin zur weisen, gluecklichen
+Regentin machten. Wie war es aber moeglich, dass diese fruehere Erfahrung
+des Ungluecks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten
+und Grossen, was weise Maenner vor ihrer Zeit dachten und schrieben,
+sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen
+war, wie konnte sie ihre unglueckliche Schwester Leiden fuehlen lassen,
+welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt
+dem fuerchterlichen Tode auf dem Blutgeruest weihen! Die Nachwelt ist
+gerecht. Jeder Englaender spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe,
+und der Name der ungluecklichen Maria wird noch ueberall mit Liebe und
+Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglueck
+und ihre Liebenswuerdigkeit lebt noch in allen Herzen.
+
+
+
+Blenheim
+
+
+Als wir uns in Woodstock morgens frueh anschickten, nach unserer
+Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit
+Erstaunen, dass ein himmelhoher Phaeton [Fussnote: leichter, eleganter
+Wagen], mit zweien ziemlich unbaendig scheinenden Schimmeln bespannt,
+unser vor der Tuer des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns
+mit der in solchen Faellen gebraeuchlichen Eloquenz, es waere geradezu
+unmoeglich den Park zu Fusse zu sehen. Wir fuegten uns also
+ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefaehrlich aussehende Fuhrwerk
+und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein.
+Der Park ist so gross, dass kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt
+hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbaendig, als sie zuerst
+schienen, und die grosse Hoehe des jetzt aus der Mode gekommenen
+ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen
+nach allen Seiten und den Genuss der verschiedenen sich darbietenden
+Aussichten.
+
+Uebrigens wird Blenheim auf eine noch umstaendlichere und dadurch auch
+kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebraeuchlich
+ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs
+Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze
+uebliche Etikette Einfluss zu haben.
+
+Ein grosses, praechtiges Tor mit zwei Nebengebaeuden, die Wohnung des
+Tuerwaerters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer
+darueber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, dass Lady Sarah diese
+Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der
+Tuerhueter empfing uns mit einer wahrscheinlich fuer diesen Zweck ein
+fuer allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa
+fuenfzig Schritte neben dem Wagen her, dann liess er ihn halten.
+"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drueben sehen Sie
+ein Wasser mit einer schoenen geraden Bruecke; daneben rechts steht
+ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug
+und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze
+des Obelisks und ist zehn Fuss hoch, so klein sie auch von hier aus
+erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute:
+denn alles, was wir spaeter in der Naehe sehen sollten, ward hier von
+weitem gezeigt, ohne dass man uns Zeit gelassen haette, der wirklich
+mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war
+es unmoeglich, dem Strome dieser eingeuebten Rede Einhalt zu tun.
+
+Endlich waren wir an dem Orte, wo der laestige Redner, nach der
+hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden musste. Er uebergab
+uns einem Foerster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum
+Beschluss, trotz der herzoeglichen Livree, die er trug, den endlichen
+Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem
+er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glueck weniger beredt;
+bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war.
+
+Der Park ist einer der schoensten in England. Sanfte Anhoehen, liebliche
+Taeler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schoensten Grase,
+werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere
+schoene steinerne Bruecken fuehren ueber einen Kanal, welchem man sehr
+taeuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben
+wusste. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebaeude, der Obelisk
+mit der Statue des grossen Marlborough und unzaehlige alte herrliche Baeume
+gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Ueberall sind mannigfaltige
+Aussichten auf das Schloss, das Wasser, die Bruecken, die Gebaeude mit
+Auswahl und bescheiden sich verhuellter Kunst veranlasst. Nachdem wir
+alles gehoerig bewundert und uns auch mit dem Foerster abgefunden hatten,
+uebergab uns dieser dem Gaertner, welcher uns in den das Schloss in der
+Naehe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumfuehrte.
+Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so
+praechtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muss zwar gefallen,
+doch duenkte uns, sie wuerde sich besser zu jenem kleineren, in
+prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so
+viel Reichtum ausgestatteten Gaerten von Stowe zum Prachtpalaste von
+Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher
+Weg um einen kleinen See herum und viele vorzueglich grosse, schoene
+Baeume bilden hier die schoensten Partien.
+
+Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir
+am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir
+anfangs fuer die Haushaelterin hielten, welche uns, wie das in England
+gebraeuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle
+Englaenderinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks
+bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und fuehrte uns mit grosser
+Redseligkeit bis an das Schloss. Hier nahm sie wieder mit unzaehligen
+Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt waere, die hohen Herrschaften
+(the Quality nannte sie es) mit gebuehrendem Respekt zu empfangen und
+dahin zu sehen, dass sie, wie es sich gehoere, ueber den Hof begleitet
+wuerden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis,
+dass sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit
+wechselseitiger Zufriedenheit voneinander.
+
+Das Schloss ist ein durch seine Groesse imponierendes Gebaeude; uebrigens
+schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Saeulen, Vasen, Treppen,
+Gelaendern und Tuermen verziert oder verunziert.
+
+Die grosse Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch,
+sehr gross und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie
+hat einen schoen gemalten Plafond, den marmorne Saeulen unterstuetzen,
+schoene, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die uebrigen Zimmer
+sind von altmodischer Pracht, alles solid und koestlich, wie man es
+an diesem Orte erwarten muss. Franzoesische Hautelisse-Tapeten schmuecken
+mehrere Saele, alle stellen des grossen Herzogs Siege vor, sind aber
+leider sehr verblichen.
+
+Die Gemaeldesammlung ist sehr gross; eine Magdalena von Tizian und eine
+heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben
+vorstellend, einige Portraets von van Dyck sind uns bei dem schnellen
+Durchfliegen noch einigermassen im Gedaechtnisse geblieben; Raffaele
+zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser grosse Meister
+selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederlaender sind hier,
+verschiedene Gemaelde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit
+von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mussten wir uns von diesen,
+in engen Banden gehaltenen Schaetzen wegwenden. Ein grosses Gemaelde von
+Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend,
+haengt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostuem tut
+ihm Schaden.
+
+Noch ein grosser, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre
+mit vieler Wahrheit gemalt, duenkt uns des Erwaehnens wert. Der Plafond
+stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen
+aufhalten. Die Waende sind wie eine offene Halle gemalt; rundum laeuft
+ein Gelaender, hinter welchem alle europaeischen Nationen mit
+charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen
+stehen. Die Figuren, etwas ueber Lebensgroesse, uebrigens von taeuschender
+Wahrheit, ragen halb ueber das Gelaender vor.
+
+Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend
+Baende enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der
+Koenigin Anna in voelliger Staatstracht; mit dem Koenigsmantel, dem langen,
+ueber einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide,
+dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine
+grosse Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit
+bewundernswuerdigem Fleisse in den harten Stein gearbeitet. Auch in
+der Bibliothek haengen viele Portraets; der grosse Herzog und seine Sarah
+sind hier abgebildet; sie haelt die herzogliche Krone recht fest und
+schaut keck und uebermuetig in die Welt hinein.
+
+In der Schlosskapelle zeigte man uns das grosse Grabmal, welches Lady Sarah
+sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen liess.
+Die Familie ist in Lebensgroesse darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen
+Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer
+bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke
+noch die Ausfuehrung zog uns an.
+
+Des fluechtigen Sehens ueberdruessig, ermuedet von dem Stehen und Gehen
+in den vielen grossen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurueck
+und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und
+chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwuerdiges zu zeigen
+sich erbot.
+
+
+
+Birmingham und Soho
+
+
+Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fussnote: heute einer der groessten
+Industriestaedte der Welt mit ueber 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit
+Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschoente sich mit
+jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Taelern. Wir mussten
+zuweilen die Raeder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab fuehrte.
+Die Aussichten von der Hoehe sind sehr reizend. In Birmingham selbst
+erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den
+Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem grossen eleganten Gasthofe
+gelangten. Dieser heisst noch immer "Zur Henne mit den Kuechlein",
+obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich
+alle Muehe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln.
+
+Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit beruehmt, ja man
+koennte fast behaupten, es gaebe kein Dorf im kultivierten Europa,
+vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie
+dieser Stadt zu finden waere, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel
+oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage
+nicht schoen; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstaetten, die hier
+ihr Wesen treiben, gibt ihr ein duesteres, schmutziges Ansehen.
+Ueberall hoert man haemmern und pochen, alles laeuft am Tage geschaeftig
+hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafuer
+hallen des abends die Strassen vom Geschrei und von Gesaengen derer wider,
+die sich den Tag ueber unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten.
+In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne laehmenden Schlafe
+des ermuedeten Arbeiters abstehlen koennen, suchen sie in Tavernen
+und Spielhaeusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag ueber
+nicht denken konnten.
+
+Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwuerdigsten Punkt
+dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene
+Etablissement des Herrn Boulton [Fussnote: Matthew (1728-1809)
+gruendete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt;
+die Fabrikanlagen in Soho gruendete er 1762], zu besuchen.
+
+Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen
+glaenzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiss und anhaltendes
+Streben nach einem Ziele vermoegen, als diesen kleinen freundlichen
+Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schoepfer, den achtzigjaehrigen
+Boulton, noch in voelliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen,
+obgleich sein Koerper der Krankheit, dem Alter und der unermuedeten
+Arbeit laengst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen voellig
+gelaehmt; im Hause liess er sich durch zwei ruestige Bediente herumtragen;
+im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke,
+die in England zum Troste der dort so haeufigen Lahmen und Gebrechlichen
+erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm
+durch einen seiner Freunde empfohlen waren, ueberall selbst hinzubegleiten.
+Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzaehlte,
+wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten
+mutig bekaempfte und gluecklich ueberwand. Freundlich erklaerte und
+zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten,
+die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann,
+sprangen uns seine bluehenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein
+Waegelchen und fuhren den gluecklichen Greis wie im Triumph davon.
+
+Achthundert Menschen finden in Soho taeglich Arbeit und Brot.
+Hier werden englische Kupfermuenzen und auslaendische, fuer die
+ostindische Compagnie, fuer Amerika und manche fremde Hoefe gepraegt.
+In Deutschland sagt das Geruecht: Boulton lasse auch die vielen
+falschen Muenzen fabrizieren, die von England aus Deutschland ueberschwemmen.
+Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit,
+als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem
+so gefaehrlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachpraegen
+fremder Muenzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert;
+sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in grosser Menge, meistens
+auf Bestellung spekulativer Koepfe in Deutschland und anderen Laendern,
+ziemlich oeffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf
+diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen
+englischer Banknoten und Muenzen, wird dieses Geschaeft nur ganz heimlich
+betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken,
+welchen oft eine Knopffabrik zum Aushaengeschild dient, nicht fehlen.
+
+Ausser der Muenze enthaelt Soho noch eine grosse Fabrik von plattierten
+Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen.
+
+Die erstaunenswuerdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum
+an Steinkohlen fuer England von unermesslichem Wert, hat Boulton erst
+auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht.
+Er verfertigt Dampfmaschinen fuer ganz Europa und Amerika, laesst aber
+diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen,
+die seine Gastfreundschaft missbrauchten und muehsam errungenen Vorteile
+ihm abzusehen strebten, waehrend er sie freundlich bei sich aufnahm.
+Er sagte uns, wir wuerden es unartig gefunden haben, dass er in allen
+Gasthoefen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement
+anschlagen liess, in welchem er bekanntmachte: dass ohne besondere Empfehlung
+an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den
+ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associes
+alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Stoerungen veranlasste,
+wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er hoechst ungern tat.
+"Nichts ist unertraeglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen,
+das eine Sehenswuerdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein;
+beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon
+aus Hoeflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu muessen,
+und so wusste ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese
+unfreundliche Weise."
+
+Das Wohnhaus in Soho ist ein huebsches, bequemes und grosses Gebaeude,
+ueberall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben,
+mit den praechtigen Villen der Grossen des Landes zu wetteifern. Es liegt
+sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern uebersieht man eine sehr schoene,
+reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Huegel
+steigen ueber ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein huebscher Garten
+voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende
+Promenade, laengs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf,
+indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Suempfe austrocknete
+und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergiesst sich ein
+Wasserfall von einem mit schoenen Blumen und Baeumen gezierten Huegel.
+Alles dieses war vor ungefaehr zwanzig Jahren eine oede, sumpfige Heide.
+
+Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant.
+Es ist unmoeglich, schoenere Formen und bessere Politur zu sehen,
+als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem
+ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch,
+auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach.
+
+Auf ein Stueck Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im
+Durchmesser, werden Laengen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa
+den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen.
+Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech
+ausgedehnt, so duenne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit
+dem Kupfer im naemlichen Verhaeltnisse. Dieses Blech braucht man zur
+Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergeraetes, welches eine
+Flaeche bietet; zu den Henkeln, Fuessen und dergleichen nimmt man eine
+runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die naemliche Weise, wie
+wir oben beschrieben, behandelt wird. Die aeusseren Ecken werden den
+Gefaessen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten
+Verzierungen daran ganz Silber.
+
+Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwuerdig. In einem sehr langen Zimmer
+sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhoerlich schnell sich drehen.
+Eine lange hoelzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch
+eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird,
+setzt sie alle in Bewegung. Mit der groessten anscheinenden Leichtigkeit
+schleifen die Arbeiter die schoensten Muster auf die Glaeser mit einer
+bewundernswuerdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie
+dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten.
+Von hier aus kommen groesstenteils die schoenen Girandolen, Luester,
+Trinkglaeser und Prachtvasen, die glaenzendste Zierde grosser Tafeln,
+welche wir oft in den, bei naechtlicher Beleuchtung einem Feenschloss
+aehnlichen, flimmernden Glaslaeden Londons nicht genug bewundern konnten.
+Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hoelzernen Scheibe,
+statt des Schleifsteins, gegeben.
+
+Die Muenze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton liess aber
+einige kleine Geldstuecke praegen, um uns den Mechanismus zu zeigen.
+Acht Praegstoecke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben;
+jeder derselben praegt in einer Minute dreissig bis einhundertzwanzig
+Stuecke aus, je nachdem sie groesser oder kleiner sind, und zwar auf
+beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine hoechst sinnreich
+erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben
+gepraegte Stueck fort und ein noch ungepraegtes an dessen Stelle einschiebt.
+Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben.
+Das Gepraege der Muenzen ist durchgaengig schoen. Sie sind alle vollkommen
+rund, von gleicher Groesse und moeglichst gleichem Werte.
+
+In einem anderen Zimmer werden die Muenzen geschnitten, ehe sie
+gepraegt werden; noch in einem anderen nach dem Praegen gereinigt,
+indem sie in langen leinenen Saecken hin und her geschwungen werden.
+Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt.
+
+Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch
+ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewoelbe eine Pumpe durch den Dampf
+des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden
+Wassers unaufhoerlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige grosse
+Raeder, diese Raeder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern
+befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder
+hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir
+durch's blosse Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen.
+Das Wasser muss das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die
+Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehoere weit
+weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben moechte.
+
+
+
+Burton und Derby
+
+
+Von Birmingham reisten wir ueber Burton [Fussnote: Burton-upon-Trent,
+beruehmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Moenchen der
+Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Guete dieses Bieres wird
+auf die Qualitaet des Wasser zurueckgefuehrt] nach Derby. Burton ist ein
+freundliches Staedtchen, weltberuehmt durch das Ale [Footnote: helles,
+alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und
+kraeftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In
+Friedenszeiten gehen jaehrlich grosse Sendungen davon nach ganz Europa,
+besonders nach Russland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In
+England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in buergerlichen
+Haeusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, dass es
+sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz
+verliert.
+
+Derby ist eine ziemlich grosse, aber nicht schoene Stadt. Sie enthaelt
+viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten
+ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan
+wohl dem Meissner und Sevres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben,
+Vergoldung und Schoenheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren
+laesst es nichts zu wuenschen uebrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit
+hinter den saechsischen zurueck, sowohl in der Erfindung als der Ausfuehrung.
+Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade
+Nuetzliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der
+hoechsten Vollkommenheit.
+
+Zum erstenmal in England mussten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten,
+und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last
+reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen
+von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen
+sind in England gewoehnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher
+achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer
+eingekerkert haette, und reisten ab. Die Pferde waren sehr muede: der
+Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen;
+langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als waeren wir
+auf irgendeiner Poststrasse in der Mark. Wir fuerchteten, die armen Tiere
+wuerden zuletzt aus Ermuedung ganz stille stehen. Der Regen stroemte heftiger,
+und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten
+Haelfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen
+tuermten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach
+durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den
+Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die
+Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde
+scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhaenge hinab und hinauf,
+tief unten brausende Waldstroeme liessen uns Abgruende neben dem Wege ahnen.
+Das Geklapper der vielen Muehlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen
+Raeder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewaesser
+ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalkoefen),
+alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen.
+
+Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns
+indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise
+erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort,
+den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die
+abenteuerliche, ermuedende Reise machte ihn uns doppelt angenehm.
+
+
+
+Badeorte
+
+
+Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer
+des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es
+erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder
+weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode
+es gewollt hat. Zu diesen Badeplaetzen sowohl als zu den im Lande
+gelegenen mineralischen Quellen fluechtet jeder, der keine eigene Villa
+besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande
+entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden.
+
+Bekanntlich ist dann die Stadt (so heisst London vorzugsweise in ganz
+England) leer, obgleich die Strassen von Menschen wimmeln und der Fremde
+diese angebliche Oede gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom
+Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte
+Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt,
+die Muessigen, die Reichen, die Gluecksritter, alles fluechtet aufs Land
+oder ins Bad. Die Seebaeder sind im ganzen die besuchtesten und
+luxurioesesten. Die mineralischen Quellen werden oefter von der mittleren
+Klasse besucht, welche dort mehr laendliche Freuden als rauschende
+Ergoetzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer
+besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbruechigen der
+warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber faengt dort erst im
+Dezember an und waehrt bis zum Fruehjahr. Alle Londoner Freuden sind
+alsdann wohlfeiler und nach verjuengtem Massstabe auch in Bath zu finden.
+Deshalb eilen die dorthin, welche gern gross und vornehm leben moechten
+und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu koennen. Viele
+grosse Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Oekonomie
+ihren zerruetteten Finanzen wieder aufzuhelfen.
+
+Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, oefter die Not,
+so ausgezeichnet schoen auch die dortige Gegend ist. Man weiss, wie viele
+Opfer die Schwindsucht jaehrlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle
+wird gewoehnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen
+Aerzten angeraten. Dass es wirklich oft der letzte sei, bezeigen
+die vielen Denkmaeler auf dem dortigen Gottesacker.
+
+An allen diesen Plaetzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den
+kleinen Baedern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger
+zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebraeuchlich ist, aber
+dennoch weit weniger so als in Deutschland in aehnlichen Verhaeltnissen.
+
+In den grossen, von den Vornehmen besuchtesten Baedern herrscht eine
+strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden,
+hiervon ausfuehrlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und
+seinen Umgebungen.
+
+
+
+Matlock
+
+
+Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens,
+ist dieses liebliche Tal eines der schoensten Plaetzchen Britanniens.
+
+Sei es immer, dass seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer
+nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden.
+Auch sahen die fuenfzig oder sechzig Badegaeste, die wir hier fanden,
+gar nicht aus, als ob Aeskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher
+gebannt haette. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben
+des Lebens hergefluechtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schoepfen
+und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen.
+
+Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schoenen grossen Gasthoefen
+und zwei Logierhaeusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen
+davon. Es ist unmoeglich, dies reizende Tal durch blosse Beschreibung
+anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da,
+durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kuehnen Felsen, die bald
+schroff und nackt gen Himmel starren, oefter noch ihre mit den schoensten
+Baeumen gekroenten Gipfel freundlich erheben.
+
+Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar
+ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser,
+voll Faellen und Strudeln. Die Felswaende zogen sich enger zusammen, als
+wollten sie uns den Weg versperren; die Straeucher am Ufer bildeten Lauben
+ueber den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein.
+Dann traten sie wieder zurueck, und wir sahen freundliche Huetten,
+mit Gaertchen und Wiesenplaetzchen untermischt, an ihrer Seite hangen;
+stattliche Haeuser, grosse Fabrikgebaeude, zu ihren Fuessen liegen.
+Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergaenge ziehen sich
+an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurueck zu unserem Gasthofe.
+
+Ihm gegenueber erhebt sich der hoechste Fels dieser Gegend. Die Landleute
+nennen ihn High Tor. Auf einem groesstenteils schattigen, nicht sehr
+beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer
+Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner ueppigen Vegetation.
+Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenueberstehenden,
+waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebaeude des Bades und geben ein
+freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser
+Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein
+zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuss bis hierher gedrungen
+waere, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von
+gruenen Bergen. Schoene Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase.
+Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schoenheit der Natur gluecklicher
+mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der
+Badegaeste beschraenken sich groesstenteils auf den Genuss dieser herrlichen
+Natur; denn ein Bowling green [Fussnote: dazu Johanna in einer Anmerkung:
+"Ein gruener, solgfaeltig mit Walzen geglaetteter Rasenplatz, zu einem nur
+in England gebraeuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln
+sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergoetzen ihnen hier darzubieten wagt.
+Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegaeste selbst: denn
+der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem
+Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau;
+es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Baeder sind so bequem und
+reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann.
+
+Fuer den Geologen ist Matlock hoechst interessant, die verschiedenen
+Steinarten, Flussspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt,
+sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Laeden in
+aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt,
+zum Teil roh in sehr schoenen Exemplaren fuer den Liebhaber und Sammler,
+der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzaehligen anderen
+Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen
+hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schoener Form und sehen
+ungemein glaenzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer
+Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verfuehren.
+
+Noch ist eine versteinernde Quelle [Fussnote: kalksinterhaltiges Wasser]
+hier merkwuerdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert,
+und wenn es laenger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Waechter
+dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Peruecke
+und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen.
+
+Jenseits der Derwent, dem Dorfe schraeg gegenueber, liegt Cromford Mill,
+die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fussnote: (1732-92),
+urspruenglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine,
+die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde],
+die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans
+Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine
+mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwuerdige
+Mann war urspruenglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen
+Schwierigkeiten zu bekaempfen, denen ein gewoehnlicher Mann unterlegen waere.
+Er verdiente, maechtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistuenden,
+und er fand sie; sein grosses Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange
+genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese
+Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz
+der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schoene
+Villa Wellersley bewohnt. Das von weissen Steinen massiv erbaute Wohnhaus
+sowohl als die grossen Fabrikgebaeude am Ufer des Stromes, beschirmt von
+maechtigen Felsen, erhoehen die Schoenheit der Gegend. Noch erfreulicher aber
+ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den
+Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an
+einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern
+und Maedchen spazieren gehen, umspielt von schoenen reinlichen Kindern.
+
+Die englischen Bauernmaedchen und jungen Weiber sind durchgaengig
+schoene Gestalten, aelter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie
+gewissermassen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem
+Bande geschmueckt, auf einem kleinen schneeweissen Haeubchen, steht den
+artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu grosse, weisse musselinene
+Halstuecher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe,
+himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen
+kattunenes langes Kleid, hinten kuenstlich mit Nadeln aufgesteckt,
+alles blendend rein bis auf die feinen weissen gewebten Struempfe [Fussnote:
+dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die aermsten Englaenderinnen stricken;
+diese Arbeit wird bei ihnen fuer schimpflich gehalten].
+Dies ist ihr Sonntagskostuem, von welchem das der Wochentage nur durch
+dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht.
+
+Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehoerigen
+grossen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen
+Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschoen. Die Gaerten
+enthalten Treibhaeuser und eine huebsche Orangerie. Ueberall sieht man
+die segensreichen Fruechte des Fleisses und der Industrie.
+
+An einem fruehen Morgen verliessen wir endlich ungern das freundliche
+Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald
+ruhig hinfliessenden, bald ueber Felsstuecke wild daherbrausenden Derwent.
+Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht
+auf das fruchtbare, durch unzaehlige Fabriken und Haeuser belebte Land
+eroeffneten. Jetzt fuehrte der Weg abwaerts; im Morgenlicht schimmerte uns
+ein praechtiges Gebaeude entgegen. Es war Chatsworth [Fussnote: das Schloss
+wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem
+Spaetrenaissancestil erbaut, anstelle eines aelteren Schlosses, in dem Maria
+Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordfluegel angebaut.
+Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das urspruengliche
+Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen
+Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkoemmlinge, der Herzoege von Devonshire.
+
+Das Schloss liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter
+demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekroenten Scheitel.
+Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Gruen,
+eine sehr schoene steinerne Bruecke fuehrt hinueber. Wir fuhren durch
+den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe,
+von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise.
+
+
+
+Chatsworth
+Landsitz des Herzogs von Devonshire
+
+
+Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von aussen eines der groessten
+und praechtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig
+Fuss lang. Die auswaerts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir
+sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und
+gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese aeussere Pracht
+sticht auffallend ab gegen die grosse Stille und Einsamkeit der
+wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloss hier
+zu eigenen Zwecken entstehen liess. Auch hatte es einst eine traurige
+Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre
+Freiheit, jedes Glueck des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin
+sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach
+sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland,
+wo sie hingerichtet ward.
+
+Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthaelt wenig
+Merkwuerdiges. Seit Jahren von den Eigentuemern nicht besucht, zeigt
+es ueberall nur Spuren alter, allmaehlich hinsinkender Pracht; dennoch
+wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefuegt,
+und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhaeuser
+so angenehm macht. Fuer uns hatte es dennoch ein hohes Interesse.
+Im zweiten Stock des aeltesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer
+der ungluecklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und moebliert,
+wie sie es bewohnte. Es ist sehr gross und hoch; alte gewirkte Tapeten,
+die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, haengen an den Waenden.
+Ein hoher Betstuhl steht in der Naehe eines Fensters, die Aussicht aus
+demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schoene,
+aber hoechst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Moebel
+im Zimmer, die hohen schweren Stuehle mit kleinen Treppen davor,
+die eichenen und nussbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns
+in jene trueben Tage, welche die schoenste und ungluecklichste Frau
+ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen,
+die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da;
+uns war, als saehen wir noch die Spuren der einsamen Traenen, die sie
+hier verweinte.
+
+Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen
+Zeit fremden Geschmack angelegt. Man koennte ihn altfranzoesisch nennen,
+wenn er regelmaessiger waere, doch mag er dies wohl eher gewesen sein;
+denn es ist sichtbar, dass viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus
+und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande beruehmt macht,
+sind die Wasserkuenste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen
+und der Wilhelmshoehe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur dass sie
+die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine kuenstliche,
+zwei- bis dreihundert Fuss hohe Kaskade mit Stufen, der es aber,
+wie den meisten dieser Art, an hinlaenglichem Wasser fehlt, wird zuerst
+gezeigt. In einem anderen Bassin muss das Wasser die Gestalt einer
+glaesernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem
+Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer kuenstlich gebildet,
+das Wasser spritzt schaeumend aus seinen Zweigen, er sieht dann
+ganz artig aus, als ob er mit grossen Eiszapfen und Schnee bedeckt waere,
+kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor.
+Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuss hoch
+gen Himmel und machen eine recht huebsche Wirkung. Die Englaender,
+welche in den ringsumher liegenden Baedern hausen, wallfahrten fleissig
+her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu
+einem Wunder der Welt.
+
+
+
+Castleton
+
+Voll von Mariens Schicksale und stolz, dass unser Schiller den Briten
+den Rang abgewann und ihrem Andenken das schoenste Denkmal schuf,
+verliessen wir das traurig schoene Chatsworth. Nur kurze Zeit noch
+und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand.
+
+Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur
+von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns
+aengstlich hindurchwinden mussten, die jeden Augenblick den Weg
+zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch
+ansehnliche Fabrikgebaeude von grossem Umfange; auch diese oedeste,
+schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire.
+Es waren deren unzaehlige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch
+die aermlichsten, aus Feldsteinen aufgetuermten Huetten, vor ihnen
+langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Oede, von der
+schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkraeftet.
+
+Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Staedtchen,
+wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem aermlich
+aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshoehle
+mit einem Fuehrer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen
+unserer bemaechtigt hatte.
+
+
+
+Die Peaks Hoehle
+
+
+Diese sehr beruehmte Hoehle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben
+ist wahrhaft gross und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen
+von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Baeumen gekroenten Scheitel.
+In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuss
+hohes und einhundertzwanzig Fuss breites Tor gewoelbt, durch welches man
+in undurchdringliches Dunkel zu blicken waehnt. Langsam fliesst ein
+schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht
+hervor. Vor der Woelbung haengen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine;
+wildes Gestraeuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert
+in leichten Kraenzen darum her. Felsenstuecke haengen herab, Untergang
+drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der
+Unterwelt dringen will.
+
+Wir traten in die Hoehle, die dunkle Nacht war dem allmaehlich sich
+daran gewoehnenden Auge zur Daemmerung. Bald unterschieden wir darin
+eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die aermlichsten Gestalten,
+welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie
+in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kuemmerlich ihr
+armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Huetten,
+die sie sich in der Hoehle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl
+umherstehen sahen. Ungestuem bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns
+gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton,
+eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen.
+Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat.
+Die Waerme der Hoehle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich
+macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewaehren,
+besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt,
+im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so
+unfreundliche Wohnung zu waehlen.
+
+Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestuem losgekauft hatten,
+kauften wir Lichter. Jeder von uns musste eins tragen, der Fuehrer trug
+deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren
+Hintergrund der Hoehle. Der Fuehrer machte uns auf einige ungeheuer grosse
+Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne dass wir
+die Aehnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten.
+Dann oeffnete er eine schmale niedrige Tuer, und wir standen in einem
+grossen Gewoelbe, von dessen Decke grosse Felsenstuecke, drohender als je,
+ueber unsere Haeupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter
+machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen.
+
+Jetzt ward das Gewoelbe ganz niedrig. Gebueckt, mit unsicherem Tritte
+auf dem schluepfrigen unebenen Boden, mussten wir uns lange durch
+eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Hoehe,
+bald ebenso hinunter. Wir stiessen von allen Seiten an die vorragenden
+Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur,
+das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer,
+wir moechten sagen zaehe, denn ihr Widerstand schien uns fuehlbar.
+
+Endlich konnten wir unsere Haeupter erheben, wir befanden uns in einem
+kleinen Gewoelbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier,
+wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen
+langsam dahinwaelzt. Wir fanden einen mit Stroh angefuellten Kahn,
+in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten.
+Der Fuehrer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Huefte ging,
+so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh
+lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur
+eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke
+einzustuerzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer,
+um darauf fussen zu koennen. Nie war uns die Idee eines lebendig
+Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargaehnlichen Kahne
+mit der schwarzen, schweren Felsendecke ueber uns. Der Fuehrer
+musste ganz gebueckt waten, ein Stoss an einen der Felsen, der ihn
+besinnungslos gemacht haette, und wir waren verloren auf die
+entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschaeftigt,
+schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer
+das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge.
+Schwindlig von der Fahrt, mussten wir uns erst eine Weile erholen,
+ehe wir um uns blicken konnten, und fast waeren wir es beim ersten
+Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach
+der Aussage des Fuehrers einhundertzwanzig Fuss hoch, zweihundertsiebzig
+lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider
+zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel
+des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt,
+ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Hoehle war uns
+noch baenglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem
+Leben war hier fuehlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte.
+
+Muehsam kletterten wir ueber abgerissene, rauhe Felsstuecke und kamen
+wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Toene einer
+sehr fernen Musik zu uns herueberschluepften. Der Fuehrer stieg abermals
+ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke
+auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Hoehle, in welcher
+das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhoerlich niedersinkt,
+und die deshalb Rogers Regenhaus heisst, fanden wir eben in diesem
+ewigen Troepfeln die Ursache jener Toene, die uns zuvor wie Musik
+aus der Ferne schienen. Der Fussboden war mit tausend wunderlichen
+Schnoerkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf hoechst
+beschwerlich, besonders da die ewige Naesse ihn schluepfrig macht.
+Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor.
+
+So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer hoeheren,
+gewoelbten Abteilung der Hoehle harrte unser eine sonderbare Ueberraschung.
+Ein Chor von Maennern empfing uns mit einem langsamen, eintoenigen Gesang.
+Lichter in den Haenden haltend, die sie hin und her schwenkten,
+standen sie fuenfzig Fuss hoch ueber uns in einer Art von Nische,
+welche die Natur in einer der Seitenwaende geschaffen hatte.
+Ihr Gesang war rauh, aus wenig Toenen zusammengesetzt, wild und klagend,
+aber dennoch nicht unangenehm.
+
+Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Aengstlich gebueckt
+schlichen wir unter und ueber Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewoelbe,
+noch grausender und schauerlicher als alle uebrigen, und ein schwarzer
+Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gaehnte dicht
+vor unseren Fuessen. Der Fuehrer zeigte uns den steilen, furchtbaren
+Fusssteig, welcher ueber schluepfrige Tropfsteine hinabfuehrt. "Dies ist
+der Teufelskeller", sagte er, und indem er ploetzlich einen von uns
+beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend,
+"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich haette Napoleon hier!"--
+Wir koennen's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar
+Herr, und wir hatten es laengst gemerkt, dass er uns fuer Franzosen hielt.
+Indessen fassten wir uns bald und antworteten ihm, dass wir ihm die
+Erfuellung dieses Wunsches gern goennen wollten, wenn nur Napoleon
+[Fussnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit
+Frankreich] nicht die Gewohnheit haette, immer mit starker Begleitung zu
+kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draussen
+geblieben waeren, wuerden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein
+Unglueck widerfuehre. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn
+etwas hoeflicher. Unser Erschrecken ueber das wunderliche Benehmen des
+Fuehrers waere indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon
+gewusst haetten, was wir spaeter erfuhren, dass vor mehreren Jahren ein Herr
+und eine Dame in einem einspaennigen Whisky ohne andere Begleitung
+ankamen, gerade vor die Hoehle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen
+und nie wieder gesehen wurden.
+
+Der Fuehrer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab.
+Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter,
+der einhundertfuenfzig Fuss tiefer fuehrt; sie lassen bloss den Fuehrer
+mit einigen Lichtern hinabgehen und begnuegen sich mit dem schauerlichen
+Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kuehne, bogenaehnliche Vertiefungen,
+emporstrebende Saeulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir
+im flimmernden Lichte, das Wasser plaetscherte lebendiger im tiefsten Grunde.
+Der Fuehrer sagte uns, es waere dort von kristallener Helle.
+Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rueckweg an,
+ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewoehntes Auge
+jetzt in der zweiten Hoehle vom Eingang entdeckte, erfreute uns
+unbeschreiblich.
+
+Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens
+geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht,
+wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig
+empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beaengstigenden Traume;
+alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns
+in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller:
+
+ Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht!
+ Dort unten aber ist's fuerchterlich
+ Und der Mensch versuche die Goetter nicht.
+
+Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir uebernachten
+wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges,
+dicht hinter Castleton, ueber welchen der Weg fuehrt, ist des Verweilens
+wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten
+die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschliessen.
+
+Einer dieser Berge heisst Win Hill, der andere Lose Hill, von einer
+Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der
+merkwuerdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der
+schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, dass seine Oberflaeche sich immer
+aufloese und wie Sand herabkruemle, ohne dass er dadurch abnehme. Der
+schaudernde heisst er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem
+aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, dass Regen und
+Wetter jaehrlich groessere und kleinere Fragmente von Mam Tor abloesen,
+indem er ungewoehnlich schroff und steil ist, aber auch, dass er, genauen
+Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute
+bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der
+sieben Wunder des Peaks Gebirge. Ueber unfruchtbare Felsen, oede Heiden
+ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht.
+
+
+
+Buxton
+
+
+Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch
+schoenen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in
+einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher,
+grosse Schaetze verbarg die Natur hier tief im Schosse der Erde,
+aber dem Wanderer laechelt sie nicht freundlich entgegen.
+
+Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls beruehmte Pools Hoehle;
+man versicherte uns, sie waere nach der von Castleton kaum sehenswert
+und ueberdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es
+nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken.
+Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle,
+welche die Roemer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher
+Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht uebel, und wird
+sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele
+andere Uebel gebraucht.
+
+Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit
+Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe
+zierlicher Haeuser, hingebracht. Letztere enthalten viele huebsche Wohnungen
+fuer die Brunnengaeste und ein paar elegante Gasthoefe, in welchen sich
+die zu Baellen und Assembleen bestimmten Saele befinden. Dessen ungeachtet
+haben sie das Ansehen eines einzigen grossen Prachtgebaeudes von mehr als
+dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Laeden, ein paar
+Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von
+der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfuellten das Erdgeschoss,
+ringsumher laeuft ein oben bedeckter Saeulengang fuer die Spaziergaenger,
+zum Schutze bei dem hier sehr gewoehnlichen Regenwetter. Das Brunnengebaeude
+und die Baeder liegen ganz in der Naehe. Nach der Morgenpromenade
+wird die uebrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht,
+obgleich die Gegend eben nicht einladend ist.
+
+Die Jagd macht hier fuer die Herren eine Hauptergoetzlichkeit aus.
+Liebhaber davon koennen auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird,
+subskribieren. In England fehlt es ueberhaupt am Wilde, hier aber
+in dieser oeden Wuestenei gibt es noch bisweilen Hasen und Fuechse,
+auch wilde Enten und andere Wasservoegel in Menge auf den nahegelegenen
+Suempfen des Stroemchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee,
+und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig
+aufgeputzten Scheune.
+
+Die groesste Merkwuerdigkeit sind hier die praechtigen, vom Herzog
+von Devonshire erbaute Pferdestaelle; man haelt sie fuer die schoensten
+und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens moegen sie
+diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade,
+unter welcher die Pferde, geschuetzt vor Wind und Regen, den ganzen Tag
+nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden,
+umschliessen sie eine sehr schoene, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebaeudes
+enthaelt Wagen-Remisen, und das Ganze ist von betraechtlicher Groesse,
+so dass es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengaeste hier die
+Hauptpersonen waeren. Ein daran hinfliessender Bach dient dazu,
+diese Prachtstaelle reinlich zu halten und fast allen ueblen Geruch
+zu verbannen.
+
+Das Interessanteste fuer uns war eine Fensterscheibe in der Halle,
+dem aeltesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart
+auf ihrer ungluecklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb
+mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf:
+
+ "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell;
+ which I perhaps shall see no more, farewell!"
+
+
+
+Manchester
+
+
+[Fussnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die
+industrielle Umwaelzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt
+einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevoelkerung stieg von 20 000 um
+1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803]
+
+Fruehmorgens verliessen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese
+beruehmte, grosse Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeraeuchert,
+sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt aehnlich.
+Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein,
+ueberall hoert man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der
+Webstuehle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen.
+
+An Freude und Vergnuegen zu denken, hat das arbeitsame Voelkchen hier eben
+nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier
+ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich
+winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln;
+und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm
+ganz kuerzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber
+ziemlich schwerfaellig geraten ist.
+
+Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen
+bloss von Fabriken lebenden Staedten, ziemlich fremd. Die Maenner erholen
+sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermuedenden Arbeit, die Frauen
+haben ihre Zirkel unter sich. Wie amuesant aber solch eine Gesellschaft
+von lauter Englaenderinnen sein mag, wuenschten wir lieber zu erraten,
+als zu erfahren.
+
+Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die oeffentliche
+Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, waere nicht
+uebel, fuehrte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf
+und ab; so aber hoert man unaufhoerlich das Geschrei und Geplapper der
+armen Verrueckten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am
+Irrenhause dahinfliessenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies
+ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergoetzlich; doch die Einwohner
+von Manchester scheinen sich daran gewoehnt zu haben und lassen sich
+durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stoeren.
+
+Wir besuchten eine der groessten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain
+angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzaehligen, in vielen
+uebereinander getuermten Stockwerken angebrachten Raeder und Spindeln
+in Bewegung. Uns schwindelte in diesen grossen Saelen bei dem Anblicke des
+mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber
+beschaeftigt, die nur selten reissenden Faeden der unaufhoerlich sich drehenden
+Spindeln wieder anzuknuepfen; Kinder wickelten und haspelten das
+gesponnene Garn. In einem grossen Saale reinigte man die noch ungesponnene
+Baumwolle; in grossen viereckigen, watteaehnlichen Stuecken lag sie
+ausgebreitet auf grossen Tischen; eine Menge Weiber und Maedchen,
+in jeder Hand mit einem duennen Stecken bewaffnet, pruegelten lustig
+darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren
+Kamme aehnliche Maschine getrieben und glich nun einem aeusserst duennen,
+aber doch zusammenhaengenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie
+zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so
+durch viele Saele hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares.
+
+Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren
+jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum
+Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stuecke Garn ganz eigene
+Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage aehnliche Maschine zeigte
+vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit
+der daran gehaengten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste,
+geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit
+Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als waeren alle diese Raeder hier
+das eigentlich Lebendige und die darum beschaeftigten Menschen die
+Maschinen.
+
+Betaeubt von den gesehenen Wundern verliessen wir das Haus und bestiegen
+den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von
+Bridgewater angelegten Aquaedukt [Fussnote: Bridgewater Kanal, verbindet
+Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu
+verwechseln mit dem 1894 eroeffneten Manchester Schiffskanal, der die
+Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat
+sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst
+erworben, sowohl durch Anlegung der Kanaele, die hier den Warentransport
+so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der
+benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden
+mechanischen Lebens sind. Der Aquaedukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist
+des Herzogs hoechster Triumph und erschien uns ein Werk, wuerdig der
+Zeiten der alten Roemer.
+
+Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein
+Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, waehrend ein anderes in
+entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel
+traf durch den gluecklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment
+unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten
+Erstaunens vorueber war, besahen wir uns die Sache naeher. Ein schiffbarer
+Fluss stroemt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal fuehrt auf dem hoeheren
+Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Ueber den Fluss ist
+eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Bruecke (anders
+wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiss wie? wasserdicht
+gemacht, empfaengt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um
+nicht bloss Kaehne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Groesse zu tragen.
+Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fusssteig gelassen. Wenn
+man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das
+Dasein der Bruecke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein.
+
+Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr betraechtlichen
+Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die
+sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in
+einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, fuer
+ziemlich grosse Kaehne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter
+der Oberflaeche fuehrt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen
+Stellen breit genug fuer zwei einander begegnende Kanaele. Ueber ihm woelbt
+sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene
+Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land
+durchkreuzenden Kanaelen in Verbindung.
+
+Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein grosses Tor,
+in einen senkrecht steilen, majestaetisch hohen Felsen eingehauen.
+Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte
+dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze fuer uns
+darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit
+brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen,
+stillen Flut. Unser Fuehrer war ueber die Massen redselig und wir merkten bald,
+dass er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft
+versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort
+perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit
+gegen die Waende des Gewoelbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand
+jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, duester, unheimlich war es
+um uns her.
+
+An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewoelbter
+Gaenge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so
+niedrig, dass man nur mit Muehe ganz gebueckt durchkriechen kann. Die
+Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden,
+bald auf dem Ruecken liegenden Maennern mit einer Bergmannshaue
+losgebrochen. Die Arbeit schien uns hoechst muehsam und beschwerlich, auch
+ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben.
+Giftige Daempfe entstehen ploetzlich und ersticken den Arbeiter, oder
+entzuenden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich
+nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird,
+dass die Flamme seines Lichts blau brennt. Der naechste Augenblick ist
+gewoehnlich schon zu spaet.
+
+Nachdem jedes von uns ein Stueck Kohle heruntergeschlagen hatte,
+was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mussten, waren wir nicht ferner begierig,
+tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurueck in unser
+illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Fuehrer
+und erblickten bald darauf wieder das schoene Licht der Sonne.
+
+Auf dem Rueckwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer
+ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch
+nicht viel Freude zu machen; doch liess man uns, auf die Fuersprache
+unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei
+sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen
+und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt
+sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument
+die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte
+das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stuecke,
+gerade so dick, dass sie in die Spalte passten. Vorher wurden sie
+in eine schwaerzliche Fluessigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte
+gefuegt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt
+abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepasste Spaene
+hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige
+Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell
+und war gar leicht und artig anzusehen.
+
+
+
+Leeds
+
+
+Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire.
+Traurig war die erste Haelfte des Weges, wieder mussten wir steile,
+himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes,
+der sich gewoehnlich ganz England als ein schoenes, fruchtbares,
+einem Garten aehnliches Land denkt. Oede, unangebaut, ohne Spur
+freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier muessen, wie auf den
+westfaelischen Steppen, durch die wir frueher gekommen, die Jahreszeiten
+ebenso unmerkbar fuer die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt
+ihnen Gaben, womit sie gluecklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum,
+kein Kornfeld, keine laendlichen Gaerten, aber ueberall Blei- und Kohlenminen,
+Steinbrueche, Schmelzoefen, Ziegelfabriken, unterbrochen von grossen,
+einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebaeuden.
+
+Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; ueberall sahen wir
+den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, waehrend jener
+selbst nur kuemmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemaelde
+menschlichen Fleisses, doch nicht von der erfreulichen Seite.
+Wie erheiternd ist doch der Anblick des ruestigen Landmanns, der im
+Schweisse seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie
+schmueckt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner
+der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wuehlen
+muss, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beaengstigendes Gefuehl
+des Mitleids draengte sich uns unwillkuerlich auf bei diesem Schauspiele,
+das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten.
+
+Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und laendlicher; wir dachten
+des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fussnote: Oliver (1728-
+74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemuetlicher Dichtung
+bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Doerfchen, sein
+wirtliches Dach. Wakefield ist ein Staedtchen voll Fabriken.
+
+Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich grosse Stadt,
+welche hauptsaechlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt
+war von einer hoechst traurigen, herzzerreissenden Szene begleitet.
+Wir bemerkten mit Erstaunen, dass der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum,
+dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau
+mit der Gebaerde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Maedchen
+blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute,
+was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn
+ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme.
+Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Haenderingen
+rief sie: "Ach, er war der schoenste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt,
+immer gehorsam und fleissig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis
+froehlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen
+und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen,
+hier troesten zu wollen?
+
+Wunderbar ist's, dass in England nicht unendlich viel Kinder verungluecken;
+nirgends scheint der alte fromme Glaube, dass jedes seinen eigenen
+Engel habe, der es beschuetzt, einheimischer als hier; denn nirgends
+werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst ueberlassen.
+In den Staedten und Doerfern, auf den volkreichsten Strassen kriechen
+kleine, kaum zweijaehrige Saeuglinge in den Fahrwegen umher,
+groessere Kinder laufen ohne Furcht im Gewuehle zwischen Raedern und
+Pferden durch, und der Reisende sitzt aengstlich im pfeilschnell
+rollenden Wagen und zuernt ueber die unachtsamen Muetter.
+
+Die Tuchfabrikanten machen den groessten Teil der Einwohner von Leeds aus;
+sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter,
+mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er
+an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil haelt. Diese Halle,
+ein grosses, ganz bedecktes Gebaeude, schliesst einen geraeumigen Hof
+von allen vier Seiten ein und ist einer Boerse nicht unaehnlich.
+
+Man macht sehr huebsche Teppiche in Leeds, sie werden auf
+gewoehnlichen Webstuehlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen,
+wie schnell die schoenen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht
+vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fussdecken fuer die Zimmer
+arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen
+zu Treppen und Vorplaetzen nur einer.
+
+
+Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall
+
+Ripon, ein freundliches, reinliches Landstaedtchen, liegt in einer
+zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough
+[Fussnote: urspruenglich Bezeichnung fuer eine Burg oder eine befestigte
+Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough]
+und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied
+zu waehlen und nach London zu schicken. Nun gehoeren alle Haeuser
+in Ripon einer alten achtzigjaehrigen Dame, die unermesslich reich,
+auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Gueter
+im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige
+Grundbesitzerin in Ripon, waehlt also dies Mitglied, und das Gewicht,
+welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Koenigreich
+erhaelt, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich
+jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miss Lawrence alle ihre Reichtuemer
+und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon laengst ueber die Jugendjahre
+hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern
+umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und
+erklaert laut: sie wuerde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich
+um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst
+kuerzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde.
+Miss Lawrence ward uns uebrigens als sehr gut und auch im Aeussern
+nicht unliebenswuerdig geschildert.
+
+Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus
+enthaelt nichts besonders Sehenswertes, auch die Aussenseite desselben
+zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitlaeufigen Spaziergaenge
+gehoeren aber zu den schoensten in England.
+
+Der Park hat einen, ihn von den gewoehnlichen Parks unterscheidenden
+ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, gruene Rasenplaetze
+trifft man weniger, aber herrliche Schattengaenge, unter dem Schutze
+himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen,
+auf lachenden Hoehen und in duftigen Taelern. Mit unbeschreiblichem
+Vergnuegen wandelten wir hier und ahnten nicht, dass die Krone
+des Ganzen uns noch erst wunderbar ueberraschen sollte. Unser Fuehrer,
+ein alter vernuenftiger, eisgrauer Gaertner, seit mehr als vierzig Jahren
+hier in Dienst, oeffnete ploetzlich eine kleine, unscheinbare Gartentuer,
+und wir erblickten in einem lieblichen gruenen Tale die schoensten
+gotischen Ruinen, die wir je sahen.
+
+Vom Morgenstrahl geroetet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es
+waren die Ueberbleibsel von Fountains Abbey [Fussnote: in seinem Grundriss
+einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergruendung:
+1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die
+Ruinen zaehlen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwoelften
+Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfuenfzig Jahren
+in Truemmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach
+fehlt gaenzlich, die Seitenwaende groesstenteils auch; aber noch stehen, wie
+trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit
+Skulptur gezierte Saeulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten;
+feste Gewoelbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstoerung, alles
+bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Saerge
+stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu
+unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch
+die Kreuzgaenge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele
+unterirdische Gaenge und Gewoelbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt
+man eine Kueche, und an dem die Wand schwaerzenden Rauche die Stelle, wo
+sonst der Herd stand.
+
+Fountains Abbey ist ein grosses Grab vergangener Zeiten, dennoch draengt
+sich ueberall das frische Leben der ewig jungen Natur ueppig hervor. Efeu
+umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der
+Hoffnung, junge Blumen und Straeuche nicken aus den hohen Bogenfenstern
+und von den Kapitellen der Saeulen. In der Kirche wandelt man unter dem
+Schatten bejahrter Baeume. Ueberall neues Entstehen mitten unter den
+Truemmern der Zerstoerung, ueberall die Lehre, Menschenwerk ist
+vergaenglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur
+waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen.
+
+Welche Verzierungen fuer einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles
+so kleinlich dagegen zusammen, was selbst grosse Fuersten auf ihren
+Landsitzen unternehmen, um nur etwas aehnliches zu erkuensteln! Der vorige
+Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich fuer eine grosse Summe,
+aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und
+sicherte zugleich diese heiligen Ueberreste zwar nicht gegen den langsam
+zerstoerenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der
+leider ueberall dem Schoenen droht.
+
+Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt
+sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise,
+an die wir noch nach Jahren gern zurueckdenken werden; hier aber
+fuehlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur fluechtig
+am Schoenen vorueberstreifen zu koennen und es nur im Bilde
+davonzutragen. Hier wuenschten wir Huetten zu bauen. Wie schoen
+muss sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Gruenend,
+bluehend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen.
+Wege schlaengeln sich bald in schwindelnder Hoehe, bald tiefer
+in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und
+blinkt und wogt ein spiegelheller Fluss, von allen Felsen rauschen
+und gaukeln Baeche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schaeumend,
+bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur hoechsten Hoehe.
+Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene
+fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben,
+und zu unseren Fuessen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zoegernd,
+wider Willen, verliessen wir abends diesen lieblichen Ort, ueber
+Berg und Tal rollten wir hin durch den schoenen, fruchtbaren Teil
+von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem grossen, ganz isoliert
+liegenden Gasthofe.
+
+
+Englische Gasthoefe
+
+Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man
+auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darueber
+zu sagen. Durchgaengig, auch in den Staedten, sind die englischen Gasthoefe
+sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit uebertreffen alles,
+was man in anderen Laendern in dieser Art antrifft, aber wir moechten
+fast behaupten, dass die guten Gasthoefe auf dem Lande wieder die in Staedten
+in dem Masse uebertreffen wie jene die deutschen.
+
+Die Teuerung ist auch nicht so gross, als man denken moechte, wenn man nur
+erst die Sitte kennt. Der Umstand, dass man durchaus nicht portionsweise
+speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorraete des Hauses an Fleisch,
+Fischen, Gemuesen und dergleichen sind mit der hoechsten Sauberkeit und
+mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit
+Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man
+gewoehnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Ausser einigem
+Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Haeuser, in welchen die
+oeffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch
+hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch
+gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten
+Preis in Gesellschaft speisen koennen. Ausser diesem aber muss der einzelne
+Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der
+Zubereitung selbst waehlen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Waehlt
+man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein grosses Stueck, so
+bekommt man es ganz auf den Tisch und muss es auch ganz bezahlen, wenn es
+gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen wuerde. Dies ist freilich
+nicht angenehm, aber der Landeskundige weiss sich einzurichten und
+bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht
+teuer. Fuer das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird,
+auch bei laengerem Aufenthalt, gewoehnlich nichts gerechnet, es sei denn,
+dass man nur im Hause wohne und immer auswaerts speise. Im Schlafzimmer
+bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen
+Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schoensten Matratzen, die
+feinsten Bettuecher und Decken. Schoene Vorhaenge umgeben das Bett, ein
+huebscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weisse Nachtmuetze und
+ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende
+Englaender, die immer wenig Gepaeck mit sich fuehren, ohne alle Scheu
+bedienen.
+
+Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit,
+tausend kleine Ruecksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem
+Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Englaender, zum Beispiel, der
+nicht zu den vornehmsten Klassen gehoert, wird sich weigern, mit andern
+aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch
+wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum
+fehlt.
+
+Auch in den Staedten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim
+Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's,
+als kaeme man zu einem laengst erwarteten Besuch. Der Wirt oeffnet selbst
+den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tuer steht die Wirtin;
+mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend
+Mal kurz hintereinander, bemaechtigt sich der reisenden Damen sogleich,
+fuehrt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise fuer
+ihre Bequemlichkeit, waehrend ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht.
+Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren,
+so bleibt diese Hoeflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin
+begleiten die Reisenden an den Wagen, danken fuer die erzeigte Ehre
+und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall
+einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post fuer eigene Rechnung
+bedienen.
+
+Je weiter man in's noerdliche England dringt und sich Schottland naehert,
+je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit
+einer Art Kordialitaet, die unangenehm auffaellt. Der Wirt bringt immer
+die erste Schuessel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so gross
+und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses,
+die nur einigermassen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach
+in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen
+kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschaeftig mit
+einem Pfefferbuechsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwaerter, Waiters,
+scheinen Fluegel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug,
+und in allen Zimmern haengen gute, gangbare Klingeln, welche
+der reisende Englaender nach Herzenslust handhabt.
+
+So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine
+viel verlangerenden Gaeste als in England. Das Wirtschaftswesen
+wird aber gewissermassen fabrikmaessig betrieben: jeder hat sein
+Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde
+besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle
+seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht
+zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an
+und fuehrt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser,
+gewoehnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal,
+wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr
+wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermassen die auswaertigen
+Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, fuehrt die Fremden im Orte herum
+und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhoerlich hoert man in
+einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus
+"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand.
+
+Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermaedchen, Chambermaid,
+gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer
+schneeweissen Musselinschuerze, einem artigen Spitzenhaeubchen, kurz,
+so nett und damenhaft gekleidet als moeglich. Ihr Amt ist, den Fremden,
+ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter
+mit einem Wachslicht anzuzuenden, ihn in's Schlafzimmer zu fuehren
+und zuzusehen, dass es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle.
+Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte.
+
+Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots,
+ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks,
+ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt
+diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt,
+und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression
+kehren wir zurueck nach Catterick Bridge.
+
+Krankheitshalber mussten wir einige Tage dort verweilen und wurden
+gewartet und gepflegt, als waeren wir unter Bekannten und Freunden.
+Die Wirtin, Mistress Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer,
+wenn ihre Geschaefte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst
+nach dem vier Meilen entlegenen Staedtchen Richmond, um den Apotheker
+des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher
+aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei,
+um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker
+war ein vernuenftiger, guter Arzt, und das Uebel wich seinen
+Heilmitteln bald.
+
+In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Aerzte;
+man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Aerzte werden,
+ausser bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr grosser Gefahr gefordert.
+Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem
+fuer jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewoehnlich
+jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrueckt. Eine Konsultation
+des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Haelfte. Die Apotheker
+werden ungefaehr wie die Aerzte in grossen deutschen Staedten bezahlt.
+Uebrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England;
+dies bezeugen die oeffentlichen Blaetter, deren groesste Haelfte
+aus Ankuendigungen von Arkanen besteht.
+
+
+
+Richmond
+
+Gaenzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt,
+am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses
+Richmond, von welchem die jetzigen Herzoege von Richmond zwar
+den Namen fuehren, aber keine fuenfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren
+hoch auf dem Gipfel desselben ueber die Stadt. Letztere liegt
+hoechst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen
+Waelle gewaehren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese,
+huebsche Landhaeuser, Gaerten, Doerfer, kleine fruchtbare Anhoehen wechseln
+auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom,
+ueber den eine steinerne Bruecke fuehrt, belebt das Ganze. Jeder Schritt
+entdeckt neue Schoenheiten; der wilde Fels, auf dem Schloss und Stadt
+erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen
+Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und
+weniger praechtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch
+von ehemaliger Groesse und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht
+unterhalten und drohen stuendlichen Einsturz, zur grossen Gefahr
+fuer die an ihrem Fusse liegenden Wohnhaeuser. Ein einziger Turm
+steht erhalten da, alles uebrige sind nur hohe, ueppig mit Efeu bewachsene
+Mauern. Die Abteilungen der Gemaecher sieht man noch deutlich und
+die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gaenzlich; Regen und Wind
+haben ueberall freien Zugang.
+
+
+
+Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle
+
+
+Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz
+des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein grosses gotisches Gebaeude,
+zwar recht nett, aber doch ganz buergerlich und einfach moebliert,
+zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich
+fuer einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehoerige Garten
+ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert,
+aber von Natur eines der schoensten, lieblichsten Fleckchen der Erde.
+Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluss stuerzt bald gaukelnd,
+bald unwillig ueber wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg
+wirft. Unendlich viel Schoenes koennte hier mit Geld und Geschmack
+hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht,
+muss man unwillkuerlich wuenschen, dass alles so bleibe, wie es ist.
+
+Wir fuhren durch den grossen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham.
+Sie ist eine der aeltesten, wenngleich nicht der groessten in England
+und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten
+Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir ueber Sunderland
+nach Newcastle.
+
+Sunderland ist wegen einer eisernen Bruecke, der groessten in England,
+sehr merkwuerdig. Ein einziger ungeheurer Bogen woelbt sich hundert Fuss hoch
+ueber die Flaeche des Wassers, so dass ein Schiff, ohne die Masten umzulegen,
+darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Staerke so vereint.
+Wie ein Zauberwerk scheint die Bruecke in der Luft zu schweben.
+Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Gelaender, die sie an beiden
+Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein.
+
+Auf einem bequemen Platze unter der Bruecke konnten wir den Mechanismus
+derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende
+Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht
+aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander
+aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder
+fuenfzehn Fuss im Diameter haelt. Diese Ringe ruhen unten wieder auf
+einer der oberen aehnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch
+angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze
+liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen,
+die aber inwendig hohl sind.
+
+Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich;
+augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kraefte vereinigt
+tragen koennen. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt
+zerstoert wuerde, so bleibt doch immer genug uebrig, das Ganze zu erhalten,
+und man moechte fast behaupten, es koenne nie sehr baufaellig werden,
+weil man mit leichter Muehe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann.
+Es wohnt hier ein eigener Waechter neben der Bruecke, der darauf zu sehen hat,
+dass sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland
+bekannten grossen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbruecke
+sehr gut und deutlich darstellt.
+
+In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg fuehrte, fanden wir nichts zu tun
+als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich gross, hat neben vielen
+engen und winkligen auch einige huebsche Strassen und ist, besonders
+wegen des Steinkohlenhandels, fuer Grossbritannien sehr wichtig.
+Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschaefts und
+also fuer den bloss zum Vergnuegen Reisenden wenig Einladendes.
+
+
+
+Alnwick Castle und Berwick
+
+
+Alnwick, diesen alten Sitz der Herzoege von Northumberland, erreichten wir
+einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick
+dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurueck in laengst
+vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns
+zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen
+feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schuetzen suchen musste.
+Die wunderbare Erhaltung dieses grossen altertuemlichen Gebaeudes,
+an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war,
+fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertuemliche Burg mit
+ihren runden Ecktuermen, ihren mit Schiessscharten versehenen Ringmauern,
+ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren ueber dem Schlossgraben fuehrenden
+Zugbruecken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente
+wie der gegen sie anstuermenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche
+Weise getrotzt zu haben.
+
+Es war eine Taeuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art
+jemals vorgekommen ist.
+
+Alnwick Castle [Fussnote: eines der schoensten Feudalschloesser Englands,
+letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht
+"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht
+ungluecklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine
+altertuemliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland.
+Auf den Zinnen der Mauer und der Tuerme stehen alte Krieger in
+drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgroesse. So viel wir
+von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet.
+Ueber jedem Tor steht einer davon in gebueckter Stellung, mit beiden Haenden
+einen grossen Stein haltend, als waere er im Begriff, den Eintretenden
+damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich
+nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art
+sie ist, macht einen grossen Effekt. Von weitem glaubt man fast,
+die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, waeren zurueckgekehrt
+und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren:
+in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebaerde stehen sie da.
+Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken moechte. Mancher dieser Helden
+kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward,
+und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an.
+
+Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten:
+hohe gewoelbte Zimmer mit Bogenfenstern voll kuenstlicher gotischer Verzierungen
+und Schnoerkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende
+Galerien, dunkle, krumme Gaenge wuerden ein sehr schauerliches Ganzes
+machen, waeren die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig
+aufgemalt. Indessen glauben wir doch, dass einer der englischen
+Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung
+nicht verfehlen wuerde.
+
+Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen,
+die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten
+Treibhaeusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog
+nicht da war, mit Weintrauben und Melonen fuer die Reise versorgen konnten.
+Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet,
+sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns
+nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten
+Schwierigkeit findet.
+
+Jetzt fuehrte der Weg laengs der Kueste des Meeres, das wir fast nie
+aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der
+aeussersten Spitze Northumberlands.
+
+In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt,
+fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine
+Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen
+ganz unbekannten Provinzialausdruecke, welche sie einmischen, machten,
+dass wir Muehe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle
+spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus.
+
+
+
+SCHOTTLAND
+
+
+Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfuenfzig englische Meilen,
+fast immer im Angesichte des Meeres, waere allein die Reise wert;
+von so seltener, wunderbarer Schoenheit ist die Gegend, aber deshalb
+wohl umso unbeschreibbarer.
+
+Bis dicht hinab an die Wellen der Kueste bebaut wie ein Garten:
+Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemuesegaerten
+wechseln, alles in der Pracht der ueppigsten Vegetation. Dazwischen
+kleine Gehoelze, duftende, bluehende Hecken, und in ihrer Mitte Doerfer,
+die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein laendlicheres
+Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Staedten aehnlich
+sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenfoermig
+erhebt es sich zu kleinen Anhoehen und sinkt wieder zu lieblichen
+Gruenden hinab. Freundliche, einzelne Landhaeuser liegen ueberall zerstreut,
+ehrwuerdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern
+und zeugen von vergangener Groesse. Und nun noch der Anblick des Meeres,
+dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der oedesten,
+Leben gibt!
+
+Kleine Inseln mit Leuchttuermen, entfernte blaue Felsen, die zackig
+und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier,
+um ein Ganzes voll wunderbarer Schoenheit zu bilden. Zwei Lager (Fussnote:
+in England befuerchtete man eine Invasion der Franzosen],
+jedes von ungefaehr dreitausend Mann, die eben hier die Kueste bewachen,
+kontrastieren mit der laendlichen Anmut rings umher. Der Anblick
+dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glaenzenden Waffen und Uniformen,
+brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzueckende Gegend.
+
+Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied
+zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf.
+Freundliches, gutmuetiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden
+mit grosser, aber froehlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner
+deutscher Gebirge. Schuhe und Struempfe, ohne welche man in England
+keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende
+Klasse und der groesste Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern,
+laufen Sommer und Winter barfuss; vielleicht geschieht dies fast
+ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es faellt sehr auf,
+wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhoert ist.
+
+
+
+Edinburgh
+
+
+In keinem der vielen schoenen Gasthoefe dieser Stadt konnten wir unterkommen.
+Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljaehrlich
+Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden,
+die teils jenes edle Vergnuegen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten,
+das Theater, die Baelle, Konzerte und tausend andere Freuden
+herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem
+Kupferstichhaendler, einem der unzaehligen Mackintoshes, fanden,
+waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude
+zu sehen.
+
+Die Stadt Edinburgh, von betraechtlicher Groesse, ist eine der schoensten
+und haesslichsten Staedte zugleich und verdient in dieser Hinsicht
+mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und
+ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Haeuser,
+die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Strassen an- und
+uebereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd
+mit den schoensten Staedten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig
+in ihrer Art, von hoher romantischer Schoenheit.
+
+An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestaetische
+Reihe anderer Felsen anschliesst, liegen die Haeuser der alten Stadt,
+wie Schwalbennester angeklebt, unter- und uebereinander; einige
+dieser Haeuser haben, von einer Strasse aus gesehen, zehn Stockwerke,
+waehrend sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zaehlen,
+und man aus dem vierten oder fuenften Stock der niedriger liegenden
+Seite auf der hohen geraden Fusses ins Freie in eine andere Strasse geht.
+Wie krumm, wie eng, wie winklig der groesste Teil dieser Strassen ist,
+laesst sich schwer beschreiben. Einige derselben fuehren steile und
+hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise.
+Auf den hoechsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung
+der schottischen Koenige, das Kastell, hoch ueber den Haeusern
+der uebrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil,
+fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhoehe,
+auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schoene steinerne Bruecken
+fuehren hinueber und vereinigen beide Staedte. Tief im Abgrunde
+sieht man von einer dieser Bruecke Strassen, die dort unten liegen,
+wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Daecher
+noch lange nicht bis zu der Grundlage der Bruecke hinaufreichen.
+Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen,
+wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schoenen,
+neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann.
+Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der uebrige wird zum Teil
+als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da.
+
+Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmaessigkeit und Breite
+der wohlgepflasterten, mit breiten Fusswegen auf beiden Seiten
+versehenden Strassen mit den schoensten Staedten Europas messen;
+in Hinsicht der Schoenheit, der Soliditaet und des guten Geschmacks
+der aus Quadersteinen erbauten Wohnhaeuser uebertrifft sie solche vielleicht.
+
+Wie in London gibt es auch hier grosse Plaetze, umgeben von schoenen
+Gebaeuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Gelaender eingefassten
+artigen Garten oder einen schoenen Grasplatz. Fast alle Strassen
+bieten Aussicht auf's Meer. Dieses grosse, ewig wechselnde, ewig neue
+Schauspiel erhaelt hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut
+liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von
+der einen Seite die grosse Perspektive, die von der anderen sich
+in's Unendliche ausbreitet.
+
+Unvergesslich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem
+unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Strasse
+besteht nur aus einer Reihe sehr schoener Haeuser; gegenueber begrenzt eine
+eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen
+scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kuehen und Ziegen zur Weide
+dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild,
+zackig, in schoenen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Koenigsburg
+und andere alte Gebaeude; ueber ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben,
+Koenig Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron
+gestaltet. Von ihm erzaehlt sich das Volk manche schauerliche Sage der
+Vorzeit. In seiner Naehe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine
+eines alten Schlosses, in welchem die unglueckliche Maria Stuart von
+ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den
+Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Strasse. Hier sahen
+wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen roeten, spaeter den Mond die
+Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Ueberzeugung, dass
+nicht leicht eine andere grosse, volkreiche Stadt uns ein aehnliches
+Schauspiel darbieten wird.
+
+Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt
+fuer sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhaengend, kann sie doch
+dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen,
+in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind
+die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer,
+die mit allen diesen Dingen sich beschaeftigen. Hier gibt's des Draengens,
+Stossens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so haesslich
+als die Altstadt Edinburgh; die Strassen sind voll Gewuehl und Getuemmel;
+wir waren froh, bald zu entkommen.
+
+Das schoenste Gebaeude in Edinburgh ist das Register Office; es dient
+zu mannigfaltigen oeffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel
+von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue
+des Koenigs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande
+in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwuerdigste
+dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muss ihren guten Willen ehren,
+die Statue selbst ist ein unfoermiges Machwerk.
+
+Das Kastell ist ehrwuerdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter
+und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House,
+die Residenz des Koenigs von Grossbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh
+kommen sollte, ist ein grosses, ganz gewoehnliches altmodisches Schloss,
+welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste
+von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen,
+denen der Koenig die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es
+die Residenz des Grafen Artois, spaeterhin Koenig Karl der Zehnte.
+Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunaechst umgebenden Bezirke
+haben das Vorrecht, dass niemand schuldenhalber darin arretiert
+werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns
+versicherte, vom schottischen Adel.
+
+Graf Artois [Fussnote: als Karl X. Koenig von Frankreich (1824-30). Er
+gruendete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Conde die
+Emigration. In dieser Eigenschaft fuehrte er mehrere Feindhandlungen
+gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer
+Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier,
+soviel moeglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er
+oeffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt
+er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir
+sahen seine Zimmer; sie sind so ganz buergerlich einfach, dass sie ihn
+doch oft an die Vergaenglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben
+muessen. Uns waren nur drei Gegenstaende darin merkwuerdig: das Bildnis der
+Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin
+Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglueckliche Dame
+zu Paris im Temple [Fussnote: hier wurden die Mitglieder des Koenigshauses
+gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig
+heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den grossen Schmerz vergass, der
+schwer auf ihr lastete.
+
+Bei aller romantischen Pracht und Schoenheit eignet sich die Lage
+Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergaengen. Es fehlt in der Naehe
+an Schatten, an laendlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese,
+wenn man sich nur die Muehe geben will, sie ein oder zwei Stunden
+weit aufzusuchen.
+
+Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf,
+erfuellte waehrend der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze
+Stadt Edinburgh mit ungewoehnlichem Leben. Die Vergnuegungen jagten
+einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in
+London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden
+nicht, wie es dort durchaus gewoehnlich ist, in Pensionen erzogen, sie
+wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran.
+
+Die aeussere Froemmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier
+noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns
+an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloss sorgfaeltig
+die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er
+sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, dass er
+in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat.
+Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Buecher, die
+nicht religioesen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch
+die unbedeutendsten, sorgfaeltig weggeschlossen, damit auch selbst ihr
+Anblick nicht stoerend werde. Jedermann geht in die Kirche und haelt
+Andachtsuebungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten
+Bedienten erscheinen muessen. Jede Ergoetzung ist hoch verpoent; den Herren
+bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch laenger als sonst
+nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch.
+
+Zuvorkommende, gutmuetige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig-
+froehliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Englaender.
+Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter
+mit ihren Sitten und Gebraeuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft,
+in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es
+lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland
+mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der groesste Teil der
+in Deutschland und anderen Laendern angesiedelten Briten sind
+eigentlich Schotten.
+
+Froemmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks
+im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande,
+zu ihrer vaterlaendischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten,
+ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht.
+Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren
+Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzaehlige warme Verehrer,
+und jede Reliquie, die von ihr uebrig ist, wird wie ein Heiligtum
+betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschuetzt.
+
+Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen;
+doch dass sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht,
+davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Kuenstler,
+mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant
+gebauten und moeblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und
+vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fuss lebt. Ein aehnliches Landhaus
+besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel,
+denn er war ohne Vermoegen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwaehlt,
+der wohl nirgends so belohnt werden wuerde als in Grossbritannien;
+er malt Pferde, aber so wunderschoen, mit solcher Wahrheit, dass selbst
+ein nicht englisches Auge davon entzueckt werden muss. Auch menschliche
+Portraets gelingen ihm mit ziemlichem Glueck, aber die Konterfeis
+der vierfuessigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich
+doch sein Glueck und seinen Ruhm gegruendet. In einem grossen,
+von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen liess,
+sahen wir viele seiner Gemaelde im schoensten Lichte mit wahrer Freude.
+
+
+
+Pferderennen
+
+
+Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte,
+konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden
+letzten und daher wichtigsten bei. Gewoehnlich werden sie an anderen
+Orten auf einer dazu eingerichteten grosse Wiese gehalten, hier aber
+hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwaehlt,
+eigentlich die sandige Flaeche, von welcher sich das Meer zur Zeit
+der Ebbe zurueckzieht. Darum muss die Stunde genau abgepasst werden.
+Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den
+alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen
+etwas frueher zurueck, so moechte wohl die Katastrophe des Koenigs Pharao
+im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh waere mit
+einem Male veroedet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange
+zu Hause, wenn er nicht muss. Uns kann das ganze Vergnuegen etwas
+wunderlich vor.
+
+Auf dem nassen, pfuetzenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist,
+wie die Pferde festen Tritt haben koennen, und der noch obendrein
+wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken
+umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten
+auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter,
+auf einem hohen, mit Faehnchen verzierten Gerueste, gravitaetisch
+wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde,
+stehen daneben. Eine unzaehlige Menge Menschen umgibt den Platz.
+Auf die Daecher, an die Fenster der benachbarten Haeuser von Leith,
+auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerueste, auf den Quai
+des Hafens, ueberall, wo nur ein Plaetzchen zu finden ist, haben
+neugierige Fussgaenger sich hingestellt. Diese bunte, froehliche Menge
+gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr huebschen Anblick.
+Die Gluecklichen, welche ueber ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren
+koennen, tummeln sich, in Erwartung des grossen Schauspiels, lustig
+auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr
+belustigenden Anblick. Praechtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte,
+mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren
+mit einem alten, lebensmueden Gaul davor, Reiter und Reitpferde
+jeder Art, alle moeglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren,
+es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und
+reiten untereinander herum im buntesten Gewuehl. Alles patscht ohne
+Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande
+lustig darauf los.
+
+Waehrend der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht,
+damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis,
+welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Diaet auf diesen
+grossen Tag bereiten mussten, werden sorgfaeltig gewogen; keiner darf
+schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das
+fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt.
+
+Die wettlustigen Zuschauer schliessen indessen ihre Wetten.
+Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich,
+an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen
+zu bekommen, viele Maenner steigen aus den Kutschen hinaus oben
+auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den
+hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten
+Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus,
+man haelt vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast
+nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorueberrauschen und hernach,
+auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder,
+rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie naehern sich zum zweiten Mal
+dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Fussnote:
+Spitzname fuer den Englaender, entnommen einer Satire "History of
+John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise,
+ohne auf irgend etwas zu achten, wie wuetend, hinterdrein, um bei
+der Entscheidung gegenwaertig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten,
+durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches
+das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt.
+
+Der Weg, den die Renner so zuruecklegen, betraegt, genau gemessen,
+vier englische Meilen, von denen man fuenfe auf eine deutsche rechnet;
+die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz.
+Sowie das erste Rennen vorueber ist, faehrt und reitet alles wieder
+auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag
+verkuendet, dass andere Pferde zum Laufen bereit sind, und
+die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen waehrend
+der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettlaeufe gehalten.
+Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause.
+
+Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen;
+ermattet, mit Schweisse bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut
+stroemt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis
+sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt
+ihnen den Atem, sie muessen unaufhoerlich mit der einen Hand vor
+dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken.
+
+Die uebrige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden
+der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise
+hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltaenzer,
+unsichtbare Maedchen und ein sehr interessantes Panorama von
+Konstantinopel. Naechst dem wechseln abends Baelle, Konzerte und
+Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schoenen Saelen.
+Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht huebsch eingerichtet,
+haelt es doch keinen Vergleich mit dem beruehmten Vauxhall [Fussnote:
+Londoner Stadtteil mit Vergnuegungspark] in London
+aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird.
+
+Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestuem
+und souveraen herrschend wie in London; das Haus ist nicht gross, aber
+sehr huebsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmaessig eingerichtet. Nur
+die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen
+erhebt sich ueber die Mittelmaessigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben
+sogar noch weit unter ihr zurueck.
+
+In dem sehr huebschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert
+vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert
+angekuendigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet
+von einem Pianoforte. Die Saenger gaben den ganzen Abend nur
+leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt.
+Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt.
+Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt,
+erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltoene sich hinwindend.
+Manche uralte Melodie ertoente hier und wurde mit heisser Vaterlandsliebe
+aufgenommen. Das Ganze waere fuer eine Stunde etwa recht angenehm
+gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergoetzlichkeiten in Grossbritannien,
+es waehrte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam
+bis ans Ende; nur einige aeltliche Herren, die sich wahrscheinlich
+bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten,
+verfielen in suessen Schlummer und schnarchten ueberlaut den Grundbass
+zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen
+waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen
+gesungen werden muessen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll.
+
+Die laermende Woche war nun vorueber, die Sehenswuerdigkeiten wurden
+eingepackt, die Assembleesaele geschlossen, die Fremden reisten fort,
+die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhaeuser, und alles
+kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurueck.
+
+Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen
+und zu geniessen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus
+der Tuer unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz
+ungewohnten Anblick: eine grosse Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen
+bis zur Haustuer; wir mussten unseren Weg von den Soehnen und Toechtern
+des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne
+roetete das alte Schloss, Koenig Arthurs Sitz, und die Ruinen von
+Mariens Gefaengnis. Nochmals blickten wir zurueck auf das spiegelhelle
+Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu.
+
+
+
+Carron, Stirling
+
+Rasch ging es vorwaerts auf ebenem Wege, durch ein schoen kultiviertes,
+nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele
+grosse Gebaeude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke
+schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und waelzten sich
+verfinsternd ueber die bluehende Gegend; hoch aufspruehende Flammen
+blitzten aus dem Dampfe gen Himmel.
+
+Es waren die beruehmten Eisengiessereien von Carron, denen wir
+uns nahten, vielleicht die groessten in aller Welt. Hier werden
+Kanonen, Moerser, grosse Kessel und alles moegliche Eisenwerk gegossen.
+Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung
+nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren
+eben nicht unzufrieden darueber, denn auf Reisen sieht man manches,
+weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art
+von Pflichtgefuehl, und waere zuweilen gern der Muehe ueberhoben.
+Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Groesse, dennoch wenig Einladendes.
+Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betaeubendes Getoese
+und Gehaemmer erscholl aus dem Innern der Gebaeude; ewige Daemmerung
+herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche
+und Russ Baeume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand
+der Trauer huellen.
+
+Nicht weit von Carron sahen wir einen grossen Kanal, der die
+beiden Stroeme Clyde und Forth verbindet und fuer den inneren Handel
+von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling.
+
+Diese ziemlich grosse, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden
+gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Strassen und Haeuser
+umso lebendiger. Ihre Lage am Fusse eines hohen Felsen ist sehr schoen.
+Einige Strassen fuehren gerade den Fels hinauf, auf dessen hoechstem
+Gipfel ein altes Schloss thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen,
+zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet.
+
+Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschoenen
+Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht
+der hoechsten Kultur, der ueppigsten Vegetation, mit einzelnen
+Wohnungen, Doerfern, stattlichen Baeumen wie besaet. In den mannigfaltigsten
+Kruemmungen windet der Fluss Forth sich durch die lachende Gegend;
+bald geht er vorwaerts, bald kehrt er auf lange Strecken zurueck
+und schleicht dann wieder zoegernd weiter, als straeube er sich,
+dies Paradies zu verlassen. Eine schoene, steinerne Bruecke, dicht vor
+der zu unseren Fuessen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch
+malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron
+wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schoene blaudaemmernde Berge
+schliessen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt.
+
+Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schoene Teppiche aller Art
+werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewuerfelte Wollenzeuch,
+worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken
+und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu
+bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige
+Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen
+bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Maedchen mehr
+als fuenfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren
+in einem grossen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden
+jeder dieser Spulen an die darueber stehende sehr grosse Haspel
+gebunden; das Maedchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache
+Maschine auf das zweckmaessigste und mit der groessten Leichtigkeit
+in Bewegung.
+
+Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen
+einen sehr schoenen grossen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen
+musste, wie ein Eichhoernchen, um eine Muehle zur Reibung der Farben
+zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amuesieren,
+er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher
+Behendigkeit, gerade wie er uns seine Kuenste vormachen musste.
+Jung und alt lief mit grossem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam
+gluecklich seinen Verfolgern zu unserer grossen Freude und zum
+grossen Leidwesen seines Herrn.
+
+In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger
+gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr haeufig der Fall ist.
+Die Maenner tragen enge, blaue Muetzen, oben mit einer roten Quaste,
+bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage
+von rot und weiss gewuerfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke
+und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr
+faltenreiches Roeckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewuerfelten,
+schottischen wollenen Zeuche. Ein Guertel, in welchem oft eine Art
+von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hueften;
+auch haengt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran,
+in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fussbekleidung
+besteht in rot und weiss gewuerfelten, unten mit einer starken
+ledernen Sohle versehenen Struempfen, welche auch nur bis etwa
+ueber die Haelfte der Wade reichen; von da an bis ueber das Knie
+sind die Beine ganz bloss. Diese Fussbekleidung gibt den Schotten
+etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die roemischen Soldaten
+in der Oper, und die roten Streifen in den Struempfen haben
+das Ansehen von uebergeschnuerten roten Baendern.
+
+Das Hauptstueck ihrer Kleidung, wir moechten sagen, ihres Mobiliars,
+ist der Plaid, ein langes breites Stueck von jenem gewuerfelten
+schottischen Zeuche, wie ein sehr grosser Shawl. Den Plaid tragen sie
+bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlaessig von einer Schulter
+zur Huefte vorn und hinten wieder heruebergeworfen. Zuweilen wird er
+auf der Schulter quer mit einer grossen silbernen Nadel befestigt.
+Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Kaelte
+nehmen sie den Plaid ueber den Kopf und huellen sich ganz hinein;
+nachts dient er ihnen auf Reisen statt Huette und Bette, und auch
+in ihren Wohnungen schlafen sie gewoehnlich in dem Plaid gewickelt
+ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden.
+
+Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen
+sich haeufig jenes schottischen Zeuches, uebrigens gehen sie
+sehr aermlich, schmutzig sogar, mit nackten Fuessen, oft in blossen,
+kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen
+stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schoenheit nicht hinter den Englaenderinnen
+zurueck. Sie uebertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht
+der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmaedchen
+und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Englaenderinnen
+und Schottinnen sehr gross. Keine langen Kleider, keine huebschen
+Strohhuete mehr, die man in England ueberall sieht. Blosse Fuesse,
+schlechte, baumwollene Roecke, unfoermige, bis an die Knie reichende
+weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Guertel gehalten,
+oefter noch lose haengend, weisse Hauben, die tief ins Gesicht gehen
+und bis auf die Schultern herabhaengen: dies ist das Kostuem der
+aermeren Schottinnen in den Staedten und mit weniger Abweichung
+auch auf dem Lande und in den Gebirgen.
+
+Die Wohnungen, sowohl in den Doerfern, durch die wir jetzt kamen,
+als auch die einzeln zerstreut liegenden Huetten, sehen hoechst
+aermlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetuermten Feldsteinen und
+Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen
+menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend grosse Armut
+mit der grossen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs
+sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist,
+ist uns unbegreiflich.
+
+
+
+Perth
+
+
+Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt
+ist nicht klein, hat huebsche grosse Haeuser und schoene breite Strassen
+voll lebendigen Gewuehls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier
+bluehen Handel und Fabrikwesen; besonders beruehmt sind
+die grossen Bleichereien von Perth.
+
+Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher
+schoenen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmaehlich verlor nun
+das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und
+fruchtbar. In blaeulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette
+der Hochlande duester vor uns aus; muehselig erklommen wir ein paar
+ziemlich hohe Berge, ueber welchen noch hoehere drohten. Der Weg
+senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurueck und
+begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schoenen Strome Tay,
+an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist.
+
+Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace,
+dem ehemaligen Sitz der schottischen Koenige, wo sich auch
+das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher
+einer alten Scheune als einem Palaste aehnlich.
+
+Scone Palace gehoert dem Lord Mansfield, als ein Geschenk Koenig Jacobs
+des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch
+von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, dass mancher
+Kraemer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit
+vorlieb nehmen wuerde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben
+dem alten Gebaeude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unveraendert
+erhalten, die sein ehrwuerdiges Alter und seine ehemalige
+hohe Bestimmung verdienen.
+
+Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen
+Reste ehemaliger koeniglicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart
+waehrend ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Truemmern liegenden
+Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen
+ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt;
+auch eine Stickerei, die sie dort sehr muehsam und fleissig verfertigte.
+Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang
+eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin
+ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich.
+
+Eine lange, schmale, duestere Galerie diente dem schottischen
+Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer,
+an ihre ehemalige grosse Bestimmung zu glauben, so unscheinbar
+ist sie. An der gewoelbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man
+Spuren von Malerei, die auch in ihrem glaenzendsten Zustande
+sehr unbedeutend gewesen sein muss.
+
+In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begraebnis
+der Familie Mansfield, wurden sonst die Koenige von Schottland gekroent.
+
+Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm
+und reich. Auf dem Rueckwege verweilten wir bei einer der grossen
+Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben
+war sehr willfaehrig, uns ueberall herumzufuehren. Hier braucht's
+der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke
+in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine
+weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause,
+das Stampfen der Leinwand und das Glaetten derselben wird durch Wasser
+betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders
+des Tischzeugs, schien uns merkwuerdig. Die Waren erhalten hier
+einen Glanz, der alles Aehnliche, selbst den schoensten Atlas,
+weit uebertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, dass das Stueck
+Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer grossen hoelzernen
+Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben
+eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng
+anschliessen, dass die Leinwand nur muehsam beim Aufrollen sich
+dazwischen durchdraengen kann, und diese Reibung ist es,
+welche ihr den vorzueglichen Glanz gibt.
+
+Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil
+der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind,
+wenn auch nicht so gut wie im uebrigen Koenigreiche, dennoch
+zum groessten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit
+die sogenannten Militaerstrassen anlegte; aber Posten waren noch
+nicht eingerichtet, Pferde ueberhaupt selten; deshalb mieteten wir
+welche in Perth fuer die ganze Strecke Weges und reisten
+dem Gebirge zu.
+
+
+
+Kenmore
+
+
+Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir
+in ein Tal von erhabener Schoenheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es
+von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fusse immer in einer
+gewissen Hoehe sich hinwindet, oeffnen sich neue, entzueckende Aussichten.
+Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay.
+Kleine Kornfelder und Baumgaertchen gruenen und bluehen an den Ufern,
+zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Huetten. In einem tieferen
+Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedraengt, sahen wir
+ein Doerfchen; Scharen froehlicher Kinder trieben darin ihr
+lautes Spiel, die Muetter spannen in den Tueren, die Maenner,
+in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Gaerten
+beschaeftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch,
+so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Faehre ueber den Strom
+gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere
+Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel
+der Welt.
+
+Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay fuehrte unser Weg
+nach Kenmore, einem Doerfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande.
+Wir fuhren ueber Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgruenden hin,
+die uns schaudern machten. Bald naeherten wir uns ganz dem Gestade
+des Stroms; bald sahen wir ihn voellig aus dem Gesichte; aber immer
+fuehrte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlaengelnde Weg
+wieder in seine Naehe. Ein unnennbar freudiges Gefuehl von Ruhe und
+Frieden bemaechtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit,
+wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Taeler rieseln
+und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht,
+wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schoene Waldungen
+bekleiden sie, fast bis zum hoechsten Gipfel hinaus, und winken freundlich
+dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten.
+
+Der Anblick der armen Huetten, die wir einzeln in den Taelern, am Fusse der
+Felsen oder in der Naehe des Stroms zerstreut liegen sahen, wuerde uns
+schmerzhaft beruehrt haben, wenn die Bewohner mit ihrem klaeglichen Lose
+weniger zufrieden geschienen haetten. Wir sahen grosse Armut, aber nicht
+eigentliches Elend. Jede Huette hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die
+Einwohner naehrt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr
+kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lueneburger Heide,
+welche ihnen Milch, Kaese und die notwendige Kleidung gewaehren.
+
+Die Haeuser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten
+menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, dass man
+nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen,
+oft ohne allen Moertel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos
+und Lehmerde verstopft, Tueren aus Brettern schlecht zusammengeschlagen,
+ohne Schloss und Riegel (denn wer sollte hier Diebe fuerchten?), Fenster,
+so klein, dass man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas.
+Die niedrigen Daecher von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch
+aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine Oeffnung,
+durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Huetten entspricht
+dem Aeusseren. Menschen und Tiere hausen unter dem naemlichen Dache
+friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag
+voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man
+deutlich, bei dem fast gaenzlichen Mangel allen Hausgeraets, wie wenig
+der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fussboden besteht aus
+festgetretenem Lehm; der grosse Feuerplatz, dicht auf der Erde,
+ohne alle Erhoehung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an
+einer Kette haengender Kessel ueber dem Feuer, einige hoelzerne Schemel,
+ein gross zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von
+Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit
+entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben.
+
+Das Ansehen der Maenner ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr
+von jeder anderen europaeischen abweicht, ist zum Teil schuld daran.
+Im Umgange verliert sich der Eindruck gaenzlich, den ihr erster Anblick
+erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebraeuntes Gesicht ist
+ausdrucksvoll, seine Zuege sind angenehm und regelmaessig. Stiller,
+an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens;
+dennoch koennen sie sehr froehlich sein. Sie sind gebildeter,
+als man vermuten moechte. Die Geschichte ihrer Vaeter und ihre
+Heldengesaenge sind keinem fremd. Fast in jeder Huette, in welcher
+wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl
+irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die
+Seinen erbaut. Winters moegen die Wege den Besuch der Kirchen sehr
+erschweren, doch kann gewiss nur die Unmoeglichkeit den frommen Bergschotten
+davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin
+zu machen haben.
+
+"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schoenes Maedchen
+auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Kaelte und Schnee
+euch in euren Huetten gefangen halten?"
+
+In jedem Hause beinah haengt der Stammbaum der Familie, auf welchen
+sie oft mit Stolz blickten; gewoehnlich ist ein horizontal liegender
+geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen
+irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Koenigs fuehrt.
+Aus seiner Brust spriesst der Baum, der sich in unzaehlige Aeste verbreitet.
+Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien
+in Schottland, deren Glieder alle einen Namen fuehren, sich in allen
+drei Koenigreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber
+doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fuehlen und dies gewissenhaft
+anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich
+auch vorher nie sahen.
+
+In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa
+zwanzig solcher Huetten, wie wir oben beschrieben. Sie machten
+das ganze Dorf aus. So klein sind alle Doerfer, die einzelnen Wohnungen
+liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander.
+
+
+
+Killin
+
+
+Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte
+an wurden die Felsen immer hoeher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite
+hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See
+Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar ueber
+unserem Haupte, immer hoeher und hoeher uebereinander, waehrend wir
+den laengs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten.
+Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die hoechsten Gipfel der Berge
+und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich,
+gross und einsam. Wir erstiegen, gefuehrt von einem Einwohner des Tales,
+den Gipfel eines Berges. Unsere Fuehrer nannten ihn uns Ben Lawers.
+[Fussnote: Johanna irrt hier; der hoechste Berg Schottlands und damit
+auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist
+niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.]
+Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten
+nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle
+einsame Taeler. Ben More, der hoechste Berg in Schottland, drohte aus
+der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehuellt. Herden von jenen
+kleinen Schafen, gefuehrt von einem einsamen Knaben, belebten allein
+die feierliche Wueste.
+
+Wir kehrten zurueck zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames,
+ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees
+erbauten Huetten. Die Fluesse Dochart und Lochay fallen hier in den
+See und bilden in sanften Kruemmungen kleine Halbinseln. Das Tal,
+welches diesen einschliesst, ist so gruen, Baeume und Straeucher wachsen
+in so ueppiger Fuelle, wie wir es nimmer in diesem noerdlichen Winkel
+der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten,
+kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und
+steinerne Einfassungen schuetzen die Felder gegen Beschaedigung durch Tiere
+des Waldes und der ueberall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben
+dies liebliche Plaetzchen, als wollten sie es wie ein schoenes Geheimnis
+den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht
+auf Fels und Tal am grossen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest.
+Sie ist als eine der schoensten in diesem Lande beruehmt, wie unzaehlige
+Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkuenden,
+und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm.
+
+Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschoene Bucht, ein
+einsamer Kahn durchschnitt die silberne Flaeche in mannigfaltigen
+Wendungen. Baeume und Straeuche spiegelten sich im klaren Wasser, die
+Felsen gluehten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre
+Gipfel umwogen, glaenzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns
+herueber toenten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes
+durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht.
+
+Waehrend wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten
+unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir
+bedurften. Bald dampfte eine koestliche Lachsforelle auf dem Tisch,
+die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten.
+Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung;
+sie verdienten wohl, dass unsere modernen Gastronomen einzig um
+ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst
+die beruehmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit
+von ihnen uebertroffen.
+
+Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen
+an einem Wasserfall vorbei. Von einer betraechtlichen Hoehe eilt er
+dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schaeumend ueber
+abgerissene Felsentruemmer. Seit Jahrhunderten schon glaenzen
+seine Tropfen gleich Traenen auf den gruenbemoosten Steinen eines
+ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertoent wie
+der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd,
+die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen
+der Vaeter geleiteten.
+
+Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und hoeher, oeder und
+einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten
+von allen Bergen und stuerzten hinab ins Tal, durch welches bald
+silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten
+erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige
+Huette, dass in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben.
+
+Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fussnote: Sohn des Fingal,
+Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation
+des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen
+als angebliche Uebertragung alter gaelischer Lieder des Ossian herausgab,
+gelangten diese Dichtungen zu grosser und weitreichender dichtungs- und
+geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterliessen auch in der deutschen
+Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Stroeme, die Felsen,
+die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte ueber die Heide,
+die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger.
+Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Huegel
+der Helden und verkuenden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte
+vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir,
+von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschliessen, mit Ehrfurcht
+geschont und bewahrt. Koenig Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale,
+im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte
+Staette noch bezeichnen zu koennen. Ossians, seines Sohnes, Name
+und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die
+Geister der Helden koennen noch immer von ihrem Wolkensitze der alten
+wohlbekannten Toene sich erfreuen.
+
+Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof,
+in einer schauerlich wilden Einoede, auf der hoechsten bewohnten Hoehe
+der schottischen Hochlande. Der Regen stuerzte jetzt in Stroemen herab.
+lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten,
+einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel
+der Felsen verklaerten und der Wind den Regen wild herumpeitschte.
+Gegen Abend klaerte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des
+wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden
+und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande
+kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen.
+Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den
+hoechsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewoelk zog sich wie ein
+heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem
+Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im naechsten,
+oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe
+mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel.
+
+
+
+Dalmally
+
+
+Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch
+fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und oeder. Nur das Rauschen
+der von den kahlen Felsen schaeumenden herabstuerzenden Bergstroeme
+toente durch die leblose Stille der oeden Heide. Hie und da klommen
+einige Schafe an den mit spaerlichen Berggraesern und Heidekraeutern
+bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann
+ein Hirtenknabe von den Hoehen herab auf unseren Wagen, der ihm
+eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens
+war verschwunden.
+
+Viele halb versunkene alte Graeber zeigten, dass sonst ein maechtigeres
+Leben hier waltete. Am Himmel war geschaeftige Bewegung, Nebel und
+Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel.
+
+Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus
+einer handvoll armer Huetten und wieder aus einem fuer diese abgelegene
+Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche
+in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den uebrigen Huetten
+unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker
+entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhuegel erhoben sich
+in dem kleinen Bezirke.
+
+Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen
+erreichen ein hohes, glueckliches Alter. Mit sechzig Jahren duenken
+sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur
+ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen Oel
+erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen
+in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn
+gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, dass er sich
+juenger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Laendern haette man
+ihm deren hoechstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er
+eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage
+ein Taenzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt,
+denn er galt noch immer fuer einen der ersten Virtuosen auf diesem
+Lieblingsinstrument der Schotten.
+
+In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert.
+Ein Greis, in der Nationaltracht, sass auf einem Steine nahe
+am Kirchhofe; sein langer, schneeweisser Bart flog im Winde,
+sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen gluehten unter
+einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch
+von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er
+eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhaengende Akkorde wie mit Gewalt
+einzeln hervorriss. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu
+alte Volksgesaenge; sein Gesang war eintoenig, fast mehr Deklamation
+als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen
+auch der hundertjaehrige Greis; alles hoerte feierlich aufmerksam zu.
+Unser Naehertreten stoerte weder den Saenger noch seine Zuhoerer
+im geringsten, nur machten sie uns mit natuerlicher Hoeflichkeit Raum
+in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Saenger, der mit
+seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat,
+aber ueberall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden.
+Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht
+Englisch. Ueberhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden,
+der Englisch sprach oder es auch nur verstand, ausser in den Gasthoefen.
+
+
+
+Inverary
+
+
+Ueber steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Ploetzlich senkte sich
+der Weg; ein grosser silberner See breitete sich vor unseren
+erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schoene Baeume,
+kleine Gaerten vor den Huetten des Landmanns und Getreidefelder
+begrenzten seine Ufer.
+
+Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch
+das gruenende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten
+die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch
+geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie Ueberresten
+alten Gemaeuers, selbst mehr in der Naehe konnten wir nicht entscheiden,
+ob es Felsen oder Ruinen waeren. Kein Kahn war in der Naehe,
+uns hinueberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff.
+Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht.
+Unbefriedigt ueber diesen Punkt mussten wir weiter, aber der Anblick
+des Sees und seiner schoenen Ufer erfreute uns umso lebhafter,
+als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Groesse
+angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir spaeter,
+dass jene Felsenbloecke wirkliche Ueberbleibsel eines uralten,
+zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehoerenden Schlosses seien.
+Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels,
+den sie kroenen, einer Insel gleich; sonst haengt mehr mit dem Ufer
+zusammen.
+
+Zu bald mussten wir uns von dem herrlichen See wegwenden,
+um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward
+wieder still, gross und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg,
+frisches Laubgehoelz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten;
+bald sahen wir uns in einem schoenen englischen Park, angestaunt
+von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches
+Schloss mit vier runden Ecktuermen.
+
+Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend.
+Vor uns lag das schoene grosse Schloss Inverary, der Sitz des Herzogs
+von Argyle, mitten in einem durch herrliche Baeume und Buesche
+verschoenten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlaengeln sich
+nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich.
+Im Hintergrunde erheben schoene waldbewachsene Felsen das stolze Haupt,
+seitwaerts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll bluehender
+Rosenbuesche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte
+Gelaender, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher,
+schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze
+kroent ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr grosse Beschwerden
+auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher
+Schoenheit geniesst, die alles vereint, was die Natur Erhabenes
+und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebuesch fuellen
+in der reizendsten Mannigfaltigkeit das uebrige Tal.
+
+Vom Schlosse an erstreckt sich eine schoene Wiese bis hinab an
+den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen,
+der hier tief in das Land hineinlaeuft. Eine schoene Bruecke woelbt sich
+dicht am Schlosse ueber ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich
+an beiden Ufern hin. Die Laenge des Loch Fyne ist dem Auge unuebersehbar,
+das ferne Meer, dem er angehoert, begrenzt ihn; gruen wie dieses
+spiegelt seine dunkle Flaeche, kleine, weisse Wellen huepfen
+wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe
+und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben
+geben.
+
+Dem Schloss seitwaerts ueber der Bruecke liegt das Staedtchen Inverary,
+mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein
+sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Strassen und
+den weissen huebschen Haeusern, unter denen der Gasthof sich stattlich
+erhebt. Alles sieht aus, als waere es erst gestern fertig geworden.
+Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenueber,
+aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben
+schien, liess sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder
+aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Grossbritannien
+erleben.
+
+
+
+Arrochar
+
+
+Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schoenem
+ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer laengs dem
+Ufer des Loch Fyne. Wir haetten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier
+moeglich waere, wo nur eine fahrbare Strasse durch das Gebirge fuehrt: denn
+der Kastellan im Schloss von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir
+jetzt nehmen mussten, als den fuerchterlichsten im ganzen Lande
+beschrieben; dunklere Kluefte, steilere, oede Felsenberge sollten wir noch
+nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er
+nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt.
+
+Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, dass wir uns
+auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See,
+das schoene Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke.
+Mehrere Stunden hindurch ging es immer hoeher und hoeher, ueber nackte
+Felsen, durch dunkle enge Kluefte, zuweilen durch duestere Taeler,
+dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines gruenes Moos deckt wie ein Teppich
+das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und
+oede Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertoent in diese Wueste
+als das Brausen der Felsenbaeche, die hin und wieder hinabstuerzen;
+keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, ausser zuweilen
+eine jener armen Huetten, neben dem schaeumenden Bache in eine
+Felsenecke gedrueckt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen
+machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter muessen ihre
+Bewohner, ausgeschlossen von aller Moeglichkeit, zu Menschen zu kommen,
+ein Leben fuehren wie auf einer wuetenden Insel, und noch verlassener
+hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich
+laechelt. Dennoch veraendern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Oede
+traegt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich
+erhabener Groesse. Die maechtigen Felsen stehen ringsumher wie
+anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Bluete
+des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel,
+ohne sie zu verhuellen; ihre Haeupter sind umwogen von ewigen Nebeln,
+die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft
+schwebt ueber Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch
+vereinend.
+
+Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and
+be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen
+der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg
+bahnten.
+
+Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege
+durch diese Wueste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehuellten
+Hochlaender. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig,
+eine nahe Anhoehe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht
+sich uns eroeffnete.
+
+Doch uebersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen
+Kronen unzaehliger anderer, von aller Vegetation entbloesster Berge;
+die Wasserfaelle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in
+dunklen Tiefen verlieren, ohne dass wir ihr Brausen auf dieser Hoehe
+vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch
+das schauerliche Tal Glencoe [Fussnote: dieses Tag liegt am Ostende
+des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen.
+Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds
+durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft
+gewaehrt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts
+in einer Nacht unter dem meuchelmoerderischen Schwerte der nach Rache
+duerstenden Englaender fielen, weil sie mit Treue dem Koenige anhingen,
+den sie als den einzigen rechtmaessigen Erben der schottischen Krone
+anerkannten.
+
+Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen
+am Fusse der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, duesteren Taeler,
+die so enge sind, dass sie, groesseren Felsspalten gleich, wohl nur
+wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen
+wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kuemmerlich
+die Spitzen der Heidekraeuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte
+uns dunkelblau ein Wasser und etwas Gruen entgegen: es war Loch Long,
+an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise.
+Nun ging es tief hinab, immerfort ueber oede Felsen, durch
+duestere Kluefte und enge Taeler, bis zu den Ufern des Loch Long,
+der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet.
+
+Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender
+Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht
+aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten ueber
+sie hin, waehrend auch im Sonnenscheine die Bergwasser glaenzen,
+die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen.
+
+Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Huetten umgeben,
+liegt hart am Ufer des Sees. In frueheren Zeiten war dieses Haus
+der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man
+in dessen Bauart die Spuren jener hoeheren Bestimmung.
+
+
+
+Loch Lomond
+
+
+Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich
+zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schoensten
+und groessten Sees in den Hochlanden. Laendliche Anmut und erhabene Groesse
+wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die praechtigen,
+groesstenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu draengen, als wollten
+sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder
+zurueck, und Wiesen und Felder umgeben das glaenzende Gewaesser.
+
+Zuerst empfing uns ein frischer, gruener Wald am Ufer; unter hohen
+Laubgewoelben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes
+im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der hoechsten,
+ueber die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg;
+wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns,
+unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze,
+herrliche See da, besaet mit kleinen und groesseren gruenenden Inseln,
+zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weisse,
+sich kraeuselnde Wellchen belebten die silberne Flaeche, aus der
+auf der anderen Seite der maechtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt,
+bis zu den Wolken, die sein Haupt verhuellen.
+
+Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schoenheit, dass jeder Versuch,
+sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos waere; aber nie werden wir
+den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten.
+
+Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Doerfchen Luss, leider
+dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen
+gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten
+hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte
+zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich,
+ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Maedchen hatten
+nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Maenner nicht, dennoch
+ihre Nationaltaenze aufzufuehren und sich vortrefflich dabei zu divertieren.
+Das pferdemaessige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem
+wohlgelungenen Sprunge wuerde uns in's Freie getrieben haben,
+wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt haette. Nur fuer
+die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war
+ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, dass wir ihn alle Augenblicke
+aus dem Zimmer komplimentieren mussten. Seine Tochter, ein sehr
+huebsches Maedchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich
+alle Muehe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung,
+immer strebend, das kindliche Verhaeltnis nicht zu verletzen,
+und wieder wie beschaemt, dass wir, die Fremden, die so weit herkamen,
+ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch
+an Bequemlichkeit leiden mussten.
+
+
+
+Glasgow
+
+
+Hinter Luss ward die Gegend allmaehlich flacher, der Weg besser;
+alles kuendigte uns an, dass wir das Land der Poesie verlassen und
+zurueckkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton
+schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen,
+die uns ueber so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal
+gefuehrt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber
+die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere
+schoene Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterlaendischen Gebirgen,
+von denen diese, die wir jetzt verliessen, sich indessen so merkwuerdig
+als merklich unterscheiden.
+
+Die Gegend von Dumbarton ward als schoen geruehmt; unsere Phantasie
+war nur von der naechsten Vergangenheit noch zu sehr erfuellt,
+als dass wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Staedtchens
+schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darueber emporragender Fels,
+dessen steilen Gipfel ein festes Schloss kroent, nimmt sich malerisch aus
+mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge
+umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir
+gegen Abend in Glasgow an.
+
+Die Stadt ist ziemlich gross; schoene breite Strassen und Plaetze,
+sehr huebsche, von Quadersteinen erbaute Haeuser erinnerten uns an Edinburgh.
+Auch hier fanden wir wie dort in allen Haeusern breite steinerne Treppen,
+mit eisernen Gelaendern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner
+sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als grossen Vorzug
+vor London preisen. Dort, meinen sie, koenne man in einem oberen Stockwerke
+keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskaeme,
+in der entsetzlichsten Gefahr waere, elendiglich umzukommen.
+
+Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine
+lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman liess uns auf
+das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer
+besuchen zu duerfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr hoeflicher
+Herr mit ein paar dicken Buechern unter dem Arme und erbot sich,
+als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen,
+dass wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Franzoesisch
+untereinander sprachen, und hielt uns folglich fuer eine ausgewanderte
+franzoesische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten muesse.
+
+Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind
+hier zu Hause; uebrigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch
+erkundigen mochten, irgend ein merkwuerdiges Gebaeude oder sonst einen
+Gegenstand angeben, welcher fuer ein nicht kaufmaennisches Gemuet naeherer
+Betrachtung wuerdig gewesen waere. Wir ruhten also, im eigentlichsten
+Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die
+Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, waeren doch nur
+Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig
+die ganze Zeit ueber, wir sahen es mit Vergnuegen regnen und dankten dem
+Himmel, dass er diese Sintflut nicht in den Hochlanden ueber unsere
+Haeupter herabstroemen liess.
+
+Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anstaendig,
+zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften,
+die wir schon an ihren Landsleuten ruehmten, mit der Wohlhabenheit und
+allem vernuenftigen Luxus, welchen der hier bluehende Handel nur
+gewaehren kann.
+
+
+
+Die Faelle des Stromes Clyde
+
+
+Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter
+nach Lanark, um die beruehmten Wasserfaelle des Clyde zu sehen.
+Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg
+sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal,
+durchschlaengelt vom schoenen Strome Clyde; Gehoelze, Aecker, Landsitze,
+Doerfer wechselten hoechst anmutig.
+
+An einer Stelle, wo dichtes Gehoelz uns den Anblick des laut
+brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr
+steilen und schluepfrigen Flusspfad hinab bis an das Ufer des Stroms.
+Ganz in Schaum verwandelt stuerzt er hier laut brausend von einer
+betraechtlichen Hoehe hinab, ueber grosse Felsstuecke, und windet sich
+dann zuernend und schaeumend weiter durch das liebliche Tal.
+Die hohen, malerischen Felsen, bekraenzt mit schoenem Gestraeuche
+und hohen Baeumen, von welchen wieder leichtere Efeukraenze hinflattern
+in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die grosse Wassermasse,
+die hier herunterstuerzt, der Kontrast des Schaumes, weisser als Schnee,
+mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Gruen, die Millionen
+Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzueckte uns
+und hielt uns lange fest. Wasserfaelle soll man aber nicht malen,
+weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung
+fuehlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt.
+
+Ziemlich spaet langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten
+wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen
+groesseren Faellen des Stroms.
+
+Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehoert zu den schoensten
+im unteren Schottland. Eine Meile ging es ueber Berg und Tal durch
+frisches, dichtes Gehoelz hin; nun erstiegen wir muehsam einen ziemlich
+hohen Berg, hoehere Felsen drohten ueber ihm gen Himmel. Als wir oben
+waren, erschreckte uns die fuerchterlich schoenste Ansicht, die wir
+jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch
+war's unmoeglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen
+steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns
+und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde,
+der kleinste Unfall am Wagen waere unvermeidlicher Tod gewesen;
+es war unmoeglich, den Wagen halten zu lassen, unmoeglich an der Felsenwand,
+an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergassen wir
+alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschoenen Tales, das uns
+viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte,
+durchstroemt vom Clyde, der zoegernd zwischen den bluehenden Gaerten
+und fruchtbaren Feldern sich fortwand.
+
+Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier
+grosse ansehnliche Gebaeude mit schoenen Gaerten. Es sind Baumwollspinnereien,
+deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden.
+Wir sahen die Raeder behend sich drehen, die kleinen Faelle, welche
+durch diese veranlasst werden, blitzten wie fluessiges Silber;
+aber wir hoerten nicht ihr Geraeusch, es war zu tief unter uns.
+
+Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehoelz
+empfing uns wieder in seine Schatten, laut hoerten wir den Strom
+donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten
+hinein, erstiegen einen kleinen Huegel, und vor uns stuerzte der Strom,
+weit wasserreicher und majestaetischer als gestern, ueber wilde
+hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn
+abermals ueber noch hoehere Felsen, in noch tiefere Abgruende gewaltig
+herabbrausen. Er faellt von einer so steilen Hoehe, dass er einen Bogen
+bildet; wer es wagen will auf dem schluepfrigen Boden, kann zwischen
+dem Felsen und der grossen Wassermasse hingehen. Unten in dieser
+kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es muss ein
+betaeubendes Gefuehl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und
+Wogen ueber seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten
+davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab,
+der blosse Anblick des Wagestuecks schreckt zurueck.
+
+Als wir den Garten verliessen, fuhren wir an einem schoenen Landhause
+vorbei, zu welchem er zu gehoeren scheint; wir wuenschten dem Besitzer
+desselben Sinn fuer sein Glueck.
+
+Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenuss uns zu erfreuen,
+denn oede und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen,
+elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel,
+und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Staedtchen
+Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem
+sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden
+des vergangenen Tages.
+
+Moffat ist ein kleiner, von den Schotten haeufig besuchter Badeort;
+die hiesigen Heilquellen werden fuer sehr wirksam gehalten, nur konnten wir
+nicht erfahren, fuer welche Gattung von Uebeln sie eigentlich gebraucht
+werden. Fuer die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Baeder.
+Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Staedtchen selbst sieht
+sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den
+hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Baellen,
+noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, dass wohl nur Kranke
+herkommen, denn fuer koerperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein.
+
+Ueber Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green,
+einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend,
+wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von grosser Wichtigkeit.
+Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben.
+Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormuender, Onkel und Tanten
+in England, die reiche oder schoene Maedchen zu hueten haben; der Trost
+und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz
+mit Romanlektuere anfuellen, der Hafen, nach welchem alle Gluecksritter
+zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen
+nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe
+des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich
+ein solides Glueck zu machen.
+
+In Gretna Green wohnt naemlich der alte beruehmte Hufschmied, der die
+unaufloeslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter,
+und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn
+in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots,
+keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar
+geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und
+ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm
+ohne weitere Umstaende getraut. Diese Trauung ist so gueltig und vor allen
+britischen Tribunalen so unaufloeslich, al waere sie von dem ersten Bischof
+im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten,
+ein von irgend einem widerwaertigen Argus bewachtes Liebchen hat,
+der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise,
+mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach
+Gretna Green, dem naechsten schottischen Grenzorte, wo oben erwaehnter
+Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten.
+
+Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen
+Dingen sprechen, kaum, dass sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem
+zeigte; gern haette sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern
+sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit
+Inschriften und Namenszuegen gluecklicher Paare angefuellt, die ihrem
+wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenstaenden ihre suessen,
+freudigen Gefuehle anvertrauten.
+
+Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns
+war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hoerten wir,
+dass Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare
+in einem Tag anlangen.
+
+Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green
+auf englischem Boden, dass man uns nirgends anhielt, um Wegegeld
+zu fordern; alle Schlagbaeume flogen gleich auf, und die Zoellner kamen
+sehr gefaellig in die Gasthoefe, wo wir Pferde wechselten, das Geld
+zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt,
+den Fluechtlingen [Fussnote: England hatte nach der Revolution
+in Frankreich viele Fluechtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten.
+
+
+
+ENGLAND
+
+
+Die Lakes
+
+
+Ueber Carlisle, ein huebsches, lebhaftes Staedtchen, das erste wieder
+auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus
+die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten
+Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefaehr zwanzig Jahren
+ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich
+von der schoensten Natur entzuecken zu lassen. Die Londoner nennen
+diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland
+die Gegend bei Schandau die saechsische Schweiz nennt, und auch
+ungefaehr mit dem naemlichen Rechte.
+
+Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, oede Gegend, bis ganz nahe
+vor Keswick. Hier oeffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal;
+ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben.
+Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schoenen Formen
+noch die imposante Groesse der schottischen.
+
+Keswick ist ein kleines, freundliches Staedtchen mit sehr angenehmen
+Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden haetten, waeren wir
+nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhuegel
+verschwinden gegen jene gigantisch uebereinandergetuermten Kolosse;
+diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an
+Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen;
+sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch
+die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen.
+
+Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schoener, die Felsen werden
+hoeher; nur vermissten wir die Waelder, die in Schottland die niedrigeren
+Berge mit ihrem wechselnden Gruen bekraenzen. Zuerst kamen wir wieder an
+einen See, der, unregelmaessig, bald breiter, bald schmaeler, sich durch
+das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heisst Derwentwater, und
+gern begruessten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks
+Felsen bespuelt. Einige huebsche Landsitze liegen sehr angenehm an den
+Ufern des Sees; Berge, Baeume, Felder, umgeben ihn in reizender
+Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal
+empfing uns, als wir den See verliessen, durchrauscht von einem
+lebendigen Fluesschen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen
+kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heisst. Einige
+Bruecken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier
+lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als saehen
+wir ein Miniaturgemaelde jener beruehmten Gegenden.
+
+Nahe bei Ambleside oeffnen sich weit ausgebreitete Aussichten,
+die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher
+uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier
+die Welt vor uns in mannigfaltiger Schoenheit, verschiedene kleinere Seen
+blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut
+einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch;
+von allen Seiten bieten sich schoene Aussichten auf die benachbarte
+Landschaft dar; aber die schoenste derselben erwartete uns jenseits
+des freundlichen Staedtchens.
+
+Ein grosser spiegelheller See trat allmaehlich zwischen Bergen und
+Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt
+scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Gruen bekleidet,
+mit Gebuesch und Baeumen gekroent. Auf der groessten dieser Inseln
+erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers,
+umgeben von freundlichen Gaerten. Sie heisst Curwens Insel,
+nach dem Namen ihres Eigentuemers. Zierliche, zu jener Villa
+gehoerige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet
+Freude und Lust.
+
+Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schoenheit:
+rauhe, zackige Felsen, gruene bebaute, zum Teil waldige Huegel,
+praechtige, einzeln stehende Baeume, Wiesen, Kornfelder, Doerfer,
+einzelne laendliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch.
+Die Berge von Keswick schiessen die blaeulich daemmernde Ferne.
+In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner
+Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schoensten Stellen
+erbaut. Der See heisst Windermere; er enthaelt mehrere Stunden
+im Umfange und ist der groesste in England.
+
+
+
+Lancaster
+
+
+Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser beruehmten Gegend,
+gesehen hatten, hielten wir es fuer ueberfluessig, auch die uebrigen
+kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher
+unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut
+wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder gross, noch lebhaft,
+noch huebsch. Viele Quaekerfamilien [Fussnote: eine um die Mitte des
+17. Jahrhunderts vom G. Fox gegruendete Religionsgemeinschaft.
+Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhaengern 1689
+die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem
+in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute
+stellen sich jetzt im Aeusseren mehr den Kindern der Welt gleich.
+Selten nur hoert man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde;
+auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung
+haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie
+vor anderen auszuzeichnen.
+
+Die Maedchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen
+von Lancaster, Lancaster Witches, als die schoensten in ganz England
+beruehmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster
+auf Beweise, dass sie dieses Ruhms vollkommen wuerdig sind.
+Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quaekermaedchen in ihrer
+anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie
+sich gewoehnlich kleiden, die Schuerze und das grosse Halstuch
+vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Huetchen, alles ohne
+die mindeste Verzierung, geben den frischen, bluehenden Gesichtern
+eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Kloesterliches in ihrer
+Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln,
+so erregen sie nicht das beaengstigende Mitleid wie die Nonne;
+auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer,
+als jene gotische entstellende Verhuellung.
+
+Wir reisten ueber das sehr huebsche, freundliche Fabrikstaedtchen Preston
+nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch
+einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land
+so flach als moeglich, unabsehbare Wiesen, von Kanaelen durchkreuzt,
+Graeben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten
+Landstrassen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte
+Ansehen der hollaendischen Landhaeuser fehlte. In England wird kein Haus
+von aussen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher
+die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes,
+rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewoehnten Auge missfaellt.
+Nichts ist dagegen huebscher und freundlicher als die laendlichen
+Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmaessig alle Jahre
+mit Oelfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefaerbt,
+die Fugen derselben weiss gemacht; alles sieht daher immer neu aus
+und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich froehliches und wohlhabendes
+Aussehen.
+
+
+
+Liverpool
+
+
+Diese Stadt, naechst London die groesste und bedeutendste in England,
+steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schoenheit als des Umfangs,
+weit hinter Edinburgh zurueck. Aber Handel und Betriebsamkeit
+haben ueber Liverpool ihr Fuellhorn ausgeschuettet, und Reichtum und
+Luxus glaenzen dem beobachtenden Fremden ueberall entgegen.
+
+Die reichen Kaufleute wenden ihren Ueberfluss auf eine sehr zweckmaessige
+Weise an, indem sie die an sich nicht schoene Stadt mit vielen neuen,
+praechtigen Gebaeuden verzieren. Vier neue palastaehnliche Kaffeehaeuser,
+Newshouses, Neuigkeitshaeuser hier genannt, sind seit kurzem
+durch Subskription erbaut; ein schoenes Theater, ein Konzertsaal,
+ein grosser Gasthof, viele mildtaetige Anstalten, welche der Menschheit
+Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein.
+Das praechtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kraefte sind
+aber die Docks.
+
+In diesen kuenstlichen Haefen liegen die Schiffe sicher und bequem,
+fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert,
+aus- und eingeladen, und ueberdies sind die Ladungen vor Dieben
+sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kraefte, um sie
+zustande zu bringen, sind aber auch fuer den Handel vom groessten Nutzen.
+
+Die Promenade laengs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewuehl,
+das Schreien, das Draengen und Stossen ist betaeubend, der Seegeruch
+unangenehm, aber der Anblick der offenen See ueber die Docks hinaus
+entschaedigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit
+wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir
+es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes.
+Das Meer verschoenert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe
+erhaelt dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen
+toent wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herueber, und
+wir horchen gern mit stiller Wehmut zu.
+
+Wir haben schon bemerkt, dass Liverpool keine eigentlich schoene Stadt
+sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen
+aus. Doch muessen wir die schoenen Wohnungen verschiedener reicher
+Kaufleute erwaehnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert
+von dieser, auf einer maessigen Anhoehe erbaut sind. Hoechst elegant
+eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens
+auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl
+nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt taeglich vergroessert
+und man schon jetzt berechnen kann, dass im Verlauf von einigen Jahren
+jene Haeuser mitten in ihr und in ihrem Gewuehl liegen werden.
+
+Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein
+wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort
+an dem allgemeinen Interesse im Gespraech, welches die Fremden
+bald einheimisch macht. Sind die gewoehnlichen Redensarten, welche
+in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette
+herbeigefuehrt werden, abgetan, hat man ueber Wetter und Wohlbefinden
+sich ausgesprochen, so ist man in der Regel uebel daran, wenn man
+von Handel und Politik nichts weiss oder nichts wissen will.
+
+Die Maenner dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen,
+sie kennen fremde Sitten und Gebraeuche; dies macht sie wenigstens
+toleranter gegen Auslaender. Die Frauen aber sind echte Englaenderinnen
+im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen
+die hoehere Bildung, die denn doch in einer grossen Stadt wie London
+leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafuer haben sie
+sich tausend Beduerfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum
+und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran
+nicht Gewoehnten aber hoechst laestig und peinlich werden.
+
+Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit,
+die dem Englaender in Staedten sonst weder eigen ist noch seiner
+Einrichtung nach sein kann; dass aber die Langeweile an ihren
+wohlbesetzten Tischen auch hier gewoehnlich praesidiert, kann
+nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen
+aufbrechen und den Maennern bei Wein und Politik freien Spielraum
+lassen.
+
+In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quaeker-Familien;
+doch sind sie hier sehr ausgeartet und schaemen sich ihrer alten
+einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich;
+besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein
+wollen, ungemein link. Sie, deren Vaeter selbst vor dem Koenige
+nicht den Hut abnahmen, gruessen jetzt, zum Beispiel auf der
+Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei
+sie sind; ungefaehr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie
+Bildung an den Tag zu legen, sich an oeffentlichen Orten mit
+Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Laeden fanden wir
+noch Quaekerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion
+ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so hoeflich und
+bescheiden, dass unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht laecherlich
+schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer
+von vorzueglicher Guete, sie ueberteuern niemand, und kein Feilschen
+und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen wuerde.
+
+Das Theater ist nicht gross, aber sehr elegant und bequem eingerichtet.
+Man hoert ueberall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung
+ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wuenschen uebrig.
+Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele,
+welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen
+damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen
+freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht
+ueber die beschraenkteste Mittelmaessigkeit hinauszugehen.
+
+Die Zuschauer waren weit weniger laermend als in London; unter ihnen
+bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen,
+die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet,
+sassen leichenblass, starr und steif nebeneinander, wie Tote,
+mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze
+herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen.
+Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so
+zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, dass man deutlich sah,
+jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!"
+
+Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten
+erwaehnt, die hier der Wohltaetigkeit und dem Reichtume der Einwohner
+ihr Dasein verdanken. Eine davon, fuer Blinde, besuchten wir
+mit Freude und Ruehrung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch
+nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geraeumig genug waere,
+dass all diese Ungluecklichen darin wohnen koennen. Deshalb sind sie
+in der Stadt in Privathaeusern eingemietet, aber sie versammeln sich
+alle Tage in dem fuer sie eingerichteten Gebaeude, Asylum genannt;
+dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik,
+in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten
+koennen, und bringen uebrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu.
+In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten
+eine Orgel. Als wir in letzteres traten, sass ein junger Blinder
+an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Maedchen, seinen
+Ungluecksgefaehrtinnen. Sie sangen dreistimmig eine ruehrende Klage,
+gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst
+ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein,
+sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestoert fort;
+geruehrt standen wir am Eingange des Zimmers still und hueteten uns
+wohl, sie zu unterbrechen.
+
+Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Ungluecksgenossen
+immer heiter und froh und gespraechig. In einem unteren Zimmer
+fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Maedchen, Raeder und
+Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer,
+wo sich Maenner und Juenglinge mit Korbflechten beschaeftigten,
+ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit
+und zierliche Form der Koerbchen, sie flochten sogar Muster
+von gruenen und roten Weiden hinein und wussten diese von den weissen
+durchs blosse Gefuehl auf das genaueste zu unterscheiden.
+
+Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nuetzliche Arbeiten,
+welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt
+verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher
+unter ihnen. Diese Anstalt gehoert wohl zu den zweckmaessigsten
+und wohltaetigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien,
+strebt sie nur den Ungluecklichen wirkliche Hilfe zu leisten,
+sie soweit moeglich zu nuetzlichen Mitgliedern der Gesellschaft
+zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit
+und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequaelt
+wie in anderen aehnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit
+das Ehrwuerdigste sein wollte, das Unglueck, zum Zeitvertreib
+einer muessig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwuerdigt.
+
+Am Tage, ehe wir Liverpool verliessen, erscholl ploetzlich
+von allen Tuermen ein betaeubendes Glockengelaeute, welches eine
+ganze Stunde ununterbrochen fortwaehrte; die Glocken erklangen lustig
+bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten,
+die ganze Skala durch, nach Gusto der Kuenstler. Jeder von diesen Herren
+bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich
+an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht
+einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds
+der koeniglichen Familie wuerde gefeiert oder wenigstens eine grosse,
+vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloss haeuslichen
+Freudentagen darf jeder Englaender mit allen Glocken laeuten lassen,
+wenn er dafuer bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern
+eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war
+die Ursache alles dieses Laerms. Diese hat in ihrem Testamente
+saemtlichen Liverpoolschen Kuenstlern eine gebratenen Hammelkeule
+mit Gurkensalat und dem dazugehoerigen Porter fuer jeden Donnerstagabend
+das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren
+dieses Gastmahl in Gesellschaft, muessen aber vorher mit ihren Glocken
+einen furchtbaren Laerm machen, der die Nachbarn der Kirchen
+in Verzweiflung bringt; alles zum Gedaechtnis des Namens
+der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art
+von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist
+als manche andere.
+
+Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso hollaendisch als die,
+durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als moeglich,
+aber hoechst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanaelen.
+Ueber Warrington, ein sehr freundliches Staedtchen, beruehmt durch
+Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester,
+von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley.
+
+Die englischen Landstrassen werden mit Recht im Durchschnitt
+als hoechst vortrefflich gepriesen. Aber in der Naehe grosser Fabrikstaedte,
+wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und
+her rollen, sind sie es weit weniger und muessen den Chausseen
+um Dresden, im Dessauischen, im Oesterreichischen und anderen
+in Deutschland den Vorrang einraeumen.
+
+Eine Unannehmlichkeit fuer fremde Reisende in England besteht darin,
+dass es sehr schwer wird, frueh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit
+der Gasthoefe ist es dennoch unmoeglich, vor sieben Uhr morgens
+das Fruehstueck zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten
+schlafen bis spaet in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser
+ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich
+nicht weiter als hoechstens zur Herbeischaffung der Pferde.
+Diese Beschwerde fuehlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche:
+denn die Englaender sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden
+nach dem Aufstehen zu fruehstuecken und reisen immer eine oder
+ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geroestetem Butterbrote
+verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen
+folgen wollten, fanden wir das Haus in so grosser Unordnung und
+Unsauberkeit, dass es uns unmoeglich war, den Wagen zu verlassen.
+
+Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung
+der Nation gegen die gefuerchtete Landung der beruechtigten Bateaux plats.
+Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstaetten, Laeden
+standen die Haelfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch
+schoene Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte
+der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie
+freilich wie die paepstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade.
+
+Nach dem Exerzieren wurden in Gasthoefen bei grossen gemeinschaftlichen
+Gastmaehlern die durch diese patriotische Anstrengung erschoepften Kraefte
+hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz
+und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals
+durch ganz England, und die Chefs der darueber leerstehenden Comptoires
+und Fabriken wollten ob der grossen Vaterlandsliebe der jungen Helden
+schier verzweifeln.
+
+In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest
+gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich
+abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen.
+Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch;
+alles gruen, ueber und ueber. Dann gerieten wir wieder zwischen
+unfruchtbare hohe Felsen. Duerftig mit Heidekraut bewachsen,
+boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns
+durch erhabenen Schoenheit dafuer zu entschaedigen. Kurz vor Middleton
+kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schoenerer Form
+sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter ueber noch hoehere
+und freudenlosere Berge bis Sheffield.
+
+Dies ist eine grosse, aber nicht freundliche Manufakturstadt.
+Kohlendampf, ueble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede
+ueberall. Die Strassen hallen wider von wildem, wuestem Geschrei
+und Gehaemmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen.
+Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schoene Stahl- und
+plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort
+nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns
+in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam,
+Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schoepfen.
+
+
+
+Wentworth House und Rotherham
+
+
+Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren.
+Obgleich gross und angenehm, zeichnet er sich dennoch uebrigens
+nicht aus; ebensowenig die Gaerten und Anlagen.
+
+Das Merkwuerdigste hier sind die praechtigen Staelle; sie gleichen
+wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden.
+Sie umschliessen einen grossen viereckigen Hof von allen Seiten.
+Der eine Fluegel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebaeudes
+ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir
+eine Menge der schoensten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde,
+meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene beruehmte Renner,
+welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten.
+Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt
+Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge
+der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte
+allen unangenehmen Geruch. Ueber dem Stande der vornehmsten Pferde,
+der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer
+werten Eltern und bisweilen ein noch laengerer Stammbaum zierlich
+geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich grosse Spiegel
+vor sich, um zu bezwecken, dass ihre Nachkoemmlinge ihnen an Schoenheit
+gleich wuerden.
+
+In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr huebsches
+persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es waere ueber zwanzig Jahre alt.
+Zahm wie ein Hund und auch nicht viel groesser, kam das zierliche Tier
+auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen.
+
+Muede und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir
+unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwuerdigkeiten anderer Art
+erwarteten.
+
+Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal
+nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen.
+
+Diese Eisengiesserei, an Groesse und Bedeutung die naechste jener nach Carron,
+gehoert Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere
+Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker
+hatten, so genuegte ihm doch schon ein Blick auf einige offene
+Adressbriefe, die wir von London aus fuer andere Orte in England
+mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns ueberall herumzufuehren.
+Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt,
+geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt
+versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme
+Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Russland,
+teils roh, teils in langen Stangen.
+
+Die Eisengiesserei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft
+schoenen Anblick geben die hochspruehenden Flammen und Funken,
+die roten zischenden Feuerstroeme, welche sich mit gluehendem Schein
+langsam hinwaelzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken,
+um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen,
+kolossalen Maenner, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her
+beschaeftigen. In Rotherham ward die grosse eiserne Bruecke gegossen,
+die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch groessere,
+ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier
+in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen
+Bruecken an bis herab zum demuetigen Plaetteisen. Man verfertigt hier
+auch viel schoenes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens
+der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr haeufig
+zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und
+Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung,
+dergleichen Dinge zu giessen, statt sie zu haemmern, ist ihr Gebrauch
+ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit
+dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb
+so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es
+seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug.
+
+Das Glueck wollte uns so wohl, dass wir eine vierundzwanzigpfuendige
+Kanone giessen sehen konnten. Aus zwei Oefen floss brausend
+das fluessige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedaemmte Kanaele,
+die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam
+in die tief eingegrabene Form stuerzte. Dantes Hoelle und der feurige
+Phlegethon [Fussnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie]
+waren bei diesem Anblick die naechstverwandten Ideen.
+Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man
+die Form und bringt sie so heraus.
+
+Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen.
+Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen,
+doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch
+aeusserten, sie zu sehen. Die dazu noetige Maschine wird vom Wasser
+getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Muendung
+der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest.
+Ein platter Stahl, ungefaehr einen halben Zoll stark, mit scharfen
+Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der uebrigens
+ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser
+getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt
+zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus
+der Oeffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben.
+Es ist unmoeglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall
+wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch
+mit seiner Staerke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er
+hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt,
+die sich aber auch an dem ohnmaechtigen Herrscher oft furchtbar
+raechen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann,
+und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter
+zu vernichten.
+
+
+
+Nottingham
+
+
+Ueber das artige Staedtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham,
+einer schoenen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele
+und grosse Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby,
+durch eine sehr reizende Gegend, dicht besaet mit Parks und
+freundlichen, zum Teil schoenen Landhaeusern, zwischen welchen
+einige stolze Schloesser der Grossen sich stattlich erheben.
+Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reissaus; doch
+auf diesen schoenen und lebhaften Strassen hat solch ein Vorfall
+wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen
+als ein grosses Motiv paradieren muss. Unsere fluechtigen Pferde
+wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken,
+doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir
+uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise
+war das Merkwuerdigste, was Derby darbietet, schon bewundert;
+deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick.
+
+Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein,
+arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn:
+denn hier erblickte Shakespeare [Fussnote: das Grab ist heute bekannt
+und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk
+des Geburtshauses stammt tatsaechlich aus der Zeit Shakespeares]
+zuerst den Tag, hierher kehrte er zurueck am Ende seiner grossen Bahn,
+und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiss recht die Staette,
+aber in der Westminster Abtei, dort wo die Koenige ruhen,
+strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist.
+
+Wir liessen uns zu der Huette fahren, in welcher sein Vater,
+ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkaemmer, einst wohnte,
+wo der grosse Geist, seiner selbst nicht bewusst, in der engen
+Eingeschraenktheit aengstlich und beklommen sich fuehlte, bis ins
+sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Aussenwelt,
+an den Banden riss, die ihn einzwaengten, und endlich, nach mancher
+wilden, ungezuegelten Aeusserung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete
+Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh
+und frei seinem Genius folgte.
+
+Die armen Lehnwaende des Hauses koennen sohl schwerlich schon vor
+weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords
+Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde
+aber ist ein alter hoelzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische
+eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine grosse steinerne
+Platte liegt davor; hier hat gewiss Shakespeares Vater gesessen,
+eifernd ueber die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei
+aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein musste.
+
+In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein grosses altes Bettgestell,
+in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein
+Stammbaum haengt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt,
+der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er ueber diese
+heilige Staette: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden
+bei seiner Duerftigkeit eine sehr willkommene Hilfe.
+
+
+
+Tewkesbury und Cheltenham
+
+
+In dem kleinen freundlichen Landstaedtchen Tewkesbury vernahmen wir,
+dass dort in einigen Tagen ein grosses Pferderennen gehalten werden sollte.
+Unter den Woelfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den
+Englaendern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen
+also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen,
+dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurueckzukehren,
+und reisten nach Cheltenham ab.
+
+Dieser beruehmte Brunnenort ist ein huebsches Staedtchen, in einem
+angenehmen, von Huegeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht
+neu aus. Die Stadt ist groesstenteils waehrend der letzten vergangenen
+fuenfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefaehr ist es, dass die dortige
+Quelle bekannt und beruehmt ward.
+
+Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile
+langen Strasse, an welche sich kleine Nebenstrassen und einzelne Gebaeude
+anschliessen. In dieser Hauptstrasse mit den schoensten Gebaeuden,
+den glaenzendsten Laeden, Leihbibliotheken und Kaffeehaeusern wogt
+die schoene Welt den Morgen ueber langsam und, wie es uns schien,
+auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gaehnend zu zweien
+und dreien aus einem Laden in den anderen, waehrend die Herren
+mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise
+hinzubringen suchen.
+
+Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England
+heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnuegen
+zur Arbeit. Wenn der Morgen ueberstanden ist, so helfen Baelle,
+Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft,
+die uebrigen Stunden hinzubringen; fuer alles dies ist gesorgt,
+wenn auch nach etwas verjuengtem Massstabe. Waehrend der Saison
+praesidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer
+ueber dort muessige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen
+der englischen Baeder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise
+behalten wir uns vor ausfuehrlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung
+von Bath, dieser Koenigin aller englischen Badeorte, kommen.
+
+Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham fuehrt, wird
+fuer eine der schoensten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr
+in diesem Lande die grosse Seltenheit gerader, von hohen Baeumen eingefasster
+Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier
+von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuss
+lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas
+schwerfaelligen Tempel eingeschlossen, daneben ein huebscher Saal
+zum Gebrauch der Brunnengaeste bei schlechtem Wetter, und in diesem
+ein Buch zu Subskriptionen fuer die Erhaltung der Promenade, des Saals usw.
+Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen
+und Stand; im Unterlassungsfall wird er fuer einen Nobody angesehen
+und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade
+befindet sich noch eine gewoehnliche englische Gartenanlage;
+ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegaeste bestimmtes Gebaeude
+schliesst hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet
+der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue.
+
+Es ist ein huebscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr,
+der gewoehnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den
+ehrwuerdigen Baeumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz,
+welcher die Englaenderinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt,
+und hier, in diesem gruenen Daemmerlichte, zeigen sich die weiss gekleideten,
+nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar haelt
+diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Englaender
+sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schoenste in der Welt.
+Waehrend man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr
+charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande
+Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und laesst laut
+ihr God save the King und Rule Britannia erschallen.
+
+Eine wunderliche Einrichtung ist's, dass man nicht anders als
+ueber den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar
+ganz artig, mit huebschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen
+besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken
+Ideen erwecken, die deren Heilkraefte schwaechen koennten.
+
+Das Wasser von Cheltenham wird hauptsaechlich gegen Hautschaeden, Skorbut
+und aehnliche Uebel gebraucht. Koenig Georg der Dritte brachte durch
+einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses
+sehr uebel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten,
+vielleicht angeborenen Hautuebel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag
+verging, aber der gute Georg geriet darueber in den traurigen
+Gemuetszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fussnote: Georg III.
+regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas
+Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter
+Anfaellen von Geistesgestoertheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen
+Daemmerzustand, der nach einem voelligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft
+des Prinzen von Wales erforderlich machte.]
+
+Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief;
+ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe
+zu Wagen und zu Ross.
+
+Dort war alles in geschaeftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock
+angezogen, huebsche Maedchen in weissen Kleidern und gelben Nankingschuhen
+liegen ueberall munter und froehlich umher. Eine Bande Seiltaenzer
+und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier fuer den Abend
+Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch
+fuer die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles
+im Staedtchen Tewkesbury fuer Laerm machen musste, und wie die jungen,
+dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim blossen Herrlichkeit
+ungewohnten Herzen schon beim blossen Gedanken daran rascher schlugen.
+Und noch dazu alle die glaenzenden Herren und Damen aus Cheltenham,
+die Equipagen, schoenen Pferde, Bedienten und der uebrige Tross,
+es war zum Entzuecken! Gluecklich, wer wie wir beizeiten fuer Wohnung
+und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in
+dem Gewuehle schwerlich ein Unterkommen zu finden.
+
+Um zwoelf Uhr zog alles, Mann und Ross und Wagen, hinaus zum Rennplatze.
+Eine grosse schoene Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise
+zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schliessen
+rings die Aussicht. Das an sich schon recht huebsche Lokal, belebt von
+mehreren tausend froehlichen Menschen jedes Standes, gewaehrte
+ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltaenzer hatten die mit
+unzaehligen Faehnchen recht bunt verzierten Gerueste, auf welchen sie
+den Abend ihre Kuenste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet;
+dieses, die tuerkische Musik, welche ertoente, um die Neugierde
+des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Taenzertracht,
+in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf
+ihren Geruesten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter
+und lebendiger.
+
+Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten
+bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermuedet teilten
+sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese
+Ankuendigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon
+zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler
+durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu
+verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen,
+mit Ernst und Eifer in ihren Zuegen, das froehliche Treiben der uebrigen
+veraechtlich anzublicken.
+
+Endlich toente die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren
+einige beruehmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser
+als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, dass wir,
+wie der groesste Teil der uebrigen Gesellschaft, nach Tische wieder
+zum zweiten Rennen fuhren.
+
+Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende
+eines froehlichen Tages zu langweilen, liessen wir Ball und Assembleen,
+Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar
+die Entscheidung des grossen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine
+Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide
+zugleich angekommen waeren. Wir wuenschten den guten Einwohnern
+von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als
+vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnuegen fuer
+den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden
+sie erwarteten, bewunderten noch die schoene gotische Kirche,
+eine der groessten und schoensten im Reiche, und fuhren froehlichen
+Muts nach Gloucester.
+
+Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend,
+mit huebschen Haeusern und breiten Strassen. Uebrigens enthielt sie,
+so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere naehere Aufmerksamkeit
+auf sich zog.
+
+
+
+Bristol
+
+
+Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten
+und der Charakter der Gegend voellig von dem des uebrigen England
+verschieden. Sie ist mannigfaltiger, suedlicher. Gruen ist nicht mehr
+so ganz die praedominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich
+auch hier in hoechster Pracht darstellt. Schoenere, groessere Baeume
+als irgendwo, in gedraengten Gruppen, viele grosse Pflanzungen
+von Obstbaeumen, mit Mauern statt der gewoehnlichen Hecken eingefasst,
+zeichnen sie vor allen anderen in Grossbritannien aus.
+
+Hier glueht der Goldpepping [Fussnote: Goldreinette, Apfelsorte],
+der Stolz Englands, zwischen dem hellgruenen Laube und seufzt im
+Herbst unter der Presse, um spaeter als Cider [Fussnote: Apfelwein,
+Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren franzoesischen
+und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier
+reift die Birne auf hohen stattlichen Baeumen und liefert den Perry
+[Fussnote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden
+Champagners von den Weinhaendlern teuer verkauft wird.
+
+Der schoene Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe
+schweben auf seiner silbernen Flaeche. Nahe bei Bristol wird er
+tief genug, um selbst grosse Schiffe von vierzig bis fuenfzig Kanonen
+zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten
+Gegenden, faellt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen,
+der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig
+die schoensten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer,
+der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in hoechstem
+Reichtume, den weiser Fleiss und ein vortrefflicher Boden nur
+gewaehren koennen.
+
+Die Stadt schien uns groesser als Edinburgh. Strassen und Plaetze
+sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit
+schoenen Privathaeusern sowohl als oeffentlichen Gebaeuden und Kirchen,
+unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe
+als ehrwuerdige gotische Gebaeude sich auszeichnen. Das Theater
+ist gross, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite
+mit korinthischen Saeulen verzierte Gebaeude, in welchem unter
+der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Baelle
+waehrend der hiesigen Badezeit statt haben.
+
+Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Koenigin der Staedte
+thront es ebenfalls auf sieben Huegeln, und einige davon gewaehren
+von ihren Gipfeln eine sehr schoene Aussicht in das Land ringsumher.
+Die Strassen, die hinauffuehren, sind aber groesstenteils sehr steil.
+Ausser dem schiffbaren Avon stroemt auch noch ein kleinerer Fluss,
+der Frome, durch die Stadt; huebsche steinerne Bruecken fuehren
+ueber beide Gewaesser. Der Quai am Hafen ist praechtig, ein Meisterwerk
+seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick;
+denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste
+Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausruestete, der Bristols
+Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen
+kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es
+uns unmoeglich, heiteren Mutes die schoenen Docks zu bewundern,
+welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden
+der Welt sicher und bequem beherbergen.
+
+Eine der schoensten Partien um Bristol gewaehrt King's Weston,
+der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist
+gross und stattlich, wenn auch etwas schwerfaellig und mit
+Verzierungen ueberladen; wir mochten uns aber mit naeherer
+Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schoenen Anlagen
+durchliefen wir nur fluechtig, so maechtig zieht hier
+die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst
+zu schmuecken versuchte. King's Weston liegt auf einer betraechtlichen
+Anhoehe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von
+einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet
+mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England
+zu einem der schoensten Laender Europas machen, und liebliche Huegel,
+mit aller Pracht der ueppigsten Vegetation geschmueckt,
+scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der uebrigen Welt.
+Von der anderen Seite der Anhoehe von King's Weston sieht man
+den hier maechtigen Avon sich majestaetisch hinwinden durch
+ein jenem Tale aehnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden
+der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken,
+schweben auf seiner silberblinkenden Flaeche. Lange verfolgt hier
+der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer maechtiger,
+immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten
+immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen,
+wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht
+und zugleich den Lauf des schoenen Stroms begrenzt, indem es
+ihn in seinen Schoss aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt.
+Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren;
+endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwuerdigen Baeumen
+besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch hoeheren Huegel,
+Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe
+Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und
+noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzueckender.
+
+Ein sehr angenehmer Weg fuehrt von da nach Clifton. Man nennt Clifton
+ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir moechten sagen, aus Palaesten
+bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf
+der sonnigen Seite eines Huegels. Die schoenen grossen Haeuser
+stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes,
+teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden
+auch breite Strassen und schoene, regelmaessige Plaetze. Alles
+dieses ist durch Gaerten, Felder, steile, wilde Felsen und
+sanfte Anhoehen auf das Reizendste vermannigfaltigt.
+
+Einige dieser Gebaeude werden fuer immer oder auch nur den Sommer
+hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der groessere Teil
+derselben ist zum Gebrauche der Badegaeste eingerichtet, deren
+jaehrlich eine grosse Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und
+Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit
+entfernt von Clifton fliesst. Leider oft vergebens; denn
+diese Quelle wird gewoehnlich als letztes Mittel gegen
+das traurigste aller Uebel, die unser kurzes Leben bedrohen,
+gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt.
+
+Nirgends haeufiger als in England wueten diese Krankheiten,
+die fast immer die juengsten und liebenswuerdigsten Opfer sich erwaehlten,
+und sie verschoenen und verklaeren, indem sie sie zerstoeren.
+So blueht die vom Wurm gestochene Rose oft um so frueher und
+schoener auf. Es ist ein herzzerreissender Anblick, die jungen,
+aetherischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt,
+in diesen elysischen Gegenden ueber den gruenen Rasen hinwanken
+zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhestaette
+ihrer Vorgaengerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen
+von zwanzig und fuenfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen
+Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind.
+
+
+
+Hotwells
+
+
+Ein sehr steiler Weg fuehrt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle
+fliesst und ebenfalls viele schoene Wohnungen fuer Badegaeste erbaut sind.
+Nahe am Ufer des Avon rauscht sie maechtig hervor, aus einem der
+Felsen, die in majestaetischen Reihen sich von beiden Seiten laengs
+dem Bette des Stroms hinziehen. Ein huebsches Gebaeude ist ueber
+der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden
+zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt
+das Brunnenzimmer. Ein artiges Maedchen personifiziert hier die Hebe
+und schenkt das gar nicht uebel schmeckende, wie Champagner
+petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschoepft wird,
+sieht es etwas truebe und weisslich aus, wird aber ganz klar,
+sowie es sich abkuehlt.
+
+Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien,
+Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier
+zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche
+in den Ritzen und Spalten der den Avon umschliessenden Felsen gefunden
+werden und sowohl an Glanz als Haerte den wirklichen Diamanten sehr
+aehnlich sind.
+
+Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschraenkt,
+aber von ernster Schoenheit; wild und hoch streckend die dunkelroten
+Marmorfelsen von St. Vincent ihr majestaetisches Haupt hinauf in
+die blaue Luft. Der Avon draengt sich brausend durch das ihn einengende
+Felsenbette; ihm gegenueber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen,
+starren andere, ganz aehnliche Gebirge; es ist, als haette der dunkle Strom
+hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben,
+maechtig seine Grundfeste erschuetternd, ihn zersplittert. Verfolgt man
+mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit
+zwischen diesen Kolossen hinwinden muss, so erblickt man am fernen Horizont
+die schoenen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete,
+aber hoechst romantische Aussicht schliessen.
+
+Hinter dem Brunnenhause dient eine schoene, mit Baeumen besetzte Terrasse
+am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen;
+kein Brunnenort hat wohl eine aehnliche Promenade aufzuweisen.
+Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gaeste unter einer in Form
+eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite
+von einer Reihe eleganter Laeden begrenzt wird.
+
+In Hinsicht der schoenen Gebaeude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung
+von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schoenen Reihen
+und Strassen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten
+auf See und Fluss, Berg und Tal; es ist unmoeglich, mit der Feder
+auszudruecken, wie ueberschwaenglich reich sich hier die Natur bewies.
+Aber auch fuer andere Vergnuegungen ist gesorgt. In zwei schoenen,
+zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebaeuden werden jeden
+Montag und Donnerstag Dejeuners dansants auf Subskription gegeben.
+Dienstags ist regelmaessig Ball, an den uebrigen Tagen fuellen Assembleen
+und Promenaden die muessige Zeit aus.
+
+Wie in den uebrigen groesseren Baedern praesidiert auch in Hotwells
+ein Zeremonienmeister; seine Gesetze haengen in den Saelen an der Wand
+angeschlagen und werden puenktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht
+auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der uebrigen Etikette,
+besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung
+von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten;
+wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunaechst
+folgenden Abschnitt.
+
+Ausser den allen Baedern gemeinen Vergnuegungen, welche regelmaessige
+Promenaden, Assembleen, Baelle, Lesebibliotheken und dergleichen gewaehren,
+erfreuen sich die gluecklichen Bristoler Brunnengaeste noch viel
+mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher
+durchstreifen; denn ausser King's Weston gibt es noch in ganz maessiger
+Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs
+wert waeren.
+
+Leider waltete ueber uns das gewoehnliche Schicksal der Reisenden,
+wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen,
+vielleicht Monate lang hier verweilt, muss sich manchen hohen Genuss
+verschaffen koennen, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten,
+auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt
+die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann
+widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet.
+
+
+
+Bath
+
+
+Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang.
+Im unaufhoerlichen Wechsel der reizendsten Aussichten faehrt man,
+wie in einem Garten, auf den schoensten, ebenen Wegen, durch ein Land
+von mannigfaltiger hoher Schoenheit.
+
+Die Jahreszeit war die guenstigste, um alles dies zu geniessen,
+aber nicht um das eigentuemliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt
+von den meisten anderen unterscheidet. Frueher hatten wir im Winter
+Gelegenheit dazu, und was wir waehrend unseres ersten und zweiten
+Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz,
+um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollstaendigere Ansicht
+dieses merkwuerdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen
+von dem Leben der Englaender in Badeorten, weil es uns zur Verstaendlichkeit
+des Ganzen unentbehrlich duenkt.
+
+Etikette ist in England ueberall an der Tagesordnung. Dem Briten
+geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnuerbrust, wenn sie sich
+von Jugend auf daran gewoehnt haben. Sie fuehlen sich unbehaglich,
+wenn der gewohnte Zwang aufhoert, und wissen ohne ihn nicht zu leben.
+Schon mit dem haeuslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt;
+in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander
+verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Baedern
+fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt
+und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewoehnlichen verschiedenen
+Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein,
+wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermassen unterscheidet.
+Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm
+neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist
+in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath
+gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt fuer alles,
+er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem hoeflich entgegen.
+Bei den Baellen und ueberall haelt er auf strenge Beobachtung der von
+der ganzen Gesellschaft fuer gueltig anerkannten Gesetze, in allem,
+was die Ordnung der dem Vergnuegen gewidmeten Stunden, der Kleidung,
+des Ranges und tausend anderer Zufaelligkeiten betrifft. Diese Gesetze
+sind in den Assemblee- und Ballsaelen angeschlagen, damit er sich
+gleich darauf berufen koenne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich
+bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, fuer sich selbst zu sorgen,
+und er verschafft ihnen Mittaenzer, Partners, fuer den ganzen Ballabend.
+Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen
+zu schlichten. Unermuedet muss er fuer Anstand und Sitte wachen.
+
+Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister
+zu sein. Maenner, die sich und ihr Vermoegen im grossen Strudel der Welt
+verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche
+nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton
+und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich
+am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder
+der freiwilligen Resignation ihres Vorgaengers durch die Stimmenmehrheit
+der anwesenden Brunnengaeste. Das Leben, das sie fuehren, ist sehr
+ermuedend, ihr Lohn dafuer Achtung im Aeusseren, der Ertrag einiger Baelle,
+die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste
+ein anstaendiges Geschenk. Dass sie ueberall freien Zutritt haben,
+versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an
+einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung
+ihres Amtes.
+
+Eine entfernte Aehnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern
+haben die Brunnenaerzte in einigen der kleinen deutschen Baeder,
+wo sie auf Promenaden und an den oeffentlichen Tischen Gesunde und Kranke
+umflattern, alles anordnen, alles wissen, ueberall sind und nirgends.
+Die eigentlichen Brunnenaerzte fehlen in England gaenzlich; man haelt sich
+an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes,
+und nur in ungewoehnlichen Faellen zieht man einen aus dem Orte oder
+der Nachbarschaft zu Rate.
+
+Auch oeffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet,
+und man hat nicht wie in Deutschland schon vom fruehen Morgen
+den empoerenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hyaenen und ihrer
+sinnlosen Beute zu ertragen.
+
+Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte haeuslich und komfortabel
+eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist,
+hat man Karten an die Badegaeste geschickt, die man schon kennt
+oder deren Bekanntschaft man zu machen wuenscht, so bleibt nun weiter
+nichts uebrig, als sich ueberall zu abonnieren, um ueberall Eintritt
+zu haben. Zuerst in die Assemblee-Saele, dann zu den an festgesetzten Tagen
+statthabenden Baellen, dann zu den Konzerten, die in den groesseren Baedern
+auch regelmaessig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den
+verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher
+Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller,
+welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig
+zu werden wissen.
+
+Ist frueh das Wasser getrunken, welches gewoehnlich waehrend der Promenade
+in einem der Brunnensaele geschieht, hat man gebadet, en famille
+gefruehstueckt (oeffentliche Fruehstuecke sind selten), was faengt man
+dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische
+beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen
+Visiten, die Revue der Putzlaeden sind bald abgetan. Welche eine
+Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken!
+Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein
+paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen
+wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen,
+Journale, Broschueren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder
+dort durchblaettert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht
+genug. Ausser den geistigen Schaetzen findet man in diesen Laeden
+noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen
+Kleinigkeiten aus koestlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt
+unentbehrlich duenken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen
+dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug
+oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe
+fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere
+lotteriemaessig verspielt und gewaehrt so diesen Anstalten ein
+neues Interesse.
+
+Zu Mittag speist man etwas frueher als in London, weil die
+Abendvergnuegungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt
+fuer sich zu Hause ihre Oekonomie selbst oder laesst sie ausser dem Hause
+besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe.
+Hin und wieder gibt's auch Haeuser, wo die Gesellschaft, die im Hause
+wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist;
+doch entschliessen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist
+nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish.
+Oeffentliche Tische lieben die Englaender nicht; nur in kleinen Baedern,
+wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermoegen und Vergnuegungen beschraenkter,
+mehr zusammenhalten muss, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern
+teil daran.
+
+Nach Tische wird in den groesseren Baedern die dritte Toilette gemacht.
+In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung.
+Abendessen sind nicht gebraeuchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe,
+einige privilegierte Nachtschwaermer vielleicht ausgenommen.
+
+Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland:
+man weiss jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des
+zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont
+oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein fuerchterlicher Tag. Spiel,
+Tanz, Musik, alles ist hoch verpoent alle Laeden, alle Leihbibliotheken
+sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade
+im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt
+sehr einfoermig, die Auslaender, die merkwuerdigen Menschen fremder
+Nationen, die unseren Baedern oft ein so hohes Interesse geben,
+fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur
+Landeseinwohner. Ein Irlaender oder Schotte heisst sogar schon ein Fremder.
+
+In England muss nun einmal alles im Leben dem gewoehnlichen Laufe
+der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter
+zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht
+zum Tage, und um diese allgemeine Veraenderung aller Zeiten recht
+vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den
+Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort
+von Badegaesten, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten
+bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht
+bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam
+zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden
+an Kruecken und auf Podagristenwaegelchen die belebenden Strahlen
+der Sonne aufsuchen.
+
+Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer
+traurig verhallen. Viele fuehrt das Vergnuegen, einige auch wohl
+eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der groesste Teil
+der Badegaeste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken.
+Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und
+jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerruetteten
+Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschraenkten Mitteln den Freuden
+der grossen Welt nicht zu entsagen versteht, der fluechtet hierher,
+wo er sie alle findet; freilich in etwas verjuengtem Massstabe
+wie in London gehalten, aber dafuer auch unendlich wohlfeiler.
+Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger
+als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen muss.
+Schon in dem Umstande, dass die bergige Lage von Bath Pferde und
+Wagen entbehrlich, ja ganz ueberfluessig macht, liegt ein sehr
+bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern
+ist man gewoehnlich wieder zu Kraeften gekommen und kann sich von neuem
+auf einer groesseren Laufbahn versuchen.
+
+Da die Gesellschaft hier groesstenteils aus Mitgliedern der muessigen
+und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert
+und vornehm frivol als moeglich. An Gluecksrittern fehlt es dabei nicht;
+diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen.
+Vaeter und Vormuender reicher Erbinnen, welche diese bisweilen
+hierher fuehren, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem groesseren
+Theater vorzubereiten, muessen sich freilich in acht nehmen. Von Bath
+aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green
+vorbereitet oder gar angetreten.
+
+Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von betraechtlichen
+Anhoehen, die sich nur oeffnen, um dem schoenen Strom eben den Durchweg
+zu gewaehren. Langsam und majestaetisch windet er sich, bis zu dem
+zwoelf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und
+Stadt, erhebt die Schoenheit der Gegend und gewaehrt durch die leichte
+Kommunikation mit jenem grossen Seehafen betraechtliche Vorteile.
+Von wunderbar einziger Schoenheit ist der Anblick der Stadt. Bald
+ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die naechsten Anhoehen,
+hoeher und immer hoeher tuermte sie Palaeste ueber Palaeste, wetteifernd
+untereinander an Schoenheit und allem Schmucke der neueren Architektur.
+
+Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schoepfungen
+liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Fussnote:
+Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle
+und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher
+Koenig Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll.
+Ernst steht sie da, in alter Majestaet; ihre gotischen Tuerme streben
+wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus,
+waehrend die bunte neue Welt um sie her die Huegel erklettert und
+sich gross duenkt.
+
+Die Haeuser sind alle von schoenen Quadersteinen erbaut, die man
+ganz in der Naehe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als waere
+es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Haeuser,
+mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Haeusern bestehend,
+die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert,
+das Ansehen eines einzigen Prachtgebaeudes haben, stehen zerstreut,
+wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr
+betraechtlicher Hoehe.
+
+Regelmaessig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,,
+aber doch unbeschreiblich huebsch anzusehen; ausgezeichnet schoen
+der grosse Platz, Queen's Square genannt, mit seinen praechtigen,
+vielleicht ein wenig mit Zierart ueberladenen Haeusern, aus deren
+Fenstern man sich einer schoenen Aussicht erfreut. In der Mitte
+dieses Platzes umschliessen eiserne Gelaender einen artigen Garten,
+dessen sich die Bewohner der umliegenden Haeuser zum Spazieren
+bedienen koennen; schade, dass ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt.
+
+Von Queen's Square geht es sehr steil in die Hoehe durch Gay Street
+zum Royal Circus, einem grossen runden Platze. Die ihn umgebenden
+Haeuser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen
+moeglichen Saeulen aller moeglichen Ordnungen verziert oder verunziert.
+Hinter ihm, noch viel hoeher, liegt der Royal Crescent; er besteht
+aus dreissig sehr schoenen Haeusern, die das Ansehen eines einzigen
+haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil
+erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Saeulen. Vor ihnen hin
+breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und laeuft hinab
+gegen die Ufer des Avon. Eine diesem aehnliche Reihe Haeuser,
+Marlboroughsgebaeude genannt, liegt ganz in der Naehe. Der hoechste
+bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls
+eine schoene, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Haeuser.
+Sie liegen, gleichsam die Krone der schoenen Stadt, in schwindelnder
+Hoehe.
+
+Noch mehrere oder gar alle diesen aehnliche Plaetze und Strassen
+zu nennen, wuerde ermuedend werden, und vielleicht reicht
+das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben,
+was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr,
+ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche
+Pflaster, die grosse Reinlichkeit der Strassen und nachts
+die wunderschoene Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr,
+und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise ueber alles,
+was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengaeste beizutragen vermag.
+
+Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere
+der schoensten Strassen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz
+mit grossen Quadersteinen gepflastert und gar nicht fuer Equipagen
+eingerichtet. Zu den Assembleesaelen, zu beiden Promenaden,
+die Nord- und Suedparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen
+gelangen. Doch befuerchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermueden:
+eine Anzahl von Portechaisen [Fussnote: Tragstuehle] steht ueberall
+bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und
+transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den
+hoechsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht
+der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und
+einer ziemlich maessigen Taxe unterworfen, die sie nicht ueberschreiten
+duerfen.
+
+Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schoenen
+Gebaeude werden ganz oder teilweise an Badegaeste vermietet.
+Der festgesetzte Preis eines moeblierten Zimmers waehrend der Badezeit
+betraegt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet
+die Haelfte. Unangenehm ist es, dass man immer die ganze Reihe Zimmer
+mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen muss, waehrend man
+kaum die Haelfte davon braucht. Es gibt zwar Haeuser, welche zugleich
+ihre Gaeste in die Kost nehmen, und in diesen ist man gefaelliger
+und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich muss man auch dort
+weniger Ansprueche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man
+ausser der Wohnung noch noetig hat, ist ebenfalls zu vermieten:
+Moebel aller Art, Betten, Porzellan, Kuechengeschirr, Hausgeraete
+und Gemaelde, Glaeser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwaesche,
+alles wie man es verlangt, auf das Praechtigste oder zierlich
+einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein grosses Haus
+mit allem Noetigen und Ueberfluessigen versehen werden. Ueberall
+findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen,
+ueberall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und
+der Bequemlichkeitsliebe hinter grossen Glasfenstern in schoenen
+Laeden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt.
+
+Das Wasser ist sehr heiss. Drei Stunden muss es stehen, ehe man sich
+hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet.
+Der heissen Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad
+beim Trinken von der schwaechsten zur staerkeren allmaehlich ueber.
+Die Aerzte empfehlen dabei die groesste Vorsicht. Das Wasser ist klar
+und schmeckt nicht unangenehm; Nervenuebel, Laehmungen, Podagra
+und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptsaechlich
+angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs
+und zehn Uhr, und dann wieder einige Glaeser gegen Mittag. Gewoehnlich
+trinkt man in dem zur Quelle gehoerigen Brunnensaale.
+
+In der ersten Haelfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath
+der ekelhafte Brauch, in grossen gemeinschaftlichen Baedern
+in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden.
+Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser
+hervorragenden Koepfe auf das Modernste und Vorteilhafteste;
+Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten
+mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu
+vertreiben. Diese grossen Baeder existieren noch, vier an der Zahl,
+aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene
+Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Baeder, das Koenigsbad genannt,
+liegt dicht hinter dem grossen Brunnensaale; eine Reihe dorischer
+Saeulen umgibt es; es ist fuenfundsechzig Fuss lang und vierzig breit,
+das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad
+Fahrenheit heiss. Neben diesem Bade liegt der Koenigin Bad,
+es enthaelt nur fuenfundzwanzig Fuss im Geviert und ist etwas weniger
+warm. Das Kreuzbad fuehrt diesen Namen von einem Kreuze, welches
+ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal.
+Mit dieser Quelle, als der schwaechsten, faengt man gewoehnlich an
+zu trinken. Das heisse Bad hat einhundertsiebzehn Grad Waerme.
+Privatbaeder, Dampfbaeder und aehnliche Anstalten sind damit
+in dem naemlichen Gebaeude vereint. Diese Quelle, als die staerkste,
+wird selten getrunken, der dazugehoerige Brunnensaal ist dumpf
+und duester.
+
+Die erste Entdeckung der heissen Quellen von Bath verliert sich
+ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und
+bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt
+der heissen Baeder, nannten. Spaeter gaben ihr die Roemer verschiedene
+andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen
+nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen.
+Im Sommer moechte sie noch so heissen; wenn aber jetzt einer
+jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit
+ploetzlich in einen ihrer Ballsaele versetzt wuerde, er gaebe ihr gewiss
+dann einen schoeneren Namen.
+
+
+
+Salisbury und Stonehenge
+
+
+Wir fuhren nun ueber eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut
+spross kuemmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand,
+auf dem das Auge nur Momente haften koennte; die Lueneburger Heide
+ist ein Paradies dagegen.
+
+Es war die beruechtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns
+jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, besaet mit uralten Graebern
+laengst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen.
+Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese grossen,
+abgerundeten Huegel nur wenig ueber die graue, duestere Flaeche,
+und bloss an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst
+umgebenden Grabens. Der blaue Himmel woelbt sich lautlos darueber hin,
+kein Vogel singt in dieser Einoede, denn nirgends steht ein Strauch,
+auf dem er sich niederlassen koennte.
+
+Wir rollten schnell vorwaerts und merkten doch kaum, dass wir
+weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle,
+die wir verliessen, glich ganz genau der, auf welcher wir am naechsten
+Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen
+wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt
+erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise;
+wir kamen naeher und naeher, noch immer wussten wir nicht, was wir sahen;
+jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Fussnote:
+das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung
+und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden;
+sicher ist nur, dass die Steine, man schaetzt die Anlage auf 4000 Jahre,
+in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.],
+dem aeltesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa.
+
+Unfoermige, riesengrosse Steine, sichtbar von Menschenhaenden aufgestellt,
+erheben sich in ungeheuren Massen auf einer maessigen, nur ganz allmaehlich
+emporsteigenden Anhoehe. Hohen Saeulen gleich, stehen sie in einem
+der grossen tempelaehnlichen Kreise, immer zwei und zwei naeher aneinander,
+welche dann ein grosser, aehnlicher Stein, wie ein Querbalken
+oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige
+der Saeulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch
+bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den
+umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren;
+denn an jeder der Saeulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen,
+freilich sehr roh und in ungeheuren Verhaeltnissen, und die quer darauf
+liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden,
+welche genau auf jene Knoepfe passen. So bildete und verband sie
+die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um
+Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Saeulen tragen Spuren des Meissels,
+sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh
+behauen, an Hoehe und Staerke einander nicht gleich, aber alle
+von erstaunenswuerdiger Groesse und Schwere.
+
+Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur
+ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden.
+Jetzt haelt man dies wunderbare Gebaeude fuer die Ueberreste eines alten
+Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohltaetige Sonne.
+Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer
+gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle
+ihrer verblendeten Brueder.
+
+Mitten in dem grossen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man
+Ueberbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen
+gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt
+ein grosser, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung
+war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein
+ist von einem der ungeheuren herabgestuerzten Quersteine des aeusseren
+Kreises in drei Stuecke zerschmettert. Seitwaerts, ausser dem Kreise,
+liegt ein zweiter, dem Altarsteine aehnlicher Stein von ungeheurer Groesse.
+
+Ungefaehr dreissig Schritte vom grossen Kreise stehen noch ein paar
+der saeulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreissig Schritte
+voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch groesseren
+Kreis, der jenen engeren einschloss, eine Art Vorhalle des heiligen
+Tempels; denn gewiss ist das gigantische Werk, das wir anstaunten,
+nur ein kleiner Ueberrest von dem, was es Ungeheures war in
+seiner Vollendung.
+
+Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast
+uebermenschlichen Kraefte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast
+ebenso unbegreiflich, wie sie zerstoert wurden. Vielleicht stuerzte
+ein Erdbeben sie um, es oeffnete sich die Erde und begrub zum Teil
+wieder in ihrem Schosse die ihr entrissenen Felsstuecke, welche
+sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind,
+ohne dass es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche
+fortgefuehrt. Welch ungeheure Kraft waere auch erforderlich gewesen
+zum Transport dieser Riesenmassen!
+
+Was das Wunderbare noch mehr erhoeht, die Steine bestehen aus
+einer Art Granit, wie er mehr als dreissig englische Meilen in der Runde
+nicht anzutreffen ist. Wie war es moeglich, sie durch unwegsame Waelder,
+ueber Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn
+man sie sieht, man fuehlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks
+Glauben beizumessen, welche sie fuer das Werk einer frueheren Riesenwelt
+haelt, der maechtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick
+des Ganzen macht, laesst sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen
+ergriff uns in dieser oeden Wildnis beim Anschauen eines Werks,
+dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und
+das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt.
+Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu ueberlassen; denn oede und traurig
+ging unser Weg ueber die grosse Ebene hin, die sich immer gleich blieb,
+bis wir spaet abends die alte Stadt Winchester erreichten.
+
+Von Winchester aus hatten wir sehr boese Wege; denn durch unsere
+Kreuz- und Querzuege waren wir von der grossen, gebahnten Strasse abgekommen
+und mussten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder
+zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Huegel,
+ueber welche unser Wagen muehsam hinrasselte, zu Fuss hinab; reiche,
+weit ausgebreitete Aussichten entschaedigten uns zuweilen fuer unsere Muehe.
+
+Endlich erreichten wir das Staedtchen Chichester. Wir fanden
+den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein
+Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Maedchen
+besetzt, die Strasse voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern.
+Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison
+liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen
+aufmarschiert, dem Gasthofe gegenueber. In letzterem hatte niemand Zeit;
+Herr und Frau und Aufwaerter liefen mit den Koepfen gegeneinander.
+Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert
+[Fussnote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales,
+des nachmaligen Georgs IV. Nach dem koeniglichen Ehegesetz von 1772
+jedoch illegal, da der Koenig die Erlaubnis nicht gegeben hatte.
+Die Verbindung ueberdauerte auch die Eheschliessung des Prinzen mit
+Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas
+in die Brueche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es;
+sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet.
+Nach zwei Stunden erschien sie, liess, ohne auszusteigen oder sich
+umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die grosse Begebenheit
+war vorueber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich
+nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel.
+
+Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schloss; es wurde eben
+durch ein neues Hauptgebaeude und einen daran stossenden Fluegel ergaenzt
+und vergroessert; alles war voll Laerm, Staub und Unordnung, wie es
+gewoehnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses waere ueberall
+ehrwuerdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr geraeumigen
+Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebaeuden, verliert es unendlich.
+Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, dass das Schloss
+von Arundel weit groesser und betraechtlicher gewesen sein muesse als jetzt.
+Der noch uebrige Teil des Gebaeudes mit runden Tuermen und einem schoenen
+Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden
+Schoepfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert,
+unterm Schutze alter Baeume, waeren diese heiligen Ueberreste vergangener
+Groesse zu dem Schoensten zu rechnen, was England in dieser Art
+aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmaelern der Vorzeit ist.
+
+Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthoefen alles in Bewegung und
+Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontaers, von denen
+wir schon frueher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer
+ein grosses Bankett. Das Gebaeude bebte vom Jubel der Helden
+bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten
+des Regiments eine Musik, welche Tote haette erwecken koennen;
+die Aufwaerter hatten alle Haende voll Bouteillen und Korkzieher;
+die Pfropfen knallten, Waldhoerner und Trompeten schmetterten,
+die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschuettern,
+zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen
+und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel,
+es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir
+mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin;
+ein sanfter Wind kraeuselte kaum dessen vom Monde versilberte Flaeche,
+die Wellen spielten und fluesterten und blinkten geheimnisvoll
+und leise; so kamen wir gluecklich nach Brighton.
+
+
+
+Brighton
+
+
+Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest,
+ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag.
+In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerfaelligen Namen
+Brighthelmstone verloren und heisst viel eleganter und kuerzer Brighton.
+
+Waehrend der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt
+des damaligen Prinzen von Wales, spaeterhin des jetzt schon bei seinen
+Vaetern ruhenden Koenigs, Georgs des Vierten [Fussnote: geb. 1762,
+1811 Regent, nominell Koenig von 1820-50. Johanna brachte hier
+in seinem Todesjahr fuer die Herausgabe der "Saemtlichen Werke"
+ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfuenfzig
+englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise
+in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Naehe der Hauptstadt
+den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz
+unbedeutende Fischerstaedtchen zu erwaehlen.
+
+In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal
+eine wahre Ebbe und Flut unter den uebrigen Brunnengaesten. War er abwesend,
+so wurde alles oede und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurueck.
+Wie sehnsuechtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte,
+ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode
+nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich.
+Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend,
+dass dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermassen
+zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen
+und zu behaupten, die Leute im Orte wuerden ungewoehnlich alt. Und in der Tat
+ist das Klima hier sehr gemaessigt. Ein Amphitheater von leider ganz
+kahlen Bergen schuetzt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt,
+trocken und gesund, auf einer maessigen Anhoehe; Seeluefte mildern
+die zu grosse Hitze im Sommer.
+
+Die Stadt ist klein. Stattliche Haeuser aus der neuesten und unscheinbare
+Huetten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander
+gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes Aeussere.
+Man baut hier von Kieseln, die mit Moertel verbunden sind;
+nur die Einfassungen der Fenster und Tueren bestehen aus Ziegeln.
+Man ruehmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus,
+besonders da es in England gar nicht gebraeuchlich ist, den Haeuser
+von aussen einen Tuench zu geben.
+
+Ganze Reihen geraeumiger, bequemer Haeuser fuer Fremde, alle unter
+einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes.
+Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer huebschen
+Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden
+zum Spazierengehen, von einer Seite mit schoenen Haeusern besetzt,
+waehrend man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer
+sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Massstabe.
+
+Die Promenaden sind von der Natur wenig beguenstigt. Nackte Berge
+umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich
+grosse Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach,
+als dass grosse Schiffe in der Naehe vorbeisegeln koennten; daher gewaehrt
+es einen ziemlich einfoermigen Anblick, den nur Fischerboote etwas
+beleben.
+
+Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen
+sich hinziehende huebsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebaeuden
+bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhaeuser
+sind fast alle auf dem Steine angelegt.
+
+Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Fussnote: Royal Pavillon],
+liegt ebenfalls am Steine, ein huebsches, mit einer Kolonnade verziertes
+Gebaeude; da es nicht von bedeutender Groesse ist, erscheint es etwas
+niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr praechtig gewesen
+sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte
+Gaerten anzulegen, doch kommen Baeume und Straeucher hier auf keine Weise
+fort. Eine grosse pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche
+einen Sonnenzeiger traegt, nimmt sich wunderlich aus und spricht
+nicht sehr gut fuer den guten Geschmack der uebrigen Verzierungen.
+
+Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebaeude enthaelt die Baeder. Man findet
+dort deren kalte und warme, Schwitzbaeder, Schauerbaeder, kurz alles,
+was je erfunden ward, um die Uebel, die unser armes Leben bedrohen,
+fortzuspuelen. Zu allen diesen Baedern wird Seewasser genommen.
+Bademaschinen, wie in anderen Seebaedern, um damit sicher und ungesehen
+in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich
+weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen
+im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Plaetze, einer fuer Herren,
+der andere fuer die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden
+hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden,
+wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr.
+
+Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton
+besteht; sehr unangenehm aber ist es, dass auch die Fischer sich
+in diesen glaenzenden Kreis draengen, und gerade in der Gegend,
+wo man am haeufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten
+und die Luft verderben.
+
+Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten.
+Ihn umgeben schattige Baeume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden,
+obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken wuerde. Er enthaelt
+auch einen huebschen Salon mit einem Orchester.
+
+Die Versammlungssaele befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthoefen,
+der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird
+gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen
+darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch koennen hier
+auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben
+weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Saele
+beider Haeuser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und
+einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle
+artig und zweckmaessig verziert.
+
+Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege
+gelegenen Staedtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten,
+der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte.
+Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen
+und Atem zu schoepfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel
+der grossen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig
+an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, oeffentliche
+Fuhrwerke aller Art rollten unablaessig an unserer Wohnung vorueber.
+Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten,
+denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorueberreisenden.
+
+Die Landkutschen fuellten von innen und aussen Weiber und Maedchen,
+und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase
+ueber Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zuruestungen
+zu kuenftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur
+keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert
+als hier nach Brighton, wohin alles zog.
+
+
+
+
+RUeCKKUNFT NACH LONDON
+
+Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fussnote: zur Zeit Johannas
+zaehlte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir gluecklich
+anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer
+fuehlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte
+unterbrochenen Reise.
+
+Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden.
+Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Waenden hier wie ueberall
+heimisch; doch kaum setzt man den Fuss auf die Strasse, so ist man
+in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und haette man auch
+ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer
+Million Menschen, auf einem verhaeltnismaessig immer kleinen Punkte,
+reisst unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt.
+Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem grossen Strudel
+mit herumwirbeln liessen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen
+aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken.
+
+
+
+London
+
+Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man
+schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte.
+Keine der groessten Staedte Europas, nicht Wien, nicht Berlin,
+selbst nicht Paris kuendigt sich aus der Ferne so imposant an. Haeuser
+reihen sich an Haeuser, durch fast unbemerkbare Zwischenraeume in
+verschiedene Flecken, Staedtchen und Doerfer abgeteilt, alle scheinen
+zu einem Ganzen vereint, alle vergroessern ins Ungeheure die Stadt,
+welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhaeltnismaessiger Breite,
+anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr fuehren von allen Seiten
+schoene breite Heerstrassen, welche, auch ausser den Staedten und Flecken,
+mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges
+Gewuehl von Wagen und Reitern verkuendigt dem Fremden schon von ferne,
+dass er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich naehere.
+
+Von Shooter's Hill [Fussnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem
+Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage
+die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab,
+fruehstueckten in Rochester, und assen in Schooting-Hill zu Mittag.
+Man hat von hier eine praechtige Aussicht auf London und die umliegende
+Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten.
+Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig
+englische Meilen von London entfernten Anhoehe, erblickten wir
+zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend
+an den Ufern der koeniglichen, mit Schiffen bedeckten Themse.
+Hoch in die Luefte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben,
+weiter zurueck den schoenen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei,
+daneben noch die Tuerme von weit ueber hundert anderen Kirchen.
+Es war ein schoener, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen
+aufsteigende Steinkohlendampf liess uns die Gegenstaende wie durch
+einen Flor erblicken.
+
+Schnell rollten wir hin auf dem praechtigen Wege und glaubten,
+wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten.
+Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schoene Blackfriars Bruecke
+fuehrte uns hinueber, und nun erst waren wir in London. Betraeubt
+von dem Gewuehle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit
+von der Bruecke entlegene York Hotel, wo wir fuer's erste abstiegen,
+um spaeterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem
+Privathause zu waehlen. Fast alle Fremden, welche laengere Zeit
+in London zu verweilen gedenken, tun dies.
+
+Der Aufenthalt in den Londoner Gasthoefen ist unglaublich teuer,
+die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken,
+sonder auch wohnen koennen, ist verhaeltnismaessig klein zu nennen,
+und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet,
+als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten
+verlangen muss, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten
+vorkommt.
+
+Hingegen findet man mit leichter Muehe in allen Strassen vollkommen
+gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Kueche und Keller
+und allen sonstigen Erfordernissen versehen; groesser und kleiner,
+elegant und einfach moebliert, wie man es wuenscht, sogar ganze Haeuser
+mit Stallung und allem Zubehoer. Man braucht nur durch die Strassen
+des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wuenscht, ueberall
+erblickt man angeschlagene Zettel an den Haeusern, welche Wohnungen
+zur Miete ausbieten, so dass bloss die Wahl unter so vielen den Fremden
+in Verlegenheit setzen kann.
+
+Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande,
+angesehene Landhaendler oder Handwerker, Witwen von beschraenktem
+Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste,
+dem Fremden jede moegliche Bequemlichkeit zu verschaffen.
+Gewoehnlich uebernimmt es auch die Haushaelterin oder die Frau
+vom Hause, fuer Reinlichkeit der Zimmer und fuer die Kueche zu sorgen,
+so dass man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch
+in seinen vier Pfaehlen befindet.
+
+London in aller seiner Groesse, seiner Pracht und seiner Individualitaet
+ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen
+fuehlen; auch waere es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgaengern
+ein sehr ueberfluessiges. Nur das, was wir waehrend unseres Aufenthaltes
+einzeln sahen und aufzeichneten, koennen wir dem Leser hier geben,
+kleinere Zuege zu dem grossen Gemaelde liefern, welches andere
+vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch
+in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen.
+
+
+
+Ein Gang durch die Strassen in London
+
+
+[Fussnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt
+vor der Einfuehrung der Gasbeleuchtung um 1807.]
+
+Man erzaehlt von einem der unzaehligen kleinen vormaligen Souveraene
+des weiland Heiligen Roemischen Reichs: er habe, da er spaet abends
+in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren
+illuminiert. Waere er bei Tage durch die volkreichsten Strassen
+der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen,
+er haette ebenso leicht meinen koennen, ein allgemeiner gefaehrlicher
+Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung.
+
+Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff
+machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte
+des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fussgaenger auf den
+an beiden Seiten der Strassen hinlaufenden, etwas erhoehten Trottoirs.
+Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris
+koennen hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser
+zu Fuss als in London, sobald man sich in die Art und Weise
+der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewaehrt den Fremden,
+besonders den reisenden Damen, einen grossen Vorteil, um alles zu sehen
+und zu bemerken. Wenn man wie in anderen grossen Staedten immer
+in seinem Wagen festgebannt bleiben muss und keinen Schritt
+gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Haelfte kennen; auf den
+schoenen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich
+fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz guenstig waere.
+In den Hauptstrassen sind diese breit genug, um sechs, acht und
+mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen
+winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem,
+weil die Fusspfade dort auch schmaeler sein muessen. Fremde kommen
+indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen aehnlichen Stadtviertel,
+wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben
+und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden.
+
+Die praechtigen Laeden, die Ausstellungen aller Art trifft man
+groesstenteils in den breiten Strassen, welche gleichsam das Mittel
+halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren,
+nur geniessenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Englaender,
+immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen,
+erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stossen und Draengen.
+Den Damen und ueberhaupt den Respektspersonen laesst man immer die Seite
+nach den Haeusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen.
+Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie fuehrende
+Londoner, so oft man eine Strasse durchkreuzt hat, ihren Arm loslaesst
+und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald
+wird man von dem Nutzen dieser Nationalhoeflichkeit ueberzeugt.
+Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen
+her durcheinander draengen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht
+zu erhalten als auf den Fusspfaden. So breit die Fahrwege auch
+im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung,
+die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen,
+der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick
+gewaehrt; nur muss man dem Laermen gelassen aus dem Fenster zusehen koennen.
+
+Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen
+Plaetzen bereit, und dennoch ist's oft unmoeglich, einen zu finden,
+wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fuerchten vielleicht
+den Regen nicht so sehr als die Londoner; nass werden ist ihnen
+eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen,
+eilt alles, was keinen Regenschirm fuehrt, sich in einer Kutsche
+zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet
+selbst jene grosse Anzahl noch bei weitem nicht zulaenglich.
+
+Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anstaendig aus und wuerden
+in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren;
+nur das Stroh, womit der Fussboden belegt ist, macht sie unangenehm.
+Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt,
+dass sie taeglich ueber zwoelf Stunden auf dem Pflaster bleiben.
+Auch werden sie moeglichst gut verpflegt; sowie sie einen
+ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher
+einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer
+um, aus welchem sie sich guetlich tun. Die Polizei haelt strenge
+Aufsicht ueber die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher,
+der sich beigehen liesse, die festgesetzten, sehr billigen Preise
+zu ueberschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen
+die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder voruebergehende,
+der Sache kundige Englaender wird dann sein Richter und haelt streng
+auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht
+kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, waere man auch ganz
+allein, und truege man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich;
+wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer
+des Wagens so bemerkt, dass es der Kutscher gewahr wird.
+
+Von der Pracht der Laeden und Magazine ist schon vielleicht
+zum Ueberfluss viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden
+mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben.
+Die kostbaren glaenzenden Ausstellungen der Silberarbeiten,
+die schoenen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche
+mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter grossen
+Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer
+der Glasmagazine, alles blendet und reizt.
+
+Aber auch viel geringere Gegenstaende werden auf eine dem Auge
+gefaellige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengiesser
+zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern
+aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren
+ihre Laeden mit grossen glaesernen Vasen, angefuellt mit Spiritus
+oder Wassern in allen moeglichen schoenen und glaenzenden Farben;
+dazwischen prangen grosse kuenstliche Blumenstraeusse. Abends,
+wenn hinter allen diesen farbigen Glaesern Lampen brennen,
+schimmern diese Laeden wie Aladins Zaubergrotte.
+
+Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen grossen
+Obstlaeden, in welchen die Fruechte aller Jahreszeiten und Zonen, von der
+koeniglichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in
+zierlichen Koerben, mit Blumen und Orangerien geschmueckt, prangen. Die
+Kuchenlaeden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige
+kleine Toertchen, heiss von der Pfanne weg, zum Fruehstueck einzunehmen,
+praesentieren sich auch recht huebsch. Alles, was Kuchenbaecker und
+Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiss
+behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Likoere, Dragees von
+allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns
+wieder die Kupferstichlaeden, in welchen taeglich neue Gegenstaende
+dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, oefter Erguss satirischer Laune
+oder Portraets beruehmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer
+umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmoeglich,
+vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust
+festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhaendler gewaehren ebenfalls
+taeglich neuen Genuss. Bald sind es Neuigkeiten, bald schoene
+Prachtausgaben aelterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke,
+sogenannte Stationers, die mit allen moeglichen, zum Schreiben und
+Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen taeglich tausend neue Dinge,
+uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche,
+Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Laeden
+Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmaessigsten Mappe an
+bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern
+Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge
+blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schoenen Arbeiten dem
+Publikum vor's Auge; gewoehnlich sind's sehr aehnliche Portraets bekannter
+Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein
+eigenen wertes Ich so taeuschen vervielfacht zu sehen.
+
+Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhaelt, welche
+an den Haeusern mit vollkommen schoen gezogenen goldenen Buchstaben
+glaenzen. Welche Mengen Beduerfnisse, die der genuegsame Deutsche
+kaum kennt! Besonders faellt es auf, dass die koenigliche Familie
+so viele Kaufleute und Handwerker beschaeftigt. Aber jeder derselben,
+bei dem einmal zufaellig fuer ein Mitglied des koeniglichen Hauses
+gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal
+so gluecklich war, fuer einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht,
+sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu ruehmen und die Gunst
+des Augenblicks fuer dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name
+eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses
+am Strand mit dem praechtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty,
+the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestaet der Koenigin. Gewiss ein Titel,
+der noch auf keiner Hofliste gefunden ward!
+
+Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewuehl
+der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles
+auf bequemes, ruhiges Geniessen; kein rauschender Erwerb,
+kein Gedraenge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint
+einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen.
+
+Die Magazine und Laeden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus
+verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schoener, moderner,
+eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel
+seine Waren im Laden, huebsch aufgeputzt, und nimmt in seiner
+an denselben stossenden, reinlich moeblierten Stube das Mass,
+wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes,
+mit Diwan, koestlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmuecktes
+Boudoir zu diesem Zweck gefuehrt, und schwerlich wuerde der Artist
+einen Fuss beruehren, der nicht aus einer Equipage gestiegen waere.
+Dafuer kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem
+Massstabe geht alles.
+
+Nichts ist schoener als die grossen Plaetze in diesem Teile von London;
+zwar umgeben sie keine Palaeste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige,
+aber schoene grosse Haeuser, alles solid und praechtig. Dazu die
+huebschen Boskette in der Mitte der Plaetze, zu welchen jeder Bewohner
+der umliegenden Haeuser fuer eine Guinee einen Schluessel haben kann.
+
+Glaenzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren
+und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedraenge, ohne Laerm
+Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk
+kennen zu lernen, kehrt bald gern zurueck aus diesem vornehmen
+Quartiere, wo es wie ueberall in der grossen Welt zugeht,
+und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen
+Stadt London auf.
+
+
+
+Bettler
+
+
+Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Strassen wenig gewahr,
+dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltaetigkeit
+anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein,
+dem anderen ein Arm; aufeinander gestuetzt schwankten sie durch
+die Strassen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden,
+klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte
+ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede
+und belohnte es gern mit einigen Pence.
+
+An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Strasse zu gelangen,
+die Trottoirs verlassen und ueber den Fahrweg gehen muss,
+stehen immer Leute, die geschaeftig einen reinlichen Fusspfad kehren,
+der freilich alle Augenblicke durch darueber rollende Wagen wieder
+zerstoert wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage:
+ob man nicht einige einzelne Pfennige fuehre? Und auch ohne diese
+gibt man ihnen gern.
+
+An wenigen betretenen Plaetzen, besonders im ruhigen Teile
+der Stadt, sieht man oft Maenner, die mit Kreide auf den breiten
+Quadersteinen der Trottoirs wunderschoene kolossale Buchstaben
+malen, Namen, Sentenzen, Sprueche aus der Bibel. Der Voruebergehende
+steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert
+mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute,
+die eine so schoene Hand schreiben, so tief in Armut versinken koennen.
+Auf dem festen Lande muesste jeder dieser Bettler als Schreibmeister
+oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmoeglich,
+etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift.
+
+Besonders merkwuerdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir
+taeglich in den volkreichsten Strassen der City begegneten.
+Man hielt sie allgemein fuer eine durch verschuldete oder unverschuldete
+Ungluecksfaelle so tief gesunkene Schwester der beruehmten Schauspielerin
+Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dieser
+in ihren Zuegen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick
+und Miene, nur aelter, blass und wie versteinert durch lange Gewohnheit
+des Ungluecks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Haerte gegen
+ihre unglueckliche Schwester, denn alle, welche diese Frau
+fuer solche ausgaben, fuegten hinzu: sie naehme nichts von ihr an
+und wolle nun einmal bloss von fremdem Mitleid ihr Leben fristen.
+Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer
+einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging,
+dass man nicht dessen Zuege haette bemerken koennen; ein gruenwollenes Kleid,
+eine schneeweisse grosse Schuerze und ein ebensolches Halstuch.
+Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestuetzt auf zwei Kruecken,
+langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr
+mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit
+eines grossen, ungekannten Ungluecks. Sie forderte nicht, sie bat nicht,
+aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten,
+jeder fuehlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war,
+als muesse man ihr danken, dass sie die gebotenen Gabe nur nahm.
+Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Koenigin nahm sie
+das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst
+hat sich diese auffallende, grosse Gestalt, diesen weiblichen Belisar,
+moechten wir sagen, oft zum Vorbild gewaehlt. In allen Kupferstichmagazinen,
+bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend aehnliches Bild,
+denn diese Zuege drueckten sich leicht der Phantasie ein.
+
+
+
+Wohnungen in London
+
+
+Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London.
+Da der Eigentuemer eines Hauses sich hier grosser Vorzuege im buergerlichen
+Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus
+entsteht dann, dass London fast aus lauter kleinen Haeusern zusammengesetzt
+ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch fuer sich allein
+wohnen; dies verengt den Platz ungemein.
+
+In Paris, moechte man sagen, schweben vier Staedte uebereinander;
+in London macht jeder Anspruch auf sein Plaetzchen auf Gottes Erdboden,
+und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln
+sehr beschraenkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich
+bei der Kleinheit der Haeuser wenig Bequemlichkeit darbieten.
+An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewoehnlichen buergerlichen Haeusern
+nicht zu denken; selten, dass man zwei aneinanderstossende findet,
+selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthaelt
+gewoehnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Strasse, eines nach
+dem oft engen Hofraum zu. Ueberall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer.
+Die Kuechen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht,
+die Tueren alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustueren als
+die in den Zimmern. Jene sehen bei groesseren Gebaeuden oft nur wie
+eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Fluegeltueren.
+Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwaende zwischen denselben
+dagegen sehr breit. Die schoenen Teppiche aber, die selbst
+bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fussboeden der Zimmer,
+sondern auch Treppen und Vorplaetze von der Haustuere an bedecken,
+die zierlichen Moebel, das schoene Mahagoniholz mit seinem bescheidenen
+Glanze, die Reinlichkeit ueberall, geben diesen kleinen Wohnungen
+einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und
+ist es auch.
+
+Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen
+geschmueckt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer;
+schoene Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fussnote: Josiah Wedgwood
+(1730-95); Schoepfer der englischen Tonwarenindustrie. Beruehme
+Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims;
+der staehlerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel
+und alles Metallgeraet glaenzen hell poliert; Kupferstiche schmuecken
+die Waende, schoene Vorhaenge die Fenster. Nichts in der Welt ist
+gemuetlicher, als ein englisches Wohnzimmer.
+
+Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen.
+Die englischen Bettstellen sind alle sehr gross. Drei Personen
+faenden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein
+zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstaende das Bett
+miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes
+eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmaedchen mit sich
+zu Bette, denn die Englaenderinnen fuerchten sich nachts allein
+in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran
+gewoehnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten
+von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch,
+doch sind Matratzen gewoehnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie
+Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut.
+
+
+
+Lebensweise
+
+
+Der groesste, fleissigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker
+und Ladenhaendler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet),
+fuehrt im Ganzen ein trauriges Leben. Die grossen Abgaben, die Teuerung
+aller Beduerfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus
+in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind,
+zwingt sie zu einer grossen Frugalitaet, die in anderen Laendern
+fast Aermlichkeit heissen wuerde.
+
+Ewig in den Laden und an die daran stossende, oft ziemlich dunkle
+Hinterstube gebannt, muessen sie fast jedem Vergnuegen entsagen.
+Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum
+dass die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse
+zweimal im Jahre hinkommt.
+
+In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns,
+sie haetten seit zehn Jahren keine anderen Baeume als die von
+St. James Park gesehen. Die Woche ueber duerfen sie von morgens
+neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen;
+dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt
+dann in dem oben erwaehnten Hinterzimmer und fuehrt die Rechnungen.
+Sonntags sind freilich alle Laeden geschlossen, aber die Theater auch,
+und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen,
+auszugehen, so muss die Frau vom Hause es hueten.
+
+Der groessere, wirkliche Kaufmann fuehrt ein nicht viel troestlicheres
+Leben. Auch er muss in gesellschaftlichen und oeffentlichen Vergnuegungen
+weit hinter den reichen Kaufmannshaeusern von Hamburg oder Leipzig
+zurueckstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart.
+Die Frauen lieben mehr haeusliche Zurueckgezogenheit, sie sind
+an das rauschende Leben, an die vielen grossen Zirkel nicht gewoehnt.
+Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichfoermigkeit in ihrem Hause
+nicht derangieren. Die Maenner hingegen suchen nach vollbrachten Geschaeften
+die Freude gern auswaerts, in Kaffeehaeusern und Tavernen.
+
+Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den groessten Teil
+des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr
+zierlichen, groesseren und kleineren Landhaeusern, die sie Cottages,
+Huetten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen.
+Hier geniessen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft
+und erfreuen sich ganz gelassen und anstaendig, vielleicht etwas
+langweilig, des Lebens; waehrend das Haupt der Familie den Tag in London
+auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden
+auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt.
+
+Von der Lebensweise der Grossen und Vornehmen laesst sich nichts sagen:
+diese gehoeren in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich ueberall
+gleich, in Russland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland.
+Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel,
+auf's hoechste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie
+Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen
+so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht.
+Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich
+die Gelegenheit dazu kuenftig darbietet, im Voruebergehen das vielleicht
+Noetige erwaehnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin,
+die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muss
+man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande
+ist sie noch zu finden.
+
+
+
+Ein Tag in London
+
+
+Wer spaet zu Bette geht, steht spaet auf, das ist in der Regel;
+daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer
+als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird.
+Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anstaendig gekleidet,
+versammelt sich dann die Familie in dem zum Fruehstueck bestimmten
+Zimmer, die Herren in Stiefeln und Ueberroecken, die Damen
+unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiss verhuellt bis ans Kinn,
+mit zierlichen Haeubchen. Das Neglige ist der Triumph der Englaenderinnen;
+mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die hoechste Eleganz;
+der volle Anzug hingegen faellt of steif und ueberladen aus.
+
+Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches
+Familienfruehstueck, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus
+fuer die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlaengert
+sie gern. Auf dem hellpolierten, staehlernen Roste lodert die stille
+Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter
+feucht ist. Das elegante Teegeraete steht in zierlicher Ordnung
+auf dem schneeweiss bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene,
+in Wasser schwimmende Butter, das weisseste Brot von der Welt,
+Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte,
+Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heisse Rollen,
+eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts,
+Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen,
+langsam am Feuer roesten, duerfen nie fehlen; letztere stehen
+in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel
+braust und siedet gesellig daneben.
+
+Mit allem diesem waere aber dennoch das Fruehstueck ohne die neuesten
+Zeitungsblaetter sehr unvollstaendig, sie sind ein Hauptstueck dabei.
+Ein selten vermisstes Stueck des deutschen Fruehstuecks, die Tabakspfeife,
+ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt;
+dies schmutzige Vergnuegen wird der letzten Klasse des Volks ueberlassen;
+hoechst ergoetzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann
+oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen
+vier Pfaehlen daran.
+
+Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umstaendlicher,
+aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfaeltig
+mit heissem Wasser ausgewaermt, der Tee abgemessen, das heisse Wasser
+nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um fuer alle diese Muehe
+den gehoerigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee
+nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit
+einer feierlichen Ruhe, welche die Englaender gern ihren Mahlzeiten
+geben: denn sie moegen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen,
+ausser den des gegenwaertigen Genusses. Nur die Zeitungsblaetter
+machen beim Fruehstueck hiervon eine Ausnahme, und die Herren und
+Damen beschaeftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische
+Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und
+Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten,
+frohe und traurige, erbauliche und skandaloese, wahre, halbwahre
+und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen.
+Dass bei solchen Faellen das Gespraech seltener stockt, als sonst
+wohl geschieht, ist natuerlich.
+
+Nach dem Fruehstueck begeben sich die Maenner an ihr Geschaeft,
+ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel moeglich
+wird den Vormittag ueber alle Arbeit abgetan, und trotz des spaeten
+Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fuenf bis sechs Uhr
+zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht
+gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt.
+
+Viele Herren besuchen bald nach dem Fruehstueck ihr gewohntes Kaffeehaus,
+wo sie einen grossen Teil ihrer Geschaefte abtun, eine Menge Briefe
+aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer;
+dorthin verlegen sie auch gewoehnlich ihre Zusammenkuenfte
+mit Freunde, um ueber wichtige Dinge sich muendlich zu besprechen
+und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt
+auf ihrem erhoehten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt
+es mit puenktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persoenlich
+kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur naemlichen Stunde
+einzustellen.
+
+Diese Gewohnheit, sich taeglich an einem bestimmten Orte finden
+zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von grossem Nutzen;
+eine Menge unnuetzer Gaenge und viel sonst verlorene Zeit
+werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der haeusliche Friede
+dabei, denn naechst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs
+liegt einer Englaenderin nichts so sehr am Herzen, als die
+ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fussteppiche, und wie sehr
+ist fuer alles dies dadurch gesorgt, dass so manches ausser
+dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung
+oder doch wenigstens Unruhe erregen muesste!
+
+Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschaeft. Sie greifen zu
+den Morgenhueten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostuem,
+und selbst im Wagen wuerde es auffallend erscheinen, wenn sich
+eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen.
+Waere sie auch in siebenfache Schleier gehuellt, alles wuerde
+sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends
+wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuss ueber die Strasse
+zu gehen, sie waere ganz verloren; unbarmherzig wuerde sie der Poebel
+verfolgen, als haette sie die groesste Unanstaendigkeit begangen.
+
+Wohlversehen also mit grossen Hueten, mit Halstuechern, Shawls,
+wandern wir nun aus, denn die Mode will, dass man sich in den heissen
+Stunden des Tages am sorgfaeltigsten verhuellt. Visiten haben wir
+nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten
+ist klein, man schraenkt sich zum naeheren Umgange auf wenige Haeuser
+ein, wie in allen grossen Staedten. Das Visitenwesen wird in London
+ueberdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch
+haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie ueberall,
+unerlaesslich; nur werden sie spaeter als bei uns angenommen.
+
+Wir finden die Dame in dem glaenzenden Schlafzimmer. Vor allem
+prunkt das grosse Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen
+und feiner Naeharbeit verziert, mit gruener Seide gefuetterte Draperie
+vom thronartigen Baldachin herab, so dass man die schoenen Saeulen
+von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt.
+Das Neglige der Dame ist ueber und ueber mit den teuersten Spitzen
+geschmueckt und bekraeuselt; alles ist fein und erlesen, alles
+zeigt Reichtum.
+
+Den Hauptgegenstand des Gespraechs gewaehrt die auf einem Seitentisch
+ausgestellte Garderobe des neuen Ankoemmlings. Er selbst ist
+nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme,
+denn das Selbststillen der vornehmeren Muetter ist in England
+nicht so allgemein wie in Deutschland.
+
+Es gibt hier bedeutende Laeden, wo nichts anderes verkauft wird
+als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren
+dieser Laeden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch
+aufgehaeuft. Selbst ein grosses Nadelkissen in der Mitte ist nicht
+zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Groessen
+kuenstliche Muster steckt, die einer schoenen, reichen Silberstickerei
+gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht,
+denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergaenglich, sie dienen
+nur zum Prunke.
+
+Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir
+weiter a Shopping, dies heisst: wir kehren in zwanzig Laeden ein,
+lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt,
+kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon,
+ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute
+sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert
+werden; keinem faellt es ein, nur eine verdriessliche Miene darueber
+zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich
+aus dem Wagen zu bemuehen, lassen sie sich den halben Laden
+in die Kutsche bringen, zur grossen Beschwerde der Kaufleute sowohl
+als der Voruebergehenden auf dem Trottoir. Man erzaehlt, dass ein Trupp
+Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage
+den Weg versperrte, ohne Umstaende einer nach dem anderen
+hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame hoeflich
+guten Morgen boten.
+
+Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von
+Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir
+es endlich muede sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen.
+
+Die Promenade im St. James Park koennte auch eine Abwechslung gewaehren;
+doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist.
+Zwar fehlt es nie an Spaziergaengern darin, aber nur bei sehr seltenen
+Gelegenheiten findet man sie so bevoelkert, wie es die Terrassen
+der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der muessigen Maenner
+weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen
+nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen
+sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor.
+
+Die Kuchenlaeden, deren wir frueher gedachten, liegen, gleich anderen,
+frei und offen unten an der Strasse; daher koennen Damen recht
+anstaendig allein dort einkehren. Nur in dem beruehmtesten aller
+Etablissements, bei Mr. Birch, in der Naehe der Boerse, geht dies
+wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne maennliche Begleitung
+blicken lassen.
+
+Das nicht sehr geraeumige Fruehstueckszimmer befindet sich hinten
+im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts
+wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne
+draussen noch so hell schiene; die uebrige Einrichtung des Zimmers
+ist anstaendig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man
+Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewoehnlich schweigend
+ihre Schildkroetensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen
+verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet;
+aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein,
+und nun vollends die Schildkroetensuppe, darueber geht nichts.
+Nirgends weiss man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner.
+Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen
+das von Madeirawein und Cayennepfeffer gluehende, uns Zunge und Gaumen
+verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor
+als die Suppe selbst.
+
+Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen
+bloss mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit
+ein Vermoegen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen,
+und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege,
+es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig
+und wie ueberall ein fuer allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt,
+ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt
+eine ungeheure Einnahme.
+
+Gegen fuenf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die noetige Toilette
+vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen,
+aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubraechten,
+so waere es doch hoechst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhoert,
+im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Maenner ziehen den Boersen-Rock
+aus und mit ihm alle Gedanken an Geschaefte, um in einem eleganteren
+Anzuge zu erscheinen.
+
+Schoen und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben
+zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen
+nicht sowohl die grosse Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier
+von allen geselligen Zusammenkuenften durchaus unzertrennliche Etikette,
+welche einen solchen Tag fuer die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau
+zu einer schweren Last macht. Daher werden gewoehnlich solche Dinners
+nur durch aeussere Anlaesse herbeigefuehrt, wie etwa die Gegenwart
+von Fremden, denen man die Ehre antun zu muessen glaubt. Sonst
+fuehrt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als dass
+er ihn bei sich aufnimmt, dort tete a tete, oder in einem groesseren,
+doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik
+und lustigen Gespraechen guetlich. Zu Hause aengstigt sie die Gegenwart
+der Frauen, denen man zwar die groesste Hochachtung im Aeusseren
+aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb
+gern so viel moeglich aus dem Wege geht.
+
+Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir
+die Gesellschaft versammelt; es fasst hoechstens zwoelf bis vierzehn
+Personen. Nach den herkoemmlichen Begruessungsformeln nehmen die Damen
+zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstuehlen Platz, die Herren
+waermen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise.
+Schlaefrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben
+und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer
+ertoent. Dies liegt oft eine Treppe hoeher oder niedriger als
+das Besuchszimmer, weil, wie wir schon frueher bemerkten, die Wohnungen,
+selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geraeumig und bequem sind.
+
+Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Glaeser. Servietten
+gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Englaender so viel
+reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit
+fand man sie nur in Haeusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten.
+Das Tischtuch hing damals und haengt auch noch wohl jetzt, wenn man
+en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann
+nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns
+die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen
+Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenueber unten am Tisch,
+die Gaeste nehmen auf gewoehnlichen Stuehlen zu beiden Seiten Platz,
+so viel moeglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen
+vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche
+zum ersten Gange gehoeren, stehen auf der Tafel.
+
+Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer;
+wir gehoeren nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch,
+vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser
+halb gar gekochten Gemuese, den Hasen und Rebhuehnern, die, wie alle
+anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloss in ihrer eigenen
+Bruehe zubereitet werden.
+
+Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewuerzte,
+uebrigens ziemlich duenne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen
+namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens
+von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gaeste
+ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine grosse Verlegenheit
+fuer den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache
+sonst ziemlich maechtig ist, dennoch unmoeglich alle diese technischen
+Ausdruecke wissen kann. Er muss Rede und Antwort von jeder Schuessel
+geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Bruehe oder
+ohne Bruehe, welchen Teil vom Gefluegel, vom Fisch, ob er es gern
+staerker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft
+die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done,
+woertlich uebersetzt heisst das: viel getan oder wenig getan.
+
+Diese Fragen ertoenen von allen Seiten des Tisches zugleich,
+denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause
+im Vorlegen der Schuesseln. Alle werden nach der Suppe zugleich
+serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen
+aus einem grossen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder
+dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich waere,
+so aber dem Fremden fast ungeniessbar bleibt, aus Puddingen,
+Gemuesen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Gefluegel,
+ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Bruehe gedaempft,
+geroestet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht
+daran gespart. Hat man ueber eine solche Schuessel einen duennen,
+trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel
+einer Pastete.
+
+Die halbrohen Gemuese muessen ganz gruen und frisch aussehen,
+erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben
+geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit,
+sie sind vortrefflich, bloss in Wasserdampf gekocht. Die Puddings
+aller Art waeren auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur
+aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts,
+der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst,
+in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen.
+Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemuese,
+Mais, unreife Walnuesse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem
+Essig und vielem Gewuerze eingemacht, sind vortrefflich.
+
+Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen,
+die hier im Grossen fabriziert und verkauft werden, treibt London
+einen grossen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Oel
+und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gaeste da,
+sowie auch immer fuer zwei Personen ein Salzfass.
+
+Der Salat wird von der Dame vom Hause ueber Tische mit vieler
+Umstaendlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht
+aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blaetter schmal,
+aber wohl eine halbe Elle lang sind; ausser England sahen wir
+sie nirgends, dafuer aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt.
+Unermuedet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gaesten an;
+dafuer muessen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und
+versichern, sie haetten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder
+Hammelfleisch gesehen, und es waere auch alles ganz vortrefflich
+zubereitet.
+
+Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen,
+noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen
+wir betaeubt und aengstlich von alledem wunderlichen Wesen;
+ploetzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet
+eine Dame, und aus Hoeflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis,
+ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen,
+ob sie weissen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe?
+Denn die franzoesischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst
+zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme
+wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Glaeser Wein von der bestimmten
+Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend,
+sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre
+gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Glaeser
+aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile toent dieselbe
+Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie
+wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame
+und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat.
+Keine kleine Aufgabe fuer die, welche des starken Weins ungewohnt sind.
+Abschlagen darf man es niemandem, das waere beleidigend;
+obendrein muss man noch mit dem ersten Glase den Wunsch fuer
+die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens
+durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand
+der anderen Gaeste uns diese Ehre erzeigt. Es waere die hoechste
+Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte,
+sie muss warten, waere sie auch noch so durstig, doch bleibt
+die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren muessen sich
+zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber
+die Erlaubnis, sich mit anzuschliessen, wenn er vorher geziemend
+darum anhaelt.
+
+So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken,
+mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt,
+vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespraech kann aufkommen,
+es wird sogar fuer unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht,
+eines aufzubringen; der Herr des Hauses faehrt gleich mit
+der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen,
+nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin
+nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden koennen
+sich nicht genug vor zu grosser Lebhaftigkeit des Gespraechs hueten;
+es gehoert hier gar nicht viel dazu, um fuer ungeheuer dreist,
+monstrous bold, zu gelten.
+
+Ist der erste beschwerliche Akt des Essens ueberstanden, so wird
+der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfaeltig vom Tischtuch abgekehrt,
+und es erscheinen verschiedene Arten von Kaese, Butter, Radieschen
+und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloss mit Salz
+zum Kaese gegessen.
+
+Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz.
+Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schoen geschliffenes Kristallbecken
+voll Wasser zum Spuelen der Zaehne und zum Haendewaschen und eine
+kleine Serviette; man verfaehrt damit, als waere man fuer sich allein
+zu Hause. Die ganze so beschaeftigte Gesellschaft erinnerte uns oft
+an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontaenen
+sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, grosse Zierlichkeit
+im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen;
+die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke.
+
+Nach dieser Reinigungszeremonie aendert sich die ganze Dekoration.
+Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und
+der schoene, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glaenzt uns entgegen.
+Jetzt werden Flaschen und Glaeser vor den Herrn des Hauses hingestellt,
+das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhaelt ein kleines Couvert
+zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewuerfeltes oder ganz rotes,
+viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht
+entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst
+wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte
+vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht,
+sauer und halbreif. Haselnuesse, die Lieblingsfrucht der Englaender,
+welche sie Jahr fuer Jahr knacken, fehlen nie dabei, suesse Konfitueren
+und Bonbons sind wenig im Gebrauch.
+
+Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder
+schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat,
+viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben,
+und bei jedem Toast muss das Eingeschenkte ausgetrunken werden.
+Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloss
+ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus,
+er laesst seine Freunde leben, die sich denn wieder durch
+ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren;
+die koenigliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen.
+Einige der Gaeste geben Sentiments zum besten, das heisst, kurze Saetze,
+die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win
+a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen,
+und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden
+beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt.
+
+Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen,
+die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hoert.
+Bald nachdem man dem Koenig die gebuehrende Ehre erzeigt hat,
+erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer
+kleinen Verbeugung gibt sie den uebrigen Damen das Signal,
+alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Fuehrerin
+zur Tuer hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tete a tete allein essen,
+geht Madame fort und laesst den Eheherrn allein hinter der Flasche.
+Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt.
+
+Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter
+um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich
+allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spass, den sie
+waehrend unserer Gegenwart muehsam zurueckhalten mussten. Ihr lautes
+Sprechen und Lachen verkuendet dem ganzen Hause, dass ihnen
+gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns?
+Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gaehnen mit
+geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns
+einigermassen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft
+waere auch unerhoert, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald
+durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier
+und sind allesamt des Lebens herzlich muede. Wie gern schliefen
+wir ein! Aber das schickt sich nicht.
+
+Endlich ist eine Stunde so jaemmerlich hingeschlichen. Wir haben
+vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so
+gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener
+hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefaellt,
+und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend
+wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer
+dadurch ein Ende, dass sie die Herren zum Tee bitten laesst.
+
+Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks
+sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann
+oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zoegern, sie kommen doch,
+die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre
+sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten
+keinen gesehen.
+
+Die Dame macht jetzt den Tee sehr umstaendlich. Die Fragen,
+wie man ihn findet, wie man ihn wuenscht, ob suess, ob mit viel Milch
+oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Haeusern
+wird er draussen serviert und vom Bedienten herumgereicht;
+doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies
+lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so
+ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter,
+duenner Kaffee geboten.
+
+Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen
+die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen,
+die Damen sind muede und sprechen ueberhaupt wenig, es wird selten
+ein munteres, erfreuliches Gespraech daraus. Nach dem Tee faehrt man
+nach Hause, denn fuer's Theater ist's zu spaet, oder man bleibt
+zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist.
+
+Whist ist das einzige uebliche Spiel in Gesellschaft;
+von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, dass man
+nur Partie Simple oder Double zaehlt, kein Tripel oder Quadrupel.
+Auf diese Weise kann man hoechstens sieben Points in einem Tobber
+verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger.
+Die Karten sind sehr teuer und gross, aber ungeschickt. Dies ist wohl
+das einzige Fabrikat, in welchem die Englaender anderen Nationen
+nachstehen. Kartengeld ist nicht gebraeuchlich, ebensowenig Trinkgeld
+an die Bedienten.
+
+Dass die Englaender sehr gut, sehr ernst und schweigend dies
+ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, dass keineswegs
+die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat,
+wie hoch seine Gaeste spielen sollen. Dieser Taxe muss man sich
+ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will.
+Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere,
+die vernuenftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten,
+dass er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er
+zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten.
+
+Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen
+von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell
+abgetan. Froh, das Vergnuegen des Tages ueberstanden zu haben,
+faehrt man spaet nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen
+wimmelnden Strassen nach Hause. Alle Laeden sind noch offen
+und erleuchtet, die Strassenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne
+wieder scheint.
+
+Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkuenfte, welche die erste Klasse
+des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren,
+aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat.
+Sie heissen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland.
+Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee
+einer auf Unterzeichnung gegruendeten Zusammenkunft an einem
+oeffentlichen Orte.
+
+Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein.
+Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt,
+und zwar ungefaehr dreimal so vielen Personen, als das Lokal
+gemaechlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, dass man zu
+einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewoehnlichen
+haben muss, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer
+Zimmer enthaelt.
+
+Um zehn Uhr, oft noch viel spaeter, faengt man an, sich zu versammeln,
+draengt sich durch, um die Wirtin zu begruessen, die gewoehnlich unfern
+der ersten Tuer im Zimmer Posto gefasst hat, und nimmt dann Platz
+an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedraengt
+den ganzen Raum erfuellen. Tee und andere Erfrischungen werden
+herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen koennen. Wird es
+zuletzt so voll, dass niemand mehr atmen kann, dass vor allgemeinem
+Geraeusch kein Wort mehr zu verstehen ist, dass es an Stuehlen und
+Raum fehlt, welche zu stellen, ja, dass die zuletzt Kommenden
+auf Treppen und Vorplaetzen stehen bleiben muessen, so hat das Vergnuegen
+seinen Hoehepunkt erreicht.
+
+Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknaeuel
+langsam, wie er anschwoll. Man faehrt nach Hause und hat einen
+delizioesen Abend im grossen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause
+zieht sich in ihr Zimmer zurueck, zwar betaeubt vom Laerm,
+wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und
+allen Begruessungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewusstsein,
+die hoechste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben.
+
+
+
+Sonntag
+
+
+Welch ein Tag fuer die arbeitende Klasse auf dem festen Lande!
+Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt,
+wo sie nach sechs muehevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich
+gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen
+schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule,
+dann koennen sie frei und frank herumlaufen und spielen nach
+Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten oeffnet sich
+ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke.
+
+Von den Vornehmen in den Staedten haben freilich viele alle Tage
+Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist fuer alle Staende der Tag
+des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude,
+geselligen Vergnuegens und vor allem Familienzusammenkuenften geweiht.
+Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint,
+mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und waere es nur die,
+einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche
+alle Abende bei der Arbeit war.
+
+Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpoent,
+an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Laeden,
+alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie,
+mit der man hier fuer die Heilighaltung des Sabbats wacht, uebertrifft
+noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen,
+aber das Vergnuegen erlauben.
+
+Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit
+fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschaender und schreckliche
+Suender abgekanzelt und in allen oeffentlichen Blaettern mit Schmaehreden
+ueberhaeuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben,
+und weil es bisweilen vorkam, dass die Gesellschaften, welche sie
+sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz
+und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten,
+ehe er noch recht erschienen war.
+
+"Ist's wirklich wahr, dass man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?"
+hoerten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags,
+wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!"
+seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu,
+"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt",
+und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen
+doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um
+viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurueck. "God bless us all",
+Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags
+(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute
+nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich
+ueber den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber
+zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und
+hatte die schrecklichste Langeweile, waehrend die Herren bei der Flasche
+wie angemauert blieben.
+
+Der echte Englaender teilt den Tag zwischen oeffentlichem Gottesdienst,
+haeuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit,
+welche ihr die Andacht uebrig laesst, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu
+und laesst den lieben Naechsten eine etwas scharfe Revue passieren,
+denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar uebel daran,
+seit man eigene Schulen fuer die Sonntagabende errichtet hat,
+in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag ueber
+zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose
+Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten muessen.
+
+Aber wie noch erbaermlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden!
+Sie oeffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein
+und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch,
+da kommt ein Besuch, sieht, dass Sie einer weltlichen Lektuere sich
+ueberliessen, und haelt Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede.
+Aergerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken,
+ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Poebel vor dem Hause,
+mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu,
+welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrueckt,
+als kurz vorher. Beschaeftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer,
+so aeussern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu,
+wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie
+mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen,
+so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim naechsten Friedensrichter
+zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht.
+
+Was faengt man aber mit dem Tage an, der zweiundfuenfzigmal im Jahre
+wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter
+es erlauben, und achtet's nicht, dass die Wegegelder am Sabbat doppelt
+erlegt werden muessen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter,
+fasst man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht.
+
+
+
+
+OeFFENTLICHE VERGNUeGUNGEN
+
+
+
+Theater
+
+
+Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen,
+welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebaerde.
+Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer
+zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und
+untruegliche Kennzeichen.
+
+Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und
+angeeignete Unterschied der Nationen grossen Einfluss. Kein Niederlaender
+malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle muessen
+ihrer Nationalitaet treu bleiben. Die Gestalten, die Gebaerden,
+der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen,
+praegen sich uns mit unausloeschlichen Zuegen ein. Wir koennen nur
+wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen
+liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern,
+die man fuer ihre Stifter erkennt.
+
+Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalitaet noch deutlicher
+hervor, und waere es moeglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne
+dass man ein Wort davon hoerte, so muesste doch der kundige Beobachter
+gleich entscheiden koennen, ob er ein englisches, franzoesisches oder
+deutsches Theater vor sich saehe. Alle drei koennen in ihrer Art
+vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden missfallen.
+Denn dieser, mit der Individualitaet der Nationen noch nicht bekannt
+genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Massstabe
+messen. Nur nach und nach wird er entdecken, dass das, was ihm zuerst
+widerwaertig, unnatuerlich, uebertrieben erschien, dennoch treu, wahr
+und bewundernswuerdig ist.
+
+Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes,
+abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen
+keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Kuenstler wir auch
+aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, beguenstigt durch
+ein Zusammentreffen vieler seltener, ausserordentlicher Umstaende,
+war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch
+zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzueglichsten
+Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils
+zum Ganzen, der Vollkommenheit naeherten.
+
+Dass der deutsche Schauspieler allen alles sein muss, ist ein Unglueck;
+dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden fuer das
+seiner Persoenlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London
+ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine
+Individualitaet ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger
+genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu
+gehoert, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen.
+Kein vollendeter Kuenstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung
+und Studium gehoeren dazu, um das grosse Talent auszubilden;
+oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt.
+In Frankreich und England erkennt man dies und laesst sich lieber
+willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung taeuschen, als dass man
+den hoechsten Genuss, den die Kunst gewaehren kann, verschmaehte,
+weil der Kuenstler einige Jahre zuviel zaehlt.
+
+Der vorzuegliche deutsche Schauspieler ist in Gebaerde, Ton,
+Deklamation und Stellung bei weitem der gemaessigste, weil Masshalten
+und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen
+unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns
+uebertrieben erscheinen. Ebenso wird der westfaelische Bauer gewiss
+glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen,
+wenn jener ihm bloss nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet.
+
+Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes
+ein vollendetes Kunstwerk, so hat die franzoesische Tragoedie
+vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort.
+Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Verstoss
+gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des
+sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt,
+binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide duerfen sich nur
+in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise muehevoll
+hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt
+Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Froesteln,
+das wir ungern Langeweile nennen moechten, bemaechtigt sich unser.
+Die Stellungen der beruehmtesten Schauspieler, schoen und kunstreich,
+wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren,
+die wir auch auf den franzoesischen Gemaelden finden, und von denen
+es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien.
+Der Geist der Tragoedie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher
+alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer ueber Sterbliche
+verhaengen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall,
+widerstrebt der hoeheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation.
+Alles wird bloss durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hoerte man
+einen auf das kunstreichste gebildeten Saenger, dem aber die Natur
+eine sonore Stimme versagte. In der hoeheren Komoedie hingegen
+steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben,
+Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen,
+welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet.
+
+Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte.
+Keine Regel beschraenkt den Dichter, keine den Schauspieler.
+Ungebunden ueberlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht
+dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene,
+Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle moeglichen Motive.
+Wie schwer es sei, von dieser unbeschraenkten Gewalt den rechten Gebrauch
+zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragoedien; nur Shakespeares
+Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da,
+das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und draengt sich
+unermuedet zu seinen Meisterwerken.
+
+Die englische Komoedie gibt ein treues, oft etwas ueberladenes Bild
+des haeuslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden,
+der Laecherlichkeiten, die man in den verschiedenen Staenden trifft.
+Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren,
+besonders ihrer Dialekte, erhoehen das Komische derselben und
+werden mit vieler Treue dargestellt.
+
+Charakter-Komoedien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen,
+in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste
+Detail herausgehoben wird, kennt der Englaender nicht. Dafuer wimmeln
+alle Stuecke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen,
+die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die staerksten
+Zuege ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft ueberall
+im geselligen Leben die Urbilder dazu an.
+
+Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir
+uns auch zuweilen in Deutschland ergoetzen, ist dieses schon der Fall;
+Aehnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so
+mit fremden Zuegen ueberladen, als man im Auslande wohl glaubt.
+
+So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Maennern
+und Frauen gemischt sind, auf Dezenz haelt, so nachsichtig ist man
+in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben
+jedes nur von fern ihr Zartgefuehl beleidigende Wort empoert,
+sehen Szenen an, von denen jede Franzoesin sich zuernend wegwenden wuerde
+und die gewiss das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen
+aufnaehme.
+
+Der englische Tragiker spielt natuerlicher als der franzoesische,
+feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und ueberschreitet
+oft die Grenze des Schoenen. Der wuetendste Ausdruck des Leidens,
+selbst der laute Schrei koerperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen
+des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird
+dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die hoechste Kunst
+zu sehen glaubt und mit gestraeubtem Haare dann am lautesten in
+Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert.
+
+Die Groesste des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, ueberlaut
+zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose
+will fuer seine Sixpence so gut alles hoeren und vernehmen als die
+vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach
+die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler
+macht. Dieser muss daher mit der aeussersten Anstrengung jedes Wort,
+jede Silbe abstossend betonen. Bei den mittelmaessigen Kuenstlern
+bringt dies eine sehr unangenehme, oft laecherliche Wirkung hervor;
+nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Muehe diese Schwierigkeit
+zu bekaempfen.
+
+Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor,
+welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalitaet Bezug haben,
+und von denen sie voraus wissen, dass das Publikum sie jedes Mal beklatscht.
+Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden
+waehrend einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit
+tritt spaeter wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler
+seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlaengliche Pause
+fuer den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen,
+so dass das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum
+das Akkompagnement liefert.
+
+Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton,
+ohne grosse Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes
+Pathetisches, das sich nicht beschreiben laesst; bei etwas Aufmerksamkeit
+aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft
+gehobenen Gespraech. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie;
+jede Sprache hat die ihrige.
+
+Im Komischen, besonders im Possenspiel, uebertreffen die Englaender
+vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst
+dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergoetzlicher.
+Die Spaesse sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit
+und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige
+Schauspieler, zum Beispiel Munden [Fussnote: Joseph, beliebter
+Komiker, von der zeitgenoessischen Kritik jedoch als Grimassenschneider
+einschraenkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus
+erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten
+Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen
+fuer unanstaendig haelt und dem Gebildeten hoechstens nur ein Laecheln
+erlaubt. Hier siegt die Natur, unterstuetzt von der Kunst, und Regel
+und Zwang sind vergessen.
+
+Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar,
+und der Englaender findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatuerlich.
+Das Volk liebt ueberhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen
+als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an
+guten Saengern und Saengerinnen, um sie fuer ein englisches Ohr
+ganz angenehm aufzufuehren.
+
+
+
+Das englische Publikum im Theater
+
+
+Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt.
+Wie es despotisch ueber die bretterne Welt herrscht, davon
+hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht,
+wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist.
+
+Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche
+Publikum von seinen Lieblingen gefallen laesst, wuenschten wir
+diese nur auf wenige Monate auf die englische Buehne, damit sie
+erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht.
+
+Im Ganzen laesst sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus
+nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede
+Vernachlaessigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet;
+nur gegen Debuetierende zeigt man grosse Nachsicht und muntert sie
+auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, dass wir nie einen
+Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt haette.
+Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten
+ist gaenzlich von der Buehne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen,
+stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig
+fuer sich nachlesen und dem Schauspieler notduerftig zu Hilfe kommen,
+wenn diesen einmal sein Gedaechtnis verlaesst.
+
+Wie ueberall, so hat auch hier der auf den hoechsten Spitzen befindlichen
+Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie,
+welche diesen Erhabenen gefaellt, muss zweimal, oft dreimal
+gesungen werden. Und ihnen gefaellt vieles. Selbst die stolze Billington
+musste in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie
+und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit
+im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und muss weggebracht
+werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler,
+inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter
+hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Laerm so arg, dass die
+Schauspieler das Theater verlassen muessen, bei der Wiederkehr
+werden sie mit Haendeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhoerten,
+fangen sie wieder an.
+
+Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kuemmert sich
+niemand; die Hauptsache ist, dass jeder fuer sein Geld alles sehe
+und hoere, was es zu sehen und zu hoeren gibt.
+
+Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam,
+wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem
+Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab
+Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang
+fuer das, was er war, gut genug und mit einer ganz ertraeglichen Stimme,
+dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil
+aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall
+und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schoen machen,
+ueberstieg sich ueber seine Kraefte und warf mitten in einer Roulade
+foermlich um. Ein allgemeines Gelaechter endigte fuer diesmal
+die Szene.
+
+
+
+Einrichtungen der beiden grossen Londoner Theater in Hinsicht
+auf die Zuschauer
+
+
+Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es
+fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu frueh
+fuer ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr
+und oft weit spaeter noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen
+dauern so lange, dass jede nicht englische Geduld ermueden muss.
+Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun
+einmal nicht das Symbol der Englaender: ueberall lieben sie
+lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater.
+
+Jeden Abend muessen zwei Stuecke gegeben werden, eines von fuenf Akten
+und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzuege hat.
+Gewoehnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine
+kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen
+nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob uebrigens das Nachtspiel
+zum ersten Stueck passend gewaehlt ist, ob es nicht mit den durch
+jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert -
+dies kuemmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Mass
+fuer sein Geld.
+
+Beide grossen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind
+vom Monat September bis Ende Junius geoeffnet, dann werden sie
+geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt
+an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten
+Benefiz-Vorstellungen fuer die aelteren und besseren Schauspieler
+gegeben; sie gehoeren mit zu deren Gehalt. Dann waehren diese
+Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut
+zu bewirten, schiebt man noch allerhand Saechelchen in die Zwischenakte ein,
+bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewoehnlich
+den hohen Zuschauern, muessen zwei- bis dreimal wiederholt werden
+und kosten viel Zeit.
+
+Die Logen sind sehr geraeumig und so gebaut, dass man aus allen
+gleich gut sehen kann. Sie enthalten saemtlich mehrere Reihen Baenke,
+die sich uebereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich,
+ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende
+des Hauses erstreckt.
+
+In allen Reihen Logen werden die Plaetze gleich zu sechs Schilling
+bezahlt, das Parterre kostet etwas ueber die Haelfte. Ueber die Logen
+erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person,
+und hoch ueber der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen,
+wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzaehlten,
+gewoehnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge
+von ihren naechsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet,
+angefuellt mit Zuschauern, gewaehren sie einen bezaubernden Anblick.
+Die Etikette will, dass alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen,
+wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen,
+besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame
+wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn
+oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen
+erscheint man in gewoehnlicher Kleidung mit grossen Hueten, die aber
+ohne Widerrede abgenommen werden muessen, wenn es verlangt wird.
+Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen
+das Parterre. Es ist ein ganz anstaendiger Platz, nur muss man frueh,
+oft vor Oeffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden;
+denn kein Vorherbestellen findet dort statt.
+
+In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen,
+die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch
+ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die oeffentlichen
+Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche fuer die ersten
+und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen
+sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen.
+
+Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Plaetze,
+in welcher Reihe Baenke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges
+fuer sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten
+hinschicken, oder, was gewoehnlicher ist, einen Shilling bezahlen.
+Fuer diesen Preis wird jemand von dem Logenwaerter hineingestellt.
+Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Plaetze freigelassen,
+spaeter hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemaechtigten. Niemand
+darf fuer mehr Plaetze bezahlen, als er braucht, und taete man es,
+mietete man auch eine ganze Loge, es wuerde nichts helfen.
+Der Englaender behauptet: niemand duerfe durch sein Geld einen anderen,
+der auch bezahlt, vom Genusse eines oeffentlichen Vergnuegens
+ausschliessen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch
+in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst
+die koenigliche Familie muss ihre Loge vorher bestellen, die sich
+uebrigens durch nichts von den uebrigen unterscheidet und ohne Unterschied
+wie die uebrigen besetzt wird, wenn niemand vom koeniglichen Hause da ist.
+
+Nach dem dritten Akt wird jedermann fuer den halben Preis hineingelassen;
+dieser Gebrauch ist sehr unangenehm fuer den besseren Teil
+der Gesellschaft. Mit grossem Geraeusche schwaermen dann jene Nachtvoegel,
+die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle
+Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze
+in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich
+vorschriftsmaessig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus;
+deshalb gehen auch Damen nie ohne maennliche Begleitung ins Theater,
+und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten
+Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden
+in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer
+von den Faellen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt,
+aus grosser Hoeflichkeit unhoeflich werden koennte.
+
+
+
+Drury Lane
+
+
+[Fussnote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794
+und brannte 1809 wieder ab. Die Gruendung des Drury Lane Theaters
+geht auf Thomas Killigrew zurueck, der mit koeniglichem Patent 1662
+hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert
+und umgebaut wurde. Das Patent besagte, dass nur Drury Lane
+und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzufuehren;
+daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Buehnen.
+Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble
+und Sarah Siddons, Drury Lane die Fuehrung gegenueber Covent Garden
+verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan
+wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus
+eroeffnet, das in wenig veraenderter Form bis heute besteht.]
+
+Dieses Theater ist von innen eines der groessten und schoensten
+in der Welt; die Aussenseite desselben sahen wir nicht vollendet.
+In einem schwerfaelligen Stil erbaut, wie fast alle oeffentlichen Gebaeude
+Londons, scheint es trotz seiner Groesse von einem ungewoehnlich hohen
+Dache fast erdrueckt zu werden. Dies Dach ist indessen fuer das Ganze
+von unschaetzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke
+und uebrigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es
+einen eisernen Vorhang enthaelt, der im Fall, dass waehrend der Vorstellung
+Feuer auf dem Theater auskaeme, sogleich herabgelassen wird
+und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfuellen, vor aller Gefahr
+sichert.
+
+Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthaelt
+vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fuenfzig glaenzende
+kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter
+sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert
+von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz
+gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet
+durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine.
+
+Die Dekorationen sind des Ganzen wuerdig; der hintere Vorhang derselben
+ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern
+zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist,
+den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere,
+schieben sich ineinander und werden so in die Hoehe gezogen.
+So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle,
+keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat
+den Vorteil, dass die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschaedigt
+werden, dass sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung
+kommen wie unsere Vorhaenge, die uns oft in den friedlichsten Szenen
+ein Erdbeben vergegenwaertigen.
+
+Die glaenzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich,
+wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane,
+besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr
+ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glaenzte Mme. Jordan
+[Fussnote: Wilhelm, Herzog von Clarence, Koenig Wilhelm IV. von 1830-37,
+hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Buehne
+gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre
+miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung
+vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht.
+Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas
+Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten
+trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.]
+hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich
+angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen
+Koenigs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer
+in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren liess.
+Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau musste man ganz vergessen,
+dass sie schon ziemlich weit ueber die erste Bluete der Jugend hinaus
+und fuer jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der froehlich
+schalkhafte Ausdruck ihres sehr huebschen Gesichts, ihr angenehmes
+sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen
+bezauberten unwiderstehlich und liessen nichts vermissen.
+
+Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns
+vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing"
+(Viel Laerm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen
+eine Verkrueppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen:
+"Die Quaelgeister" [Fussnote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck.
+Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt,
+am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und
+es unterhaelt auch da noch, soviel Muehe sich dessen Verfasser gegeben hat,
+es zur Mittelmaessigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch
+Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder
+Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genuss aber ist es,
+dieses Stueck mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus
+notwendig machen, in seinem urspruenglichen Glanze zu sehen!
+Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Fussnote: John;
+"den besten niederen Komiker auf der Buehne" nannte ihn Leigh Hunt
+in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz
+an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen
+wie ein Wort das andere jagt, muss man von beiden gesehen haben,
+um zu glauben, dass etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit
+wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstossung der Worte,
+deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen
+Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch
+verlor kein Zuhoerer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe.
+Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten,
+erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. Ueber alles ergoetzlich
+waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten
+Bauerndialekte. Das ganze grosse Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelaechter
+der Zuschauer; sowie sie erschienen, mussten sie oft innehalten,
+um nur gehoert zu werden.
+
+Mme. Bland, eine kurze, dicke, aeltliche Favoritin des Publikums,
+die fuer eine vortreffliche Saengerin galt, weil sie gewaltig schrie
+und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt
+eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme
+wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von
+seinem Geliebten betrogenen und darueber wahnsinnig gewordenen Maedchens.
+Die Musik war nicht sonderlich; doch musste sie unter lautem Beifall
+zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik,
+und solche Schilderungen des hoechsten menschlichen Elends sind
+einmal die groesste Freude der Englaender. Mit ihrem Gefuehl geht
+es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das moeglichst Starke
+vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen.
+
+Den Beschluss machte fuer diesen Abend, oder wie man hierzulande passender
+sagt, fuer diese Nacht, eine grosse, meistenteils von Italienern
+aufgefuehrte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit
+noch nirgends sahen. Ein Zauberer sass auf seinem Throne, umgeben von
+dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen
+Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den
+treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Saergen
+liegen. Der Zauberer musste notwendig verreisen, und alles kam darauf an,
+dass jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne saesse und das
+Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer
+Kobold, unuebertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fussnote: der Clown
+Grimaldi gehoerte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein ueber alle
+Massen beliebter, aber auch von der Kritik geruehmter Pantomime.]gespielt,
+wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiss sich nicht wenig damit. Der
+Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und
+faehrt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der
+kleine naerrische Kobold ist ausser sich vor Freuden auf dem weiten
+praechtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er
+aus allen Kraeften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so
+starke Prise, dass er dreimal niesen muss, bei jedem Niesen wenigstens
+drei Ellen hoch vom Sitze in die Hoehe geschnellt wird, in der Luft sich
+ein paar mal ueberschlaegt und immer wieder auf den Sitz zurueckplumpt. Die
+Natur siegt, er schlaeft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner
+Hand, der Zauber ist zerstoert, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die
+Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Saergen, alles verschwindet.
+Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, ueberall, in tausend
+Abwechslungen, lassen sie sich haeuslich nieder und fangen an, ihr
+lustiges Wesen zu treiben, ueberall verfolgt sie der Kobold. Ewiger
+Szenenwechsel, Dekorationen, so praechtig man sie nur erdenken kann,
+Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben,
+folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, dass das Auge kaum Zeit hat,
+alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die
+Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus
+erscholl vom unaufhaltsamsten Gelaechter; alles lachte, alles war
+erfreut, aber gewiss niemand imstande, zu Hause zu erzaehlen, was er
+gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel.
+
+
+
+Covent Garden
+
+
+[Fussnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch
+den Architekten Henry Holland wesentlich vergroessert worden
+(3600 Plaetze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner
+Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, dass das Haus
+1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809.
+Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt
+unter dem Namen Covent Garden Opera House.]
+
+Das Haus, nicht voellig so gross als das von Drury Lane, aber nicht
+weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch praechtiger
+als jenes, denn viele grosse und kleinere angebrachte Spiegel
+vervielfaeltigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche.
+
+Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die
+beruehmtesten Kuenstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit
+wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fussnote: Sarah (1755-1830),
+geniale Tragoedin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane,
+doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon beruehmt,
+ein zweites Mal an diese Buehne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat
+sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05
+verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem
+dreizehnjaehrigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und
+Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich
+dann vom Theater zurueck, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe
+koenigliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns
+darstellen, das Piedestal verlassen haette, um unter den Lebenden zu
+wandeln, so trat sie einher, gross, schoen, im einfachen Ebenmass. Ihr
+ganzes Wesen war zur Tragoedie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres
+schoenen Gesichts passte nur fuer das Trauerspiel, unmoeglich konnte man sie
+sich froehlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war
+ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich
+klagende Toene in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber
+die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmaessig schoenen
+Zuegen vermisste niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark;
+aber auch dies machte keinen Uebelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie waere
+ein Ideal gewesen, ueber das hinaus man sich nichts denken konnte, haette
+sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen,
+hinreissen lassen, ihr grosses Talent zu missbrauchen. So aber ueberschritt
+sie oft die Grenzen des Schoenen und ward fuerchterlich.
+
+Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent"
+(Die schoene Buessende) [Fussnote: von Nicholas Rowe, seit der Urauffuehrung
+(1703) vielgespieltes Repertoirestueck.], wo sie im fuenften Akt
+den Dolch sich ins Herz stoesst, verschied sie mit einem lauten,
+konvulsivischen, herz- und nervenzerreissenden Gelaechter, das ziemlich
+lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge straeubte.
+Aber so etwas will der Englaender, und halb London stroemte ins Theater,
+um Mme. Siddons lachen zu hoeren, obgleich die Damen Kraempfe und
+Ohnmachten davontrugen.
+
+Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in
+dieser hatte sie ein weites offenes Feld fuer ihr grosses Talent. In der
+Szene des Nachtwandelns machte ihr blosser Anblick jeden Blutstropfen
+erstarren.
+
+Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fussnote: John Philipp,
+Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung.
+Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie,
+in seinem Bestreben, Kostuem und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck
+einer Auffuehrung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.].
+Seine Gestalt war noch sehr edel und schoen, obgleich auch er
+die Jugendjahre weit ueberschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht
+ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert,
+und immer erkannte man darin seine Lehrerin.
+
+Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend
+aehnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schoenheit
+ein grosses Talent fuer sanfte, duldende, liebende Rollen vereint,
+zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals
+leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule,
+fuer die Zukunft gaben. Unmoeglich kann man die Rolle der Julia
+lieblicher dargestellt sehen als von der juengeren Mme. Siddons.
+
+Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schoene
+Gestalt; dafuer gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie,
+besonders fuer die Rollen, die er sich erwaehlt hatte, Tyrannen,
+Boesewichte; kalte, kuehne, trotzige Charaktere spielte er unuebertrefflich.
+Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so
+dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin
+Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen
+seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt,
+Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er
+unverhuellt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten
+Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er
+mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Haesslichkeit bespoettelte,
+wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Koenigreich
+fuer'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady
+Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer
+gross und wahr.
+
+In Hinsicht der sonst hier gewoehnlichen Pracht vernachlaessigt man
+oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts
+wegen immer ein gefuelltes Haus bringen, und verwendet den Flitter
+lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glaenzen
+koennen. Dennoch muss man jene Stuecke gerade auf diesem Theater sehen,
+um der grossen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen
+wahrhaft glaenzen.
+
+Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame,
+einem Gebelle aehnliche Perorieren der mittelmaessigen Schauspieler
+wird erst laecherlich, dann unertraeglich. Freilich mag es sehr
+schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation
+in der Stimme zu behalten.
+
+Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stuecke, die noch
+gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele
+seinesgleichen in dem Wahne stand, ein grosser Schauspieler
+muesse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem
+grossen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fussnote:
+David Garrick (1717-79), beruehmter englischer Schauspieler,
+Stueckeschreiber und Theaterdirektor. Verkoerperte eine neue
+Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natuerlichkeit Wert legte.].
+In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo
+noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene;
+die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu
+gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles
+Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details,
+als haette er "Wilhelm Meister" gelesen.
+
+Was Cooke und Kemble in der Tragoedie, das waren Munden, Fawcett,
+Lewis in der Komoedie, vor allem Munden [Fussnote: William Lewis,
+Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche
+alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet"
+sein Triumph. Uebrigens uebertraf er in Gesichterschneiden
+und naerrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben.
+Stuermisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane.
+Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhass und Reue"
+[Fussnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung
+hiess "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den
+komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward,
+trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fussnote:
+dazu fuehrt Johanna in einer Fussnote an: "ein in Matrosenkleidung
+getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Buehnen sieht."].
+Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Goennern, denn er tanzte
+herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber
+der junge Herr war so ungefaellig, nicht zu erscheinen. Nun entstand
+ein Laermen, als sollte das Haus einstuerzen wie weiland die Mauern
+von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr
+zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren;
+es uebersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand
+auf der Buehne und wartete, bis die Schreihaelse einmal wuerden pausieren
+muessen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Buecklingen trat er hervor
+und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er,
+der andere Gentleman wuerde gleich darauf tanzen, er erhole sich
+nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor
+der Tadel; der Saenger sang ein naerrisches Lied von einem Yorkshireman
+[Fussnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen
+ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen:
+give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel,
+ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse,
+musste aber dennoch zweimal wiederholt werden. Dass der Saenger sich
+nicht lange darum bitten liess, versteht sich von selbst.
+Sowie das Lied geendigt war, trat der Taenzer wieder auf, man liess ihn
+gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus.
+
+Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten
+Mitglieder beider Theater auf's taeuschendste nach; etwas,
+das doch wohl bei keiner Buehne anderer Nationen geduldet werden wuerde.
+Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall
+rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers
+aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragoedie
+mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren
+zu hoeren. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches
+das Publikum gewiss nicht ruhig nach Hause gegangen waere, obgleich
+schon fast der Tag wieder anbrach.
+
+Den groessten Laerm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von
+"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stueck
+nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan
+war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen
+praechtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekuendigt. Mme. Siddons
+sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen.
+Alle Logen waren laengst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll
+Erwartung.
+
+Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden
+unmoeglich gleichgueltig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel
+ihn zu vereiteln. Fuer's erste kuendigte sie dasselbe Stueck fuer
+den naemlichen Abend an. Der Fall, dass das naemliche Stueck an einem Abend
+in beiden Haeusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen,
+solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag
+vor der Vorstellung ein praechtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren.
+Dass auf englische Weise dabei viel getrunken ward, dass der Held
+des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden musste,
+war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich
+eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glaenzendste Versammlung,
+die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang
+ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz
+aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort
+hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst,
+er musste verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane
+die Schwaeche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet,
+denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser,
+so dass er unmoeglich spielen konnte. Das Uebel dauerte nur den
+einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert.
+Der Zorn, das Wueten des Publikums ueberstieg nun alle Grenzen;
+das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild
+des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien.
+In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten,
+alle waren leichenblass, und einige wurden ohnmaechtig hinausgebracht.
+Alle Schauspieler mussten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons,
+Kemble, der in der indischen Tracht [Fussnote: indianische Federmaentel]
+wunderschoen aussah, standen aengstlich verlegen dem entsetzlichen Laerm
+gegenueber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen,
+drohte man es zu stuermen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde.
+So laermte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns,
+wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes
+ploetzliche Krankheit und ein anderes Stueck fuer den heutigen Abend
+anzukuendigen, kaum liess man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!"
+riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere
+und achteten nicht darauf, dass Kemble mit den demuetigsten Gebaerden
+das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu,
+die Schauspieler schienen sich aengstlich untereinander um Rat zu fragen.
+Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem
+jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand
+zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke
+schlich sich von der Buehne fort, und das Stueck wurde genau
+von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte.
+
+Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders
+Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten;
+sie uebertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschoen,
+und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man
+erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble
+das Stueck fuer den folgenden Tag wieder ankuendigte, rief man ihm
+von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!"
+
+
+
+Die italienische Grosse Oper
+
+
+[Fussnote: das grosse Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's,
+nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eroeffnet
+(dieses Haus stand in seiner Groesse kaum der Mailaender Scala nach),
+1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel
+fuer dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.]
+
+Von diesem grossen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt
+zur italienischen Oper.
+
+Obgleich die Vornehmsten es beschuetzten, so ist dieses Theater
+dennoch dem Volke verhasst, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste
+entgegenstrebt. John Bull geht hoechstens einmal hin, um sich hernach
+zeitlebens darueber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze
+auslaendische Wesen, vor allem die franzoesischen Taenzer erscheinen ihm
+wie ebenso viele Entheiligungen des vaterlaendischen Bodens. Laengst
+waere die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Grossen Eitelkeit,
+Prachtliebe und Vorliebe fuer das Auslaendische sie erhielte;
+deutlich sieht man, dass sie hier nicht gedeihen kann und trotz
+der grossen Summen, die darauf verwendet werden, nur kuemmerlich vegetiert.
+
+Das Haus, noch groesser als Drury Lane, enthaelt ausser dem Parterre
+fuenf Reihen Logen und zwei Galerien. Ueber und ueber mit Malereien
+ueberladen, schien es, ungeachtet der sehr glaenzenden Erleuchtung,
+dennoch dunkler als die anderen Schauspielhaeuser. Die Verzierungen
+waren ziemlich geschmacklos, ueberall schwaermen Amoretten zwischen
+tausend Schnoerkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze
+erschien bunt, aber nicht heiter.
+
+Dieses Theater ist der glaenzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels,
+dem es hauptsaechlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch
+auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht,
+der tut wenigstens als besuche er es fleissig und sei jedes Mal entzueckt,
+wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde waehrend der Vorstellung
+gaehnen musste. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet,
+fuer welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus
+nich allein mieten, sondern sogar kaufen koennte.
+
+Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man woechentlich zweimal,
+dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schoensten, beruehmtesten,
+reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten
+Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen
+und gewaehren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit uebertrifft.
+Wer nicht abonniert ist, muss ins Parterre, welches hier an Rang
+den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee,
+und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren
+in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schoenste
+geschmueckt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel
+kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk
+viel sehen und hoeren laesst, muessen wir billig bezweifeln.
+
+Unser Schicksal wollte, dass wir die von Winter komponierte Oper
+"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken
+[Fussnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener
+Komponist, seit 1788 in Muenchen Hofkapellmeister. Schrieb ueber 40 Opern,
+ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung
+seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen
+hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett
+ununterbrochen hintereinander fort, bis Saenger und Taenzer es muede sind;
+denn das Publikum in den Logen ermuedet nicht, immer das naemliche zu
+sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter ueber
+die Vorstellungen gewechselt.
+
+Die beruehmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile.
+[Fussnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter
+eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie
+in Italien, kehrte dann nach London zurueck und blieb bis 1809 am Theater.]
+Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man uebersehen, waere sie nur nicht
+so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt
+auf dem Theater erblickten, haette sie sich nur bemueht, durch Spiel
+und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es
+unter ihrer Wuerde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da
+und sang, und glaubte damit schon ein uebriges getan zu haben.
+Die Englaender hielten sie fuer die erste Saengerin der Welt.
+Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Hoehe
+von grossem Umfang, dabei kunstmaessig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag
+fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig
+hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen
+und Triller an, wobei dem Zuhoerer der Atem verging, und glaubte so
+die hoechste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von
+einer Viertelstunde, darueber geht dem Eglaender kein Gesang der Welt.
+
+Alle uebrigen Saenger und Saengerinnen, groesstenteils Italiener,
+waren fast noch weniger als mittelmaessig. Unter den schlechtesten
+als die schlechteste zeichnete sich die zweite Saengerin aus, und man
+sagte uns, die Direktion haette sie bloss engagiert, weil ihr die Kleider
+ihrer Vorgaengerin wie angegossen passten.
+
+Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht huebsch, aber bei
+weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die
+ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fussnote: Kleinlichkeit]
+betrieben, die sowohl der grossen Summen, welche darauf verwendet werden,
+als des Publikums, das sich dort versammelt, unwuerdig ist.
+
+Sehr vergnuegt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung
+machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses
+drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches,
+sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und
+noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich.
+Die Haupttaenzer sind es immer; denn man engagiert alljaehrlich
+ausgezeichnete Kuenstler aus Paris fuer die Saison um grosse Preise.
+Desto schlechter stechen aber die anderen Taenzer, noch mehr
+die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung;
+nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine
+andere Welt versetzt.
+
+Nach ein Uhr kamen wir ermuedet, als haetten wir mitgetanzt,
+zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren.
+
+
+
+Vauxhall
+
+
+[Fussnote: der Vergnuegungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts
+und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, urspruenglich der Name
+eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Bluete
+des Vergnuegungsortes auch fuer aehnliche Anlagen in anderen Staedten,
+so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.]
+
+Reizender, blendender, feenhafter laesst sich nichts denken als dieser,
+in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten,
+besonders in sogenannten Galanaechsten, wenn er zur Feier des Geburtstages
+irgend eines Mitglieds der koeniglichen Familie in doppelter Erleuchtung
+prangt. Gegen fuenfzehntausend wohlgekleidete Maenner und Frauen wandeln dann
+im Schimmer unzaehliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde
+zwischen schoenen Baeumen und bluehenden Straeuchern im froehlichsten Gedraenge
+umher. Musik toent durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und
+Vergnuegen; es ist, als betraete man das Paradies der Mohammedaner.
+Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben
+prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhoeht.
+
+Gleich der Eintritt in diesen Zauberort ueberrascht und blendet.
+In der Mitte eines grossen, ringsum mit schoenen Baeumen umgebenen Platzes
+erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen
+zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen naechtlichen Himmel
+wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht
+das phantastische Gebaeude da, und doch innerlich fest genug, um nahe
+an hundert Personen sicher zu tragen.
+
+Hinter den ebenfalls erleuchteten Baeumen ziehen sich oben
+bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen
+und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich
+Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, ueberall funkelndes Licht
+und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere
+hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt
+die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemaelde endigen die
+erleuchteten Alleen; Saele mit Statuen, Transparenten, Blumen und
+kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kaelte, Wind
+und ploetzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen
+Saelen spielen kleine Musikchoere.
+
+Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwaerter stehen neben
+den Bogen, welche den grossen Platz umgeben. Jedes Winks bereit,
+besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem,
+was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getraenken
+verlangen kann.
+
+Das Orchester besteht groesstenteils aus Blasinstrumenten. Wir hoerten hier
+unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit,
+deren Moeglichkeit wir nie getraeumt haetten. Ein im Dienste des Prinzen
+von Wales stehender Kuenstler blies es.
+
+Auch die beliebtesten englischen Theatersaenger, einige wenige
+der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien,
+Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesaengen hoeren. Im Freien
+klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem
+Feentempel erschallenden maechtigen Toene in der funkelnden,
+schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich;
+denn trotz der grossen Menschenmenge hoert man doch nirgends
+wilden Laerm auf diesem Platze. Schweigend oder fluesternd
+wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns
+in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft.
+
+Dort sehen wir in einem grossen, sich bewegenden Gemaelde einen Wasserfall
+auf das taeuschendste dargestellt. Man hoert das wilde Rauschen
+der Flut und sieht sie in staeubendem Schaum sich verwandeln.
+Die Szene belebt noch eine am Fusse des Wasserfalls angebrachte Bruecke,
+ueber welche mancherlei Fuhrwerke, Fussgaenger, Reiter und Tiere
+passieren, alles auf's natuerlichste und taeuschendste dargeboten.
+
+Von hier kehrt man zum Orchester zurueck, von welchem um diese Zeit
+gewoehnlich eine grosse Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstueck
+erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht
+die verschiedenen Saele. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man
+es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns
+in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke,
+bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht
+im Wiener Prater denken muss. Nach dem Feuerwerke verteilt sich
+der groesste Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen,
+selbstgewaehlten Kreisen froehlich zu Abend isst und dabei die draussen
+umher wandelnde schoene Welt die Musterung passieren laesst.
+
+Spaeterhin wird auf dem gruenen Rasen in der Naehe des Orchesters
+getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, moegen freilich wohl nicht
+die unbescholtensten sein. Schwerlich wuerde sich in London
+ein Maedchen von gutem Rufe zu einer solchen oeffentlichen Ausstellung
+verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Taenzerinnen
+und schliessen daraus, dass sie vom Unternehmer der Anstalt
+hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit
+dem Ausdruck der Freude und dennoch anstaendig, so dass sie
+eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schoen, jung
+und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl
+eigentlich sein moechten?
+
+Gewoehnlich bricht der Tag ueber alle diese Freuden an, doch
+pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen;
+spaeter artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch,
+als dass man gern dabei verweilen moechte.
+
+
+
+Konzerte
+
+
+Beruehmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren
+ein Vermoegen erwarben, das sie auf dem festen Lande waehrend
+einer ganzen Lebenszeit nicht erworben haetten, wissen am besten,
+wie man hier die Musik liebt.
+
+Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr
+nicht bloss an Talent, sondern auch an Gehoer und Geschmack.
+Daher gibt's nichts Ungefaelligeres, Monotoneres als die englische
+Volksmusik. Wir haben schon frueher bemerkt, dass hier der Text
+mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst
+des Saengers.
+
+So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Grossen aber,
+welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen,
+nehmen auslaendische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr
+als fuerstlich. Viele von ihnen haben in ihren Haeusern zu bestimmten
+Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde beruehmte Tonkuenstler
+teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft
+oder Adresse nach London kommt; sein Glueck ist gemacht.
+
+Verschiedene grosse Subskriptionskonzerte existieren den Winter ueber
+in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen
+engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind,
+werden groesstenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten.
+Das glaenzendste derselben wird waehrend der beiden letzten
+sogenannten Wintermonate woechentlich einmal in Hanover Square,
+in einem schoenen, hochgewoelbten Saale gegeben, an welchen
+zwei brillante Konversationszimmer stossen. Es ist hauptsaechlich
+der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnuegen
+gewaehrt als dies. Das sehr glaenzende Auditorium war still und
+aufmerksam. Londons beste Saenger wetteiferten miteinander.
+Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor
+in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des
+beruehmten Klavierspielers [Fussnote: Tochter Domenico Corris,
+eines Opernkomponisten. Corri gruendete 1797 mit seinem Schwiegersohn
+Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte.
+Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Boehmen, gest. 1812 in Paris)
+war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose
+am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere liess sich auch
+auf der Harfe hoeren, die sie meisterhaft spielte. Besonders
+entzueckte uns der Tenorist Braham [Fussnote: eigentlich Abraham, John;
+(1774-1856). Bedeutender Saenger, der zeit seines Lebens in London wirkte.
+In Webers "Oberon", der fuer London komponiert wurde, war er
+der erste Hueon.], welcher damals vielleicht die schoenste Stimme hatte,
+die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heisst Abraham.
+Arien, Duette und vierstimmige Musikstuecke wechselten miteinander ab,
+manches musste wiederholt werden, denn der Englaender, hoch oder
+niedrig, laesst sich's nicht nehmen, fuer sein Geld zu befehlen,
+ohne Umstaende und Ansehen der Person. Die Kuenstler muessen gehorchen,
+wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende
+noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's
+hierzulande nennt.
+
+Am Ende des Konzerts sang ein siebenjaehriger Knabe, der Sohn
+des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug fuer sein Alter.
+Die Gutmuetigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende
+Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored,
+obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen
+gleich nach Brahams maennlich schoenem Gesange auch nur einmal
+anzuhoeren.
+
+
+
+Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens
+
+
+Kein Fuerst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen
+kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der
+Koenig von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte,
+winkelige, rostige Gebaeude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James
+Palast prangt [Fussnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die staendige
+Residenz der englischen Koenige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809
+zerstoerte ein Feuer den Ostfluegel, so dass wenig mehr vom alten Tudor
+Palast uebrigblieb.]. Auch bewohnte Koenig Georg der Dritte es
+gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein grosses Bette mit
+rotsamtenen Vorhaengen im grossen Leverzimmer.
+
+Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise
+in diesem koeniglichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften
+begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich
+im Palaste der Koenigin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield,
+Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und
+von Georg IV. 1825 nach Plaenen von Nash umgebaut und spaeter
+noch mehrmals ergaenzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb.
+Seit dem Regierungsantritt der Koenigin Victoria (1837) Residenz
+der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas
+moderneren Gebaeude, welches aber auch, weit entfernt von aller
+koeniglicher Pracht, weder sehr gross noch sehr schoen aus blossen
+Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James
+anstossenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner.
+
+Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schoene grosse Wiese,
+durchschnitten von angenehmen Fusswegen, belebt durch einen ihn
+durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten
+Gruppen schoener alter Baeume. Alles darin ist einfach, aber
+unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser laendlichen Stille
+mit dem Geraeusche der grossen Hauptstadt, aus welchem man
+unmittelbar hineintritt.
+
+Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gaerten.
+Der Green Park zieht sich laengs diesen hin, ebenfalls eine
+zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Baeumen besetzt.
+Der Hyde Park begrenzt beide; groesser als sie, geht er bis an
+die Gaerten von Kensington; ein in mannigfaltigen Kruemmungen
+sich hindurchwindender silberheller Strom verschoent ihn;
+Kuehe und schoene Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und gruen,
+als waere man hundert Meilen von der Stadt.
+
+Wenn man vom Hyde Park aus in die Gaerten von Kensington tritt,
+waehnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein;
+so majestaetisch erheben die hohen, schoenen Baeume, der ausgezeichnetste
+Schmuck jener Gaerten, ihr praechtiges Laubgewoelbe. Diese Gaerten,
+das gewoehnliche Ziel der Spaziergaenger, gehoeren ebenfalls dem Koenige
+und stehen, solange die schoene Jahreszeit waehrt, von acht Uhr morgens
+bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen.
+Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch
+nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin
+und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst
+nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade
+einer grossen Hauptstadt. Angefuellt mit Spaziergaengern, die unter
+diesen praechtigen Baeumen lustwandeln, machten sie einen ebenso
+reizenden als imposanten Eindruck.
+
+Der zu diesen Gaerten gehoerende Palast von Kensington verdient nur
+wegen seines Eigentuemers diesen praechtigen Namen. Die koenigliche Familie
+kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt,
+welche vom Koenig die Erlaubnis dazu erhielten.
+
+Jeden Sonntag nachmittags bei schoenem Wetter wimmelt im Sommer
+der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergaengern, die zwar
+Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als wuerden sie
+wirklich mitgezaehlt. Alles was die Woche hindurch sich in den
+Ladengewoelben und Arbeitszimmern der City abmuehte und kein Haus
+zu hueten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schoepfen,
+gruene Baeume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen.
+
+Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm;
+weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Fruehling
+gewaehrt. An schoenen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung
+zwischen zwei und fuenf Uhr nachmittags, faehrt, reitet und geht
+dann die schoene Welt dort spazieren. Eine unzaehlbare Menge
+der schoensten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken
+in dieser Zeit den durch Hyde Park fuehrenden Fuhrweg bis Kensington;
+kein Fiaker, kein oeffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren;
+nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern koennte,
+dass es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm
+sind. Der Anblick der vielen schoenen Reiter und Pferde,
+der tausend Equipagen von allen Formen und Groessen, der schoenen
+Frauen und lieblichen Kinderkoepfchen, die aus diesen herausgucken,
+ist einer der praechtigsten, den nur irgendeine grosse Hauptstadt
+gewaehren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis
+der Opulenz und Bevoelkerung Londons.
+
+Auch die Spaziergaenge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil
+jene schimmernden Equipagen verliessen, um hier zu lustwandeln
+und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen
+von Kensington; man hat berechnet, dass an solchen Tagen bisweilen
+hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gaerten
+von Kensington des blauen Himmels und der schoenen Erde freuen.
+
+Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort,
+besonders, wenn bei starker Kaelte der Strom im Hyde Park mit Eis
+bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhlaeufer ihre Kuenste,
+man eilt hin, sie zu bewundern; fuer Erfrischungen und Waerme
+ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist,
+fuer Hilfe bei moeglichen Ungluecksfaellen, durch eine sehr zweckmaessige,
+an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt.
+
+
+
+Des Koenigs Geburtstag
+
+
+Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger
+Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte,
+ist fuer die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre,
+der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet,
+er gibt fuer die naechsten zwoelf Monate den Ton an fuer Moden, Equipagen;
+alles wird fuer diesen Tag und nach diesem Tag berechnet.
+So war es wenigstens, solange des alten Koenigs Gesundheit
+ihm erlaubte, sich oeffentlich sehen zu lassen. Sein spaeteres
+anhaltendes Uebelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage
+ueblichen Zeremonielles manche Aenderung herbeigefuehrt haben,
+doch die Hauptsache blieb gewiss, solange er lebte, und es wird
+auch spaeter, solange es Koenige von England gibt.
+
+Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider,
+Juweliere und Modehaendler in grosser, eilender Geschaeftigkeit;
+neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht,
+Juwelen umfasst, Pracht-Equipagen und glaenzende Livreen angeschafft,
+alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glaenzen,
+denn viel laenger waehrt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen
+tun freilich das ihrige nach besten Kraeften, um diesen Glanz,
+soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie fuellen viele Tage hindurch
+lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quaestchen
+an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperuecken der Herren
+wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden
+nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene
+Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer.
+
+Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr
+viele Leute vor einer kleinen Hintertuere des Palastes, die den Koenig
+dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House kaeme.
+Kanonendonner verkuendete einstweilen die Feier des Tages;
+Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk
+hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen
+langer Regierung der groesste Teil desselben geboren ward.
+Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedraenge
+zu geraten, sondern begaben uns in die schoene und breite Strasse
+von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes fuehrt.
+Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug
+der Glueckwuenschenden bequem ansehen.
+
+Es war ein schoener, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon
+der ziemlich langen Strasse blieb unbesetzt, frohe Gesichter
+schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedraengt, sogar die Daecher
+wimmelten von Zuschauern; eine unzaehlbare Menge wohlgekleideter
+Leute draengte sich auf der Strasse weit ueber den Fusspfad hinaus,
+so dass in der Mitte kaum Platz fuer die Wagen blieb. Eine Menge
+Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange,
+stillstehende Reihe. Fast lauter huebscher Frauen und Maedchen
+blickten neben den reizendsten Kinderkoepfchen neugierig
+daraus hervor in das bunte Gewuehl. Vor dem Schlosse paradierte
+die schoene koenigliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente
+standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Koenigs
+eigentlich eine Art Schweizergarde [Fussnote: King's Body Guard
+Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache fuer den Herrscher aufgestellt.
+Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst
+versehen und bedeutend frueher gegruendet wurden.]. Ihre Kleidung
+ist noch genau dieselbe, die sie im fuenfzehnten Jahrhundert war,
+bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten
+des Koenigs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre
+wohlgenaehrten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen.
+So sonderbar sie in der ueber und ueber mit Gold besetzten, scharlachroten
+altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Ruecken glaenzenden
+silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen
+gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung
+dem Feste doch etwas Feierliches, Altvaeterisches, das uns
+in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt,
+als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie
+aus dem Palaste wo sie ihren Glueckwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen
+nach einer Taverne zog, um dort auf des Koenigs Gesundheit
+feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher,
+karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte
+God save the King geblasen [Fussnote: in dem zu jener Zeit stark
+feuergefaehrdeten London gab es keine staedtische Feuerwehr,
+sondern die Phoenix Versicherungsgesellschaft hielt sich
+eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein
+bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.].
+
+Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare
+Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren.
+Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick.
+Nirgends kann man praechtigere Kutschen von der neuesten, noch nie
+zuvor gesehenen Form, nirgends schoenere, stolzere Pferde erblicken.
+Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt
+vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde,
+aber der mit einer grossen, runden Peruecke versehene, auf dem
+befransten Bocke majestaetisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt.
+Wie in anderen Laendern Schnurrbaerte, so sind in England solche
+dicken runden Peruecken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer
+der Herr, je groesser sind die Peruecken.
+
+Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich
+bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen
+nahmen sich von oben nicht sehr grazioes aus in dem ueberladenen
+Putze und der steifen, aengstlichen Stellung; fast wie die ueberfuellte
+umgestuelpte Schachtel einer Modenhaendlerin, ein formloser Berg
+von Flor, Blumen, Federn und tausend schoenen Sachen.
+
+Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung,
+mit schweren goldenen Ketten geschmueckt, fuhren in grossen, ueber und ueber
+vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen ueberall
+fast ebenso vergoldete Bediente mit grossen Federhueten hingen.
+Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten
+nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte
+Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren.
+
+Die Herzoege von York, von Glocester und andere Glieder der koeniglichen
+Familie sassen in beinahe ganz glaesernen Staatswagen, so dass man sie
+von allen Seiten deutliche sehen konnte.
+
+In alle diese Pracht mischten sich ganz gewoehnliche Fiaker
+und behaupteten ihren Platz in der glaenzenden Reihe so gut wie die anderen.
+Groesstenteils sassen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel
+neben uns wollte in einem derselben drei Bischoefe erblicken, die so,
+das Stueck fuer sechs Pence, an den Hof fuhren.
+
+Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete
+Portechaisentraeger ihren Hundstrott, mit schoen aufgeputzten
+Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden
+glaenzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten
+begleitete jede derselben.
+
+Von ein bis sechs Uhr waehrte dieser Zug ununterbrochen fort,
+ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen,
+machten dem Koenig und der Koenigin ihr Kompliment, vielleicht ohne
+im Gewuehl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort,
+um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude,
+mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen.
+
+Nach der Cour gab die Koenigin ein Familiendinner, das einzige im ganzen
+Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafuer besoldete
+Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muss. Auch zum Konzert
+werden nur wenige von den Vornehmsten auserwaehlt und zugelassen. Sonst
+pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der hoechstens zwei
+Stunden waehrte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den
+Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnuegt man sich mit uebrigen
+Freuden des Tages.
+
+Abends waren einige oeffentliche Gebaeude, die Theater und die Haeuser
+der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich huebsch
+illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag.
+
+
+
+Pension fuer Maedchen
+
+
+[Fussnote: der fuenfzehnjaehrige Arthur notierte dazu: "Mittwoch
+den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt
+dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schoene Aussicht.
+Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School)
+von jungen Maedchen, wo Hr. Harris auch zwey Toechter hatte.
+Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball,
+wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer
+hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier ueber 40
+junge Maedchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem
+Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn.
+Nachher wurden ein Paar Taenze getanzt in die sich auch Herren mengten,
+und die ich auch mittanzte."]
+
+Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend
+bei London einem Zuge von dreissig bis vierzig jungen Maedchen, auf dem
+Fusspfade neben der Landstrasse andaechtig zur Kirche wandelnd. Es war ein
+lieblicher Anblick. Schneeweiss gekleidet, mit artigen Strohhueten, gingen
+sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufbluehender
+jugendlicher Schoenheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit.
+Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend ueber jeden Tritt,
+jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf
+dem ernsten Wege entschluepfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein
+aehnlicher Zug Knaben daher, dem naemlichen Ziele zuwandelnd, begleitet
+von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und gruessten sich wohl
+als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig
+an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zoeglinge aus
+irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich
+zum Gottesdienste getrieben werden. Doerfer und Flecken ringsumher
+wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast
+niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und
+Unruhe machen wuerden. Sowie Knaben und Maedchen aus der Kinderstube
+kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst
+nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das vaeterliche
+Haus zurueck.
+
+Die Maedchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig
+Gruendliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch
+weiss eine Englaenderin selten, wie es ausser ihrem Vaterlande aussieht
+und was dort in frueheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der
+franzoesischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht,
+aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert;
+schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm
+in einer fremden Sprache Rede stuende. Musik und Zeichnen
+wird sehr oberflaechlich und gewoehnlich nur betrieben, um beides
+spaeterhin so bald als moeglich wieder zu vergessen. Die Maedchen
+lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige
+Papparbeiten, Kaestchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen,
+tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich fuer's Haus braucht,
+bleibt ihnen gewoehnlich unbekannt. Der Hauptzweck des groessten Teils
+der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen,
+einmal im Jahre mit ihren Zoeglingen recht zu glaenzen, wenn sich
+die Eltern und Verwandten derselben bei dem grossen Pruefungsfeste
+versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hoert schon aller
+ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder
+fuer den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstuecke werden ihnen
+eingelernt, die sie vor der entzueckten Versammlung mechanisch
+ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters
+verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt,
+sie fuer den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und
+der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause.
+
+Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Toechter in dem nahe bei London
+gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, fuehrte uns
+zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr grossen Hauses
+empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen grossen Saal
+gefuehrt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Muetter und uebrigen
+Verwandten der jungen Maedchen sassen; die Zoeglinge selbst waren
+am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch
+uebereinander sich erhebender Baenke wie zur Schau ausgestellt.
+Auch gewaehrten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich
+fuenfzig junge Maedchen von acht bis sechzehn Jahren, huebsch,
+in bluehender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform
+des Hauses gekleidet, mit schneeweissen kurzen Kleidern und
+blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schaerpe
+um den Leib war ihr ganzer Putz; so sassen sie da, gluehend
+vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude.
+
+Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball.
+Die Maedchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Taenze;
+keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine kuenstlichen Spruenge,
+sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche
+der Tanzmeister fuer sie eigens komponiert hatte und die wohl
+sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten
+wie dieser. Die geschickten Taenzerinnen hatten kleine Solos darin,
+um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie
+von Muettern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei
+arme kleine Hollaenderinnen standen traurig und unbemerkt
+in einer Ecke allein, niemand bekuemmerte sich um die Fremden,
+die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren.
+Wir, Fremdlinge wie sie, fuehlten uns ihnen verwandt, riefen sie
+zu uns, erzaehlten ihnen, dass wir unlaengst aus ihrem Vaterlaende kaemen,
+und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen
+die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Laenge etwas langweilige
+Paradetaenze abgetan waren, kamen einige englische und schottische
+an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, huepften
+die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge
+anwesende Vettern und Brueder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen
+herumzudrehen.
+
+Mit stiller Ruehrung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten
+sich die holden Geschoepfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick,
+da wir dies niederschrieben, schon laengst mit seinem ganzen Ernste
+ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen
+der Zukunft entgegen, als waere auch sie ein Tanz der Freude;
+jetzt fuellen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich
+hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Traenen der Sehnsucht.
+Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verliessen sie,
+noch mitten in der Freude, mit stillen Wuenschen fuer die Zukunft.
+
+
+
+Pension fuer Knaben
+
+
+Gewoehnlich sind es Landprediger, die irgend ein grosses schoenes Lokal,
+unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen
+und neben ihren Berufsgeschaeften dieses Erziehungsgeschaeft treiben,
+wobei sich die sehr ehrwuerdigen Herren ungemein wohl befinden.
+[Fussnote: dazu notierte Johanna in einer Fussnote. "Most reverend Sir,
+sehr ehrwuerdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."]
+
+Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster
+in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen.
+Sie gilt fuer eine der besten, selbst Lord Nelson liess zwei seiner Neffen
+da erziehen [Fussnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurueckgezogen
+mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805
+schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-franzoesische
+bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde
+gleichen sich alle; nur die Zahl der Zoeglinge, die groessere oder
+beschraenktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander.
+
+Der sehr ehrwuerdige Herr zu Wimbledon befasste sich gar nicht mit
+dem Unterrichte; unsichtbar fuer seine Schueler sass er den Tag ueber
+in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloss
+als Kostgaenger, nicht als Schueler in seinem Hause lebten, im Englischen
+unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er
+auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport
+abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen
+wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht ueber die Schueler hatte,
+gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem
+naemlichen grossen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder,
+und die Schueler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen.
+Dies waehrt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwoelf.
+
+Die Schule wird mit Gebet eroeffnet und geschlossen, ganz nach
+der englischen Liturgie, wobei auch des Koenigs, seines Hauses,
+der Schwangeren und Saeugenden usw. von den Knaben christlich gedacht
+werden muss.
+
+Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie,
+Geschichte, Schreiben, Rechnen und der franzoesischen Sprache.
+Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muss es besonders
+bezahlen; die Lehrer dazu kommen woechentlich einige Male von London
+herueber; an alles uebrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland
+lernen, wird nicht gedacht.
+
+Die Zoeglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht
+des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm
+auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter
+seiner Aufsicht auf dem grossen Hofe und werden taeglich in einem
+grossen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen
+werden muss.
+
+Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach
+angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Ruecksicht auf Alter,
+Charakter und Faehigkeit. Wie koennte es anders sein, ihrer sind sechzig,
+zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der
+die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, dass er auf drei Wochen
+die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel
+des sehr ehrwuerdigen Herrn mit den Kostgaengern und der uebrigen
+Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel
+erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie
+nur ungefaehr zwoelf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeitraeumen
+unter seiner Aufsicht hat.
+
+Die Kostgaenger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen
+dem ehrwuerdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schueler.
+Nur einige Schueler, deren Eltern es zu bezahlen vermoegen, gehoeren
+auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber
+an dem gut besetzten Tische, koennen nach Herzenswunsch im Lustgarten
+und im Obstgarten ihr Wesen treiben, waehrend ihre Kameraden
+auf dem oeden Hofe bleiben muessen und entsetzlich gepruegelt werden,
+wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben.
+So muessen die Kinder schon in der Jugend lernen, dass dem Reichen
+alles erlaubt, und Geld daher das hoechste Ziel ist, wonach man
+zu trachten hat.
+
+Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt
+oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe
+aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen.
+Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiss, so schreibt
+der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn
+Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer
+gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir
+oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens,
+ob sie ihre Aufgabe gewusst haben? Sie muessen natuerlich mit "Nein"
+antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er:
+was sie dafuer verdient haetten? Sie antworten: gepruegelt zu werden,
+und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwuerdige Herr an ihnen
+dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander,
+ohne Ruecksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist,
+und dazu auf die beschimpfendste Weise.
+
+Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so
+verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so
+sonnenklar waere, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet.
+Der Klaeger muss Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch
+so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er
+nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles
+wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstuehlen; den
+Charakter der Kinder zu ergruenden, ihr Gefuehl fuer Recht und Unrecht im
+hoeheren Sinn, ihre Liebe fuer das eigentliche Wissen zu bilden, daran
+denkt niemand.
+
+Wir enthalten uns aller Bemerkungen ueber eine solche Erziehungsmethode,
+jeder macht sie gewiss selbst und fuehlt, welchen Vorzug auch in
+dieser Ruecksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben,
+und welche Resultate sich von einer solchen fruehen Behandlung
+erwarten lassen.
+
+Sonntagmorgens werden die Schueler im Schulzimmer versammelt.
+Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton,
+einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Uebung
+haelt er seinen Schuelern die Predigt, die er mittags dort halten wird,
+erst einmal in der Fruehe. Damit verbindet er den in der englischen
+Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so dass das Ganze eine
+starke Stunde waehrt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern
+paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung
+der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie
+bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen muessen.
+Nachmittags werden sie wieder auf die naemliche Weise zur Kirche getrieben,
+und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube grosser Gottesdienst
+gehalten, wobei wieder des Koenigs und seines Hauses gedacht wird.
+Zwischen allen diesen Andachtsuebungen muessen sie in der Bibel lesen
+und duerfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele
+aber und alle lauten Ausbrueche der Freude sind hoch verpoent,
+und werden streng bestraft.
+
+
+
+Das Britische Museum
+
+
+[Fussnote: groesstes Nationalmuseum Grossbritanniens (Geschichte, Archaeologie,
+Kunst und Voelkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen
+Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung
+des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House
+untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum
+beschraenkt werden liess, erbauten die Brueder Smirke in den Jahren
+1823-55 das neue Museum.]
+
+Diese reiche, in einem schoenen Lokal aufgestellte Sammlung verdient,
+der grossen Nation anzugehoeren, deren Namen sie fuehrt. Der unermuedliche
+Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts
+den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum
+der Nation vermachte. Mehrere grosse Sammlungen wurden damit vereinigt,
+und so erreichte das Ganze den Grad von Vollstaendigkeit, auf welchem
+es sich heute befindet.
+
+Die praechtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schoenste
+Zierde desselben; [Fussnote: Altertumsforscher (1730-1803);
+nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji
+teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton.
+Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch
+die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb
+ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquites etrusques,
+grecques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir
+im Anschauen dieser schoenen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten
+gluecklich benuetzt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen
+haesslichen, verkrueppelten Formen verbannten und nach und nach
+unserem Hausgeraete die jetzt uebliche schoene, geschmackvolle Gestalt
+gaben.
+
+Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schoenen Jahrhunderte der Roemer
+und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger
+Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgoetter, unendliches kleines Geraet,
+aus den Graebern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum
+freundlichen Tageslicht gefoerdert, vergegenwaertigte uns das heitere,
+gefaellige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir
+in diesen Zimmern verweilten.
+
+Schnell streiften wir hernach durch die Saele, welche das
+Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so
+auch durch das sehr betraechtliche Muenzkabinett. Wenn man in seiner Zeit
+so beschraenkt ist, wie wir es hier waren, so muss man entbehrend zu
+geniessen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Musse
+betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu
+nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenstaenden verwirrt und
+ermuedet ohne allen Nutzen.
+
+Auch die von Kapitaen Cook [Fussnote: James (1728-79), Forscher und
+Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch
+G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem
+fuenften Weltteile mitgebrachten Merkwuerdigkeiten, die hier ein
+ganzes Zimmer anfuellen, betrachten wir nur im Voruebergehen.
+
+Mehrere Zimmer enthalten in Schraenken, mit Drahtgittern versehen,
+die grosse, reichhaltige Bibliothek. Ausser eine grossen Zahl aelterer,
+zum Teil sehr seltener Buecher, fasst sie beinahe alles, was bis auf
+den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium
+gedruckten Buche muss ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten
+nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden.
+
+Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen
+Palmblaettern und in Stein gehauenen aegyptischen Hieroglyphen an bis auf
+die krausen, bunten Schriftzuege der Moenche des Mittelalters, werden hier
+aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der
+interessantesten und beruehmtesten Menschen spaeterer Zeiten; eine
+unendliche Fundgrube fuer den Geschichtsforscher, dem ein freundliches
+Geschick erlaubt, sie mit Musse und Auswahl zu benutzen. Und welch ein
+Feld wuerde sich hier dem Anekdotenjaeger und Zeitblaettler eroeffnen, der
+nach Willkuer fouragieren koennte! Wie viele Baende interessanter Briefe
+koennten da ausgewaehlt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und
+schreibsuechtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein
+Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Koenige und
+Koeniginnen, vieler Maenner, die auf ihr Zeitalter wirkten, fuellen,
+wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schraenke.
+
+Man war so gefaellig, uns manches zu zeigen; unter anderem
+einen ganzen Band eigenhaendiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe
+der Koenigin Elisabeth an ihren ungluecklichen Liebling, Grafen Essex.
+Ihre Handschrift ist merkwuerdig. Diesen nicht schoenen, aber mit Schnoerkeln
+ueberladenen, sehr grossen Buchstaben sieht man es an, dass sie langsam
+und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte,
+die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, moechte man in etwas veraendertem
+Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zuegen spricht
+kein Herz!" Auch von dieser ungluecklichen Nebenbuhlerin Elisabeths
+werden hier viel Briefe aufbewahrt, groesstenteils in franzoesischer Sprache.
+Besonders ruehrend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend
+und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte,
+ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt
+bereitete.
+
+Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche
+Wilhelm der Eroberer [Fussnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028
+als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie.
+1051-52 weilte er als Gast Koenig Eduards des Bekenners in England,
+der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England--
+er liess sich 1066 in Westminster kroenen--stiess das Land
+in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstaende; dennoch gelang es
+ihm, ein autokratisches Koenigtum in England zu errichten und ein
+streng durchgefuehrtes feudales Lehenssystem zu begruenden.]
+an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand
+in franzoesischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch
+und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte
+war er bloss aus Liebe zu dem Volke heruebergekommen, um dieses
+gluecklich zu machen.
+
+Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man",
+so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen
+und Aenderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen
+den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht
+ist auf kleinen Papierstuecken sehr schlecht und unleserlich
+niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette,
+ja sogar auf den Raendern alter Zeitungsblaetter, und dann mit Stecknadeln
+und seidenen Faeden bestmoeglichst zusammengeflickt.
+
+Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend
+das Heiligtum der Englaender, die urspruengliche Magna Charta,
+[Fussnote: liberatum, The Great Charter; Privileg fuer die englischen Staende,
+am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus,
+Adel und Staedten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung,
+Widerstandsrecht gegen willkuerliche Bestrafung, persoenliche Freiheit
+und persoenlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie
+verloren und ward gluecklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem
+ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen
+zum Massnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch
+etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher,
+kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten
+mit Ehrfurcht betrachtet.
+
+Gern waeren wir an einem anderen Tage ins Museum zurueckgekehrt,
+aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch.
+Zuviel Fremde wuenschten das Museum zu sehen, als dass die naemlichen
+oefter als einmal dazu kommen koennten. Nur wenige Personen duerfen
+zugleich zugelassen werden, und man muss sich lange zuvor um die Erlaubnis
+dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar oeffentlich gezeigt,
+aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden
+Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedraengt
+zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will,
+kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern
+erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen
+wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages
+den Arbeitenden offen.
+
+
+
+Herrn Whitbreads Brauerei
+
+
+Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren
+und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, groesser wie ein Haus
+in den Hochlanden! Kuehlfaesser wie Meere!--Diese Brauerei verdiente
+in Walhalla fuer Odins Helden den staerkenden Gerstentrank zu bereiten.
+
+Ohne fernere Ausrufungen koennen wir versichern, dass sie wenigstens
+zu Londons ersten Sehenswuerdigkeiten gehoert. Der alte Koenig,
+welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause
+ein Fruehstueck ein, das dem Eigentuemer auf fuenfzehnhundert Pfund Sterling
+zu stehen kam, und der beruehmte englische Dichter, Peter Pindar
+[Fussnote: Pseudonym fuer John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher.
+1778 kam er nach London und wurde ein gefuerchteter Satiriker,
+der weder vor der koeniglichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus
+zurueckschreckte.], war beflissen, diese merkwuerdige Begebenheit
+in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem
+fragte damals der Koenig Herrn Whitbread: wie viel Faesser er besitze?
+Die Antwort war: "Der Laenge nach dicht aneinandergelegt, moechten sie wohl
+von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor
+zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese
+ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads
+gar nicht unwahrscheinlich.
+
+Eine nicht grosse, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine
+ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste,
+geraeuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, dass sie
+die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschaeftigen Pferden verrichtet.
+Sie schafft das noetige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter
+durch unterirdische Kanaele quer ueber die Strasse in ein anderes Gebaeude,
+wo er in Faesser gefuellt wird, bringt die Faesser zum Aufladen
+aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, ruehrt es in den zwanzig Fuss
+tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen
+Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebaeudes.
+
+Dort sind auch die ungeheuer grossen, aber nur sechs Zoll tiefen
+Kuehlschiffe oder Zisternen zum Abkuehlen des Porters; wahre Seen,
+von denen man uns versicherte, sie wuerden fuenf englische Acker
+Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen,
+um kalt zu werden. Alles in dieser grossen Anstalt traegt das Gepraege
+der hoechsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender
+Leichtigkeit vonstatten.
+
+Taeglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue
+Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung
+bedacht, welche die drei grossen Kessel, jeder zu fuenfhundert Fuss,
+erfordern. Zweihundert Arbeiter werden taeglich beschaeftig und
+achtzig ungeheuer grosse Pferde. Letztere sind vielleicht die groessten Tiere
+ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben,
+welches krankheitshalber getoetet werden musste, wogen vierundzwanzig
+Pfund. Wahre Pferderiesen!
+
+In einem Gebaeude, hoch und gross wie eine Kirche, stehen neunundvierzig
+grosse Faesser, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn
+zum Gebrauch in kleinere abfuellt. Dadurch, dass er eine Zeitlang
+in so grosser Masse beisammenbleibt, soll er vorzueglich verbessert werden.
+Waere das Fass, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen,
+so konnte der Philosoph fueglich an einem runden Tische zwoelf Personen
+bewirten und noch ein artiges Boudoir fuer sich behalten.
+Das groesste dieser Faesser hat oben eine Art Balkon, zu welchem
+eine Treppe fuehrt, es ist siebenundzwanzig Fuss hoch und haelt
+zweiundzwanzig Fuss im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen,
+etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten
+gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz,
+mehrere enthalten dreitausendfuenfhundert gewoehnliche Faesser;
+der Heidelberger Kollege [Fussnote: das bekannte "Grosse Fass"
+im Heidelberger Schloss] kaeme in dieser respektablen Gesellschaft
+um seinen Ruhm.
+
+Als wir das Haus verliessen, waren wir wie betrunken vom Geruche
+des Porters; man muesste in dieser Atmosphaere schon von der Luft leben
+koennen. Die darin beschaeftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus,
+als ob sie sich auf solche Experimente einliessen.
+
+
+
+Greenwich
+
+
+Mitten im Geraeusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City,
+an der Londoner Bruecke, schifften wir uns auf einem der Boote ein,
+die, so wie die Fiaker in den Strassen, auf der Themse numeriert
+und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen.
+
+Diese Bruecke, die aelteste der drei, welche in London ueber die Themse
+fuehren, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden,
+um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen.
+Wie die Bruecke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng
+fuer den maechtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestuem draengt er sich
+wild brausend hindurch und verschlingt jaehrlich mehrere Opfer,
+welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier
+durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen muessen.
+
+Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit
+der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt
+wie die befahrenste Landstrasse von Barken und kleinen Fahrzeugen
+aller Art; eben ankommende oder abgehende grosse Schiffe bewegen sich
+majestaetisch durch sie hin, von allen Seiten ertoent das Rufen
+des froehlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen
+durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschaeftigten Arbeiter
+an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkuendigt hier
+den Markt der Welt.
+
+Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes
+uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten.
+Endlich, fuenf englische Meilen von der Stadt, breitete sich
+das Invalidenhospital von Greenwich [Fussnote: 1694 gegruendet
+und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht;
+gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.]
+mit seiner schoenen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen
+praechtig und gross vor unseren Augen aus.
+
+Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden
+Elementen endlich ermuedeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz;
+denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier
+voneinander ganz abgesondert liegende Gebaeude, die aber,
+von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger grosser Palast sich
+ausnehmen, geziert mit Saeulen, Balustraden und aller Pracht
+der neueren Architektur. Eine grosse Terrasse, die eine entzueckende
+Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom,
+zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg
+Georg der Erste [Fussnote: (1660-1727); Kurfuerst von Hannover,
+erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben
+der Koenigin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714
+hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, ueber welches
+er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James
+gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Koenige schloss!
+
+Das ganze Gebaeude ist aus schoenen Quadersteinen erbaut. Vorzueglich
+bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmueckte Kapelle.
+Sie prangt mit Marmorsaeulen, einem gut gemalten Plafond und jeder
+einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schoene grosse Hallen
+dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter,
+besonders zeichnet sich die groesste, mit einer Kuppel versehene Halle aus;
+sie ist hundertsechs Fuss lang und hat einen gut gemalten Plafond,
+schoene Saeulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf
+einem Huegel erbauten Sternwarte umgibt das Gebaeude von der anderen Seite.
+
+Es war ein schoener, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestaette
+am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und
+auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz
+ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See
+stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut.
+Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem muehevollen Leben aus.
+Sie wohnen fuerstlich, werden gut genaehrt und gepflegt, alle zwei
+Jahre neu, anstaendig, bequem gekleidet und erhalten woechentlich
+ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Beduerfnissen
+und Vergnuegungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet.
+Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem,
+was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch
+darin und kaempfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen
+Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemaelden, welche diese vorstellen
+und die Waende ihrer Speise- und Wohnsaele schmuecken.
+
+Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen.
+In langen, hohen, luftigen Saelen, welche zur Winterszeit von
+mehreren grossen Kaminen erwaermt werden, sind auf der den Fenstern
+entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajueten aehnlicher Kabinette
+dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach
+dem Saale ausgehenden Tuer zwei Fenster und ist gross genug,
+um ein nach englischer Art geraeumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl
+und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres
+als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster
+und Bett sind mit reinlichen Vorhaengen versehen, an den Waenden
+auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und
+Teekaesten, Glaeser, Tassen und dergleichen in gefaelliger Ordnung.
+Kupferstiche zieren die Waende. Jeder haengt daran nach Gefallen Bildnisse
+des Koenigs, der Koenigin oder beruehmter Seehelden auf; dazwischen
+Seeschlachten, Haefen und auch wohl manche lustige Karikatur.
+
+Hundertvierzig Witwen verdienter Seemaenner wohnen ebenfalls im Hause,
+sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken
+und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen
+selbst. Auch fuer die Waisen der gebliebenen Seemaenner ist hier
+gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile
+des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Vaeter erzogen. Noch
+dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten
+ausser demselben Pensionen.
+
+
+
+Die St. Paulskirche
+
+
+[Fussnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen
+1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes,
+auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten,
+dessen Plaene ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung
+Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan
+des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden
+Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und
+waehlten dafuer die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas,
+die Kirche waere nach der Peterskirche in Rom die groesste, ist irrig;
+die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls
+groesser.]
+
+Das Aeussere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt.
+Leider uebersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser
+als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten
+Standpunkt dafuer gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom
+die groesste in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof
+eingeklemmt zwischen Haeusern, umgeben von engen Strassen.
+Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz
+uebersehen koennte, ueberall draengt sich die Architektur vor und
+verhindert eine reine Uebersicht.
+
+Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare grosse Gebaeude
+dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer,
+denn leicht uebersieht man einige wenige Statuen und eine kleine,
+zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich
+in einem der Fluegel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche
+erbaut ist. Ueberall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille
+und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geraete gewahr,
+welches die Menschen noetig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe
+zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im hoechsten Sinne
+des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit,
+die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten
+in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar
+der Dom sich woelbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war
+kein erhebendes, es war mehr ein beaengstigendes Gefuehl.
+Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken
+und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Groesse dieser
+Steinmasse uns erst recht anschaulich.
+
+Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureissen.
+Solche Pygmaeen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche
+dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportuermten,
+und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste,
+noch ehe es sich in die Luefte erhob. Ja, er dachte es sich noch
+weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kraefte
+der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmuehten und doch nicht
+deutlich wussten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister
+und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der maechtigen
+Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt
+laengst eine Wueste ward wie Palmyra und Persepolis.
+
+Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume,
+in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner
+ertoente es durch das weite Gewoelbe, als man oben auf der Galerie,
+die am Fusse des Doms rings um denselben hinlaeuft, eine Tuer zuwarf.
+Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick
+von dort hinab und hinauf. In der Hoehe glaubt man eine zweite Kirche
+sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewoelbe
+des Doms. In der Tiefe scheint der aus grossen schwarzen und weissen
+Marmorquadern zusammengesetzte Fussboden wie feines Mosaik.
+Die Galerie heisst die Fluestergalerie, Whispering Gallery, weil das
+an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich
+vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen
+die Wand gesprochen wird.
+
+Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis aussen, wo auf
+der hoechsten Hoehe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt.
+Wir betraten die ihren Fuss umgebende Galerie mit der Hoffnung,
+aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns
+die Naehe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft
+die Ferne.
+
+Ein Trupp Matrosen, den wir mit grossem Geraeusche heraufsteigen
+hoerten, trieb uns hinunter.
+
+Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunaechst gelegene
+sehr volkreiche Strasse nach Hause gingen, sahen wir alle Fussgaenger
+still stehen und aengstlich nach dem von unten sehr klein
+scheinenden Kreuze hinblicken, welches ueber einer Kugel oben
+auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir
+sahen natuerlicherweise hin und bemerkten etwas oben am aeussersten
+Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases
+entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin
+in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende
+Vergnuegen, auf dieser entsetzlichen Hoehe allerhand gefaehrliche
+Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine
+zu stehen, bloss um die Zuschauer unten in aengstliche Bewunderung
+zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen
+schwankenden Mastkorbe, gewiss laengst jede Idee von Schwindel
+verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt
+trotz seiner Hoehe wohl gar nicht gefaehrlich duenken, waehrend
+uns andere beim blossen Anblick banges Grausen ergriff.
+
+
+
+Der Tower
+
+
+[Fussnote: alte Stadtfestung und Gefaengnis von London; aeltester
+Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Graeben
+wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den
+zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.]
+
+Wir wollen die Loewen sehen, sagen die englischen Paechter- und
+Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt
+und ihren Merkwuerdigkeiten unternehmen. Diese Loewen, eigentlich
+die im Tower aufgewahrte koenigliche Menagerie, dienen ihnen,
+als die Hauptmerkwuerdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles
+Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt
+ihrer Residenz durch diese Popularitaet etwas verrufen, und
+ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen.
+Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches,
+mit dem hohen Stil ganz Unvertraegliches zu unternehmen,
+und suchten den Tower mit seinen Loewen am aeussersten Ende der City auf,
+wo er nahe am Ufer der Themse liegt.
+
+Graemlich und duester blickt dieser uralte Schauplatz unzaehliger
+Greuel mit seinen grauen Tuermen ueber den ihn umgebenden Wassergraben.
+In einem dicht ueber demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewoelbe
+ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher
+hineingefuehrt wurden. Sie heisst das Tor der Verraeter, Traitor's Gate;
+man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange,
+der sich hinter ihnen oft fuer immer verschloss.
+
+Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not
+fuer eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen
+vergitterten Fenster ueber dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer,
+in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen
+Soehne seines Bruders ersticken liess, als sie eben sanft und ruhig
+im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr traeumten.
+Uns geluestete nicht, das Mordzimmer zu betreten.
+
+Eine alte Sage gibt Julius Caesar fuer den ersten Erbauer dieser Veste
+an; die Geschichte aber sagt uns, dass Wilhelm der Eroberer
+in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine
+vielgeliebten Londoner im gehoerigen Respekt zu erhalten. Man sieht
+es dem sehr weitlaeufigen Ganzen an, dass kein fester Plan bei dessen
+Gruendung vorwaltete, sondern waehrend der Regierung mehrerer Koenige
+bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward.
+
+Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschliesst
+in seinem Bezirke mehrere Strassen, eine Kirche, Magazine, Kasernen
+fuer die Garnison, Haeuser fuer die Offiziere, Zeughaeuser, die Muenze,
+nebst Wohnungen fuer die dabei beschaeftigten Offizianten und sonst
+noch mancherlei Gebaeude. Ein breiter Wassergraben laeuft ringsumher,
+und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art
+Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen
+Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen
+Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder
+Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden
+Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten
+Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen traegt gleich am Eintritte
+dazu bei, uns in fruehe dunkle Jahrhunderte zu versetzen.
+
+Die Muenze mit den dazugehoerigen Gebaeuden nimmt ein gutes Drittel
+des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weisse Turm,
+die Schatzkammer und die Loewen zu sehen. Letzteren machten wir
+zuerst unseren Besuch.
+
+Nicht nur Loewen werden hier in einer besonderen Abteilung
+in starken Kaefigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und
+mehrere Arten wilder Bewohner der Wuesten, grimmige stattliche Bestien,
+denen man es ansieht, dass sie gut gehalten werden. Nach englischer
+Sitte hat jede derselben ausser dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer
+in ihrem Kaefig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen
+Namen, besonders die Loewinnen; da findet man eine Miss Howe, Miss Jenny,
+Miss Charlotte, Miss Nanny, als waere man auf einer englischen Assemblee.
+Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es
+ist merkwuerdig, dass diese gerade die wildesten und unbaendigsten sind.
+
+Die Kronjuwelen [Fussnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.],
+welche ebenfalls der Tower aufbewahrt,
+zeigt man auf eine wunderlich aengstliche Weise, die sehr
+gegen die Liberalitaet absticht, mit welcher Fremde im Dresdner
+gruenen Gewoelbe herumgefuehrt werden. Der uns leitende Ochsenfresser
+oeffnete uns eine kleine Tuere, wir traten hinein und mussten uns alle
+in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tuer ward
+hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen
+steinernen, ganz dunklen Gewoelbe wie in einem Gefaengnis.
+Die unerwartete Finsternis blendete uns; es waehrte lange,
+ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und
+hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern.
+
+Dieser etwas drachenaehnliche Hueter unterirdischer Schaetze zeigte uns
+nun viele Kostbarkeiten. Manches Stueck davon war wegen der alten,
+mitunter sehr feinen Arbeit merkwuerdig; zum Beispiel ein goldener
+Adler, dessen Hals das heilige Oel zur Salbung der Koenige enthaelt;
+der goldene Loeffel, in welchen der Bischof bei der Kroenung
+dieses Oel giesst, und vieles uralte Tischgeraete von Gold und Silber.
+Dann sahen wir auch das mit franzoesischen Lilien verzierte Zepter,
+den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge,
+die bei Kroenungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch
+zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschaetzbarem Werte,
+ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll gross ist, und ein
+wunderschoener Rubin schmuecken die Krone, welche der Koenig
+im Parlamente auf dem Haupte traegt; die Krone des Prinzen von Wales
+wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen,
+dass er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese
+Herrlichkeiten blitzen von koestlichen Edelsteinen. In der
+duesteren Hoehle sahen sie wie ein von boesen Geistern bewachter
+Feenschatz aus; ihr Wert wird ueber zwei Millionen Pfund Sterling
+angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht
+bestimmen kann.
+
+Von hier wandten wir uns zum weissen Turme, der aber weder ein Turm
+noch weiss ist, sondern ein grosses viereckiges Gebaeude mitten
+in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttuerme
+kroenen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist.
+
+Im ersten Stock sahen wir die der grossen spanischen Armada
+abgenommenen Trophaeen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar
+erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei;
+die Spanier fuehrten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung
+von den besiegten Englaendern Auskunft ueber etwa verborgenen Schaetze
+zu erpressen.
+
+In diesem Saale ist eine lebensgrosse Puppe zu schauen,
+welche die Koenigin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist,
+einen weissen Zelter zu besteigen. Sie traegt die Kleider,
+welche Ihre Majestaet trug, da sie nach diesem merkwuerdigen Siege
+zum Volke sprach [Fussnote: Untergang der spanischen Armada
+im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.].
+Wir moechten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle
+der Elisabeth nach diesem Muster zu kostuemieren. Die gute Dame
+sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme
+aufgekraeuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht,
+und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch
+gepresste Taille.
+
+Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn
+schoenes Haupt fiel [Fussnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.;
+1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwuerdigkeiten,
+von denen der Tower wimmelt.
+
+Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr grossen Saale
+aufgestellt. Nimmer haetten wir diesen Mordgewehren zugetraut,
+dass sie einen so huebschen Anblick gewaehren koennten. Sie sind hier
+auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack
+geordnet; die Waende blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen
+und Saebeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man
+daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen,
+Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen,
+um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden.
+
+In einem anderen grossen Saale sind alle Koenige Englands, von
+Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen
+stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Ruestung zu schauen.
+Die zum Teil sehr praechtigen Ruestungen sind die naemlichen, welche
+ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat
+eine ueber und ueber vergoldete Ruestung an; der Ochsenfresser,
+unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche
+nie getragen. Der beruehmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten,
+muss ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Ruestung ist
+sieben Fuss hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich
+der Achte war gewiss ein ansehnlicher Herr; die fuer ihn in seinem
+achtzehnten Jahre verfertigte Ruestung gibt der des John of Gaunt
+an Groesse wenig nach.
+
+
+
+Der Palast von Westminster
+
+
+[Fussnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebaeude
+sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang
+der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch.
+Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom
+Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.]
+
+In diesen Ueberbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner
+erbauten Palastes thront jetzt die Goettin Themis [Fussnote: Goettin
+der goettlichen und natuerlichen Ordnung.]. Gleich den Koenigen
+von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz
+sieht von innen und aussen sehr zerfallen aus. Neugierig,
+den Schauplatz so vieler merkwuerdiger Entscheidungen, den Tummelplatz
+der beruehmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin.
+
+Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher,
+gewoelbter Saal, zweihundertfuenfundsiebzig Fuss land und vierundsiebzig
+breit. Man haelt ihn in England fuer den groessten in Europa, dessen Decke
+nicht auf Saeulen ruht. Dies moegen wir nicht bestreiten, aber trotz
+seiner Groesse gewaehrt er keinen brillanten Anblick. Die Waende sind
+ohne alle Verzierungen, und die kuenstlich geschnitzte Decke
+von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen
+der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Naehe
+betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke
+nicht ohne Kunstwert sein.
+
+In frueheren Zeiten diente diese Halle bei grossen Festen und
+Schmausereien den Koenigen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll
+darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier
+das Parlament versammelt, hier war der grosse Gerichtshof,
+in welchem der Koenig persoenlich praesidierte. Der unglueckliche
+Karl der Erste [Fussnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen
+stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit
+den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats
+vor ein ausserordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649
+zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall
+enthauptet.] ward in dieser Halle verhoert und verurteilt,
+und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen
+seltenen Rechtsfaellen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine
+andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewoehnlich aber dient
+diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade,
+bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden.
+
+Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Maenteln, mit grossen,
+weissgepuderten Peruecken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert
+ging es uebrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte;
+keine Wache, kein Tuersteher, niemand, der auf Ordnung hielte,
+war sichtbar. Auch wir eilten ungestoert umher, traten von ungefaehr
+hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang
+und sahen uns ploetzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht grossen,
+nicht schoenen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine
+Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhoehung hinter einem Tische
+sass ein schwarzbemaentelter Herr mit einer gewaltig respektablen
+Staatsperuecke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend;
+wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn
+eine Menge Leute gingen mit grossen Geraeusche aus und ein und
+machten einen Laerm, als waeren sie fuer sich allein zu Hause.
+Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand
+kehrte sich sonderlich daran, der Laerm dauerte fort nach wie vor.
+Rund um den Tisch sassen dreissig bis vierzig andere Herren auf Baenken,
+ebenfalls mit schwarzen Talaren und weissen, obgleich etwas
+kleineren Peruecken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner
+zuzuhoeren, so gut es sich bei so bewandten Umstaenden tun liess.
+Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof,
+High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler,
+die anderen waeren die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel
+sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden.
+Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus
+appellieren.
+
+Verwundert ueber die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge
+betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher,
+durch viele uralte gewoelbte Gaenge, Treppen auf und ab, kreuz und
+quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der grossen Halle,
+im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench.
+
+Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe;
+derselbe Laerm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Peruecken
+angetan, die auf einer groesseren Erhoehung sich befanden, praesidierten;
+einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen,
+hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren
+Armesuendergesichtern, ueber deren Haupt es eben herzugehen schien.
+
+Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und
+Polizeiverbrechen gerichtet; der beruehmte Mr. Erskine [Fussnote: Thomas,
+englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler.
+Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete
+Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Klaeger
+vor die Schranken. Hoffentlich goennt man diesen Maennern mehr
+Aufmerksamkeit, als sonst hier gebraeuchlich ist. Nie und nirgends
+sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschaeft der Welt ist,
+die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld,
+Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise
+betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste,
+der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte.
+Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Laerm
+ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, fuer ihr Geschaeft zu verlieren.
+Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshoefe
+zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden
+und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden,
+welche wir besuchten.
+
+Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch
+wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt.
+Dies ist ein alter, mittelmaessig grosser, raeucheriger Saal.
+Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg ueber die Armada
+vorstellen, bekleiden die Waende; man ruehmt ihre Kunstwert,
+aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub
+und Schmutz haben sie dermassen entstellt, dass wenig mehr
+von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende
+des Saals, auf einer Erhoehung, steht der koenigliche Thron,
+der wie der Baldachin einer vom Troedel geholten, altmodischen,
+rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten
+Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl fuer
+den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stuehle fuer die uebrigen
+Prinzen. Mitten im Saal liegen vier grosse viereckige, mit rotem
+Zeuge bezogenen Wollsaecke fuer die Lords, welche zugleich Richter
+sind; die uebrigen Lords finden ihre Plaetze auf einigen zu beiden
+Seiten stehenden Reihen Baenken. Ein sehr grosser Kamin vollendet
+das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke
+versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens
+hineinfalle.
+
+So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen
+entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und maechtigsten
+Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball
+Gesetze gaebe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade
+diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der,
+auf innerem Bewusstsein ruhend, allen aeusseren Glanz verachtet.
+
+Im Unterhause sieht es nicht glaenzender aus; nur der Thron
+und die Wollsaecke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals
+ungefaehr die naemliche. Die Waende sind mit braunem Holze getaefelt,
+und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie fuer die,
+welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen
+werden hier waehrend derselben zugelassen. Auch moechten wenige es
+ertragen koennen, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon
+um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis
+Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafuer gesorgt,
+dass man nicht verhungere; denn ein Gastwirt haelt in einem
+unter dem naemlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen
+fuer die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden
+ist's erlaubt, sich in seiner Kueche zu erquicken und zu staerken.
+Es ist Sitte, dass man nach einer solchen Exkursion seinen Platz
+in der Galerie unbesetzt wiederfindet.
+
+Urspruenglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom
+Koenige Stephan [Fussnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers,
+von 1135-1154 Koenig von England.] dem Schutzheiligen seines Namens
+gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie
+in der ersten Haelfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her.
+Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, liess sie
+dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gaengen und
+Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schoensten Werke
+gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riss man
+einen Teil der Vertaefelung, welche die Waende bekleidet, herab,
+um den Saal zu vergroessern. Mit Erstaunen entdeckte man die Ueberbleibsel
+der reichen Verzierungen an der urspruenglichen Mauer und schloss
+mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen.
+Man fand unschaetzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkuenstliches
+Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glaenzend,
+als waeren sie von gestern; besonders am oestlichen Ende der Kapelle,
+wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwaende
+und Decke waren dort mit schoenem Schnitzwerke und alten Wappenbildern
+ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgrosse gemalte Figuren
+und ein uraltes Gemaelde, die Anbetung der Hirten vorstellend,
+fuer den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte.
+Alles wurde barbarischerweise zerstoert und gaenzlich vernichtet,
+um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen,
+als gaebe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem
+die Herren des Unterhauses sich versammeln koennten. Von aller
+dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schoenes gotisches Fenster,
+durch welches die Sonne jetzt truebe blickt, als vermisse sie
+den ehemaligen Glanz.
+
+Von aussen sah das ganze Gebaeude traurig und verfallen aus, sowie auch
+die schoene, gegenueberstehende, dazugehoerige Kirche, die beruehmte
+Abtei von Westminster. Man wendete wenig Muehe und Kosten daran,
+diese Denkmaeler frueherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen
+allmaehlich ihrem Untergange zusinken zu wollen.
+
+
+
+Die Westminster Abtei
+
+
+Diese Behausung beruehmter Toter steht oede und trauernd, selbst
+einem grossen Grabmale vergangener Jahrhunderte aehnlich. Die alte
+Herrlichkeit und Schoenheit der in der gewoehnlichen Kreuzform
+erbauten gotischen Kirche kann man von aussen nur ahnen;
+denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden,
+von welchem es moeglich waere, das Ganze zu ueberblicken. Zwei schoene
+viereckige Tuerme kroenen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach
+gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich
+erhebenden Tuermchen geziert; ein praechtiges Portal fuehrt in
+das innere Heiligtum.
+
+Vom Eingange an der Westseite ueberblickt man den ganzen Plan desselben.
+Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns
+in seiner ehrwuerdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch
+verhaeltnismaessig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhaenden
+kuehn geschaffene Gewoelbe, an welchem Bogen ueber Bogen sich leicht
+und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe
+von fuenf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch
+die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht
+verbreitet heilige Daemmerung ringsumher, ueber alle die unzaehligen,
+mit unendlichem Kunstfleisse gearbeiteten Verzierungen, welche
+diesen ehrwuerdigen Tempel schmuecken.
+
+Alles Alte darin ist gross, herzerhebend und erfreulich;
+desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd
+nimmt sich der moderne, von weissem Marmor im sogenannten
+griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen
+alten Chor aus, in welchem die englischen Koenige gekroent werden.
+
+Auch die unzaehligen Momente, welche diese Kirche eigentlich ueberfuellen,
+zerstoeren die Einheit des Gebaeudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie
+durcheinander, als haette man sie vor irgendeinem Unfalle hierher
+gefluechtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies
+Plaetzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten,
+wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu
+verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so
+kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgefuehrt, an die sie lehnen,
+und obgleich es ein schoener Gedanke ist, dass eine grosse Nation
+hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Graebern ihrer Koenige,
+das Andenken grosser, verdienter Maenner dankbar aufbewahrt,
+so kann man sich doch nicht enthalten zu wuenschen, dass dieses
+auf eine weniger stoerende Weise geschehen sein moechte.
+Ein grosser Teil der Ausfuehrung des schoenen Zwecks geht durch
+die Art verloren, mit welcher alles unter- und uebereinander
+gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzaehlige Spinnweben
+muss man sich draengen, um manches Monument in seinem engen Winkel
+zu betrachten, und dabei den Kummer zu fuehlen, das wahrhaft
+Schoene und Grosse durch soviel Mittelmaessigkeit verdraengt und
+entstellt zu sehen.
+
+Eine Ecke in einem der kuerzeren Fluegel ward dem hoeheren Talent
+gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel,
+The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Haendel, Shakespeare,
+Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton,
+Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope
+suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher
+hochgefeierte Name muss sich in diesem Pantheon aus Mangel
+an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon
+mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hoelty
+so nah verwandten Goldsmith ist ueber der Tuere angebracht.
+Haendel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er
+die Melodie der Sphaeren und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten.
+Im koeniglichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange
+hervor und schaut entzueckt und geblendet die neue Szene.
+Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt
+auf eine herabhaengende Pergamentrolle mit folgender Inschrift
+aus seinem "Sturm:
+
+ "So werden
+ Die wolkenhohen Tuerme, die Palaeste,
+ Die hehren Tempel, selbst der grosse Ball,
+ Ja, was daran nur Teil hat, untergehen,
+ Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug
+ Wie der zu traeumen, und dies kleine Leben
+ Umfasst ein Schlaf."
+
+Unter den im uebrigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmaeler wird das dem
+Lord Mansfield gewidmete und von den Englaendern besonders hoch gehalten.
+Es ist vom juengeren Flaxmann gearbeitet [Fussnote: John (1755-1826),
+bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham,
+Vater des beruehmten William Pitt [Fussnote: im Gegensatz zu seinem Vater
+der juengere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine
+groessten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Grossbritanniens
+waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit
+Irland. Vorkaempfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund
+Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst
+gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich
+ungrazioeser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand stuetzt sich auf's
+Knie, die andere haelt eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas
+niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel
+ausloeschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schoenen, nackten,
+weiblichen Figur dargestellt.
+
+Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham;
+viele Tugenden weinen zu seinen Fuessen und lassen es unentschieden,
+ob seine Rede sie ruehrt, oder ob er Dinge sagt, ueber welche
+die Tugend weinen muss.
+
+Auch die traurigen Manen des ungluecklichen Majors Andree, der im
+amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehaengt ward,
+finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument.
+
+Zwoelf an die Kirche sich anschliessende Kapellen enthalten die Asche
+der Koenige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths
+Zeiten ward keinem Koenige ein Monument hier errichtet, obgleich
+alle hier begraben lieben.
+
+Gern betrachteten wir jene alten Denkmaeler; fast alle sind grosse,
+viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen
+in voelliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten
+Haenden, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir
+wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria
+von Medici und Karl der Neunte in den graesslichsten Verzerrungen
+des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in
+entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Graebern abgebildet liegen.
+Geruehrt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie
+unweit ihrer Todfeindin und Moerderin gebettet; das Gesicht ihrer
+Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden.
+
+Die aelteste der zwoelf Kapellen enthaelt das Grab Eduards des
+Bekenners [Fussnote: angelsaechsischer Koenig (1042-66)
+[Fussnote: Koenig von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus
+dem Heiligen Land zurueck, nachdem er mehrere Jahre dort gekaempft
+hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert,
+welche leider groesstenteils von ungezogenen Altertumsfreunden
+ausgebrochen und mitgenommen wurden.
+
+Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin,
+Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und
+Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war,
+zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land.
+Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen
+Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem
+so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestaerkt durch ihren Anblick,
+angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen
+bald grosse Verwuestungen an. Die Unglaeubigen raechten sich
+aber fuerchterlich und tueckisch. Sie sandten Meuchelmoerder
+gegen ihn aus, die ihn mit einem toedlich vergifteten Pfeile
+am Arme verletzten. Die Moerder fielen zwar unter den raechenden
+Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewusstlos
+in sein Zelt getragen. Die Aerzte gaben ihn ohne Rettung verloren,
+wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen
+und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens
+zu erhalten sich entschloesse. Starr und stumm standen all
+um das Sterbebette ihres kuenftigen Koenigs; sie hatten oft
+dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch
+konnte keiner zu diesem Opfer sich entschliessen. Da eilte Eleonore
+herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich
+auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die
+Augen wieder auf. Mit welchem Gefuehl er auf diese Weise sich
+dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, fuerchtend ihn auf's
+neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal
+an die treue Brust zu druecken, und nur von ferne, zitternd
+vor Freude, vor ihm stand, dafuer haben wir keine Worte.
+Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden?
+War es vielleicht nur bei einer aeusseren Verletzung toedlich?
+Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre
+ein glueckliches, schoenes Leben an der Seite ihres Gatten,
+teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre
+spaeter hier ihre letzte Ruhestaette.
+
+So erzaehlt die Sage, und zu schoen, um ihre Wahrheit zu bezweifeln,
+obschon einige beruehmte Geschichtsschreiber diese ruehrende
+Begebenheit nicht erwaehnen.
+
+Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter
+Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der
+Kindheit, aber diesmal fuehrte ihr Genius den Meissel des Kuenstlers,
+ein schuetzender Engel wachte ueber das Bild und barg es vor
+der zerstoerenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von
+hoher Schoenheit und wunderbarer Guete und Milde auf dieser
+ihre Zuege der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung.
+
+Die Graeber Eduards des Dritten [Fussnote: Koenig von England
+[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Fussnote: Koenig von England
+(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle.
+
+Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwuerdiges Denkmal
+alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und
+Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf.
+Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Koenige
+bei der Kroenung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefuegt,
+welcher den Koenigen von Schottland zum Koenigsthrone diente.
+Eduard der Erste liess ihn von Scone, welches die Leser aus dem
+ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen.
+
+Die dicht daran stossende Kapelle Heinrichs des Fuenften
+[Fussnote: Koenig von England (1485-1509] ist wegen ihrer
+altertuemlichen Pracht eine der merkwuerdigsten. Leider liegt der
+gute Koenig ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und
+Zepter sind seinen Haenden entrissen. Alles dies war, dem
+solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gemaess, ganz von
+gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume
+der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen.
+
+Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren
+Namen sie noch fuehren, enthalten viele fuer den Altertumsforscher
+hoechst merkwuerdige Gegenstaende, viele Belege zur Geschichte
+des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter;
+selbst das uralte hoelzerne Monument des saechsischen Koenigs Sebert,
+welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute.
+
+Merkwuerdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen
+seiner Aehnlichkeit und zugleich Unaehnlichkeit mit dem beruehmten
+Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht
+der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem
+ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten liess;
+neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit,
+seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken
+ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmoeglich sich entschliessen,
+ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte
+durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, waehrend
+ihre Vorgaengerin zur Rechten laege. Noch auf dem Totenbette
+war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge
+der rangsuechtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte
+ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand weiss, wo ihre
+Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens waere laengst verschollen,
+wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden
+Jahrhunderten aufbewahrt worden waere.
+
+Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache,
+nur die letzte und schoenste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten,
+[Fussnote: Koenig von England 1485-1509)] ist daran angebaut,
+so dass nur der Eingang dazu in der Kirche steht.
+
+Dies Gebaeude ist eines der schoensten seiner Zeit, aber leider
+sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlaessigten Zustande,
+mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben
+notduerftig unterhalten; haette man die langsam zerstoerende Zeit
+noch laenger ungehindert fortwueten lassen, so waere bald alles
+zu einer schoenen Ruine zusammengesunken, die ueberall sich besser
+ausgenommen haben wuerde als an dieser, dem heiligen Andenken
+grosser Vorfahren geweihten Stelle. Von aussen ist die Kapelle
+mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmueckt, das Ganze
+im schoensten Ebenmasse, leicht und erfreulich. Vierzehn schoene
+durchbrochene Tuerme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der
+Kirche aus, dient ein praechtiges, in Stein gehauenes Portal,
+welches drei sehr kuenstlich gearbeitete Gittertueren von
+vergoldetem Eisen verschliessen. Die Decke ist ueber und ueber mit
+schoener Bildhauerarbeit von Stein geschmueckt, schoene, gewoelbte
+Bogen, unterstuetzt von Pfeilern im reinsten Ebenmasse, praechtige
+Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur
+ist hier zu finden. Unmoeglich kann man dieses schoene Ueberbleibsel
+frueherer Zeit zu hoch preisen, und wohl waere es wuenschenswert,
+dass die Kapelle einen Freund und Verehrer faende, wie der Dom
+von Koeln ihn an dem Herrn von Boisseree fand, [Fussnote: Sulpiz
+und Melchior, zwei Brueder, gebuertige Koelner, deutsche Kunstsammler
+und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854)
+vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung
+des Koelner Doms anregte.
+
+Zum ueblen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830
+in einer Anmerkung ergaenzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten
+Erscheinen dieses Buches erfuellt, und auch fuer die bessere
+Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher
+der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken
+der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte.
+
+Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten
+von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze,
+umgeben von einem ebensolchen, sehr praechtigen Gelaender.
+Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze
+schmuecken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano.
+
+Ausser diesen wirklich merkwuerdigen und ehrwuerdigen Kunstwerken
+werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Koenige und
+Koeniginnen in alten Glasschraenken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen,
+die dem Untergange laengst haetten uebergeben werden sollen.
+Nur das leiht ihnen einiges Interesse, dass sie mit den naemlichen
+Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten
+trugen. Wuesste besonders die Koenigin Elisabeth, welch ein
+haessliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so wuerde
+die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe
+keine Ruhe lassen.
+
+
+
+LONDONS UMGEBUNGEN
+
+
+Windsor
+
+
+[Fussnote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III.
+liess es niederreissen und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert
+ein neues Schloss bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern
+mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV.,
+und Koenigin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey
+Wyattville.]
+
+An dem suedlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen
+westlich von London, thront auf einer Anhoehe das alte stattliche
+Schloss von Windsor. Von dieser herab geniesst man eine der
+ausgebreitetsten Aussichten auf die schoene, reiche Gegend umher.
+Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses,
+seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Tuermen.
+
+Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schloss, kurze Zeit nachdem er
+sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab
+es Heinrich der Erste und vergroesserte es. Spaeter erwaehlte Eduard
+der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der
+Dritte ward hier geboren. Vorliebe fuer den Ort, an welchem seine
+Wiege stand, bestimmte diesen, das Schloss, welches er zu seiner
+Sommerwohnung waehlte, nach einem neuen Plane praechtiger zu bauen.
+Auch Koenig Karl der Zweite wendete viel auf die Verschoenerung
+von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt
+der Koenige von England und ihre gewoehnliche Sommerwohnung.
+Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche
+Veraenderung und Verschoenerung damit vorgenommen worden.
+Der Schlossgraben ward ausgefuellt, ein Huegel, welcher die Aussicht
+gegen Morgen beschraenkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden
+abgetragen. Dennoch sieht das Schloss noch immer ehrwuerdig und
+altertuemlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten
+imponierenden Ansehen verloren haben mag.
+
+Es hat zwei Hoefe, den oberen und unteren; beide werden durch den
+sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander
+getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats-
+und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen
+und gegen Sueden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof
+ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen
+Saele und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von hoeherem,
+bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar,
+und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwuerdigste
+unter den Saelen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter
+des Ordens vom Hosenbande [Fussnote: Order of the Garter; angesehenster
+englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der Ueberlieferung zufolge
+verlor Eduards Geliebte, die Graefin Salisbury, bei einem Tanz
+ihr blaue Strumpfband. Der Koenig hob mit dem Band auch den Rocksaum
+der Graefin auf und entbloesste dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert
+hinein war es zwar schicklich, die Bueste mehr oder minder frei
+zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen
+zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.].
+Er ist einhundertacht Fuss lang, am Ende desselben steht der
+koenigliche Thron, ueber diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz
+in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande
+und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense.
+
+Die Staatszimmer haengen voll Gemaelden, welche man aus Mangel an Zeit
+nur zu fluechtig betrachten muss. Dem Anschauer werden im Voruebereilen
+die Namen der groessten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein
+und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael
+und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone
+der Versammlung.
+
+Der schoenste Punkt von Windsor Castle ist die grosse, in ihrer Art
+einzige Terrasse. Sie erstreckt sich laengs der oestlichen und
+eines Teils der noerdlichen Seite des Schlosses, ist
+eintausendachthundertsiebzig Fuss lang und von verhaeltnismaessiger Breite.
+Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten
+Landschaften hinschlaengelt, auf die mannigfaltigen Landhaeuser,
+Doerfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkaehnlichen Wald
+von Windsor und die in der Naehe liegenden Gaerten, ist ueber alle
+Beschreibung schoen und reizend.
+
+Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die koenigliche
+Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebaeude,
+welches der suedlichen Terrasse gegenueberliegt. Hinter diesem Gebaeude
+erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel
+der grossen Terrasse uebersieht. In ihm befindet sich ein zweites
+Gebaeude, das die Prinzessinnen bewohnten.
+
+Die Koenigin besass nahe bei Windsor noch ein kleines, buergerlich
+aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung,
+welche sie sehr liebte, heisst Frogmore. Hierher machte sie oft
+Landpartien mit ihren Toechtern und einigen Lieblingen unter ihren
+Damen. Kleine laendliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen,
+Fruehstuecke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr
+beschraenkten Familienzirkel.
+
+In Windsor musste man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten
+die koenigliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns
+Persoenlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken,
+welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen.
+Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen,
+wenn man sich nicht praesentieren lassen wollte. Im Theater
+erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten
+eilten sie zu schnell vorueber, als dass man die Gestalten auffassen
+konnte.
+
+Waehrend ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle
+Sonntage morgens in bescheidenen Neglige, nach englischer Sitte,
+beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der Koenig
+gesund, so versaeumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr
+des Morgens in der koeniglichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses
+seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls
+jedermann zugelassen wurde. Spaeter traf man ihn vormittags oft
+in den Wirtschaftsgebaeuden, in den Pferdestaellen, ueberall.
+Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer
+runden braunen Peruecke, die ihm voellig das Ansehen eines
+wohlhabenden Paechters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hoeren,
+wenn man ihn Farmer George nannte; laendliche Oekonomie war in
+frueheren Zeiten seine Lieblingsbeschaeftigung.
+
+An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie
+auf der grossen Terrasse, und dieses gewaehrte dann einen
+in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen
+altertuemlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Tuermen,
+von der anderen die oben erwaehnte reiche Aussicht auf den Strom,
+Feld und Wald im verklaerenden Glanze der sinkenden Sonne,
+und nun das bunte draengende Gewuehl aller Staende, jeden Alters,
+beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versaeumte es leicht,
+Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage
+zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner
+der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum
+geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfaellige
+Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehaelften
+und zierlichen trippelnden Misses.
+
+Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden
+nach Windsor gefluechtet und mischten uns unter die bunte Menge.
+Auf und ab wogte das Gewuehl, die grosse Terrasse war fast
+zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militaerischer
+Musik auf der Schlossmauer an beiden Ecken der Terrasse.
+[Fussnote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande
+Musiker. Uns duenkt dies recht charakteristisch."]. Beide
+spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich
+umeinander zu kuemmern; die Entfernung und das Geraeusch waren
+auch zu gross, als dass sie viel voneinander haetten hoeren koennen.
+Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung
+den ganzen Abend fort zu musizieren. Die koenigliche Familie
+erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe
+voraus, um nur einigermassen Raum fuer sie zu machen. Man draengte
+sich von allen Seiten um sie her. Der Koenig ging zuerst,
+an seiner Seite die Koenigin. Wo er einen Bekannten erblickte,
+redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gruss zu,
+ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er
+nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hoerten
+verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar
+so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft
+drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen
+Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte;
+auch die Koenigin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen
+ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude
+zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen
+auf den hohen, spitzigen Absaetzen, die sie noch immer trug,
+wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem
+grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Hoehe nahm,
+mit einem altmodischen Maentelchen von weissem Taft, sah sie gar
+nicht koeniglich aus. Der Koenig schien oft ganz zu vergessen, dass er
+sie fuehrte, und ging, stand oder kehrte ploetzlich um, wie es ihm
+eben gefiel.
+
+Hinter dem koeniglichen Paare wandelten die beiden aeltesten Prinzessinnen
+am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht.
+Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gestuetzt.
+Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden juengeren Schwestern
+am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie
+in Prozession durch das Gewuehl auf und ab; stand der Koenig,
+so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm.
+
+In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen
+wenigstens zwanzigmal, denn so wie der Koenig an einen etwas
+menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden
+machten ihm viel Vergnuegen; selten kehrte er vor der Daemmerung
+nach Hause. Wir waren ihrer eher ueberdruessig als er, denn er
+wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verliessen.
+
+Das Staedtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich
+den ganz betraechtlichen Huegel hinan, auf welchem das Schloss liegt.
+Die Strassen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und
+Gehen; auch die Gasthoefe fanden wir weniger gut, als man es
+in dieser Naehe des Hofes vermuten sollte.
+
+Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College,
+liegt am Fusse des Huegels, jenseits der Themse, und wird nur
+durch eine Bruecke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebaeude
+zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber
+ist ein schoenes gotisches Gebaeude, welches die reiche Landschaft
+noch mehr verschoenert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute
+diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionaere werden dort
+auf Kosten des Koenigs erzogen, aber auch Soehne guter Familien
+fuer Bezahlung darin aufgenommen. Die Schueler sind in zwei Klassen
+geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung
+in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und
+Cambridge haben noch viel Strenges und Kloesterliches, sogar
+in der Kleidung. Im Monat August werden die Schueler in Eton
+examiniert und diejenigen ausgewaehlt, welche nach Cambridge
+gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwoelfe unter
+diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht,
+nach drei Jahren Mitglieder der Universitaet Cambridge zu werden,
+Fellows of the University, welches ehrenvoll und eintraeglich ist.
+Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitlaeufige, wohlunterhaltene
+Gaerten umgeben die Schulgebaeude.
+
+
+
+Die Gaerten von Kew
+
+
+Durch den Hyde Park hindurch, vorueber an den schoenen Gaerten
+von Kensington, fuehrt der Weg zu diesen, besonders in botanischer
+Hinsicht mit Recht beruehmten koeniglichen Gaerten.
+
+Vier englische Meilen faehrt man von Kensington nach Kew zwischen
+einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen
+Grasplaetzen und Gaerten eingefasster Landhaeuser. Groesstenteils
+sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien,
+deren Haeupter in der Stadt ihren Geschaeften nachgehen, waehrend Frau
+und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphaere der City, sich hier
+einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines laendlichen
+Aufenthalts in der schoenen Gegend erfreuen. Oft schon erwaehnten
+wir in diese Blaettern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit,
+Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb staedtischen,
+halb laendlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmoeglich,
+nicht immer in neue Lobsprueche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt,
+und sich dabei des Gefuehls von haeuslicher Ruhe und behaglichen
+Wohllebens erinnert, welches ihr blosser Anblick selbst dem
+voruebereilenden Wanderer einfloesst.
+
+Nur die Gaerten sind in Kew merkwuerdig; das Haus des Koenigs ist klein,
+unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen
+Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum
+Absteigequartier. Es wird nie von der koeniglichen Familie bewohnt
+und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne wuerdig. Indessen
+war man waehrend unseres dortigen Aufenthalts beschaeftigt,
+ein grosses massives Gebaeude zum kuenftigen Witwensitz der Koenigin
+zu erbauen [Fussnote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV.,
+1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerfaelligeres
+als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack
+aufgetuermte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine,
+spaltenaehnliche Fenster, dicke, unbeholfene Saeulen geben ihr
+eher das Ansehen eines Staatsgefaengnisses als der Wohnung einer Koenigin.
+
+Die botanischen Gaerten von Kew vereinigen eine unzaehlige
+Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen,
+und gehoeren gewiss zu den merkwuerdigsten in Europa, wenn sie nicht
+vielleicht alle uebrigen uebertreffen. Die ueberall wehende englische
+Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt
+fast alles zusammen, was nur auf Erden waechst. Von der Zeder
+des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier
+Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kuemmerlich
+zu vegetieren, sondern ueppig zu wachsen, zu gruenen und zu bluehen.
+Der Koenig liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Muehe
+auf diese Gaerten und freute sich ihres Gedeihens. Der beruehmte
+Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht,
+und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsaeglicher Muehe
+und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites,
+fruchtbares Feld. Auf diese Weise musste etwas sehr Vollkommenes
+entstehen. Das durch die waermende Seeluft unendlich gemilderte Klima,
+der natuerlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei,
+um der Anstalt das hoechste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter
+den Wiesen ihren gruenen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr
+hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden
+Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche
+selbst im suedlichsten Teile von Deutschland den groessten Teil des Jahres
+im Hause gehalten werden muessen und nur waehrend der Sommermonate dort
+der Luft ausgesetzt werden duerfen, wachsen hier ueppig im Freien,
+wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die grossblaettrige Myrte,
+der duftende Heliotrop und noch viele mehr.
+
+Es ist eine grosse Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen
+dieser Gaerten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten
+zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele
+der Natur mit Farben und Formen zu ergoetzen; dann in die grossen
+Treibhaeuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt
+zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des gluehend heissen
+Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im suedlichen Amerika
+waechst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen,
+und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was
+zusammengehoert und gleichsam ein fuer sich bestehendes Ganzes ausmacht.
+
+Auch die lebendigen Blumen der Luefte werden hier gepflegt.
+Eine grosse Voliere vereinigt eine Menge der schoensten auslaendischen
+Voegel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges
+Wesen treiben, als waeren sie zu Hause. In einer groesseren Abteilung
+des Gartens werden eine Menge der schoensten Gold- und Silberfasanen
+gehalten, neben ihnen stolzieren praechtige, zum Teil seltene Pfauen
+und mehrere andere Arten groesserer fremder Voegel. Mitten in dieser
+Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel,
+auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservoegel
+aller Art, mit langen und breiten Schnaebeln, schwimmen auf den
+silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen
+gravitaetisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und
+lustig, als waere es im Vaterlande.
+
+Auf einer grossen gruenen Wiese sahen wir ein anderes lustiges
+Schauspiel; einige vierzig Kaenguruhs huepften darauf in voelliger
+Freiheit umher.
+
+Nichts Laecherliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen
+Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwaenze aufrecht und
+machen dabei ganz gewaltige Saetze. Die kurzen Vorderbeinchen,
+die sie zum Gehen gar nicht brauchen koennen, halten sie auf eine
+possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl
+Mannshoehe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem
+die Muetter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal
+zu arge Spruenge, so faellt wohl so ein liebes Kleines aus dem
+Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfaeltig
+aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzuernten sich ein paar
+Maennchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfusse
+und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel
+am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir
+dem argen, wilden Treiben dieses naerrischen Volkes zu, das uns
+oft lautes Lachen abnoetigte.
+
+Als wir die eigentlichen Lustgaerten von Kew zu sehen wuenschten,
+ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt,
+und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein
+Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir
+verdriesslich und liessen unseren Unmut untereinander in gutem,
+vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glueck hoerte dies ein in
+der Naehe arbeitender deutscher Gaertner. Der suesse Klang aus
+dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute
+so kraeftig an, dass ihm endlich erlaubt wurde, unser Fuehrer zu sein.
+
+Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche
+Baeume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten
+mit lichten Gaengen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gestraeuch.
+Besonders reizend erschien uns ein reich geschmueckter Blumengarten
+mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten.
+Nur ein wenig zu ueberladen mit Gebaeuden sind diese Gaerten.
+Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem Aeolus,
+dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht;
+da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen
+Gebaeude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee,
+roemische Ruinen, kurz - viel zu viel fuer den guten Geschmack.
+Keines dieser Gebaeude ist ausgezeichnet schoen, aber auch keines
+seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht
+enthalten, manches davon wegzuwuenschen; denn dieses bunte Allerlei
+wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche
+Einfachheit der englischen Parks zu bewundern.
+
+
+
+Richmond Hill
+
+
+Ein hoechst angenehmer Weg fuehrt durch die Gaerten von Kew zu den
+daran stossenden von Richmond. Viele Gebaeude, mit denen auch
+diese unter der Regierung mehrerer Koenige und Koeniginnen ueberladen
+wurden, sind gluecklicherweise wie von selbst verschwunden.
+Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem
+zauberisch schoenen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher
+einem grossen herrlichen Garten gleicht.
+
+Nur ein Landhaus der Koenigin, welches diese oft mit ihrer Familie
+besuchte, steht an einem der freundlichsten Plaetzchen des Gartens,
+einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Koenige
+erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor
+Herschel verfertigter Instrumente merkwuerdig sein. Wir besuchten
+sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schoen, um von ihr
+weg den Blick zum Himmel zu wenden.
+
+Schon von der huebschen steinernen Bruecke aus, die nahe vor dem
+beruehmten Huegel von Richmond ueber die Themse fuehrt, geniesst man
+einer entzueckenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schoenen Villen
+geschmueckten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr betraechtlichen
+Hoehe erhebenden gruenenden und bluehenden Huegel. Weit schoener noch
+ist es, wenn man diese Anhoehe ersteigt und nun aus dem Fenster
+des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der
+reizendsten Taeler der Welt. Groessere, ausgebreitetere, romantisch
+schoenere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut
+diese uebertraefe. Ein unaussprechlich suesses Gefuehl von Ruhe,
+stillem Glueck, Freude am Leben ergreift jeden maechtig, der von hier
+aus den Blick herabsenkt. Alles gruent und blueht in der herrlichsten,
+ueppigsten Vegetation. Die hoechstmoegliche Kultur schmueckt das weite,
+von einem der schoensten Sroeme belebte, von sanft anschwellenden,
+waldgekroenten Huegeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine
+solche zweite Aussicht dar, und ausser dieser Insel kann es keine
+aehnliche geben; wo faende man noch dieses frische Gruen in Wiese
+und Garten, Feld und Wald?
+
+In mannigfaltigen Biegungen und Kruemmen durchstroemt die Themse
+dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der maechtige Strom,
+der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich praechtig weit ausbreitend,
+die Schaetze aller Weltteile auf seinem Ruecken traegt.
+Nur schiffbar fuer kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch
+die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schoenen taetigen
+Lebens in stillem Frieden. Ueberall traegt sie die klaren Wellen hin,
+verschoent, erfrischt, traenkt die Umgebungen und wandert dann
+geraeuschlos weiter.
+
+Das ueppigste Gedeihen fuellt Wald, Hoehe und Tal, kroent die Ufer,
+die schoenen Huegel, so weit das Auge nur reicht. Weisse Giebel
+freundlicher Paechterwohnungen, schoene Fassaden praechtiger
+mit Saeulen geschmueckter Villen, Landhaeuser, umrankt von
+Jelaengerjelieber, Tuerme entfernterer Kirchen, stattliche Schloesser,
+freundliche Doerfer und Staedtchen blinken ueberall hervor aus Baeumen
+und Gebuesch, in der Hoehe und in der Tiefe, in der Naehe und in der
+Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstaende,
+ueberall ist Lebensgenuss und Freude, nirgends Geraeusch und aengstliches
+Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes draengt sich alles dies
+noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen,
+damit alles Schoene und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne
+schauen die ehrwuerdigen grauen Tuerme von Windsor von ihrem Huegel
+herueber, unten, mehr in der Naehe, breitet sich stattlich das grosse
+koenigliche Schloss Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde,
+nahe an der Themse, liegt das reizende Schloss Strawberry Hill;
+dicht daran das aus lauter schoenen Haeusern zusammengesetzte Dorf
+Twickenham mit seiner huebschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich
+die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus.
+
+Es waere sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umstaendlich
+beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder
+koennen ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht
+einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Hoehe
+von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft
+sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abriss,
+ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff
+die Aehnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim
+ersten Anblick. Nur dass dort alles gross, mannigfaltig ausgebreitet
+daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch
+schmuecken nicht unzaehlige Tuerme und Gebaeude das stille, einsame
+Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse kroenen.
+
+Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern
+und Strumpfband", Star and Garter, uebersieht man all diese
+Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schoene Lage,
+sondern auch die vorzueglich gute Einrichtung und Bedienung erheben
+diesen Gasthof zu einem der ersten in England.
+
+Ihm gegenueber ist der Eingang zum Park, den man zu den groessten
+rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen betraegt.
+Bescheiden hat die Kunst hier nur fuer die Bequemlichkeit der
+Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudraengen. Zahme Hirsche und
+Rehe weiden hier in grosser Anzahl zwischen herrlichen Baeumen.
+Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher
+gebracht, da der alte Koenig dort selten hinkam. Ueberall im
+Park oeffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der grossen
+Landschaft, die man von Richmonds Huegel erblickt; in anderen
+Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen,
+bilden sie hier neue Ansichten und vervielfaeltigen den Genuss
+ins Unendliche.
+
+
+
+Staines. Slough. Oatlands
+
+
+Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der
+Themse, fuhren wir durch den schoenen Park von Claremont,
+alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Staedtchen
+Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird
+Fremden nicht gezeigt. Seine Aussenseite verspricht nichts
+Ausserordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung
+und die vielen Gemaelde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt.
+
+Die Gaerten von Painshill waren die ersten, welche wir vor
+mehreren Jahren bei einem frueheren Aufenthalte in London besuchten.
+In der Naehe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz,
+dessen Promenaden sie an Groesse und Schoenheit uebertraefen.
+Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen,
+langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getaeuschter
+Hoffnungen fuer uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill
+war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher
+Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt
+in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig
+sahen wir von weitem die schoenen Baeume, nach deren Schatten
+wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem
+hart an ihren Ufern erbauten Staedtchen Staines, in dessen
+Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging.
+
+Das frohe, bunte Gewuehl der Zuschauer ergoetzte uns und zerstreute
+schnell den Verdruss ueber unser Missgeschick in Painshill und
+Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste
+an die Jahrmaerkte und Kirchmessen, welche in Deutschland
+von Zeit zu Zeit Doerfern und kleine Staedten Leben und Freude
+bringen.
+
+Dicht neben dem Gasthofe in Staines fuehrt eine hoch und kuehn
+gewoelbte Bruecke ueber den Strom. Nicht ganz so gross als die
+bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient
+allein, dass man die kleine Reise von London hierher macht,
+besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen
+Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein kuehner Sprung
+wirft sie sich ueber den Strom, und der Pont aux arts in Paris
+laesst sich trotz seiner mit Orangenbaeumen garnierten Gelaender
+auf keine Weise mit diesem schoenen, wie von Feenhaenden
+durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen.
+
+Von Staines fuehrte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine
+hoechst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht
+der Themse, ueber Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill,
+einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet,
+die man nur wuenschen kann. Von London aus werden oft Landpartien
+dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier
+verweilen, um alles Schoene mit Musse zu geniessen, was Windsor
+und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewaehren.
+
+Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem
+Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht grossen,
+aber sehr huebschen, vom Koenige ihm geschenkten Hause wohnt
+[Fussnote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus
+und ueber 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline
+(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein
+Empfehlungsschreiben an unseren beruehmten Landsmann. Freundlich
+empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung
+aehnliche Schwester. Waehrend diese die Aufsicht ueber den Himmel
+mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben
+auf der Erde so angenehm als moeglich und ueberhob ihn jeder
+irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide
+ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen
+Geschwister in ruhiger, laendlicher Stille hier ein schoenes,
+glueckliches Dasein.
+
+Die koenigliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig
+ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus,
+besonders waehrend des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze
+Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten
+und liebten sie; ueberall war man ihres Lobes voll, sowie wir
+nur ihren Namen nannten.
+
+Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft
+unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen
+Naechten vielleicht zerstoererischer sind als irgendwo, erfreute
+sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit.
+Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste
+Wort fuer sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen
+Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt,
+wenigstens wurde es ihnen schwer, sich gelaeufig darin auszudruecken;
+uebrigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes
+Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation.
+
+Gefaellig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen
+Instrumente. Das grosse Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete
+er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast
+immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, dass er mit diesen alle
+seine wichtigen Entdeckungen machte, und dass nicht die Groesse
+der Glaeser, sondern unablaessige Aufmerksamkeit, Fleiss und
+Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Hoehe brachten,
+die er erreicht hatte.
+
+Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir,
+bei unserem Mangel an den dazugehoerigen Kenntnissen, durch unsere
+Beschreibung es machen koennten. Herschel erschien uns immer
+selbst das Merkwuerdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach
+dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister,
+aber uns duenkt doch, dass der Meister immer ueber sein Werk
+erhaben bleibt.
+
+Doktor Herschel gehoerte zu den merkwuerdigen Menschen, die ohne
+aeussere Unterstuetzung, ohne dass ihre Eltern sie durch eine, ihrem
+Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten,
+in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen,
+hellem Blick und nie zu ermuedendem Mute bei allen Stuermen des
+Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater,
+ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr fuer ihn
+tun, als dass er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen
+Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit,
+Franzoesisch zu lernen, und gluecklicherweise war sein Lehrer auch
+uebrigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und
+mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des
+lernbegierigen Schuelers auf das lebhafteste beschaeftigten.
+Waehrend des siebenjaehrigen Krieges gingen Herschel und sein Vater
+mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England.
+Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurueck ins
+Vaterland, waehrend der Sohn sich entschloss, in London zu bleiben
+und dort sein Glueck zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht
+aufgegangen. Verloren in der Menge, uebersehen, zurueckgestossen
+ueberall, gehoerte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut
+zu verlieren. Er verliess die glaenzende Hauptstadt, die dem
+schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte,
+und wanderte ins noerdliche England. Auch hier irrte er eine
+Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende
+Staette ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt,
+er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen.
+Ausser den Stunden, welche er seinem Amte widmen musste, und
+einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen
+Unterricht verwendete, gab er alle seine uebrige Zeit jetzt dem
+Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an,
+dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er grosse
+Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren
+anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien
+trieb er fuer sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium
+der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen,
+immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine
+vollkommene Uebersicht des ihm zunaechst gelegenen, der Theorie
+der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik
+und allen ihr verwandten Wissenschaften.
+
+So verflossen ihm in Halifax einige von ihm hoechst nuetzlich
+verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls
+als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem
+einmal erwaehlten Stande, er musste in den Assemblee-Saelen spielen,
+in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht,
+in seinem eigentuemlichen Berufe fortzufahren. Trotz der ueberhaeuften
+Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der
+glaenzenden Aussenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu
+und verwachte viele Naechte bei den abstraktesten Gegenstaenden.
+
+Astronomie und Optik beschaeftigten ihn jetzt fast ausschliessend.
+Mit unbeschreiblichem Vergnuegen betrachtete er den gestirnten Himmel
+durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich
+erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat
+zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten,
+schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er moege ihm fuer's erste
+ein groesseres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert
+ueber den dafuer geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht,
+ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak
+nicht wenig darueber, denn die verlangte Summe schien ihm
+unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen,
+fasste er jetzt den kuehnen Entschluss, selbst ein solches Instrument,
+wie er es sich wuenschte, zu verfertigen. Nach unendlichen
+fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln,
+immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm
+endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten,
+fuenffuessigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er
+weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor
+nie gesehenen Groesse und hielt doch fest bei seinem einmal
+angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glaenzenden
+Konzertsaelen, waehrend der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen
+und kehrte dann zur rechten Zeit zurueck zum Notenpulte.
+
+Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen
+Entdeckungen. Herschel ward beruehmt und zuletzt drang sein Ruf
+bis zum Koenige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen
+Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten,
+gab ihm eine lebenslaengliche Pension und raeumte ihm die Wohnung
+in Slough ein, wo wir so gluecklich waren, den ehrenwerten Mann
+persoenlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor
+einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphaeren belauschte.
+
+Von Slough nahmen wir unseren Weg ueber Oatlands zurueck nach London.
+Diese einsame laendliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen
+Prinzessin Friederike von Preussen [Fussnote: Gattin des Herzogs
+von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete.
+Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjaehriger Ehe.
+Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren beruehmt, und auch
+der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin
+des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern
+der Themse, fast am aeussersten Ende des schoenen Tals, welches
+der Blick von Richmonds Huegel aus beherrscht. Hier wohnte diese
+Fuerstin, die Tochter Koenig Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind
+schon der Liebling ihres grossen Oheims, beinahe das ganze Jahr
+hindurch in kloesterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen.
+Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und
+brachte Abwechslung in ihr einfoermiges Leben. Ihre Hauptbeschaeftigung
+waren wunderschoene Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen
+bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen daemmerte, ging sie
+gewoehnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder
+zu sinken begann.
+
+Der boese Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise
+begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns
+auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder
+nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt
+wird, und haetten durchaus an einem Sonntage kommen sollen,
+versicherte uns eine alte, ziemlich graemliche, korpulente Dame,
+die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter
+und verdriesslicher Berliner Mops und wies uns knurrend die
+weissen Zaehne. Trotz dieser trueben Aspekte versuchten wir unsere
+Redekuenste und gluecklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten
+ihr vor, wie wir ausdruecklich aus Deutschland ueber's Meer
+hierher gekommen waeren, um unseren Landsleuten hernach sagen zu koennen,
+wie es in der Wohnung unserer Prinzessin aussaehe und wie es ihr erginge?
+Dies ruehrte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher,
+der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb
+ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin,
+und machte zuletzt noch eine grosse Toilette, um uns selbst
+ins Schloss zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops
+gesellig neben uns her.
+
+In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schoenen grossen
+Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schoensten
+und seltensten Pflanzen. Eine Menge grosser und kleiner, lang- und
+kurzgeschwaenzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin
+liebte diese und alle Tiere, welche sich zur haeuslichen Geselligkeit
+erziehen lassen. Fremde und einheimische Voegel, Papageien,
+Hunde aller Art fanden wir in grosser Anzahl ueberall in und um
+ihre Wohnung.
+
+Die groesste Zierde des nicht gross, nicht praechtig, sondern
+ganz einfach und fast buergerlich eingerichteten Schlosses waren
+die kuenstlichen Stickereien der Fuerstin und ihrer Damen.
+Die Spaziergaenge fanden wir sehr angenehm, sehenswuerdig allein
+eine schoene, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus
+Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes
+Bad enthaelt. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen
+Graeber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Fuerstin.
+Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich
+der Grosse in Sanssouci fuer seine vierbeinigen Freunde einrichtete
+und in dessen Mitte er einst, in einer trueben Stunde, sein eigenes
+Grab bereiten liess.
+
+
+
+Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset
+
+
+Die noerdlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe
+bei London mit unzaehligen Magazinen, Schiffswerften und anderen
+dem Seehandel unentbehrlichen Gebaeuden bedeckt. Hier auf der
+befahrensten Strasse zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten
+Taetigkeit geweiht, und die laendlichen Freuden fliehen von selbst
+diesen ewigen Laerm, wo der Amboss und der laute Ruf einer zahllosen
+Menge arbeitender Menschen unaufhoerlich ertoent.
+
+Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage:
+die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft
+Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit.
+Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund
+Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschaedigt
+die Unternehmer fuer ihre Auslage vollkommen, denn alle
+Westindienfahrer muessen in diesem durch Kunst hervorgebrachten
+Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei
+ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloss zum Laden dient,
+das groessere zwei- bis dreihundert grosse Schiffe beherbergen kann,
+die darin sicher und bequem unter Schloss und Riegel liegen.
+
+Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen.
+Schoene breite Quais, belebt von allem Gewuehl des Seehandels,
+umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Palaeste
+gleich, stehen die grossen praechtigen Magazine die Quais entland;
+kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Groesse des Ganzen scheint
+es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewaehrt dem Handel
+nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren
+beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl,
+in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den uebrigen
+Fahrzeugen, welche den Hafen ueberfuellen. Da die Westindienfahrer
+gewoehnlich in grossen Flotten zugleich anlangen, so entstand
+bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung,
+ein fuerchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich
+bringende Gedraenge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt,
+und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten.
+
+Den praechtigen Docks gegenueber breitet sich das stattliche
+Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit
+liegenden Boote quer ueber die Themse zu schiffen, so ist man
+in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter
+in dem schoenen Park von Greenwich und die friedlichste Stille
+umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der
+gelderwerbenden Menge toent mehr herueber.
+
+Hinter dem Park erstreckt sich die nicht grosse, aber als
+Haupttummelplatz englischer Strassenraeuber beruechtigte Heide
+von Blackheath, welche jedoch in ueblerem Rufe steht, als sie es
+verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England
+ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte,
+die man in den englischen Blaettern liest, wurde nur ersonnen,
+um den Platz zu fuellen, oder den uebrigen, oft faden Inhalt
+der Neuigkeiten bekannter zu machen.
+
+Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch
+einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir
+auf der Reise von Dover nach London sahen.
+
+Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in
+ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die
+maechtige Stadt, ihre unzaehligen Tuerme und den Dom von St. Paul
+ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten,
+wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige
+beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur
+linken Hand die nicht unbetraechtliche, fast einzig dem Schiffsbau
+gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks,
+ihren gewuehlvollen Schiffswerften, rechts die ihr aehnliche Stadt
+Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen
+Seemacht nebst vielen dazugehoerigen Schmieden, Magazinen und
+Fabriken befindet. Das sanfthuegelige Land ringsumher, belebt
+durch unzaehlige Doerfer, traegt ganz den englischen Charakter;
+alles ist gruen, fruchtbar, angebaut und geschmueckt mit
+einzelnen Gruppen ehrwuerdiger Eichen und Buchen.
+
+Manchen schoenen Park mit seiner Villa, manche reizende laendliche
+Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen
+von London entlegenen Landstaedtchen Bromley. Hier draengen sich
+indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend
+um Richmond herum, denn es fehlen die hoeheren Reize, die dort
+der alles belebende Strom gewaehrt, und ueberhaupt mangelt es
+der Grafschaft Kent an Gewaessern.
+
+Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor
+mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen
+mittelmaessig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verliessen
+und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden.
+Ein schoener Park, angenehme Gaerten und Spaziergaenge umgeben die
+elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke
+erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der
+Hauptfassade zum Modell.
+
+Wenige Meilen weiter, nahe beim Staedtchen Sevenoaks, liegt Knole,
+der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behaelt
+die Gegend denselben Charakter, huegelig, gruen, angebaut wie
+ein Garten.
+
+Das durch sein Alter ehrwuerdige Schloss liegt mitten in einem
+weitlaeufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht
+schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein duesteres,
+weitlaeufiges Gebaeude, dessen innere Einrichtung aus einem
+wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer
+sind ganz modern moebliert, andere, wie sie vor ein paar hundert
+Jahren es waren; die uebrigen, gerade die am meisten bewohnt
+zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt
+und nehmen sich eben nicht zum besten aus.
+
+Besonders merkwuerdig fuer den Forscher nach alter Sitte sind
+zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie Koenig Jakob der Erste
+[Fussnote: Koenig von Grossbritannien und Irland (1603-25),
+als Koenig von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.]
+es verliess, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen
+geschnitzten Bette koennten wenigsten sechs Personen bequem Platz
+finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas,
+und die zentnerschweren Lehnstuehle sind mit kleinen Treppen
+zum Hinaufsteigen versehen.
+
+Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt,
+ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus
+Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein
+zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre
+Entstehung eher dem Amboss und Hammer als dem Webstuhle zu
+verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken
+kuenstlichen goldenen Stickerei ueber und ueber verzierte Decke
+desselben wuerde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre
+Schwere erdruecken. Eine silberne Toilette von schoener alter
+getriebener Arbeit, ein grosser silberner Tisch und ein geschnitzter
+Schrank, gross wie ein Haus in den Hochlanden, ueber und ueber
+besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement
+vollstaendig.
+
+Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemaelde.
+Besonders merkwuerdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie
+voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen
+frueherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher
+vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Waenden auf uns herab.
+Zu den letzteren gehoert besonders ein sehr charakteristisches
+Portraet Cromwells, naechst dem Luthers, dessen bleichen Freundes
+Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Portraets
+fast aller bekannten und beruehmten Gelehrten und Dichter Englands
+fuellen ein besonderes Kabinett.
+
+Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmaehlich;
+hoehere Berge gewaehren dem Reisenden manche schoene Aussicht; bald
+zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel;
+weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr
+pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schoene Ruine eines
+uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das
+and seinem Fusse liegende Staedtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es
+fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen
+Badeorte Tunbridge Wells.
+
+Dieser wird sehr haeufig besucht, da er nur sechsunddreissig Meilen
+von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen
+Stunden zuruecklegt. Wir wuerden indessen die Grenzen der naechsten
+Umgebung ueberschreiten, wenn wir uns auf dessen naehere
+Beschreibung hier einliessen; auch zeichnet er sich weder durch
+seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen
+aehnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir
+dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares
+Lebewohl sagen.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland
+by Johanna Schopenhauer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND ***
+
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+Produced by Tina Gr"we
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+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year. For example:
+
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+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
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+An alternative method of locating eBooks:
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