diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:35:17 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:35:17 -0700 |
| commit | 28a4405d9a57d74387f90225168655a14eefd634 (patch) | |
| tree | a10c97267a95d71390bfb828e0dcc4825d9c7aa9 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 10823-0.txt | 9313 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/10823-8.txt | 9734 | ||||
| -rw-r--r-- | old/10823-8.zip | bin | 0 -> 216730 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/10823.txt | 9734 | ||||
| -rw-r--r-- | old/10823.zip | bin | 0 -> 216628 bytes |
8 files changed, 28797 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/10823-0.txt b/10823-0.txt new file mode 100644 index 0000000..e08041d --- /dev/null +++ b/10823-0.txt @@ -0,0 +1,9313 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10823 *** + +Reise durch England und Schottland + +Johanna Schopenhauer + + + +ENGLAND + +VORLÄUFIGE BEMERKUNGEN ÜBER ENGLAND + + + + +Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen. +Die schönsten Landschaftsgemälden ähnlichen Parks, die Gärten, +die zweckmäßige Einrichtung der Häuser, der raffinierte Luxus, +die Nettigkeit der Ordnung überall, die selbst in dem unbedeutendsten +Hausgeräte sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen +Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wünscht sich alle +diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht +einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefühl von heiterem +Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen, +sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muß man nicht +aufkommen lassen; denn seine Erfüllung ist in diesem Lande mit +so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird. + +Von den Schönheiten des Landes und der Wege, von den bequemen +Gasthöfen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und +in welchen man nur einen wohlgefüllten Beutel braucht, um gleich +so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen +Einrichtung des Postwesens ist überall viel gesagt und geschrieben, +und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste +Ganze gehörig zu loben. + +Für jetzt wollen wir uns aber darauf beschränken, eine allgemeine +Idee eines englischen großen Landhauses mit seinen Umgebungen +aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf +einer Reise von London durch das nördliche England nach Schottland +zu sehen Gelegenheit hatten. + + +Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter +diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus +oder Schloß zunächst umgebenden, eigentlich zu demselben gehörigen +Ländereien und ist gewöhnlich von ziemlichen Umfange. Äcker und Wiesen, +mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von +wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk, +sowie auch einzelne Wirtschaftsgebäude von gefälliger, aber doch +ihre Bestimmung andeutender Form. Überall hat man nach malerischen +Effekten gestrebt, und die sanften Anhöhen und Vertiefungen dieses +Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nützliche +mit dem Schönen vereint. + +Der höchste Schmuck dieses Parks sind die üppige Vegetation der +wohlbestellten Äcker, die unvergleichlich schönen grünen Wiesen und +die prächtigen Bäume, größtenteils Eichen und Buchen, welche überall +in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Bäume das Eigne, +daß sie mehr als in anderen Ländern gleich von der Wurzel an ausschlagen +und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebüsche +sich hinschlängelnde Gänge findet man in keinem Parke; auch Gehölze +sind, wie überall in England, selten. Man könnte sagen, es fehle +Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft +dennoch die Sonne selten recht heiß und hell scheint, der Schatten +entbehrlicher wäre als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien +unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden +Gebäude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus näher +umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen. +Nur in sehr großen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht +hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloß +aus eine Ansicht zu gewähren. + + +An Wasser darf es nie fehlen. Künstliche Wasserfälle kennt man nicht +Und noch weniger Springbrunnen. Fließt aber ein kleiner Fluß oder +nur ein beträchtlicher Bach in der Nähe einer solchen Besitzung, +so muß er, wenn auch mit großen Kosten herbeigeführt, sich in +mannigfaltigen Krümmungen hindurchschlängeln. Fehlt es an lebendigem +Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein +davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natürliche Krümmung, +verdeckt Anfang und Ende mit überhängendem Gebüsche, wirft schöne +Brücken darüber und täuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer +eines Teichs in die unregelmäßigen Umgebungen eines kleinen Sees. +Überall strebt man nach dem Schönen und flieht das Gesuchte, Steife, +Pretiöse. + +Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von +halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf +den grünsten Wiesen der Welt; mit ihnen die schönsten Pferde, Kühe +und Ziegen, besonders in der Nähe des Hauses, wo sich die Wiesen +rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schönen +Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein +geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz. + +Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhöhe, alle Bäume sind +aus seiner nächsten Nähe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne +kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiß in den Zimmern, +teils weil es überhaupt in England nicht heiß ist, teils wegen +der wenigen Fenster, die aber so verständig angebracht sind, +daß jeder Teil des Gebäudes sein hinlängliches Licht hat. + +Die äußere Ansicht der englischen Landhäuser ist aus unzähligen +Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack +darin, oft sind sie mit Verzierungen überladen. Die Hauptfassade ist +gewöhnlich mit Säulen geziert. Sind gleich die Verhältnisse derselben +nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft müßig dazustehen, so +gewähren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plätzchen vor +dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie über den grünen +Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Säulen stehen unzählbare +fremde Gesträuche und Blumen in Vasen, teils auf schönen Gestellen +übereinander getürmt, teils auf den Stufen des Eingang und den Geländern +zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt, +ist unglaublich. Täglich müssen die verblühten hinweggeschafft und +andere an ihre Stelle gesetzt werden. + +Höchst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schätze +werden aus allen Ländern der Welt hierher gezaubert. Doch auch über +diese schönsten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter +der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte +sie gerade die Eriken oder Heidekräuter ihrer besonderen Huld gewürdigt. +Man gab wohl fünfzig und mehr Guineen für so ein geruch-, oft +farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel +der Erde herstammte. Große Orangerien sind in England, außer in den +königlichen Gärten, selten anzutreffen. + +Die innere Einrichtung der Häuser richtet sich hier, wie überall, +nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des +Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben große, +vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Küche, +die Gewölbe zur Bewahrung der Vorräte nebst den Bedientenzimmern befinden. +Letztere sind durchaus gut möbliert, ja die der Haushälterin und des +Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, hübsch +tapeziert, mit Mahagonimöbeln und guten Fußteppichen. Auch bei den +Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, daß sie außer ihren +Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben. + +Aus dem Garten tritt man gewöhnlich zuerst in eine große, hohe, +öfters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemälden oder Statuen, +Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die +verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthält die +Bibliothek, deren schöne Schränke und zierliche Einbände sie zu +einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Häusern +ist es Sitte, daß die Familie sich zum Frühstück darin versammelt. +Sonst gibt es noch Frühstückszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer, +Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours), +Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter +Größe. Überall einfache Pracht, Fußböden, Treppen und Vorplätze +mit schönen Teppichen belegt. + +In vielen Häusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche +mit kühlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von beträchtlicher +Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens +nur an Treppengeländern, großen Eßtischen, Bettstellen; die Möbel +in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden köstlicheren oder +kunstreich lackierten Hölzern. + +Man findet es bürgerlich, unmodisch, lächerlich, die Möbel an den +Wänden hinzustellen, wie es in Deutschland gebräuchlich ist; in den +Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem großen Kreis +umher, so daß noch ein beträchtlicher Raum zum Spazieren zwischen +den Stühlen, Sofas, Tischen und den Wänden übrig bleibt. Die +Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer, +wo eben das Licht am günstigsten fällt und man nicht von der Hitze +nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch müssen wir +der Kamine gedenken, die, künstlich in Marmor gearbeitet oder mit +brillantiertem Stahl geschmückt, eine der größten Zierden der Zimmer +ausmachen. Schöne Vasen und prächtige Kandelaber prangen auf ihren +Gesimsen. Der zweite Stock enthält die Schlafzimmer, welche indessen +den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der +Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen +darf. Oft hörten wir Engländerinnen mit wahrem Grausen von der Sitte +der Französinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum +Besuchszimmer vorzugsweise erwählen. + +So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen. +Kehren wir jetzt zurück zu den nächsten äußeren Umgebungen derselben. + +Die Obst- und Gemüsegärten, die Treibhäuser liegen mit allen zur +inneren Ökonomie gehörigen Gebäuden ganz nahe am herrschaftlichen +Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen. +Diese Bezirke sind es, was der Engländer eigentlich Gärten (Gardens) +nennt. Der zur Fußpromenade bestimmte Teil der Besitzung heißt +Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man +Ähnlichkeit mit den deutschen Parks: Gänge, die sich bald durch +dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlängeln, Tempel, Säulen, +Denkmäler, Ruheplätze und den ganzen architektonischen Reichtum +der neueren Gartenkunst. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer +und Türen von schönem eisernen Gitterwerk. Hier blühen und grünen +die vielen einheimischen Gesträuche, Bäume und Blumen neben den +aus fremden Ländern herübergebrachten, die stark genug sind, +den Winter im Freien zu ertragen. + +Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfältig vor der Kälte +schützen müssen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen +Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der +Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in +einer Höhe von sechs bis acht Fuß sich an den Mauern hinziehen sehen. + +Obstbäume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verständige +Weise, mit welcher alle Bäume mit Hinsicht auf Höhe, Wuchs und die +dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem +Ganzen einen Zauber, den man fühlt, ohne sich ihn gleich erklären +zu können. Alles ist zur schönsten befriedigenden Einheit gebracht. +Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes +oft getäuscht. Die englischen Gärtner sind wahre Landschaftsmaler +im Großen, ja wir möchten sie fast für die einzigen eigentlichen +Künstler der Nation erklären. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln +der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen, +ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhölzern aller Art, +den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten, +immergrünen Stauden und Sträuchern, deren einige sogar bisweilen +im Dezember blühen, werden sehr schöne Effekte hervorgebracht. +Gewöhnlich sieht man davon in der Nähe des Hauses eine Art Wintergarten +an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem +Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Grün getäuscht, +in den Frühling hineinträumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel +notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist, +der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog, +verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht +auf Kleidung und Vergnügen bis über die Mitte des Junius hinaus. +Dann fängt der Frühling erst an, und so muß der Sommer und mit ihm +der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August +und noch später beginnt, bis nach Weihnachten verlängert werden, +damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe. + +Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prächtiges Tor, hat zu beiden +Seiten zwei kleine Gebäude, die Wohnung des Türhüters und seiner +Familie, bei welchem sich jeder Einlaßbegehrende vermittelst einer +Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebäuden, the Lodge genannt, +ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im +gotischen Geschmacke, bald im ägyptischen; sie stellen Türme, +griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhäuschen vor, +je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Türhüter +eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Küche und Keller und +allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie +in Deutschland würde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt +zu besitzen. + + + +Woburn-Abbey + + +[Fußnote: Johanna trat die Reise nach längerem Aufenthalt in London +mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an] + +Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum +des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des +größten Ökonomen in England. Sein Bruder, der Ökonomie mit noch +größerem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreißig +Jahre alt, und hinterließ dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem +geistlichen Stande gewidmet hatte, das große Vermögen. + +Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man +uns hier zeigt, waren natürlicherweise die Wirtschaftsgebäude, vor +allem die Viehställe: denn der Herzog, wie seine Vorgänger, beschäftigt +sich hauptsächlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen +die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre. +Sie tragen bei den in England gewöhnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht +der Größe, Schönheit und des Gedeihens gewöhnlich über alle anderen +Mitbewerber den Preis davon. Dafür wird auch alles getan, um ihr +Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen. +Im Schloß wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen ähnlichen +Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in +Kupfer gestochen, und ihr Porträt prangt in den Londoner Kupferstichläden +neben anderen berühmten Porträts von großen Gelehrten oder Ministern. + +So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch +unmöglich, die Ordnung überall und die zweckmäßigen Einrichtungen +ohne Vergnügen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in +diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die ländliche +Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und einträglicher zu machen. +Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide +abzuschälen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine, +womit man in der Mühle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt, +und noch manches andere von dieser Art. + +In den Viehställen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders +da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle. +Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen, +waren so groß und von der Last ihres Fettes so niedergedrückt, daß sie +uns völlig lebensmüde erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene +ihrer Schönheit wegen berühmte Stiere und einige indianische Kühe. +Letztere haben einen geraderen Rücken und einen kleineren Kopf, übrigens +sehen sie wie andere Kühe aus. + +Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwürdigen Bäumen ist +von pittoresker Schönheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin +umher, zu achtzig Stück und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die +schönsten, größten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwänzen. +Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen +erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen; +sie führte ein Bild der schönen goldenen Zeit vor die Seele. + +Das an sich große Schloß zeichnet sich vor andren weder durch besondere +Pracht noch große Schönheit aus. Es ist zu neu, um ehrwürdig, zu alt, +um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; für uns +traf es sich diesmal sehr glücklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer +voll Gemälden, größtenteils Porträts. Sechs große wunderschöne +van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgröße, fielen uns besonders auf. +Dann auch das Porträt des unglücklichen Grafen Essex, ebenfalls in +Lebensgröße. Er hatte eine schlaue, höchst bedeutende Physiognomie +und einen ganz roten Bart. Ihm gegenüber hängt das Porträt der Königin +Elisabeth, im geschmacklosesten, übertriebensten Putz, ohne allen +weiblichen Reiz. Der historischen Gemälde und Landschaften, größtenteils +aus der niederländischen Schule, sind eine große Anzahl, und darunter +gewiß Stücke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek +befindet sich im Schlosse. + +Das Orangeriehaus ist einfach prächtig. Acht große Marmorsäulen tragen +in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben +eine große, mit Basreliefs geschmückte antike Marmorvase, über die man +ein ganzes Buch schreiben könnte und an der wir flüchtig vorübereilen +mußten. + +Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade +angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen +bei schlechtem Wetter und im Winter. Geißblatt, Rosen, echter Jasmin, +Heliotrop und viele andere ähnliche Gewächse umranken die Pfeiler und +die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzählige +seltene und schöne Blumen und Gewächse stehen in Vasen, der Promenade +entlang. + +Ganz in der Nähe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen +und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase. +Alle zur Milcherei gehörigen Gefäße sind darin von seltenem japanischen +und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergänge fanden wir, +im Vergleich mit den übrigen, weder groß noch prächtig, aber +geschmackvoll angelegt. + + + +Stowe's Garden + +Landsitz des Marquis von Buckingham + + +Diese Gärten werden mit Recht für die schönsten und prächtigsten in +England gehalten und liegen in nicht gar großer Entfernung von Woburn. +Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags +Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden +Gasthofe sehr gute Bedienung. + +Stowe's Garden enthält einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Säulen, +Pavillons aller Art. In jedem beschränkteren Platze ist freilich +weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen; +aber hier in diesem großen Raume fällt die Anzahl der Gebäude nur auf, +weil man jedesmal die glückliche Wahl bewundern muß, mit der sie +angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot, +auf eine so kostbare Weise eines der natürlich schönsten Plätzchen +der Erde noch zu verschönern. Unmöglich ist's, diese Gärten durch bloße +Worte darzustellen, man muß sie gesehen haben, um sie sich denken +zu können. Sie bilden die schönste, lieblichste Landschaft, die nur +eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf +klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsächlich ihre Verschönerung +verdanken, lebte hier in der glänzendsten Zeit der englischen Literatur. +Die besten Köpfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem +reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm. + +Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins +zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen +Cobhams und seiner Freunde Büsten in Marmor, eine Art halboffener +Rotunde enthält die Büsten merkwürdiger Menschen, die zu verschiedenen +Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. König Alfred, +Königin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere, +durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das +allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine. + +Eine hohe Säule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem +Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist +inwendig hohl und enthält eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe. +Man genießt oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu. +Eine andere Säule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine +kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers +Kapitän Cook. + +Noch müssen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von +gefärbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt. +Diese Anlagen sind reich an schönen alten Bäumen, besonders Eichen und +Zypressen; ein ungeheuer großer Taxusbaum zeichnet sich besonders aus. +Schattige Gänge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natürliche +Wasserfälle, schöne malerische Brücken, alles ist hier vereint, was +einen solchen Platz nur zu verschönern vermag. + +Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebäude und zwei +Flügeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsäulen getragenen, +weit vorspringenden Attika blühen die seltensten Pflanzen in Blumentöpfen. +Von hier tritt man in die prächtige, durch eine Kuppel von oben +erleuchtete Halle. Am Friese ist ein römischer Triumphzug in Marmor +abgebildet. Marmorsäulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen +stehen marmorne Statuen. + +Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Büsten verzierten +Saal, in dessen Mitte ein schöner Apoll aufgestellt ist. Diese Statue +sowohl als der größte Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken. + +Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum +an Gemälden, meist Niederländern, namentlich Rembrandts, unter anderem +das eigene Porträt dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders +hochgeschätzt werden. Ein Kabinett voller Porträts, größtenteils aus +dem merkwürdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte, +ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison, +der ein höchst gutmütiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein +Originalporträt der unglücklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher +Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint +weit weniger schön, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag +auch wohl die nicht außerordentliche Kunst des Malers daran schuld sein. + +Lady Buckingham und ihre Tochter beschäftigen sich auch mit der Malerei. +Die Mutter malt in Öl, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer +mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich übrigens nichts weiter +sagen läßt, als daß es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn +sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen. + +Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen +hatten, nach Woodstock, einem Städtchen, das auf vielfache Weise bekannt +ist. Das prächtige Schloß Blenheim, welches die Königin Anna ihrem +Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fußnote: John Churchill +(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluß +seiner Frau Sarah auf die Königin Anna, die letzte Herrscherin aus dem +Hause Stuart (1702-14), höchste politische Macht.], zum Dank für seine +erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glänzendsten benannte, +liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzüglichsten, in ganz +England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmäßig, sondern von einzelnen +Arbeitern in ihren Häusern verfertigt. Wir besuchten einen der +geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein +Lieblingsbild mit Gold weggeben muß, so betrachtete der gute Alte seine +besten Scheren und Messer mit wahrem Künstlerschmerz, ehe er sie uns +übergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und +zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das +Wichtigste, was uns beschäftigen könnte. + +In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwürdig. Auf einer +Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein +Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja +gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, daß +ihre Ansprüche an die Krone von England einst geltend werden würden; +und eben diese Ansprüche, die sie gewiß oft in jenen Zeiten bitter +beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede +Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die +Festigkeit, Klugheit, welche sie späterhin zur weisen, glücklichen +Regentin machten. Wie war es aber möglich, daß diese frühere Erfahrung +des Unglücks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten +und Großen, was weise Männer vor ihrer Zeit dachten und schrieben, +sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen +war, wie konnte sie ihre unglückliche Schwester Leiden fühlen lassen, +welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt +dem fürchterlichen Tode auf dem Blutgerüst weihen! Die Nachwelt ist +gerecht. Jeder Engländer spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe, +und der Name der unglücklichen Maria wird noch überall mit Liebe und +Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglück +und ihre Liebenswürdigkeit lebt noch in allen Herzen. + + + +Blenheim + + +Als wir uns in Woodstock morgens früh anschickten, nach unserer +Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit +Erstaunen, daß ein himmelhoher Phaeton [Fußnote: leichter, eleganter +Wagen], mit zweien ziemlich unbändig scheinenden Schimmeln bespannt, +unser vor der Tür des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns +mit der in solchen Fällen gebräuchlichen Eloquenz, es wäre geradezu +unmöglich den Park zu Fuße zu sehen. Wir fügten uns also +ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefährlich aussehende Fuhrwerk +und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein. +Der Park ist so groß, daß kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt +hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbändig, als sie zuerst +schienen, und die große Höhe des jetzt aus der Mode gekommenen +ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen +nach allen Seiten und den Genuß der verschiedenen sich darbietenden +Aussichten. + +Übrigens wird Blenheim auf eine noch umständlichere und dadurch auch +kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebräuchlich +ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs +Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze +übliche Etikette Einfluß zu haben. + +Ein großes, prächtiges Tor mit zwei Nebengebäuden, die Wohnung des +Türwärters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer +darüber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, daß Lady Sarah diese +Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der +Türhüter empfing uns mit einer wahrscheinlich für diesen Zweck ein +für allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa +fünfzig Schritte neben dem Wagen her, dann ließ er ihn halten. +"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drüben sehen Sie +ein Wasser mit einer schönen geraden Brücke; daneben rechts steht +ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug +und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze +des Obelisks und ist zehn Fuß hoch, so klein sie auch von hier aus +erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute: +denn alles, was wir später in der Nähe sehen sollten, ward hier von +weitem gezeigt, ohne daß man uns Zeit gelassen hätte, der wirklich +mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war +es unmöglich, dem Strome dieser eingeübten Rede Einhalt zu tun. + +Endlich waren wir an dem Orte, wo der lästige Redner, nach der +hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden mußte. Er übergab +uns einem Förster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum +Beschluß, trotz der herzöglichen Livree, die er trug, den endlichen +Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem +er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glück weniger beredt; +bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war. + +Der Park ist einer der schönsten in England. Sanfte Anhöhen, liebliche +Täler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schönsten Grase, +werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere +schöne steinerne Brücken führen über einen Kanal, welchem man sehr +täuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben +wußte. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebäude, der Obelisk +mit der Statue des großen Marlborough und unzählige alte herrliche Bäume +gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Überall sind mannigfaltige +Aussichten auf das Schloß, das Wasser, die Brücken, die Gebäude mit +Auswahl und bescheiden sich verhüllter Kunst veranlaßt. Nachdem wir +alles gehörig bewundert und uns auch mit dem Förster abgefunden hatten, +übergab uns dieser dem Gärtner, welcher uns in den das Schloß in der +Nähe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumführte. +Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so +prächtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muß zwar gefallen, +doch dünkte uns, sie würde sich besser zu jenem kleineren, in +prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so +viel Reichtum ausgestatteten Gärten von Stowe zum Prachtpalaste von +Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher +Weg um einen kleinen See herum und viele vorzüglich große, schöne +Bäume bilden hier die schönsten Partien. + +Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir +am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir +anfangs für die Haushälterin hielten, welche uns, wie das in England +gebräuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle +Engländerinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks +bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und führte uns mit großer +Redseligkeit bis an das Schloß. Hier nahm sie wieder mit unzähligen +Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt wäre, die hohen Herrschaften +(the Quality nannte sie es) mit gebührendem Respekt zu empfangen und +dahin zu sehen, daß sie, wie es sich gehöre, über den Hof begleitet +würden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis, +daß sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit +wechselseitiger Zufriedenheit voneinander. + +Das Schloß ist ein durch seine Größe imponierendes Gebäude; übrigens +schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Säulen, Vasen, Treppen, +Geländern und Türmen verziert oder verunziert. + +Die große Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch, +sehr groß und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie +hat einen schön gemalten Plafond, den marmorne Säulen unterstützen, +schöne, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die übrigen Zimmer +sind von altmodischer Pracht, alles solid und köstlich, wie man es +an diesem Orte erwarten muß. Französische Hautelisse-Tapeten schmücken +mehrere Säle, alle stellen des großen Herzogs Siege vor, sind aber +leider sehr verblichen. + +Die Gemäldesammlung ist sehr groß; eine Magdalena von Tizian und eine +heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben +vorstellend, einige Porträts von van Dyck sind uns bei dem schnellen +Durchfliegen noch einigermaßen im Gedächtnisse geblieben; Raffaele +zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser große Meister +selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederländer sind hier, +verschiedene Gemälde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit +von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mußten wir uns von diesen, +in engen Banden gehaltenen Schätzen wegwenden. Ein großes Gemälde von +Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend, +hängt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostüm tut +ihm Schaden. + +Noch ein großer, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre +mit vieler Wahrheit gemalt, dünkt uns des Erwähnens wert. Der Plafond +stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen +aufhalten. Die Wände sind wie eine offene Halle gemalt; rundum läuft +ein Geländer, hinter welchem alle europäischen Nationen mit +charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen +stehen. Die Figuren, etwas über Lebensgröße, übrigens von täuschender +Wahrheit, ragen halb über das Geländer vor. + +Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend +Bände enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der +Königin Anna in völliger Staatstracht; mit dem Königsmantel, dem langen, +über einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide, +dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine +große Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit +bewundernswürdigem Fleiße in den harten Stein gearbeitet. Auch in +der Bibliothek hängen viele Porträts; der große Herzog und seine Sarah +sind hier abgebildet; sie hält die herzogliche Krone recht fest und +schaut keck und übermütig in die Welt hinein. + +In der Schloßkapelle zeigte man uns das große Grabmal, welches Lady Sarah +sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen ließ. +Die Familie ist in Lebensgröße darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen +Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer +bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke +noch die Ausführung zog uns an. + +Des flüchtigen Sehens überdrüssig, ermüdet von dem Stehen und Gehen +in den vielen großen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurück +und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und +chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwürdiges zu zeigen +sich erbot. + + + +Birmingham und Soho + + +Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fußnote: heute einer der größten +Industriestädte der Welt mit über 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit +Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschönte sich mit +jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Tälern. Wir mußten +zuweilen die Räder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab führte. +Die Aussichten von der Höhe sind sehr reizend. In Birmingham selbst +erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den +Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem großen eleganten Gasthofe +gelangten. Dieser heißt noch immer "Zur Henne mit den Küchlein", +obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich +alle Mühe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln. + +Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit berühmt, ja man +könnte fast behaupten, es gäbe kein Dorf im kultivierten Europa, +vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie +dieser Stadt zu finden wäre, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel +oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage +nicht schön; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstätten, die hier +ihr Wesen treiben, gibt ihr ein düsteres, schmutziges Ansehen. +Überall hört man hämmern und pochen, alles läuft am Tage geschäftig +hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafür +hallen des abends die Straßen vom Geschrei und von Gesängen derer wider, +die sich den Tag über unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten. +In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne lähmenden Schlafe +des ermüdeten Arbeiters abstehlen können, suchen sie in Tavernen +und Spielhäusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag über +nicht denken konnten. + +Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwürdigsten Punkt +dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene +Etablissement des Herrn Boulton [Fußnote: Matthew (1728-1809) +gründete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt; +die Fabrikanlagen in Soho gründete er 1762], zu besuchen. + +Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen +glänzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiß und anhaltendes +Streben nach einem Ziele vermögen, als diesen kleinen freundlichen +Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schöpfer, den achtzigjährigen +Boulton, noch in völliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen, +obgleich sein Körper der Krankheit, dem Alter und der unermüdeten +Arbeit längst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen völlig +gelähmt; im Hause ließ er sich durch zwei rüstige Bediente herumtragen; +im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke, +die in England zum Troste der dort so häufigen Lahmen und Gebrechlichen +erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm +durch einen seiner Freunde empfohlen waren, überall selbst hinzubegleiten. +Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzählte, +wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten +mutig bekämpfte und glücklich überwand. Freundlich erklärte und +zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten, +die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann, +sprangen uns seine blühenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein +Wägelchen und fuhren den glücklichen Greis wie im Triumph davon. + +Achthundert Menschen finden in Soho täglich Arbeit und Brot. +Hier werden englische Kupfermünzen und ausländische, für die +ostindische Compagnie, für Amerika und manche fremde Höfe geprägt. +In Deutschland sagt das Gerücht: Boulton lasse auch die vielen +falschen Münzen fabrizieren, die von England aus Deutschland überschwemmen. +Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit, +als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem +so gefährlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachprägen +fremder Münzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert; +sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in großer Menge, meistens +auf Bestellung spekulativer Köpfe in Deutschland und anderen Ländern, +ziemlich öffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf +diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen +englischer Banknoten und Münzen, wird dieses Geschäft nur ganz heimlich +betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken, +welchen oft eine Knopffabrik zum Aushängeschild dient, nicht fehlen. + +Außer der Münze enthält Soho noch eine große Fabrik von plattierten +Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen. + +Die erstaunenswürdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum +an Steinkohlen für England von unermeßlichem Wert, hat Boulton erst +auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht. +Er verfertigt Dampfmaschinen für ganz Europa und Amerika, läßt aber +diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen, +die seine Gastfreundschaft mißbrauchten und mühsam errungenen Vorteile +ihm abzusehen strebten, während er sie freundlich bei sich aufnahm. +Er sagte uns, wir würden es unartig gefunden haben, daß er in allen +Gasthöfen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement +anschlagen ließ, in welchem er bekanntmachte: daß ohne besondere Empfehlung +an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den +ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associés +alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Störungen veranlaßte, +wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er höchst ungern tat. +"Nichts ist unerträglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen, +das eine Sehenswürdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein; +beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon +aus Höflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu müssen, +und so wußte ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese +unfreundliche Weise." + +Das Wohnhaus in Soho ist ein hübsches, bequemes und großes Gebäude, +überall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben, +mit den prächtigen Villen der Großen des Landes zu wetteifern. Es liegt +sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern übersieht man eine sehr schöne, +reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Hügel +steigen über ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein hübscher Garten +voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende +Promenade, längs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf, +indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Sümpfe austrocknete +und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergießt sich ein +Wasserfall von einem mit schönen Blumen und Bäumen gezierten Hügel. +Alles dieses war vor ungefähr zwanzig Jahren eine öde, sumpfige Heide. + +Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant. +Es ist unmöglich, schönere Formen und bessere Politur zu sehen, +als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem +ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch, +auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach. + +Auf ein Stück Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im +Durchmesser, werden Längen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa +den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen. +Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech +ausgedehnt, so dünne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit +dem Kupfer im nämlichen Verhältnisse. Dieses Blech braucht man zur +Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergerätes, welches eine +Fläche bietet; zu den Henkeln, Füßen und dergleichen nimmt man eine +runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die nämliche Weise, wie +wir oben beschrieben, behandelt wird. Die äußeren Ecken werden den +Gefäßen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten +Verzierungen daran ganz Silber. + +Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwürdig. In einem sehr langen Zimmer +sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhörlich schnell sich drehen. +Eine lange hölzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch +eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird, +setzt sie alle in Bewegung. Mit der größten anscheinenden Leichtigkeit +schleifen die Arbeiter die schönsten Muster auf die Gläser mit einer +bewundernswürdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie +dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten. +Von hier aus kommen größtenteils die schönen Girandolen, Lüster, +Trinkgläser und Prachtvasen, die glänzendste Zierde großer Tafeln, +welche wir oft in den, bei nächtlicher Beleuchtung einem Feenschloß +ähnlichen, flimmernden Glasläden Londons nicht genug bewundern konnten. +Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hölzernen Scheibe, +statt des Schleifsteins, gegeben. + +Die Münze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton ließ aber +einige kleine Geldstücke prägen, um uns den Mechanismus zu zeigen. +Acht Prägstöcke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben; +jeder derselben prägt in einer Minute dreißig bis einhundertzwanzig +Stücke aus, je nachdem sie größer oder kleiner sind, und zwar auf +beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine höchst sinnreich +erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben +geprägte Stück fort und ein noch ungeprägtes an dessen Stelle einschiebt. +Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben. +Das Gepräge der Münzen ist durchgängig schön. Sie sind alle vollkommen +rund, von gleicher Größe und möglichst gleichem Werte. + +In einem anderen Zimmer werden die Münzen geschnitten, ehe sie +geprägt werden; noch in einem anderen nach dem Prägen gereinigt, +indem sie in langen leinenen Säcken hin und her geschwungen werden. +Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt. + +Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch +ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewölbe eine Pumpe durch den Dampf +des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden +Wassers unaufhörlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige große +Räder, diese Räder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern +befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder +hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir +durch's bloße Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen. +Das Wasser muß das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die +Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehöre weit +weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben möchte. + + + +Burton und Derby + + +Von Birmingham reisten wir über Burton [Fußnote: Burton-upon-Trent, +berühmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Mönchen der +Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Güte dieses Bieres wird +auf die Qualität des Wasser zurückgeführt] nach Derby. Burton ist ein +freundliches Städtchen, weltberühmt durch das Ale [Footnote: helles, +alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und +kräftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In +Friedenszeiten gehen jährlich große Sendungen davon nach ganz Europa, +besonders nach Rußland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In +England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in bürgerlichen +Häusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, daß es +sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz +verliert. + +Derby ist eine ziemlich große, aber nicht schöne Stadt. Sie enthält +viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten +ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan +wohl dem Meißner und Sèvres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben, +Vergoldung und Schönheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren +läßt es nichts zu wünschen übrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit +hinter den sächsischen zurück, sowohl in der Erfindung als der Ausführung. +Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade +Nützliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der +höchsten Vollkommenheit. + +Zum erstenmal in England mußten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten, +und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last +reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen +von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen +sind in England gewöhnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher +achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer +eingekerkert hätte, und reisten ab. Die Pferde waren sehr müde: der +Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen; +langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als wären wir +auf irgendeiner Poststraße in der Mark. Wir fürchteten, die armen Tiere +würden zuletzt aus Ermüdung ganz stille stehen. Der Regen strömte heftiger, +und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten +Hälfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen +türmten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach +durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den +Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die +Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde +scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhänge hinab und hinauf, +tief unten brausende Waldströme ließen uns Abgründe neben dem Wege ahnen. +Das Geklapper der vielen Mühlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen +Räder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewässer +ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalköfen), +alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen. + +Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns +indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise +erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort, +den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die +abenteuerliche, ermüdende Reise machte ihn uns doppelt angenehm. + + + +Badeorte + + +Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer +des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es +erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder +weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode +es gewollt hat. Zu diesen Badeplätzen sowohl als zu den im Lande +gelegenen mineralischen Quellen flüchtet jeder, der keine eigene Villa +besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande +entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden. + +Bekanntlich ist dann die Stadt (so heißt London vorzugsweise in ganz +England) leer, obgleich die Straßen von Menschen wimmeln und der Fremde +diese angebliche Öde gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom +Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte +Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt, +die Müßigen, die Reichen, die Glücksritter, alles flüchtet aufs Land +oder ins Bad. Die Seebäder sind im ganzen die besuchtesten und +luxuriösesten. Die mineralischen Quellen werden öfter von der mittleren +Klasse besucht, welche dort mehr ländliche Freuden als rauschende +Ergötzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer +besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrüchigen der +warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fängt dort erst im +Dezember an und währt bis zum Frühjahr. Alle Londoner Freuden sind +alsdann wohlfeiler und nach verjüngtem Maßstabe auch in Bath zu finden. +Deshalb eilen die dorthin, welche gern groß und vornehm leben möchten +und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu können. Viele +große Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Ökonomie +ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen. + +Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, öfter die Not, +so ausgezeichnet schön auch die dortige Gegend ist. Man weiß, wie viele +Opfer die Schwindsucht jährlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle +wird gewöhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen +Ärzten angeraten. Daß es wirklich oft der letzte sei, bezeigen +die vielen Denkmäler auf dem dortigen Gottesacker. + +An allen diesen Plätzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den +kleinen Bädern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger +zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebräuchlich ist, aber +dennoch weit weniger so als in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen. + +In den großen, von den Vornehmen besuchtesten Bädern herrscht eine +strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden, +hiervon ausführlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und +seinen Umgebungen. + + + +Matlock + + +Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens, +ist dieses liebliche Tal eines der schönsten Plätzchen Britanniens. + +Sei es immer, daß seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer +nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden. +Auch sahen die fünfzig oder sechzig Badegäste, die wir hier fanden, +gar nicht aus, als ob Äskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher +gebannt hätte. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben +des Lebens hergeflüchtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schöpfen +und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen. + +Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schönen großen Gasthöfen +und zwei Logierhäusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen +davon. Es ist unmöglich, dies reizende Tal durch bloße Beschreibung +anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da, +durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kühnen Felsen, die bald +schroff und nackt gen Himmel starren, öfter noch ihre mit den schönsten +Bäumen gekrönten Gipfel freundlich erheben. + +Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar +ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser, +voll Fällen und Strudeln. Die Felswände zogen sich enger zusammen, als +wollten sie uns den Weg versperren; die Sträucher am Ufer bildeten Lauben +über den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein. +Dann traten sie wieder zurück, und wir sahen freundliche Hütten, +mit Gärtchen und Wiesenplätzchen untermischt, an ihrer Seite hangen; +stattliche Häuser, große Fabrikgebäude, zu ihren Füßen liegen. +Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergänge ziehen sich +an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurück zu unserem Gasthofe. + +Ihm gegenüber erhebt sich der höchste Fels dieser Gegend. Die Landleute +nennen ihn High Tor. Auf einem größtenteils schattigen, nicht sehr +beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer +Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner üppigen Vegetation. +Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenüberstehenden, +waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebäude des Bades und geben ein +freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser +Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein +zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuß bis hierher gedrungen +wäre, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von +grünen Bergen. Schöne Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase. +Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schönheit der Natur glücklicher +mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der +Badegäste beschränken sich größtenteils auf den Genuß dieser herrlichen +Natur; denn ein Bowling green [Fußnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: +"Ein grüner, solgfältig mit Walzen geglätteter Rasenplatz, zu einem nur +in England gebräuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln +sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergötzen ihnen hier darzubieten wagt. +Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegäste selbst: denn +der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem +Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau; +es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Bäder sind so bequem und +reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann. + +Für den Geologen ist Matlock höchst interessant, die verschiedenen +Steinarten, Flußspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt, +sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Läden in +aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt, +zum Teil roh in sehr schönen Exemplaren für den Liebhaber und Sammler, +der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzähligen anderen +Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen +hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schöner Form und sehen +ungemein glänzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer +Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verführen. + +Noch ist eine versteinernde Quelle [Fußnote: kalksinterhaltiges Wasser] +hier merkwürdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert, +und wenn es länger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Wächter +dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Perücke +und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen. + +Jenseits der Derwent, dem Dorfe schräg gegenüber, liegt Cromford Mill, +die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fußnote: (1732-92), +ursprünglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine, +die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde], +die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans +Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine +mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwürdige +Mann war ursprünglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen +Schwierigkeiten zu bekämpfen, denen ein gewöhnlicher Mann unterlegen wäre. +Er verdiente, mächtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistünden, +und er fand sie; sein großes Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange +genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese +Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz +der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schöne +Villa Wellersley bewohnt. Das von weißen Steinen massiv erbaute Wohnhaus +sowohl als die großen Fabrikgebäude am Ufer des Stromes, beschirmt von +mächtigen Felsen, erhöhen die Schönheit der Gegend. Noch erfreulicher aber +ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den +Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an +einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern +und Mädchen spazieren gehen, umspielt von schönen reinlichen Kindern. + +Die englischen Bauernmädchen und jungen Weiber sind durchgängig +schöne Gestalten, älter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie +gewissermaßen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem +Bande geschmückt, auf einem kleinen schneeweißen Häubchen, steht den +artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu große, weiße musselinene +Halstücher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe, +himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen +kattunenes langes Kleid, hinten künstlich mit Nadeln aufgesteckt, +alles blendend rein bis auf die feinen weißen gewebten Strümpfe [Fußnote: +dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die ärmsten Engländerinnen stricken; +diese Arbeit wird bei ihnen für schimpflich gehalten]. +Dies ist ihr Sonntagskostüm, von welchem das der Wochentage nur durch +dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht. + +Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehörigen +großen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen +Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschön. Die Gärten +enthalten Treibhäuser und eine hübsche Orangerie. Überall sieht man +die segensreichen Früchte des Fleißes und der Industrie. + +An einem frühen Morgen verließen wir endlich ungern das freundliche +Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald +ruhig hinfließenden, bald über Felsstücke wild daherbrausenden Derwent. +Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht +auf das fruchtbare, durch unzählige Fabriken und Häuser belebte Land +eröffneten. Jetzt führte der Weg abwärts; im Morgenlicht schimmerte uns +ein prächtiges Gebäude entgegen. Es war Chatsworth [Fußnote: das Schloß +wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem +Spätrenaissancestil erbaut, anstelle eines älteren Schlosses, in dem Maria +Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordflügel angebaut. +Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das ursprüngliche +Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen +Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkömmlinge, der Herzöge von Devonshire. + +Das Schloß liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter +demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekrönten Scheitel. +Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Grün, +eine sehr schöne steinerne Brücke führt hinüber. Wir fuhren durch +den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe, +von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise. + + + +Chatsworth +Landsitz des Herzogs von Devonshire + + +Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von außen eines der größten +und prächtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig +Fuß lang. Die auswärts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir +sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und +gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese äußere Pracht +sticht auffallend ab gegen die große Stille und Einsamkeit der +wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloß hier +zu eigenen Zwecken entstehen ließ. Auch hatte es einst eine traurige +Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre +Freiheit, jedes Glück des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin +sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach +sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland, +wo sie hingerichtet ward. + +Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthält wenig +Merkwürdiges. Seit Jahren von den Eigentümern nicht besucht, zeigt +es überall nur Spuren alter, allmählich hinsinkender Pracht; dennoch +wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefügt, +und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhäuser +so angenehm macht. Für uns hatte es dennoch ein hohes Interesse. +Im zweiten Stock des ältesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer +der unglücklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und möbliert, +wie sie es bewohnte. Es ist sehr groß und hoch; alte gewirkte Tapeten, +die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, hängen an den Wänden. +Ein hoher Betstuhl steht in der Nähe eines Fensters, die Aussicht aus +demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schöne, +aber höchst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Möbel +im Zimmer, die hohen schweren Stühle mit kleinen Treppen davor, +die eichenen und nußbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns +in jene trüben Tage, welche die schönste und unglücklichste Frau +ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen, +die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da; +uns war, als sähen wir noch die Spuren der einsamen Tränen, die sie +hier verweinte. + +Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen +Zeit fremden Geschmack angelegt. Man könnte ihn altfranzösisch nennen, +wenn er regelmäßiger wäre, doch mag er dies wohl eher gewesen sein; +denn es ist sichtbar, daß viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus +und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande berühmt macht, +sind die Wasserkünste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen +und der Wilhelmshöhe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur daß sie +die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine künstliche, +zwei- bis dreihundert Fuß hohe Kaskade mit Stufen, der es aber, +wie den meisten dieser Art, an hinlänglichem Wasser fehlt, wird zuerst +gezeigt. In einem anderen Bassin muß das Wasser die Gestalt einer +gläsernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem +Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer künstlich gebildet, +das Wasser spritzt schäumend aus seinen Zweigen, er sieht dann +ganz artig aus, als ob er mit großen Eiszapfen und Schnee bedeckt wäre, +kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor. +Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuß hoch +gen Himmel und machen eine recht hübsche Wirkung. Die Engländer, +welche in den ringsumher liegenden Bädern hausen, wallfahrten fleißig +her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu +einem Wunder der Welt. + + + +Castleton + +Voll von Mariens Schicksale und stolz, daß unser Schiller den Briten +den Rang abgewann und ihrem Andenken das schönste Denkmal schuf, +verließen wir das traurig schöne Chatsworth. Nur kurze Zeit noch +und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand. + +Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur +von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns +ängstlich hindurchwinden mußten, die jeden Augenblick den Weg +zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch +ansehnliche Fabrikgebäude von großem Umfange; auch diese ödeste, +schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire. +Es waren deren unzählige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch +die ärmlichsten, aus Feldsteinen aufgetürmten Hütten, vor ihnen +langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Öde, von der +schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkräftet. + +Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Städtchen, +wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem ärmlich +aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshöhle +mit einem Führer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen +unserer bemächtigt hatte. + + + +Die Peaks Höhle + + +Diese sehr berühmte Höhle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben +ist wahrhaft groß und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen +von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Bäumen gekrönten Scheitel. +In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuß +hohes und einhundertzwanzig Fuß breites Tor gewölbt, durch welches man +in undurchdringliches Dunkel zu blicken wähnt. Langsam fließt ein +schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht +hervor. Vor der Wölbung hängen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine; +wildes Gesträuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert +in leichten Kränzen darum her. Felsenstücke hängen herab, Untergang +drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der +Unterwelt dringen will. + +Wir traten in die Höhle, die dunkle Nacht war dem allmählich sich +daran gewöhnenden Auge zur Dämmerung. Bald unterschieden wir darin +eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die ärmlichsten Gestalten, +welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie +in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kümmerlich ihr +armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Hütten, +die sie sich in der Höhle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl +umherstehen sahen. Ungestüm bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns +gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton, +eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen. +Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat. +Die Wärme der Höhle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich +macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewähren, +besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt, +im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so +unfreundliche Wohnung zu wählen. + +Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestüm losgekauft hatten, +kauften wir Lichter. Jeder von uns mußte eins tragen, der Führer trug +deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren +Hintergrund der Höhle. Der Führer machte uns auf einige ungeheuer große +Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne daß wir +die Ähnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten. +Dann öffnete er eine schmale niedrige Tür, und wir standen in einem +großen Gewölbe, von dessen Decke große Felsenstücke, drohender als je, +über unsere Häupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter +machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen. + +Jetzt ward das Gewölbe ganz niedrig. Gebückt, mit unsicherem Tritte +auf dem schlüpfrigen unebenen Boden, mußten wir uns lange durch +eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Höhe, +bald ebenso hinunter. Wir stießen von allen Seiten an die vorragenden +Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur, +das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer, +wir möchten sagen zähe, denn ihr Widerstand schien uns fühlbar. + +Endlich konnten wir unsere Häupter erheben, wir befanden uns in einem +kleinen Gewölbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier, +wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen +langsam dahinwälzt. Wir fanden einen mit Stroh angefüllten Kahn, +in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten. +Der Führer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Hüfte ging, +so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh +lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur +eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke +einzustürzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer, +um darauf fußen zu können. Nie war uns die Idee eines lebendig +Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargähnlichen Kahne +mit der schwarzen, schweren Felsendecke über uns. Der Führer +mußte ganz gebückt waten, ein Stoß an einen der Felsen, der ihn +besinnungslos gemacht hätte, und wir waren verloren auf die +entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschäftigt, +schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer +das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge. +Schwindlig von der Fahrt, mußten wir uns erst eine Weile erholen, +ehe wir um uns blicken konnten, und fast wären wir es beim ersten +Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach +der Aussage des Führers einhundertzwanzig Fuß hoch, zweihundertsiebzig +lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider +zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel +des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt, +ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Höhle war uns +noch bänglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem +Leben war hier fühlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte. + +Mühsam kletterten wir über abgerissene, rauhe Felsstücke und kamen +wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Töne einer +sehr fernen Musik zu uns herüberschlüpften. Der Führer stieg abermals +ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke +auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Höhle, in welcher +das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhörlich niedersinkt, +und die deshalb Rogers Regenhaus heißt, fanden wir eben in diesem +ewigen Tröpfeln die Ursache jener Töne, die uns zuvor wie Musik +aus der Ferne schienen. Der Fußboden war mit tausend wunderlichen +Schnörkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf höchst +beschwerlich, besonders da die ewige Nässe ihn schlüpfrig macht. +Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor. + +So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer höheren, +gewölbten Abteilung der Höhle harrte unser eine sonderbare Überraschung. +Ein Chor von Männern empfing uns mit einem langsamen, eintönigen Gesang. +Lichter in den Händen haltend, die sie hin und her schwenkten, +standen sie fünfzig Fuß hoch über uns in einer Art von Nische, +welche die Natur in einer der Seitenwände geschaffen hatte. +Ihr Gesang war rauh, aus wenig Tönen zusammengesetzt, wild und klagend, +aber dennoch nicht unangenehm. + +Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Ängstlich gebückt +schlichen wir unter und über Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewölbe, +noch grausender und schauerlicher als alle übrigen, und ein schwarzer +Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gähnte dicht +vor unseren Füßen. Der Führer zeigte uns den steilen, furchtbaren +Fußsteig, welcher über schlüpfrige Tropfsteine hinabführt. "Dies ist +der Teufelskeller", sagte er, und indem er plötzlich einen von uns +beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend, +"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich hätte Napoleon hier!"-- +Wir können's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar +Herr, und wir hatten es längst gemerkt, daß er uns für Franzosen hielt. +Indessen faßten wir uns bald und antworteten ihm, daß wir ihm die +Erfüllung dieses Wunsches gern gönnen wollten, wenn nur Napoleon +[Fußnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit +Frankreich] nicht die Gewohnheit hätte, immer mit starker Begleitung zu +kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draußen +geblieben wären, würden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein +Unglück widerführe. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn +etwas höflicher. Unser Erschrecken über das wunderliche Benehmen des +Führers wäre indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon +gewußt hätten, was wir später erfuhren, daß vor mehreren Jahren ein Herr +und eine Dame in einem einspännigen Whisky ohne andere Begleitung +ankamen, gerade vor die Höhle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen +und nie wieder gesehen wurden. + +Der Führer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab. +Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter, +der einhundertfünfzig Fuß tiefer führt; sie lassen bloß den Führer +mit einigen Lichtern hinabgehen und begnügen sich mit dem schauerlichen +Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kühne, bogenähnliche Vertiefungen, +emporstrebende Säulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir +im flimmernden Lichte, das Wasser plätscherte lebendiger im tiefsten Grunde. +Der Führer sagte uns, es wäre dort von kristallener Helle. +Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rückweg an, +ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewöhntes Auge +jetzt in der zweiten Höhle vom Eingang entdeckte, erfreute uns +unbeschreiblich. + +Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens +geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht, +wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig +empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beängstigenden Traume; +alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns +in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller: + + Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht! + Dort unten aber ist's fürchterlich + Und der Mensch versuche die Götter nicht. + +Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir übernachten +wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges, +dicht hinter Castleton, über welchen der Weg führt, ist des Verweilens +wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten +die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschließen. + +Einer dieser Berge heißt Win Hill, der andere Lose Hill, von einer +Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der +merkwürdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der +schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, daß seine Oberfläche sich immer +auflöse und wie Sand herabkrümle, ohne daß er dadurch abnehme. Der +schaudernde heißt er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem +aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, daß Regen und +Wetter jährlich größere und kleinere Fragmente von Mam Tor ablösen, +indem er ungewöhnlich schroff und steil ist, aber auch, daß er, genauen +Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute +bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der +sieben Wunder des Peaks Gebirge. Über unfruchtbare Felsen, öde Heiden +ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht. + + + +Buxton + + +Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch +schönen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in +einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher, +große Schätze verbarg die Natur hier tief im Schoße der Erde, +aber dem Wanderer lächelt sie nicht freundlich entgegen. + +Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls berühmte Pools Höhle; +man versicherte uns, sie wäre nach der von Castleton kaum sehenswert +und überdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es +nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken. +Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle, +welche die Römer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher +Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht übel, und wird +sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele +andere Übel gebraucht. + +Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit +Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe +zierlicher Häuser, hingebracht. Letztere enthalten viele hübsche Wohnungen +für die Brunnengäste und ein paar elegante Gasthöfe, in welchen sich +die zu Bällen und Assembleen bestimmten Säle befinden. Dessen ungeachtet +haben sie das Ansehen eines einzigen großen Prachtgebäudes von mehr als +dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Läden, ein paar +Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von +der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfüllten das Erdgeschoß, +ringsumher läuft ein oben bedeckter Säulengang für die Spaziergänger, +zum Schutze bei dem hier sehr gewöhnlichen Regenwetter. Das Brunnengebäude +und die Bäder liegen ganz in der Nähe. Nach der Morgenpromenade +wird die übrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht, +obgleich die Gegend eben nicht einladend ist. + +Die Jagd macht hier für die Herren eine Hauptergötzlichkeit aus. +Liebhaber davon können auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird, +subskribieren. In England fehlt es überhaupt am Wilde, hier aber +in dieser öden Wüstenei gibt es noch bisweilen Hasen und Füchse, +auch wilde Enten und andere Wasservögel in Menge auf den nahegelegenen +Sümpfen des Strömchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee, +und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig +aufgeputzten Scheune. + +Die größte Merkwürdigkeit sind hier die prächtigen, vom Herzog +von Devonshire erbaute Pferdeställe; man hält sie für die schönsten +und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens mögen sie +diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade, +unter welcher die Pferde, geschützt vor Wind und Regen, den ganzen Tag +nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden, +umschließen sie eine sehr schöne, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebäudes +enthält Wagen-Remisen, und das Ganze ist von beträchtlicher Größe, +so daß es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengäste hier die +Hauptpersonen wären. Ein daran hinfließender Bach dient dazu, +diese Prachtställe reinlich zu halten und fast allen üblen Geruch +zu verbannen. + +Das Interessanteste für uns war eine Fensterscheibe in der Halle, +dem ältesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart +auf ihrer unglücklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb +mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf: + + "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell; + which I perhaps shall see no more, farewell!" + + + +Manchester + + +[Fußnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die +industrielle Umwälzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt +einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevölkerung stieg von 20 000 um +1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803] + +Frühmorgens verließen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese +berühmte, große Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeräuchert, +sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt ähnlich. +Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein, +überall hört man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der +Webstühle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen. + +An Freude und Vergnügen zu denken, hat das arbeitsame Völkchen hier eben +nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier +ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich +winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln; +und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm +ganz kürzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber +ziemlich schwerfällig geraten ist. + +Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen +bloß von Fabriken lebenden Städten, ziemlich fremd. Die Männer erholen +sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermüdenden Arbeit, die Frauen +haben ihre Zirkel unter sich. Wie amüsant aber solch eine Gesellschaft +von lauter Engländerinnen sein mag, wünschten wir lieber zu erraten, +als zu erfahren. + +Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die öffentliche +Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, wäre nicht +übel, führte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf +und ab; so aber hört man unaufhörlich das Geschrei und Geplapper der +armen Verrückten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am +Irrenhause dahinfließenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies +ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergötzlich; doch die Einwohner +von Manchester scheinen sich daran gewöhnt zu haben und lassen sich +durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stören. + +Wir besuchten eine der größten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain +angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzähligen, in vielen +übereinander getürmten Stockwerken angebrachten Räder und Spindeln +in Bewegung. Uns schwindelte in diesen großen Sälen bei dem Anblicke des +mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber +beschäftigt, die nur selten reißenden Fäden der unaufhörlich sich drehenden +Spindeln wieder anzuknüpfen; Kinder wickelten und haspelten das +gesponnene Garn. In einem großen Saale reinigte man die noch ungesponnene +Baumwolle; in großen viereckigen, watteähnlichen Stücken lag sie +ausgebreitet auf großen Tischen; eine Menge Weiber und Mädchen, +in jeder Hand mit einem dünnen Stecken bewaffnet, prügelten lustig +darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren +Kamme ähnliche Maschine getrieben und glich nun einem äußerst dünnen, +aber doch zusammenhängenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie +zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so +durch viele Säle hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares. + +Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren +jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum +Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stücke Garn ganz eigene +Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage ähnliche Maschine zeigte +vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit +der daran gehängten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste, +geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit +Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als wären alle diese Räder hier +das eigentlich Lebendige und die darum beschäftigten Menschen die +Maschinen. + +Betäubt von den gesehenen Wundern verließen wir das Haus und bestiegen +den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von +Bridgewater angelegten Aquädukt [Fußnote: Bridgewater Kanal, verbindet +Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu +verwechseln mit dem 1894 eröffneten Manchester Schiffskanal, der die +Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat +sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst +erworben, sowohl durch Anlegung der Kanäle, die hier den Warentransport +so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der +benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden +mechanischen Lebens sind. Der Aquädukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist +des Herzogs höchster Triumph und erschien uns ein Werk, würdig der +Zeiten der alten Römer. + +Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein +Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, während ein anderes in +entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel +traf durch den glücklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment +unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten +Erstaunens vorüber war, besahen wir uns die Sache näher. Ein schiffbarer +Fluß strömt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal führt auf dem höheren +Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Über den Fluß ist +eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brücke (anders +wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiß wie? wasserdicht +gemacht, empfängt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um +nicht bloß Kähne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Größe zu tragen. +Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fußsteig gelassen. Wenn +man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das +Dasein der Brücke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein. + +Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr beträchtlichen +Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die +sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in +einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, für +ziemlich große Kähne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter +der Oberfläche führt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen +Stellen breit genug für zwei einander begegnende Kanäle. Über ihm wölbt +sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene +Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land +durchkreuzenden Kanälen in Verbindung. + +Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein großes Tor, +in einen senkrecht steilen, majestätisch hohen Felsen eingehauen. +Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte +dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze für uns +darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit +brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen, +stillen Flut. Unser Führer war über die Maßen redselig und wir merkten bald, +daß er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft +versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort +perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit +gegen die Wände des Gewölbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand +jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, düster, unheimlich war es +um uns her. + +An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewölbter +Gänge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so +niedrig, daß man nur mit Mühe ganz gebückt durchkriechen kann. Die +Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden, +bald auf dem Rücken liegenden Männern mit einer Bergmannshaue +losgebrochen. Die Arbeit schien uns höchst mühsam und beschwerlich, auch +ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben. +Giftige Dämpfe entstehen plötzlich und ersticken den Arbeiter, oder +entzünden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich +nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird, +daß die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nächste Augenblick ist +gewöhnlich schon zu spät. + +Nachdem jedes von uns ein Stück Kohle heruntergeschlagen hatte, +was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mußten, waren wir nicht ferner begierig, +tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurück in unser +illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Führer +und erblickten bald darauf wieder das schöne Licht der Sonne. + +Auf dem Rückwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer +ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch +nicht viel Freude zu machen; doch ließ man uns, auf die Fürsprache +unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei +sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen +und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt +sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument +die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte +das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stücke, +gerade so dick, daß sie in die Spalte paßten. Vorher wurden sie +in eine schwärzliche Flüssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte +gefügt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt +abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepaßte Späne +hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige +Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell +und war gar leicht und artig anzusehen. + + + +Leeds + + +Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire. +Traurig war die erste Hälfte des Weges, wieder mußten wir steile, +himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes, +der sich gewöhnlich ganz England als ein schönes, fruchtbares, +einem Garten ähnliches Land denkt. Öde, unangebaut, ohne Spur +freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier müssen, wie auf den +westfälischen Steppen, durch die wir früher gekommen, die Jahreszeiten +ebenso unmerkbar für die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt +ihnen Gaben, womit sie glücklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum, +kein Kornfeld, keine ländlichen Gärten, aber überall Blei- und Kohlenminen, +Steinbrüche, Schmelzöfen, Ziegelfabriken, unterbrochen von großen, +einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebäuden. + +Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; überall sahen wir +den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, während jener +selbst nur kümmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemälde +menschlichen Fleißes, doch nicht von der erfreulichen Seite. +Wie erheiternd ist doch der Anblick des rüstigen Landmanns, der im +Schweiße seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie +schmückt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner +der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wühlen +muß, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beängstigendes Gefühl +des Mitleids drängte sich uns unwillkürlich auf bei diesem Schauspiele, +das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten. + +Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und ländlicher; wir dachten +des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fußnote: Oliver (1728- +74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemütlicher Dichtung +bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Dörfchen, sein +wirtliches Dach. Wakefield ist ein Städtchen voll Fabriken. + +Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich große Stadt, +welche hauptsächlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt +war von einer höchst traurigen, herzzerreißenden Szene begleitet. +Wir bemerkten mit Erstaunen, daß der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum, +dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau +mit der Gebärde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Mädchen +blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute, +was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn +ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme. +Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Händeringen +rief sie: "Ach, er war der schönste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt, +immer gehorsam und fleißig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis +fröhlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen +und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen, +hier trösten zu wollen? + +Wunderbar ist's, daß in England nicht unendlich viel Kinder verunglücken; +nirgends scheint der alte fromme Glaube, daß jedes seinen eigenen +Engel habe, der es beschützt, einheimischer als hier; denn nirgends +werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst überlassen. +In den Städten und Dörfern, auf den volkreichsten Straßen kriechen +kleine, kaum zweijährige Säuglinge in den Fahrwegen umher, +größere Kinder laufen ohne Furcht im Gewühle zwischen Rädern und +Pferden durch, und der Reisende sitzt ängstlich im pfeilschnell +rollenden Wagen und zürnt über die unachtsamen Mütter. + +Die Tuchfabrikanten machen den größten Teil der Einwohner von Leeds aus; +sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter, +mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er +an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil hält. Diese Halle, +ein großes, ganz bedecktes Gebäude, schließt einen geräumigen Hof +von allen vier Seiten ein und ist einer Börse nicht unähnlich. + +Man macht sehr hübsche Teppiche in Leeds, sie werden auf +gewöhnlichen Webstühlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen, +wie schnell die schönen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht +vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fußdecken für die Zimmer +arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen +zu Treppen und Vorplätzen nur einer. + + +Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall + +Ripon, ein freundliches, reinliches Landstädtchen, liegt in einer +zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough +[Fußnote: ursprünglich Bezeichnung für eine Burg oder eine befestigte +Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough] +und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied +zu wählen und nach London zu schicken. Nun gehören alle Häuser +in Ripon einer alten achtzigjährigen Dame, die unermeßlich reich, +auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Güter +im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige +Grundbesitzerin in Ripon, wählt also dies Mitglied, und das Gewicht, +welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Königreich +erhält, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich +jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miß Lawrence alle ihre Reichtümer +und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon längst über die Jugendjahre +hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern +umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und +erklärt laut: sie würde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich +um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst +kürzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde. +Miß Lawrence ward uns übrigens als sehr gut und auch im Äußern +nicht unliebenswürdig geschildert. + +Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus +enthält nichts besonders Sehenswertes, auch die Außenseite desselben +zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitläufigen Spaziergänge +gehören aber zu den schönsten in England. + +Der Park hat einen, ihn von den gewöhnlichen Parks unterscheidenden +ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, grüne Rasenplätze +trifft man weniger, aber herrliche Schattengänge, unter dem Schutze +himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen, +auf lachenden Höhen und in duftigen Tälern. Mit unbeschreiblichem +Vergnügen wandelten wir hier und ahnten nicht, daß die Krone +des Ganzen uns noch erst wunderbar überraschen sollte. Unser Führer, +ein alter vernünftiger, eisgrauer Gärtner, seit mehr als vierzig Jahren +hier in Dienst, öffnete plötzlich eine kleine, unscheinbare Gartentür, +und wir erblickten in einem lieblichen grünen Tale die schönsten +gotischen Ruinen, die wir je sahen. + +Vom Morgenstrahl gerötet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es +waren die Überbleibsel von Fountains Abbey [Fußnote: in seinem Grundriß +einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergründung: +1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die +Ruinen zählen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwölften +Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfünfzig Jahren +in Trümmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach +fehlt gänzlich, die Seitenwände größtenteils auch; aber noch stehen, wie +trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit +Skulptur gezierte Säulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten; +feste Gewölbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstörung, alles +bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Särge +stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu +unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch +die Kreuzgänge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele +unterirdische Gänge und Gewölbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt +man eine Küche, und an dem die Wand schwärzenden Rauche die Stelle, wo +sonst der Herd stand. + +Fountains Abbey ist ein großes Grab vergangener Zeiten, dennoch drängt +sich überall das frische Leben der ewig jungen Natur üppig hervor. Efeu +umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der +Hoffnung, junge Blumen und Sträuche nicken aus den hohen Bogenfenstern +und von den Kapitellen der Säulen. In der Kirche wandelt man unter dem +Schatten bejahrter Bäume. Überall neues Entstehen mitten unter den +Trümmern der Zerstörung, überall die Lehre, Menschenwerk ist +vergänglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur +waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen. + +Welche Verzierungen für einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles +so kleinlich dagegen zusammen, was selbst große Fürsten auf ihren +Landsitzen unternehmen, um nur etwas ähnliches zu erkünsteln! Der vorige +Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich für eine große Summe, +aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und +sicherte zugleich diese heiligen Überreste zwar nicht gegen den langsam +zerstörenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der +leider überall dem Schönen droht. + +Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt +sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise, +an die wir noch nach Jahren gern zurückdenken werden; hier aber +fühlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur flüchtig +am Schönen vorüberstreifen zu können und es nur im Bilde +davonzutragen. Hier wünschten wir Hütten zu bauen. Wie schön +muß sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Grünend, +blühend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen. +Wege schlängeln sich bald in schwindelnder Höhe, bald tiefer +in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und +blinkt und wogt ein spiegelheller Fluß, von allen Felsen rauschen +und gaukeln Bäche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schäumend, +bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur höchsten Höhe. +Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene +fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben, +und zu unseren Füßen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zögernd, +wider Willen, verließen wir abends diesen lieblichen Ort, über +Berg und Tal rollten wir hin durch den schönen, fruchtbaren Teil +von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem großen, ganz isoliert +liegenden Gasthofe. + + +Englische Gasthöfe + +Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man +auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darüber +zu sagen. Durchgängig, auch in den Städten, sind die englischen Gasthöfe +sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit übertreffen alles, +was man in anderen Ländern in dieser Art antrifft, aber wir möchten +fast behaupten, daß die guten Gasthöfe auf dem Lande wieder die in Städten +in dem Maße übertreffen wie jene die deutschen. + +Die Teuerung ist auch nicht so groß, als man denken möchte, wenn man nur +erst die Sitte kennt. Der Umstand, daß man durchaus nicht portionsweise +speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorräte des Hauses an Fleisch, +Fischen, Gemüsen und dergleichen sind mit der höchsten Sauberkeit und +mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit +Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man +gewöhnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Außer einigem +Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Häuser, in welchen die +öffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch +hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch +gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten +Preis in Gesellschaft speisen können. Außer diesem aber muß der einzelne +Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der +Zubereitung selbst wählen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Wählt +man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein großes Stück, so +bekommt man es ganz auf den Tisch und muß es auch ganz bezahlen, wenn es +gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen würde. Dies ist freilich +nicht angenehm, aber der Landeskundige weiß sich einzurichten und +bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht +teuer. Für das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird, +auch bei längerem Aufenthalt, gewöhnlich nichts gerechnet, es sei denn, +daß man nur im Hause wohne und immer auswärts speise. Im Schlafzimmer +bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen +Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schönsten Matratzen, die +feinsten Bettücher und Decken. Schöne Vorhänge umgeben das Bett, ein +hübscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weiße Nachtmütze und +ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende +Engländer, die immer wenig Gepäck mit sich führen, ohne alle Scheu +bedienen. + +Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit, +tausend kleine Rücksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem +Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Engländer, zum Beispiel, der +nicht zu den vornehmsten Klassen gehört, wird sich weigern, mit andern +aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch +wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum +fehlt. + +Auch in den Städten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim +Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's, +als käme man zu einem längst erwarteten Besuch. Der Wirt öffnet selbst +den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tür steht die Wirtin; +mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend +Mal kurz hintereinander, bemächtigt sich der reisenden Damen sogleich, +führt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise für +ihre Bequemlichkeit, während ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht. +Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren, +so bleibt diese Höflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin +begleiten die Reisenden an den Wagen, danken für die erzeigte Ehre +und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall +einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post für eigene Rechnung +bedienen. + +Je weiter man in's nördliche England dringt und sich Schottland nähert, +je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit +einer Art Kordialität, die unangenehm auffällt. Der Wirt bringt immer +die erste Schüssel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so groß +und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses, +die nur einigermaßen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach +in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen +kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschäftig mit +einem Pfefferbüchsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwärter, Waiters, +scheinen Flügel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug, +und in allen Zimmern hängen gute, gangbare Klingeln, welche +der reisende Engländer nach Herzenslust handhabt. + +So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine +viel verlangerenden Gäste als in England. Das Wirtschaftswesen +wird aber gewissermaßen fabrikmäßig betrieben: jeder hat sein +Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde +besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle +seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht +zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an +und führt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser, +gewöhnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal, +wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr +wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermaßen die auswärtigen +Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, führt die Fremden im Orte herum +und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhörlich hört man in +einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus +"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand. + +Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermädchen, Chambermaid, +gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer +schneeweißen Musselinschürze, einem artigen Spitzenhäubchen, kurz, +so nett und damenhaft gekleidet als möglich. Ihr Amt ist, den Fremden, +ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter +mit einem Wachslicht anzuzünden, ihn in's Schlafzimmer zu führen +und zuzusehen, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle. +Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte. + +Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots, +ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks, +ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt +diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt, +und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression +kehren wir zurück nach Catterick Bridge. + +Krankheitshalber mußten wir einige Tage dort verweilen und wurden +gewartet und gepflegt, als wären wir unter Bekannten und Freunden. +Die Wirtin, Mistreß Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer, +wenn ihre Geschäfte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst +nach dem vier Meilen entlegenen Städtchen Richmond, um den Apotheker +des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher +aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei, +um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker +war ein vernünftiger, guter Arzt, und das Übel wich seinen +Heilmitteln bald. + +In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Ärzte; +man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Ärzte werden, +außer bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr großer Gefahr gefordert. +Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem +für jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewöhnlich +jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrückt. Eine Konsultation +des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Hälfte. Die Apotheker +werden ungefähr wie die Ärzte in großen deutschen Städten bezahlt. +Übrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England; +dies bezeugen die öffentlichen Blätter, deren größte Hälfte +aus Ankündigungen von Arkanen besteht. + + + +Richmond + +Gänzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt, +am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses +Richmond, von welchem die jetzigen Herzöge von Richmond zwar +den Namen führen, aber keine fünfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren +hoch auf dem Gipfel desselben über die Stadt. Letztere liegt +höchst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen +Wälle gewähren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese, +hübsche Landhäuser, Gärten, Dörfer, kleine fruchtbare Anhöhen wechseln +auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom, +über den eine steinerne Brücke führt, belebt das Ganze. Jeder Schritt +entdeckt neue Schönheiten; der wilde Fels, auf dem Schloß und Stadt +erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen +Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und +weniger prächtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch +von ehemaliger Größe und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht +unterhalten und drohen stündlichen Einsturz, zur großen Gefahr +für die an ihrem Fuße liegenden Wohnhäuser. Ein einziger Turm +steht erhalten da, alles übrige sind nur hohe, üppig mit Efeu bewachsene +Mauern. Die Abteilungen der Gemächer sieht man noch deutlich und +die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gänzlich; Regen und Wind +haben überall freien Zugang. + + + +Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle + + +Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz +des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein großes gotisches Gebäude, +zwar recht nett, aber doch ganz bürgerlich und einfach möbliert, +zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich +für einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehörige Garten +ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert, +aber von Natur eines der schönsten, lieblichsten Fleckchen der Erde. +Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluß stürzt bald gaukelnd, +bald unwillig über wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg +wirft. Unendlich viel Schönes könnte hier mit Geld und Geschmack +hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht, +muß man unwillkürlich wünschen, daß alles so bleibe, wie es ist. + +Wir fuhren durch den großen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham. +Sie ist eine der ältesten, wenngleich nicht der größten in England +und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten +Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir über Sunderland +nach Newcastle. + +Sunderland ist wegen einer eisernen Brücke, der größten in England, +sehr merkwürdig. Ein einziger ungeheurer Bogen wölbt sich hundert Fuß hoch +über die Fläche des Wassers, so daß ein Schiff, ohne die Masten umzulegen, +darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Stärke so vereint. +Wie ein Zauberwerk scheint die Brücke in der Luft zu schweben. +Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Geländer, die sie an beiden +Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein. + +Auf einem bequemen Platze unter der Brücke konnten wir den Mechanismus +derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende +Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht +aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander +aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder +fünfzehn Fuß im Diameter hält. Diese Ringe ruhen unten wieder auf +einer der oberen ähnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch +angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze +liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen, +die aber inwendig hohl sind. + +Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich; +augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kräfte vereinigt +tragen können. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt +zerstört würde, so bleibt doch immer genug übrig, das Ganze zu erhalten, +und man möchte fast behaupten, es könne nie sehr baufällig werden, +weil man mit leichter Mühe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann. +Es wohnt hier ein eigener Wächter neben der Brücke, der darauf zu sehen hat, +daß sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland +bekannten großen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbrücke +sehr gut und deutlich darstellt. + +In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg führte, fanden wir nichts zu tun +als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich groß, hat neben vielen +engen und winkligen auch einige hübsche Straßen und ist, besonders +wegen des Steinkohlenhandels, für Großbritannien sehr wichtig. +Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschäfts und +also für den bloß zum Vergnügen Reisenden wenig Einladendes. + + + +Alnwick Castle und Berwick + + +Alnwick, diesen alten Sitz der Herzöge von Northumberland, erreichten wir +einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick +dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurück in längst +vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns +zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen +feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schützen suchen mußte. +Die wunderbare Erhaltung dieses großen altertümlichen Gebäudes, +an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war, +fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertümliche Burg mit +ihren runden Ecktürmen, ihren mit Schießscharten versehenen Ringmauern, +ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren über dem Schloßgraben führenden +Zugbrücken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente +wie der gegen sie anstürmenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche +Weise getrotzt zu haben. + +Es war eine Täuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art +jemals vorgekommen ist. + +Alnwick Castle [Fußnote: eines der schönsten Feudalschlösser Englands, +letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht +"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht +unglücklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine +altertümliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland. +Auf den Zinnen der Mauer und der Türme stehen alte Krieger in +drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgröße. So viel wir +von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet. +Über jedem Tor steht einer davon in gebückter Stellung, mit beiden Händen +einen großen Stein haltend, als wäre er im Begriff, den Eintretenden +damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich +nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art +sie ist, macht einen großen Effekt. Von weitem glaubt man fast, +die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, wären zurückgekehrt +und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren: +in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebärde stehen sie da. +Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken möchte. Mancher dieser Helden +kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward, +und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an. + +Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten: +hohe gewölbte Zimmer mit Bogenfenstern voll künstlicher gotischer Verzierungen +und Schnörkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende +Galerien, dunkle, krumme Gänge würden ein sehr schauerliches Ganzes +machen, wären die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig +aufgemalt. Indessen glauben wir doch, daß einer der englischen +Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung +nicht verfehlen würde. + +Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen, +die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten +Treibhäusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog +nicht da war, mit Weintrauben und Melonen für die Reise versorgen konnten. +Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet, +sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns +nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten +Schwierigkeit findet. + +Jetzt führte der Weg längs der Küste des Meeres, das wir fast nie +aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der +äußersten Spitze Northumberlands. + +In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt, +fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine +Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen +ganz unbekannten Provinzialausdrücke, welche sie einmischen, machten, +daß wir Mühe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle +spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus. + + + +SCHOTTLAND + + +Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfünfzig englische Meilen, +fast immer im Angesichte des Meeres, wäre allein die Reise wert; +von so seltener, wunderbarer Schönheit ist die Gegend, aber deshalb +wohl umso unbeschreibbarer. + +Bis dicht hinab an die Wellen der Küste bebaut wie ein Garten: +Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemüsegärten +wechseln, alles in der Pracht der üppigsten Vegetation. Dazwischen +kleine Gehölze, duftende, blühende Hecken, und in ihrer Mitte Dörfer, +die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein ländlicheres +Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Städten ähnlich +sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenförmig +erhebt es sich zu kleinen Anhöhen und sinkt wieder zu lieblichen +Gründen hinab. Freundliche, einzelne Landhäuser liegen überall zerstreut, +ehrwürdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern +und zeugen von vergangener Größe. Und nun noch der Anblick des Meeres, +dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der ödesten, +Leben gibt! + +Kleine Inseln mit Leuchttürmen, entfernte blaue Felsen, die zackig +und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier, +um ein Ganzes voll wunderbarer Schönheit zu bilden. Zwei Lager (Fußnote: +in England befürchtete man eine Invasion der Franzosen], +jedes von ungefähr dreitausend Mann, die eben hier die Küste bewachen, +kontrastieren mit der ländlichen Anmut rings umher. Der Anblick +dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glänzenden Waffen und Uniformen, +brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzückende Gegend. + +Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied +zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf. +Freundliches, gutmütiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden +mit großer, aber fröhlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner +deutscher Gebirge. Schuhe und Strümpfe, ohne welche man in England +keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende +Klasse und der größte Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern, +laufen Sommer und Winter barfuß; vielleicht geschieht dies fast +ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es fällt sehr auf, +wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhört ist. + + + +Edinburgh + + +In keinem der vielen schönen Gasthöfe dieser Stadt konnten wir unterkommen. +Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljährlich +Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden, +die teils jenes edle Vergnügen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten, +das Theater, die Bälle, Konzerte und tausend andere Freuden +herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem +Kupferstichhändler, einem der unzähligen Mackintoshes, fanden, +waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude +zu sehen. + +Die Stadt Edinburgh, von beträchtlicher Größe, ist eine der schönsten +und häßlichsten Städte zugleich und verdient in dieser Hinsicht +mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und +ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Häuser, +die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Straßen an- und +übereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd +mit den schönsten Städten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig +in ihrer Art, von hoher romantischer Schönheit. + +An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestätische +Reihe anderer Felsen anschließt, liegen die Häuser der alten Stadt, +wie Schwalbennester angeklebt, unter- und übereinander; einige +dieser Häuser haben, von einer Straße aus gesehen, zehn Stockwerke, +während sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zählen, +und man aus dem vierten oder fünften Stock der niedriger liegenden +Seite auf der hohen geraden Fußes ins Freie in eine andere Straße geht. +Wie krumm, wie eng, wie winklig der größte Teil dieser Straßen ist, +läßt sich schwer beschreiben. Einige derselben führen steile und +hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise. +Auf den höchsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung +der schottischen Könige, das Kastell, hoch über den Häusern +der übrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil, +fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhöhe, +auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schöne steinerne Brücken +führen hinüber und vereinigen beide Städte. Tief im Abgrunde +sieht man von einer dieser Brücke Straßen, die dort unten liegen, +wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Dächer +noch lange nicht bis zu der Grundlage der Brücke hinaufreichen. +Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen, +wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schönen, +neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann. +Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der übrige wird zum Teil +als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da. + +Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmäßigkeit und Breite +der wohlgepflasterten, mit breiten Fußwegen auf beiden Seiten +versehenden Straßen mit den schönsten Städten Europas messen; +in Hinsicht der Schönheit, der Solidität und des guten Geschmacks +der aus Quadersteinen erbauten Wohnhäuser übertrifft sie solche vielleicht. + +Wie in London gibt es auch hier große Plätze, umgeben von schönen +Gebäuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Geländer eingefaßten +artigen Garten oder einen schönen Grasplatz. Fast alle Straßen +bieten Aussicht auf's Meer. Dieses große, ewig wechselnde, ewig neue +Schauspiel erhält hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut +liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von +der einen Seite die große Perspektive, die von der anderen sich +in's Unendliche ausbreitet. + +Unvergeßlich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem +unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Straße +besteht nur aus einer Reihe sehr schöner Häuser; gegenüber begrenzt eine +eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen +scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kühen und Ziegen zur Weide +dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild, +zackig, in schönen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Königsburg +und andere alte Gebäude; über ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben, +König Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron +gestaltet. Von ihm erzählt sich das Volk manche schauerliche Sage der +Vorzeit. In seiner Nähe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine +eines alten Schlosses, in welchem die unglückliche Maria Stuart von +ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den +Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Straße. Hier sahen +wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen röten, später den Mond die +Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Überzeugung, daß +nicht leicht eine andere große, volkreiche Stadt uns ein ähnliches +Schauspiel darbieten wird. + +Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt +für sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhängend, kann sie doch +dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen, +in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind +die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer, +die mit allen diesen Dingen sich beschäftigen. Hier gibt's des Drängens, +Stoßens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so häßlich +als die Altstadt Edinburgh; die Straßen sind voll Gewühl und Getümmel; +wir waren froh, bald zu entkommen. + +Das schönste Gebäude in Edinburgh ist das Register Office; es dient +zu mannigfaltigen öffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel +von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue +des Königs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande +in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwürdigste +dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muß ihren guten Willen ehren, +die Statue selbst ist ein unförmiges Machwerk. + +Das Kastell ist ehrwürdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter +und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House, +die Residenz des Königs von Großbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh +kommen sollte, ist ein großes, ganz gewöhnliches altmodisches Schloß, +welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste +von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen, +denen der König die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es +die Residenz des Grafen Artois, späterhin König Karl der Zehnte. +Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunächst umgebenden Bezirke +haben das Vorrecht, daß niemand schuldenhalber darin arretiert +werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns +versicherte, vom schottischen Adel. + +Graf Artois [Fußnote: als Karl X. König von Frankreich (1824-30). Er +gründete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Condé die +Emigration. In dieser Eigenschaft führte er mehrere Feindhandlungen +gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer +Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier, +soviel möglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er +öffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt +er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir +sahen seine Zimmer; sie sind so ganz bürgerlich einfach, daß sie ihn +doch oft an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben +müssen. Uns waren nur drei Gegenstände darin merkwürdig: das Bildnis der +Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin +Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglückliche Dame +zu Paris im Temple [Fußnote: hier wurden die Mitglieder des Königshauses +gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig +heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den großen Schmerz vergaß, der +schwer auf ihr lastete. + +Bei aller romantischen Pracht und Schönheit eignet sich die Lage +Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergängen. Es fehlt in der Nähe +an Schatten, an ländlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese, +wenn man sich nur die Mühe geben will, sie ein oder zwei Stunden +weit aufzusuchen. + +Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf, +erfüllte während der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze +Stadt Edinburgh mit ungewöhnlichem Leben. Die Vergnügungen jagten +einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in +London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden +nicht, wie es dort durchaus gewöhnlich ist, in Pensionen erzogen, sie +wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran. + +Die äußere Frömmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier +noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns +an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloß sorgfältig +die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er +sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, daß er +in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat. +Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Bücher, die +nicht religiösen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch +die unbedeutendsten, sorgfältig weggeschlossen, damit auch selbst ihr +Anblick nicht störend werde. Jedermann geht in die Kirche und hält +Andachtsübungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten +Bedienten erscheinen müssen. Jede Ergötzung ist hoch verpönt; den Herren +bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch länger als sonst +nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch. + +Zuvorkommende, gutmütige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig- +fröhliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Engländer. +Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter +mit ihren Sitten und Gebräuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft, +in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es +lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland +mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der größte Teil der +in Deutschland und anderen Ländern angesiedelten Briten sind +eigentlich Schotten. + +Frömmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks +im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande, +zu ihrer vaterländischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten, +ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht. +Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren +Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzählige warme Verehrer, +und jede Reliquie, die von ihr übrig ist, wird wie ein Heiligtum +betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschützt. + +Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen; +doch daß sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht, +davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Künstler, +mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant +gebauten und möblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und +vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fuß lebt. Ein ähnliches Landhaus +besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel, +denn er war ohne Vermögen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwählt, +der wohl nirgends so belohnt werden würde als in Großbritannien; +er malt Pferde, aber so wunderschön, mit solcher Wahrheit, daß selbst +ein nicht englisches Auge davon entzückt werden muß. Auch menschliche +Porträts gelingen ihm mit ziemlichem Glück, aber die Konterfeis +der vierfüßigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich +doch sein Glück und seinen Ruhm gegründet. In einem großen, +von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen ließ, +sahen wir viele seiner Gemälde im schönsten Lichte mit wahrer Freude. + + + +Pferderennen + + +Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte, +konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden +letzten und daher wichtigsten bei. Gewöhnlich werden sie an anderen +Orten auf einer dazu eingerichteten große Wiese gehalten, hier aber +hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwählt, +eigentlich die sandige Fläche, von welcher sich das Meer zur Zeit +der Ebbe zurückzieht. Darum muß die Stunde genau abgepaßt werden. +Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den +alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen +etwas früher zurück, so möchte wohl die Katastrophe des Königs Pharao +im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh wäre mit +einem Male verödet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange +zu Hause, wenn er nicht muß. Uns kann das ganze Vergnügen etwas +wunderlich vor. + +Auf dem nassen, pfützenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist, +wie die Pferde festen Tritt haben können, und der noch obendrein +wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken +umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten +auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter, +auf einem hohen, mit Fähnchen verzierten Gerüste, gravitätisch +wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde, +stehen daneben. Eine unzählige Menge Menschen umgibt den Platz. +Auf die Dächer, an die Fenster der benachbarten Häuser von Leith, +auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerüste, auf den Quai +des Hafens, überall, wo nur ein Plätzchen zu finden ist, haben +neugierige Fußgänger sich hingestellt. Diese bunte, fröhliche Menge +gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr hübschen Anblick. +Die Glücklichen, welche über ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren +können, tummeln sich, in Erwartung des großen Schauspiels, lustig +auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr +belustigenden Anblick. Prächtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte, +mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren +mit einem alten, lebensmüden Gaul davor, Reiter und Reitpferde +jeder Art, alle möglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren, +es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und +reiten untereinander herum im buntesten Gewühl. Alles patscht ohne +Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande +lustig darauf los. + +Während der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht, +damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis, +welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Diät auf diesen +großen Tag bereiten mußten, werden sorgfältig gewogen; keiner darf +schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das +fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt. + +Die wettlustigen Zuschauer schließen indessen ihre Wetten. +Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich, +an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen +zu bekommen, viele Männer steigen aus den Kutschen hinaus oben +auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den +hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten +Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus, +man hält vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast +nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorüberrauschen und hernach, +auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder, +rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie nähern sich zum zweiten Mal +dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Fußnote: +Spitzname für den Engländer, entnommen einer Satire "History of +John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise, +ohne auf irgend etwas zu achten, wie wütend, hinterdrein, um bei +der Entscheidung gegenwärtig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten, +durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches +das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt. + +Der Weg, den die Renner so zurücklegen, beträgt, genau gemessen, +vier englische Meilen, von denen man fünfe auf eine deutsche rechnet; +die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz. +Sowie das erste Rennen vorüber ist, fährt und reitet alles wieder +auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag +verkündet, daß andere Pferde zum Laufen bereit sind, und +die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen während +der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettläufe gehalten. +Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause. + +Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen; +ermattet, mit Schweiße bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut +strömt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis +sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt +ihnen den Atem, sie müssen unaufhörlich mit der einen Hand vor +dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken. + +Die übrige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden +der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise +hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltänzer, +unsichtbare Mädchen und ein sehr interessantes Panorama von +Konstantinopel. Nächst dem wechseln abends Bälle, Konzerte und +Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schönen Sälen. +Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht hübsch eingerichtet, +hält es doch keinen Vergleich mit dem berühmten Vauxhall [Fußnote: +Londoner Stadtteil mit Vergnügungspark] in London +aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird. + +Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestüm +und souverän herrschend wie in London; das Haus ist nicht groß, aber +sehr hübsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmäßig eingerichtet. Nur +die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen +erhebt sich über die Mittelmäßigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben +sogar noch weit unter ihr zurück. + +In dem sehr hübschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert +vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert +angekündigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet +von einem Pianoforte. Die Sänger gaben den ganzen Abend nur +leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt. +Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt. +Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt, +erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltöne sich hinwindend. +Manche uralte Melodie ertönte hier und wurde mit heißer Vaterlandsliebe +aufgenommen. Das Ganze wäre für eine Stunde etwa recht angenehm +gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergötzlichkeiten in Großbritannien, +es währte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam +bis ans Ende; nur einige ältliche Herren, die sich wahrscheinlich +bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten, +verfielen in süßen Schlummer und schnarchten überlaut den Grundbaß +zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen +waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen +gesungen werden müssen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll. + +Die lärmende Woche war nun vorüber, die Sehenswürdigkeiten wurden +eingepackt, die Assembleesäle geschlossen, die Fremden reisten fort, +die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhäuser, und alles +kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurück. + +Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen +und zu genießen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus +der Tür unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz +ungewohnten Anblick: eine große Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen +bis zur Haustür; wir mußten unseren Weg von den Söhnen und Töchtern +des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne +rötete das alte Schloß, König Arthurs Sitz, und die Ruinen von +Mariens Gefängnis. Nochmals blickten wir zurück auf das spiegelhelle +Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu. + + + +Carron, Stirling + +Rasch ging es vorwärts auf ebenem Wege, durch ein schön kultiviertes, +nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele +große Gebäude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke +schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und wälzten sich +verfinsternd über die blühende Gegend; hoch aufsprühende Flammen +blitzten aus dem Dampfe gen Himmel. + +Es waren die berühmten Eisengießereien von Carron, denen wir +uns nahten, vielleicht die größten in aller Welt. Hier werden +Kanonen, Mörser, große Kessel und alles mögliche Eisenwerk gegossen. +Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung +nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren +eben nicht unzufrieden darüber, denn auf Reisen sieht man manches, +weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art +von Pflichtgefühl, und wäre zuweilen gern der Mühe überhoben. +Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Größe, dennoch wenig Einladendes. +Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betäubendes Getöse +und Gehämmer erscholl aus dem Innern der Gebäude; ewige Dämmerung +herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche +und Ruß Bäume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand +der Trauer hüllen. + +Nicht weit von Carron sahen wir einen großen Kanal, der die +beiden Ströme Clyde und Forth verbindet und für den inneren Handel +von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling. + +Diese ziemlich große, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden +gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Straßen und Häuser +umso lebendiger. Ihre Lage am Fuße eines hohen Felsen ist sehr schön. +Einige Straßen führen gerade den Fels hinauf, auf dessen höchstem +Gipfel ein altes Schloß thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen, +zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet. + +Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschönen +Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht +der höchsten Kultur, der üppigsten Vegetation, mit einzelnen +Wohnungen, Dörfern, stattlichen Bäumen wie besät. In den mannigfaltigsten +Krümmungen windet der Fluß Forth sich durch die lachende Gegend; +bald geht er vorwärts, bald kehrt er auf lange Strecken zurück +und schleicht dann wieder zögernd weiter, als sträube er sich, +dies Paradies zu verlassen. Eine schöne, steinerne Brücke, dicht vor +der zu unseren Füßen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch +malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron +wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schöne blaudämmernde Berge +schließen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt. + +Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schöne Teppiche aller Art +werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewürfelte Wollenzeuch, +worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken +und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu +bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige +Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen +bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Mädchen mehr +als fünfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren +in einem großen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden +jeder dieser Spulen an die darüber stehende sehr große Haspel +gebunden; das Mädchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache +Maschine auf das zweckmäßigste und mit der größten Leichtigkeit +in Bewegung. + +Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen +einen sehr schönen großen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen +mußte, wie ein Eichhörnchen, um eine Mühle zur Reibung der Farben +zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amüsieren, +er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher +Behendigkeit, gerade wie er uns seine Künste vormachen mußte. +Jung und alt lief mit großem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam +glücklich seinen Verfolgern zu unserer großen Freude und zum +großen Leidwesen seines Herrn. + +In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger +gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr häufig der Fall ist. +Die Männer tragen enge, blaue Mützen, oben mit einer roten Quaste, +bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage +von rot und weiß gewürfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke +und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr +faltenreiches Röckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewürfelten, +schottischen wollenen Zeuche. Ein Gürtel, in welchem oft eine Art +von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hüften; +auch hängt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran, +in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fußbekleidung +besteht in rot und weiß gewürfelten, unten mit einer starken +ledernen Sohle versehenen Strümpfen, welche auch nur bis etwa +über die Hälfte der Wade reichen; von da an bis über das Knie +sind die Beine ganz bloß. Diese Fußbekleidung gibt den Schotten +etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die römischen Soldaten +in der Oper, und die roten Streifen in den Strümpfen haben +das Ansehen von übergeschnürten roten Bändern. + +Das Hauptstück ihrer Kleidung, wir möchten sagen, ihres Mobiliars, +ist der Plaid, ein langes breites Stück von jenem gewürfelten +schottischen Zeuche, wie ein sehr großer Shawl. Den Plaid tragen sie +bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlässig von einer Schulter +zur Hüfte vorn und hinten wieder herübergeworfen. Zuweilen wird er +auf der Schulter quer mit einer großen silbernen Nadel befestigt. +Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Kälte +nehmen sie den Plaid über den Kopf und hüllen sich ganz hinein; +nachts dient er ihnen auf Reisen statt Hütte und Bette, und auch +in ihren Wohnungen schlafen sie gewöhnlich in dem Plaid gewickelt +ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden. + +Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen +sich häufig jenes schottischen Zeuches, übrigens gehen sie +sehr ärmlich, schmutzig sogar, mit nackten Füßen, oft in bloßen, +kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen +stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schönheit nicht hinter den Engländerinnen +zurück. Sie übertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht +der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmädchen +und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Engländerinnen +und Schottinnen sehr groß. Keine langen Kleider, keine hübschen +Strohhüte mehr, die man in England überall sieht. Bloße Füße, +schlechte, baumwollene Röcke, unförmige, bis an die Knie reichende +weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Gürtel gehalten, +öfter noch lose hängend, weiße Hauben, die tief ins Gesicht gehen +und bis auf die Schultern herabhängen: dies ist das Kostüm der +ärmeren Schottinnen in den Städten und mit weniger Abweichung +auch auf dem Lande und in den Gebirgen. + +Die Wohnungen, sowohl in den Dörfern, durch die wir jetzt kamen, +als auch die einzeln zerstreut liegenden Hütten, sehen höchst +ärmlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetürmten Feldsteinen und +Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen +menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend große Armut +mit der großen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs +sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist, +ist uns unbegreiflich. + + + +Perth + + +Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt +ist nicht klein, hat hübsche große Häuser und schöne breite Straßen +voll lebendigen Gewühls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier +blühen Handel und Fabrikwesen; besonders berühmt sind +die großen Bleichereien von Perth. + +Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher +schönen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmählich verlor nun +das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und +fruchtbar. In bläulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette +der Hochlande düster vor uns aus; mühselig erklommen wir ein paar +ziemlich hohe Berge, über welchen noch höhere drohten. Der Weg +senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurück und +begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schönen Strome Tay, +an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist. + +Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace, +dem ehemaligen Sitz der schottischen Könige, wo sich auch +das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher +einer alten Scheune als einem Palaste ähnlich. + +Scone Palace gehört dem Lord Mansfield, als ein Geschenk König Jacobs +des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch +von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, daß mancher +Krämer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit +vorlieb nehmen würde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben +dem alten Gebäude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unverändert +erhalten, die sein ehrwürdiges Alter und seine ehemalige +hohe Bestimmung verdienen. + +Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen +Reste ehemaliger königlicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart +während ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Trümmern liegenden +Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen +ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt; +auch eine Stickerei, die sie dort sehr mühsam und fleißig verfertigte. +Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang +eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin +ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich. + +Eine lange, schmale, düstere Galerie diente dem schottischen +Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer, +an ihre ehemalige große Bestimmung zu glauben, so unscheinbar +ist sie. An der gewölbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man +Spuren von Malerei, die auch in ihrem glänzendsten Zustande +sehr unbedeutend gewesen sein muß. + +In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begräbnis +der Familie Mansfield, wurden sonst die Könige von Schottland gekrönt. + +Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm +und reich. Auf dem Rückwege verweilten wir bei einer der großen +Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben +war sehr willfährig, uns überall herumzuführen. Hier braucht's +der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke +in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine +weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause, +das Stampfen der Leinwand und das Glätten derselben wird durch Wasser +betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders +des Tischzeugs, schien uns merkwürdig. Die Waren erhalten hier +einen Glanz, der alles Ähnliche, selbst den schönsten Atlas, +weit übertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, daß das Stück +Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer großen hölzernen +Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben +eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng +anschließen, daß die Leinwand nur mühsam beim Aufrollen sich +dazwischen durchdrängen kann, und diese Reibung ist es, +welche ihr den vorzüglichen Glanz gibt. + +Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil +der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind, +wenn auch nicht so gut wie im übrigen Königreiche, dennoch +zum größten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit +die sogenannten Militärstraßen anlegte; aber Posten waren noch +nicht eingerichtet, Pferde überhaupt selten; deshalb mieteten wir +welche in Perth für die ganze Strecke Weges und reisten +dem Gebirge zu. + + + +Kenmore + + +Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir +in ein Tal von erhabener Schönheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es +von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fuße immer in einer +gewissen Höhe sich hinwindet, öffnen sich neue, entzückende Aussichten. +Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay. +Kleine Kornfelder und Baumgärtchen grünen und blühen an den Ufern, +zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Hütten. In einem tieferen +Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedrängt, sahen wir +ein Dörfchen; Scharen fröhlicher Kinder trieben darin ihr +lautes Spiel, die Mütter spannen in den Türen, die Männer, +in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Gärten +beschäftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch, +so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Fähre über den Strom +gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere +Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel +der Welt. + +Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay führte unser Weg +nach Kenmore, einem Dörfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande. +Wir fuhren über Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgründen hin, +die uns schaudern machten. Bald näherten wir uns ganz dem Gestade +des Stroms; bald sahen wir ihn völlig aus dem Gesichte; aber immer +führte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlängelnde Weg +wieder in seine Nähe. Ein unnennbar freudiges Gefühl von Ruhe und +Frieden bemächtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit, +wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Täler rieseln +und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht, +wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schöne Waldungen +bekleiden sie, fast bis zum höchsten Gipfel hinaus, und winken freundlich +dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten. + +Der Anblick der armen Hütten, die wir einzeln in den Tälern, am Fuße der +Felsen oder in der Nähe des Stroms zerstreut liegen sahen, würde uns +schmerzhaft berührt haben, wenn die Bewohner mit ihrem kläglichen Lose +weniger zufrieden geschienen hätten. Wir sahen große Armut, aber nicht +eigentliches Elend. Jede Hütte hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die +Einwohner nährt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr +kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lüneburger Heide, +welche ihnen Milch, Käse und die notwendige Kleidung gewähren. + +Die Häuser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten +menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, daß man +nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen, +oft ohne allen Mörtel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos +und Lehmerde verstopft, Türen aus Brettern schlecht zusammengeschlagen, +ohne Schloß und Riegel (denn wer sollte hier Diebe fürchten?), Fenster, +so klein, daß man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas. +Die niedrigen Dächer von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch +aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine Öffnung, +durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Hütten entspricht +dem Äußeren. Menschen und Tiere hausen unter dem nämlichen Dache +friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag +voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man +deutlich, bei dem fast gänzlichen Mangel allen Hausgeräts, wie wenig +der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fußboden besteht aus +festgetretenem Lehm; der große Feuerplatz, dicht auf der Erde, +ohne alle Erhöhung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an +einer Kette hängender Kessel über dem Feuer, einige hölzerne Schemel, +ein groß zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von +Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit +entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben. + +Das Ansehen der Männer ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr +von jeder anderen europäischen abweicht, ist zum Teil schuld daran. +Im Umgange verliert sich der Eindruck gänzlich, den ihr erster Anblick +erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebräuntes Gesicht ist +ausdrucksvoll, seine Züge sind angenehm und regelmäßig. Stiller, +an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens; +dennoch können sie sehr fröhlich sein. Sie sind gebildeter, +als man vermuten möchte. Die Geschichte ihrer Väter und ihre +Heldengesänge sind keinem fremd. Fast in jeder Hütte, in welcher +wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl +irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die +Seinen erbaut. Winters mögen die Wege den Besuch der Kirchen sehr +erschweren, doch kann gewiß nur die Unmöglichkeit den frommen Bergschotten +davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin +zu machen haben. + +"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schönes Mädchen +auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Kälte und Schnee +euch in euren Hütten gefangen halten?" + +In jedem Hause beinah hängt der Stammbaum der Familie, auf welchen +sie oft mit Stolz blickten; gewöhnlich ist ein horizontal liegender +geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen +irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Königs führt. +Aus seiner Brust sprießt der Baum, der sich in unzählige Äste verbreitet. +Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien +in Schottland, deren Glieder alle einen Namen führen, sich in allen +drei Königreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber +doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fühlen und dies gewissenhaft +anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich +auch vorher nie sahen. + +In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa +zwanzig solcher Hütten, wie wir oben beschrieben. Sie machten +das ganze Dorf aus. So klein sind alle Dörfer, die einzelnen Wohnungen +liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander. + + + +Killin + + +Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte +an wurden die Felsen immer höher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite +hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See +Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar über +unserem Haupte, immer höher und höher übereinander, während wir +den längs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten. +Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die höchsten Gipfel der Berge +und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich, +groß und einsam. Wir erstiegen, geführt von einem Einwohner des Tales, +den Gipfel eines Berges. Unsere Führer nannten ihn uns Ben Lawers. +[Fußnote: Johanna irrt hier; der höchste Berg Schottlands und damit +auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist +niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.] +Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten +nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle +einsame Täler. Ben More, der höchste Berg in Schottland, drohte aus +der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehüllt. Herden von jenen +kleinen Schafen, geführt von einem einsamen Knaben, belebten allein +die feierliche Wüste. + +Wir kehrten zurück zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames, +ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees +erbauten Hütten. Die Flüsse Dochart und Lochay fallen hier in den +See und bilden in sanften Krümmungen kleine Halbinseln. Das Tal, +welches diesen einschließt, ist so grün, Bäume und Sträucher wachsen +in so üppiger Fülle, wie wir es nimmer in diesem nördlichen Winkel +der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten, +kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und +steinerne Einfassungen schützen die Felder gegen Beschädigung durch Tiere +des Waldes und der überall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben +dies liebliche Plätzchen, als wollten sie es wie ein schönes Geheimnis +den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht +auf Fels und Tal am großen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest. +Sie ist als eine der schönsten in diesem Lande berühmt, wie unzählige +Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkünden, +und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm. + +Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschöne Bucht, ein +einsamer Kahn durchschnitt die silberne Fläche in mannigfaltigen +Wendungen. Bäume und Sträuche spiegelten sich im klaren Wasser, die +Felsen glühten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre +Gipfel umwogen, glänzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns +herüber tönten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes +durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht. + +Während wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten +unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir +bedurften. Bald dampfte eine köstliche Lachsforelle auf dem Tisch, +die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten. +Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung; +sie verdienten wohl, daß unsere modernen Gastronomen einzig um +ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst +die berühmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit +von ihnen übertroffen. + +Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen +an einem Wasserfall vorbei. Von einer beträchtlichen Höhe eilt er +dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schäumend über +abgerissene Felsentrümmer. Seit Jahrhunderten schon glänzen +seine Tropfen gleich Tränen auf den grünbemoosten Steinen eines +ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertönt wie +der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd, +die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen +der Väter geleiteten. + +Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und höher, öder und +einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten +von allen Bergen und stürzten hinab ins Tal, durch welches bald +silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten +erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige +Hütte, daß in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben. + +Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fußnote: Sohn des Fingal, +Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation +des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen +als angebliche Übertragung alter gälischer Lieder des Ossian herausgab, +gelangten diese Dichtungen zu großer und weitreichender dichtungs- und +geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterließen auch in der deutschen +Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Ströme, die Felsen, +die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte über die Heide, +die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger. +Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Hügel +der Helden und verkünden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte +vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir, +von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschließen, mit Ehrfurcht +geschont und bewahrt. König Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale, +im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte +Stätte noch bezeichnen zu können. Ossians, seines Sohnes, Name +und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die +Geister der Helden können noch immer von ihrem Wolkensitze der alten +wohlbekannten Töne sich erfreuen. + +Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof, +in einer schauerlich wilden Einöde, auf der höchsten bewohnten Höhe +der schottischen Hochlande. Der Regen stürzte jetzt in Strömen herab. +lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten, +einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel +der Felsen verklärten und der Wind den Regen wild herumpeitschte. +Gegen Abend klärte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des +wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden +und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande +kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen. +Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den +höchsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewölk zog sich wie ein +heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem +Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im nächsten, +oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe +mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel. + + + +Dalmally + + +Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch +fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und öder. Nur das Rauschen +der von den kahlen Felsen schäumenden herabstürzenden Bergströme +tönte durch die leblose Stille der öden Heide. Hie und da klommen +einige Schafe an den mit spärlichen Berggräsern und Heidekräutern +bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann +ein Hirtenknabe von den Höhen herab auf unseren Wagen, der ihm +eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens +war verschwunden. + +Viele halb versunkene alte Gräber zeigten, daß sonst ein mächtigeres +Leben hier waltete. Am Himmel war geschäftige Bewegung, Nebel und +Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel. + +Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus +einer handvoll armer Hütten und wieder aus einem für diese abgelegene +Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche +in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den übrigen Hütten +unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker +entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhügel erhoben sich +in dem kleinen Bezirke. + +Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen +erreichen ein hohes, glückliches Alter. Mit sechzig Jahren dünken +sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur +ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen Öl +erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen +in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn +gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, daß er sich +jünger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Ländern hätte man +ihm deren höchstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er +eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage +ein Tänzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt, +denn er galt noch immer für einen der ersten Virtuosen auf diesem +Lieblingsinstrument der Schotten. + +In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert. +Ein Greis, in der Nationaltracht, saß auf einem Steine nahe +am Kirchhofe; sein langer, schneeweißer Bart flog im Winde, +sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen glühten unter +einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch +von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er +eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhängende Akkorde wie mit Gewalt +einzeln hervorriß. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu +alte Volksgesänge; sein Gesang war eintönig, fast mehr Deklamation +als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen +auch der hundertjährige Greis; alles hörte feierlich aufmerksam zu. +Unser Nähertreten störte weder den Sänger noch seine Zuhörer +im geringsten, nur machten sie uns mit natürlicher Höflichkeit Raum +in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Sänger, der mit +seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat, +aber überall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden. +Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht +Englisch. Überhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden, +der Englisch sprach oder es auch nur verstand, außer in den Gasthöfen. + + + +Inverary + + +Über steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Plötzlich senkte sich +der Weg; ein großer silberner See breitete sich vor unseren +erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schöne Bäume, +kleine Gärten vor den Hütten des Landmanns und Getreidefelder +begrenzten seine Ufer. + +Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch +das grünende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten +die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch +geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie Überresten +alten Gemäuers, selbst mehr in der Nähe konnten wir nicht entscheiden, +ob es Felsen oder Ruinen wären. Kein Kahn war in der Nähe, +uns hinüberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff. +Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht. +Unbefriedigt über diesen Punkt mußten wir weiter, aber der Anblick +des Sees und seiner schönen Ufer erfreute uns umso lebhafter, +als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Größe +angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir später, +daß jene Felsenblöcke wirkliche Überbleibsel eines uralten, +zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehörenden Schlosses seien. +Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels, +den sie krönen, einer Insel gleich; sonst hängt mehr mit dem Ufer +zusammen. + +Zu bald mußten wir uns von dem herrlichen See wegwenden, +um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward +wieder still, groß und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg, +frisches Laubgehölz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten; +bald sahen wir uns in einem schönen englischen Park, angestaunt +von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches +Schloß mit vier runden Ecktürmen. + +Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend. +Vor uns lag das schöne große Schloß Inverary, der Sitz des Herzogs +von Argyle, mitten in einem durch herrliche Bäume und Büsche +verschönten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlängeln sich +nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich. +Im Hintergrunde erheben schöne waldbewachsene Felsen das stolze Haupt, +seitwärts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll blühender +Rosenbüsche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte +Geländer, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher, +schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze +krönt ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr große Beschwerden +auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher +Schönheit genießt, die alles vereint, was die Natur Erhabenes +und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebüsch füllen +in der reizendsten Mannigfaltigkeit das übrige Tal. + +Vom Schlosse an erstreckt sich eine schöne Wiese bis hinab an +den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen, +der hier tief in das Land hineinläuft. Eine schöne Brücke wölbt sich +dicht am Schlosse über ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich +an beiden Ufern hin. Die Länge des Loch Fyne ist dem Auge unübersehbar, +das ferne Meer, dem er angehört, begrenzt ihn; grün wie dieses +spiegelt seine dunkle Fläche, kleine, weiße Wellen hüpfen +wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe +und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben +geben. + +Dem Schloß seitwärts über der Brücke liegt das Städtchen Inverary, +mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein +sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Straßen und +den weißen hübschen Häusern, unter denen der Gasthof sich stattlich +erhebt. Alles sieht aus, als wäre es erst gestern fertig geworden. +Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenüber, +aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben +schien, ließ sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder +aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Großbritannien +erleben. + + + +Arrochar + + +Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schönem +ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer längs dem +Ufer des Loch Fyne. Wir hätten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier +möglich wäre, wo nur eine fahrbare Straße durch das Gebirge führt: denn +der Kastellan im Schloß von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir +jetzt nehmen mußten, als den fürchterlichsten im ganzen Lande +beschrieben; dunklere Klüfte, steilere, öde Felsenberge sollten wir noch +nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er +nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt. + +Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, daß wir uns +auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See, +das schöne Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke. +Mehrere Stunden hindurch ging es immer höher und höher, über nackte +Felsen, durch dunkle enge Klüfte, zuweilen durch düstere Täler, +dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines grünes Moos deckt wie ein Teppich +das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und +öde Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertönt in diese Wüste +als das Brausen der Felsenbäche, die hin und wieder hinabstürzen; +keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, außer zuweilen +eine jener armen Hütten, neben dem schäumenden Bache in eine +Felsenecke gedrückt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen +machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter müssen ihre +Bewohner, ausgeschlossen von aller Möglichkeit, zu Menschen zu kommen, +ein Leben führen wie auf einer wütenden Insel, und noch verlassener +hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich +lächelt. Dennoch verändern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Öde +trägt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich +erhabener Größe. Die mächtigen Felsen stehen ringsumher wie +anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Blüte +des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel, +ohne sie zu verhüllen; ihre Häupter sind umwogen von ewigen Nebeln, +die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft +schwebt über Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch +vereinend. + +Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and +be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen +der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg +bahnten. + +Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege +durch diese Wüste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehüllten +Hochländer. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig, +eine nahe Anhöhe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht +sich uns eröffnete. + +Doch übersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen +Kronen unzähliger anderer, von aller Vegetation entblößter Berge; +die Wasserfälle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in +dunklen Tiefen verlieren, ohne daß wir ihr Brausen auf dieser Höhe +vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch +das schauerliche Tal Glencoe [Fußnote: dieses Tag liegt am Ostende +des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen. +Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds +durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft +gewährt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts +in einer Nacht unter dem meuchelmörderischen Schwerte der nach Rache +dürstenden Engländer fielen, weil sie mit Treue dem Könige anhingen, +den sie als den einzigen rechtmäßigen Erben der schottischen Krone +anerkannten. + +Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen +am Fuße der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, düsteren Täler, +die so enge sind, daß sie, größeren Felsspalten gleich, wohl nur +wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen +wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kümmerlich +die Spitzen der Heidekräuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte +uns dunkelblau ein Wasser und etwas Grün entgegen: es war Loch Long, +an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise. +Nun ging es tief hinab, immerfort über öde Felsen, durch +düstere Klüfte und enge Täler, bis zu den Ufern des Loch Long, +der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet. + +Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender +Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht +aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten über +sie hin, während auch im Sonnenscheine die Bergwasser glänzen, +die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen. + +Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Hütten umgeben, +liegt hart am Ufer des Sees. In früheren Zeiten war dieses Haus +der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man +in dessen Bauart die Spuren jener höheren Bestimmung. + + + +Loch Lomond + + +Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich +zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schönsten +und größten Sees in den Hochlanden. Ländliche Anmut und erhabene Größe +wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die prächtigen, +größtenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu drängen, als wollten +sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder +zurück, und Wiesen und Felder umgeben das glänzende Gewässer. + +Zuerst empfing uns ein frischer, grüner Wald am Ufer; unter hohen +Laubgewölben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes +im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der höchsten, +über die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg; +wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns, +unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze, +herrliche See da, besät mit kleinen und größeren grünenden Inseln, +zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weiße, +sich kräuselnde Wellchen belebten die silberne Fläche, aus der +auf der anderen Seite der mächtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt, +bis zu den Wolken, die sein Haupt verhüllen. + +Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schönheit, daß jeder Versuch, +sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos wäre; aber nie werden wir +den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten. + +Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Dörfchen Luss, leider +dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen +gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten +hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte +zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich, +ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Mädchen hatten +nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Männer nicht, dennoch +ihre Nationaltänze aufzuführen und sich vortrefflich dabei zu divertieren. +Das pferdemäßige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem +wohlgelungenen Sprunge würde uns in's Freie getrieben haben, +wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt hätte. Nur für +die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war +ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, daß wir ihn alle Augenblicke +aus dem Zimmer komplimentieren mußten. Seine Tochter, ein sehr +hübsches Mädchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich +alle Mühe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung, +immer strebend, das kindliche Verhältnis nicht zu verletzen, +und wieder wie beschämt, daß wir, die Fremden, die so weit herkamen, +ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch +an Bequemlichkeit leiden mußten. + + + +Glasgow + + +Hinter Luss ward die Gegend allmählich flacher, der Weg besser; +alles kündigte uns an, daß wir das Land der Poesie verlassen und +zurückkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton +schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen, +die uns über so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal +geführt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber +die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere +schöne Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterländischen Gebirgen, +von denen diese, die wir jetzt verließen, sich indessen so merkwürdig +als merklich unterscheiden. + +Die Gegend von Dumbarton ward als schön gerühmt; unsere Phantasie +war nur von der nächsten Vergangenheit noch zu sehr erfüllt, +als daß wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Städtchens +schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darüber emporragender Fels, +dessen steilen Gipfel ein festes Schloß krönt, nimmt sich malerisch aus +mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge +umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir +gegen Abend in Glasgow an. + +Die Stadt ist ziemlich groß; schöne breite Straßen und Plätze, +sehr hübsche, von Quadersteinen erbaute Häuser erinnerten uns an Edinburgh. +Auch hier fanden wir wie dort in allen Häusern breite steinerne Treppen, +mit eisernen Geländern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner +sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als großen Vorzug +vor London preisen. Dort, meinen sie, könne man in einem oberen Stockwerke +keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskäme, +in der entsetzlichsten Gefahr wäre, elendiglich umzukommen. + +Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine +lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman ließ uns auf +das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer +besuchen zu dürfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr höflicher +Herr mit ein paar dicken Büchern unter dem Arme und erbot sich, +als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen, +daß wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Französisch +untereinander sprachen, und hielt uns folglich für eine ausgewanderte +französische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten müsse. + +Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind +hier zu Hause; übrigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch +erkundigen mochten, irgend ein merkwürdiges Gebäude oder sonst einen +Gegenstand angeben, welcher für ein nicht kaufmännisches Gemüt näherer +Betrachtung würdig gewesen wäre. Wir ruhten also, im eigentlichsten +Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die +Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, wären doch nur +Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig +die ganze Zeit über, wir sahen es mit Vergnügen regnen und dankten dem +Himmel, daß er diese Sintflut nicht in den Hochlanden über unsere +Häupter herabströmen ließ. + +Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anständig, +zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften, +die wir schon an ihren Landsleuten rühmten, mit der Wohlhabenheit und +allem vernünftigen Luxus, welchen der hier blühende Handel nur +gewähren kann. + + + +Die Fälle des Stromes Clyde + + +Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter +nach Lanark, um die berühmten Wasserfälle des Clyde zu sehen. +Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg +sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal, +durchschlängelt vom schönen Strome Clyde; Gehölze, Äcker, Landsitze, +Dörfer wechselten höchst anmutig. + +An einer Stelle, wo dichtes Gehölz uns den Anblick des laut +brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr +steilen und schlüpfrigen Flußpfad hinab bis an das Ufer des Stroms. +Ganz in Schaum verwandelt stürzt er hier laut brausend von einer +beträchtlichen Höhe hinab, über große Felsstücke, und windet sich +dann zürnend und schäumend weiter durch das liebliche Tal. +Die hohen, malerischen Felsen, bekränzt mit schönem Gesträuche +und hohen Bäumen, von welchen wieder leichtere Efeukränze hinflattern +in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die große Wassermasse, +die hier herunterstürzt, der Kontrast des Schaumes, weißer als Schnee, +mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Grün, die Millionen +Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzückte uns +und hielt uns lange fest. Wasserfälle soll man aber nicht malen, +weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung +fühlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt. + +Ziemlich spät langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten +wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen +größeren Fällen des Stroms. + +Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehört zu den schönsten +im unteren Schottland. Eine Meile ging es über Berg und Tal durch +frisches, dichtes Gehölz hin; nun erstiegen wir mühsam einen ziemlich +hohen Berg, höhere Felsen drohten über ihm gen Himmel. Als wir oben +waren, erschreckte uns die fürchterlich schönste Ansicht, die wir +jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch +war's unmöglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen +steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns +und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde, +der kleinste Unfall am Wagen wäre unvermeidlicher Tod gewesen; +es war unmöglich, den Wagen halten zu lassen, unmöglich an der Felsenwand, +an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergaßen wir +alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschönen Tales, das uns +viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte, +durchströmt vom Clyde, der zögernd zwischen den blühenden Gärten +und fruchtbaren Feldern sich fortwand. + +Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier +große ansehnliche Gebäude mit schönen Gärten. Es sind Baumwollspinnereien, +deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden. +Wir sahen die Räder behend sich drehen, die kleinen Fälle, welche +durch diese veranlaßt werden, blitzten wie flüssiges Silber; +aber wir hörten nicht ihr Geräusch, es war zu tief unter uns. + +Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehölz +empfing uns wieder in seine Schatten, laut hörten wir den Strom +donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten +hinein, erstiegen einen kleinen Hügel, und vor uns stürzte der Strom, +weit wasserreicher und majestätischer als gestern, über wilde +hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn +abermals über noch höhere Felsen, in noch tiefere Abgründe gewaltig +herabbrausen. Er fällt von einer so steilen Höhe, daß er einen Bogen +bildet; wer es wagen will auf dem schlüpfrigen Boden, kann zwischen +dem Felsen und der großen Wassermasse hingehen. Unten in dieser +kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es muß ein +betäubendes Gefühl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und +Wogen über seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten +davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab, +der bloße Anblick des Wagestücks schreckt zurück. + +Als wir den Garten verließen, fuhren wir an einem schönen Landhause +vorbei, zu welchem er zu gehören scheint; wir wünschten dem Besitzer +desselben Sinn für sein Glück. + +Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenuß uns zu erfreuen, +denn öde und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen, +elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel, +und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Städtchen +Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem +sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden +des vergangenen Tages. + +Moffat ist ein kleiner, von den Schotten häufig besuchter Badeort; +die hiesigen Heilquellen werden für sehr wirksam gehalten, nur konnten wir +nicht erfahren, für welche Gattung von Übeln sie eigentlich gebraucht +werden. Für die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Bäder. +Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Städtchen selbst sieht +sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den +hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Bällen, +noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, daß wohl nur Kranke +herkommen, denn für körperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein. + +Über Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green, +einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend, +wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von großer Wichtigkeit. +Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben. +Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormünder, Onkel und Tanten +in England, die reiche oder schöne Mädchen zu hüten haben; der Trost +und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz +mit Romanlektüre anfüllen, der Hafen, nach welchem alle Glücksritter +zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen +nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe +des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich +ein solides Glück zu machen. + +In Gretna Green wohnt nämlich der alte berühmte Hufschmied, der die +unauflöslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter, +und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn +in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots, +keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar +geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und +ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm +ohne weitere Umstände getraut. Diese Trauung ist so gültig und vor allen +britischen Tribunalen so unauflöslich, al wäre sie von dem ersten Bischof +im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten, +ein von irgend einem widerwärtigen Argus bewachtes Liebchen hat, +der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise, +mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach +Gretna Green, dem nächsten schottischen Grenzorte, wo oben erwähnter +Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten. + +Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen +Dingen sprechen, kaum, daß sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem +zeigte; gern hätte sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern +sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit +Inschriften und Namenszügen glücklicher Paare angefüllt, die ihrem +wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenständen ihre süßen, +freudigen Gefühle anvertrauten. + +Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns +war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hörten wir, +daß Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare +in einem Tag anlangen. + +Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green +auf englischem Boden, daß man uns nirgends anhielt, um Wegegeld +zu fordern; alle Schlagbäume flogen gleich auf, und die Zöllner kamen +sehr gefällig in die Gasthöfe, wo wir Pferde wechselten, das Geld +zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt, +den Flüchtlingen [Fußnote: England hatte nach der Revolution +in Frankreich viele Flüchtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten. + + + +ENGLAND + + +Die Lakes + + +Über Carlisle, ein hübsches, lebhaftes Städtchen, das erste wieder +auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus +die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten +Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefähr zwanzig Jahren +ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich +von der schönsten Natur entzücken zu lassen. Die Londoner nennen +diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland +die Gegend bei Schandau die sächsische Schweiz nennt, und auch +ungefähr mit dem nämlichen Rechte. + +Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, öde Gegend, bis ganz nahe +vor Keswick. Hier öffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal; +ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben. +Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schönen Formen +noch die imposante Größe der schottischen. + +Keswick ist ein kleines, freundliches Städtchen mit sehr angenehmen +Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden hätten, wären wir +nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhügel +verschwinden gegen jene gigantisch übereinandergetürmten Kolosse; +diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an +Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen; +sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch +die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen. + +Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schöner, die Felsen werden +höher; nur vermißten wir die Wälder, die in Schottland die niedrigeren +Berge mit ihrem wechselnden Grün bekränzen. Zuerst kamen wir wieder an +einen See, der, unregelmäßig, bald breiter, bald schmäler, sich durch +das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heißt Derwentwater, und +gern begrüßten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks +Felsen bespült. Einige hübsche Landsitze liegen sehr angenehm an den +Ufern des Sees; Berge, Bäume, Felder, umgeben ihn in reizender +Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal +empfing uns, als wir den See verließen, durchrauscht von einem +lebendigen Flüßchen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen +kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heißt. Einige +Brücken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier +lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als sähen +wir ein Miniaturgemälde jener berühmten Gegenden. + +Nahe bei Ambleside öffnen sich weit ausgebreitete Aussichten, +die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher +uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier +die Welt vor uns in mannigfaltiger Schönheit, verschiedene kleinere Seen +blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut +einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch; +von allen Seiten bieten sich schöne Aussichten auf die benachbarte +Landschaft dar; aber die schönste derselben erwartete uns jenseits +des freundlichen Städtchens. + +Ein großer spiegelheller See trat allmählich zwischen Bergen und +Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt +scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Grün bekleidet, +mit Gebüsch und Bäumen gekrönt. Auf der größten dieser Inseln +erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers, +umgeben von freundlichen Gärten. Sie heißt Curwens Insel, +nach dem Namen ihres Eigentümers. Zierliche, zu jener Villa +gehörige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet +Freude und Lust. + +Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schönheit: +rauhe, zackige Felsen, grüne bebaute, zum Teil waldige Hügel, +prächtige, einzeln stehende Bäume, Wiesen, Kornfelder, Dörfer, +einzelne ländliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch. +Die Berge von Keswick schießen die bläulich dämmernde Ferne. +In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner +Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schönsten Stellen +erbaut. Der See heißt Windermere; er enthält mehrere Stunden +im Umfange und ist der größte in England. + + + +Lancaster + + +Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser berühmten Gegend, +gesehen hatten, hielten wir es für überflüssig, auch die übrigen +kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher +unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut +wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder groß, noch lebhaft, +noch hübsch. Viele Quäkerfamilien [Fußnote: eine um die Mitte des +17. Jahrhunderts vom G. Fox gegründete Religionsgemeinschaft. +Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhängern 1689 +die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem +in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute +stellen sich jetzt im Äußeren mehr den Kindern der Welt gleich. +Selten nur hört man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde; +auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung +haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie +vor anderen auszuzeichnen. + +Die Mädchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen +von Lancaster, Lancaster Witches, als die schönsten in ganz England +berühmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster +auf Beweise, daß sie dieses Ruhms vollkommen würdig sind. +Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quäkermädchen in ihrer +anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie +sich gewöhnlich kleiden, die Schürze und das große Halstuch +vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Hütchen, alles ohne +die mindeste Verzierung, geben den frischen, blühenden Gesichtern +eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Klösterliches in ihrer +Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln, +so erregen sie nicht das beängstigende Mitleid wie die Nonne; +auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer, +als jene gotische entstellende Verhüllung. + +Wir reisten über das sehr hübsche, freundliche Fabrikstädtchen Preston +nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch +einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land +so flach als möglich, unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchkreuzt, +Gräben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten +Landstraßen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte +Ansehen der holländischen Landhäuser fehlte. In England wird kein Haus +von außen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher +die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes, +rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewöhnten Auge mißfällt. +Nichts ist dagegen hübscher und freundlicher als die ländlichen +Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmäßig alle Jahre +mit Ölfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefärbt, +die Fugen derselben weiß gemacht; alles sieht daher immer neu aus +und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich fröhliches und wohlhabendes +Aussehen. + + + +Liverpool + + +Diese Stadt, nächst London die größte und bedeutendste in England, +steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schönheit als des Umfangs, +weit hinter Edinburgh zurück. Aber Handel und Betriebsamkeit +haben über Liverpool ihr Füllhorn ausgeschüttet, und Reichtum und +Luxus glänzen dem beobachtenden Fremden überall entgegen. + +Die reichen Kaufleute wenden ihren Überfluß auf eine sehr zweckmäßige +Weise an, indem sie die an sich nicht schöne Stadt mit vielen neuen, +prächtigen Gebäuden verzieren. Vier neue palastähnliche Kaffeehäuser, +Newshouses, Neuigkeitshäuser hier genannt, sind seit kurzem +durch Subskription erbaut; ein schönes Theater, ein Konzertsaal, +ein großer Gasthof, viele mildtätige Anstalten, welche der Menschheit +Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein. +Das prächtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kräfte sind +aber die Docks. + +In diesen künstlichen Häfen liegen die Schiffe sicher und bequem, +fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert, +aus- und eingeladen, und überdies sind die Ladungen vor Dieben +sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kräfte, um sie +zustande zu bringen, sind aber auch für den Handel vom größten Nutzen. + +Die Promenade längs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewühl, +das Schreien, das Drängen und Stoßen ist betäubend, der Seegeruch +unangenehm, aber der Anblick der offenen See über die Docks hinaus +entschädigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit +wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir +es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes. +Das Meer verschönert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe +erhält dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen +tönt wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herüber, und +wir horchen gern mit stiller Wehmut zu. + +Wir haben schon bemerkt, daß Liverpool keine eigentlich schöne Stadt +sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen +aus. Doch müssen wir die schönen Wohnungen verschiedener reicher +Kaufleute erwähnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert +von dieser, auf einer mäßigen Anhöhe erbaut sind. Höchst elegant +eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens +auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl +nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt täglich vergrößert +und man schon jetzt berechnen kann, daß im Verlauf von einigen Jahren +jene Häuser mitten in ihr und in ihrem Gewühl liegen werden. + +Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein +wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort +an dem allgemeinen Interesse im Gespräch, welches die Fremden +bald einheimisch macht. Sind die gewöhnlichen Redensarten, welche +in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette +herbeigeführt werden, abgetan, hat man über Wetter und Wohlbefinden +sich ausgesprochen, so ist man in der Regel übel daran, wenn man +von Handel und Politik nichts weiß oder nichts wissen will. + +Die Männer dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen, +sie kennen fremde Sitten und Gebräuche; dies macht sie wenigstens +toleranter gegen Ausländer. Die Frauen aber sind echte Engländerinnen +im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen +die höhere Bildung, die denn doch in einer großen Stadt wie London +leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafür haben sie +sich tausend Bedürfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum +und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran +nicht Gewöhnten aber höchst lästig und peinlich werden. + +Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit, +die dem Engländer in Städten sonst weder eigen ist noch seiner +Einrichtung nach sein kann; daß aber die Langeweile an ihren +wohlbesetzten Tischen auch hier gewöhnlich präsidiert, kann +nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen +aufbrechen und den Männern bei Wein und Politik freien Spielraum +lassen. + +In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quäker-Familien; +doch sind sie hier sehr ausgeartet und schämen sich ihrer alten +einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich; +besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein +wollen, ungemein link. Sie, deren Väter selbst vor dem Könige +nicht den Hut abnahmen, grüßen jetzt, zum Beispiel auf der +Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei +sie sind; ungefähr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie +Bildung an den Tag zu legen, sich an öffentlichen Orten mit +Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Läden fanden wir +noch Quäkerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion +ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so höflich und +bescheiden, daß unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht lächerlich +schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer +von vorzüglicher Güte, sie überteuern niemand, und kein Feilschen +und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen würde. + +Das Theater ist nicht groß, aber sehr elegant und bequem eingerichtet. +Man hört überall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung +ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wünschen übrig. +Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele, +welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen +damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen +freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht +über die beschränkteste Mittelmäßigkeit hinauszugehen. + +Die Zuschauer waren weit weniger lärmend als in London; unter ihnen +bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen, +die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet, +saßen leichenblaß, starr und steif nebeneinander, wie Tote, +mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze +herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen. +Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so +zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, daß man deutlich sah, +jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!" + +Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten +erwähnt, die hier der Wohltätigkeit und dem Reichtume der Einwohner +ihr Dasein verdanken. Eine davon, für Blinde, besuchten wir +mit Freude und Rührung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch +nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geräumig genug wäre, +daß all diese Unglücklichen darin wohnen können. Deshalb sind sie +in der Stadt in Privathäusern eingemietet, aber sie versammeln sich +alle Tage in dem für sie eingerichteten Gebäude, Asylum genannt; +dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik, +in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten +können, und bringen übrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu. +In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten +eine Orgel. Als wir in letzteres traten, saß ein junger Blinder +an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Mädchen, seinen +Unglücksgefährtinnen. Sie sangen dreistimmig eine rührende Klage, +gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst +ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein, +sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestört fort; +gerührt standen wir am Eingange des Zimmers still und hüteten uns +wohl, sie zu unterbrechen. + +Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Unglücksgenossen +immer heiter und froh und gesprächig. In einem unteren Zimmer +fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Mädchen, Räder und +Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer, +wo sich Männer und Jünglinge mit Korbflechten beschäftigten, +ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit +und zierliche Form der Körbchen, sie flochten sogar Muster +von grünen und roten Weiden hinein und wußten diese von den weißen +durchs bloße Gefühl auf das genaueste zu unterscheiden. + +Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nützliche Arbeiten, +welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt +verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher +unter ihnen. Diese Anstalt gehört wohl zu den zweckmäßigsten +und wohltätigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien, +strebt sie nur den Unglücklichen wirkliche Hilfe zu leisten, +sie soweit möglich zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft +zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit +und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequält +wie in anderen ähnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit +das Ehrwürdigste sein wollte, das Unglück, zum Zeitvertreib +einer müßig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwürdigt. + +Am Tage, ehe wir Liverpool verließen, erscholl plötzlich +von allen Türmen ein betäubendes Glockengeläute, welches eine +ganze Stunde ununterbrochen fortwährte; die Glocken erklangen lustig +bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten, +die ganze Skala durch, nach Gusto der Künstler. Jeder von diesen Herren +bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich +an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht +einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds +der königlichen Familie würde gefeiert oder wenigstens eine große, +vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloß häuslichen +Freudentagen darf jeder Engländer mit allen Glocken läuten lassen, +wenn er dafür bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern +eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war +die Ursache alles dieses Lärms. Diese hat in ihrem Testamente +sämtlichen Liverpoolschen Künstlern eine gebratenen Hammelkeule +mit Gurkensalat und dem dazugehörigen Porter für jeden Donnerstagabend +das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren +dieses Gastmahl in Gesellschaft, müssen aber vorher mit ihren Glocken +einen furchtbaren Lärm machen, der die Nachbarn der Kirchen +in Verzweiflung bringt; alles zum Gedächtnis des Namens +der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art +von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist +als manche andere. + +Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso holländisch als die, +durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als möglich, +aber höchst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanälen. +Über Warrington, ein sehr freundliches Städtchen, berühmt durch +Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester, +von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley. + +Die englischen Landstraßen werden mit Recht im Durchschnitt +als höchst vortrefflich gepriesen. Aber in der Nähe großer Fabrikstädte, +wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und +her rollen, sind sie es weit weniger und müssen den Chausseen +um Dresden, im Dessauischen, im Österreichischen und anderen +in Deutschland den Vorrang einräumen. + +Eine Unannehmlichkeit für fremde Reisende in England besteht darin, +daß es sehr schwer wird, früh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit +der Gasthöfe ist es dennoch unmöglich, vor sieben Uhr morgens +das Frühstück zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten +schlafen bis spät in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser +ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich +nicht weiter als höchstens zur Herbeischaffung der Pferde. +Diese Beschwerde fühlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche: +denn die Engländer sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden +nach dem Aufstehen zu frühstücken und reisen immer eine oder +ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geröstetem Butterbrote +verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen +folgen wollten, fanden wir das Haus in so großer Unordnung und +Unsauberkeit, daß es uns unmöglich war, den Wagen zu verlassen. + +Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung +der Nation gegen die gefürchtete Landung der berüchtigten Bateaux plats. +Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstätten, Läden +standen die Hälfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch +schöne Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte +der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie +freilich wie die päpstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade. + +Nach dem Exerzieren wurden in Gasthöfen bei großen gemeinschaftlichen +Gastmählern die durch diese patriotische Anstrengung erschöpften Kräfte +hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz +und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals +durch ganz England, und die Chefs der darüber leerstehenden Comptoires +und Fabriken wollten ob der großen Vaterlandsliebe der jungen Helden +schier verzweifeln. + +In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest +gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich +abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen. +Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch; +alles grün, über und über. Dann gerieten wir wieder zwischen +unfruchtbare hohe Felsen. Dürftig mit Heidekraut bewachsen, +boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns +durch erhabenen Schönheit dafür zu entschädigen. Kurz vor Middleton +kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schönerer Form +sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter über noch höhere +und freudenlosere Berge bis Sheffield. + +Dies ist eine große, aber nicht freundliche Manufakturstadt. +Kohlendampf, üble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede +überall. Die Straßen hallen wider von wildem, wüstem Geschrei +und Gehämmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen. +Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schöne Stahl- und +plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort +nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns +in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam, +Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schöpfen. + + + +Wentworth House und Rotherham + + +Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren. +Obgleich groß und angenehm, zeichnet er sich dennoch übrigens +nicht aus; ebensowenig die Gärten und Anlagen. + +Das Merkwürdigste hier sind die prächtigen Ställe; sie gleichen +wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden. +Sie umschließen einen großen viereckigen Hof von allen Seiten. +Der eine Flügel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebäudes +ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir +eine Menge der schönsten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde, +meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene berühmte Renner, +welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten. +Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt +Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge +der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte +allen unangenehmen Geruch. Über dem Stande der vornehmsten Pferde, +der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer +werten Eltern und bisweilen ein noch längerer Stammbaum zierlich +geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich große Spiegel +vor sich, um zu bezwecken, daß ihre Nachkömmlinge ihnen an Schönheit +gleich würden. + +In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr hübsches +persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es wäre über zwanzig Jahre alt. +Zahm wie ein Hund und auch nicht viel größer, kam das zierliche Tier +auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen. + +Müde und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir +unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwürdigkeiten anderer Art +erwarteten. + +Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal +nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen. + +Diese Eisengießerei, an Größe und Bedeutung die nächste jener nach Carron, +gehört Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere +Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker +hatten, so genügte ihm doch schon ein Blick auf einige offene +Adreßbriefe, die wir von London aus für andere Orte in England +mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns überall herumzuführen. +Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt, +geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt +versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme +Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Rußland, +teils roh, teils in langen Stangen. + +Die Eisengießerei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft +schönen Anblick geben die hochsprühenden Flammen und Funken, +die roten zischenden Feuerströme, welche sich mit glühendem Schein +langsam hinwälzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken, +um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen, +kolossalen Männer, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her +beschäftigen. In Rotherham ward die große eiserne Brücke gegossen, +die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch größere, +ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier +in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen +Brücken an bis herab zum demütigen Plätteisen. Man verfertigt hier +auch viel schönes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens +der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr häufig +zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und +Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung, +dergleichen Dinge zu gießen, statt sie zu hämmern, ist ihr Gebrauch +ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit +dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb +so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es +seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug. + +Das Glück wollte uns so wohl, daß wir eine vierundzwanzigpfündige +Kanone gießen sehen konnten. Aus zwei Öfen floß brausend +das flüssige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedämmte Kanäle, +die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam +in die tief eingegrabene Form stürzte. Dantes Hölle und der feurige +Phlegethon [Fußnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie] +waren bei diesem Anblick die nächstverwandten Ideen. +Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man +die Form und bringt sie so heraus. + +Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen. +Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen, +doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch +äußerten, sie zu sehen. Die dazu nötige Maschine wird vom Wasser +getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Mündung +der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest. +Ein platter Stahl, ungefähr einen halben Zoll stark, mit scharfen +Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der übrigens +ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser +getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt +zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus +der Öffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben. +Es ist unmöglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall +wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch +mit seiner Stärke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er +hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt, +die sich aber auch an dem ohnmächtigen Herrscher oft furchtbar +rächen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann, +und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter +zu vernichten. + + + +Nottingham + + +Über das artige Städtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham, +einer schönen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele +und große Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby, +durch eine sehr reizende Gegend, dicht besät mit Parks und +freundlichen, zum Teil schönen Landhäusern, zwischen welchen +einige stolze Schlösser der Großen sich stattlich erheben. +Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reißaus; doch +auf diesen schönen und lebhaften Straßen hat solch ein Vorfall +wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen +als ein großes Motiv paradieren muß. Unsere flüchtigen Pferde +wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken, +doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir +uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise +war das Merkwürdigste, was Derby darbietet, schon bewundert; +deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick. + +Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein, +arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn: +denn hier erblickte Shakespeare [Fußnote: das Grab ist heute bekannt +und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk +des Geburtshauses stammt tatsächlich aus der Zeit Shakespeares] +zuerst den Tag, hierher kehrte er zurück am Ende seiner großen Bahn, +und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiß recht die Stätte, +aber in der Westminster Abtei, dort wo die Könige ruhen, +strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist. + +Wir ließen uns zu der Hütte fahren, in welcher sein Vater, +ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkämmer, einst wohnte, +wo der große Geist, seiner selbst nicht bewußt, in der engen +Eingeschränktheit ängstlich und beklommen sich fühlte, bis ins +sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Außenwelt, +an den Banden riß, die ihn einzwängten, und endlich, nach mancher +wilden, ungezügelten Äußerung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete +Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh +und frei seinem Genius folgte. + +Die armen Lehnwände des Hauses können sohl schwerlich schon vor +weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords +Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde +aber ist ein alter hölzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische +eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine große steinerne +Platte liegt davor; hier hat gewiß Shakespeares Vater gesessen, +eifernd über die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei +aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein mußte. + +In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein großes altes Bettgestell, +in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein +Stammbaum hängt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt, +der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er über diese +heilige Stätte: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden +bei seiner Dürftigkeit eine sehr willkommene Hilfe. + + + +Tewkesbury und Cheltenham + + +In dem kleinen freundlichen Landstädtchen Tewkesbury vernahmen wir, +daß dort in einigen Tagen ein großes Pferderennen gehalten werden sollte. +Unter den Wölfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den +Engländern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen +also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen, +dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurückzukehren, +und reisten nach Cheltenham ab. + +Dieser berühmte Brunnenort ist ein hübsches Städtchen, in einem +angenehmen, von Hügeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht +neu aus. Die Stadt ist größtenteils während der letzten vergangenen +fünfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefähr ist es, daß die dortige +Quelle bekannt und berühmt ward. + +Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile +langen Straße, an welche sich kleine Nebenstraßen und einzelne Gebäude +anschließen. In dieser Hauptstraße mit den schönsten Gebäuden, +den glänzendsten Läden, Leihbibliotheken und Kaffeehäusern wogt +die schöne Welt den Morgen über langsam und, wie es uns schien, +auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gähnend zu zweien +und dreien aus einem Laden in den anderen, während die Herren +mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise +hinzubringen suchen. + +Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England +heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnügen +zur Arbeit. Wenn der Morgen überstanden ist, so helfen Bälle, +Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft, +die übrigen Stunden hinzubringen; für alles dies ist gesorgt, +wenn auch nach etwas verjüngtem Maßstabe. Während der Saison +präsidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer +über dort müßige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen +der englischen Bäder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise +behalten wir uns vor ausführlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung +von Bath, dieser Königin aller englischen Badeorte, kommen. + +Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham führt, wird +für eine der schönsten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr +in diesem Lande die große Seltenheit gerader, von hohen Bäumen eingefaßter +Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier +von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuß +lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas +schwerfälligen Tempel eingeschlossen, daneben ein hübscher Saal +zum Gebrauch der Brunnengäste bei schlechtem Wetter, und in diesem +ein Buch zu Subskriptionen für die Erhaltung der Promenade, des Saals usw. +Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen +und Stand; im Unterlassungsfall wird er für einen Nobody angesehen +und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade +befindet sich noch eine gewöhnliche englische Gartenanlage; +ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegäste bestimmtes Gebäude +schließt hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet +der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue. + +Es ist ein hübscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr, +der gewöhnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den +ehrwürdigen Bäumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz, +welcher die Engländerinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt, +und hier, in diesem grünen Dämmerlichte, zeigen sich die weiß gekleideten, +nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar hält +diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Engländer +sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schönste in der Welt. +Während man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr +charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande +Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und läßt laut +ihr God save the King und Rule Britannia erschallen. + +Eine wunderliche Einrichtung ist's, daß man nicht anders als +über den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar +ganz artig, mit hübschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen +besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken +Ideen erwecken, die deren Heilkräfte schwächen könnten. + +Das Wasser von Cheltenham wird hauptsächlich gegen Hautschäden, Skorbut +und ähnliche Übel gebraucht. König Georg der Dritte brachte durch +einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses +sehr übel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten, +vielleicht angeborenen Hautübel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag +verging, aber der gute Georg geriet darüber in den traurigen +Gemütszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fußnote: Georg III. +regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas +Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter +Anfällen von Geistesgestörtheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen +Dämmerzustand, der nach einem völligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft +des Prinzen von Wales erforderlich machte.] + +Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief; +ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe +zu Wagen und zu Roß. + +Dort war alles in geschäftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock +angezogen, hübsche Mädchen in weißen Kleidern und gelben Nankingschuhen +liegen überall munter und fröhlich umher. Eine Bande Seiltänzer +und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier für den Abend +Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch +für die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles +im Städtchen Tewkesbury für Lärm machen mußte, und wie die jungen, +dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim bloßen Herrlichkeit +ungewohnten Herzen schon beim bloßen Gedanken daran rascher schlugen. +Und noch dazu alle die glänzenden Herren und Damen aus Cheltenham, +die Equipagen, schönen Pferde, Bedienten und der übrige Troß, +es war zum Entzücken! Glücklich, wer wie wir beizeiten für Wohnung +und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in +dem Gewühle schwerlich ein Unterkommen zu finden. + +Um zwölf Uhr zog alles, Mann und Roß und Wagen, hinaus zum Rennplatze. +Eine große schöne Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise +zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schließen +rings die Aussicht. Das an sich schon recht hübsche Lokal, belebt von +mehreren tausend fröhlichen Menschen jedes Standes, gewährte +ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltänzer hatten die mit +unzähligen Fähnchen recht bunt verzierten Gerüste, auf welchen sie +den Abend ihre Künste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet; +dieses, die türkische Musik, welche ertönte, um die Neugierde +des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Tänzertracht, +in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf +ihren Gerüsten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter +und lebendiger. + +Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten +bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermüdet teilten +sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese +Ankündigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon +zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler +durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu +verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen, +mit Ernst und Eifer in ihren Zügen, das fröhliche Treiben der übrigen +verächtlich anzublicken. + +Endlich tönte die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren +einige berühmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser +als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, daß wir, +wie der größte Teil der übrigen Gesellschaft, nach Tische wieder +zum zweiten Rennen fuhren. + +Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende +eines fröhlichen Tages zu langweilen, ließen wir Ball und Assembleen, +Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar +die Entscheidung des großen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine +Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide +zugleich angekommen wären. Wir wünschten den guten Einwohnern +von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als +vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnügen für +den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden +sie erwarteten, bewunderten noch die schöne gotische Kirche, +eine der größten und schönsten im Reiche, und fuhren fröhlichen +Muts nach Gloucester. + +Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend, +mit hübschen Häusern und breiten Straßen. Übrigens enthielt sie, +so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere nähere Aufmerksamkeit +auf sich zog. + + + +Bristol + + +Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten +und der Charakter der Gegend völlig von dem des übrigen England +verschieden. Sie ist mannigfaltiger, südlicher. Grün ist nicht mehr +so ganz die prädominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich +auch hier in höchster Pracht darstellt. Schönere, größere Bäume +als irgendwo, in gedrängten Gruppen, viele große Pflanzungen +von Obstbäumen, mit Mauern statt der gewöhnlichen Hecken eingefaßt, +zeichnen sie vor allen anderen in Großbritannien aus. + +Hier glüht der Goldpepping [Fußnote: Goldreinette, Apfelsorte], +der Stolz Englands, zwischen dem hellgrünen Laube und seufzt im +Herbst unter der Presse, um später als Cider [Fußnote: Apfelwein, +Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren französischen +und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier +reift die Birne auf hohen stattlichen Bäumen und liefert den Perry +[Fußnote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden +Champagners von den Weinhändlern teuer verkauft wird. + +Der schöne Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe +schweben auf seiner silbernen Fläche. Nahe bei Bristol wird er +tief genug, um selbst große Schiffe von vierzig bis fünfzig Kanonen +zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten +Gegenden, fällt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen, +der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig +die schönsten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer, +der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in höchstem +Reichtume, den weiser Fleiß und ein vortrefflicher Boden nur +gewähren können. + +Die Stadt schien uns größer als Edinburgh. Straßen und Plätze +sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit +schönen Privathäusern sowohl als öffentlichen Gebäuden und Kirchen, +unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe +als ehrwürdige gotische Gebäude sich auszeichnen. Das Theater +ist groß, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite +mit korinthischen Säulen verzierte Gebäude, in welchem unter +der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Bälle +während der hiesigen Badezeit statt haben. + +Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Königin der Städte +thront es ebenfalls auf sieben Hügeln, und einige davon gewähren +von ihren Gipfeln eine sehr schöne Aussicht in das Land ringsumher. +Die Straßen, die hinaufführen, sind aber größtenteils sehr steil. +Außer dem schiffbaren Avon strömt auch noch ein kleinerer Fluß, +der Frome, durch die Stadt; hübsche steinerne Brücken führen +über beide Gewässer. Der Quai am Hafen ist prächtig, ein Meisterwerk +seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick; +denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste +Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausrüstete, der Bristols +Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen +kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es +uns unmöglich, heiteren Mutes die schönen Docks zu bewundern, +welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden +der Welt sicher und bequem beherbergen. + +Eine der schönsten Partien um Bristol gewährt King's Weston, +der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist +groß und stattlich, wenn auch etwas schwerfällig und mit +Verzierungen überladen; wir mochten uns aber mit näherer +Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schönen Anlagen +durchliefen wir nur flüchtig, so mächtig zieht hier +die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst +zu schmücken versuchte. King's Weston liegt auf einer beträchtlichen +Anhöhe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von +einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet +mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England +zu einem der schönsten Länder Europas machen, und liebliche Hügel, +mit aller Pracht der üppigsten Vegetation geschmückt, +scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der übrigen Welt. +Von der anderen Seite der Anhöhe von King's Weston sieht man +den hier mächtigen Avon sich majestätisch hinwinden durch +ein jenem Tale ähnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden +der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken, +schweben auf seiner silberblinkenden Fläche. Lange verfolgt hier +der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer mächtiger, +immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten +immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen, +wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht +und zugleich den Lauf des schönen Stroms begrenzt, indem es +ihn in seinen Schoß aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt. +Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren; +endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwürdigen Bäumen +besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch höheren Hügel, +Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe +Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und +noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzückender. + +Ein sehr angenehmer Weg führt von da nach Clifton. Man nennt Clifton +ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir möchten sagen, aus Palästen +bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf +der sonnigen Seite eines Hügels. Die schönen großen Häuser +stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes, +teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden +auch breite Straßen und schöne, regelmäßige Plätze. Alles +dieses ist durch Gärten, Felder, steile, wilde Felsen und +sanfte Anhöhen auf das Reizendste vermannigfaltigt. + +Einige dieser Gebäude werden für immer oder auch nur den Sommer +hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der größere Teil +derselben ist zum Gebrauche der Badegäste eingerichtet, deren +jährlich eine große Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und +Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit +entfernt von Clifton fließt. Leider oft vergebens; denn +diese Quelle wird gewöhnlich als letztes Mittel gegen +das traurigste aller Übel, die unser kurzes Leben bedrohen, +gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt. + +Nirgends häufiger als in England wüten diese Krankheiten, +die fast immer die jüngsten und liebenswürdigsten Opfer sich erwählten, +und sie verschönen und verklären, indem sie sie zerstören. +So blüht die vom Wurm gestochene Rose oft um so früher und +schöner auf. Es ist ein herzzerreißender Anblick, die jungen, +ätherischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt, +in diesen elysischen Gegenden über den grünen Rasen hinwanken +zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhestätte +ihrer Vorgängerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen +von zwanzig und fünfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen +Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind. + + + +Hotwells + + +Ein sehr steiler Weg führt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle +fließt und ebenfalls viele schöne Wohnungen für Badegäste erbaut sind. +Nahe am Ufer des Avon rauscht sie mächtig hervor, aus einem der +Felsen, die in majestätischen Reihen sich von beiden Seiten längs +dem Bette des Stroms hinziehen. Ein hübsches Gebäude ist über +der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden +zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt +das Brunnenzimmer. Ein artiges Mädchen personifiziert hier die Hebe +und schenkt das gar nicht übel schmeckende, wie Champagner +petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschöpft wird, +sieht es etwas trübe und weißlich aus, wird aber ganz klar, +sowie es sich abkühlt. + +Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien, +Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier +zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche +in den Ritzen und Spalten der den Avon umschließenden Felsen gefunden +werden und sowohl an Glanz als Härte den wirklichen Diamanten sehr +ähnlich sind. + +Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschränkt, +aber von ernster Schönheit; wild und hoch streckend die dunkelroten +Marmorfelsen von St. Vincent ihr majestätisches Haupt hinauf in +die blaue Luft. Der Avon drängt sich brausend durch das ihn einengende +Felsenbette; ihm gegenüber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen, +starren andere, ganz ähnliche Gebirge; es ist, als hätte der dunkle Strom +hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben, +mächtig seine Grundfeste erschütternd, ihn zersplittert. Verfolgt man +mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit +zwischen diesen Kolossen hinwinden muß, so erblickt man am fernen Horizont +die schönen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete, +aber höchst romantische Aussicht schließen. + +Hinter dem Brunnenhause dient eine schöne, mit Bäumen besetzte Terrasse +am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen; +kein Brunnenort hat wohl eine ähnliche Promenade aufzuweisen. +Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gäste unter einer in Form +eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite +von einer Reihe eleganter Läden begrenzt wird. + +In Hinsicht der schönen Gebäude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung +von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schönen Reihen +und Straßen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten +auf See und Fluß, Berg und Tal; es ist unmöglich, mit der Feder +auszudrücken, wie überschwänglich reich sich hier die Natur bewies. +Aber auch für andere Vergnügungen ist gesorgt. In zwei schönen, +zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebäuden werden jeden +Montag und Donnerstag Déjeuners dansants auf Subskription gegeben. +Dienstags ist regelmäßig Ball, an den übrigen Tagen füllen Assembleen +und Promenaden die müßige Zeit aus. + +Wie in den übrigen größeren Bädern präsidiert auch in Hotwells +ein Zeremonienmeister; seine Gesetze hängen in den Sälen an der Wand +angeschlagen und werden pünktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht +auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der übrigen Etikette, +besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung +von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten; +wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunächst +folgenden Abschnitt. + +Außer den allen Bädern gemeinen Vergnügungen, welche regelmäßige +Promenaden, Assembleen, Bälle, Lesebibliotheken und dergleichen gewähren, +erfreuen sich die glücklichen Bristoler Brunnengäste noch viel +mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher +durchstreifen; denn außer King's Weston gibt es noch in ganz mäßiger +Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs +wert wären. + +Leider waltete über uns das gewöhnliche Schicksal der Reisenden, +wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen, +vielleicht Monate lang hier verweilt, muß sich manchen hohen Genuß +verschaffen können, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten, +auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt +die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann +widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet. + + + +Bath + + +Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang. +Im unaufhörlichen Wechsel der reizendsten Aussichten fährt man, +wie in einem Garten, auf den schönsten, ebenen Wegen, durch ein Land +von mannigfaltiger hoher Schönheit. + +Die Jahreszeit war die günstigste, um alles dies zu genießen, +aber nicht um das eigentümliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt +von den meisten anderen unterscheidet. Früher hatten wir im Winter +Gelegenheit dazu, und was wir während unseres ersten und zweiten +Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz, +um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollständigere Ansicht +dieses merkwürdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen +von dem Leben der Engländer in Badeorten, weil es uns zur Verständlichkeit +des Ganzen unentbehrlich dünkt. + +Etikette ist in England überall an der Tagesordnung. Dem Briten +geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnürbrust, wenn sie sich +von Jugend auf daran gewöhnt haben. Sie fühlen sich unbehaglich, +wenn der gewohnte Zwang aufhört, und wissen ohne ihn nicht zu leben. +Schon mit dem häuslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt; +in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander +verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Bädern +fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt +und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewöhnlichen verschiedenen +Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein, +wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermaßen unterscheidet. +Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm +neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist +in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath +gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt für alles, +er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem höflich entgegen. +Bei den Bällen und überall hält er auf strenge Beobachtung der von +der ganzen Gesellschaft für gültig anerkannten Gesetze, in allem, +was die Ordnung der dem Vergnügen gewidmeten Stunden, der Kleidung, +des Ranges und tausend anderer Zufälligkeiten betrifft. Diese Gesetze +sind in den Assemblee- und Ballsälen angeschlagen, damit er sich +gleich darauf berufen könne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich +bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, für sich selbst zu sorgen, +und er verschafft ihnen Mittänzer, Partners, für den ganzen Ballabend. +Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen +zu schlichten. Unermüdet muß er für Anstand und Sitte wachen. + +Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister +zu sein. Männer, die sich und ihr Vermögen im großen Strudel der Welt +verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche +nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton +und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich +am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder +der freiwilligen Resignation ihres Vorgängers durch die Stimmenmehrheit +der anwesenden Brunnengäste. Das Leben, das sie führen, ist sehr +ermüdend, ihr Lohn dafür Achtung im Äußeren, der Ertrag einiger Bälle, +die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste +ein anständiges Geschenk. Daß sie überall freien Zutritt haben, +versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an +einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung +ihres Amtes. + +Eine entfernte Ähnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern +haben die Brunnenärzte in einigen der kleinen deutschen Bäder, +wo sie auf Promenaden und an den öffentlichen Tischen Gesunde und Kranke +umflattern, alles anordnen, alles wissen, überall sind und nirgends. +Die eigentlichen Brunnenärzte fehlen in England gänzlich; man hält sich +an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes, +und nur in ungewöhnlichen Fällen zieht man einen aus dem Orte oder +der Nachbarschaft zu Rate. + +Auch öffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet, +und man hat nicht wie in Deutschland schon vom frühen Morgen +den empörenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hyänen und ihrer +sinnlosen Beute zu ertragen. + +Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte häuslich und komfortabel +eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist, +hat man Karten an die Badegäste geschickt, die man schon kennt +oder deren Bekanntschaft man zu machen wünscht, so bleibt nun weiter +nichts übrig, als sich überall zu abonnieren, um überall Eintritt +zu haben. Zuerst in die Assemblee-Säle, dann zu den an festgesetzten Tagen +statthabenden Bällen, dann zu den Konzerten, die in den größeren Bädern +auch regelmäßig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den +verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher +Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller, +welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig +zu werden wissen. + +Ist früh das Wasser getrunken, welches gewöhnlich während der Promenade +in einem der Brunnensäle geschieht, hat man gebadet, en famille +gefrühstückt (öffentliche Frühstücke sind selten), was fängt man +dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische +beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen +Visiten, die Revue der Putzläden sind bald abgetan. Welche eine +Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken! +Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein +paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen +wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen, +Journale, Broschüren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder +dort durchblättert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht +genug. Außer den geistigen Schätzen findet man in diesen Läden +noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen +Kleinigkeiten aus köstlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt +unentbehrlich dünken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen +dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug +oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe +fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere +lotteriemäßig verspielt und gewährt so diesen Anstalten ein +neues Interesse. + +Zu Mittag speist man etwas früher als in London, weil die +Abendvergnügungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt +für sich zu Hause ihre Ökonomie selbst oder läßt sie außer dem Hause +besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe. +Hin und wieder gibt's auch Häuser, wo die Gesellschaft, die im Hause +wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist; +doch entschließen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist +nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish. +Öffentliche Tische lieben die Engländer nicht; nur in kleinen Bädern, +wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermögen und Vergnügungen beschränkter, +mehr zusammenhalten muß, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern +teil daran. + +Nach Tische wird in den größeren Bädern die dritte Toilette gemacht. +In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung. +Abendessen sind nicht gebräuchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe, +einige privilegierte Nachtschwärmer vielleicht ausgenommen. + +Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland: +man weiß jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des +zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont +oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein fürchterlicher Tag. Spiel, +Tanz, Musik, alles ist hoch verpönt alle Läden, alle Leihbibliotheken +sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade +im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt +sehr einförmig, die Ausländer, die merkwürdigen Menschen fremder +Nationen, die unseren Bädern oft ein so hohes Interesse geben, +fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur +Landeseinwohner. Ein Irländer oder Schotte heißt sogar schon ein Fremder. + +In England muß nun einmal alles im Leben dem gewöhnlichen Laufe +der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter +zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht +zum Tage, und um diese allgemeine Veränderung aller Zeiten recht +vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den +Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort +von Badegästen, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten +bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht +bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam +zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden +an Krücken und auf Podagristenwägelchen die belebenden Strahlen +der Sonne aufsuchen. + +Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer +traurig verhallen. Viele führt das Vergnügen, einige auch wohl +eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der größte Teil +der Badegäste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken. +Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und +jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerrütteten +Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschränkten Mitteln den Freuden +der großen Welt nicht zu entsagen versteht, der flüchtet hierher, +wo er sie alle findet; freilich in etwas verjüngtem Maßstabe +wie in London gehalten, aber dafür auch unendlich wohlfeiler. +Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger +als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen muß. +Schon in dem Umstande, daß die bergige Lage von Bath Pferde und +Wagen entbehrlich, ja ganz überflüssig macht, liegt ein sehr +bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern +ist man gewöhnlich wieder zu Kräften gekommen und kann sich von neuem +auf einer größeren Laufbahn versuchen. + +Da die Gesellschaft hier größtenteils aus Mitgliedern der müßigen +und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert +und vornehm frivol als möglich. An Glücksrittern fehlt es dabei nicht; +diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen. +Väter und Vormünder reicher Erbinnen, welche diese bisweilen +hierher führen, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem größeren +Theater vorzubereiten, müssen sich freilich in acht nehmen. Von Bath +aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green +vorbereitet oder gar angetreten. + +Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von beträchtlichen +Anhöhen, die sich nur öffnen, um dem schönen Strom eben den Durchweg +zu gewähren. Langsam und majestätisch windet er sich, bis zu dem +zwölf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und +Stadt, erhebt die Schönheit der Gegend und gewährt durch die leichte +Kommunikation mit jenem großen Seehafen beträchtliche Vorteile. +Von wunderbar einziger Schönheit ist der Anblick der Stadt. Bald +ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die nächsten Anhöhen, +höher und immer höher türmte sie Paläste über Paläste, wetteifernd +untereinander an Schönheit und allem Schmucke der neueren Architektur. + +Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schöpfungen +liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Fußnote: +Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle +und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher +König Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll. +Ernst steht sie da, in alter Majestät; ihre gotischen Türme streben +wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus, +während die bunte neue Welt um sie her die Hügel erklettert und +sich groß dünkt. + +Die Häuser sind alle von schönen Quadersteinen erbaut, die man +ganz in der Nähe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als wäre +es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Häuser, +mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Häusern bestehend, +die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert, +das Ansehen eines einzigen Prachtgebäudes haben, stehen zerstreut, +wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr +beträchtlicher Höhe. + +Regelmäßig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,, +aber doch unbeschreiblich hübsch anzusehen; ausgezeichnet schön +der große Platz, Queen's Square genannt, mit seinen prächtigen, +vielleicht ein wenig mit Zierart überladenen Häusern, aus deren +Fenstern man sich einer schönen Aussicht erfreut. In der Mitte +dieses Platzes umschließen eiserne Geländer einen artigen Garten, +dessen sich die Bewohner der umliegenden Häuser zum Spazieren +bedienen können; schade, daß ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt. + +Von Queen's Square geht es sehr steil in die Höhe durch Gay Street +zum Royal Circus, einem großen runden Platze. Die ihn umgebenden +Häuser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen +möglichen Säulen aller möglichen Ordnungen verziert oder verunziert. +Hinter ihm, noch viel höher, liegt der Royal Crescent; er besteht +aus dreißig sehr schönen Häusern, die das Ansehen eines einzigen +haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil +erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Säulen. Vor ihnen hin +breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und läuft hinab +gegen die Ufer des Avon. Eine diesem ähnliche Reihe Häuser, +Marlboroughsgebäude genannt, liegt ganz in der Nähe. Der höchste +bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls +eine schöne, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Häuser. +Sie liegen, gleichsam die Krone der schönen Stadt, in schwindelnder +Höhe. + +Noch mehrere oder gar alle diesen ähnliche Plätze und Straßen +zu nennen, würde ermüdend werden, und vielleicht reicht +das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben, +was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr, +ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche +Pflaster, die große Reinlichkeit der Straßen und nachts +die wunderschöne Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr, +und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise über alles, +was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengäste beizutragen vermag. + +Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere +der schönsten Straßen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz +mit großen Quadersteinen gepflastert und gar nicht für Equipagen +eingerichtet. Zu den Assembleesälen, zu beiden Promenaden, +die Nord- und Südparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen +gelangen. Doch befürchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermüden: +eine Anzahl von Portechaisen [Fußnote: Tragstühle] steht überall +bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und +transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den +höchsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht +der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und +einer ziemlich mäßigen Taxe unterworfen, die sie nicht überschreiten +dürfen. + +Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schönen +Gebäude werden ganz oder teilweise an Badegäste vermietet. +Der festgesetzte Preis eines möblierten Zimmers während der Badezeit +beträgt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet +die Hälfte. Unangenehm ist es, daß man immer die ganze Reihe Zimmer +mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen muß, während man +kaum die Hälfte davon braucht. Es gibt zwar Häuser, welche zugleich +ihre Gäste in die Kost nehmen, und in diesen ist man gefälliger +und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich muß man auch dort +weniger Ansprüche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man +außer der Wohnung noch nötig hat, ist ebenfalls zu vermieten: +Möbel aller Art, Betten, Porzellan, Küchengeschirr, Hausgeräte +und Gemälde, Gläser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwäsche, +alles wie man es verlangt, auf das Prächtigste oder zierlich +einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein großes Haus +mit allem Nötigen und Überflüssigen versehen werden. Überall +findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen, +überall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und +der Bequemlichkeitsliebe hinter großen Glasfenstern in schönen +Läden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt. + +Das Wasser ist sehr heiß. Drei Stunden muß es stehen, ehe man sich +hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet. +Der heißen Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad +beim Trinken von der schwächsten zur stärkeren allmählich über. +Die Ärzte empfehlen dabei die größte Vorsicht. Das Wasser ist klar +und schmeckt nicht unangenehm; Nervenübel, Lähmungen, Podagra +und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptsächlich +angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs +und zehn Uhr, und dann wieder einige Gläser gegen Mittag. Gewöhnlich +trinkt man in dem zur Quelle gehörigen Brunnensaale. + +In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath +der ekelhafte Brauch, in großen gemeinschaftlichen Bädern +in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden. +Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser +hervorragenden Köpfe auf das Modernste und Vorteilhafteste; +Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten +mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu +vertreiben. Diese großen Bäder existieren noch, vier an der Zahl, +aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene +Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Bäder, das Königsbad genannt, +liegt dicht hinter dem großen Brunnensaale; eine Reihe dorischer +Säulen umgibt es; es ist fünfundsechzig Fuß lang und vierzig breit, +das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad +Fahrenheit heiß. Neben diesem Bade liegt der Königin Bad, +es enthält nur fünfundzwanzig Fuß im Geviert und ist etwas weniger +warm. Das Kreuzbad führt diesen Namen von einem Kreuze, welches +ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal. +Mit dieser Quelle, als der schwächsten, fängt man gewöhnlich an +zu trinken. Das heiße Bad hat einhundertsiebzehn Grad Wärme. +Privatbäder, Dampfbäder und ähnliche Anstalten sind damit +in dem nämlichen Gebäude vereint. Diese Quelle, als die stärkste, +wird selten getrunken, der dazugehörige Brunnensaal ist dumpf +und düster. + +Die erste Entdeckung der heißen Quellen von Bath verliert sich +ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und +bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt +der heißen Bäder, nannten. Später gaben ihr die Römer verschiedene +andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen +nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen. +Im Sommer möchte sie noch so heißen; wenn aber jetzt einer +jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit +plötzlich in einen ihrer Ballsäle versetzt würde, er gäbe ihr gewiß +dann einen schöneren Namen. + + + +Salisbury und Stonehenge + + +Wir fuhren nun über eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut +sproß kümmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand, +auf dem das Auge nur Momente haften könnte; die Lüneburger Heide +ist ein Paradies dagegen. + +Es war die berüchtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns +jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, besät mit uralten Gräbern +längst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen. +Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese großen, +abgerundeten Hügel nur wenig über die graue, düstere Fläche, +und bloß an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst +umgebenden Grabens. Der blaue Himmel wölbt sich lautlos darüber hin, +kein Vogel singt in dieser Einöde, denn nirgends steht ein Strauch, +auf dem er sich niederlassen könnte. + +Wir rollten schnell vorwärts und merkten doch kaum, daß wir +weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle, +die wir verließen, glich ganz genau der, auf welcher wir am nächsten +Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen +wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt +erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise; +wir kamen näher und näher, noch immer wußten wir nicht, was wir sahen; +jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Fußnote: +das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung +und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden; +sicher ist nur, daß die Steine, man schätzt die Anlage auf 4000 Jahre, +in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.], +dem ältesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa. + +Unförmige, riesengroße Steine, sichtbar von Menschenhänden aufgestellt, +erheben sich in ungeheuren Massen auf einer mäßigen, nur ganz allmählich +emporsteigenden Anhöhe. Hohen Säulen gleich, stehen sie in einem +der großen tempelähnlichen Kreise, immer zwei und zwei näher aneinander, +welche dann ein großer, ähnlicher Stein, wie ein Querbalken +oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige +der Säulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch +bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den +umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren; +denn an jeder der Säulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen, +freilich sehr roh und in ungeheuren Verhältnissen, und die quer darauf +liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden, +welche genau auf jene Knöpfe passen. So bildete und verband sie +die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um +Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Säulen tragen Spuren des Meißels, +sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh +behauen, an Höhe und Stärke einander nicht gleich, aber alle +von erstaunenswürdiger Größe und Schwere. + +Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur +ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden. +Jetzt hält man dies wunderbare Gebäude für die Überreste eines alten +Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohltätige Sonne. +Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer +gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle +ihrer verblendeten Brüder. + +Mitten in dem großen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man +Überbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen +gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt +ein großer, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung +war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein +ist von einem der ungeheuren herabgestürzten Quersteine des äußeren +Kreises in drei Stücke zerschmettert. Seitwärts, außer dem Kreise, +liegt ein zweiter, dem Altarsteine ähnlicher Stein von ungeheurer Größe. + +Ungefähr dreißig Schritte vom großen Kreise stehen noch ein paar +der säulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreißig Schritte +voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch größeren +Kreis, der jenen engeren einschloß, eine Art Vorhalle des heiligen +Tempels; denn gewiß ist das gigantische Werk, das wir anstaunten, +nur ein kleiner Überrest von dem, was es Ungeheures war in +seiner Vollendung. + +Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast +übermenschlichen Kräfte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast +ebenso unbegreiflich, wie sie zerstört wurden. Vielleicht stürzte +ein Erdbeben sie um, es öffnete sich die Erde und begrub zum Teil +wieder in ihrem Schoße die ihr entrissenen Felsstücke, welche +sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind, +ohne daß es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche +fortgeführt. Welch ungeheure Kraft wäre auch erforderlich gewesen +zum Transport dieser Riesenmassen! + +Was das Wunderbare noch mehr erhöht, die Steine bestehen aus +einer Art Granit, wie er mehr als dreißig englische Meilen in der Runde +nicht anzutreffen ist. Wie war es möglich, sie durch unwegsame Wälder, +über Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn +man sie sieht, man fühlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks +Glauben beizumessen, welche sie für das Werk einer früheren Riesenwelt +hält, der mächtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick +des Ganzen macht, läßt sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen +ergriff uns in dieser öden Wildnis beim Anschauen eines Werks, +dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und +das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt. +Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu überlassen; denn öde und traurig +ging unser Weg über die große Ebene hin, die sich immer gleich blieb, +bis wir spät abends die alte Stadt Winchester erreichten. + +Von Winchester aus hatten wir sehr böse Wege; denn durch unsere +Kreuz- und Querzüge waren wir von der großen, gebahnten Straße abgekommen +und mußten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder +zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Hügel, +über welche unser Wagen mühsam hinrasselte, zu Fuß hinab; reiche, +weit ausgebreitete Aussichten entschädigten uns zuweilen für unsere Mühe. + +Endlich erreichten wir das Städtchen Chichester. Wir fanden +den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein +Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Mädchen +besetzt, die Straße voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern. +Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison +liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen +aufmarschiert, dem Gasthofe gegenüber. In letzterem hatte niemand Zeit; +Herr und Frau und Aufwärter liefen mit den Köpfen gegeneinander. +Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert +[Fußnote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales, +des nachmaligen Georgs IV. Nach dem königlichen Ehegesetz von 1772 +jedoch illegal, da der König die Erlaubnis nicht gegeben hatte. +Die Verbindung überdauerte auch die Eheschließung des Prinzen mit +Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas +in die Brüche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es; +sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet. +Nach zwei Stunden erschien sie, ließ, ohne auszusteigen oder sich +umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die große Begebenheit +war vorüber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich +nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel. + +Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schloß; es wurde eben +durch ein neues Hauptgebäude und einen daran stoßenden Flügel ergänzt +und vergrößert; alles war voll Lärm, Staub und Unordnung, wie es +gewöhnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses wäre überall +ehrwürdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr geräumigen +Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebäuden, verliert es unendlich. +Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, daß das Schloß +von Arundel weit größer und beträchtlicher gewesen sein müsse als jetzt. +Der noch übrige Teil des Gebäudes mit runden Türmen und einem schönen +Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden +Schöpfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert, +unterm Schutze alter Bäume, wären diese heiligen Überreste vergangener +Größe zu dem Schönsten zu rechnen, was England in dieser Art +aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmälern der Vorzeit ist. + +Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthöfen alles in Bewegung und +Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontärs, von denen +wir schon früher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer +ein großes Bankett. Das Gebäude bebte vom Jubel der Helden +bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten +des Regiments eine Musik, welche Tote hätte erwecken können; +die Aufwärter hatten alle Hände voll Bouteillen und Korkzieher; +die Pfropfen knallten, Waldhörner und Trompeten schmetterten, +die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschüttern, +zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen +und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel, +es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir +mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin; +ein sanfter Wind kräuselte kaum dessen vom Monde versilberte Fläche, +die Wellen spielten und flüsterten und blinkten geheimnisvoll +und leise; so kamen wir glücklich nach Brighton. + + + +Brighton + + +Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest, +ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag. +In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerfälligen Namen +Brighthelmstone verloren und heißt viel eleganter und kürzer Brighton. + +Während der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt +des damaligen Prinzen von Wales, späterhin des jetzt schon bei seinen +Vätern ruhenden Königs, Georgs des Vierten [Fußnote: geb. 1762, +1811 Regent, nominell König von 1820-50. Johanna brachte hier +in seinem Todesjahr für die Herausgabe der "Sämtlichen Werke" +ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfünfzig +englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise +in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Nähe der Hauptstadt +den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz +unbedeutende Fischerstädtchen zu erwählen. + +In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal +eine wahre Ebbe und Flut unter den übrigen Brunnengästen. War er abwesend, +so wurde alles öde und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurück. +Wie sehnsüchtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte, +ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode +nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich. +Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend, +daß dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermaßen +zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen +und zu behaupten, die Leute im Orte würden ungewöhnlich alt. Und in der Tat +ist das Klima hier sehr gemäßigt. Ein Amphitheater von leider ganz +kahlen Bergen schützt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt, +trocken und gesund, auf einer mäßigen Anhöhe; Seelüfte mildern +die zu große Hitze im Sommer. + +Die Stadt ist klein. Stattliche Häuser aus der neuesten und unscheinbare +Hütten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander +gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes Äußere. +Man baut hier von Kieseln, die mit Mörtel verbunden sind; +nur die Einfassungen der Fenster und Türen bestehen aus Ziegeln. +Man rühmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus, +besonders da es in England gar nicht gebräuchlich ist, den Häuser +von außen einen Tünch zu geben. + +Ganze Reihen geräumiger, bequemer Häuser für Fremde, alle unter +einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes. +Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer hübschen +Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden +zum Spazierengehen, von einer Seite mit schönen Häusern besetzt, +während man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer +sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Maßstabe. + +Die Promenaden sind von der Natur wenig begünstigt. Nackte Berge +umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich +große Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach, +als daß große Schiffe in der Nähe vorbeisegeln könnten; daher gewährt +es einen ziemlich einförmigen Anblick, den nur Fischerboote etwas +beleben. + +Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen +sich hinziehende hübsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebäuden +bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhäuser +sind fast alle auf dem Steine angelegt. + +Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Fußnote: Royal Pavillon], +liegt ebenfalls am Steine, ein hübsches, mit einer Kolonnade verziertes +Gebäude; da es nicht von bedeutender Größe ist, erscheint es etwas +niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr prächtig gewesen +sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte +Gärten anzulegen, doch kommen Bäume und Sträucher hier auf keine Weise +fort. Eine große pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche +einen Sonnenzeiger trägt, nimmt sich wunderlich aus und spricht +nicht sehr gut für den guten Geschmack der übrigen Verzierungen. + +Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebäude enthält die Bäder. Man findet +dort deren kalte und warme, Schwitzbäder, Schauerbäder, kurz alles, +was je erfunden ward, um die Übel, die unser armes Leben bedrohen, +fortzuspülen. Zu allen diesen Bädern wird Seewasser genommen. +Bademaschinen, wie in anderen Seebädern, um damit sicher und ungesehen +in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich +weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen +im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Plätze, einer für Herren, +der andere für die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden +hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden, +wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr. + +Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton +besteht; sehr unangenehm aber ist es, daß auch die Fischer sich +in diesen glänzenden Kreis drängen, und gerade in der Gegend, +wo man am häufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten +und die Luft verderben. + +Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten. +Ihn umgeben schattige Bäume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden, +obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken würde. Er enthält +auch einen hübschen Salon mit einem Orchester. + +Die Versammlungssäle befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthöfen, +der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird +gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen +darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch können hier +auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben +weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Säle +beider Häuser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und +einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle +artig und zweckmäßig verziert. + +Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege +gelegenen Städtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten, +der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte. +Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen +und Atem zu schöpfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel +der großen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig +an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, öffentliche +Fuhrwerke aller Art rollten unablässig an unserer Wohnung vorüber. +Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten, +denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorüberreisenden. + +Die Landkutschen füllten von innen und außen Weiber und Mädchen, +und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase +über Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zurüstungen +zu künftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur +keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert +als hier nach Brighton, wohin alles zog. + + + + +RÜCKKUNFT NACH LONDON + +Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fußnote: zur Zeit Johannas +zählte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir glücklich +anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer +fühlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte +unterbrochenen Reise. + +Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden. +Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Wänden hier wie überall +heimisch; doch kaum setzt man den Fuß auf die Straße, so ist man +in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und hätte man auch +ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer +Million Menschen, auf einem verhältnismäßig immer kleinen Punkte, +reißt unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt. +Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem großen Strudel +mit herumwirbeln ließen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen +aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken. + + + +London + +Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man +schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte. +Keine der größten Städte Europas, nicht Wien, nicht Berlin, +selbst nicht Paris kündigt sich aus der Ferne so imposant an. Häuser +reihen sich an Häuser, durch fast unbemerkbare Zwischenräume in +verschiedene Flecken, Städtchen und Dörfer abgeteilt, alle scheinen +zu einem Ganzen vereint, alle vergrößern ins Ungeheure die Stadt, +welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhältnismäßiger Breite, +anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr führen von allen Seiten +schöne breite Heerstraßen, welche, auch außer den Städten und Flecken, +mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges +Gewühl von Wagen und Reitern verkündigt dem Fremden schon von ferne, +daß er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich nähere. + +Von Shooter's Hill [Fußnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem +Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage +die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab, +frühstückten in Rochester, und aßen in Schooting-Hill zu Mittag. +Man hat von hier eine prächtige Aussicht auf London und die umliegende +Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten. +Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig +englische Meilen von London entfernten Anhöhe, erblickten wir +zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend +an den Ufern der königlichen, mit Schiffen bedeckten Themse. +Hoch in die Lüfte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben, +weiter zurück den schönen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei, +daneben noch die Türme von weit über hundert anderen Kirchen. +Es war ein schöner, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen +aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände wie durch +einen Flor erblicken. + +Schnell rollten wir hin auf dem prächtigen Wege und glaubten, +wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten. +Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schöne Blackfriars Brücke +führte uns hinüber, und nun erst waren wir in London. Beträubt +von dem Gewühle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit +von der Brücke entlegene York Hotel, wo wir für's erste abstiegen, +um späterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem +Privathause zu wählen. Fast alle Fremden, welche längere Zeit +in London zu verweilen gedenken, tun dies. + +Der Aufenthalt in den Londoner Gasthöfen ist unglaublich teuer, +die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken, +sonder auch wohnen können, ist verhältnismäßig klein zu nennen, +und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet, +als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten +verlangen muß, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten +vorkommt. + +Hingegen findet man mit leichter Mühe in allen Straßen vollkommen +gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Küche und Keller +und allen sonstigen Erfordernissen versehen; größer und kleiner, +elegant und einfach möbliert, wie man es wünscht, sogar ganze Häuser +mit Stallung und allem Zubehör. Man braucht nur durch die Straßen +des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wünscht, überall +erblickt man angeschlagene Zettel an den Häusern, welche Wohnungen +zur Miete ausbieten, so daß bloß die Wahl unter so vielen den Fremden +in Verlegenheit setzen kann. + +Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande, +angesehene Landhändler oder Handwerker, Witwen von beschränktem +Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste, +dem Fremden jede mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen. +Gewöhnlich übernimmt es auch die Haushälterin oder die Frau +vom Hause, für Reinlichkeit der Zimmer und für die Küche zu sorgen, +so daß man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch +in seinen vier Pfählen befindet. + +London in aller seiner Größe, seiner Pracht und seiner Individualität +ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen +fühlen; auch wäre es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgängern +ein sehr überflüssiges. Nur das, was wir während unseres Aufenthaltes +einzeln sahen und aufzeichneten, können wir dem Leser hier geben, +kleinere Züge zu dem großen Gemälde liefern, welches andere +vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch +in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen. + + + +Ein Gang durch die Straßen in London + + +[Fußnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt +vor der Einführung der Gasbeleuchtung um 1807.] + +Man erzählt von einem der unzähligen kleinen vormaligen Souveräne +des weiland Heiligen Römischen Reichs: er habe, da er spät abends +in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren +illuminiert. Wäre er bei Tage durch die volkreichsten Straßen +der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen, +er hätte ebenso leicht meinen können, ein allgemeiner gefährlicher +Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung. + +Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff +machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte +des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fußgänger auf den +an beiden Seiten der Straßen hinlaufenden, etwas erhöhten Trottoirs. +Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris +können hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser +zu Fuß als in London, sobald man sich in die Art und Weise +der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewährt den Fremden, +besonders den reisenden Damen, einen großen Vorteil, um alles zu sehen +und zu bemerken. Wenn man wie in anderen großen Städten immer +in seinem Wagen festgebannt bleiben muß und keinen Schritt +gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Hälfte kennen; auf den +schönen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich +fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz günstig wäre. +In den Hauptstraßen sind diese breit genug, um sechs, acht und +mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen +winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem, +weil die Fußpfade dort auch schmäler sein müssen. Fremde kommen +indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen ähnlichen Stadtviertel, +wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben +und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden. + +Die prächtigen Läden, die Ausstellungen aller Art trifft man +größtenteils in den breiten Straßen, welche gleichsam das Mittel +halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren, +nur genießenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Engländer, +immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen, +erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stoßen und Drängen. +Den Damen und überhaupt den Respektspersonen läßt man immer die Seite +nach den Häusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen. +Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie führende +Londoner, so oft man eine Straße durchkreuzt hat, ihren Arm losläßt +und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald +wird man von dem Nutzen dieser Nationalhöflichkeit überzeugt. +Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen +her durcheinander drängen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht +zu erhalten als auf den Fußpfaden. So breit die Fahrwege auch +im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung, +die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen, +der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick +gewährt; nur muß man dem Lärmen gelassen aus dem Fenster zusehen können. + +Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen +Plätzen bereit, und dennoch ist's oft unmöglich, einen zu finden, +wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fürchten vielleicht +den Regen nicht so sehr als die Londoner; naß werden ist ihnen +eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen, +eilt alles, was keinen Regenschirm führt, sich in einer Kutsche +zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet +selbst jene große Anzahl noch bei weitem nicht zulänglich. + +Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anständig aus und würden +in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren; +nur das Stroh, womit der Fußboden belegt ist, macht sie unangenehm. +Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt, +daß sie täglich über zwölf Stunden auf dem Pflaster bleiben. +Auch werden sie möglichst gut verpflegt; sowie sie einen +ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher +einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer +um, aus welchem sie sich gütlich tun. Die Polizei hält strenge +Aufsicht über die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher, +der sich beigehen ließe, die festgesetzten, sehr billigen Preise +zu überschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen +die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder vorübergehende, +der Sache kundige Engländer wird dann sein Richter und hält streng +auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht +kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, wäre man auch ganz +allein, und trüge man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich; +wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer +des Wagens so bemerkt, daß es der Kutscher gewahr wird. + +Von der Pracht der Läden und Magazine ist schon vielleicht +zum Überfluß viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden +mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben. +Die kostbaren glänzenden Ausstellungen der Silberarbeiten, +die schönen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche +mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter großen +Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer +der Glasmagazine, alles blendet und reizt. + +Aber auch viel geringere Gegenstände werden auf eine dem Auge +gefällige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengießer +zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern +aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren +ihre Läden mit großen gläsernen Vasen, angefüllt mit Spiritus +oder Wassern in allen möglichen schönen und glänzenden Farben; +dazwischen prangen große künstliche Blumensträuße. Abends, +wenn hinter allen diesen farbigen Gläsern Lampen brennen, +schimmern diese Läden wie Aladins Zaubergrotte. + +Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen großen +Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der +königlichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in +zierlichen Körben, mit Blumen und Orangerien geschmückt, prangen. Die +Kuchenläden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige +kleine Törtchen, heiß von der Pfanne weg, zum Frühstück einzunehmen, +präsentieren sich auch recht hübsch. Alles, was Kuchenbäcker und +Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiß +behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Liköre, Dragées von +allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns +wieder die Kupferstichläden, in welchen täglich neue Gegenstände +dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, öfter Erguß satirischer Laune +oder Porträts berühmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer +umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmöglich, +vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust +festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhändler gewähren ebenfalls +täglich neuen Genuß. Bald sind es Neuigkeiten, bald schöne +Prachtausgaben älterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke, +sogenannte Stationers, die mit allen möglichen, zum Schreiben und +Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen täglich tausend neue Dinge, +uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche, +Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Läden +Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmäßigsten Mappe an +bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern +Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge +blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schönen Arbeiten dem +Publikum vor's Auge; gewöhnlich sind's sehr ähnliche Porträts bekannter +Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein +eigenen wertes Ich so täuschen vervielfacht zu sehen. + +Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhält, welche +an den Häusern mit vollkommen schön gezogenen goldenen Buchstaben +glänzen. Welche Mengen Bedürfnisse, die der genügsame Deutsche +kaum kennt! Besonders fällt es auf, daß die königliche Familie +so viele Kaufleute und Handwerker beschäftigt. Aber jeder derselben, +bei dem einmal zufällig für ein Mitglied des königlichen Hauses +gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal +so glücklich war, für einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht, +sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu rühmen und die Gunst +des Augenblicks für dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name +eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses +am Strand mit dem prächtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty, +the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestät der Königin. Gewiß ein Titel, +der noch auf keiner Hofliste gefunden ward! + +Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewühl +der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles +auf bequemes, ruhiges Genießen; kein rauschender Erwerb, +kein Gedränge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint +einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen. + +Die Magazine und Läden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus +verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schöner, moderner, +eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel +seine Waren im Laden, hübsch aufgeputzt, und nimmt in seiner +an denselben stoßenden, reinlich möblierten Stube das Maß, +wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes, +mit Diwan, köstlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmücktes +Boudoir zu diesem Zweck geführt, und schwerlich würde der Artist +einen Fuß berühren, der nicht aus einer Equipage gestiegen wäre. +Dafür kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem +Maßstabe geht alles. + +Nichts ist schöner als die großen Plätze in diesem Teile von London; +zwar umgeben sie keine Paläste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige, +aber schöne große Häuser, alles solid und prächtig. Dazu die +hübschen Boskette in der Mitte der Plätze, zu welchen jeder Bewohner +der umliegenden Häuser für eine Guinee einen Schlüssel haben kann. + +Glänzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren +und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedränge, ohne Lärm +Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk +kennen zu lernen, kehrt bald gern zurück aus diesem vornehmen +Quartiere, wo es wie überall in der großen Welt zugeht, +und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen +Stadt London auf. + + + +Bettler + + +Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straßen wenig gewahr, +dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltätigkeit +anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein, +dem anderen ein Arm; aufeinander gestützt schwankten sie durch +die Straßen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden, +klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte +ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede +und belohnte es gern mit einigen Pence. + +An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Straße zu gelangen, +die Trottoirs verlassen und über den Fahrweg gehen muß, +stehen immer Leute, die geschäftig einen reinlichen Fußpfad kehren, +der freilich alle Augenblicke durch darüber rollende Wagen wieder +zerstört wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage: +ob man nicht einige einzelne Pfennige führe? Und auch ohne diese +gibt man ihnen gern. + +An wenigen betretenen Plätzen, besonders im ruhigen Teile +der Stadt, sieht man oft Männer, die mit Kreide auf den breiten +Quadersteinen der Trottoirs wunderschöne kolossale Buchstaben +malen, Namen, Sentenzen, Sprüche aus der Bibel. Der Vorübergehende +steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert +mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute, +die eine so schöne Hand schreiben, so tief in Armut versinken können. +Auf dem festen Lande müßte jeder dieser Bettler als Schreibmeister +oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmöglich, +etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift. + +Besonders merkwürdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir +täglich in den volkreichsten Straßen der City begegneten. +Man hielt sie allgemein für eine durch verschuldete oder unverschuldete +Unglücksfälle so tief gesunkene Schwester der berühmten Schauspielerin +Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser +in ihren Zügen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick +und Miene, nur älter, blaß und wie versteinert durch lange Gewohnheit +des Unglücks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Härte gegen +ihre unglückliche Schwester, denn alle, welche diese Frau +für solche ausgaben, fügten hinzu: sie nähme nichts von ihr an +und wolle nun einmal bloß von fremdem Mitleid ihr Leben fristen. +Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer +einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging, +daß man nicht dessen Züge hätte bemerken können; ein grünwollenes Kleid, +eine schneeweiße große Schürze und ein ebensolches Halstuch. +Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestützt auf zwei Krücken, +langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr +mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit +eines großen, ungekannten Unglücks. Sie forderte nicht, sie bat nicht, +aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten, +jeder fühlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war, +als müsse man ihr danken, daß sie die gebotenen Gabe nur nahm. +Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Königin nahm sie +das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst +hat sich diese auffallende, große Gestalt, diesen weiblichen Belisar, +möchten wir sagen, oft zum Vorbild gewählt. In allen Kupferstichmagazinen, +bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend ähnliches Bild, +denn diese Züge drückten sich leicht der Phantasie ein. + + + +Wohnungen in London + + +Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London. +Da der Eigentümer eines Hauses sich hier großer Vorzüge im bürgerlichen +Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus +entsteht dann, daß London fast aus lauter kleinen Häusern zusammengesetzt +ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch für sich allein +wohnen; dies verengt den Platz ungemein. + +In Paris, möchte man sagen, schweben vier Städte übereinander; +in London macht jeder Anspruch auf sein Plätzchen auf Gottes Erdboden, +und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln +sehr beschränkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich +bei der Kleinheit der Häuser wenig Bequemlichkeit darbieten. +An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewöhnlichen bürgerlichen Häusern +nicht zu denken; selten, daß man zwei aneinanderstoßende findet, +selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthält +gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach +dem oft engen Hofraum zu. Überall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer. +Die Küchen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht, +die Türen alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustüren als +die in den Zimmern. Jene sehen bei größeren Gebäuden oft nur wie +eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Flügeltüren. +Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwände zwischen denselben +dagegen sehr breit. Die schönen Teppiche aber, die selbst +bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fußböden der Zimmer, +sondern auch Treppen und Vorplätze von der Haustüre an bedecken, +die zierlichen Möbel, das schöne Mahagoniholz mit seinem bescheidenen +Glanze, die Reinlichkeit überall, geben diesen kleinen Wohnungen +einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und +ist es auch. + +Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen +geschmückt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer; +schöne Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fußnote: Josiah Wedgwood +(1730-95); Schöpfer der englischen Tonwarenindustrie. Berühme +Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims; +der stählerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel +und alles Metallgerät glänzen hell poliert; Kupferstiche schmücken +die Wände, schöne Vorhänge die Fenster. Nichts in der Welt ist +gemütlicher, als ein englisches Wohnzimmer. + +Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen. +Die englischen Bettstellen sind alle sehr groß. Drei Personen +fänden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein +zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstände das Bett +miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes +eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmädchen mit sich +zu Bette, denn die Engländerinnen fürchten sich nachts allein +in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran +gewöhnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten +von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch, +doch sind Matratzen gewöhnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie +Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut. + + + +Lebensweise + + +Der größte, fleißigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker +und Ladenhändler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet), +führt im Ganzen ein trauriges Leben. Die großen Abgaben, die Teuerung +aller Bedürfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus +in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind, +zwingt sie zu einer großen Frugalität, die in anderen Ländern +fast Ärmlichkeit heißen würde. + +Ewig in den Laden und an die daran stoßende, oft ziemlich dunkle +Hinterstube gebannt, müssen sie fast jedem Vergnügen entsagen. +Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum +daß die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse +zweimal im Jahre hinkommt. + +In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns, +sie hätten seit zehn Jahren keine anderen Bäume als die von +St. James Park gesehen. Die Woche über dürfen sie von morgens +neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen; +dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt +dann in dem oben erwähnten Hinterzimmer und führt die Rechnungen. +Sonntags sind freilich alle Läden geschlossen, aber die Theater auch, +und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen, +auszugehen, so muß die Frau vom Hause es hüten. + +Der größere, wirkliche Kaufmann führt ein nicht viel tröstlicheres +Leben. Auch er muß in gesellschaftlichen und öffentlichen Vergnügungen +weit hinter den reichen Kaufmannshäusern von Hamburg oder Leipzig +zurückstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart. +Die Frauen lieben mehr häusliche Zurückgezogenheit, sie sind +an das rauschende Leben, an die vielen großen Zirkel nicht gewöhnt. +Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichförmigkeit in ihrem Hause +nicht derangieren. Die Männer hingegen suchen nach vollbrachten Geschäften +die Freude gern auswärts, in Kaffeehäusern und Tavernen. + +Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den größten Teil +des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr +zierlichen, größeren und kleineren Landhäusern, die sie Cottages, +Hütten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen. +Hier genießen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft +und erfreuen sich ganz gelassen und anständig, vielleicht etwas +langweilig, des Lebens; während das Haupt der Familie den Tag in London +auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden +auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt. + +Von der Lebensweise der Großen und Vornehmen läßt sich nichts sagen: +diese gehören in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich überall +gleich, in Rußland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland. +Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel, +auf's höchste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie +Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen +so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht. +Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich +die Gelegenheit dazu künftig darbietet, im Vorübergehen das vielleicht +Nötige erwähnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin, +die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muß +man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande +ist sie noch zu finden. + + + +Ein Tag in London + + +Wer spät zu Bette geht, steht spät auf, das ist in der Regel; +daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer +als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird. +Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anständig gekleidet, +versammelt sich dann die Familie in dem zum Frühstück bestimmten +Zimmer, die Herren in Stiefeln und Überröcken, die Damen +unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiß verhüllt bis ans Kinn, +mit zierlichen Häubchen. Das Negligé ist der Triumph der Engländerinnen; +mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die höchste Eleganz; +der volle Anzug hingegen fällt of steif und überladen aus. + +Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches +Familienfrühstück, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus +für die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlängert +sie gern. Auf dem hellpolierten, stählernen Roste lodert die stille +Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter +feucht ist. Das elegante Teegeräte steht in zierlicher Ordnung +auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene, +in Wasser schwimmende Butter, das weißeste Brot von der Welt, +Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte, +Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heiße Rollen, +eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts, +Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen, +langsam am Feuer rösten, dürfen nie fehlen; letztere stehen +in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel +braust und siedet gesellig daneben. + +Mit allem diesem wäre aber dennoch das Frühstück ohne die neuesten +Zeitungsblätter sehr unvollständig, sie sind ein Hauptstück dabei. +Ein selten vermißtes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife, +ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt; +dies schmutzige Vergnügen wird der letzten Klasse des Volks überlassen; +höchst ergötzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann +oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen +vier Pfählen daran. + +Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umständlicher, +aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfältig +mit heißem Wasser ausgewärmt, der Tee abgemessen, das heiße Wasser +nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe +den gehörigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee +nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit +einer feierlichen Ruhe, welche die Engländer gern ihren Mahlzeiten +geben: denn sie mögen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen, +außer den des gegenwärtigen Genusses. Nur die Zeitungsblätter +machen beim Frühstück hiervon eine Ausnahme, und die Herren und +Damen beschäftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische +Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und +Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten, +frohe und traurige, erbauliche und skandalöse, wahre, halbwahre +und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen. +Daß bei solchen Fällen das Gespräch seltener stockt, als sonst +wohl geschieht, ist natürlich. + +Nach dem Frühstück begeben sich die Männer an ihr Geschäft, +ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel möglich +wird den Vormittag über alle Arbeit abgetan, und trotz des späten +Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fünf bis sechs Uhr +zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht +gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt. + +Viele Herren besuchen bald nach dem Frühstück ihr gewohntes Kaffeehaus, +wo sie einen großen Teil ihrer Geschäfte abtun, eine Menge Briefe +aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer; +dorthin verlegen sie auch gewöhnlich ihre Zusammenkünfte +mit Freunde, um über wichtige Dinge sich mündlich zu besprechen +und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt +auf ihrem erhöhten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt +es mit pünktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persönlich +kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur nämlichen Stunde +einzustellen. + +Diese Gewohnheit, sich täglich an einem bestimmten Orte finden +zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von großem Nutzen; +eine Menge unnützer Gänge und viel sonst verlorene Zeit +werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der häusliche Friede +dabei, denn nächst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs +liegt einer Engländerin nichts so sehr am Herzen, als die +ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fußteppiche, und wie sehr +ist für alles dies dadurch gesorgt, daß so manches außer +dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung +oder doch wenigstens Unruhe erregen müßte! + +Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschäft. Sie greifen zu +den Morgenhüten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostüm, +und selbst im Wagen würde es auffallend erscheinen, wenn sich +eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen. +Wäre sie auch in siebenfache Schleier gehüllt, alles würde +sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends +wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuß über die Straße +zu gehen, sie wäre ganz verloren; unbarmherzig würde sie der Pöbel +verfolgen, als hätte sie die größte Unanständigkeit begangen. + +Wohlversehen also mit großen Hüten, mit Halstüchern, Shawls, +wandern wir nun aus, denn die Mode will, daß man sich in den heißen +Stunden des Tages am sorgfältigsten verhüllt. Visiten haben wir +nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten +ist klein, man schränkt sich zum näheren Umgange auf wenige Häuser +ein, wie in allen großen Städten. Das Visitenwesen wird in London +überdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch +haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie überall, +unerläßlich; nur werden sie später als bei uns angenommen. + +Wir finden die Dame in dem glänzenden Schlafzimmer. Vor allem +prunkt das große Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen +und feiner Näharbeit verziert, mit grüner Seide gefütterte Draperie +vom thronartigen Baldachin herab, so daß man die schönen Säulen +von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt. +Das Negligé der Dame ist über und über mit den teuersten Spitzen +geschmückt und bekräuselt; alles ist fein und erlesen, alles +zeigt Reichtum. + +Den Hauptgegenstand des Gesprächs gewährt die auf einem Seitentisch +ausgestellte Garderobe des neuen Ankömmlings. Er selbst ist +nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme, +denn das Selbststillen der vornehmeren Mütter ist in England +nicht so allgemein wie in Deutschland. + +Es gibt hier bedeutende Läden, wo nichts anderes verkauft wird +als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren +dieser Läden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch +aufgehäuft. Selbst ein großes Nadelkissen in der Mitte ist nicht +zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Größen +künstliche Muster steckt, die einer schönen, reichen Silberstickerei +gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht, +denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergänglich, sie dienen +nur zum Prunke. + +Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir +weiter a Shopping, dies heißt: wir kehren in zwanzig Läden ein, +lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt, +kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon, +ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute +sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert +werden; keinem fällt es ein, nur eine verdrießliche Miene darüber +zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich +aus dem Wagen zu bemühen, lassen sie sich den halben Laden +in die Kutsche bringen, zur großen Beschwerde der Kaufleute sowohl +als der Vorübergehenden auf dem Trottoir. Man erzählt, daß ein Trupp +Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage +den Weg versperrte, ohne Umstände einer nach dem anderen +hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame höflich +guten Morgen boten. + +Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von +Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir +es endlich müde sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen. + +Die Promenade im St. James Park könnte auch eine Abwechslung gewähren; +doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist. +Zwar fehlt es nie an Spaziergängern darin, aber nur bei sehr seltenen +Gelegenheiten findet man sie so bevölkert, wie es die Terrassen +der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der müßigen Männer +weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen +nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen +sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor. + +Die Kuchenläden, deren wir früher gedachten, liegen, gleich anderen, +frei und offen unten an der Straße; daher können Damen recht +anständig allein dort einkehren. Nur in dem berühmtesten aller +Etablissements, bei Mr. Birch, in der Nähe der Börse, geht dies +wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne männliche Begleitung +blicken lassen. + +Das nicht sehr geräumige Frühstückszimmer befindet sich hinten +im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts +wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne +draußen noch so hell schiene; die übrige Einrichtung des Zimmers +ist anständig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man +Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewöhnlich schweigend +ihre Schildkrötensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen +verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet; +aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein, +und nun vollends die Schildkrötensuppe, darüber geht nichts. +Nirgends weiß man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner. +Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen +das von Madeirawein und Cayennepfeffer glühende, uns Zunge und Gaumen +verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor +als die Suppe selbst. + +Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen +bloß mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit +ein Vermögen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen, +und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege, +es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig +und wie überall ein für allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt, +ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt +eine ungeheure Einnahme. + +Gegen fünf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die nötige Toilette +vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen, +aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubrächten, +so wäre es doch höchst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhört, +im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Männer ziehen den Börsen-Rock +aus und mit ihm alle Gedanken an Geschäfte, um in einem eleganteren +Anzuge zu erscheinen. + +Schön und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben +zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen +nicht sowohl die große Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier +von allen geselligen Zusammenkünften durchaus unzertrennliche Etikette, +welche einen solchen Tag für die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau +zu einer schweren Last macht. Daher werden gewöhnlich solche Dinners +nur durch äußere Anlässe herbeigeführt, wie etwa die Gegenwart +von Fremden, denen man die Ehre antun zu müssen glaubt. Sonst +führt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als daß +er ihn bei sich aufnimmt, dort tête a tête, oder in einem größeren, +doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik +und lustigen Gesprächen gütlich. Zu Hause ängstigt sie die Gegenwart +der Frauen, denen man zwar die größte Hochachtung im Äußeren +aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb +gern so viel möglich aus dem Wege geht. + +Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir +die Gesellschaft versammelt; es faßt höchstens zwölf bis vierzehn +Personen. Nach den herkömmlichen Begrüßungsformeln nehmen die Damen +zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstühlen Platz, die Herren +wärmen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise. +Schläfrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben +und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer +ertönt. Dies liegt oft eine Treppe höher oder niedriger als +das Besuchszimmer, weil, wie wir schon früher bemerkten, die Wohnungen, +selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geräumig und bequem sind. + +Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Gläser. Servietten +gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Engländer so viel +reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit +fand man sie nur in Häusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten. +Das Tischtuch hing damals und hängt auch noch wohl jetzt, wenn man +en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann +nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns +die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen +Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenüber unten am Tisch, +die Gäste nehmen auf gewöhnlichen Stühlen zu beiden Seiten Platz, +so viel möglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen +vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche +zum ersten Gange gehören, stehen auf der Tafel. + +Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer; +wir gehören nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch, +vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser +halb gar gekochten Gemüse, den Hasen und Rebhühnern, die, wie alle +anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloß in ihrer eigenen +Brühe zubereitet werden. + +Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewürzte, +übrigens ziemlich dünne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen +namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens +von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gäste +ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine große Verlegenheit +für den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache +sonst ziemlich mächtig ist, dennoch unmöglich alle diese technischen +Ausdrücke wissen kann. Er muß Rede und Antwort von jeder Schüssel +geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Brühe oder +ohne Brühe, welchen Teil vom Geflügel, vom Fisch, ob er es gern +stärker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft +die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done, +wörtlich übersetzt heißt das: viel getan oder wenig getan. + +Diese Fragen ertönen von allen Seiten des Tisches zugleich, +denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause +im Vorlegen der Schüsseln. Alle werden nach der Suppe zugleich +serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen +aus einem großen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder +dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich wäre, +so aber dem Fremden fast ungenießbar bleibt, aus Puddingen, +Gemüsen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Geflügel, +ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Brühe gedämpft, +geröstet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht +daran gespart. Hat man über eine solche Schüssel einen dünnen, +trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel +einer Pastete. + +Die halbrohen Gemüse müssen ganz grün und frisch aussehen, +erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben +geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit, +sie sind vortrefflich, bloß in Wasserdampf gekocht. Die Puddings +aller Art wären auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur +aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts, +der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst, +in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen. +Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemüse, +Mais, unreife Walnüsse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem +Essig und vielem Gewürze eingemacht, sind vortrefflich. + +Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen, +die hier im Großen fabriziert und verkauft werden, treibt London +einen großen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Öl +und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gäste da, +sowie auch immer für zwei Personen ein Salzfaß. + +Der Salat wird von der Dame vom Hause über Tische mit vieler +Umständlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht +aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blätter schmal, +aber wohl eine halbe Elle lang sind; außer England sahen wir +sie nirgends, dafür aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt. +Unermüdet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gästen an; +dafür müssen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und +versichern, sie hätten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder +Hammelfleisch gesehen, und es wäre auch alles ganz vortrefflich +zubereitet. + +Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen, +noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen +wir betäubt und ängstlich von alledem wunderlichen Wesen; +plötzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet +eine Dame, und aus Höflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis, +ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen, +ob sie weißen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe? +Denn die französischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst +zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme +wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Gläser Wein von der bestimmten +Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend, +sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre +gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Gläser +aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile tönt dieselbe +Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie +wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame +und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat. +Keine kleine Aufgabe für die, welche des starken Weins ungewohnt sind. +Abschlagen darf man es niemandem, das wäre beleidigend; +obendrein muß man noch mit dem ersten Glase den Wunsch für +die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens +durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand +der anderen Gäste uns diese Ehre erzeigt. Es wäre die höchste +Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte, +sie muß warten, wäre sie auch noch so durstig, doch bleibt +die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren müssen sich +zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber +die Erlaubnis, sich mit anzuschließen, wenn er vorher geziemend +darum anhält. + +So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken, +mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt, +vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespräch kann aufkommen, +es wird sogar für unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht, +eines aufzubringen; der Herr des Hauses fährt gleich mit +der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen, +nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin +nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden können +sich nicht genug vor zu großer Lebhaftigkeit des Gesprächs hüten; +es gehört hier gar nicht viel dazu, um für ungeheuer dreist, +monstrous bold, zu gelten. + +Ist der erste beschwerliche Akt des Essens überstanden, so wird +der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfältig vom Tischtuch abgekehrt, +und es erscheinen verschiedene Arten von Käse, Butter, Radieschen +und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloß mit Salz +zum Käse gegessen. + +Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz. +Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schön geschliffenes Kristallbecken +voll Wasser zum Spülen der Zähne und zum Händewaschen und eine +kleine Serviette; man verfährt damit, als wäre man für sich allein +zu Hause. Die ganze so beschäftigte Gesellschaft erinnerte uns oft +an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontänen +sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, große Zierlichkeit +im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen; +die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke. + +Nach dieser Reinigungszeremonie ändert sich die ganze Dekoration. +Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und +der schöne, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glänzt uns entgegen. +Jetzt werden Flaschen und Gläser vor den Herrn des Hauses hingestellt, +das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhält ein kleines Couvert +zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewürfeltes oder ganz rotes, +viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht +entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst +wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte +vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht, +sauer und halbreif. Haselnüsse, die Lieblingsfrucht der Engländer, +welche sie Jahr für Jahr knacken, fehlen nie dabei, süße Konfitüren +und Bonbons sind wenig im Gebrauch. + +Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder +schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat, +viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben, +und bei jedem Toast muß das Eingeschenkte ausgetrunken werden. +Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloß +ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus, +er läßt seine Freunde leben, die sich denn wieder durch +ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren; +die königliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen. +Einige der Gäste geben Sentiments zum besten, das heißt, kurze Sätze, +die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win +a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen, +und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden +beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt. + +Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen, +die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hört. +Bald nachdem man dem König die gebührende Ehre erzeigt hat, +erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer +kleinen Verbeugung gibt sie den übrigen Damen das Signal, +alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Führerin +zur Tür hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tête à tête allein essen, +geht Madame fort und läßt den Eheherrn allein hinter der Flasche. +Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt. + +Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter +um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich +allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spaß, den sie +während unserer Gegenwart mühsam zurückhalten mußten. Ihr lautes +Sprechen und Lachen verkündet dem ganzen Hause, daß ihnen +gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns? +Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gähnen mit +geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns +einigermaßen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft +wäre auch unerhört, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald +durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier +und sind allesamt des Lebens herzlich müde. Wie gern schliefen +wir ein! Aber das schickt sich nicht. + +Endlich ist eine Stunde so jämmerlich hingeschlichen. Wir haben +vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so +gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener +hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefällt, +und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend +wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer +dadurch ein Ende, daß sie die Herren zum Tee bitten läßt. + +Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks +sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann +oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zögern, sie kommen doch, +die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre +sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten +keinen gesehen. + +Die Dame macht jetzt den Tee sehr umständlich. Die Fragen, +wie man ihn findet, wie man ihn wünscht, ob süß, ob mit viel Milch +oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Häusern +wird er draußen serviert und vom Bedienten herumgereicht; +doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies +lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so +ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter, +dünner Kaffee geboten. + +Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen +die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen, +die Damen sind müde und sprechen überhaupt wenig, es wird selten +ein munteres, erfreuliches Gespräch daraus. Nach dem Tee fährt man +nach Hause, denn für's Theater ist's zu spät, oder man bleibt +zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist. + +Whist ist das einzige übliche Spiel in Gesellschaft; +von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, daß man +nur Partie Simple oder Double zählt, kein Tripel oder Quadrupel. +Auf diese Weise kann man höchstens sieben Points in einem Tobber +verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger. +Die Karten sind sehr teuer und groß, aber ungeschickt. Dies ist wohl +das einzige Fabrikat, in welchem die Engländer anderen Nationen +nachstehen. Kartengeld ist nicht gebräuchlich, ebensowenig Trinkgeld +an die Bedienten. + +Daß die Engländer sehr gut, sehr ernst und schweigend dies +ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, daß keineswegs +die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat, +wie hoch seine Gäste spielen sollen. Dieser Taxe muß man sich +ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will. +Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere, +die vernünftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten, +daß er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er +zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten. + +Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen +von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell +abgetan. Froh, das Vergnügen des Tages überstanden zu haben, +fährt man spät nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen +wimmelnden Straßen nach Hause. Alle Läden sind noch offen +und erleuchtet, die Straßenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne +wieder scheint. + +Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkünfte, welche die erste Klasse +des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren, +aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat. +Sie heißen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland. +Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee +einer auf Unterzeichnung gegründeten Zusammenkunft an einem +öffentlichen Orte. + +Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein. +Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt, +und zwar ungefähr dreimal so vielen Personen, als das Lokal +gemächlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, daß man zu +einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewöhnlichen +haben muß, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer +Zimmer enthält. + +Um zehn Uhr, oft noch viel später, fängt man an, sich zu versammeln, +drängt sich durch, um die Wirtin zu begrüßen, die gewöhnlich unfern +der ersten Tür im Zimmer Posto gefaßt hat, und nimmt dann Platz +an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedrängt +den ganzen Raum erfüllen. Tee und andere Erfrischungen werden +herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen können. Wird es +zuletzt so voll, daß niemand mehr atmen kann, daß vor allgemeinem +Geräusch kein Wort mehr zu verstehen ist, daß es an Stühlen und +Raum fehlt, welche zu stellen, ja, daß die zuletzt Kommenden +auf Treppen und Vorplätzen stehen bleiben müssen, so hat das Vergnügen +seinen Höhepunkt erreicht. + +Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknäuel +langsam, wie er anschwoll. Man fährt nach Hause und hat einen +deliziösen Abend im großen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause +zieht sich in ihr Zimmer zurück, zwar betäubt vom Lärm, +wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und +allen Begrüßungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewußtsein, +die höchste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben. + + + +Sonntag + + +Welch ein Tag für die arbeitende Klasse auf dem festen Lande! +Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt, +wo sie nach sechs mühevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich +gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen +schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule, +dann können sie frei und frank herumlaufen und spielen nach +Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten öffnet sich +ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke. + +Von den Vornehmen in den Städten haben freilich viele alle Tage +Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist für alle Stände der Tag +des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude, +geselligen Vergnügens und vor allem Familienzusammenkünften geweiht. +Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint, +mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und wäre es nur die, +einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche +alle Abende bei der Arbeit war. + +Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpönt, +an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Läden, +alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie, +mit der man hier für die Heilighaltung des Sabbats wacht, übertrifft +noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen, +aber das Vergnügen erlauben. + +Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit +fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschänder und schreckliche +Sünder abgekanzelt und in allen öffentlichen Blättern mit Schmähreden +überhäuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben, +und weil es bisweilen vorkam, daß die Gesellschaften, welche sie +sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz +und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten, +ehe er noch recht erschienen war. + +"Ist's wirklich wahr, daß man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?" +hörten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags, +wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!" +seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu, +"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt", +und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen +doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um +viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurück. "God bless us all", +Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags +(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute +nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich +über den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber +zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und +hatte die schrecklichste Langeweile, während die Herren bei der Flasche +wie angemauert blieben. + +Der echte Engländer teilt den Tag zwischen öffentlichem Gottesdienst, +häuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit, +welche ihr die Andacht übrig läßt, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu +und läßt den lieben Nächsten eine etwas scharfe Revue passieren, +denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar übel daran, +seit man eigene Schulen für die Sonntagabende errichtet hat, +in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag über +zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose +Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten müssen. + +Aber wie noch erbärmlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden! +Sie öffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein +und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch, +da kommt ein Besuch, sieht, daß Sie einer weltlichen Lektüre sich +überließen, und hält Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede. +Ärgerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken, +ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Pöbel vor dem Hause, +mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu, +welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrückt, +als kurz vorher. Beschäftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer, +so äußern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu, +wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie +mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen, +so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim nächsten Friedensrichter +zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht. + +Was fängt man aber mit dem Tage an, der zweiundfünfzigmal im Jahre +wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter +es erlauben, und achtet's nicht, daß die Wegegelder am Sabbat doppelt +erlegt werden müssen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter, +faßt man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht. + + + + +ÖFFENTLICHE VERGNÜGUNGEN + + + +Theater + + +Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen, +welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebärde. +Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer +zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und +untrügliche Kennzeichen. + +Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und +angeeignete Unterschied der Nationen großen Einfluß. Kein Niederländer +malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle müssen +ihrer Nationalität treu bleiben. Die Gestalten, die Gebärden, +der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen, +prägen sich uns mit unauslöschlichen Zügen ein. Wir können nur +wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen +liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern, +die man für ihre Stifter erkennt. + +Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalität noch deutlicher +hervor, und wäre es möglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne +daß man ein Wort davon hörte, so müßte doch der kundige Beobachter +gleich entscheiden können, ob er ein englisches, französisches oder +deutsches Theater vor sich sähe. Alle drei können in ihrer Art +vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden mißfallen. +Denn dieser, mit der Individualität der Nationen noch nicht bekannt +genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Maßstabe +messen. Nur nach und nach wird er entdecken, daß das, was ihm zuerst +widerwärtig, unnatürlich, übertrieben erschien, dennoch treu, wahr +und bewundernswürdig ist. + +Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes, +abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen +keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Künstler wir auch +aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, begünstigt durch +ein Zusammentreffen vieler seltener, außerordentlicher Umstände, +war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch +zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzüglichsten +Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils +zum Ganzen, der Vollkommenheit näherten. + +Daß der deutsche Schauspieler allen alles sein muß, ist ein Unglück; +dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden für das +seiner Persönlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London +ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine +Individualität ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger +genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu +gehört, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen. +Kein vollendeter Künstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung +und Studium gehören dazu, um das große Talent auszubilden; +oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt. +In Frankreich und England erkennt man dies und läßt sich lieber +willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung täuschen, als daß man +den höchsten Genuß, den die Kunst gewähren kann, verschmähte, +weil der Künstler einige Jahre zuviel zählt. + +Der vorzügliche deutsche Schauspieler ist in Gebärde, Ton, +Deklamation und Stellung bei weitem der gemäßigste, weil Maßhalten +und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen +unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns +übertrieben erscheinen. Ebenso wird der westfälische Bauer gewiß +glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen, +wenn jener ihm bloß nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet. + +Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes +ein vollendetes Kunstwerk, so hat die französische Tragödie +vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort. +Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Verstoß +gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des +sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt, +binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide dürfen sich nur +in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise mühevoll +hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt +Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Frösteln, +das wir ungern Langeweile nennen möchten, bemächtigt sich unser. +Die Stellungen der berühmtesten Schauspieler, schön und kunstreich, +wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren, +die wir auch auf den französischen Gemälden finden, und von denen +es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien. +Der Geist der Tragödie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher +alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer über Sterbliche +verhängen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall, +widerstrebt der höheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation. +Alles wird bloß durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hörte man +einen auf das kunstreichste gebildeten Sänger, dem aber die Natur +eine sonore Stimme versagte. In der höheren Komödie hingegen +steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben, +Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen, +welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet. + +Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte. +Keine Regel beschränkt den Dichter, keine den Schauspieler. +Ungebunden überlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht +dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene, +Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle möglichen Motive. +Wie schwer es sei, von dieser unbeschränkten Gewalt den rechten Gebrauch +zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragödien; nur Shakespeares +Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da, +das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und drängt sich +unermüdet zu seinen Meisterwerken. + +Die englische Komödie gibt ein treues, oft etwas überladenes Bild +des häuslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden, +der Lächerlichkeiten, die man in den verschiedenen Ständen trifft. +Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren, +besonders ihrer Dialekte, erhöhen das Komische derselben und +werden mit vieler Treue dargestellt. + +Charakter-Komödien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen, +in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste +Detail herausgehoben wird, kennt der Engländer nicht. Dafür wimmeln +alle Stücke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen, +die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die stärksten +Züge ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft überall +im geselligen Leben die Urbilder dazu an. + +Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir +uns auch zuweilen in Deutschland ergötzen, ist dieses schon der Fall; +Ähnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so +mit fremden Zügen überladen, als man im Auslande wohl glaubt. + +So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Männern +und Frauen gemischt sind, auf Dezenz hält, so nachsichtig ist man +in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben +jedes nur von fern ihr Zartgefühl beleidigende Wort empört, +sehen Szenen an, von denen jede Französin sich zürnend wegwenden würde +und die gewiß das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen +aufnähme. + +Der englische Tragiker spielt natürlicher als der französische, +feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und überschreitet +oft die Grenze des Schönen. Der wütendste Ausdruck des Leidens, +selbst der laute Schrei körperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen +des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird +dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die höchste Kunst +zu sehen glaubt und mit gesträubtem Haare dann am lautesten in +Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert. + +Die Größte des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, überlaut +zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose +will für seine Sixpence so gut alles hören und vernehmen als die +vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach +die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler +macht. Dieser muß daher mit der äußersten Anstrengung jedes Wort, +jede Silbe abstoßend betonen. Bei den mittelmäßigen Künstlern +bringt dies eine sehr unangenehme, oft lächerliche Wirkung hervor; +nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Mühe diese Schwierigkeit +zu bekämpfen. + +Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor, +welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalität Bezug haben, +und von denen sie voraus wissen, daß das Publikum sie jedes Mal beklatscht. +Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden +während einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit +tritt später wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler +seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlängliche Pause +für den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen, +so daß das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum +das Akkompagnement liefert. + +Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton, +ohne große Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes +Pathetisches, das sich nicht beschreiben läßt; bei etwas Aufmerksamkeit +aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft +gehobenen Gespräch. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie; +jede Sprache hat die ihrige. + +Im Komischen, besonders im Possenspiel, übertreffen die Engländer +vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst +dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergötzlicher. +Die Späße sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit +und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige +Schauspieler, zum Beispiel Munden [Fußnote: Joseph, beliebter +Komiker, von der zeitgenössischen Kritik jedoch als Grimassenschneider +einschränkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus +erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten +Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen +für unanständig hält und dem Gebildeten höchstens nur ein Lächeln +erlaubt. Hier siegt die Natur, unterstützt von der Kunst, und Regel +und Zwang sind vergessen. + +Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar, +und der Engländer findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatürlich. +Das Volk liebt überhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen +als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an +guten Sängern und Sängerinnen, um sie für ein englisches Ohr +ganz angenehm aufzuführen. + + + +Das englische Publikum im Theater + + +Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt. +Wie es despotisch über die bretterne Welt herrscht, davon +hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht, +wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist. + +Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche +Publikum von seinen Lieblingen gefallen läßt, wünschten wir +diese nur auf wenige Monate auf die englische Bühne, damit sie +erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht. + +Im Ganzen läßt sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus +nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede +Vernachlässigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet; +nur gegen Debütierende zeigt man große Nachsicht und muntert sie +auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, daß wir nie einen +Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt hätte. +Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten +ist gänzlich von der Bühne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen, +stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig +für sich nachlesen und dem Schauspieler notdürftig zu Hilfe kommen, +wenn diesen einmal sein Gedächtnis verläßt. + +Wie überall, so hat auch hier der auf den höchsten Spitzen befindlichen +Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie, +welche diesen Erhabenen gefällt, muß zweimal, oft dreimal +gesungen werden. Und ihnen gefällt vieles. Selbst die stolze Billington +mußte in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie +und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit +im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und muß weggebracht +werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler, +inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter +hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Lärm so arg, daß die +Schauspieler das Theater verlassen müssen, bei der Wiederkehr +werden sie mit Händeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhörten, +fangen sie wieder an. + +Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kümmert sich +niemand; die Hauptsache ist, daß jeder für sein Geld alles sehe +und höre, was es zu sehen und zu hören gibt. + +Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam, +wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem +Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab +Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang +für das, was er war, gut genug und mit einer ganz erträglichen Stimme, +dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil +aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall +und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schön machen, +überstieg sich über seine Kräfte und warf mitten in einer Roulade +förmlich um. Ein allgemeines Gelächter endigte für diesmal +die Szene. + + + +Einrichtungen der beiden großen Londoner Theater in Hinsicht +auf die Zuschauer + + +Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es +fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu früh +für ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr +und oft weit später noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen +dauern so lange, daß jede nicht englische Geduld ermüden muß. +Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun +einmal nicht das Symbol der Engländer: überall lieben sie +lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater. + +Jeden Abend müssen zwei Stücke gegeben werden, eines von fünf Akten +und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzüge hat. +Gewöhnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine +kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen +nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob übrigens das Nachtspiel +zum ersten Stück passend gewählt ist, ob es nicht mit den durch +jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert - +dies kümmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Maß +für sein Geld. + +Beide großen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind +vom Monat September bis Ende Junius geöffnet, dann werden sie +geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt +an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten +Benefiz-Vorstellungen für die älteren und besseren Schauspieler +gegeben; sie gehören mit zu deren Gehalt. Dann währen diese +Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut +zu bewirten, schiebt man noch allerhand Sächelchen in die Zwischenakte ein, +bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewöhnlich +den hohen Zuschauern, müssen zwei- bis dreimal wiederholt werden +und kosten viel Zeit. + +Die Logen sind sehr geräumig und so gebaut, daß man aus allen +gleich gut sehen kann. Sie enthalten sämtlich mehrere Reihen Bänke, +die sich übereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich, +ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende +des Hauses erstreckt. + +In allen Reihen Logen werden die Plätze gleich zu sechs Schilling +bezahlt, das Parterre kostet etwas über die Hälfte. Über die Logen +erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person, +und hoch über der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen, +wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzählten, +gewöhnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge +von ihren nächsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet, +angefüllt mit Zuschauern, gewähren sie einen bezaubernden Anblick. +Die Etikette will, daß alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen, +wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen, +besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame +wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn +oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen +erscheint man in gewöhnlicher Kleidung mit großen Hüten, die aber +ohne Widerrede abgenommen werden müssen, wenn es verlangt wird. +Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen +das Parterre. Es ist ein ganz anständiger Platz, nur muß man früh, +oft vor Öffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden; +denn kein Vorherbestellen findet dort statt. + +In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen, +die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch +ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die öffentlichen +Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche für die ersten +und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen +sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen. + +Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Plätze, +in welcher Reihe Bänke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges +für sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten +hinschicken, oder, was gewöhnlicher ist, einen Shilling bezahlen. +Für diesen Preis wird jemand von dem Logenwärter hineingestellt. +Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Plätze freigelassen, +später hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemächtigten. Niemand +darf für mehr Plätze bezahlen, als er braucht, und täte man es, +mietete man auch eine ganze Loge, es würde nichts helfen. +Der Engländer behauptet: niemand dürfe durch sein Geld einen anderen, +der auch bezahlt, vom Genusse eines öffentlichen Vergnügens +ausschließen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch +in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst +die königliche Familie muß ihre Loge vorher bestellen, die sich +übrigens durch nichts von den übrigen unterscheidet und ohne Unterschied +wie die übrigen besetzt wird, wenn niemand vom königlichen Hause da ist. + +Nach dem dritten Akt wird jedermann für den halben Preis hineingelassen; +dieser Gebrauch ist sehr unangenehm für den besseren Teil +der Gesellschaft. Mit großem Geräusche schwärmen dann jene Nachtvögel, +die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle +Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze +in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich +vorschriftsmäßig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus; +deshalb gehen auch Damen nie ohne männliche Begleitung ins Theater, +und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten +Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden +in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer +von den Fällen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt, +aus großer Höflichkeit unhöflich werden könnte. + + + +Drury Lane + + +[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794 +und brannte 1809 wieder ab. Die Gründung des Drury Lane Theaters +geht auf Thomas Killigrew zurück, der mit königlichem Patent 1662 +hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert +und umgebaut wurde. Das Patent besagte, daß nur Drury Lane +und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzuführen; +daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Bühnen. +Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble +und Sarah Siddons, Drury Lane die Führung gegenüber Covent Garden +verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan +wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus +eröffnet, das in wenig veränderter Form bis heute besteht.] + +Dieses Theater ist von innen eines der größten und schönsten +in der Welt; die Außenseite desselben sahen wir nicht vollendet. +In einem schwerfälligen Stil erbaut, wie fast alle öffentlichen Gebäude +Londons, scheint es trotz seiner Größe von einem ungewöhnlich hohen +Dache fast erdrückt zu werden. Dies Dach ist indessen für das Ganze +von unschätzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke +und übrigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es +einen eisernen Vorhang enthält, der im Fall, daß während der Vorstellung +Feuer auf dem Theater auskäme, sogleich herabgelassen wird +und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfüllen, vor aller Gefahr +sichert. + +Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthält +vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fünfzig glänzende +kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter +sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert +von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz +gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet +durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine. + +Die Dekorationen sind des Ganzen würdig; der hintere Vorhang derselben +ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern +zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist, +den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere, +schieben sich ineinander und werden so in die Höhe gezogen. +So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle, +keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat +den Vorteil, daß die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschädigt +werden, daß sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung +kommen wie unsere Vorhänge, die uns oft in den friedlichsten Szenen +ein Erdbeben vergegenwärtigen. + +Die glänzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich, +wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane, +besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr +ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glänzte Mme. Jordan +[Fußnote: Wilhelm, Herzog von Clarence, König Wilhelm IV. von 1830-37, +hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Bühne +gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre +miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung +vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht. +Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas +Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten +trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.] +hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich +angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen +Königs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer +in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren ließ. +Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau mußte man ganz vergessen, +daß sie schon ziemlich weit über die erste Blüte der Jugend hinaus +und für jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der fröhlich +schalkhafte Ausdruck ihres sehr hübschen Gesichts, ihr angenehmes +sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen +bezauberten unwiderstehlich und ließen nichts vermissen. + +Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns +vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing" +(Viel Lärm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen +eine Verkrüppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen: +"Die Quälgeister" [Fußnote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck. +Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt, +am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und +es unterhält auch da noch, soviel Mühe sich dessen Verfasser gegeben hat, +es zur Mittelmäßigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch +Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder +Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genuß aber ist es, +dieses Stück mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus +notwendig machen, in seinem ursprünglichen Glanze zu sehen! +Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Fußnote: John; +"den besten niederen Komiker auf der Bühne" nannte ihn Leigh Hunt +in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz +an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen +wie ein Wort das andere jagt, muß man von beiden gesehen haben, +um zu glauben, daß etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit +wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstoßung der Worte, +deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen +Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch +verlor kein Zuhörer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe. +Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten, +erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. Über alles ergötzlich +waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten +Bauerndialekte. Das ganze große Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelächter +der Zuschauer; sowie sie erschienen, mußten sie oft innehalten, +um nur gehört zu werden. + +Mme. Bland, eine kurze, dicke, ältliche Favoritin des Publikums, +die für eine vortreffliche Sängerin galt, weil sie gewaltig schrie +und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt +eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme +wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von +seinem Geliebten betrogenen und darüber wahnsinnig gewordenen Mädchens. +Die Musik war nicht sonderlich; doch mußte sie unter lautem Beifall +zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik, +und solche Schilderungen des höchsten menschlichen Elends sind +einmal die größte Freude der Engländer. Mit ihrem Gefühl geht +es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das möglichst Starke +vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen. + +Den Beschluß machte für diesen Abend, oder wie man hierzulande passender +sagt, für diese Nacht, eine große, meistenteils von Italienern +aufgeführte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit +noch nirgends sahen. Ein Zauberer saß auf seinem Throne, umgeben von +dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen +Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den +treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Särgen +liegen. Der Zauberer mußte notwendig verreisen, und alles kam darauf an, +daß jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne säße und das +Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer +Kobold, unübertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fußnote: der Clown +Grimaldi gehörte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein über alle +Maßen beliebter, aber auch von der Kritik gerühmter Pantomime.]gespielt, +wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiß sich nicht wenig damit. Der +Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und +fährt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der +kleine närrische Kobold ist außer sich vor Freuden auf dem weiten +prächtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er +aus allen Kräften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so +starke Prise, daß er dreimal niesen muß, bei jedem Niesen wenigstens +drei Ellen hoch vom Sitze in die Höhe geschnellt wird, in der Luft sich +ein paar mal überschlägt und immer wieder auf den Sitz zurückplumpt. Die +Natur siegt, er schläft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner +Hand, der Zauber ist zerstört, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die +Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Särgen, alles verschwindet. +Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, überall, in tausend +Abwechslungen, lassen sie sich häuslich nieder und fangen an, ihr +lustiges Wesen zu treiben, überall verfolgt sie der Kobold. Ewiger +Szenenwechsel, Dekorationen, so prächtig man sie nur erdenken kann, +Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben, +folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, daß das Auge kaum Zeit hat, +alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die +Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus +erscholl vom unaufhaltsamsten Gelächter; alles lachte, alles war +erfreut, aber gewiß niemand imstande, zu Hause zu erzählen, was er +gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel. + + + +Covent Garden + + +[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch +den Architekten Henry Holland wesentlich vergrößert worden +(3600 Plätze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner +Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, daß das Haus +1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809. +Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt +unter dem Namen Covent Garden Opera House.] + +Das Haus, nicht völlig so groß als das von Drury Lane, aber nicht +weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch prächtiger +als jenes, denn viele große und kleinere angebrachte Spiegel +vervielfältigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche. + +Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die +berühmtesten Künstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit +wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fußnote: Sarah (1755-1830), +geniale Tragödin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane, +doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon berühmt, +ein zweites Mal an diese Bühne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat +sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05 +verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem +dreizehnjährigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und +Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich +dann vom Theater zurück, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe +königliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns +darstellen, das Piedestal verlassen hätte, um unter den Lebenden zu +wandeln, so trat sie einher, groß, schön, im einfachen Ebenmaß. Ihr +ganzes Wesen war zur Tragödie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres +schönen Gesichts paßte nur für das Trauerspiel, unmöglich konnte man sie +sich fröhlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war +ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich +klagende Töne in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber +die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmäßig schönen +Zügen vermißte niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark; +aber auch dies machte keinen Übelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie wäre +ein Ideal gewesen, über das hinaus man sich nichts denken konnte, hätte +sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen, +hinreißen lassen, ihr großes Talent zu mißbrauchen. So aber überschritt +sie oft die Grenzen des Schönen und ward fürchterlich. + +Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent" +(Die schöne Büssende) [Fußnote: von Nicholas Rowe, seit der Uraufführung +(1703) vielgespieltes Repertoirestück.], wo sie im fünften Akt +den Dolch sich ins Herz stößt, verschied sie mit einem lauten, +konvulsivischen, herz- und nervenzerreißenden Gelächter, das ziemlich +lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge sträubte. +Aber so etwas will der Engländer, und halb London strömte ins Theater, +um Mme. Siddons lachen zu hören, obgleich die Damen Krämpfe und +Ohnmachten davontrugen. + +Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in +dieser hatte sie ein weites offenes Feld für ihr großes Talent. In der +Szene des Nachtwandelns machte ihr bloßer Anblick jeden Blutstropfen +erstarren. + +Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fußnote: John Philipp, +Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung. +Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie, +in seinem Bestreben, Kostüm und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck +einer Aufführung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.]. +Seine Gestalt war noch sehr edel und schön, obgleich auch er +die Jugendjahre weit überschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht +ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert, +und immer erkannte man darin seine Lehrerin. + +Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend +ähnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schönheit +ein großes Talent für sanfte, duldende, liebende Rollen vereint, +zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals +leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule, +für die Zukunft gaben. Unmöglich kann man die Rolle der Julia +lieblicher dargestellt sehen als von der jüngeren Mme. Siddons. + +Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schöne +Gestalt; dafür gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie, +besonders für die Rollen, die er sich erwählt hatte, Tyrannen, +Bösewichte; kalte, kühne, trotzige Charaktere spielte er unübertrefflich. +Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so +dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin +Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen +seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt, +Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er +unverhüllt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten +Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er +mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Häßlichkeit bespöttelte, +wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Königreich +für'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady +Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer +groß und wahr. + +In Hinsicht der sonst hier gewöhnlichen Pracht vernachlässigt man +oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts +wegen immer ein gefülltes Haus bringen, und verwendet den Flitter +lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glänzen +können. Dennoch muß man jene Stücke gerade auf diesem Theater sehen, +um der großen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen +wahrhaft glänzen. + +Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame, +einem Gebelle ähnliche Perorieren der mittelmäßigen Schauspieler +wird erst lächerlich, dann unerträglich. Freilich mag es sehr +schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation +in der Stimme zu behalten. + +Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stücke, die noch +gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele +seinesgleichen in dem Wahne stand, ein großer Schauspieler +müsse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem +großen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fußnote: +David Garrick (1717-79), berühmter englischer Schauspieler, +Stückeschreiber und Theaterdirektor. Verkörperte eine neue +Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natürlichkeit Wert legte.]. +In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo +noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene; +die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu +gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles +Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details, +als hätte er "Wilhelm Meister" gelesen. + +Was Cooke und Kemble in der Tragödie, das waren Munden, Fawcett, +Lewis in der Komödie, vor allem Munden [Fußnote: William Lewis, +Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche +alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet" +sein Triumph. Übrigens übertraf er in Gesichterschneiden +und närrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben. +Stürmisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane. +Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhaß und Reue" +[Fußnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung +hieß "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den +komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward, +trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fußnote: +dazu führt Johanna in einer Fußnote an: "ein in Matrosenkleidung +getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Bühnen sieht."]. +Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Gönnern, denn er tanzte +herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber +der junge Herr war so ungefällig, nicht zu erscheinen. Nun entstand +ein Lärmen, als sollte das Haus einstürzen wie weiland die Mauern +von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr +zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren; +es übersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand +auf der Bühne und wartete, bis die Schreihälse einmal würden pausieren +müssen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Bücklingen trat er hervor +und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er, +der andere Gentleman würde gleich darauf tanzen, er erhole sich +nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor +der Tadel; der Sänger sang ein närrisches Lied von einem Yorkshireman +[Fußnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen +ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen: +give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel, +ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse, +mußte aber dennoch zweimal wiederholt werden. Daß der Sänger sich +nicht lange darum bitten ließ, versteht sich von selbst. +Sowie das Lied geendigt war, trat der Tänzer wieder auf, man ließ ihn +gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus. + +Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten +Mitglieder beider Theater auf's täuschendste nach; etwas, +das doch wohl bei keiner Bühne anderer Nationen geduldet werden würde. +Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall +rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers +aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragödie +mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren +zu hören. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches +das Publikum gewiß nicht ruhig nach Hause gegangen wäre, obgleich +schon fast der Tag wieder anbrach. + +Den größten Lärm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von +"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stück +nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan +war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen +prächtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekündigt. Mme. Siddons +sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen. +Alle Logen waren längst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll +Erwartung. + +Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden +unmöglich gleichgültig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel +ihn zu vereiteln. Für's erste kündigte sie dasselbe Stück für +den nämlichen Abend an. Der Fall, daß das nämliche Stück an einem Abend +in beiden Häusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen, +solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag +vor der Vorstellung ein prächtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren. +Daß auf englische Weise dabei viel getrunken ward, daß der Held +des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden mußte, +war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich +eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glänzendste Versammlung, +die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang +ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz +aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort +hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst, +er mußte verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane +die Schwäche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet, +denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser, +so daß er unmöglich spielen konnte. Das Übel dauerte nur den +einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert. +Der Zorn, das Wüten des Publikums überstieg nun alle Grenzen; +das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild +des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien. +In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten, +alle waren leichenblaß, und einige wurden ohnmächtig hinausgebracht. +Alle Schauspieler mußten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons, +Kemble, der in der indischen Tracht [Fußnote: indianische Federmäntel] +wunderschön aussah, standen ängstlich verlegen dem entsetzlichen Lärm +gegenüber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen, +drohte man es zu stürmen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde. +So lärmte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns, +wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes +plötzliche Krankheit und ein anderes Stück für den heutigen Abend +anzukündigen, kaum ließ man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!" +riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere +und achteten nicht darauf, daß Kemble mit den demütigsten Gebärden +das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu, +die Schauspieler schienen sich ängstlich untereinander um Rat zu fragen. +Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem +jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand +zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke +schlich sich von der Bühne fort, und das Stück wurde genau +von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte. + +Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders +Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten; +sie übertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschön, +und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man +erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble +das Stück für den folgenden Tag wieder ankündigte, rief man ihm +von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!" + + + +Die italienische Große Oper + + +[Fußnote: das große Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's, +nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eröffnet +(dieses Haus stand in seiner Größe kaum der Mailänder Scala nach), +1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel +für dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.] + +Von diesem großen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt +zur italienischen Oper. + +Obgleich die Vornehmsten es beschützten, so ist dieses Theater +dennoch dem Volke verhaßt, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste +entgegenstrebt. John Bull geht höchstens einmal hin, um sich hernach +zeitlebens darüber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze +ausländische Wesen, vor allem die französischen Tänzer erscheinen ihm +wie ebenso viele Entheiligungen des vaterländischen Bodens. Längst +wäre die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Großen Eitelkeit, +Prachtliebe und Vorliebe für das Ausländische sie erhielte; +deutlich sieht man, daß sie hier nicht gedeihen kann und trotz +der großen Summen, die darauf verwendet werden, nur kümmerlich vegetiert. + +Das Haus, noch größer als Drury Lane, enthält außer dem Parterre +fünf Reihen Logen und zwei Galerien. Über und über mit Malereien +überladen, schien es, ungeachtet der sehr glänzenden Erleuchtung, +dennoch dunkler als die anderen Schauspielhäuser. Die Verzierungen +waren ziemlich geschmacklos, überall schwärmen Amoretten zwischen +tausend Schnörkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze +erschien bunt, aber nicht heiter. + +Dieses Theater ist der glänzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels, +dem es hauptsächlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch +auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht, +der tut wenigstens als besuche er es fleißig und sei jedes Mal entzückt, +wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde während der Vorstellung +gähnen mußte. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet, +für welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus +nich allein mieten, sondern sogar kaufen könnte. + +Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man wöchentlich zweimal, +dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schönsten, berühmtesten, +reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten +Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen +und gewähren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit übertrifft. +Wer nicht abonniert ist, muß ins Parterre, welches hier an Rang +den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee, +und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren +in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schönste +geschmückt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel +kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk +viel sehen und hören läßt, müssen wir billig bezweifeln. + +Unser Schicksal wollte, daß wir die von Winter komponierte Oper +"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken +[Fußnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener +Komponist, seit 1788 in München Hofkapellmeister. Schrieb über 40 Opern, +ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung +seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen +hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett +ununterbrochen hintereinander fort, bis Sänger und Tänzer es müde sind; +denn das Publikum in den Logen ermüdet nicht, immer das nämliche zu +sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter über +die Vorstellungen gewechselt. + +Die berühmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile. +[Fußnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter +eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie +in Italien, kehrte dann nach London zurück und blieb bis 1809 am Theater.] +Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man übersehen, wäre sie nur nicht +so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt +auf dem Theater erblickten, hätte sie sich nur bemüht, durch Spiel +und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es +unter ihrer Würde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da +und sang, und glaubte damit schon ein übriges getan zu haben. +Die Engländer hielten sie für die erste Sängerin der Welt. +Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Höhe +von großem Umfang, dabei kunstmäßig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag +fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig +hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen +und Triller an, wobei dem Zuhörer der Atem verging, und glaubte so +die höchste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von +einer Viertelstunde, darüber geht dem Egländer kein Gesang der Welt. + +Alle übrigen Sänger und Sängerinnen, größtenteils Italiener, +waren fast noch weniger als mittelmäßig. Unter den schlechtesten +als die schlechteste zeichnete sich die zweite Sängerin aus, und man +sagte uns, die Direktion hätte sie bloß engagiert, weil ihr die Kleider +ihrer Vorgängerin wie angegossen paßten. + +Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht hübsch, aber bei +weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die +ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fußnote: Kleinlichkeit] +betrieben, die sowohl der großen Summen, welche darauf verwendet werden, +als des Publikums, das sich dort versammelt, unwürdig ist. + +Sehr vergnügt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung +machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses +drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches, +sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und +noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich. +Die Haupttänzer sind es immer; denn man engagiert alljährlich +ausgezeichnete Künstler aus Paris für die Saison um große Preise. +Desto schlechter stechen aber die anderen Tänzer, noch mehr +die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung; +nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine +andere Welt versetzt. + +Nach ein Uhr kamen wir ermüdet, als hätten wir mitgetanzt, +zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren. + + + +Vauxhall + + +[Fußnote: der Vergnügungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts +und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, ursprünglich der Name +eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Blüte +des Vergnügungsortes auch für ähnliche Anlagen in anderen Städten, +so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.] + +Reizender, blendender, feenhafter läßt sich nichts denken als dieser, +in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten, +besonders in sogenannten Galanächsten, wenn er zur Feier des Geburtstages +irgend eines Mitglieds der königlichen Familie in doppelter Erleuchtung +prangt. Gegen fünfzehntausend wohlgekleidete Männer und Frauen wandeln dann +im Schimmer unzähliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde +zwischen schönen Bäumen und blühenden Sträuchern im fröhlichsten Gedränge +umher. Musik tönt durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und +Vergnügen; es ist, als beträte man das Paradies der Mohammedaner. +Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben +prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhöht. + +Gleich der Eintritt in diesen Zauberort überrascht und blendet. +In der Mitte eines großen, ringsum mit schönen Bäumen umgebenen Platzes +erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen +zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen nächtlichen Himmel +wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht +das phantastische Gebäude da, und doch innerlich fest genug, um nahe +an hundert Personen sicher zu tragen. + +Hinter den ebenfalls erleuchteten Bäumen ziehen sich oben +bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen +und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich +Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, überall funkelndes Licht +und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere +hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt +die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemälde endigen die +erleuchteten Alleen; Säle mit Statuen, Transparenten, Blumen und +kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kälte, Wind +und plötzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen +Sälen spielen kleine Musikchöre. + +Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwärter stehen neben +den Bogen, welche den großen Platz umgeben. Jedes Winks bereit, +besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem, +was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getränken +verlangen kann. + +Das Orchester besteht größtenteils aus Blasinstrumenten. Wir hörten hier +unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit, +deren Möglichkeit wir nie geträumt hätten. Ein im Dienste des Prinzen +von Wales stehender Künstler blies es. + +Auch die beliebtesten englischen Theatersänger, einige wenige +der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien, +Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesängen hören. Im Freien +klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem +Feentempel erschallenden mächtigen Töne in der funkelnden, +schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich; +denn trotz der großen Menschenmenge hört man doch nirgends +wilden Lärm auf diesem Platze. Schweigend oder flüsternd +wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns +in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft. + +Dort sehen wir in einem großen, sich bewegenden Gemälde einen Wasserfall +auf das täuschendste dargestellt. Man hört das wilde Rauschen +der Flut und sieht sie in stäubendem Schaum sich verwandeln. +Die Szene belebt noch eine am Fuße des Wasserfalls angebrachte Brücke, +über welche mancherlei Fuhrwerke, Fußgänger, Reiter und Tiere +passieren, alles auf's natürlichste und täuschendste dargeboten. + +Von hier kehrt man zum Orchester zurück, von welchem um diese Zeit +gewöhnlich eine große Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstück +erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht +die verschiedenen Säle. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man +es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns +in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke, +bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht +im Wiener Prater denken muß. Nach dem Feuerwerke verteilt sich +der größte Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen, +selbstgewählten Kreisen fröhlich zu Abend ißt und dabei die draußen +umher wandelnde schöne Welt die Musterung passieren läßt. + +Späterhin wird auf dem grünen Rasen in der Nähe des Orchesters +getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mögen freilich wohl nicht +die unbescholtensten sein. Schwerlich würde sich in London +ein Mädchen von gutem Rufe zu einer solchen öffentlichen Ausstellung +verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tänzerinnen +und schließen daraus, daß sie vom Unternehmer der Anstalt +hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit +dem Ausdruck der Freude und dennoch anständig, so daß sie +eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schön, jung +und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl +eigentlich sein möchten? + +Gewöhnlich bricht der Tag über alle diese Freuden an, doch +pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen; +später artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch, +als daß man gern dabei verweilen möchte. + + + +Konzerte + + +Berühmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren +ein Vermögen erwarben, das sie auf dem festen Lande während +einer ganzen Lebenszeit nicht erworben hätten, wissen am besten, +wie man hier die Musik liebt. + +Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr +nicht bloß an Talent, sondern auch an Gehör und Geschmack. +Daher gibt's nichts Ungefälligeres, Monotoneres als die englische +Volksmusik. Wir haben schon früher bemerkt, daß hier der Text +mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst +des Sängers. + +So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Großen aber, +welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen, +nehmen ausländische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr +als fürstlich. Viele von ihnen haben in ihren Häusern zu bestimmten +Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berühmte Tonkünstler +teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft +oder Adresse nach London kommt; sein Glück ist gemacht. + +Verschiedene große Subskriptionskonzerte existieren den Winter über +in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen +engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind, +werden größtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten. +Das glänzendste derselben wird während der beiden letzten +sogenannten Wintermonate wöchentlich einmal in Hanover Square, +in einem schönen, hochgewölbten Saale gegeben, an welchen +zwei brillante Konversationszimmer stoßen. Es ist hauptsächlich +der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnügen +gewährt als dies. Das sehr glänzende Auditorium war still und +aufmerksam. Londons beste Sänger wetteiferten miteinander. +Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor +in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des +berühmten Klavierspielers [Fußnote: Tochter Domenico Corris, +eines Opernkomponisten. Corri gründete 1797 mit seinem Schwiegersohn +Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte. +Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Böhmen, gest. 1812 in Paris) +war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose +am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere ließ sich auch +auf der Harfe hören, die sie meisterhaft spielte. Besonders +entzückte uns der Tenorist Braham [Fußnote: eigentlich Abraham, John; +(1774-1856). Bedeutender Sänger, der zeit seines Lebens in London wirkte. +In Webers "Oberon", der für London komponiert wurde, war er +der erste Hüon.], welcher damals vielleicht die schönste Stimme hatte, +die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heißt Abraham. +Arien, Duette und vierstimmige Musikstücke wechselten miteinander ab, +manches mußte wiederholt werden, denn der Engländer, hoch oder +niedrig, läßt sich's nicht nehmen, für sein Geld zu befehlen, +ohne Umstände und Ansehen der Person. Die Künstler müssen gehorchen, +wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende +noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's +hierzulande nennt. + +Am Ende des Konzerts sang ein siebenjähriger Knabe, der Sohn +des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug für sein Alter. +Die Gutmütigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende +Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored, +obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen +gleich nach Brahams männlich schönem Gesange auch nur einmal +anzuhören. + + + +Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens + + +Kein Fürst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen +kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der +König von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte, +winkelige, rostige Gebäude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James +Palast prangt [Fußnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die ständige +Residenz der englischen Könige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809 +zerstörte ein Feuer den Ostflügel, so daß wenig mehr vom alten Tudor +Palast übrigblieb.]. Auch bewohnte König Georg der Dritte es +gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein großes Bette mit +rotsamtenen Vorhängen im großen Leverzimmer. + +Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise +in diesem königlichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften +begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich +im Palaste der Königin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield, +Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und +von Georg IV. 1825 nach Plänen von Nash umgebaut und später +noch mehrmals ergänzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb. +Seit dem Regierungsantritt der Königin Victoria (1837) Residenz +der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas +moderneren Gebäude, welches aber auch, weit entfernt von aller +königlicher Pracht, weder sehr groß noch sehr schön aus bloßen +Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James +anstoßenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner. + +Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schöne große Wiese, +durchschnitten von angenehmen Fußwegen, belebt durch einen ihn +durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten +Gruppen schöner alter Bäume. Alles darin ist einfach, aber +unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser ländlichen Stille +mit dem Geräusche der großen Hauptstadt, aus welchem man +unmittelbar hineintritt. + +Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gärten. +Der Green Park zieht sich längs diesen hin, ebenfalls eine +zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Bäumen besetzt. +Der Hyde Park begrenzt beide; größer als sie, geht er bis an +die Gärten von Kensington; ein in mannigfaltigen Krümmungen +sich hindurchwindender silberheller Strom verschönt ihn; +Kühe und schöne Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und grün, +als wäre man hundert Meilen von der Stadt. + +Wenn man vom Hyde Park aus in die Gärten von Kensington tritt, +wähnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein; +so majestätisch erheben die hohen, schönen Bäume, der ausgezeichnetste +Schmuck jener Gärten, ihr prächtiges Laubgewölbe. Diese Gärten, +das gewöhnliche Ziel der Spaziergänger, gehören ebenfalls dem Könige +und stehen, solange die schöne Jahreszeit währt, von acht Uhr morgens +bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen. +Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch +nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin +und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst +nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade +einer großen Hauptstadt. Angefüllt mit Spaziergängern, die unter +diesen prächtigen Bäumen lustwandeln, machten sie einen ebenso +reizenden als imposanten Eindruck. + +Der zu diesen Gärten gehörende Palast von Kensington verdient nur +wegen seines Eigentümers diesen prächtigen Namen. Die königliche Familie +kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt, +welche vom König die Erlaubnis dazu erhielten. + +Jeden Sonntag nachmittags bei schönem Wetter wimmelt im Sommer +der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergängern, die zwar +Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als würden sie +wirklich mitgezählt. Alles was die Woche hindurch sich in den +Ladengewölben und Arbeitszimmern der City abmühte und kein Haus +zu hüten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schöpfen, +grüne Bäume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen. + +Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm; +weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Frühling +gewährt. An schönen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung +zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags, fährt, reitet und geht +dann die schöne Welt dort spazieren. Eine unzählbare Menge +der schönsten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken +in dieser Zeit den durch Hyde Park führenden Fuhrweg bis Kensington; +kein Fiaker, kein öffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren; +nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern könnte, +daß es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm +sind. Der Anblick der vielen schönen Reiter und Pferde, +der tausend Equipagen von allen Formen und Größen, der schönen +Frauen und lieblichen Kinderköpfchen, die aus diesen herausgucken, +ist einer der prächtigsten, den nur irgendeine große Hauptstadt +gewähren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis +der Opulenz und Bevölkerung Londons. + +Auch die Spaziergänge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil +jene schimmernden Equipagen verließen, um hier zu lustwandeln +und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen +von Kensington; man hat berechnet, daß an solchen Tagen bisweilen +hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gärten +von Kensington des blauen Himmels und der schönen Erde freuen. + +Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort, +besonders, wenn bei starker Kälte der Strom im Hyde Park mit Eis +bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhläufer ihre Künste, +man eilt hin, sie zu bewundern; für Erfrischungen und Wärme +ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist, +für Hilfe bei möglichen Unglücksfällen, durch eine sehr zweckmäßige, +an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt. + + + +Des Königs Geburtstag + + +Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger +Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte, +ist für die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre, +der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet, +er gibt für die nächsten zwölf Monate den Ton an für Moden, Equipagen; +alles wird für diesen Tag und nach diesem Tag berechnet. +So war es wenigstens, solange des alten Königs Gesundheit +ihm erlaubte, sich öffentlich sehen zu lassen. Sein späteres +anhaltendes Übelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage +üblichen Zeremonielles manche Änderung herbeigeführt haben, +doch die Hauptsache blieb gewiß, solange er lebte, und es wird +auch später, solange es Könige von England gibt. + +Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider, +Juweliere und Modehändler in großer, eilender Geschäftigkeit; +neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht, +Juwelen umfaßt, Pracht-Equipagen und glänzende Livreen angeschafft, +alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glänzen, +denn viel länger währt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen +tun freilich das ihrige nach besten Kräften, um diesen Glanz, +soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie füllen viele Tage hindurch +lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quästchen +an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperücken der Herren +wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden +nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene +Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer. + +Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr +viele Leute vor einer kleinen Hintertüre des Palastes, die den König +dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House käme. +Kanonendonner verkündete einstweilen die Feier des Tages; +Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk +hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen +langer Regierung der größte Teil desselben geboren ward. +Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedränge +zu geraten, sondern begaben uns in die schöne und breite Straße +von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes führt. +Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug +der Glückwünschenden bequem ansehen. + +Es war ein schöner, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon +der ziemlich langen Straße blieb unbesetzt, frohe Gesichter +schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedrängt, sogar die Dächer +wimmelten von Zuschauern; eine unzählbare Menge wohlgekleideter +Leute drängte sich auf der Straße weit über den Fußpfad hinaus, +so daß in der Mitte kaum Platz für die Wagen blieb. Eine Menge +Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange, +stillstehende Reihe. Fast lauter hübscher Frauen und Mädchen +blickten neben den reizendsten Kinderköpfchen neugierig +daraus hervor in das bunte Gewühl. Vor dem Schlosse paradierte +die schöne königliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente +standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Königs +eigentlich eine Art Schweizergarde [Fußnote: King's Body Guard +Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache für den Herrscher aufgestellt. +Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst +versehen und bedeutend früher gegründet wurden.]. Ihre Kleidung +ist noch genau dieselbe, die sie im fünfzehnten Jahrhundert war, +bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten +des Königs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre +wohlgenährten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen. +So sonderbar sie in der über und über mit Gold besetzten, scharlachroten +altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Rücken glänzenden +silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen +gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung +dem Feste doch etwas Feierliches, Altväterisches, das uns +in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt, +als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie +aus dem Palaste wo sie ihren Glückwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen +nach einer Taverne zog, um dort auf des Königs Gesundheit +feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher, +karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte +God save the King geblasen [Fußnote: in dem zu jener Zeit stark +feuergefährdeten London gab es keine städtische Feuerwehr, +sondern die Phönix Versicherungsgesellschaft hielt sich +eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein +bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.]. + +Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare +Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren. +Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick. +Nirgends kann man prächtigere Kutschen von der neuesten, noch nie +zuvor gesehenen Form, nirgends schönere, stolzere Pferde erblicken. +Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt +vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde, +aber der mit einer großen, runden Perücke versehene, auf dem +befransten Bocke majestätisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt. +Wie in anderen Ländern Schnurrbärte, so sind in England solche +dicken runden Perücken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer +der Herr, je größer sind die Perücken. + +Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich +bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen +nahmen sich von oben nicht sehr graziös aus in dem überladenen +Putze und der steifen, ängstlichen Stellung; fast wie die überfüllte +umgestülpte Schachtel einer Modenhändlerin, ein formloser Berg +von Flor, Blumen, Federn und tausend schönen Sachen. + +Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung, +mit schweren goldenen Ketten geschmückt, fuhren in großen, über und über +vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen überall +fast ebenso vergoldete Bediente mit großen Federhüten hingen. +Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten +nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte +Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren. + +Die Herzöge von York, von Glocester und andere Glieder der königlichen +Familie saßen in beinahe ganz gläsernen Staatswagen, so daß man sie +von allen Seiten deutliche sehen konnte. + +In alle diese Pracht mischten sich ganz gewöhnliche Fiaker +und behaupteten ihren Platz in der glänzenden Reihe so gut wie die anderen. +Größtenteils saßen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel +neben uns wollte in einem derselben drei Bischöfe erblicken, die so, +das Stück für sechs Pence, an den Hof fuhren. + +Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete +Portechaisenträger ihren Hundstrott, mit schön aufgeputzten +Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden +glänzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten +begleitete jede derselben. + +Von ein bis sechs Uhr währte dieser Zug ununterbrochen fort, +ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen, +machten dem König und der Königin ihr Kompliment, vielleicht ohne +im Gewühl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort, +um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude, +mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen. + +Nach der Cour gab die Königin ein Familiendinner, das einzige im ganzen +Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafür besoldete +Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muß. Auch zum Konzert +werden nur wenige von den Vornehmsten auserwählt und zugelassen. Sonst +pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der höchstens zwei +Stunden währte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den +Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnügt man sich mit übrigen +Freuden des Tages. + +Abends waren einige öffentliche Gebäude, die Theater und die Häuser +der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich hübsch +illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag. + + + +Pension für Mädchen + + +[Fußnote: der fünfzehnjährige Arthur notierte dazu: "Mittwoch +den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt +dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schöne Aussicht. +Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School) +von jungen Mädchen, wo Hr. Harris auch zwey Töchter hatte. +Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball, +wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer +hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier über 40 +junge Mädchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem +Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn. +Nachher wurden ein Paar Tänze getanzt in die sich auch Herren mengten, +und die ich auch mittanzte."] + +Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend +bei London einem Zuge von dreißig bis vierzig jungen Mädchen, auf dem +Fußpfade neben der Landstraße andächtig zur Kirche wandelnd. Es war ein +lieblicher Anblick. Schneeweiß gekleidet, mit artigen Strohhüten, gingen +sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufblühender +jugendlicher Schönheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit. +Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend über jeden Tritt, +jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf +dem ernsten Wege entschlüpfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein +ähnlicher Zug Knaben daher, dem nämlichen Ziele zuwandelnd, begleitet +von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und grüßten sich wohl +als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig +an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zöglinge aus +irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich +zum Gottesdienste getrieben werden. Dörfer und Flecken ringsumher +wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast +niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und +Unruhe machen würden. Sowie Knaben und Mädchen aus der Kinderstube +kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst +nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das väterliche +Haus zurück. + +Die Mädchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig +Gründliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch +weiß eine Engländerin selten, wie es außer ihrem Vaterlande aussieht +und was dort in früheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der +französischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht, +aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert; +schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm +in einer fremden Sprache Rede stünde. Musik und Zeichnen +wird sehr oberflächlich und gewöhnlich nur betrieben, um beides +späterhin so bald als möglich wieder zu vergessen. Die Mädchen +lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige +Papparbeiten, Kästchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen, +tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich für's Haus braucht, +bleibt ihnen gewöhnlich unbekannt. Der Hauptzweck des größten Teils +der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen, +einmal im Jahre mit ihren Zöglingen recht zu glänzen, wenn sich +die Eltern und Verwandten derselben bei dem großen Prüfungsfeste +versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hört schon aller +ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder +für den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstücke werden ihnen +eingelernt, die sie vor der entzückten Versammlung mechanisch +ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters +verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt, +sie für den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und +der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause. + +Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Töchter in dem nahe bei London +gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, führte uns +zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr großen Hauses +empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen großen Saal +geführt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Mütter und übrigen +Verwandten der jungen Mädchen saßen; die Zöglinge selbst waren +am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch +übereinander sich erhebender Bänke wie zur Schau ausgestellt. +Auch gewährten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich +fünfzig junge Mädchen von acht bis sechzehn Jahren, hübsch, +in blühender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform +des Hauses gekleidet, mit schneeweißen kurzen Kleidern und +blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schärpe +um den Leib war ihr ganzer Putz; so saßen sie da, glühend +vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude. + +Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball. +Die Mädchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Tänze; +keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine künstlichen Sprünge, +sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche +der Tanzmeister für sie eigens komponiert hatte und die wohl +sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten +wie dieser. Die geschickten Tänzerinnen hatten kleine Solos darin, +um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie +von Müttern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei +arme kleine Holländerinnen standen traurig und unbemerkt +in einer Ecke allein, niemand bekümmerte sich um die Fremden, +die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren. +Wir, Fremdlinge wie sie, fühlten uns ihnen verwandt, riefen sie +zu uns, erzählten ihnen, daß wir unlängst aus ihrem Vaterlände kämen, +und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen +die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Länge etwas langweilige +Paradetänze abgetan waren, kamen einige englische und schottische +an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, hüpften +die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge +anwesende Vettern und Brüder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen +herumzudrehen. + +Mit stiller Rührung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten +sich die holden Geschöpfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick, +da wir dies niederschrieben, schon längst mit seinem ganzen Ernste +ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen +der Zukunft entgegen, als wäre auch sie ein Tanz der Freude; +jetzt füllen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich +hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Tränen der Sehnsucht. +Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verließen sie, +noch mitten in der Freude, mit stillen Wünschen für die Zukunft. + + + +Pension für Knaben + + +Gewöhnlich sind es Landprediger, die irgend ein großes schönes Lokal, +unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen +und neben ihren Berufsgeschäften dieses Erziehungsgeschäft treiben, +wobei sich die sehr ehrwürdigen Herren ungemein wohl befinden. +[Fußnote: dazu notierte Johanna in einer Fußnote. "Most reverend Sir, +sehr ehrwürdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."] + +Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster +in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen. +Sie gilt für eine der besten, selbst Lord Nelson ließ zwei seiner Neffen +da erziehen [Fußnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurückgezogen +mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805 +schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-französische +bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde +gleichen sich alle; nur die Zahl der Zöglinge, die größere oder +beschränktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander. + +Der sehr ehrwürdige Herr zu Wimbledon befaßte sich gar nicht mit +dem Unterrichte; unsichtbar für seine Schüler saß er den Tag über +in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloß +als Kostgänger, nicht als Schüler in seinem Hause lebten, im Englischen +unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er +auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport +abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen +wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht über die Schüler hatte, +gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem +nämlichen großen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder, +und die Schüler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen. +Dies währt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwölf. + +Die Schule wird mit Gebet eröffnet und geschlossen, ganz nach +der englischen Liturgie, wobei auch des Königs, seines Hauses, +der Schwangeren und Säugenden usw. von den Knaben christlich gedacht +werden muß. + +Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie, +Geschichte, Schreiben, Rechnen und der französischen Sprache. +Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muß es besonders +bezahlen; die Lehrer dazu kommen wöchentlich einige Male von London +herüber; an alles übrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland +lernen, wird nicht gedacht. + +Die Zöglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht +des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm +auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter +seiner Aufsicht auf dem großen Hofe und werden täglich in einem +großen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen +werden muß. + +Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach +angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Rücksicht auf Alter, +Charakter und Fähigkeit. Wie könnte es anders sein, ihrer sind sechzig, +zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der +die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, daß er auf drei Wochen +die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel +des sehr ehrwürdigen Herrn mit den Kostgängern und der übrigen +Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel +erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie +nur ungefähr zwölf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeiträumen +unter seiner Aufsicht hat. + +Die Kostgänger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen +dem ehrwürdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schüler. +Nur einige Schüler, deren Eltern es zu bezahlen vermögen, gehören +auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber +an dem gut besetzten Tische, können nach Herzenswunsch im Lustgarten +und im Obstgarten ihr Wesen treiben, während ihre Kameraden +auf dem öden Hofe bleiben müssen und entsetzlich geprügelt werden, +wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben. +So müssen die Kinder schon in der Jugend lernen, daß dem Reichen +alles erlaubt, und Geld daher das höchste Ziel ist, wonach man +zu trachten hat. + +Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt +oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe +aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen. +Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiß, so schreibt +der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn +Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer +gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir +oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens, +ob sie ihre Aufgabe gewußt haben? Sie müssen natürlich mit "Nein" +antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er: +was sie dafür verdient hätten? Sie antworten: geprügelt zu werden, +und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwürdige Herr an ihnen +dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander, +ohne Rücksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist, +und dazu auf die beschimpfendste Weise. + +Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so +verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so +sonnenklar wäre, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet. +Der Kläger muß Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch +so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er +nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles +wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstühlen; den +Charakter der Kinder zu ergründen, ihr Gefühl für Recht und Unrecht im +höheren Sinn, ihre Liebe für das eigentliche Wissen zu bilden, daran +denkt niemand. + +Wir enthalten uns aller Bemerkungen über eine solche Erziehungsmethode, +jeder macht sie gewiß selbst und fühlt, welchen Vorzug auch in +dieser Rücksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben, +und welche Resultate sich von einer solchen frühen Behandlung +erwarten lassen. + +Sonntagmorgens werden die Schüler im Schulzimmer versammelt. +Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton, +einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Übung +hält er seinen Schülern die Predigt, die er mittags dort halten wird, +erst einmal in der Frühe. Damit verbindet er den in der englischen +Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so daß das Ganze eine +starke Stunde währt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern +paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung +der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie +bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen müssen. +Nachmittags werden sie wieder auf die nämliche Weise zur Kirche getrieben, +und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube großer Gottesdienst +gehalten, wobei wieder des Königs und seines Hauses gedacht wird. +Zwischen allen diesen Andachtsübungen müssen sie in der Bibel lesen +und dürfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele +aber und alle lauten Ausbrüche der Freude sind hoch verpönt, +und werden streng bestraft. + + + +Das Britische Museum + + +[Fußnote: größtes Nationalmuseum Großbritanniens (Geschichte, Archäologie, +Kunst und Völkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen +Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung +des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House +untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum +beschränkt werden ließ, erbauten die Brüder Smirke in den Jahren +1823-55 das neue Museum.] + +Diese reiche, in einem schönen Lokal aufgestellte Sammlung verdient, +der großen Nation anzugehören, deren Namen sie führt. Der unermüdliche +Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts +den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum +der Nation vermachte. Mehrere große Sammlungen wurden damit vereinigt, +und so erreichte das Ganze den Grad von Vollständigkeit, auf welchem +es sich heute befindet. + +Die prächtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schönste +Zierde desselben; [Fußnote: Altertumsforscher (1730-1803); +nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji +teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton. +Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch +die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb +ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquités étrusques, +grécques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir +im Anschauen dieser schönen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten +glücklich benützt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen +häßlichen, verkrüppelten Formen verbannten und nach und nach +unserem Hausgeräte die jetzt übliche schöne, geschmackvolle Gestalt +gaben. + +Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schönen Jahrhunderte der Römer +und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger +Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgötter, unendliches kleines Gerät, +aus den Gräbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum +freundlichen Tageslicht gefördert, vergegenwärtigte uns das heitere, +gefällige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir +in diesen Zimmern verweilten. + +Schnell streiften wir hernach durch die Säle, welche das +Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so +auch durch das sehr beträchtliche Münzkabinett. Wenn man in seiner Zeit +so beschränkt ist, wie wir es hier waren, so muß man entbehrend zu +genießen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Muße +betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu +nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenständen verwirrt und +ermüdet ohne allen Nutzen. + +Auch die von Kapitän Cook [Fußnote: James (1728-79), Forscher und +Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch +G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem +fünften Weltteile mitgebrachten Merkwürdigkeiten, die hier ein +ganzes Zimmer anfüllen, betrachten wir nur im Vorübergehen. + +Mehrere Zimmer enthalten in Schränken, mit Drahtgittern versehen, +die große, reichhaltige Bibliothek. Außer eine großen Zahl älterer, +zum Teil sehr seltener Bücher, faßt sie beinahe alles, was bis auf +den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium +gedruckten Buche muß ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten +nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden. + +Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen +Palmblättern und in Stein gehauenen ägyptischen Hieroglyphen an bis auf +die krausen, bunten Schriftzüge der Mönche des Mittelalters, werden hier +aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der +interessantesten und berühmtesten Menschen späterer Zeiten; eine +unendliche Fundgrube für den Geschichtsforscher, dem ein freundliches +Geschick erlaubt, sie mit Muße und Auswahl zu benutzen. Und welch ein +Feld würde sich hier dem Anekdotenjäger und Zeitblättler eröffnen, der +nach Willkür fouragieren könnte! Wie viele Bände interessanter Briefe +könnten da ausgewählt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und +schreibsüchtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein +Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Könige und +Königinnen, vieler Männer, die auf ihr Zeitalter wirkten, füllen, +wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schränke. + +Man war so gefällig, uns manches zu zeigen; unter anderem +einen ganzen Band eigenhändiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe +der Königin Elisabeth an ihren unglücklichen Liebling, Grafen Essex. +Ihre Handschrift ist merkwürdig. Diesen nicht schönen, aber mit Schnörkeln +überladenen, sehr großen Buchstaben sieht man es an, daß sie langsam +und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte, +die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, möchte man in etwas verändertem +Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zügen spricht +kein Herz!" Auch von dieser unglücklichen Nebenbuhlerin Elisabeths +werden hier viel Briefe aufbewahrt, größtenteils in französischer Sprache. +Besonders rührend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend +und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte, +ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt +bereitete. + +Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche +Wilhelm der Eroberer [Fußnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028 +als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie. +1051-52 weilte er als Gast König Eduards des Bekenners in England, +der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England-- +er ließ sich 1066 in Westminster krönen--stieß das Land +in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstände; dennoch gelang es +ihm, ein autokratisches Königtum in England zu errichten und ein +streng durchgeführtes feudales Lehenssystem zu begründen.] +an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand +in französischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch +und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte +war er bloß aus Liebe zu dem Volke herübergekommen, um dieses +glücklich zu machen. + +Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man", +so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen +und Änderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen +den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht +ist auf kleinen Papierstücken sehr schlecht und unleserlich +niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette, +ja sogar auf den Rändern alter Zeitungsblätter, und dann mit Stecknadeln +und seidenen Fäden bestmöglichst zusammengeflickt. + +Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend +das Heiligtum der Engländer, die ursprüngliche Magna Charta, +[Fußnote: liberatum, The Great Charter; Privileg für die englischen Stände, +am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus, +Adel und Städten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung, +Widerstandsrecht gegen willkürliche Bestrafung, persönliche Freiheit +und persönlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie +verloren und ward glücklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem +ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen +zum Maßnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch +etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher, +kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten +mit Ehrfurcht betrachtet. + +Gern wären wir an einem anderen Tage ins Museum zurückgekehrt, +aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch. +Zuviel Fremde wünschten das Museum zu sehen, als daß die nämlichen +öfter als einmal dazu kommen könnten. Nur wenige Personen dürfen +zugleich zugelassen werden, und man muß sich lange zuvor um die Erlaubnis +dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar öffentlich gezeigt, +aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden +Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrängt +zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will, +kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern +erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen +wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages +den Arbeitenden offen. + + + +Herrn Whitbreads Brauerei + + +Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren +und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, größer wie ein Haus +in den Hochlanden! Kühlfässer wie Meere!--Diese Brauerei verdiente +in Walhalla für Odins Helden den stärkenden Gerstentrank zu bereiten. + +Ohne fernere Ausrufungen können wir versichern, daß sie wenigstens +zu Londons ersten Sehenswürdigkeiten gehört. Der alte König, +welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause +ein Frühstück ein, das dem Eigentümer auf fünfzehnhundert Pfund Sterling +zu stehen kam, und der berühmte englische Dichter, Peter Pindar +[Fußnote: Pseudonym für John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher. +1778 kam er nach London und wurde ein gefürchteter Satiriker, +der weder vor der königlichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus +zurückschreckte.], war beflissen, diese merkwürdige Begebenheit +in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem +fragte damals der König Herrn Whitbread: wie viel Fässer er besitze? +Die Antwort war: "Der Länge nach dicht aneinandergelegt, möchten sie wohl +von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor +zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese +ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads +gar nicht unwahrscheinlich. + +Eine nicht große, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine +ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste, +geräuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, daß sie +die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschäftigen Pferden verrichtet. +Sie schafft das nötige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter +durch unterirdische Kanäle quer über die Straße in ein anderes Gebäude, +wo er in Fässer gefüllt wird, bringt die Fässer zum Aufladen +aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, rührt es in den zwanzig Fuß +tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen +Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebäudes. + +Dort sind auch die ungeheuer großen, aber nur sechs Zoll tiefen +Kühlschiffe oder Zisternen zum Abkühlen des Porters; wahre Seen, +von denen man uns versicherte, sie würden fünf englische Acker +Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen, +um kalt zu werden. Alles in dieser großen Anstalt trägt das Gepräge +der höchsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender +Leichtigkeit vonstatten. + +Täglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue +Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung +bedacht, welche die drei großen Kessel, jeder zu fünfhundert Fuß, +erfordern. Zweihundert Arbeiter werden täglich beschäftig und +achtzig ungeheuer große Pferde. Letztere sind vielleicht die größten Tiere +ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben, +welches krankheitshalber getötet werden mußte, wogen vierundzwanzig +Pfund. Wahre Pferderiesen! + +In einem Gebäude, hoch und groß wie eine Kirche, stehen neunundvierzig +große Fässer, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn +zum Gebrauch in kleinere abfüllt. Dadurch, daß er eine Zeitlang +in so großer Masse beisammenbleibt, soll er vorzüglich verbessert werden. +Wäre das Faß, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen, +so konnte der Philosoph füglich an einem runden Tische zwölf Personen +bewirten und noch ein artiges Boudoir für sich behalten. +Das größte dieser Fässer hat oben eine Art Balkon, zu welchem +eine Treppe führt, es ist siebenundzwanzig Fuß hoch und hält +zweiundzwanzig Fuß im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen, +etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten +gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz, +mehrere enthalten dreitausendfünfhundert gewöhnliche Fässer; +der Heidelberger Kollege [Fußnote: das bekannte "Große Faß" +im Heidelberger Schloß] käme in dieser respektablen Gesellschaft +um seinen Ruhm. + +Als wir das Haus verließen, waren wir wie betrunken vom Geruche +des Porters; man müßte in dieser Atmosphäre schon von der Luft leben +können. Die darin beschäftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus, +als ob sie sich auf solche Experimente einließen. + + + +Greenwich + + +Mitten im Geräusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City, +an der Londoner Brücke, schifften wir uns auf einem der Boote ein, +die, so wie die Fiaker in den Straßen, auf der Themse numeriert +und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen. + +Diese Brücke, die älteste der drei, welche in London über die Themse +führen, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden, +um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen. +Wie die Brücke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng +für den mächtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestüm drängt er sich +wild brausend hindurch und verschlingt jährlich mehrere Opfer, +welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier +durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen müssen. + +Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit +der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt +wie die befahrenste Landstraße von Barken und kleinen Fahrzeugen +aller Art; eben ankommende oder abgehende große Schiffe bewegen sich +majestätisch durch sie hin, von allen Seiten ertönt das Rufen +des fröhlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen +durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschäftigten Arbeiter +an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkündigt hier +den Markt der Welt. + +Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes +uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten. +Endlich, fünf englische Meilen von der Stadt, breitete sich +das Invalidenhospital von Greenwich [Fußnote: 1694 gegründet +und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht; +gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.] +mit seiner schönen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen +prächtig und groß vor unseren Augen aus. + +Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden +Elementen endlich ermüdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz; +denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier +voneinander ganz abgesondert liegende Gebäude, die aber, +von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger großer Palast sich +ausnehmen, geziert mit Säulen, Balustraden und aller Pracht +der neueren Architektur. Eine große Terrasse, die eine entzückende +Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom, +zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg +Georg der Erste [Fußnote: (1660-1727); Kurfürst von Hannover, +erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben +der Königin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714 +hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, über welches +er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James +gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Könige schloß! + +Das ganze Gebäude ist aus schönen Quadersteinen erbaut. Vorzüglich +bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmückte Kapelle. +Sie prangt mit Marmorsäulen, einem gut gemalten Plafond und jeder +einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schöne große Hallen +dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter, +besonders zeichnet sich die größte, mit einer Kuppel versehene Halle aus; +sie ist hundertsechs Fuß lang und hat einen gut gemalten Plafond, +schöne Säulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf +einem Hügel erbauten Sternwarte umgibt das Gebäude von der anderen Seite. + +Es war ein schöner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestätte +am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und +auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz +ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See +stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut. +Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem mühevollen Leben aus. +Sie wohnen fürstlich, werden gut genährt und gepflegt, alle zwei +Jahre neu, anständig, bequem gekleidet und erhalten wöchentlich +ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedürfnissen +und Vergnügungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet. +Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem, +was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch +darin und kämpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen +Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemälden, welche diese vorstellen +und die Wände ihrer Speise- und Wohnsäle schmücken. + +Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen. +In langen, hohen, luftigen Sälen, welche zur Winterszeit von +mehreren großen Kaminen erwärmt werden, sind auf der den Fenstern +entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajüten ähnlicher Kabinette +dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach +dem Saale ausgehenden Tür zwei Fenster und ist groß genug, +um ein nach englischer Art geräumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl +und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres +als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster +und Bett sind mit reinlichen Vorhängen versehen, an den Wänden +auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und +Teekästen, Gläser, Tassen und dergleichen in gefälliger Ordnung. +Kupferstiche zieren die Wände. Jeder hängt daran nach Gefallen Bildnisse +des Königs, der Königin oder berühmter Seehelden auf; dazwischen +Seeschlachten, Häfen und auch wohl manche lustige Karikatur. + +Hundertvierzig Witwen verdienter Seemänner wohnen ebenfalls im Hause, +sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken +und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen +selbst. Auch für die Waisen der gebliebenen Seemänner ist hier +gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile +des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Väter erzogen. Noch +dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten +außer demselben Pensionen. + + + +Die St. Paulskirche + + +[Fußnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen +1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes, +auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten, +dessen Pläne ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung +Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan +des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden +Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und +wählten dafür die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas, +die Kirche wäre nach der Peterskirche in Rom die größte, ist irrig; +die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls +größer.] + +Das Äußere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt. +Leider übersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser +als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten +Standpunkt dafür gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom +die größte in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof +eingeklemmt zwischen Häusern, umgeben von engen Straßen. +Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz +übersehen könnte, überall drängt sich die Architektur vor und +verhindert eine reine Übersicht. + +Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare große Gebäude +dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer, +denn leicht übersieht man einige wenige Statuen und eine kleine, +zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich +in einem der Flügel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche +erbaut ist. Überall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille +und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geräte gewahr, +welches die Menschen nötig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe +zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im höchsten Sinne +des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit, +die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten +in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar +der Dom sich wölbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war +kein erhebendes, es war mehr ein beängstigendes Gefühl. +Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken +und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Größe dieser +Steinmasse uns erst recht anschaulich. + +Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureißen. +Solche Pygmäen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche +dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportürmten, +und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste, +noch ehe es sich in die Lüfte erhob. Ja, er dachte es sich noch +weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kräfte +der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmühten und doch nicht +deutlich wußten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister +und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der mächtigen +Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt +längst eine Wüste ward wie Palmyra und Persepolis. + +Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume, +in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner +ertönte es durch das weite Gewölbe, als man oben auf der Galerie, +die am Fuße des Doms rings um denselben hinläuft, eine Tür zuwarf. +Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick +von dort hinab und hinauf. In der Höhe glaubt man eine zweite Kirche +sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewölbe +des Doms. In der Tiefe scheint der aus großen schwarzen und weißen +Marmorquadern zusammengesetzte Fußboden wie feines Mosaik. +Die Galerie heißt die Flüstergalerie, Whispering Gallery, weil das +an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich +vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen +die Wand gesprochen wird. + +Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis außen, wo auf +der höchsten Höhe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt. +Wir betraten die ihren Fuß umgebende Galerie mit der Hoffnung, +aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns +die Nähe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft +die Ferne. + +Ein Trupp Matrosen, den wir mit großem Geräusche heraufsteigen +hörten, trieb uns hinunter. + +Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunächst gelegene +sehr volkreiche Straße nach Hause gingen, sahen wir alle Fußgänger +still stehen und ängstlich nach dem von unten sehr klein +scheinenden Kreuze hinblicken, welches über einer Kugel oben +auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir +sahen natürlicherweise hin und bemerkten etwas oben am äußersten +Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases +entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin +in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende +Vergnügen, auf dieser entsetzlichen Höhe allerhand gefährliche +Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine +zu stehen, bloß um die Zuschauer unten in ängstliche Bewunderung +zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen +schwankenden Mastkorbe, gewiß längst jede Idee von Schwindel +verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt +trotz seiner Höhe wohl gar nicht gefährlich dünken, während +uns andere beim bloßen Anblick banges Grausen ergriff. + + + +Der Tower + + +[Fußnote: alte Stadtfestung und Gefängnis von London; ältester +Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Gräben +wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den +zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.] + +Wir wollen die Löwen sehen, sagen die englischen Pächter- und +Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt +und ihren Merkwürdigkeiten unternehmen. Diese Löwen, eigentlich +die im Tower aufgewahrte königliche Menagerie, dienen ihnen, +als die Hauptmerkwürdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles +Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt +ihrer Residenz durch diese Popularität etwas verrufen, und +ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen. +Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches, +mit dem hohen Stil ganz Unverträgliches zu unternehmen, +und suchten den Tower mit seinen Löwen am äußersten Ende der City auf, +wo er nahe am Ufer der Themse liegt. + +Grämlich und düster blickt dieser uralte Schauplatz unzähliger +Greuel mit seinen grauen Türmen über den ihn umgebenden Wassergraben. +In einem dicht über demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewölbe +ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher +hineingeführt wurden. Sie heißt das Tor der Verräter, Traitor's Gate; +man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange, +der sich hinter ihnen oft für immer verschloß. + +Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not +für eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen +vergitterten Fenster über dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer, +in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen +Söhne seines Bruders ersticken ließ, als sie eben sanft und ruhig +im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr träumten. +Uns gelüstete nicht, das Mordzimmer zu betreten. + +Eine alte Sage gibt Julius Cäsar für den ersten Erbauer dieser Veste +an; die Geschichte aber sagt uns, daß Wilhelm der Eroberer +in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine +vielgeliebten Londoner im gehörigen Respekt zu erhalten. Man sieht +es dem sehr weitläufigen Ganzen an, daß kein fester Plan bei dessen +Gründung vorwaltete, sondern während der Regierung mehrerer Könige +bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward. + +Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschließt +in seinem Bezirke mehrere Straßen, eine Kirche, Magazine, Kasernen +für die Garnison, Häuser für die Offiziere, Zeughäuser, die Münze, +nebst Wohnungen für die dabei beschäftigten Offizianten und sonst +noch mancherlei Gebäude. Ein breiter Wassergraben läuft ringsumher, +und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art +Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen +Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen +Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder +Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden +Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten +Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen trägt gleich am Eintritte +dazu bei, uns in frühe dunkle Jahrhunderte zu versetzen. + +Die Münze mit den dazugehörigen Gebäuden nimmt ein gutes Drittel +des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weiße Turm, +die Schatzkammer und die Löwen zu sehen. Letzteren machten wir +zuerst unseren Besuch. + +Nicht nur Löwen werden hier in einer besonderen Abteilung +in starken Käfigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und +mehrere Arten wilder Bewohner der Wüsten, grimmige stattliche Bestien, +denen man es ansieht, daß sie gut gehalten werden. Nach englischer +Sitte hat jede derselben außer dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer +in ihrem Käfig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen +Namen, besonders die Löwinnen; da findet man eine Miß Howe, Miß Jenny, +Miß Charlotte, Miß Nanny, als wäre man auf einer englischen Assemblee. +Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es +ist merkwürdig, daß diese gerade die wildesten und unbändigsten sind. + +Die Kronjuwelen [Fußnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.], +welche ebenfalls der Tower aufbewahrt, +zeigt man auf eine wunderlich ängstliche Weise, die sehr +gegen die Liberalität absticht, mit welcher Fremde im Dresdner +grünen Gewölbe herumgeführt werden. Der uns leitende Ochsenfresser +öffnete uns eine kleine Türe, wir traten hinein und mußten uns alle +in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tür ward +hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen +steinernen, ganz dunklen Gewölbe wie in einem Gefängnis. +Die unerwartete Finsternis blendete uns; es währte lange, +ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und +hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern. + +Dieser etwas drachenähnliche Hüter unterirdischer Schätze zeigte uns +nun viele Kostbarkeiten. Manches Stück davon war wegen der alten, +mitunter sehr feinen Arbeit merkwürdig; zum Beispiel ein goldener +Adler, dessen Hals das heilige Öl zur Salbung der Könige enthält; +der goldene Löffel, in welchen der Bischof bei der Krönung +dieses Öl gießt, und vieles uralte Tischgeräte von Gold und Silber. +Dann sahen wir auch das mit französischen Lilien verzierte Zepter, +den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge, +die bei Krönungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch +zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschätzbarem Werte, +ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll groß ist, und ein +wunderschöner Rubin schmücken die Krone, welche der König +im Parlamente auf dem Haupte trägt; die Krone des Prinzen von Wales +wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen, +daß er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese +Herrlichkeiten blitzen von köstlichen Edelsteinen. In der +düsteren Höhle sahen sie wie ein von bösen Geistern bewachter +Feenschatz aus; ihr Wert wird über zwei Millionen Pfund Sterling +angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht +bestimmen kann. + +Von hier wandten wir uns zum weißen Turme, der aber weder ein Turm +noch weiß ist, sondern ein großes viereckiges Gebäude mitten +in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttürme +krönen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist. + +Im ersten Stock sahen wir die der großen spanischen Armada +abgenommenen Trophäen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar +erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei; +die Spanier führten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung +von den besiegten Engländern Auskunft über etwa verborgenen Schätze +zu erpressen. + +In diesem Saale ist eine lebensgroße Puppe zu schauen, +welche die Königin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist, +einen weißen Zelter zu besteigen. Sie trägt die Kleider, +welche Ihre Majestät trug, da sie nach diesem merkwürdigen Siege +zum Volke sprach [Fußnote: Untergang der spanischen Armada +im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.]. +Wir möchten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle +der Elisabeth nach diesem Muster zu kostümieren. Die gute Dame +sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme +aufgekräuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht, +und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch +gepreßte Taille. + +Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn +schönes Haupt fiel [Fußnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.; +1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwürdigkeiten, +von denen der Tower wimmelt. + +Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr großen Saale +aufgestellt. Nimmer hätten wir diesen Mordgewehren zugetraut, +daß sie einen so hübschen Anblick gewähren könnten. Sie sind hier +auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack +geordnet; die Wände blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen +und Säbeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man +daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen, +Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen, +um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden. + +In einem anderen großen Saale sind alle Könige Englands, von +Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen +stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Rüstung zu schauen. +Die zum Teil sehr prächtigen Rüstungen sind die nämlichen, welche +ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat +eine über und über vergoldete Rüstung an; der Ochsenfresser, +unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche +nie getragen. Der berühmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten, +muß ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Rüstung ist +sieben Fuß hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich +der Achte war gewiß ein ansehnlicher Herr; die für ihn in seinem +achtzehnten Jahre verfertigte Rüstung gibt der des John of Gaunt +an Größe wenig nach. + + + +Der Palast von Westminster + + +[Fußnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebäude +sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang +der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch. +Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom +Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.] + +In diesen Überbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner +erbauten Palastes thront jetzt die Göttin Themis [Fußnote: Göttin +der göttlichen und natürlichen Ordnung.]. Gleich den Königen +von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz +sieht von innen und außen sehr zerfallen aus. Neugierig, +den Schauplatz so vieler merkwürdiger Entscheidungen, den Tummelplatz +der berühmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin. + +Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher, +gewölbter Saal, zweihundertfünfundsiebzig Fuß land und vierundsiebzig +breit. Man hält ihn in England für den größten in Europa, dessen Decke +nicht auf Säulen ruht. Dies mögen wir nicht bestreiten, aber trotz +seiner Größe gewährt er keinen brillanten Anblick. Die Wände sind +ohne alle Verzierungen, und die künstlich geschnitzte Decke +von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen +der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nähe +betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke +nicht ohne Kunstwert sein. + +In früheren Zeiten diente diese Halle bei großen Festen und +Schmausereien den Königen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll +darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier +das Parlament versammelt, hier war der große Gerichtshof, +in welchem der König persönlich präsidierte. Der unglückliche +Karl der Erste [Fußnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen +stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit +den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats +vor ein außerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649 +zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall +enthauptet.] ward in dieser Halle verhört und verurteilt, +und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen +seltenen Rechtsfällen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine +andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewöhnlich aber dient +diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade, +bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden. + +Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mänteln, mit großen, +weißgepuderten Perücken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert +ging es übrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte; +keine Wache, kein Türsteher, niemand, der auf Ordnung hielte, +war sichtbar. Auch wir eilten ungestört umher, traten von ungefähr +hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang +und sahen uns plötzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht großen, +nicht schönen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine +Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhöhung hinter einem Tische +saß ein schwarzbemäntelter Herr mit einer gewaltig respektablen +Staatsperücke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend; +wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn +eine Menge Leute gingen mit großen Geräusche aus und ein und +machten einen Lärm, als wären sie für sich allein zu Hause. +Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand +kehrte sich sonderlich daran, der Lärm dauerte fort nach wie vor. +Rund um den Tisch saßen dreißig bis vierzig andere Herren auf Bänken, +ebenfalls mit schwarzen Talaren und weißen, obgleich etwas +kleineren Perücken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner +zuzuhören, so gut es sich bei so bewandten Umständen tun ließ. +Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof, +High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler, +die anderen wären die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel +sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden. +Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus +appellieren. + +Verwundert über die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge +betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher, +durch viele uralte gewölbte Gänge, Treppen auf und ab, kreuz und +quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der großen Halle, +im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench. + +Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe; +derselbe Lärm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Perücken +angetan, die auf einer größeren Erhöhung sich befanden, präsidierten; +einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen, +hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren +Armesündergesichtern, über deren Haupt es eben herzugehen schien. + +Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und +Polizeiverbrechen gerichtet; der berühmte Mr. Erskine [Fußnote: Thomas, +englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler. +Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete +Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Kläger +vor die Schranken. Hoffentlich gönnt man diesen Männern mehr +Aufmerksamkeit, als sonst hier gebräuchlich ist. Nie und nirgends +sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschäft der Welt ist, +die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, +Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise +betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste, +der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte. +Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Lärm +ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, für ihr Geschäft zu verlieren. +Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshöfe +zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden +und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden, +welche wir besuchten. + +Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch +wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt. +Dies ist ein alter, mittelmäßig großer, räucheriger Saal. +Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg über die Armada +vorstellen, bekleiden die Wände; man rühmt ihre Kunstwert, +aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub +und Schmutz haben sie dermaßen entstellt, daß wenig mehr +von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende +des Saals, auf einer Erhöhung, steht der königliche Thron, +der wie der Baldachin einer vom Trödel geholten, altmodischen, +rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten +Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl für +den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stühle für die übrigen +Prinzen. Mitten im Saal liegen vier große viereckige, mit rotem +Zeuge bezogenen Wollsäcke für die Lords, welche zugleich Richter +sind; die übrigen Lords finden ihre Plätze auf einigen zu beiden +Seiten stehenden Reihen Bänken. Ein sehr großer Kamin vollendet +das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke +versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens +hineinfalle. + +So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen +entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und mächtigsten +Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball +Gesetze gäbe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade +diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der, +auf innerem Bewußtsein ruhend, allen äußeren Glanz verachtet. + +Im Unterhause sieht es nicht glänzender aus; nur der Thron +und die Wollsäcke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals +ungefähr die nämliche. Die Wände sind mit braunem Holze getäfelt, +und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie für die, +welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen +werden hier während derselben zugelassen. Auch möchten wenige es +ertragen können, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon +um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis +Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafür gesorgt, +daß man nicht verhungere; denn ein Gastwirt hält in einem +unter dem nämlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen +für die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden +ist's erlaubt, sich in seiner Küche zu erquicken und zu stärken. +Es ist Sitte, daß man nach einer solchen Exkursion seinen Platz +in der Galerie unbesetzt wiederfindet. + +Ursprünglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom +Könige Stephan [Fußnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers, +von 1135-1154 König von England.] dem Schutzheiligen seines Namens +gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie +in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her. +Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, ließ sie +dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gängen und +Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schönsten Werke +gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riß man +einen Teil der Vertäfelung, welche die Wände bekleidet, herab, +um den Saal zu vergrößern. Mit Erstaunen entdeckte man die Überbleibsel +der reichen Verzierungen an der ursprünglichen Mauer und schloß +mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen. +Man fand unschätzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkünstliches +Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glänzend, +als wären sie von gestern; besonders am östlichen Ende der Kapelle, +wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwände +und Decke waren dort mit schönem Schnitzwerke und alten Wappenbildern +ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgroße gemalte Figuren +und ein uraltes Gemälde, die Anbetung der Hirten vorstellend, +für den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte. +Alles wurde barbarischerweise zerstört und gänzlich vernichtet, +um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen, +als gäbe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem +die Herren des Unterhauses sich versammeln könnten. Von aller +dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schönes gotisches Fenster, +durch welches die Sonne jetzt trübe blickt, als vermisse sie +den ehemaligen Glanz. + +Von außen sah das ganze Gebäude traurig und verfallen aus, sowie auch +die schöne, gegenüberstehende, dazugehörige Kirche, die berühmte +Abtei von Westminster. Man wendete wenig Mühe und Kosten daran, +diese Denkmäler früherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen +allmählich ihrem Untergange zusinken zu wollen. + + + +Die Westminster Abtei + + +Diese Behausung berühmter Toter steht öde und trauernd, selbst +einem großen Grabmale vergangener Jahrhunderte ähnlich. Die alte +Herrlichkeit und Schönheit der in der gewöhnlichen Kreuzform +erbauten gotischen Kirche kann man von außen nur ahnen; +denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden, +von welchem es möglich wäre, das Ganze zu überblicken. Zwei schöne +viereckige Türme krönen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach +gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich +erhebenden Türmchen geziert; ein prächtiges Portal führt in +das innere Heiligtum. + +Vom Eingange an der Westseite überblickt man den ganzen Plan desselben. +Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns +in seiner ehrwürdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch +verhältnismäßig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhänden +kühn geschaffene Gewölbe, an welchem Bogen über Bogen sich leicht +und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe +von fünf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch +die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht +verbreitet heilige Dämmerung ringsumher, über alle die unzähligen, +mit unendlichem Kunstfleiße gearbeiteten Verzierungen, welche +diesen ehrwürdigen Tempel schmücken. + +Alles Alte darin ist groß, herzerhebend und erfreulich; +desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd +nimmt sich der moderne, von weißem Marmor im sogenannten +griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen +alten Chor aus, in welchem die englischen Könige gekrönt werden. + +Auch die unzähligen Momente, welche diese Kirche eigentlich überfüllen, +zerstören die Einheit des Gebäudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie +durcheinander, als hätte man sie vor irgendeinem Unfalle hierher +geflüchtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies +Plätzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten, +wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu +verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so +kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgeführt, an die sie lehnen, +und obgleich es ein schöner Gedanke ist, daß eine große Nation +hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Gräbern ihrer Könige, +das Andenken großer, verdienter Männer dankbar aufbewahrt, +so kann man sich doch nicht enthalten zu wünschen, daß dieses +auf eine weniger störende Weise geschehen sein möchte. +Ein großer Teil der Ausführung des schönen Zwecks geht durch +die Art verloren, mit welcher alles unter- und übereinander +gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzählige Spinnweben +muß man sich drängen, um manches Monument in seinem engen Winkel +zu betrachten, und dabei den Kummer zu fühlen, das wahrhaft +Schöne und Große durch soviel Mittelmäßigkeit verdrängt und +entstellt zu sehen. + +Eine Ecke in einem der kürzeren Flügel ward dem höheren Talent +gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel, +The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Händel, Shakespeare, +Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton, +Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope +suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher +hochgefeierte Name muß sich in diesem Pantheon aus Mangel +an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon +mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hölty +so nah verwandten Goldsmith ist über der Türe angebracht. +Händel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er +die Melodie der Sphären und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten. +Im königlichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange +hervor und schaut entzückt und geblendet die neue Szene. +Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt +auf eine herabhängende Pergamentrolle mit folgender Inschrift +aus seinem "Sturm: + + "So werden + Die wolkenhohen Türme, die Paläste, + Die hehren Tempel, selbst der große Ball, + Ja, was daran nur Teil hat, untergehen, + Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug + Wie der zu träumen, und dies kleine Leben + Umfaßt ein Schlaf." + +Unter den im übrigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmäler wird das dem +Lord Mansfield gewidmete und von den Engländern besonders hoch gehalten. +Es ist vom jüngeren Flaxmann gearbeitet [Fußnote: John (1755-1826), +bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham, +Vater des berühmten William Pitt [Fußnote: im Gegensatz zu seinem Vater +der jüngere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine +größten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Großbritanniens +waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit +Irland. Vorkämpfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund +Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst +gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich +ungraziöser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand stützt sich auf's +Knie, die andere hält eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas +niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel +auslöschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schönen, nackten, +weiblichen Figur dargestellt. + +Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham; +viele Tugenden weinen zu seinen Füßen und lassen es unentschieden, +ob seine Rede sie rührt, oder ob er Dinge sagt, über welche +die Tugend weinen muß. + +Auch die traurigen Manen des unglücklichen Majors Andree, der im +amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehängt ward, +finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument. + +Zwölf an die Kirche sich anschließende Kapellen enthalten die Asche +der Könige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths +Zeiten ward keinem Könige ein Monument hier errichtet, obgleich +alle hier begraben lieben. + +Gern betrachteten wir jene alten Denkmäler; fast alle sind große, +viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen +in völliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten +Händen, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir +wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria +von Medici und Karl der Neunte in den gräßlichsten Verzerrungen +des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in +entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Gräbern abgebildet liegen. +Gerührt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie +unweit ihrer Todfeindin und Mörderin gebettet; das Gesicht ihrer +Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden. + +Die älteste der zwölf Kapellen enthält das Grab Eduards des +Bekenners [Fußnote: angelsächsischer König (1042-66) +[Fußnote: König von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus +dem Heiligen Land zurück, nachdem er mehrere Jahre dort gekämpft +hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert, +welche leider größtenteils von ungezogenen Altertumsfreunden +ausgebrochen und mitgenommen wurden. + +Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin, +Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und +Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war, +zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land. +Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen +Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem +so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestärkt durch ihren Anblick, +angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen +bald große Verwüstungen an. Die Ungläubigen rächten sich +aber fürchterlich und tückisch. Sie sandten Meuchelmörder +gegen ihn aus, die ihn mit einem tödlich vergifteten Pfeile +am Arme verletzten. Die Mörder fielen zwar unter den rächenden +Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewußtlos +in sein Zelt getragen. Die Ärzte gaben ihn ohne Rettung verloren, +wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen +und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens +zu erhalten sich entschlösse. Starr und stumm standen all +um das Sterbebette ihres künftigen Königs; sie hatten oft +dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch +konnte keiner zu diesem Opfer sich entschließen. Da eilte Eleonore +herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich +auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die +Augen wieder auf. Mit welchem Gefühl er auf diese Weise sich +dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, fürchtend ihn auf's +neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal +an die treue Brust zu drücken, und nur von ferne, zitternd +vor Freude, vor ihm stand, dafür haben wir keine Worte. +Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden? +War es vielleicht nur bei einer äußeren Verletzung tödlich? +Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre +ein glückliches, schönes Leben an der Seite ihres Gatten, +teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre +später hier ihre letzte Ruhestätte. + +So erzählt die Sage, und zu schön, um ihre Wahrheit zu bezweifeln, +obschon einige berühmte Geschichtsschreiber diese rührende +Begebenheit nicht erwähnen. + +Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter +Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der +Kindheit, aber diesmal führte ihr Genius den Meißel des Künstlers, +ein schützender Engel wachte über das Bild und barg es vor +der zerstörenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von +hoher Schönheit und wunderbarer Güte und Milde auf dieser +ihre Züge der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung. + +Die Gräber Eduards des Dritten [Fußnote: König von England +[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Fußnote: König von England +(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle. + +Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwürdiges Denkmal +alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und +Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf. +Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Könige +bei der Krönung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefügt, +welcher den Königen von Schottland zum Königsthrone diente. +Eduard der Erste ließ ihn von Scone, welches die Leser aus dem +ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen. + +Die dicht daran stoßende Kapelle Heinrichs des Fünften +[Fußnote: König von England (1485-1509] ist wegen ihrer +altertümlichen Pracht eine der merkwürdigsten. Leider liegt der +gute König ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und +Zepter sind seinen Händen entrissen. Alles dies war, dem +solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gemäß, ganz von +gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume +der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen. + +Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren +Namen sie noch führen, enthalten viele für den Altertumsforscher +höchst merkwürdige Gegenstände, viele Belege zur Geschichte +des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter; +selbst das uralte hölzerne Monument des sächsischen Königs Sebert, +welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute. + +Merkwürdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen +seiner Ähnlichkeit und zugleich Unähnlichkeit mit dem berühmten +Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht +der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem +ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten ließ; +neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit, +seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken +ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmöglich sich entschließen, +ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte +durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, während +ihre Vorgängerin zur Rechten läge. Noch auf dem Totenbette +war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge +der rangsüchtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte +ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand weiß, wo ihre +Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens wäre längst verschollen, +wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden +Jahrhunderten aufbewahrt worden wäre. + +Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache, +nur die letzte und schönste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten, +[Fußnote: König von England 1485-1509)] ist daran angebaut, +so daß nur der Eingang dazu in der Kirche steht. + +Dies Gebäude ist eines der schönsten seiner Zeit, aber leider +sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlässigten Zustande, +mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben +notdürftig unterhalten; hätte man die langsam zerstörende Zeit +noch länger ungehindert fortwüten lassen, so wäre bald alles +zu einer schönen Ruine zusammengesunken, die überall sich besser +ausgenommen haben würde als an dieser, dem heiligen Andenken +großer Vorfahren geweihten Stelle. Von außen ist die Kapelle +mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmückt, das Ganze +im schönsten Ebenmaße, leicht und erfreulich. Vierzehn schöne +durchbrochene Türme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der +Kirche aus, dient ein prächtiges, in Stein gehauenes Portal, +welches drei sehr künstlich gearbeitete Gittertüren von +vergoldetem Eisen verschließen. Die Decke ist über und über mit +schöner Bildhauerarbeit von Stein geschmückt, schöne, gewölbte +Bogen, unterstützt von Pfeilern im reinsten Ebenmaße, prächtige +Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur +ist hier zu finden. Unmöglich kann man dieses schöne Überbleibsel +früherer Zeit zu hoch preisen, und wohl wäre es wünschenswert, +daß die Kapelle einen Freund und Verehrer fände, wie der Dom +von Köln ihn an dem Herrn von Boisserée fand, [Fußnote: Sulpiz +und Melchior, zwei Brüder, gebürtige Kölner, deutsche Kunstsammler +und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854) +vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung +des Kölner Doms anregte. + +Zum üblen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830 +in einer Anmerkung ergänzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten +Erscheinen dieses Buches erfüllt, und auch für die bessere +Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher +der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken +der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte. + +Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten +von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze, +umgeben von einem ebensolchen, sehr prächtigen Geländer. +Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze +schmücken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano. + +Außer diesen wirklich merkwürdigen und ehrwürdigen Kunstwerken +werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Könige und +Königinnen in alten Glasschränken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen, +die dem Untergange längst hätten übergeben werden sollen. +Nur das leiht ihnen einiges Interesse, daß sie mit den nämlichen +Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten +trugen. Wüßte besonders die Königin Elisabeth, welch ein +häßliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so würde +die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe +keine Ruhe lassen. + + + +LONDONS UMGEBUNGEN + + +Windsor + + +[Fußnote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III. +ließ es niederreißen und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert +ein neues Schloß bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern +mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV., +und Königin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey +Wyattville.] + +An dem südlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen +westlich von London, thront auf einer Anhöhe das alte stattliche +Schloß von Windsor. Von dieser herab genießt man eine der +ausgebreitetsten Aussichten auf die schöne, reiche Gegend umher. +Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses, +seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Türmen. + +Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schloß, kurze Zeit nachdem er +sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab +es Heinrich der Erste und vergrößerte es. Später erwählte Eduard +der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der +Dritte ward hier geboren. Vorliebe für den Ort, an welchem seine +Wiege stand, bestimmte diesen, das Schloß, welches er zu seiner +Sommerwohnung wählte, nach einem neuen Plane prächtiger zu bauen. +Auch König Karl der Zweite wendete viel auf die Verschönerung +von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt +der Könige von England und ihre gewöhnliche Sommerwohnung. +Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche +Veränderung und Verschönerung damit vorgenommen worden. +Der Schloßgraben ward ausgefüllt, ein Hügel, welcher die Aussicht +gegen Morgen beschränkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden +abgetragen. Dennoch sieht das Schloß noch immer ehrwürdig und +altertümlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten +imponierenden Ansehen verloren haben mag. + +Es hat zwei Höfe, den oberen und unteren; beide werden durch den +sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander +getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats- +und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen +und gegen Süden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof +ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen +Säle und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von höherem, +bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar, +und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwürdigste +unter den Sälen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter +des Ordens vom Hosenbande [Fußnote: Order of the Garter; angesehenster +englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der Überlieferung zufolge +verlor Eduards Geliebte, die Gräfin Salisbury, bei einem Tanz +ihr blaue Strumpfband. Der König hob mit dem Band auch den Rocksaum +der Gräfin auf und entblößte dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert +hinein war es zwar schicklich, die Büste mehr oder minder frei +zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen +zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.]. +Er ist einhundertacht Fuß lang, am Ende desselben steht der +königliche Thron, über diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz +in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande +und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense. + +Die Staatszimmer hängen voll Gemälden, welche man aus Mangel an Zeit +nur zu flüchtig betrachten muß. Dem Anschauer werden im Vorübereilen +die Namen der größten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein +und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael +und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone +der Versammlung. + +Der schönste Punkt von Windsor Castle ist die große, in ihrer Art +einzige Terrasse. Sie erstreckt sich längs der östlichen und +eines Teils der nördlichen Seite des Schlosses, ist +eintausendachthundertsiebzig Fuß lang und von verhältnismäßiger Breite. +Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten +Landschaften hinschlängelt, auf die mannigfaltigen Landhäuser, +Dörfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkähnlichen Wald +von Windsor und die in der Nähe liegenden Gärten, ist über alle +Beschreibung schön und reizend. + +Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die königliche +Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebäude, +welches der südlichen Terrasse gegenüberliegt. Hinter diesem Gebäude +erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel +der großen Terrasse übersieht. In ihm befindet sich ein zweites +Gebäude, das die Prinzessinnen bewohnten. + +Die Königin besaß nahe bei Windsor noch ein kleines, bürgerlich +aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung, +welche sie sehr liebte, heißt Frogmore. Hierher machte sie oft +Landpartien mit ihren Töchtern und einigen Lieblingen unter ihren +Damen. Kleine ländliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen, +Frühstücke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr +beschränkten Familienzirkel. + +In Windsor mußte man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten +die königliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns +Persönlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken, +welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen. +Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen, +wenn man sich nicht präsentieren lassen wollte. Im Theater +erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten +eilten sie zu schnell vorüber, als daß man die Gestalten auffassen +konnte. + +Während ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle +Sonntage morgens in bescheidenen Negligé, nach englischer Sitte, +beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der König +gesund, so versäumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr +des Morgens in der königlichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses +seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls +jedermann zugelassen wurde. Später traf man ihn vormittags oft +in den Wirtschaftsgebäuden, in den Pferdeställen, überall. +Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer +runden braunen Perücke, die ihm völlig das Ansehen eines +wohlhabenden Pächters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hören, +wenn man ihn Farmer George nannte; ländliche Ökonomie war in +früheren Zeiten seine Lieblingsbeschäftigung. + +An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie +auf der großen Terrasse, und dieses gewährte dann einen +in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen +altertümlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Türmen, +von der anderen die oben erwähnte reiche Aussicht auf den Strom, +Feld und Wald im verklärenden Glanze der sinkenden Sonne, +und nun das bunte drängende Gewühl aller Stände, jeden Alters, +beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versäumte es leicht, +Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage +zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner +der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum +geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfällige +Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehälften +und zierlichen trippelnden Misses. + +Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden +nach Windsor geflüchtet und mischten uns unter die bunte Menge. +Auf und ab wogte das Gewühl, die große Terrasse war fast +zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militärischer +Musik auf der Schloßmauer an beiden Ecken der Terrasse. +[Fußnote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande +Musiker. Uns dünkt dies recht charakteristisch."]. Beide +spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich +umeinander zu kümmern; die Entfernung und das Geräusch waren +auch zu groß, als daß sie viel voneinander hätten hören können. +Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung +den ganzen Abend fort zu musizieren. Die königliche Familie +erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe +voraus, um nur einigermaßen Raum für sie zu machen. Man drängte +sich von allen Seiten um sie her. Der König ging zuerst, +an seiner Seite die Königin. Wo er einen Bekannten erblickte, +redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gruß zu, +ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er +nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hörten +verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar +so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft +drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen +Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte; +auch die Königin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen +ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude +zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen +auf den hohen, spitzigen Absätzen, die sie noch immer trug, +wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem +grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Höhe nahm, +mit einem altmodischen Mäntelchen von weißem Taft, sah sie gar +nicht königlich aus. Der König schien oft ganz zu vergessen, daß er +sie führte, und ging, stand oder kehrte plötzlich um, wie es ihm +eben gefiel. + +Hinter dem königlichen Paare wandelten die beiden ältesten Prinzessinnen +am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht. +Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gestützt. +Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden jüngeren Schwestern +am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie +in Prozession durch das Gewühl auf und ab; stand der König, +so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm. + +In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen +wenigstens zwanzigmal, denn so wie der König an einen etwas +menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden +machten ihm viel Vergnügen; selten kehrte er vor der Dämmerung +nach Hause. Wir waren ihrer eher überdrüssig als er, denn er +wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verließen. + +Das Städtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich +den ganz beträchtlichen Hügel hinan, auf welchem das Schloß liegt. +Die Straßen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und +Gehen; auch die Gasthöfe fanden wir weniger gut, als man es +in dieser Nähe des Hofes vermuten sollte. + +Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College, +liegt am Fuße des Hügels, jenseits der Themse, und wird nur +durch eine Brücke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebäude +zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber +ist ein schönes gotisches Gebäude, welches die reiche Landschaft +noch mehr verschönert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute +diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionäre werden dort +auf Kosten des Königs erzogen, aber auch Söhne guter Familien +für Bezahlung darin aufgenommen. Die Schüler sind in zwei Klassen +geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung +in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und +Cambridge haben noch viel Strenges und Klösterliches, sogar +in der Kleidung. Im Monat August werden die Schüler in Eton +examiniert und diejenigen ausgewählt, welche nach Cambridge +gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwölfe unter +diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht, +nach drei Jahren Mitglieder der Universität Cambridge zu werden, +Fellows of the University, welches ehrenvoll und einträglich ist. +Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitläufige, wohlunterhaltene +Gärten umgeben die Schulgebäude. + + + +Die Gärten von Kew + + +Durch den Hyde Park hindurch, vorüber an den schönen Gärten +von Kensington, führt der Weg zu diesen, besonders in botanischer +Hinsicht mit Recht berühmten königlichen Gärten. + +Vier englische Meilen fährt man von Kensington nach Kew zwischen +einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen +Grasplätzen und Gärten eingefaßter Landhäuser. Größtenteils +sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien, +deren Häupter in der Stadt ihren Geschäften nachgehen, während Frau +und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphäre der City, sich hier +einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines ländlichen +Aufenthalts in der schönen Gegend erfreuen. Oft schon erwähnten +wir in diese Blättern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit, +Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb städtischen, +halb ländlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmöglich, +nicht immer in neue Lobsprüche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt, +und sich dabei des Gefühls von häuslicher Ruhe und behaglichen +Wohllebens erinnert, welches ihr bloßer Anblick selbst dem +vorübereilenden Wanderer einflößt. + +Nur die Gärten sind in Kew merkwürdig; das Haus des Königs ist klein, +unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen +Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum +Absteigequartier. Es wird nie von der königlichen Familie bewohnt +und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne würdig. Indessen +war man während unseres dortigen Aufenthalts beschäftigt, +ein großes massives Gebäude zum künftigen Witwensitz der Königin +zu erbauen [Fußnote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV., +1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerfälligeres +als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack +aufgetürmte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine, +spaltenähnliche Fenster, dicke, unbeholfene Säulen geben ihr +eher das Ansehen eines Staatsgefängnisses als der Wohnung einer Königin. + +Die botanischen Gärten von Kew vereinigen eine unzählige +Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen, +und gehören gewiß zu den merkwürdigsten in Europa, wenn sie nicht +vielleicht alle übrigen übertreffen. Die überall wehende englische +Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt +fast alles zusammen, was nur auf Erden wächst. Von der Zeder +des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier +Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kümmerlich +zu vegetieren, sondern üppig zu wachsen, zu grünen und zu blühen. +Der König liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Mühe +auf diese Gärten und freute sich ihres Gedeihens. Der berühmte +Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht, +und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsäglicher Mühe +und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites, +fruchtbares Feld. Auf diese Weise mußte etwas sehr Vollkommenes +entstehen. Das durch die wärmende Seeluft unendlich gemilderte Klima, +der natürlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei, +um der Anstalt das höchste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter +den Wiesen ihren grünen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr +hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden +Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche +selbst im südlichsten Teile von Deutschland den größten Teil des Jahres +im Hause gehalten werden müssen und nur während der Sommermonate dort +der Luft ausgesetzt werden dürfen, wachsen hier üppig im Freien, +wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die großblättrige Myrte, +der duftende Heliotrop und noch viele mehr. + +Es ist eine große Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen +dieser Gärten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten +zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele +der Natur mit Farben und Formen zu ergötzen; dann in die großen +Treibhäuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt +zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des glühend heißen +Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im südlichen Amerika +wächst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen, +und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was +zusammengehört und gleichsam ein für sich bestehendes Ganzes ausmacht. + +Auch die lebendigen Blumen der Lüfte werden hier gepflegt. +Eine große Volière vereinigt eine Menge der schönsten ausländischen +Vögel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges +Wesen treiben, als wären sie zu Hause. In einer größeren Abteilung +des Gartens werden eine Menge der schönsten Gold- und Silberfasanen +gehalten, neben ihnen stolzieren prächtige, zum Teil seltene Pfauen +und mehrere andere Arten größerer fremder Vögel. Mitten in dieser +Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel, +auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservögel +aller Art, mit langen und breiten Schnäbeln, schwimmen auf den +silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen +gravitätisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und +lustig, als wäre es im Vaterlande. + +Auf einer großen grünen Wiese sahen wir ein anderes lustiges +Schauspiel; einige vierzig Känguruhs hüpften darauf in völliger +Freiheit umher. + +Nichts Lächerliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen +Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwänze aufrecht und +machen dabei ganz gewaltige Sätze. Die kurzen Vorderbeinchen, +die sie zum Gehen gar nicht brauchen können, halten sie auf eine +possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl +Mannshöhe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem +die Mütter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal +zu arge Sprünge, so fällt wohl so ein liebes Kleines aus dem +Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfältig +aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzürnten sich ein paar +Männchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfuße +und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel +am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir +dem argen, wilden Treiben dieses närrischen Volkes zu, das uns +oft lautes Lachen abnötigte. + +Als wir die eigentlichen Lustgärten von Kew zu sehen wünschten, +ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt, +und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein +Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir +verdrießlich und ließen unseren Unmut untereinander in gutem, +vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glück hörte dies ein in +der Nähe arbeitender deutscher Gärtner. Der süße Klang aus +dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute +so kräftig an, daß ihm endlich erlaubt wurde, unser Führer zu sein. + +Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche +Bäume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten +mit lichten Gängen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gesträuch. +Besonders reizend erschien uns ein reich geschmückter Blumengarten +mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten. +Nur ein wenig zu überladen mit Gebäuden sind diese Gärten. +Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem Äolus, +dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht; +da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen +Gebäude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee, +römische Ruinen, kurz - viel zu viel für den guten Geschmack. +Keines dieser Gebäude ist ausgezeichnet schön, aber auch keines +seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht +enthalten, manches davon wegzuwünschen; denn dieses bunte Allerlei +wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche +Einfachheit der englischen Parks zu bewundern. + + + +Richmond Hill + + +Ein höchst angenehmer Weg führt durch die Gärten von Kew zu den +daran stoßenden von Richmond. Viele Gebäude, mit denen auch +diese unter der Regierung mehrerer Könige und Königinnen überladen +wurden, sind glücklicherweise wie von selbst verschwunden. +Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem +zauberisch schönen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher +einem großen herrlichen Garten gleicht. + +Nur ein Landhaus der Königin, welches diese oft mit ihrer Familie +besuchte, steht an einem der freundlichsten Plätzchen des Gartens, +einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Könige +erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor +Herschel verfertigter Instrumente merkwürdig sein. Wir besuchten +sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schön, um von ihr +weg den Blick zum Himmel zu wenden. + +Schon von der hübschen steinernen Brücke aus, die nahe vor dem +berühmten Hügel von Richmond über die Themse führt, genießt man +einer entzückenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schönen Villen +geschmückten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr beträchtlichen +Höhe erhebenden grünenden und blühenden Hügel. Weit schöner noch +ist es, wenn man diese Anhöhe ersteigt und nun aus dem Fenster +des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der +reizendsten Täler der Welt. Größere, ausgebreitetere, romantisch +schönere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut +diese überträfe. Ein unaussprechlich süßes Gefühl von Ruhe, +stillem Glück, Freude am Leben ergreift jeden mächtig, der von hier +aus den Blick herabsenkt. Alles grünt und blüht in der herrlichsten, +üppigsten Vegetation. Die höchstmögliche Kultur schmückt das weite, +von einem der schönsten Sröme belebte, von sanft anschwellenden, +waldgekrönten Hügeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine +solche zweite Aussicht dar, und außer dieser Insel kann es keine +ähnliche geben; wo fände man noch dieses frische Grün in Wiese +und Garten, Feld und Wald? + +In mannigfaltigen Biegungen und Krümmen durchströmt die Themse +dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der mächtige Strom, +der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich prächtig weit ausbreitend, +die Schätze aller Weltteile auf seinem Rücken trägt. +Nur schiffbar für kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch +die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schönen tätigen +Lebens in stillem Frieden. Überall trägt sie die klaren Wellen hin, +verschönt, erfrischt, tränkt die Umgebungen und wandert dann +geräuschlos weiter. + +Das üppigste Gedeihen füllt Wald, Höhe und Tal, krönt die Ufer, +die schönen Hügel, so weit das Auge nur reicht. Weiße Giebel +freundlicher Pächterwohnungen, schöne Fassaden prächtiger +mit Säulen geschmückter Villen, Landhäuser, umrankt von +Jelängerjelieber, Türme entfernterer Kirchen, stattliche Schlösser, +freundliche Dörfer und Städtchen blinken überall hervor aus Bäumen +und Gebüsch, in der Höhe und in der Tiefe, in der Nähe und in der +Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstände, +überall ist Lebensgenuß und Freude, nirgends Geräusch und ängstliches +Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes drängt sich alles dies +noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen, +damit alles Schöne und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne +schauen die ehrwürdigen grauen Türme von Windsor von ihrem Hügel +herüber, unten, mehr in der Nähe, breitet sich stattlich das große +königliche Schloß Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde, +nahe an der Themse, liegt das reizende Schloß Strawberry Hill; +dicht daran das aus lauter schönen Häusern zusammengesetzte Dorf +Twickenham mit seiner hübschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich +die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus. + +Es wäre sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umständlich +beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder +können ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht +einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Höhe +von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft +sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abriß, +ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff +die Ähnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim +ersten Anblick. Nur daß dort alles groß, mannigfaltig ausgebreitet +daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch +schmücken nicht unzählige Türme und Gebäude das stille, einsame +Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse krönen. + +Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern +und Strumpfband", Star and Garter, übersieht man all diese +Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schöne Lage, +sondern auch die vorzüglich gute Einrichtung und Bedienung erheben +diesen Gasthof zu einem der ersten in England. + +Ihm gegenüber ist der Eingang zum Park, den man zu den größten +rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen beträgt. +Bescheiden hat die Kunst hier nur für die Bequemlichkeit der +Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudrängen. Zahme Hirsche und +Rehe weiden hier in großer Anzahl zwischen herrlichen Bäumen. +Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher +gebracht, da der alte König dort selten hinkam. Überall im +Park öffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der großen +Landschaft, die man von Richmonds Hügel erblickt; in anderen +Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen, +bilden sie hier neue Ansichten und vervielfältigen den Genuß +ins Unendliche. + + + +Staines. Slough. Oatlands + + +Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der +Themse, fuhren wir durch den schönen Park von Claremont, +alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Städtchen +Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird +Fremden nicht gezeigt. Seine Außenseite verspricht nichts +Außerordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung +und die vielen Gemälde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt. + +Die Gärten von Painshill waren die ersten, welche wir vor +mehreren Jahren bei einem früheren Aufenthalte in London besuchten. +In der Nähe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz, +dessen Promenaden sie an Größe und Schönheit überträfen. +Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen, +langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getäuschter +Hoffnungen für uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill +war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher +Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt +in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig +sahen wir von weitem die schönen Bäume, nach deren Schatten +wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem +hart an ihren Ufern erbauten Städtchen Staines, in dessen +Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging. + +Das frohe, bunte Gewühl der Zuschauer ergötzte uns und zerstreute +schnell den Verdruß über unser Mißgeschick in Painshill und +Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste +an die Jahrmärkte und Kirchmessen, welche in Deutschland +von Zeit zu Zeit Dörfern und kleine Städten Leben und Freude +bringen. + +Dicht neben dem Gasthofe in Staines führt eine hoch und kühn +gewölbte Brücke über den Strom. Nicht ganz so groß als die +bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient +allein, daß man die kleine Reise von London hierher macht, +besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen +Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein kühner Sprung +wirft sie sich über den Strom, und der Pont aux arts in Paris +läßt sich trotz seiner mit Orangenbäumen garnierten Geländer +auf keine Weise mit diesem schönen, wie von Feenhänden +durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen. + +Von Staines führte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine +höchst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht +der Themse, über Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill, +einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet, +die man nur wünschen kann. Von London aus werden oft Landpartien +dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier +verweilen, um alles Schöne mit Muße zu genießen, was Windsor +und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewähren. + +Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem +Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht großen, +aber sehr hübschen, vom Könige ihm geschenkten Hause wohnt +[Fußnote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus +und über 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline +(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein +Empfehlungsschreiben an unseren berühmten Landsmann. Freundlich +empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung +ähnliche Schwester. Während diese die Aufsicht über den Himmel +mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben +auf der Erde so angenehm als möglich und überhob ihn jeder +irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide +ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen +Geschwister in ruhiger, ländlicher Stille hier ein schönes, +glückliches Dasein. + +Die königliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig +ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus, +besonders während des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze +Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten +und liebten sie; überall war man ihres Lobes voll, sowie wir +nur ihren Namen nannten. + +Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft +unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen +Nächten vielleicht zerstörerischer sind als irgendwo, erfreute +sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit. +Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste +Wort für sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen +Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt, +wenigstens wurde es ihnen schwer, sich geläufig darin auszudrücken; +übrigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes +Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation. + +Gefällig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen +Instrumente. Das große Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete +er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast +immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, daß er mit diesen alle +seine wichtigen Entdeckungen machte, und daß nicht die Größe +der Gläser, sondern unablässige Aufmerksamkeit, Fleiß und +Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Höhe brachten, +die er erreicht hatte. + +Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir, +bei unserem Mangel an den dazugehörigen Kenntnissen, durch unsere +Beschreibung es machen könnten. Herschel erschien uns immer +selbst das Merkwürdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach +dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister, +aber uns dünkt doch, daß der Meister immer über sein Werk +erhaben bleibt. + +Doktor Herschel gehörte zu den merkwürdigen Menschen, die ohne +äußere Unterstützung, ohne daß ihre Eltern sie durch eine, ihrem +Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten, +in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen, +hellem Blick und nie zu ermüdendem Mute bei allen Stürmen des +Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater, +ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr für ihn +tun, als daß er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen +Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit, +Französisch zu lernen, und glücklicherweise war sein Lehrer auch +übrigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und +mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des +lernbegierigen Schülers auf das lebhafteste beschäftigten. +Während des siebenjährigen Krieges gingen Herschel und sein Vater +mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England. +Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurück ins +Vaterland, während der Sohn sich entschloß, in London zu bleiben +und dort sein Glück zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht +aufgegangen. Verloren in der Menge, übersehen, zurückgestoßen +überall, gehörte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut +zu verlieren. Er verließ die glänzende Hauptstadt, die dem +schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte, +und wanderte ins nördliche England. Auch hier irrte er eine +Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende +Stätte ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt, +er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen. +Außer den Stunden, welche er seinem Amte widmen mußte, und +einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen +Unterricht verwendete, gab er alle seine übrige Zeit jetzt dem +Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an, +dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er große +Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren +anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien +trieb er für sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium +der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen, +immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine +vollkommene Übersicht des ihm zunächst gelegenen, der Theorie +der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik +und allen ihr verwandten Wissenschaften. + +So verflossen ihm in Halifax einige von ihm höchst nützlich +verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls +als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem +einmal erwählten Stande, er mußte in den Assemblee-Sälen spielen, +in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht, +in seinem eigentümlichen Berufe fortzufahren. Trotz der überhäuften +Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der +glänzenden Außenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu +und verwachte viele Nächte bei den abstraktesten Gegenständen. + +Astronomie und Optik beschäftigten ihn jetzt fast ausschließend. +Mit unbeschreiblichem Vergnügen betrachtete er den gestirnten Himmel +durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich +erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat +zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten, +schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er möge ihm für's erste +ein größeres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert +über den dafür geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht, +ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak +nicht wenig darüber, denn die verlangte Summe schien ihm +unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen, +faßte er jetzt den kühnen Entschluß, selbst ein solches Instrument, +wie er es sich wünschte, zu verfertigen. Nach unendlichen +fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln, +immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm +endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten, +fünffüßigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er +weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor +nie gesehenen Größe und hielt doch fest bei seinem einmal +angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glänzenden +Konzertsälen, während der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen +und kehrte dann zur rechten Zeit zurück zum Notenpulte. + +Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen +Entdeckungen. Herschel ward berühmt und zuletzt drang sein Ruf +bis zum Könige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen +Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten, +gab ihm eine lebenslängliche Pension und räumte ihm die Wohnung +in Slough ein, wo wir so glücklich waren, den ehrenwerten Mann +persönlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor +einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphären belauschte. + +Von Slough nahmen wir unseren Weg über Oatlands zurück nach London. +Diese einsame ländliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen +Prinzessin Friederike von Preußen [Fußnote: Gattin des Herzogs +von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete. +Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjähriger Ehe. +Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren berühmt, und auch +der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin +des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern +der Themse, fast am äußersten Ende des schönen Tals, welches +der Blick von Richmonds Hügel aus beherrscht. Hier wohnte diese +Fürstin, die Tochter König Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind +schon der Liebling ihres großen Oheims, beinahe das ganze Jahr +hindurch in klösterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen. +Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und +brachte Abwechslung in ihr einförmiges Leben. Ihre Hauptbeschäftigung +waren wunderschöne Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen +bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen dämmerte, ging sie +gewöhnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder +zu sinken begann. + +Der böse Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise +begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns +auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder +nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt +wird, und hätten durchaus an einem Sonntage kommen sollen, +versicherte uns eine alte, ziemlich grämliche, korpulente Dame, +die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter +und verdrießlicher Berliner Mops und wies uns knurrend die +weißen Zähne. Trotz dieser trüben Aspekte versuchten wir unsere +Redekünste und glücklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten +ihr vor, wie wir ausdrücklich aus Deutschland über's Meer +hierher gekommen wären, um unseren Landsleuten hernach sagen zu können, +wie es in der Wohnung unserer Prinzessin aussähe und wie es ihr erginge? +Dies rührte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher, +der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb +ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin, +und machte zuletzt noch eine große Toilette, um uns selbst +ins Schloß zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops +gesellig neben uns her. + +In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schönen großen +Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schönsten +und seltensten Pflanzen. Eine Menge großer und kleiner, lang- und +kurzgeschwänzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin +liebte diese und alle Tiere, welche sich zur häuslichen Geselligkeit +erziehen lassen. Fremde und einheimische Vögel, Papageien, +Hunde aller Art fanden wir in großer Anzahl überall in und um +ihre Wohnung. + +Die größte Zierde des nicht groß, nicht prächtig, sondern +ganz einfach und fast bürgerlich eingerichteten Schlosses waren +die künstlichen Stickereien der Fürstin und ihrer Damen. +Die Spaziergänge fanden wir sehr angenehm, sehenswürdig allein +eine schöne, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus +Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes +Bad enthält. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen +Gräber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Fürstin. +Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich +der Große in Sanssouci für seine vierbeinigen Freunde einrichtete +und in dessen Mitte er einst, in einer trüben Stunde, sein eigenes +Grab bereiten ließ. + + + +Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset + + +Die nördlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe +bei London mit unzähligen Magazinen, Schiffswerften und anderen +dem Seehandel unentbehrlichen Gebäuden bedeckt. Hier auf der +befahrensten Straße zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten +Tätigkeit geweiht, und die ländlichen Freuden fliehen von selbst +diesen ewigen Lärm, wo der Amboß und der laute Ruf einer zahllosen +Menge arbeitender Menschen unaufhörlich ertönt. + +Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage: +die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft +Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit. +Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund +Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschädigt +die Unternehmer für ihre Auslage vollkommen, denn alle +Westindienfahrer müssen in diesem durch Kunst hervorgebrachten +Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei +ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloß zum Laden dient, +das größere zwei- bis dreihundert große Schiffe beherbergen kann, +die darin sicher und bequem unter Schloß und Riegel liegen. + +Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen. +Schöne breite Quais, belebt von allem Gewühl des Seehandels, +umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Paläste +gleich, stehen die großen prächtigen Magazine die Quais entland; +kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Größe des Ganzen scheint +es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewährt dem Handel +nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren +beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl, +in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den übrigen +Fahrzeugen, welche den Hafen überfüllen. Da die Westindienfahrer +gewöhnlich in großen Flotten zugleich anlangen, so entstand +bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung, +ein fürchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich +bringende Gedränge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt, +und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten. + +Den prächtigen Docks gegenüber breitet sich das stattliche +Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit +liegenden Boote quer über die Themse zu schiffen, so ist man +in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter +in dem schönen Park von Greenwich und die friedlichste Stille +umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der +gelderwerbenden Menge tönt mehr herüber. + +Hinter dem Park erstreckt sich die nicht große, aber als +Haupttummelplatz englischer Straßenräuber berüchtigte Heide +von Blackheath, welche jedoch in üblerem Rufe steht, als sie es +verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England +ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte, +die man in den englischen Blättern liest, wurde nur ersonnen, +um den Platz zu füllen, oder den übrigen, oft faden Inhalt +der Neuigkeiten bekannter zu machen. + +Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch +einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir +auf der Reise von Dover nach London sahen. + +Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in +ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die +mächtige Stadt, ihre unzähligen Türme und den Dom von St. Paul +ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten, +wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige +beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur +linken Hand die nicht unbeträchtliche, fast einzig dem Schiffsbau +gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks, +ihren gewühlvollen Schiffswerften, rechts die ihr ähnliche Stadt +Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen +Seemacht nebst vielen dazugehörigen Schmieden, Magazinen und +Fabriken befindet. Das sanfthügelige Land ringsumher, belebt +durch unzählige Dörfer, trägt ganz den englischen Charakter; +alles ist grün, fruchtbar, angebaut und geschmückt mit +einzelnen Gruppen ehrwürdiger Eichen und Buchen. + +Manchen schönen Park mit seiner Villa, manche reizende ländliche +Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen +von London entlegenen Landstädtchen Bromley. Hier drängen sich +indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend +um Richmond herum, denn es fehlen die höheren Reize, die dort +der alles belebende Strom gewährt, und überhaupt mangelt es +der Grafschaft Kent an Gewässern. + +Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor +mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen +mittelmäßig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verließen +und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden. +Ein schöner Park, angenehme Gärten und Spaziergänge umgeben die +elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke +erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der +Hauptfassade zum Modell. + +Wenige Meilen weiter, nahe beim Städtchen Sevenoaks, liegt Knole, +der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behält +die Gegend denselben Charakter, hügelig, grün, angebaut wie +ein Garten. + +Das durch sein Alter ehrwürdige Schloß liegt mitten in einem +weitläufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht +schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein düsteres, +weitläufiges Gebäude, dessen innere Einrichtung aus einem +wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer +sind ganz modern möbliert, andere, wie sie vor ein paar hundert +Jahren es waren; die übrigen, gerade die am meisten bewohnt +zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt +und nehmen sich eben nicht zum besten aus. + +Besonders merkwürdig für den Forscher nach alter Sitte sind +zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie König Jakob der Erste +[Fußnote: König von Großbritannien und Irland (1603-25), +als König von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.] +es verließ, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen +geschnitzten Bette könnten wenigsten sechs Personen bequem Platz +finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas, +und die zentnerschweren Lehnstühle sind mit kleinen Treppen +zum Hinaufsteigen versehen. + +Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt, +ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus +Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein +zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre +Entstehung eher dem Amboß und Hammer als dem Webstuhle zu +verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken +künstlichen goldenen Stickerei über und über verzierte Decke +desselben würde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre +Schwere erdrücken. Eine silberne Toilette von schöner alter +getriebener Arbeit, ein großer silberner Tisch und ein geschnitzter +Schrank, groß wie ein Haus in den Hochlanden, über und über +besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement +vollständig. + +Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemälde. +Besonders merkwürdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie +voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen +früherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher +vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Wänden auf uns herab. +Zu den letzteren gehört besonders ein sehr charakteristisches +Porträt Cromwells, nächst dem Luthers, dessen bleichen Freundes +Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Porträts +fast aller bekannten und berühmten Gelehrten und Dichter Englands +füllen ein besonderes Kabinett. + +Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmählich; +höhere Berge gewähren dem Reisenden manche schöne Aussicht; bald +zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel; +weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr +pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schöne Ruine eines +uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das +and seinem Fuße liegende Städtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es +fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen +Badeorte Tunbridge Wells. + +Dieser wird sehr häufig besucht, da er nur sechsunddreißig Meilen +von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen +Stunden zurücklegt. Wir würden indessen die Grenzen der nächsten +Umgebung überschreiten, wenn wir uns auf dessen nähere +Beschreibung hier einließen; auch zeichnet er sich weder durch +seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen +ähnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir +dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares +Lebewohl sagen. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland +by Johanna Schopenhauer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10823 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..789610d --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #10823 (https://www.gutenberg.org/ebooks/10823) diff --git a/old/10823-8.txt b/old/10823-8.txt new file mode 100644 index 0000000..ee7c174 --- /dev/null +++ b/old/10823-8.txt @@ -0,0 +1,9734 @@ +The Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland +by Johanna Schopenhauer + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Reise durch England und Schottland + +Author: Johanna Schopenhauer + +Release Date: January 24, 2004 [EBook #10823] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND *** + + + + +Produced by Tina Gr„we + + + + + + +Reise durch England und Schottland + +Johanna Schopenhauer + + + +ENGLAND + +VORLÄUFIGE BEMERKUNGEN ÜBER ENGLAND + + + + +Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen. +Die schönsten Landschaftsgemälden ähnlichen Parks, die Gärten, +die zweckmäßige Einrichtung der Häuser, der raffinierte Luxus, +die Nettigkeit der Ordnung überall, die selbst in dem unbedeutendsten +Hausgeräte sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen +Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wünscht sich alle +diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht +einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefühl von heiterem +Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen, +sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muß man nicht +aufkommen lassen; denn seine Erfüllung ist in diesem Lande mit +so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird. + +Von den Schönheiten des Landes und der Wege, von den bequemen +Gasthöfen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und +in welchen man nur einen wohlgefüllten Beutel braucht, um gleich +so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen +Einrichtung des Postwesens ist überall viel gesagt und geschrieben, +und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste +Ganze gehörig zu loben. + +Für jetzt wollen wir uns aber darauf beschränken, eine allgemeine +Idee eines englischen großen Landhauses mit seinen Umgebungen +aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf +einer Reise von London durch das nördliche England nach Schottland +zu sehen Gelegenheit hatten. + + +Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter +diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus +oder Schloß zunächst umgebenden, eigentlich zu demselben gehörigen +Ländereien und ist gewöhnlich von ziemlichen Umfange. Äcker und Wiesen, +mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von +wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk, +sowie auch einzelne Wirtschaftsgebäude von gefälliger, aber doch +ihre Bestimmung andeutender Form. Überall hat man nach malerischen +Effekten gestrebt, und die sanften Anhöhen und Vertiefungen dieses +Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nützliche +mit dem Schönen vereint. + +Der höchste Schmuck dieses Parks sind die üppige Vegetation der +wohlbestellten Äcker, die unvergleichlich schönen grünen Wiesen und +die prächtigen Bäume, größtenteils Eichen und Buchen, welche überall +in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Bäume das Eigne, +daß sie mehr als in anderen Ländern gleich von der Wurzel an ausschlagen +und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebüsche +sich hinschlängelnde Gänge findet man in keinem Parke; auch Gehölze +sind, wie überall in England, selten. Man könnte sagen, es fehle +Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft +dennoch die Sonne selten recht heiß und hell scheint, der Schatten +entbehrlicher wäre als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien +unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden +Gebäude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus näher +umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen. +Nur in sehr großen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht +hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloß +aus eine Ansicht zu gewähren. + + +An Wasser darf es nie fehlen. Künstliche Wasserfälle kennt man nicht +Und noch weniger Springbrunnen. Fließt aber ein kleiner Fluß oder +nur ein beträchtlicher Bach in der Nähe einer solchen Besitzung, +so muß er, wenn auch mit großen Kosten herbeigeführt, sich in +mannigfaltigen Krümmungen hindurchschlängeln. Fehlt es an lebendigem +Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein +davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natürliche Krümmung, +verdeckt Anfang und Ende mit überhängendem Gebüsche, wirft schöne +Brücken darüber und täuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer +eines Teichs in die unregelmäßigen Umgebungen eines kleinen Sees. +Überall strebt man nach dem Schönen und flieht das Gesuchte, Steife, +Pretiöse. + +Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von +halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf +den grünsten Wiesen der Welt; mit ihnen die schönsten Pferde, Kühe +und Ziegen, besonders in der Nähe des Hauses, wo sich die Wiesen +rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schönen +Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein +geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz. + +Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhöhe, alle Bäume sind +aus seiner nächsten Nähe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne +kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiß in den Zimmern, +teils weil es überhaupt in England nicht heiß ist, teils wegen +der wenigen Fenster, die aber so verständig angebracht sind, +daß jeder Teil des Gebäudes sein hinlängliches Licht hat. + +Die äußere Ansicht der englischen Landhäuser ist aus unzähligen +Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack +darin, oft sind sie mit Verzierungen überladen. Die Hauptfassade ist +gewöhnlich mit Säulen geziert. Sind gleich die Verhältnisse derselben +nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft müßig dazustehen, so +gewähren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plätzchen vor +dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie über den grünen +Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Säulen stehen unzählbare +fremde Gesträuche und Blumen in Vasen, teils auf schönen Gestellen +übereinander getürmt, teils auf den Stufen des Eingang und den Geländern +zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt, +ist unglaublich. Täglich müssen die verblühten hinweggeschafft und +andere an ihre Stelle gesetzt werden. + +Höchst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schätze +werden aus allen Ländern der Welt hierher gezaubert. Doch auch über +diese schönsten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter +der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte +sie gerade die Eriken oder Heidekräuter ihrer besonderen Huld gewürdigt. +Man gab wohl fünfzig und mehr Guineen für so ein geruch-, oft +farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel +der Erde herstammte. Große Orangerien sind in England, außer in den +königlichen Gärten, selten anzutreffen. + +Die innere Einrichtung der Häuser richtet sich hier, wie überall, +nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des +Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben große, +vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Küche, +die Gewölbe zur Bewahrung der Vorräte nebst den Bedientenzimmern befinden. +Letztere sind durchaus gut möbliert, ja die der Haushälterin und des +Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, hübsch +tapeziert, mit Mahagonimöbeln und guten Fußteppichen. Auch bei den +Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, daß sie außer ihren +Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben. + +Aus dem Garten tritt man gewöhnlich zuerst in eine große, hohe, +öfters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemälden oder Statuen, +Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die +verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthält die +Bibliothek, deren schöne Schränke und zierliche Einbände sie zu +einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Häusern +ist es Sitte, daß die Familie sich zum Frühstück darin versammelt. +Sonst gibt es noch Frühstückszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer, +Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours), +Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter +Größe. Überall einfache Pracht, Fußböden, Treppen und Vorplätze +mit schönen Teppichen belegt. + +In vielen Häusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche +mit kühlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von beträchtlicher +Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens +nur an Treppengeländern, großen Eßtischen, Bettstellen; die Möbel +in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden köstlicheren oder +kunstreich lackierten Hölzern. + +Man findet es bürgerlich, unmodisch, lächerlich, die Möbel an den +Wänden hinzustellen, wie es in Deutschland gebräuchlich ist; in den +Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem großen Kreis +umher, so daß noch ein beträchtlicher Raum zum Spazieren zwischen +den Stühlen, Sofas, Tischen und den Wänden übrig bleibt. Die +Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer, +wo eben das Licht am günstigsten fällt und man nicht von der Hitze +nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch müssen wir +der Kamine gedenken, die, künstlich in Marmor gearbeitet oder mit +brillantiertem Stahl geschmückt, eine der größten Zierden der Zimmer +ausmachen. Schöne Vasen und prächtige Kandelaber prangen auf ihren +Gesimsen. Der zweite Stock enthält die Schlafzimmer, welche indessen +den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der +Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen +darf. Oft hörten wir Engländerinnen mit wahrem Grausen von der Sitte +der Französinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum +Besuchszimmer vorzugsweise erwählen. + +So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen. +Kehren wir jetzt zurück zu den nächsten äußeren Umgebungen derselben. + +Die Obst- und Gemüsegärten, die Treibhäuser liegen mit allen zur +inneren Ökonomie gehörigen Gebäuden ganz nahe am herrschaftlichen +Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen. +Diese Bezirke sind es, was der Engländer eigentlich Gärten (Gardens) +nennt. Der zur Fußpromenade bestimmte Teil der Besitzung heißt +Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man +Ähnlichkeit mit den deutschen Parks: Gänge, die sich bald durch +dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlängeln, Tempel, Säulen, +Denkmäler, Ruheplätze und den ganzen architektonischen Reichtum +der neueren Gartenkunst. Alle Gebäude sind von Stein, alle Geländer +und Türen von schönem eisernen Gitterwerk. Hier blühen und grünen +die vielen einheimischen Gesträuche, Bäume und Blumen neben den +aus fremden Ländern herübergebrachten, die stark genug sind, +den Winter im Freien zu ertragen. + +Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfältig vor der Kälte +schützen müssen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen +Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der +Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in +einer Höhe von sechs bis acht Fuß sich an den Mauern hinziehen sehen. + +Obstbäume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verständige +Weise, mit welcher alle Bäume mit Hinsicht auf Höhe, Wuchs und die +dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem +Ganzen einen Zauber, den man fühlt, ohne sich ihn gleich erklären +zu können. Alles ist zur schönsten befriedigenden Einheit gebracht. +Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes +oft getäuscht. Die englischen Gärtner sind wahre Landschaftsmaler +im Großen, ja wir möchten sie fast für die einzigen eigentlichen +Künstler der Nation erklären. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln +der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen, +ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhölzern aller Art, +den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten, +immergrünen Stauden und Sträuchern, deren einige sogar bisweilen +im Dezember blühen, werden sehr schöne Effekte hervorgebracht. +Gewöhnlich sieht man davon in der Nähe des Hauses eine Art Wintergarten +an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem +Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Grün getäuscht, +in den Frühling hineinträumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel +notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist, +der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog, +verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht +auf Kleidung und Vergnügen bis über die Mitte des Junius hinaus. +Dann fängt der Frühling erst an, und so muß der Sommer und mit ihm +der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August +und noch später beginnt, bis nach Weihnachten verlängert werden, +damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe. + +Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr prächtiges Tor, hat zu beiden +Seiten zwei kleine Gebäude, die Wohnung des Türhüters und seiner +Familie, bei welchem sich jeder Einlaßbegehrende vermittelst einer +Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebäuden, the Lodge genannt, +ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im +gotischen Geschmacke, bald im ägyptischen; sie stellen Türme, +griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhäuschen vor, +je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Türhüter +eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Küche und Keller und +allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie +in Deutschland würde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt +zu besitzen. + + + +Woburn-Abbey + + +[Fußnote: Johanna trat die Reise nach längerem Aufenthalt in London +mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an] + +Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum +des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des +größten Ökonomen in England. Sein Bruder, der Ökonomie mit noch +größerem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreißig +Jahre alt, und hinterließ dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem +geistlichen Stande gewidmet hatte, das große Vermögen. + +Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man +uns hier zeigt, waren natürlicherweise die Wirtschaftsgebäude, vor +allem die Viehställe: denn der Herzog, wie seine Vorgänger, beschäftigt +sich hauptsächlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen +die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre. +Sie tragen bei den in England gewöhnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht +der Größe, Schönheit und des Gedeihens gewöhnlich über alle anderen +Mitbewerber den Preis davon. Dafür wird auch alles getan, um ihr +Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen. +Im Schloß wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen ähnlichen +Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in +Kupfer gestochen, und ihr Porträt prangt in den Londoner Kupferstichläden +neben anderen berühmten Porträts von großen Gelehrten oder Ministern. + +So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch +unmöglich, die Ordnung überall und die zweckmäßigen Einrichtungen +ohne Vergnügen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in +diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die ländliche +Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und einträglicher zu machen. +Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide +abzuschälen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine, +womit man in der Mühle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt, +und noch manches andere von dieser Art. + +In den Viehställen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders +da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle. +Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen, +waren so groß und von der Last ihres Fettes so niedergedrückt, daß sie +uns völlig lebensmüde erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene +ihrer Schönheit wegen berühmte Stiere und einige indianische Kühe. +Letztere haben einen geraderen Rücken und einen kleineren Kopf, übrigens +sehen sie wie andere Kühe aus. + +Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwürdigen Bäumen ist +von pittoresker Schönheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin +umher, zu achtzig Stück und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die +schönsten, größten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwänzen. +Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen +erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen; +sie führte ein Bild der schönen goldenen Zeit vor die Seele. + +Das an sich große Schloß zeichnet sich vor andren weder durch besondere +Pracht noch große Schönheit aus. Es ist zu neu, um ehrwürdig, zu alt, +um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; für uns +traf es sich diesmal sehr glücklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer +voll Gemälden, größtenteils Porträts. Sechs große wunderschöne +van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgröße, fielen uns besonders auf. +Dann auch das Porträt des unglücklichen Grafen Essex, ebenfalls in +Lebensgröße. Er hatte eine schlaue, höchst bedeutende Physiognomie +und einen ganz roten Bart. Ihm gegenüber hängt das Porträt der Königin +Elisabeth, im geschmacklosesten, übertriebensten Putz, ohne allen +weiblichen Reiz. Der historischen Gemälde und Landschaften, größtenteils +aus der niederländischen Schule, sind eine große Anzahl, und darunter +gewiß Stücke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek +befindet sich im Schlosse. + +Das Orangeriehaus ist einfach prächtig. Acht große Marmorsäulen tragen +in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben +eine große, mit Basreliefs geschmückte antike Marmorvase, über die man +ein ganzes Buch schreiben könnte und an der wir flüchtig vorübereilen +mußten. + +Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade +angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen +bei schlechtem Wetter und im Winter. Geißblatt, Rosen, echter Jasmin, +Heliotrop und viele andere ähnliche Gewächse umranken die Pfeiler und +die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzählige +seltene und schöne Blumen und Gewächse stehen in Vasen, der Promenade +entlang. + +Ganz in der Nähe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen +und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase. +Alle zur Milcherei gehörigen Gefäße sind darin von seltenem japanischen +und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergänge fanden wir, +im Vergleich mit den übrigen, weder groß noch prächtig, aber +geschmackvoll angelegt. + + + +Stowe's Garden + +Landsitz des Marquis von Buckingham + + +Diese Gärten werden mit Recht für die schönsten und prächtigsten in +England gehalten und liegen in nicht gar großer Entfernung von Woburn. +Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags +Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden +Gasthofe sehr gute Bedienung. + +Stowe's Garden enthält einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Säulen, +Pavillons aller Art. In jedem beschränkteren Platze ist freilich +weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen; +aber hier in diesem großen Raume fällt die Anzahl der Gebäude nur auf, +weil man jedesmal die glückliche Wahl bewundern muß, mit der sie +angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot, +auf eine so kostbare Weise eines der natürlich schönsten Plätzchen +der Erde noch zu verschönern. Unmöglich ist's, diese Gärten durch bloße +Worte darzustellen, man muß sie gesehen haben, um sie sich denken +zu können. Sie bilden die schönste, lieblichste Landschaft, die nur +eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf +klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsächlich ihre Verschönerung +verdanken, lebte hier in der glänzendsten Zeit der englischen Literatur. +Die besten Köpfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem +reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm. + +Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins +zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen +Cobhams und seiner Freunde Büsten in Marmor, eine Art halboffener +Rotunde enthält die Büsten merkwürdiger Menschen, die zu verschiedenen +Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. König Alfred, +Königin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere, +durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das +allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine. + +Eine hohe Säule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem +Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist +inwendig hohl und enthält eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe. +Man genießt oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu. +Eine andere Säule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine +kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers +Kapitän Cook. + +Noch müssen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von +gefärbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt. +Diese Anlagen sind reich an schönen alten Bäumen, besonders Eichen und +Zypressen; ein ungeheuer großer Taxusbaum zeichnet sich besonders aus. +Schattige Gänge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natürliche +Wasserfälle, schöne malerische Brücken, alles ist hier vereint, was +einen solchen Platz nur zu verschönern vermag. + +Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebäude und zwei +Flügeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsäulen getragenen, +weit vorspringenden Attika blühen die seltensten Pflanzen in Blumentöpfen. +Von hier tritt man in die prächtige, durch eine Kuppel von oben +erleuchtete Halle. Am Friese ist ein römischer Triumphzug in Marmor +abgebildet. Marmorsäulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen +stehen marmorne Statuen. + +Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Büsten verzierten +Saal, in dessen Mitte ein schöner Apoll aufgestellt ist. Diese Statue +sowohl als der größte Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken. + +Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum +an Gemälden, meist Niederländern, namentlich Rembrandts, unter anderem +das eigene Porträt dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders +hochgeschätzt werden. Ein Kabinett voller Porträts, größtenteils aus +dem merkwürdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte, +ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison, +der ein höchst gutmütiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein +Originalporträt der unglücklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher +Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint +weit weniger schön, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag +auch wohl die nicht außerordentliche Kunst des Malers daran schuld sein. + +Lady Buckingham und ihre Tochter beschäftigen sich auch mit der Malerei. +Die Mutter malt in Öl, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer +mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich übrigens nichts weiter +sagen läßt, als daß es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn +sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen. + +Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen +hatten, nach Woodstock, einem Städtchen, das auf vielfache Weise bekannt +ist. Das prächtige Schloß Blenheim, welches die Königin Anna ihrem +Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fußnote: John Churchill +(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluß +seiner Frau Sarah auf die Königin Anna, die letzte Herrscherin aus dem +Hause Stuart (1702-14), höchste politische Macht.], zum Dank für seine +erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glänzendsten benannte, +liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzüglichsten, in ganz +England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmäßig, sondern von einzelnen +Arbeitern in ihren Häusern verfertigt. Wir besuchten einen der +geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein +Lieblingsbild mit Gold weggeben muß, so betrachtete der gute Alte seine +besten Scheren und Messer mit wahrem Künstlerschmerz, ehe er sie uns +übergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und +zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das +Wichtigste, was uns beschäftigen könnte. + +In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwürdig. Auf einer +Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein +Landhaus, in welchem die Königin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja +gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, daß +ihre Ansprüche an die Krone von England einst geltend werden würden; +und eben diese Ansprüche, die sie gewiß oft in jenen Zeiten bitter +beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede +Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die +Festigkeit, Klugheit, welche sie späterhin zur weisen, glücklichen +Regentin machten. Wie war es aber möglich, daß diese frühere Erfahrung +des Unglücks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten +und Großen, was weise Männer vor ihrer Zeit dachten und schrieben, +sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen +war, wie konnte sie ihre unglückliche Schwester Leiden fühlen lassen, +welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt +dem fürchterlichen Tode auf dem Blutgerüst weihen! Die Nachwelt ist +gerecht. Jeder Engländer spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe, +und der Name der unglücklichen Maria wird noch überall mit Liebe und +Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglück +und ihre Liebenswürdigkeit lebt noch in allen Herzen. + + + +Blenheim + + +Als wir uns in Woodstock morgens früh anschickten, nach unserer +Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit +Erstaunen, daß ein himmelhoher Phaeton [Fußnote: leichter, eleganter +Wagen], mit zweien ziemlich unbändig scheinenden Schimmeln bespannt, +unser vor der Tür des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns +mit der in solchen Fällen gebräuchlichen Eloquenz, es wäre geradezu +unmöglich den Park zu Fuße zu sehen. Wir fügten uns also +ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefährlich aussehende Fuhrwerk +und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein. +Der Park ist so groß, daß kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt +hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbändig, als sie zuerst +schienen, und die große Höhe des jetzt aus der Mode gekommenen +ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen +nach allen Seiten und den Genuß der verschiedenen sich darbietenden +Aussichten. + +Übrigens wird Blenheim auf eine noch umständlichere und dadurch auch +kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebräuchlich +ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs +Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze +übliche Etikette Einfluß zu haben. + +Ein großes, prächtiges Tor mit zwei Nebengebäuden, die Wohnung des +Türwärters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer +darüber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, daß Lady Sarah diese +Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der +Türhüter empfing uns mit einer wahrscheinlich für diesen Zweck ein +für allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa +fünfzig Schritte neben dem Wagen her, dann ließ er ihn halten. +"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drüben sehen Sie +ein Wasser mit einer schönen geraden Brücke; daneben rechts steht +ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug +und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze +des Obelisks und ist zehn Fuß hoch, so klein sie auch von hier aus +erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute: +denn alles, was wir später in der Nähe sehen sollten, ward hier von +weitem gezeigt, ohne daß man uns Zeit gelassen hätte, der wirklich +mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war +es unmöglich, dem Strome dieser eingeübten Rede Einhalt zu tun. + +Endlich waren wir an dem Orte, wo der lästige Redner, nach der +hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden mußte. Er übergab +uns einem Förster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum +Beschluß, trotz der herzöglichen Livree, die er trug, den endlichen +Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem +er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glück weniger beredt; +bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war. + +Der Park ist einer der schönsten in England. Sanfte Anhöhen, liebliche +Täler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schönsten Grase, +werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere +schöne steinerne Brücken führen über einen Kanal, welchem man sehr +täuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben +wußte. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebäude, der Obelisk +mit der Statue des großen Marlborough und unzählige alte herrliche Bäume +gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Überall sind mannigfaltige +Aussichten auf das Schloß, das Wasser, die Brücken, die Gebäude mit +Auswahl und bescheiden sich verhüllter Kunst veranlaßt. Nachdem wir +alles gehörig bewundert und uns auch mit dem Förster abgefunden hatten, +übergab uns dieser dem Gärtner, welcher uns in den das Schloß in der +Nähe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumführte. +Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so +prächtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muß zwar gefallen, +doch dünkte uns, sie würde sich besser zu jenem kleineren, in +prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so +viel Reichtum ausgestatteten Gärten von Stowe zum Prachtpalaste von +Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher +Weg um einen kleinen See herum und viele vorzüglich große, schöne +Bäume bilden hier die schönsten Partien. + +Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir +am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir +anfangs für die Haushälterin hielten, welche uns, wie das in England +gebräuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle +Engländerinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks +bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und führte uns mit großer +Redseligkeit bis an das Schloß. Hier nahm sie wieder mit unzähligen +Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt wäre, die hohen Herrschaften +(the Quality nannte sie es) mit gebührendem Respekt zu empfangen und +dahin zu sehen, daß sie, wie es sich gehöre, über den Hof begleitet +würden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis, +daß sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit +wechselseitiger Zufriedenheit voneinander. + +Das Schloß ist ein durch seine Größe imponierendes Gebäude; übrigens +schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Säulen, Vasen, Treppen, +Geländern und Türmen verziert oder verunziert. + +Die große Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch, +sehr groß und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie +hat einen schön gemalten Plafond, den marmorne Säulen unterstützen, +schöne, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die übrigen Zimmer +sind von altmodischer Pracht, alles solid und köstlich, wie man es +an diesem Orte erwarten muß. Französische Hautelisse-Tapeten schmücken +mehrere Säle, alle stellen des großen Herzogs Siege vor, sind aber +leider sehr verblichen. + +Die Gemäldesammlung ist sehr groß; eine Magdalena von Tizian und eine +heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben +vorstellend, einige Porträts von van Dyck sind uns bei dem schnellen +Durchfliegen noch einigermaßen im Gedächtnisse geblieben; Raffaele +zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser große Meister +selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederländer sind hier, +verschiedene Gemälde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit +von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mußten wir uns von diesen, +in engen Banden gehaltenen Schätzen wegwenden. Ein großes Gemälde von +Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend, +hängt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostüm tut +ihm Schaden. + +Noch ein großer, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre +mit vieler Wahrheit gemalt, dünkt uns des Erwähnens wert. Der Plafond +stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen +aufhalten. Die Wände sind wie eine offene Halle gemalt; rundum läuft +ein Geländer, hinter welchem alle europäischen Nationen mit +charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen +stehen. Die Figuren, etwas über Lebensgröße, übrigens von täuschender +Wahrheit, ragen halb über das Geländer vor. + +Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend +Bände enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der +Königin Anna in völliger Staatstracht; mit dem Königsmantel, dem langen, +über einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide, +dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine +große Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit +bewundernswürdigem Fleiße in den harten Stein gearbeitet. Auch in +der Bibliothek hängen viele Porträts; der große Herzog und seine Sarah +sind hier abgebildet; sie hält die herzogliche Krone recht fest und +schaut keck und übermütig in die Welt hinein. + +In der Schloßkapelle zeigte man uns das große Grabmal, welches Lady Sarah +sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen ließ. +Die Familie ist in Lebensgröße darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen +Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer +bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke +noch die Ausführung zog uns an. + +Des flüchtigen Sehens überdrüssig, ermüdet von dem Stehen und Gehen +in den vielen großen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurück +und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und +chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwürdiges zu zeigen +sich erbot. + + + +Birmingham und Soho + + +Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fußnote: heute einer der größten +Industriestädte der Welt mit über 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit +Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschönte sich mit +jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Tälern. Wir mußten +zuweilen die Räder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab führte. +Die Aussichten von der Höhe sind sehr reizend. In Birmingham selbst +erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den +Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem großen eleganten Gasthofe +gelangten. Dieser heißt noch immer "Zur Henne mit den Küchlein", +obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich +alle Mühe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln. + +Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit berühmt, ja man +könnte fast behaupten, es gäbe kein Dorf im kultivierten Europa, +vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie +dieser Stadt zu finden wäre, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel +oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage +nicht schön; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstätten, die hier +ihr Wesen treiben, gibt ihr ein düsteres, schmutziges Ansehen. +Überall hört man hämmern und pochen, alles läuft am Tage geschäftig +hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafür +hallen des abends die Straßen vom Geschrei und von Gesängen derer wider, +die sich den Tag über unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten. +In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne lähmenden Schlafe +des ermüdeten Arbeiters abstehlen können, suchen sie in Tavernen +und Spielhäusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag über +nicht denken konnten. + +Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwürdigsten Punkt +dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene +Etablissement des Herrn Boulton [Fußnote: Matthew (1728-1809) +gründete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt; +die Fabrikanlagen in Soho gründete er 1762], zu besuchen. + +Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen +glänzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiß und anhaltendes +Streben nach einem Ziele vermögen, als diesen kleinen freundlichen +Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schöpfer, den achtzigjährigen +Boulton, noch in völliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen, +obgleich sein Körper der Krankheit, dem Alter und der unermüdeten +Arbeit längst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen völlig +gelähmt; im Hause ließ er sich durch zwei rüstige Bediente herumtragen; +im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke, +die in England zum Troste der dort so häufigen Lahmen und Gebrechlichen +erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm +durch einen seiner Freunde empfohlen waren, überall selbst hinzubegleiten. +Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzählte, +wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten +mutig bekämpfte und glücklich überwand. Freundlich erklärte und +zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten, +die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann, +sprangen uns seine blühenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein +Wägelchen und fuhren den glücklichen Greis wie im Triumph davon. + +Achthundert Menschen finden in Soho täglich Arbeit und Brot. +Hier werden englische Kupfermünzen und ausländische, für die +ostindische Compagnie, für Amerika und manche fremde Höfe geprägt. +In Deutschland sagt das Gerücht: Boulton lasse auch die vielen +falschen Münzen fabrizieren, die von England aus Deutschland überschwemmen. +Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit, +als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem +so gefährlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachprägen +fremder Münzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert; +sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in großer Menge, meistens +auf Bestellung spekulativer Köpfe in Deutschland und anderen Ländern, +ziemlich öffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf +diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen +englischer Banknoten und Münzen, wird dieses Geschäft nur ganz heimlich +betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken, +welchen oft eine Knopffabrik zum Aushängeschild dient, nicht fehlen. + +Außer der Münze enthält Soho noch eine große Fabrik von plattierten +Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen. + +Die erstaunenswürdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum +an Steinkohlen für England von unermeßlichem Wert, hat Boulton erst +auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht. +Er verfertigt Dampfmaschinen für ganz Europa und Amerika, läßt aber +diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen, +die seine Gastfreundschaft mißbrauchten und mühsam errungenen Vorteile +ihm abzusehen strebten, während er sie freundlich bei sich aufnahm. +Er sagte uns, wir würden es unartig gefunden haben, daß er in allen +Gasthöfen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement +anschlagen ließ, in welchem er bekanntmachte: daß ohne besondere Empfehlung +an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den +ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associés +alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Störungen veranlaßte, +wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er höchst ungern tat. +"Nichts ist unerträglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen, +das eine Sehenswürdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein; +beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon +aus Höflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu müssen, +und so wußte ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese +unfreundliche Weise." + +Das Wohnhaus in Soho ist ein hübsches, bequemes und großes Gebäude, +überall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben, +mit den prächtigen Villen der Großen des Landes zu wetteifern. Es liegt +sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern übersieht man eine sehr schöne, +reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Hügel +steigen über ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein hübscher Garten +voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende +Promenade, längs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf, +indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Sümpfe austrocknete +und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergießt sich ein +Wasserfall von einem mit schönen Blumen und Bäumen gezierten Hügel. +Alles dieses war vor ungefähr zwanzig Jahren eine öde, sumpfige Heide. + +Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant. +Es ist unmöglich, schönere Formen und bessere Politur zu sehen, +als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem +ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch, +auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach. + +Auf ein Stück Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im +Durchmesser, werden Längen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa +den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen. +Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech +ausgedehnt, so dünne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit +dem Kupfer im nämlichen Verhältnisse. Dieses Blech braucht man zur +Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergerätes, welches eine +Fläche bietet; zu den Henkeln, Füßen und dergleichen nimmt man eine +runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die nämliche Weise, wie +wir oben beschrieben, behandelt wird. Die äußeren Ecken werden den +Gefäßen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten +Verzierungen daran ganz Silber. + +Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwürdig. In einem sehr langen Zimmer +sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhörlich schnell sich drehen. +Eine lange hölzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch +eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird, +setzt sie alle in Bewegung. Mit der größten anscheinenden Leichtigkeit +schleifen die Arbeiter die schönsten Muster auf die Gläser mit einer +bewundernswürdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie +dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten. +Von hier aus kommen größtenteils die schönen Girandolen, Lüster, +Trinkgläser und Prachtvasen, die glänzendste Zierde großer Tafeln, +welche wir oft in den, bei nächtlicher Beleuchtung einem Feenschloß +ähnlichen, flimmernden Glasläden Londons nicht genug bewundern konnten. +Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hölzernen Scheibe, +statt des Schleifsteins, gegeben. + +Die Münze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton ließ aber +einige kleine Geldstücke prägen, um uns den Mechanismus zu zeigen. +Acht Prägstöcke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben; +jeder derselben prägt in einer Minute dreißig bis einhundertzwanzig +Stücke aus, je nachdem sie größer oder kleiner sind, und zwar auf +beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine höchst sinnreich +erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben +geprägte Stück fort und ein noch ungeprägtes an dessen Stelle einschiebt. +Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben. +Das Gepräge der Münzen ist durchgängig schön. Sie sind alle vollkommen +rund, von gleicher Größe und möglichst gleichem Werte. + +In einem anderen Zimmer werden die Münzen geschnitten, ehe sie +geprägt werden; noch in einem anderen nach dem Prägen gereinigt, +indem sie in langen leinenen Säcken hin und her geschwungen werden. +Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt. + +Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch +ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewölbe eine Pumpe durch den Dampf +des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden +Wassers unaufhörlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige große +Räder, diese Räder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern +befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder +hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir +durch's bloße Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen. +Das Wasser muß das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die +Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehöre weit +weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben möchte. + + + +Burton und Derby + + +Von Birmingham reisten wir über Burton [Fußnote: Burton-upon-Trent, +berühmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Mönchen der +Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Güte dieses Bieres wird +auf die Qualität des Wasser zurückgeführt] nach Derby. Burton ist ein +freundliches Städtchen, weltberühmt durch das Ale [Footnote: helles, +alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und +kräftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In +Friedenszeiten gehen jährlich große Sendungen davon nach ganz Europa, +besonders nach Rußland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In +England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in bürgerlichen +Häusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, daß es +sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz +verliert. + +Derby ist eine ziemlich große, aber nicht schöne Stadt. Sie enthält +viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten +ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan +wohl dem Meißner und Sèvres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben, +Vergoldung und Schönheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren +läßt es nichts zu wünschen übrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit +hinter den sächsischen zurück, sowohl in der Erfindung als der Ausführung. +Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade +Nützliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der +höchsten Vollkommenheit. + +Zum erstenmal in England mußten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten, +und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last +reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen +von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen +sind in England gewöhnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher +achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer +eingekerkert hätte, und reisten ab. Die Pferde waren sehr müde: der +Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen; +langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als wären wir +auf irgendeiner Poststraße in der Mark. Wir fürchteten, die armen Tiere +würden zuletzt aus Ermüdung ganz stille stehen. Der Regen strömte heftiger, +und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten +Hälfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen +türmten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach +durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den +Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die +Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde +scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhänge hinab und hinauf, +tief unten brausende Waldströme ließen uns Abgründe neben dem Wege ahnen. +Das Geklapper der vielen Mühlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen +Räder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewässer +ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalköfen), +alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen. + +Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns +indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise +erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort, +den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die +abenteuerliche, ermüdende Reise machte ihn uns doppelt angenehm. + + + +Badeorte + + +Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer +des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es +erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder +weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode +es gewollt hat. Zu diesen Badeplätzen sowohl als zu den im Lande +gelegenen mineralischen Quellen flüchtet jeder, der keine eigene Villa +besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande +entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden. + +Bekanntlich ist dann die Stadt (so heißt London vorzugsweise in ganz +England) leer, obgleich die Straßen von Menschen wimmeln und der Fremde +diese angebliche Öde gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom +Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte +Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt, +die Müßigen, die Reichen, die Glücksritter, alles flüchtet aufs Land +oder ins Bad. Die Seebäder sind im ganzen die besuchtesten und +luxuriösesten. Die mineralischen Quellen werden öfter von der mittleren +Klasse besucht, welche dort mehr ländliche Freuden als rauschende +Ergötzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer +besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrüchigen der +warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fängt dort erst im +Dezember an und währt bis zum Frühjahr. Alle Londoner Freuden sind +alsdann wohlfeiler und nach verjüngtem Maßstabe auch in Bath zu finden. +Deshalb eilen die dorthin, welche gern groß und vornehm leben möchten +und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu können. Viele +große Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Ökonomie +ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen. + +Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, öfter die Not, +so ausgezeichnet schön auch die dortige Gegend ist. Man weiß, wie viele +Opfer die Schwindsucht jährlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle +wird gewöhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen +Ärzten angeraten. Daß es wirklich oft der letzte sei, bezeigen +die vielen Denkmäler auf dem dortigen Gottesacker. + +An allen diesen Plätzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den +kleinen Bädern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger +zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebräuchlich ist, aber +dennoch weit weniger so als in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen. + +In den großen, von den Vornehmen besuchtesten Bädern herrscht eine +strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden, +hiervon ausführlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und +seinen Umgebungen. + + + +Matlock + + +Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens, +ist dieses liebliche Tal eines der schönsten Plätzchen Britanniens. + +Sei es immer, daß seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer +nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden. +Auch sahen die fünfzig oder sechzig Badegäste, die wir hier fanden, +gar nicht aus, als ob Äskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher +gebannt hätte. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben +des Lebens hergeflüchtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schöpfen +und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen. + +Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schönen großen Gasthöfen +und zwei Logierhäusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen +davon. Es ist unmöglich, dies reizende Tal durch bloße Beschreibung +anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da, +durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kühnen Felsen, die bald +schroff und nackt gen Himmel starren, öfter noch ihre mit den schönsten +Bäumen gekrönten Gipfel freundlich erheben. + +Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar +ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser, +voll Fällen und Strudeln. Die Felswände zogen sich enger zusammen, als +wollten sie uns den Weg versperren; die Sträucher am Ufer bildeten Lauben +über den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein. +Dann traten sie wieder zurück, und wir sahen freundliche Hütten, +mit Gärtchen und Wiesenplätzchen untermischt, an ihrer Seite hangen; +stattliche Häuser, große Fabrikgebäude, zu ihren Füßen liegen. +Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergänge ziehen sich +an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurück zu unserem Gasthofe. + +Ihm gegenüber erhebt sich der höchste Fels dieser Gegend. Die Landleute +nennen ihn High Tor. Auf einem größtenteils schattigen, nicht sehr +beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer +Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner üppigen Vegetation. +Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenüberstehenden, +waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebäude des Bades und geben ein +freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser +Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein +zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuß bis hierher gedrungen +wäre, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von +grünen Bergen. Schöne Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase. +Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schönheit der Natur glücklicher +mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der +Badegäste beschränken sich größtenteils auf den Genuß dieser herrlichen +Natur; denn ein Bowling green [Fußnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: +"Ein grüner, solgfältig mit Walzen geglätteter Rasenplatz, zu einem nur +in England gebräuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln +sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergötzen ihnen hier darzubieten wagt. +Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegäste selbst: denn +der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem +Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau; +es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Bäder sind so bequem und +reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann. + +Für den Geologen ist Matlock höchst interessant, die verschiedenen +Steinarten, Flußspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt, +sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Läden in +aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt, +zum Teil roh in sehr schönen Exemplaren für den Liebhaber und Sammler, +der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzähligen anderen +Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen +hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schöner Form und sehen +ungemein glänzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer +Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verführen. + +Noch ist eine versteinernde Quelle [Fußnote: kalksinterhaltiges Wasser] +hier merkwürdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert, +und wenn es länger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Wächter +dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Perücke +und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen. + +Jenseits der Derwent, dem Dorfe schräg gegenüber, liegt Cromford Mill, +die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fußnote: (1732-92), +ursprünglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine, +die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde], +die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans +Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine +mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwürdige +Mann war ursprünglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen +Schwierigkeiten zu bekämpfen, denen ein gewöhnlicher Mann unterlegen wäre. +Er verdiente, mächtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistünden, +und er fand sie; sein großes Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange +genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese +Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz +der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schöne +Villa Wellersley bewohnt. Das von weißen Steinen massiv erbaute Wohnhaus +sowohl als die großen Fabrikgebäude am Ufer des Stromes, beschirmt von +mächtigen Felsen, erhöhen die Schönheit der Gegend. Noch erfreulicher aber +ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den +Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an +einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern +und Mädchen spazieren gehen, umspielt von schönen reinlichen Kindern. + +Die englischen Bauernmädchen und jungen Weiber sind durchgängig +schöne Gestalten, älter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie +gewissermaßen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem +Bande geschmückt, auf einem kleinen schneeweißen Häubchen, steht den +artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu große, weiße musselinene +Halstücher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe, +himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen +kattunenes langes Kleid, hinten künstlich mit Nadeln aufgesteckt, +alles blendend rein bis auf die feinen weißen gewebten Strümpfe [Fußnote: +dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die ärmsten Engländerinnen stricken; +diese Arbeit wird bei ihnen für schimpflich gehalten]. +Dies ist ihr Sonntagskostüm, von welchem das der Wochentage nur durch +dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht. + +Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehörigen +großen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen +Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschön. Die Gärten +enthalten Treibhäuser und eine hübsche Orangerie. Überall sieht man +die segensreichen Früchte des Fleißes und der Industrie. + +An einem frühen Morgen verließen wir endlich ungern das freundliche +Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald +ruhig hinfließenden, bald über Felsstücke wild daherbrausenden Derwent. +Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht +auf das fruchtbare, durch unzählige Fabriken und Häuser belebte Land +eröffneten. Jetzt führte der Weg abwärts; im Morgenlicht schimmerte uns +ein prächtiges Gebäude entgegen. Es war Chatsworth [Fußnote: das Schloß +wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem +Spätrenaissancestil erbaut, anstelle eines älteren Schlosses, in dem Maria +Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordflügel angebaut. +Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das ursprüngliche +Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen +Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkömmlinge, der Herzöge von Devonshire. + +Das Schloß liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter +demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekrönten Scheitel. +Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Grün, +eine sehr schöne steinerne Brücke führt hinüber. Wir fuhren durch +den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe, +von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise. + + + +Chatsworth +Landsitz des Herzogs von Devonshire + + +Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von außen eines der größten +und prächtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig +Fuß lang. Die auswärts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir +sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und +gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese äußere Pracht +sticht auffallend ab gegen die große Stille und Einsamkeit der +wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloß hier +zu eigenen Zwecken entstehen ließ. Auch hatte es einst eine traurige +Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre +Freiheit, jedes Glück des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin +sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach +sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland, +wo sie hingerichtet ward. + +Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthält wenig +Merkwürdiges. Seit Jahren von den Eigentümern nicht besucht, zeigt +es überall nur Spuren alter, allmählich hinsinkender Pracht; dennoch +wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefügt, +und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhäuser +so angenehm macht. Für uns hatte es dennoch ein hohes Interesse. +Im zweiten Stock des ältesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer +der unglücklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und möbliert, +wie sie es bewohnte. Es ist sehr groß und hoch; alte gewirkte Tapeten, +die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, hängen an den Wänden. +Ein hoher Betstuhl steht in der Nähe eines Fensters, die Aussicht aus +demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schöne, +aber höchst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Möbel +im Zimmer, die hohen schweren Stühle mit kleinen Treppen davor, +die eichenen und nußbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns +in jene trüben Tage, welche die schönste und unglücklichste Frau +ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen, +die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da; +uns war, als sähen wir noch die Spuren der einsamen Tränen, die sie +hier verweinte. + +Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen +Zeit fremden Geschmack angelegt. Man könnte ihn altfranzösisch nennen, +wenn er regelmäßiger wäre, doch mag er dies wohl eher gewesen sein; +denn es ist sichtbar, daß viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus +und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande berühmt macht, +sind die Wasserkünste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen +und der Wilhelmshöhe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur daß sie +die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine künstliche, +zwei- bis dreihundert Fuß hohe Kaskade mit Stufen, der es aber, +wie den meisten dieser Art, an hinlänglichem Wasser fehlt, wird zuerst +gezeigt. In einem anderen Bassin muß das Wasser die Gestalt einer +gläsernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem +Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer künstlich gebildet, +das Wasser spritzt schäumend aus seinen Zweigen, er sieht dann +ganz artig aus, als ob er mit großen Eiszapfen und Schnee bedeckt wäre, +kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor. +Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuß hoch +gen Himmel und machen eine recht hübsche Wirkung. Die Engländer, +welche in den ringsumher liegenden Bädern hausen, wallfahrten fleißig +her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu +einem Wunder der Welt. + + + +Castleton + +Voll von Mariens Schicksale und stolz, daß unser Schiller den Briten +den Rang abgewann und ihrem Andenken das schönste Denkmal schuf, +verließen wir das traurig schöne Chatsworth. Nur kurze Zeit noch +und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand. + +Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur +von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns +ängstlich hindurchwinden mußten, die jeden Augenblick den Weg +zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch +ansehnliche Fabrikgebäude von großem Umfange; auch diese ödeste, +schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire. +Es waren deren unzählige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch +die ärmlichsten, aus Feldsteinen aufgetürmten Hütten, vor ihnen +langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Öde, von der +schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkräftet. + +Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Städtchen, +wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem ärmlich +aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshöhle +mit einem Führer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen +unserer bemächtigt hatte. + + + +Die Peaks Höhle + + +Diese sehr berühmte Höhle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben +ist wahrhaft groß und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen +von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Bäumen gekrönten Scheitel. +In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuß +hohes und einhundertzwanzig Fuß breites Tor gewölbt, durch welches man +in undurchdringliches Dunkel zu blicken wähnt. Langsam fließt ein +schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht +hervor. Vor der Wölbung hängen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine; +wildes Gesträuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert +in leichten Kränzen darum her. Felsenstücke hängen herab, Untergang +drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der +Unterwelt dringen will. + +Wir traten in die Höhle, die dunkle Nacht war dem allmählich sich +daran gewöhnenden Auge zur Dämmerung. Bald unterschieden wir darin +eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die ärmlichsten Gestalten, +welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie +in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kümmerlich ihr +armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Hütten, +die sie sich in der Höhle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl +umherstehen sahen. Ungestüm bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns +gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton, +eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen. +Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat. +Die Wärme der Höhle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich +macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewähren, +besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt, +im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so +unfreundliche Wohnung zu wählen. + +Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestüm losgekauft hatten, +kauften wir Lichter. Jeder von uns mußte eins tragen, der Führer trug +deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren +Hintergrund der Höhle. Der Führer machte uns auf einige ungeheuer große +Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne daß wir +die Ähnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten. +Dann öffnete er eine schmale niedrige Tür, und wir standen in einem +großen Gewölbe, von dessen Decke große Felsenstücke, drohender als je, +über unsere Häupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter +machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen. + +Jetzt ward das Gewölbe ganz niedrig. Gebückt, mit unsicherem Tritte +auf dem schlüpfrigen unebenen Boden, mußten wir uns lange durch +eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Höhe, +bald ebenso hinunter. Wir stießen von allen Seiten an die vorragenden +Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur, +das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer, +wir möchten sagen zähe, denn ihr Widerstand schien uns fühlbar. + +Endlich konnten wir unsere Häupter erheben, wir befanden uns in einem +kleinen Gewölbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier, +wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen +langsam dahinwälzt. Wir fanden einen mit Stroh angefüllten Kahn, +in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten. +Der Führer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Hüfte ging, +so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh +lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur +eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke +einzustürzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer, +um darauf fußen zu können. Nie war uns die Idee eines lebendig +Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargähnlichen Kahne +mit der schwarzen, schweren Felsendecke über uns. Der Führer +mußte ganz gebückt waten, ein Stoß an einen der Felsen, der ihn +besinnungslos gemacht hätte, und wir waren verloren auf die +entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschäftigt, +schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer +das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge. +Schwindlig von der Fahrt, mußten wir uns erst eine Weile erholen, +ehe wir um uns blicken konnten, und fast wären wir es beim ersten +Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach +der Aussage des Führers einhundertzwanzig Fuß hoch, zweihundertsiebzig +lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider +zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel +des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt, +ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Höhle war uns +noch bänglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem +Leben war hier fühlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte. + +Mühsam kletterten wir über abgerissene, rauhe Felsstücke und kamen +wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Töne einer +sehr fernen Musik zu uns herüberschlüpften. Der Führer stieg abermals +ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke +auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Höhle, in welcher +das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhörlich niedersinkt, +und die deshalb Rogers Regenhaus heißt, fanden wir eben in diesem +ewigen Tröpfeln die Ursache jener Töne, die uns zuvor wie Musik +aus der Ferne schienen. Der Fußboden war mit tausend wunderlichen +Schnörkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf höchst +beschwerlich, besonders da die ewige Nässe ihn schlüpfrig macht. +Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor. + +So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer höheren, +gewölbten Abteilung der Höhle harrte unser eine sonderbare Überraschung. +Ein Chor von Männern empfing uns mit einem langsamen, eintönigen Gesang. +Lichter in den Händen haltend, die sie hin und her schwenkten, +standen sie fünfzig Fuß hoch über uns in einer Art von Nische, +welche die Natur in einer der Seitenwände geschaffen hatte. +Ihr Gesang war rauh, aus wenig Tönen zusammengesetzt, wild und klagend, +aber dennoch nicht unangenehm. + +Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Ängstlich gebückt +schlichen wir unter und über Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewölbe, +noch grausender und schauerlicher als alle übrigen, und ein schwarzer +Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gähnte dicht +vor unseren Füßen. Der Führer zeigte uns den steilen, furchtbaren +Fußsteig, welcher über schlüpfrige Tropfsteine hinabführt. "Dies ist +der Teufelskeller", sagte er, und indem er plötzlich einen von uns +beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend, +"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich hätte Napoleon hier!"-- +Wir können's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar +Herr, und wir hatten es längst gemerkt, daß er uns für Franzosen hielt. +Indessen faßten wir uns bald und antworteten ihm, daß wir ihm die +Erfüllung dieses Wunsches gern gönnen wollten, wenn nur Napoleon +[Fußnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit +Frankreich] nicht die Gewohnheit hätte, immer mit starker Begleitung zu +kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draußen +geblieben wären, würden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein +Unglück widerführe. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn +etwas höflicher. Unser Erschrecken über das wunderliche Benehmen des +Führers wäre indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon +gewußt hätten, was wir später erfuhren, daß vor mehreren Jahren ein Herr +und eine Dame in einem einspännigen Whisky ohne andere Begleitung +ankamen, gerade vor die Höhle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen +und nie wieder gesehen wurden. + +Der Führer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab. +Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter, +der einhundertfünfzig Fuß tiefer führt; sie lassen bloß den Führer +mit einigen Lichtern hinabgehen und begnügen sich mit dem schauerlichen +Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kühne, bogenähnliche Vertiefungen, +emporstrebende Säulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir +im flimmernden Lichte, das Wasser plätscherte lebendiger im tiefsten Grunde. +Der Führer sagte uns, es wäre dort von kristallener Helle. +Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rückweg an, +ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewöhntes Auge +jetzt in der zweiten Höhle vom Eingang entdeckte, erfreute uns +unbeschreiblich. + +Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens +geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht, +wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig +empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beängstigenden Traume; +alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns +in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller: + + Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht! + Dort unten aber ist's fürchterlich + Und der Mensch versuche die Götter nicht. + +Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir übernachten +wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges, +dicht hinter Castleton, über welchen der Weg führt, ist des Verweilens +wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten +die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschließen. + +Einer dieser Berge heißt Win Hill, der andere Lose Hill, von einer +Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der +merkwürdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der +schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, daß seine Oberfläche sich immer +auflöse und wie Sand herabkrümle, ohne daß er dadurch abnehme. Der +schaudernde heißt er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem +aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, daß Regen und +Wetter jährlich größere und kleinere Fragmente von Mam Tor ablösen, +indem er ungewöhnlich schroff und steil ist, aber auch, daß er, genauen +Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute +bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der +sieben Wunder des Peaks Gebirge. Über unfruchtbare Felsen, öde Heiden +ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht. + + + +Buxton + + +Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch +schönen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in +einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher, +große Schätze verbarg die Natur hier tief im Schoße der Erde, +aber dem Wanderer lächelt sie nicht freundlich entgegen. + +Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls berühmte Pools Höhle; +man versicherte uns, sie wäre nach der von Castleton kaum sehenswert +und überdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es +nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken. +Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle, +welche die Römer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher +Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht übel, und wird +sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele +andere Übel gebraucht. + +Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit +Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe +zierlicher Häuser, hingebracht. Letztere enthalten viele hübsche Wohnungen +für die Brunnengäste und ein paar elegante Gasthöfe, in welchen sich +die zu Bällen und Assembleen bestimmten Säle befinden. Dessen ungeachtet +haben sie das Ansehen eines einzigen großen Prachtgebäudes von mehr als +dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Läden, ein paar +Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von +der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfüllten das Erdgeschoß, +ringsumher läuft ein oben bedeckter Säulengang für die Spaziergänger, +zum Schutze bei dem hier sehr gewöhnlichen Regenwetter. Das Brunnengebäude +und die Bäder liegen ganz in der Nähe. Nach der Morgenpromenade +wird die übrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht, +obgleich die Gegend eben nicht einladend ist. + +Die Jagd macht hier für die Herren eine Hauptergötzlichkeit aus. +Liebhaber davon können auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird, +subskribieren. In England fehlt es überhaupt am Wilde, hier aber +in dieser öden Wüstenei gibt es noch bisweilen Hasen und Füchse, +auch wilde Enten und andere Wasservögel in Menge auf den nahegelegenen +Sümpfen des Strömchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee, +und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig +aufgeputzten Scheune. + +Die größte Merkwürdigkeit sind hier die prächtigen, vom Herzog +von Devonshire erbaute Pferdeställe; man hält sie für die schönsten +und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens mögen sie +diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade, +unter welcher die Pferde, geschützt vor Wind und Regen, den ganzen Tag +nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden, +umschließen sie eine sehr schöne, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebäudes +enthält Wagen-Remisen, und das Ganze ist von beträchtlicher Größe, +so daß es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengäste hier die +Hauptpersonen wären. Ein daran hinfließender Bach dient dazu, +diese Prachtställe reinlich zu halten und fast allen üblen Geruch +zu verbannen. + +Das Interessanteste für uns war eine Fensterscheibe in der Halle, +dem ältesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart +auf ihrer unglücklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb +mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf: + + "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell; + which I perhaps shall see no more, farewell!" + + + +Manchester + + +[Fußnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die +industrielle Umwälzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt +einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevölkerung stieg von 20 000 um +1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803] + +Frühmorgens verließen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese +berühmte, große Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeräuchert, +sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt ähnlich. +Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein, +überall hört man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der +Webstühle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen. + +An Freude und Vergnügen zu denken, hat das arbeitsame Völkchen hier eben +nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier +ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich +winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln; +und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm +ganz kürzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber +ziemlich schwerfällig geraten ist. + +Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen +bloß von Fabriken lebenden Städten, ziemlich fremd. Die Männer erholen +sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermüdenden Arbeit, die Frauen +haben ihre Zirkel unter sich. Wie amüsant aber solch eine Gesellschaft +von lauter Engländerinnen sein mag, wünschten wir lieber zu erraten, +als zu erfahren. + +Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die öffentliche +Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, wäre nicht +übel, führte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf +und ab; so aber hört man unaufhörlich das Geschrei und Geplapper der +armen Verrückten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am +Irrenhause dahinfließenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies +ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergötzlich; doch die Einwohner +von Manchester scheinen sich daran gewöhnt zu haben und lassen sich +durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stören. + +Wir besuchten eine der größten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain +angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzähligen, in vielen +übereinander getürmten Stockwerken angebrachten Räder und Spindeln +in Bewegung. Uns schwindelte in diesen großen Sälen bei dem Anblicke des +mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber +beschäftigt, die nur selten reißenden Fäden der unaufhörlich sich drehenden +Spindeln wieder anzuknüpfen; Kinder wickelten und haspelten das +gesponnene Garn. In einem großen Saale reinigte man die noch ungesponnene +Baumwolle; in großen viereckigen, watteähnlichen Stücken lag sie +ausgebreitet auf großen Tischen; eine Menge Weiber und Mädchen, +in jeder Hand mit einem dünnen Stecken bewaffnet, prügelten lustig +darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren +Kamme ähnliche Maschine getrieben und glich nun einem äußerst dünnen, +aber doch zusammenhängenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie +zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so +durch viele Säle hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares. + +Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren +jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum +Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stücke Garn ganz eigene +Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage ähnliche Maschine zeigte +vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit +der daran gehängten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste, +geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit +Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als wären alle diese Räder hier +das eigentlich Lebendige und die darum beschäftigten Menschen die +Maschinen. + +Betäubt von den gesehenen Wundern verließen wir das Haus und bestiegen +den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von +Bridgewater angelegten Aquädukt [Fußnote: Bridgewater Kanal, verbindet +Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu +verwechseln mit dem 1894 eröffneten Manchester Schiffskanal, der die +Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat +sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst +erworben, sowohl durch Anlegung der Kanäle, die hier den Warentransport +so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der +benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden +mechanischen Lebens sind. Der Aquädukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist +des Herzogs höchster Triumph und erschien uns ein Werk, würdig der +Zeiten der alten Römer. + +Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein +Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, während ein anderes in +entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel +traf durch den glücklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment +unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten +Erstaunens vorüber war, besahen wir uns die Sache näher. Ein schiffbarer +Fluß strömt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal führt auf dem höheren +Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Über den Fluß ist +eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Brücke (anders +wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiß wie? wasserdicht +gemacht, empfängt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um +nicht bloß Kähne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Größe zu tragen. +Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fußsteig gelassen. Wenn +man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das +Dasein der Brücke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein. + +Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr beträchtlichen +Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die +sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in +einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, für +ziemlich große Kähne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter +der Oberfläche führt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen +Stellen breit genug für zwei einander begegnende Kanäle. Über ihm wölbt +sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene +Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land +durchkreuzenden Kanälen in Verbindung. + +Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein großes Tor, +in einen senkrecht steilen, majestätisch hohen Felsen eingehauen. +Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte +dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze für uns +darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit +brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen, +stillen Flut. Unser Führer war über die Maßen redselig und wir merkten bald, +daß er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft +versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort +perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit +gegen die Wände des Gewölbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand +jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, düster, unheimlich war es +um uns her. + +An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewölbter +Gänge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so +niedrig, daß man nur mit Mühe ganz gebückt durchkriechen kann. Die +Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden, +bald auf dem Rücken liegenden Männern mit einer Bergmannshaue +losgebrochen. Die Arbeit schien uns höchst mühsam und beschwerlich, auch +ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben. +Giftige Dämpfe entstehen plötzlich und ersticken den Arbeiter, oder +entzünden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich +nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird, +daß die Flamme seines Lichts blau brennt. Der nächste Augenblick ist +gewöhnlich schon zu spät. + +Nachdem jedes von uns ein Stück Kohle heruntergeschlagen hatte, +was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mußten, waren wir nicht ferner begierig, +tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurück in unser +illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Führer +und erblickten bald darauf wieder das schöne Licht der Sonne. + +Auf dem Rückwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer +ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch +nicht viel Freude zu machen; doch ließ man uns, auf die Fürsprache +unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei +sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen +und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt +sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument +die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte +das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stücke, +gerade so dick, daß sie in die Spalte paßten. Vorher wurden sie +in eine schwärzliche Flüssigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte +gefügt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt +abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepaßte Späne +hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige +Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell +und war gar leicht und artig anzusehen. + + + +Leeds + + +Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire. +Traurig war die erste Hälfte des Weges, wieder mußten wir steile, +himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes, +der sich gewöhnlich ganz England als ein schönes, fruchtbares, +einem Garten ähnliches Land denkt. Öde, unangebaut, ohne Spur +freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier müssen, wie auf den +westfälischen Steppen, durch die wir früher gekommen, die Jahreszeiten +ebenso unmerkbar für die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt +ihnen Gaben, womit sie glücklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum, +kein Kornfeld, keine ländlichen Gärten, aber überall Blei- und Kohlenminen, +Steinbrüche, Schmelzöfen, Ziegelfabriken, unterbrochen von großen, +einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebäuden. + +Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; überall sahen wir +den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, während jener +selbst nur kümmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemälde +menschlichen Fleißes, doch nicht von der erfreulichen Seite. +Wie erheiternd ist doch der Anblick des rüstigen Landmanns, der im +Schweiße seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie +schmückt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner +der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wühlen +muß, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beängstigendes Gefühl +des Mitleids drängte sich uns unwillkürlich auf bei diesem Schauspiele, +das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten. + +Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und ländlicher; wir dachten +des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fußnote: Oliver (1728- +74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemütlicher Dichtung +bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Dörfchen, sein +wirtliches Dach. Wakefield ist ein Städtchen voll Fabriken. + +Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich große Stadt, +welche hauptsächlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt +war von einer höchst traurigen, herzzerreißenden Szene begleitet. +Wir bemerkten mit Erstaunen, daß der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum, +dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau +mit der Gebärde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Mädchen +blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute, +was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn +ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme. +Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Händeringen +rief sie: "Ach, er war der schönste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt, +immer gehorsam und fleißig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis +fröhlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen +und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen, +hier trösten zu wollen? + +Wunderbar ist's, daß in England nicht unendlich viel Kinder verunglücken; +nirgends scheint der alte fromme Glaube, daß jedes seinen eigenen +Engel habe, der es beschützt, einheimischer als hier; denn nirgends +werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst überlassen. +In den Städten und Dörfern, auf den volkreichsten Straßen kriechen +kleine, kaum zweijährige Säuglinge in den Fahrwegen umher, +größere Kinder laufen ohne Furcht im Gewühle zwischen Rädern und +Pferden durch, und der Reisende sitzt ängstlich im pfeilschnell +rollenden Wagen und zürnt über die unachtsamen Mütter. + +Die Tuchfabrikanten machen den größten Teil der Einwohner von Leeds aus; +sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter, +mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er +an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil hält. Diese Halle, +ein großes, ganz bedecktes Gebäude, schließt einen geräumigen Hof +von allen vier Seiten ein und ist einer Börse nicht unähnlich. + +Man macht sehr hübsche Teppiche in Leeds, sie werden auf +gewöhnlichen Webstühlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen, +wie schnell die schönen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht +vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fußdecken für die Zimmer +arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen +zu Treppen und Vorplätzen nur einer. + + +Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall + +Ripon, ein freundliches, reinliches Landstädtchen, liegt in einer +zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough +[Fußnote: ursprünglich Bezeichnung für eine Burg oder eine befestigte +Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough] +und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied +zu wählen und nach London zu schicken. Nun gehören alle Häuser +in Ripon einer alten achtzigjährigen Dame, die unermeßlich reich, +auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Güter +im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige +Grundbesitzerin in Ripon, wählt also dies Mitglied, und das Gewicht, +welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Königreich +erhält, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich +jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miß Lawrence alle ihre Reichtümer +und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon längst über die Jugendjahre +hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern +umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und +erklärt laut: sie würde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich +um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst +kürzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde. +Miß Lawrence ward uns übrigens als sehr gut und auch im Äußern +nicht unliebenswürdig geschildert. + +Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus +enthält nichts besonders Sehenswertes, auch die Außenseite desselben +zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitläufigen Spaziergänge +gehören aber zu den schönsten in England. + +Der Park hat einen, ihn von den gewöhnlichen Parks unterscheidenden +ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, grüne Rasenplätze +trifft man weniger, aber herrliche Schattengänge, unter dem Schutze +himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen, +auf lachenden Höhen und in duftigen Tälern. Mit unbeschreiblichem +Vergnügen wandelten wir hier und ahnten nicht, daß die Krone +des Ganzen uns noch erst wunderbar überraschen sollte. Unser Führer, +ein alter vernünftiger, eisgrauer Gärtner, seit mehr als vierzig Jahren +hier in Dienst, öffnete plötzlich eine kleine, unscheinbare Gartentür, +und wir erblickten in einem lieblichen grünen Tale die schönsten +gotischen Ruinen, die wir je sahen. + +Vom Morgenstrahl gerötet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es +waren die Überbleibsel von Fountains Abbey [Fußnote: in seinem Grundriß +einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergründung: +1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die +Ruinen zählen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwölften +Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfünfzig Jahren +in Trümmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach +fehlt gänzlich, die Seitenwände größtenteils auch; aber noch stehen, wie +trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit +Skulptur gezierte Säulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten; +feste Gewölbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstörung, alles +bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Särge +stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu +unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch +die Kreuzgänge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele +unterirdische Gänge und Gewölbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt +man eine Küche, und an dem die Wand schwärzenden Rauche die Stelle, wo +sonst der Herd stand. + +Fountains Abbey ist ein großes Grab vergangener Zeiten, dennoch drängt +sich überall das frische Leben der ewig jungen Natur üppig hervor. Efeu +umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der +Hoffnung, junge Blumen und Sträuche nicken aus den hohen Bogenfenstern +und von den Kapitellen der Säulen. In der Kirche wandelt man unter dem +Schatten bejahrter Bäume. Überall neues Entstehen mitten unter den +Trümmern der Zerstörung, überall die Lehre, Menschenwerk ist +vergänglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur +waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen. + +Welche Verzierungen für einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles +so kleinlich dagegen zusammen, was selbst große Fürsten auf ihren +Landsitzen unternehmen, um nur etwas ähnliches zu erkünsteln! Der vorige +Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich für eine große Summe, +aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und +sicherte zugleich diese heiligen Überreste zwar nicht gegen den langsam +zerstörenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der +leider überall dem Schönen droht. + +Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt +sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise, +an die wir noch nach Jahren gern zurückdenken werden; hier aber +fühlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur flüchtig +am Schönen vorüberstreifen zu können und es nur im Bilde +davonzutragen. Hier wünschten wir Hütten zu bauen. Wie schön +muß sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Grünend, +blühend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen. +Wege schlängeln sich bald in schwindelnder Höhe, bald tiefer +in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und +blinkt und wogt ein spiegelheller Fluß, von allen Felsen rauschen +und gaukeln Bäche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schäumend, +bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur höchsten Höhe. +Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene +fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben, +und zu unseren Füßen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zögernd, +wider Willen, verließen wir abends diesen lieblichen Ort, über +Berg und Tal rollten wir hin durch den schönen, fruchtbaren Teil +von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem großen, ganz isoliert +liegenden Gasthofe. + + +Englische Gasthöfe + +Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man +auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darüber +zu sagen. Durchgängig, auch in den Städten, sind die englischen Gasthöfe +sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit übertreffen alles, +was man in anderen Ländern in dieser Art antrifft, aber wir möchten +fast behaupten, daß die guten Gasthöfe auf dem Lande wieder die in Städten +in dem Maße übertreffen wie jene die deutschen. + +Die Teuerung ist auch nicht so groß, als man denken möchte, wenn man nur +erst die Sitte kennt. Der Umstand, daß man durchaus nicht portionsweise +speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorräte des Hauses an Fleisch, +Fischen, Gemüsen und dergleichen sind mit der höchsten Sauberkeit und +mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit +Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man +gewöhnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Außer einigem +Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Häuser, in welchen die +öffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch +hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch +gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten +Preis in Gesellschaft speisen können. Außer diesem aber muß der einzelne +Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der +Zubereitung selbst wählen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Wählt +man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein großes Stück, so +bekommt man es ganz auf den Tisch und muß es auch ganz bezahlen, wenn es +gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen würde. Dies ist freilich +nicht angenehm, aber der Landeskundige weiß sich einzurichten und +bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht +teuer. Für das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird, +auch bei längerem Aufenthalt, gewöhnlich nichts gerechnet, es sei denn, +daß man nur im Hause wohne und immer auswärts speise. Im Schlafzimmer +bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen +Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schönsten Matratzen, die +feinsten Bettücher und Decken. Schöne Vorhänge umgeben das Bett, ein +hübscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weiße Nachtmütze und +ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende +Engländer, die immer wenig Gepäck mit sich führen, ohne alle Scheu +bedienen. + +Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit, +tausend kleine Rücksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem +Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Engländer, zum Beispiel, der +nicht zu den vornehmsten Klassen gehört, wird sich weigern, mit andern +aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch +wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum +fehlt. + +Auch in den Städten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim +Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's, +als käme man zu einem längst erwarteten Besuch. Der Wirt öffnet selbst +den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tür steht die Wirtin; +mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend +Mal kurz hintereinander, bemächtigt sich der reisenden Damen sogleich, +führt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise für +ihre Bequemlichkeit, während ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht. +Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren, +so bleibt diese Höflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin +begleiten die Reisenden an den Wagen, danken für die erzeigte Ehre +und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall +einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post für eigene Rechnung +bedienen. + +Je weiter man in's nördliche England dringt und sich Schottland nähert, +je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit +einer Art Kordialität, die unangenehm auffällt. Der Wirt bringt immer +die erste Schüssel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so groß +und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses, +die nur einigermaßen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach +in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen +kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschäftig mit +einem Pfefferbüchsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwärter, Waiters, +scheinen Flügel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug, +und in allen Zimmern hängen gute, gangbare Klingeln, welche +der reisende Engländer nach Herzenslust handhabt. + +So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine +viel verlangerenden Gäste als in England. Das Wirtschaftswesen +wird aber gewissermaßen fabrikmäßig betrieben: jeder hat sein +Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde +besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle +seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht +zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an +und führt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser, +gewöhnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal, +wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr +wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermaßen die auswärtigen +Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, führt die Fremden im Orte herum +und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhörlich hört man in +einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus +"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand. + +Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermädchen, Chambermaid, +gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer +schneeweißen Musselinschürze, einem artigen Spitzenhäubchen, kurz, +so nett und damenhaft gekleidet als möglich. Ihr Amt ist, den Fremden, +ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter +mit einem Wachslicht anzuzünden, ihn in's Schlafzimmer zu führen +und zuzusehen, daß es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle. +Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte. + +Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots, +ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks, +ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt +diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt, +und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression +kehren wir zurück nach Catterick Bridge. + +Krankheitshalber mußten wir einige Tage dort verweilen und wurden +gewartet und gepflegt, als wären wir unter Bekannten und Freunden. +Die Wirtin, Mistreß Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer, +wenn ihre Geschäfte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst +nach dem vier Meilen entlegenen Städtchen Richmond, um den Apotheker +des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher +aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei, +um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker +war ein vernünftiger, guter Arzt, und das Übel wich seinen +Heilmitteln bald. + +In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Ärzte; +man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Ärzte werden, +außer bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr großer Gefahr gefordert. +Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem +für jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewöhnlich +jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrückt. Eine Konsultation +des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Hälfte. Die Apotheker +werden ungefähr wie die Ärzte in großen deutschen Städten bezahlt. +Übrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England; +dies bezeugen die öffentlichen Blätter, deren größte Hälfte +aus Ankündigungen von Arkanen besteht. + + + +Richmond + +Gänzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt, +am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses +Richmond, von welchem die jetzigen Herzöge von Richmond zwar +den Namen führen, aber keine fünfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren +hoch auf dem Gipfel desselben über die Stadt. Letztere liegt +höchst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen +Wälle gewähren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese, +hübsche Landhäuser, Gärten, Dörfer, kleine fruchtbare Anhöhen wechseln +auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom, +über den eine steinerne Brücke führt, belebt das Ganze. Jeder Schritt +entdeckt neue Schönheiten; der wilde Fels, auf dem Schloß und Stadt +erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen +Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und +weniger prächtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch +von ehemaliger Größe und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht +unterhalten und drohen stündlichen Einsturz, zur großen Gefahr +für die an ihrem Fuße liegenden Wohnhäuser. Ein einziger Turm +steht erhalten da, alles übrige sind nur hohe, üppig mit Efeu bewachsene +Mauern. Die Abteilungen der Gemächer sieht man noch deutlich und +die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gänzlich; Regen und Wind +haben überall freien Zugang. + + + +Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle + + +Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz +des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein großes gotisches Gebäude, +zwar recht nett, aber doch ganz bürgerlich und einfach möbliert, +zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich +für einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehörige Garten +ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert, +aber von Natur eines der schönsten, lieblichsten Fleckchen der Erde. +Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluß stürzt bald gaukelnd, +bald unwillig über wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg +wirft. Unendlich viel Schönes könnte hier mit Geld und Geschmack +hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht, +muß man unwillkürlich wünschen, daß alles so bleibe, wie es ist. + +Wir fuhren durch den großen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham. +Sie ist eine der ältesten, wenngleich nicht der größten in England +und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten +Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir über Sunderland +nach Newcastle. + +Sunderland ist wegen einer eisernen Brücke, der größten in England, +sehr merkwürdig. Ein einziger ungeheurer Bogen wölbt sich hundert Fuß hoch +über die Fläche des Wassers, so daß ein Schiff, ohne die Masten umzulegen, +darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Stärke so vereint. +Wie ein Zauberwerk scheint die Brücke in der Luft zu schweben. +Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Geländer, die sie an beiden +Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein. + +Auf einem bequemen Platze unter der Brücke konnten wir den Mechanismus +derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende +Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht +aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander +aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder +fünfzehn Fuß im Diameter hält. Diese Ringe ruhen unten wieder auf +einer der oberen ähnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch +angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze +liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen, +die aber inwendig hohl sind. + +Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich; +augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kräfte vereinigt +tragen können. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt +zerstört würde, so bleibt doch immer genug übrig, das Ganze zu erhalten, +und man möchte fast behaupten, es könne nie sehr baufällig werden, +weil man mit leichter Mühe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann. +Es wohnt hier ein eigener Wächter neben der Brücke, der darauf zu sehen hat, +daß sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland +bekannten großen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbrücke +sehr gut und deutlich darstellt. + +In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg führte, fanden wir nichts zu tun +als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich groß, hat neben vielen +engen und winkligen auch einige hübsche Straßen und ist, besonders +wegen des Steinkohlenhandels, für Großbritannien sehr wichtig. +Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschäfts und +also für den bloß zum Vergnügen Reisenden wenig Einladendes. + + + +Alnwick Castle und Berwick + + +Alnwick, diesen alten Sitz der Herzöge von Northumberland, erreichten wir +einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick +dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurück in längst +vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns +zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen +feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schützen suchen mußte. +Die wunderbare Erhaltung dieses großen altertümlichen Gebäudes, +an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war, +fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertümliche Burg mit +ihren runden Ecktürmen, ihren mit Schießscharten versehenen Ringmauern, +ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren über dem Schloßgraben führenden +Zugbrücken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente +wie der gegen sie anstürmenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche +Weise getrotzt zu haben. + +Es war eine Täuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art +jemals vorgekommen ist. + +Alnwick Castle [Fußnote: eines der schönsten Feudalschlösser Englands, +letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht +"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht +unglücklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine +altertümliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland. +Auf den Zinnen der Mauer und der Türme stehen alte Krieger in +drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgröße. So viel wir +von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet. +Über jedem Tor steht einer davon in gebückter Stellung, mit beiden Händen +einen großen Stein haltend, als wäre er im Begriff, den Eintretenden +damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich +nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art +sie ist, macht einen großen Effekt. Von weitem glaubt man fast, +die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, wären zurückgekehrt +und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren: +in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebärde stehen sie da. +Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken möchte. Mancher dieser Helden +kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward, +und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an. + +Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten: +hohe gewölbte Zimmer mit Bogenfenstern voll künstlicher gotischer Verzierungen +und Schnörkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende +Galerien, dunkle, krumme Gänge würden ein sehr schauerliches Ganzes +machen, wären die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig +aufgemalt. Indessen glauben wir doch, daß einer der englischen +Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung +nicht verfehlen würde. + +Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen, +die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten +Treibhäusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog +nicht da war, mit Weintrauben und Melonen für die Reise versorgen konnten. +Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet, +sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns +nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten +Schwierigkeit findet. + +Jetzt führte der Weg längs der Küste des Meeres, das wir fast nie +aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der +äußersten Spitze Northumberlands. + +In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt, +fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine +Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen +ganz unbekannten Provinzialausdrücke, welche sie einmischen, machten, +daß wir Mühe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle +spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus. + + + +SCHOTTLAND + + +Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfünfzig englische Meilen, +fast immer im Angesichte des Meeres, wäre allein die Reise wert; +von so seltener, wunderbarer Schönheit ist die Gegend, aber deshalb +wohl umso unbeschreibbarer. + +Bis dicht hinab an die Wellen der Küste bebaut wie ein Garten: +Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemüsegärten +wechseln, alles in der Pracht der üppigsten Vegetation. Dazwischen +kleine Gehölze, duftende, blühende Hecken, und in ihrer Mitte Dörfer, +die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein ländlicheres +Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Städten ähnlich +sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenförmig +erhebt es sich zu kleinen Anhöhen und sinkt wieder zu lieblichen +Gründen hinab. Freundliche, einzelne Landhäuser liegen überall zerstreut, +ehrwürdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern +und zeugen von vergangener Größe. Und nun noch der Anblick des Meeres, +dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der ödesten, +Leben gibt! + +Kleine Inseln mit Leuchttürmen, entfernte blaue Felsen, die zackig +und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier, +um ein Ganzes voll wunderbarer Schönheit zu bilden. Zwei Lager (Fußnote: +in England befürchtete man eine Invasion der Franzosen], +jedes von ungefähr dreitausend Mann, die eben hier die Küste bewachen, +kontrastieren mit der ländlichen Anmut rings umher. Der Anblick +dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glänzenden Waffen und Uniformen, +brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzückende Gegend. + +Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied +zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf. +Freundliches, gutmütiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden +mit großer, aber fröhlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner +deutscher Gebirge. Schuhe und Strümpfe, ohne welche man in England +keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende +Klasse und der größte Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern, +laufen Sommer und Winter barfuß; vielleicht geschieht dies fast +ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es fällt sehr auf, +wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhört ist. + + + +Edinburgh + + +In keinem der vielen schönen Gasthöfe dieser Stadt konnten wir unterkommen. +Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljährlich +Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden, +die teils jenes edle Vergnügen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten, +das Theater, die Bälle, Konzerte und tausend andere Freuden +herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem +Kupferstichhändler, einem der unzähligen Mackintoshes, fanden, +waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude +zu sehen. + +Die Stadt Edinburgh, von beträchtlicher Größe, ist eine der schönsten +und häßlichsten Städte zugleich und verdient in dieser Hinsicht +mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und +ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Häuser, +die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Straßen an- und +übereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd +mit den schönsten Städten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig +in ihrer Art, von hoher romantischer Schönheit. + +An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestätische +Reihe anderer Felsen anschließt, liegen die Häuser der alten Stadt, +wie Schwalbennester angeklebt, unter- und übereinander; einige +dieser Häuser haben, von einer Straße aus gesehen, zehn Stockwerke, +während sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zählen, +und man aus dem vierten oder fünften Stock der niedriger liegenden +Seite auf der hohen geraden Fußes ins Freie in eine andere Straße geht. +Wie krumm, wie eng, wie winklig der größte Teil dieser Straßen ist, +läßt sich schwer beschreiben. Einige derselben führen steile und +hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise. +Auf den höchsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung +der schottischen Könige, das Kastell, hoch über den Häusern +der übrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil, +fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhöhe, +auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schöne steinerne Brücken +führen hinüber und vereinigen beide Städte. Tief im Abgrunde +sieht man von einer dieser Brücke Straßen, die dort unten liegen, +wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Dächer +noch lange nicht bis zu der Grundlage der Brücke hinaufreichen. +Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen, +wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schönen, +neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann. +Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der übrige wird zum Teil +als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da. + +Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmäßigkeit und Breite +der wohlgepflasterten, mit breiten Fußwegen auf beiden Seiten +versehenden Straßen mit den schönsten Städten Europas messen; +in Hinsicht der Schönheit, der Solidität und des guten Geschmacks +der aus Quadersteinen erbauten Wohnhäuser übertrifft sie solche vielleicht. + +Wie in London gibt es auch hier große Plätze, umgeben von schönen +Gebäuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Geländer eingefaßten +artigen Garten oder einen schönen Grasplatz. Fast alle Straßen +bieten Aussicht auf's Meer. Dieses große, ewig wechselnde, ewig neue +Schauspiel erhält hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut +liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von +der einen Seite die große Perspektive, die von der anderen sich +in's Unendliche ausbreitet. + +Unvergeßlich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem +unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Straße +besteht nur aus einer Reihe sehr schöner Häuser; gegenüber begrenzt eine +eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen +scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kühen und Ziegen zur Weide +dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild, +zackig, in schönen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Königsburg +und andere alte Gebäude; über ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben, +König Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron +gestaltet. Von ihm erzählt sich das Volk manche schauerliche Sage der +Vorzeit. In seiner Nähe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine +eines alten Schlosses, in welchem die unglückliche Maria Stuart von +ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den +Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Straße. Hier sahen +wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen röten, später den Mond die +Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Überzeugung, daß +nicht leicht eine andere große, volkreiche Stadt uns ein ähnliches +Schauspiel darbieten wird. + +Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt +für sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhängend, kann sie doch +dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen, +in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind +die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer, +die mit allen diesen Dingen sich beschäftigen. Hier gibt's des Drängens, +Stoßens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so häßlich +als die Altstadt Edinburgh; die Straßen sind voll Gewühl und Getümmel; +wir waren froh, bald zu entkommen. + +Das schönste Gebäude in Edinburgh ist das Register Office; es dient +zu mannigfaltigen öffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel +von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue +des Königs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande +in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwürdigste +dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muß ihren guten Willen ehren, +die Statue selbst ist ein unförmiges Machwerk. + +Das Kastell ist ehrwürdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter +und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House, +die Residenz des Königs von Großbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh +kommen sollte, ist ein großes, ganz gewöhnliches altmodisches Schloß, +welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste +von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen, +denen der König die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es +die Residenz des Grafen Artois, späterhin König Karl der Zehnte. +Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunächst umgebenden Bezirke +haben das Vorrecht, daß niemand schuldenhalber darin arretiert +werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns +versicherte, vom schottischen Adel. + +Graf Artois [Fußnote: als Karl X. König von Frankreich (1824-30). Er +gründete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Condé die +Emigration. In dieser Eigenschaft führte er mehrere Feindhandlungen +gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer +Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier, +soviel möglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er +öffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt +er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir +sahen seine Zimmer; sie sind so ganz bürgerlich einfach, daß sie ihn +doch oft an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben +müssen. Uns waren nur drei Gegenstände darin merkwürdig: das Bildnis der +Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin +Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglückliche Dame +zu Paris im Temple [Fußnote: hier wurden die Mitglieder des Königshauses +gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig +heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den großen Schmerz vergaß, der +schwer auf ihr lastete. + +Bei aller romantischen Pracht und Schönheit eignet sich die Lage +Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergängen. Es fehlt in der Nähe +an Schatten, an ländlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese, +wenn man sich nur die Mühe geben will, sie ein oder zwei Stunden +weit aufzusuchen. + +Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf, +erfüllte während der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze +Stadt Edinburgh mit ungewöhnlichem Leben. Die Vergnügungen jagten +einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in +London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden +nicht, wie es dort durchaus gewöhnlich ist, in Pensionen erzogen, sie +wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran. + +Die äußere Frömmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier +noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns +an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloß sorgfältig +die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er +sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, daß er +in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat. +Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Bücher, die +nicht religiösen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch +die unbedeutendsten, sorgfältig weggeschlossen, damit auch selbst ihr +Anblick nicht störend werde. Jedermann geht in die Kirche und hält +Andachtsübungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten +Bedienten erscheinen müssen. Jede Ergötzung ist hoch verpönt; den Herren +bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch länger als sonst +nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch. + +Zuvorkommende, gutmütige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig- +fröhliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Engländer. +Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter +mit ihren Sitten und Gebräuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft, +in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es +lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland +mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der größte Teil der +in Deutschland und anderen Ländern angesiedelten Briten sind +eigentlich Schotten. + +Frömmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks +im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande, +zu ihrer vaterländischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten, +ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht. +Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren +Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzählige warme Verehrer, +und jede Reliquie, die von ihr übrig ist, wird wie ein Heiligtum +betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschützt. + +Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen; +doch daß sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht, +davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Künstler, +mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant +gebauten und möblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und +vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fuß lebt. Ein ähnliches Landhaus +besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel, +denn er war ohne Vermögen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwählt, +der wohl nirgends so belohnt werden würde als in Großbritannien; +er malt Pferde, aber so wunderschön, mit solcher Wahrheit, daß selbst +ein nicht englisches Auge davon entzückt werden muß. Auch menschliche +Porträts gelingen ihm mit ziemlichem Glück, aber die Konterfeis +der vierfüßigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich +doch sein Glück und seinen Ruhm gegründet. In einem großen, +von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen ließ, +sahen wir viele seiner Gemälde im schönsten Lichte mit wahrer Freude. + + + +Pferderennen + + +Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte, +konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden +letzten und daher wichtigsten bei. Gewöhnlich werden sie an anderen +Orten auf einer dazu eingerichteten große Wiese gehalten, hier aber +hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwählt, +eigentlich die sandige Fläche, von welcher sich das Meer zur Zeit +der Ebbe zurückzieht. Darum muß die Stunde genau abgepaßt werden. +Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den +alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen +etwas früher zurück, so möchte wohl die Katastrophe des Königs Pharao +im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh wäre mit +einem Male verödet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange +zu Hause, wenn er nicht muß. Uns kann das ganze Vergnügen etwas +wunderlich vor. + +Auf dem nassen, pfützenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist, +wie die Pferde festen Tritt haben können, und der noch obendrein +wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken +umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten +auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter, +auf einem hohen, mit Fähnchen verzierten Gerüste, gravitätisch +wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde, +stehen daneben. Eine unzählige Menge Menschen umgibt den Platz. +Auf die Dächer, an die Fenster der benachbarten Häuser von Leith, +auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerüste, auf den Quai +des Hafens, überall, wo nur ein Plätzchen zu finden ist, haben +neugierige Fußgänger sich hingestellt. Diese bunte, fröhliche Menge +gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr hübschen Anblick. +Die Glücklichen, welche über ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren +können, tummeln sich, in Erwartung des großen Schauspiels, lustig +auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr +belustigenden Anblick. Prächtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte, +mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren +mit einem alten, lebensmüden Gaul davor, Reiter und Reitpferde +jeder Art, alle möglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren, +es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und +reiten untereinander herum im buntesten Gewühl. Alles patscht ohne +Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande +lustig darauf los. + +Während der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht, +damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis, +welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Diät auf diesen +großen Tag bereiten mußten, werden sorgfältig gewogen; keiner darf +schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das +fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt. + +Die wettlustigen Zuschauer schließen indessen ihre Wetten. +Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich, +an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen +zu bekommen, viele Männer steigen aus den Kutschen hinaus oben +auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den +hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten +Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus, +man hält vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast +nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorüberrauschen und hernach, +auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder, +rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie nähern sich zum zweiten Mal +dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Fußnote: +Spitzname für den Engländer, entnommen einer Satire "History of +John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise, +ohne auf irgend etwas zu achten, wie wütend, hinterdrein, um bei +der Entscheidung gegenwärtig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten, +durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches +das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt. + +Der Weg, den die Renner so zurücklegen, beträgt, genau gemessen, +vier englische Meilen, von denen man fünfe auf eine deutsche rechnet; +die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz. +Sowie das erste Rennen vorüber ist, fährt und reitet alles wieder +auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag +verkündet, daß andere Pferde zum Laufen bereit sind, und +die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen während +der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettläufe gehalten. +Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause. + +Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen; +ermattet, mit Schweiße bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut +strömt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis +sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt +ihnen den Atem, sie müssen unaufhörlich mit der einen Hand vor +dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken. + +Die übrige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden +der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise +hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltänzer, +unsichtbare Mädchen und ein sehr interessantes Panorama von +Konstantinopel. Nächst dem wechseln abends Bälle, Konzerte und +Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schönen Sälen. +Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht hübsch eingerichtet, +hält es doch keinen Vergleich mit dem berühmten Vauxhall [Fußnote: +Londoner Stadtteil mit Vergnügungspark] in London +aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird. + +Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestüm +und souverän herrschend wie in London; das Haus ist nicht groß, aber +sehr hübsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmäßig eingerichtet. Nur +die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen +erhebt sich über die Mittelmäßigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben +sogar noch weit unter ihr zurück. + +In dem sehr hübschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert +vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert +angekündigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet +von einem Pianoforte. Die Sänger gaben den ganzen Abend nur +leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt. +Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt. +Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt, +erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltöne sich hinwindend. +Manche uralte Melodie ertönte hier und wurde mit heißer Vaterlandsliebe +aufgenommen. Das Ganze wäre für eine Stunde etwa recht angenehm +gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergötzlichkeiten in Großbritannien, +es währte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam +bis ans Ende; nur einige ältliche Herren, die sich wahrscheinlich +bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten, +verfielen in süßen Schlummer und schnarchten überlaut den Grundbaß +zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen +waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen +gesungen werden müssen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll. + +Die lärmende Woche war nun vorüber, die Sehenswürdigkeiten wurden +eingepackt, die Assembleesäle geschlossen, die Fremden reisten fort, +die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhäuser, und alles +kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurück. + +Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen +und zu genießen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus +der Tür unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz +ungewohnten Anblick: eine große Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen +bis zur Haustür; wir mußten unseren Weg von den Söhnen und Töchtern +des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne +rötete das alte Schloß, König Arthurs Sitz, und die Ruinen von +Mariens Gefängnis. Nochmals blickten wir zurück auf das spiegelhelle +Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu. + + + +Carron, Stirling + +Rasch ging es vorwärts auf ebenem Wege, durch ein schön kultiviertes, +nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele +große Gebäude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke +schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und wälzten sich +verfinsternd über die blühende Gegend; hoch aufsprühende Flammen +blitzten aus dem Dampfe gen Himmel. + +Es waren die berühmten Eisengießereien von Carron, denen wir +uns nahten, vielleicht die größten in aller Welt. Hier werden +Kanonen, Mörser, große Kessel und alles mögliche Eisenwerk gegossen. +Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung +nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren +eben nicht unzufrieden darüber, denn auf Reisen sieht man manches, +weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art +von Pflichtgefühl, und wäre zuweilen gern der Mühe überhoben. +Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Größe, dennoch wenig Einladendes. +Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betäubendes Getöse +und Gehämmer erscholl aus dem Innern der Gebäude; ewige Dämmerung +herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche +und Ruß Bäume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand +der Trauer hüllen. + +Nicht weit von Carron sahen wir einen großen Kanal, der die +beiden Ströme Clyde und Forth verbindet und für den inneren Handel +von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling. + +Diese ziemlich große, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden +gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Straßen und Häuser +umso lebendiger. Ihre Lage am Fuße eines hohen Felsen ist sehr schön. +Einige Straßen führen gerade den Fels hinauf, auf dessen höchstem +Gipfel ein altes Schloß thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen, +zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet. + +Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschönen +Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht +der höchsten Kultur, der üppigsten Vegetation, mit einzelnen +Wohnungen, Dörfern, stattlichen Bäumen wie besät. In den mannigfaltigsten +Krümmungen windet der Fluß Forth sich durch die lachende Gegend; +bald geht er vorwärts, bald kehrt er auf lange Strecken zurück +und schleicht dann wieder zögernd weiter, als sträube er sich, +dies Paradies zu verlassen. Eine schöne, steinerne Brücke, dicht vor +der zu unseren Füßen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch +malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron +wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schöne blaudämmernde Berge +schließen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt. + +Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schöne Teppiche aller Art +werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewürfelte Wollenzeuch, +worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken +und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu +bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige +Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen +bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Mädchen mehr +als fünfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren +in einem großen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden +jeder dieser Spulen an die darüber stehende sehr große Haspel +gebunden; das Mädchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache +Maschine auf das zweckmäßigste und mit der größten Leichtigkeit +in Bewegung. + +Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen +einen sehr schönen großen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen +mußte, wie ein Eichhörnchen, um eine Mühle zur Reibung der Farben +zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amüsieren, +er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher +Behendigkeit, gerade wie er uns seine Künste vormachen mußte. +Jung und alt lief mit großem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam +glücklich seinen Verfolgern zu unserer großen Freude und zum +großen Leidwesen seines Herrn. + +In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger +gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr häufig der Fall ist. +Die Männer tragen enge, blaue Mützen, oben mit einer roten Quaste, +bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage +von rot und weiß gewürfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke +und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr +faltenreiches Röckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewürfelten, +schottischen wollenen Zeuche. Ein Gürtel, in welchem oft eine Art +von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hüften; +auch hängt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran, +in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fußbekleidung +besteht in rot und weiß gewürfelten, unten mit einer starken +ledernen Sohle versehenen Strümpfen, welche auch nur bis etwa +über die Hälfte der Wade reichen; von da an bis über das Knie +sind die Beine ganz bloß. Diese Fußbekleidung gibt den Schotten +etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die römischen Soldaten +in der Oper, und die roten Streifen in den Strümpfen haben +das Ansehen von übergeschnürten roten Bändern. + +Das Hauptstück ihrer Kleidung, wir möchten sagen, ihres Mobiliars, +ist der Plaid, ein langes breites Stück von jenem gewürfelten +schottischen Zeuche, wie ein sehr großer Shawl. Den Plaid tragen sie +bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlässig von einer Schulter +zur Hüfte vorn und hinten wieder herübergeworfen. Zuweilen wird er +auf der Schulter quer mit einer großen silbernen Nadel befestigt. +Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Kälte +nehmen sie den Plaid über den Kopf und hüllen sich ganz hinein; +nachts dient er ihnen auf Reisen statt Hütte und Bette, und auch +in ihren Wohnungen schlafen sie gewöhnlich in dem Plaid gewickelt +ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden. + +Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen +sich häufig jenes schottischen Zeuches, übrigens gehen sie +sehr ärmlich, schmutzig sogar, mit nackten Füßen, oft in bloßen, +kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen +stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schönheit nicht hinter den Engländerinnen +zurück. Sie übertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht +der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmädchen +und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Engländerinnen +und Schottinnen sehr groß. Keine langen Kleider, keine hübschen +Strohhüte mehr, die man in England überall sieht. Bloße Füße, +schlechte, baumwollene Röcke, unförmige, bis an die Knie reichende +weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Gürtel gehalten, +öfter noch lose hängend, weiße Hauben, die tief ins Gesicht gehen +und bis auf die Schultern herabhängen: dies ist das Kostüm der +ärmeren Schottinnen in den Städten und mit weniger Abweichung +auch auf dem Lande und in den Gebirgen. + +Die Wohnungen, sowohl in den Dörfern, durch die wir jetzt kamen, +als auch die einzeln zerstreut liegenden Hütten, sehen höchst +ärmlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetürmten Feldsteinen und +Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen +menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend große Armut +mit der großen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs +sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist, +ist uns unbegreiflich. + + + +Perth + + +Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt +ist nicht klein, hat hübsche große Häuser und schöne breite Straßen +voll lebendigen Gewühls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier +blühen Handel und Fabrikwesen; besonders berühmt sind +die großen Bleichereien von Perth. + +Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher +schönen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmählich verlor nun +das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und +fruchtbar. In bläulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette +der Hochlande düster vor uns aus; mühselig erklommen wir ein paar +ziemlich hohe Berge, über welchen noch höhere drohten. Der Weg +senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurück und +begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schönen Strome Tay, +an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist. + +Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace, +dem ehemaligen Sitz der schottischen Könige, wo sich auch +das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher +einer alten Scheune als einem Palaste ähnlich. + +Scone Palace gehört dem Lord Mansfield, als ein Geschenk König Jacobs +des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch +von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, daß mancher +Krämer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit +vorlieb nehmen würde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben +dem alten Gebäude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unverändert +erhalten, die sein ehrwürdiges Alter und seine ehemalige +hohe Bestimmung verdienen. + +Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen +Reste ehemaliger königlicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart +während ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Trümmern liegenden +Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen +ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt; +auch eine Stickerei, die sie dort sehr mühsam und fleißig verfertigte. +Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang +eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin +ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich. + +Eine lange, schmale, düstere Galerie diente dem schottischen +Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer, +an ihre ehemalige große Bestimmung zu glauben, so unscheinbar +ist sie. An der gewölbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man +Spuren von Malerei, die auch in ihrem glänzendsten Zustande +sehr unbedeutend gewesen sein muß. + +In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begräbnis +der Familie Mansfield, wurden sonst die Könige von Schottland gekrönt. + +Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm +und reich. Auf dem Rückwege verweilten wir bei einer der großen +Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben +war sehr willfährig, uns überall herumzuführen. Hier braucht's +der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke +in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine +weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause, +das Stampfen der Leinwand und das Glätten derselben wird durch Wasser +betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders +des Tischzeugs, schien uns merkwürdig. Die Waren erhalten hier +einen Glanz, der alles Ähnliche, selbst den schönsten Atlas, +weit übertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, daß das Stück +Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer großen hölzernen +Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben +eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng +anschließen, daß die Leinwand nur mühsam beim Aufrollen sich +dazwischen durchdrängen kann, und diese Reibung ist es, +welche ihr den vorzüglichen Glanz gibt. + +Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil +der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind, +wenn auch nicht so gut wie im übrigen Königreiche, dennoch +zum größten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit +die sogenannten Militärstraßen anlegte; aber Posten waren noch +nicht eingerichtet, Pferde überhaupt selten; deshalb mieteten wir +welche in Perth für die ganze Strecke Weges und reisten +dem Gebirge zu. + + + +Kenmore + + +Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir +in ein Tal von erhabener Schönheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es +von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fuße immer in einer +gewissen Höhe sich hinwindet, öffnen sich neue, entzückende Aussichten. +Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay. +Kleine Kornfelder und Baumgärtchen grünen und blühen an den Ufern, +zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Hütten. In einem tieferen +Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedrängt, sahen wir +ein Dörfchen; Scharen fröhlicher Kinder trieben darin ihr +lautes Spiel, die Mütter spannen in den Türen, die Männer, +in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Gärten +beschäftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch, +so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Fähre über den Strom +gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere +Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel +der Welt. + +Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay führte unser Weg +nach Kenmore, einem Dörfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande. +Wir fuhren über Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgründen hin, +die uns schaudern machten. Bald näherten wir uns ganz dem Gestade +des Stroms; bald sahen wir ihn völlig aus dem Gesichte; aber immer +führte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlängelnde Weg +wieder in seine Nähe. Ein unnennbar freudiges Gefühl von Ruhe und +Frieden bemächtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit, +wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Täler rieseln +und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht, +wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schöne Waldungen +bekleiden sie, fast bis zum höchsten Gipfel hinaus, und winken freundlich +dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten. + +Der Anblick der armen Hütten, die wir einzeln in den Tälern, am Fuße der +Felsen oder in der Nähe des Stroms zerstreut liegen sahen, würde uns +schmerzhaft berührt haben, wenn die Bewohner mit ihrem kläglichen Lose +weniger zufrieden geschienen hätten. Wir sahen große Armut, aber nicht +eigentliches Elend. Jede Hütte hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die +Einwohner nährt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr +kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lüneburger Heide, +welche ihnen Milch, Käse und die notwendige Kleidung gewähren. + +Die Häuser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten +menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, daß man +nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen, +oft ohne allen Mörtel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos +und Lehmerde verstopft, Türen aus Brettern schlecht zusammengeschlagen, +ohne Schloß und Riegel (denn wer sollte hier Diebe fürchten?), Fenster, +so klein, daß man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas. +Die niedrigen Dächer von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch +aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine Öffnung, +durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Hütten entspricht +dem Äußeren. Menschen und Tiere hausen unter dem nämlichen Dache +friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag +voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man +deutlich, bei dem fast gänzlichen Mangel allen Hausgeräts, wie wenig +der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fußboden besteht aus +festgetretenem Lehm; der große Feuerplatz, dicht auf der Erde, +ohne alle Erhöhung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an +einer Kette hängender Kessel über dem Feuer, einige hölzerne Schemel, +ein groß zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von +Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit +entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben. + +Das Ansehen der Männer ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr +von jeder anderen europäischen abweicht, ist zum Teil schuld daran. +Im Umgange verliert sich der Eindruck gänzlich, den ihr erster Anblick +erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebräuntes Gesicht ist +ausdrucksvoll, seine Züge sind angenehm und regelmäßig. Stiller, +an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens; +dennoch können sie sehr fröhlich sein. Sie sind gebildeter, +als man vermuten möchte. Die Geschichte ihrer Väter und ihre +Heldengesänge sind keinem fremd. Fast in jeder Hütte, in welcher +wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl +irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die +Seinen erbaut. Winters mögen die Wege den Besuch der Kirchen sehr +erschweren, doch kann gewiß nur die Unmöglichkeit den frommen Bergschotten +davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin +zu machen haben. + +"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schönes Mädchen +auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Kälte und Schnee +euch in euren Hütten gefangen halten?" + +In jedem Hause beinah hängt der Stammbaum der Familie, auf welchen +sie oft mit Stolz blickten; gewöhnlich ist ein horizontal liegender +geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen +irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Königs führt. +Aus seiner Brust sprießt der Baum, der sich in unzählige Äste verbreitet. +Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien +in Schottland, deren Glieder alle einen Namen führen, sich in allen +drei Königreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber +doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fühlen und dies gewissenhaft +anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich +auch vorher nie sahen. + +In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa +zwanzig solcher Hütten, wie wir oben beschrieben. Sie machten +das ganze Dorf aus. So klein sind alle Dörfer, die einzelnen Wohnungen +liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander. + + + +Killin + + +Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte +an wurden die Felsen immer höher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite +hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See +Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar über +unserem Haupte, immer höher und höher übereinander, während wir +den längs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten. +Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die höchsten Gipfel der Berge +und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich, +groß und einsam. Wir erstiegen, geführt von einem Einwohner des Tales, +den Gipfel eines Berges. Unsere Führer nannten ihn uns Ben Lawers. +[Fußnote: Johanna irrt hier; der höchste Berg Schottlands und damit +auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist +niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.] +Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten +nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle +einsame Täler. Ben More, der höchste Berg in Schottland, drohte aus +der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehüllt. Herden von jenen +kleinen Schafen, geführt von einem einsamen Knaben, belebten allein +die feierliche Wüste. + +Wir kehrten zurück zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames, +ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees +erbauten Hütten. Die Flüsse Dochart und Lochay fallen hier in den +See und bilden in sanften Krümmungen kleine Halbinseln. Das Tal, +welches diesen einschließt, ist so grün, Bäume und Sträucher wachsen +in so üppiger Fülle, wie wir es nimmer in diesem nördlichen Winkel +der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten, +kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und +steinerne Einfassungen schützen die Felder gegen Beschädigung durch Tiere +des Waldes und der überall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben +dies liebliche Plätzchen, als wollten sie es wie ein schönes Geheimnis +den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht +auf Fels und Tal am großen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest. +Sie ist als eine der schönsten in diesem Lande berühmt, wie unzählige +Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkünden, +und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm. + +Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschöne Bucht, ein +einsamer Kahn durchschnitt die silberne Fläche in mannigfaltigen +Wendungen. Bäume und Sträuche spiegelten sich im klaren Wasser, die +Felsen glühten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre +Gipfel umwogen, glänzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns +herüber tönten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes +durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht. + +Während wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten +unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir +bedurften. Bald dampfte eine köstliche Lachsforelle auf dem Tisch, +die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten. +Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung; +sie verdienten wohl, daß unsere modernen Gastronomen einzig um +ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst +die berühmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit +von ihnen übertroffen. + +Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen +an einem Wasserfall vorbei. Von einer beträchtlichen Höhe eilt er +dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schäumend über +abgerissene Felsentrümmer. Seit Jahrhunderten schon glänzen +seine Tropfen gleich Tränen auf den grünbemoosten Steinen eines +ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertönt wie +der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd, +die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen +der Väter geleiteten. + +Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und höher, öder und +einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten +von allen Bergen und stürzten hinab ins Tal, durch welches bald +silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten +erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige +Hütte, daß in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben. + +Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fußnote: Sohn des Fingal, +Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation +des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen +als angebliche Übertragung alter gälischer Lieder des Ossian herausgab, +gelangten diese Dichtungen zu großer und weitreichender dichtungs- und +geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterließen auch in der deutschen +Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Ströme, die Felsen, +die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte über die Heide, +die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger. +Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Hügel +der Helden und verkünden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte +vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir, +von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschließen, mit Ehrfurcht +geschont und bewahrt. König Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale, +im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte +Stätte noch bezeichnen zu können. Ossians, seines Sohnes, Name +und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die +Geister der Helden können noch immer von ihrem Wolkensitze der alten +wohlbekannten Töne sich erfreuen. + +Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof, +in einer schauerlich wilden Einöde, auf der höchsten bewohnten Höhe +der schottischen Hochlande. Der Regen stürzte jetzt in Strömen herab. +lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten, +einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel +der Felsen verklärten und der Wind den Regen wild herumpeitschte. +Gegen Abend klärte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des +wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden +und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande +kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen. +Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den +höchsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewölk zog sich wie ein +heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem +Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im nächsten, +oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe +mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel. + + + +Dalmally + + +Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch +fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und öder. Nur das Rauschen +der von den kahlen Felsen schäumenden herabstürzenden Bergströme +tönte durch die leblose Stille der öden Heide. Hie und da klommen +einige Schafe an den mit spärlichen Berggräsern und Heidekräutern +bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann +ein Hirtenknabe von den Höhen herab auf unseren Wagen, der ihm +eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens +war verschwunden. + +Viele halb versunkene alte Gräber zeigten, daß sonst ein mächtigeres +Leben hier waltete. Am Himmel war geschäftige Bewegung, Nebel und +Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel. + +Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus +einer handvoll armer Hütten und wieder aus einem für diese abgelegene +Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche +in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den übrigen Hütten +unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker +entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhügel erhoben sich +in dem kleinen Bezirke. + +Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen +erreichen ein hohes, glückliches Alter. Mit sechzig Jahren dünken +sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur +ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen Öl +erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen +in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn +gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, daß er sich +jünger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Ländern hätte man +ihm deren höchstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er +eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage +ein Tänzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt, +denn er galt noch immer für einen der ersten Virtuosen auf diesem +Lieblingsinstrument der Schotten. + +In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert. +Ein Greis, in der Nationaltracht, saß auf einem Steine nahe +am Kirchhofe; sein langer, schneeweißer Bart flog im Winde, +sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen glühten unter +einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch +von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er +eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhängende Akkorde wie mit Gewalt +einzeln hervorriß. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu +alte Volksgesänge; sein Gesang war eintönig, fast mehr Deklamation +als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen +auch der hundertjährige Greis; alles hörte feierlich aufmerksam zu. +Unser Nähertreten störte weder den Sänger noch seine Zuhörer +im geringsten, nur machten sie uns mit natürlicher Höflichkeit Raum +in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Sänger, der mit +seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat, +aber überall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden. +Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht +Englisch. Überhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden, +der Englisch sprach oder es auch nur verstand, außer in den Gasthöfen. + + + +Inverary + + +Über steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Plötzlich senkte sich +der Weg; ein großer silberner See breitete sich vor unseren +erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schöne Bäume, +kleine Gärten vor den Hütten des Landmanns und Getreidefelder +begrenzten seine Ufer. + +Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch +das grünende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten +die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch +geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie Überresten +alten Gemäuers, selbst mehr in der Nähe konnten wir nicht entscheiden, +ob es Felsen oder Ruinen wären. Kein Kahn war in der Nähe, +uns hinüberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff. +Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht. +Unbefriedigt über diesen Punkt mußten wir weiter, aber der Anblick +des Sees und seiner schönen Ufer erfreute uns umso lebhafter, +als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Größe +angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir später, +daß jene Felsenblöcke wirkliche Überbleibsel eines uralten, +zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehörenden Schlosses seien. +Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels, +den sie krönen, einer Insel gleich; sonst hängt mehr mit dem Ufer +zusammen. + +Zu bald mußten wir uns von dem herrlichen See wegwenden, +um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward +wieder still, groß und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg, +frisches Laubgehölz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten; +bald sahen wir uns in einem schönen englischen Park, angestaunt +von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches +Schloß mit vier runden Ecktürmen. + +Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend. +Vor uns lag das schöne große Schloß Inverary, der Sitz des Herzogs +von Argyle, mitten in einem durch herrliche Bäume und Büsche +verschönten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlängeln sich +nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich. +Im Hintergrunde erheben schöne waldbewachsene Felsen das stolze Haupt, +seitwärts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll blühender +Rosenbüsche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte +Geländer, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher, +schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze +krönt ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr große Beschwerden +auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher +Schönheit genießt, die alles vereint, was die Natur Erhabenes +und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebüsch füllen +in der reizendsten Mannigfaltigkeit das übrige Tal. + +Vom Schlosse an erstreckt sich eine schöne Wiese bis hinab an +den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen, +der hier tief in das Land hineinläuft. Eine schöne Brücke wölbt sich +dicht am Schlosse über ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich +an beiden Ufern hin. Die Länge des Loch Fyne ist dem Auge unübersehbar, +das ferne Meer, dem er angehört, begrenzt ihn; grün wie dieses +spiegelt seine dunkle Fläche, kleine, weiße Wellen hüpfen +wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe +und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben +geben. + +Dem Schloß seitwärts über der Brücke liegt das Städtchen Inverary, +mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein +sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Straßen und +den weißen hübschen Häusern, unter denen der Gasthof sich stattlich +erhebt. Alles sieht aus, als wäre es erst gestern fertig geworden. +Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenüber, +aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben +schien, ließ sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder +aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Großbritannien +erleben. + + + +Arrochar + + +Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schönem +ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer längs dem +Ufer des Loch Fyne. Wir hätten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier +möglich wäre, wo nur eine fahrbare Straße durch das Gebirge führt: denn +der Kastellan im Schloß von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir +jetzt nehmen mußten, als den fürchterlichsten im ganzen Lande +beschrieben; dunklere Klüfte, steilere, öde Felsenberge sollten wir noch +nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er +nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt. + +Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, daß wir uns +auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See, +das schöne Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke. +Mehrere Stunden hindurch ging es immer höher und höher, über nackte +Felsen, durch dunkle enge Klüfte, zuweilen durch düstere Täler, +dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines grünes Moos deckt wie ein Teppich +das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und +öde Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertönt in diese Wüste +als das Brausen der Felsenbäche, die hin und wieder hinabstürzen; +keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, außer zuweilen +eine jener armen Hütten, neben dem schäumenden Bache in eine +Felsenecke gedrückt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen +machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter müssen ihre +Bewohner, ausgeschlossen von aller Möglichkeit, zu Menschen zu kommen, +ein Leben führen wie auf einer wütenden Insel, und noch verlassener +hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich +lächelt. Dennoch verändern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Öde +trägt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich +erhabener Größe. Die mächtigen Felsen stehen ringsumher wie +anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Blüte +des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel, +ohne sie zu verhüllen; ihre Häupter sind umwogen von ewigen Nebeln, +die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft +schwebt über Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch +vereinend. + +Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and +be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen +der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg +bahnten. + +Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege +durch diese Wüste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehüllten +Hochländer. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig, +eine nahe Anhöhe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht +sich uns eröffnete. + +Doch übersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen +Kronen unzähliger anderer, von aller Vegetation entblößter Berge; +die Wasserfälle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in +dunklen Tiefen verlieren, ohne daß wir ihr Brausen auf dieser Höhe +vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch +das schauerliche Tal Glencoe [Fußnote: dieses Tag liegt am Ostende +des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen. +Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds +durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft +gewährt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fünfzehnten Jahrhunderts +in einer Nacht unter dem meuchelmörderischen Schwerte der nach Rache +dürstenden Engländer fielen, weil sie mit Treue dem Könige anhingen, +den sie als den einzigen rechtmäßigen Erben der schottischen Krone +anerkannten. + +Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen +am Fuße der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, düsteren Täler, +die so enge sind, daß sie, größeren Felsspalten gleich, wohl nur +wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen +wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kümmerlich +die Spitzen der Heidekräuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte +uns dunkelblau ein Wasser und etwas Grün entgegen: es war Loch Long, +an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise. +Nun ging es tief hinab, immerfort über öde Felsen, durch +düstere Klüfte und enge Täler, bis zu den Ufern des Loch Long, +der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet. + +Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender +Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht +aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten über +sie hin, während auch im Sonnenscheine die Bergwasser glänzen, +die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen. + +Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Hütten umgeben, +liegt hart am Ufer des Sees. In früheren Zeiten war dieses Haus +der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man +in dessen Bauart die Spuren jener höheren Bestimmung. + + + +Loch Lomond + + +Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich +zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schönsten +und größten Sees in den Hochlanden. Ländliche Anmut und erhabene Größe +wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die prächtigen, +größtenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu drängen, als wollten +sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder +zurück, und Wiesen und Felder umgeben das glänzende Gewässer. + +Zuerst empfing uns ein frischer, grüner Wald am Ufer; unter hohen +Laubgewölben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes +im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der höchsten, +über die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg; +wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns, +unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze, +herrliche See da, besät mit kleinen und größeren grünenden Inseln, +zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weiße, +sich kräuselnde Wellchen belebten die silberne Fläche, aus der +auf der anderen Seite der mächtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt, +bis zu den Wolken, die sein Haupt verhüllen. + +Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schönheit, daß jeder Versuch, +sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos wäre; aber nie werden wir +den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten. + +Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Dörfchen Luss, leider +dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen +gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten +hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte +zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich, +ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Mädchen hatten +nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Männer nicht, dennoch +ihre Nationaltänze aufzuführen und sich vortrefflich dabei zu divertieren. +Das pferdemäßige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem +wohlgelungenen Sprunge würde uns in's Freie getrieben haben, +wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt hätte. Nur für +die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war +ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, daß wir ihn alle Augenblicke +aus dem Zimmer komplimentieren mußten. Seine Tochter, ein sehr +hübsches Mädchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich +alle Mühe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung, +immer strebend, das kindliche Verhältnis nicht zu verletzen, +und wieder wie beschämt, daß wir, die Fremden, die so weit herkamen, +ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch +an Bequemlichkeit leiden mußten. + + + +Glasgow + + +Hinter Luss ward die Gegend allmählich flacher, der Weg besser; +alles kündigte uns an, daß wir das Land der Poesie verlassen und +zurückkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton +schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen, +die uns über so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal +geführt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber +die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere +schöne Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterländischen Gebirgen, +von denen diese, die wir jetzt verließen, sich indessen so merkwürdig +als merklich unterscheiden. + +Die Gegend von Dumbarton ward als schön gerühmt; unsere Phantasie +war nur von der nächsten Vergangenheit noch zu sehr erfüllt, +als daß wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Städtchens +schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darüber emporragender Fels, +dessen steilen Gipfel ein festes Schloß krönt, nimmt sich malerisch aus +mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge +umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir +gegen Abend in Glasgow an. + +Die Stadt ist ziemlich groß; schöne breite Straßen und Plätze, +sehr hübsche, von Quadersteinen erbaute Häuser erinnerten uns an Edinburgh. +Auch hier fanden wir wie dort in allen Häusern breite steinerne Treppen, +mit eisernen Geländern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner +sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als großen Vorzug +vor London preisen. Dort, meinen sie, könne man in einem oberen Stockwerke +keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskäme, +in der entsetzlichsten Gefahr wäre, elendiglich umzukommen. + +Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine +lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman ließ uns auf +das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer +besuchen zu dürfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr höflicher +Herr mit ein paar dicken Büchern unter dem Arme und erbot sich, +als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen, +daß wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Französisch +untereinander sprachen, und hielt uns folglich für eine ausgewanderte +französische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten müsse. + +Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind +hier zu Hause; übrigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch +erkundigen mochten, irgend ein merkwürdiges Gebäude oder sonst einen +Gegenstand angeben, welcher für ein nicht kaufmännisches Gemüt näherer +Betrachtung würdig gewesen wäre. Wir ruhten also, im eigentlichsten +Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die +Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, wären doch nur +Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig +die ganze Zeit über, wir sahen es mit Vergnügen regnen und dankten dem +Himmel, daß er diese Sintflut nicht in den Hochlanden über unsere +Häupter herabströmen ließ. + +Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anständig, +zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften, +die wir schon an ihren Landsleuten rühmten, mit der Wohlhabenheit und +allem vernünftigen Luxus, welchen der hier blühende Handel nur +gewähren kann. + + + +Die Fälle des Stromes Clyde + + +Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter +nach Lanark, um die berühmten Wasserfälle des Clyde zu sehen. +Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg +sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal, +durchschlängelt vom schönen Strome Clyde; Gehölze, Äcker, Landsitze, +Dörfer wechselten höchst anmutig. + +An einer Stelle, wo dichtes Gehölz uns den Anblick des laut +brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr +steilen und schlüpfrigen Flußpfad hinab bis an das Ufer des Stroms. +Ganz in Schaum verwandelt stürzt er hier laut brausend von einer +beträchtlichen Höhe hinab, über große Felsstücke, und windet sich +dann zürnend und schäumend weiter durch das liebliche Tal. +Die hohen, malerischen Felsen, bekränzt mit schönem Gesträuche +und hohen Bäumen, von welchen wieder leichtere Efeukränze hinflattern +in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die große Wassermasse, +die hier herunterstürzt, der Kontrast des Schaumes, weißer als Schnee, +mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Grün, die Millionen +Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzückte uns +und hielt uns lange fest. Wasserfälle soll man aber nicht malen, +weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung +fühlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt. + +Ziemlich spät langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten +wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen +größeren Fällen des Stroms. + +Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehört zu den schönsten +im unteren Schottland. Eine Meile ging es über Berg und Tal durch +frisches, dichtes Gehölz hin; nun erstiegen wir mühsam einen ziemlich +hohen Berg, höhere Felsen drohten über ihm gen Himmel. Als wir oben +waren, erschreckte uns die fürchterlich schönste Ansicht, die wir +jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch +war's unmöglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen +steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns +und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde, +der kleinste Unfall am Wagen wäre unvermeidlicher Tod gewesen; +es war unmöglich, den Wagen halten zu lassen, unmöglich an der Felsenwand, +an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergaßen wir +alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschönen Tales, das uns +viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte, +durchströmt vom Clyde, der zögernd zwischen den blühenden Gärten +und fruchtbaren Feldern sich fortwand. + +Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier +große ansehnliche Gebäude mit schönen Gärten. Es sind Baumwollspinnereien, +deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden. +Wir sahen die Räder behend sich drehen, die kleinen Fälle, welche +durch diese veranlaßt werden, blitzten wie flüssiges Silber; +aber wir hörten nicht ihr Geräusch, es war zu tief unter uns. + +Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehölz +empfing uns wieder in seine Schatten, laut hörten wir den Strom +donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten +hinein, erstiegen einen kleinen Hügel, und vor uns stürzte der Strom, +weit wasserreicher und majestätischer als gestern, über wilde +hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn +abermals über noch höhere Felsen, in noch tiefere Abgründe gewaltig +herabbrausen. Er fällt von einer so steilen Höhe, daß er einen Bogen +bildet; wer es wagen will auf dem schlüpfrigen Boden, kann zwischen +dem Felsen und der großen Wassermasse hingehen. Unten in dieser +kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es muß ein +betäubendes Gefühl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und +Wogen über seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten +davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab, +der bloße Anblick des Wagestücks schreckt zurück. + +Als wir den Garten verließen, fuhren wir an einem schönen Landhause +vorbei, zu welchem er zu gehören scheint; wir wünschten dem Besitzer +desselben Sinn für sein Glück. + +Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenuß uns zu erfreuen, +denn öde und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen, +elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel, +und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Städtchen +Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem +sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden +des vergangenen Tages. + +Moffat ist ein kleiner, von den Schotten häufig besuchter Badeort; +die hiesigen Heilquellen werden für sehr wirksam gehalten, nur konnten wir +nicht erfahren, für welche Gattung von Übeln sie eigentlich gebraucht +werden. Für die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Bäder. +Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Städtchen selbst sieht +sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den +hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Bällen, +noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, daß wohl nur Kranke +herkommen, denn für körperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein. + +Über Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green, +einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend, +wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von großer Wichtigkeit. +Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben. +Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormünder, Onkel und Tanten +in England, die reiche oder schöne Mädchen zu hüten haben; der Trost +und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz +mit Romanlektüre anfüllen, der Hafen, nach welchem alle Glücksritter +zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen +nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe +des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich +ein solides Glück zu machen. + +In Gretna Green wohnt nämlich der alte berühmte Hufschmied, der die +unauflöslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter, +und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn +in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots, +keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar +geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und +ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm +ohne weitere Umstände getraut. Diese Trauung ist so gültig und vor allen +britischen Tribunalen so unauflöslich, al wäre sie von dem ersten Bischof +im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten, +ein von irgend einem widerwärtigen Argus bewachtes Liebchen hat, +der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise, +mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach +Gretna Green, dem nächsten schottischen Grenzorte, wo oben erwähnter +Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten. + +Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen +Dingen sprechen, kaum, daß sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem +zeigte; gern hätte sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern +sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit +Inschriften und Namenszügen glücklicher Paare angefüllt, die ihrem +wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenständen ihre süßen, +freudigen Gefühle anvertrauten. + +Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns +war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hörten wir, +daß Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare +in einem Tag anlangen. + +Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green +auf englischem Boden, daß man uns nirgends anhielt, um Wegegeld +zu fordern; alle Schlagbäume flogen gleich auf, und die Zöllner kamen +sehr gefällig in die Gasthöfe, wo wir Pferde wechselten, das Geld +zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt, +den Flüchtlingen [Fußnote: England hatte nach der Revolution +in Frankreich viele Flüchtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten. + + + +ENGLAND + + +Die Lakes + + +Über Carlisle, ein hübsches, lebhaftes Städtchen, das erste wieder +auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus +die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten +Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefähr zwanzig Jahren +ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich +von der schönsten Natur entzücken zu lassen. Die Londoner nennen +diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland +die Gegend bei Schandau die sächsische Schweiz nennt, und auch +ungefähr mit dem nämlichen Rechte. + +Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, öde Gegend, bis ganz nahe +vor Keswick. Hier öffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal; +ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben. +Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schönen Formen +noch die imposante Größe der schottischen. + +Keswick ist ein kleines, freundliches Städtchen mit sehr angenehmen +Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden hätten, wären wir +nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhügel +verschwinden gegen jene gigantisch übereinandergetürmten Kolosse; +diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an +Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen; +sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch +die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen. + +Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schöner, die Felsen werden +höher; nur vermißten wir die Wälder, die in Schottland die niedrigeren +Berge mit ihrem wechselnden Grün bekränzen. Zuerst kamen wir wieder an +einen See, der, unregelmäßig, bald breiter, bald schmäler, sich durch +das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heißt Derwentwater, und +gern begrüßten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks +Felsen bespült. Einige hübsche Landsitze liegen sehr angenehm an den +Ufern des Sees; Berge, Bäume, Felder, umgeben ihn in reizender +Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal +empfing uns, als wir den See verließen, durchrauscht von einem +lebendigen Flüßchen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen +kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heißt. Einige +Brücken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier +lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als sähen +wir ein Miniaturgemälde jener berühmten Gegenden. + +Nahe bei Ambleside öffnen sich weit ausgebreitete Aussichten, +die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher +uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier +die Welt vor uns in mannigfaltiger Schönheit, verschiedene kleinere Seen +blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut +einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch; +von allen Seiten bieten sich schöne Aussichten auf die benachbarte +Landschaft dar; aber die schönste derselben erwartete uns jenseits +des freundlichen Städtchens. + +Ein großer spiegelheller See trat allmählich zwischen Bergen und +Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt +scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Grün bekleidet, +mit Gebüsch und Bäumen gekrönt. Auf der größten dieser Inseln +erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers, +umgeben von freundlichen Gärten. Sie heißt Curwens Insel, +nach dem Namen ihres Eigentümers. Zierliche, zu jener Villa +gehörige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet +Freude und Lust. + +Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schönheit: +rauhe, zackige Felsen, grüne bebaute, zum Teil waldige Hügel, +prächtige, einzeln stehende Bäume, Wiesen, Kornfelder, Dörfer, +einzelne ländliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch. +Die Berge von Keswick schießen die bläulich dämmernde Ferne. +In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner +Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schönsten Stellen +erbaut. Der See heißt Windermere; er enthält mehrere Stunden +im Umfange und ist der größte in England. + + + +Lancaster + + +Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser berühmten Gegend, +gesehen hatten, hielten wir es für überflüssig, auch die übrigen +kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher +unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut +wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder groß, noch lebhaft, +noch hübsch. Viele Quäkerfamilien [Fußnote: eine um die Mitte des +17. Jahrhunderts vom G. Fox gegründete Religionsgemeinschaft. +Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhängern 1689 +die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem +in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute +stellen sich jetzt im Äußeren mehr den Kindern der Welt gleich. +Selten nur hört man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde; +auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung +haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie +vor anderen auszuzeichnen. + +Die Mädchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen +von Lancaster, Lancaster Witches, als die schönsten in ganz England +berühmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster +auf Beweise, daß sie dieses Ruhms vollkommen würdig sind. +Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quäkermädchen in ihrer +anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie +sich gewöhnlich kleiden, die Schürze und das große Halstuch +vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Hütchen, alles ohne +die mindeste Verzierung, geben den frischen, blühenden Gesichtern +eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Klösterliches in ihrer +Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln, +so erregen sie nicht das beängstigende Mitleid wie die Nonne; +auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer, +als jene gotische entstellende Verhüllung. + +Wir reisten über das sehr hübsche, freundliche Fabrikstädtchen Preston +nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch +einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land +so flach als möglich, unabsehbare Wiesen, von Kanälen durchkreuzt, +Gräben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten +Landstraßen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte +Ansehen der holländischen Landhäuser fehlte. In England wird kein Haus +von außen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher +die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes, +rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewöhnten Auge mißfällt. +Nichts ist dagegen hübscher und freundlicher als die ländlichen +Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmäßig alle Jahre +mit Ölfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefärbt, +die Fugen derselben weiß gemacht; alles sieht daher immer neu aus +und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich fröhliches und wohlhabendes +Aussehen. + + + +Liverpool + + +Diese Stadt, nächst London die größte und bedeutendste in England, +steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schönheit als des Umfangs, +weit hinter Edinburgh zurück. Aber Handel und Betriebsamkeit +haben über Liverpool ihr Füllhorn ausgeschüttet, und Reichtum und +Luxus glänzen dem beobachtenden Fremden überall entgegen. + +Die reichen Kaufleute wenden ihren Überfluß auf eine sehr zweckmäßige +Weise an, indem sie die an sich nicht schöne Stadt mit vielen neuen, +prächtigen Gebäuden verzieren. Vier neue palastähnliche Kaffeehäuser, +Newshouses, Neuigkeitshäuser hier genannt, sind seit kurzem +durch Subskription erbaut; ein schönes Theater, ein Konzertsaal, +ein großer Gasthof, viele mildtätige Anstalten, welche der Menschheit +Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein. +Das prächtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kräfte sind +aber die Docks. + +In diesen künstlichen Häfen liegen die Schiffe sicher und bequem, +fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert, +aus- und eingeladen, und überdies sind die Ladungen vor Dieben +sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kräfte, um sie +zustande zu bringen, sind aber auch für den Handel vom größten Nutzen. + +Die Promenade längs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewühl, +das Schreien, das Drängen und Stoßen ist betäubend, der Seegeruch +unangenehm, aber der Anblick der offenen See über die Docks hinaus +entschädigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit +wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir +es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes. +Das Meer verschönert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe +erhält dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen +tönt wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herüber, und +wir horchen gern mit stiller Wehmut zu. + +Wir haben schon bemerkt, daß Liverpool keine eigentlich schöne Stadt +sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen +aus. Doch müssen wir die schönen Wohnungen verschiedener reicher +Kaufleute erwähnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert +von dieser, auf einer mäßigen Anhöhe erbaut sind. Höchst elegant +eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens +auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl +nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt täglich vergrößert +und man schon jetzt berechnen kann, daß im Verlauf von einigen Jahren +jene Häuser mitten in ihr und in ihrem Gewühl liegen werden. + +Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein +wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort +an dem allgemeinen Interesse im Gespräch, welches die Fremden +bald einheimisch macht. Sind die gewöhnlichen Redensarten, welche +in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette +herbeigeführt werden, abgetan, hat man über Wetter und Wohlbefinden +sich ausgesprochen, so ist man in der Regel übel daran, wenn man +von Handel und Politik nichts weiß oder nichts wissen will. + +Die Männer dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen, +sie kennen fremde Sitten und Gebräuche; dies macht sie wenigstens +toleranter gegen Ausländer. Die Frauen aber sind echte Engländerinnen +im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen +die höhere Bildung, die denn doch in einer großen Stadt wie London +leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafür haben sie +sich tausend Bedürfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum +und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran +nicht Gewöhnten aber höchst lästig und peinlich werden. + +Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit, +die dem Engländer in Städten sonst weder eigen ist noch seiner +Einrichtung nach sein kann; daß aber die Langeweile an ihren +wohlbesetzten Tischen auch hier gewöhnlich präsidiert, kann +nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen +aufbrechen und den Männern bei Wein und Politik freien Spielraum +lassen. + +In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quäker-Familien; +doch sind sie hier sehr ausgeartet und schämen sich ihrer alten +einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich; +besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein +wollen, ungemein link. Sie, deren Väter selbst vor dem Könige +nicht den Hut abnahmen, grüßen jetzt, zum Beispiel auf der +Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei +sie sind; ungefähr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie +Bildung an den Tag zu legen, sich an öffentlichen Orten mit +Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Läden fanden wir +noch Quäkerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion +ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so höflich und +bescheiden, daß unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht lächerlich +schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer +von vorzüglicher Güte, sie überteuern niemand, und kein Feilschen +und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen würde. + +Das Theater ist nicht groß, aber sehr elegant und bequem eingerichtet. +Man hört überall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung +ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wünschen übrig. +Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele, +welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen +damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen +freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht +über die beschränkteste Mittelmäßigkeit hinauszugehen. + +Die Zuschauer waren weit weniger lärmend als in London; unter ihnen +bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen, +die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet, +saßen leichenblaß, starr und steif nebeneinander, wie Tote, +mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze +herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen. +Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so +zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, daß man deutlich sah, +jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!" + +Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten +erwähnt, die hier der Wohltätigkeit und dem Reichtume der Einwohner +ihr Dasein verdanken. Eine davon, für Blinde, besuchten wir +mit Freude und Rührung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch +nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geräumig genug wäre, +daß all diese Unglücklichen darin wohnen können. Deshalb sind sie +in der Stadt in Privathäusern eingemietet, aber sie versammeln sich +alle Tage in dem für sie eingerichteten Gebäude, Asylum genannt; +dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik, +in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten +können, und bringen übrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu. +In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten +eine Orgel. Als wir in letzteres traten, saß ein junger Blinder +an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Mädchen, seinen +Unglücksgefährtinnen. Sie sangen dreistimmig eine rührende Klage, +gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst +ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein, +sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestört fort; +gerührt standen wir am Eingange des Zimmers still und hüteten uns +wohl, sie zu unterbrechen. + +Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Unglücksgenossen +immer heiter und froh und gesprächig. In einem unteren Zimmer +fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Mädchen, Räder und +Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer, +wo sich Männer und Jünglinge mit Korbflechten beschäftigten, +ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit +und zierliche Form der Körbchen, sie flochten sogar Muster +von grünen und roten Weiden hinein und wußten diese von den weißen +durchs bloße Gefühl auf das genaueste zu unterscheiden. + +Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nützliche Arbeiten, +welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt +verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher +unter ihnen. Diese Anstalt gehört wohl zu den zweckmäßigsten +und wohltätigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien, +strebt sie nur den Unglücklichen wirkliche Hilfe zu leisten, +sie soweit möglich zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft +zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit +und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequält +wie in anderen ähnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit +das Ehrwürdigste sein wollte, das Unglück, zum Zeitvertreib +einer müßig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwürdigt. + +Am Tage, ehe wir Liverpool verließen, erscholl plötzlich +von allen Türmen ein betäubendes Glockengeläute, welches eine +ganze Stunde ununterbrochen fortwährte; die Glocken erklangen lustig +bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten, +die ganze Skala durch, nach Gusto der Künstler. Jeder von diesen Herren +bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich +an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht +einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds +der königlichen Familie würde gefeiert oder wenigstens eine große, +vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloß häuslichen +Freudentagen darf jeder Engländer mit allen Glocken läuten lassen, +wenn er dafür bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern +eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war +die Ursache alles dieses Lärms. Diese hat in ihrem Testamente +sämtlichen Liverpoolschen Künstlern eine gebratenen Hammelkeule +mit Gurkensalat und dem dazugehörigen Porter für jeden Donnerstagabend +das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren +dieses Gastmahl in Gesellschaft, müssen aber vorher mit ihren Glocken +einen furchtbaren Lärm machen, der die Nachbarn der Kirchen +in Verzweiflung bringt; alles zum Gedächtnis des Namens +der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art +von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist +als manche andere. + +Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso holländisch als die, +durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als möglich, +aber höchst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanälen. +Über Warrington, ein sehr freundliches Städtchen, berühmt durch +Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester, +von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley. + +Die englischen Landstraßen werden mit Recht im Durchschnitt +als höchst vortrefflich gepriesen. Aber in der Nähe großer Fabrikstädte, +wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und +her rollen, sind sie es weit weniger und müssen den Chausseen +um Dresden, im Dessauischen, im Österreichischen und anderen +in Deutschland den Vorrang einräumen. + +Eine Unannehmlichkeit für fremde Reisende in England besteht darin, +daß es sehr schwer wird, früh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit +der Gasthöfe ist es dennoch unmöglich, vor sieben Uhr morgens +das Frühstück zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten +schlafen bis spät in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser +ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich +nicht weiter als höchstens zur Herbeischaffung der Pferde. +Diese Beschwerde fühlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche: +denn die Engländer sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden +nach dem Aufstehen zu frühstücken und reisen immer eine oder +ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geröstetem Butterbrote +verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen +folgen wollten, fanden wir das Haus in so großer Unordnung und +Unsauberkeit, daß es uns unmöglich war, den Wagen zu verlassen. + +Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung +der Nation gegen die gefürchtete Landung der berüchtigten Bateaux plats. +Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstätten, Läden +standen die Hälfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch +schöne Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte +der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie +freilich wie die päpstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade. + +Nach dem Exerzieren wurden in Gasthöfen bei großen gemeinschaftlichen +Gastmählern die durch diese patriotische Anstrengung erschöpften Kräfte +hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz +und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals +durch ganz England, und die Chefs der darüber leerstehenden Comptoires +und Fabriken wollten ob der großen Vaterlandsliebe der jungen Helden +schier verzweifeln. + +In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest +gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich +abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen. +Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch; +alles grün, über und über. Dann gerieten wir wieder zwischen +unfruchtbare hohe Felsen. Dürftig mit Heidekraut bewachsen, +boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns +durch erhabenen Schönheit dafür zu entschädigen. Kurz vor Middleton +kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schönerer Form +sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter über noch höhere +und freudenlosere Berge bis Sheffield. + +Dies ist eine große, aber nicht freundliche Manufakturstadt. +Kohlendampf, üble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede +überall. Die Straßen hallen wider von wildem, wüstem Geschrei +und Gehämmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen. +Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schöne Stahl- und +plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort +nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns +in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam, +Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schöpfen. + + + +Wentworth House und Rotherham + + +Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren. +Obgleich groß und angenehm, zeichnet er sich dennoch übrigens +nicht aus; ebensowenig die Gärten und Anlagen. + +Das Merkwürdigste hier sind die prächtigen Ställe; sie gleichen +wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden. +Sie umschließen einen großen viereckigen Hof von allen Seiten. +Der eine Flügel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebäudes +ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir +eine Menge der schönsten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde, +meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene berühmte Renner, +welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten. +Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt +Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge +der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte +allen unangenehmen Geruch. Über dem Stande der vornehmsten Pferde, +der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer +werten Eltern und bisweilen ein noch längerer Stammbaum zierlich +geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich große Spiegel +vor sich, um zu bezwecken, daß ihre Nachkömmlinge ihnen an Schönheit +gleich würden. + +In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr hübsches +persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es wäre über zwanzig Jahre alt. +Zahm wie ein Hund und auch nicht viel größer, kam das zierliche Tier +auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen. + +Müde und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir +unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwürdigkeiten anderer Art +erwarteten. + +Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal +nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen. + +Diese Eisengießerei, an Größe und Bedeutung die nächste jener nach Carron, +gehört Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere +Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker +hatten, so genügte ihm doch schon ein Blick auf einige offene +Adreßbriefe, die wir von London aus für andere Orte in England +mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns überall herumzuführen. +Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt, +geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt +versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme +Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Rußland, +teils roh, teils in langen Stangen. + +Die Eisengießerei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft +schönen Anblick geben die hochsprühenden Flammen und Funken, +die roten zischenden Feuerströme, welche sich mit glühendem Schein +langsam hinwälzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken, +um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen, +kolossalen Männer, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her +beschäftigen. In Rotherham ward die große eiserne Brücke gegossen, +die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch größere, +ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier +in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen +Brücken an bis herab zum demütigen Plätteisen. Man verfertigt hier +auch viel schönes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens +der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr häufig +zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und +Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung, +dergleichen Dinge zu gießen, statt sie zu hämmern, ist ihr Gebrauch +ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit +dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb +so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es +seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug. + +Das Glück wollte uns so wohl, daß wir eine vierundzwanzigpfündige +Kanone gießen sehen konnten. Aus zwei Öfen floß brausend +das flüssige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedämmte Kanäle, +die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam +in die tief eingegrabene Form stürzte. Dantes Hölle und der feurige +Phlegethon [Fußnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie] +waren bei diesem Anblick die nächstverwandten Ideen. +Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man +die Form und bringt sie so heraus. + +Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen. +Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen, +doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch +äußerten, sie zu sehen. Die dazu nötige Maschine wird vom Wasser +getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Mündung +der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest. +Ein platter Stahl, ungefähr einen halben Zoll stark, mit scharfen +Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der übrigens +ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser +getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt +zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus +der Öffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben. +Es ist unmöglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall +wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch +mit seiner Stärke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er +hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt, +die sich aber auch an dem ohnmächtigen Herrscher oft furchtbar +rächen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann, +und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter +zu vernichten. + + + +Nottingham + + +Über das artige Städtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham, +einer schönen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele +und große Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby, +durch eine sehr reizende Gegend, dicht besät mit Parks und +freundlichen, zum Teil schönen Landhäusern, zwischen welchen +einige stolze Schlösser der Großen sich stattlich erheben. +Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reißaus; doch +auf diesen schönen und lebhaften Straßen hat solch ein Vorfall +wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen +als ein großes Motiv paradieren muß. Unsere flüchtigen Pferde +wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken, +doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir +uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise +war das Merkwürdigste, was Derby darbietet, schon bewundert; +deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick. + +Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein, +arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn: +denn hier erblickte Shakespeare [Fußnote: das Grab ist heute bekannt +und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk +des Geburtshauses stammt tatsächlich aus der Zeit Shakespeares] +zuerst den Tag, hierher kehrte er zurück am Ende seiner großen Bahn, +und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiß recht die Stätte, +aber in der Westminster Abtei, dort wo die Könige ruhen, +strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist. + +Wir ließen uns zu der Hütte fahren, in welcher sein Vater, +ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkämmer, einst wohnte, +wo der große Geist, seiner selbst nicht bewußt, in der engen +Eingeschränktheit ängstlich und beklommen sich fühlte, bis ins +sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Außenwelt, +an den Banden riß, die ihn einzwängten, und endlich, nach mancher +wilden, ungezügelten Äußerung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete +Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh +und frei seinem Genius folgte. + +Die armen Lehnwände des Hauses können sohl schwerlich schon vor +weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords +Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde +aber ist ein alter hölzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische +eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine große steinerne +Platte liegt davor; hier hat gewiß Shakespeares Vater gesessen, +eifernd über die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei +aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein mußte. + +In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein großes altes Bettgestell, +in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein +Stammbaum hängt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt, +der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er über diese +heilige Stätte: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden +bei seiner Dürftigkeit eine sehr willkommene Hilfe. + + + +Tewkesbury und Cheltenham + + +In dem kleinen freundlichen Landstädtchen Tewkesbury vernahmen wir, +daß dort in einigen Tagen ein großes Pferderennen gehalten werden sollte. +Unter den Wölfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den +Engländern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen +also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen, +dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurückzukehren, +und reisten nach Cheltenham ab. + +Dieser berühmte Brunnenort ist ein hübsches Städtchen, in einem +angenehmen, von Hügeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht +neu aus. Die Stadt ist größtenteils während der letzten vergangenen +fünfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefähr ist es, daß die dortige +Quelle bekannt und berühmt ward. + +Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile +langen Straße, an welche sich kleine Nebenstraßen und einzelne Gebäude +anschließen. In dieser Hauptstraße mit den schönsten Gebäuden, +den glänzendsten Läden, Leihbibliotheken und Kaffeehäusern wogt +die schöne Welt den Morgen über langsam und, wie es uns schien, +auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gähnend zu zweien +und dreien aus einem Laden in den anderen, während die Herren +mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise +hinzubringen suchen. + +Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England +heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnügen +zur Arbeit. Wenn der Morgen überstanden ist, so helfen Bälle, +Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft, +die übrigen Stunden hinzubringen; für alles dies ist gesorgt, +wenn auch nach etwas verjüngtem Maßstabe. Während der Saison +präsidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer +über dort müßige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen +der englischen Bäder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise +behalten wir uns vor ausführlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung +von Bath, dieser Königin aller englischen Badeorte, kommen. + +Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham führt, wird +für eine der schönsten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr +in diesem Lande die große Seltenheit gerader, von hohen Bäumen eingefaßter +Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier +von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuß +lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas +schwerfälligen Tempel eingeschlossen, daneben ein hübscher Saal +zum Gebrauch der Brunnengäste bei schlechtem Wetter, und in diesem +ein Buch zu Subskriptionen für die Erhaltung der Promenade, des Saals usw. +Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen +und Stand; im Unterlassungsfall wird er für einen Nobody angesehen +und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade +befindet sich noch eine gewöhnliche englische Gartenanlage; +ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegäste bestimmtes Gebäude +schließt hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet +der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue. + +Es ist ein hübscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr, +der gewöhnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den +ehrwürdigen Bäumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz, +welcher die Engländerinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt, +und hier, in diesem grünen Dämmerlichte, zeigen sich die weiß gekleideten, +nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar hält +diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Engländer +sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schönste in der Welt. +Während man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr +charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande +Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und läßt laut +ihr God save the King und Rule Britannia erschallen. + +Eine wunderliche Einrichtung ist's, daß man nicht anders als +über den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar +ganz artig, mit hübschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen +besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken +Ideen erwecken, die deren Heilkräfte schwächen könnten. + +Das Wasser von Cheltenham wird hauptsächlich gegen Hautschäden, Skorbut +und ähnliche Übel gebraucht. König Georg der Dritte brachte durch +einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses +sehr übel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten, +vielleicht angeborenen Hautübel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag +verging, aber der gute Georg geriet darüber in den traurigen +Gemütszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fußnote: Georg III. +regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas +Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter +Anfällen von Geistesgestörtheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen +Dämmerzustand, der nach einem völligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft +des Prinzen von Wales erforderlich machte.] + +Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief; +ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe +zu Wagen und zu Roß. + +Dort war alles in geschäftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock +angezogen, hübsche Mädchen in weißen Kleidern und gelben Nankingschuhen +liegen überall munter und fröhlich umher. Eine Bande Seiltänzer +und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier für den Abend +Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch +für die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles +im Städtchen Tewkesbury für Lärm machen mußte, und wie die jungen, +dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim bloßen Herrlichkeit +ungewohnten Herzen schon beim bloßen Gedanken daran rascher schlugen. +Und noch dazu alle die glänzenden Herren und Damen aus Cheltenham, +die Equipagen, schönen Pferde, Bedienten und der übrige Troß, +es war zum Entzücken! Glücklich, wer wie wir beizeiten für Wohnung +und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in +dem Gewühle schwerlich ein Unterkommen zu finden. + +Um zwölf Uhr zog alles, Mann und Roß und Wagen, hinaus zum Rennplatze. +Eine große schöne Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise +zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schließen +rings die Aussicht. Das an sich schon recht hübsche Lokal, belebt von +mehreren tausend fröhlichen Menschen jedes Standes, gewährte +ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltänzer hatten die mit +unzähligen Fähnchen recht bunt verzierten Gerüste, auf welchen sie +den Abend ihre Künste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet; +dieses, die türkische Musik, welche ertönte, um die Neugierde +des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Tänzertracht, +in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf +ihren Gerüsten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter +und lebendiger. + +Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten +bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermüdet teilten +sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese +Ankündigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon +zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler +durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu +verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen, +mit Ernst und Eifer in ihren Zügen, das fröhliche Treiben der übrigen +verächtlich anzublicken. + +Endlich tönte die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren +einige berühmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser +als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, daß wir, +wie der größte Teil der übrigen Gesellschaft, nach Tische wieder +zum zweiten Rennen fuhren. + +Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende +eines fröhlichen Tages zu langweilen, ließen wir Ball und Assembleen, +Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar +die Entscheidung des großen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine +Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide +zugleich angekommen wären. Wir wünschten den guten Einwohnern +von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als +vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnügen für +den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden +sie erwarteten, bewunderten noch die schöne gotische Kirche, +eine der größten und schönsten im Reiche, und fuhren fröhlichen +Muts nach Gloucester. + +Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend, +mit hübschen Häusern und breiten Straßen. Übrigens enthielt sie, +so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere nähere Aufmerksamkeit +auf sich zog. + + + +Bristol + + +Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten +und der Charakter der Gegend völlig von dem des übrigen England +verschieden. Sie ist mannigfaltiger, südlicher. Grün ist nicht mehr +so ganz die prädominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich +auch hier in höchster Pracht darstellt. Schönere, größere Bäume +als irgendwo, in gedrängten Gruppen, viele große Pflanzungen +von Obstbäumen, mit Mauern statt der gewöhnlichen Hecken eingefaßt, +zeichnen sie vor allen anderen in Großbritannien aus. + +Hier glüht der Goldpepping [Fußnote: Goldreinette, Apfelsorte], +der Stolz Englands, zwischen dem hellgrünen Laube und seufzt im +Herbst unter der Presse, um später als Cider [Fußnote: Apfelwein, +Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren französischen +und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier +reift die Birne auf hohen stattlichen Bäumen und liefert den Perry +[Fußnote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden +Champagners von den Weinhändlern teuer verkauft wird. + +Der schöne Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe +schweben auf seiner silbernen Fläche. Nahe bei Bristol wird er +tief genug, um selbst große Schiffe von vierzig bis fünfzig Kanonen +zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten +Gegenden, fällt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen, +der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig +die schönsten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer, +der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in höchstem +Reichtume, den weiser Fleiß und ein vortrefflicher Boden nur +gewähren können. + +Die Stadt schien uns größer als Edinburgh. Straßen und Plätze +sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit +schönen Privathäusern sowohl als öffentlichen Gebäuden und Kirchen, +unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe +als ehrwürdige gotische Gebäude sich auszeichnen. Das Theater +ist groß, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite +mit korinthischen Säulen verzierte Gebäude, in welchem unter +der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Bälle +während der hiesigen Badezeit statt haben. + +Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Königin der Städte +thront es ebenfalls auf sieben Hügeln, und einige davon gewähren +von ihren Gipfeln eine sehr schöne Aussicht in das Land ringsumher. +Die Straßen, die hinaufführen, sind aber größtenteils sehr steil. +Außer dem schiffbaren Avon strömt auch noch ein kleinerer Fluß, +der Frome, durch die Stadt; hübsche steinerne Brücken führen +über beide Gewässer. Der Quai am Hafen ist prächtig, ein Meisterwerk +seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick; +denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste +Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausrüstete, der Bristols +Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen +kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es +uns unmöglich, heiteren Mutes die schönen Docks zu bewundern, +welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden +der Welt sicher und bequem beherbergen. + +Eine der schönsten Partien um Bristol gewährt King's Weston, +der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist +groß und stattlich, wenn auch etwas schwerfällig und mit +Verzierungen überladen; wir mochten uns aber mit näherer +Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schönen Anlagen +durchliefen wir nur flüchtig, so mächtig zieht hier +die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst +zu schmücken versuchte. King's Weston liegt auf einer beträchtlichen +Anhöhe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von +einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet +mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England +zu einem der schönsten Länder Europas machen, und liebliche Hügel, +mit aller Pracht der üppigsten Vegetation geschmückt, +scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der übrigen Welt. +Von der anderen Seite der Anhöhe von King's Weston sieht man +den hier mächtigen Avon sich majestätisch hinwinden durch +ein jenem Tale ähnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden +der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken, +schweben auf seiner silberblinkenden Fläche. Lange verfolgt hier +der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer mächtiger, +immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten +immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen, +wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht +und zugleich den Lauf des schönen Stroms begrenzt, indem es +ihn in seinen Schoß aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt. +Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren; +endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwürdigen Bäumen +besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch höheren Hügel, +Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe +Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und +noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzückender. + +Ein sehr angenehmer Weg führt von da nach Clifton. Man nennt Clifton +ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir möchten sagen, aus Palästen +bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf +der sonnigen Seite eines Hügels. Die schönen großen Häuser +stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes, +teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden +auch breite Straßen und schöne, regelmäßige Plätze. Alles +dieses ist durch Gärten, Felder, steile, wilde Felsen und +sanfte Anhöhen auf das Reizendste vermannigfaltigt. + +Einige dieser Gebäude werden für immer oder auch nur den Sommer +hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der größere Teil +derselben ist zum Gebrauche der Badegäste eingerichtet, deren +jährlich eine große Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und +Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit +entfernt von Clifton fließt. Leider oft vergebens; denn +diese Quelle wird gewöhnlich als letztes Mittel gegen +das traurigste aller Übel, die unser kurzes Leben bedrohen, +gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt. + +Nirgends häufiger als in England wüten diese Krankheiten, +die fast immer die jüngsten und liebenswürdigsten Opfer sich erwählten, +und sie verschönen und verklären, indem sie sie zerstören. +So blüht die vom Wurm gestochene Rose oft um so früher und +schöner auf. Es ist ein herzzerreißender Anblick, die jungen, +ätherischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt, +in diesen elysischen Gegenden über den grünen Rasen hinwanken +zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhestätte +ihrer Vorgängerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen +von zwanzig und fünfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen +Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind. + + + +Hotwells + + +Ein sehr steiler Weg führt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle +fließt und ebenfalls viele schöne Wohnungen für Badegäste erbaut sind. +Nahe am Ufer des Avon rauscht sie mächtig hervor, aus einem der +Felsen, die in majestätischen Reihen sich von beiden Seiten längs +dem Bette des Stroms hinziehen. Ein hübsches Gebäude ist über +der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden +zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt +das Brunnenzimmer. Ein artiges Mädchen personifiziert hier die Hebe +und schenkt das gar nicht übel schmeckende, wie Champagner +petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschöpft wird, +sieht es etwas trübe und weißlich aus, wird aber ganz klar, +sowie es sich abkühlt. + +Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien, +Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier +zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche +in den Ritzen und Spalten der den Avon umschließenden Felsen gefunden +werden und sowohl an Glanz als Härte den wirklichen Diamanten sehr +ähnlich sind. + +Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschränkt, +aber von ernster Schönheit; wild und hoch streckend die dunkelroten +Marmorfelsen von St. Vincent ihr majestätisches Haupt hinauf in +die blaue Luft. Der Avon drängt sich brausend durch das ihn einengende +Felsenbette; ihm gegenüber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen, +starren andere, ganz ähnliche Gebirge; es ist, als hätte der dunkle Strom +hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben, +mächtig seine Grundfeste erschütternd, ihn zersplittert. Verfolgt man +mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit +zwischen diesen Kolossen hinwinden muß, so erblickt man am fernen Horizont +die schönen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete, +aber höchst romantische Aussicht schließen. + +Hinter dem Brunnenhause dient eine schöne, mit Bäumen besetzte Terrasse +am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen; +kein Brunnenort hat wohl eine ähnliche Promenade aufzuweisen. +Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gäste unter einer in Form +eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite +von einer Reihe eleganter Läden begrenzt wird. + +In Hinsicht der schönen Gebäude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung +von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schönen Reihen +und Straßen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten +auf See und Fluß, Berg und Tal; es ist unmöglich, mit der Feder +auszudrücken, wie überschwänglich reich sich hier die Natur bewies. +Aber auch für andere Vergnügungen ist gesorgt. In zwei schönen, +zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebäuden werden jeden +Montag und Donnerstag Déjeuners dansants auf Subskription gegeben. +Dienstags ist regelmäßig Ball, an den übrigen Tagen füllen Assembleen +und Promenaden die müßige Zeit aus. + +Wie in den übrigen größeren Bädern präsidiert auch in Hotwells +ein Zeremonienmeister; seine Gesetze hängen in den Sälen an der Wand +angeschlagen und werden pünktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht +auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der übrigen Etikette, +besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung +von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten; +wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunächst +folgenden Abschnitt. + +Außer den allen Bädern gemeinen Vergnügungen, welche regelmäßige +Promenaden, Assembleen, Bälle, Lesebibliotheken und dergleichen gewähren, +erfreuen sich die glücklichen Bristoler Brunnengäste noch viel +mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher +durchstreifen; denn außer King's Weston gibt es noch in ganz mäßiger +Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs +wert wären. + +Leider waltete über uns das gewöhnliche Schicksal der Reisenden, +wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen, +vielleicht Monate lang hier verweilt, muß sich manchen hohen Genuß +verschaffen können, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten, +auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt +die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann +widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet. + + + +Bath + + +Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang. +Im unaufhörlichen Wechsel der reizendsten Aussichten fährt man, +wie in einem Garten, auf den schönsten, ebenen Wegen, durch ein Land +von mannigfaltiger hoher Schönheit. + +Die Jahreszeit war die günstigste, um alles dies zu genießen, +aber nicht um das eigentümliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt +von den meisten anderen unterscheidet. Früher hatten wir im Winter +Gelegenheit dazu, und was wir während unseres ersten und zweiten +Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz, +um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollständigere Ansicht +dieses merkwürdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen +von dem Leben der Engländer in Badeorten, weil es uns zur Verständlichkeit +des Ganzen unentbehrlich dünkt. + +Etikette ist in England überall an der Tagesordnung. Dem Briten +geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnürbrust, wenn sie sich +von Jugend auf daran gewöhnt haben. Sie fühlen sich unbehaglich, +wenn der gewohnte Zwang aufhört, und wissen ohne ihn nicht zu leben. +Schon mit dem häuslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt; +in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander +verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Bädern +fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt +und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewöhnlichen verschiedenen +Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein, +wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermaßen unterscheidet. +Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm +neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist +in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath +gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt für alles, +er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem höflich entgegen. +Bei den Bällen und überall hält er auf strenge Beobachtung der von +der ganzen Gesellschaft für gültig anerkannten Gesetze, in allem, +was die Ordnung der dem Vergnügen gewidmeten Stunden, der Kleidung, +des Ranges und tausend anderer Zufälligkeiten betrifft. Diese Gesetze +sind in den Assemblee- und Ballsälen angeschlagen, damit er sich +gleich darauf berufen könne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich +bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, für sich selbst zu sorgen, +und er verschafft ihnen Mittänzer, Partners, für den ganzen Ballabend. +Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen +zu schlichten. Unermüdet muß er für Anstand und Sitte wachen. + +Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister +zu sein. Männer, die sich und ihr Vermögen im großen Strudel der Welt +verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche +nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton +und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich +am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder +der freiwilligen Resignation ihres Vorgängers durch die Stimmenmehrheit +der anwesenden Brunnengäste. Das Leben, das sie führen, ist sehr +ermüdend, ihr Lohn dafür Achtung im Äußeren, der Ertrag einiger Bälle, +die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste +ein anständiges Geschenk. Daß sie überall freien Zutritt haben, +versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an +einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung +ihres Amtes. + +Eine entfernte Ähnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern +haben die Brunnenärzte in einigen der kleinen deutschen Bäder, +wo sie auf Promenaden und an den öffentlichen Tischen Gesunde und Kranke +umflattern, alles anordnen, alles wissen, überall sind und nirgends. +Die eigentlichen Brunnenärzte fehlen in England gänzlich; man hält sich +an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes, +und nur in ungewöhnlichen Fällen zieht man einen aus dem Orte oder +der Nachbarschaft zu Rate. + +Auch öffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet, +und man hat nicht wie in Deutschland schon vom frühen Morgen +den empörenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hyänen und ihrer +sinnlosen Beute zu ertragen. + +Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte häuslich und komfortabel +eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist, +hat man Karten an die Badegäste geschickt, die man schon kennt +oder deren Bekanntschaft man zu machen wünscht, so bleibt nun weiter +nichts übrig, als sich überall zu abonnieren, um überall Eintritt +zu haben. Zuerst in die Assemblee-Säle, dann zu den an festgesetzten Tagen +statthabenden Bällen, dann zu den Konzerten, die in den größeren Bädern +auch regelmäßig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den +verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher +Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller, +welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig +zu werden wissen. + +Ist früh das Wasser getrunken, welches gewöhnlich während der Promenade +in einem der Brunnensäle geschieht, hat man gebadet, en famille +gefrühstückt (öffentliche Frühstücke sind selten), was fängt man +dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische +beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen +Visiten, die Revue der Putzläden sind bald abgetan. Welche eine +Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken! +Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein +paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen +wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen, +Journale, Broschüren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder +dort durchblättert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht +genug. Außer den geistigen Schätzen findet man in diesen Läden +noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen +Kleinigkeiten aus köstlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt +unentbehrlich dünken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen +dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug +oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe +fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere +lotteriemäßig verspielt und gewährt so diesen Anstalten ein +neues Interesse. + +Zu Mittag speist man etwas früher als in London, weil die +Abendvergnügungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt +für sich zu Hause ihre Ökonomie selbst oder läßt sie außer dem Hause +besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe. +Hin und wieder gibt's auch Häuser, wo die Gesellschaft, die im Hause +wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist; +doch entschließen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist +nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish. +Öffentliche Tische lieben die Engländer nicht; nur in kleinen Bädern, +wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermögen und Vergnügungen beschränkter, +mehr zusammenhalten muß, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern +teil daran. + +Nach Tische wird in den größeren Bädern die dritte Toilette gemacht. +In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung. +Abendessen sind nicht gebräuchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe, +einige privilegierte Nachtschwärmer vielleicht ausgenommen. + +Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland: +man weiß jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des +zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont +oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein fürchterlicher Tag. Spiel, +Tanz, Musik, alles ist hoch verpönt alle Läden, alle Leihbibliotheken +sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade +im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt +sehr einförmig, die Ausländer, die merkwürdigen Menschen fremder +Nationen, die unseren Bädern oft ein so hohes Interesse geben, +fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur +Landeseinwohner. Ein Irländer oder Schotte heißt sogar schon ein Fremder. + +In England muß nun einmal alles im Leben dem gewöhnlichen Laufe +der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter +zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht +zum Tage, und um diese allgemeine Veränderung aller Zeiten recht +vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den +Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort +von Badegästen, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten +bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht +bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam +zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden +an Krücken und auf Podagristenwägelchen die belebenden Strahlen +der Sonne aufsuchen. + +Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer +traurig verhallen. Viele führt das Vergnügen, einige auch wohl +eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der größte Teil +der Badegäste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken. +Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und +jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerrütteten +Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschränkten Mitteln den Freuden +der großen Welt nicht zu entsagen versteht, der flüchtet hierher, +wo er sie alle findet; freilich in etwas verjüngtem Maßstabe +wie in London gehalten, aber dafür auch unendlich wohlfeiler. +Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger +als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen muß. +Schon in dem Umstande, daß die bergige Lage von Bath Pferde und +Wagen entbehrlich, ja ganz überflüssig macht, liegt ein sehr +bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern +ist man gewöhnlich wieder zu Kräften gekommen und kann sich von neuem +auf einer größeren Laufbahn versuchen. + +Da die Gesellschaft hier größtenteils aus Mitgliedern der müßigen +und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert +und vornehm frivol als möglich. An Glücksrittern fehlt es dabei nicht; +diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen. +Väter und Vormünder reicher Erbinnen, welche diese bisweilen +hierher führen, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem größeren +Theater vorzubereiten, müssen sich freilich in acht nehmen. Von Bath +aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green +vorbereitet oder gar angetreten. + +Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von beträchtlichen +Anhöhen, die sich nur öffnen, um dem schönen Strom eben den Durchweg +zu gewähren. Langsam und majestätisch windet er sich, bis zu dem +zwölf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und +Stadt, erhebt die Schönheit der Gegend und gewährt durch die leichte +Kommunikation mit jenem großen Seehafen beträchtliche Vorteile. +Von wunderbar einziger Schönheit ist der Anblick der Stadt. Bald +ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die nächsten Anhöhen, +höher und immer höher türmte sie Paläste über Paläste, wetteifernd +untereinander an Schönheit und allem Schmucke der neueren Architektur. + +Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schöpfungen +liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Fußnote: +Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle +und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher +König Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll. +Ernst steht sie da, in alter Majestät; ihre gotischen Türme streben +wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus, +während die bunte neue Welt um sie her die Hügel erklettert und +sich groß dünkt. + +Die Häuser sind alle von schönen Quadersteinen erbaut, die man +ganz in der Nähe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als wäre +es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Häuser, +mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Häusern bestehend, +die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert, +das Ansehen eines einzigen Prachtgebäudes haben, stehen zerstreut, +wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr +beträchtlicher Höhe. + +Regelmäßig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,, +aber doch unbeschreiblich hübsch anzusehen; ausgezeichnet schön +der große Platz, Queen's Square genannt, mit seinen prächtigen, +vielleicht ein wenig mit Zierart überladenen Häusern, aus deren +Fenstern man sich einer schönen Aussicht erfreut. In der Mitte +dieses Platzes umschließen eiserne Geländer einen artigen Garten, +dessen sich die Bewohner der umliegenden Häuser zum Spazieren +bedienen können; schade, daß ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt. + +Von Queen's Square geht es sehr steil in die Höhe durch Gay Street +zum Royal Circus, einem großen runden Platze. Die ihn umgebenden +Häuser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen +möglichen Säulen aller möglichen Ordnungen verziert oder verunziert. +Hinter ihm, noch viel höher, liegt der Royal Crescent; er besteht +aus dreißig sehr schönen Häusern, die das Ansehen eines einzigen +haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil +erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Säulen. Vor ihnen hin +breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und läuft hinab +gegen die Ufer des Avon. Eine diesem ähnliche Reihe Häuser, +Marlboroughsgebäude genannt, liegt ganz in der Nähe. Der höchste +bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls +eine schöne, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Häuser. +Sie liegen, gleichsam die Krone der schönen Stadt, in schwindelnder +Höhe. + +Noch mehrere oder gar alle diesen ähnliche Plätze und Straßen +zu nennen, würde ermüdend werden, und vielleicht reicht +das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben, +was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr, +ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche +Pflaster, die große Reinlichkeit der Straßen und nachts +die wunderschöne Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr, +und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise über alles, +was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengäste beizutragen vermag. + +Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere +der schönsten Straßen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz +mit großen Quadersteinen gepflastert und gar nicht für Equipagen +eingerichtet. Zu den Assembleesälen, zu beiden Promenaden, +die Nord- und Südparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen +gelangen. Doch befürchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermüden: +eine Anzahl von Portechaisen [Fußnote: Tragstühle] steht überall +bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und +transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den +höchsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht +der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und +einer ziemlich mäßigen Taxe unterworfen, die sie nicht überschreiten +dürfen. + +Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schönen +Gebäude werden ganz oder teilweise an Badegäste vermietet. +Der festgesetzte Preis eines möblierten Zimmers während der Badezeit +beträgt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet +die Hälfte. Unangenehm ist es, daß man immer die ganze Reihe Zimmer +mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen muß, während man +kaum die Hälfte davon braucht. Es gibt zwar Häuser, welche zugleich +ihre Gäste in die Kost nehmen, und in diesen ist man gefälliger +und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich muß man auch dort +weniger Ansprüche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man +außer der Wohnung noch nötig hat, ist ebenfalls zu vermieten: +Möbel aller Art, Betten, Porzellan, Küchengeschirr, Hausgeräte +und Gemälde, Gläser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwäsche, +alles wie man es verlangt, auf das Prächtigste oder zierlich +einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein großes Haus +mit allem Nötigen und Überflüssigen versehen werden. Überall +findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen, +überall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und +der Bequemlichkeitsliebe hinter großen Glasfenstern in schönen +Läden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt. + +Das Wasser ist sehr heiß. Drei Stunden muß es stehen, ehe man sich +hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet. +Der heißen Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad +beim Trinken von der schwächsten zur stärkeren allmählich über. +Die Ärzte empfehlen dabei die größte Vorsicht. Das Wasser ist klar +und schmeckt nicht unangenehm; Nervenübel, Lähmungen, Podagra +und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptsächlich +angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs +und zehn Uhr, und dann wieder einige Gläser gegen Mittag. Gewöhnlich +trinkt man in dem zur Quelle gehörigen Brunnensaale. + +In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath +der ekelhafte Brauch, in großen gemeinschaftlichen Bädern +in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden. +Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser +hervorragenden Köpfe auf das Modernste und Vorteilhafteste; +Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten +mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu +vertreiben. Diese großen Bäder existieren noch, vier an der Zahl, +aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene +Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Bäder, das Königsbad genannt, +liegt dicht hinter dem großen Brunnensaale; eine Reihe dorischer +Säulen umgibt es; es ist fünfundsechzig Fuß lang und vierzig breit, +das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad +Fahrenheit heiß. Neben diesem Bade liegt der Königin Bad, +es enthält nur fünfundzwanzig Fuß im Geviert und ist etwas weniger +warm. Das Kreuzbad führt diesen Namen von einem Kreuze, welches +ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal. +Mit dieser Quelle, als der schwächsten, fängt man gewöhnlich an +zu trinken. Das heiße Bad hat einhundertsiebzehn Grad Wärme. +Privatbäder, Dampfbäder und ähnliche Anstalten sind damit +in dem nämlichen Gebäude vereint. Diese Quelle, als die stärkste, +wird selten getrunken, der dazugehörige Brunnensaal ist dumpf +und düster. + +Die erste Entdeckung der heißen Quellen von Bath verliert sich +ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und +bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt +der heißen Bäder, nannten. Später gaben ihr die Römer verschiedene +andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen +nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen. +Im Sommer möchte sie noch so heißen; wenn aber jetzt einer +jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit +plötzlich in einen ihrer Ballsäle versetzt würde, er gäbe ihr gewiß +dann einen schöneren Namen. + + + +Salisbury und Stonehenge + + +Wir fuhren nun über eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut +sproß kümmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand, +auf dem das Auge nur Momente haften könnte; die Lüneburger Heide +ist ein Paradies dagegen. + +Es war die berüchtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns +jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, besät mit uralten Gräbern +längst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen. +Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese großen, +abgerundeten Hügel nur wenig über die graue, düstere Fläche, +und bloß an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst +umgebenden Grabens. Der blaue Himmel wölbt sich lautlos darüber hin, +kein Vogel singt in dieser Einöde, denn nirgends steht ein Strauch, +auf dem er sich niederlassen könnte. + +Wir rollten schnell vorwärts und merkten doch kaum, daß wir +weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle, +die wir verließen, glich ganz genau der, auf welcher wir am nächsten +Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen +wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt +erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise; +wir kamen näher und näher, noch immer wußten wir nicht, was wir sahen; +jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Fußnote: +das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung +und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden; +sicher ist nur, daß die Steine, man schätzt die Anlage auf 4000 Jahre, +in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.], +dem ältesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa. + +Unförmige, riesengroße Steine, sichtbar von Menschenhänden aufgestellt, +erheben sich in ungeheuren Massen auf einer mäßigen, nur ganz allmählich +emporsteigenden Anhöhe. Hohen Säulen gleich, stehen sie in einem +der großen tempelähnlichen Kreise, immer zwei und zwei näher aneinander, +welche dann ein großer, ähnlicher Stein, wie ein Querbalken +oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige +der Säulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch +bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den +umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren; +denn an jeder der Säulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen, +freilich sehr roh und in ungeheuren Verhältnissen, und die quer darauf +liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden, +welche genau auf jene Knöpfe passen. So bildete und verband sie +die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um +Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Säulen tragen Spuren des Meißels, +sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh +behauen, an Höhe und Stärke einander nicht gleich, aber alle +von erstaunenswürdiger Größe und Schwere. + +Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur +ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden. +Jetzt hält man dies wunderbare Gebäude für die Überreste eines alten +Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohltätige Sonne. +Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer +gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle +ihrer verblendeten Brüder. + +Mitten in dem großen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man +Überbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen +gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt +ein großer, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung +war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein +ist von einem der ungeheuren herabgestürzten Quersteine des äußeren +Kreises in drei Stücke zerschmettert. Seitwärts, außer dem Kreise, +liegt ein zweiter, dem Altarsteine ähnlicher Stein von ungeheurer Größe. + +Ungefähr dreißig Schritte vom großen Kreise stehen noch ein paar +der säulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreißig Schritte +voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch größeren +Kreis, der jenen engeren einschloß, eine Art Vorhalle des heiligen +Tempels; denn gewiß ist das gigantische Werk, das wir anstaunten, +nur ein kleiner Überrest von dem, was es Ungeheures war in +seiner Vollendung. + +Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast +übermenschlichen Kräfte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast +ebenso unbegreiflich, wie sie zerstört wurden. Vielleicht stürzte +ein Erdbeben sie um, es öffnete sich die Erde und begrub zum Teil +wieder in ihrem Schoße die ihr entrissenen Felsstücke, welche +sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind, +ohne daß es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche +fortgeführt. Welch ungeheure Kraft wäre auch erforderlich gewesen +zum Transport dieser Riesenmassen! + +Was das Wunderbare noch mehr erhöht, die Steine bestehen aus +einer Art Granit, wie er mehr als dreißig englische Meilen in der Runde +nicht anzutreffen ist. Wie war es möglich, sie durch unwegsame Wälder, +über Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn +man sie sieht, man fühlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks +Glauben beizumessen, welche sie für das Werk einer früheren Riesenwelt +hält, der mächtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick +des Ganzen macht, läßt sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen +ergriff uns in dieser öden Wildnis beim Anschauen eines Werks, +dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und +das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt. +Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu überlassen; denn öde und traurig +ging unser Weg über die große Ebene hin, die sich immer gleich blieb, +bis wir spät abends die alte Stadt Winchester erreichten. + +Von Winchester aus hatten wir sehr böse Wege; denn durch unsere +Kreuz- und Querzüge waren wir von der großen, gebahnten Straße abgekommen +und mußten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder +zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Hügel, +über welche unser Wagen mühsam hinrasselte, zu Fuß hinab; reiche, +weit ausgebreitete Aussichten entschädigten uns zuweilen für unsere Mühe. + +Endlich erreichten wir das Städtchen Chichester. Wir fanden +den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein +Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Mädchen +besetzt, die Straße voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern. +Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison +liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen +aufmarschiert, dem Gasthofe gegenüber. In letzterem hatte niemand Zeit; +Herr und Frau und Aufwärter liefen mit den Köpfen gegeneinander. +Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert +[Fußnote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales, +des nachmaligen Georgs IV. Nach dem königlichen Ehegesetz von 1772 +jedoch illegal, da der König die Erlaubnis nicht gegeben hatte. +Die Verbindung überdauerte auch die Eheschließung des Prinzen mit +Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas +in die Brüche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es; +sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet. +Nach zwei Stunden erschien sie, ließ, ohne auszusteigen oder sich +umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die große Begebenheit +war vorüber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich +nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel. + +Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schloß; es wurde eben +durch ein neues Hauptgebäude und einen daran stoßenden Flügel ergänzt +und vergrößert; alles war voll Lärm, Staub und Unordnung, wie es +gewöhnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses wäre überall +ehrwürdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr geräumigen +Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebäuden, verliert es unendlich. +Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, daß das Schloß +von Arundel weit größer und beträchtlicher gewesen sein müsse als jetzt. +Der noch übrige Teil des Gebäudes mit runden Türmen und einem schönen +Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden +Schöpfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert, +unterm Schutze alter Bäume, wären diese heiligen Überreste vergangener +Größe zu dem Schönsten zu rechnen, was England in dieser Art +aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmälern der Vorzeit ist. + +Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthöfen alles in Bewegung und +Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontärs, von denen +wir schon früher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer +ein großes Bankett. Das Gebäude bebte vom Jubel der Helden +bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten +des Regiments eine Musik, welche Tote hätte erwecken können; +die Aufwärter hatten alle Hände voll Bouteillen und Korkzieher; +die Pfropfen knallten, Waldhörner und Trompeten schmetterten, +die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschüttern, +zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen +und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel, +es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir +mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin; +ein sanfter Wind kräuselte kaum dessen vom Monde versilberte Fläche, +die Wellen spielten und flüsterten und blinkten geheimnisvoll +und leise; so kamen wir glücklich nach Brighton. + + + +Brighton + + +Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest, +ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag. +In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerfälligen Namen +Brighthelmstone verloren und heißt viel eleganter und kürzer Brighton. + +Während der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt +des damaligen Prinzen von Wales, späterhin des jetzt schon bei seinen +Vätern ruhenden Königs, Georgs des Vierten [Fußnote: geb. 1762, +1811 Regent, nominell König von 1820-50. Johanna brachte hier +in seinem Todesjahr für die Herausgabe der "Sämtlichen Werke" +ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfünfzig +englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise +in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Nähe der Hauptstadt +den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz +unbedeutende Fischerstädtchen zu erwählen. + +In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal +eine wahre Ebbe und Flut unter den übrigen Brunnengästen. War er abwesend, +so wurde alles öde und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurück. +Wie sehnsüchtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte, +ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode +nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich. +Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend, +daß dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermaßen +zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen +und zu behaupten, die Leute im Orte würden ungewöhnlich alt. Und in der Tat +ist das Klima hier sehr gemäßigt. Ein Amphitheater von leider ganz +kahlen Bergen schützt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt, +trocken und gesund, auf einer mäßigen Anhöhe; Seelüfte mildern +die zu große Hitze im Sommer. + +Die Stadt ist klein. Stattliche Häuser aus der neuesten und unscheinbare +Hütten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander +gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes Äußere. +Man baut hier von Kieseln, die mit Mörtel verbunden sind; +nur die Einfassungen der Fenster und Türen bestehen aus Ziegeln. +Man rühmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus, +besonders da es in England gar nicht gebräuchlich ist, den Häuser +von außen einen Tünch zu geben. + +Ganze Reihen geräumiger, bequemer Häuser für Fremde, alle unter +einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes. +Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer hübschen +Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden +zum Spazierengehen, von einer Seite mit schönen Häusern besetzt, +während man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer +sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Maßstabe. + +Die Promenaden sind von der Natur wenig begünstigt. Nackte Berge +umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich +große Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach, +als daß große Schiffe in der Nähe vorbeisegeln könnten; daher gewährt +es einen ziemlich einförmigen Anblick, den nur Fischerboote etwas +beleben. + +Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen +sich hinziehende hübsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebäuden +bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhäuser +sind fast alle auf dem Steine angelegt. + +Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Fußnote: Royal Pavillon], +liegt ebenfalls am Steine, ein hübsches, mit einer Kolonnade verziertes +Gebäude; da es nicht von bedeutender Größe ist, erscheint es etwas +niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr prächtig gewesen +sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte +Gärten anzulegen, doch kommen Bäume und Sträucher hier auf keine Weise +fort. Eine große pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche +einen Sonnenzeiger trägt, nimmt sich wunderlich aus und spricht +nicht sehr gut für den guten Geschmack der übrigen Verzierungen. + +Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebäude enthält die Bäder. Man findet +dort deren kalte und warme, Schwitzbäder, Schauerbäder, kurz alles, +was je erfunden ward, um die Übel, die unser armes Leben bedrohen, +fortzuspülen. Zu allen diesen Bädern wird Seewasser genommen. +Bademaschinen, wie in anderen Seebädern, um damit sicher und ungesehen +in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich +weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen +im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Plätze, einer für Herren, +der andere für die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden +hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden, +wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr. + +Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton +besteht; sehr unangenehm aber ist es, daß auch die Fischer sich +in diesen glänzenden Kreis drängen, und gerade in der Gegend, +wo man am häufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten +und die Luft verderben. + +Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten. +Ihn umgeben schattige Bäume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden, +obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken würde. Er enthält +auch einen hübschen Salon mit einem Orchester. + +Die Versammlungssäle befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthöfen, +der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird +gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen +darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch können hier +auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben +weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Säle +beider Häuser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und +einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle +artig und zweckmäßig verziert. + +Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege +gelegenen Städtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten, +der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte. +Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen +und Atem zu schöpfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel +der großen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig +an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, öffentliche +Fuhrwerke aller Art rollten unablässig an unserer Wohnung vorüber. +Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten, +denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorüberreisenden. + +Die Landkutschen füllten von innen und außen Weiber und Mädchen, +und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase +über Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zurüstungen +zu künftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur +keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert +als hier nach Brighton, wohin alles zog. + + + + +RÜCKKUNFT NACH LONDON + +Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fußnote: zur Zeit Johannas +zählte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir glücklich +anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer +fühlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte +unterbrochenen Reise. + +Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden. +Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Wänden hier wie überall +heimisch; doch kaum setzt man den Fuß auf die Straße, so ist man +in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und hätte man auch +ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer +Million Menschen, auf einem verhältnismäßig immer kleinen Punkte, +reißt unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt. +Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem großen Strudel +mit herumwirbeln ließen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen +aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken. + + + +London + +Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man +schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte. +Keine der größten Städte Europas, nicht Wien, nicht Berlin, +selbst nicht Paris kündigt sich aus der Ferne so imposant an. Häuser +reihen sich an Häuser, durch fast unbemerkbare Zwischenräume in +verschiedene Flecken, Städtchen und Dörfer abgeteilt, alle scheinen +zu einem Ganzen vereint, alle vergrößern ins Ungeheure die Stadt, +welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhältnismäßiger Breite, +anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr führen von allen Seiten +schöne breite Heerstraßen, welche, auch außer den Städten und Flecken, +mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges +Gewühl von Wagen und Reitern verkündigt dem Fremden schon von ferne, +daß er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich nähere. + +Von Shooter's Hill [Fußnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem +Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage +die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab, +frühstückten in Rochester, und aßen in Schooting-Hill zu Mittag. +Man hat von hier eine prächtige Aussicht auf London und die umliegende +Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten. +Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig +englische Meilen von London entfernten Anhöhe, erblickten wir +zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend +an den Ufern der königlichen, mit Schiffen bedeckten Themse. +Hoch in die Lüfte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben, +weiter zurück den schönen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei, +daneben noch die Türme von weit über hundert anderen Kirchen. +Es war ein schöner, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen +aufsteigende Steinkohlendampf ließ uns die Gegenstände wie durch +einen Flor erblicken. + +Schnell rollten wir hin auf dem prächtigen Wege und glaubten, +wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten. +Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schöne Blackfriars Brücke +führte uns hinüber, und nun erst waren wir in London. Beträubt +von dem Gewühle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit +von der Brücke entlegene York Hotel, wo wir für's erste abstiegen, +um späterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem +Privathause zu wählen. Fast alle Fremden, welche längere Zeit +in London zu verweilen gedenken, tun dies. + +Der Aufenthalt in den Londoner Gasthöfen ist unglaublich teuer, +die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken, +sonder auch wohnen können, ist verhältnismäßig klein zu nennen, +und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet, +als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten +verlangen muß, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten +vorkommt. + +Hingegen findet man mit leichter Mühe in allen Straßen vollkommen +gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Küche und Keller +und allen sonstigen Erfordernissen versehen; größer und kleiner, +elegant und einfach möbliert, wie man es wünscht, sogar ganze Häuser +mit Stallung und allem Zubehör. Man braucht nur durch die Straßen +des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wünscht, überall +erblickt man angeschlagene Zettel an den Häusern, welche Wohnungen +zur Miete ausbieten, so daß bloß die Wahl unter so vielen den Fremden +in Verlegenheit setzen kann. + +Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande, +angesehene Landhändler oder Handwerker, Witwen von beschränktem +Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste, +dem Fremden jede mögliche Bequemlichkeit zu verschaffen. +Gewöhnlich übernimmt es auch die Haushälterin oder die Frau +vom Hause, für Reinlichkeit der Zimmer und für die Küche zu sorgen, +so daß man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch +in seinen vier Pfählen befindet. + +London in aller seiner Größe, seiner Pracht und seiner Individualität +ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen +fühlen; auch wäre es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgängern +ein sehr überflüssiges. Nur das, was wir während unseres Aufenthaltes +einzeln sahen und aufzeichneten, können wir dem Leser hier geben, +kleinere Züge zu dem großen Gemälde liefern, welches andere +vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch +in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen. + + + +Ein Gang durch die Straßen in London + + +[Fußnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt +vor der Einführung der Gasbeleuchtung um 1807.] + +Man erzählt von einem der unzähligen kleinen vormaligen Souveräne +des weiland Heiligen Römischen Reichs: er habe, da er spät abends +in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren +illuminiert. Wäre er bei Tage durch die volkreichsten Straßen +der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen, +er hätte ebenso leicht meinen können, ein allgemeiner gefährlicher +Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung. + +Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff +machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte +des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fußgänger auf den +an beiden Seiten der Straßen hinlaufenden, etwas erhöhten Trottoirs. +Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris +können hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser +zu Fuß als in London, sobald man sich in die Art und Weise +der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewährt den Fremden, +besonders den reisenden Damen, einen großen Vorteil, um alles zu sehen +und zu bemerken. Wenn man wie in anderen großen Städten immer +in seinem Wagen festgebannt bleiben muß und keinen Schritt +gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Hälfte kennen; auf den +schönen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich +fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz günstig wäre. +In den Hauptstraßen sind diese breit genug, um sechs, acht und +mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen +winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem, +weil die Fußpfade dort auch schmäler sein müssen. Fremde kommen +indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen ähnlichen Stadtviertel, +wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben +und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden. + +Die prächtigen Läden, die Ausstellungen aller Art trifft man +größtenteils in den breiten Straßen, welche gleichsam das Mittel +halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren, +nur genießenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Engländer, +immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen, +erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stoßen und Drängen. +Den Damen und überhaupt den Respektspersonen läßt man immer die Seite +nach den Häusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen. +Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie führende +Londoner, so oft man eine Straße durchkreuzt hat, ihren Arm losläßt +und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald +wird man von dem Nutzen dieser Nationalhöflichkeit überzeugt. +Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen +her durcheinander drängen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht +zu erhalten als auf den Fußpfaden. So breit die Fahrwege auch +im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung, +die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen, +der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick +gewährt; nur muß man dem Lärmen gelassen aus dem Fenster zusehen können. + +Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen +Plätzen bereit, und dennoch ist's oft unmöglich, einen zu finden, +wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fürchten vielleicht +den Regen nicht so sehr als die Londoner; naß werden ist ihnen +eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen, +eilt alles, was keinen Regenschirm führt, sich in einer Kutsche +zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet +selbst jene große Anzahl noch bei weitem nicht zulänglich. + +Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anständig aus und würden +in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren; +nur das Stroh, womit der Fußboden belegt ist, macht sie unangenehm. +Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt, +daß sie täglich über zwölf Stunden auf dem Pflaster bleiben. +Auch werden sie möglichst gut verpflegt; sowie sie einen +ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher +einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer +um, aus welchem sie sich gütlich tun. Die Polizei hält strenge +Aufsicht über die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher, +der sich beigehen ließe, die festgesetzten, sehr billigen Preise +zu überschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen +die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder vorübergehende, +der Sache kundige Engländer wird dann sein Richter und hält streng +auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht +kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, wäre man auch ganz +allein, und trüge man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich; +wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer +des Wagens so bemerkt, daß es der Kutscher gewahr wird. + +Von der Pracht der Läden und Magazine ist schon vielleicht +zum Überfluß viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden +mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben. +Die kostbaren glänzenden Ausstellungen der Silberarbeiten, +die schönen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche +mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter großen +Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer +der Glasmagazine, alles blendet und reizt. + +Aber auch viel geringere Gegenstände werden auf eine dem Auge +gefällige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengießer +zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern +aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren +ihre Läden mit großen gläsernen Vasen, angefüllt mit Spiritus +oder Wassern in allen möglichen schönen und glänzenden Farben; +dazwischen prangen große künstliche Blumensträuße. Abends, +wenn hinter allen diesen farbigen Gläsern Lampen brennen, +schimmern diese Läden wie Aladins Zaubergrotte. + +Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen großen +Obstläden, in welchen die Früchte aller Jahreszeiten und Zonen, von der +königlichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in +zierlichen Körben, mit Blumen und Orangerien geschmückt, prangen. Die +Kuchenläden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige +kleine Törtchen, heiß von der Pfanne weg, zum Frühstück einzunehmen, +präsentieren sich auch recht hübsch. Alles, was Kuchenbäcker und +Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiß +behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Liköre, Dragées von +allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns +wieder die Kupferstichläden, in welchen täglich neue Gegenstände +dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, öfter Erguß satirischer Laune +oder Porträts berühmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer +umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmöglich, +vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust +festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhändler gewähren ebenfalls +täglich neuen Genuß. Bald sind es Neuigkeiten, bald schöne +Prachtausgaben älterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke, +sogenannte Stationers, die mit allen möglichen, zum Schreiben und +Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen täglich tausend neue Dinge, +uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche, +Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Läden +Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmäßigsten Mappe an +bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern +Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge +blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schönen Arbeiten dem +Publikum vor's Auge; gewöhnlich sind's sehr ähnliche Porträts bekannter +Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein +eigenen wertes Ich so täuschen vervielfacht zu sehen. + +Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhält, welche +an den Häusern mit vollkommen schön gezogenen goldenen Buchstaben +glänzen. Welche Mengen Bedürfnisse, die der genügsame Deutsche +kaum kennt! Besonders fällt es auf, daß die königliche Familie +so viele Kaufleute und Handwerker beschäftigt. Aber jeder derselben, +bei dem einmal zufällig für ein Mitglied des königlichen Hauses +gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal +so glücklich war, für einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht, +sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu rühmen und die Gunst +des Augenblicks für dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name +eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses +am Strand mit dem prächtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty, +the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestät der Königin. Gewiß ein Titel, +der noch auf keiner Hofliste gefunden ward! + +Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewühl +der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles +auf bequemes, ruhiges Genießen; kein rauschender Erwerb, +kein Gedränge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint +einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen. + +Die Magazine und Läden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus +verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schöner, moderner, +eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel +seine Waren im Laden, hübsch aufgeputzt, und nimmt in seiner +an denselben stoßenden, reinlich möblierten Stube das Maß, +wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes, +mit Diwan, köstlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmücktes +Boudoir zu diesem Zweck geführt, und schwerlich würde der Artist +einen Fuß berühren, der nicht aus einer Equipage gestiegen wäre. +Dafür kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem +Maßstabe geht alles. + +Nichts ist schöner als die großen Plätze in diesem Teile von London; +zwar umgeben sie keine Paläste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige, +aber schöne große Häuser, alles solid und prächtig. Dazu die +hübschen Boskette in der Mitte der Plätze, zu welchen jeder Bewohner +der umliegenden Häuser für eine Guinee einen Schlüssel haben kann. + +Glänzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren +und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedränge, ohne Lärm +Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk +kennen zu lernen, kehrt bald gern zurück aus diesem vornehmen +Quartiere, wo es wie überall in der großen Welt zugeht, +und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen +Stadt London auf. + + + +Bettler + + +Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Straßen wenig gewahr, +dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltätigkeit +anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein, +dem anderen ein Arm; aufeinander gestützt schwankten sie durch +die Straßen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden, +klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte +ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede +und belohnte es gern mit einigen Pence. + +An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Straße zu gelangen, +die Trottoirs verlassen und über den Fahrweg gehen muß, +stehen immer Leute, die geschäftig einen reinlichen Fußpfad kehren, +der freilich alle Augenblicke durch darüber rollende Wagen wieder +zerstört wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage: +ob man nicht einige einzelne Pfennige führe? Und auch ohne diese +gibt man ihnen gern. + +An wenigen betretenen Plätzen, besonders im ruhigen Teile +der Stadt, sieht man oft Männer, die mit Kreide auf den breiten +Quadersteinen der Trottoirs wunderschöne kolossale Buchstaben +malen, Namen, Sentenzen, Sprüche aus der Bibel. Der Vorübergehende +steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert +mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute, +die eine so schöne Hand schreiben, so tief in Armut versinken können. +Auf dem festen Lande müßte jeder dieser Bettler als Schreibmeister +oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmöglich, +etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift. + +Besonders merkwürdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir +täglich in den volkreichsten Straßen der City begegneten. +Man hielt sie allgemein für eine durch verschuldete oder unverschuldete +Unglücksfälle so tief gesunkene Schwester der berühmten Schauspielerin +Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dieser +in ihren Zügen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick +und Miene, nur älter, blaß und wie versteinert durch lange Gewohnheit +des Unglücks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Härte gegen +ihre unglückliche Schwester, denn alle, welche diese Frau +für solche ausgaben, fügten hinzu: sie nähme nichts von ihr an +und wolle nun einmal bloß von fremdem Mitleid ihr Leben fristen. +Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer +einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging, +daß man nicht dessen Züge hätte bemerken können; ein grünwollenes Kleid, +eine schneeweiße große Schürze und ein ebensolches Halstuch. +Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestützt auf zwei Krücken, +langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr +mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit +eines großen, ungekannten Unglücks. Sie forderte nicht, sie bat nicht, +aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten, +jeder fühlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war, +als müsse man ihr danken, daß sie die gebotenen Gabe nur nahm. +Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Königin nahm sie +das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst +hat sich diese auffallende, große Gestalt, diesen weiblichen Belisar, +möchten wir sagen, oft zum Vorbild gewählt. In allen Kupferstichmagazinen, +bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend ähnliches Bild, +denn diese Züge drückten sich leicht der Phantasie ein. + + + +Wohnungen in London + + +Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London. +Da der Eigentümer eines Hauses sich hier großer Vorzüge im bürgerlichen +Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus +entsteht dann, daß London fast aus lauter kleinen Häusern zusammengesetzt +ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch für sich allein +wohnen; dies verengt den Platz ungemein. + +In Paris, möchte man sagen, schweben vier Städte übereinander; +in London macht jeder Anspruch auf sein Plätzchen auf Gottes Erdboden, +und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln +sehr beschränkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich +bei der Kleinheit der Häuser wenig Bequemlichkeit darbieten. +An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewöhnlichen bürgerlichen Häusern +nicht zu denken; selten, daß man zwei aneinanderstoßende findet, +selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthält +gewöhnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Straße, eines nach +dem oft engen Hofraum zu. Überall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer. +Die Küchen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht, +die Türen alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustüren als +die in den Zimmern. Jene sehen bei größeren Gebäuden oft nur wie +eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Flügeltüren. +Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwände zwischen denselben +dagegen sehr breit. Die schönen Teppiche aber, die selbst +bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fußböden der Zimmer, +sondern auch Treppen und Vorplätze von der Haustüre an bedecken, +die zierlichen Möbel, das schöne Mahagoniholz mit seinem bescheidenen +Glanze, die Reinlichkeit überall, geben diesen kleinen Wohnungen +einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und +ist es auch. + +Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen +geschmückt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer; +schöne Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fußnote: Josiah Wedgwood +(1730-95); Schöpfer der englischen Tonwarenindustrie. Berühme +Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims; +der stählerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel +und alles Metallgerät glänzen hell poliert; Kupferstiche schmücken +die Wände, schöne Vorhänge die Fenster. Nichts in der Welt ist +gemütlicher, als ein englisches Wohnzimmer. + +Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen. +Die englischen Bettstellen sind alle sehr groß. Drei Personen +fänden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein +zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstände das Bett +miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes +eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmädchen mit sich +zu Bette, denn die Engländerinnen fürchten sich nachts allein +in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran +gewöhnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten +von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch, +doch sind Matratzen gewöhnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie +Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut. + + + +Lebensweise + + +Der größte, fleißigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker +und Ladenhändler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet), +führt im Ganzen ein trauriges Leben. Die großen Abgaben, die Teuerung +aller Bedürfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus +in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind, +zwingt sie zu einer großen Frugalität, die in anderen Ländern +fast Ärmlichkeit heißen würde. + +Ewig in den Laden und an die daran stoßende, oft ziemlich dunkle +Hinterstube gebannt, müssen sie fast jedem Vergnügen entsagen. +Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum +daß die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse +zweimal im Jahre hinkommt. + +In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns, +sie hätten seit zehn Jahren keine anderen Bäume als die von +St. James Park gesehen. Die Woche über dürfen sie von morgens +neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen; +dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt +dann in dem oben erwähnten Hinterzimmer und führt die Rechnungen. +Sonntags sind freilich alle Läden geschlossen, aber die Theater auch, +und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen, +auszugehen, so muß die Frau vom Hause es hüten. + +Der größere, wirkliche Kaufmann führt ein nicht viel tröstlicheres +Leben. Auch er muß in gesellschaftlichen und öffentlichen Vergnügungen +weit hinter den reichen Kaufmannshäusern von Hamburg oder Leipzig +zurückstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart. +Die Frauen lieben mehr häusliche Zurückgezogenheit, sie sind +an das rauschende Leben, an die vielen großen Zirkel nicht gewöhnt. +Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichförmigkeit in ihrem Hause +nicht derangieren. Die Männer hingegen suchen nach vollbrachten Geschäften +die Freude gern auswärts, in Kaffeehäusern und Tavernen. + +Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den größten Teil +des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr +zierlichen, größeren und kleineren Landhäusern, die sie Cottages, +Hütten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen. +Hier genießen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft +und erfreuen sich ganz gelassen und anständig, vielleicht etwas +langweilig, des Lebens; während das Haupt der Familie den Tag in London +auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden +auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt. + +Von der Lebensweise der Großen und Vornehmen läßt sich nichts sagen: +diese gehören in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich überall +gleich, in Rußland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland. +Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel, +auf's höchste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie +Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen +so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht. +Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich +die Gelegenheit dazu künftig darbietet, im Vorübergehen das vielleicht +Nötige erwähnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin, +die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muß +man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande +ist sie noch zu finden. + + + +Ein Tag in London + + +Wer spät zu Bette geht, steht spät auf, das ist in der Regel; +daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer +als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird. +Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anständig gekleidet, +versammelt sich dann die Familie in dem zum Frühstück bestimmten +Zimmer, die Herren in Stiefeln und Überröcken, die Damen +unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiß verhüllt bis ans Kinn, +mit zierlichen Häubchen. Das Negligé ist der Triumph der Engländerinnen; +mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die höchste Eleganz; +der volle Anzug hingegen fällt of steif und überladen aus. + +Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches +Familienfrühstück, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus +für die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlängert +sie gern. Auf dem hellpolierten, stählernen Roste lodert die stille +Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter +feucht ist. Das elegante Teegeräte steht in zierlicher Ordnung +auf dem schneeweiß bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene, +in Wasser schwimmende Butter, das weißeste Brot von der Welt, +Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte, +Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heiße Rollen, +eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts, +Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen, +langsam am Feuer rösten, dürfen nie fehlen; letztere stehen +in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel +braust und siedet gesellig daneben. + +Mit allem diesem wäre aber dennoch das Frühstück ohne die neuesten +Zeitungsblätter sehr unvollständig, sie sind ein Hauptstück dabei. +Ein selten vermißtes Stück des deutschen Frühstücks, die Tabakspfeife, +ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt; +dies schmutzige Vergnügen wird der letzten Klasse des Volks überlassen; +höchst ergötzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann +oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen +vier Pfählen daran. + +Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umständlicher, +aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfältig +mit heißem Wasser ausgewärmt, der Tee abgemessen, das heiße Wasser +nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um für alle diese Mühe +den gehörigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee +nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit +einer feierlichen Ruhe, welche die Engländer gern ihren Mahlzeiten +geben: denn sie mögen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen, +außer den des gegenwärtigen Genusses. Nur die Zeitungsblätter +machen beim Frühstück hiervon eine Ausnahme, und die Herren und +Damen beschäftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische +Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und +Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten, +frohe und traurige, erbauliche und skandalöse, wahre, halbwahre +und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen. +Daß bei solchen Fällen das Gespräch seltener stockt, als sonst +wohl geschieht, ist natürlich. + +Nach dem Frühstück begeben sich die Männer an ihr Geschäft, +ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel möglich +wird den Vormittag über alle Arbeit abgetan, und trotz des späten +Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fünf bis sechs Uhr +zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht +gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt. + +Viele Herren besuchen bald nach dem Frühstück ihr gewohntes Kaffeehaus, +wo sie einen großen Teil ihrer Geschäfte abtun, eine Menge Briefe +aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer; +dorthin verlegen sie auch gewöhnlich ihre Zusammenkünfte +mit Freunde, um über wichtige Dinge sich mündlich zu besprechen +und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt +auf ihrem erhöhten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt +es mit pünktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persönlich +kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur nämlichen Stunde +einzustellen. + +Diese Gewohnheit, sich täglich an einem bestimmten Orte finden +zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von großem Nutzen; +eine Menge unnützer Gänge und viel sonst verlorene Zeit +werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der häusliche Friede +dabei, denn nächst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs +liegt einer Engländerin nichts so sehr am Herzen, als die +ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fußteppiche, und wie sehr +ist für alles dies dadurch gesorgt, daß so manches außer +dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung +oder doch wenigstens Unruhe erregen müßte! + +Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschäft. Sie greifen zu +den Morgenhüten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostüm, +und selbst im Wagen würde es auffallend erscheinen, wenn sich +eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen. +Wäre sie auch in siebenfache Schleier gehüllt, alles würde +sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends +wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuß über die Straße +zu gehen, sie wäre ganz verloren; unbarmherzig würde sie der Pöbel +verfolgen, als hätte sie die größte Unanständigkeit begangen. + +Wohlversehen also mit großen Hüten, mit Halstüchern, Shawls, +wandern wir nun aus, denn die Mode will, daß man sich in den heißen +Stunden des Tages am sorgfältigsten verhüllt. Visiten haben wir +nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten +ist klein, man schränkt sich zum näheren Umgange auf wenige Häuser +ein, wie in allen großen Städten. Das Visitenwesen wird in London +überdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch +haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie überall, +unerläßlich; nur werden sie später als bei uns angenommen. + +Wir finden die Dame in dem glänzenden Schlafzimmer. Vor allem +prunkt das große Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen +und feiner Näharbeit verziert, mit grüner Seide gefütterte Draperie +vom thronartigen Baldachin herab, so daß man die schönen Säulen +von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt. +Das Negligé der Dame ist über und über mit den teuersten Spitzen +geschmückt und bekräuselt; alles ist fein und erlesen, alles +zeigt Reichtum. + +Den Hauptgegenstand des Gesprächs gewährt die auf einem Seitentisch +ausgestellte Garderobe des neuen Ankömmlings. Er selbst ist +nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme, +denn das Selbststillen der vornehmeren Mütter ist in England +nicht so allgemein wie in Deutschland. + +Es gibt hier bedeutende Läden, wo nichts anderes verkauft wird +als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren +dieser Läden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch +aufgehäuft. Selbst ein großes Nadelkissen in der Mitte ist nicht +zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Größen +künstliche Muster steckt, die einer schönen, reichen Silberstickerei +gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht, +denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergänglich, sie dienen +nur zum Prunke. + +Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir +weiter a Shopping, dies heißt: wir kehren in zwanzig Läden ein, +lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt, +kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon, +ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute +sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert +werden; keinem fällt es ein, nur eine verdrießliche Miene darüber +zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich +aus dem Wagen zu bemühen, lassen sie sich den halben Laden +in die Kutsche bringen, zur großen Beschwerde der Kaufleute sowohl +als der Vorübergehenden auf dem Trottoir. Man erzählt, daß ein Trupp +Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage +den Weg versperrte, ohne Umstände einer nach dem anderen +hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame höflich +guten Morgen boten. + +Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von +Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir +es endlich müde sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen. + +Die Promenade im St. James Park könnte auch eine Abwechslung gewähren; +doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist. +Zwar fehlt es nie an Spaziergängern darin, aber nur bei sehr seltenen +Gelegenheiten findet man sie so bevölkert, wie es die Terrassen +der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der müßigen Männer +weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen +nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen +sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor. + +Die Kuchenläden, deren wir früher gedachten, liegen, gleich anderen, +frei und offen unten an der Straße; daher können Damen recht +anständig allein dort einkehren. Nur in dem berühmtesten aller +Etablissements, bei Mr. Birch, in der Nähe der Börse, geht dies +wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne männliche Begleitung +blicken lassen. + +Das nicht sehr geräumige Frühstückszimmer befindet sich hinten +im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts +wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne +draußen noch so hell schiene; die übrige Einrichtung des Zimmers +ist anständig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man +Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewöhnlich schweigend +ihre Schildkrötensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen +verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet; +aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein, +und nun vollends die Schildkrötensuppe, darüber geht nichts. +Nirgends weiß man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner. +Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen +das von Madeirawein und Cayennepfeffer glühende, uns Zunge und Gaumen +verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor +als die Suppe selbst. + +Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen +bloß mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit +ein Vermögen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen, +und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege, +es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig +und wie überall ein für allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt, +ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt +eine ungeheure Einnahme. + +Gegen fünf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die nötige Toilette +vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen, +aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubrächten, +so wäre es doch höchst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhört, +im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Männer ziehen den Börsen-Rock +aus und mit ihm alle Gedanken an Geschäfte, um in einem eleganteren +Anzuge zu erscheinen. + +Schön und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben +zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen +nicht sowohl die große Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier +von allen geselligen Zusammenkünften durchaus unzertrennliche Etikette, +welche einen solchen Tag für die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau +zu einer schweren Last macht. Daher werden gewöhnlich solche Dinners +nur durch äußere Anlässe herbeigeführt, wie etwa die Gegenwart +von Fremden, denen man die Ehre antun zu müssen glaubt. Sonst +führt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als daß +er ihn bei sich aufnimmt, dort tête a tête, oder in einem größeren, +doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik +und lustigen Gesprächen gütlich. Zu Hause ängstigt sie die Gegenwart +der Frauen, denen man zwar die größte Hochachtung im Äußeren +aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb +gern so viel möglich aus dem Wege geht. + +Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir +die Gesellschaft versammelt; es faßt höchstens zwölf bis vierzehn +Personen. Nach den herkömmlichen Begrüßungsformeln nehmen die Damen +zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstühlen Platz, die Herren +wärmen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise. +Schläfrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben +und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer +ertönt. Dies liegt oft eine Treppe höher oder niedriger als +das Besuchszimmer, weil, wie wir schon früher bemerkten, die Wohnungen, +selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geräumig und bequem sind. + +Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Gläser. Servietten +gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Engländer so viel +reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit +fand man sie nur in Häusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten. +Das Tischtuch hing damals und hängt auch noch wohl jetzt, wenn man +en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann +nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns +die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen +Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenüber unten am Tisch, +die Gäste nehmen auf gewöhnlichen Stühlen zu beiden Seiten Platz, +so viel möglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen +vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche +zum ersten Gange gehören, stehen auf der Tafel. + +Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer; +wir gehören nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch, +vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser +halb gar gekochten Gemüse, den Hasen und Rebhühnern, die, wie alle +anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloß in ihrer eigenen +Brühe zubereitet werden. + +Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewürzte, +übrigens ziemlich dünne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen +namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens +von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gäste +ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine große Verlegenheit +für den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache +sonst ziemlich mächtig ist, dennoch unmöglich alle diese technischen +Ausdrücke wissen kann. Er muß Rede und Antwort von jeder Schüssel +geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Brühe oder +ohne Brühe, welchen Teil vom Geflügel, vom Fisch, ob er es gern +stärker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft +die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done, +wörtlich übersetzt heißt das: viel getan oder wenig getan. + +Diese Fragen ertönen von allen Seiten des Tisches zugleich, +denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause +im Vorlegen der Schüsseln. Alle werden nach der Suppe zugleich +serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen +aus einem großen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder +dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich wäre, +so aber dem Fremden fast ungenießbar bleibt, aus Puddingen, +Gemüsen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Geflügel, +ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Brühe gedämpft, +geröstet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht +daran gespart. Hat man über eine solche Schüssel einen dünnen, +trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel +einer Pastete. + +Die halbrohen Gemüse müssen ganz grün und frisch aussehen, +erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben +geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit, +sie sind vortrefflich, bloß in Wasserdampf gekocht. Die Puddings +aller Art wären auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur +aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts, +der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst, +in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen. +Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemüse, +Mais, unreife Walnüsse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem +Essig und vielem Gewürze eingemacht, sind vortrefflich. + +Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen, +die hier im Großen fabriziert und verkauft werden, treibt London +einen großen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Öl +und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gäste da, +sowie auch immer für zwei Personen ein Salzfaß. + +Der Salat wird von der Dame vom Hause über Tische mit vieler +Umständlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht +aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blätter schmal, +aber wohl eine halbe Elle lang sind; außer England sahen wir +sie nirgends, dafür aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt. +Unermüdet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gästen an; +dafür müssen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und +versichern, sie hätten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder +Hammelfleisch gesehen, und es wäre auch alles ganz vortrefflich +zubereitet. + +Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen, +noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen +wir betäubt und ängstlich von alledem wunderlichen Wesen; +plötzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet +eine Dame, und aus Höflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis, +ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen, +ob sie weißen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe? +Denn die französischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst +zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme +wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Gläser Wein von der bestimmten +Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend, +sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre +gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Gläser +aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile tönt dieselbe +Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie +wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame +und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat. +Keine kleine Aufgabe für die, welche des starken Weins ungewohnt sind. +Abschlagen darf man es niemandem, das wäre beleidigend; +obendrein muß man noch mit dem ersten Glase den Wunsch für +die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens +durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand +der anderen Gäste uns diese Ehre erzeigt. Es wäre die höchste +Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte, +sie muß warten, wäre sie auch noch so durstig, doch bleibt +die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren müssen sich +zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber +die Erlaubnis, sich mit anzuschließen, wenn er vorher geziemend +darum anhält. + +So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken, +mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt, +vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespräch kann aufkommen, +es wird sogar für unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht, +eines aufzubringen; der Herr des Hauses fährt gleich mit +der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen, +nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin +nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden können +sich nicht genug vor zu großer Lebhaftigkeit des Gesprächs hüten; +es gehört hier gar nicht viel dazu, um für ungeheuer dreist, +monstrous bold, zu gelten. + +Ist der erste beschwerliche Akt des Essens überstanden, so wird +der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfältig vom Tischtuch abgekehrt, +und es erscheinen verschiedene Arten von Käse, Butter, Radieschen +und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloß mit Salz +zum Käse gegessen. + +Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz. +Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schön geschliffenes Kristallbecken +voll Wasser zum Spülen der Zähne und zum Händewaschen und eine +kleine Serviette; man verfährt damit, als wäre man für sich allein +zu Hause. Die ganze so beschäftigte Gesellschaft erinnerte uns oft +an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontänen +sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, große Zierlichkeit +im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen; +die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke. + +Nach dieser Reinigungszeremonie ändert sich die ganze Dekoration. +Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und +der schöne, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glänzt uns entgegen. +Jetzt werden Flaschen und Gläser vor den Herrn des Hauses hingestellt, +das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhält ein kleines Couvert +zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewürfeltes oder ganz rotes, +viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht +entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst +wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte +vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht, +sauer und halbreif. Haselnüsse, die Lieblingsfrucht der Engländer, +welche sie Jahr für Jahr knacken, fehlen nie dabei, süße Konfitüren +und Bonbons sind wenig im Gebrauch. + +Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder +schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat, +viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben, +und bei jedem Toast muß das Eingeschenkte ausgetrunken werden. +Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloß +ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus, +er läßt seine Freunde leben, die sich denn wieder durch +ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren; +die königliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen. +Einige der Gäste geben Sentiments zum besten, das heißt, kurze Sätze, +die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win +a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen, +und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden +beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt. + +Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen, +die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hört. +Bald nachdem man dem König die gebührende Ehre erzeigt hat, +erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer +kleinen Verbeugung gibt sie den übrigen Damen das Signal, +alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Führerin +zur Tür hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tête à tête allein essen, +geht Madame fort und läßt den Eheherrn allein hinter der Flasche. +Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt. + +Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter +um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich +allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spaß, den sie +während unserer Gegenwart mühsam zurückhalten mußten. Ihr lautes +Sprechen und Lachen verkündet dem ganzen Hause, daß ihnen +gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns? +Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gähnen mit +geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns +einigermaßen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft +wäre auch unerhört, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald +durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier +und sind allesamt des Lebens herzlich müde. Wie gern schliefen +wir ein! Aber das schickt sich nicht. + +Endlich ist eine Stunde so jämmerlich hingeschlichen. Wir haben +vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so +gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener +hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefällt, +und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend +wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer +dadurch ein Ende, daß sie die Herren zum Tee bitten läßt. + +Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks +sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann +oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zögern, sie kommen doch, +die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre +sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten +keinen gesehen. + +Die Dame macht jetzt den Tee sehr umständlich. Die Fragen, +wie man ihn findet, wie man ihn wünscht, ob süß, ob mit viel Milch +oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Häusern +wird er draußen serviert und vom Bedienten herumgereicht; +doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies +lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so +ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter, +dünner Kaffee geboten. + +Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen +die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen, +die Damen sind müde und sprechen überhaupt wenig, es wird selten +ein munteres, erfreuliches Gespräch daraus. Nach dem Tee fährt man +nach Hause, denn für's Theater ist's zu spät, oder man bleibt +zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist. + +Whist ist das einzige übliche Spiel in Gesellschaft; +von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, daß man +nur Partie Simple oder Double zählt, kein Tripel oder Quadrupel. +Auf diese Weise kann man höchstens sieben Points in einem Tobber +verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger. +Die Karten sind sehr teuer und groß, aber ungeschickt. Dies ist wohl +das einzige Fabrikat, in welchem die Engländer anderen Nationen +nachstehen. Kartengeld ist nicht gebräuchlich, ebensowenig Trinkgeld +an die Bedienten. + +Daß die Engländer sehr gut, sehr ernst und schweigend dies +ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, daß keineswegs +die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat, +wie hoch seine Gäste spielen sollen. Dieser Taxe muß man sich +ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will. +Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere, +die vernünftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten, +daß er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er +zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten. + +Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen +von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell +abgetan. Froh, das Vergnügen des Tages überstanden zu haben, +fährt man spät nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen +wimmelnden Straßen nach Hause. Alle Läden sind noch offen +und erleuchtet, die Straßenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne +wieder scheint. + +Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkünfte, welche die erste Klasse +des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren, +aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat. +Sie heißen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland. +Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee +einer auf Unterzeichnung gegründeten Zusammenkunft an einem +öffentlichen Orte. + +Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein. +Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt, +und zwar ungefähr dreimal so vielen Personen, als das Lokal +gemächlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, daß man zu +einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewöhnlichen +haben muß, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer +Zimmer enthält. + +Um zehn Uhr, oft noch viel später, fängt man an, sich zu versammeln, +drängt sich durch, um die Wirtin zu begrüßen, die gewöhnlich unfern +der ersten Tür im Zimmer Posto gefaßt hat, und nimmt dann Platz +an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedrängt +den ganzen Raum erfüllen. Tee und andere Erfrischungen werden +herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen können. Wird es +zuletzt so voll, daß niemand mehr atmen kann, daß vor allgemeinem +Geräusch kein Wort mehr zu verstehen ist, daß es an Stühlen und +Raum fehlt, welche zu stellen, ja, daß die zuletzt Kommenden +auf Treppen und Vorplätzen stehen bleiben müssen, so hat das Vergnügen +seinen Höhepunkt erreicht. + +Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknäuel +langsam, wie er anschwoll. Man fährt nach Hause und hat einen +deliziösen Abend im großen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause +zieht sich in ihr Zimmer zurück, zwar betäubt vom Lärm, +wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und +allen Begrüßungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewußtsein, +die höchste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben. + + + +Sonntag + + +Welch ein Tag für die arbeitende Klasse auf dem festen Lande! +Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt, +wo sie nach sechs mühevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich +gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen +schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule, +dann können sie frei und frank herumlaufen und spielen nach +Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten öffnet sich +ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke. + +Von den Vornehmen in den Städten haben freilich viele alle Tage +Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist für alle Stände der Tag +des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude, +geselligen Vergnügens und vor allem Familienzusammenkünften geweiht. +Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint, +mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und wäre es nur die, +einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche +alle Abende bei der Arbeit war. + +Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpönt, +an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Läden, +alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie, +mit der man hier für die Heilighaltung des Sabbats wacht, übertrifft +noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen, +aber das Vergnügen erlauben. + +Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit +fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschänder und schreckliche +Sünder abgekanzelt und in allen öffentlichen Blättern mit Schmähreden +überhäuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben, +und weil es bisweilen vorkam, daß die Gesellschaften, welche sie +sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz +und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten, +ehe er noch recht erschienen war. + +"Ist's wirklich wahr, daß man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?" +hörten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags, +wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!" +seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu, +"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt", +und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen +doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um +viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurück. "God bless us all", +Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags +(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute +nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich +über den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber +zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und +hatte die schrecklichste Langeweile, während die Herren bei der Flasche +wie angemauert blieben. + +Der echte Engländer teilt den Tag zwischen öffentlichem Gottesdienst, +häuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit, +welche ihr die Andacht übrig läßt, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu +und läßt den lieben Nächsten eine etwas scharfe Revue passieren, +denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar übel daran, +seit man eigene Schulen für die Sonntagabende errichtet hat, +in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag über +zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose +Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten müssen. + +Aber wie noch erbärmlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden! +Sie öffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein +und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch, +da kommt ein Besuch, sieht, daß Sie einer weltlichen Lektüre sich +überließen, und hält Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede. +Ärgerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken, +ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Pöbel vor dem Hause, +mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu, +welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrückt, +als kurz vorher. Beschäftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer, +so äußern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu, +wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie +mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen, +so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim nächsten Friedensrichter +zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht. + +Was fängt man aber mit dem Tage an, der zweiundfünfzigmal im Jahre +wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter +es erlauben, und achtet's nicht, daß die Wegegelder am Sabbat doppelt +erlegt werden müssen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter, +faßt man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht. + + + + +ÖFFENTLICHE VERGNÜGUNGEN + + + +Theater + + +Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen, +welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebärde. +Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer +zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und +untrügliche Kennzeichen. + +Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und +angeeignete Unterschied der Nationen großen Einfluß. Kein Niederländer +malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle müssen +ihrer Nationalität treu bleiben. Die Gestalten, die Gebärden, +der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen, +prägen sich uns mit unauslöschlichen Zügen ein. Wir können nur +wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen +liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern, +die man für ihre Stifter erkennt. + +Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalität noch deutlicher +hervor, und wäre es möglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne +daß man ein Wort davon hörte, so müßte doch der kundige Beobachter +gleich entscheiden können, ob er ein englisches, französisches oder +deutsches Theater vor sich sähe. Alle drei können in ihrer Art +vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden mißfallen. +Denn dieser, mit der Individualität der Nationen noch nicht bekannt +genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Maßstabe +messen. Nur nach und nach wird er entdecken, daß das, was ihm zuerst +widerwärtig, unnatürlich, übertrieben erschien, dennoch treu, wahr +und bewundernswürdig ist. + +Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes, +abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen +keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Künstler wir auch +aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, begünstigt durch +ein Zusammentreffen vieler seltener, außerordentlicher Umstände, +war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch +zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzüglichsten +Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils +zum Ganzen, der Vollkommenheit näherten. + +Daß der deutsche Schauspieler allen alles sein muß, ist ein Unglück; +dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden für das +seiner Persönlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London +ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine +Individualität ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger +genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu +gehört, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen. +Kein vollendeter Künstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung +und Studium gehören dazu, um das große Talent auszubilden; +oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt. +In Frankreich und England erkennt man dies und läßt sich lieber +willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung täuschen, als daß man +den höchsten Genuß, den die Kunst gewähren kann, verschmähte, +weil der Künstler einige Jahre zuviel zählt. + +Der vorzügliche deutsche Schauspieler ist in Gebärde, Ton, +Deklamation und Stellung bei weitem der gemäßigste, weil Maßhalten +und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen +unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns +übertrieben erscheinen. Ebenso wird der westfälische Bauer gewiß +glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen, +wenn jener ihm bloß nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet. + +Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes +ein vollendetes Kunstwerk, so hat die französische Tragödie +vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort. +Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Verstoß +gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des +sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt, +binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide dürfen sich nur +in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise mühevoll +hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt +Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Frösteln, +das wir ungern Langeweile nennen möchten, bemächtigt sich unser. +Die Stellungen der berühmtesten Schauspieler, schön und kunstreich, +wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren, +die wir auch auf den französischen Gemälden finden, und von denen +es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien. +Der Geist der Tragödie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher +alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer über Sterbliche +verhängen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall, +widerstrebt der höheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation. +Alles wird bloß durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hörte man +einen auf das kunstreichste gebildeten Sänger, dem aber die Natur +eine sonore Stimme versagte. In der höheren Komödie hingegen +steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben, +Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen, +welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet. + +Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte. +Keine Regel beschränkt den Dichter, keine den Schauspieler. +Ungebunden überlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht +dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene, +Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle möglichen Motive. +Wie schwer es sei, von dieser unbeschränkten Gewalt den rechten Gebrauch +zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragödien; nur Shakespeares +Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da, +das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und drängt sich +unermüdet zu seinen Meisterwerken. + +Die englische Komödie gibt ein treues, oft etwas überladenes Bild +des häuslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden, +der Lächerlichkeiten, die man in den verschiedenen Ständen trifft. +Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren, +besonders ihrer Dialekte, erhöhen das Komische derselben und +werden mit vieler Treue dargestellt. + +Charakter-Komödien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen, +in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste +Detail herausgehoben wird, kennt der Engländer nicht. Dafür wimmeln +alle Stücke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen, +die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die stärksten +Züge ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft überall +im geselligen Leben die Urbilder dazu an. + +Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir +uns auch zuweilen in Deutschland ergötzen, ist dieses schon der Fall; +Ähnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so +mit fremden Zügen überladen, als man im Auslande wohl glaubt. + +So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Männern +und Frauen gemischt sind, auf Dezenz hält, so nachsichtig ist man +in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben +jedes nur von fern ihr Zartgefühl beleidigende Wort empört, +sehen Szenen an, von denen jede Französin sich zürnend wegwenden würde +und die gewiß das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen +aufnähme. + +Der englische Tragiker spielt natürlicher als der französische, +feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und überschreitet +oft die Grenze des Schönen. Der wütendste Ausdruck des Leidens, +selbst der laute Schrei körperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen +des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird +dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die höchste Kunst +zu sehen glaubt und mit gesträubtem Haare dann am lautesten in +Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert. + +Die Größte des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, überlaut +zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose +will für seine Sixpence so gut alles hören und vernehmen als die +vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach +die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler +macht. Dieser muß daher mit der äußersten Anstrengung jedes Wort, +jede Silbe abstoßend betonen. Bei den mittelmäßigen Künstlern +bringt dies eine sehr unangenehme, oft lächerliche Wirkung hervor; +nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Mühe diese Schwierigkeit +zu bekämpfen. + +Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor, +welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalität Bezug haben, +und von denen sie voraus wissen, daß das Publikum sie jedes Mal beklatscht. +Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden +während einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit +tritt später wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler +seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlängliche Pause +für den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen, +so daß das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum +das Akkompagnement liefert. + +Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton, +ohne große Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes +Pathetisches, das sich nicht beschreiben läßt; bei etwas Aufmerksamkeit +aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft +gehobenen Gespräch. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie; +jede Sprache hat die ihrige. + +Im Komischen, besonders im Possenspiel, übertreffen die Engländer +vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst +dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergötzlicher. +Die Späße sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit +und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige +Schauspieler, zum Beispiel Munden [Fußnote: Joseph, beliebter +Komiker, von der zeitgenössischen Kritik jedoch als Grimassenschneider +einschränkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus +erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten +Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen +für unanständig hält und dem Gebildeten höchstens nur ein Lächeln +erlaubt. Hier siegt die Natur, unterstützt von der Kunst, und Regel +und Zwang sind vergessen. + +Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar, +und der Engländer findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatürlich. +Das Volk liebt überhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen +als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an +guten Sängern und Sängerinnen, um sie für ein englisches Ohr +ganz angenehm aufzuführen. + + + +Das englische Publikum im Theater + + +Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt. +Wie es despotisch über die bretterne Welt herrscht, davon +hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht, +wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist. + +Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche +Publikum von seinen Lieblingen gefallen läßt, wünschten wir +diese nur auf wenige Monate auf die englische Bühne, damit sie +erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht. + +Im Ganzen läßt sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus +nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede +Vernachlässigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet; +nur gegen Debütierende zeigt man große Nachsicht und muntert sie +auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, daß wir nie einen +Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt hätte. +Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten +ist gänzlich von der Bühne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen, +stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig +für sich nachlesen und dem Schauspieler notdürftig zu Hilfe kommen, +wenn diesen einmal sein Gedächtnis verläßt. + +Wie überall, so hat auch hier der auf den höchsten Spitzen befindlichen +Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie, +welche diesen Erhabenen gefällt, muß zweimal, oft dreimal +gesungen werden. Und ihnen gefällt vieles. Selbst die stolze Billington +mußte in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie +und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit +im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und muß weggebracht +werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler, +inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter +hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Lärm so arg, daß die +Schauspieler das Theater verlassen müssen, bei der Wiederkehr +werden sie mit Händeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhörten, +fangen sie wieder an. + +Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kümmert sich +niemand; die Hauptsache ist, daß jeder für sein Geld alles sehe +und höre, was es zu sehen und zu hören gibt. + +Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam, +wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem +Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab +Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang +für das, was er war, gut genug und mit einer ganz erträglichen Stimme, +dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil +aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall +und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schön machen, +überstieg sich über seine Kräfte und warf mitten in einer Roulade +förmlich um. Ein allgemeines Gelächter endigte für diesmal +die Szene. + + + +Einrichtungen der beiden großen Londoner Theater in Hinsicht +auf die Zuschauer + + +Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es +fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu früh +für ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr +und oft weit später noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen +dauern so lange, daß jede nicht englische Geduld ermüden muß. +Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun +einmal nicht das Symbol der Engländer: überall lieben sie +lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater. + +Jeden Abend müssen zwei Stücke gegeben werden, eines von fünf Akten +und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzüge hat. +Gewöhnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine +kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen +nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob übrigens das Nachtspiel +zum ersten Stück passend gewählt ist, ob es nicht mit den durch +jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert - +dies kümmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Maß +für sein Geld. + +Beide großen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind +vom Monat September bis Ende Junius geöffnet, dann werden sie +geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt +an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten +Benefiz-Vorstellungen für die älteren und besseren Schauspieler +gegeben; sie gehören mit zu deren Gehalt. Dann währen diese +Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut +zu bewirten, schiebt man noch allerhand Sächelchen in die Zwischenakte ein, +bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewöhnlich +den hohen Zuschauern, müssen zwei- bis dreimal wiederholt werden +und kosten viel Zeit. + +Die Logen sind sehr geräumig und so gebaut, daß man aus allen +gleich gut sehen kann. Sie enthalten sämtlich mehrere Reihen Bänke, +die sich übereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich, +ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende +des Hauses erstreckt. + +In allen Reihen Logen werden die Plätze gleich zu sechs Schilling +bezahlt, das Parterre kostet etwas über die Hälfte. Über die Logen +erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person, +und hoch über der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen, +wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzählten, +gewöhnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge +von ihren nächsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet, +angefüllt mit Zuschauern, gewähren sie einen bezaubernden Anblick. +Die Etikette will, daß alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen, +wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen, +besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame +wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn +oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen +erscheint man in gewöhnlicher Kleidung mit großen Hüten, die aber +ohne Widerrede abgenommen werden müssen, wenn es verlangt wird. +Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen +das Parterre. Es ist ein ganz anständiger Platz, nur muß man früh, +oft vor Öffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden; +denn kein Vorherbestellen findet dort statt. + +In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen, +die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch +ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die öffentlichen +Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche für die ersten +und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen +sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen. + +Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Plätze, +in welcher Reihe Bänke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges +für sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten +hinschicken, oder, was gewöhnlicher ist, einen Shilling bezahlen. +Für diesen Preis wird jemand von dem Logenwärter hineingestellt. +Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Plätze freigelassen, +später hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemächtigten. Niemand +darf für mehr Plätze bezahlen, als er braucht, und täte man es, +mietete man auch eine ganze Loge, es würde nichts helfen. +Der Engländer behauptet: niemand dürfe durch sein Geld einen anderen, +der auch bezahlt, vom Genusse eines öffentlichen Vergnügens +ausschließen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch +in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst +die königliche Familie muß ihre Loge vorher bestellen, die sich +übrigens durch nichts von den übrigen unterscheidet und ohne Unterschied +wie die übrigen besetzt wird, wenn niemand vom königlichen Hause da ist. + +Nach dem dritten Akt wird jedermann für den halben Preis hineingelassen; +dieser Gebrauch ist sehr unangenehm für den besseren Teil +der Gesellschaft. Mit großem Geräusche schwärmen dann jene Nachtvögel, +die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle +Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze +in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich +vorschriftsmäßig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus; +deshalb gehen auch Damen nie ohne männliche Begleitung ins Theater, +und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten +Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden +in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer +von den Fällen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt, +aus großer Höflichkeit unhöflich werden könnte. + + + +Drury Lane + + +[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794 +und brannte 1809 wieder ab. Die Gründung des Drury Lane Theaters +geht auf Thomas Killigrew zurück, der mit königlichem Patent 1662 +hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert +und umgebaut wurde. Das Patent besagte, daß nur Drury Lane +und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzuführen; +daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Bühnen. +Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble +und Sarah Siddons, Drury Lane die Führung gegenüber Covent Garden +verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan +wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus +eröffnet, das in wenig veränderter Form bis heute besteht.] + +Dieses Theater ist von innen eines der größten und schönsten +in der Welt; die Außenseite desselben sahen wir nicht vollendet. +In einem schwerfälligen Stil erbaut, wie fast alle öffentlichen Gebäude +Londons, scheint es trotz seiner Größe von einem ungewöhnlich hohen +Dache fast erdrückt zu werden. Dies Dach ist indessen für das Ganze +von unschätzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke +und übrigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es +einen eisernen Vorhang enthält, der im Fall, daß während der Vorstellung +Feuer auf dem Theater auskäme, sogleich herabgelassen wird +und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfüllen, vor aller Gefahr +sichert. + +Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthält +vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fünfzig glänzende +kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter +sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert +von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz +gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet +durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine. + +Die Dekorationen sind des Ganzen würdig; der hintere Vorhang derselben +ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern +zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist, +den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere, +schieben sich ineinander und werden so in die Höhe gezogen. +So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle, +keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat +den Vorteil, daß die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschädigt +werden, daß sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung +kommen wie unsere Vorhänge, die uns oft in den friedlichsten Szenen +ein Erdbeben vergegenwärtigen. + +Die glänzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich, +wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane, +besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr +ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glänzte Mme. Jordan +[Fußnote: Wilhelm, Herzog von Clarence, König Wilhelm IV. von 1830-37, +hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Bühne +gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre +miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung +vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht. +Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas +Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten +trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.] +hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich +angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen +Königs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer +in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren ließ. +Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau mußte man ganz vergessen, +daß sie schon ziemlich weit über die erste Blüte der Jugend hinaus +und für jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der fröhlich +schalkhafte Ausdruck ihres sehr hübschen Gesichts, ihr angenehmes +sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen +bezauberten unwiderstehlich und ließen nichts vermissen. + +Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns +vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing" +(Viel Lärm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen +eine Verkrüppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen: +"Die Quälgeister" [Fußnote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck. +Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt, +am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und +es unterhält auch da noch, soviel Mühe sich dessen Verfasser gegeben hat, +es zur Mittelmäßigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch +Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder +Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genuß aber ist es, +dieses Stück mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus +notwendig machen, in seinem ursprünglichen Glanze zu sehen! +Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Fußnote: John; +"den besten niederen Komiker auf der Bühne" nannte ihn Leigh Hunt +in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz +an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen +wie ein Wort das andere jagt, muß man von beiden gesehen haben, +um zu glauben, daß etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit +wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstoßung der Worte, +deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen +Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch +verlor kein Zuhörer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe. +Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten, +erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. Über alles ergötzlich +waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten +Bauerndialekte. Das ganze große Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelächter +der Zuschauer; sowie sie erschienen, mußten sie oft innehalten, +um nur gehört zu werden. + +Mme. Bland, eine kurze, dicke, ältliche Favoritin des Publikums, +die für eine vortreffliche Sängerin galt, weil sie gewaltig schrie +und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt +eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme +wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von +seinem Geliebten betrogenen und darüber wahnsinnig gewordenen Mädchens. +Die Musik war nicht sonderlich; doch mußte sie unter lautem Beifall +zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik, +und solche Schilderungen des höchsten menschlichen Elends sind +einmal die größte Freude der Engländer. Mit ihrem Gefühl geht +es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das möglichst Starke +vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen. + +Den Beschluß machte für diesen Abend, oder wie man hierzulande passender +sagt, für diese Nacht, eine große, meistenteils von Italienern +aufgeführte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit +noch nirgends sahen. Ein Zauberer saß auf seinem Throne, umgeben von +dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen +Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den +treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Särgen +liegen. Der Zauberer mußte notwendig verreisen, und alles kam darauf an, +daß jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne säße und das +Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer +Kobold, unübertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fußnote: der Clown +Grimaldi gehörte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein über alle +Maßen beliebter, aber auch von der Kritik gerühmter Pantomime.]gespielt, +wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiß sich nicht wenig damit. Der +Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und +fährt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der +kleine närrische Kobold ist außer sich vor Freuden auf dem weiten +prächtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er +aus allen Kräften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so +starke Prise, daß er dreimal niesen muß, bei jedem Niesen wenigstens +drei Ellen hoch vom Sitze in die Höhe geschnellt wird, in der Luft sich +ein paar mal überschlägt und immer wieder auf den Sitz zurückplumpt. Die +Natur siegt, er schläft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner +Hand, der Zauber ist zerstört, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die +Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Särgen, alles verschwindet. +Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, überall, in tausend +Abwechslungen, lassen sie sich häuslich nieder und fangen an, ihr +lustiges Wesen zu treiben, überall verfolgt sie der Kobold. Ewiger +Szenenwechsel, Dekorationen, so prächtig man sie nur erdenken kann, +Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben, +folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, daß das Auge kaum Zeit hat, +alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die +Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus +erscholl vom unaufhaltsamsten Gelächter; alles lachte, alles war +erfreut, aber gewiß niemand imstande, zu Hause zu erzählen, was er +gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel. + + + +Covent Garden + + +[Fußnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch +den Architekten Henry Holland wesentlich vergrößert worden +(3600 Plätze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner +Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, daß das Haus +1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809. +Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt +unter dem Namen Covent Garden Opera House.] + +Das Haus, nicht völlig so groß als das von Drury Lane, aber nicht +weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch prächtiger +als jenes, denn viele große und kleinere angebrachte Spiegel +vervielfältigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche. + +Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die +berühmtesten Künstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit +wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fußnote: Sarah (1755-1830), +geniale Tragödin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane, +doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon berühmt, +ein zweites Mal an diese Bühne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat +sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05 +verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem +dreizehnjährigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und +Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich +dann vom Theater zurück, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe +königliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns +darstellen, das Piedestal verlassen hätte, um unter den Lebenden zu +wandeln, so trat sie einher, groß, schön, im einfachen Ebenmaß. Ihr +ganzes Wesen war zur Tragödie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres +schönen Gesichts paßte nur für das Trauerspiel, unmöglich konnte man sie +sich fröhlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war +ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich +klagende Töne in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber +die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmäßig schönen +Zügen vermißte niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark; +aber auch dies machte keinen Übelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie wäre +ein Ideal gewesen, über das hinaus man sich nichts denken konnte, hätte +sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen, +hinreißen lassen, ihr großes Talent zu mißbrauchen. So aber überschritt +sie oft die Grenzen des Schönen und ward fürchterlich. + +Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent" +(Die schöne Büssende) [Fußnote: von Nicholas Rowe, seit der Uraufführung +(1703) vielgespieltes Repertoirestück.], wo sie im fünften Akt +den Dolch sich ins Herz stößt, verschied sie mit einem lauten, +konvulsivischen, herz- und nervenzerreißenden Gelächter, das ziemlich +lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge sträubte. +Aber so etwas will der Engländer, und halb London strömte ins Theater, +um Mme. Siddons lachen zu hören, obgleich die Damen Krämpfe und +Ohnmachten davontrugen. + +Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in +dieser hatte sie ein weites offenes Feld für ihr großes Talent. In der +Szene des Nachtwandelns machte ihr bloßer Anblick jeden Blutstropfen +erstarren. + +Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fußnote: John Philipp, +Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung. +Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie, +in seinem Bestreben, Kostüm und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck +einer Aufführung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.]. +Seine Gestalt war noch sehr edel und schön, obgleich auch er +die Jugendjahre weit überschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht +ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert, +und immer erkannte man darin seine Lehrerin. + +Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend +ähnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schönheit +ein großes Talent für sanfte, duldende, liebende Rollen vereint, +zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals +leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule, +für die Zukunft gaben. Unmöglich kann man die Rolle der Julia +lieblicher dargestellt sehen als von der jüngeren Mme. Siddons. + +Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schöne +Gestalt; dafür gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie, +besonders für die Rollen, die er sich erwählt hatte, Tyrannen, +Bösewichte; kalte, kühne, trotzige Charaktere spielte er unübertrefflich. +Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so +dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin +Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen +seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt, +Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er +unverhüllt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten +Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er +mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Häßlichkeit bespöttelte, +wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Königreich +für'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady +Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer +groß und wahr. + +In Hinsicht der sonst hier gewöhnlichen Pracht vernachlässigt man +oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts +wegen immer ein gefülltes Haus bringen, und verwendet den Flitter +lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glänzen +können. Dennoch muß man jene Stücke gerade auf diesem Theater sehen, +um der großen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen +wahrhaft glänzen. + +Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame, +einem Gebelle ähnliche Perorieren der mittelmäßigen Schauspieler +wird erst lächerlich, dann unerträglich. Freilich mag es sehr +schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation +in der Stimme zu behalten. + +Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stücke, die noch +gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele +seinesgleichen in dem Wahne stand, ein großer Schauspieler +müsse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem +großen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fußnote: +David Garrick (1717-79), berühmter englischer Schauspieler, +Stückeschreiber und Theaterdirektor. Verkörperte eine neue +Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natürlichkeit Wert legte.]. +In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo +noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene; +die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu +gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles +Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details, +als hätte er "Wilhelm Meister" gelesen. + +Was Cooke und Kemble in der Tragödie, das waren Munden, Fawcett, +Lewis in der Komödie, vor allem Munden [Fußnote: William Lewis, +Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche +alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet" +sein Triumph. Übrigens übertraf er in Gesichterschneiden +und närrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben. +Stürmisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane. +Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhaß und Reue" +[Fußnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung +hieß "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den +komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward, +trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fußnote: +dazu führt Johanna in einer Fußnote an: "ein in Matrosenkleidung +getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Bühnen sieht."]. +Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Gönnern, denn er tanzte +herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber +der junge Herr war so ungefällig, nicht zu erscheinen. Nun entstand +ein Lärmen, als sollte das Haus einstürzen wie weiland die Mauern +von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr +zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren; +es übersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand +auf der Bühne und wartete, bis die Schreihälse einmal würden pausieren +müssen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Bücklingen trat er hervor +und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er, +der andere Gentleman würde gleich darauf tanzen, er erhole sich +nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor +der Tadel; der Sänger sang ein närrisches Lied von einem Yorkshireman +[Fußnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen +ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen: +give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel, +ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse, +mußte aber dennoch zweimal wiederholt werden. Daß der Sänger sich +nicht lange darum bitten ließ, versteht sich von selbst. +Sowie das Lied geendigt war, trat der Tänzer wieder auf, man ließ ihn +gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus. + +Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten +Mitglieder beider Theater auf's täuschendste nach; etwas, +das doch wohl bei keiner Bühne anderer Nationen geduldet werden würde. +Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall +rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers +aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragödie +mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren +zu hören. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches +das Publikum gewiß nicht ruhig nach Hause gegangen wäre, obgleich +schon fast der Tag wieder anbrach. + +Den größten Lärm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von +"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stück +nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan +war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen +prächtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekündigt. Mme. Siddons +sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen. +Alle Logen waren längst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll +Erwartung. + +Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden +unmöglich gleichgültig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel +ihn zu vereiteln. Für's erste kündigte sie dasselbe Stück für +den nämlichen Abend an. Der Fall, daß das nämliche Stück an einem Abend +in beiden Häusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen, +solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag +vor der Vorstellung ein prächtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren. +Daß auf englische Weise dabei viel getrunken ward, daß der Held +des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden mußte, +war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich +eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glänzendste Versammlung, +die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang +ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz +aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort +hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst, +er mußte verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane +die Schwäche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet, +denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser, +so daß er unmöglich spielen konnte. Das Übel dauerte nur den +einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert. +Der Zorn, das Wüten des Publikums überstieg nun alle Grenzen; +das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild +des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien. +In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten, +alle waren leichenblaß, und einige wurden ohnmächtig hinausgebracht. +Alle Schauspieler mußten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons, +Kemble, der in der indischen Tracht [Fußnote: indianische Federmäntel] +wunderschön aussah, standen ängstlich verlegen dem entsetzlichen Lärm +gegenüber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen, +drohte man es zu stürmen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde. +So lärmte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns, +wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes +plötzliche Krankheit und ein anderes Stück für den heutigen Abend +anzukündigen, kaum ließ man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!" +riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere +und achteten nicht darauf, daß Kemble mit den demütigsten Gebärden +das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu, +die Schauspieler schienen sich ängstlich untereinander um Rat zu fragen. +Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem +jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand +zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke +schlich sich von der Bühne fort, und das Stück wurde genau +von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte. + +Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders +Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten; +sie übertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschön, +und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man +erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble +das Stück für den folgenden Tag wieder ankündigte, rief man ihm +von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!" + + + +Die italienische Große Oper + + +[Fußnote: das große Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's, +nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eröffnet +(dieses Haus stand in seiner Größe kaum der Mailänder Scala nach), +1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel +für dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.] + +Von diesem großen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt +zur italienischen Oper. + +Obgleich die Vornehmsten es beschützten, so ist dieses Theater +dennoch dem Volke verhaßt, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste +entgegenstrebt. John Bull geht höchstens einmal hin, um sich hernach +zeitlebens darüber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze +ausländische Wesen, vor allem die französischen Tänzer erscheinen ihm +wie ebenso viele Entheiligungen des vaterländischen Bodens. Längst +wäre die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Großen Eitelkeit, +Prachtliebe und Vorliebe für das Ausländische sie erhielte; +deutlich sieht man, daß sie hier nicht gedeihen kann und trotz +der großen Summen, die darauf verwendet werden, nur kümmerlich vegetiert. + +Das Haus, noch größer als Drury Lane, enthält außer dem Parterre +fünf Reihen Logen und zwei Galerien. Über und über mit Malereien +überladen, schien es, ungeachtet der sehr glänzenden Erleuchtung, +dennoch dunkler als die anderen Schauspielhäuser. Die Verzierungen +waren ziemlich geschmacklos, überall schwärmen Amoretten zwischen +tausend Schnörkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze +erschien bunt, aber nicht heiter. + +Dieses Theater ist der glänzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels, +dem es hauptsächlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch +auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht, +der tut wenigstens als besuche er es fleißig und sei jedes Mal entzückt, +wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde während der Vorstellung +gähnen mußte. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet, +für welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus +nich allein mieten, sondern sogar kaufen könnte. + +Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man wöchentlich zweimal, +dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schönsten, berühmtesten, +reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten +Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen +und gewähren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit übertrifft. +Wer nicht abonniert ist, muß ins Parterre, welches hier an Rang +den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee, +und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren +in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schönste +geschmückt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel +kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk +viel sehen und hören läßt, müssen wir billig bezweifeln. + +Unser Schicksal wollte, daß wir die von Winter komponierte Oper +"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken +[Fußnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener +Komponist, seit 1788 in München Hofkapellmeister. Schrieb über 40 Opern, +ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung +seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen +hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett +ununterbrochen hintereinander fort, bis Sänger und Tänzer es müde sind; +denn das Publikum in den Logen ermüdet nicht, immer das nämliche zu +sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter über +die Vorstellungen gewechselt. + +Die berühmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile. +[Fußnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter +eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie +in Italien, kehrte dann nach London zurück und blieb bis 1809 am Theater.] +Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man übersehen, wäre sie nur nicht +so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt +auf dem Theater erblickten, hätte sie sich nur bemüht, durch Spiel +und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es +unter ihrer Würde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da +und sang, und glaubte damit schon ein übriges getan zu haben. +Die Engländer hielten sie für die erste Sängerin der Welt. +Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Höhe +von großem Umfang, dabei kunstmäßig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag +fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig +hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen +und Triller an, wobei dem Zuhörer der Atem verging, und glaubte so +die höchste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von +einer Viertelstunde, darüber geht dem Egländer kein Gesang der Welt. + +Alle übrigen Sänger und Sängerinnen, größtenteils Italiener, +waren fast noch weniger als mittelmäßig. Unter den schlechtesten +als die schlechteste zeichnete sich die zweite Sängerin aus, und man +sagte uns, die Direktion hätte sie bloß engagiert, weil ihr die Kleider +ihrer Vorgängerin wie angegossen paßten. + +Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht hübsch, aber bei +weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die +ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fußnote: Kleinlichkeit] +betrieben, die sowohl der großen Summen, welche darauf verwendet werden, +als des Publikums, das sich dort versammelt, unwürdig ist. + +Sehr vergnügt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung +machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses +drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches, +sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und +noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich. +Die Haupttänzer sind es immer; denn man engagiert alljährlich +ausgezeichnete Künstler aus Paris für die Saison um große Preise. +Desto schlechter stechen aber die anderen Tänzer, noch mehr +die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung; +nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine +andere Welt versetzt. + +Nach ein Uhr kamen wir ermüdet, als hätten wir mitgetanzt, +zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren. + + + +Vauxhall + + +[Fußnote: der Vergnügungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts +und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, ursprünglich der Name +eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Blüte +des Vergnügungsortes auch für ähnliche Anlagen in anderen Städten, +so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.] + +Reizender, blendender, feenhafter läßt sich nichts denken als dieser, +in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten, +besonders in sogenannten Galanächsten, wenn er zur Feier des Geburtstages +irgend eines Mitglieds der königlichen Familie in doppelter Erleuchtung +prangt. Gegen fünfzehntausend wohlgekleidete Männer und Frauen wandeln dann +im Schimmer unzähliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde +zwischen schönen Bäumen und blühenden Sträuchern im fröhlichsten Gedränge +umher. Musik tönt durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und +Vergnügen; es ist, als beträte man das Paradies der Mohammedaner. +Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben +prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhöht. + +Gleich der Eintritt in diesen Zauberort überrascht und blendet. +In der Mitte eines großen, ringsum mit schönen Bäumen umgebenen Platzes +erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen +zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen nächtlichen Himmel +wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht +das phantastische Gebäude da, und doch innerlich fest genug, um nahe +an hundert Personen sicher zu tragen. + +Hinter den ebenfalls erleuchteten Bäumen ziehen sich oben +bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen +und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich +Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, überall funkelndes Licht +und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere +hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt +die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemälde endigen die +erleuchteten Alleen; Säle mit Statuen, Transparenten, Blumen und +kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kälte, Wind +und plötzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen +Sälen spielen kleine Musikchöre. + +Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwärter stehen neben +den Bogen, welche den großen Platz umgeben. Jedes Winks bereit, +besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem, +was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getränken +verlangen kann. + +Das Orchester besteht größtenteils aus Blasinstrumenten. Wir hörten hier +unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit, +deren Möglichkeit wir nie geträumt hätten. Ein im Dienste des Prinzen +von Wales stehender Künstler blies es. + +Auch die beliebtesten englischen Theatersänger, einige wenige +der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien, +Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesängen hören. Im Freien +klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem +Feentempel erschallenden mächtigen Töne in der funkelnden, +schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich; +denn trotz der großen Menschenmenge hört man doch nirgends +wilden Lärm auf diesem Platze. Schweigend oder flüsternd +wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns +in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft. + +Dort sehen wir in einem großen, sich bewegenden Gemälde einen Wasserfall +auf das täuschendste dargestellt. Man hört das wilde Rauschen +der Flut und sieht sie in stäubendem Schaum sich verwandeln. +Die Szene belebt noch eine am Fuße des Wasserfalls angebrachte Brücke, +über welche mancherlei Fuhrwerke, Fußgänger, Reiter und Tiere +passieren, alles auf's natürlichste und täuschendste dargeboten. + +Von hier kehrt man zum Orchester zurück, von welchem um diese Zeit +gewöhnlich eine große Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstück +erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht +die verschiedenen Säle. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man +es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns +in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke, +bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht +im Wiener Prater denken muß. Nach dem Feuerwerke verteilt sich +der größte Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen, +selbstgewählten Kreisen fröhlich zu Abend ißt und dabei die draußen +umher wandelnde schöne Welt die Musterung passieren läßt. + +Späterhin wird auf dem grünen Rasen in der Nähe des Orchesters +getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mögen freilich wohl nicht +die unbescholtensten sein. Schwerlich würde sich in London +ein Mädchen von gutem Rufe zu einer solchen öffentlichen Ausstellung +verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tänzerinnen +und schließen daraus, daß sie vom Unternehmer der Anstalt +hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit +dem Ausdruck der Freude und dennoch anständig, so daß sie +eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schön, jung +und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl +eigentlich sein möchten? + +Gewöhnlich bricht der Tag über alle diese Freuden an, doch +pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen; +später artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch, +als daß man gern dabei verweilen möchte. + + + +Konzerte + + +Berühmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren +ein Vermögen erwarben, das sie auf dem festen Lande während +einer ganzen Lebenszeit nicht erworben hätten, wissen am besten, +wie man hier die Musik liebt. + +Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr +nicht bloß an Talent, sondern auch an Gehör und Geschmack. +Daher gibt's nichts Ungefälligeres, Monotoneres als die englische +Volksmusik. Wir haben schon früher bemerkt, daß hier der Text +mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst +des Sängers. + +So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Großen aber, +welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen, +nehmen ausländische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr +als fürstlich. Viele von ihnen haben in ihren Häusern zu bestimmten +Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berühmte Tonkünstler +teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft +oder Adresse nach London kommt; sein Glück ist gemacht. + +Verschiedene große Subskriptionskonzerte existieren den Winter über +in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen +engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind, +werden größtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten. +Das glänzendste derselben wird während der beiden letzten +sogenannten Wintermonate wöchentlich einmal in Hanover Square, +in einem schönen, hochgewölbten Saale gegeben, an welchen +zwei brillante Konversationszimmer stoßen. Es ist hauptsächlich +der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnügen +gewährt als dies. Das sehr glänzende Auditorium war still und +aufmerksam. Londons beste Sänger wetteiferten miteinander. +Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor +in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des +berühmten Klavierspielers [Fußnote: Tochter Domenico Corris, +eines Opernkomponisten. Corri gründete 1797 mit seinem Schwiegersohn +Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte. +Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Böhmen, gest. 1812 in Paris) +war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose +am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere ließ sich auch +auf der Harfe hören, die sie meisterhaft spielte. Besonders +entzückte uns der Tenorist Braham [Fußnote: eigentlich Abraham, John; +(1774-1856). Bedeutender Sänger, der zeit seines Lebens in London wirkte. +In Webers "Oberon", der für London komponiert wurde, war er +der erste Hüon.], welcher damals vielleicht die schönste Stimme hatte, +die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heißt Abraham. +Arien, Duette und vierstimmige Musikstücke wechselten miteinander ab, +manches mußte wiederholt werden, denn der Engländer, hoch oder +niedrig, läßt sich's nicht nehmen, für sein Geld zu befehlen, +ohne Umstände und Ansehen der Person. Die Künstler müssen gehorchen, +wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende +noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's +hierzulande nennt. + +Am Ende des Konzerts sang ein siebenjähriger Knabe, der Sohn +des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug für sein Alter. +Die Gutmütigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende +Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored, +obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen +gleich nach Brahams männlich schönem Gesange auch nur einmal +anzuhören. + + + +Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens + + +Kein Fürst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen +kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der +König von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte, +winkelige, rostige Gebäude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James +Palast prangt [Fußnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die ständige +Residenz der englischen Könige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809 +zerstörte ein Feuer den Ostflügel, so daß wenig mehr vom alten Tudor +Palast übrigblieb.]. Auch bewohnte König Georg der Dritte es +gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein großes Bette mit +rotsamtenen Vorhängen im großen Leverzimmer. + +Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise +in diesem königlichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften +begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich +im Palaste der Königin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield, +Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und +von Georg IV. 1825 nach Plänen von Nash umgebaut und später +noch mehrmals ergänzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb. +Seit dem Regierungsantritt der Königin Victoria (1837) Residenz +der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas +moderneren Gebäude, welches aber auch, weit entfernt von aller +königlicher Pracht, weder sehr groß noch sehr schön aus bloßen +Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James +anstoßenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner. + +Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schöne große Wiese, +durchschnitten von angenehmen Fußwegen, belebt durch einen ihn +durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten +Gruppen schöner alter Bäume. Alles darin ist einfach, aber +unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser ländlichen Stille +mit dem Geräusche der großen Hauptstadt, aus welchem man +unmittelbar hineintritt. + +Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gärten. +Der Green Park zieht sich längs diesen hin, ebenfalls eine +zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Bäumen besetzt. +Der Hyde Park begrenzt beide; größer als sie, geht er bis an +die Gärten von Kensington; ein in mannigfaltigen Krümmungen +sich hindurchwindender silberheller Strom verschönt ihn; +Kühe und schöne Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und grün, +als wäre man hundert Meilen von der Stadt. + +Wenn man vom Hyde Park aus in die Gärten von Kensington tritt, +wähnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein; +so majestätisch erheben die hohen, schönen Bäume, der ausgezeichnetste +Schmuck jener Gärten, ihr prächtiges Laubgewölbe. Diese Gärten, +das gewöhnliche Ziel der Spaziergänger, gehören ebenfalls dem Könige +und stehen, solange die schöne Jahreszeit währt, von acht Uhr morgens +bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen. +Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch +nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin +und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst +nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade +einer großen Hauptstadt. Angefüllt mit Spaziergängern, die unter +diesen prächtigen Bäumen lustwandeln, machten sie einen ebenso +reizenden als imposanten Eindruck. + +Der zu diesen Gärten gehörende Palast von Kensington verdient nur +wegen seines Eigentümers diesen prächtigen Namen. Die königliche Familie +kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt, +welche vom König die Erlaubnis dazu erhielten. + +Jeden Sonntag nachmittags bei schönem Wetter wimmelt im Sommer +der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergängern, die zwar +Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als würden sie +wirklich mitgezählt. Alles was die Woche hindurch sich in den +Ladengewölben und Arbeitszimmern der City abmühte und kein Haus +zu hüten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schöpfen, +grüne Bäume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen. + +Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm; +weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Frühling +gewährt. An schönen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung +zwischen zwei und fünf Uhr nachmittags, fährt, reitet und geht +dann die schöne Welt dort spazieren. Eine unzählbare Menge +der schönsten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken +in dieser Zeit den durch Hyde Park führenden Fuhrweg bis Kensington; +kein Fiaker, kein öffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren; +nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern könnte, +daß es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm +sind. Der Anblick der vielen schönen Reiter und Pferde, +der tausend Equipagen von allen Formen und Größen, der schönen +Frauen und lieblichen Kinderköpfchen, die aus diesen herausgucken, +ist einer der prächtigsten, den nur irgendeine große Hauptstadt +gewähren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis +der Opulenz und Bevölkerung Londons. + +Auch die Spaziergänge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil +jene schimmernden Equipagen verließen, um hier zu lustwandeln +und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen +von Kensington; man hat berechnet, daß an solchen Tagen bisweilen +hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gärten +von Kensington des blauen Himmels und der schönen Erde freuen. + +Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort, +besonders, wenn bei starker Kälte der Strom im Hyde Park mit Eis +bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhläufer ihre Künste, +man eilt hin, sie zu bewundern; für Erfrischungen und Wärme +ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist, +für Hilfe bei möglichen Unglücksfällen, durch eine sehr zweckmäßige, +an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt. + + + +Des Königs Geburtstag + + +Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger +Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte, +ist für die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre, +der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet, +er gibt für die nächsten zwölf Monate den Ton an für Moden, Equipagen; +alles wird für diesen Tag und nach diesem Tag berechnet. +So war es wenigstens, solange des alten Königs Gesundheit +ihm erlaubte, sich öffentlich sehen zu lassen. Sein späteres +anhaltendes Übelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage +üblichen Zeremonielles manche Änderung herbeigeführt haben, +doch die Hauptsache blieb gewiß, solange er lebte, und es wird +auch später, solange es Könige von England gibt. + +Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider, +Juweliere und Modehändler in großer, eilender Geschäftigkeit; +neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht, +Juwelen umfaßt, Pracht-Equipagen und glänzende Livreen angeschafft, +alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glänzen, +denn viel länger währt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen +tun freilich das ihrige nach besten Kräften, um diesen Glanz, +soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie füllen viele Tage hindurch +lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quästchen +an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperücken der Herren +wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden +nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene +Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer. + +Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr +viele Leute vor einer kleinen Hintertüre des Palastes, die den König +dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House käme. +Kanonendonner verkündete einstweilen die Feier des Tages; +Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk +hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen +langer Regierung der größte Teil desselben geboren ward. +Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedränge +zu geraten, sondern begaben uns in die schöne und breite Straße +von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes führt. +Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug +der Glückwünschenden bequem ansehen. + +Es war ein schöner, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon +der ziemlich langen Straße blieb unbesetzt, frohe Gesichter +schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedrängt, sogar die Dächer +wimmelten von Zuschauern; eine unzählbare Menge wohlgekleideter +Leute drängte sich auf der Straße weit über den Fußpfad hinaus, +so daß in der Mitte kaum Platz für die Wagen blieb. Eine Menge +Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange, +stillstehende Reihe. Fast lauter hübscher Frauen und Mädchen +blickten neben den reizendsten Kinderköpfchen neugierig +daraus hervor in das bunte Gewühl. Vor dem Schlosse paradierte +die schöne königliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente +standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Königs +eigentlich eine Art Schweizergarde [Fußnote: King's Body Guard +Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache für den Herrscher aufgestellt. +Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst +versehen und bedeutend früher gegründet wurden.]. Ihre Kleidung +ist noch genau dieselbe, die sie im fünfzehnten Jahrhundert war, +bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten +des Königs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre +wohlgenährten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen. +So sonderbar sie in der über und über mit Gold besetzten, scharlachroten +altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Rücken glänzenden +silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen +gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung +dem Feste doch etwas Feierliches, Altväterisches, das uns +in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt, +als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie +aus dem Palaste wo sie ihren Glückwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen +nach einer Taverne zog, um dort auf des Königs Gesundheit +feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher, +karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte +God save the King geblasen [Fußnote: in dem zu jener Zeit stark +feuergefährdeten London gab es keine städtische Feuerwehr, +sondern die Phönix Versicherungsgesellschaft hielt sich +eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein +bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.]. + +Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare +Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren. +Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick. +Nirgends kann man prächtigere Kutschen von der neuesten, noch nie +zuvor gesehenen Form, nirgends schönere, stolzere Pferde erblicken. +Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt +vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde, +aber der mit einer großen, runden Perücke versehene, auf dem +befransten Bocke majestätisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt. +Wie in anderen Ländern Schnurrbärte, so sind in England solche +dicken runden Perücken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer +der Herr, je größer sind die Perücken. + +Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich +bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen +nahmen sich von oben nicht sehr graziös aus in dem überladenen +Putze und der steifen, ängstlichen Stellung; fast wie die überfüllte +umgestülpte Schachtel einer Modenhändlerin, ein formloser Berg +von Flor, Blumen, Federn und tausend schönen Sachen. + +Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung, +mit schweren goldenen Ketten geschmückt, fuhren in großen, über und über +vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen überall +fast ebenso vergoldete Bediente mit großen Federhüten hingen. +Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten +nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte +Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren. + +Die Herzöge von York, von Glocester und andere Glieder der königlichen +Familie saßen in beinahe ganz gläsernen Staatswagen, so daß man sie +von allen Seiten deutliche sehen konnte. + +In alle diese Pracht mischten sich ganz gewöhnliche Fiaker +und behaupteten ihren Platz in der glänzenden Reihe so gut wie die anderen. +Größtenteils saßen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel +neben uns wollte in einem derselben drei Bischöfe erblicken, die so, +das Stück für sechs Pence, an den Hof fuhren. + +Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete +Portechaisenträger ihren Hundstrott, mit schön aufgeputzten +Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden +glänzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten +begleitete jede derselben. + +Von ein bis sechs Uhr währte dieser Zug ununterbrochen fort, +ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen, +machten dem König und der Königin ihr Kompliment, vielleicht ohne +im Gewühl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort, +um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude, +mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen. + +Nach der Cour gab die Königin ein Familiendinner, das einzige im ganzen +Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafür besoldete +Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muß. Auch zum Konzert +werden nur wenige von den Vornehmsten auserwählt und zugelassen. Sonst +pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der höchstens zwei +Stunden währte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den +Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnügt man sich mit übrigen +Freuden des Tages. + +Abends waren einige öffentliche Gebäude, die Theater und die Häuser +der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich hübsch +illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag. + + + +Pension für Mädchen + + +[Fußnote: der fünfzehnjährige Arthur notierte dazu: "Mittwoch +den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt +dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schöne Aussicht. +Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School) +von jungen Mädchen, wo Hr. Harris auch zwey Töchter hatte. +Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball, +wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer +hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier über 40 +junge Mädchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem +Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn. +Nachher wurden ein Paar Tänze getanzt in die sich auch Herren mengten, +und die ich auch mittanzte."] + +Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend +bei London einem Zuge von dreißig bis vierzig jungen Mädchen, auf dem +Fußpfade neben der Landstraße andächtig zur Kirche wandelnd. Es war ein +lieblicher Anblick. Schneeweiß gekleidet, mit artigen Strohhüten, gingen +sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufblühender +jugendlicher Schönheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit. +Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend über jeden Tritt, +jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf +dem ernsten Wege entschlüpfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein +ähnlicher Zug Knaben daher, dem nämlichen Ziele zuwandelnd, begleitet +von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und grüßten sich wohl +als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig +an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zöglinge aus +irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich +zum Gottesdienste getrieben werden. Dörfer und Flecken ringsumher +wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast +niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und +Unruhe machen würden. Sowie Knaben und Mädchen aus der Kinderstube +kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst +nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das väterliche +Haus zurück. + +Die Mädchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig +Gründliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch +weiß eine Engländerin selten, wie es außer ihrem Vaterlande aussieht +und was dort in früheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der +französischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht, +aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert; +schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm +in einer fremden Sprache Rede stünde. Musik und Zeichnen +wird sehr oberflächlich und gewöhnlich nur betrieben, um beides +späterhin so bald als möglich wieder zu vergessen. Die Mädchen +lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige +Papparbeiten, Kästchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen, +tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich für's Haus braucht, +bleibt ihnen gewöhnlich unbekannt. Der Hauptzweck des größten Teils +der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen, +einmal im Jahre mit ihren Zöglingen recht zu glänzen, wenn sich +die Eltern und Verwandten derselben bei dem großen Prüfungsfeste +versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hört schon aller +ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder +für den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstücke werden ihnen +eingelernt, die sie vor der entzückten Versammlung mechanisch +ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters +verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt, +sie für den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und +der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause. + +Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Töchter in dem nahe bei London +gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, führte uns +zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr großen Hauses +empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen großen Saal +geführt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Mütter und übrigen +Verwandten der jungen Mädchen saßen; die Zöglinge selbst waren +am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch +übereinander sich erhebender Bänke wie zur Schau ausgestellt. +Auch gewährten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich +fünfzig junge Mädchen von acht bis sechzehn Jahren, hübsch, +in blühender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform +des Hauses gekleidet, mit schneeweißen kurzen Kleidern und +blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schärpe +um den Leib war ihr ganzer Putz; so saßen sie da, glühend +vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude. + +Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball. +Die Mädchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Tänze; +keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine künstlichen Sprünge, +sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche +der Tanzmeister für sie eigens komponiert hatte und die wohl +sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten +wie dieser. Die geschickten Tänzerinnen hatten kleine Solos darin, +um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie +von Müttern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei +arme kleine Holländerinnen standen traurig und unbemerkt +in einer Ecke allein, niemand bekümmerte sich um die Fremden, +die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren. +Wir, Fremdlinge wie sie, fühlten uns ihnen verwandt, riefen sie +zu uns, erzählten ihnen, daß wir unlängst aus ihrem Vaterlände kämen, +und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen +die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Länge etwas langweilige +Paradetänze abgetan waren, kamen einige englische und schottische +an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, hüpften +die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge +anwesende Vettern und Brüder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen +herumzudrehen. + +Mit stiller Rührung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten +sich die holden Geschöpfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick, +da wir dies niederschrieben, schon längst mit seinem ganzen Ernste +ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen +der Zukunft entgegen, als wäre auch sie ein Tanz der Freude; +jetzt füllen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich +hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Tränen der Sehnsucht. +Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verließen sie, +noch mitten in der Freude, mit stillen Wünschen für die Zukunft. + + + +Pension für Knaben + + +Gewöhnlich sind es Landprediger, die irgend ein großes schönes Lokal, +unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen +und neben ihren Berufsgeschäften dieses Erziehungsgeschäft treiben, +wobei sich die sehr ehrwürdigen Herren ungemein wohl befinden. +[Fußnote: dazu notierte Johanna in einer Fußnote. "Most reverend Sir, +sehr ehrwürdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."] + +Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster +in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen. +Sie gilt für eine der besten, selbst Lord Nelson ließ zwei seiner Neffen +da erziehen [Fußnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurückgezogen +mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805 +schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-französische +bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde +gleichen sich alle; nur die Zahl der Zöglinge, die größere oder +beschränktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander. + +Der sehr ehrwürdige Herr zu Wimbledon befaßte sich gar nicht mit +dem Unterrichte; unsichtbar für seine Schüler saß er den Tag über +in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloß +als Kostgänger, nicht als Schüler in seinem Hause lebten, im Englischen +unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er +auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport +abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen +wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht über die Schüler hatte, +gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem +nämlichen großen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder, +und die Schüler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen. +Dies währt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwölf. + +Die Schule wird mit Gebet eröffnet und geschlossen, ganz nach +der englischen Liturgie, wobei auch des Königs, seines Hauses, +der Schwangeren und Säugenden usw. von den Knaben christlich gedacht +werden muß. + +Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie, +Geschichte, Schreiben, Rechnen und der französischen Sprache. +Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muß es besonders +bezahlen; die Lehrer dazu kommen wöchentlich einige Male von London +herüber; an alles übrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland +lernen, wird nicht gedacht. + +Die Zöglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht +des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm +auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter +seiner Aufsicht auf dem großen Hofe und werden täglich in einem +großen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen +werden muß. + +Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach +angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Rücksicht auf Alter, +Charakter und Fähigkeit. Wie könnte es anders sein, ihrer sind sechzig, +zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der +die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, daß er auf drei Wochen +die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel +des sehr ehrwürdigen Herrn mit den Kostgängern und der übrigen +Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel +erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie +nur ungefähr zwölf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeiträumen +unter seiner Aufsicht hat. + +Die Kostgänger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen +dem ehrwürdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schüler. +Nur einige Schüler, deren Eltern es zu bezahlen vermögen, gehören +auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber +an dem gut besetzten Tische, können nach Herzenswunsch im Lustgarten +und im Obstgarten ihr Wesen treiben, während ihre Kameraden +auf dem öden Hofe bleiben müssen und entsetzlich geprügelt werden, +wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben. +So müssen die Kinder schon in der Jugend lernen, daß dem Reichen +alles erlaubt, und Geld daher das höchste Ziel ist, wonach man +zu trachten hat. + +Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt +oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe +aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen. +Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiß, so schreibt +der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn +Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer +gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir +oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens, +ob sie ihre Aufgabe gewußt haben? Sie müssen natürlich mit "Nein" +antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er: +was sie dafür verdient hätten? Sie antworten: geprügelt zu werden, +und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwürdige Herr an ihnen +dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander, +ohne Rücksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist, +und dazu auf die beschimpfendste Weise. + +Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so +verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so +sonnenklar wäre, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet. +Der Kläger muß Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch +so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er +nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles +wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstühlen; den +Charakter der Kinder zu ergründen, ihr Gefühl für Recht und Unrecht im +höheren Sinn, ihre Liebe für das eigentliche Wissen zu bilden, daran +denkt niemand. + +Wir enthalten uns aller Bemerkungen über eine solche Erziehungsmethode, +jeder macht sie gewiß selbst und fühlt, welchen Vorzug auch in +dieser Rücksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben, +und welche Resultate sich von einer solchen frühen Behandlung +erwarten lassen. + +Sonntagmorgens werden die Schüler im Schulzimmer versammelt. +Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton, +einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Übung +hält er seinen Schülern die Predigt, die er mittags dort halten wird, +erst einmal in der Frühe. Damit verbindet er den in der englischen +Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so daß das Ganze eine +starke Stunde währt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern +paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung +der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie +bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen müssen. +Nachmittags werden sie wieder auf die nämliche Weise zur Kirche getrieben, +und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube großer Gottesdienst +gehalten, wobei wieder des Königs und seines Hauses gedacht wird. +Zwischen allen diesen Andachtsübungen müssen sie in der Bibel lesen +und dürfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele +aber und alle lauten Ausbrüche der Freude sind hoch verpönt, +und werden streng bestraft. + + + +Das Britische Museum + + +[Fußnote: größtes Nationalmuseum Großbritanniens (Geschichte, Archäologie, +Kunst und Völkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen +Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung +des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House +untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum +beschränkt werden ließ, erbauten die Brüder Smirke in den Jahren +1823-55 das neue Museum.] + +Diese reiche, in einem schönen Lokal aufgestellte Sammlung verdient, +der großen Nation anzugehören, deren Namen sie führt. Der unermüdliche +Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts +den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum +der Nation vermachte. Mehrere große Sammlungen wurden damit vereinigt, +und so erreichte das Ganze den Grad von Vollständigkeit, auf welchem +es sich heute befindet. + +Die prächtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schönste +Zierde desselben; [Fußnote: Altertumsforscher (1730-1803); +nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji +teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton. +Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch +die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb +ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquités étrusques, +grécques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir +im Anschauen dieser schönen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten +glücklich benützt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen +häßlichen, verkrüppelten Formen verbannten und nach und nach +unserem Hausgeräte die jetzt übliche schöne, geschmackvolle Gestalt +gaben. + +Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schönen Jahrhunderte der Römer +und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger +Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgötter, unendliches kleines Gerät, +aus den Gräbern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum +freundlichen Tageslicht gefördert, vergegenwärtigte uns das heitere, +gefällige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir +in diesen Zimmern verweilten. + +Schnell streiften wir hernach durch die Säle, welche das +Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so +auch durch das sehr beträchtliche Münzkabinett. Wenn man in seiner Zeit +so beschränkt ist, wie wir es hier waren, so muß man entbehrend zu +genießen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Muße +betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu +nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenständen verwirrt und +ermüdet ohne allen Nutzen. + +Auch die von Kapitän Cook [Fußnote: James (1728-79), Forscher und +Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch +G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem +fünften Weltteile mitgebrachten Merkwürdigkeiten, die hier ein +ganzes Zimmer anfüllen, betrachten wir nur im Vorübergehen. + +Mehrere Zimmer enthalten in Schränken, mit Drahtgittern versehen, +die große, reichhaltige Bibliothek. Außer eine großen Zahl älterer, +zum Teil sehr seltener Bücher, faßt sie beinahe alles, was bis auf +den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium +gedruckten Buche muß ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten +nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden. + +Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen +Palmblättern und in Stein gehauenen ägyptischen Hieroglyphen an bis auf +die krausen, bunten Schriftzüge der Mönche des Mittelalters, werden hier +aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der +interessantesten und berühmtesten Menschen späterer Zeiten; eine +unendliche Fundgrube für den Geschichtsforscher, dem ein freundliches +Geschick erlaubt, sie mit Muße und Auswahl zu benutzen. Und welch ein +Feld würde sich hier dem Anekdotenjäger und Zeitblättler eröffnen, der +nach Willkür fouragieren könnte! Wie viele Bände interessanter Briefe +könnten da ausgewählt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und +schreibsüchtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein +Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Könige und +Königinnen, vieler Männer, die auf ihr Zeitalter wirkten, füllen, +wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schränke. + +Man war so gefällig, uns manches zu zeigen; unter anderem +einen ganzen Band eigenhändiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe +der Königin Elisabeth an ihren unglücklichen Liebling, Grafen Essex. +Ihre Handschrift ist merkwürdig. Diesen nicht schönen, aber mit Schnörkeln +überladenen, sehr großen Buchstaben sieht man es an, daß sie langsam +und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte, +die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, möchte man in etwas verändertem +Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zügen spricht +kein Herz!" Auch von dieser unglücklichen Nebenbuhlerin Elisabeths +werden hier viel Briefe aufbewahrt, größtenteils in französischer Sprache. +Besonders rührend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend +und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte, +ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt +bereitete. + +Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche +Wilhelm der Eroberer [Fußnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028 +als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie. +1051-52 weilte er als Gast König Eduards des Bekenners in England, +der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England-- +er ließ sich 1066 in Westminster krönen--stieß das Land +in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstände; dennoch gelang es +ihm, ein autokratisches Königtum in England zu errichten und ein +streng durchgeführtes feudales Lehenssystem zu begründen.] +an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand +in französischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch +und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte +war er bloß aus Liebe zu dem Volke herübergekommen, um dieses +glücklich zu machen. + +Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man", +so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen +und Änderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen +den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht +ist auf kleinen Papierstücken sehr schlecht und unleserlich +niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette, +ja sogar auf den Rändern alter Zeitungsblätter, und dann mit Stecknadeln +und seidenen Fäden bestmöglichst zusammengeflickt. + +Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend +das Heiligtum der Engländer, die ursprüngliche Magna Charta, +[Fußnote: liberatum, The Great Charter; Privileg für die englischen Stände, +am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus, +Adel und Städten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung, +Widerstandsrecht gegen willkürliche Bestrafung, persönliche Freiheit +und persönlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie +verloren und ward glücklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem +ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen +zum Maßnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch +etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher, +kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten +mit Ehrfurcht betrachtet. + +Gern wären wir an einem anderen Tage ins Museum zurückgekehrt, +aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch. +Zuviel Fremde wünschten das Museum zu sehen, als daß die nämlichen +öfter als einmal dazu kommen könnten. Nur wenige Personen dürfen +zugleich zugelassen werden, und man muß sich lange zuvor um die Erlaubnis +dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar öffentlich gezeigt, +aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden +Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedrängt +zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will, +kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern +erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen +wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages +den Arbeitenden offen. + + + +Herrn Whitbreads Brauerei + + +Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren +und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, größer wie ein Haus +in den Hochlanden! Kühlfässer wie Meere!--Diese Brauerei verdiente +in Walhalla für Odins Helden den stärkenden Gerstentrank zu bereiten. + +Ohne fernere Ausrufungen können wir versichern, daß sie wenigstens +zu Londons ersten Sehenswürdigkeiten gehört. Der alte König, +welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause +ein Frühstück ein, das dem Eigentümer auf fünfzehnhundert Pfund Sterling +zu stehen kam, und der berühmte englische Dichter, Peter Pindar +[Fußnote: Pseudonym für John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher. +1778 kam er nach London und wurde ein gefürchteter Satiriker, +der weder vor der königlichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus +zurückschreckte.], war beflissen, diese merkwürdige Begebenheit +in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem +fragte damals der König Herrn Whitbread: wie viel Fässer er besitze? +Die Antwort war: "Der Länge nach dicht aneinandergelegt, möchten sie wohl +von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor +zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese +ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads +gar nicht unwahrscheinlich. + +Eine nicht große, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine +ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste, +geräuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, daß sie +die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschäftigen Pferden verrichtet. +Sie schafft das nötige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter +durch unterirdische Kanäle quer über die Straße in ein anderes Gebäude, +wo er in Fässer gefüllt wird, bringt die Fässer zum Aufladen +aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, rührt es in den zwanzig Fuß +tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen +Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebäudes. + +Dort sind auch die ungeheuer großen, aber nur sechs Zoll tiefen +Kühlschiffe oder Zisternen zum Abkühlen des Porters; wahre Seen, +von denen man uns versicherte, sie würden fünf englische Acker +Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen, +um kalt zu werden. Alles in dieser großen Anstalt trägt das Gepräge +der höchsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender +Leichtigkeit vonstatten. + +Täglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue +Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung +bedacht, welche die drei großen Kessel, jeder zu fünfhundert Fuß, +erfordern. Zweihundert Arbeiter werden täglich beschäftig und +achtzig ungeheuer große Pferde. Letztere sind vielleicht die größten Tiere +ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben, +welches krankheitshalber getötet werden mußte, wogen vierundzwanzig +Pfund. Wahre Pferderiesen! + +In einem Gebäude, hoch und groß wie eine Kirche, stehen neunundvierzig +große Fässer, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn +zum Gebrauch in kleinere abfüllt. Dadurch, daß er eine Zeitlang +in so großer Masse beisammenbleibt, soll er vorzüglich verbessert werden. +Wäre das Faß, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen, +so konnte der Philosoph füglich an einem runden Tische zwölf Personen +bewirten und noch ein artiges Boudoir für sich behalten. +Das größte dieser Fässer hat oben eine Art Balkon, zu welchem +eine Treppe führt, es ist siebenundzwanzig Fuß hoch und hält +zweiundzwanzig Fuß im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen, +etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten +gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz, +mehrere enthalten dreitausendfünfhundert gewöhnliche Fässer; +der Heidelberger Kollege [Fußnote: das bekannte "Große Faß" +im Heidelberger Schloß] käme in dieser respektablen Gesellschaft +um seinen Ruhm. + +Als wir das Haus verließen, waren wir wie betrunken vom Geruche +des Porters; man müßte in dieser Atmosphäre schon von der Luft leben +können. Die darin beschäftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus, +als ob sie sich auf solche Experimente einließen. + + + +Greenwich + + +Mitten im Geräusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City, +an der Londoner Brücke, schifften wir uns auf einem der Boote ein, +die, so wie die Fiaker in den Straßen, auf der Themse numeriert +und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen. + +Diese Brücke, die älteste der drei, welche in London über die Themse +führen, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden, +um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen. +Wie die Brücke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng +für den mächtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestüm drängt er sich +wild brausend hindurch und verschlingt jährlich mehrere Opfer, +welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier +durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen müssen. + +Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit +der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt +wie die befahrenste Landstraße von Barken und kleinen Fahrzeugen +aller Art; eben ankommende oder abgehende große Schiffe bewegen sich +majestätisch durch sie hin, von allen Seiten ertönt das Rufen +des fröhlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen +durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschäftigten Arbeiter +an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkündigt hier +den Markt der Welt. + +Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes +uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten. +Endlich, fünf englische Meilen von der Stadt, breitete sich +das Invalidenhospital von Greenwich [Fußnote: 1694 gegründet +und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht; +gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.] +mit seiner schönen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen +prächtig und groß vor unseren Augen aus. + +Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden +Elementen endlich ermüdeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz; +denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier +voneinander ganz abgesondert liegende Gebäude, die aber, +von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger großer Palast sich +ausnehmen, geziert mit Säulen, Balustraden und aller Pracht +der neueren Architektur. Eine große Terrasse, die eine entzückende +Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom, +zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg +Georg der Erste [Fußnote: (1660-1727); Kurfürst von Hannover, +erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben +der Königin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714 +hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, über welches +er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James +gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Könige schloß! + +Das ganze Gebäude ist aus schönen Quadersteinen erbaut. Vorzüglich +bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmückte Kapelle. +Sie prangt mit Marmorsäulen, einem gut gemalten Plafond und jeder +einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schöne große Hallen +dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter, +besonders zeichnet sich die größte, mit einer Kuppel versehene Halle aus; +sie ist hundertsechs Fuß lang und hat einen gut gemalten Plafond, +schöne Säulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf +einem Hügel erbauten Sternwarte umgibt das Gebäude von der anderen Seite. + +Es war ein schöner, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestätte +am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und +auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz +ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See +stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut. +Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem mühevollen Leben aus. +Sie wohnen fürstlich, werden gut genährt und gepflegt, alle zwei +Jahre neu, anständig, bequem gekleidet und erhalten wöchentlich +ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Bedürfnissen +und Vergnügungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet. +Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem, +was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch +darin und kämpfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen +Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemälden, welche diese vorstellen +und die Wände ihrer Speise- und Wohnsäle schmücken. + +Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen. +In langen, hohen, luftigen Sälen, welche zur Winterszeit von +mehreren großen Kaminen erwärmt werden, sind auf der den Fenstern +entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajüten ähnlicher Kabinette +dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach +dem Saale ausgehenden Tür zwei Fenster und ist groß genug, +um ein nach englischer Art geräumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl +und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres +als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster +und Bett sind mit reinlichen Vorhängen versehen, an den Wänden +auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und +Teekästen, Gläser, Tassen und dergleichen in gefälliger Ordnung. +Kupferstiche zieren die Wände. Jeder hängt daran nach Gefallen Bildnisse +des Königs, der Königin oder berühmter Seehelden auf; dazwischen +Seeschlachten, Häfen und auch wohl manche lustige Karikatur. + +Hundertvierzig Witwen verdienter Seemänner wohnen ebenfalls im Hause, +sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken +und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen +selbst. Auch für die Waisen der gebliebenen Seemänner ist hier +gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile +des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Väter erzogen. Noch +dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten +außer demselben Pensionen. + + + +Die St. Paulskirche + + +[Fußnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen +1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes, +auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten, +dessen Pläne ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung +Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan +des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden +Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und +wählten dafür die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas, +die Kirche wäre nach der Peterskirche in Rom die größte, ist irrig; +die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls +größer.] + +Das Äußere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt. +Leider übersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser +als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten +Standpunkt dafür gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom +die größte in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof +eingeklemmt zwischen Häusern, umgeben von engen Straßen. +Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz +übersehen könnte, überall drängt sich die Architektur vor und +verhindert eine reine Übersicht. + +Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare große Gebäude +dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer, +denn leicht übersieht man einige wenige Statuen und eine kleine, +zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich +in einem der Flügel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche +erbaut ist. Überall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille +und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geräte gewahr, +welches die Menschen nötig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe +zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im höchsten Sinne +des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit, +die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten +in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar +der Dom sich wölbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war +kein erhebendes, es war mehr ein beängstigendes Gefühl. +Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken +und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Größe dieser +Steinmasse uns erst recht anschaulich. + +Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureißen. +Solche Pygmäen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche +dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportürmten, +und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste, +noch ehe es sich in die Lüfte erhob. Ja, er dachte es sich noch +weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kräfte +der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmühten und doch nicht +deutlich wußten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister +und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der mächtigen +Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt +längst eine Wüste ward wie Palmyra und Persepolis. + +Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume, +in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner +ertönte es durch das weite Gewölbe, als man oben auf der Galerie, +die am Fuße des Doms rings um denselben hinläuft, eine Tür zuwarf. +Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick +von dort hinab und hinauf. In der Höhe glaubt man eine zweite Kirche +sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewölbe +des Doms. In der Tiefe scheint der aus großen schwarzen und weißen +Marmorquadern zusammengesetzte Fußboden wie feines Mosaik. +Die Galerie heißt die Flüstergalerie, Whispering Gallery, weil das +an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich +vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen +die Wand gesprochen wird. + +Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis außen, wo auf +der höchsten Höhe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt. +Wir betraten die ihren Fuß umgebende Galerie mit der Hoffnung, +aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns +die Nähe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft +die Ferne. + +Ein Trupp Matrosen, den wir mit großem Geräusche heraufsteigen +hörten, trieb uns hinunter. + +Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunächst gelegene +sehr volkreiche Straße nach Hause gingen, sahen wir alle Fußgänger +still stehen und ängstlich nach dem von unten sehr klein +scheinenden Kreuze hinblicken, welches über einer Kugel oben +auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir +sahen natürlicherweise hin und bemerkten etwas oben am äußersten +Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases +entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin +in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende +Vergnügen, auf dieser entsetzlichen Höhe allerhand gefährliche +Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine +zu stehen, bloß um die Zuschauer unten in ängstliche Bewunderung +zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen +schwankenden Mastkorbe, gewiß längst jede Idee von Schwindel +verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt +trotz seiner Höhe wohl gar nicht gefährlich dünken, während +uns andere beim bloßen Anblick banges Grausen ergriff. + + + +Der Tower + + +[Fußnote: alte Stadtfestung und Gefängnis von London; ältester +Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Gräben +wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den +zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.] + +Wir wollen die Löwen sehen, sagen die englischen Pächter- und +Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt +und ihren Merkwürdigkeiten unternehmen. Diese Löwen, eigentlich +die im Tower aufgewahrte königliche Menagerie, dienen ihnen, +als die Hauptmerkwürdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles +Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt +ihrer Residenz durch diese Popularität etwas verrufen, und +ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen. +Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches, +mit dem hohen Stil ganz Unverträgliches zu unternehmen, +und suchten den Tower mit seinen Löwen am äußersten Ende der City auf, +wo er nahe am Ufer der Themse liegt. + +Grämlich und düster blickt dieser uralte Schauplatz unzähliger +Greuel mit seinen grauen Türmen über den ihn umgebenden Wassergraben. +In einem dicht über demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewölbe +ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher +hineingeführt wurden. Sie heißt das Tor der Verräter, Traitor's Gate; +man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange, +der sich hinter ihnen oft für immer verschloß. + +Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not +für eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen +vergitterten Fenster über dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer, +in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen +Söhne seines Bruders ersticken ließ, als sie eben sanft und ruhig +im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr träumten. +Uns gelüstete nicht, das Mordzimmer zu betreten. + +Eine alte Sage gibt Julius Cäsar für den ersten Erbauer dieser Veste +an; die Geschichte aber sagt uns, daß Wilhelm der Eroberer +in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine +vielgeliebten Londoner im gehörigen Respekt zu erhalten. Man sieht +es dem sehr weitläufigen Ganzen an, daß kein fester Plan bei dessen +Gründung vorwaltete, sondern während der Regierung mehrerer Könige +bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward. + +Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschließt +in seinem Bezirke mehrere Straßen, eine Kirche, Magazine, Kasernen +für die Garnison, Häuser für die Offiziere, Zeughäuser, die Münze, +nebst Wohnungen für die dabei beschäftigten Offizianten und sonst +noch mancherlei Gebäude. Ein breiter Wassergraben läuft ringsumher, +und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art +Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen +Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen +Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder +Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden +Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten +Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen trägt gleich am Eintritte +dazu bei, uns in frühe dunkle Jahrhunderte zu versetzen. + +Die Münze mit den dazugehörigen Gebäuden nimmt ein gutes Drittel +des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weiße Turm, +die Schatzkammer und die Löwen zu sehen. Letzteren machten wir +zuerst unseren Besuch. + +Nicht nur Löwen werden hier in einer besonderen Abteilung +in starken Käfigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und +mehrere Arten wilder Bewohner der Wüsten, grimmige stattliche Bestien, +denen man es ansieht, daß sie gut gehalten werden. Nach englischer +Sitte hat jede derselben außer dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer +in ihrem Käfig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen +Namen, besonders die Löwinnen; da findet man eine Miß Howe, Miß Jenny, +Miß Charlotte, Miß Nanny, als wäre man auf einer englischen Assemblee. +Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es +ist merkwürdig, daß diese gerade die wildesten und unbändigsten sind. + +Die Kronjuwelen [Fußnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.], +welche ebenfalls der Tower aufbewahrt, +zeigt man auf eine wunderlich ängstliche Weise, die sehr +gegen die Liberalität absticht, mit welcher Fremde im Dresdner +grünen Gewölbe herumgeführt werden. Der uns leitende Ochsenfresser +öffnete uns eine kleine Türe, wir traten hinein und mußten uns alle +in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tür ward +hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen +steinernen, ganz dunklen Gewölbe wie in einem Gefängnis. +Die unerwartete Finsternis blendete uns; es währte lange, +ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und +hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern. + +Dieser etwas drachenähnliche Hüter unterirdischer Schätze zeigte uns +nun viele Kostbarkeiten. Manches Stück davon war wegen der alten, +mitunter sehr feinen Arbeit merkwürdig; zum Beispiel ein goldener +Adler, dessen Hals das heilige Öl zur Salbung der Könige enthält; +der goldene Löffel, in welchen der Bischof bei der Krönung +dieses Öl gießt, und vieles uralte Tischgeräte von Gold und Silber. +Dann sahen wir auch das mit französischen Lilien verzierte Zepter, +den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge, +die bei Krönungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch +zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschätzbarem Werte, +ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll groß ist, und ein +wunderschöner Rubin schmücken die Krone, welche der König +im Parlamente auf dem Haupte trägt; die Krone des Prinzen von Wales +wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen, +daß er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese +Herrlichkeiten blitzen von köstlichen Edelsteinen. In der +düsteren Höhle sahen sie wie ein von bösen Geistern bewachter +Feenschatz aus; ihr Wert wird über zwei Millionen Pfund Sterling +angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht +bestimmen kann. + +Von hier wandten wir uns zum weißen Turme, der aber weder ein Turm +noch weiß ist, sondern ein großes viereckiges Gebäude mitten +in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttürme +krönen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist. + +Im ersten Stock sahen wir die der großen spanischen Armada +abgenommenen Trophäen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar +erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei; +die Spanier führten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung +von den besiegten Engländern Auskunft über etwa verborgenen Schätze +zu erpressen. + +In diesem Saale ist eine lebensgroße Puppe zu schauen, +welche die Königin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist, +einen weißen Zelter zu besteigen. Sie trägt die Kleider, +welche Ihre Majestät trug, da sie nach diesem merkwürdigen Siege +zum Volke sprach [Fußnote: Untergang der spanischen Armada +im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.]. +Wir möchten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle +der Elisabeth nach diesem Muster zu kostümieren. Die gute Dame +sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme +aufgekräuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht, +und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch +gepreßte Taille. + +Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn +schönes Haupt fiel [Fußnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.; +1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwürdigkeiten, +von denen der Tower wimmelt. + +Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr großen Saale +aufgestellt. Nimmer hätten wir diesen Mordgewehren zugetraut, +daß sie einen so hübschen Anblick gewähren könnten. Sie sind hier +auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack +geordnet; die Wände blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen +und Säbeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man +daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen, +Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen, +um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden. + +In einem anderen großen Saale sind alle Könige Englands, von +Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen +stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Rüstung zu schauen. +Die zum Teil sehr prächtigen Rüstungen sind die nämlichen, welche +ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat +eine über und über vergoldete Rüstung an; der Ochsenfresser, +unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche +nie getragen. Der berühmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten, +muß ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Rüstung ist +sieben Fuß hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich +der Achte war gewiß ein ansehnlicher Herr; die für ihn in seinem +achtzehnten Jahre verfertigte Rüstung gibt der des John of Gaunt +an Größe wenig nach. + + + +Der Palast von Westminster + + +[Fußnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebäude +sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang +der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch. +Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom +Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.] + +In diesen Überbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner +erbauten Palastes thront jetzt die Göttin Themis [Fußnote: Göttin +der göttlichen und natürlichen Ordnung.]. Gleich den Königen +von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz +sieht von innen und außen sehr zerfallen aus. Neugierig, +den Schauplatz so vieler merkwürdiger Entscheidungen, den Tummelplatz +der berühmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin. + +Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher, +gewölbter Saal, zweihundertfünfundsiebzig Fuß land und vierundsiebzig +breit. Man hält ihn in England für den größten in Europa, dessen Decke +nicht auf Säulen ruht. Dies mögen wir nicht bestreiten, aber trotz +seiner Größe gewährt er keinen brillanten Anblick. Die Wände sind +ohne alle Verzierungen, und die künstlich geschnitzte Decke +von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen +der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Nähe +betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke +nicht ohne Kunstwert sein. + +In früheren Zeiten diente diese Halle bei großen Festen und +Schmausereien den Königen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll +darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier +das Parlament versammelt, hier war der große Gerichtshof, +in welchem der König persönlich präsidierte. Der unglückliche +Karl der Erste [Fußnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen +stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit +den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats +vor ein außerordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649 +zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall +enthauptet.] ward in dieser Halle verhört und verurteilt, +und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen +seltenen Rechtsfällen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine +andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewöhnlich aber dient +diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade, +bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden. + +Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Mänteln, mit großen, +weißgepuderten Perücken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert +ging es übrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte; +keine Wache, kein Türsteher, niemand, der auf Ordnung hielte, +war sichtbar. Auch wir eilten ungestört umher, traten von ungefähr +hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang +und sahen uns plötzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht großen, +nicht schönen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine +Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhöhung hinter einem Tische +saß ein schwarzbemäntelter Herr mit einer gewaltig respektablen +Staatsperücke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend; +wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn +eine Menge Leute gingen mit großen Geräusche aus und ein und +machten einen Lärm, als wären sie für sich allein zu Hause. +Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand +kehrte sich sonderlich daran, der Lärm dauerte fort nach wie vor. +Rund um den Tisch saßen dreißig bis vierzig andere Herren auf Bänken, +ebenfalls mit schwarzen Talaren und weißen, obgleich etwas +kleineren Perücken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner +zuzuhören, so gut es sich bei so bewandten Umständen tun ließ. +Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof, +High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler, +die anderen wären die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel +sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden. +Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus +appellieren. + +Verwundert über die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge +betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher, +durch viele uralte gewölbte Gänge, Treppen auf und ab, kreuz und +quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der großen Halle, +im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench. + +Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe; +derselbe Lärm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Perücken +angetan, die auf einer größeren Erhöhung sich befanden, präsidierten; +einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen, +hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren +Armesündergesichtern, über deren Haupt es eben herzugehen schien. + +Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und +Polizeiverbrechen gerichtet; der berühmte Mr. Erskine [Fußnote: Thomas, +englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler. +Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete +Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Kläger +vor die Schranken. Hoffentlich gönnt man diesen Männern mehr +Aufmerksamkeit, als sonst hier gebräuchlich ist. Nie und nirgends +sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschäft der Welt ist, +die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, +Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise +betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste, +der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte. +Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Lärm +ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, für ihr Geschäft zu verlieren. +Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshöfe +zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden +und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden, +welche wir besuchten. + +Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch +wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt. +Dies ist ein alter, mittelmäßig großer, räucheriger Saal. +Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg über die Armada +vorstellen, bekleiden die Wände; man rühmt ihre Kunstwert, +aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub +und Schmutz haben sie dermaßen entstellt, daß wenig mehr +von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende +des Saals, auf einer Erhöhung, steht der königliche Thron, +der wie der Baldachin einer vom Trödel geholten, altmodischen, +rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten +Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl für +den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stühle für die übrigen +Prinzen. Mitten im Saal liegen vier große viereckige, mit rotem +Zeuge bezogenen Wollsäcke für die Lords, welche zugleich Richter +sind; die übrigen Lords finden ihre Plätze auf einigen zu beiden +Seiten stehenden Reihen Bänken. Ein sehr großer Kamin vollendet +das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke +versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens +hineinfalle. + +So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen +entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und mächtigsten +Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball +Gesetze gäbe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade +diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der, +auf innerem Bewußtsein ruhend, allen äußeren Glanz verachtet. + +Im Unterhause sieht es nicht glänzender aus; nur der Thron +und die Wollsäcke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals +ungefähr die nämliche. Die Wände sind mit braunem Holze getäfelt, +und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie für die, +welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen +werden hier während derselben zugelassen. Auch möchten wenige es +ertragen können, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon +um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis +Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafür gesorgt, +daß man nicht verhungere; denn ein Gastwirt hält in einem +unter dem nämlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen +für die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden +ist's erlaubt, sich in seiner Küche zu erquicken und zu stärken. +Es ist Sitte, daß man nach einer solchen Exkursion seinen Platz +in der Galerie unbesetzt wiederfindet. + +Ursprünglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom +Könige Stephan [Fußnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers, +von 1135-1154 König von England.] dem Schutzheiligen seines Namens +gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie +in der ersten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her. +Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, ließ sie +dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gängen und +Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schönsten Werke +gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riß man +einen Teil der Vertäfelung, welche die Wände bekleidet, herab, +um den Saal zu vergrößern. Mit Erstaunen entdeckte man die Überbleibsel +der reichen Verzierungen an der ursprünglichen Mauer und schloß +mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen. +Man fand unschätzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkünstliches +Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glänzend, +als wären sie von gestern; besonders am östlichen Ende der Kapelle, +wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwände +und Decke waren dort mit schönem Schnitzwerke und alten Wappenbildern +ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgroße gemalte Figuren +und ein uraltes Gemälde, die Anbetung der Hirten vorstellend, +für den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte. +Alles wurde barbarischerweise zerstört und gänzlich vernichtet, +um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen, +als gäbe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem +die Herren des Unterhauses sich versammeln könnten. Von aller +dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schönes gotisches Fenster, +durch welches die Sonne jetzt trübe blickt, als vermisse sie +den ehemaligen Glanz. + +Von außen sah das ganze Gebäude traurig und verfallen aus, sowie auch +die schöne, gegenüberstehende, dazugehörige Kirche, die berühmte +Abtei von Westminster. Man wendete wenig Mühe und Kosten daran, +diese Denkmäler früherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen +allmählich ihrem Untergange zusinken zu wollen. + + + +Die Westminster Abtei + + +Diese Behausung berühmter Toter steht öde und trauernd, selbst +einem großen Grabmale vergangener Jahrhunderte ähnlich. Die alte +Herrlichkeit und Schönheit der in der gewöhnlichen Kreuzform +erbauten gotischen Kirche kann man von außen nur ahnen; +denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden, +von welchem es möglich wäre, das Ganze zu überblicken. Zwei schöne +viereckige Türme krönen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach +gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich +erhebenden Türmchen geziert; ein prächtiges Portal führt in +das innere Heiligtum. + +Vom Eingange an der Westseite überblickt man den ganzen Plan desselben. +Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns +in seiner ehrwürdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch +verhältnismäßig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhänden +kühn geschaffene Gewölbe, an welchem Bogen über Bogen sich leicht +und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe +von fünf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch +die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht +verbreitet heilige Dämmerung ringsumher, über alle die unzähligen, +mit unendlichem Kunstfleiße gearbeiteten Verzierungen, welche +diesen ehrwürdigen Tempel schmücken. + +Alles Alte darin ist groß, herzerhebend und erfreulich; +desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd +nimmt sich der moderne, von weißem Marmor im sogenannten +griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen +alten Chor aus, in welchem die englischen Könige gekrönt werden. + +Auch die unzähligen Momente, welche diese Kirche eigentlich überfüllen, +zerstören die Einheit des Gebäudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie +durcheinander, als hätte man sie vor irgendeinem Unfalle hierher +geflüchtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies +Plätzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten, +wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu +verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so +kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgeführt, an die sie lehnen, +und obgleich es ein schöner Gedanke ist, daß eine große Nation +hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Gräbern ihrer Könige, +das Andenken großer, verdienter Männer dankbar aufbewahrt, +so kann man sich doch nicht enthalten zu wünschen, daß dieses +auf eine weniger störende Weise geschehen sein möchte. +Ein großer Teil der Ausführung des schönen Zwecks geht durch +die Art verloren, mit welcher alles unter- und übereinander +gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzählige Spinnweben +muß man sich drängen, um manches Monument in seinem engen Winkel +zu betrachten, und dabei den Kummer zu fühlen, das wahrhaft +Schöne und Große durch soviel Mittelmäßigkeit verdrängt und +entstellt zu sehen. + +Eine Ecke in einem der kürzeren Flügel ward dem höheren Talent +gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel, +The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Händel, Shakespeare, +Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton, +Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope +suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher +hochgefeierte Name muß sich in diesem Pantheon aus Mangel +an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon +mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hölty +so nah verwandten Goldsmith ist über der Türe angebracht. +Händel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er +die Melodie der Sphären und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten. +Im königlichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange +hervor und schaut entzückt und geblendet die neue Szene. +Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt +auf eine herabhängende Pergamentrolle mit folgender Inschrift +aus seinem "Sturm: + + "So werden + Die wolkenhohen Türme, die Paläste, + Die hehren Tempel, selbst der große Ball, + Ja, was daran nur Teil hat, untergehen, + Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug + Wie der zu träumen, und dies kleine Leben + Umfaßt ein Schlaf." + +Unter den im übrigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmäler wird das dem +Lord Mansfield gewidmete und von den Engländern besonders hoch gehalten. +Es ist vom jüngeren Flaxmann gearbeitet [Fußnote: John (1755-1826), +bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham, +Vater des berühmten William Pitt [Fußnote: im Gegensatz zu seinem Vater +der jüngere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine +größten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Großbritanniens +waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit +Irland. Vorkämpfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund +Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst +gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich +ungraziöser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand stützt sich auf's +Knie, die andere hält eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas +niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel +auslöschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schönen, nackten, +weiblichen Figur dargestellt. + +Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham; +viele Tugenden weinen zu seinen Füßen und lassen es unentschieden, +ob seine Rede sie rührt, oder ob er Dinge sagt, über welche +die Tugend weinen muß. + +Auch die traurigen Manen des unglücklichen Majors Andree, der im +amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehängt ward, +finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument. + +Zwölf an die Kirche sich anschließende Kapellen enthalten die Asche +der Könige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths +Zeiten ward keinem Könige ein Monument hier errichtet, obgleich +alle hier begraben lieben. + +Gern betrachteten wir jene alten Denkmäler; fast alle sind große, +viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen +in völliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten +Händen, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir +wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria +von Medici und Karl der Neunte in den gräßlichsten Verzerrungen +des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in +entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Gräbern abgebildet liegen. +Gerührt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie +unweit ihrer Todfeindin und Mörderin gebettet; das Gesicht ihrer +Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden. + +Die älteste der zwölf Kapellen enthält das Grab Eduards des +Bekenners [Fußnote: angelsächsischer König (1042-66) +[Fußnote: König von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus +dem Heiligen Land zurück, nachdem er mehrere Jahre dort gekämpft +hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert, +welche leider größtenteils von ungezogenen Altertumsfreunden +ausgebrochen und mitgenommen wurden. + +Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin, +Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und +Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war, +zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land. +Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen +Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem +so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestärkt durch ihren Anblick, +angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen +bald große Verwüstungen an. Die Ungläubigen rächten sich +aber fürchterlich und tückisch. Sie sandten Meuchelmörder +gegen ihn aus, die ihn mit einem tödlich vergifteten Pfeile +am Arme verletzten. Die Mörder fielen zwar unter den rächenden +Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewußtlos +in sein Zelt getragen. Die Ärzte gaben ihn ohne Rettung verloren, +wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen +und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens +zu erhalten sich entschlösse. Starr und stumm standen all +um das Sterbebette ihres künftigen Königs; sie hatten oft +dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch +konnte keiner zu diesem Opfer sich entschließen. Da eilte Eleonore +herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich +auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die +Augen wieder auf. Mit welchem Gefühl er auf diese Weise sich +dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, fürchtend ihn auf's +neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal +an die treue Brust zu drücken, und nur von ferne, zitternd +vor Freude, vor ihm stand, dafür haben wir keine Worte. +Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden? +War es vielleicht nur bei einer äußeren Verletzung tödlich? +Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre +ein glückliches, schönes Leben an der Seite ihres Gatten, +teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre +später hier ihre letzte Ruhestätte. + +So erzählt die Sage, und zu schön, um ihre Wahrheit zu bezweifeln, +obschon einige berühmte Geschichtsschreiber diese rührende +Begebenheit nicht erwähnen. + +Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter +Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der +Kindheit, aber diesmal führte ihr Genius den Meißel des Künstlers, +ein schützender Engel wachte über das Bild und barg es vor +der zerstörenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von +hoher Schönheit und wunderbarer Güte und Milde auf dieser +ihre Züge der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung. + +Die Gräber Eduards des Dritten [Fußnote: König von England +[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Fußnote: König von England +(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle. + +Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwürdiges Denkmal +alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und +Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf. +Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Könige +bei der Krönung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefügt, +welcher den Königen von Schottland zum Königsthrone diente. +Eduard der Erste ließ ihn von Scone, welches die Leser aus dem +ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen. + +Die dicht daran stoßende Kapelle Heinrichs des Fünften +[Fußnote: König von England (1485-1509] ist wegen ihrer +altertümlichen Pracht eine der merkwürdigsten. Leider liegt der +gute König ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und +Zepter sind seinen Händen entrissen. Alles dies war, dem +solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gemäß, ganz von +gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume +der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen. + +Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren +Namen sie noch führen, enthalten viele für den Altertumsforscher +höchst merkwürdige Gegenstände, viele Belege zur Geschichte +des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter; +selbst das uralte hölzerne Monument des sächsischen Königs Sebert, +welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute. + +Merkwürdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen +seiner Ähnlichkeit und zugleich Unähnlichkeit mit dem berühmten +Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht +der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem +ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten ließ; +neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit, +seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken +ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmöglich sich entschließen, +ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte +durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, während +ihre Vorgängerin zur Rechten läge. Noch auf dem Totenbette +war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge +der rangsüchtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte +ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand weiß, wo ihre +Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens wäre längst verschollen, +wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden +Jahrhunderten aufbewahrt worden wäre. + +Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache, +nur die letzte und schönste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten, +[Fußnote: König von England 1485-1509)] ist daran angebaut, +so daß nur der Eingang dazu in der Kirche steht. + +Dies Gebäude ist eines der schönsten seiner Zeit, aber leider +sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlässigten Zustande, +mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben +notdürftig unterhalten; hätte man die langsam zerstörende Zeit +noch länger ungehindert fortwüten lassen, so wäre bald alles +zu einer schönen Ruine zusammengesunken, die überall sich besser +ausgenommen haben würde als an dieser, dem heiligen Andenken +großer Vorfahren geweihten Stelle. Von außen ist die Kapelle +mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmückt, das Ganze +im schönsten Ebenmaße, leicht und erfreulich. Vierzehn schöne +durchbrochene Türme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der +Kirche aus, dient ein prächtiges, in Stein gehauenes Portal, +welches drei sehr künstlich gearbeitete Gittertüren von +vergoldetem Eisen verschließen. Die Decke ist über und über mit +schöner Bildhauerarbeit von Stein geschmückt, schöne, gewölbte +Bogen, unterstützt von Pfeilern im reinsten Ebenmaße, prächtige +Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur +ist hier zu finden. Unmöglich kann man dieses schöne Überbleibsel +früherer Zeit zu hoch preisen, und wohl wäre es wünschenswert, +daß die Kapelle einen Freund und Verehrer fände, wie der Dom +von Köln ihn an dem Herrn von Boisserée fand, [Fußnote: Sulpiz +und Melchior, zwei Brüder, gebürtige Kölner, deutsche Kunstsammler +und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854) +vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung +des Kölner Doms anregte. + +Zum üblen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830 +in einer Anmerkung ergänzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten +Erscheinen dieses Buches erfüllt, und auch für die bessere +Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher +der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken +der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte. + +Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten +von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze, +umgeben von einem ebensolchen, sehr prächtigen Geländer. +Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze +schmücken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano. + +Außer diesen wirklich merkwürdigen und ehrwürdigen Kunstwerken +werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Könige und +Königinnen in alten Glasschränken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen, +die dem Untergange längst hätten übergeben werden sollen. +Nur das leiht ihnen einiges Interesse, daß sie mit den nämlichen +Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten +trugen. Wüßte besonders die Königin Elisabeth, welch ein +häßliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so würde +die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe +keine Ruhe lassen. + + + +LONDONS UMGEBUNGEN + + +Windsor + + +[Fußnote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III. +ließ es niederreißen und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert +ein neues Schloß bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern +mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV., +und Königin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey +Wyattville.] + +An dem südlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen +westlich von London, thront auf einer Anhöhe das alte stattliche +Schloß von Windsor. Von dieser herab genießt man eine der +ausgebreitetsten Aussichten auf die schöne, reiche Gegend umher. +Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses, +seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Türmen. + +Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schloß, kurze Zeit nachdem er +sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab +es Heinrich der Erste und vergrößerte es. Später erwählte Eduard +der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der +Dritte ward hier geboren. Vorliebe für den Ort, an welchem seine +Wiege stand, bestimmte diesen, das Schloß, welches er zu seiner +Sommerwohnung wählte, nach einem neuen Plane prächtiger zu bauen. +Auch König Karl der Zweite wendete viel auf die Verschönerung +von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt +der Könige von England und ihre gewöhnliche Sommerwohnung. +Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche +Veränderung und Verschönerung damit vorgenommen worden. +Der Schloßgraben ward ausgefüllt, ein Hügel, welcher die Aussicht +gegen Morgen beschränkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden +abgetragen. Dennoch sieht das Schloß noch immer ehrwürdig und +altertümlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten +imponierenden Ansehen verloren haben mag. + +Es hat zwei Höfe, den oberen und unteren; beide werden durch den +sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander +getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats- +und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen +und gegen Süden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof +ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen +Säle und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von höherem, +bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar, +und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwürdigste +unter den Sälen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter +des Ordens vom Hosenbande [Fußnote: Order of the Garter; angesehenster +englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der Überlieferung zufolge +verlor Eduards Geliebte, die Gräfin Salisbury, bei einem Tanz +ihr blaue Strumpfband. Der König hob mit dem Band auch den Rocksaum +der Gräfin auf und entblößte dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert +hinein war es zwar schicklich, die Büste mehr oder minder frei +zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen +zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.]. +Er ist einhundertacht Fuß lang, am Ende desselben steht der +königliche Thron, über diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz +in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande +und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense. + +Die Staatszimmer hängen voll Gemälden, welche man aus Mangel an Zeit +nur zu flüchtig betrachten muß. Dem Anschauer werden im Vorübereilen +die Namen der größten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein +und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael +und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone +der Versammlung. + +Der schönste Punkt von Windsor Castle ist die große, in ihrer Art +einzige Terrasse. Sie erstreckt sich längs der östlichen und +eines Teils der nördlichen Seite des Schlosses, ist +eintausendachthundertsiebzig Fuß lang und von verhältnismäßiger Breite. +Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten +Landschaften hinschlängelt, auf die mannigfaltigen Landhäuser, +Dörfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkähnlichen Wald +von Windsor und die in der Nähe liegenden Gärten, ist über alle +Beschreibung schön und reizend. + +Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die königliche +Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebäude, +welches der südlichen Terrasse gegenüberliegt. Hinter diesem Gebäude +erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel +der großen Terrasse übersieht. In ihm befindet sich ein zweites +Gebäude, das die Prinzessinnen bewohnten. + +Die Königin besaß nahe bei Windsor noch ein kleines, bürgerlich +aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung, +welche sie sehr liebte, heißt Frogmore. Hierher machte sie oft +Landpartien mit ihren Töchtern und einigen Lieblingen unter ihren +Damen. Kleine ländliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen, +Frühstücke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr +beschränkten Familienzirkel. + +In Windsor mußte man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten +die königliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns +Persönlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken, +welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen. +Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen, +wenn man sich nicht präsentieren lassen wollte. Im Theater +erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten +eilten sie zu schnell vorüber, als daß man die Gestalten auffassen +konnte. + +Während ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle +Sonntage morgens in bescheidenen Negligé, nach englischer Sitte, +beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der König +gesund, so versäumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr +des Morgens in der königlichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses +seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls +jedermann zugelassen wurde. Später traf man ihn vormittags oft +in den Wirtschaftsgebäuden, in den Pferdeställen, überall. +Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer +runden braunen Perücke, die ihm völlig das Ansehen eines +wohlhabenden Pächters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hören, +wenn man ihn Farmer George nannte; ländliche Ökonomie war in +früheren Zeiten seine Lieblingsbeschäftigung. + +An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie +auf der großen Terrasse, und dieses gewährte dann einen +in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen +altertümlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Türmen, +von der anderen die oben erwähnte reiche Aussicht auf den Strom, +Feld und Wald im verklärenden Glanze der sinkenden Sonne, +und nun das bunte drängende Gewühl aller Stände, jeden Alters, +beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versäumte es leicht, +Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage +zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner +der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum +geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfällige +Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehälften +und zierlichen trippelnden Misses. + +Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden +nach Windsor geflüchtet und mischten uns unter die bunte Menge. +Auf und ab wogte das Gewühl, die große Terrasse war fast +zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militärischer +Musik auf der Schloßmauer an beiden Ecken der Terrasse. +[Fußnote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande +Musiker. Uns dünkt dies recht charakteristisch."]. Beide +spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich +umeinander zu kümmern; die Entfernung und das Geräusch waren +auch zu groß, als daß sie viel voneinander hätten hören können. +Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung +den ganzen Abend fort zu musizieren. Die königliche Familie +erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe +voraus, um nur einigermaßen Raum für sie zu machen. Man drängte +sich von allen Seiten um sie her. Der König ging zuerst, +an seiner Seite die Königin. Wo er einen Bekannten erblickte, +redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gruß zu, +ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er +nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hörten +verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar +so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft +drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen +Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte; +auch die Königin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen +ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude +zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen +auf den hohen, spitzigen Absätzen, die sie noch immer trug, +wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem +grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Höhe nahm, +mit einem altmodischen Mäntelchen von weißem Taft, sah sie gar +nicht königlich aus. Der König schien oft ganz zu vergessen, daß er +sie führte, und ging, stand oder kehrte plötzlich um, wie es ihm +eben gefiel. + +Hinter dem königlichen Paare wandelten die beiden ältesten Prinzessinnen +am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht. +Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gestützt. +Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden jüngeren Schwestern +am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie +in Prozession durch das Gewühl auf und ab; stand der König, +so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm. + +In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen +wenigstens zwanzigmal, denn so wie der König an einen etwas +menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden +machten ihm viel Vergnügen; selten kehrte er vor der Dämmerung +nach Hause. Wir waren ihrer eher überdrüssig als er, denn er +wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verließen. + +Das Städtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich +den ganz beträchtlichen Hügel hinan, auf welchem das Schloß liegt. +Die Straßen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und +Gehen; auch die Gasthöfe fanden wir weniger gut, als man es +in dieser Nähe des Hofes vermuten sollte. + +Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College, +liegt am Fuße des Hügels, jenseits der Themse, und wird nur +durch eine Brücke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebäude +zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber +ist ein schönes gotisches Gebäude, welches die reiche Landschaft +noch mehr verschönert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute +diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionäre werden dort +auf Kosten des Königs erzogen, aber auch Söhne guter Familien +für Bezahlung darin aufgenommen. Die Schüler sind in zwei Klassen +geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung +in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und +Cambridge haben noch viel Strenges und Klösterliches, sogar +in der Kleidung. Im Monat August werden die Schüler in Eton +examiniert und diejenigen ausgewählt, welche nach Cambridge +gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwölfe unter +diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht, +nach drei Jahren Mitglieder der Universität Cambridge zu werden, +Fellows of the University, welches ehrenvoll und einträglich ist. +Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitläufige, wohlunterhaltene +Gärten umgeben die Schulgebäude. + + + +Die Gärten von Kew + + +Durch den Hyde Park hindurch, vorüber an den schönen Gärten +von Kensington, führt der Weg zu diesen, besonders in botanischer +Hinsicht mit Recht berühmten königlichen Gärten. + +Vier englische Meilen fährt man von Kensington nach Kew zwischen +einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen +Grasplätzen und Gärten eingefaßter Landhäuser. Größtenteils +sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien, +deren Häupter in der Stadt ihren Geschäften nachgehen, während Frau +und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphäre der City, sich hier +einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines ländlichen +Aufenthalts in der schönen Gegend erfreuen. Oft schon erwähnten +wir in diese Blättern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit, +Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb städtischen, +halb ländlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmöglich, +nicht immer in neue Lobsprüche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt, +und sich dabei des Gefühls von häuslicher Ruhe und behaglichen +Wohllebens erinnert, welches ihr bloßer Anblick selbst dem +vorübereilenden Wanderer einflößt. + +Nur die Gärten sind in Kew merkwürdig; das Haus des Königs ist klein, +unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen +Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum +Absteigequartier. Es wird nie von der königlichen Familie bewohnt +und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne würdig. Indessen +war man während unseres dortigen Aufenthalts beschäftigt, +ein großes massives Gebäude zum künftigen Witwensitz der Königin +zu erbauen [Fußnote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV., +1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerfälligeres +als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack +aufgetürmte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine, +spaltenähnliche Fenster, dicke, unbeholfene Säulen geben ihr +eher das Ansehen eines Staatsgefängnisses als der Wohnung einer Königin. + +Die botanischen Gärten von Kew vereinigen eine unzählige +Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen, +und gehören gewiß zu den merkwürdigsten in Europa, wenn sie nicht +vielleicht alle übrigen übertreffen. Die überall wehende englische +Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt +fast alles zusammen, was nur auf Erden wächst. Von der Zeder +des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier +Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kümmerlich +zu vegetieren, sondern üppig zu wachsen, zu grünen und zu blühen. +Der König liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Mühe +auf diese Gärten und freute sich ihres Gedeihens. Der berühmte +Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht, +und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsäglicher Mühe +und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites, +fruchtbares Feld. Auf diese Weise mußte etwas sehr Vollkommenes +entstehen. Das durch die wärmende Seeluft unendlich gemilderte Klima, +der natürlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei, +um der Anstalt das höchste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter +den Wiesen ihren grünen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr +hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden +Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche +selbst im südlichsten Teile von Deutschland den größten Teil des Jahres +im Hause gehalten werden müssen und nur während der Sommermonate dort +der Luft ausgesetzt werden dürfen, wachsen hier üppig im Freien, +wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die großblättrige Myrte, +der duftende Heliotrop und noch viele mehr. + +Es ist eine große Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen +dieser Gärten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten +zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele +der Natur mit Farben und Formen zu ergötzen; dann in die großen +Treibhäuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt +zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des glühend heißen +Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im südlichen Amerika +wächst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen, +und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was +zusammengehört und gleichsam ein für sich bestehendes Ganzes ausmacht. + +Auch die lebendigen Blumen der Lüfte werden hier gepflegt. +Eine große Volière vereinigt eine Menge der schönsten ausländischen +Vögel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges +Wesen treiben, als wären sie zu Hause. In einer größeren Abteilung +des Gartens werden eine Menge der schönsten Gold- und Silberfasanen +gehalten, neben ihnen stolzieren prächtige, zum Teil seltene Pfauen +und mehrere andere Arten größerer fremder Vögel. Mitten in dieser +Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel, +auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservögel +aller Art, mit langen und breiten Schnäbeln, schwimmen auf den +silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen +gravitätisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und +lustig, als wäre es im Vaterlande. + +Auf einer großen grünen Wiese sahen wir ein anderes lustiges +Schauspiel; einige vierzig Känguruhs hüpften darauf in völliger +Freiheit umher. + +Nichts Lächerliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen +Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwänze aufrecht und +machen dabei ganz gewaltige Sätze. Die kurzen Vorderbeinchen, +die sie zum Gehen gar nicht brauchen können, halten sie auf eine +possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl +Mannshöhe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem +die Mütter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal +zu arge Sprünge, so fällt wohl so ein liebes Kleines aus dem +Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfältig +aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzürnten sich ein paar +Männchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfuße +und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel +am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir +dem argen, wilden Treiben dieses närrischen Volkes zu, das uns +oft lautes Lachen abnötigte. + +Als wir die eigentlichen Lustgärten von Kew zu sehen wünschten, +ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt, +und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein +Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir +verdrießlich und ließen unseren Unmut untereinander in gutem, +vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glück hörte dies ein in +der Nähe arbeitender deutscher Gärtner. Der süße Klang aus +dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute +so kräftig an, daß ihm endlich erlaubt wurde, unser Führer zu sein. + +Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche +Bäume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten +mit lichten Gängen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gesträuch. +Besonders reizend erschien uns ein reich geschmückter Blumengarten +mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten. +Nur ein wenig zu überladen mit Gebäuden sind diese Gärten. +Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem Äolus, +dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht; +da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen +Gebäude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee, +römische Ruinen, kurz - viel zu viel für den guten Geschmack. +Keines dieser Gebäude ist ausgezeichnet schön, aber auch keines +seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht +enthalten, manches davon wegzuwünschen; denn dieses bunte Allerlei +wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche +Einfachheit der englischen Parks zu bewundern. + + + +Richmond Hill + + +Ein höchst angenehmer Weg führt durch die Gärten von Kew zu den +daran stoßenden von Richmond. Viele Gebäude, mit denen auch +diese unter der Regierung mehrerer Könige und Königinnen überladen +wurden, sind glücklicherweise wie von selbst verschwunden. +Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem +zauberisch schönen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher +einem großen herrlichen Garten gleicht. + +Nur ein Landhaus der Königin, welches diese oft mit ihrer Familie +besuchte, steht an einem der freundlichsten Plätzchen des Gartens, +einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Könige +erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor +Herschel verfertigter Instrumente merkwürdig sein. Wir besuchten +sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schön, um von ihr +weg den Blick zum Himmel zu wenden. + +Schon von der hübschen steinernen Brücke aus, die nahe vor dem +berühmten Hügel von Richmond über die Themse führt, genießt man +einer entzückenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schönen Villen +geschmückten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr beträchtlichen +Höhe erhebenden grünenden und blühenden Hügel. Weit schöner noch +ist es, wenn man diese Anhöhe ersteigt und nun aus dem Fenster +des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der +reizendsten Täler der Welt. Größere, ausgebreitetere, romantisch +schönere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut +diese überträfe. Ein unaussprechlich süßes Gefühl von Ruhe, +stillem Glück, Freude am Leben ergreift jeden mächtig, der von hier +aus den Blick herabsenkt. Alles grünt und blüht in der herrlichsten, +üppigsten Vegetation. Die höchstmögliche Kultur schmückt das weite, +von einem der schönsten Sröme belebte, von sanft anschwellenden, +waldgekrönten Hügeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine +solche zweite Aussicht dar, und außer dieser Insel kann es keine +ähnliche geben; wo fände man noch dieses frische Grün in Wiese +und Garten, Feld und Wald? + +In mannigfaltigen Biegungen und Krümmen durchströmt die Themse +dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der mächtige Strom, +der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich prächtig weit ausbreitend, +die Schätze aller Weltteile auf seinem Rücken trägt. +Nur schiffbar für kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch +die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schönen tätigen +Lebens in stillem Frieden. Überall trägt sie die klaren Wellen hin, +verschönt, erfrischt, tränkt die Umgebungen und wandert dann +geräuschlos weiter. + +Das üppigste Gedeihen füllt Wald, Höhe und Tal, krönt die Ufer, +die schönen Hügel, so weit das Auge nur reicht. Weiße Giebel +freundlicher Pächterwohnungen, schöne Fassaden prächtiger +mit Säulen geschmückter Villen, Landhäuser, umrankt von +Jelängerjelieber, Türme entfernterer Kirchen, stattliche Schlösser, +freundliche Dörfer und Städtchen blinken überall hervor aus Bäumen +und Gebüsch, in der Höhe und in der Tiefe, in der Nähe und in der +Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstände, +überall ist Lebensgenuß und Freude, nirgends Geräusch und ängstliches +Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes drängt sich alles dies +noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen, +damit alles Schöne und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne +schauen die ehrwürdigen grauen Türme von Windsor von ihrem Hügel +herüber, unten, mehr in der Nähe, breitet sich stattlich das große +königliche Schloß Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde, +nahe an der Themse, liegt das reizende Schloß Strawberry Hill; +dicht daran das aus lauter schönen Häusern zusammengesetzte Dorf +Twickenham mit seiner hübschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich +die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus. + +Es wäre sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umständlich +beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder +können ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht +einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Höhe +von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft +sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abriß, +ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff +die Ähnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim +ersten Anblick. Nur daß dort alles groß, mannigfaltig ausgebreitet +daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch +schmücken nicht unzählige Türme und Gebäude das stille, einsame +Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse krönen. + +Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern +und Strumpfband", Star and Garter, übersieht man all diese +Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schöne Lage, +sondern auch die vorzüglich gute Einrichtung und Bedienung erheben +diesen Gasthof zu einem der ersten in England. + +Ihm gegenüber ist der Eingang zum Park, den man zu den größten +rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen beträgt. +Bescheiden hat die Kunst hier nur für die Bequemlichkeit der +Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudrängen. Zahme Hirsche und +Rehe weiden hier in großer Anzahl zwischen herrlichen Bäumen. +Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher +gebracht, da der alte König dort selten hinkam. Überall im +Park öffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der großen +Landschaft, die man von Richmonds Hügel erblickt; in anderen +Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen, +bilden sie hier neue Ansichten und vervielfältigen den Genuß +ins Unendliche. + + + +Staines. Slough. Oatlands + + +Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der +Themse, fuhren wir durch den schönen Park von Claremont, +alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Städtchen +Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird +Fremden nicht gezeigt. Seine Außenseite verspricht nichts +Außerordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung +und die vielen Gemälde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt. + +Die Gärten von Painshill waren die ersten, welche wir vor +mehreren Jahren bei einem früheren Aufenthalte in London besuchten. +In der Nähe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz, +dessen Promenaden sie an Größe und Schönheit überträfen. +Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen, +langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getäuschter +Hoffnungen für uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill +war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher +Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt +in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig +sahen wir von weitem die schönen Bäume, nach deren Schatten +wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem +hart an ihren Ufern erbauten Städtchen Staines, in dessen +Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging. + +Das frohe, bunte Gewühl der Zuschauer ergötzte uns und zerstreute +schnell den Verdruß über unser Mißgeschick in Painshill und +Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste +an die Jahrmärkte und Kirchmessen, welche in Deutschland +von Zeit zu Zeit Dörfern und kleine Städten Leben und Freude +bringen. + +Dicht neben dem Gasthofe in Staines führt eine hoch und kühn +gewölbte Brücke über den Strom. Nicht ganz so groß als die +bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient +allein, daß man die kleine Reise von London hierher macht, +besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen +Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein kühner Sprung +wirft sie sich über den Strom, und der Pont aux arts in Paris +läßt sich trotz seiner mit Orangenbäumen garnierten Geländer +auf keine Weise mit diesem schönen, wie von Feenhänden +durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen. + +Von Staines führte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine +höchst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht +der Themse, über Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill, +einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet, +die man nur wünschen kann. Von London aus werden oft Landpartien +dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier +verweilen, um alles Schöne mit Muße zu genießen, was Windsor +und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewähren. + +Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem +Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht großen, +aber sehr hübschen, vom Könige ihm geschenkten Hause wohnt +[Fußnote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus +und über 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline +(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein +Empfehlungsschreiben an unseren berühmten Landsmann. Freundlich +empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung +ähnliche Schwester. Während diese die Aufsicht über den Himmel +mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben +auf der Erde so angenehm als möglich und überhob ihn jeder +irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide +ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen +Geschwister in ruhiger, ländlicher Stille hier ein schönes, +glückliches Dasein. + +Die königliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig +ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus, +besonders während des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze +Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten +und liebten sie; überall war man ihres Lobes voll, sowie wir +nur ihren Namen nannten. + +Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft +unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen +Nächten vielleicht zerstörerischer sind als irgendwo, erfreute +sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit. +Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste +Wort für sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen +Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt, +wenigstens wurde es ihnen schwer, sich geläufig darin auszudrücken; +übrigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes +Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation. + +Gefällig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen +Instrumente. Das große Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete +er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast +immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, daß er mit diesen alle +seine wichtigen Entdeckungen machte, und daß nicht die Größe +der Gläser, sondern unablässige Aufmerksamkeit, Fleiß und +Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Höhe brachten, +die er erreicht hatte. + +Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir, +bei unserem Mangel an den dazugehörigen Kenntnissen, durch unsere +Beschreibung es machen könnten. Herschel erschien uns immer +selbst das Merkwürdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach +dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister, +aber uns dünkt doch, daß der Meister immer über sein Werk +erhaben bleibt. + +Doktor Herschel gehörte zu den merkwürdigen Menschen, die ohne +äußere Unterstützung, ohne daß ihre Eltern sie durch eine, ihrem +Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten, +in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen, +hellem Blick und nie zu ermüdendem Mute bei allen Stürmen des +Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater, +ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr für ihn +tun, als daß er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen +Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit, +Französisch zu lernen, und glücklicherweise war sein Lehrer auch +übrigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und +mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des +lernbegierigen Schülers auf das lebhafteste beschäftigten. +Während des siebenjährigen Krieges gingen Herschel und sein Vater +mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England. +Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurück ins +Vaterland, während der Sohn sich entschloß, in London zu bleiben +und dort sein Glück zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht +aufgegangen. Verloren in der Menge, übersehen, zurückgestoßen +überall, gehörte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut +zu verlieren. Er verließ die glänzende Hauptstadt, die dem +schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte, +und wanderte ins nördliche England. Auch hier irrte er eine +Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende +Stätte ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt, +er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen. +Außer den Stunden, welche er seinem Amte widmen mußte, und +einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen +Unterricht verwendete, gab er alle seine übrige Zeit jetzt dem +Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an, +dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er große +Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren +anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien +trieb er für sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium +der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen, +immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine +vollkommene Übersicht des ihm zunächst gelegenen, der Theorie +der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik +und allen ihr verwandten Wissenschaften. + +So verflossen ihm in Halifax einige von ihm höchst nützlich +verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls +als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem +einmal erwählten Stande, er mußte in den Assemblee-Sälen spielen, +in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht, +in seinem eigentümlichen Berufe fortzufahren. Trotz der überhäuften +Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der +glänzenden Außenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu +und verwachte viele Nächte bei den abstraktesten Gegenständen. + +Astronomie und Optik beschäftigten ihn jetzt fast ausschließend. +Mit unbeschreiblichem Vergnügen betrachtete er den gestirnten Himmel +durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich +erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat +zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten, +schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er möge ihm für's erste +ein größeres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert +über den dafür geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht, +ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak +nicht wenig darüber, denn die verlangte Summe schien ihm +unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen, +faßte er jetzt den kühnen Entschluß, selbst ein solches Instrument, +wie er es sich wünschte, zu verfertigen. Nach unendlichen +fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln, +immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm +endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten, +fünffüßigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er +weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor +nie gesehenen Größe und hielt doch fest bei seinem einmal +angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glänzenden +Konzertsälen, während der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen +und kehrte dann zur rechten Zeit zurück zum Notenpulte. + +Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen +Entdeckungen. Herschel ward berühmt und zuletzt drang sein Ruf +bis zum Könige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen +Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten, +gab ihm eine lebenslängliche Pension und räumte ihm die Wohnung +in Slough ein, wo wir so glücklich waren, den ehrenwerten Mann +persönlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor +einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphären belauschte. + +Von Slough nahmen wir unseren Weg über Oatlands zurück nach London. +Diese einsame ländliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen +Prinzessin Friederike von Preußen [Fußnote: Gattin des Herzogs +von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete. +Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjähriger Ehe. +Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren berühmt, und auch +der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin +des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern +der Themse, fast am äußersten Ende des schönen Tals, welches +der Blick von Richmonds Hügel aus beherrscht. Hier wohnte diese +Fürstin, die Tochter König Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind +schon der Liebling ihres großen Oheims, beinahe das ganze Jahr +hindurch in klösterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen. +Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und +brachte Abwechslung in ihr einförmiges Leben. Ihre Hauptbeschäftigung +waren wunderschöne Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen +bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen dämmerte, ging sie +gewöhnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder +zu sinken begann. + +Der böse Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise +begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns +auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder +nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt +wird, und hätten durchaus an einem Sonntage kommen sollen, +versicherte uns eine alte, ziemlich grämliche, korpulente Dame, +die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter +und verdrießlicher Berliner Mops und wies uns knurrend die +weißen Zähne. Trotz dieser trüben Aspekte versuchten wir unsere +Redekünste und glücklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten +ihr vor, wie wir ausdrücklich aus Deutschland über's Meer +hierher gekommen wären, um unseren Landsleuten hernach sagen zu können, +wie es in der Wohnung unserer Prinzessin aussähe und wie es ihr erginge? +Dies rührte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher, +der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb +ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin, +und machte zuletzt noch eine große Toilette, um uns selbst +ins Schloß zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops +gesellig neben uns her. + +In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schönen großen +Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schönsten +und seltensten Pflanzen. Eine Menge großer und kleiner, lang- und +kurzgeschwänzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin +liebte diese und alle Tiere, welche sich zur häuslichen Geselligkeit +erziehen lassen. Fremde und einheimische Vögel, Papageien, +Hunde aller Art fanden wir in großer Anzahl überall in und um +ihre Wohnung. + +Die größte Zierde des nicht groß, nicht prächtig, sondern +ganz einfach und fast bürgerlich eingerichteten Schlosses waren +die künstlichen Stickereien der Fürstin und ihrer Damen. +Die Spaziergänge fanden wir sehr angenehm, sehenswürdig allein +eine schöne, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus +Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes +Bad enthält. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen +Gräber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Fürstin. +Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich +der Große in Sanssouci für seine vierbeinigen Freunde einrichtete +und in dessen Mitte er einst, in einer trüben Stunde, sein eigenes +Grab bereiten ließ. + + + +Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset + + +Die nördlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe +bei London mit unzähligen Magazinen, Schiffswerften und anderen +dem Seehandel unentbehrlichen Gebäuden bedeckt. Hier auf der +befahrensten Straße zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten +Tätigkeit geweiht, und die ländlichen Freuden fliehen von selbst +diesen ewigen Lärm, wo der Amboß und der laute Ruf einer zahllosen +Menge arbeitender Menschen unaufhörlich ertönt. + +Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage: +die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft +Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit. +Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund +Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschädigt +die Unternehmer für ihre Auslage vollkommen, denn alle +Westindienfahrer müssen in diesem durch Kunst hervorgebrachten +Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei +ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloß zum Laden dient, +das größere zwei- bis dreihundert große Schiffe beherbergen kann, +die darin sicher und bequem unter Schloß und Riegel liegen. + +Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen. +Schöne breite Quais, belebt von allem Gewühl des Seehandels, +umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Paläste +gleich, stehen die großen prächtigen Magazine die Quais entland; +kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Größe des Ganzen scheint +es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewährt dem Handel +nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren +beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl, +in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den übrigen +Fahrzeugen, welche den Hafen überfüllen. Da die Westindienfahrer +gewöhnlich in großen Flotten zugleich anlangen, so entstand +bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung, +ein fürchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich +bringende Gedränge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt, +und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten. + +Den prächtigen Docks gegenüber breitet sich das stattliche +Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit +liegenden Boote quer über die Themse zu schiffen, so ist man +in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter +in dem schönen Park von Greenwich und die friedlichste Stille +umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der +gelderwerbenden Menge tönt mehr herüber. + +Hinter dem Park erstreckt sich die nicht große, aber als +Haupttummelplatz englischer Straßenräuber berüchtigte Heide +von Blackheath, welche jedoch in üblerem Rufe steht, als sie es +verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England +ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte, +die man in den englischen Blättern liest, wurde nur ersonnen, +um den Platz zu füllen, oder den übrigen, oft faden Inhalt +der Neuigkeiten bekannter zu machen. + +Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch +einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir +auf der Reise von Dover nach London sahen. + +Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in +ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die +mächtige Stadt, ihre unzähligen Türme und den Dom von St. Paul +ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten, +wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige +beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur +linken Hand die nicht unbeträchtliche, fast einzig dem Schiffsbau +gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks, +ihren gewühlvollen Schiffswerften, rechts die ihr ähnliche Stadt +Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen +Seemacht nebst vielen dazugehörigen Schmieden, Magazinen und +Fabriken befindet. Das sanfthügelige Land ringsumher, belebt +durch unzählige Dörfer, trägt ganz den englischen Charakter; +alles ist grün, fruchtbar, angebaut und geschmückt mit +einzelnen Gruppen ehrwürdiger Eichen und Buchen. + +Manchen schönen Park mit seiner Villa, manche reizende ländliche +Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen +von London entlegenen Landstädtchen Bromley. Hier drängen sich +indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend +um Richmond herum, denn es fehlen die höheren Reize, die dort +der alles belebende Strom gewährt, und überhaupt mangelt es +der Grafschaft Kent an Gewässern. + +Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor +mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen +mittelmäßig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verließen +und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden. +Ein schöner Park, angenehme Gärten und Spaziergänge umgeben die +elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke +erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der +Hauptfassade zum Modell. + +Wenige Meilen weiter, nahe beim Städtchen Sevenoaks, liegt Knole, +der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behält +die Gegend denselben Charakter, hügelig, grün, angebaut wie +ein Garten. + +Das durch sein Alter ehrwürdige Schloß liegt mitten in einem +weitläufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht +schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein düsteres, +weitläufiges Gebäude, dessen innere Einrichtung aus einem +wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer +sind ganz modern möbliert, andere, wie sie vor ein paar hundert +Jahren es waren; die übrigen, gerade die am meisten bewohnt +zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt +und nehmen sich eben nicht zum besten aus. + +Besonders merkwürdig für den Forscher nach alter Sitte sind +zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie König Jakob der Erste +[Fußnote: König von Großbritannien und Irland (1603-25), +als König von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.] +es verließ, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen +geschnitzten Bette könnten wenigsten sechs Personen bequem Platz +finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas, +und die zentnerschweren Lehnstühle sind mit kleinen Treppen +zum Hinaufsteigen versehen. + +Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt, +ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus +Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein +zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre +Entstehung eher dem Amboß und Hammer als dem Webstuhle zu +verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken +künstlichen goldenen Stickerei über und über verzierte Decke +desselben würde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre +Schwere erdrücken. Eine silberne Toilette von schöner alter +getriebener Arbeit, ein großer silberner Tisch und ein geschnitzter +Schrank, groß wie ein Haus in den Hochlanden, über und über +besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement +vollständig. + +Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemälde. +Besonders merkwürdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie +voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen +früherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher +vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Wänden auf uns herab. +Zu den letzteren gehört besonders ein sehr charakteristisches +Porträt Cromwells, nächst dem Luthers, dessen bleichen Freundes +Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Porträts +fast aller bekannten und berühmten Gelehrten und Dichter Englands +füllen ein besonderes Kabinett. + +Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmählich; +höhere Berge gewähren dem Reisenden manche schöne Aussicht; bald +zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel; +weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr +pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schöne Ruine eines +uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das +and seinem Fuße liegende Städtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es +fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen +Badeorte Tunbridge Wells. + +Dieser wird sehr häufig besucht, da er nur sechsunddreißig Meilen +von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen +Stunden zurücklegt. Wir würden indessen die Grenzen der nächsten +Umgebung überschreiten, wenn wir uns auf dessen nähere +Beschreibung hier einließen; auch zeichnet er sich weder durch +seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen +ähnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir +dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares +Lebewohl sagen. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland +by Johanna Schopenhauer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND *** + +***** This file should be named 10823-8.txt or 10823-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/0/8/2/10823/ + +Produced by Tina Gr„we + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000, +are filed in directories based on their release date. If you want to +download any of these eBooks directly, rather than using the regular +search system you may utilize the following addresses and just +download by the etext year. For example: + + https://www.gutenberg.org/etext06 + + (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99, + 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90) + +EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are +filed in a different way. The year of a release date is no longer part +of the directory path. The path is based on the etext number (which is +identical to the filename). The path to the file is made up of single +digits corresponding to all but the last digit in the filename. For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/10823-8.zip b/old/10823-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2edaebf --- /dev/null +++ b/old/10823-8.zip diff --git a/old/10823.txt b/old/10823.txt new file mode 100644 index 0000000..efc51dd --- /dev/null +++ b/old/10823.txt @@ -0,0 +1,9734 @@ +The Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland +by Johanna Schopenhauer + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Reise durch England und Schottland + +Author: Johanna Schopenhauer + +Release Date: January 24, 2004 [EBook #10823] + +Language: German + +Character set encoding: ASCII + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND *** + + + + +Produced by Tina Gr"we + + + + + + +Reise durch England und Schottland + +Johanna Schopenhauer + + + +ENGLAND + +VORLAeUFIGE BEMERKUNGEN UeBER ENGLAND + + + + +Es ist eigentlich recht erfreulich, in diesem Lande zu reisen. +Die schoensten Landschaftsgemaelden aehnlichen Parks, die Gaerten, +die zweckmaessige Einrichtung der Haeuser, der raffinierte Luxus, +die Nettigkeit der Ordnung ueberall, die selbst in dem unbedeutendsten +Hausgeraete sich zeigende Eleganz und Bequemlichkeit, machen +Einen frohen Eindruck auf den Besuchenden. Man wuenscht sich alle +diese Dinge nicht, weil man ihrer nicht gewohnt ist, oft nicht +einmal ihren Gebrauch kennt; aber man bekommt ein Gefuehl von heiterem +Lebensgenusse. Nur den Wunsch, sich der Kunstwerke recht zu erfreuen, +sie zu studieren, vielleicht etwas zu kopieren, muss man nicht +aufkommen lassen; denn seine Erfuellung ist in diesem Lande mit +so vielen Schwierigkeiten umgeben, dass sie fast undenkbar wird. + +Von den Schoenheiten des Landes und der Wege, von den bequemen +Gasthoefen, die man auch in den abgelegensten Gegenden findet und +in welchen man nur einen wohlgefuellten Beutel braucht, um gleich +so gut und vielleicht besser als zu Hause zu sein, von der trefflichen +Einrichtung des Postwesens ist ueberall viel gesagt und geschrieben, +und dennoch nicht zu viel, um dieses in seiner Art vollkommenste +Ganze gehoerig zu loben. + +Fuer jetzt wollen wir uns aber darauf beschraenken, eine allgemeine +Idee eines englischen grossen Landhauses mit seinen Umgebungen +aufzustellen und alsdann versuchen zu beschreiben, was wir auf +einer Reise von London durch das noerdliche England nach Schottland +zu sehen Gelegenheit hatten. + + +Ein englischer Park ist von dem, was man sich in Deutschland unter +diesem Namen denkt, merklich verschieden. Er umfasst die das Wohnhaus +oder Schloss zunaechst umgebenden, eigentlich zu demselben gehoerigen +Laendereien und ist gewoehnlich von ziemlichen Umfange. Aecker und Wiesen, +mit lebendigen Hecken zierlich eingefasst, durchschnitten von +wohlgehaltenen Kieswegen zum Gehen und Fahren, liegen in seinem Bezirk, +sowie auch einzelne Wirtschaftsgebaeude von gefaelliger, aber doch +ihre Bestimmung andeutender Form. Ueberall hat man nach malerischen +Effekten gestrebt, und die sanften Anhoehen und Vertiefungen dieses +Landes erleichtern dieses Streben; aber immer ist das Nuetzliche +mit dem Schoenen vereint. + +Der hoechste Schmuck dieses Parks sind die ueppige Vegetation der +wohlbestellten Aecker, die unvergleichlich schoenen gruenen Wiesen und +die praechtigen Baeume, groesstenteils Eichen und Buchen, welche ueberall +in Gruppen verteilt stehen. In England haben die Baeume das Eigne, +dass sie mehr als in anderen Laendern gleich von der Wurzel an ausschlagen +und kleinere Zweige treiben. Enge, durch dichte Schatten und Gebuesche +sich hinschlaengelnde Gaenge findet man in keinem Parke; auch Gehoelze +sind, wie ueberall in England, selten. Man koennte sagen, es fehle +Schatten, wenn nicht gerade in diesem Lande, wo bei sehr milder Luft +dennoch die Sonne selten recht heiss und hell scheint, der Schatten +entbehrlicher waere als anderswo. Die Kioske, Tempel, Einsiedeleien +unserer Parks fehlen dort ebenfalls; alle diese zur Zierde dienenden +Gebaeude sind in die vom Park ganz verschiedenen, das Haus naeher +umgebenden Anlagen, in die sogenannten Pleasure-Grounds verwiesen. +Nur in sehr grossen Parks, wie die von Blenheim oder Stowe, steht +hier und da ein Obelisk, eine Pyramide oder ein Turm, um vom Schloss +aus eine Ansicht zu gewaehren. + + +An Wasser darf es nie fehlen. Kuenstliche Wasserfaelle kennt man nicht +Und noch weniger Springbrunnen. Fliesst aber ein kleiner Fluss oder +nur ein betraechtlicher Bach in der Naehe einer solchen Besitzung, +so muss er, wenn auch mit grossen Kosten herbeigefuehrt, sich in +mannigfaltigen Kruemmungen hindurchschlaengeln. Fehlt es an lebendigem +Wasser, so sucht man wenigstens einem stehenden Kanale den Schein +davon zu leihen. Man gibt ihm eine leichte, natuerliche Kruemmung, +verdeckt Anfang und Ende mit ueberhaengendem Gebuesche, wirft schoene +Bruecken darueber und taeuscht so das Auge, oder man verwandelt die Ufer +eines Teichs in die unregelmaessigen Umgebungen eines kleinen Sees. +Ueberall strebt man nach dem Schoenen und flieht das Gesuchte, Steife, +Pretioese. + +Die Staffage vollendet diese lebendige Landschaft. Hunderte von +halbzahmen Hirschen und Rehen weiden beinahe ganz furchtlos auf +den gruensten Wiesen der Welt; mit ihnen die schoensten Pferde, Kuehe +und Ziegen, besonders in der Naehe des Hauses, wo sich die Wiesen +rings umher wie ein Teppich auf das herrlichste ausbreiten. Die schoenen +Gestalten dieser Tiere, ihre leichten freien Bewegungen, ihr Wohlsein +geben dem Ganzen einen unbeschreiblichen Reiz. + +Immer liegt das Wohnhaus auf einer sanften Anhoehe, alle Baeume sind +aus seiner naechsten Naehe verbannt, damit Licht, Luft und Sonne +kein Hindernis finden. Dennoch ist es nicht heiss in den Zimmern, +teils weil es ueberhaupt in England nicht heiss ist, teils wegen +der wenigen Fenster, die aber so verstaendig angebracht sind, +dass jeder Teil des Gebaeudes sein hinlaengliches Licht hat. + +Die aeussere Ansicht der englischen Landhaeuser ist aus unzaehligen +Kupferstichen bekannt genug. Selten herrscht ein ganz reiner Geschmack +darin, oft sind sie mit Verzierungen ueberladen. Die Hauptfassade ist +gewoehnlich mit Saeulen geziert. Sind gleich die Verhaeltnisse derselben +nicht immer die richtigsten, scheinen sie oft muessig dazustehen, so +gewaehren sie doch immer ein angenehmes, schattiges Plaetzchen vor +dem Hause, von welchem man recht behaglich ins Freie ueber den gruenen +Wiesenplan hinaussieht. Unter und vor diesen Saeulen stehen unzaehlbare +fremde Gestraeuche und Blumen in Vasen, teils auf schoenen Gestellen +uebereinander getuermt, teils auf den Stufen des Eingang und den Gelaendern +zierlich geordnet. Der Luxus, den man mit diesen Pflanzen treibt, +ist unglaublich. Taeglich muessen die verbluehten hinweggeschafft und +andere an ihre Stelle gesetzt werden. + +Hoechst reizend ist der Anblick dieser Shrubberies. Florens Schaetze +werden aus allen Laendern der Welt hierher gezaubert. Doch auch ueber +diese schoensten Kinder der Natur herrscht in England das eiserne Zepter +der Mode. In der Zeit, aus welcher diese Beschreibung stammt, hatte +sie gerade die Eriken oder Heidekraeuter ihrer besonderen Huld gewuerdigt. +Man gab wohl fuenfzig und mehr Guineen fuer so ein geruch-, oft +farbenloses Kraut hin, wenn es nur aus einem recht entfernten Winkel +der Erde herstammte. Grosse Orangerien sind in England, ausser in den +koeniglichen Gaerten, selten anzutreffen. + +Die innere Einrichtung der Haeuser richtet sich hier, wie ueberall, +nach dem Reichtum und Geschmacke des Erbauers, des Bewohners und des +Zeitalters, in welchem sie entstand. Die meisten haben grosse, +vollkommen erleuchtete und hohe Souterrains, in welchen sich die Kueche, +die Gewoelbe zur Bewahrung der Vorraete nebst den Bedientenzimmern befinden. +Letztere sind durchaus gut moebliert, ja die der Haushaelterin und des +Haushofmeisters (in England Butler genannt) sogar elegant, huebsch +tapeziert, mit Mahagonimoebeln und guten Fussteppichen. Auch bei den +Bedienten wird die englische Sitte beobachtet, dass sie ausser ihren +Schlafzimmern noch Wohnzimmer und Speisezimmer haben. + +Aus dem Garten tritt man gewoehnlich zuerst in eine grosse, hohe, +oefters von oben beleuchtete Halle, die mit Gemaelden oder Statuen, +Basreliefs oder Vasen geziert ist. Zu beiden Seiten liegen die +verschiedenen Putz- und Wohnzimmer; ein langes Zimmer enthaelt die +Bibliothek, deren schoene Schraenke und zierliche Einbaende sie zu +einem der elegantesten Zimmer des Schlosses machen. In vielen Haeusern +ist es Sitte, dass die Familie sich zum Fruehstueck darin versammelt. +Sonst gibt es noch Fruehstueckszimmer, Arbeitszimmer, Musikzimmer, +Gesellschaftszimmer, (Drawingrooms), Wohnzimmer (Parlours), +Speisezimmer, Spielzimmer in Menge, doch selten von ausgezeichneter +Groesse. Ueberall einfache Pracht, Fussboeden, Treppen und Vorplaetze +mit schoenen Teppichen belegt. + +In vielen Haeusern wechselt man im Sommer die warmen Winterteppiche +mit kuehlen, von gemalter Wachsleinwand, welche von betraechtlicher +Dicke eigens dazu fabriziert wird. Mahagoniholz sieht man meistens +nur an Treppengelaendern, grossen Esstischen, Bettstellen; die Moebel +in den herrschaftlichen Zimmern sind von fremden koestlicheren oder +kunstreich lackierten Hoelzern. + +Man findet es buergerlich, unmodisch, laecherlich, die Moebel an den +Waenden hinzustellen, wie es in Deutschland gebraeuchlich ist; in den +Wohn- und Gesellschaftszimmern stehen alle in einem grossen Kreis +umher, so dass noch ein betraechtlicher Raum zum Spazieren zwischen +den Stuehlen, Sofas, Tischen und den Waenden uebrig bleibt. Die +Schreibtische sowohl als die Pianofortes sind immer mitten im Zimmer, +wo eben das Licht am guenstigsten faellt und man nicht von der Hitze +nahe am Kamin oder vom Zug nahe am Fenster leidet. Noch muessen wir +der Kamine gedenken, die, kuenstlich in Marmor gearbeitet oder mit +brillantiertem Stahl geschmueckt, eine der groessten Zierden der Zimmer +ausmachen. Schoene Vasen und praechtige Kandelaber prangen auf ihren +Gesimsen. Der zweite Stock enthaelt die Schlafzimmer, welche indessen +den Fremden nur selten gezeigt werden. Diese, besonders die der +Damen, sind ein Heiligtum, in welches kein sterbliches Auge dringen +darf. Oft hoerten wir Englaenderinnen mit wahrem Grausen von der Sitte +der Franzoesinnen sprechen, welche gerade ihre Schlafzimmer zum +Besuchszimmer vorzugsweise erwaehlen. + +So viel von der inneren Einrichtung der englischen Villen im allgemeinen. +Kehren wir jetzt zurueck zu den naechsten aeusseren Umgebungen derselben. + +Die Obst- und Gemuesegaerten, die Treibhaeuser liegen mit allen zur +inneren Oekonomie gehoerigen Gebaeuden ganz nahe am herrschaftlichen +Hause, werden aber durch mancherlei Vorkehrungen dem Auge entzogen. +Diese Bezirke sind es, was der Englaender eigentlich Gaerten (Gardens) +nennt. Der zur Fusspromenade bestimmte Teil der Besitzung heisst +Pleasure-Ground und liegt ganz nahe am Hause. Hier trifft man +Aehnlichkeit mit den deutschen Parks: Gaenge, die sich bald durch +dichte Schatten, bald mehr im Freien hinschlaengeln, Tempel, Saeulen, +Denkmaeler, Ruheplaetze und den ganzen architektonischen Reichtum +der neueren Gartenkunst. Alle Gebaeude sind von Stein, alle Gelaender +und Tueren von schoenem eisernen Gitterwerk. Hier bluehen und gruenen +die vielen einheimischen Gestraeuche, Baeume und Blumen neben den +aus fremden Laendern heruebergebrachten, die stark genug sind, +den Winter im Freien zu ertragen. + +Viele Pflanzen, die wir in Deutschland sorgfaeltig vor der Kaelte +schuetzen muessen, halten den durch Seeluft gemilderten englischen +Winter aus, zum Beispiel der Laurus Tinus, da Heliotropium und der +Jasmin (Jasminum officinale). Die beiden letzteren haben wir oft in +einer Hoehe von sechs bis acht Fuss sich an den Mauern hinziehen sehen. + +Obstbaeume aller art werden aus diesen Anlagen verbannt. Die verstaendige +Weise, mit welcher alle Baeume mit Hinsicht auf Hoehe, Wuchs und die +dunklere oder hellere Farbe ihres Laubes geordnet sind, gibt dem +Ganzen einen Zauber, den man fuehlt, ohne sich ihn gleich erklaeren +zu koennen. Alles ist zur schoensten befriedigenden Einheit gebracht. +Das Auge wird sogar in Hinsicht der Entfernung eines Gegenstandes +oft getaeuscht. Die englischen Gaertner sind wahre Landschaftsmaler +im Grossen, ja wir moechten sie fast fuer die einzigen eigentlichen +Kuenstler der Nation erklaeren. Jeden Vorteil, den Optik und die Regeln +der Perspektive ihnen darbieten, wissen sie gar gut zu benutzen, +ohne doch ins Kleinliche zu fallen. Mit den Nadelhoelzern aller Art, +den verschiedenen, uns zum Teil in Deutschland unbekannten, +immergruenen Stauden und Straeuchern, deren einige sogar bisweilen +im Dezember bluehen, werden sehr schoene Effekte hervorgebracht. +Gewoehnlich sieht man davon in der Naehe des Hauses eine Art Wintergarten +an einem sonnigen Platz angelegt, in welchem man sich bei winterlichem +Sonnenschein ergehen und, von allen Seiten durch das Gruen getaeuscht, +in den Fruehling hineintraeumen kann. Solche Anstalten sind auf jener Insel +notwendiger als bei uns: denn derselbe wunderliche Geist, +der die Einwohner dieses Landes die nacht zum Tage umzuschaffen bewog, +verwirrte auch den Lauf der Jahreszeiten. Der Winter herrscht in Hinsicht +auf Kleidung und Vergnuegen bis ueber die Mitte des Junius hinaus. +Dann faengt der Fruehling erst an, und so muss der Sommer und mit ihm +der Aufenthalt auf dem Lande, welcher in der Regel erst im August +und noch spaeter beginnt, bis nach Weihnachten verlaengert werden, +damit jedem neben dem Unrecht auch sein Recht geschehe. + +Der Haupteingang zum Park, ein oft sehr praechtiges Tor, hat zu beiden +Seiten zwei kleine Gebaeude, die Wohnung des Tuerhueters und seiner +Familie, bei welchem sich jeder Einlassbegehrende vermittelst einer +Glocke meldet. Dieses Tor mit seinen Gebaeuden, the Lodge genannt, +ist eine Hauptzierde des Parks. Die beiden Pavillons sind bald im +gotischen Geschmacke, bald im aegyptischen; sie stellen Tuerme, +griechische Tempel oder auch nur artige, moderne Gartenhaeuschen vor, +je nachdem der Geschmack des Erbauers war. Immer hat der Tuerhueter +eine freundliche, artige Wohnung darin, mit Kueche und Keller und +allem, wessen er bedarf, wohl versehen, und manche angesehene Familie +in Deutschland wuerde zufrieden sein, einen solchen Sommeraufenthalt +zu besitzen. + + + +Woburn-Abbey + + +[Fussnote: Johanna trat die Reise nach laengerem Aufenthalt in London +mit ihrem Gatten am 30. Juni oder 31. Juli 1803 an] + +Dieser Landsitz, der erste, welchen wir besuchten, ist das Eigentum +des Herzogs von Bedford, des reichsten Particuliers und zugleich des +groessten Oekonomen in England. Sein Bruder, der Oekonomie mit noch +groesserem Eifer ergeben, starb vor wenigen Jahren, sechsunddreissig +Jahre alt, und hinterliess dem jetzigen Besitzer, welcher sich dem +geistlichen Stande gewidmet hatte, das grosse Vermoegen. + +Woburn liegt eine Tagesreise von London entfernt. Das erste, was man +uns hier zeigt, waren natuerlicherweise die Wirtschaftsgebaeude, vor +allem die Viehstaelle: denn der Herzog, wie seine Vorgaenger, beschaeftigt +sich hauptsaechlich mit diesem Zweige der Landwirtschaft. Auch machen +die vierbeinigen Eleven aller Art ihrem Erzieher Freude und Ehre. +Sie tragen bei den in England gewoehnlichen Preisbewerbungen in Hinsicht +der Groesse, Schoenheit und des Gedeihens gewoehnlich ueber alle anderen +Mitbewerber den Preis davon. Dafuer wird auch alles getan, um ihr +Andenken nach ihrem leider fast immer gewaltsamen Tode zu verewigen. +Im Schloss wimmelt es von gemalten oder in Stein gehauenen aehnlichen +Bildnissen der wohlgeratensten unter ihnen. Viele davon sind sogar in +Kupfer gestochen, und ihr Portraet prangt in den Londoner Kupferstichlaeden +neben anderen beruehmten Portraets von grossen Gelehrten oder Ministern. + +So wenig wir auch vom Landhaus verstehen mochten, so war es uns doch +unmoeglich, die Ordnung ueberall und die zweckmaessigen Einrichtungen +ohne Vergnuegen und Bewunderung zu sehen. Man zeigte uns viele in +diesem Lande der Industrie erfundenen Maschinen, um die laendliche +Arbeit zu vereinfachen, zu erleichtern und eintraeglicher zu machen. +Zum Beispiel eine Dreschmaschine; eine andere um das Getreide +abzuschaelen, damit kein Mehl in den Kleien verlorengehe; noch eine, +womit man in der Muehle vier Sorten Mehl mit einem Mal durchbeutelt, +und noch manches andere von dieser Art. + +In den Viehstaellen herrscht eine unglaubliche Reinlichkeit, besonders +da, wo wir sie am wenigstens vermuten konnten, im Schweinestalle. +Die Bewohner dieses Orts hatten aber auch ein so gesegnetes Gedeihen, +waren so gross und von der Last ihres Fettes so niedergedrueckt, dass sie +uns voellig lebensmuede erschienen. Noch zeigte man uns verschiedene +ihrer Schoenheit wegen beruehmte Stiere und einige indianische Kuehe. +Letztere haben einen geraderen Ruecken und einen kleineren Kopf, uebrigens +sehen sie wie andere Kuehe aus. + +Der Park mit seinen herrlichen Wiesen und den ehrwuerdigen Baeumen ist +von pittoresker Schoenheit. Herden zahmer Hirsche und Rehe grasten darin +umher, zu achtzig Stueck und mehrere zusammen, mitten unter ihnen die +schoensten, groessten Schafe, einige asiatische mit dicken Fettschwaenzen. +Die furchtlose Ruhe dieser Tiere von so verschiedenen Gattungen +erfreute uns jedes Mal, so oft wir den lieblichen Anblick auch sahen; +sie fuehrte ein Bild der schoenen goldenen Zeit vor die Seele. + +Das an sich grosse Schloss zeichnet sich vor andren weder durch besondere +Pracht noch grosse Schoenheit aus. Es ist zu neu, um ehrwuerdig, zu alt, +um elegant zu erscheinen. Nur montags steht es Fremden offen; fuer uns +traf es sich diesmal sehr gluecklich. Wir durchliefen eine Menge Zimmer +voll Gemaelden, groesstenteils Portraets. Sechs grosse wunderschoene +van Dycks, ganze Gestalten in Lebensgroesse, fielen uns besonders auf. +Dann auch das Portraet des ungluecklichen Grafen Essex, ebenfalls in +Lebensgroesse. Er hatte eine schlaue, hoechst bedeutende Physiognomie +und einen ganz roten Bart. Ihm gegenueber haengt das Portraet der Koenigin +Elisabeth, im geschmacklosesten, uebertriebensten Putz, ohne allen +weiblichen Reiz. Der historischen Gemaelde und Landschaften, groesstenteils +aus der niederlaendischen Schule, sind eine grosse Anzahl, und darunter +gewiss Stuecke von hohem Werte. Auch eine sehr elegante Bibliothek +befindet sich im Schlosse. + +Das Orangeriehaus ist einfach praechtig. Acht grosse Marmorsaeulen tragen +in der Mitte desselben eine von oben erleuchtete Kuppel und umgeben +eine grosse, mit Basreliefs geschmueckte antike Marmorvase, ueber die man +ein ganzes Buch schreiben koennte und an der wir fluechtig voruebereilen +mussten. + +Zu beiden Seiten der Orangerie ist eine oben bedeckte Promenade +angebracht: sie bildet einen halben Kreis und dient zum Spazierengehen +bei schlechtem Wetter und im Winter. Geissblatt, Rosen, echter Jasmin, +Heliotrop und viele andere aehnliche Gewaechse umranken die Pfeiler und +die auf ihnen ruhenden Bogen, welche die Bedachung tragen; unzaehlige +seltene und schoene Blumen und Gewaechse stehen in Vasen, der Promenade +entlang. + +Ganz in der Naehe ist das Reithaus, ein anderes Haus zum Ballschlagen +und eine Art von Pracht-Milchkammer, mit Fenstern von gemaltem Glase. +Alle zur Milcherei gehoerigen Gefaesse sind darin von seltenem japanischen +und chinesischen Porzellan--Die eigentlichen Spaziergaenge fanden wir, +im Vergleich mit den uebrigen, weder gross noch praechtig, aber +geschmackvoll angelegt. + + + +Stowe's Garden + +Landsitz des Marquis von Buckingham + + +Diese Gaerten werden mit Recht fuer die schoensten und praechtigsten in +England gehalten und liegen in nicht gar grosser Entfernung von Woburn. +Wir erreichten sie noch denselben Abend, nachdem wir nachmittags +Woburn verlassen hatten, und fanden in dem dicht daneben liegenden +Gasthofe sehr gute Bedienung. + +Stowe's Garden enthaelt einen Reichtum von Tempeln, Obelisken, Saeulen, +Pavillons aller Art. In jedem beschraenkteren Platze ist freilich +weise Sparsamkeit mit solchen Verzierungen nicht genug zu empfehlen; +aber hier in diesem grossen Raume faellt die Anzahl der Gebaeude nur auf, +weil man jedesmal die glueckliche Wahl bewundern muss, mit der sie +angebracht sind, und zugleich den Reichtum, der die Mittel darbot, +auf eine so kostbare Weise eines der natuerlich schoensten Plaetzchen +der Erde noch zu verschoenern. Unmoeglich ist's, diese Gaerten durch blosse +Worte darzustellen, man muss sie gesehen haben, um sie sich denken +zu koennen. Sie bilden die schoenste, lieblichste Landschaft, die nur +eine Dichter-Phantasie erfinden konnte. Auch wandelt man hier auf +klassischem Boden. Lord Cobham, dem sie hauptsaechlich ihre Verschoenerung +verdanken, lebte hier in der glaenzendsten Zeit der englischen Literatur. +Die besten Koepfe Britanniens waren seine Freunde und teilten in diesem +reizenden Aufenthalte frohe Tage mit ihm. + +Auch ist alles getan worden, um hier das Andenken jenes seltenen Vereins +zu erhalten. In einem der Freundschaft gewidmeten Tempel stehen +Cobhams und seiner Freunde Buesten in Marmor, eine Art halboffener +Rotunde enthaelt die Buesten merkwuerdiger Menschen, die zu verschiedenen +Zeiten sich um das Vaterland verdient gemacht haben. Koenig Alfred, +Koenigin Elisabeth, Pope, Newton, Franz Drake und mehrere andere, +durch Jahrhunderte voneinander getrennt, sieht man hier, wo nur das +allen gemeinsame Streben gilt, in geschwisterlichem Vereine. + +Eine hohe Saeule, welche Lord Cobham zu erbauen anfing, ist von seinem +Nachfolger Lord Temple vollendet und seinem Andenken gewidmet. Sie ist +inwendig hohl und enthaelt eine hundertsiebzig Stufen hohe Wendeltreppe. +Man geniesst oben einer vortrefflichen Aussicht nach Oxford zu. +Eine andere Saeule steht hier zum Andenken des General Wolf; eine +kleinere, mit einem Globus verziert, zu Ehren des Weltumseglers +Kapitaen Cook. + +Noch muessen wir eines gotischen Tempels gedenken, mit Fenstern von +gefaerbtem Glase, durch welche die Gegend umher sich wunderbar ausnimmt. +Diese Anlagen sind reich an schoenen alten Baeumen, besonders Eichen und +Zypressen; ein ungeheuer grosser Taxusbaum zeichnet sich besonders aus. +Schattige Gaenge ziehen sich um einen kleinen See. Einige natuerliche +Wasserfaelle, schoene malerische Bruecken, alles ist hier vereint, was +einen solchen Platz nur zu verschoenern vermag. + +Das Haus besteht aus einem zwei Stock hohen Hauptgebaeude und zwei +Fluegeln von einem Stock. Unter einer von Marmorsaeulen getragenen, +weit vorspringenden Attika bluehen die seltensten Pflanzen in Blumentoepfen. +Von hier tritt man in die praechtige, durch eine Kuppel von oben +erleuchtete Halle. Am Friese ist ein roemischer Triumphzug in Marmor +abgebildet. Marmorsaeulen zieren ringsumher diese Halle; zwischen ihnen +stehen marmorne Statuen. + +Aus der Halle tritt man in einen kleineren, mit antiken Buesten verzierten +Saal, in dessen Mitte ein schoener Apoll aufgestellt ist. Diese Statue +sowohl als der groesste Teil der in der Halle befindlichen, sind Antiken. + +Die nicht ganz modern dekorierten Zimmer enthalten einen Reichtum +an Gemaelden, meist Niederlaendern, namentlich Rembrandts, unter anderem +das eigene Portraet dieses Meisters, dessen Arbeiten in England besonders +hochgeschaetzt werden. Ein Kabinett voller Portraets, groesstenteils aus +dem merkwuerdigen Kreise, den Lord Cobham hier um sich versammelte, +ist sehr sehenswert. Hier findet man Pope, Swift, Steele, Addison, +der ein hoechst gutmuetiges Gesicht hat, und viele andere; auch ein +Originalportraet der ungluecklichen Maria Stuart. Sie ist in wunderlicher +Kleidung mit einem sehr hohen Halskragen dargestellt und erscheint +weit weniger schoen, als man sie sich zu denken gewohnt ist; doch mag +auch wohl die nicht ausserordentliche Kunst des Malers daran schuld sein. + +Lady Buckingham und ihre Tochter beschaeftigen sich auch mit der Malerei. +Die Mutter malt in Oel, die Tochter Pastell; sie haben ein ganzes Zimmer +mit ihren Arbeiten dekoriert, von denen sich uebrigens nichts weiter +sagen laesst, als dass es von solchen Damen doch lobenswert ist, wenn +sie ihre Zeit auf diese Weise hinzubringen suchen. + +Wir fuhren denselben Abend, an welchem wir uns in Stowe umgesehen +hatten, nach Woodstock, einem Staedtchen, das auf vielfache Weise bekannt +ist. Das praechtige Schloss Blenheim, welches die Koenigin Anna ihrem +Lieblinge, dem Herzog von Marlborough [Fussnote: John Churchill +(1650-1722), Staatsmann und Feldherr, gewann vor allem durch den Einfluss +seiner Frau Sarah auf die Koenigin Anna, die letzte Herrscherin aus dem +Hause Stuart (1702-14), hoechste politische Macht.], zum Dank fuer seine +erfochtenen Siege schenkte und nach einem der glaenzendsten benannte, +liegt ganz nahe daran. Auch werden hier die vorzueglichsten, in ganz +England beliebten Stahlarbeiten nicht fabrikmaessig, sondern von einzelnen +Arbeitern in ihren Haeusern verfertigt. Wir besuchten einen der +geschicktesten, um einiges von ihm zu kaufen. Wie ein Maler, der sein +Lieblingsbild mit Gold weggeben muss, so betrachtete der gute Alte seine +besten Scheren und Messer mit wahrem Kuenstlerschmerz, ehe er sie uns +uebergab und ermahnte uns noch beim Schneiden, sie ja gut zu bewahren und +zweimal des Tages mit Wolle abzureiben: denn ihm schienen sie das +Wichtigste, was uns beschaeftigen koennte. + +In historischer Hinsicht ist Woodstock besonders merkwuerdig. Auf einer +Wiese, die jetzt zum Park von Blenheim gezogen ist, stand einst ein +Landhaus, in welchem die Koenigin Elisabeth in ihrer Jugend erzogen, ja +gleichsam gefangen gehalten ward. Sie konnte damals nicht hoffen, dass +ihre Ansprueche an die Krone von England einst geltend werden wuerden; +und eben diese Ansprueche, die sie gewiss oft in jenen Zeiten bitter +beweinte, waren es, die ihr Freiheit, Umgang mit Menschen und jede +Jugendfreude raubten. Hier erwarb sie sich alle die Kenntnisse, die +Festigkeit, Klugheit, welche sie spaeterhin zur weisen, gluecklichen +Regentin machten. Wie war es aber moeglich, dass diese fruehere Erfahrung +des Ungluecks, diese Einsamkeit, diese Bekanntschaft mit allen Guten +und Grossen, was weise Maenner vor ihrer Zeit dachten und schrieben, +sie nur klug, nicht auch gut machten? Sie, die einst auch gefangen +war, wie konnte sie ihre unglueckliche Schwester Leiden fuehlen lassen, +welche sie selbst nur zu gut aus Erfahrung kannte und sie zuletzt +dem fuerchterlichen Tode auf dem Blutgeruest weihen! Die Nachwelt ist +gerecht. Jeder Englaender spricht noch jetzt von Elisabeth, dem Weibe, +und der Name der ungluecklichen Maria wird noch ueberall mit Liebe und +Mitleid genannt. Die Fehler der Stuart sind vergessen, aber ihr Unglueck +und ihre Liebenswuerdigkeit lebt noch in allen Herzen. + + + +Blenheim + + +Als wir uns in Woodstock morgens frueh anschickten, nach unserer +Gewohnheit vor's erste den Park zu durchwandern, sahen wir mit +Erstaunen, dass ein himmelhoher Phaeton [Fussnote: leichter, eleganter +Wagen], mit zweien ziemlich unbaendig scheinenden Schimmeln bespannt, +unser vor der Tuer des Gasthofes harrte. Die Wirtin versicherte uns +mit der in solchen Faellen gebraeuchlichen Eloquenz, es waere geradezu +unmoeglich den Park zu Fusse zu sehen. Wir fuegten uns also +ihrer Einrichtung, bestiegen das so gefaehrlich aussehende Fuhrwerk +und hatten alle Ursache, mit diesem Entschlusse zufrieden zu sein. +Der Park ist so gross, dass kaum anderthalb Stunden zu der Fahrt +hinreichten. Die Schimmel waren weniger unbaendig, als sie zuerst +schienen, und die grosse Hoehe des jetzt aus der Mode gekommenen +ganz unbedeckten Fuhrwerks erleichterte gar sehr das Umsehen +nach allen Seiten und den Genuss der verschiedenen sich darbietenden +Aussichten. + +Uebrigens wird Blenheim auf eine noch umstaendlichere und dadurch auch +kostspieligere Weise gezeigt, als es bei anderen Landsitzen gebraeuchlich +ist. Der Geist der stolzen Frau ihrer Zeit, der Lady Sarah, Marlboroughs +Gemahlin, scheint noch jetzt auf die in ihrem ehemaligen Wohnsitze +uebliche Etikette Einfluss zu haben. + +Ein grosses, praechtiges Tor mit zwei Nebengebaeuden, die Wohnung des +Tuerwaerters, dient dem Park zum Haupteingange; eine Inschrift auf einer +darueber angebrachten Marmorplatte belehrte uns, dass Lady Sarah diese +Art von Triumphbogen ihrem verstorbenen Gemahl zu Ehren erbaute. Der +Tuerhueter empfing uns mit einer wahrscheinlich fuer diesen Zweck ein +fuer allemal auswendig gelernten Anrede, ging ganz ernsthaft etwa +fuenfzig Schritte neben dem Wagen her, dann liess er ihn halten. +"Dies ist die erste Aussicht", rief er uns zu; "da drueben sehen Sie +ein Wasser mit einer schoenen geraden Bruecke; daneben rechts steht +ein hoher Obelisk, des Herzogs taten, die Schlachten, die er schlug +und gewann, sind daran zu lesen; seine Statue steht auf der Spitze +des Obelisks und ist zehn Fuss hoch, so klein sie auch von hier aus +erscheint." So ging es eine feine Weile; uns ward langweilig zu Mute: +denn alles, was wir spaeter in der Naehe sehen sollten, ward hier von +weitem gezeigt, ohne dass man uns Zeit gelassen haette, der wirklich +mannigfaltigen und lieblichen Aussicht uns zu erfreuen. Dennoch war +es unmoeglich, dem Strome dieser eingeuebten Rede Einhalt zu tun. + +Endlich waren wir an dem Orte, wo der laestige Redner, nach der +hergebrachten Regel dieses Hauses, von uns scheiden musste. Er uebergab +uns einem Foerster, der uns zu Pferde begleitet, legte uns noch zum +Beschluss, trotz der herzoeglichen Livree, die er trug, den endlichen +Zweck aller seiner Redekunst, besonders an's Herz und schied, nachdem +er ihn erreicht hatte. Sein Nachfolger war zum Glueck weniger beredt; +bescheidentlich ritt er neben uns her und sprach nur, wo es notwendig war. + +Der Park ist einer der schoensten in England. Sanfte Anhoehen, liebliche +Taeler in freundlicher Abwechslung, bedeckt mit dem schoensten Grase, +werden von vielen hundert Rehen und Damhirschen belebt. Mehrere +schoene steinerne Bruecken fuehren ueber einen Kanal, welchem man sehr +taeuschend das Ansehen eines sanft sich hinwindenden Stroms zu geben +wusste. Einige zerstreut liegende Tempel und andere Gebaeude, der Obelisk +mit der Statue des grossen Marlborough und unzaehlige alte herrliche Baeume +gaben ihm einen unbeschreiblichen Reiz. Ueberall sind mannigfaltige +Aussichten auf das Schloss, das Wasser, die Bruecken, die Gebaeude mit +Auswahl und bescheiden sich verhuellter Kunst veranlasst. Nachdem wir +alles gehoerig bewundert und uns auch mit dem Foerster abgefunden hatten, +uebergab uns dieser dem Gaertner, welcher uns in den das Schloss in der +Naehe umgebenden, zum Spazierengehen bestimmten Anlagen herumfuehrte. +Auch diese sind sehr reizend und lieblich, aber bei weitem nicht so +praechtig als die von Stowe. Ihre zierliche Einfachheit muss zwar gefallen, +doch duenkte uns, sie wuerde sich besser zu jenem kleineren, in +prunkloserem Stil erbauten Schlosse schicken, und dagegen die mit so +viel Reichtum ausgestatteten Gaerten von Stowe zum Prachtpalaste von +Blenheim. Eine wasserreiche, immer laufende Kaskade, ein lieblicher +Weg um einen kleinen See herum und viele vorzueglich grosse, schoene +Baeume bilden hier die schoensten Partien. + +Als wir des nachmittags hingingen, das Schloss zu sehen, wurden wir +am Eingange des zweiten Hofes von einer alten Frau empfangen, die wir +anfangs fuer die Haushaelterin hielten, welche uns, wie das in England +gebraeuchlich ist, die Zimmer zeigen sollte. Sie machte, wie alle +Englaenderinnen der unteren Klasse, einen kleinen wunderlichen Knicks +bei jedem Worte, das wir zu ihr sprachen, und fuehrte uns mit grosser +Redseligkeit bis an das Schloss. Hier nahm sie wieder mit unzaehligen +Knicksen Abschied und belehrte uns, ihr Amt waere, die hohen Herrschaften +(the Quality nannte sie es) mit gebuehrendem Respekt zu empfangen und +dahin zu sehen, dass sie, wie es sich gehoere, ueber den Hof begleitet +wuerden. Wir gaben ihr lachen ein paar Schilling und das Zeugnis, +dass sie ihrem Amte trefflich vorstehe, und so schieden wir mit +wechselseitiger Zufriedenheit voneinander. + +Das Schloss ist ein durch seine Groesse imponierendes Gebaeude; uebrigens +schwer, bunt, kraus, mit einer Unzahl von Saeulen, Vasen, Treppen, +Gelaendern und Tuermen verziert oder verunziert. + +Die grosse Halle, in welche man zuerst im Schlosse tritt, ist sehr hoch, +sehr gross und, wie die in Stowe, ebenfalls von oben erleuchtet. Sie +hat einen schoen gemalten Plafond, den marmorne Saeulen unterstuetzen, +schoene, zum Teil antike Statuen stehen ringsumher. Die uebrigen Zimmer +sind von altmodischer Pracht, alles solid und koestlich, wie man es +an diesem Orte erwarten muss. Franzoesische Hautelisse-Tapeten schmuecken +mehrere Saele, alle stellen des grossen Herzogs Siege vor, sind aber +leider sehr verblichen. + +Die Gemaeldesammlung ist sehr gross; eine Magdalena von Tizian und eine +heilige Familie von Leonardo da Vinci, zwei Marattis, Bettelbuben +vorstellend, einige Portraets von van Dyck sind uns bei dem schnellen +Durchfliegen noch einigermassen im Gedaechtnisse geblieben; Raffaele +zeigte man uns wenigstens ein halb Dutzend, von denen dieser grosse Meister +selbst wahrscheinlich nie einen sah. Treffliche Niederlaender sind hier, +verschiedene Gemaelde von Rubens, Bauernstuben voll Leben und Wahrheit +von Ostade, Steen und anderen. Gewaltsam mussten wir uns von diesen, +in engen Banden gehaltenen Schaetzen wegwenden. Ein grosses Gemaelde von +Sir Joshua Reynolds, den jetzigen Herzog und seine Familie vorstellend, +haengt auch hier; aber die Nachbarschaft sowohl als das Kostuem tut +ihm Schaden. + +Noch ein grosser, hoher, von oben erleuchteter Saal, von la Guerre +mit vieler Wahrheit gemalt, duenkt uns des Erwaehnens wert. Der Plafond +stellt den Herzog vor, wie Zeit und Friede ihn in seinem Triumphwagen +aufhalten. Die Waende sind wie eine offene Halle gemalt; rundum laeuft +ein Gelaender, hinter welchem alle europaeischen Nationen mit +charakteristischer Physiognomie und Kleidung in verschiedenen Stellungen +stehen. Die Figuren, etwas ueber Lebensgroesse, uebrigens von taeuschender +Wahrheit, ragen halb ueber das Gelaender vor. + +Die Bibliothek, ein sehr langes schmales Zimmer, soll an siebzigtausend +Baende enthalten. Am Ende derselben steht die marmorne Statue der +Koenigin Anna in voelliger Staatstracht; mit dem Koenigsmantel, dem langen, +ueber einen oben schmalen, unten breiten Reifrock gespannten Kleide, +dem hohen Halskragen und der Krone auf dem Haupte, sieht sie wie eine +grosse Weihnachtspuppe aus; Spitzen und Stickereien aber sind mit +bewundernswuerdigem Fleisse in den harten Stein gearbeitet. Auch in +der Bibliothek haengen viele Portraets; der grosse Herzog und seine Sarah +sind hier abgebildet; sie haelt die herzogliche Krone recht fest und +schaut keck und uebermuetig in die Welt hinein. + +In der Schlosskapelle zeigte man uns das grosse Grabmal, welches Lady Sarah +sich, ihrem Gemahl und ihren zwei Kindern noch bei Lebzeiten setzen liess. +Die Familie ist in Lebensgroesse darauf zu sehen, nebst einem ansehnlichen +Gefolge von Tugenden und Genien. Es ward in London gefertigt und sehr teuer +bezahlt; das ist alles, was wir davon zu sagen wissen; weder der Gedanke +noch die Ausfuehrung zog uns an. + +Des fluechtigen Sehens ueberdruessig, ermuedet von dem Stehen und Gehen +in den vielen grossen Zimmern, eilten wir in unseren Gasthof zurueck +und entsagten einer Sammlung von altem echten japanischen und +chinesischen Porzellan, die man uns als etwas sehr Merkwuerdiges zu zeigen +sich erbot. + + + +Birmingham und Soho + + +Wir reisten jetzt auf Birmingham [Fussnote: heute einer der groessten +Industriestaedte der Welt mit ueber 1 Million Einwohnern, hatte zur Zeit +Johannas etwa 75 000] zu. Die Gegend verschoente sich mit +jeder Meile, Berge wechselten mit lachenden Taelern. Wir mussten +zuweilen die Raeder einhemmen, weil der Weg zu steil bergab fuehrte. +Die Aussichten von der Hoehe sind sehr reizend. In Birmingham selbst +erklommen wir noch einen steilen Berg, der uns lebhaft an den +Hradschin in Prag erinnerte, ehe wir zu dem grossen eleganten Gasthofe +gelangten. Dieser heisst noch immer "Zur Henne mit den Kuechlein", +obgleich der Wirt in unseren, immer vornehmer werdenden Zeiten sich +alle Muehe gibt, ihn zu Lloyd's Hotel umzustempeln. + +Birmingham ist durch seine Fabriken weit und breit beruehmt, ja man +koennte fast behaupten, es gaebe kein Dorf im kultivierten Europa, +vielleicht kein Haus, in welchem nicht irgendein Produkt der Industrie +dieser Stadt zu finden waere, sei es auch nur ein Knopf, eine Nadel +oder ein Bleistift. Die Stadt selbst ist schon durch ihre bergige Lage +nicht schoen; der Rauch der vielen Fabriken und Werkstaetten, die hier +ihr Wesen treiben, gibt ihr ein duesteres, schmutziges Ansehen. +Ueberall hoert man haemmern und pochen, alles laeuft am Tage geschaeftig +hin und wider, niemand hat Zeit, solange die Sonne leuchtet. Dafuer +hallen des abends die Strassen vom Geschrei und von Gesaengen derer wider, +die sich den Tag ueber unter der schweren Last des Lebens abarbeiteten. +In den wenigen Stunden, die sie dem alle Sinne laehmenden Schlafe +des ermuedeten Arbeiters abstehlen koennen, suchen sie in Tavernen +und Spielhaeusern die Freude zu haschen, an die sie den Tag ueber +nicht denken konnten. + +Den Tag nach unserer Ankunft eilten wir, den merkwuerdigsten Punkt +dieser Gegend, Soho, das zwei Meilen von Birmingham gelegene +Etablissement des Herrn Boulton [Fussnote: Matthew (1728-1809) +gruendete mit James Watt die erst Dampfmaschinenfabrik der Welt; +die Fabrikanlagen in Soho gruendete er 1762], zu besuchen. + +Wir finden in ganz England, vielleicht in ganz Europa keinen +glaenzenderen Beweis von dem, was Industrie, Fleiss und anhaltendes +Streben nach einem Ziele vermoegen, als diesen kleinen freundlichen +Fleck. Herzlich freuten wir uns, seinen Schoepfer, den achtzigjaehrigen +Boulton, noch in voelliger Geisteslebendigkeit kennen zu lernen, +obgleich sein Koerper der Krankheit, dem Alter und der unermuedeten +Arbeit laengst unterlag. Wir fanden ihn durch Steinschmerzen voellig +gelaehmt; im Hause liess er sich durch zwei ruestige Bediente herumtragen; +im Freien fuhr er sich selbst in einem der kleinen bequemen Fuhrwerke, +die in England zum Troste der dort so haeufigen Lahmen und Gebrechlichen +erfunden wurden. Alles dies hinderte ihn nicht, uns, die wir ihm +durch einen seiner Freunde empfohlen waren, ueberall selbst hinzubegleiten. +Sein dunkles Auge blitzte von Jugendfeuer, als er uns erzaehlte, +wie er alle die vielen sich ihm entgegenstellenden Schwierigkeiten +mutig bekaempfte und gluecklich ueberwand. Freundlich erklaerte und +zeigte er uns alles. Und als wir in die dortigen Anlagen traten, +die er mit Hilfe einer Dampfmaschine dem unfruchtbaren Sumpfe abgewann, +sprangen uns seine bluehenden Enkel entgegen, spannten sich vor sein +Waegelchen und fuhren den gluecklichen Greis wie im Triumph davon. + +Achthundert Menschen finden in Soho taeglich Arbeit und Brot. +Hier werden englische Kupfermuenzen und auslaendische, fuer die +ostindische Compagnie, fuer Amerika und manche fremde Hoefe gepraegt. +In Deutschland sagt das Geruecht: Boulton lasse auch die vielen +falschen Muenzen fabrizieren, die von England aus Deutschland ueberschwemmen. +Dem ist aber nicht so, er hat an dem gesetzlichen Wege mehr Arbeit, +als er bestreiten kann, und ist zu rechtlich, zu reich, um sich einem +so gefaehrlichen Handwerke zu unterziehen. Vor diesem war das Nachpraegen +fremder Muenzen, wenn nicht erlaubt, doch in England toleriert; +sie wurden wie Rechenpfennige angesehen und in grosser Menge, meistens +auf Bestellung spekulativer Koepfe in Deutschland und anderen Laendern, +ziemlich oeffentlich fabriziert. Seitdem aber der Galgen so gut auf +diesen Zweig der Industrie gesetzt ist wie auf das Nachmachen +englischer Banknoten und Muenzen, wird dieses Geschaeft nur ganz heimlich +betrieben. Es soll indessen in Birmingham an dergleichen Fabriken, +welchen oft eine Knopffabrik zum Aushaengeschild dient, nicht fehlen. + +Ausser der Muenze enthaelt Soho noch eine grosse Fabrik von plattierten +Waren aller Art, eine Glasfabrik und eine von Dampfmaschinen. + +Die erstaunenswuerdigste Erfindung der letzteren, bei dem Reichtum +an Steinkohlen fuer England von unermesslichem Wert, hat Boulton erst +auf den Gipfel von Vollkommenheit gebracht, auf welchem sie jetzt steht. +Er verfertigt Dampfmaschinen fuer ganz Europa und Amerika, laesst aber +diese Fabrik niemanden sehen, weil sich oft Leute bei ihm einschlichen, +die seine Gastfreundschaft missbrauchten und muehsam errungenen Vorteile +ihm abzusehen strebten, waehrend er sie freundlich bei sich aufnahm. +Er sagte uns, wir wuerden es unartig gefunden haben, dass er in allen +Gasthoefen, viele Meilen um Birmingham her, ein Avertissement +anschlagen liess, in welchem er bekanntmachte: dass ohne besondere Empfehlung +an ihn keinem Fremden sein Etablissement gezeigt werden. Durch den +ewigen Zulauf von Fremden, der ihm oder doch einem seiner Associes +alle Zeit raubte und unter seinen Arbeitern ewige Stoerungen veranlasste, +wurde er zu diesem Schritte gezwungen, den er hoechst ungern tat. +"Nichts ist unertraeglicher", sagte er, "als ein Haus zu besitzen, +das eine Sehenswuerdigkeit ist (a rare show) oder gar selbst eine zu sein; +beides war mein Fall, denn jeder, der Soho gesehen hatte, glaubte schon +aus Hoeflichkeit dessen Stifter in Augenschein nehmen zu muessen, +und so wusste ich mir am Ende nicht anders zu helfen, als auf diese +unfreundliche Weise." + +Das Wohnhaus in Soho ist ein huebsches, bequemes und grosses Gebaeude, +ueberall Sauberkeit und Eleganz, nirgends Pracht, nirgends ein Streben, +mit den praechtigen Villen der Grossen des Landes zu wetteifern. Es liegt +sehr angenehm: aus den vorderen Zimmern uebersieht man eine sehr schoene, +reiche Gegend, im Vordergrunde die Stadt; fruchtbare angebaute Huegel +steigen ueber ihr empor. Dicht vor dem Hause liegt ein huebscher Garten +voll Blumen und fremder Pflanzen und hinter dem Hause eine reizende +Promenade, laengs den Ufern eines kleinen Sees, welchen Boulton schuf, +indem er vermittelst der Dampfmaschine die alten Suempfe austrocknete +und das Wasser hier sammelte. In einer Ecke desselben ergiesst sich ein +Wasserfall von einem mit schoenen Blumen und Baeumen gezierten Huegel. +Alles dieses war vor ungefaehr zwanzig Jahren eine oede, sumpfige Heide. + +Die Fabrik von plattierten Sachen erschien uns besonders interessant. +Es ist unmoeglich, schoenere Formen und bessere Politur zu sehen, +als dem Silber hier gegeben wird. Man kann das Plattierte von dem +ganz Silbernen durch's Auge allein nicht unterscheiden, und es gibt auch, +auf die Weise wie hier gearbeitet, dem Silber an Dauer wenig nach. + +Auf ein Stueck Kupfer, etwa eine halbe Elle lang und eine Achtelelle im +Durchmesser, werden Laengen aus zwei Platten von ganz reinem Silber, etwa +den zehnten Teil so dick als Kupfer ist, oben und unten aufgeschmolzen. +Dann wird es durch Walzen, von einer Dampfmaschine getrieben, zu Blech +ausgedehnt, so duenne man es bedarf. Das Silber bleibt dabei immer mit +dem Kupfer im naemlichen Verhaeltnisse. Dieses Blech braucht man zur +Verfertigung der Leuchter, Kannen und allen Silbergeraetes, welches eine +Flaeche bietet; zu den Henkeln, Fuessen und dergleichen nimmt man eine +runde, mit Silber belegte Stange Kupfer, die auf die naemliche Weise, wie +wir oben beschrieben, behandelt wird. Die aeusseren Ecken werden den +Gefaessen von massivem Silber angesetzt; auch sind die meisten +Verzierungen daran ganz Silber. + +Die Glasschleiferei ist ebenfalls merkwuerdig. In einem sehr langen Zimmer +sieht man eine Menge Schleifsteine unaufhoerlich schnell sich drehen. +Eine lange hoelzerne, am Boden horizontal liegende Walze, welche durch +eine unter dem Zimmer sich befindende Dampfmaschine getrieben wird, +setzt sie alle in Bewegung. Mit der groessten anscheinenden Leichtigkeit +schleifen die Arbeiter die schoensten Muster auf die Glaeser mit einer +bewundernswuerdigen Genauigkeit, ohne alle Vorzeichnung, indem sie +dieselben an die wie von Zauberei getriebenen Scheiben halten. +Von hier aus kommen groesstenteils die schoenen Girandolen, Luester, +Trinkglaeser und Prachtvasen, die glaenzendste Zierde grosser Tafeln, +welche wir oft in den, bei naechtlicher Beleuchtung einem Feenschloss +aehnlichen, flimmernden Glaslaeden Londons nicht genug bewundern konnten. +Die letzte Politur wird dem Glase vermittelst einer hoelzernen Scheibe, +statt des Schleifsteins, gegeben. + +Die Muenze arbeitete gerade diesen Tag nicht. Herr Boulton liess aber +einige kleine Geldstuecke praegen, um uns den Mechanismus zu zeigen. +Acht Praegstoecke werden hier ebenfalls von einer Dampfmaschine getrieben; +jeder derselben praegt in einer Minute dreissig bis einhundertzwanzig +Stuecke aus, je nachdem sie groesser oder kleiner sind, und zwar auf +beiden Seiten zugleich. Bei jedem Stempel ist eine hoechst sinnreich +erfundene Maschine angebracht, die mit Blitzesschnelle das eben +gepraegte Stueck fort und ein noch ungepraegtes an dessen Stelle einschiebt. +Alles dieses scheint wie von unsichtbaren Geistern getrieben. +Das Gepraege der Muenzen ist durchgaengig schoen. Sie sind alle vollkommen +rund, von gleicher Groesse und moeglichst gleichem Werte. + +In einem anderen Zimmer werden die Muenzen geschnitten, ehe sie +gepraegt werden; noch in einem anderen nach dem Praegen gereinigt, +indem sie in langen leinenen Saecken hin und her geschwungen werden. +Auch diese Operation wird durch die Dampfmaschine bewerkstelligt. + +Zum Abschiede statteten wir noch der Dampfmaschine selbst einen Besuch +ab. Wir sahen in einem unterirdischen Gewoelbe eine Pumpe durch den Dampf +des darunter in einem verschlossenen, eingemauerten Kessel kochenden +Wassers unaufhoerlich in Bewegung gesetzt. Diese Pumpe trieb einige grosse +Raeder, diese Raeder kommunizierten mit den vielen, in den oberen Zimmern +befindlichen mannigfaltigen Maschinen und brachten alle die Wunder +hervor, die uns oben in Erstaunen gesetzt hatten. Das ist alles, was wir +durch's blosse Anschauen von dieser bewundernswerten Erfindung begriffen. +Das Wasser muss das ganze Jahr im Kochen erhalten werden, damit die +Maschine nie stocke. Herr Boulton versicherte uns, es gehoere weit +weniger Feuerung dazu, als man auf den ersten Augenblick glauben moechte. + + + +Burton und Derby + + +Von Birmingham reisten wir ueber Burton [Fussnote: Burton-upon-Trent, +beruehmte Brauereistadt, die ihre Entstehung den braukundigen Moenchen der +Burton Abbey im 11. Jahrhundert verdankt. Die Guete dieses Bieres wird +auf die Qualitaet des Wasser zurueckgefuehrt] nach Derby. Burton ist ein +freundliches Staedtchen, weltberuehmt durch das Ale [Footnote: helles, +alkoholreiches, stark gehopftes Bier mit bitterem Geschmack und +kraeftigem Schaum], welches nirgends so gut gebraut wird als hier. In +Friedenszeiten gehen jaehrlich grosse Sendungen davon nach ganz Europa, +besonders nach Russland. Auch nach Amerika ward viel davon verschifft. In +England trinkt man es, wenn es einige Jahre gelegen hat, in buergerlichen +Haeusern zum Dessert. Auch ist es dann durch die Zeit so stark, dass es +sich mit jedem Wein an Geist messen kann und den Biergeschmack ganz +verliert. + +Derby ist eine ziemlich grosse, aber nicht schoene Stadt. Sie enthaelt +viele Fabriken, unter anderen eine Seidenspinnerei; am ausgezeichnetsten +ist die Porzellanfabrik. An Feinheit des Tons mag das hiesige Porzellan +wohl dem Meissner und Sevres nachstehen; aber in Hinsicht auf Farben, +Vergoldung und Schoenheit der Form in den verschiedenen Vasen und Geschirren +laesst es nichts zu wuenschen uebrig. Die Figuren von Biskuit bleiben weit +hinter den saechsischen zurueck, sowohl in der Erfindung als der Ausfuehrung. +Auch hier sieht man deutlich, wie der englische Kunstsinn nur das gerade +Nuetzliche und Bequeme hervorzubringen vermag; doch dieses auch in der +hoechsten Vollkommenheit. + +Zum erstenmal in England mussten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten, +und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last +reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen +von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen +sind in England gewoehnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher +achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer +eingekerkert haette, und reisten ab. Die Pferde waren sehr muede: der +Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen; +langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als waeren wir +auf irgendeiner Poststrasse in der Mark. Wir fuerchteten, die armen Tiere +wuerden zuletzt aus Ermuedung ganz stille stehen. Der Regen stroemte heftiger, +und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten +Haelfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen +tuermten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach +durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den +Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die +Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde +scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhaenge hinab und hinauf, +tief unten brausende Waldstroeme liessen uns Abgruende neben dem Wege ahnen. +Das Geklapper der vielen Muehlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen +Raeder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewaesser +ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalkoefen), +alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen. + +Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns +indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise +erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort, +den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die +abenteuerliche, ermuedende Reise machte ihn uns doppelt angenehm. + + + +Badeorte + + +Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer +des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es +erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder +weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode +es gewollt hat. Zu diesen Badeplaetzen sowohl als zu den im Lande +gelegenen mineralischen Quellen fluechtet jeder, der keine eigene Villa +besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande +entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden. + +Bekanntlich ist dann die Stadt (so heisst London vorzugsweise in ganz +England) leer, obgleich die Strassen von Menschen wimmeln und der Fremde +diese angebliche Oede gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom +Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte +Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt, +die Muessigen, die Reichen, die Gluecksritter, alles fluechtet aufs Land +oder ins Bad. Die Seebaeder sind im ganzen die besuchtesten und +luxurioesesten. Die mineralischen Quellen werden oefter von der mittleren +Klasse besucht, welche dort mehr laendliche Freuden als rauschende +Ergoetzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer +besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbruechigen der +warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber faengt dort erst im +Dezember an und waehrt bis zum Fruehjahr. Alle Londoner Freuden sind +alsdann wohlfeiler und nach verjuengtem Massstabe auch in Bath zu finden. +Deshalb eilen die dorthin, welche gern gross und vornehm leben moechten +und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu koennen. Viele +grosse Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Oekonomie +ihren zerruetteten Finanzen wieder aufzuhelfen. + +Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, oefter die Not, +so ausgezeichnet schoen auch die dortige Gegend ist. Man weiss, wie viele +Opfer die Schwindsucht jaehrlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle +wird gewoehnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen +Aerzten angeraten. Dass es wirklich oft der letzte sei, bezeigen +die vielen Denkmaeler auf dem dortigen Gottesacker. + +An allen diesen Plaetzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den +kleinen Baedern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger +zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebraeuchlich ist, aber +dennoch weit weniger so als in Deutschland in aehnlichen Verhaeltnissen. + +In den grossen, von den Vornehmen besuchtesten Baedern herrscht eine +strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden, +hiervon ausfuehrlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und +seinen Umgebungen. + + + +Matlock + + +Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens, +ist dieses liebliche Tal eines der schoensten Plaetzchen Britanniens. + +Sei es immer, dass seine Heilquelle wenig wirksam ist, es braucht ihrer +nicht, um in dieser himmlischen Gegend neue Lebenskraft zu finden. +Auch sahen die fuenfzig oder sechzig Badegaeste, die wir hier fanden, +gar nicht aus, als ob Aeskulap sie mit seinem Schlangenstabe hierher +gebannt haette. Sie schienen sich vor dem wilden, unsteten Treiben +des Lebens hergefluechtet zu haben, um einmal ruhig Atem zu schoepfen +und dann mit frischem Mute wieder an ihr Werk zu gehen. + +Der eigentliche Badeort besteht nur aus drei schoenen grossen Gasthoefen +und zwei Logierhaeusern. Das Dorf Matlock liegt etwa anderthalb Meilen +davon. Es ist unmoeglich, dies reizende Tal durch blosse Beschreibung +anschaulich darzustellen: so still, so heimlich liegt es da, +durchrauscht von der Derwent, umgeben von hohen, kuehnen Felsen, die bald +schroff und nackt gen Himmel starren, oefter noch ihre mit den schoensten +Baeumen gekroenten Gipfel freundlich erheben. + +Wir schifften in einem Nachen auf der Derwent umher, so weit sie befahrbar +ist; freilich nur eine kleine Strecke; denn es ist ein wildes Bergwasser, +voll Faellen und Strudeln. Die Felswaende zogen sich enger zusammen, als +wollten sie uns den Weg versperren; die Straeucher am Ufer bildeten Lauben +ueber den Nachen, und drohend schauten die Felsspitzen von oben hinein. +Dann traten sie wieder zurueck, und wir sahen freundliche Huetten, +mit Gaertchen und Wiesenplaetzchen untermischt, an ihrer Seite hangen; +stattliche Haeuser, grosse Fabrikgebaeude, zu ihren Fuessen liegen. +Kunstlose, wie von der Hand der Natur geschaffene Spaziergaenge ziehen sich +an beiden Ufern zwischen Wald und Fels dahin, bis zurueck zu unserem Gasthofe. + +Ihm gegenueber erhebt sich der hoechste Fels dieser Gegend. Die Landleute +nennen ihn High Tor. Auf einem groesstenteils schattigen, nicht sehr +beschwerlichen Wege stiegen wir hinauf. Wir erblickten oben von einer +Seite das enge Tal in der ganzen Pracht seiner ueppigen Vegetation. +Mitten hindurch gaukelt der Strom; an dem gegenueberstehenden, +waldbewachsenen Fels lehnen die netten Gebaeude des Bades und geben ein +freundliches Bild des bequemen, geselligen Lebens in dieser +Abgeschiedenheit. Von der entgegengesetzten Seite blickten wir in ein +zweites Tal. Als ob noch nie ein menschlicher Fuss bis hierher gedrungen +waere, so heimlich in verborgener Stille liegt es da, rings umgeben von +gruenen Bergen. Schoene Herden weideten ohne Hirten im hohen Grase. +Nirgends sahen wir die wilde, einfache Schoenheit der Natur gluecklicher +mit hoher Kultur vereint als hier am Ufer der Derwent. Die Freuden der +Badegaeste beschraenken sich groesstenteils auf den Genuss dieser herrlichen +Natur; denn ein Bowling green [Fussnote: dazu Johanna in einer Anmerkung: +"Ein gruener, solgfaeltig mit Walzen geglaetteter Rasenplatz, zu einem nur +in England gebraeuchlichen Spiele mit Kugeln."] und einige Billard-Tafeln +sind alles, was die Kunst zu ihrem Ergoetzen ihnen hier darzubieten wagt. +Getanzt wird selten und nur auf Veranlassung der Badegaeste selbst: denn +der Spekulationsgeist der hiesigen Wirte reicht nicht so weit. Dem +Wasser erzeigt man die Ehre, es warm zu nennen, wir fanden es kaum lau; +es schmeckt recht gut und ist sehr klar. Die Baeder sind so bequem und +reinlich eingerichtet, wie man es nur in diesem Lande erwarten kann. + +Fuer den Geologen ist Matlock hoechst interessant, die verschiedenen +Steinarten, Flussspate, Stalaktiten usw., welche Derbyshire hervorbringt, +sind allbekannt. In Matlock findet man sie in zwei eleganten Laeden in +aller ihrer Mannigfaltigkeit zum Verkaufe und zum Anschauen ausgestellt, +zum Teil roh in sehr schoenen Exemplaren fuer den Liebhaber und Sammler, +der auch zu Kaminen, Urnen, Vasen, Schreibzeugen und unzaehligen anderen +Dingen verarbeitet wird. Alle diese Sachen werden zu niedrigen Preisen +hier verkauft, sie sind vortrefflich poliert, von schoener Form und sehen +ungemein glaenzend und elegant aus. Leider ist es wegen ihrer +Zerbrechlichkeit schwer, sie weit zu verfuehren. + +Noch ist eine versteinernde Quelle [Fussnote: kalksinterhaltiges Wasser] +hier merkwuerdig. Alles, was man hineinlegt, wird in kurzer Zeit inkrustiert, +und wenn es laenger liegt, ganz in Stein verwandelt. Der Waechter +dieser Quelle zeigte uns eine auf diese Weise verewigte Peruecke +und einen Haarbesen, die beide in dieser Gestalt gar wunderlich aussahen. + +Jenseits der Derwent, dem Dorfe schraeg gegenueber, liegt Cromford Mill, +die Baumwollspinnerei des Sir Richard Arkwright [Fussnote: (1732-92), +urspruenglich Barbier, baute 1769 die erste brauchbare Spinnmaschine, +die wegen der Anwendung von Wasserkraft auch Wassermaschine genannt wurde], +die erste, welche er,der eigentliche Erfinder der in ihren Wirkungen ans +Wunderbare grenzenden Spinnmaschinen, erbaute. Dieser durch seine +mechanische Geschicklichkeit und seinen ausdauernden Mut so merkwuerdige +Mann war urspruenglich ein Barbier; er hatte bei seinen Unternehmungen +Schwierigkeiten zu bekaempfen, denen ein gewoehnlicher Mann unterlegen waere. +Er verdiente, maechtige Freunde zu finden, die ihm hilfreich beistuenden, +und er fand sie; sein grosses Unternehmen gelang, und er selbst lebte lange +genug, um im hohen Wohlstande sich dessen zu erfreuen. Noch heute ist diese +Fabrik, welche jetzt aus drei Spinnmaschinen besteht, im Besitz +der Familie Arkwright, welche die ganz nahe dabei gelegene schoene +Villa Wellersley bewohnt. Das von weissen Steinen massiv erbaute Wohnhaus +sowohl als die grossen Fabrikgebaeude am Ufer des Stromes, beschirmt von +maechtigen Felsen, erhoehen die Schoenheit der Gegend. Noch erfreulicher aber +ist der Anblick des Wohlstands, der durch sie ringsumher unter den +Einwohnern des Tals verbreitet wird. Wir sahen mit wahrer Freude an +einem Sonntagabend die wohlgekleideten Arbeiter mit ihren geputzten Weibern +und Maedchen spazieren gehen, umspielt von schoenen reinlichen Kindern. + +Die englischen Bauernmaedchen und jungen Weiber sind durchgaengig +schoene Gestalten, aelter werden sie oft zu dick. In ihrem Putze sehen sie +gewissermassen vornehm und damenhaft aus. Ein feiner Strohhut, mitfarbigem +Bande geschmueckt, auf einem kleinen schneeweissen Haeubchen, steht den +artigen bescheidenen Gesichtern sehr gut. Dazu grosse, weisse musselinene +Halstuecher, ein Rock von durchgestepptem Zeug von eine hellen Farbe, +himmelblau oder rosenrot bei den Eleganten, und ein vorn offenen +kattunenes langes Kleid, hinten kuenstlich mit Nadeln aufgesteckt, +alles blendend rein bis auf die feinen weissen gewebten Struempfe [Fussnote: +dazu Johanna in einer Anmerkung: "Nur die aermsten Englaenderinnen stricken; +diese Arbeit wird bei ihnen fuer schimpflich gehalten]. +Dies ist ihr Sonntagskostuem, von welchem das der Wochentage nur durch +dunklere Farben und schlechteren Stoff abweicht. + +Hinter dem Wohnhause von Wellersley strecken sich die dazu gehoerigen +grossen, wohlangelegten Promenaden hoch den Berg hinan. Die mannigfaltigen +Ansichten des Tales von oben herab sind wunderschoen. Die Gaerten +enthalten Treibhaeuser und eine huebsche Orangerie. Ueberall sieht man +die segensreichen Fruechte des Fleisses und der Industrie. + +An einem fruehen Morgen verliessen wir endlich ungern das freundliche +Matlock. Lange noch zog sich der Weg durch das Tal am Ufer der bald +ruhig hinfliessenden, bald ueber Felsstuecke wild daherbrausenden Derwent. +Dann wand sich der hohe Berge hinan, deren Gipfel uns eine weite Aussicht +auf das fruchtbare, durch unzaehlige Fabriken und Haeuser belebte Land +eroeffneten. Jetzt fuehrte der Weg abwaerts; im Morgenlicht schimmerte uns +ein praechtiges Gebaeude entgegen. Es war Chatsworth [Fussnote: das Schloss +wurde 1687-1706 vom Herzog von Devonshire in italienischem +Spaetrenaissancestil erbaut, anstelle eines aelteren Schlosses, in dem Maria +Stuart gefangen gehalten worden war; 1820 wurde der Nordfluegel angebaut. +Das Zimmer, das Johanna hier beschreibt, ist also nicht das urspruengliche +Zimmer Marias gewesen.], seit zweihundert Jahren der Landsitz der edlen +Familie von Cavendish, jetzt ihrer Abkoemmlinge, der Herzoege von Devonshire. + +Das Schloss liegt romantisch in einem weiten tiefen Tale. Hinter +demselben erhebt ein hoher Fels den stolzen, waldgekroenten Scheitel. +Vor dem Schlosse windet sich silbern die Derwent durch das lachende Gruen, +eine sehr schoene steinerne Bruecke fuehrt hinueber. Wir fuhren durch +den Park; neugierig guckten seine Bewohner, die Hirsche und Rehe, +von beiden Seiten des Wegs in unsere Postchaise. + + + +Chatsworth +Landsitz des Herzogs von Devonshire + + +Das in einem edlen Stil erbaute Haus ist von aussen eines der groessten +und praechtigsten in England und seine Front einhundertzweiundachtzig +Fuss lang. Die auswaerts stark vergoldeten Fensterrahmen, welche wir +sonst nirgends in England sahen, flimmerten im Sonnenstrahle und +gaben ihm ein wunderbares feenartiges Ansehen. Diese aeussere Pracht +sticht auffallend ab gegen die grosse Stille und Einsamkeit der +wilden Gegend umher; es ist, als ob ein Zauberer dieses Schloss hier +zu eigenen Zwecken entstehen liess. Auch hatte es einst eine traurige +Bestimmung. Maria Stuart beweinte hier sechzehn Jahre lang ihre +Freiheit, jedes Glueck des Lebens entbehrend. Ihre grausame Feindin +sandte sie zuerst nach Chatsworth in enge Gefangenschaft; nach +sechzehn Jahren brachte man sie dann nach Fotheringhay in Northumberland, +wo sie hingerichtet ward. + +Die innere Einrichtung des Schlosses von Chatsworth enthaelt wenig +Merkwuerdiges. Seit Jahren von den Eigentuemern nicht besucht, zeigt +es ueberall nur Spuren alter, allmaehlich hinsinkender Pracht; dennoch +wird es im ganzen wohl unterhalten, nur nichts Neues hinzugefuegt, +und so fehlt ihm die Frischheit, die sonst die englischen Landhaeuser +so angenehm macht. Fuer uns hatte es dennoch ein hohes Interesse. +Im zweiten Stock des aeltesten Teils des Schlosses findet man das Zimmer +der ungluecklichen Maria Stuart, ganz so eingerichtet und moebliert, +wie sie es bewohnte. Es ist sehr gross und hoch; alte gewirkte Tapeten, +die ihm ein finsteres, schauerliches Ansehen geben, haengen an den Waenden. +Ein hoher Betstuhl steht in der Naehe eines Fensters, die Aussicht aus +demselben ist nicht erheiternd: man sieht ihn eine zwar schoene, +aber hoechst einsame, von Bergen eingeschlossene Gegend. Alle Moebel +im Zimmer, die hohen schweren Stuehle mit kleinen Treppen davor, +die eichenen und nussbaumenen unbeweglichen Tische versetzten uns +in jene trueben Tage, welche die schoenste und ungluecklichste Frau +ihrer Zeit hier verlebte. Ihr Bette mit schweren rotsamtenen Gardinen, +die mit breiten silbernen Tressen besetzt sind, stand noch da; +uns war, als saehen wir noch die Spuren der einsamen Traenen, die sie +hier verweinte. + +Der Garten von Chatsworth ist sehr alt und in einem der jetzigen +Zeit fremden Geschmack angelegt. Man koennte ihn altfranzoesisch nennen, +wenn er regelmaessiger waere, doch mag er dies wohl eher gewesen sein; +denn es ist sichtbar, dass viele Anlagen, Alleen, Parterres, Berceaus +und dergleichen eingegangen sind. Was ihn im ganzen Lande beruehmt macht, +sind die Wasserkuenste, die aber mit denen von St.-Cloud, von Herrenhausen +und der Wilhelmshoehe bei Kassel keinen Vergleich aushalten. Nur dass sie +die einzigen im Lande sind, macht ihren Ruhm aus. Eine kuenstliche, +zwei- bis dreihundert Fuss hohe Kaskade mit Stufen, der es aber, +wie den meisten dieser Art, an hinlaenglichem Wasser fehlt, wird zuerst +gezeigt. In einem anderen Bassin muss das Wasser die Gestalt einer +glaesernen Glocke annehmen. Neben dieser Glocke steht noch ein dem +Ansehen nach verdorrter Baum; er ist aus Kupfer kuenstlich gebildet, +das Wasser spritzt schaeumend aus seinen Zweigen, er sieht dann +ganz artig aus, als ob er mit grossen Eiszapfen und Schnee bedeckt waere, +kleine Wasserstrahlen steigen ringsumher aus der Erde empor. +Zwei andere Springbrunnen werfen den Wasserstrahl neunzig Fuss hoch +gen Himmel und machen eine recht huebsche Wirkung. Die Englaender, +welche in den ringsumher liegenden Baedern hausen, wallfahrten fleissig +her, staunen das nie zuvor Gesehene an und erheben Chatsworth zu +einem Wunder der Welt. + + + +Castleton + +Voll von Mariens Schicksale und stolz, dass unser Schiller den Briten +den Rang abgewann und ihrem Andenken das schoenste Denkmal schuf, +verliessen wir das traurig schoene Chatsworth. Nur kurze Zeit noch +und die zwar einsame, aber dennoch reiche Gegend verschwand. + +Ein enges, schauerliches Tal empfing uns: kein Baum, keine Spur +von Vegetation, nur nackte und steile Felsen, zwischen denen wir uns +aengstlich hindurchwinden mussten, die jeden Augenblick den Weg +zu versperren schienen. Zu Anfange sahen wir noch zwischendurch +ansehnliche Fabrikgebaeude von grossem Umfange; auch diese oedeste, +schauerlichste Gegend in England, die Bleiminen von Derbyshire. +Es waren deren unzaehlige von allen Seiten zu sehen, zwischendurch +die aermlichsten, aus Feldsteinen aufgetuermten Huetten, vor ihnen +langsam wandelnde bleiche Gestalten, Bewohner dieser Oede, von der +schrecklichen Arbeit in den Bleiminen entkraeftet. + +Zu Mittage langten wir in Castleton an, einem so armen, kleinen Staedtchen, +wie wir noch keines in England sahen. Wir bestellten in dem aermlich +aussehenden Gasthofe unser Mittagessen und eilten nach der Peakshoehle +mit einem Fuehrer, der sich gleich beim Aussteigen aus dem Wagen +unserer bemaechtigt hatte. + + + +Die Peaks Hoehle + + +Diese sehr beruehmte Hoehle liegt nahe vor der Stadt, der Eingang derselben +ist wahrhaft gross und imposant. Eine Reihe meist senkrecht steiler Felsen +von wunderbar zackiger Form erhebt die mit Baeumen gekroenten Scheitel. +In einem derselben hat die Natur ein schauerliches, zweiundvierzig Fuss +hohes und einhundertzwanzig Fuss breites Tor gewoelbt, durch welches man +in undurchdringliches Dunkel zu blicken waehnt. Langsam fliesst ein +schwarzes, ziemlich breites Wasser aus der Unterwelt an's Tageslicht +hervor. Vor der Woelbung haengen ungeheure, bizarr geformte Tropfsteine; +wildes Gestraeuch rankt dazwischen, Efeu umwindet sie und flattert +in leichten Kraenzen darum her. Felsenstuecke haengen herab, Untergang +drohend dem Haupte dessen, der vorwitzig in die Geheimnisse der +Unterwelt dringen will. + +Wir traten in die Hoehle, die dunkle Nacht war dem allmaehlich sich +daran gewoehnenden Auge zur Daemmerung. Bald unterschieden wir darin +eine Menge Weiber und Kinder, emsig spinnend, die aermlichsten Gestalten, +welche die Phantasie nur erdenken kann. Gnomen gleich hocken sie +in dieser kalten feuchten Dunkelheit und fristen kuemmerlich ihr +armes leben; des nachts schlafen sie in kleinen bretternen Huetten, +die sie sich in der Hoehle erbauten und deren wir eine ziemliche Anzahl +umherstehen sahen. Ungestuem bettelnd umgaben sie uns, sowie sie uns +gewahrten; wir waren froh, nach dem Rate der Wirtin in Castleton, +eine Menge Kupfergeld eingesteckt zu haben, um uns loszukaufen. +Dies ist die unterirdische Stadt, von der mancher Reisende gefabelt hat. +Die Waerme der Hoehle im Winter, die ein eigentliches Haus entbehrlich +macht, der kleine Gewinn, den die neugierigen Fremden ihnen gewaehren, +besonders aber die Freiheit von Abgaben, welche nur auf der Oberwelt, +im Sonnenlichte gefordert werden, bewegen diese Armen, eine so +unfreundliche Wohnung zu waehlen. + +Wie wir uns selbst erst von ihrem Ungestuem losgekauft hatten, +kauften wir Lichter. Jeder von uns musste eins tragen, der Fuehrer trug +deren zwei voraus, und so ging es denn weiter in den ganz finsteren +Hintergrund der Hoehle. Der Fuehrer machte uns auf einige ungeheuer grosse +Tropfsteine aufmerksam, welchen er allerhand Namen gab, ohne dass wir +die Aehnlichkeit mit den dadurch bezeichneten Dingen finden konnten. +Dann oeffnete er eine schmale niedrige Tuer, und wir standen in einem +grossen Gewoelbe, von dessen Decke grosse Felsenstuecke, drohender als je, +ueber unsere Haeupter herabhingen. Der Schimmer der flackernden Lichter +machte sie noch grausenvoller, sie schienen sich zu bewegen. + +Jetzt ward das Gewoelbe ganz niedrig. Gebueckt, mit unsicherem Tritte +auf dem schluepfrigen unebenen Boden, mussten wir uns lange durch +eine enge Felsenspalte winden; bald ging es steil in die Hoehe, +bald ebenso hinunter. Wir stiessen von allen Seiten an die vorragenden +Felsen; ein einsames Licht brannte hin und wieder und diente nur, +das Grabesdunkel noch sichtbarer zu machen; die Luft war schwer, +wir moechten sagen zaehe, denn ihr Widerstand schien uns fuehlbar. + +Endlich konnten wir unsere Haeupter erheben, wir befanden uns in einem +kleinen Gewoelbe und bald am Ufer des unterirdischen Stroms, der hier, +wie der Styx, kalt und stumm in ewiger Nacht die schwarzen Wellen +langsam dahinwaelzt. Wir fanden einen mit Stroh angefuellten Kahn, +in welchem zwei Personen ausgestreckt nebeneinander liegen konnten. +Der Fuehrer stieg ins Wasser, welches ihm fast bis an die Huefte ging, +so schob er den Kahn vor sich hin, in welchem wir auf dem Stroh +lagen und kaum zu atmen wagten. Es ging unter Felsen weg, die nur +eine Hand breit von unserem Haupte entfernt, alle Augenblicke +einzustuerzen schien; von beiden Seiten war kein Zoll breit Ufer, +um darauf fussen zu koennen. Nie war uns die Idee eines lebendig +Begrabenen anschaulicher als hier in dem sargaehnlichen Kahne +mit der schwarzen, schweren Felsendecke ueber uns. Der Fuehrer +musste ganz gebueckt waten, ein Stoss an einen der Felsen, der ihn +besinnungslos gemacht haette, und wir waren verloren auf die +entsetzlichste Weise. Mit diesen erbaulichen Gedanken beschaeftigt, +schwammen wir eine ziemliche Zeit, bis wir landen konnten, immer +das Licht in der Hand. Endlich stiegen wir aus unserem Sarge. +Schwindlig von der Fahrt, mussten wir uns erst eine Weile erholen, +ehe wir um uns blicken konnten, und fast waeren wir es beim ersten +Umherschauen von neuem geworden. In einem ungeheuren Dom, der nach +der Aussage des Fuehrers einhundertzwanzig Fuss hoch, zweihundertsiebzig +lang und zweihundertzehn breit war, funkelten eine Menge hin und wider +zerstreuter Lichter wie Sterne, die nicht leuchten. Hier ist der Tempel +des ewigen Schweigens, zu dem noch nie ein Strahl der sonnigen Oberwelt, +ein Laut der Freude drang. In dieser unabsehbaren Hoehle war uns +noch baenglicher als in den engen kleinen; die Entfernung von allem +Leben war hier fuehlbarer durch den Raum, der uns sichtbar davon trennte. + +Muehsam kletterten wir ueber abgerissene, rauhe Felsstuecke und kamen +wieder an das Wasser; wir standen still, es war als ob Toene einer +sehr fernen Musik zu uns herueberschluepften. Der Fuehrer stieg abermals +ins Wasser und trug einen nach dem anderen eine ziemliche Strecke +auf den Schultern hindurch. In einer kleinen runden Hoehle, in welcher +das Wasser tropfenweise von allen Seiten unaufhoerlich niedersinkt, +und die deshalb Rogers Regenhaus heisst, fanden wir eben in diesem +ewigen Troepfeln die Ursache jener Toene, die uns zuvor wie Musik +aus der Ferne schienen. Der Fussboden war mit tausend wunderlichen +Schnoerkeln aus Tropfstein bedeckt, und das Gehen darauf hoechst +beschwerlich, besonders da die ewige Naesse ihn schluepfrig macht. +Die Luft war hier noch unangenehmer kalt und feucht als zuvor. + +So gut als es anging, eilten wir weiter, und in einer hoeheren, +gewoelbten Abteilung der Hoehle harrte unser eine sonderbare Ueberraschung. +Ein Chor von Maennern empfing uns mit einem langsamen, eintoenigen Gesang. +Lichter in den Haenden haltend, die sie hin und her schwenkten, +standen sie fuenfzig Fuss hoch ueber uns in einer Art von Nische, +welche die Natur in einer der Seitenwaende geschaffen hatte. +Ihr Gesang war rauh, aus wenig Toenen zusammengesetzt, wild und klagend, +aber dennoch nicht unangenehm. + +Nach diesem wunderlichen Empfange ging es weiter. Aengstlich gebueckt +schlichen wir unter und ueber Felsenmassen bis zu einem kleinen Gewoelbe, +noch grausender und schauerlicher als alle uebrigen, und ein schwarzer +Abgrund, zu welchem wir schaudernd hinableuchteten, gaehnte dicht +vor unseren Fuessen. Der Fuehrer zeigte uns den steilen, furchtbaren +Fusssteig, welcher ueber schluepfrige Tropfsteine hinabfuehrt. "Dies ist +der Teufelskeller", sagte er, und indem er ploetzlich einen von uns +beim Arm ergriff: "Hier bin ich Herr", sprach er widerlich lachend, +"hier kann ich tun, was ich will; ich wollte, ich haette Napoleon hier!"-- +Wir koennen's nicht leugnen, wir erschraken, denn er war nur zu sichtbar +Herr, und wir hatten es laengst gemerkt, dass er uns fuer Franzosen hielt. +Indessen fassten wir uns bald und antworteten ihm, dass wir ihm die +Erfuellung dieses Wunsches gern goennen wollten, wenn nur Napoleon +[Fussnote: zur Zeit von Johannas Reise stand England im Krieg mit +Frankreich] nicht die Gewohnheit haette, immer mit starker Begleitung zu +kommen; schon unsere Begleiter, die, wie er wohl wisse, draussen +geblieben waeren, wuerden ernstlich nachforschen, wenn uns hier ein +Unglueck widerfuehre. Dies Argument schien ihm deutlich und machte ihn +etwas hoeflicher. Unser Erschrecken ueber das wunderliche Benehmen des +Fuehrers waere indessen weit heftiger gewesen, wenn wir damals schon +gewusst haetten, was wir spaeter erfuhren, dass vor mehreren Jahren ein Herr +und eine Dame in einem einspaennigen Whisky ohne andere Begleitung +ankamen, gerade vor die Hoehle fuhren, das Pferd anbanden, hineingingen +und nie wieder gesehen wurden. + +Der Fuehrer leuchtete jetzt in den Abgrund vor uns hinab. +Die wenigsten Wanderer wagen sich den steilen Pfad hinunter, +der einhundertfuenfzig Fuss tiefer fuehrt; sie lassen bloss den Fuehrer +mit einigen Lichtern hinabgehen und begnuegen sich mit dem schauerlichen +Anblicke von oben. Wir taten dies auch. Kuehne, bogenaehnliche Vertiefungen, +emporstrebende Saeulen, geformt von der Hand der Natur, sahen wir +im flimmernden Lichte, das Wasser plaetscherte lebendiger im tiefsten Grunde. +Der Fuehrer sagte uns, es waere dort von kristallener Helle. +Endlich stieg er wieder herauf, wir traten den Rueckweg an, +ein ferner Schimmer des Tages, den unser, an die Dunkelheit gewoehntes Auge +jetzt in der zweiten Hoehle vom Eingang entdeckte, erfreute uns +unbeschreiblich. + +Zwei Stunden waren wir in der Wohnung der Nacht und des ewigen Schweigens +geblieben. Wie wir nun wieder hinaustraten an's erfreuliche Sonnenlicht, +wie uns wieder die milde, schmeichelnde Sommerluft warm und lebendig +empfing, da war uns, als erwachten wir von einem beaengstigenden Traume; +alles umher, die ganze Gegend in ihrer wilden Pracht erschien uns +in himmlischem Glanze. Es freue sich, riefen wir mit Schiller: + + Es freue sich, was da lebet im rosigen Licht! + Dort unten aber ist's fuerchterlich + Und der Mensch versuche die Goetter nicht. + +Wir fuhren weiter nach Buxton, einem Badeorte, wo wir uebernachten +wollten. Die Aussicht vom Gipfel eines hohen steilen Berges, +dicht hinter Castleton, ueber welchen der Weg fuehrt, ist des Verweilens +wert. Man erblickt das fruchtbare, bebaute Tal und von beiden Seiten +die wunderbar gestalteten Felsen, die es umschliessen. + +Einer dieser Berge heisst Win Hill, der andere Lose Hill, von einer +Schlacht, die hier in uralten Zeiten gefochten worden sein soll. Der +merkwuerdigste unter ihnen ist der Mam Tor, auch der Shivering Hill, der +schaudernde Berg genannt. Die Sage geht, dass seine Oberflaeche sich immer +aufloese und wie Sand herabkruemle, ohne dass er dadurch abnehme. Der +schaudernde heisst er, weil das Herabrieseln des Sandes von weitem +aussieht, als ob er zusammenschaudre. Die Wahrheit ist, dass Regen und +Wetter jaehrlich groessere und kleinere Fragmente von Mam Tor abloesen, +indem er ungewoehnlich schroff und steil ist, aber auch, dass er, genauen +Beobachtungen zufolge, allerdings kleiner dadurch wird. Die Landleute +bleiben indes bei ihrem alten Glauben und rechnen ihn zu einem der +sieben Wunder des Peaks Gebirge. Ueber unfruchtbare Felsen, oede Heiden +ging es fort bis Buxton, welches wir noch zu guter Tageszeit erreicht. + + + +Buxton + + +Ebenfalls ein Badeort, aber wie himmelweit verschieden vom zauberisch +schoenen Matlock! Rund umgeben von kahlen Felsen, liegt es wie in +einem Kessel. Wild und traurig ist die ganze Gegend umher, +grosse Schaetze verbarg die Natur hier tief im Schosse der Erde, +aber dem Wanderer laechelt sie nicht freundlich entgegen. + +Eine Meile von Buxton liegt die ebenfalls beruehmte Pools Hoehle; +man versicherte uns, sie waere nach der von Castleton kaum sehenswert +und ueberdies noch beschwerlicher zu besuchen. So viel bedurfte es +nicht einmal, um uns von dem Unternehmen, sie zu sehen, abzuschrecken. +Buxton, sonst ein unbedeutendes Dorf, ist durch seine warme Heilquelle, +welche die Roemer schon gekannt haben sollen, ein ziemlich ansehnlicher +Ort geworden. Das Wasser ist lauwarm, schmeckt nicht uebel, und wird +sowohl zum Trinken als zum Baden gegen Gicht, Skorbut und viele +andere Uebel gebraucht. + +Man lebt hier ziemlich einfach und langweilig. Der Morgen wird mit +Promenieren im Crescent, einer im Halbzirkel gebauten Reihe +zierlicher Haeuser, hingebracht. Letztere enthalten viele huebsche Wohnungen +fuer die Brunnengaeste und ein paar elegante Gasthoefe, in welchen sich +die zu Baellen und Assembleen bestimmten Saele befinden. Dessen ungeachtet +haben sie das Ansehen eines einzigen grossen Prachtgebaeudes von mehr als +dreihundert Fenstern in der Front. Elegante Laeden, ein paar +Leihbibliotheken, in welchen man nach englischem Badegebrauch von +der Promenade ausruht, und einige Kaffeezimmer erfuellten das Erdgeschoss, +ringsumher laeuft ein oben bedeckter Saeulengang fuer die Spaziergaenger, +zum Schutze bei dem hier sehr gewoehnlichen Regenwetter. Das Brunnengebaeude +und die Baeder liegen ganz in der Naehe. Nach der Morgenpromenade +wird die uebrige Zeit des Tages mit Spazierenfahren und Reiten zugebracht, +obgleich die Gegend eben nicht einladend ist. + +Die Jagd macht hier fuer die Herren eine Hauptergoetzlichkeit aus. +Liebhaber davon koennen auf eine Koppel Jagdhunde, die dazu gehalten wird, +subskribieren. In England fehlt es ueberhaupt am Wilde, hier aber +in dieser oeden Wuestenei gibt es noch bisweilen Hasen und Fuechse, +auch wilde Enten und andere Wasservoegel in Menge auf den nahegelegenen +Suempfen des Stroemchens Wye. Des Abends ist Ball oder Spiel-Assemblee, +und dreimal die Woche Schauspiel in einer zu diesem Behufe ganz artig +aufgeputzten Scheune. + +Die groesste Merkwuerdigkeit sind hier die praechtigen, vom Herzog +von Devonshire erbaute Pferdestaelle; man haelt sie fuer die schoensten +und in ihrer Art vollkommensten in Europa, und unseres Wissens moegen sie +diesen Ruhm wohl verdienen. Im Zirkel gebaut, umgeben von einer Kolonnade, +unter welcher die Pferde, geschuetzt vor Wind und Regen, den ganzen Tag +nach englischer Weise gepflegt, geputzt und gestriegelt werden, +umschliessen sie eine sehr schoene, bequeme Reitbahn. Ein Teil des Gebaeudes +enthaelt Wagen-Remisen, und das Ganze ist von betraechtlicher Groesse, +so dass es aussieht, als ob die vierbeinigen Brunnengaeste hier die +Hauptpersonen waeren. Ein daran hinfliessender Bach dient dazu, +diese Prachtstaelle reinlich zu halten und fast allen ueblen Geruch +zu verbannen. + +Das Interessanteste fuer uns war eine Fensterscheibe in der Halle, +dem aeltesten Absteigequartier in Buxton, in welchem Maria Stuart +auf ihrer ungluecklichen Reise von Schottland verweilte. Sie schrieb +mit prophetischem Sinn folgende Zeiten darauf: + + "Buxton! whose fame thy baths shall ever tell; + which I perhaps shall see no more, farewell!" + + + +Manchester + + +[Fussnote: eines der bedeutendsten Industriezentren Englands. Die +industrielle Umwaelzung, die Johanna voll miterlebte, brachte der Stadt +einen ungeheuren Aufschwung. Die Bevoelkerung stieg von 20 000 um +1750 auf 100 000 Einwohner im Jahre 1803] + +Fruehmorgens verliessen wir Buxton und erreichten gegen Mittag diese +beruehmte, grosse Fabrikstadt. Dunkel und vom Kohlendampfe eingeraeuchert, +sieht sie einer ungeheuren Schmiede oder sonst einer Werkstatt aehnlich. +Arbeit, Erwerb, Geldbegier scheinen hier die einzige Idee zu sein, +ueberall hoert man das Geklapper der Baumwollspinnereien und der +Webstuehle, auf allen Gesichtern stehen Zahlen, nichts als Zahlen. + +An Freude und Vergnuegen zu denken, hat das arbeitsame Voelkchen hier eben +nicht viel zeit, doch sind einige Anstalten dazu getroffen. Es gibt hier +ein Theater, einen Konzert- und einen Assembleesaal, in welchem sich +winters die Subskribenten zum Spiel, mitunter zum Tanze versammeln; +und damit der liebe Gott doch auch sein Teil bekomme, hat man ihm +ganz kuerzlich eine neumodische tempelartige Kirche erbaut, die aber +ziemlich schwerfaellig geraten ist. + +Im Ganzen blieb der feine Geist der Geselligkeit Manchester, wie anderen +bloss von Fabriken lebenden Staedten, ziemlich fremd. Die Maenner erholen +sich in Tavernen bei der Bouteille von der ermuedenden Arbeit, die Frauen +haben ihre Zirkel unter sich. Wie amuesant aber solch eine Gesellschaft +von lauter Englaenderinnen sein mag, wuenschten wir lieber zu erraten, +als zu erfahren. + +Die Gegend rings um Manchester hat wenig Einladendes. Die oeffentliche +Promenade in der Stadt, eine Art von botanischem Garten, waere nicht +uebel, fuehrte sie nur nicht immer dicht am Kranken- und Irrenhause auf +und ab; so aber hoert man unaufhoerlich das Geschrei und Geplapper der +armen Verrueckten, sieht sie auch mitunter, wie sie gewaltsam in dem am +Irrenhause dahinfliessenden Wasser zu ihrer Heilung gebadet werden. Dies +ist, wie man wohl denken kann, eben nicht ergoetzlich; doch die Einwohner +von Manchester scheinen sich daran gewoehnt zu haben und lassen sich +durch solche Kleinigkeiten nicht in ihrer Promenade stoeren. + +Wir besuchten eine der groessten Baumwollspinnereien. Eine im Souterrain +angebrachte Dampfmaschine setzte alle die fast unzaehligen, in vielen +uebereinander getuermten Stockwerken angebrachten Raeder und Spindeln +in Bewegung. Uns schwindelte in diesen grossen Saelen bei dem Anblicke des +mechanischen Lebens ohne Ende. In jedem derselben sahen wir einige Weiber +beschaeftigt, die nur selten reissenden Faeden der unaufhoerlich sich drehenden +Spindeln wieder anzuknuepfen; Kinder wickelten und haspelten das +gesponnene Garn. In einem grossen Saale reinigte man die noch ungesponnene +Baumwolle; in grossen viereckigen, watteaehnlichen Stuecken lag sie +ausgebreitet auf grossen Tischen; eine Menge Weiber und Maedchen, +in jeder Hand mit einem duennen Stecken bewaffnet, pruegelten lustig +darauf los; in einem anderen Saale ward sie durch eine einem ungeheuren +Kamme aehnliche Maschine getrieben und glich nun einem aeusserst duennen, +aber doch zusammenhaengenden Gewebe; noch in einem anderen ward sie +zu einem lockeren, fast zwei Finger dicken Faden gesponnen, und so +durch viele Saele hindurch, immer feiner, bis zu der Feinheit eines Haares. + +Alles wird hier auf die leichteste Weise durch Maschinen bewirkt, deren +jede uns ein Wunder der Industrie erschien. So sahen wir zum +Zusammendrehen und Einpacken der fertigen Stuecke Garn ganz eigene +Vorrichtungen. Eine andere, einer Schnellwaage aehnliche Maschine zeigte +vermittelst eines Zeigers die Nummer und zugleich den Grad der Feinheit +der daran gehaengten Garnspule. Alles in der Fabrik, auch das Geringste, +geschieht mit bewundernswerter Genauigkeit und Zierlichkeit, dabei mit +Blitzesschnelle. Am Ende schien es uns, als waeren alle diese Raeder hier +das eigentlich Lebendige und die darum beschaeftigten Menschen die +Maschinen. + +Betaeubt von den gesehenen Wundern verliessen wir das Haus und bestiegen +den Wagen, der uns zu einem anderen Wunder, dem vom Herzog von +Bridgewater angelegten Aquaedukt [Fussnote: Bridgewater Kanal, verbindet +Manchester mit Liverpool und wurde 1758-71 von Brindley erbaut; nicht zu +verwechseln mit dem 1894 eroeffneten Manchester Schiffskanal, der die +Stadt direkt mit dem Meer verbindet], bringen sollte. Dieser Herzog hat +sich um sein Vaterland, besonders um Manchester, unsterblichen Verdienst +erworben, sowohl durch Anlegung der Kanaele, die hier den Warentransport +so sehr erleichtern, als durch die Verbesserung und Bearbeitung der +benachbarten Kohlenminen, die denn doch die Seele des hier waltenden +mechanischen Lebens sind. Der Aquaedukt, zu welchem wir jetzt fuhren, ist +des Herzogs hoechster Triumph und erschien uns ein Werk, wuerdig der +Zeiten der alten Roemer. + +Der Anblick war in der Tat feenhaft. Wie in der Luft sahen wir ein +Kohleschiff mit vollen Segeln hinschweben, waehrend ein anderes in +entgegengesetzter Richtung darunter hinfuhr. Dies seltene Schauspiel +traf durch den gluecklichsten Zufall von der Welt grade mit dem Moment +unserer Ankunft bei dem Kanale zusammen. Nachdem die Wirkung des ersten +Erstaunens vorueber war, besahen wir uns die Sache naeher. Ein schiffbarer +Fluss stroemt zwischen hohen Ufern dahin; ein Kanal fuehrt auf dem hoeheren +Lande in einer ihn gerade durchkreuzenden Richtung. Ueber den Fluss ist +eine auf drei ungeheuren Bogen ruhende schnurgerade Bruecke (anders +wissen wir es nicht zu nennen) gebaut. Diese, Gott weiss wie? wasserdicht +gemacht, empfaengt den Kanal in einem Bette, welches tief genug ist, um +nicht bloss Kaehne, sondern auch Schiffe von ziemlicher Groesse zu tragen. +Zu beiden Seiten des Kanals ist noch ein breiter Fusssteig gelassen. Wenn +man oben wandelt und nicht gerade hinunter blickt, so ahnt man nicht das +Dasein der Bruecke, sondern glaubt noch immer auf festem Lande zu sein. + +Jetzt ging es zu den nicht gar weit entfernten, sehr betraechtlichen +Kohlenminen. Die wilden, in den Bergwerken sich ansammelnden Wasser, die +sonst dem Bergmann soviel Not machen, wurden auf Angabe des Herzogs in +einem, Meilen weit in das Innere der Erde sich erstreckenden, fuer +ziemlich grosse Kaehne schiffbaren Kanal gesammelt. Tief und weit unter +der Oberflaeche fuehrt er in verschiedenen Richtungen hin, an einigen +Stellen breit genug fuer zwei einander begegnende Kanaele. Ueber ihm woelbt +sich die nicht gar hohe, teils gemauerte, teils in den Felsen gehauene +Decke. So wie er an's Licht des Tags kommt, ist er mit anderen das Land +durchkreuzenden Kanaelen in Verbindung. + +Der Eingang zu diesem Reiche der Unterwelt ist imposant: ein grosses Tor, +in einen senkrecht steilen, majestaetisch hohen Felsen eingehauen. +Wir bestiegen einen langen schmalen Kahn, der sonst zum Kohlentransporte +dient; mit Brettern und Kissen waren ziemlich bequeme Sitze fuer uns +darin bereitet, am Rande und im Boote selbst kleine Leuchter mit +brennenden Lichtern angebracht; so schifften wir hinab auf der schwarzen, +stillen Flut. Unser Fuehrer war ueber die Massen redselig und wir merkten bald, +dass er sich ein wenig zu sehr gegen die kalte unterirdische Luft +versehen hatte; doch war hier an keine Gefahr zu denken. Immerfort +perorierend bugsierte er uns langsam weiter, indem er sich von Zeit zu Zeit +gegen die Waende des Gewoelbes stemmte. Nach einer Viertelstunde verschwand +jeder Schein des goldenen Tageslichts, kalt, duester, unheimlich war es +um uns her. + +An der ersten Mine kletterten wir aus dem Kahne. Eine Menge gewoelbter +Gaenge in verschiedenen Richtungen durchkreuzten sich hier, alle so +niedrig, dass man nur mit Muehe ganz gebueckt durchkriechen kann. Die +Kohlen liegen ganz frei da und wurden von halbnackten, bald knienden, +bald auf dem Ruecken liegenden Maennern mit einer Bergmannshaue +losgebrochen. Die Arbeit schien uns hoechst muehsam und beschwerlich, auch +ist sie nicht ohne Gefahr, und viele Menschen verlieren hier ihr Leben. +Giftige Daempfe entstehen ploetzlich und ersticken den Arbeiter, oder +entzuenden sich an seinem Grubenlichte und verbrennen ihn, wenn er sich +nicht mit dem Gesichte platt auf die Erde wirft, sobald er gewahr wird, +dass die Flamme seines Lichts blau brennt. Der naechste Augenblick ist +gewoehnlich schon zu spaet. + +Nachdem jedes von uns ein Stueck Kohle heruntergeschlagen hatte, +was wir zum Wahrzeichen mitnehmen mussten, waren wir nicht ferner begierig, +tiefer ins Innere der Erde zu dringen. Wir eilten zurueck in unser +illuminiertes Boot, zu unserem noch besser illuminierten Fuehrer +und erblickten bald darauf wieder das schoene Licht der Sonne. + +Auf dem Rueckwege nach Manchester hielten wir uns noch in einer +ganz allein liegenden Bleistiftfabrik auf. Den Eignern schien unser Besuch +nicht viel Freude zu machen; doch liess man uns, auf die Fuersprache +unseres Begleiters von Manchester, die ganze Verfahrensweise dabei +sehen. Ein Mann hobelte die kleinen, etwa eine halbe Elle langen +und breiten Brettchen von Zedernholz ganz glatt; ein anderer schnitt +sie in Streifen zu viereckigen Bleistiften und machte mit einem Instrument +die Spalte, welche das Blei aufnehmen sollte; ein dritter setzte +das Blei hinein. Es waren etwa vier Zoll lange und halb so breite Stuecke, +gerade so dick, dass sie in die Spalte passten. Vorher wurden sie +in eine schwaerzliche Fluessigkeit getaucht und, wenn sie in die Spalte +gefuegt waren, mit einem sehr scharfen Messer dicht am Holze glatt +abgeschnitten. Ein vierter Arbeiter leimte kleine, dazu abgepasste Spaene +hinein, die das Blei bedeckten. Zuletzt ward der bis jetzt viereckige +Bleistift auf einer Maschine rund gemacht. Das Ganze ging blitzschnell +und war gar leicht und artig anzusehen. + + + +Leeds + + +Den folgenden Morgen setzten wir unsere Reise fort nach Leeds in Yorkshire. +Traurig war die erste Haelfte des Weges, wieder mussten wir steile, +himmelhohe Felsen erklimmen. Wie sehr irrt der Bewohner des festen Landes, +der sich gewoehnlich ganz England als ein schoenes, fruchtbares, +einem Garten aehnliches Land denkt. Oede, unangebaut, ohne Spur +freudiger Vegetation war die Gegend umher; hier muessen, wie auf den +westfaelischen Steppen, durch die wir frueher gekommen, die Jahreszeiten +ebenso unmerkbar fuer die Bewohner hinschwinden: denn keine bringt +ihnen Gaben, womit sie gluecklichere Erdstriche erfreuen. Kein Baum, +kein Kornfeld, keine laendlichen Gaerten, aber ueberall Blei- und Kohlenminen, +Steinbrueche, Schmelzoefen, Ziegelfabriken, unterbrochen von grossen, +einzeln liegenden Baumwollspinnereien und anderen Manufakturgebaeuden. + +Die Luft war schwarz und dick vom Kohlendampfe; ueberall sahen wir +den Armen arbeiten, um den Reichen noch reicher zu machen, waehrend jener +selbst nur kuemmerlich sein armes Leben dabei fristet. Ein Gemaelde +menschlichen Fleisses, doch nicht von der erfreulichen Seite. +Wie erheiternd ist doch der Anblick des ruestigen Landmanns, der im +Schweisse seines Angesichts der Erde sein Brot abgewinnt, indem er sie +schmueckt! Wie traurig sieht dagegen der bleiche, schmutzige Bewohner +der Minen aus, der wie ein Maulwurf in ihr Inneres sich hinein wuehlen +muss, um nur wenige Jahre elend zu leben! Ein beaengstigendes Gefuehl +des Mitleids draengte sich uns unwillkuerlich auf bei diesem Schauspiele, +das wir bis jetzt nur zu oft und zu lange gehabt hatten. + +Bei Wakefield war die Gegend freundlicher und laendlicher; wir dachten +des guten Vikars, der uns allen aus Goldsmiths [Fussnote: Oliver (1728- +74) "The Vicar of Wakefield", 1766] gemuetlicher Dichtung +bekannt ist, aber vergebens suchten wir hier sein Doerfchen, sein +wirtliches Dach. Wakefield ist ein Staedtchen voll Fabriken. + +Gegen Abend erreichten wir Leeds, eine ziemlich grosse Stadt, +welche hauptsaechlich aus Tuchmanufakturen besteht. Unser Eintritt +war von einer hoechst traurigen, herzzerreissenden Szene begleitet. +Wir bemerkten mit Erstaunen, dass der Wegegeldeinnehmer am Schlagbaum, +dicht vor der Stadt, heftig weinte; neben ihm stand seine Frau +mit der Gebaerde trostloser Verzweiflung; zwei ganz kleine Maedchen +blickten stumm und verwundert auf Vater und Mutter. "Gute Leute, +was fehlt euch?" fragten wir mitleidig. "Unser einziger Sohn +ist eben ertrunken", antwortete der Mann mit halb erstickter Stimme. +Nun machte das verzweifelnde Mutterherz sich Luft, mit Haenderingen +rief sie: "Ach, er war der schoenste Knabe im Ort, vierzehn Jahre alt, +immer gehorsam und fleissig; heute um vier Uhr kam er mit gutem Zeugnis +froehlich aus der Schule, und nun--." Wir fuhren mit schwerem Herzen +und nassen Augen weiter; denn wer von uns konnte es wagen, +hier troesten zu wollen? + +Wunderbar ist's, dass in England nicht unendlich viel Kinder verungluecken; +nirgends scheint der alte fromme Glaube, dass jedes seinen eigenen +Engel habe, der es beschuetzt, einheimischer als hier; denn nirgends +werden sie mehr ohne sichtbare Aufsicht sich selbst ueberlassen. +In den Staedten und Doerfern, auf den volkreichsten Strassen kriechen +kleine, kaum zweijaehrige Saeuglinge in den Fahrwegen umher, +groessere Kinder laufen ohne Furcht im Gewuehle zwischen Raedern und +Pferden durch, und der Reisende sitzt aengstlich im pfeilschnell +rollenden Wagen und zuernt ueber die unachtsamen Muetter. + +Die Tuchfabrikanten machen den groessten Teil der Einwohner von Leeds aus; +sie haben hier eine eigene Halle, in welcher jedem sein bestimmter, +mit seinem Namen bezeichnete Platz angewiesen ist, auf welchem er +an Markttagen seine Waren zur Schau legt und feil haelt. Diese Halle, +ein grosses, ganz bedecktes Gebaeude, schliesst einen geraeumigen Hof +von allen vier Seiten ein und ist einer Boerse nicht unaehnlich. + +Man macht sehr huebsche Teppiche in Leeds, sie werden auf +gewoehnlichen Webstuehlen gearbeitet. Es war lustig zu sehen, +wie schnell die schoenen Blumen und Muster in reicher Farbenpracht +vor unseren Augen entstanden. Bei den breiten Fussdecken fuer die Zimmer +arbeiten immer zwei Personen an einem Webstuhle; bei den schmalen +zu Treppen und Vorplaetzen nur einer. + + +Studley Park. Fountain's Abbey. Hackfall + +Ripon, ein freundliches, reinliches Landstaedtchen, liegt in einer +zwar bergigen, aber angenehmen fruchtbaren Gegend. Es ist ein Borough +[Fussnote: urspruenglich Bezeichnung fuer eine Burg oder eine befestigte +Stadt; Kreisstadt, die im Parlament vertreten ist: Parliamentary Borough] +und hat also das Recht, bei jeder Parlamentswahl ein Mitglied +zu waehlen und nach London zu schicken. Nun gehoeren alle Haeuser +in Ripon einer alten achtzigjaehrigen Dame, die unermesslich reich, +auch die Besitzerin von Studley Park, Hackfall und mehrerer Gueter +im fruchtbaren Yorkshire ist. Sie allein, als die einzige +Grundbesitzerin in Ripon, waehlt also dies Mitglied, und das Gewicht, +welches sie hierdurch in der Nachbarschaft, ja im ganzen Koenigreich +erhaelt, ist fast nicht zu berechnen. Nach ihrem, wahrscheinlich +jetzt schon erfolgten Tode erbt eine Miss Lawrence alle ihre Reichtuemer +und Rechte. Diese Dame, obgleich auch schon laengst ueber die Jugendjahre +hinaus, wird, wie man leicht denken kann, von Anbetern und Freiern +umlagert, wie weiland Penelope, sie aber widersteht allen und +erklaert laut: sie wuerde jetzt keinen heiraten, weil niemand sich +um sie bewarb, ehe sie die reiche Erbin war, welche sie erst +kuerzlich durch den unerwarteten Tod ihres Bruders wurde. +Miss Lawrence ward uns uebrigens als sehr gut und auch im Aeussern +nicht unliebenswuerdig geschildert. + +Wir fuhren nach dem nicht weit entlegenen Studley Park: das Haus +enthaelt nichts besonders Sehenswertes, auch die Aussenseite desselben +zeichnet sich auf keine Weise aus. Die sehr weitlaeufigen Spaziergaenge +gehoeren aber zu den schoensten in England. + +Der Park hat einen, ihn von den gewoehnlichen Parks unterscheidenden +ernsteren Charakter. Freie sonnige Partien, gruene Rasenplaetze +trifft man weniger, aber herrliche Schattengaenge, unter dem Schutze +himmelhoher Buchen und Eichen, am Abhange der bewachsenen Felsen, +auf lachenden Hoehen und in duftigen Taelern. Mit unbeschreiblichem +Vergnuegen wandelten wir hier und ahnten nicht, dass die Krone +des Ganzen uns noch erst wunderbar ueberraschen sollte. Unser Fuehrer, +ein alter vernuenftiger, eisgrauer Gaertner, seit mehr als vierzig Jahren +hier in Dienst, oeffnete ploetzlich eine kleine, unscheinbare Gartentuer, +und wir erblickten in einem lieblichen gruenen Tale die schoensten +gotischen Ruinen, die wir je sahen. + +Vom Morgenstrahl geroetet lagen sie da in stiller, feierlicher Pracht. Es +waren die Ueberbleibsel von Fountains Abbey [Fussnote: in seinem Grundriss +einer der gewaltigsten Klosterbauten Englands. Zisterziensergruendung: +1132. Die Anlage verfiel unter der Regierungszeit Heinrichs VIII.; die +Ruinen zaehlen zu den eindrucksvollsten der Welt], einem im zwoelften +Jahrhundert erbauten Kloster, nun schon seit zweihundertfuenfzig Jahren +in Truemmern. Diese zeugen vom ehemaligen ungeheuren Umfange. Das Dach +fehlt gaenzlich, die Seitenwaende groesstenteils auch; aber noch stehen, wie +trauernde Geister auf dem Grabe der Vergangenheit, viele, reich mit +Skulptur gezierte Saeulen, die weiland das Schiff der Kirche ausmachten; +feste Gewoelbe, hohe Bogenfenster trotzen noch der Zerstoerung, alles +bezeichnet ehemalige hohe geistliche Pracht. Einige alte steinerne Saerge +stehen umher, gewaltsam ans Licht der Sonne gezogen. Deutlich zu +unterscheiden ist noch die Stelle, wo sonst der Hochaltar war, so auch +die Kreuzgaenge, das Refektorium, der Versammlungssaal. Viele +unterirdische Gaenge und Gewoelbe sind fast noch unversehrt; auch erkennt +man eine Kueche, und an dem die Wand schwaerzenden Rauche die Stelle, wo +sonst der Herd stand. + +Fountains Abbey ist ein grosses Grab vergangener Zeiten, dennoch draengt +sich ueberall das frische Leben der ewig jungen Natur ueppig hervor. Efeu +umschlingt die verwitternden Pfeiler und kleidet sie in die Farbe der +Hoffnung, junge Blumen und Straeuche nicken aus den hohen Bogenfenstern +und von den Kapitellen der Saeulen. In der Kirche wandelt man unter dem +Schatten bejahrter Baeume. Ueberall neues Entstehen mitten unter den +Truemmern der Zerstoerung, ueberall die Lehre, Menschenwerk ist +vergaenglich, wie Menschenleben, aber der Geist der schaffenden Natur +waltet fort, kennt weder Vernichtung noch Grenzen. + +Welche Verzierungen fuer einen Park sind diese Ruinen, wie sinkt alles +so kleinlich dagegen zusammen, was selbst grosse Fuersten auf ihren +Landsitzen unternehmen, um nur etwas aehnliches zu erkuensteln! Der vorige +Besitzer von Studley Park erkaufte sie freilich fuer eine grosse Summe, +aber er gab seinen Besitztum dadurch einen hohen, einzigen Wert und +sicherte zugleich diese heiligen Ueberreste zwar nicht gegen den langsam +zerstoerenden Zahn der Zeit, aber doch gegen vernichtenden Mutwillen, der +leider ueberall dem Schoenen droht. + +Von Studley Park ging es nach Hackfall. Alle Parks, die wir bis jetzt +sahen, erschienen uns als freundliche Punkte unserer Reise, +an die wir noch nach Jahren gern zurueckdenken werden; hier aber +fuehlten wir das Trostlose des Geschicks des Reisenenden, nur fluechtig +am Schoenen vorueberstreifen zu koennen und es nur im Bilde +davonzutragen. Hier wuenschten wir Huetten zu bauen. Wie schoen +muss sich's in diesem heimliche verborgenen Tale wohnen! Gruenend, +bluehend liegt es zwischen malerisch geformten und bewachsenen Felsen. +Wege schlaengeln sich bald in schwindelnder Hoehe, bald tiefer +in lieblichen Schatten an den Bergen hin; ganz unten braust und +blinkt und wogt ein spiegelheller Fluss, von allen Felsen rauschen +und gaukeln Baeche zu ihm hinab, bald sprudelnd und schaeumend, +bald wie im leichten Tanz. Endlich gelangt man hinauf zur hoechsten Hoehe. +Ein Pavillon ziert sie. Von dort aus blickt man weit ins offene +fruchtbare Land. Da liegt die Welt vor uns und ihr unruhiges Treiben, +und zu unseren Fuessen das Tal mit seinem stillen Frieden. Zoegernd, +wider Willen, verliessen wir abends diesen lieblichen Ort, ueber +Berg und Tal rollten wir hin durch den schoenen, fruchtbaren Teil +von Yorkshire, bis Catterick Bridge, einem grossen, ganz isoliert +liegenden Gasthofe. + + +Englische Gasthoefe + +Die Annehmlichkeiten eines solchen Gasthofes in England kennt man +auf dem festen Lande nicht; darum erlauben wir uns hier einiges darueber +zu sagen. Durchgaengig, auch in den Staedten, sind die englischen Gasthoefe +sehr lobenswert: Zimmer, Betten, Bedienung, Reinlichkeit uebertreffen alles, +was man in anderen Laendern in dieser Art antrifft, aber wir moechten +fast behaupten, dass die guten Gasthoefe auf dem Lande wieder die in Staedten +in dem Masse uebertreffen wie jene die deutschen. + +Die Teuerung ist auch nicht so gross, als man denken moechte, wenn man nur +erst die Sitte kennt. Der Umstand, dass man durchaus nicht portionsweise +speist, ist freilich unangenehm. Alle Vorraete des Hauses an Fleisch, +Fischen, Gemuesen und dergleichen sind mit der hoechsten Sauberkeit und +mit einer Art Eleganz in einem auf dem Flur befindlichen, mit +Glasfenstern versehenden Kabinett zur Schau gestellt. Hier trifft man +gewoehnlich die Wirtin oder ihre Stellvertreterin an. Ausser einigem +Backwerk findet man nichts fertig zubereitet; die Haeuser, in welchen die +oeffentlichen Fuhrwerke zu bestimmten Stunden einkehren, machen jedoch +hiervon eine Ausnahme. In diesen ist mittags oder abends der Tisch +gedeckt, an welchem die ankommenden Reisenden um einen festgesetzten +Preis in Gesellschaft speisen koennen. Ausser diesem aber muss der einzelne +Fremde in jenem Vorratsmagazine seine Mahlzeit und die Art der +Zubereitung selbst waehlen und geduldig warten, bis sie fertig ist. Waehlt +man nun einen Hammel- oder Rinderbraten oder sonst ein grosses Stueck, so +bekommt man es ganz auf den Tisch und muss es auch ganz bezahlen, wenn es +gleich kaum angeschnitten wieder abgetragen wuerde. Dies ist freilich +nicht angenehm, aber der Landeskundige weiss sich einzurichten und +bestellt kleinere, leichter zu bereitende Gerichte. Das Logis ist nicht +teuer. Fuer das Zimmer, in welchem man speist und den Tag zubringt, wird, +auch bei laengerem Aufenthalt, gewoehnlich nichts gerechnet, es sei denn, +dass man nur im Hause wohne und immer auswaerts speise. Im Schlafzimmer +bezahlt man nur das Bette, und dieses kostet selten mehr als einen +Schilling die Nacht. Und welch ein Bett! Die schoensten Matratzen, die +feinsten Bettuecher und Decken. Schoene Vorhaenge umgeben das Bett, ein +huebscher kleiner Teppich liegt davor, eine feine weisse Nachtmuetze und +ein Paar Pantoffeln fehlen auch nie dabei, deren sich reisende +Englaender, die immer wenig Gepaeck mit sich fuehren, ohne alle Scheu +bedienen. + +Es ist uns immer aufgefallen, wie dieses Volk, bei aller Reinlichkeit, +tausend kleine Ruecksichten nicht kennt, die dem Deutschen, noch mehr dem +Franzosen, zur Natur geworden sind. Kein Englaender, zum Beispiel, der +nicht zu den vornehmsten Klassen gehoert, wird sich weigern, mit andern +aus einem Glase oder Porterkruge zu trinken, oder mit Bekannten, auch +wohl Fremden, in einem Bette zu schlafen, wenn es im Hause an Raum +fehlt. + +Auch in den Staedten erscheint der Wirt gleich, um den Fremden beim +Austritte aus dem Wagen zu empfangen, aber auf dem Lande ist's, +als kaeme man zu einem laengst erwarteten Besuch. Der Wirt oeffnet selbst +den Schlag und hilft dem Reisenden heraus; in der Tuer steht die Wirtin; +mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt knickst sie ein halbes Dutzend +Mal kurz hintereinander, bemaechtigt sich der reisenden Damen sogleich, +fuehrt sie in ein besonderes Zimmer und sorgt auf alle Weise fuer +ihre Bequemlichkeit, waehrend ihr Mann bei den Herren die Honneurs macht. +Wenn man auch nur die Pferde wechselt, ohne das geringste zu verzehren, +so bleibt diese Hoeflichkeit sich dennoch gleich: Wirt und Wirtin +begleiten die Reisenden an den Wagen, danken fuer die erzeigte Ehre +und bitten, bald wieder zu kommen. Freilich haben die Wirte auf jeden Fall +einigen Nutzen von den Reisenden, da sie die Post fuer eigene Rechnung +bedienen. + +Je weiter man in's noerdliche England dringt und sich Schottland naehert, +je mehr nimmt diese Aufmerksamkeit der Wirte zu, verbunden mit +einer Art Kordialitaet, die unangenehm auffaellt. Der Wirt bringt immer +die erste Schuessel auf den Tisch, sei sein Gasthof noch so gross +und ansehnlich; ihm folgt seine Frau, selbst alle Kinder des Hauses, +die nur einigermassen sich dazu schicken, folgen dem Alter nach +in Prozession, alle bringen etwas; oft sahen wir zuletzt so einen +kleinen goldlockigen Cherub von drei, vier Jahren geschaeftig mit +einem Pfefferbuechsen dahergetrippelt kommen. Die Aufwaerter, Waiters, +scheinen Fluegel zu haben, so schnell kommen sie auf jeden Klingelzug, +und in allen Zimmern haengen gute, gangbare Klingeln, welche +der reisende Englaender nach Herzenslust handhabt. + +So wie es keine aufmerksameren Wirte gibt, so gibt es auch keine +viel verlangerenden Gaeste als in England. Das Wirtschaftswesen +wird aber gewissermassen fabrikmaessig betrieben: jeder hat sein +Departement, und so geht alles in schneller Ordnung. Die Pferde +besorgt der Stallknecht, Hostler genannt, hat aber wohl im Stalle +seine Untergebenen zum eigentlichen Dienste, denn er selbst sieht +zu elegant dazu aus; er nimmt nur die Befehle der Fremden an +und fuehrt die Pferde vor. Dann ist noch der Stiefelwichser; dieser, +gewoehnlich der pfiffigste und gescheiteste vom ganzen dienenden Personal, +wird schlechtweg Boots, Stiefel, gerufen, und ist eine sehr +wichtige Person im Hause. Er besorgt gewissermassen die auswaertigen +Angelegenheiten, bestellt Kommissionen, fuehrt die Fremden im Orte herum +und gibt von allem Rede und Antwort. Unaufhoerlich hoert man in +einem ganz eigenen, hellklingenden Fistelton durchs ganze Haus +"Boots!" rufen, und immer ist er zur Hand. + +Abends beim Zubettegehen wird jedesmal das Kammermaedchen, Chambermaid, +gerufen, sie erscheint im feinen kattunenen Kleide, mit einer +schneeweissen Musselinschuerze, einem artigen Spitzenhaeubchen, kurz, +so nett und damenhaft gekleidet als moeglich. Ihr Amt ist, den Fremden, +ohne Unterschied der Person und des Geschlechts, einen Nachttischleuchter +mit einem Wachslicht anzuzuenden, ihn in's Schlafzimmer zu fuehren +und zuzusehen, dass es ihm an keiner Bequemlichkeit mangle. +Dies geschieht jeden Abend, und wenn man Monate lang im Haus verweilte. + +Beim Abschiede erscheinen dann Waiter und Hostler und Boots, +ganz zuletzt noch bittet die Chambermaid mit einem artigen Knicks, +ihrer nicht zu vergessen, don't forget the Chambermaid. Man gibt +diesen Leuten nicht viel, wenn man die Teuerung des Landes bedenkt, +und man gibt gern, denn man wurde gut bedient. Nach dieser Digression +kehren wir zurueck nach Catterick Bridge. + +Krankheitshalber mussten wir einige Tage dort verweilen und wurden +gewartet und gepflegt, als waeren wir unter Bekannten und Freunden. +Die Wirtin, Mistress Ferguson, wich nur aus dem Krankenzimmer, +wenn ihre Geschaefte es notwendig machten; ihr Mann ritt selbst +nach dem vier Meilen entlegenen Staedtchen Richmond, um den Apotheker +des Orts zu holen, und der Sohn des Hauses, ein Landgeistlicher +aus der Nachbarschaft, schleppte seine halbe Bibliothek herbei, +um Kranken und Gesunden Unterhaltung zu verschaffen. Der Apotheker +war ein vernuenftiger, guter Arzt, und das Uebel wich seinen +Heilmitteln bald. + +In ganz England sind die Apotheker die am meisten gesuchten Aerzte; +man nennt sie auch Doktor. Besuche der eigentlichen Aerzte werden, +ausser bei reichen vornehmen Kranken, nur bei sehr grosser Gefahr gefordert. +Sie sind zu kostbar: weniger als eine Guinee dar man keinem +fuer jede einzelne Visite bieten. Diese wird ihnen gewoehnlich +jedes Mal beim Abschiednehmen in die Hand gedrueckt. Eine Konsultation +des Arztes in seinem eigenen Hause kostet die Haelfte. Die Apotheker +werden ungefaehr wie die Aerzte in grossen deutschen Staedten bezahlt. +Uebrigens wimmelt's nirgends so von Quacksalber wie in England; +dies bezeugen die oeffentlichen Blaetter, deren groesste Haelfte +aus Ankuendigungen von Arkanen besteht. + + + +Richmond + +Gaenzlich hergestellt kamen wir nach Richmond, einer kleinen Landstadt, +am Abhange eines Felsens erbaut. Die Ruinen des uralten Schlosses +Richmond, von welchem die jetzigen Herzoege von Richmond zwar +den Namen fuehren, aber keine fuenfzig Pfund Einnahme haben, stolzieren +hoch auf dem Gipfel desselben ueber die Stadt. Letztere liegt +hoechst malerisch, und die Ruinen der sie umgebenden alten ehemaligen +Waelle gewaehren eine weite herrliche Aussicht. Wald, Wiese, +huebsche Landhaeuser, Gaerten, Doerfer, kleine fruchtbare Anhoehen wechseln +auf eine unbeschreibliche anmutige Weise ringsumher, und ein Strom, +ueber den eine steinerne Bruecke fuehrt, belebt das Ganze. Jeder Schritt +entdeckt neue Schoenheiten; der wilde Fels, auf dem Schloss und Stadt +erbaut sind, bildet einen wunderbaren Kontrast mit den lieblichen +Umgebungen. Die Ruinen, zwar in einem ganz anderen Geschmack und +weniger praechtig als die von Fountains Abbey, zeugen dennoch +von ehemaliger Groesse und gesunkener Herrlichkeit. Sie werden gar nicht +unterhalten und drohen stuendlichen Einsturz, zur grossen Gefahr +fuer die an ihrem Fusse liegenden Wohnhaeuser. Ein einziger Turm +steht erhalten da, alles uebrige sind nur hohe, ueppig mit Efeu bewachsene +Mauern. Die Abteilungen der Gemaecher sieht man noch deutlich und +die hohen Bogenfenster, aber das Dach fehlt gaenzlich; Regen und Wind +haben ueberall freien Zugang. + + + +Aukland, Durham, Sunderland und Newcastle + + +Von Richmond nach Aukland kamen wir in wenigen Stunden; es ist der Sitz +des Bischofs von Durham. Sein Wohnhaus, ein grosses gotisches Gebaeude, +zwar recht nett, aber doch ganz buergerlich und einfach moebliert, +zeigt keine Spur geistlicher Pracht, alles ist, so wie es sich eigentlich +fuer einen solchen Oberhirten schickt. Der zu dem Hause gehoerige Garten +ist in Hinsicht der darauf verwendeten Kunst kaum nennenswert, +aber von Natur eines der schoensten, lieblichsten Fleckchen der Erde. +Er vereinigt Fels und Wald; ein rauschender Fluss stuerzt bald gaukelnd, +bald unwillig ueber wildes Gestein, das sich ihm vergeblich in den Weg +wirft. Unendlich viel Schoenes koennte hier mit Geld und Geschmack +hervorgebracht werden, und doch, wenn man diese ungeschminkte Natur sieht, +muss man unwillkuerlich wuenschen, dass alles so bleibe, wie es ist. + +Wir fuhren durch den grossen, sehr angenehmen Park nach der Stadt Durham. +Sie ist eine der aeltesten, wenngleich nicht der groessten in England +und liegt sehr malerisch in einem reizenden, von fruchtbar angebauten +Bergen umgebenen Tale. Den folgenden Morgen gingen wir ueber Sunderland +nach Newcastle. + +Sunderland ist wegen einer eisernen Bruecke, der groessten in England, +sehr merkwuerdig. Ein einziger ungeheurer Bogen woelbt sich hundert Fuss hoch +ueber die Flaeche des Wassers, so dass ein Schiff, ohne die Masten umzulegen, +darunter hinsegeln kann. Nie sahen wir Zierlichkeit und Staerke so vereint. +Wie ein Zauberwerk scheint die Bruecke in der Luft zu schweben. +Nur der Bogen, auf welchem sie ruht, und die Gelaender, die sie an beiden +Seiten einfassen, sind von Eisen, sie selbst ist von Stein. + +Auf einem bequemen Platze unter der Bruecke konnten wir den Mechanismus +derselben recht betrachten. Sechs nebeneinander parallel hinlaufende +Bogen vereinigen sich zu einem Ganzen. Jeder dieser Bogen besteht +aus einer dicken eisernen Stange, die auf einer Menge nebeneinander +aufrecht gestellter, ebenfalls eisernern Ringe ruht, von welchen jeder +fuenfzehn Fuss im Diameter haelt. Diese Ringe ruhen unten wieder auf +einer der oberen aehnlichen Stange; verschiedene Eisen sind symmetrisch +angebracht, um die sechs Bogen nebeneinander zu verbinden. Das Ganze +liegt an beiden Enden auf zwei mehr als armdicken eisernen Querstangen, +die aber inwendig hohl sind. + +Der zierliche Anblick dieses Kunstwerks ist unbeschreiblich; +augenscheinlich sieht man, wie viel mehrere schwache Kraefte vereinigt +tragen koennen. Wenn auch etwas an diesen Bogen durch Zeit oder Gewalt +zerstoert wuerde, so bleibt doch immer genug uebrig, das Ganze zu erhalten, +und man moechte fast behaupten, es koenne nie sehr baufaellig werden, +weil man mit leichter Muehe jedem kleinen Schaden bald abhelfen kann. +Es wohnt hier ein eigener Waechter neben der Bruecke, der darauf zu sehen hat, +dass sie immer im Stande erhalten werde. Man hat einen auch in Deutschland +bekannten grossen Kupferstich, welcher den Kunstbau dieser wahren Wunderbruecke +sehr gut und deutlich darstellt. + +In Newcastle, wohin uns jetzt unser Weg fuehrte, fanden wir nichts zu tun +als auszuschlafen. Die Stadt ist ziemlich gross, hat neben vielen +engen und winkligen auch einige huebsche Strassen und ist, besonders +wegen des Steinkohlenhandels, fuer Grossbritannien sehr wichtig. +Aber alles hat auch das Ansehen und den Geruch dieses Geschaefts und +also fuer den bloss zum Vergnuegen Reisenden wenig Einladendes. + + + +Alnwick Castle und Berwick + + +Alnwick, diesen alten Sitz der Herzoege von Northumberland, erreichten wir +einige Stunden, nachdem wir Newcastle verlassen hatten. Der Anblick +dieses Schlosses aus der Ferne versetzte uns zurueck in laengst +vergangene Tage, wir glaubten eine Burg aus jenen Zeiten vor uns +zu sehen, in welchen das Faustrecht noch galt, und jeder gegen +feindliche Nachbarn mit eigener Kraft sich zu schuetzen suchen musste. +Die wunderbare Erhaltung dieses grossen altertuemlichen Gebaeudes, +an welchem durchaus nichts Verfallenes oder Ruinenartiges zu erblicken war, +fiel uns vor allem auf. Die durchaus altertuemliche Burg mit +ihren runden Ecktuermen, ihren mit Schiessscharten versehenen Ringmauern, +ihren Brustwehren, ihren Toren, ihren ueber dem Schlossgraben fuehrenden +Zugbruecken, schien wie durch ein Wunder der Gewalt der Elemente +wie der gegen sie anstuermenden Feinde Jahrhunderte lang auf unbegreifliche +Weise getrotzt zu haben. + +Es war eine Taeuschung, aber die gelungenste, die uns in dieser Art +jemals vorgekommen ist. + +Alnwick Castle [Fussnote: eines der schoensten Feudalschloesser Englands, +letzte, weitgehende Restaurierung im 19. Jahrhundert; durchaus nicht +"ganz modernen Ursprungs", sondern nur oft und manchmal recht +ungluecklich restauriert] ist ganz modernen Ursprungs und verdankt seine +altertuemliche Gestalt nur der seltsamen Laune des Herzogs von Northumberland. +Auf den Zinnen der Mauer und der Tuerme stehen alte Krieger in +drohender Stellung, von Stein gehauen, in Lebensgroesse. So viel wir +von unten davon urteilen konnten, sind diese Figuren recht gut gearbeitet. +Ueber jedem Tor steht einer davon in gebueckter Stellung, mit beiden Haenden +einen grossen Stein haltend, als waere er im Begriff, den Eintretenden +damit zu zerschmettern. Die Idee kann man eben nicht gastfreundlich +nennen; aber diese ganze Verzierung, so wunderlich und einzig in ihrer Art +sie ist, macht einen grossen Effekt. Von weitem glaubt man fast, +die Geister der alten Krieger, die einst hier hausten, waeren zurueckgekehrt +und wollten der Neugier den Eintritt in ihr Heiligtum wehren: +in so drohender mannigfaltiger Bewegung und Gebaerde stehen sie da. +Auch sind sie nicht so harmlos, als man denken moechte. Mancher dieser Helden +kam schon ungerufen herunter, wenn es ihm oben zu windig ward, +und richtete auf der Erde Schaden und Unfug an. + +Das Innere der Burg ist ebenfalls im Geist der Vorzeit gehalten: +hohe gewoelbte Zimmer mit Bogenfenstern voll kuenstlicher gotischer Verzierungen +und Schnoerkeln, ungeheure Pfeiler und Mauern, lange sich durchkreuzende +Galerien, dunkle, krumme Gaenge wuerden ein sehr schauerliches Ganzes +machen, waeren die Zimmer nicht mit hellen Farben heiter und lustig +aufgemalt. Indessen glauben wir doch, dass einer der englischen +Schauerromane, einsam um Mitternacht hier gelesen, seine Wirkung +nicht verfehlen wuerde. + +Wir eilten fort, hinaus in den freundlichen Sonnenschein, in den artigen, +die Burg umgebenden, ganz modernen Garten, zu den wohl angelegten +Treibhaeusern, in welchen wir uns zu unserer Freude, da der Herzog +nicht da war, mit Weintrauben und Melonen fuer die Reise versorgen konnten. +Den Park, der sich eben durch nichts von anderen Parks auszeichnet, +sahen wir nur von weitem aus den Fenstern der Burg. Man wollte uns +nicht erlauben hindurchzufahren, was doch bei anderen Parks selten +Schwierigkeit findet. + +Jetzt fuehrte der Weg laengs der Kueste des Meeres, das wir fast nie +aus dem Gesichte verloren, nach der uralten Stadt Berwick, an der +aeussersten Spitze Northumberlands. + +In Northumberland, besonders in Berwick, der letzten englischen Stadt, +fiel uns die Sprache der Einwohner auf. Das wunderliche allgemeine +Schnarren, womit sie den Buchstaben R aussprechen, und die vielen +ganz unbekannten Provinzialausdruecke, welche sie einmischen, machten, +dass wir Muehe hatten, sie zu verstehen. Schon nach Newcastle +spricht man das Englische sehr fehlerhaft, fast wie plattdeutsch aus. + + + +SCHOTTLAND + + +Die Fahrt von Berwick nach Edinburgh, vierundfuenfzig englische Meilen, +fast immer im Angesichte des Meeres, waere allein die Reise wert; +von so seltener, wunderbarer Schoenheit ist die Gegend, aber deshalb +wohl umso unbeschreibbarer. + +Bis dicht hinab an die Wellen der Kueste bebaut wie ein Garten: +Kornfelder, Wiesen mit Herden bedeckt, Obst- und Gemuesegaerten +wechseln, alles in der Pracht der ueppigsten Vegetation. Dazwischen +kleine Gehoelze, duftende, bluehende Hecken, und in ihrer Mitte Doerfer, +die umso malerischer erscheinen, da sie schon ein laendlicheres +Ansehen haben und nicht, wie die englischen, kleinen Staedten aehnlich +sind. Das Land ist nicht bergig, aber auch nicht flach; wellenfoermig +erhebt es sich zu kleinen Anhoehen und sinkt wieder zu lieblichen +Gruenden hinab. Freundliche, einzelne Landhaeuser liegen ueberall zerstreut, +ehrwuerdige, efeubewachsenen Ruinen der Vorzeit erheben ihre alten Mauern +und zeugen von vergangener Groesse. Und nun noch der Anblick des Meeres, +dieses ewig wechselnden Elements, das jeder Gegend, auch der oedesten, +Leben gibt! + +Kleine Inseln mit Leuchttuermen, entfernte blaue Felsen, die zackig +und wild am Horizonte sichtbar werden, alles, alles vereint sich hier, +um ein Ganzes voll wunderbarer Schoenheit zu bilden. Zwei Lager (Fussnote: +in England befuerchtete man eine Invasion der Franzosen], +jedes von ungefaehr dreitausend Mann, die eben hier die Kueste bewachen, +kontrastieren mit der laendlichen Anmut rings umher. Der Anblick +dieser Krieger, ihre Zelte, ihre glaenzenden Waffen und Uniformen, +brachten ein neues, fremdes Leben in diese entzueckende Gegend. + +Schon hier, so nahe an der englischen Grenze, fiel uns der Unterschied +zwischen dem englischen und schottischen Volke merklich auf. +Freundliches, gutmuetiges Zuvorkommen, Treuherzigkeit, verbunden +mit grosser, aber froehlicher Armut, erinnerte uns immer an die Bewohner +deutscher Gebirge. Schuhe und Struempfe, ohne welche man in England +keinen Bettler erblickt, sind hier schon hoher Luxus. Die arbeitende +Klasse und der groesste Teil der Kinder, selbst wohlhabender Eltern, +laufen Sommer und Winter barfuss; vielleicht geschieht dies fast +ebenso oft aus Gewohnheit als aus Armut; aber es faellt sehr auf, +wenn man aus England kommt, wo dergleichen unerhoert ist. + + + +Edinburgh + + +In keinem der vielen schoenen Gasthoefe dieser Stadt konnten wir unterkommen. +Es waren eben die letzten Tage der Woche, in welcher dort alljaehrlich +Pferderennen gehalten werden. Wir fanden alles vollgepfropft von Fremden, +die teils jenes edle Vergnuegen, teils die es begleitenden Lustbarkeiten, +das Theater, die Baelle, Konzerte und tausend andere Freuden +herbeigezogen hatten. Da wir bald eine artige Wohnung bei einem +Kupferstichhaendler, einem der unzaehligen Mackintoshes, fanden, +waren wir es wohl zufrieden, das Volk einmal in seiner Nationalfreude +zu sehen. + +Die Stadt Edinburgh, von betraechtlicher Groesse, ist eine der schoensten +und haesslichsten Staedte zugleich und verdient in dieser Hinsicht +mit Marseille verglichen zu werden. Die Altstadt, ein grauen- und +ekelerregender Klumpen alter, schmutziger, den Einsturz drohender Haeuser, +die anscheinen ohne Ordnung in engen, winkligen Strassen an- und +uebereinandergeworfen zu sein scheinen; die neue Stadt dagegen wetteifernd +mit den schoensten Staedten Europas. Edinburghs ganze Lage ist einzig +in ihrer Art, von hoher romantischer Schoenheit. + +An den Seiten eines hohen Felsens, der sich an eine lange, majestaetische +Reihe anderer Felsen anschliesst, liegen die Haeuser der alten Stadt, +wie Schwalbennester angeklebt, unter- und uebereinander; einige +dieser Haeuser haben, von einer Strasse aus gesehen, zehn Stockwerke, +waehrend sie von der anderen Seite deren nur zwei oder drei zaehlen, +und man aus dem vierten oder fuenften Stock der niedriger liegenden +Seite auf der hohen geraden Fusses ins Freie in eine andere Strasse geht. +Wie krumm, wie eng, wie winklig der groesste Teil dieser Strassen ist, +laesst sich schwer beschreiben. Einige derselben fuehren steile und +hohe Berge hinauf und hinab, auf die allerbeschwerlichste Weise. +Auf den hoechsten Gipfel dieser Felsenkette thront die uralte Wohnung +der schottischen Koenige, das Kastell, hoch ueber den Haeusern +der uebrigen Einwohner. Eine tiefe Kluft, aus welcher jene Felsen steil, +fast senkrecht emporsteigen, trennt die alte Stadt von einer Anhoehe, +auf welcher die neue Stadt erbaut ist. Einige schoene steinerne Bruecken +fuehren hinueber und vereinigen beide Staedte. Tief im Abgrunde +sieht man von einer dieser Bruecke Strassen, die dort unten liegen, +wie im Erebus, denen Sonne und Mond fast nie scheinen, und deren Daecher +noch lange nicht bis zu der Grundlage der Bruecke hinaufreichen. +Die Menschen, die dort wandeln, erscheinen, von oben gesehen, +wie Gnomen. Es ist unbegreiflich, wie man im Angesichte der schoenen, +neueren Stadt diese unfreundlichen Wohnungen ertragen kann. +Nur ein Teil dieser Kluft ist bebaut, der uebrige wird zum Teil +als Viehweide benutzt, zum Teil liegt er steinig und unfruchtbar da. + +Die neue Stadt kann sich in Hinsicht der Regelmaessigkeit und Breite +der wohlgepflasterten, mit breiten Fusswegen auf beiden Seiten +versehenden Strassen mit den schoensten Staedten Europas messen; +in Hinsicht der Schoenheit, der Soliditaet und des guten Geschmacks +der aus Quadersteinen erbauten Wohnhaeuser uebertrifft sie solche vielleicht. + +Wie in London gibt es auch hier grosse Plaetze, umgeben von schoenen +Gebaeuden, und in ihrer Mitte einen mit eisernem Gelaender eingefassten +artigen Garten oder einen schoenen Grasplatz. Fast alle Strassen +bieten Aussicht auf's Meer. Dieses grosse, ewig wechselnde, ewig neue +Schauspiel erhaelt hier noch durch eine Menge kleiner, zerstreut +liegender Inseln neuen Reiz. Ferne, blaue Berge begrenzen von +der einen Seite die grosse Perspektive, die von der anderen sich +in's Unendliche ausbreitet. + +Unvergesslich bleibt uns ein Abend, den wir in Princes Street bei einem +unserer Bekannten zubrachten. Diese, eine englische Meile lange Strasse +besteht nur aus einer Reihe sehr schoener Haeuser; gegenueber begrenzt eine +eiserne Balustrade jene Kluft, welche die alte Stadt von der neuen +scheidet, und welche, gerade hier unbebaut, Kuehen und Ziegen zur Weide +dient. Senkrecht steigen daraus die ganz nackten Felsen empor, wild, +zackig, in schoenen, wechselnden Formen. Hoch liegt die alte Koenigsburg +und andere alte Gebaeude; ueber ihnen droht, von blauen Nebeln umwoben, +Koenig Arthurs Sitz, ein wunderbar geformter Fels, fast wie ein Thron +gestaltet. Von ihm erzaehlt sich das Volk manche schauerliche Sage der +Vorzeit. In seiner Naehe erblickt man auf einem anderen Felsen die Ruine +eines alten Schlosses, in welchem die unglueckliche Maria Stuart von +ihrem eigenen Volke gefangen gehalten ward, ehe sie nach England in den +Tod ging. Das Meer begrenzt die Aussicht am Ende der Strasse. Hier sahen +wir die sinkende Sonne die Spitzen der Felsen roeten, spaeter den Mond die +Wellen des Meeres versilbern, und schieden mit der Ueberzeugung, dass +nicht leicht eine andere grosse, volkreiche Stadt uns ein aehnliches +Schauspiel darbieten wird. + +Die dritte Abteilung von Edinburgh ist Leith. Eigentlich eine Stadt +fuer sich, aber, fast mit Edinburgh zusammenhaengend, kann sie doch +dazugerechnet werden. Leith liegt in der Tiefe, hart am Hafen, +in einer niedrigen, etwas sumpfigen, unangenehmen Lage. Hier sind +die Schiffswerften, Magazine, Comptoire und die Wohnungen derer, +die mit allen diesen Dingen sich beschaeftigen. Hier gibt's des Draengens, +Stossens, Treibens genug. Leith ist nicht so bergig, aber fast so haesslich +als die Altstadt Edinburgh; die Strassen sind voll Gewuehl und Getuemmel; +wir waren froh, bald zu entkommen. + +Das schoenste Gebaeude in Edinburgh ist das Register Office; es dient +zu mannigfaltigen oeffentlichen Zwecken. In einer durch eine Kuppel +von oben erleuchteten Rotunde sahen wir hier die marmorne Statue +des Koenigs Georg des Dritten. Mrs. Damer, eine Dame von Stande +in London, hat sie der Stadt geschenkt, und, was das Merkwuerdigste +dabei ist, sie hat sie selbst verfertigt. Man muss ihren guten Willen ehren, +die Statue selbst ist ein unfoermiges Machwerk. + +Das Kastell ist ehrwuerdig durch seine ehemalige Bestimmung, sein Alter +und seine imposante Lage, hoch auf dem Gipfel des Felsens. Holyrood House, +die Residenz des Koenigs von Grossbritannien, wenn er einmal nach Edinburgh +kommen sollte, ist ein grosses, ganz gewoehnliches altmodisches Schloss, +welches sich auf keine Weise auszeichnet, aber dennoch dem Palaste +von St. James in London vorzuziehen. Verschiedene Privatpersonen, +denen der Koenig die Erlaubnis dazu gab, bewohnen es jetzt; auch war es +die Residenz des Grafen Artois, spaeterhin Koenig Karl der Zehnte. +Die Wohnungen im Schlosse und dem es zunaechst umgebenden Bezirke +haben das Vorrecht, dass niemand schuldenhalber darin arretiert +werden kann. Sie werden deshalb sehr gesucht, besonders, wie man uns +versicherte, vom schottischen Adel. + +Graf Artois [Fussnote: als Karl X. Koenig von Frankreich (1824-30). Er +gruendete nach dem Sturm auf die Bastille mit dem Prinzen Conde die +Emigration. In dieser Eigenschaft fuehrte er mehrere Feindhandlungen +gegen Frankreich. Von 1795-1813 lebte er im englischen Exil von einer +Pension, die ihm das englische Parlament bewilligt hatte.] lebte hier, +soviel moeglich wie weiland zu Versailles. Zweimal die Woche speiste er +oeffentlich, allein, wie es die Etikette fordert. Dreimal die Woche hielt +er Lever vor einem Hofe von Emigranten, die er um sich versammelte. Wir +sahen seine Zimmer; sie sind so ganz buergerlich einfach, dass sie ihn +doch oft an die Vergaenglichkeit aller irdischen Dinge erinnert haben +muessen. Uns waren nur drei Gegenstaende darin merkwuerdig: das Bildnis der +Tochter Ludwigs des Sechzehnten, das ihrer Tante, der Prinzessin +Elisabeth, und eine Aussicht auf Malta, welche diese unglueckliche Dame +zu Paris im Temple [Fussnote: hier wurden die Mitglieder des Koenigshauses +gefangengehalten] malte, und hoffentlich so, unterm Schutze der ewig +heiteren Kunst, wenigstens einige Stunden den grossen Schmerz vergass, der +schwer auf ihr lastete. + +Bei aller romantischen Pracht und Schoenheit eignet sich die Lage +Edinburghs dennoch wenig zu Spaziergaengen. Es fehlt in der Naehe +an Schatten, an laendlicher Lieblichkeit; doch findet man auch diese, +wenn man sich nur die Muehe geben will, sie ein oder zwei Stunden +weit aufzusuchen. + +Das Pferderennen, das man wohl den Karneval der Briten nennen darf, +erfuellte waehrend der ersten Tage unseres Aufenthalts daselbst die ganze +Stadt Edinburgh mit ungewoehnlichem Leben. Die Vergnuegungen jagten +einander in dieser Woche. Sonst lebt man hier stiller, einfacher als in +London, mehr ein Familienleben auf deutsche Weise. Die Kinder werden +nicht, wie es dort durchaus gewoehnlich ist, in Pensionen erzogen, sie +wachsen im Hause unter den Augen der Eltern heran. + +Die aeussere Froemmigkeit und besonders die Feier des Sonntags wird hier +noch strenger beobachtet als dort. Einer unserer Bekannten, welcher uns +an einem Sonntagmorgen zu einer Spazierfahrt abholte, schloss sorgfaeltig +die Jalousien an seinem Wagen, solange wir in der Stadt fuhren; weil er +sich scheute, den Leuten, die in die Kirchen gingen, zu zeigen, dass er +in einer Stunde spazieren fahre, welche eine so heilige Bestimmung hat. +Am Sonntagmorgen werden alle musikalischen Instrumente, alle Buecher, die +nicht religioesen Inhalts sind, alle Spielkarten, alle Handarbeiten, auch +die unbedeutendsten, sorgfaeltig weggeschlossen, damit auch selbst ihr +Anblick nicht stoerend werde. Jedermann geht in die Kirche und haelt +Andachtsuebungen zu Hause, wobei die Hausgenossen bis auf die geringsten +Bedienten erscheinen muessen. Jede Ergoetzung ist hoch verpoent; den Herren +bleibt nur die Flasche, bei der sie an diesem Tage noch laenger als sonst +nach Tische verweilen, und den Damen der Teetisch. + +Zuvorkommende, gutmuetige Freundlichkeit und ein gewisses treuherzig- +froehliches Wesen unterscheiden den Schotten merklich vom Englaender. +Man achtet hier die Fremden mehr als in England, ist bekannter +mit ihren Sitten und Gebraeuchen; denn Armut zwingt den Schotten oft, +in der weiten Welt ein Fortkommen zu suchen, und er sucht es +lieber recht fern, als in England, wo man sein geliebtes Vaterland +mit ungerechter Verachtung betrachtet. Der groesste Teil der +in Deutschland und anderen Laendern angesiedelten Briten sind +eigentlich Schotten. + +Froemmigkeit, Ehrlichkeit, Arbeitsamkeit ist der Charakter des Volks +im allgemeinen; dazu eine ungemessene Liebe zu ihrem Lande, +zu ihrer vaterlaendischen Literatur. Mit ihr, wie mit den Alten, +ist jeder bekannt, der nur auf Bildung einigen Anspruch macht. +Sie hegen hohe Ehrfurcht vor allem, was auf ihre ehemaligen besseren +Tage hindeutet. Maria Stuart hat hier noch unzaehlige warme Verehrer, +und jede Reliquie, die von ihr uebrig ist, wird wie ein Heiligtum +betrachtet und sorgsam vor dem Untergang geschuetzt. + +Die bildende Kunst will unter britischem Himmel nicht recht gedeihen; +doch dass sie wenigstens nicht immer dort nach Brote geht, +davon fanden wir den Beweis bei einem wirklich ausgezeichneten Kuenstler, +mit Namen Reaburn. Wir besuchten ihn in seinem eigenen, elegant +gebauten und moeblierten Hause, in welchem er mit seiner Frau und +vier Kindern auf einem sehr angenehmen Fuss lebt. Ein aehnliches Landhaus +besitzt er vor der Stadt, und alles dieses erwarb ihm sein Pinsel, +denn er war ohne Vermoegen. Freilich hat er einen Kunstzweig erwaehlt, +der wohl nirgends so belohnt werden wuerde als in Grossbritannien; +er malt Pferde, aber so wunderschoen, mit solcher Wahrheit, dass selbst +ein nicht englisches Auge davon entzueckt werden muss. Auch menschliche +Portraets gelingen ihm mit ziemlichem Glueck, aber die Konterfeis +der vierfuessigen Lieblinge manches reichen Lords haben eigentlich +doch sein Glueck und seinen Ruhm gegruendet. In einem grossen, +von oben erleuchteten Saale, den er sich zu diesem Zwecke erbauen liess, +sahen wir viele seiner Gemaelde im schoensten Lichte mit wahrer Freude. + + + +Pferderennen + + +Das Pferderennen, welches so viel Fremde in Edinburgh versammelt hatte, +konnten wir nicht unbesucht lassen; wir wohnten noch den beiden +letzten und daher wichtigsten bei. Gewoehnlich werden sie an anderen +Orten auf einer dazu eingerichteten grosse Wiese gehalten, hier aber +hat man, wunderlich genug, das Ufer des Meeres bei Leith dazu erwaehlt, +eigentlich die sandige Flaeche, von welcher sich das Meer zur Zeit +der Ebbe zurueckzieht. Darum muss die Stunde genau abgepasst werden. +Uns schien die Expedition nicht ganz ohne Gefahr. Sollte den +alten Poseidon einmal eine Laune anwandeln und er schickte seine Wogen +etwas frueher zurueck, so moechte wohl die Katastrophe des Koenigs Pharao +im Roten Meere nochmals wiederholt werden, und Edinburgh waere mit +einem Male veroedet, denn niemand bleibt bei diesem wichtigen Vorgange +zu Hause, wenn er nicht muss. Uns kann das ganze Vergnuegen etwas +wunderlich vor. + +Auf dem nassen, pfuetzenreichen Sande, wo es unbegreiflich ist, +wie die Pferde festen Tritt haben koennen, und der noch obendrein +wie ein Fischmarkt riecht, ist ein Platz mit Schranken von Stricken +umgeben. Alte, invalide Soldaten stehen ringsumher und halten +auf Ordnung. An einem Ende dieses Platzes sitzen die Kampfrichter, +auf einem hohen, mit Faehnchen verzierten Gerueste, gravitaetisch +wie Rhadamant mit seinen Kollegen; die Helden des Tags, die Pferde, +stehen daneben. Eine unzaehlige Menge Menschen umgibt den Platz. +Auf die Daecher, an die Fenster der benachbarten Haeuser von Leith, +auf die Mauern, auf eigens dazu erbaute Gerueste, auf den Quai +des Hafens, ueberall, wo nur ein Plaetzchen zu finden ist, haben +neugierige Fussgaenger sich hingestellt. Diese bunte, froehliche Menge +gibt, vom Rennplatz aus gesehen, einen sehr huebschen Anblick. +Die Gluecklichen, welche ueber ein Fuhrwerk oder Pferd disponieren +koennen, tummeln sich, in Erwartung des grossen Schauspiels, lustig +auf der Rennbahn herum und geben selbst dem Beobachter einen sehr +belustigenden Anblick. Praechtige, mit Wappen und Grafenkronen verzierte, +mit vier stolzen Pferden bespannte Equipagen und dann Karren +mit einem alten, lebensmueden Gaul davor, Reiter und Reitpferde +jeder Art, alle moeglichen Fuhrwerke, die Luxus und Lust zu fahren, +es sei auf welche Weise es wolle, nur erfinden konnten, fahren und +reiten untereinander herum im buntesten Gewuehl. Alles patscht ohne +Zweck und Ziel die Kreuz und Quer im Schlamme und nassen Sande +lustig darauf los. + +Waehrend der Zeit wird alles ganz genau von den Kampfrichtern untersucht, +damit kein Betrug irgendeiner Art beim Rennen vorgehe. Die Jockeis, +welche schon geraume Zeit vorher sich durch strenge Diaet auf diesen +grossen Tag bereiten mussten, werden sorgfaeltig gewogen; keiner darf +schwerer sein als der andere, deshalb wird dem leichteren das +fehlende Gewicht durch Blei in den Taschen ersetzt. + +Die wettlustigen Zuschauer schliessen indessen ihre Wetten. +Ein Trommelschlag wirbelt durch die Luft, und alles eilt sich, +an den Seiten zu rangieren; jedes strebt, einen guten Platz zum Sehen +zu bekommen, viele Maenner steigen aus den Kutschen hinaus oben +auf die Imperiale, einige Frauenzimmer setzen sich auf den +hohen Kutschersitz neben ihren Kutscher; alles ist in der gespanntesten +Erwartung. Mit dem zweiten Trommelschlage laufen die Renner aus, +man haelt vor Begierde, sie zu sehen, den Atem an, man sieht sie fast +nur einen Moment mit Blitzesschnelle vorueberrauschen und hernach, +auf der entgegengesetzten Seite, ganz in der Ferne. Sie nahen wieder, +rauschen zum zweiten Mal vorbei, sie naehern sich zum zweiten Mal +dem Ziele, und nun reiten alle alten und jungen John Bulls [Fussnote: +Spitzname fuer den Englaender, entnommen einer Satire "History of +John Bull" von J. Arbuthnoth, 1712] auf die halsbrecherischste Weise, +ohne auf irgend etwas zu achten, wie wuetend, hinterdrein, um bei +der Entscheidung gegenwaertig zu sein. Zweimal, ohne anzuhalten, +durchlaufen die Pferde im Kreise die Bahn, und das, welches +das zweite Mal zuerst am Ziele ist, hat gesiegt. + +Der Weg, den die Renner so zuruecklegen, betraegt, genau gemessen, +vier englische Meilen, von denen man fuenfe auf eine deutsche rechnet; +die Zeit aber, die sie darauf zubringen, ist unglaublich kurz. +Sowie das erste Rennen vorueber ist, faehrt und reitet alles wieder +auf dem Platze durcheinander wie zuvor, bis ein neuer Trommelschlag +verkuendet, dass andere Pferde zum Laufen bereit sind, und +die Zuschauer wieder zur Ordnung verweist. Jeden Morgen waehrend +der Woche des Pferderennens werden drei solche Wettlaeufe gehalten. +Nach dem dritten eilt alles sehr befriedigt nach Hause. + +Es ist nicht erfreulich, die Pferde am Ziel anlangen zu sehen; +ermattet, mit Schweisse bedeckt, atmen sie kaum noch, das Blut +stroemt aus ihren von den Sporen zerrissenen Seiten. Auch die Jockeis +sinken fast hin vor Ermattung; das pfeilschnelle Reiten benimmt +ihnen den Atem, sie muessen unaufhoerlich mit der einen Hand vor +dem Munde die Luft zu zerteilen suchen, um nur nicht zu ersticken. + +Die uebrige Zeit des Tages, welche Toilette und die Freunden +der Tafel freilassen, wird in dieser Woche auf mannigfache Weise +hingebracht. Anstalten genug gab es dazu. Wachsfiguren, Seiltaenzer, +unsichtbare Maedchen und ein sehr interessantes Panorama von +Konstantinopel. Naechst dem wechseln abends Baelle, Konzerte und +Assembleen in den, zu diesem Zwecke bestimmten, sehr schoenen Saelen. +Auch ein Vauxhall gibt es hier. Obgleich recht huebsch eingerichtet, +haelt es doch keinen Vergleich mit dem beruehmten Vauxhall [Fussnote: +Londoner Stadtteil mit Vergnuegungspark] in London +aus, das wohl immer das einzige seiner Art bleiben wird. + +Das Theater wird stark besucht und das Publikum darin ist laut, ungestuem +und souveraen herrschend wie in London; das Haus ist nicht gross, aber +sehr huebsch dekoriert, gut erleuchtet und zweckmaessig eingerichtet. Nur +die Schauspieler zeichnen sich auf keine Weise aus; keiner unter ihnen +erhebt sich ueber die Mittelmaessigkeit, und die Schauspielerinnen bleiben +sogar noch weit unter ihr zurueck. + +In dem sehr huebschen Konzertsaale ward ein echt schottisches Konzert +vor einem sehr brillanten Auditorium gegeben. Es war als ein Vokalkonzert +angekuendigt und bestand nur aus drei Singstimmen, begleitet +von einem Pianoforte. Die Saenger gaben den ganzen Abend nur +leichte Romanzen, Lieder und dreistimmige Kanons, hier Glees genannt. +Diese Art Musik ist in England, noch mehr in Schottland, sehr beliebt. +Musik und Text waren ganz schottisch. Letzterer oft aus Ossian entlehnt, +erstere durchaus sanft und klagend, durch Molltoene sich hinwindend. +Manche uralte Melodie ertoente hier und wurde mit heisser Vaterlandsliebe +aufgenommen. Das Ganze waere fuer eine Stunde etwa recht angenehm +gewesen; aber es hatte den Fehler aller Ergoetzlichkeiten in Grossbritannien, +es waehrte zu lange. Das Auditorium war indessen sehr aufmerksam +bis ans Ende; nur einige aeltliche Herren, die sich wahrscheinlich +bei Tische das Wohl der Nation zu sehr zu Herzen genommen hatten, +verfielen in suessen Schlummer und schnarchten ueberlaut den Grundbass +zu dem etwas mageren Akkompagnement des Pianoforte. Die Singstimmen +waren gut und sangen diese einfachen Melodien, wie dergleichen +gesungen werden muessen, schmucklos, richtig und ausdrucksvoll. + +Die laermende Woche war nun vorueber, die Sehenswuerdigkeiten wurden +eingepackt, die Assembleesaele geschlossen, die Fremden reisten fort, +die Einheimischen zogen zum Teil auf ihre Landhaeuser, und alles +kehrte zur gewohnten Ordnung und Stille zurueck. + +Wir blieben noch einige Zeit, um Edinburgh auch in der Ruhe zu sehen +und zu geniessen; dann kam auch der Tag unserer Abreise. Wie wir aus +der Tuer unserer Wohnung traten, hatten wir einen in England ganz +ungewohnten Anblick: eine grosse Anzahl Bettler umlagerte unseren Wagen +bis zur Haustuer; wir mussten unseren Weg von den Soehnen und Toechtern +des Elends erkaufen. Endlich rollten wir fort. Die Morgensonne +roetete das alte Schloss, Koenig Arthurs Sitz, und die Ruinen von +Mariens Gefaengnis. Nochmals blickten wir zurueck auf das spiegelhelle +Meer und eilten nun erwartungsvoll den Hochlanden zu. + + + +Carron, Stirling + +Rasch ging es vorwaerts auf ebenem Wege, durch ein schoen kultiviertes, +nicht sehr bergiges Land. Bald erblickten wir von weitem viele +grosse Gebaeude, mit abenteuerlichen, hohen Schornsteinen. Dicke +schwarze Rauchwolken stiegen aus diesen empor und waelzten sich +verfinsternd ueber die bluehende Gegend; hoch aufspruehende Flammen +blitzten aus dem Dampfe gen Himmel. + +Es waren die beruehmten Eisengiessereien von Carron, denen wir +uns nahten, vielleicht die groessten in aller Welt. Hier werden +Kanonen, Moerser, grosse Kessel und alles moegliche Eisenwerk gegossen. +Seit einigen Jahren wird Fremden der Eintritt in diese Kyklopenwohnung +nicht mehr gestattet, auch uns ward er verweigert. Wir waren +eben nicht unzufrieden darueber, denn auf Reisen sieht man manches, +weil man einmal da ist, ohne Freude und Anteil, aus einer Art +von Pflichtgefuehl, und waere zuweilen gern der Muehe ueberhoben. +Das ganze hat hier, bei aller ungeheuren Groesse, dennoch wenig Einladendes. +Der Steinkohlendampf versetzte uns den Atem, betaeubendes Getoese +und Gehaemmer erscholl aus dem Innern der Gebaeude; ewige Daemmerung +herrscht in diesen Rauchwolken, die weit und breit mit Asche +und Russ Baeume und Pflanzen bedecken und die Vegetation ins Gewand +der Trauer huellen. + +Nicht weit von Carron sahen wir einen grossen Kanal, der die +beiden Stroeme Clyde und Forth verbindet und fuer den inneren Handel +von unbeschreiblichem Nutzen ist. Gegen Abend erreichten wir Stirling. + +Diese ziemlich grosse, lebhafte Stadt wird schon zu den Hochlanden +gerechnet. Jetzt war sie voller Soldaten, und Strassen und Haeuser +umso lebendiger. Ihre Lage am Fusse eines hohen Felsen ist sehr schoen. +Einige Strassen fuehren gerade den Fels hinauf, auf dessen hoechstem +Gipfel ein altes Schloss thront. Jetzt ist es zum Teil zu Kasernen, +zum Teil zu Offizierswohnungen eingerichtet. + +Von der Terrasse vor dem Schlosse genossen wir einer wunderschoenen +Aussicht. Ein breites, fruchtbares Tal lag vor uns in aller Pracht +der hoechsten Kultur, der ueppigsten Vegetation, mit einzelnen +Wohnungen, Doerfern, stattlichen Baeumen wie besaet. In den mannigfaltigsten +Kruemmungen windet der Fluss Forth sich durch die lachende Gegend; +bald geht er vorwaerts, bald kehrt er auf lange Strecken zurueck +und schleicht dann wieder zoegernd weiter, als straeube er sich, +dies Paradies zu verlassen. Eine schoene, steinerne Bruecke, dicht vor +der zu unseren Fuessen liegenden Stadt, macht die Landschaft noch +malerischer. In der Ferne sieht man die Rauchwolken von Carron +wie aus einem Vulkan emporsteigen. Schoene blaudaemmernde Berge +schliessen von zwei Seiten die Perspektive, geradeaus ist sie unbegrenzt. + +Stirling besitzt viele Fabriken, sehr schoene Teppiche aller Art +werden hier gemacht; auch das vielfarbige, gewuerfelte Wollenzeuch, +worin die Bergschotten sich kleiden. Wir besahen eine dieser Fabriken +und waren aufs neue gezwungen, den erfindungsreichen Geist zu +bewundern, welcher in diesem Lande alle Arbeiten auf so mannigfaltige +Weise vereinfacht und erleichtert. Als zuvor noch nie gesehen +bemerkten wir hier eine Maschine, mit welcher ein Maedchen mehr +als fuenfzig Spulen Wolle zugleich abhaspelte. Die Spulen waren +in einem grossen Zirkel nebeneinander befestigt, und der Faden +jeder dieser Spulen an die darueber stehende sehr grosse Haspel +gebunden; das Maedchen setzte mittelst eines Rades die sehr einfache +Maschine auf das zweckmaessigste und mit der groessten Leichtigkeit +in Bewegung. + +Auch die Hunde werden hier zur Industrie gezwungen. Wir sahen +einen sehr schoenen grossen Hund, welcher in einem Rade herumsteigen +musste, wie ein Eichhoernchen, um eine Muehle zur Reibung der Farben +zu treiben. Diese Arbeit schien ihn aber nicht sonderlich zu amuesieren, +er nahm seinen Augenblick wahr und entwischte mit unglaublicher +Behendigkeit, gerade wie er uns seine Kuenste vormachen musste. +Jung und alt lief mit grossem Geschrei hinter ihm her, aber er entkam +gluecklich seinen Verfolgern zu unserer grossen Freude und zum +grossen Leidwesen seines Herrn. + +In Edinburgh wird die Nationaltracht der Bergschotten weit weniger +gesehen als hier in Stirling, wo dieses schon sehr haeufig der Fall ist. +Die Maenner tragen enge, blaue Muetzen, oben mit einer roten Quaste, +bisweilen auch mit einer Feder geziert, mit einem Aufschlage +von rot und weiss gewuerfeltem Zeuch; eine ziemlich lange Jacke +und darunter ein nicht ganz bis zu den Knien reichendes, sehr +faltenreiches Roeckchen oder Schurz von dem bekannten, bunt gewuerfelten, +schottischen wollenen Zeuche. Ein Guertel, in welchem oft eine Art +von Dolch steckt, befestigt diesen Schurz um die Hueften; +auch haengt ein lederner, mit Troddeln gezierter Beutel daran, +in welchem die Schotten Tabak und Geld verwahren. Ihre Fussbekleidung +besteht in rot und weiss gewuerfelten, unten mit einer starken +ledernen Sohle versehenen Struempfen, welche auch nur bis etwa +ueber die Haelfte der Wade reichen; von da an bis ueber das Knie +sind die Beine ganz bloss. Diese Fussbekleidung gibt den Schotten +etwas sehr Fremdartiges; sie sehen damit aus wie die roemischen Soldaten +in der Oper, und die roten Streifen in den Struempfen haben +das Ansehen von uebergeschnuerten roten Baendern. + +Das Hauptstueck ihrer Kleidung, wir moechten sagen, ihres Mobiliars, +ist der Plaid, ein langes breites Stueck von jenem gewuerfelten +schottischen Zeuche, wie ein sehr grosser Shawl. Den Plaid tragen sie +bei gutem Wetter wie ein Ordensband nachlaessig von einer Schulter +zur Huefte vorn und hinten wieder heruebergeworfen. Zuweilen wird er +auf der Schulter quer mit einer grossen silbernen Nadel befestigt. +Diese Art Draperie sieht recht gut aus. Bei Regenwetter oder Kaelte +nehmen sie den Plaid ueber den Kopf und huellen sich ganz hinein; +nachts dient er ihnen auf Reisen statt Huette und Bette, und auch +in ihren Wohnungen schlafen sie gewoehnlich in dem Plaid gewickelt +ohne weiteres auf der Erde oder wo sie Platz finden. + +Die Tracht der Weiber hat nichts Ausgezeichnetes. Auch sie bedienen +sich haeufig jenes schottischen Zeuches, uebrigens gehen sie +sehr aermlich, schmutzig sogar, mit nackten Fuessen, oft in blossen, +kurz geschnittenen Haaren, ohne Haube oder Hut. Die Schottinnen +stehen im Ganzen in Hinsicht auf Schoenheit nicht hinter den Englaenderinnen +zurueck. Sie uebertreffen sie vielleicht; aber in Hinsicht +der Kleidung ist bei der geringeren Klasse, bei den Dienstmaedchen +und den Dorfbewohnerinnen der Unterschied zwischen den Englaenderinnen +und Schottinnen sehr gross. Keine langen Kleider, keine huebschen +Strohhuete mehr, die man in England ueberall sieht. Blosse Fuesse, +schlechte, baumwollene Roecke, unfoermige, bis an die Knie reichende +weite Jacken, bisweilen unter der Brust mit einem Guertel gehalten, +oefter noch lose haengend, weisse Hauben, die tief ins Gesicht gehen +und bis auf die Schultern herabhaengen: dies ist das Kostuem der +aermeren Schottinnen in den Staedten und mit weniger Abweichung +auch auf dem Lande und in den Gebirgen. + +Die Wohnungen, sowohl in den Doerfern, durch die wir jetzt kamen, +als auch die einzeln zerstreut liegenden Huetten, sehen hoechst +aermlich aus. Oft sind sie nur aus aufgetuermten Feldsteinen und +Lehmerde wie zusammengeknetet und haben kaum das Ansehen +menschlicher Behausungen. Wie diese anscheinend grosse Armut +mit der grossen Fruchtbarkeit und Kultur dieses Landstrichs +sowohl als mit der Bildung der Einwohner zu vereinigen ist, +ist uns unbegreiflich. + + + +Perth + + +Von Stirling gingen wir eine Tagereise weiter nach Perth. Diese Stadt +ist nicht klein, hat huebsche grosse Haeuser und schoene breite Strassen +voll lebendigen Gewuehls. Alles sieht wohlhabend aus, denn auch hier +bluehen Handel und Fabrikwesen; besonders beruehmt sind +die grossen Bleichereien von Perth. + +Wie wir aus Stirling abfuhren, erfreuten wir uns noch an mancher +schoenen Aussicht dieser herrlichen Gegend. Allmaehlich verlor nun +das Land an Reiz, doch blieb es noch immer sehr kultiviert und +fruchtbar. In blaeulichem Dufte breitete sich jetzt die Felsenkette +der Hochlande duester vor uns aus; muehselig erklommen wir ein paar +ziemlich hohe Berge, ueber welchen noch hoehere drohten. Der Weg +senkte sich wieder etwas, die Berge zogen sich zurueck und +begrenzten ein liebliches Tal, belebt von dem schoenen Strome Tay, +an dessen Ufern die Stadt Perth erbaut ist. + +Wir machten von Perth aus eine kleine Ausflucht nach Scone Palace, +dem ehemaligen Sitz der schottischen Koenige, wo sich auch +das Parlament versammelte; heutzutage eine Art Rattennest, eher +einer alten Scheune als einem Palaste aehnlich. + +Scone Palace gehoert dem Lord Mansfield, als ein Geschenk Koenig Jacobs +des Zweiten an seine Familie. Der Besitzer wohnt hier immer noch +von Zeit zu Zeit, obgleich das Haus so schlecht ist, dass mancher +Kraemer oder Makler schwerlich zu einem Sommeraufenthalt damit +vorlieb nehmen wuerde. Ein neues Wohnhaus wird jetzt neben +dem alten Gebaeude erbaut, dieses aber mit aller Sorgfalt unveraendert +erhalten, die sein ehrwuerdiges Alter und seine ehemalige +hohe Bestimmung verdienen. + +Man zeigte uns noch manches uralte Zimmer darin, manche verblichenen +Reste ehemaliger koeniglicher Pracht. Das Bette, in welchem Maria Stuart +waehrend ihrer Gefangenschaft in jenem, jetzt in Truemmern liegenden +Schlosse bei Edinburgh wohl oft vergebene Ruhe und Vergessen +ihres Kummers suchte, wird hier wie ein Heiligtum aufbewahrt; +auch eine Stickerei, die sie dort sehr muehsam und fleissig verfertigte. +Mit Silber und Seide hat sie auf einem violett samtenen Vorhang +eine Menge zerstreuter, mannigfaltiger Blumen gestickt; das Dessin +ist steif, die Arbeit eine Art Kettenstich, sehr sauber und zierlich. + +Eine lange, schmale, duestere Galerie diente dem schottischen +Parlamente zum Versammlungsorte; wenn man sie sieht, wird es schwer, +an ihre ehemalige grosse Bestimmung zu glauben, so unscheinbar +ist sie. An der gewoelbten, mit Holz bekleideten Decke bemerkt man +Spuren von Malerei, die auch in ihrem glaenzendsten Zustande +sehr unbedeutend gewesen sein muss. + +In einer alten, abgelegenen Kapelle im Garten, jetzt das Begraebnis +der Familie Mansfield, wurden sonst die Koenige von Schottland gekroent. + +Die Gegend zwischen Perth und Scone Palace ist sehr angenehm +und reich. Auf dem Rueckwege verweilten wir bei einer der grossen +Bleichereien, deren es hier viele gibt. Der Besitzer derselben +war sehr willfaehrig, uns ueberall herumzufuehren. Hier braucht's +der Dampfmaschine nicht, um alle die verschiedenen Triebwerke +in Bewegung zu setzen; das Wasser vertritt ihre Stelle auf eine +weniger kostspielige Weise. Eine Baumwollspinnerei oben im Hause, +das Stampfen der Leinwand und das Glaetten derselben wird durch Wasser +betrieben. Die letztere Behandlung des Leinenzeugs, besonders +des Tischzeugs, schien uns merkwuerdig. Die Waren erhalten hier +einen Glanz, der alles Aehnliche, selbst den schoensten Atlas, +weit uebertrifft. Diesen bringt man dadurch hervor, dass das Stueck +Leinwand vermittelst eines Treibwerkes von einer grossen hoelzernen +Walze auf die andere gerollt wird; diese zwei Walzen haben +eine kleinere von Zinn zwischen sich, an welche sie so eng +anschliessen, dass die Leinwand nur muehsam beim Aufrollen sich +dazwischen durchdraengen kann, und diese Reibung ist es, +welche ihr den vorzueglichen Glanz gibt. + +Wir waren entschlossen, von Perth aus eine Tour durch einen Teil +der eigentlichen Hochlande zu machen. Die Wege in diesen sind, +wenn auch nicht so gut wie im uebrigen Koenigreiche, dennoch +zum groessten Teil fahrbar, seitdem man vor nicht langer Zeit +die sogenannten Militaerstrassen anlegte; aber Posten waren noch +nicht eingerichtet, Pferde ueberhaupt selten; deshalb mieteten wir +welche in Perth fuer die ganze Strecke Weges und reisten +dem Gebirge zu. + + + +Kenmore + + +Durch eine zuerst ziemlich flache, fruchtbare Gegend gelangten wir +in ein Tal von erhabener Schoenheit. Hohe, wilde Felsen umgeben es +von beiden Seiten. So wie der Weg an ihrem Fusse immer in einer +gewissen Hoehe sich hinwindet, oeffnen sich neue, entzueckende Aussichten. +Tief unten rauscht und wogt der ziemlich breite Strom Tay. +Kleine Kornfelder und Baumgaertchen gruenen und bluehen an den Ufern, +zwischen ihnen zerstreuen sich einzelne Huetten. In einem tieferen +Winkel, heimlich zwischen die Felsen gedraengt, sahen wir +ein Doerfchen; Scharen froehlicher Kinder trieben darin ihr +lautes Spiel, die Muetter spannen in den Tueren, die Maenner, +in ihrer romantischen Tracht, waren in den Feldern und Gaerten +beschaeftigt. Das ganze sah sehr fremd aus, und doch wieder so heimisch, +so ruhig und zufrieden. Nachdem wir in einer Faehre ueber den Strom +gesetzt waren, erreichten wir Dunkeld, und fanden gegen unsere +Erwartung einen sehr guten Gasthof in diesem abgelegenen Winkel +der Welt. + +Immer noch am romantischen Ufer des Stroms Tay fuehrte unser Weg +nach Kenmore, einem Doerfchen, arm und klein wie alles in diesem Lande. +Wir fuhren ueber Berg und Tal, zuweilen dicht an Abgruenden hin, +die uns schaudern machten. Bald naeherten wir uns ganz dem Gestade +des Stroms; bald sahen wir ihn voellig aus dem Gesichte; aber immer +fuehrte uns der sich auf mannigfaltige Weise schlaengelnde Weg +wieder in seine Naehe. Ein unnennbar freudiges Gefuehl von Ruhe und +Frieden bemaechtigte sich unser in dieser Stillen Abgeschiedenheit, +wo klare, lebendige Wasser durch fruchtbare angebaute Taeler rieseln +und brausen, von hohen Bergen umfriedet. Diese starrten nicht, +wie die von Derbyshire, rauh und nackt uns entgegen, schoene Waldungen +bekleiden sie, fast bis zum hoechsten Gipfel hinaus, und winken freundlich +dem Wanderer in ihre erquickenden Schatten. + +Der Anblick der armen Huetten, die wir einzeln in den Taelern, am Fusse der +Felsen oder in der Naehe des Stroms zerstreut liegen sahen, wuerde uns +schmerzhaft beruehrt haben, wenn die Bewohner mit ihrem klaeglichen Lose +weniger zufrieden geschienen haetten. Wir sahen grosse Armut, aber nicht +eigentliches Elend. Jede Huette hat ihr kleines Kartoffelfeld, das die +Einwohner naehrt, und einige Ziege und Schafe, von einer besonderen, sehr +kleinen Rasse, fast wie die Heideschnucken auf der Lueneburger Heide, +welche ihnen Milch, Kaese und die notwendige Kleidung gewaehren. + +Die Haeuser in den schottischen Hochlanden sind wohl die schlechtesten +menschlichen Wohnungen im kultivierten Europa; so enge, dass man +nicht begreift, wie eine Familie darin Platz findet, aus rohen Steinen, +oft ohne allen Moertel, nur zusammengetragen. Die Fugen sind mit Moos +und Lehmerde verstopft, Tueren aus Brettern schlecht zusammengeschlagen, +ohne Schloss und Riegel (denn wer sollte hier Diebe fuerchten?), Fenster, +so klein, dass man sie kaum bemerkt, oft sogar ohne Glas. +Die niedrigen Daecher von Schilf, Moos, Rasen, bisweilen auch +aus Holz und Schiefer, haben oft statt des Schornsteins nur eine Oeffnung, +durch welche der Rauch abzieht. Das Innere dieser Huetten entspricht +dem Aeusseren. Menschen und Tiere hausen unter dem naemlichen Dache +friedlich beisammen, nur durch einen schlechten bretternen Verschlag +voneinander getrennt. In dem einzigen Zimmer des Hauses sieht man +deutlich, bei dem fast gaenzlichen Mangel allen Hausgeraets, wie wenig +der Mensch zum Leben eigentlich braucht. Der Fussboden besteht aus +festgetretenem Lehm; der grosse Feuerplatz, dicht auf der Erde, +ohne alle Erhoehung dient zugleich zum Feuerherd und Kamin. Ein an +einer Kette haengender Kessel ueber dem Feuer, einige hoelzerne Schemel, +ein gross zusammengezimmerter Tisch und in der Ecke ein Lager von +Moos oder Stroh: das ist alles, was diese von aller Weichlichkeit +entfernten Menschen zu ihrer Bequemlichkeit haben. + +Das Ansehen der Maenner ist wild, und ihre fremde Kleidung, die so sehr +von jeder anderen europaeischen abweicht, ist zum Teil schuld daran. +Im Umgange verliert sich der Eindruck gaenzlich, den ihr erster Anblick +erregt. Ihr von Luft und harter Arbeit gebraeuntes Gesicht ist +ausdrucksvoll, seine Zuege sind angenehm und regelmaessig. Stiller, +an Trauer grenzender Ernst scheint der Grundton ihres Wesens; +dennoch koennen sie sehr froehlich sein. Sie sind gebildeter, +als man vermuten moechte. Die Geschichte ihrer Vaeter und ihre +Heldengesaenge sind keinem fremd. Fast in jeder Huette, in welcher +wir einkehrten, sahen wir eine Bibel, ein Gebetbuch, auch wohl +irgend eine alte Chronik, aus welchen der Hausvater sonntags die +Seinen erbaut. Winters moegen die Wege den Besuch der Kirchen sehr +erschweren, doch kann gewiss nur die Unmoeglichkeit den frommen Bergschotten +davon abhalten, obgleich die meisten einen sehr weiten Weg dahin +zu machen haben. + +"Wir beten und spinnen!" antwortete mir ein junges, schoenes Maedchen +auf die Frage: "Was tut ihr denn winters, wenn Kaelte und Schnee +euch in euren Huetten gefangen halten?" + +In jedem Hause beinah haengt der Stammbaum der Familie, auf welchen +sie oft mit Stolz blickten; gewoehnlich ist ein horizontal liegender +geharnischter Ritter darauf abgebildet, der oft den Namen +irgend eines alten schottischen, der Fabel halb verfallenen Koenigs fuehrt. +Aus seiner Brust spriesst der Baum, der sich in unzaehlige Aeste verbreitet. +Bekanntlich gibt's nur wenige, aber unendlich zahlreiche Familien +in Schottland, deren Glieder alle einen Namen fuehren, sich in allen +drei Koenigreichen, ja sogar in der ganzen Welt ausbreiten, aber +doch durch ein heiliges Band sich vereinigt fuehlen und dies gewissenhaft +anerkennen, wo sie sich treffen, wenn sie sich treffen, wenn sie sich +auch vorher nie sahen. + +In Kenmore nahm uns abermals ein guter Gasthof auf, umringt von etwa +zwanzig solcher Huetten, wie wir oben beschrieben. Sie machten +das ganze Dorf aus. So klein sind alle Doerfer, die einzelnen Wohnungen +liegen sehr zerstreut, oft meilenweit voneinander. + + + +Killin + + +Eine sehr kleine Tagesreise von Kenmore liegt Killin. Von ersterem Orte +an wurden die Felsen immer hoeher und wilder. Wir fuhren an ihrer Seite +hin, fast immer im Angesichte des Stroms. Dieser ward nun zum See +Loch Tay. Drohende, starre Felsen erhoben sich furchtbar ueber +unserem Haupte, immer hoeher und hoeher uebereinander, waehrend wir +den laengs dem Ufer des Sees sich hinwindenden Weg verfolgten. +Wolken in seltsamer Gestalt umlagerten die hoechsten Gipfel der Berge +und wogten im Winde, kamen und schwanden, alles um uns war feierlich, +gross und einsam. Wir erstiegen, gefuehrt von einem Einwohner des Tales, +den Gipfel eines Berges. Unsere Fuehrer nannten ihn uns Ben Lawers. +[Fussnote: Johanna irrt hier; der hoechste Berg Schottlands und damit +auch Englands ist der 1343m hohe Ben Nevis. Selbst Ben More ist +niedriger als der von Johanna erstiegene Ben Lawers.] +Die Aussicht oben war eine der einsamsten der Welt, wir erblickten +nur andere kahle, schauerliche Felsen und zwischen ihnen dunkle +einsame Taeler. Ben More, der hoechste Berg in Schottland, drohte aus +der Ferne, das Haupt in graue Nebel gehuellt. Herden von jenen +kleinen Schafen, gefuehrt von einem einsamen Knaben, belebten allein +die feierliche Wueste. + +Wir kehrten zurueck zum Loch Tay und erreichten bald Killin, ein einsames, +ziemlich ansehnliches Haus, umgeben von einigen, hart am Ufer des Sees +erbauten Huetten. Die Fluesse Dochart und Lochay fallen hier in den +See und bilden in sanften Kruemmungen kleine Halbinseln. Das Tal, +welches diesen einschliesst, ist so gruen, Baeume und Straeucher wachsen +in so ueppiger Fuelle, wie wir es nimmer in diesem noerdlichen Winkel +der Welt erwarten konnten. Alles ist angebaut wie ein Garten, +kleine wogende Kornfelder wechseln mit Kartoffelbeeten, und +steinerne Einfassungen schuetzen die Felder gegen Beschaedigung durch Tiere +des Waldes und der ueberall weidenden Schafe. Hohe Felsen umgeben +dies liebliche Plaetzchen, als wollten sie es wie ein schoenes Geheimnis +den Augen der Welt verbergen. Lange hielt uns noch die herrliche Aussicht +auf Fels und Tal am grossen Erkerfenster im Gasthofe zu Killin fest. +Sie ist als eine der schoensten in diesem Lande beruehmt, wie unzaehlige +Inschriften, in Prosa und in Versen, an diesem Fenster verkuenden, +und wahrlich, sie verdient diesen Ruhm. + +Der See bildet gerade vor dem Hause eine kleine, wunderschoene Bucht, ein +einsamer Kahn durchschnitt die silberne Flaeche in mannigfaltigen +Wendungen. Baeume und Straeuche spiegelten sich im klaren Wasser, die +Felsen gluehten ringsumher im Abendbrot, die Nebel, welche ewig ihre +Gipfel umwogen, glaenzten wie Purpur und Gold, und aus dem Kahn zu uns +herueber toenten die klagenden Mollakkorde eines schottischen Volksliedes +durch die feierliche Stille der sinkenden Nacht. + +Waehrend wir in stiller Freude an diesem Fenster verweilten, besorgten +unsre treuherzig freundlichen Wirte alles auf's Beste, wessen wir +bedurften. Bald dampfte eine koestliche Lachsforelle auf dem Tisch, +die Beute jenes Fischers, dessen einfaches Lied wir eben belauscht hatten. +Diese Bewohner der schottischen Seen sind von einer ganz eigenen Gattung; +sie verdienten wohl, dass unsere modernen Gastronomen einzig um +ihretwillen Wallfahrten nach Schottland anstellten, denn selbst +die beruehmten Forellen in der Schweiz werden an Vortrefflichkeit +von ihnen uebertroffen. + +Nahe bei Killin, auf dem Wege nach Tyndrum, kamen wir am folgenden Morgen +an einem Wasserfall vorbei. Von einer betraechtlichen Hoehe eilt er +dem stillen Loch Tay zu, wild einherbrausend und schaeumend ueber +abgerissene Felsentruemmer. Seit Jahrhunderten schon glaenzen +seine Tropfen gleich Traenen auf den gruenbemoosten Steinen eines +ganz nahen Heldengrabes der Vorzeit, und sein Rauschen ertoent wie +der Nachhall der Bardenlieder, die einst hier, mit ihm wetteifernd, +die Taten des Toten besangen und seinen Geist in die ewigen Hallen +der Vaeter geleiteten. + +Weiterhin wurden die Felsen immer schroffer und hoeher, oeder und +einsamer die ganze Gegend umher. Wilde Bergwasser rieselten +von allen Bergen und stuerzten hinab ins Tal, durch welches bald +silberhell, bald wild tobend ein starker Bach sich wand. Nur selten +erinnerte uns in dieser Wildnis ein kleines Kornfeld, eine niedrige +Huette, dass in dieser abgeschiedenen Einsamkeit noch Menschen leben. + +Hier erscheint die Natur, wie Ossian [Fussnote: Sohn des Fingal, +Hauptheld eines irischen Sagenkreises. Durch die Mystifikation +des Schotten Macpherson ("Fingal" 1762), der seine eigenen Dichtungen +als angebliche Uebertragung alter gaelischer Lieder des Ossian herausgab, +gelangten diese Dichtungen zu grosser und weitreichender dichtungs- und +geistesgeschichtlicher Bedeutung und hinterliessen auch in der deutschen +Klassik und Romantik ihre Spuren.] sie malte, die Stroeme, die Felsen, +die uralten einzelnen Eichen. Der Wind heulte ueber die Heide, +die Distel wiegt ihr Haupt im Sturme am Grabe der alten Krieger. +Die vier grauen, bemoosten Steine erheben sich noch einsam am Huegel +der Helden und verkuenden stumm dem stillen Wanderer die Geschichte +vergangener Jahrhunderte. Viele solcher alten Denkmale sahen wir, +von den Urenkeln der Helden, deren Asche sie umschliessen, mit Ehrfurcht +geschont und bewahrt. Koenig Fingal ruht, der Sage nach, in diesem Tale, +im tiefen, dunklen Bette, und die Einwohner glauben, die geheiligte +Staette noch bezeichnen zu koennen. Ossians, seines Sohnes, Name +und Lieder sind zwischen diesen Felsen noch nicht verhallt, und die +Geister der Helden koennen noch immer von ihrem Wolkensitze der alten +wohlbekannten Toene sich erfreuen. + +Wir erreichten Tyndrum, einen fast ganz allein liegenden Gasthof, +in einer schauerlich wilden Einoede, auf der hoechsten bewohnten Hoehe +der schottischen Hochlande. Der Regen stuerzte jetzt in Stroemen herab. +lange sahen wir zu, wie die schweren Wolken an den Bergen hinrollten, +einzelne Streifen von Sonnenlicht bisweilen auf Momente die nackten Gipfel +der Felsen verklaerten und der Wind den Regen wild herumpeitschte. +Gegen Abend klaerte sich das Wetter auf, wir erfreuten uns des +wunderbaren Spiels der Wolken, der Wirkung des schnell erscheinenden +und wieder verschwindenden Sonnenlichts an den Bergen. Im flachen Lande +kann man sich keinen Begriff von diesen magischen Erscheinungen machen. +Die schweren Regenwolken schienen wie eine dunkle Decke auf den +hoechsten Gebirgen zu lasten, leichteres Gewoelk zog sich wie ein +heller Schleier um andere, tiefere Berge, verdeckte sie in diesem +Momente ganz, rollte sich dann zusammen und verschwand im naechsten, +oder zog pfeilschnell dahin in wunderbaren Gestalten, im ewigen Kampfe +mit Sonnenlicht und Sturm, unendlich wechselnd mit Licht und Farbenspiel. + + + +Dalmally + + +Der Weg von Tyndrum hierher war schlechter wie bisher, doch immer noch +fahrbar, die Wildnis noch schauerlicher und oeder. Nur das Rauschen +der von den kahlen Felsen schaeumenden herabstuerzenden Bergstroeme +toente durch die leblose Stille der oeden Heide. Hie und da klommen +einige Schafe an den mit spaerlichen Berggraesern und Heidekraeutern +bekleideten Felsen, einsam und traurig blickte dann und wann +ein Hirtenknabe von den Hoehen herab auf unseren Wagen, der ihm +eine seltene Erscheinung sein mochte; jede andere Spur des Lebens +war verschwunden. + +Viele halb versunkene alte Graeber zeigten, dass sonst ein maechtigeres +Leben hier waltete. Am Himmel war geschaeftige Bewegung, Nebel und +Wolken und Sonne trieben immer noch ihr wunderbares Spiel. + +Dalmally ist ein so kleines Dorf wie die anderen: es besteht aus +einer handvoll armer Huetten und wieder aus einem fuer diese abgelegene +Gegend sehr guten Gasthofe. Hier sahen wir die erste Kirche +in den Hochlanden. Kaum konnten wir sie von den uebrigen Huetten +unterscheiden, so arm und klein ist sie. Der sie umgebende Gottesacker +entdeckte sie uns zuerst. Nur wenige Grabhuegel erhoben sich +in dem kleinen Bezirke. + +Man stirbt beinahe gar nicht in diesem Lande, diese einfachen Menschen +erreichen ein hohes, glueckliches Alter. Mit sechzig Jahren duenken +sie sich noch gar nicht alt, sie gehen bis an das von der Natur +ihnen vorgeschriebene Ziel, und nur mit dem letzten Tropfen Oel +erlischt still und fast unbemerkt das Lebenslicht. Wir sahen +in diesem Dorfe einen Mann von hundertdrei Jahren, seine Nachbarn +gaben ihm sogar deren hundertelf und beschuldigten ihn, dass er sich +juenger angebe, als er sei. In unseren kultivierten Laendern haette man +ihm deren hoechstens sechzig zugetraut. Vor vierzehn Tagen hatte er +eine Frau von vierzig Jahren geheiratet, an seinem Ehrentage +ein Taenzchen gemacht und drei Lieder auf der Sackpfeife gespielt, +denn er galt noch immer fuer einen der ersten Virtuosen auf diesem +Lieblingsinstrument der Schotten. + +In diesem Dorfe wurden wir auf das lebhafteste an Ossian erinnert. +Ein Greis, in der Nationaltracht, sass auf einem Steine nahe +am Kirchhofe; sein langer, schneeweisser Bart flog im Winde, +sein Ansehen war wild, ein Paar dunkle Augen gluehten unter +einem hohen, kahlen Scheitel hervor; der Plaid hing phantastisch +von den Schultern herab, wie ein Mantel; zwischen den Knien hielt er +eine kleine Harfe, aus der er unzusammenhaengende Akkorde wie mit Gewalt +einzeln hervorriss. Mit starker, tiefer Stimme sang er dazu +alte Volksgesaenge; sein Gesang war eintoenig, fast mehr Deklamation +als Lied. Um ihn her war das ganze Dorf versammelt, unter ihnen +auch der hundertjaehrige Greis; alles hoerte feierlich aufmerksam zu. +Unser Naehertreten stoerte weder den Saenger noch seine Zuhoerer +im geringsten, nur machten sie uns mit natuerlicher Hoeflichkeit Raum +in ihrem Kreise. Man sagte uns, der Greis sei ein Saenger, der mit +seiner Harfe das Land durchziehe, ohne eigentliche Heimat, +aber ueberall ein willkommener Gast, wie sonst die alten Barden. +Leider konnten wir mit ihm nicht sprechen, denn er verstand nicht +Englisch. Ueberhaupt trafen wir seit einigen Tagen selten jemanden, +der Englisch sprach oder es auch nur verstand, ausser in den Gasthoefen. + + + +Inverary + + +Ueber steile, unwirtbare Berge ging es weiter. Ploetzlich senkte sich +der Weg; ein grosser silberner See breitete sich vor unseren +erstaunten Blicken aus; es war Loch Awe. Frische schoene Baeume, +kleine Gaerten vor den Huetten des Landmanns und Getreidefelder +begrenzten seine Ufer. + +Vierundzwanzig englische Meilen lang streckte er sich hin durch +das gruenende Tal, viele kleine Inseln erheben aus seinen Fluten +die Felsenstirnen. Eine darunter zeichnet sich durch phantastisch +geformte hervorragende Massen aus. Von fern glichen sie Ueberresten +alten Gemaeuers, selbst mehr in der Naehe konnten wir nicht entscheiden, +ob es Felsen oder Ruinen waeren. Kein Kahn war in der Naehe, +uns hinueberzubringen; auch schienen die Ufer zum Landen zu schroff. +Einige Einwohner, denen wir begegneten, verstanden unsere Sprache nicht. +Unbefriedigt ueber diesen Punkt mussten wir weiter, aber der Anblick +des Sees und seiner schoenen Ufer erfreute uns umso lebhafter, +als wir mehrere Tage lang die Natur in ihrer furchtbaren Groesse +angestaunt hatten. Im Gasthofe zu Inverary erfuhren wir spaeter, +dass jene Felsenbloecke wirkliche Ueberbleibsel eines uralten, +zu den Besitzungen des Lord Breadalbane gehoerenden Schlosses seien. +Nur bei sehr hohem Wasserstande, wie jetzt, erscheint der Fels, +den sie kroenen, einer Insel gleich; sonst haengt mehr mit dem Ufer +zusammen. + +Zu bald mussten wir uns von dem herrlichen See wegwenden, +um steilere Felsen als zuvor zu erklimmen; alles um uns ward +wieder still, gross und schauerlich. Abermals senkte sich nun der Weg, +frisches Laubgehoelz nahm uns auf in seine freundlichen Schatten; +bald sahen wir uns in einem schoenen englischen Park, angestaunt +von zahmen Rehen, die am Wege standen. Mitten drinnen ein gotisches +Schloss mit vier runden Ecktuermen. + +Wir befanden uns jetzt in einer wahrhaft paradiesischen Gegend. +Vor uns lag das schoene grosse Schloss Inverary, der Sitz des Herzogs +von Argyle, mitten in einem durch herrliche Baeume und Buesche +verschoenten fruchtbaren Tale. Lustpfade schlaengeln sich +nach verschiedenen Richtungen hindurch, alle lockend und lieblich. +Im Hintergrunde erheben schoene waldbewachsene Felsen das stolze Haupt, +seitwaerts dem Schlosse winkt der eigentliche Garten voll bluehender +Rosenbuesche; die zahmen Rehe schleichen neugierig um das leichte +Gelaender, das ihn umgibt; auf der anderen Seite erhebt sich ein hoher, +schroffer Felsen von wunderbar drohender Gestalt. Seine Spitze +kroent ein Pavillon, zu welchem man ohne sehr grosse Beschwerden +auf bequemen Pfaden steigt und dort eine Aussicht von unendlicher +Schoenheit geniesst, die alles vereint, was die Natur Erhabenes +und Freundliches darbietet. Kornfelder, Wiesen, Gebuesch fuellen +in der reizendsten Mannigfaltigkeit das uebrige Tal. + +Vom Schlosse an erstreckt sich eine schoene Wiese bis hinab an +den Loch Fyne. Dieser ist eigentlich ein schmaler Meerbusen, +der hier tief in das Land hineinlaeuft. Eine schoene Bruecke woelbt sich +dicht am Schlosse ueber ihn. Nahe und ferne Berge dehnen sich +an beiden Ufern hin. Die Laenge des Loch Fyne ist dem Auge unuebersehbar, +das ferne Meer, dem er angehoert, begrenzt ihn; gruen wie dieses +spiegelt seine dunkle Flaeche, kleine, weisse Wellen huepfen +wie im Tanz und schaukeln lustig die Fischerboote, kleine Schiffe +und Barken, die darauf schwimmend der Szene neues frisches Leben +geben. + +Dem Schloss seitwaerts ueber der Bruecke liegt das Staedtchen Inverary, +mit dem kleinen Hafen voll Fahrzeugen mancher Art. Es hat ein +sehr zierliches, nettes Ansehen mit seinen geraden Strassen und +den weissen huebschen Haeusern, unter denen der Gasthof sich stattlich +erhebt. Alles sieht aus, als waere es erst gestern fertig geworden. +Und so ist's beinahe auch. Sonst lag die Stadt dem Schlosse gegenueber, +aber der Herzog, dem sie an der Stelle die Aussicht zu verderben +schien, liess sie abtragen und an ihrem jetzigen Platze wieder +aufbauen. So etwas kann man denn doch wohl nur in Grossbritannien +erleben. + + + +Arrochar + + +Von Inverary bis Cairndow fuhren wir neun englische Meilen auf schoenem +ebenen Wege durch ein fruchtbares, angebautes Tal, fast immer laengs dem +Ufer des Loch Fyne. Wir haetten geglaubt, irre zu fahren, wenn das hier +moeglich waere, wo nur eine fahrbare Strasse durch das Gebirge fuehrt: denn +der Kastellan im Schloss von Inverary hatte uns den Weg, welchen wir +jetzt nehmen mussten, als den fuerchterlichsten im ganzen Lande +beschrieben; dunklere Kluefte, steilere, oede Felsenberge sollten wir noch +nicht gesehen haben, besonders sprach er viel von einem hohen Berge, er +nannte ihn rest and be thankful, ruht und dankt. + +Gleich hinter Cairndow merkten wir indessen gar wohl, dass wir uns +auf dem rechten Wege befanden. Das Steigen begann, der See, +das schoene Tal und alle Anmut der Gegend verschwanden unserem Blicke. +Mehrere Stunden hindurch ging es immer hoeher und hoeher, ueber nackte +Felsen, durch dunkle enge Kluefte, zuweilen durch duestere Taeler, +dann wieder hoch auf Bergen. Nur feines gruenes Moos deckt wie ein Teppich +das Gestein, sonst keine Vegetation, kein Leben, Totenstille und +oede Einsamkeit herrschten ringsumher. Kein laut ertoent in diese Wueste +als das Brausen der Felsenbaeche, die hin und wieder hinabstuerzen; +keine Spur menschlichen Daseins ist sichtbar, ausser zuweilen +eine jener armen Huetten, neben dem schaeumenden Bache in eine +Felsenecke gedrueckt, einsam verloren. Diese traurigen Wohnungen +machen die Einsamkeit noch auffallender. Im Winter muessen ihre +Bewohner, ausgeschlossen von aller Moeglichkeit, zu Menschen zu kommen, +ein Leben fuehren wie auf einer wuetenden Insel, und noch verlassener +hier in diesem Lande, wo der Himmel auch im Sommer nicht freundlich +laechelt. Dennoch veraendern sie ihren Aufenthalt nie. Bei aller Oede +traegt diese Gegend aber auch den Charakter unbeschreiblich +erhabener Groesse. Die maechtigen Felsen stehen ringsumher wie +anbetende Riesen, in schauerlichem Schweigen; die rote Bluete +des Heidekrauts bedeckt ihre kolossalen Konturen mit einem Purpurmantel, +ohne sie zu verhuellen; ihre Haeupter sind umwogen von ewigen Nebeln, +die ihm Sonnenstrahl zur Glorie werden; ein leiser, feuchter Duft +schwebt ueber Berg und Tal, mit magischem Schimmer alles harmonisch +vereinend. + +Endlich hatten wir den steilsten Gipfel des Weges erreicht; rest and +be thankful lasen wir auf einen Stein gegraben und daneben die Namen +der Regimenter, welche unter der Leitung ihrer Obern diesen Weg +bahnten. + +Hier begegneten wir dem einzigen Wanderer auf dem ganzen Wege +durch diese Wueste, einem jungen, raschen, in seinen Plaid gehuellten +Hochlaender. Er sprach ein wenig Englisch und half uns bereitwillig, +eine nahe Anhoehe zu ersteigen, wo eine ausgebreitete Ansicht +sich uns eroeffnete. + +Doch uebersahen wir die imposanten Massen, die schwarzen zackigen +Kronen unzaehliger anderer, von aller Vegetation entbloesster Berge; +die Wasserfaelle, die von ihrer Seite herabtanzen und sich in +dunklen Tiefen verlieren, ohne dass wir ihr Brausen auf dieser Hoehe +vernehmen konnten. Zwischen diese Felsen eingeklemmt liegt auch +das schauerliche Tal Glencoe [Fussnote: dieses Tag liegt am Ostende +des Loch Linnhe und ist von Johannas Standpunkt aus nicht zu sehen. +Am 13. Februar 1692 wurden viele Schotten vom Clan der Macdonalds +durch englische Soldaten erschlagen, denen sie Gastfreundschaft +gewaehrt hatten], dessen Einwohner zu Ende des fuenfzehnten Jahrhunderts +in einer Nacht unter dem meuchelmoerderischen Schwerte der nach Rache +duerstenden Englaender fielen, weil sie mit Treue dem Koenige anhingen, +den sie als den einzigen rechtmaessigen Erben der schottischen Krone +anerkannten. + +Wie Vogelnester erschienen von hier aus die wenigen kleinen Wohnungen +am Fusse der Felsen oder am Eingange der schauerlichen, duesteren Taeler, +die so enge sind, dass sie, groesseren Felsspalten gleich, wohl nur +wenig Stunden des Tageslichts sich erfreuen. Hin und wieder sahen +wir auch in der Ferne Herden jener kleinen Schafe kuemmerlich +die Spitzen der Heidekraeuter benagen. Nur auf einem Punkte schimmerte +uns dunkelblau ein Wasser und etwas Gruen entgegen: es war Loch Long, +an dessen Ufer Arrochar liegt, das Ziel unserer heutigen Reise. +Nun ging es tief hinab, immerfort ueber oede Felsen, durch +duestere Kluefte und enge Taeler, bis zu den Ufern des Loch Long, +der wie ein Strom sich durch ein Felsental windet. + +Dieser See ist eigentlich ein hier tief in das Land sich erstreckender +Arm des atlantischen Meeres. Steile Felsen steigen senkrecht +aus seinen salzigen Fluten und streuen ewig dunkle Schatten ueber +sie hin, waehrend auch im Sonnenscheine die Bergwasser glaenzen, +die von hohen Gipfeln hinab von allen Seiten zueilen. + +Arrochar, ein einzelner Gasthof, von wenigen Huetten umgeben, +liegt hart am Ufer des Sees. In frueheren Zeiten war dieses Haus +der Sitz einer edlen Familie, und noch immer erkennt man +in dessen Bauart die Spuren jener hoeheren Bestimmung. + + + +Loch Lomond + + +Wenige Meilen von Arrochar gelangten wir durch Schluchten, welche sich +zwischen hohen Bergen eng hinwinden, an die Ufer dieses schoensten +und groessten Sees in den Hochlanden. Laendliche Anmut und erhabene Groesse +wechseln in seinen Umgebungen. Bald scheinen die praechtigen, +groesstenteils waldbewachsenen Berge sich um ihn zu draengen, als wollten +sie sich in seinen klaren Fluten spiegeln; dann treten sie wieder +zurueck, und Wiesen und Felder umgeben das glaenzende Gewaesser. + +Zuerst empfing uns ein frischer, gruener Wald am Ufer; unter hohen +Laubgewoelben fuhren wir hin und freuten uns des Silberglanzes +im See und der mannigfaltigen Reflexe. Ein hoher Berg, einer der hoechsten, +ueber die wir bis jetzt gekommen waren, stellte sich uns in den Weg; +wir erreichten seinen Gipfel, der Weg senkte sich, und vor uns, +unabsehbar breit, in aller seiner hohen Pracht, lag der ganze, +herrliche See da, besaet mit kleinen und groesseren gruenenden Inseln, +zwischen denen Fischerboote hindurchruderten. Millionen weisse, +sich kraeuselnde Wellchen belebten die silberne Flaeche, aus der +auf der anderen Seite der maechtige Ben Lomond senkrecht emporsteigt, +bis zu den Wolken, die sein Haupt verhuellen. + +Die ganze Gegend ist von so wunderbarer Schoenheit, dass jeder Versuch, +sie zu beschreiben, vollkommen zwecklos waere; aber nie werden wir +den Tag vergessen, den wir an diesen Ufern verlebten. + +Unsere Herberge in dem hart am See erbauten Doerfchen Luss, leider +dem letzten Orte in den Hochlanden, durch den wir kamen, war indessen +gar nicht erfreulich. Eine Gesellschaft betrunkener Bergschotten +hatte sich in einem der unteren Zimmer einquartiert und tanzte +zu einer verstimmten Violine und einem Dudelsack, ganz unter sich, +ohne Frauenzimmer, auf's lustigste herum. Die Maedchen hatten +nicht bleiben wollen, das hinderte aber die Maenner nicht, dennoch +ihre Nationaltaenze aufzufuehren und sich vortrefflich dabei zu divertieren. +Das pferdemaessige Stampfen, das Freudengekreisch bei irgend einem +wohlgelungenen Sprunge wuerde uns in's Freie getrieben haben, +wenn uns die himmlische Gegend nicht herausgelockt haette. Nur fuer +die Nacht war uns bange, und nicht ohne Grund. Unser Wirt war +ebenfalls betrunken und dabei so gesellig, dass wir ihn alle Augenblicke +aus dem Zimmer komplimentieren mussten. Seine Tochter, ein sehr +huebsches Maedchen, erschien uns dabei recht interessant; sie gab sich +alle Muehe, den Vater zur Ruhe zu bringen, und doch mit so zarter Schonung, +immer strebend, das kindliche Verhaeltnis nicht zu verletzen, +und wieder wie beschaemt, dass wir, die Fremden, die so weit herkamen, +ihre Berge zu sehen, ihn in solchem Zustande treffen und dadurch +an Bequemlichkeit leiden mussten. + + + +Glasgow + + +Hinter Luss ward die Gegend allmaehlich flacher, der Weg besser; +alles kuendigte uns an, dass wir das Land der Poesie verlassen und +zurueckkehrten zum platten Lande mit seinem Alltagsleben. In Dumbarton +schieden wir von unserem Fuhrmanne und seinen vier treuen Rossen, +die uns ueber so manchen hohen Berg, durch so manches friedliche Tal +gefuehrt hatten. Wir nahmen Abschied von den Hochlanden, aber +die Erinnerung davon blieb uns. Sie reiht sich an so manche andere +schoene Erinnerung aus der Schweiz und aus vaterlaendischen Gebirgen, +von denen diese, die wir jetzt verliessen, sich indessen so merkwuerdig +als merklich unterscheiden. + +Die Gegend von Dumbarton ward als schoen geruehmt; unsere Phantasie +war nur von der naechsten Vergangenheit noch zu sehr erfuellt, +als dass wir sie genau beachten konnten. Die Lage des Staedtchens +schien uns indessen sehr freundlich. Ein hoch darueber emporragender Fels, +dessen steilen Gipfel ein festes Schloss kroent, nimmt sich malerisch aus +mitten in der wasserreichen Ebene, deren Horizont die dunklen Gebirge +umgrenzen, welche wir eben verlassen hatten. Mit Postpferden langten wir +gegen Abend in Glasgow an. + +Die Stadt ist ziemlich gross; schoene breite Strassen und Plaetze, +sehr huebsche, von Quadersteinen erbaute Haeuser erinnerten uns an Edinburgh. +Auch hier fanden wir wie dort in allen Haeusern breite steinerne Treppen, +mit eisernen Gelaendern versehen; ein Luxus, auf welchen die Einwohner +sehr stolz sind und ihn bei jeder Gelegenheit als grossen Vorzug +vor London preisen. Dort, meinen sie, koenne man in einem oberen Stockwerke +keine Nacht ruhig schlafen, weil man, wenn Feuer im Hause auskaeme, +in der entsetzlichsten Gefahr waere, elendiglich umzukommen. + +Gleich bei unserem Eintritte in den Gasthof erhielten wir eine +lustige Probe der hiesigen Industrie. Ein Gentleman liess uns auf +das dringendste um die Erlaubnis bitten, uns in unserem Zimmer +besuchen zu duerfen. Da wir endlich nachgaben, erschien ein sehr hoeflicher +Herr mit ein paar dicken Buechern unter dem Arme und erbot sich, +als Sprachmeister uns Englisch zu lehren; er hatte vernommen, +dass wir beim Aussteigen aus dem Wagen ein paar Worte Franzoesisch +untereinander sprachen, und hielt uns folglich fuer eine ausgewanderte +franzoesische Familie, der er seine Hilfe notwendig anbieten muesse. + +Glasgow ist weit lebhafter als Edinburgh, denn Handel und Wandel sind +hier zu Hause; uebrigens aber konnte uns niemand, soviel wir uns auch +erkundigen mochten, irgend ein merkwuerdiges Gebaeude oder sonst einen +Gegenstand angeben, welcher fuer ein nicht kaufmaennisches Gemuet naeherer +Betrachtung wuerdig gewesen waere. Wir ruhten also, im eigentlichsten +Sinne des Worts, die wenigen Tage, die wir hier zubrachten; denn die +Fabriken, die man uns zu zeigen sich erbot, waeren doch nur +Wiederholungen des schon Gesehenen gewesen. Dazu regnete es unbarmherzig +die ganze Zeit ueber, wir sahen es mit Vergnuegen regnen und dankten dem +Himmel, dass er diese Sintflut nicht in den Hochlanden ueber unsere +Haeupter herabstroemen liess. + +Unter den Einwohnern Glasgows war uns wohl: gastfrei, anstaendig, +zwanglos im Umgange, gebildet, vereinigten sie die guten Eigenschaften, +die wir schon an ihren Landsleuten ruehmten, mit der Wohlhabenheit und +allem vernuenftigen Luxus, welchen der hier bluehende Handel nur +gewaehren kann. + + + +Die Faelle des Stromes Clyde + + +Durch eine der reizendsten Gegenden Schottlands reisten wir weiter +nach Lanark, um die beruehmten Wasserfaelle des Clyde zu sehen. +Am Abhange hoher, zum Teil mit Wald bekleideter Felsen wand unser Weg +sich hin; wir blickten hinab auf ein fruchtbar angebautes Tal, +durchschlaengelt vom schoenen Strome Clyde; Gehoelze, Aecker, Landsitze, +Doerfer wechselten hoechst anmutig. + +An einer Stelle, wo dichtes Gehoelz uns den Anblick des laut +brausenden Stromes verbarg, stiegen wir aus und gingen einen sehr +steilen und schluepfrigen Flusspfad hinab bis an das Ufer des Stroms. +Ganz in Schaum verwandelt stuerzt er hier laut brausend von einer +betraechtlichen Hoehe hinab, ueber grosse Felsstuecke, und windet sich +dann zuernend und schaeumend weiter durch das liebliche Tal. +Die hohen, malerischen Felsen, bekraenzt mit schoenem Gestraeuche +und hohen Baeumen, von welchen wieder leichtere Efeukraenze hinflattern +in der vom donnernden Fall ewig bewegten Luft, die grosse Wassermasse, +die hier herunterstuerzt, der Kontrast des Schaumes, weisser als Schnee, +mit dem dunklen, im ewigen Tau stets frischen Gruen, die Millionen +Tropfen, die wie Diamanten im Abendstrahle blitzten, alles entzueckte uns +und hielt uns lange fest. Wasserfaelle soll man aber nicht malen, +weder mit dem Pinsel noch mit der Feder; die Wahrheit dieser Bemerkung +fuehlt man am lebhaftesten, wenn man den Versuch wagt. + +Ziemlich spaet langten wie in Lanark an. Den folgenden Morgen setzten +wir unsere Reise fort nach Douglasmill, zu den beiden anderen +groesseren Faellen des Stroms. + +Die Gegend zwischen Lanark und Douglasmill gehoert zu den schoensten +im unteren Schottland. Eine Meile ging es ueber Berg und Tal durch +frisches, dichtes Gehoelz hin; nun erstiegen wir muehsam einen ziemlich +hohen Berg, hoehere Felsen drohten ueber ihm gen Himmel. Als wir oben +waren, erschreckte uns die fuerchterlich schoenste Ansicht, die wir +jemals sahen: jeder Blick hinab war schwindelerregend, und doch +war's unmoeglich, nicht immer hinzusehen. Hart am Rande eines tiefen +steilen Abgrunds fuhr unser Wagen, keine Handbreit Raum zwischen uns +und dem schrecklichsten Untergange. Ein Fehltritt der Pferde, +der kleinste Unfall am Wagen waere unvermeidlicher Tod gewesen; +es war unmoeglich, den Wagen halten zu lassen, unmoeglich an der Felsenwand, +an welcher wir hinfuhren, auszusteigen; dennoch vergassen wir +alle Gefahr bei dem Anblicke des wunderschoenen Tales, das uns +viele Klafter tief im Glanze der Morgensonne entgegenschimmerte, +durchstroemt vom Clyde, der zoegernd zwischen den bluehenden Gaerten +und fruchtbaren Feldern sich fortwand. + +Eine kleine Stadt liegt mitten im Tale, nicht weit davon drei oder vier +grosse ansehnliche Gebaeude mit schoenen Gaerten. Es sind Baumwollspinnereien, +deren Maschinen hier wie in Perth vom Wasser getrieben werden. +Wir sahen die Raeder behend sich drehen, die kleinen Faelle, welche +durch diese veranlasst werden, blitzten wie fluessiges Silber; +aber wir hoerten nicht ihr Geraeusch, es war zu tief unter uns. + +Jetzt senkte sich der Weg den Berg hinunter; dichtes Gehoelz +empfing uns wieder in seine Schatten, laut hoerten wir den Strom +donnern, und bald hielten wir vor einem Garten stille. Wir traten +hinein, erstiegen einen kleinen Huegel, und vor uns stuerzte der Strom, +weit wasserreicher und majestaetischer als gestern, ueber wilde +hohe Felsen; noch einige Schritte weiter hinauf, und wir sahen ihn +abermals ueber noch hoehere Felsen, in noch tiefere Abgruende gewaltig +herabbrausen. Er faellt von einer so steilen Hoehe, dass er einen Bogen +bildet; wer es wagen will auf dem schluepfrigen Boden, kann zwischen +dem Felsen und der grossen Wassermasse hingehen. Unten in dieser +kristallenen Grotte ist man wie im Nixenreiche; es muss ein +betaeubendes Gefuehl sein, dazustehen und dieses ungeheure Toben und +Wogen ueber seinem Haupte, vor seinen Augen zu haben, ja von allen Seiten +davon umgeben zu sein; aber selten nur wagt jemand sich hinab, +der blosse Anblick des Wagestuecks schreckt zurueck. + +Als wir den Garten verliessen, fuhren wir an einem schoenen Landhause +vorbei, zu welchem er zu gehoeren scheint; wir wuenschten dem Besitzer +desselben Sinn fuer sein Glueck. + +Nichts hinderte uns, des Gesehenen im Nachgenuss uns zu erfreuen, +denn oede und traurig war die Gegend bis Douglasmill, einem kleinen, +elenden Neste; ebenso bis Elvanfoot, einem noch elenderen Winkel, +und immer so weiter, bis wir gegen Abend in dem artigen Staedtchen +Moffat ankamen. Hier fanden wir eine freundliche Wirtin in einem +sehr guten Gasthofe und ruhten aus von den Freuden und Leiden +des vergangenen Tages. + +Moffat ist ein kleiner, von den Schotten haeufig besuchter Badeort; +die hiesigen Heilquellen werden fuer sehr wirksam gehalten, nur konnten wir +nicht erfahren, fuer welche Gattung von Uebeln sie eigentlich gebraucht +werden. Fuer die Langeweile wohl nicht, wie so manche andere Baeder. +Die Lage des Ortes ist angenehm, und das Staedtchen selbst sieht +sehr freundlich aus; aber wir bemerkten keine Anstalten zu den +hergebrachten Badelustbarkeiten, weder zu Assembleen, noch zu Baellen, +noch zu Schauspielen, und schlossen daraus, dass wohl nur Kranke +herkommen, denn fuer koerperlich Gesunde scheint nicht gesorgt zu sein. + +Ueber Lockerbie kamen wir den folgenden Tag nach Gretna Green, +einem kleinen Dorfe, dem letzten auf der schottischen Grenze. Unbedeutend, +wie es aussieht, ist es dennoch ein Ort von grosser Wichtigkeit. +Hunderte bereuen es lebenslang, sich einmal unbesonnen hingewagt zu haben. +Gretna Green ist der Schrecken aller Eltern, Vormuender, Onkel und Tanten +in England, die reiche oder schoene Maedchen zu hueten haben; der Trost +und die Hoffnung aller Misses, die in Pensionen sich Kopf und Herz +mit Romanlektuere anfuellen, der Hafen, nach welchem alle Gluecksritter +zusteuern, die besonders aus Irland mit leerem Beutel und vakanten Herzen +nach Bristol, Bath, auch wohl nach London kommen, um mit Hilfe +des kleinen blinden Gottes und seines oft noch blinderen Bruders endlich +ein solides Glueck zu machen. + +In Gretna Green wohnt naemlich der alte beruehmte Hufschmied, der die +unaufloeslichsten Ketten schmiedet. Er ist dort Friedensrichter, +und dies Amt macht ihn zu einer sehr wichtigen Person. Denn +in Schottland braucht es zu einer ganz legalen Trauung keines Aufgebots, +keiner Einwilligung der Eltern, keines Priesters. Das liebende Paar +geht zum ersten besten Friedensrichter, versichert, es sei frei und +ledig, auch nicht in verbotenem Grade verwandt, und wird von ihm +ohne weitere Umstaende getraut. Diese Trauung ist so gueltig und vor allen +britischen Tribunalen so unaufloeslich, al waere sie von dem ersten Bischof +im Lande vollzogen. Wer also in England, wo andere Gesetze gelten, +ein von irgend einem widerwaertigen Argus bewachtes Liebchen hat, +der nimmt die erste Gelegenheit wahr, packt es in eine Chaise, +mit vier raschen Pferden bespannt, und galoppiert damit fort, nach +Gretna Green, dem naechsten schottischen Grenzorte, wo oben erwaehnter +Hufschmied Tag und Nacht bereit ist, sein Amt um ein Billiges zu verwalten. + +Im Gasthofe, wo wir abstiegen, wollte die Wirtin nicht gern von diesen +Dingen sprechen, kaum, dass sie uns das Haus des Hufschmieds von weitem +zeigte; gern haette sie alles abgeleugnet, aber Mauern und Fenstern +sprachen von diesem Geheimnisse in ihrem Hause. Alles ist mit +Inschriften und Namenszuegen gluecklicher Paare angefuellt, die ihrem +wonnevollen Herzen Luft machten und leblosen Gegenstaenden ihre suessen, +freudigen Gefuehle anvertrauten. + +Dem Hufschmiede war gar nicht Rede abzugewinnen; er sah wohl, bei uns +war nichts zu verdienen; von anderen Einwohnern aber hoerten wir, +dass Gretna Green ein gar gut besuchter Ort ist, und oft mehrere Paare +in einem Tag anlangen. + +Auffallend war uns, die erste Tagesreise hinter Gretna Green +auf englischem Boden, dass man uns nirgends anhielt, um Wegegeld +zu fordern; alle Schlagbaeume flogen gleich auf, und die Zoellner kamen +sehr gefaellig in die Gasthoefe, wo wir Pferde wechselten, das Geld +zu holen. Alles scheint in dieser Gegend stillschweigend vereinigt, +den Fluechtlingen [Fussnote: England hatte nach der Revolution +in Frankreich viele Fluechtlinge aufgenommen] hilfreiche Hand zu leisten. + + + +ENGLAND + + +Die Lakes + + +Ueber Carlisle, ein huebsches, lebhaftes Staedtchen, das erste wieder +auf englischem Boden, kamen wir nach Wigton, um von dort aus +die Landseen von Cumberland und Westmorland, eine der gepriesensten +Gegenden Englands, zu besuchen. Seit ungefaehr zwanzig Jahren +ist es in London Mode geworden, hierher zu wallfahrten, um sich +von der schoensten Natur entzuecken zu lassen. Die Londoner nennen +diese Gegenden die englischen Hochlande, so wie man in Deutschland +die Gegend bei Schandau die saechsische Schweiz nennt, und auch +ungefaehr mit dem naemlichen Rechte. + +Von Wigton aus kamen wir durch eine rauhe, oede Gegend, bis ganz nahe +vor Keswick. Hier oeffnet sich ein angenehmes, bebautes, fruchtbares Tal; +ein kleiner See, Bassenthwaitewater, gibt ihm Reiz und Leben. +Die Gegend ist bergig, aber die Felsen haben weder die schoenen Formen +noch die imposante Groesse der schottischen. + +Keswick ist ein kleines, freundliches Staedtchen mit sehr angenehmen +Umgebungen, die wir unstreitig sehr reizend gefunden haetten, waeren wir +nicht eben aus Schottland gekommen. Aber diese kahlen Felsenhuegel +verschwinden gegen jene gigantisch uebereinandergetuermten Kolosse; +diese Seen ziehen sich zu Fischteichen zusammen, wenn man an +Loch Lomond dabei denkt. Man sollte solche Vergleichungen nicht machen; +sie wurden uns indessen sowohl von den Einwohnern als durch +die Benennung der englischen Hochlande gleichsam aufgedrungen. + +Hinter Keswick wird die Gegend romantisch schoener, die Felsen werden +hoeher; nur vermissten wir die Waelder, die in Schottland die niedrigeren +Berge mit ihrem wechselnden Gruen bekraenzen. Zuerst kamen wir wieder an +einen See, der, unregelmaessig, bald breiter, bald schmaeler, sich durch +das Tal windend, fast einem Strome gleicht. Er heisst Derwentwater, und +gern begruessten wir die freundlich Nymphe hier wieder, die Matlocks +Felsen bespuelt. Einige huebsche Landsitze liegen sehr angenehm an den +Ufern des Sees; Berge, Baeume, Felder, umgeben ihn in reizender +Mannigfaltigkeit. Ein enges, rings von Felsen eingeschlossenes Tal +empfing uns, als wir den See verliessen, durchrauscht von einem +lebendigen Fluesschen, welches sich gegen die Mitte des Tales in einen +kleinen schmalen See verwandelt, der Thirlmere Lake heisst. Einige +Bruecken geben dem Ganzen ein recht pittoreskes Ansehen. Wir wurden hier +lebhaft an den Plauischen Grund bei Dresden erinnert; es war, als saehen +wir ein Miniaturgemaelde jener beruehmten Gegenden. + +Nahe bei Ambleside oeffnen sich weit ausgebreitete Aussichten, +die durch den Kontrast mit dem engen Tale, durch welches wir vorher +uns wanden, umso reizender erscheinen. Freundlich und lachend lag hier +die Welt vor uns in mannigfaltiger Schoenheit, verschiedene kleinere Seen +blitzten uns aus der Ferne entgegen, umgeben von aller Anmut +einer reichen Vegetation und hoher Kultur. Ambleside liegt hoch; +von allen Seiten bieten sich schoene Aussichten auf die benachbarte +Landschaft dar; aber die schoenste derselben erwartete uns jenseits +des freundlichen Staedtchens. + +Ein grosser spiegelheller See trat allmaehlich zwischen Bergen und +Waldungen hervor. Zehn kleine Inseln von mannigfaltiger Gestalt +scheinen darauf zu schwimmen, alle mit freundlichem Gruen bekleidet, +mit Gebuesch und Baeumen gekroent. Auf der groessten dieser Inseln +erhebt sich die elegante Villa eines reichen Gutsbesitzers, +umgeben von freundlichen Gaerten. Sie heisst Curwens Insel, +nach dem Namen ihres Eigentuemers. Zierliche, zu jener Villa +gehoerige Gondeln wiegen sich auf den klaren Wellen, alles atmet +Freude und Lust. + +Die Ufer des Sees sind von unbeschreiblicher, mannigfaltiger Schoenheit: +rauhe, zackige Felsen, gruene bebaute, zum Teil waldige Huegel, +praechtige, einzeln stehende Baeume, Wiesen, Kornfelder, Doerfer, +einzelne laendliche Wohnungen liegen umher in lieblichem Gemisch. +Die Berge von Keswick schiessen die blaeulich daemmernde Ferne. +In Low Wood stiegen wir ab. Es ist dies ein sehr guter, einzelner +Gasthof, hart am Ufer des Sees, an einer der schoensten Stellen +erbaut. Der See heisst Windermere; er enthaelt mehrere Stunden +im Umfange und ist der groesste in England. + + + +Lancaster + + +Nachdem wir den See Windermere, die Krone dieser beruehmten Gegend, +gesehen hatten, hielten wir es fuer ueberfluessig, auch die uebrigen +kleineren Seen der Reihe nach zu besuchen und setzten daher +unseren Weg weiter fort nach Lancaster. Das Land umher ist angebaut +wie ein Garten, die Stadt selbst ist weder gross, noch lebhaft, +noch huebsch. Viele Quaekerfamilien [Fussnote: eine um die Mitte des +17. Jahrhunderts vom G. Fox gegruendete Religionsgemeinschaft. +Zu Beginn Verfolgungen ausgesetzt, gaben auch ihren Anhaengern 1689 +die Toleranzakte Wilhelm III. Religionsfreiheit. Heute vor allem +in den USA (Pennsylvania) noch verbreitet] bewohnen sie. Diese guten Leute +stellen sich jetzt im Aeusseren mehr den Kindern der Welt gleich. +Selten nur hoert man noch das alte treuherzige "Du" aus ihrem Munde; +auch von der feierlichen Steifheit ihrer Bewegungen und Kleidung +haben sie vieles nachgelassen; dennoch bleibt immer genug, um sie +vor anderen auszuzeichnen. + +Die Maedchen und Frauen von Lancashire sind unter den Namen der Hexen +von Lancaster, Lancaster Witches, als die schoensten in ganz England +beruehmt, und wir trafen fast bei jedem Schritt in der Stadt Lancaster +auf Beweise, dass sie dieses Ruhms vollkommen wuerdig sind. +Reizenderes gibt es nicht als die hiesigen Quaekermaedchen in ihrer +anspruchslosen, bescheidenen Tracht. Die dunklen Farben, in welche sie +sich gewoehnlich kleiden, die Schuerze und das grosse Halstuch +vom allerfeinsten Musselin, das schwarzseidene Huetchen, alles ohne +die mindeste Verzierung, geben den frischen, bluehenden Gesichtern +eine unendliche Lieblichkeit. Es ist etwas Kloesterliches in ihrer +Erscheinung; aber da sie frisch und frei in Gottes Luft umherwandeln, +so erregen sie nicht das beaengstigende Mitleid wie die Nonne; +auch ist ihre einfache, reinliche Kleidung dem Auge weit angenehmer, +als jene gotische entstellende Verhuellung. + +Wir reisten ueber das sehr huebsche, freundliche Fabrikstaedtchen Preston +nach Liverpool. Gleich hinter Preston glaubten wir uns wie durch +einen Zauberschlag aus England nach Holland versetzt. Das Land +so flach als moeglich, unabsehbare Wiesen, von Kanaelen durchkreuzt, +Graeben voll Wasser an beiden Seiten der mit Steinen gepflasterten +Landstrassen, alles genau wie in Holland, nur das nette, geschniegelte +Ansehen der hollaendischen Landhaeuser fehlte. In England wird kein Haus +von aussen gemalt oder abgeputzt; in wenigen Jahren bekommen daher +die Backsteine, aus welchen die meisten erbaut sind, ein altes, +rauchiges Ansehen, welches dem nicht daran gewoehnten Auge missfaellt. +Nichts ist dagegen huebscher und freundlicher als die laendlichen +Wohnungen in Holland; das Holzwerk wird dort regelmaessig alle Jahre +mit Oelfarbe angestrichen, die Ziegelsteine werden rot gefaerbt, +die Fugen derselben weiss gemacht; alles sieht daher immer neu aus +und gibt dem Ganzen ein unbeschreiblich froehliches und wohlhabendes +Aussehen. + + + +Liverpool + + +Diese Stadt, naechst London die groesste und bedeutendste in England, +steht dennoch, sowohl in Hinsicht der Schoenheit als des Umfangs, +weit hinter Edinburgh zurueck. Aber Handel und Betriebsamkeit +haben ueber Liverpool ihr Fuellhorn ausgeschuettet, und Reichtum und +Luxus glaenzen dem beobachtenden Fremden ueberall entgegen. + +Die reichen Kaufleute wenden ihren Ueberfluss auf eine sehr zweckmaessige +Weise an, indem sie die an sich nicht schoene Stadt mit vielen neuen, +praechtigen Gebaeuden verzieren. Vier neue palastaehnliche Kaffeehaeuser, +Newshouses, Neuigkeitshaeuser hier genannt, sind seit kurzem +durch Subskription erbaut; ein schoenes Theater, ein Konzertsaal, +ein grosser Gasthof, viele mildtaetige Anstalten, welche der Menschheit +Ehre machen, verdanken den reichen Einwohnern ebenfalls ihr Dasein. +Das praechtigste und kostbarste Werk ihrer vereinten Kraefte sind +aber die Docks. + +In diesen kuenstlichen Haefen liegen die Schiffe sicher und bequem, +fast mitten in der Stadt zusammen, werden sogar da erbaut, ausgebessert, +aus- und eingeladen, und ueberdies sind die Ladungen vor Dieben +sichergestellt. Solche Docks kosten ungeheure Kraefte, um sie +zustande zu bringen, sind aber auch fuer den Handel vom groessten Nutzen. + +Die Promenade laengs ihren Ufern fanden wir nicht angenehm: das Gewuehl, +das Schreien, das Draengen und Stossen ist betaeubend, der Seegeruch +unangenehm, aber der Anblick der offenen See ueber die Docks hinaus +entschaedigte uns; den am Ufer des Meeres Geborenen geht es damit +wie den Bergbewohnern mit ihren Bergen. Wir sehnen uns, wenn wir +es vermissen, und sein Wiedersehen erfreut wie das eines alten Freundes. +Das Meer verschoenert jede Gegend, ja die traurigste Sandsteppe +erhaelt dadurch einen unbeschreiblichen Reiz. Das Brausen der Wellen +toent wie bekannte Stimmen aus unserem Jugendlande herueber, und +wir horchen gern mit stiller Wehmut zu. + +Wir haben schon bemerkt, dass Liverpool keine eigentlich schoene Stadt +sei; auch die Umgebungen derselben zeichnen sich nicht vor anderen +aus. Doch muessen wir die schoenen Wohnungen verschiedener reicher +Kaufleute erwaehnen, die ganz nahe vor der Stadt, etwas abgesondert +von dieser, auf einer maessigen Anhoehe erbaut sind. Hoechst elegant +eingerichtet, vereinigen sie alle Vorteile des Land- und Stadtlebens +auf die angenehmste Weise. Nur wird dieser Vorzug ihnen wohl +nicht mehr lange bleiben, da sich die Stadt taeglich vergroessert +und man schon jetzt berechnen kann, dass im Verlauf von einigen Jahren +jene Haeuser mitten in ihr und in ihrem Gewuehl liegen werden. + +Der gesellschaftliche Ton ist in Liverpool vielleicht ein klein +wenig leichter als in London; doch fehlt es hier wie dort +an dem allgemeinen Interesse im Gespraech, welches die Fremden +bald einheimisch macht. Sind die gewoehnlichen Redensarten, welche +in diesem Lande immer von der allgemein angenommen Etikette +herbeigefuehrt werden, abgetan, hat man ueber Wetter und Wohlbefinden +sich ausgesprochen, so ist man in der Regel uebel daran, wenn man +von Handel und Politik nichts weiss oder nichts wissen will. + +Die Maenner dieser Stadt sind fast alle auf dem festen Lande gewesen, +sie kennen fremde Sitten und Gebraeuche; dies macht sie wenigstens +toleranter gegen Auslaender. Die Frauen aber sind echte Englaenderinnen +im vollen Sinne des Worts, und im allgemeinen fehlt ihnen +die hoehere Bildung, die denn doch in einer grossen Stadt wie London +leichter zu erlangen ist als in einer Provinzstadt. Dafuer haben sie +sich tausend Beduerfnisse und Zierereien angeschafft, die ihren Reichtum +und ihren guten Ton zugleich an den Tag legen sollen, dem daran +nicht Gewoehnten aber hoechst laestig und peinlich werden. + +Die Liverpooler besitzen in hohem Grade die Tugend der Gastfreiheit, +die dem Englaender in Staedten sonst weder eigen ist noch seiner +Einrichtung nach sein kann; dass aber die Langeweile an ihren +wohlbesetzten Tischen auch hier gewoehnlich praesidiert, kann +nicht geleugnet werden, wenigstens ist dies der Fall, bis die Damen +aufbrechen und den Maennern bei Wein und Politik freien Spielraum +lassen. + +In Liverpool, wie in ganz Lancashire, leben viele Quaeker-Familien; +doch sind sie hier sehr ausgeartet und schaemen sich ihrer alten +einfachen Sitte. Der neumodische Ton steht ihnen wunderlich; +besonders benehmen sich die jungen Herren, welche Elegants sein +wollen, ungemein link. Sie, deren Vaeter selbst vor dem Koenige +nicht den Hut abnahmen, gruessen jetzt, zum Beispiel auf der +Promenade, fast jedermann, um zu zeigen, wie vorurteilsfrei +sie sind; ungefaehr wie elegante Juden, die, um ihre vorurteilsfreie +Bildung an den Tag zu legen, sich an oeffentlichen Orten mit +Schinkenessen Indigestionen zuziehen. In einigen Laeden fanden wir +noch Quaekerinnen in der einfachen, sauberen Kleidung, die ihre Religion +ihnen vorschreibt. Das "Du" klang in ihrem Munde so hoeflich und +bescheiden, dass unser "Ihr" uns in dem Augenblicke recht laecherlich +schien. Es handelt sich sehr gut mit ihnen; ihre Waren sind immer +von vorzueglicher Guete, sie ueberteuern niemand, und kein Feilschen +und Abdingen findet statt, das sie nur beleidigen wuerde. + +Das Theater ist nicht gross, aber sehr elegant und bequem eingerichtet. +Man hoert ueberall im ganzen Hause vollkommen gut; die Erleuchtung +ist vortrefflich, und die Dekorationen lassen nichts zu wuenschen uebrig. +Wir besuchten hier die Vorstellungen einiger neuerer Schauspiele, +welche wir schon in London gesehen hatten, und waren im Ganzen +damit zufrieden, wenigstens mit den Schauspielern. Die Schauspielerinnen +freilich scheinen sich einander das Wort gegeben zu haben, nicht +ueber die beschraenkteste Mittelmaessigkeit hinauszugehen. + +Die Zuschauer waren weit weniger laermend als in London; unter ihnen +bemerkten wir im Parterre die beiden betrunkensten Menschen, +die uns je vorgekommen sind. Beide, ganz elegant gekleidet, +sassen leichenblass, starr und steif nebeneinander, wie Tote, +mit stieren, offenen Augen. Der eine fiel wie ein Stein vom Sitze +herunter, der andere blieb, ohne es zu bemerken, steif sitzen. +Einige Zuschauer im Parterre trugen sie hinaus, aber mit so +zarter Schonung, mit so viel Teilnahme, dass man deutlich sah, +jeder dachte im stillen: "Heute dir, morgen mir!" + +Wir haben schon oben der vielen menschenfreundlichen Anstalten +erwaehnt, die hier der Wohltaetigkeit und dem Reichtume der Einwohner +ihr Dasein verdanken. Eine davon, fuer Blinde, besuchten wir +mit Freude und Ruehrung. Der Fonds dieser Einrichtung ist noch +nicht hinreichend, um ein Haus zu erbauen, welches geraeumig genug waere, +dass all diese Ungluecklichen darin wohnen koennen. Deshalb sind sie +in der Stadt in Privathaeusern eingemietet, aber sie versammeln sich +alle Tage in dem fuer sie eingerichteten Gebaeude, Asylum genannt; +dort speisen sie zusammen, erhalten Unterricht in der Musik, +in den Handarbeiten, die sie bei ihrem traurigen Zustande verrichten +koennen, und bringen uebrigens den Tag nach Gefallen miteinander zu. +In zwei Zimmern stehen gute Pianoforten zu ihrem Gebrauch, im dritten +eine Orgel. Als wir in letzteres traten, sass ein junger Blinder +an der Orgel und akkompagnierte drei jungen Maedchen, seinen +Ungluecksgefaehrtinnen. Sie sangen dreistimmig eine ruehrende Klage, +gemildert durch stille Ergebung und Hoffnung auf den Tag, der einst +ihre lange Nacht erhellen wird. Ihre Stimmen waren angenehm und rein, +sie bemerkten unseren Eintritt nicht und sangen ungestoert fort; +geruehrt standen wir am Eingange des Zimmers still und hueteten uns +wohl, sie zu unterbrechen. + +Im Ganzen sind diese Blinden wie fast alle ihre Ungluecksgenossen +immer heiter und froh und gespraechig. In einem unteren Zimmer +fanden wir eine Menge spinnender Weiber und Maedchen, Raeder und +Zungen schnurrten lustig um die Wette. In einem anderen Zimmer, +wo sich Maenner und Juenglinge mit Korbflechten beschaeftigten, +ging es nicht weniger munter her. Wir bewunderten die Feinheit +und zierliche Form der Koerbchen, sie flochten sogar Muster +von gruenen und roten Weiden hinein und wussten diese von den weissen +durchs blosse Gefuehl auf das genaueste zu unterscheiden. + +Die Blinden machen auch sonst noch allerhand nuetzliche Arbeiten, +welche unten im Hause in einem Laden zum Vorteile der Anstalt +verkauft werden; sie weben, machen Seile, ja es gibt sogar Schuhmacher +unter ihnen. Diese Anstalt gehoert wohl zu den zweckmaessigsten +und wohltaetigsten ihrer Art. Entfernt von allen Scharlatanerien, +strebt sie nur den Ungluecklichen wirkliche Hilfe zu leisten, +sie soweit moeglich zu nuetzlichen Mitgliedern der Gesellschaft +zu machen und ihren einsamen dunklen Pfad zu erheitern durch Arbeit +und Musik. Hier werden sie nicht mit tausend Kleinigkeiten gequaelt +wie in anderen aehnlichen Anstalten, wo man das, was der Menschheit +das Ehrwuerdigste sein wollte, das Unglueck, zum Zeitvertreib +einer muessig gaffenden schauspiellustigen Menge herabwuerdigt. + +Am Tage, ehe wir Liverpool verliessen, erscholl ploetzlich +von allen Tuermen ein betaeubendes Glockengelaeute, welches eine +ganze Stunde ununterbrochen fortwaehrte; die Glocken erklangen lustig +bald die Oktave hinauf, bald herunter, bald Terzen, bald Quinten, +die ganze Skala durch, nach Gusto der Kuenstler. Jeder von diesen Herren +bimmelte nach Belieben der Nachbarschaft die Ohren voll, ohne sich +an seine Kollegen zu kehren. Wir glaubten, es sei die Nachricht +einer gewonnen Schlacht angekommen, oder der Geburtstag eines Mitglieds +der koeniglichen Familie wuerde gefeiert oder wenigstens eine grosse, +vornehme Hochzeit in der Stadt; denn auch an bloss haeuslichen +Freudentagen darf jeder Englaender mit allen Glocken laeuten lassen, +wenn er dafuer bezahlen will. Aber nichts von alledem, sondern +eine alte, vor mehr als hundert Jahren verstorbene Jungfer war +die Ursache alles dieses Laerms. Diese hat in ihrem Testamente +saemtlichen Liverpoolschen Kuenstlern eine gebratenen Hammelkeule +mit Gurkensalat und dem dazugehoerigen Porter fuer jeden Donnerstagabend +das ganze Jahr hindurch auf ewige Zeiten vermacht. Sie verzehren +dieses Gastmahl in Gesellschaft, muessen aber vorher mit ihren Glocken +einen furchtbaren Laerm machen, der die Nachbarn der Kirchen +in Verzweiflung bringt; alles zum Gedaechtnis des Namens +der Erblasserin, und es fragt sich, ob diese Erfindung, eine Art +von Unsterblichkeit zu erhalten, nicht so gut und besser ist +als manche andere. + +Die Gegend hinter Liverpool fanden wir ebenso hollaendisch als die, +durch welche wir hereinkamen. Das Land so flach als moeglich, +aber hoechst kultiviert, durchschnitten von schiffbaren Kanaelen. +Ueber Warrington, ein sehr freundliches Staedtchen, beruehmt durch +Glasfabriken aller Art, kamen wir zum zweiten Male nach Manchester, +von dort auf sehr unebenem Wege nach Disley. + +Die englischen Landstrassen werden mit Recht im Durchschnitt +als hoechst vortrefflich gepriesen. Aber in der Naehe grosser Fabrikstaedte, +wo schwerbeladene Wagen und Karren den ganzen Tag darauf hin und +her rollen, sind sie es weit weniger und muessen den Chausseen +um Dresden, im Dessauischen, im Oesterreichischen und anderen +in Deutschland den Vorrang einraeumen. + +Eine Unannehmlichkeit fuer fremde Reisende in England besteht darin, +dass es sehr schwer wird, frueh auszureisen. Bei aller Vortrefflichkeit +der Gasthoefe ist es dennoch unmoeglich, vor sieben Uhr morgens +das Fruehstueck zu erhalten: der Wirt und seine ersten Bedienten +schlafen bis spaet in den Tag hinein; nur der Stiefelwichser +ist zu jeder Stunde bereit, aber seine Macht erstreckt sich +nicht weiter als hoechstens zur Herbeischaffung der Pferde. +Diese Beschwerde fuehlt indessen nur der Fremde, namentlich der Deutsche: +denn die Englaender sind in der Regel gewohnt, erst einige Stunden +nach dem Aufstehen zu fruehstuecken und reisen immer eine oder +ein paar Stationen, ehe sie ihren Tee mit geroestetem Butterbrote +verlangen. In Disley, wo wir dem englischen Gebrauch gezwungen +folgen wollten, fanden wir das Haus in so grosser Unordnung und +Unsauberkeit, dass es uns unmoeglich war, den Wagen zu verlassen. + +Unsere Reise fiel gerade in die Zeit der allgemeinen Bewaffnung +der Nation gegen die gefuerchtete Landung der beruechtigten Bateaux plats. +Alt und jung spielte Soldaten; Comptoires, Werkstaetten, Laeden +standen die Haelfte der Woche leer; jeder junge Mann suchte durch +schoene Uniformen und Exerzieren bei heiterem Wetter im Angesichte +der Damen seinen Mut an den Tag zu legen; bei Regenwetter gingen sie +freilich wie die paepstlichen Soldaten mit Regenschirmen zur Parade. + +Nach dem Exerzieren wurden in Gasthoefen bei grossen gemeinschaftlichen +Gastmaehlern die durch diese patriotische Anstrengung erschoepften Kraefte +hinter der Flasche wieder ersetzt und die Nacht alsdann mit Tanz +und Spiel vollends hingebracht. Diese Lebensweise galt damals +durch ganz England, und die Chefs der darueber leerstehenden Comptoires +und Fabriken wollten ob der grossen Vaterlandsliebe der jungen Helden +schier verzweifeln. + +In Disley war eben diese Nacht solch ein patriotisches Fest +gefeiert worden. Alles trug noch Spuren davon, welche, ziemlich +abschreckend, dem Eintretenden auf alle Weise entgegenkamen. +Hinter Disley war die Gegend zuerst recht freundlich, ganz englisch; +alles gruen, ueber und ueber. Dann gerieten wir wieder zwischen +unfruchtbare hohe Felsen. Duerftig mit Heidekraut bewachsen, +boten sie uns alles Unangenehme einer Gebirgsreise, ohne uns +durch erhabenen Schoenheit dafuer zu entschaedigen. Kurz vor Middleton +kamen wir durch eine enge, zwischen Felsen von schoenerer Form +sich hinwindende Schlucht; dann ging es weiter ueber noch hoehere +und freudenlosere Berge bis Sheffield. + +Dies ist eine grosse, aber nicht freundliche Manufakturstadt. +Kohlendampf, ueble Luft, unbeschreiblicher Schmutz wie in einer Schmiede +ueberall. Die Strassen hallen wider von wildem, wuestem Geschrei +und Gehaemmer, alles hat ein grobes, unangenehmes Handwerksansehen. +Es werden in Sheffield sehr viele und sehr schoene Stahl- und +plattierte Waren verfertigt. Unseres Bleibens konnte aber dort +nicht lange sein; nichts zog uns an, wir eilten fort und freuten uns +in dem nicht weit entfernten Landsitze des Lord Fitzwilliam, +Wentworth House, wieder einmal frische Luft zu schoepfen. + + + +Wentworth House und Rotherham + + +Es ward uns erlaubt, durch den Park von Wentworth zu fahren. +Obgleich gross und angenehm, zeichnet er sich dennoch uebrigens +nicht aus; ebensowenig die Gaerten und Anlagen. + +Das Merkwuerdigste hier sind die praechtigen Staelle; sie gleichen +wahrlich mehr einem Palaste als der Wohnung von Pferden. +Sie umschliessen einen grossen viereckigen Hof von allen Seiten. +Der eine Fluegel des mit architektonischer Pracht verzierten Gebaeudes +ist zur Reitbahn eingerichtet; in den drei anderen sahen wir +eine Menge der schoensten Pferde, unter ihnen viele Jagdpferde, +meistens von arabischer Herkunft; auch verschiedene beruehmte Renner, +welche bei manchem Wettrennen unsterbliche Lorbeeren errungen hatten. +Die Luft war in diesem Pferdestalle weit reiner als in der Stadt +Sheffield. Die Pferde stehen alle auf steinernem, zum Abzuge +der Feuchtigkeit hin und wieder durchbohrten Platten. Dies verhinderte +allen unangenehmen Geruch. Ueber dem Stande der vornehmsten Pferde, +der Jagdpferde und der Renner, war ihr Name, der Name ihrer +werten Eltern und bisweilen ein noch laengerer Stammbaum zierlich +geschrieben zu lesen. Einige Stuten hatten ziemlich grosse Spiegel +vor sich, um zu bezwecken, dass ihre Nachkoemmlinge ihnen an Schoenheit +gleich wuerden. + +In einem abgesonderten Teile des Hofes lief ein sehr huebsches +persisches Pferdchen umher. Man sagte uns, es waere ueber zwanzig Jahre alt. +Zahm wie ein Hund und auch nicht viel groesser, kam das zierliche Tier +auf jeden Ruf freundlich und schmeichelnd herbeigesprungen. + +Muede und angegriffen vom Anschauen und Bewundern setzten wir +unseren Weg fort nach Rotherham, wo uns Merkwuerdigkeiten anderer Art +erwarteten. + +Hier waren wir wieder in Vulkans Wohnung, doch ging es uns diesmal +nicht wie in Carron; wir wurden eingelassen und freundlich empfangen. + +Diese Eisengiesserei, an Groesse und Bedeutung die naechste jener nach Carron, +gehoert Herrn Walker. Obgleich auch hier Fremde ohne besondere +Empfehlung nicht eingelassen werden, und wir keine an Herrn Walker +hatten, so genuegte ihm doch schon ein Blick auf einige offene +Adressbriefe, die wir von London aus fuer andere Orte in England +mitgebracht hatten, und er gab Befehl, uns ueberall herumzufuehren. +Eine ungeheure Menge Blech wird hier geschmiedet, gereinigt, +geschnitten, verzinnt und dann in Kisten gepackt in alle Welt +versendet, wo es unter tausenderlei Formen wichtige und angenehme +Dienste leistet. Das zu verarbeitende Eisen kommt alles aus Russland, +teils roh, teils in langen Stangen. + +Die Eisengiesserei war uns besonders interessant. Einen schauderhaft +schoenen Anblick geben die hochspruehenden Flammen und Funken, +die roten zischenden Feuerstroeme, welche sich mit gluehendem Schein +langsam hinwaelzen, bis sie sich in die Form wie ein Grab versenken, +um dort auf immer zu erstarren. Ihn vermehren noch die schwarzen, +kolossalen Maenner, welche sich auf mannigfaltige Weise darum her +beschaeftigen. In Rotherham ward die grosse eiserne Bruecke gegossen, +die wir bei Sunderland bewunderten, und eine zweite, noch groessere, +ward hier vor kurzem nach Jamaika versendet. Das Eisen wird hier +in unendlich verschiedene Gestalten gezwungen, von den kolossalen +Bruecken an bis herab zum demuetigen Plaetteisen. Man verfertigt hier +auch viel schoenes Gitterwerk, in geschmackvollen, meistens +der Antike nachgebildeten Mustern, und braucht es sehr haeufig +zur Verzierung der Balkone, Fenster, Gartenpforten, Torwege und +Treppen. Es sieht sehr reich und elegant aus. Durch die Erfindung, +dergleichen Dinge zu giessen, statt sie zu haemmern, ist ihr Gebrauch +ungemein verbreitet worden. Geschlagenes Eisen ist zwar weit +dauerhafter als gegossenes, aber dieses kostet auch nur halb +so viel als jenes, und da es denn doch Eisen ist, so bleibt es +seiner Natur nach noch immer dauerhaft genug. + +Das Glueck wollte uns so wohl, dass wir eine vierundzwanzigpfuendige +Kanone giessen sehen konnten. Aus zwei Oefen floss brausend +das fluessige Metall in zwei mit Sand und Erde eingedaemmte Kanaele, +die sich bald in einem einzigen vereinten, aus dem es gewaltsam +in die tief eingegrabene Form stuerzte. Dantes Hoelle und der feurige +Phlegethon [Fussnote: Unterweltstrom aus der griechischen Mythologie] +waren bei diesem Anblick die naechstverwandten Ideen. +Drei Tage braucht es, ehe die Kanone erkaltet ist, dann zerbricht man +die Form und bringt sie so heraus. + +Wir sahen auch eine Kanone bohren; denn sie werden alle massiv gegossen. +Aus dieser Operation pflegte man sonst ein Geheimnis zu machen, +doch ward sie uns ohne viele Widerrede gezeigt, sobald wir den Wunsch +aeusserten, sie zu sehen. Die dazu noetige Maschine wird vom Wasser +getrieben. Eine lange, eiserne Stange, genauso dick als die Muendung +der Kanonen weit werden soll, steht in horizontaler Stellung fest. +Ein platter Stahl, ungefaehr einen halben Zoll stark, mit scharfen +Ecken, in Form einer Zunge, befindet sich am Ende der uebrigens +ganz runden Stange. Die Kanone, mit undenkbarer Gewalt vom Wasser +getrieben, wird gezwungen, sich um diese Stange wie eine Axt +zu drehen und zu winden; die Zunge schneidet das Metall aus +der Oeffnung, und die Stange poliert von innen ganz glatt und eben. +Es ist unmoeglich, die Kraft ohne Staunen anzusehen, die hartes Metall +wie weiches Holz bearbeitet. Wie wenig vermag der Mensch +mit seiner Staerke allein, und wie viel Erstaunenswertes bringt er +hervor mit Hilfe der Elemente, die er zur Dienstbarkeit zwingt, +die sich aber auch an dem ohnmaechtigen Herrscher oft furchtbar +raechen, wenn sie die Fesseln zerbrechen, die er schlau ersann, +und in wilder Freiheit einhertoben, um in Momenten ganze Geschlechter +zu vernichten. + + + +Nottingham + + +Ueber das artige Staedtchen Mansfield reisten wir nach Notthingham, +einer schoenen, ansehnlichen Fabrikstadt, in welcher besonders viele +und grosse Strumpfwebereien sich befinden. Von dort gingen wir nach Derby, +durch eine sehr reizende Gegend, dicht besaet mit Parks und +freundlichen, zum Teil schoenen Landhaeusern, zwischen welchen +einige stolze Schloesser der Grossen sich stattlich erheben. +Unser Postillon fiel vom Pferde, die Pferde nahmen reissaus; doch +auf diesen schoenen und lebhaften Strassen hat solch ein Vorfall +wenig zu sagen, obgleich er fast in allen englischen Romanen +als ein grosses Motiv paradieren muss. Unsere fluechtigen Pferde +wurden bald angehalten, und wir kamen, zwar ein wenig erschrocken, +doch wohlbehalten in Derby an. Hier waren die Pferderennen, auf die wir +uns gefreut hatten, eben vorbei; auf unserer vorigen Durchreise +war das Merkwuerdigste, was Derby darbietet, schon bewundert; +deshalb setzten wir unseren Stab bald weiter und zogen gegen Warwick. + +Von Warwick kamen wir nach Stratford-on-Avon. Der Ort ist klein, +arm und unbedeutend, aber ein heiliger Schimmer umgibt ihn: +denn hier erblickte Shakespeare [Fussnote: das Grab ist heute bekannt +und befindet sich im Chor der Holy Trinity Church. Das Fachwerk +des Geburtshauses stammt tatsaechlich aus der Zeit Shakespeares] +zuerst den Tag, hierher kehrte er zurueck am Ende seiner grossen Bahn, +und seine Gebeine liegen hier begraben. Niemand weiss recht die Staette, +aber in der Westminster Abtei, dort wo die Koenige ruhen, +strahlt das Denkmal, welches die Nation ihm errichtete, deren Stolz er ist. + +Wir liessen uns zu der Huette fahren, in welcher sein Vater, +ein wohlhabender Handschuhmacher, auch Wollkaemmer, einst wohnte, +wo der grosse Geist, seiner selbst nicht bewusst, in der engen +Eingeschraenktheit aengstlich und beklommen sich fuehlte, bis ins +sechzehnte Jahr, in stetem Kampfe mit der ihn einengenden Aussenwelt, +an den Banden riss, die ihn einzwaengten, und endlich, nach mancher +wilden, ungezuegelten Aeusserung, zu welcher Jugendmut und ungeleitete +Kraft ihn hinzogen, dem engen Leben wie dem kleinlichen Zwange entfloh +und frei seinem Genius folgte. + +Die armen Lehnwaende des Hauses koennen sohl schwerlich schon vor +weit mehr als zweihundert Jahren gestanden haben, obgleich Stratfords +Einwohner es allgemein behaupten. In der Brandmauer am Feuerherde +aber ist ein alter hoelzerner Lehnstuhl in einer Art von Nische +eingemauert; der Herd selbst sieht sehr alt aus, eine grosse steinerne +Platte liegt davor; hier hat gewiss Shakespeares Vater gesessen, +eifernd ueber die wilden Jugendstreiche des Sohnes, der ihm bei +aller Blutsverwandtschaft dennoch ein Fremder war und ewig sein musste. + +In einem oberen Zimmer zeigte man uns noch ein grosses altes Bettgestell, +in welchem Shakespeares Mutter ihn zur Welt brachte; auch sein +Stammbaum haengt hier. Das Haus wird jetzt von einem Fleischer bewohnt, +der sehr arm zu sein scheint. Doch sorgsam wacht er ueber diese +heilige Staette: denn sie bringt ihm durch die Besuche der Fremden +bei seiner Duerftigkeit eine sehr willkommene Hilfe. + + + +Tewkesbury und Cheltenham + + +In dem kleinen freundlichen Landstaedtchen Tewkesbury vernahmen wir, +dass dort in einigen Tagen ein grosses Pferderennen gehalten werden sollte. +Unter den Woelfen lernt man heulen, sagt das Sprichwort, unter den +Englaendern wird man am Ende selbst eine Art John Bull. Wir beschlossen +also die Zeit bis dahin in dem benachbarten Bade Cheltenham zuzubringen, +dann an dem zu jenen Feste bestimmten Tage nach Tewkesbury zurueckzukehren, +und reisten nach Cheltenham ab. + +Dieser beruehmte Brunnenort ist ein huebsches Staedtchen, in einem +angenehmen, von Huegeln umgebenen, breiten Tale. Alles darin sieht +neu aus. Die Stadt ist groesstenteils waehrend der letzten vergangenen +fuenfzig Jahre erbaut, denn so lange ungefaehr ist es, dass die dortige +Quelle bekannt und beruehmt ward. + +Cheltenham besteht aus einer einzigen, wenigstens eine englische Meile +langen Strasse, an welche sich kleine Nebenstrassen und einzelne Gebaeude +anschliessen. In dieser Hauptstrasse mit den schoensten Gebaeuden, +den glaenzendsten Laeden, Leihbibliotheken und Kaffeehaeusern wogt +die schoene Welt den Morgen ueber langsam und, wie es uns schien, +auch langweilig auf und ab. Die Damen schleichen gaehnend zu zweien +und dreien aus einem Laden in den anderen, waehrend die Herren +mit Reiten, Trinken und Zeitungslesen die edle Zeit auf ihre Weise +hinzubringen suchen. + +Der Geist geselliger Freude ist hier so wenig als sonst in England +heimisch; man treibt alles ernstlich, und so wird auch das Vergnuegen +zur Arbeit. Wenn der Morgen ueberstanden ist, so helfen Baelle, +Assembleen, Konzerte und Theater, wie es eben die Reihe trifft, +die uebrigen Stunden hinzubringen; fuer alles dies ist gesorgt, +wenn auch nach etwas verjuengtem Massstabe. Waehrend der Saison +praesidiert hier einer der Zeremonienmeister aus Bath, weil er den Sommer +ueber dort muessige Zeit hat. Von dieser und anderen Einrichtungen +der englischen Baeder sowie auch von der allen gemeinsamen Lebensweise +behalten wir uns vor ausfuehrlicher zu sprechen, wenn wir zur Beschreibung +von Bath, dieser Koenigin aller englischen Badeorte, kommen. + +Die Promenade, welche zu dem Brunnen von Cheltenham fuehrt, wird +fuer eine der schoensten in England gehalten; wahrscheinlich erwirbt ihr +in diesem Lande die grosse Seltenheit gerader, von hohen Baeumen eingefasster +Alleen diesen Ruhm, denn hohe, schattige Ulmen umgeben hier +von beiden Seiten eine breite, schnurgerade, etwa neunhundert Fuss +lange Allee. In ihrer Mitte befindet sich der Brunnen in einem etwas +schwerfaelligen Tempel eingeschlossen, daneben ein huebscher Saal +zum Gebrauch der Brunnengaeste bei schlechtem Wetter, und in diesem +ein Buch zu Subskriptionen fuer die Erhaltung der Promenade, des Saals usw. +Jeder wohlerzogene Brunnengast unterzeichnet sich darinnen mit Namen +und Stand; im Unterlassungsfall wird er fuer einen Nobody angesehen +und keine Notiz von ihm genommen, wie billig. Am Ende der Promenade +befindet sich noch eine gewoehnliche englische Gartenanlage; +ein artiges, ebenfalls zur Belustigung der Badegaeste bestimmtes Gebaeude +schliesst hier die Allee, und am anderen Ende derselben bildet +der ziemlich spitzige Kirchturm das Point de vue. + +Es ist ein huebscher Anblick, wenn man morgens zwischen acht und zehn Uhr, +der gewoehnlichen Brunnenzeit, die Badegesellschaft unter den +ehrwuerdigen Baeumen langsam auf und ab wandeln sieht. Der eigene Reiz, +welcher die Englaenderinnen in ihrer Morgenkleidung umgibt, ist bekannt, +und hier, in diesem gruenen Daemmerlichte, zeigen sich die weiss gekleideten, +nymphenhaften Gestalten der meisten auf's Vorteilhafteste. Zwar haelt +diese Allee mit der von Pyrmont keinen Vergleich aus, die Englaender +sind indes stolz darauf und meinen, sie sei die schoenste in der Welt. +Waehrend man hier des Trinkens halber auf und ab spaziert, welches sehr +charakteristisch die Morgenparade genannt wird, musiziert eine Bande +Spielleute rasch darauf los, so gut es gehen will, und laesst laut +ihr God save the King und Rule Britannia erschallen. + +Eine wunderliche Einrichtung ist's, dass man nicht anders als +ueber den Kirchhof zur Promenade gelangen kann; dieser ist zwar +ganz artig, mit huebschen Linden, aber daneben auch mit vielen Leichensteinen +besetzt und mag wohl bei manchem zur Quelle wallfahrtenden Kranken +Ideen erwecken, die deren Heilkraefte schwaechen koennten. + +Das Wasser von Cheltenham wird hauptsaechlich gegen Hautschaeden, Skorbut +und aehnliche Uebel gebraucht. Koenig Georg der Dritte brachte durch +einige Besuche diese Quelle zuerst in Mode, doch bekam ihm dieses +sehr uebel. Er wollte hier von einem unangenehmen, aber eingewurzelten, +vielleicht angeborenen Hautuebel genesen; es gelang ihm, der Ausschlag +verging, aber der gute Georg geriet darueber in den traurigen +Gemuetszustand, in welchen er bis an seinen Tod verblieb.[Fussnote: Georg III. +regierender Monarch aus dem Hause Hannover zur Zeit von Johannas +Englandaufenthalt (1738-1820). Er litt seit 1788 wiederholt unter +Anfaellen von Geistesgestoertheit, lebte seit 1801 in einem eigenartigen +Daemmerzustand, der nach einem voelligen Zusammenbruch 1811 die Regentschaft +des Prinzen von Wales erforderlich machte.] + +Endlich brach der festliche Morgen an, der uns nach Tewkesbury rief; +ganz Cheltenham wanderte mit uns zugleich aus, eine lange bunte Reihe +zu Wagen und zu Ross. + +Dort war alles in geschaeftiger Bewegung, alles hatte den Sonntagsrock +angezogen, huebsche Maedchen in weissen Kleidern und gelben Nankingschuhen +liegen ueberall munter und froehlich umher. Eine Bande Seiltaenzer +und zwei herumziehende Schauspielertruppen hatten hier fuer den Abend +Thaliens und Terpsichorens Tempel aufgeschlagen, dazu war noch +fuer die Nacht Ball und Assemblee. Man denke, was dies alles +im Staedtchen Tewkesbury fuer Laerm machen musste, und wie die jungen, +dieser Herrlichkeit ungewohnten Herzen schon beim blossen Herrlichkeit +ungewohnten Herzen schon beim blossen Gedanken daran rascher schlugen. +Und noch dazu alle die glaenzenden Herren und Damen aus Cheltenham, +die Equipagen, schoenen Pferde, Bedienten und der uebrige Tross, +es war zum Entzuecken! Gluecklich, wer wie wir beizeiten fuer Wohnung +und Mittagessen gesorgt hatte: denn ohne diese Vorsorge war in +dem Gewuehle schwerlich ein Unterkommen zu finden. + +Um zwoelf Uhr zog alles, Mann und Ross und Wagen, hinaus zum Rennplatze. +Eine grosse schoene Wiese ist dazu eingerichtet, in einem halben Kreise +zieht sich die Stadt darum her, und ferne blaue Berge schliessen +rings die Aussicht. Das an sich schon recht huebsche Lokal, belebt von +mehreren tausend froehlichen Menschen jedes Standes, gewaehrte +ein sehr interessantes Schauspiel. Die Seiltaenzer hatten die mit +unzaehligen Faehnchen recht bunt verzierten Gerueste, auf welchen sie +den Abend ihre Kuenste zeigen wollten, mitten auf dem Platze errichtet; +dieses, die tuerkische Musik, welche ertoente, um die Neugierde +des Publikums zu erregen, und ihre leichte phantastische Taenzertracht, +in der sie teils mitten unter der Menge umherliefen, teils auf +ihren Geruesten sich gruppierten, machten das bunte Ganze noch bunter +und lebendiger. + +Auch die beiden rivalisierenden Schauspielertruppen strebten +bemerkt zu werden und einander den Rang abzugewinnen. Unermuedet teilten +sie an alle Welt ihre Zettel aus, in die Kutschen flogen diese +Ankuendigungen zu Dutzenden, und wenn einer eine Handvoll davon +zu einem Schlage hingeworfen hatte, so eilte gleich sein Nebenbuhler +durch den anderen Schlag ebenfalls das Lob seiner Gesellschaft zu +verbreiten. Alles war Leben und Lust, nur die Wettenden schienen, +mit Ernst und Eifer in ihren Zuegen, das froehliche Treiben der uebrigen +veraechtlich anzublicken. + +Endlich toente die Trommel, die Pferde liefen vortrefflich, es waren +einige beruehmte Renner darunter. Das Ganze gefiel uns weit besser +als in Edinburgh und behagte uns in der Tat so gut, dass wir, +wie der groesste Teil der uebrigen Gesellschaft, nach Tische wieder +zum zweiten Rennen fuhren. + +Aber nun war der Reiz der Neuheit vorbei, und ums uns nicht am Ende +eines froehlichen Tages zu langweilen, liessen wir Ball und Assembleen, +Kunstreiter, Othello und Konsorten im Stiche und warteten sogar +die Entscheidung des grossen Streits nicht ab: ob Jenny Spinster eine +Viertelminute eher als Edgar am Ziele gewesen sei, oder ob beide +zugleich angekommen waeren. Wir wuenschten den guten Einwohnern +von Tewkesbury, die Shakespeare in einem seiner Meisterwerke als +vortrefflich Senffabrikanten verewigt hat, viel Vergnuegen fuer +den heutigen Abend und den morgigen Tag, an welchem gleiche Freuden +sie erwarteten, bewunderten noch die schoene gotische Kirche, +eine der groessten und schoensten im Reiche, und fuhren froehlichen +Muts nach Gloucester. + +Diese Stadt schien uns beim Durchfahren ziemlich bedeutend, +mit huebschen Haeusern und breiten Strassen. Uebrigens enthielt sie, +so viel wir erfahren konnten, nichts, was unsere naehere Aufmerksamkeit +auf sich zog. + + + +Bristol + + +Die Reise von Gloucester nach Bristol ist eine der angenehmsten +und der Charakter der Gegend voellig von dem des uebrigen England +verschieden. Sie ist mannigfaltiger, suedlicher. Gruen ist nicht mehr +so ganz die praedominierende Farbe, obgleich die Vegetation sich +auch hier in hoechster Pracht darstellt. Schoenere, groessere Baeume +als irgendwo, in gedraengten Gruppen, viele grosse Pflanzungen +von Obstbaeumen, mit Mauern statt der gewoehnlichen Hecken eingefasst, +zeichnen sie vor allen anderen in Grossbritannien aus. + +Hier glueht der Goldpepping [Fussnote: Goldreinette, Apfelsorte], +der Stolz Englands, zwischen dem hellgruenen Laube und seufzt im +Herbst unter der Presse, um spaeter als Cider [Fussnote: Apfelwein, +Most] die Herzen des Mittelstandes, der die teuren franzoesischen +und portugiesischen Weine nicht bezahlen kann, zu erfreuen. Hier +reift die Birne auf hohen stattlichen Baeumen und liefert den Perry +[Fussnote: Birnenwein, Most], der oft unter der Maske sprudelnden +Champagners von den Weinhaendlern teuer verkauft wird. + +Der schoene Strom Avon belebt die herrliche Gegend, kleinere Schiffe +schweben auf seiner silbernen Flaeche. Nahe bei Bristol wird er +tief genug, um selbst grosse Schiffe von vierzig bis fuenfzig Kanonen +zu tragen; acht englische Meilen weiter hin, in einer der reizendsten +Gegenden, faellt er in den Severn See, eigentlich einen Meerbusen, +der hier tief ins Land geht. Bristols Umgebungen sind unstreitig +die schoensten in England; denn alles ist hier vereint: das Meer, +der schiffbare Strom und Berg und Tal, Feld und Wald in hoechstem +Reichtume, den weiser Fleiss und ein vortrefflicher Boden nur +gewaehren koennen. + +Die Stadt schien uns groesser als Edinburgh. Strassen und Plaetze +sind breit, wohlgepflastert, voll regen Lebens, umgeben mit +schoenen Privathaeusern sowohl als oeffentlichen Gebaeuden und Kirchen, +unter denen die Kathedrale und die von St. Mary Redcliffe +als ehrwuerdige gotische Gebaeude sich auszeichnen. Das Theater +ist gross, bequem und elegant, so auch das in der Vorderseite +mit korinthischen Saeulen verzierte Gebaeude, in welchem unter +der Aufsicht eines Zeremonienmeisters die Assembleen und Baelle +waehrend der hiesigen Badezeit statt haben. + +Man vergleicht Bristol mit Rom; denn wie jene Koenigin der Staedte +thront es ebenfalls auf sieben Huegeln, und einige davon gewaehren +von ihren Gipfeln eine sehr schoene Aussicht in das Land ringsumher. +Die Strassen, die hinauffuehren, sind aber groesstenteils sehr steil. +Ausser dem schiffbaren Avon stroemt auch noch ein kleinerer Fluss, +der Frome, durch die Stadt; huebsche steinerne Bruecken fuehren +ueber beide Gewaesser. Der Quai am Hafen ist praechtig, ein Meisterwerk +seiner Art; aber schaudernd wandten wir uns von seinem Anblick; +denn hier war der Ort, von welchem aus die unmenschlichste +Gewinnsucht Schiffe zum Sklavenhandel ausruestete, der Bristols +Einwohner bereicherte. Blut und Seufzer von Millionen Menschen +kleben an diesen Steinen. Indem wir dieses bedachten, wurde es +uns unmoeglich, heiteren Mutes die schoenen Docks zu bewundern, +welche hier, wie in Liverpool, Schiffe aus allen Gegenden +der Welt sicher und bequem beherbergen. + +Eine der schoensten Partien um Bristol gewaehrt King's Weston, +der Landsitz des Lord Clifford. Die Fassade des Hauses ist +gross und stattlich, wenn auch etwas schwerfaellig und mit +Verzierungen ueberladen; wir mochten uns aber mit naeherer +Betrachtung desselben nicht aufhalten; sogar die schoenen Anlagen +durchliefen wir nur fluechtig, so maechtig zieht hier +die einfache Natur ringsumher von der ab, welche die Kunst +zu schmuecken versuchte. King's Weston liegt auf einer betraechtlichen +Anhoehe. Blickt man von oben herab, so bietet sich von +einer Seite dem Auge ein reizendes Tal dar, ausgestattet +mit allem dem Reichtum, aller der Kultur, welche England +zu einem der schoensten Laender Europas machen, und liebliche Huegel, +mit aller Pracht der ueppigsten Vegetation geschmueckt, +scheiden diesen reizenden Punkt der Erde von der uebrigen Welt. +Von der anderen Seite der Anhoehe von King's Weston sieht man +den hier maechtigen Avon sich majestaetisch hinwinden durch +ein jenem Tale aehnlichen Paradies. Schiffe aus allen Gegenden +der Welt, umtanzt von Gondeln und kleinen Schifferbarken, +schweben auf seiner silberblinkenden Flaeche. Lange verfolgt hier +der Blick den Lauf des Flusses, sieht ihn immer maechtiger, +immer breiter werden, sieht, wie die Felsen zu den Seiten +immer pittoreskere, immer romantischere Formen annehmen, +wie, ganz in blauer Ferne, das Meer zuletzt die Aussicht +und zugleich den Lauf des schoenen Stroms begrenzt, indem es +ihn in seinen Schoss aufnimmt und auf ewig mit sich vereinigt. +Lange waren wir in diesem bezaubernden Schauspiel verloren; +endlich nahmen wir unseren Weg durch den mit ehrwuerdigen Baeumen +besetzten Park des Lord Clifford zu einem noch hoeheren Huegel, +Penpole Point genannt. Noch einmal genossen wir hier dieselbe +Aussicht, nur von einem anderen Standpunkt aus gesehen und +noch reicher, noch ausgebreiteter, noch entzueckender. + +Ein sehr angenehmer Weg fuehrt von da nach Clifton. Man nennt Clifton +ein Dorf, aber es ist ein Dorf, wir moechten sagen, aus Palaesten +bestehend. Es liegt zerstreut, teils im Tale, teils auf +der sonnigen Seite eines Huegels. Die schoenen grossen Haeuser +stehen bald in der in England so beliebten Form des halben Mondes, +teils in langen Reihen auf Terrassen, teils einzeln, oder bilden +auch breite Strassen und schoene, regelmaessige Plaetze. Alles +dieses ist durch Gaerten, Felder, steile, wilde Felsen und +sanfte Anhoehen auf das Reizendste vermannigfaltigt. + +Einige dieser Gebaeude werden fuer immer oder auch nur den Sommer +hindurch von reichen, angesehen Familien bewohnt; der groessere Teil +derselben ist zum Gebrauche der Badegaeste eingerichtet, deren +jaehrlich eine grosse Anzahl herkommt, in der Hoffnung, Heil und +Rettung in der lauwarmen Quelle zu finden, welche nicht weit +entfernt von Clifton fliesst. Leider oft vergebens; denn +diese Quelle wird gewoehnlich als letztes Mittel gegen +das traurigste aller Uebel, die unser kurzes Leben bedrohen, +gegen Schwindsucht und Auszehrung, angewandt. + +Nirgends haeufiger als in England wueten diese Krankheiten, +die fast immer die juengsten und liebenswuerdigsten Opfer sich erwaehlten, +und sie verschoenen und verklaeren, indem sie sie zerstoeren. +So blueht die vom Wurm gestochene Rose oft um so frueher und +schoener auf. Es ist ein herzzerreissender Anblick, die jungen, +aetherischen Gestalten atemlos, halb schon Bewohner einer anderen Welt, +in diesen elysischen Gegenden ueber den gruenen Rasen hinwanken +zu sehen und dann einen Blick auf den nahen Kirchhof, die Ruhestaette +ihrer Vorgaengerinnen, zu werfen, auf dessen Leichensteinen die Zahlen +von zwanzig und fuenfundzwanzig Jahren in einer langen traurigen +Reihe fast ununterbrochen zu lesen sind. + + + +Hotwells + + +Ein sehr steiler Weg fuehrt den Berg hinab nach Hotwells, wo die Quelle +fliesst und ebenfalls viele schoene Wohnungen fuer Badegaeste erbaut sind. +Nahe am Ufer des Avon rauscht sie maechtig hervor, aus einem der +Felsen, die in majestaetischen Reihen sich von beiden Seiten laengs +dem Bette des Stroms hinziehen. Ein huebsches Gebaeude ist ueber +der Quelle erbaut. Zuerst tritt man in einen Vorsaal, der den Trinkenden +zum Ausruhen und zur Konversation dient; hinter diesem liegt +das Brunnenzimmer. Ein artiges Maedchen personifiziert hier die Hebe +und schenkt das gar nicht uebel schmeckende, wie Champagner +petillierende, lauwarme Wasser. Wenn es zuerst geschoepft wird, +sieht es etwas truebe und weisslich aus, wird aber ganz klar, +sowie es sich abkuehlt. + +Eine Menge artiger Kleinigkeiten, auch zum Teil seltene Konchylien, +Steine und Mineralien aus den benachbarten Gebirgen, stehen hier +zum Verkaufe, unter ihnen die bekannten Bristoler Steine, welche +in den Ritzen und Spalten der den Avon umschliessenden Felsen gefunden +werden und sowohl an Glanz als Haerte den wirklichen Diamanten sehr +aehnlich sind. + +Die Aussicht aus dem Fenster des Brunnensaals ist beschraenkt, +aber von ernster Schoenheit; wild und hoch streckend die dunkelroten +Marmorfelsen von St. Vincent ihr majestaetisches Haupt hinauf in +die blaue Luft. Der Avon draengt sich brausend durch das ihn einengende +Felsenbette; ihm gegenueber, ebenso fruchtbar, in ebenso wilden Formen, +starren andere, ganz aehnliche Gebirge; es ist, als haette der dunkle Strom +hier, um seinen Weg zu bahnen, den Fels gespalten oder ein Erdbeben, +maechtig seine Grundfeste erschuetternd, ihn zersplittert. Verfolgt man +mit den Augen den Strom, der sich wohl anderthalb englische Meilen weit +zwischen diesen Kolossen hinwinden muss, so erblickt man am fernen Horizont +die schoenen blauen Gebirge von Wales, welche die nicht ausgebreitete, +aber hoechst romantische Aussicht schliessen. + +Hinter dem Brunnenhause dient eine schoene, mit Baeumen besetzte Terrasse +am Ufer des Avon zur Promenade. Tausend Schiffe kommen dort und gehen; +kein Brunnenort hat wohl eine aehnliche Promenade aufzuweisen. +Bei kaltem, regnerischem Wetter gehen die Gaeste unter einer in Form +eines halben Mondes erbauten Kolonnade auf und ab, welche auf einer Seite +von einer Reihe eleganter Laeden begrenzt wird. + +In Hinsicht der schoenen Gebaeude erscheint Hotwells wie eine Fortsetzung +von Clifton; wie dort stehen sie hier einzeln und in schoenen Reihen +und Strassen vereinigt. Dazu kommen noch die mannigfaltigen Aussichten +auf See und Fluss, Berg und Tal; es ist unmoeglich, mit der Feder +auszudruecken, wie ueberschwaenglich reich sich hier die Natur bewies. +Aber auch fuer andere Vergnuegungen ist gesorgt. In zwei schoenen, +zur Aufnahme der Gesellschaft eingerichteten Gebaeuden werden jeden +Montag und Donnerstag Dejeuners dansants auf Subskription gegeben. +Dienstags ist regelmaessig Ball, an den uebrigen Tagen fuellen Assembleen +und Promenaden die muessige Zeit aus. + +Wie in den uebrigen groesseren Baedern praesidiert auch in Hotwells +ein Zeremonienmeister; seine Gesetze haengen in den Saelen an der Wand +angeschlagen und werden puenktlich gehalten. Sie sind in Hinsicht +auf Kleidung etwas weniger streng als in Bath; in der uebrigen Etikette, +besonders des Ranges, sind beide einander gleich. Die ganze Einrichtung +von Hotwells gleicht der von Bath bis auf wenige Kleinigkeiten; +wir verweisen deshalb den freundlichen Leser auf den zunaechst +folgenden Abschnitt. + +Ausser den allen Baedern gemeinen Vergnuegungen, welche regelmaessige +Promenaden, Assembleen, Baelle, Lesebibliotheken und dergleichen gewaehren, +erfreuen sich die gluecklichen Bristoler Brunnengaeste noch viel +mannigfaltiger Freuden, wenn sie die herrliche Gegend ringsumher +durchstreifen; denn ausser King's Weston gibt es noch in ganz maessiger +Entfernung viele Orte, die wohl eines mehrmals wiederholten Besuchs +wert waeren. + +Leider waltete ueber uns das gewoehnliche Schicksal der Reisenden, +wir konnten nicht alles Sehenswerte aufsuchen; aber wer Wochen, +vielleicht Monate lang hier verweilt, muss sich manchen hohen Genuss +verschaffen koennen, und unter diesen ist es wohl keiner der geringsten, +auf dem silbernen Strome hinzuschiffen. Bisweilen unternimmt +die Gesellschaft solche Exkursionen, wo die wilden Felsen dann +widerhallen von Musik, welche die Boote begleitet. + + + +Bath + + +Der Weg von Bristol nach Bath ist nur vierzehn englische Meilen lang. +Im unaufhoerlichen Wechsel der reizendsten Aussichten faehrt man, +wie in einem Garten, auf den schoensten, ebenen Wegen, durch ein Land +von mannigfaltiger hoher Schoenheit. + +Die Jahreszeit war die guenstigste, um alles dies zu geniessen, +aber nicht um das eigentuemliche Leben kennenzulernen, welches diese Stadt +von den meisten anderen unterscheidet. Frueher hatten wir im Winter +Gelegenheit dazu, und was wir waehrend unseres ersten und zweiten +Aufenthalts in Bath bemerkten, finde vereint hier seinen Platz, +um unseren Lesern eine zusammengestellte, vollstaendigere Ansicht +dieses merkwuerdigen Orts zu geben. Vorher aber noch etwas im allgemeinen +von dem Leben der Englaender in Badeorten, weil es uns zur Verstaendlichkeit +des Ganzen unentbehrlich duenkt. + +Etikette ist in England ueberall an der Tagesordnung. Dem Briten +geht es mit ihr wie den Frauen mit ihrer Schnuerbrust, wenn sie sich +von Jugend auf daran gewoehnt haben. Sie fuehlen sich unbehaglich, +wenn der gewohnte Zwang aufhoert, und wissen ohne ihn nicht zu leben. +Schon mit dem haeuslichen Leben ist dieser Zwang auf das engste verwebt; +in die heiligsten Bande, die Mann und Weib, Eltern und Kinder miteinander +verbinden, ist er unzertrennlich verflochten; wie sollte er in den Baedern +fehlen, wo der Brite, ganz wegen seiner Natur, unter Unbekannten lebt +und sich mit ihnen nach einem etwas von dem Gewoehnlichen verschiedenen +Takte, in etwas anders vorgezeichneten Kreisen dreht, dies ist's allein, +wodurch das Badeleben vom Alltagsleben sich einigermassen unterscheidet. +Damit aber ja niemand von dem ihm ungewohnten Takt abweiche, die ihm +neuen Kreise aus Unbeholfenheit und Unwissenheit verletze, so ist +in jedem Brunnenorte ein eigener Zeremonienmeister angestellt; in Bath +gibt es deren sogar zwei. Dieser Zeremonienmeister sorgt fuer alles, +er macht gleichsam den Wirt und kommt jedem hoeflich entgegen. +Bei den Baellen und ueberall haelt er auf strenge Beobachtung der von +der ganzen Gesellschaft fuer gueltig anerkannten Gesetze, in allem, +was die Ordnung der dem Vergnuegen gewidmeten Stunden, der Kleidung, +des Ranges und tausend anderer Zufaelligkeiten betrifft. Diese Gesetze +sind in den Assemblee- und Ballsaelen angeschlagen, damit er sich +gleich darauf berufen koenne. Tanzlustige Herren und Damen melden sich +bei ihm, wenn sie nicht vorher so klug waren, fuer sich selbst zu sorgen, +und er verschafft ihnen Mittaenzer, Partners, fuer den ganzen Ballabend. +Jede Ursache zum Streit sucht er zu entfernen, jeden schon entstandenen +zu schlichten. Unermuedet muss er fuer Anstand und Sitte wachen. + +Man sieht aus allem diesem, es ist nicht leicht, dort Zeremonienmeister +zu sein. Maenner, die sich und ihr Vermoegen im grossen Strudel der Welt +verloren, nun allein dastehen und aus dem allgemeinen Schiffbruche +nur furchtlose Dreistigkeit, eine imponierende Gestalt, Weltton +und einige vornehme Bekanntschaften gerettet haben, eignen sich +am besten zu solchen Stellen und erhalten sie nach dem Tode oder +der freiwilligen Resignation ihres Vorgaengers durch die Stimmenmehrheit +der anwesenden Brunnengaeste. Das Leben, das sie fuehren, ist sehr +ermuedend, ihr Lohn dafuer Achtung im Aeusseren, der Ertrag einiger Baelle, +die jede Badezeit zu ihrem Benefiz gegeben werden, und von jedem Badegaste +ein anstaendiges Geschenk. Dass sie ueberall freien Zutritt haben, +versteht sich von selbst. Eine goldene Medaille, welche sie an +einem Bande um den Hals oder im Knopfloch tragen, dient zur Bezeichnung +ihres Amtes. + +Eine entfernte Aehnlichkeit mit den englischen Zeremonienmeistern +haben die Brunnenaerzte in einigen der kleinen deutschen Baeder, +wo sie auf Promenaden und an den oeffentlichen Tischen Gesunde und Kranke +umflattern, alles anordnen, alles wissen, ueberall sind und nirgends. +Die eigentlichen Brunnenaerzte fehlen in England gaenzlich; man haelt sich +an die von Hause mitgebrachte Vorschrift seines eigenen Arztes, +und nur in ungewoehnlichen Faellen zieht man einen aus dem Orte oder +der Nachbarschaft zu Rate. + +Auch oeffentliche Spiele gibt es dort nicht, sie werden nicht geduldet, +und man hat nicht wie in Deutschland schon vom fruehen Morgen +den empoerenden Anblick dieser auf Raub ausgehenden Hyaenen und ihrer +sinnlosen Beute zu ertragen. + +Hat man sich gleich nach der Ankunft im Badeorte haeuslich und komfortabel +eingerichtet, welches in England sehr leicht und schnell abgetan ist, +hat man Karten an die Badegaeste geschickt, die man schon kennt +oder deren Bekanntschaft man zu machen wuenscht, so bleibt nun weiter +nichts uebrig, als sich ueberall zu abonnieren, um ueberall Eintritt +zu haben. Zuerst in die Assemblee-Saele, dann zu den an festgesetzten Tagen +statthabenden Baellen, dann zu den Konzerten, die in den groesseren Baedern +auch regelmaessig gegeben werden; vor allen Dingen aber zu den +verschiedenen Leihbibliotheken, die man in jedem Badeorte in ziemlicher +Anzahl findet. Diese sind der Herzenstrost, die letzte Zuflucht aller, +welche mit dem allgemeinen Feinde, der Zeit, sonst nicht fertig +zu werden wissen. + +Ist frueh das Wasser getrunken, welches gewoehnlich waehrend der Promenade +in einem der Brunnensaele geschieht, hat man gebadet, en famille +gefruehstueckt (oeffentliche Fruehstuecke sind selten), was faengt man +dann mit dem langen Vormittage an, bis die zweite Toilette vor Tische +beginnt? Reiten, fahren, gehen kann man nicht immer; die wenigen +Visiten, die Revue der Putzlaeden sind bald abgetan. Welche eine +Seligkeit, dann einen Zufluchtsort zu haben wie diese Leihbibliotheken! +Man trifft dort immer Gesellschaft; mit Bekannten wechselt man ein +paar Redensarten, die Unbekannten starrt man an und wird von ihnen +wieder angestarrt. Und nun noch die Menge Romane, die Zeitungen, +Journale, Broschueren, auf's eleganteste ausgestellt, die man entweder +dort durchblaettert oder mit nach Hause nimmt. Dies ist noch nicht +genug. Ausser den geistigen Schaetzen findet man in diesen Laeden +noch deren von irdischerem Glanze. Eine Sammlung aller der zahlreichen +Kleinigkeiten aus koestlichen Metallen und Steinen, die der Modewelt +unentbehrlich duenken, und alles, was zum Schreiben und Zeichnen +dient, vom simplen Bogen Papier an bis zum kostbarsten Schreibzeug +oder Portefeuille. Von diesen immer zum Anschauen und zum Verkaufe +fertig stehenden Herrlichkeiten wird sehr oft eines oder das andere +lotteriemaessig verspielt und gewaehrt so diesen Anstalten ein +neues Interesse. + +Zu Mittag speist man etwas frueher als in London, weil die +Abendvergnuegungen schon um sieben Uhr anfangen. Jede Familie besorgt +fuer sich zu Hause ihre Oekonomie selbst oder laesst sie ausser dem Hause +besorgen. Einzelne Herren machen sich ihre Partie im Gasthofe. +Hin und wieder gibt's auch Haeuser, wo die Gesellschaft, die im Hause +wohnt, sich zugleich in die Kost verdingt und gemeinschaftlich speist; +doch entschliessen sich nur wenige zu dieser Lebensweise, und sie ist +nichts weniger als modisch, oder, wie die Briten sagen, stylish. +Oeffentliche Tische lieben die Englaender nicht; nur in kleinen Baedern, +wo die Gesellschaft, an Zahl, Vermoegen und Vergnuegungen beschraenkter, +mehr zusammenhalten muss, trifft man sie. Damen nehmen immer ungern +teil daran. + +Nach Tische wird in den groesseren Baedern die dritte Toilette gemacht. +In der Regel hat jeder Abend der Woche seine feste Bestimmung. +Abendessen sind nicht gebraeuchlich; um Mitternacht geht alles zur Ruhe, +einige privilegierte Nachtschwaermer vielleicht ausgenommen. + +Das Badeleben in England ist weit bestimmter als in Deutschland: +man weiss jeden Tag genau, wie man ihn hinbringen kann, und des +zwecklosen Umhertreibens gibt es dort nicht so viel als in Pyrmont +oder Karlsbad. Nur der Sonntag ist ein fuerchterlicher Tag. Spiel, +Tanz, Musik, alles ist hoch verpoent alle Laeden, alle Leihbibliotheken +sind geschlossen; da bleibt denn kein Trost als die Abendpromenade +im Salon bei einer Tasse Tee. Die Gesellschaft ist im Durchschnitt +sehr einfoermig, die Auslaender, die merkwuerdigen Menschen fremder +Nationen, die unseren Baedern oft ein so hohes Interesse geben, +fehlen ganz. Einige wenige Ausnahmen abgerechnet, sieht man nur +Landeseinwohner. Ein Irlaender oder Schotte heisst sogar schon ein Fremder. + +In England muss nun einmal alles im Leben dem gewoehnlichen Laufe +der Natur entgegenstreben. Der Sommer ward zum Winter, der Winter +zum Sommer umgeschaffen, den Abend machte man zum Mittag, die Nacht +zum Tage, und um diese allgemeine Veraenderung aller Zeiten recht +vollkommen zu haben, beliebte man auch die Badezeit von Bath in den +Winter zu versetzen. Vom November bis zum Mai wimmelt es dort +von Badegaesten, die sich im Kreise stets wiederkehrender Lustbarkeiten +bis zum Schwindel umherdrehen. Im Sommer ist's leer, die recht +bresthaften Kranken schleichen dann still, traurig und einsam +zur heilenden Quelle. Man sieht sie auf den Terrassen und Promenaden +an Kruecken und auf Podagristenwaegelchen die belebenden Strahlen +der Sonne aufsuchen. + +Im Winter herrscht Leben und Freude da, wo im Sommer einsame Seufzer +traurig verhallen. Viele fuehrt das Vergnuegen, einige auch wohl +eine leise Andeutung von Gicht und Podagra nach Bath; der groesste Teil +der Badegaeste aber besteht aus einer eigenen Gattung von Kranken. +Wer ein wenig zu schnell und lustig in die Welt hineinlebte und +jetzt in ein paar etwas sparsamer verlebten Jahren seinen zerruetteten +Finanzen aufzuhelfen denkt, wer bei beschraenkten Mitteln den Freuden +der grossen Welt nicht zu entsagen versteht, der fluechtet hierher, +wo er sie alle findet; freilich in etwas verjuengtem Massstabe +wie in London gehalten, aber dafuer auch unendlich wohlfeiler. +Zwar ist es auch hier sehr teuer leben, aber doch immer viel weniger +als in London, wenn man in dieser Riesenstadt ein Haus machen muss. +Schon in dem Umstande, dass die bergige Lage von Bath Pferde und +Wagen entbehrlich, ja ganz ueberfluessig macht, liegt ein sehr +bedeutender Ersparnis. Nach einigen in Bath verlebten Wintern +ist man gewoehnlich wieder zu Kraeften gekommen und kann sich von neuem +auf einer groesseren Laufbahn versuchen. + +Da die Gesellschaft hier groesstenteils aus Mitgliedern der muessigen +und eleganten Welt besteht, so ist der Ton derselben so verfeinert +und vornehm frivol als moeglich. An Gluecksrittern fehlt es dabei nicht; +diese tragen aber zur Erheiterung des Ganzen bei, wo sie erscheinen. +Vaeter und Vormuender reicher Erbinnen, welche diese bisweilen +hierher fuehren, um sie zu ihrer Erscheinung auf einem groesseren +Theater vorzubereiten, muessen sich freilich in acht nehmen. Von Bath +aus ward schon manche Reise zum kunstreichen Schmied von Gretna Green +vorbereitet oder gar angetreten. + +Bath liegt in einem lachenden Tale, rund umschlossen von betraechtlichen +Anhoehen, die sich nur oeffnen, um dem schoenen Strom eben den Durchweg +zu gewaehren. Langsam und majestaetisch windet er sich, bis zu dem +zwoelf englische Meilen entfernten Bristol schiffbar, durch Tal und +Stadt, erhebt die Schoenheit der Gegend und gewaehrt durch die leichte +Kommunikation mit jenem grossen Seehafen betraechtliche Vorteile. +Von wunderbar einziger Schoenheit ist der Anblick der Stadt. Bald +ward das Tal zu eng, und sie erhob sich auf die naechsten Anhoehen, +hoeher und immer hoeher tuermte sie Palaeste ueber Palaeste, wetteifernd +untereinander an Schoenheit und allem Schmucke der neueren Architektur. + +Im sonderbaren Kontraste mit diesen leichten, luftigen Schoepfungen +liegt unten im Tale am Ufer des Avon die alte Kathedrale [Fussnote: +Abbey Church. Die heutige Kirche ist die dritte an dieser Stelle +und im Stil der dekadenten Gotik im 16. Jh. erbaut.] zu welcher +Koenig Osric schon im Jahre 676 den Grund gelegt haben soll. +Ernst steht sie da, in alter Majestaet; ihre gotischen Tuerme streben +wie aus eigener Kraft seit Jahrhunderten ins Blaue des Himmels hinaus, +waehrend die bunte neue Welt um sie her die Huegel erklettert und +sich gross duenkt. + +Die Haeuser sind alle von schoenen Quadersteinen erbaut, die man +ganz in der Naehe in Menge bricht. Alles sieht neu aus, als waere +es gestern erst fertig geworden. Squares, einzelne Reihen Haeuser, +mehrere Circus, halbe Monde, aus eleganten Haeusern bestehend, +die unter einem fortlaufenden Dache, ganz symmetrisch verziert, +das Ansehen eines einzigen Prachtgebaeudes haben, stehen zerstreut, +wo Laune der Erbauer oder Zufall sie hinsetzte, oft in sehr +betraechtlicher Hoehe. + +Regelmaessig zu einem Ganzen verbunden ist dies alles nun gar nicht,, +aber doch unbeschreiblich huebsch anzusehen; ausgezeichnet schoen +der grosse Platz, Queen's Square genannt, mit seinen praechtigen, +vielleicht ein wenig mit Zierart ueberladenen Haeusern, aus deren +Fenstern man sich einer schoenen Aussicht erfreut. In der Mitte +dieses Platzes umschliessen eiserne Gelaender einen artigen Garten, +dessen sich die Bewohner der umliegenden Haeuser zum Spazieren +bedienen koennen; schade, dass ein kleinlicher Obelisk ihn entstellt. + +Von Queen's Square geht es sehr steil in die Hoehe durch Gay Street +zum Royal Circus, einem grossen runden Platze. Die ihn umgebenden +Haeuser sind mit dorischen, jonischen, korinthischen und allen +moeglichen Saeulen aller moeglichen Ordnungen verziert oder verunziert. +Hinter ihm, noch viel hoeher, liegt der Royal Crescent; er besteht +aus dreissig sehr schoenen Haeusern, die das Ansehen eines einzigen +haben. Sie bilden einen halben Kreis, einfach, im edelsten Stil +erbaut, mit einer einzigen Reihe jonischer Saeulen. Vor ihnen hin +breitet sich ein herrlicher Wiesenteppich und laeuft hinab +gegen die Ufer des Avon. Eine diesem aehnliche Reihe Haeuser, +Marlboroughsgebaeude genannt, liegt ganz in der Naehe. Der hoechste +bewohnte Platz in Bath ist der Landsdown Crescent, ebenfalls +eine schoene, im halben Monde sich hinstreckende Reihe Haeuser. +Sie liegen, gleichsam die Krone der schoenen Stadt, in schwindelnder +Hoehe. + +Noch mehrere oder gar alle diesen aehnliche Plaetze und Strassen +zu nennen, wuerde ermuedend werden, und vielleicht reicht +das hier Gesagte schon hin, um dem Leser eine Idee von dem zu geben, +was diese Stadt vor allen anderen so sehr auszeichnet. Es ist wahr, +ihre so sehr bergige Lage hat viel Unbequemes, aber das herrliche +Pflaster, die grosse Reinlichkeit der Strassen und nachts +die wunderschoene Erleuchtung mildern diese Unbequemlichkeit gar sehr, +und die Polizei wacht auf die musterhafteste Weise ueber alles, +was zur Bequemlichkeit und Ruhe der Brunnengaeste beizutragen vermag. + +Am Fahren in der Stadt ist hier fast gar nicht zu denken. Mehrere +der schoensten Strassen, Bond Street zum Beispiel, sind ganz +mit grossen Quadersteinen gepflastert und gar nicht fuer Equipagen +eingerichtet. Zu den Assembleesaelen, zu beiden Promenaden, +die Nord- und Suedparade genannt, kann man durchaus nicht zu Wagen +gelangen. Doch befuerchte man deshalb nicht, sich zu sehr zu ermueden: +eine Anzahl von Portechaisen [Fussnote: Tragstuehle] steht ueberall +bereit; auf den ersten Wink setzen diese sich in Bewegung und +transportieren im schnellsten Hundetrott ihre Last bis auf den +hoechsten Gipfel der Berge. Sie stehen unter strenger Aufsicht +der Polizei, wie die Fiaker in London, sind alle numeriert und +einer ziemlich maessigen Taxe unterworfen, die sie nicht ueberschreiten +duerfen. + +Die ganze Stadt ist ein ungeheures Hotel garni. Alle die schoenen +Gebaeude werden ganz oder teilweise an Badegaeste vermietet. +Der festgesetzte Preis eines moeblierten Zimmers waehrend der Badezeit +betraegt eine halbe Guinee die Woche; ein Bedientenzimmer kostet +die Haelfte. Unangenehm ist es, dass man immer die ganze Reihe Zimmer +mieten und oft deren sieben oder acht bezahlen muss, waehrend man +kaum die Haelfte davon braucht. Es gibt zwar Haeuser, welche zugleich +ihre Gaeste in die Kost nehmen, und in diesen ist man gefaelliger +und vermietet einzelne Zimmer; aber freilich muss man auch dort +weniger Ansprueche auf Eleganz und Bequemlichkeit machen. Was man +ausser der Wohnung noch noetig hat, ist ebenfalls zu vermieten: +Moebel aller Art, Betten, Porzellan, Kuechengeschirr, Hausgeraete +und Gemaelde, Glaeser und Kronleuchter, Tisch- und Bettwaesche, +alles wie man es verlangt, auf das Praechtigste oder zierlich +einfach. In der Zeit von zwei Stunden kann ein grosses Haus +mit allem Noetigen und Ueberfluessigen versehen werden. Ueberall +findet man die einladensten Bekanntmachungen angeschlagen, +ueberall, nach Londoner Sitte, alle Erfindungen des Luxus und +der Bequemlichkeitsliebe hinter grossen Glasfenstern in schoenen +Laeden zum Verkauf und zur Miete auf das Zierlichste ausgestellt. + +Das Wasser ist sehr heiss. Drei Stunden muss es stehen, ehe man sich +hineinwagen darf. Es wird auch getrunken, doch mehr darin gebadet. +Der heissen Quellen gibt es drei; man geht wie in Karlsbad +beim Trinken von der schwaechsten zur staerkeren allmaehlich ueber. +Die Aerzte empfehlen dabei die groesste Vorsicht. Das Wasser ist klar +und schmeckt nicht unangenehm; Nervenuebel, Laehmungen, Podagra +und Gicht sind die Krankheiten, gegen welche es hauptsaechlich +angewandt wird. Die Zeit des Trinkens ist morgens zwischen sechs +und zehn Uhr, und dann wieder einige Glaeser gegen Mittag. Gewoehnlich +trinkt man in dem zur Quelle gehoerigen Brunnensaale. + +In der ersten Haelfte des vorigen Jahrhunderts herrschte in Bath +der ekelhafte Brauch, in grossen gemeinschaftlichen Baedern +in Gesellschaft ohne Unterschied des Geschlechts zu baden. +Die Damen verzierten bei dieser Gelegenheit ihre aus dem Wasser +hervorragenden Koepfe auf das Modernste und Vorteilhafteste; +Zuschauer standen auf der das Bad umgebenden Galerie und machten +mit den unten Badenden Konversation, um ihnen die Zeit zu +vertreiben. Diese grossen Baeder existieren noch, vier an der Zahl, +aber nur die geringeren Klassen machen auf die oben beschriebene +Weise Gebrauch davon. Das erste dieser Baeder, das Koenigsbad genannt, +liegt dicht hinter dem grossen Brunnensaale; eine Reihe dorischer +Saeulen umgibt es; es ist fuenfundsechzig Fuss lang und vierzig breit, +das Wasser hier zwischen einhundert und einhundertdrei Grad +Fahrenheit heiss. Neben diesem Bade liegt der Koenigin Bad, +es enthaelt nur fuenfundzwanzig Fuss im Geviert und ist etwas weniger +warm. Das Kreuzbad fuehrt diesen Namen von einem Kreuze, welches +ehemals hier stand, und hat einen eigenen kleinen Brunnensaal. +Mit dieser Quelle, als der schwaechsten, faengt man gewoehnlich an +zu trinken. Das heisse Bad hat einhundertsiebzehn Grad Waerme. +Privatbaeder, Dampfbaeder und aehnliche Anstalten sind damit +in dem naemlichen Gebaeude vereint. Diese Quelle, als die staerkste, +wird selten getrunken, der dazugehoerige Brunnensaal ist dumpf +und duester. + +Die erste Entdeckung der heissen Quellen von Bath verliert sich +ins graueste Altertum. Die alten Briten kannten sie schon und +bauten hier eine Stadt, die sie Caer yun ennaint twymyn, die Stadt +der heissen Baeder, nannten. Spaeter gaben ihr die Roemer verschiedene +andere Namen: Thermae sudatae, Aquae calidae, die Angelsachsen +nannten sie Akemannus Ceaster, die Stadt der Gebrechlichen. +Im Sommer moechte sie noch so heissen; wenn aber jetzt einer +jener alten Herren, die sie so nannten, im Winter aus der Ewigkeit +ploetzlich in einen ihrer Ballsaele versetzt wuerde, er gaebe ihr gewiss +dann einen schoeneren Namen. + + + +Salisbury und Stonehenge + + +Wir fuhren nun ueber eine unabsehbare Ebene. Armseliges Heidekraut +spross kuemmerlich hier und da, nirgends ein Gegenstand, +auf dem das Auge nur Momente haften koennte; die Lueneburger Heide +ist ein Paradies dagegen. + +Es war die beruechtigte Ebene von Salisbury, auf der wir uns +jetzt befanden, ein ungeheurer Kirchhof, besaet mit uralten Graebern +laengst entschlafener Helden, deren Namen im Strome der Zeit untergingen. +Wogen gleich, kaum noch sichtbar, erheben sich diese grossen, +abgerundeten Huegel nur wenig ueber die graue, duestere Flaeche, +und bloss an einigen entdeckt man die Spur eines sie einst +umgebenden Grabens. Der blaue Himmel woelbt sich lautlos darueber hin, +kein Vogel singt in dieser Einoede, denn nirgends steht ein Strauch, +auf dem er sich niederlassen koennte. + +Wir rollten schnell vorwaerts und merkten doch kaum, dass wir +weiterkamen. Kein Gegenstand bezeichnete unseren Weg; die Stelle, +die wir verliessen, glich ganz genau der, auf welcher wir am naechsten +Momente anlangten. Da sahen wir es am Horizonte aufsteigen +wie Geistergestalten; grau, formlos, allem, was wir bis jetzt +erblickt hatten, unvergleichbar, stand es da in einem Zauberkreise; +wir kamen naeher und naeher, noch immer wussten wir nicht, was wir sahen; +jetzt hielt unser Wagen, und wir standen vor Stonhenge [Fussnote: +das bedeutendste Denkmal aus dem Megalithikum Europas. Ursprung +und Bedeutung konnten bis heute nicht eindeutig bestimmt werden; +sicher ist nur, dass die Steine, man schaetzt die Anlage auf 4000 Jahre, +in Verbindung zur Sonnenbeobachtung und Zeitmessung standen.], +dem aeltesten Monumente der Vorzeit in England, vielleicht in ganz Europa. + +Unfoermige, riesengrosse Steine, sichtbar von Menschenhaenden aufgestellt, +erheben sich in ungeheuren Massen auf einer maessigen, nur ganz allmaehlich +emporsteigenden Anhoehe. Hohen Saeulen gleich, stehen sie in einem +der grossen tempelaehnlichen Kreise, immer zwei und zwei naeher aneinander, +welche dann ein grosser, aehnlicher Stein, wie ein Querbalken +oder Gesims auf ihrer Spitze ruhend, miteinander verbindet. Einige +der Saeulen sowohl als der Querbalken sind umgesunken, dennoch +bleibt die vollkommen runde Form des Ganzen deutlich. An den +umgefallenen Steinen nimmt man noch wahr, wie sie befestigt waren; +denn an jeder der Saeulen ist oben eine Art Spitze oder Knopf ausgehauen, +freilich sehr roh und in ungeheuren Verhaeltnissen, und die quer darauf +liegenden Steine haben zwei runde Vertiefungen an beiden Enden, +welche genau auf jene Knoepfe passen. So bildete und verband sie +die rohe, arme Kunst jener Zeiten fest und dauerhaft genug, um +Jahrtausenden zu trotzen. Auch die Saeulen tragen Spuren des Meissels, +sie sind viereckig, aber, ohne alle Idee einer Verzierung, ganz roh +behauen, an Hoehe und Staerke einander nicht gleich, aber alle +von erstaunenswuerdiger Groesse und Schwere. + +Schon vor tausend Jahren standen sie wie jetzt, und jede Spur +ihrer ersten Bestimmung, ihres Entstehens, war schon damals verschwunden. +Jetzt haelt man dies wunderbare Gebaeude fuer die Ueberreste eines alten +Druidentempels. Hier ward das Feuer angebetet und die wohltaetige Sonne. +Man hat beim Nachgraben unter diesen Steinen Spuren verbrannter Opfer +gefunden, vielleicht bluteten sogar hier Menschen unter dem Opferstahle +ihrer verblendeten Brueder. + +Mitten in dem grossen Kreise dieses alten Tempels entdeckte man +Ueberbleibsel einer kleineren Abteilung, von niedrigeren Steinen +gebildet; einige derselben stehen noch; in ihrer Mitte liegt +ein grosser, platter Stein, wahrscheinlich der Altar, und diese Abteilung +war das nur von Priestern betretene innere Heiligtum. Dieser Altarstein +ist von einem der ungeheuren herabgestuerzten Quersteine des aeusseren +Kreises in drei Stuecke zerschmettert. Seitwaerts, ausser dem Kreise, +liegt ein zweiter, dem Altarsteine aehnlicher Stein von ungeheurer Groesse. + +Ungefaehr dreissig Schritte vom grossen Kreise stehen noch ein paar +der saeulenartigen Steine aufgestellt, aber auch wohl dreissig Schritte +voneinander entfernt. Vielleicht bildeten sie hier einen noch groesseren +Kreis, der jenen engeren einschloss, eine Art Vorhalle des heiligen +Tempels; denn gewiss ist das gigantische Werk, das wir anstaunten, +nur ein kleiner Ueberrest von dem, was es Ungeheures war in +seiner Vollendung. + +Wie diese gewaltigen Felsenmassen hergebracht wurden, welche fast +uebermenschlichen Kraefte sie aufrichteten, ist undenkbar; doch fast +ebenso unbegreiflich, wie sie zerstoert wurden. Vielleicht stuerzte +ein Erdbeben sie um, es oeffnete sich die Erde und begrub zum Teil +wieder in ihrem Schosse die ihr entrissenen Felsstuecke, welche +sonst den ganzen Kreis bilden halfen und jetzt verschwunden sind, +ohne dass es doch glaublich scheint, man habe sie zu anderem Gebrauche +fortgefuehrt. Welch ungeheure Kraft waere auch erforderlich gewesen +zum Transport dieser Riesenmassen! + +Was das Wunderbare noch mehr erhoeht, die Steine bestehen aus +einer Art Granit, wie er mehr als dreissig englische Meilen in der Runde +nicht anzutreffen ist. Wie war es moeglich, sie durch unwegsame Waelder, +ueber Sumpf und Moor, Berg und Tal herzubringen? Wahrlich, wenn +man sie sieht, man fuehlt sich sehr geneigt, der Tradition des Volks +Glauben beizumessen, welche sie fuer das Werk einer frueheren Riesenwelt +haelt, der maechtige Geister zu Hilfe kamen. Der Eindruck, den der Anblick +des Ganzen macht, laesst sich nicht beschreiben. Ein stilles Grauen +ergriff uns in dieser oeden Wildnis beim Anschauen eines Werks, +dessen Urheber wir uns nicht deutlich zu denken vermochten und +das vor uns stand wie die Erscheinung aus einer anderen Welt. +Wir hatten Zeit, uns diesem Eindrucke zu ueberlassen; denn oede und traurig +ging unser Weg ueber die grosse Ebene hin, die sich immer gleich blieb, +bis wir spaet abends die alte Stadt Winchester erreichten. + +Von Winchester aus hatten wir sehr boese Wege; denn durch unsere +Kreuz- und Querzuege waren wir von der grossen, gebahnten Strasse abgekommen +und mussten sie nun durch fast unfahrbare Land- und Nebenwege wieder +zu erreichen suchen. Oft stiegen wir aus und gingen die steilen Huegel, +ueber welche unser Wagen muehsam hinrasselte, zu Fuss hinab; reiche, +weit ausgebreitete Aussichten entschaedigten uns zuweilen fuer unsere Muehe. + +Endlich erreichten wir das Staedtchen Chichester. Wir fanden +den ganzen Ort in einer Art von freudigem Tumult, als sollte es ein +Pferderennen geben. Alle Fenster waren mit geputzten Frauen und Maedchen +besetzt, die Strasse voller Leute, Erwartung auf allen Gesichtern. +Das Regiment des damaligen Prinzen von Wales, welches hier in Garnison +liegt, paradierte im festlichen Schmucke, in zwei langen Reihen +aufmarschiert, dem Gasthofe gegenueber. In letzterem hatte niemand Zeit; +Herr und Frau und Aufwaerter liefen mit den Koepfen gegeneinander. +Nichts Kleines konnte all diesen Aufruhr veranlassen. Mrs. Fitzherbert +[Fussnote: seit 1785 heimliche Gattin des Prinzen von Wales, +des nachmaligen Georgs IV. Nach dem koeniglichen Ehegesetz von 1772 +jedoch illegal, da der Koenig die Erlaubnis nicht gegeben hatte. +Die Verbindung ueberdauerte auch die Eheschliessung des Prinzen mit +Caroline von Braunschweig (1795) und ging erst zur Zeit Johannas +in die Brueche.], die Freundin des Prinzen von Wales, war es; +sie wurde auf ihrem Wege nach Brighton in Chichester erwartet. +Nach zwei Stunden erschien sie, liess, ohne auszusteigen oder sich +umzusehen, die Pferde wechseln und rollte davon. Die grosse Begebenheit +war vorueber, die Soldaten marschierten ab, und alles beruhigte sich +nach und nach. Wir gingen ebenfalls weiter nach Arundel. + +Der Herzog von Norfolk besitzt dort ein altes Schloss; es wurde eben +durch ein neues Hauptgebaeude und einen daran stossenden Fluegel ergaenzt +und vergroessert; alles war voll Laerm, Staub und Unordnung, wie es +gewoehnlich beim Bauen ist. Der Anblick des alten Schlosses waere ueberall +ehrwuerdig und imposant, nur hier, auf einem nicht sehr geraeumigen +Hofplatze, neben dem neuen, ganz modernen Gebaeuden, verliert es unendlich. +Einige mit Efeu bewachsene alte Mauern bewiesen, dass das Schloss +von Arundel weit groesser und betraechtlicher gewesen sein muesse als jetzt. +Der noch uebrige Teil des Gebaeudes mit runden Tuermen und einem schoenen +Portal steht wie verwundert da neben der neuen, dicht dabei entstehenden +Schoepfung. Schwerlich wird eines durch das andere gewinnen; isoliert, +unterm Schutze alter Baeume, waeren diese heiligen Ueberreste vergangener +Groesse zu dem Schoensten zu rechnen, was England in dieser Art +aufzuweisen hat, so reich es auch an Denkmaelern der Vorzeit ist. + +Wir waren diesen Tag bestimmt, in den Gasthoefen alles in Bewegung und +Unruhe zu finden. In dem zu Arundel hielten die Volontaers, von denen +wir schon frueher sprachen, im Saale neben dem uns angewiesenen Zimmer +ein grosses Bankett. Das Gebaeude bebte vom Jubel der Helden +bei jedem ausgebrachten Toast; im Nebenzimmer machten die Oboisten +des Regiments eine Musik, welche Tote haette erwecken koennen; +die Aufwaerter hatten alle Haende voll Bouteillen und Korkzieher; +die Pfropfen knallten, Waldhoerner und Trompeten schmetterten, +die Janitscharentrommel drohte die Grundfesten des Hauses zu erschuettern, +zu alledem der Jubelruf der vom Geiste ergriffenen Freiwilligen +und die Anstalten, die wir zu einem Ball machen sahen. Das war zu viel, +es trieb uns hinaus. Ganz gegen die Sitte des Landes reisten wir +mit sinkender Nacht ab. Hart am Ufer des Meeres fuhren wir hin; +ein sanfter Wind kraeuselte kaum dessen vom Monde versilberte Flaeche, +die Wellen spielten und fluesterten und blinkten geheimnisvoll +und leise; so kamen wir gluecklich nach Brighton. + + + +Brighton + + +Dieser Ort, noch vor zwanzig Jahren ein kleines, unbedeutendes Fischernest, +ist ein sprechender Beweis der Wunder, welche die Mode zu wirken vermag. +In seiner neuen Gestalt hat er sogar den schwerfaelligen Namen +Brighthelmstone verloren und heisst viel eleganter und kuerzer Brighton. + +Waehrend der Sommermonate war Brighton der Lieblingsaufenthalt +des damaligen Prinzen von Wales, spaeterhin des jetzt schon bei seinen +Vaetern ruhenden Koenigs, Georgs des Vierten [Fussnote: geb. 1762, +1811 Regent, nominell Koenig von 1820-50. Johanna brachte hier +in seinem Todesjahr fuer die Herausgabe der "Saemtlichen Werke" +ihre Reiseberichte auf den letzten Stand.]. Es liegt nur vierundfuenfzig +englische Meilen von London entfernt. Dies ist kaum eine kleine Tagesreise +in diesem Lande, und wahrscheinlich bestimmte die Naehe der Hauptstadt +den englischen Thronerben, sich gerade das noch vor kurzem ganz +unbedeutende Fischerstaedtchen zu erwaehlen. + +In Brighton bewirkten seine Gegenwart oder Entfernung jedesmal +eine wahre Ebbe und Flut unter den uebrigen Brunnengaesten. War er abwesend, +so wurde alles oede und leer, mit ihm kehrten Lust und Leben zurueck. +Wie sehnsuechtig die Londoner elegante junge Welt nach Brighton blickte, +ist unbeschreiblich und erscheint dem, der dem Zauberstabe der Mode +nie unterworfen war, beim Anblicke des Orts sogar unglaublich. +Die Lage desselben, hart an der See, ist so wenig einladend, +dass dessen eifrigste Verehrer, um ihre Vorliebe nur einigermassen +zu motivieren, gezwungen waren, die Luft als ungemein gesund anzupreisen +und zu behaupten, die Leute im Orte wuerden ungewoehnlich alt. Und in der Tat +ist das Klima hier sehr gemaessigt. Ein Amphitheater von leider ganz +kahlen Bergen schuetzt die Stadt gegen Nord- und Ostwinde. Sie liegt, +trocken und gesund, auf einer maessigen Anhoehe; Seeluefte mildern +die zu grosse Hitze im Sommer. + +Die Stadt ist klein. Stattliche Haeuser aus der neuesten und unscheinbare +Huetten aus der kaum verflossenen Zeit stehen wunderlich untereinander +gemischt und geben ihr ein buntscheckiges, nicht angenehmes Aeussere. +Man baut hier von Kieseln, die mit Moertel verbunden sind; +nur die Einfassungen der Fenster und Tueren bestehen aus Ziegeln. +Man ruehmt die Dauer solcher Mauern sehr, sie sehen aber schlecht aus, +besonders da es in England gar nicht gebraeuchlich ist, den Haeuser +von aussen einen Tuench zu geben. + +Ganze Reihen geraeumiger, bequemer Haeuser fuer Fremde, alle unter +einem Dache fortlaufend, haben das Ansehen eines einzigen Palastes. +Von dieser Art sind ein Crescent oder halber Mond, mit einer huebschen +Aussicht auf das Meer, verschiedene Terrassen und sogenannte Paraden +zum Spazierengehen, von einer Seite mit schoenen Haeusern besetzt, +waehrend man von der anderen ebenfalls der Aussicht auf das Meer +sich erfreut, alles nach dem Muster von Bath, nur in kleinerem Massstabe. + +Die Promenaden sind von der Natur wenig beguenstigt. Nackte Berge +umgeben von zwei Seiten die Stadt; gegen Westen erstrecken sich +grosse Kornfluren; das Meer begrenzt alles dieses. Es ist hier zu flach, +als dass grosse Schiffe in der Naehe vorbeisegeln koennten; daher gewaehrt +es einen ziemlich einfoermigen Anblick, den nur Fischerboote etwas +beleben. + +Die Hauptpromenade, der Steine, ehemals eine zwischen den Bergen +sich hinziehende huebsche Wiese, ist jetzt fast ganz mit neuen Gebaeuden +bedeckt, denn die Terrassen, Paraden und einzelnen Fischerhaeuser +sind fast alle auf dem Steine angelegt. + +Die Wohnung des Prinzen, der Marine Pavillon [Fussnote: Royal Pavillon], +liegt ebenfalls am Steine, ein huebsches, mit einer Kolonnade verziertes +Gebaeude; da es nicht von bedeutender Groesse ist, erscheint es etwas +niedrig. Die innere Einrichtung desselben soll sehr praechtig gewesen +sein, aber niemand Fremdes wurde hineingelassen. Der Prinz versuchte +Gaerten anzulegen, doch kommen Baeume und Straeucher hier auf keine Weise +fort. Eine grosse pechschwarze Negerfigur mitten im Hofe, welche +einen Sonnenzeiger traegt, nimmt sich wunderlich aus und spricht +nicht sehr gut fuer den guten Geschmack der uebrigen Verzierungen. + +Ein ebenfalls am Steine gelegenes Gebaeude enthaelt die Baeder. Man findet +dort deren kalte und warme, Schwitzbaeder, Schauerbaeder, kurz alles, +was je erfunden ward, um die Uebel, die unser armes Leben bedrohen, +fortzuspuelen. Zu allen diesen Baedern wird Seewasser genommen. +Bademaschinen, wie in anderen Seebaedern, um damit sicher und ungesehen +in der freien See zu baden, gibt es in Brighton nicht, vermutlich +weil der Strand es nicht erlaubt; aber man badet doch bisweilen +im Freien. Zwei ganz voneinander abgesonderte Plaetze, einer fuer Herren, +der andere fuer die Damen, sind dazu angewiesen, aber das freie Baden +hat hier, wie leicht zu erachten, manches Unbequeme: bei Nordostwinden, +wo dann die See stark anschwillt, ist es sogar nicht ohne Gefahr. + +Der Steine vereinigt so ziemlich alles, woraus das Leben in Brighton +besteht; sehr unangenehm aber ist es, dass auch die Fischer sich +in diesen glaenzenden Kreis draengen, und gerade in der Gegend, +wo man am haeufigsten spaziert, ihre Netze zum Trocknen ausbreiten +und die Luft verderben. + +Die zweite, jedoch weniger besuchte Promenade ist ein Garten. +Ihn umgeben schattige Baeume, die hier als eine Seltenheit verehrt werden, +obgleich man sie an anderen Orten kaum bemerken wuerde. Er enthaelt +auch einen huebschen Salon mit einem Orchester. + +Die Versammlungssaele befinden sich in zwei Tavernen oder Gasthoefen, +der Kastelltaverne und der alten Schiffstaverne. In ersterer wird +gespielt; man findet noch ein Kaffeehaus, ein Billard und dergleichen +darin; in der zweiten ist dieselbe Einrichtung, doch koennen hier +auch noch Fremde wohnen. Wir fanden indessen die Aufnahme in derselben +weit weniger gut, als man es in England gewohnt ist. Die Saele +beider Haeuser bestehen wie die in Bath aus einem Tanzsaale und +einigen Nebenzimmern zum Spiele, Tee und Unterhaltung. Sie sind alle +artig und zweckmaessig verziert. + +Bei unserer Abreise von Brighton blieben wir zwei Tage in dem auf halbem Wege +gelegenen Staedtchen Reigate, weil wir jemanden vorausschickten, +der unsere Wohnung in London zu unserem Empfange einrichten lassen sollte. +Wir freuten uns, nach langem Herumstreifen einmal Halt zu machen +und Atem zu schoepfen, ehe wir auf's neue in den ewig kreisenden Strudel +der grossen Hauptstadt gerieten. Aber in diesem kleinen Orte war wenig +an Ruhe und Stille zu denken: Postchaisen, Equipagen, oeffentliche +Fuhrwerke aller Art rollten unablaessig an unserer Wohnung vorueber. +Es war, als ob alle Frauenzimmer aus London emigrieren wollten, +denn aus ihnen bestand bei weitem die Mehrzahl der Vorueberreisenden. + +Die Landkutschen fuellten von innen und aussen Weiber und Maedchen, +und stattliche Ladies in eleganten Postchaisen guckten kaum mit der Nase +ueber Berge von Putzschachteln hinweg, welche die Zuruestungen +zu kuenftigen Triumphen enthielten. Man trieb und jagte, um nur +keinen Auenblick zu verlieren; eifriger ward nie nach Loreto gepilgert +als hier nach Brighton, wohin alles zog. + + + + +RUeCKKUNFT NACH LONDON + +Wir setzten unsere Reise weiter nach London [Fussnote: zur Zeit Johannas +zaehlte die Stadt etwa 900 000 Einwohner] fort, wo wir gluecklich +anlangten und uns in den gewohnten Umgebungen wieder etwas einheimischer +fuehlten als auf der eben beendeten, nur durch wenige Ruhepunkte +unterbrochenen Reise. + +Schwer ist's, in dieser ungeheuren Stadt sich ganz zu Hause zu finden. +Zwar lebt es sich zwischen den vertrauten vier Waenden hier wie ueberall +heimisch; doch kaum setzt man den Fuss auf die Strasse, so ist man +in einer unbekannten Welt, in der Fremde, und haette man auch +ein Menschenleben in London zugebracht. Das rastlose Treiben einer +Million Menschen, auf einem verhaeltnismaessig immer kleinen Punkte, +reisst unaufhaltsam alles mit sich fort, indem es zugleich alles trennt. +Da wir uns indessen eine geraume Zeit in diesem grossen Strudel +mit herumwirbeln liessen, so gelang es uns wenigstens manches aufzufassen +aus dem unendlichen Treiben und manches ganz Individuelle zu bemerken. + + + +London + +Von welcher Seite man auch diese Stadt betreten mag, immer glaubt man +schon lange in ihrer Mitte zu sein, ehe man noch ihre Grenzen erreichte. +Keine der groessten Staedte Europas, nicht Wien, nicht Berlin, +selbst nicht Paris kuendigt sich aus der Ferne so imposant an. Haeuser +reihen sich an Haeuser, durch fast unbemerkbare Zwischenraeume in +verschiedene Flecken, Staedtchen und Doerfer abgeteilt, alle scheinen +zu einem Ganzen vereint, alle vergroessern ins Ungeheure die Stadt, +welche ohnehin in ihrem Bezirke, bei verhaeltnismaessiger Breite, +anderthalb deutsche Meilen lang ist. Zu ihr fuehren von allen Seiten +schoene breite Heerstrassen, welche, auch ausser den Staedten und Flecken, +mehrere Stunden weit von London mit Laternen besetzt sind. Ein ewiges +Gewuehl von Wagen und Reitern verkuendigt dem Fremden schon von ferne, +dass er dem Wohnorte von fast einer Million Menschen sich naehere. + +Von Shooter's Hill [Fussnote: Arthur Schopenhauer notierte zu diesem +Aussichtspunkt: "Mittwoch, 25. May. (Die Familie hatte am Vortage +die Insel betreten.) Wir fuhren diesen Morgen von Canterbury ab, +fruehstueckten in Rochester, und assen in Schooting-Hill zu Mittag. +Man hat von hier eine praechtige Aussicht auf London und die umliegende +Gegend, die wir aber eines starken Nebels wegen nicht sehen konnten. +Nachmittag kamen wir in London an.], einer sechsundzwanzig +englische Meilen von London entfernten Anhoehe, erblickten wir +zum ersten Male die ungeheure Hauptstadt, lang sich hindehnend +an den Ufern der koeniglichen, mit Schiffen bedeckten Themse. +Hoch in die Luefte sahen wir St. Pauls wunderbaren Dom sich erheben, +weiter zurueck den schoenen gotischen Doppelturm der Westminster Abtei, +daneben noch die Tuerme von weit ueber hundert anderen Kirchen. +Es war ein schoener, heiterer Tag; aber der aus so vielen Kaminen +aufsteigende Steinkohlendampf liess uns die Gegenstaende wie durch +einen Flor erblicken. + +Schnell rollten wir hin auf dem praechtigen Wege und glaubten, +wie alle Fremden, schon lange am Ziele zu sein, ehe wir es erreichten. +Endlich sahen wir die Themse vor uns. Die schoene Blackfriars Bruecke +fuehrte uns hinueber, und nun erst waren wir in London. Betraeubt +von dem Gewuehle rund um uns her, erreichten wir das nicht weit +von der Bruecke entlegene York Hotel, wo wir fuer's erste abstiegen, +um spaeterhin mit Bequemlichkeit eine stillere Wohnung in einem +Privathause zu waehlen. Fast alle Fremden, welche laengere Zeit +in London zu verweilen gedenken, tun dies. + +Der Aufenthalt in den Londoner Gasthoefen ist unglaublich teuer, +die Zahl derer, in welchen Fremde nicht nur essen und trinken, +sonder auch wohnen koennen, ist verhaeltnismaessig klein zu nennen, +und selbst von diesen sind nur sehr wenige so bequem eingerichtet, +als man es bei einem Aufenthalt von mehreren Wochen oder gar Monaten +verlangen muss, eben weil dieser Fall den Gastwirten nur selten +vorkommt. + +Hingegen findet man mit leichter Muehe in allen Strassen vollkommen +gute, gleich zu beziehende Wohnungen, mit Kueche und Keller +und allen sonstigen Erfordernissen versehen; groesser und kleiner, +elegant und einfach moebliert, wie man es wuenscht, sogar ganze Haeuser +mit Stallung und allem Zubehoer. Man braucht nur durch die Strassen +des Quartiers zu gehen, in welchem man zu wohnen wuenscht, ueberall +erblickt man angeschlagene Zettel an den Haeusern, welche Wohnungen +zur Miete ausbieten, so dass bloss die Wahl unter so vielen den Fremden +in Verlegenheit setzen kann. + +Die Eigner dieser Wohnungen sind Leute aus dem Mittelstande, +angesehene Landhaendler oder Handwerker, Witwen von beschraenktem +Einkommen. Alle beeifern sich auf das zuvorkommendste, +dem Fremden jede moegliche Bequemlichkeit zu verschaffen. +Gewoehnlich uebernimmt es auch die Haushaelterin oder die Frau +vom Hause, fuer Reinlichkeit der Zimmer und fuer die Kueche zu sorgen, +so dass man sich wie zu Hause am eigenen Herd ganz heimisch +in seinen vier Pfaehlen befindet. + +London in aller seiner Groesse, seiner Pracht und seiner Individualitaet +ganz zu schildern, ist ein Unternehmen, dem wir uns nicht gewachsen +fuehlen; auch waere es nach so vielen, zum Teil trefflichen Vorgaengern +ein sehr ueberfluessiges. Nur das, was wir waehrend unseres Aufenthaltes +einzeln sahen und aufzeichneten, koennen wir dem Leser hier geben, +kleinere Zuege zu dem grossen Gemaelde liefern, welches andere +vor uns schufen. Der Gegenstand ist bedeutend genug, um auch +in sonst weniger beachteten Details interessant zu erscheinen. + + + +Ein Gang durch die Strassen in London + + +[Fussnote: Johanna bewundert hier noch den Lichterglanz der Stadt +vor der Einfuehrung der Gasbeleuchtung um 1807.] + +Man erzaehlt von einem der unzaehligen kleinen vormaligen Souveraene +des weiland Heiligen Roemischen Reichs: er habe, da er spaet abends +in London seinen Einzug hielt, gemeint, die Stadt sei ihm zu Ehren +illuminiert. Waere er bei Tage durch die volkreichsten Strassen +der City, etwa durch Ludgate Hill oder den Strang gekommen, +er haette ebenso leicht meinen koennen, ein allgemeiner gefaehrlicher +Aufruhr setze die Einwohner alle in Bewegung. + +Niemand, der es nicht mit seinen Augen sah, kann sich einen Begriff +machen von dem ewigen Rollen der Fuhrwerke aller Art in der Mitte +des Weges, von dem Wogen und Treiben der Fussgaenger auf den +an beiden Seiten der Strassen hinlaufenden, etwas erhoehten Trottoirs. +Nicht die Leipziger Ostermesse, nicht Wien, selbst nicht Paris +koennen hier zum Vergleiche dienen. Dennoch geht es sich nirgends besser +zu Fuss als in London, sobald man sich in die Art und Weise +der Eingeborenen zu finden gelernt hat. Dies gewaehrt den Fremden, +besonders den reisenden Damen, einen grossen Vorteil, um alles zu sehen +und zu bemerken. Wenn man wie in anderen grossen Staedten immer +in seinem Wagen festgebannt bleiben muss und keinen Schritt +gehen kann, lernt man den Ort kaum zur Haelfte kennen; auf den +schoenen Quadersteinen der Londoner Trottoirs aber kommt man vortrefflich +fort, selbst wenn das Wetter auch nicht ganz guenstig waere. +In den Hauptstrassen sind diese breit genug, um sechs, acht und +mehr Personen bequem nebeneinander hinwandeln zu lassen; in den engen +winkeligen Gassen der eigentlichen City ist's freilich nicht so bequem, +weil die Fusspfade dort auch schmaeler sein muessen. Fremde kommen +indessen wenig in jenes, einem Ameisenhaufen aehnlichen Stadtviertel, +wo Handel und Wandel so ganz im eigentlichen Ernst ihr Wesen treiben +und Mode und Luxus noch wenig Eingang fanden. + +Die praechtigen Laeden, die Ausstellungen aller Art trifft man +groesstenteils in den breiten Strassen, welche gleichsam das Mittel +halten zwischen der arbeitsamen City und dem vornehmeren, +nur geniessenden Teile der Stadt. Die Gewohnheit der Englaender, +immer zur rechten Hand dem Entgegenkommenden auszuweichen, +erleichtert das Gehen sehr und verhindert fast alles Stossen und Draengen. +Den Damen und ueberhaupt den Respektspersonen laesst man immer die Seite +nach den Haeusern zu, sie mag zur rechten oder linken Hand stehen. +Anfangs kommt es der Fremden wunderlich vor, wenn der sie fuehrende +Londoner, so oft man eine Strasse durchkreuzt hat, ihren Arm loslaesst +und hinter ihr weg auf die andere Seite tritt; doch gar bald +wird man von dem Nutzen dieser Nationalhoeflichkeit ueberzeugt. +Auf dem Mittelwege, wo Hunderte von Wagen sich ewig von allen Richtungen +her durcheinander draengen, ist freilich die Ordnung nicht so leicht +zu erhalten als auf den Fusspfaden. So breit die Fahrwege auch +im Durchschnitt sind, so entsteht dennoch oft eine Stockung, +die mehrere Minuten dauert und durch die Mannigfaltigkeit der Wagen, +der Pferde, der Beweglichkeit des Ganzen einen recht interessanten Anblick +gewaehrt; nur muss man dem Laermen gelassen aus dem Fenster zusehen koennen. + +Elfhundert Mietwagen stehen den ganzen Tag auf den dazu angewiesenen +Plaetzen bereit, und dennoch ist's oft unmoeglich, einen zu finden, +wenn man ihn eben braucht. Die Italiener selbst fuerchten vielleicht +den Regen nicht so sehr als die Londoner; nass werden ist ihnen +eine schreckliche Idee; sobald nur ein paar Tropfen vom Himmel fallen, +eilt alles, was keinen Regenschirm fuehrt, sich in einer Kutsche +zu bergen. Im Hui sind dann alle Wagen verschwunden, und man findet +selbst jene grosse Anzahl noch bei weitem nicht zulaenglich. + +Die Fiaker sehen im Durchschnitt recht anstaendig aus und wuerden +in Deutschland noch immer als stattliche Equipagen paradieren; +nur das Stroh, womit der Fussboden belegt ist, macht sie unangenehm. +Die Pferde sind in unbegreiflich gutem Zustande, wenn man bedenkt, +dass sie taeglich ueber zwoelf Stunden auf dem Pflaster bleiben. +Auch werden sie moeglichst gut verpflegt; sowie sie einen +ruhigen Augenblick haben, bindet ihnen der sorgsame Kutscher +einen langen, schmalen, genau um den Kopf passenden Beutel voll Hafer +um, aus welchem sie sich guetlich tun. Die Polizei haelt strenge +Aufsicht ueber die Fiaker; alle sind numeriert. Wehe dem Kutscher, +der sich beigehen liesse, die festgesetzten, sehr billigen Preise +zu ueberschreiten, oder sonst auf irgend eine Weise sich gegen +die ihm vorgeschriebenen Gesetze aufzulehnen; jeder voruebergehende, +der Sache kundige Englaender wird dann sein Richter und haelt streng +auf die einmal festgesetzte Ordnung. Zu jeder Stunde der Nacht +kann man sich einem Fiaker sicher anvertrauen, waere man auch ganz +allein, und truege man auch noch so viel Geld oder Juwelen bei sich; +wenn nur jemand aus dem Hause, wo man einsteigt, die Nummer +des Wagens so bemerkt, dass es der Kutscher gewahr wird. + +Von der Pracht der Laeden und Magazine ist schon vielleicht +zum Ueberfluss viel geschrieben. Wahr ist's, nichts setzt den Fremden +mehr in Erstaunen als der Reichtum und die Eleganz derselben. +Die kostbaren glaenzenden Ausstellungen der Silberarbeiten, +die schoenen Drapierungen, in welchen die Kaufleute, welche +mit Musselinen und anderen Zeuchen handelt, ihre Waren hinter grossen +Spiegelfenstern dem Publikum zeigen, der feenhafte Schimmer +der Glasmagazine, alles blendet und reizt. + +Aber auch viel geringere Gegenstaende werden auf eine dem Auge +gefaellige Weise zum Verkaufe ausgestellt. Die Kerzengiesser +zum Beispiel wissen ihre Lichter recht zierlich hinter den Fenstern +aufzuputzen. Die Apotheker, hier Chymisten genannt, verzieren +ihre Laeden mit grossen glaesernen Vasen, angefuellt mit Spiritus +oder Wassern in allen moeglichen schoenen und glaenzenden Farben; +dazwischen prangen grosse kuenstliche Blumenstraeusse. Abends, +wenn hinter allen diesen farbigen Glaesern Lampen brennen, +schimmern diese Laeden wie Aladins Zaubergrotte. + +Nichts Lockenderes kann man sehen, als einen der vielen grossen +Obstlaeden, in welchen die Fruechte aller Jahreszeiten und Zonen, von der +koeniglichen Ananas bis zum kleinen sibirischen Staudenapfel, in +zierlichen Koerben, mit Blumen und Orangerien geschmueckt, prangen. Die +Kuchenlaeden, in welchen es Ton ist, morgens einzusprechen und einige +kleine Toertchen, heiss von der Pfanne weg, zum Fruehstueck einzunehmen, +praesentieren sich auch recht huebsch. Alles, was Kuchenbaecker und +Konditoren nur erfanden, steht, lockend angerichtet, auf schneeweiss +behangenen Tischen, dazwischen Blumen, Gelees, Eis, Likoere, Dragees von +allen Farben und Arten in zierlichen Kristallvasen. Bald fesseln uns +wieder die Kupferstichlaeden, in welchen taeglich neue Gegenstaende +dargeboten werden, oft wahre Kunstwerke, oefter Erguss satirischer Laune +oder Portraets beruehmter Menschen, auch wohl Tiere, wie es kommt. Immer +umlagert ein Kreis Neugieriger diese Fenster. Fast ist's unmoeglich, +vorbeizugehen, ohne wenigstens einige Augenblicke von der Schaulust +festgehalten zu werden. Die Magazine der Buchhaendler gewaehren ebenfalls +taeglich neuen Genuss. Bald sind es Neuigkeiten, bald schoene +Prachtausgaben aelterer Schriftsteller, bald kostbare Kupferwerke, +sogenannte Stationers, die mit allen moeglichen, zum Schreiben und +Zeichnen brauchbaren Dingen handeln, zeigen taeglich tausend neue Dinge, +uns Deutschen fast unbekannte Papparbeiten, Verzierungen, Kupferstiche, +Vergoldungen und dergleichen; wieder andere haben in ihren Laeden +Brieftaschen, nichts als Brieftaschen, von der riesenmaessigsten Mappe an +bis zum winzig kleinen, zierlichen Necessaire. Dazwischen flimmern +Magazine, wo die herrlichsten Stahlarbeiten im Sonnenglanze das Auge +blenden. Die Miniaturmaler stellen ihre oft sehr schoenen Arbeiten dem +Publikum vor's Auge; gewoehnlich sind's sehr aehnliche Portraets bekannter +Personen, Schauspieler und Redner, um die Lust zu erwecken, auch sein +eigenen wertes Ich so taeuschen vervielfacht zu sehen. + +Schon der Anblick der vielen Inschriften unterhaelt, welche +an den Haeusern mit vollkommen schoen gezogenen goldenen Buchstaben +glaenzen. Welche Mengen Beduerfnisse, die der genuegsame Deutsche +kaum kennt! Besonders faellt es auf, dass die koenigliche Familie +so viele Kaufleute und Handwerker beschaeftigt. Aber jeder derselben, +bei dem einmal zufaellig fuer ein Mitglied des koeniglichen Hauses +gekauft wird, jeder Schuster oder Schneider, der einmal +so gluecklich war, fuer einen Prinzen einen Stich zu tun, hat das Recht, +sich auf der Inschrift seines Hauses dessen zu ruehmen und die Gunst +des Augenblicks fuer dauerns auszugeben. So prangt denn auch der Name +eines mit allerhand Arkanen Handelnden auf der Inschrift seines Hauses +am Strand mit dem praechtigen Titel: Bugdestroyer to Her Majesty, +the Queen, Wanzentilger Ihrer Majestaet der Koenigin. Gewiss ein Titel, +der noch auf keiner Hofliste gefunden ward! + +Wunderbar abstechend ist der Kontrast, wenn man aus dem Gewuehl +der City in den anderen Teil der Stadt tritt. Hier deutet alles +auf bequemes, ruhiges Geniessen; kein rauschender Erwerb, +kein Gedraenge der arbeitenden Menge. Alles hat Zeit, alles scheint +einzig bedacht, diese auf das angenehmste hinzubringen. + +Die Magazine und Laeden bieten dar, was nur der raffinierteste Luxus +verlangt, weit teurer als in der City, aber auch schoener, moderner, +eleganter. Der Schuhmacher in der City verkauft zum Beispiel +seine Waren im Laden, huebsch aufgeputzt, und nimmt in seiner +an denselben stossenden, reinlich moeblierten Stube das Mass, +wenn's verlangt wird; in Bond Street aber wird man in ein elegantes, +mit Diwan, koestlichen Lampen und seidenen Gardinen geschmuecktes +Boudoir zu diesem Zweck gefuehrt, und schwerlich wuerde der Artist +einen Fuss beruehren, der nicht aus einer Equipage gestiegen waere. +Dafuer kostet aber auch sein Kunstwerk zwei Guineen. Nach diesem +Massstabe geht alles. + +Nichts ist schoener als die grossen Plaetze in diesem Teile von London; +zwar umgeben sie keine Palaeste, denn deren gibt's ohnehin hier wenige, +aber schoene grosse Haeuser, alles solid und praechtig. Dazu die +huebschen Boskette in der Mitte der Plaetze, zu welchen jeder Bewohner +der umliegenden Haeuser fuer eine Guinee einen Schluessel haben kann. + +Glaenzende Equipagen rollen, Mohren, bunte Livreen, geputzte Herren +und Damen beleben die Trottoirs, ohne Gedraenge, ohne Laerm +Der Fremde aber, dem es darum zu tun ist, das englische Volk +kennen zu lernen, kehrt bald gern zurueck aus diesem vornehmen +Quartiere, wo es wie ueberall in der grossen Welt zugeht, +und sucht das neue, sonst nirgends gesehene Leben der eigentlichen +Stadt London auf. + + + +Bettler + + +Vom eigentlichen Bettler wird man in Londons Strassen wenig gewahr, +dennoch wissen die Armen auf mannigfaltige Weise die Wohltaetigkeit +anzuregen. So sahen wir oft zwei Matrosen: einem fehlte ein Bein, +dem anderen ein Arm; aufeinander gestuetzt schwankten sie durch +die Strassen, indem sie mit lauter Stimme nach einer wilden, +klagenden Melodie eine Art Ballade sangen, welche die Geschichte +ihrer Leiden enthielt. Mitleidig weilte John Bull bei ihrem Klageliede +und belohnte es gern mit einigen Pence. + +An den Kreuzwegen, wo man, um in eine andere Strasse zu gelangen, +die Trottoirs verlassen und ueber den Fahrweg gehen muss, +stehen immer Leute, die geschaeftig einen reinlichen Fusspfad kehren, +der freilich alle Augenblicke durch darueber rollende Wagen wieder +zerstoert wird. Bescheiden wagen sie wohl zuweilen die Frage: +ob man nicht einige einzelne Pfennige fuehre? Und auch ohne diese +gibt man ihnen gern. + +An wenigen betretenen Plaetzen, besonders im ruhigen Teile +der Stadt, sieht man oft Maenner, die mit Kreide auf den breiten +Quadersteinen der Trottoirs wunderschoene kolossale Buchstaben +malen, Namen, Sentenzen, Sprueche aus der Bibel. Der Voruebergehende +steht still, bewundert ihre Kunst und belohnt sie unaufgefordert +mit einer kleinen Gabe. Unbegreiflich war es uns immer, wie Leute, +die eine so schoene Hand schreiben, so tief in Armut versinken koennen. +Auf dem festen Lande muesste jeder dieser Bettler als Schreibmeister +oder Schreiber seine reichliche Existenz finden, denn es ist unmoeglich, +etwas Vollkommeneres in seiner Art zu sehen als diese Schrift. + +Besonders merkwuerdig aber erschien uns eine Bettlerin, der wir +taeglich in den volkreichsten Strassen der City begegneten. +Man hielt sie allgemein fuer eine durch verschuldete oder unverschuldete +Ungluecksfaelle so tief gesunkene Schwester der beruehmten Schauspielerin +Siddons, wenigstens trug sie eine unverkennbare Aehnlichkeit mit dieser +in ihren Zuegen. Dieselbe hohe, edle Gestalt, derselbe Adel in Blick +und Miene, nur aelter, blass und wie versteinert durch lange Gewohnheit +des Ungluecks. Niemand beschuldigte Mme. Siddons der Haerte gegen +ihre unglueckliche Schwester, denn alle, welche diese Frau +fuer solche ausgaben, fuegten hinzu: sie naehme nichts von ihr an +und wolle nun einmal bloss von fremdem Mitleid ihr Leben fristen. +Oft begegnete uns diese wunderbare Erscheinung. Sie trug immer +einen schwarzseidenen Hut, der nicht so tief in's Gesicht ging, +dass man nicht dessen Zuege haette bemerken koennen; ein gruenwollenes Kleid, +eine schneeweisse grosse Schuerze und ein ebensolches Halstuch. +Schweigend, mit stolzem Ernst wandelte sie, gestuetzt auf zwei Kruecken, +langsam und ungehindert durch die Menge. Jedermann wich ihr +mit einer Art Ehrfurcht aus und ehrte in ihr die Heiligkeit +eines grossen, ungekannten Ungluecks. Sie forderte nicht, sie bat nicht, +aber reichliche Gaben wurden ihr dennoch von allen Seiten geboten, +jeder fuehlte sich gezwungen, getrieben, ihr zu geben. Es war, +als muesse man ihr danken, dass sie die gebotenen Gabe nur nahm. +Sie dankte nicht; mit dem Anstande einer Koenigin nahm sie +das Dargebotenen und wandelte stumm weiter wie ein Geist. Die bildende Kunst +hat sich diese auffallende, grosse Gestalt, diesen weiblichen Belisar, +moechten wir sagen, oft zum Vorbild gewaehlt. In allen Kupferstichmagazinen, +bei allen Ausstellungen der Maler fand man ihr sprechend aehnliches Bild, +denn diese Zuege drueckten sich leicht der Phantasie ein. + + + +Wohnungen in London + + +Eigentlich wohnt man im Durchschnitt nicht sonderlich in London. +Da der Eigentuemer eines Hauses sich hier grosser Vorzuege im buergerlichen +Leben zu erfreuen hat, so strebt jeder, eines zu besitzen. Daraus +entsteht dann, dass London fast aus lauter kleinen Haeusern zusammengesetzt +ist. Wer auch kein eigenes Haus hat, will doch fuer sich allein +wohnen; dies verengt den Platz ungemein. + +In Paris, moechte man sagen, schweben vier Staedte uebereinander; +in London macht jeder Anspruch auf sein Plaetzchen auf Gottes Erdboden, +und nur Fremde, einzelne Familien oder in ihren Mitteln +sehr beschraenkte Personen bewohnen Etagen, die dann auch freilich +bei der Kleinheit der Haeuser wenig Bequemlichkeit darbieten. +An eine Suite mehrerer Zimmer ist in gewoehnlichen buergerlichen Haeusern +nicht zu denken; selten, dass man zwei aneinanderstossende findet, +selbst in denen der reichen Kaufleute; jedes Stockwerk enthaelt +gewoehnlich nur zwei Zimmer, eines nach der Strasse, eines nach +dem oft engen Hofraum zu. Ueberall enge Treppen, wenige und kleine Zimmer. +Die Kuechen und Bedienstetenwohnungen sind in den Souterrains untergebracht, +die Tueren alle auffallend enge und hoch, sowohl die Haustueren als +die in den Zimmern. Jene sehen bei groesseren Gebaeuden oft nur wie +eine enge Spalte aus; in diesen findet man fast niemals Fluegeltueren. +Auch die Fenster sind schmal, die Spiegelwaende zwischen denselben +dagegen sehr breit. Die schoenen Teppiche aber, die selbst +bei wohlhabenden Handwerkern nicht allein die Fussboeden der Zimmer, +sondern auch Treppen und Vorplaetze von der Haustuere an bedecken, +die zierlichen Moebel, das schoene Mahagoniholz mit seinem bescheidenen +Glanze, die Reinlichkeit ueberall, geben diesen kleinen Wohnungen +einen eigenen Reiz. Alles sieht sauber, bequem, elegant aus und +ist es auch. + +Die Kamine, die oft mit Marmor, Stahlarbeiten und dergleichen +geschmueckt sind, dienen zu keiner geringen Zierde der Zimmer; +schoene Vasen von Wedgwoods Fabrik [Fussnote: Josiah Wedgwood +(1730-95); Schoepfer der englischen Tonwarenindustrie. Beruehme +Manufaktur] und kristallene Kandelaber zieren den Sims; +der staehlerne Rost, in welchem das Feuer brannte, Zange, Schaufel +und alles Metallgeraet glaenzen hell poliert; Kupferstiche schmuecken +die Waende, schoene Vorhaenge die Fenster. Nichts in der Welt ist +gemuetlicher, als ein englisches Wohnzimmer. + +Das Schlafzimmer kann selten viel mehr als ein Bett fassen. +Die englischen Bettstellen sind alle sehr gross. Drei Personen +faenden bequem darin Platz; auch ist's allgemein Sitte, nicht allein +zu schlafen; Schwestern, Freundinnen teilen ohne Umstaende das Bett +miteinander, und fast jede Frau nimmt in Abwesenheit ihres Mannes +eines ihrer Kinder oder im Notfall sogar das Dienstmaedchen mit sich +zu Bette, denn die Englaenderinnen fuerchten sich nachts allein +in einem Zimmer zu sein, weil sie von Jugend auf nicht daran +gewoehnt wurden. Federdecken sind ganz unbekannt, nicht so Unterbetten +von Federn; seit einigen Jahren kommen diese sehr in Gebrauch, +doch sind Matratzen gewoehnlicher. Betten ohne Gardinen, sowie +Zimmer ohne Teppiche kennt nur die bitterste Armut. + + + +Lebensweise + + +Der groesste, fleissigste Teil von Londons Bewohnern, die Handwerker +und Ladenhaendler (beide werden hier zu einer Klasse gerechnet), +fuehrt im Ganzen ein trauriges Leben. Die grossen Abgaben, die Teuerung +aller Beduerfnisse, die durch den einmal herrschenden Luxus +in Kleidung und dergleichen ins Unendliche vermehrt sind, +zwingt sie zu einer grossen Frugalitaet, die in anderen Laendern +fast Aermlichkeit heissen wuerde. + +Ewig in den Laden und an die daran stossende, oft ziemlich dunkle +Hinterstube gebannt, muessen sie fast jedem Vergnuegen entsagen. +Die Theater sind ihnen zu entlegen, meistens zu kostbar, kaum +dass die Frau eines wohlhabenden Kaufmanns dieser letzten Klasse +zweimal im Jahre hinkommt. + +In's Freie kommen sie fast gar nicht; mehrere versicherten uns, +sie haetten seit zehn Jahren keine anderen Baeume als die von +St. James Park gesehen. Die Woche ueber duerfen sie von morgens +neun Uhr bis Mitternacht den Laden fast gar nicht verlassen; +dieser ist sehr oft das Departement der Frau, und der Mann sitzt +dann in dem oben erwaehnten Hinterzimmer und fuehrt die Rechnungen. +Sonntags sind freilich alle Laeden geschlossen, aber die Theater auch, +und da alle Untergebenen an diesem Tage die Freiheit verlangen, +auszugehen, so muss die Frau vom Hause es hueten. + +Der groessere, wirkliche Kaufmann fuehrt ein nicht viel troestlicheres +Leben. Auch er muss in gesellschaftlichen und oeffentlichen Vergnuegungen +weit hinter den reichen Kaufmannshaeusern von Hamburg oder Leipzig +zurueckstehen. Doch liegt das wohl auch zum Teil an der Landesart. +Die Frauen lieben mehr haeusliche Zurueckgezogenheit, sie sind +an das rauschende Leben, an die vielen grossen Zirkel nicht gewoehnt. +Sie wollen ihre Ruhe, Ordnung und Gleichfoermigkeit in ihrem Hause +nicht derangieren. Die Maenner hingegen suchen nach vollbrachten Geschaeften +die Freude gern auswaerts, in Kaffeehaeusern und Tavernen. + +Die Familien der meisten wohlhabenden Kaufleute wohnen den groessten Teil +des Jahres, oft das ganze Jahr hindurch auf dem Lande, in sehr +zierlichen, groesseren und kleineren Landhaeusern, die sie Cottages, +Huetten, nennen, obgleich sie wohl einen vornehmeren Namen verdienen. +Hier geniessen Frauen und Kinder die freie Luft, halten gute Nachbarschaft +und erfreuen sich ganz gelassen und anstaendig, vielleicht etwas +langweilig, des Lebens; waehrend das Haupt der Familie den Tag in London +auf seinem Comptoir zubringt und sich dann abends in ein paar Stunden +auf den herrlichen Wegen, zu Pferde oder Wagen, zu den Seinigen begibt. + +Von der Lebensweise der Grossen und Vornehmen laesst sich nichts sagen: +diese gehoeren in keinem Lande zur Nation, sondern sind sich ueberall +gleich, in Russland wie in Frankreich, in England wie in Deutschland. +Auch ist von dem Luxus, den sie, besonders auf dieser Insel, +auf's hoechste gesteigert haben, von der Art und Weise, wie sie +Jahres- und Tageszeiten durcheinander wirren, schon von anderen +so viel geschrieben, als man in unserem Vaterlande zu wissen braucht. +Wir wollen also jetzt davon schweigen und nur, wenn sich +die Gelegenheit dazu kuenftig darbietet, im Voruebergehen das vielleicht +Noetige erwaehnen. Unser Streben auf Reisen ging immer dahin, +die Landessitte der eigentlichen Nation kennen zu lernen; diese muss +man aber weder zu hoch, noch zu tief suchen. Nur im Mittelstande +ist sie noch zu finden. + + + +Ein Tag in London + + +Wer spaet zu Bette geht, steht spaet auf, das ist in der Regel; +daher hat die goldene Morgensonne nirgends weniger Verehrer +als in London, wo doch sonst das Gold nicht zu gering geachtet wird. +Vor neun bis zehn Uhr wird's nicht Tag. Anstaendig gekleidet, +versammelt sich dann die Familie in dem zum Fruehstueck bestimmten +Zimmer, die Herren in Stiefeln und Ueberroecken, die Damen +unbeschreiblich reizend gekleidet, schneeweiss verhuellt bis ans Kinn, +mit zierlichen Haeubchen. Das Neglige ist der Triumph der Englaenderinnen; +mit der geschmackvollen Einfachheit vereinigt es die hoechste Eleganz; +der volle Anzug hingegen faellt of steif und ueberladen aus. + +Nichts Einladenderes gibt's in der Welt als ein englisches +Familienfruehstueck, auch wird die dabei hingebrachte Stunde durchaus +fuer die angenehmste des ganzen Tages gehalten, und man verlaengert +sie gern. Auf dem hellpolierten, staehlernen Roste lodert die stille +Flamme des Steinkohlenfeuers, selbst im Sommer, wenn das Wetter +feucht ist. Das elegante Teegeraete steht in zierlicher Ordnung +auf dem schneeweiss bedeckten Tische, daneben frische, ungesalzene, +in Wasser schwimmende Butter, das weisseste Brot von der Welt, +Zwieback, hartgekochte Eier, auch wohl, nach schottischer Sitte, +Honig und Marmelade von Pomeranzen. Hotrolls, heisse Rollen, +eine Art warmer, mit Butter bestrichener Semmeln, und Toasts, +Brotschnitten, welche, von beiden Seiten mit Butter bestrichen, +langsam am Feuer roesten, duerfen nie fehlen; letztere stehen +in einem dazu verfertigten silbernen Gestell im Kamin, der Teekessel +braust und siedet gesellig daneben. + +Mit allem diesem waere aber dennoch das Fruehstueck ohne die neuesten +Zeitungsblaetter sehr unvollstaendig, sie sind ein Hauptstueck dabei. +Ein selten vermisstes Stueck des deutschen Fruehstuecks, die Tabakspfeife, +ist, zum Lobe der Londoner sei's gesagt, bei ihnen ganz verbannt; +dies schmutzige Vergnuegen wird der letzten Klasse des Volks ueberlassen; +hoechst ergoetzt sich noch zuweilen ein alter, ausgedienter Seemann +oder ein kaum halbzivilisierter Landjunker in seinen einsamen +vier Pfaehlen daran. + +Die Dame des Hauses bereitet den Tee, zwar viel umstaendlicher, +aber auch viel besser als wir. Die Tassen werden erst sorgfaeltig +mit heissem Wasser ausgewaermt, der Tee abgemessen, das heisse Wasser +nach gewissen Regeln darauf gegossen, und um fuer alle diese Muehe +den gehoerigen Ruhm zu ernten, wird der Reihe nach gefragt: ob der Tee +nach jedes Wunsch geraten sei? Alles geschieht langsam und mit +einer feierlichen Ruhe, welche die Englaender gern ihren Mahlzeiten +geben: denn sie moegen dabei keine anderen Gedanken aufkommen lassen, +ausser den des gegenwaertigen Genusses. Nur die Zeitungsblaetter +machen beim Fruehstueck hiervon eine Ausnahme, und die Herren und +Damen beschaeftigen sich eifrig damit: denn nicht nur politische +Neuigkeiten werden darin aufgetischt, auch Theater- und +Familiennachrichten, und vor allem die neuesten Stadtgeschichten, +frohe und traurige, erbauliche und skandaloese, wahre, halbwahre +und ganz erdichtete. Alles wird gelesen, alles wird besprochen. +Dass bei solchen Faellen das Gespraech seltener stockt, als sonst +wohl geschieht, ist natuerlich. + +Nach dem Fruehstueck begeben sich die Maenner an ihr Geschaeft, +ins Comptoir, oder wohin ihr Beruf sie treibt. So viel moeglich +wird den Vormittag ueber alle Arbeit abgetan, und trotz des spaeten +Anfangs ist er lang genug dazu, da niemand vor fuenf bis sechs Uhr +zu Mittag speist. Nach Tische feiert jeder gern, wenn ihn nicht +gerade ein hartes Schicksal zur Arbeit zwingt. + +Viele Herren besuchen bald nach dem Fruehstueck ihr gewohntes Kaffeehaus, +wo sie einen grossen Teil ihrer Geschaefte abtun, eine Menge Briefe +aus der Stadt und andere Bestellungen harren dort schon ihrer; +dorthin verlegen sie auch gewoehnlich ihre Zusammenkuenfte +mit Freunde, um ueber wichtige Dinge sich muendlich zu besprechen +und Verabredungen zu treffen. Die Wirtin des Hauses nimmt +auf ihrem erhoehten Sitz unten am Eingange alles an und bestellt +es mit puenktlicher Treue an ihre Kunden, die sie alle persoenlich +kennt, weil sie es fast nie verfehlen, sich zur naemlichen Stunde +einzustellen. + +Diese Gewohnheit, sich taeglich an einem bestimmten Orte finden +zu lassen, ist in dieser ungeheuren Stadt von grossem Nutzen; +eine Menge unnuetzer Gaenge und viel sonst verlorene Zeit +werden dadurch erspart. Obendrein gewinnt der haeusliche Friede +dabei, denn naechst der fleckenlosen Reinheit des eigenen Anzugs +liegt einer Englaenderin nichts so sehr am Herzen, als die +ihres Hauses, ihrer Treppen, ihrer Fussteppiche, und wie sehr +ist fuer alles dies dadurch gesorgt, dass so manches ausser +dem Hause gemacht wird, was sonst in demselben Unordnung +oder doch wenigstens Unruhe erregen muesste! + +Die Ladies gehen nun auch an ihr Geschaeft. Sie greifen zu +den Morgenhueten, denn jede Tageszeit hat ihr eigenes Kostuem, +und selbst im Wagen wuerde es auffallend erscheinen, wenn sich +eine Dame in den Vormittagsstunden ohne Hut wollte sehen lassen. +Waere sie auch in siebenfache Schleier gehuellt, alles wuerde +sie anstarren, gleich etwas nie Gesehenes. Wollte sie es vollends +wagen, ohne Hut, selbst nur wenige Schritte zu Fuss ueber die Strasse +zu gehen, sie waere ganz verloren; unbarmherzig wuerde sie der Poebel +verfolgen, als haette sie die groesste Unanstaendigkeit begangen. + +Wohlversehen also mit grossen Hueten, mit Halstuechern, Shawls, +wandern wir nun aus, denn die Mode will, dass man sich in den heissen +Stunden des Tages am sorgfaeltigsten verhuellt. Visiten haben wir +nicht viel zu machen, der Kreis unserer eigentlichen Bekannten +ist klein, man schraenkt sich zum naeheren Umgange auf wenige Haeuser +ein, wie in allen grossen Staedten. Das Visitenwesen wird in London +ueberdies fast immer mit Karten abgemacht. Indessen, einen Wochenbesuch +haben wir doch abzustatten, denn diese sind hier, wie ueberall, +unerlaesslich; nur werden sie spaeter als bei uns angenommen. + +Wir finden die Dame in dem glaenzenden Schlafzimmer. Vor allem +prunkt das grosse Bett. Die Kissen, die Decken sind mit Spitzen +und feiner Naeharbeit verziert, mit gruener Seide gefuetterte Draperie +vom thronartigen Baldachin herab, so dass man die schoenen Saeulen +von Mahagoni- oder anderem, noch kostbarerem Holze frei erblickt. +Das Neglige der Dame ist ueber und ueber mit den teuersten Spitzen +geschmueckt und bekraeuselt; alles ist fein und erlesen, alles +zeigt Reichtum. + +Den Hauptgegenstand des Gespraechs gewaehrt die auf einem Seitentisch +ausgestellte Garderobe des neuen Ankoemmlings. Er selbst ist +nicht sichtbar, sondern in der Kinderstube mit seiner Amme, +denn das Selbststillen der vornehmeren Muetter ist in England +nicht so allgemein wie in Deutschland. + +Es gibt hier bedeutende Laeden, wo nichts anderes verkauft wird +als Kinderzeug, und zwar zu sehr hohen Preisen. Alle Waren +dieser Laeden prunken dann in dem Wochenzimmer verschwenderisch +aufgehaeuft. Selbst ein grosses Nadelkissen in der Mitte ist nicht +zu vergessen, auf welchem man mit Stecknadeln von allen Groessen +kuenstliche Muster steckt, die einer schoenen, reichen Silberstickerei +gleichen. Wahrscheinlich werden diese Dinge selten oder nie gebraucht, +denn sie sind ihrer Natur nach zu zart und vergaenglich, sie dienen +nur zum Prunke. + +Sind wir mit dem Besehen und Bewundern endlich fertig, so wandern wir +weiter a Shopping, dies heisst: wir kehren in zwanzig Laeden ein, +lassen uns tausend Dinge zeigen, an welchen uns nichts liegt, +kehren alles Unterste zu oberst und gehen vielleicht am Ende davon, +ohne etwas gekauft zu haben. Die Geduld, mit der die Kaufleute +sich dieses Unwesen gefallen lassen, kann nicht genug bewundert +werden; keinem faellt es ein, nur eine verdriessliche Miene darueber +zu zeigen. Sehr vornehme Damen fahren a Shopping. Ohne sich +aus dem Wagen zu bemuehen, lassen sie sich den halben Laden +in die Kutsche bringen, zur grossen Beschwerde der Kaufleute sowohl +als der Voruebergehenden auf dem Trottoir. Man erzaehlt, dass ein Trupp +Matrosen, dem eine solche mit offenem Schlag dastehende Equipage +den Weg versperrte, ohne Umstaende einer nach dem anderen +hindurchspazierte, indem sie der darin sitzenden Dame hoeflich +guten Morgen boten. + +Die mannigfaltigen Ausstellungen von Kunstwerken sowohl als von +Naturseltenheiten bieten uns angenehme Ruhepunkte, wenn wir +es endlich muede sind, die Kaufleute in Bewegung zu setzen. + +Die Promenade im St. James Park koennte auch eine Abwechslung gewaehren; +doch wird sie im Ganzen weniger besucht, so reizend sie auch ist. +Zwar fehlt es nie an Spaziergaengern darin, aber nur bei sehr seltenen +Gelegenheiten findet man sie so bevoelkert, wie es die Terrassen +der Tuilerien alle Tage sind. Es gibt der muessigen Maenner +weit weniger in London als in Paris. Die englischen Damen gehen +nicht so viel aus als die Pariserinnen, und wenn sie es tun, so ziehen +sie eine Shopping party allen anderen Promenaden vor. + +Die Kuchenlaeden, deren wir frueher gedachten, liegen, gleich anderen, +frei und offen unten an der Strasse; daher koennen Damen recht +anstaendig allein dort einkehren. Nur in dem beruehmtesten aller +Etablissements, bei Mr. Birch, in der Naehe der Boerse, geht dies +wohl nicht an; hier kann man sich nicht ohne maennliche Begleitung +blicken lassen. + +Das nicht sehr geraeumige Fruehstueckszimmer befindet sich hinten +im Hause, am Ende eines langen Ganges. Kein Strahl des Tageslichts +wird darin geduldet, Wachskerzen erleuchten es, und wenn die Sonne +draussen noch so hell schiene; die uebrige Einrichtung des Zimmers +ist anstaendig, ohne sich besonders auszuzeichnen. Immer findet man +Gesellschaften von Herren und Damen darin, die gewoehnlich schweigend +ihre Schildkroetensuppe und ein paar warme kleine Pastetchen +verzehren. Weiter wird in diesem Hause nichts zubereitet; +aber die Pastetchen sollen die besten in der ganzen Welt sein, +und nun vollends die Schildkroetensuppe, darueber geht nichts. +Nirgends weiss man sie so zu bereiten wie hier, so behaupten die Londoner. +Uns aber kam die Gelassenheit, mit welcher die Herren und Damen +das von Madeirawein und Cayennepfeffer gluehende, uns Zunge und Gaumen +verbrennende Gemengsel genossen, weit bewundernswerter vor +als die Suppe selbst. + +Der vorige Besitzer dieses Hauses, Mr. Horton, brachte indessen +bloss mit diesen Pastetchen und der Suppe in nicht gar langer Zeit +ein Vermoegen von hunderttausend Pfund Sterling zusammen, +und sein letzter Nachfolger, Mr. Birch, ist auf gutem Wege, +es ihm nachzutun. Dennoch sind die Preise in diesem Hause sehr billig +und wie ueberall ein fuer allemal festgesetzt. Was jeder verzehrt, +ist eine Kleinigkeit, aber die Menge der Verzehrenden gibt +eine ungeheure Einnahme. + +Gegen fuenf Uhr wird es Zeit, nach Hause und an die noetige Toilette +vor Tische zu denken. Heute sind wir zu einem Dinner geladen, +aber wenn wir auch ganz en famille den Tag zu Hause zubraechten, +so waere es doch hoechst unschicklich und bei gesunden Tagen unerhoert, +im Morgenkleide zu bleiben. Selbst die Maenner ziehen den Boersen-Rock +aus und mit ihm alle Gedanken an Geschaefte, um in einem eleganteren +Anzuge zu erscheinen. + +Schoen und etwas steif geputzt fahren wir nun um halb sieben +zum Mittagessen. Gastfrei sind die Londoner eben nicht, sie scheuen +nicht sowohl die grosse Teuerung aller Dinge als vielmehr die hier +von allen geselligen Zusammenkuenften durchaus unzertrennliche Etikette, +welche einen solchen Tag fuer die ohnehin Ruhe liebende Hausfrau +zu einer schweren Last macht. Daher werden gewoehnlich solche Dinners +nur durch aeussere Anlaesse herbeigefuehrt, wie etwa die Gegenwart +von Fremden, denen man die Ehre antun zu muessen glaubt. Sonst +fuehrt der Londoner seinen Freund lieber in eine Taverne, als dass +er ihn bei sich aufnimmt, dort tete a tete, oder in einem groesseren, +doch immer geschlossenen Zirkel tun sie sich bei Wein, Politik +und lustigen Gespraechen guetlich. Zu Hause aengstigt sie die Gegenwart +der Frauen, denen man zwar die groesste Hochachtung im Aeusseren +aufweist, aber ihnen auch, wie allen Respektspersonen, eben deshalb +gern so viel moeglich aus dem Wege geht. + +Doch wieder zu unserem Dinner. In dem Besuchszimmer finden wir +die Gesellschaft versammelt; es fasst hoechstens zwoelf bis vierzehn +Personen. Nach den herkoemmlichen Begruessungsformeln nehmen die Damen +zu beiden Seiten des Kamins in Lehnstuehlen Platz, die Herren +waermen sich am Feuer, und nicht immer auf die schicklichste Weise. +Schlaefrig, einsilbig, langsam wankt die Konversation zwischen Leben +und Sterben, bis endlich der willkommene Ruf ins Speisezimmer +ertoent. Dies liegt oft eine Treppe hoeher oder niedriger als +das Besuchszimmer, weil, wie wir schon frueher bemerkten, die Wohnungen, +selbst sehr reicher Leute, nichts weniger als geraeumig und bequem sind. + +Die Tafel steht fertig serviert da, bis auf die Glaeser. Servietten +gibt es jetzt an den englischen Tafeln, seit die Englaender so viel +reisen, wenigstens, wenn man ein Dinner gibt. Vor weniger Zeit +fand man sie nur in Haeusern, welche auf fremde Sitten Anspruch machten. +Das Tischtuch hing damals und haengt auch noch wohl jetzt, wenn man +en famille speist, bis auf den Erdboden herab, und jedermann +nahm es beim Niedersitzen auf's Knie und handhabte es wie bei uns +die Serviette. Die Dame vom Hause thront in einem Lehnstuhl am oberen +Ende der Tafel, ihr Gemahl sitzt ihr gegenueber unten am Tisch, +die Gaeste nehmen auf gewoehnlichen Stuehlen zu beiden Seiten Platz, +so viel moeglichst in bunter Reihe, nach der Ordnung, die ihnen +vom Herrn des Hauses vorgeschrieben wird. Alle Gerichte, welche +zum ersten Gange gehoeren, stehen auf der Tafel. + +Die englische Kochkunst hat auch in Deutschland ihre Verehrer; +wir gehoeren nicht dazu, uns graute vor dem blutigen Fleisch, +vor den ohne alles Salz zubereiteten Fischen, vor dem in Wasser +halb gar gekochten Gemuese, den Hasen und Rebhuehnern, die, wie alle +anderen Braten, ungespickt, ohne alle Butter, bloss in ihrer eigenen +Bruehe zubereitet werden. + +Die Dame serviert die reichlich mit Cayennepfeffer gewuerzte, +uebrigens ziemlich duenne Suppe, nachdem sie jeden Tischgenossen +namentlich gefragt hat: ober er welche verlange? Des Fragens +von Seiten der Wirte und des Antwortens von Seiten der Gaeste +ist an einem englischen Tische kein Ende. Eine grosse Verlegenheit +fuer den fremden Gast, der, wenn er auch der englischen Sprache +sonst ziemlich maechtig ist, dennoch unmoeglich alle diese technischen +Ausdruecke wissen kann. Er muss Rede und Antwort von jeder Schuessel +geben, ob er davon verlangt, ob viel oder wenig, mit Bruehe oder +ohne Bruehe, welchen Teil vom Gefluegel, vom Fisch, ob er es gern +staerker oder weniger gebraten hat, eine Frage, die besonders oft +die Fremden in Verlegenheit setzt; man sag: much done or little done, +woertlich uebersetzt heisst das: viel getan oder wenig getan. + +Diese Fragen ertoenen von allen Seiten des Tisches zugleich, +denn ein paar Hausfreunde helfen dem Herrn und der Frau vom Hause +im Vorlegen der Schuesseln. Alle werden nach der Suppe zugleich +serviert, nicht nach der Reihe wie in Deutschland. Sie bestehen +aus einem grossen Seefisch, einem Lachs, Kabeljau, Steinbutt oder +dergleichen, der, beim Kochen gesalzen, vortrefflich waere, +so aber dem Fremden fast ungeniessbar bleibt, aus Puddingen, +Gemuesen, Tarts und allen Gattungen von Fleisch und Gefluegel, +ohne Salz, Butter oder andere fremde Zutat in eigener Bruehe gedaempft, +geroestet, gebraten oder gekocht, nur der Pfeffer ist nicht +daran gespart. Hat man ueber eine solche Schuessel einen duennen, +trockenen Butterteig gelegt, so beehrt man sie mit dem Titel +einer Pastete. + +Die halbrohen Gemuese muessen ganz gruen und frisch aussehen, +erst bei Tafel tut jeder auf seinem Teller nach Belieben +geschmolzene Butter daran. Kartoffeln fehlen bei keiner Mahlzeit, +sie sind vortrefflich, bloss in Wasserdampf gekocht. Die Puddings +aller Art waeren auch sehr gut, nur sind sie oft zu fett, fast nur +aus Ochsenmark und dergleichen zusammengesetzt. Die Tarts, +der Triumph der englischen Kochkunst, bestehen aus halbreifem Obst, +in Wasser gekocht und mit einem Deckel von trockenem Teige versehen. +Die Pickels, welche den Braten begleiten, eigentlich alle Arten Gemuese, +Mais, unreife Walnuesse, kleine Zwiebeln und dergleichen, mit starkem +Essig und vielem Gewuerze eingemacht, sind vortrefflich. + +Mit diesen sowie mit der Soja- und anderen pikanten Saucen, +die hier im Grossen fabriziert und verkauft werden, treibt London +einen grossen Handel durch die halbe Welt. Diese Saucen, Senf, Oel +und Essig stehen in zierlichen Plattmenagen zum Gebrauch der Gaeste da, +sowie auch immer fuer zwei Personen ein Salzfass. + +Der Salat wird von der Dame vom Hause ueber Tische mit vieler +Umstaendlichkeit bereitet und klein geschnitten; er besteht +aus einer sehr zarten, saftigen Art Lattich, dessen Blaetter schmal, +aber wohl eine halbe Elle lang sind; ausser England sahen wir +sie nirgends, dafuer aber ist auch unser Kopfsalat dort unbekannt. +Unermuedet bieten die Vorlegenden alle diese Dinge den Gaesten an; +dafuer muessen diese wieder alles pflichtschuldigst loben und +versichern, sie haetten in ihrem Leben kein besser Kalb- oder +Hammelfleisch gesehen, und es waere auch alles ganz vortrefflich +zubereitet. + +Das Zeremoniell beim Trinken ist, besonders den fremden Damen, +noch beschwerlicher und versetzt uns oft in wahre Not. Da sitzen +wir betaeubt und aengstlich von alledem wunderlichen Wesen; +ploetzlich erhebt der Herr vom Hause seine Stimme und bittet +eine Dame, und aus Hoeflichkeit die Fremde zuerst, um die Erlaubnis, +ein Glas Wein mit ihr zu trinken, und zugleich zu bestimmen, +ob sie weissen Lissaboner oder roten Portwein vorziehe? +Denn die franzoesischen Weine sowie der Rheinwein kommen erst +zum Nachtisch. Verlegen trifft man die Wahl, und mit lauter Stimme +wird nun dem Bedienten befohlen, zwei Glaeser Wein von der bestimmten +Sorte zu bringen. Zierlich sich gegeneinander verneigend, +sprechen die beiden handelnden Personen wie im Chor: "Sir, Ihre +gute Gesundheit! Madam, Ihre gute Gesundheit!" trinken die Glaeser +aus und geben sie weg. Nach einer kleinen Weile toent dieselbe +Aufforderung von einer anderen Stimme, dieselbe Zeremonie +wird wiederholt und immer wiederholt, bis jeder Herr mit jeder Dame +und jede Dame mit jedem Herrn wenigstens einmal die Reihe gemacht hat. +Keine kleine Aufgabe fuer die, welche des starken Weins ungewohnt sind. +Abschlagen darf man es niemandem, das waere beleidigend; +obendrein muss man noch mit dem ersten Glase den Wunsch fuer +die Gesundheit jeder einzelnen Person an der Tafel wenigstens +durch ein Kopfnicken andeuten und auch genau acht geben, ob jemand +der anderen Gaeste uns diese Ehre erzeigt. Es waere die hoechste +Unschicklichkeit, wenn eine Dame unaufgefordert trinken wollte, +sie muss warten, waere sie auch noch so durstig, doch bleibt +die Aufforderung selten lange aus. Auch die Herren muessen sich +zu jedem Glas einen Gehilfen einladen, ein Dritter hat aber +die Erlaubnis, sich mit anzuschliessen, wenn er vorher geziemend +darum anhaelt. + +So hat man denn mit Antworten auf die Einladung zum Essen und Trinken, +mit Gesundheittrinken, und mit Achtgeben, ob niemand die unsere trinkt, +vollauf zu tun. Kein interessantes Tischgespraech kann aufkommen, +es wird sogar fuer unschicklich gehalten, wenn jemand den Versuch macht, +eines aufzubringen; der Herr des Hauses faehrt gleich mit +der Bemerkung dazwischen: "Sir, Sie verlieren Ihr Mittagessen, +nach Tische wollen wir das abhandeln." Die Damen sprechen ohnehin +nur das Notwendigste aus lauter Bescheidenheit. Die Fremden koennen +sich nicht genug vor zu grosser Lebhaftigkeit des Gespraechs hueten; +es gehoert hier gar nicht viel dazu, um fuer ungeheuer dreist, +monstrous bold, zu gelten. + +Ist der erste beschwerliche Akt des Essens ueberstanden, so wird +der Tisch geleert, die Brotkrumen sorgfaeltig vom Tischtuch abgekehrt, +und es erscheinen verschiedene Arten von Kaese, Butter, Radieschen +und wieder Salat. Letzterer wird ohne alle Zubereitung bloss mit Salz +zum Kaese gegessen. + +Dieser Zwischenakt dauert nicht lange, er macht einem zweiten Platz. +Jeder Gast bekommt nun ein kleines, schoen geschliffenes Kristallbecken +voll Wasser zum Spuelen der Zaehne und zum Haendewaschen und eine +kleine Serviette; man verfaehrt damit, als waere man fuer sich allein +zu Hause. Die ganze so beschaeftigte Gesellschaft erinnerte uns oft +an einen Kreis Tritonen, wie man sie Wasser speiend um Fontaenen +sitzen sieht. Die Damen ermangeln nicht, grosse Zierlichkeit +im Abziehen der Ringe und Benetzen der Fingerspitzen anzubringen; +die Herren gehen schon etwas dreister zu Werke. + +Nach dieser Reinigungszeremonie aendert sich die ganze Dekoration. +Das Tischtuch, mit allem was darauf stand, verschwindet, und +der schoene, hellpolierte Tisch von Mahagoniholz glaenzt uns entgegen. +Jetzt werden Flaschen und Glaeser vor den Herrn des Hauses hingestellt, +das Obst wird aufgetragen, und jeder Gast erhaelt ein kleines Couvert +zum Dessert, ein Glas und ein kleines rotgewuerfeltes oder ganz rotes, +viereckig zusammengelegtes Tuch. Letzteres aber darf man nicht +entfalten, man benutzt es nur, das Glas darauf zu stellen. Das Obst +wird nicht herumgereicht, sondern wie vorher die anderen Gerichte +vorgelegt und mit vielen Fragen ausgeboten. Es ist im Ganzen schlecht, +sauer und halbreif. Haselnuesse, die Lieblingsfrucht der Englaender, +welche sie Jahr fuer Jahr knacken, fehlen nie dabei, suesse Konfitueren +und Bonbons sind wenig im Gebrauch. + +Jetzt fangen die Flaschen an, die Hauptrolle zu spielen; jeder +schiebt sie seinem Nachbar zu, nachdem er sich etwas eingeschenkt hat, +viel oder wenig, wie man will, nur leer darf das Glas nicht bleiben, +und bei jedem Toast muss das Eingeschenkte ausgetrunken werden. +Den Damen sieht man indessen durch die Finger, wenn sie bloss +ein wenig nippen. Der Wirt bringt nur einige Toasts aus, +er laesst seine Freunde leben, die sich denn wieder durch +ein Gegenkompliment an ihm und der Dame vom Hause revanchieren; +die koenigliche Familie wird nie bei dieser Gelegenheit vergessen. +Einige der Gaeste geben Sentiments zum besten, das heisst, kurze Saetze, +die zuweilen auf die Damen Bezug haben, zum Beispiel: merit to win +a heart and sense to keep it, Verdienst, ein Herz zu gewinnen, +und Verstand, um es zu behalten. Alle diese Gesundheiten werden +beim Trinken mit lauter Stimme von jedem wiederholt. + +Diese Gesundheiten, Ermunterungen zum Trinken, Ermahnungen, +die Flasche weiterzuschieben, sind alles, was man jetzt hoert. +Bald nachdem man dem Koenig die gebuehrende Ehre erzeigt hat, +erhebt sich die Dame des Hauses aus ihrem Lehnsessel; mit einer +kleinen Verbeugung gibt sie den uebrigen Damen das Signal, +alle erheben sich und trippeln sittsamlich hinter ihrer Fuehrerin +zur Tuer hinaus. Sogar wenn Mann und Frau tete a tete allein essen, +geht Madame fort und laesst den Eheherrn allein hinter der Flasche. +Ob er dann auch Toasts ausbringt, ist uns nicht bekannt. + +Jetzt, da die Frauen fort sind, wird es den Herren leichter +um's Herz, aller Zwang ist nun verbannt, sie bleiben unter sich +allein, bei Wein, Politik und manchem derbem Spass, den sie +waehrend unserer Gegenwart muehsam zurueckhalten mussten. Ihr lautes +Sprechen und Lachen verkuendet dem ganzen Hause, dass ihnen +gar wohl zu Mute sei. Wir aber, wir Armen, was wird aus uns? +Da sitzen wir wieder am Kamin und sehen uns an und gaehnen mit +geschlossenem Munde. Nicht einmal Kaffee gibt es, um uns +einigermassen munter zu erhalten, Handarbeit in Gesellschaft +waere auch unerhoert, der gegenseitige Anzug ist leider zu bald +durchgemustert. In der trostlosesten Stimmung sitzen wir hier +und sind allesamt des Lebens herzlich muede. Wie gern schliefen +wir ein! Aber das schickt sich nicht. + +Endlich ist eine Stunde so jaemmerlich hingeschlichen. Wir haben +vom Wetter gesprochen, vom Theater; das ist hier aber kein so +gangbarer Artikel als in anderen Orten, denn man geht viel seltener +hin. Die Fremde ist zehnmal gefragt worden, wie ihr London gefaellt, +und sie hat zehnmal pflichtschuldigst geantwortet: ganz ausnehmend +wohl; da macht dann endlich die Frau vom Hause dem Jammer +dadurch ein Ende, dass sie die Herren zum Tee bitten laesst. + +Man sagt, die schnellere oder langsamere Befolgung dieses Winks +sei das sicherste Zeichen, wer im Hause herrsche, ob der Mann +oder die Frau. Indessen, wenn sie auch zoegern, sie kommen doch, +die Herren, ein wenig heiter, ein wenig redselig; aber, zu ihrer Ehre +sei es gesagt, betrunken haben wir bei solchen Gelegenheiten +keinen gesehen. + +Die Dame macht jetzt den Tee sehr umstaendlich. Die Fragen, +wie man ihn findet, wie man ihn wuenscht, ob suess, ob mit viel Milch +oder wenig, werden auch hier nicht unterlassen. In einigen Haeusern +wird er draussen serviert und vom Bedienten herumgereicht; +doch dies sind Ausnahmen von der Regel; die englischen Ladies +lassen sich ungern den Platz am Teetisch nehmen, den sie so +ehrenvoll behaupten. Neben dem Tee wird auch sehr schlechter, +duenner Kaffee geboten. + +Die Konversation geht nun ein klein wenig rascher, indessen +die Herren haben sich bei der Bouteille rein ausgesprochen, +die Damen sind muede und sprechen ueberhaupt wenig, es wird selten +ein munteres, erfreuliches Gespraech daraus. Nach dem Tee faehrt man +nach Hause, denn fuer's Theater ist's zu spaet, oder man bleibt +zum Spiel, je nachdem man eingeladen ist. + +Whist ist das einzige uebliche Spiel in Gesellschaft; +von unserer Art zu spielen weicht man darin ab, dass man +nur Partie Simple oder Double zaehlt, kein Tripel oder Quadrupel. +Auf diese Weise kann man hoechstens sieben Points in einem Tobber +verlieren, deren man immer drei spielt, nie mehr, noch weniger. +Die Karten sind sehr teuer und gross, aber ungeschickt. Dies ist wohl +das einzige Fabrikat, in welchem die Englaender anderen Nationen +nachstehen. Kartengeld ist nicht gebraeuchlich, ebensowenig Trinkgeld +an die Bedienten. + +Dass die Englaender sehr gut, sehr ernst und schweigend dies +ihr Nationalspiel spielen, ist bekannt, nicht aber, dass keineswegs +die Spielenden, sondern der Herr des Hauses zu bestimmen hat, +wie hoch seine Gaeste spielen sollen. Dieser Taxe muss man sich +ohne Widerrede unterwerfen, wenn man nicht beleidigen will. +Einige bestimmen aus Ostentation ein sehr hohes Spiel, andere, +die vernuenftiger sind, tun das Gegenteil. Dem Fremden ist zu raten, +dass er sich vorher nach der Sitte des Hauses erkundige, ehe er +zum Spiel geht, sonst kann er in unangenehme Verlegenheit geraten. + +Nach dem Spiele setzt man sich noch zu einem kalten Abendessen +von Austern, Hummer, Tarts und dergleichen; dies wir sehr schnell +abgetan. Froh, das Vergnuegen des Tages ueberstanden zu haben, +faehrt man spaet nach Mitternacht durch die noch immer von Menschen +wimmelnden Strassen nach Hause. Alle Laeden sind noch offen +und erleuchtet, die Strassenlaternen brennen ohnehin immer, bis die Sonne +wieder scheint. + +Es gibt noch eine Art geselliger Zusammenkuenfte, welche die erste Klasse +des Mittelstandes, von der wir hier sprechen, dem vornehmeren, +aus den ersten Familien des Reichs bestehenden Zirkel abgelernt hat. +Sie heissen Routs, gleichbedeutend mit unseren Assembleen in Deutschland. +Mit dem Wort Assembly verbindet man in England immer die Idee +einer auf Unterzeichnung gegruendeten Zusammenkunft an einem +oeffentlichen Orte. + +Die Frau vom Hause macht die Honneurs dieser Routs und ladet dazu ein. +Schon mehrere Tage vorher werden allen Bekannten Karten zugeschickt, +und zwar ungefaehr dreimal so vielen Personen, als das Lokal +gemaechlich fassen kann. Es versteht sich von selbst, dass man zu +einem solchen Feste eine bessere Wohnung als die gewoehnlichen +haben muss, die doch wenigstens eine Art von Folgereihe mehrerer +Zimmer enthaelt. + +Um zehn Uhr, oft noch viel spaeter, faengt man an, sich zu versammeln, +draengt sich durch, um die Wirtin zu begruessen, die gewoehnlich unfern +der ersten Tuer im Zimmer Posto gefasst hat, und nimmt dann Platz +an einem der vielen Spieltische, die dicht zusammengedraengt +den ganzen Raum erfuellen. Tee und andere Erfrischungen werden +herumgereicht, solange die Bedienten durchkommen koennen. Wird es +zuletzt so voll, dass niemand mehr atmen kann, dass vor allgemeinem +Geraeusch kein Wort mehr zu verstehen ist, dass es an Stuehlen und +Raum fehlt, welche zu stellen, ja, dass die zuletzt Kommenden +auf Treppen und Vorplaetzen stehen bleiben muessen, so hat das Vergnuegen +seinen Hoehepunkt erreicht. + +Um zwei, drei Uhr gegen Morgen entwickelt sich der Menschenknaeuel +langsam, wie er anschwoll. Man faehrt nach Hause und hat einen +delizioesen Abend im grossen Stil hingebracht. Die Dame vom Hause +zieht sich in ihr Zimmer zurueck, zwar betaeubt vom Laerm, +wie zerschlagen an allen Gliedern von dem ewigen Stehen und +allen Begruessungsformeln, aber doch mit dem stolzen Bewusstsein, +die hoechste Glorie des geselligen Lebens erreicht zu haben. + + + +Sonntag + + +Welch ein Tag fuer die arbeitende Klasse auf dem festen Lande! +Die Greise freuen sich schon sonnabends auf den Ruhepunkt, +wo sie nach sechs muehevollen Tagen die Ihrigen reinlich und festlich +gekleidet in Freude und Lust um sich sehen; die Kinder rechnen +schon Montag, wie lange es noch zum Sonntag sei, dann ist keine Schule, +dann koennen sie frei und frank herumlaufen und spielen nach +Herzensgefallen, und vollends den jungen Leuten oeffnet sich +ein Himmelreich bei Musik und Tanz, unter der Linde und in der Schenke. + +Von den Vornehmen in den Staedten haben freilich viele alle Tage +Sonntag, wenn sie wollen; dennoch ist fuer alle Staende der Tag +des Herrn nicht nur ein Ruhetag, sondern auch ein Tag der Freude, +geselligen Vergnuegens und vor allem Familienzusammenkuenften geweiht. +Wenige gibt es, die nicht diesem Tage, so oft er erscheint, +mit irgend einer frohen Hoffnung entgegensehen, und waere es nur die, +einmal ins Schauspiel zu gehen, nachdem man die ganze Woche +alle Abende bei der Arbeit war. + +Ganz anders ist es in London: Musik und Tanz sind hoch verpoent, +an Theater ist gar nicht zu denken erlaubt, alle Laeden, +alle Ausstellungen sind dicht verschlossen. Die fanatische Pedanterie, +mit der man hier fuer die Heilighaltung des Sabbats wacht, uebertrifft +noch die der Juden, welche doch nur die Arbeit untersagen, +aber das Vergnuegen erlauben. + +Einige der vornehmsten Familien des Reichs wurden vor kurzer Zeit +fast namentlich in den Kirchen als Sabbatschaender und schreckliche +Suender abgekanzelt und in allen oeffentlichen Blaettern mit Schmaehreden +ueberhaeuft, weil sie sonntags unter sich Liebhaberkonzerte gaben, +und weil es bisweilen vorkam, dass die Gesellschaften, welche sie +sonnabends bei sich versammelten, bis nach Mitternacht bei Tanz +und Karten verweilten und dadurch den Tag des Herrn entheiligten, +ehe er noch recht erschienen war. + +"Ist's wirklich wahr, dass man in Deutschland am Sonntage Karten spielt?" +hoerten wir eine Dame fragen. "Keinen Tag lieber als sonntags, +wo man doch nichts zu tun hat", war die Antwort. "Good Lord!" +seufzte die zweite Dame; "aber", setzte sie belehrend hinzu, +"man kann's ihnen nicht verdenken, sie werden nicht besser gelehrt", +und dabei blickte sie mitleidig auf uns Heiden. "Aber sie spielen +doch nicht um Geld?" fragte eine dritte. "Freilich um Geld, oft um +viel Geld!" Alle fuhren schaudernd zurueck. "God bless us all", +Gott segne uns alle!, sagte die vierte, "ich habe einmal sonntags +(und um gar nichts) Karten gespielt, und ich kann's mir heute +nicht vergeben." Alle vier hatten zwei Minuten vorher bitterlich +ueber den Sonntag geseufzt, der ihnen nicht erlaubte, einen Robber +zu machen; man war auf dem Lande bei abscheulichem Wetter und +hatte die schrecklichste Langeweile, waehrend die Herren bei der Flasche +wie angemauert blieben. + +Der echte Englaender teilt den Tag zwischen oeffentlichem Gottesdienst, +haeuslicher Betstunde und der Flasche; seine Frau bringt die Zeit, +welche ihr die Andacht uebrig laesst, mit irgendeiner Frau Gevatterin zu +und laesst den lieben Naechsten eine etwas scharfe Revue passieren, +denn das ist sonntags erlaubt. Die Kinder sind gar uebel daran, +seit man eigene Schulen fuer die Sonntagabende errichtet hat, +in welche sie prozessionsweise getrieben werden, nachdem sie den Tag ueber +zweimal in der Kirche und einmal zu Hause die sinn- und geistlose +Liturgie des englischen Gottesdienstes haben herbeten muessen. + +Aber wie noch erbaermlicher geht's dem des Zwangs ungewohnten Fremden! +Sie oeffnen das Klavier, die Wirtin knickst in's Zimmer herein +und bittet, den Tag des Herrn nicht zu vergessen. Sie ergreifen ein Buch, +da kommt ein Besuch, sieht, dass Sie einer weltlichen Lektuere sich +ueberliessen, und haelt Ihnen eine wohlgemeinte Ermahnungsrede. +Aergerlich setzen Sie sich in's Fenster; ohne daran zu denken, +ergreifen Sie ein Strickzeug, da versammelt sich der Poebel vor dem Hause, +mit Schimpfen und Schelten zieht er Ihnen einen neuen Besuch der Wirtin zu, +welche im heiligen Eifer sich diesmal etwas weniger glimpflich ausdrueckt, +als kurz vorher. Beschaeftigen Sie sich fern vom Fenster in Ihrem Zimmer, +so aeussern die Bedienten, so oft sie hereintreten, ihren heiligen Abscheu, +wenigstens durch Mienen, wenn nicht durch Worte. Wollen Sie +mit ihren Landsleuten eine Partie Whist in ihrem eigenen Zimmer machen, +so hat Ihr eigener Bedienter das Recht, Sie beim naechsten Friedensrichter +zu verklagen, und Sie entgehen sicher der Strafe nicht. + +Was faengt man aber mit dem Tage an, der zweiundfuenfzigmal im Jahre +wiederkommt? Man macht kleine Reisen, wenn die Jahreszeit und das Wetter +es erlauben, und achtet's nicht, dass die Wegegelder am Sabbat doppelt +erlegt werden muessen, zur Ehre des Herrn. Im Winter, bei schlimmem Wetter, +fasst man sich in Geduld, anderen Rat gibt's nicht. + + + + +OeFFENTLICHE VERGNUeGUNGEN + + + +Theater + + +Nicht allein an der Sprache erkennt man die verschiedenen Nationen, +welche Europa bewohnen, auch am Gange, am Tone, an der Gebaerde. +Jede derselben unterscheidet sich von der anderen durch schwer +zu bezeichnende, aber deshalb nicht weniger sichtbare und +untruegliche Kennzeichen. + +Auch auf die bildende Kunst hat dieser angeborenen und +angeeignete Unterschied der Nationen grossen Einfluss. Kein Niederlaender +malt wie ein Italiener, kein Franzose wie beide; alle muessen +ihrer Nationalitaet treu bleiben. Die Gestalten, die Gebaerden, +der Himmel, die Beleuchtung, die wir von Jugend auf sehen, +praegen sich uns mit unausloeschlichen Zuegen ein. Wir koennen nur +wiedergeben, was wir in uns tragen, und der Unterschied der Schulen +liegt mehr an dem Himmel, unter dem sie entstanden, als an den Meistern, +die man fuer ihre Stifter erkennt. + +Bei der theatralischen Kunst blickt diese Nationalitaet noch deutlicher +hervor, und waere es moeglich, einem Schauspiel zuzusehen, ohne +dass man ein Wort davon hoerte, so muesste doch der kundige Beobachter +gleich entscheiden koennen, ob er ein englisches, franzoesisches oder +deutsches Theater vor sich saehe. Alle drei koennen in ihrer Art +vortrefflich sein und werden dennoch dem Fremden missfallen. +Denn dieser, mit der Individualitaet der Nationen noch nicht bekannt +genug, will nach seinem eigenen, von hause mitgebrachten Massstabe +messen. Nur nach und nach wird er entdecken, dass das, was ihm zuerst +widerwaertig, unnatuerlich, uebertrieben erschien, dennoch treu, wahr +und bewundernswuerdig ist. + +Betrachtet man eine theatralische Vorstellung als ein vollendetes, +abgerundetes Ganze, so haben wir Deutschen vor den anderen Nationen +keinen Vorzug, so viel vortreffliche einzelne Kuenstler wir auch +aufzuweisen haben. Das Weimarische Hoftheater, beguenstigt durch +ein Zusammentreffen vieler seltener, ausserordentlicher Umstaende, +war vielleicht das einzige in Deutschland, auf welchem man noch +zuweilen einzelne Darstellungen einiger Meisterwerke der vorzueglichsten +Dichter erblickte, da sich, durch das Zusammenpassen jedes Teils +zum Ganzen, der Vollkommenheit naeherten. + +Dass der deutsche Schauspieler allen alles sein muss, ist ein Unglueck; +dadurch wird er verhindert, sein Talent auszubilden fuer das +seiner Persoenlichkeit am besten zusagende Fach. In Paris und London +ist das anders. Jeder widmet sich den Rollen, zu welchen seine +Individualitaet ihn ruft. Mit dem Alter nimmt man es dort weit weniger +genau als bei uns. Gerechter als wir, bedenkt man: wieviel dazu +gehoert, eine hohe Stufe in irgend einer Kunst zu erringen. +Kein vollendeter Kuenstler ward geboren. Jahre voll Anstrengung +und Studium gehoeren dazu, um das grosse Talent auszubilden; +oft ist die Jugend entflohen, wenn jenes erst in vollem Glanze strahlt. +In Frankreich und England erkennt man dies und laesst sich lieber +willig durch Schminke, Kleidung, Beleuchtung taeuschen, als dass man +den hoechsten Genuss, den die Kunst gewaehren kann, verschmaehte, +weil der Kuenstler einige Jahre zuviel zaehlt. + +Der vorzuegliche deutsche Schauspieler ist in Gebaerde, Ton, +Deklamation und Stellung bei weitem der gemaessigste, weil Masshalten +und Ernst in der Natur des Deutschen liegen. Wir erscheinen +unseren Nachbarn kalt, aus demselben Grunde, aus welchem sie uns +uebertrieben erscheinen. Ebenso wird der westfaelische Bauer gewiss +glauben, der Provenzale oder Gascogner wolle ihn totschlagen, +wenn jener ihm bloss nach seiner Landessitte einen guten Morgen bietet. + +Nennt man ein nach festgesetzten Regeln genau gebildetes Ganzes +ein vollendetes Kunstwerk, so hat die franzoesische Tragoedie +vor allen anderen den Vorzug. Streng abgemessen sind Zeit und Ort. +Jeder Vers, jedes Wort findet im Parterre Richter, die keinen Verstoss +gegen einmal festgesetzte Regeln hingehen lassen. Gesetze des +sogenannten Wohlstandes, wie keine andere Nation sie kennt, +binden den Dichter wie den Schauspieler. Beide duerfen sich nur +in scharf gezogenen Schranken bewegen. Das auf diese Weise muehevoll +hervorgebrachte Kunstwerk blendet, setzt in Erstaunen, erregt +Bewunderung; aber wir bleiben ohne Teilnahme dabei, und ein Froesteln, +das wir ungern Langeweile nennen moechten, bemaechtigt sich unser. +Die Stellungen der beruehmtesten Schauspieler, schoen und kunstreich, +wie sie sind, erinnern doch immer an jene akademischen Figuren, +die wir auch auf den franzoesischen Gemaelden finden, und von denen +es auch ihren besten Meistern nicht gelingt, sich ganz zu befreien. +Der Geist der Tragoedie ist nicht der Geist der Nation, die von jeher +alles leicht nahm, was das Schicksal auch immer ueber Sterbliche +verhaengen mag. Die Sprache selbst, ihr Mangel an Tonfall, +widerstrebt der hoeheren Poesie, widerstrebt jeder Deklamation. +Alles wird bloss durch Kunst hervorgebracht, es ist, als hoerte man +einen auf das kunstreichste gebildeten Saenger, dem aber die Natur +eine sonore Stimme versagte. In der hoeheren Komoedie hingegen +steht der Franzose auf der ersten Stufe. Da ist Geist, Leben, +Witz, Laune und der fein gebildete Konversationston zu treffen, +welcher ihn auch im gemeinen Leben vor allen Nationen auszeichnet. + +Das englische Theater steht auf dem ganz entgegengesetzten Punkte. +Keine Regel beschraenkt den Dichter, keine den Schauspieler. +Ungebunden ueberlassen beide sich ihrem Genius. Alles steht +dem Dichter zu Gebot, Verse und Prosa, ewiger Wechsel der Szene, +Ausdehnung der Zeit ins Unendliche, alle moeglichen Motive. +Wie schwer es sei, von dieser unbeschraenkten Gewalt den rechten Gebrauch +zu machen, lehrt der Mangel an guten neuen Tragoedien; nur Shakespeares +Riesengeist konnte sie zum Rechten anwenden; noch immer steht er allein da, +das Volk verehrt ihn als seinen einzigen Dichter und draengt sich +unermuedet zu seinen Meisterwerken. + +Die englische Komoedie gibt ein treues, oft etwas ueberladenes Bild +des haeuslichen und geselligen Lebens, der Fehler, der Tugenden, +der Laecherlichkeiten, die man in den verschiedenen Staenden trifft. +Die Eigenheiten der verschiedenen Provinzen, der Schotten und Iren, +besonders ihrer Dialekte, erhoehen das Komische derselben und +werden mit vieler Treue dargestellt. + +Charakter-Komoedien, wie die Franzosen deren meisterhafte besitzen, +in denen sich alles um eine Rolle dreht, die dadurch bis ins kleinste +Detail herausgehoben wird, kennt der Englaender nicht. Dafuer wimmeln +alle Stuecke von Personen, die uns als Karikaturen erscheinen, +die es aber bei diesem originellen Volke nicht sind. Nur die staerksten +Zuege ein wenig verflacht und gemildert, und man trifft ueberall +im geselligen Leben die Urbilder dazu an. + +Selbst bei den besseren der gezeichneten Karikaturen, an denen wir +uns auch zuweilen in Deutschland ergoetzen, ist dieses schon der Fall; +Aehnlichkeit liegt immer zugrunde, und bei weitem nicht so +mit fremden Zuegen ueberladen, als man im Auslande wohl glaubt. + +So streng man sonst in England in allen Zirkeln, die aus Maennern +und Frauen gemischt sind, auf Dezenz haelt, so nachsichtig ist man +in dieser Hinsicht auf dem Theater. Frauen, die im geselligen Leben +jedes nur von fern ihr Zartgefuehl beleidigende Wort empoert, +sehen Szenen an, von denen jede Franzoesin sich zuernend wegwenden wuerde +und die gewiss das Pariser Publikum mit dem entschiedensten Unwillen +aufnaehme. + +Der englische Tragiker spielt natuerlicher als der franzoesische, +feuriger als der deutsche. Zu treu kopiert er die Natur und ueberschreitet +oft die Grenze des Schoenen. Der wuetendste Ausdruck des Leidens, +selbst der laute Schrei koerperlichen Schmerzes, alle Verzerrungen +des Wahnsinns, konvulsivisches Zucken des Sterbenden, nichts wird +dem Publikum erlassen, welches in diesem allem die hoechste Kunst +zu sehen glaubt und mit gestraeubtem Haare dann am lautesten in +Beifallsbezeugungen ausbricht, wenn es vor Schrecken schaudert. + +Die Groesste des Schauspielhauses zwingt die Schauspieler, ueberlaut +zu sprechen, denn der im entferntesten Winkel sitzende Matrose +will fuer seine Sixpence so gut alles hoeren und vernehmen als die +vornehmste Lady in der ersten Loge. Deutliche Aussprache ist demnach +die erste Forderung, welche das englische Publikum an den Schauspieler +macht. Dieser muss daher mit der aeussersten Anstrengung jedes Wort, +jede Silbe abstossend betonen. Bei den mittelmaessigen Kuenstlern +bringt dies eine sehr unangenehme, oft laecherliche Wirkung hervor; +nur die besten von ihnen wissen mit unglaublicher Muehe diese Schwierigkeit +zu bekaempfen. + +Aber auch die besseren Schauspieler heben gewissen Tiraden hervor, +welche auf Patriotismus, Freiheit und Nationalitaet Bezug haben, +und von denen sie voraus wissen, dass das Publikum sie jedes Mal beklatscht. +Diese Stellen werden ganz an dasselbe gerichtet, und die Mitspielenden +waehrend einer solchen Hauptaktion gar nicht beachtet; ihre Zeit +tritt spaeter wieder ein. Periodenweise deklamiert der Schauspieler +seine Rede ab. Zwischen jedem Satze wird eine hinlaengliche Pause +fuer den Beifall gelassen, dann weitergesprochen, dann wieder geschwiegen, +so dass das Ganze sich wie ein Melodram ausnimmt, zu welchem das Publikum +das Akkompagnement liefert. + +Die englische Deklamation hat ohnehin einen eigenen singenden Ton, +ohne grosse Modulation, etwas dem Fremden affektiert scheinendes +Pathetisches, das sich nicht beschreiben laesst; bei etwas Aufmerksamkeit +aber findet man ihn im gemeinen Leben wieder, bei jedem durch Leidenschaft +gehobenen Gespraech. Es ist die der englischen Sprache eigene Melodie; +jede Sprache hat die ihrige. + +Im Komischen, besonders im Possenspiel, uebertreffen die Englaender +vielleicht alle anderen Nationen. Schon der bekannte, angeborene Ernst +dieses Volkes macht seine seltene Lustigkeit umso ergoetzlicher. +Die Spaesse sind nicht immer die feinsten, oft ein wenig breit +und plump, aber sie reizen unwiderstehlich zum Lachen; einige +Schauspieler, zum Beispiel Munden [Fussnote: Joseph, beliebter +Komiker, von der zeitgenoessischen Kritik jedoch als Grimassenschneider +einschraenkend beurteilt.], brauchen nur sich zu zeigen, und das Haus +erbebt bis in seinen tiefsten Grund von der rauschendsten, lautesten +Freude. Viel will dies sagen bei einer Nation, welche das Lachen +fuer unanstaendig haelt und dem Gebildeten hoechstens nur ein Laecheln +erlaubt. Hier siegt die Natur, unterstuetzt von der Kunst, und Regel +und Zwang sind vergessen. + +Opern werden selten gegeben, ein englisches Rezitativ ist undenkbar, +und der Englaender findet die Abwechslung von Rede und Gesang unnatuerlich. +Das Volk liebt ueberhaupt die Musik wenig. Doch spielt man zuweilen +als Nachspiel irgend eine kleine Oper, und es fehlt nicht an +guten Saengern und Saengerinnen, um sie fuer ein englisches Ohr +ganz angenehm aufzufuehren. + + + +Das englische Publikum im Theater + + +Dies verdient ein eigenes Kapitel, denn es ist einzig in der Welt. +Wie es despotisch ueber die bretterne Welt herrscht, davon +hat man in ganz Europa keinen Begriff, auch in Frankreich nicht, +wo man doch noch weit von der Langmut der Deutschen entfernt ist. + +Oft, wir gestehen es, wenn wir sahen, wieviel sich das deutsche +Publikum von seinen Lieblingen gefallen laesst, wuenschten wir +diese nur auf wenige Monate auf die englische Buehne, damit sie +erkennen lernten, wie wohl es ihnen zu Hause geht. + +Im Ganzen laesst sich das Verfahren dieser Insulaner durchaus +nicht rechtfertigen. Jedes zu leise gesprochene Wort, jede +Vernachlaessigung, jedes Stocken wird unbarmherzig geahndet; +nur gegen Debuetierende zeigt man grosse Nachsicht und muntert sie +auf alle Weise auf. Daher kam es aber auch, dass wir nie einen +Londoner Schauspieler sahen, der seine Rolle nicht gelernt haette. +Der Souffleur mit seinem alle Illusion vernichtenden Kasten +ist gaenzlich von der Buehne verbannt; nur ganz dem Publikum verborgen, +stehen auf beiden Seiten in den Kulissen Einhelfer, die emsig +fuer sich nachlesen und dem Schauspieler notduerftig zu Hilfe kommen, +wenn diesen einmal sein Gedaechtnis verlaesst. + +Wie ueberall, so hat auch hier der auf den hoechsten Spitzen befindlichen +Teil des Publikums die lauteste Stimme; jedes Liedchen, jede Arie, +welche diesen Erhabenen gefaellt, muss zweimal, oft dreimal +gesungen werden. Und ihnen gefaellt vieles. Selbst die stolze Billington +musste in unserem Beisein sich gefallen lassen, eine Bravour-Arie +und ein Duett zweimal zu singen. Entsteht eine Unruhe, ein Streit +im Parterre oder auf der Galerie, wird jemand krank und muss weggebracht +werden, gleich erschallt von oben herab der Befehl an die Schauspieler, +inne zu halten, bis die Ruhe wieder hergestellt oder der Unruhestifter +hinausgeworfen ist. Bisweilen wird der Laerm so arg, dass die +Schauspieler das Theater verlassen muessen, bei der Wiederkehr +werden sie mit Haendeklatschen empfangen, und genau, wo sie aufhoerten, +fangen sie wieder an. + +Wie es bei allem diesem um die Illusion stehe, darum kuemmert sich +niemand; die Hauptsache ist, dass jeder fuer sein Geld alles sehe +und hoere, was es zu sehen und zu hoeren gibt. + +Zuweilen werden die Zuschauer Schauspieler. Ein Matrose kam, +wie wir eben im Theater waren, einst auf den Einfall, in einem +Zwischenakt ein Liedchen zu singen. Gleich wurde von oben herab +Stillschweigen geboten, und alles gehorchte. Der Matrose sang +fuer das, was er war, gut genug und mit einer ganz ertraeglichen Stimme, +dabei ganz furchtlos, obgleich sein Auditorium zum Teil +aus den Vornehmsten des Reichs bestand. Er fand vielen Beifall +und sollte noch einmal singen. Jetzt wollte er es aber zu schoen machen, +ueberstieg sich ueber seine Kraefte und warf mitten in einer Roulade +foermlich um. Ein allgemeines Gelaechter endigte fuer diesmal +die Szene. + + + +Einrichtungen der beiden grossen Londoner Theater in Hinsicht +auf die Zuschauer + + +Um halb sieben Uhr soll jede Vorstellung anfangen, doch wird es +fast immer sieben Uhr, und auch diese Stunden ist noch zu frueh +fuer ein Publikum, das im Durchschnitt erst gegen sechs Uhr +und oft weit spaeter noch zu Mittag speist. Die Vorstellungen +dauern so lange, dass jede nicht englische Geduld ermueden muss. +Selten kommt man vor Mitternacht nach Hause. Kurz und gut ist nun +einmal nicht das Symbol der Englaender: ueberall lieben sie +lange Sitzungen, im Parlament, an der Tafel und auch im Theater. + +Jeden Abend muessen zwei Stuecke gegeben werden, eines von fuenf Akten +und ein Nachspiel, welches auch oft zwei bis drei Aufzuege hat. +Gewoehnlich spielt man zuletzt irgend eine Posse, selten eine +kleine Oper, oft irgend ein den neuen englischen Romanen +nachgeformtes Unding voll Nacht und Graus. Ob uebrigens das Nachtspiel +zum ersten Stueck passend gewaehlt ist, ob es nicht mit den durch +jenes erregten Empfindungen auf das schreiendste kontrastiert - +dies kuemmert niemanden; genug, der Zuschauer bekommt volles Mass +fuer sein Geld. + +Beide grossen Theater von Drury Lane und Covent Garden sind +vom Monat September bis Ende Junius geoeffnet, dann werden sie +geschlossen und das kleinere Sommer-Theater zu Haymarket kommt +an die Reihe. Im Monat Mai und Junius werden die meisten +Benefiz-Vorstellungen fuer die aelteren und besseren Schauspieler +gegeben; sie gehoeren mit zu deren Gehalt. Dann waehren diese +Vorstellungen oft bis nach ein Uhr; denn um das Publikum vollkommen gut +zu bewirten, schiebt man noch allerhand Saechelchen in die Zwischenakte ein, +bald ein Liedchen, bald einen Tanz. Diese gefallen gewoehnlich +den hohen Zuschauern, muessen zwei- bis dreimal wiederholt werden +und kosten viel Zeit. + +Die Logen sind sehr geraeumig und so gebaut, dass man aus allen +gleich gut sehen kann. Sie enthalten saemtlich mehrere Reihen Baenke, +die sich uebereinander erheben; so ist's auch im Parterre, welches sich, +ohne Parkett oder Parterre noble, vom Orchester bis ans Ende +des Hauses erstreckt. + +In allen Reihen Logen werden die Plaetze gleich zu sechs Schilling +bezahlt, das Parterre kostet etwas ueber die Haelfte. Ueber die Logen +erheben sich noch zwei Galerien, zu zwei und einem Schilling die Person, +und hoch ueber der letzten Galerie ganz im Hintergrunde thronen, +wie unsichtbar, die respektablen Personen, die, wir wir eben erzaehlten, +gewoehnlich den Ton angeben. Niedrige Abteilungen trennen jede Loge +von ihren naechsten Nachbarn. Hell wie Tageslicht erleuchtet, +angefuellt mit Zuschauern, gewaehren sie einen bezaubernden Anblick. +Die Etikette will, dass alle Damen im vollen Putz das Theater besuchen, +wenn sie auf die vordersten Sitze in den Logen Anspruch machen, +besonders in denen des ersten und zweiten Ranges. Keine Dame +wird mit einem tiefen Hut hineingelassen, ein kleiner, mit Federn +oder Blumen gezierter Putzhut ist erlaubt. Im Parterre dagegen +erscheint man in gewoehnlicher Kleidung mit grossen Hueten, die aber +ohne Widerrede abgenommen werden muessen, wenn es verlangt wird. +Frauenzimmer des Mittelstandes und Herren jedes Standes besuchen +das Parterre. Es ist ein ganz anstaendiger Platz, nur muss man frueh, +oft vor Oeffnung des Hauses kommen, um eine gute Stelle zu finden; +denn kein Vorherbestellen findet dort statt. + +In die beiden ersten Logenreihen wird zu Anfang keine Dame hineingelassen, +die nicht zuvor ihren Namen ins Logenbuch hat aufschreiben und dadurch +ihren Platz bestellen lassen. Dies geschieht, um die oeffentlichen +Stadtnymphen von diesen Logen zu entfernen, welche fuer die ersten +und unbescholtensten Familien des Reichs bestimmt sind. Jenen Damen +sind eigene Sitze im Hintergrund des Schauspielhauses angewiesen. + +Mit dem Einschreiben des Namens gewinnt man das Recht, mehrere Plaetze, +in welcher Reihe Baenke man will, bis zu Ende des ersten Aufzuges +fuer sich aufbewahren zu lassen. Man kann seinen eigenen Bedienten +hinschicken, oder, was gewoehnlicher ist, einen Shilling bezahlen. +Fuer diesen Preis wird jemand von dem Logenwaerter hineingestellt. +Bis Ende des ersten Aktes werden diese leeren Plaetze freigelassen, +spaeter hat jeder das Recht, sich ihrer zu bemaechtigten. Niemand +darf fuer mehr Plaetze bezahlen, als er braucht, und taete man es, +mietete man auch eine ganze Loge, es wuerde nichts helfen. +Der Englaender behauptet: niemand duerfe durch sein Geld einen anderen, +der auch bezahlt, vom Genusse eines oeffentlichen Vergnuegens +ausschliessen, wenn es der Raum erlaubt. Deshalb findet auch +in den englischen Theatern kein Abonnement statt. Selbst +die koenigliche Familie muss ihre Loge vorher bestellen, die sich +uebrigens durch nichts von den uebrigen unterscheidet und ohne Unterschied +wie die uebrigen besetzt wird, wenn niemand vom koeniglichen Hause da ist. + +Nach dem dritten Akt wird jedermann fuer den halben Preis hineingelassen; +dieser Gebrauch ist sehr unangenehm fuer den besseren Teil +der Gesellschaft. Mit grossem Geraeusche schwaermen dann jene Nachtvoegel, +die man so gern aus diesem Kreise abhielte, herbei, und alle +Vorkehrungen dienten nur, sie von den ersten Reihen der Sitze +in den Logen zu vertreiben. Die schlechteste Gesellschaft, freilich +vorschriftsmaessig gekleidet, verbreitet sich dann durch's ganze Haus; +deshalb gehen auch Damen nie ohne maennliche Begleitung ins Theater, +und kein Mann tritt einem hinter ihm sitzenden, ihm unbekannten +Frauenzimmer seinen Platz ab, aus Furcht, die neben ihm Sitzenden +in eine unpassende Nachbarschaft zu bringen. Dies ist einer +von den Faellen, in welchen ein Fremder, der diese Sitte nicht kennt, +aus grosser Hoeflichkeit unhoeflich werden koennte. + + + +Drury Lane + + +[Fussnote: Das Haus, das Johanna besuchte, stammte aus dem Jahre 1794 +und brannte 1809 wieder ab. Die Gruendung des Drury Lane Theaters +geht auf Thomas Killigrew zurueck, der mit koeniglichem Patent 1662 +hier ein Theater gebaut hatte, das aber ebenfalls mehrmals restauriert +und umgebaut wurde. Das Patent besagte, dass nur Drury Lane +und Covent Garden das Recht hatten, reine Schauspiele aufzufuehren; +daher durch Jahrhunderte die Stellung dieser beiden Buehnen. +Seit 1802 hatte mit dem Abgang der Geschwister Kemble, Robert Kemble +und Sarah Siddons, Drury Lane die Fuehrung gegenueber Covent Garden +verloren, und sein besonders skrupelloser Direktor Sheridan +wirtschaftete das Haus auch finanziell ab. 1812 wurde ein neues Haus +eroeffnet, das in wenig veraenderter Form bis heute besteht.] + +Dieses Theater ist von innen eines der groessten und schoensten +in der Welt; die Aussenseite desselben sahen wir nicht vollendet. +In einem schwerfaelligen Stil erbaut, wie fast alle oeffentlichen Gebaeude +Londons, scheint es trotz seiner Groesse von einem ungewoehnlich hohen +Dache fast erdrueckt zu werden. Dies Dach ist indessen fuer das Ganze +von unschaetzbarem Nutzen, nicht allein wegen der Flugwerke +und uebrigen Maschinen, die darin angebracht sind, sondern weil es +einen eisernen Vorhang enthaelt, der im Fall, dass waehrend der Vorstellung +Feuer auf dem Theater auskaeme, sogleich herabgelassen wird +und den Teil des Hauses, welchen die Zuschauer erfuellen, vor aller Gefahr +sichert. + +Von innen ist das Haus hell gemalt, geschmackvoll dekoriert; es enthaelt +vier Reihen Logen, ohne die Galerien. Wenigstens fuenfzig glaenzende +kristallene Kronleuchter und noch viel mehr Spiegelwandleuchter +sind ringsum in zierlicher Ordnung angebracht, mehrere Hundert +von Wachslichtern brennen darauf, und doch schwindet ihr Glanz +gegen den des Theaters, sowie der Vorhang aufgeht. Erleuchtet +durch eine Unzahl von Lampen strahlt dieses wie im hellsten Sonnenscheine. + +Die Dekorationen sind des Ganzen wuerdig; der hintere Vorhang derselben +ist eigentlich kein Vorhang, er wird nicht aufgerollt, sondern +zerlegt sich in mehrere Teile, je nachdem der Gegenstand ist, +den er vorstellt; diese einzelnen Teile trennen sich wieder in kleinere, +schieben sich ineinander und werden so in die Hoehe gezogen. +So steigen sie auch herab und entwickeln sich mit Zauberschnelle, +keine Spalte deutet ihre Zusammensetzung an. Diese Einrichtung hat +den Vorteil, dass die Dekorationen durch das Aufrollen nicht beschaedigt +werden, dass sie keine Falten und Streifen zeigen und nie so in Bewegung +kommen wie unsere Vorhaenge, die uns oft in den friedlichsten Szenen +ein Erdbeben vergegenwaertigen. + +Die glaenzendsten Sterne des theatralischen Himmels hatten sich, +wie wir in London waren, in Covent Garden vereint; doch blieb Drury Lane, +besonders im komischen Fach, noch reich genug, um durch sehr +ausgezeichnete Vorstellungen zu erfreuen. Vor allem glaenzte Mme. Jordan +[Fussnote: Wilhelm, Herzog von Clarence, Koenig Wilhelm IV. von 1830-37, +hatte Dorothy Jordan 1785 im Drury Lane zum ersten Mal auf der Buehne +gesehen und sich in die junge Frau verliebt. Sie lebten 20 Jahre +miteinander, hatten 10 Kinder; 5 andere, die aus einer Beziehung +vor Wilhelm bestanden, hatten sie in der Nachbarschaft untergebracht. +Zwischen ihren Geburten trat sie weiter auf. Ein Jahr nach Johannas +Aufenthalt kam es dann zum Bruch, da Wilhelm sich mit Heiratsabsichten +trug, Dorothy ging ins Ausland und starb in Frankreich in bitterster Not.] +hervor, die Geliebte, oder, wie einige behaupteten, die heimlich +angetraute Gemahlin des damaligen Herzogs von Clarence, des jetzigen +Koenigs, der auch vor der Welt sie auf alle Weise ehrte und sie immer +in seiner Equipage mit seiner Livree ins Theater fahren liess. +Beim Anblick dieser wunderbar reizenden Frau musste man ganz vergessen, +dass sie schon ziemlich weit ueber die erste Bluete der Jugend hinaus +und fuer jugendliche Rollen etwas zu stark geworden war. Der froehlich +schalkhafte Ausdruck ihres sehr huebschen Gesichts, ihr angenehmes +sonores Organ, die naive Grazie und Wahrheit in jeder ihrer Bewegungen +bezauberten unwiderstehlich und liessen nichts vermissen. + +Wir wollen hier einer Vorstellung in Drury Lane gedenken, die uns +vor allen gefiel. Man spielte Shakespeares "Much Ado about Nothing" +(Viel Laerm um nichts). In Deutschland sehen wir zuweilen +eine Verkrueppelung dieses herrlichen Lustspiels unter dem Namen: +"Die Quaelgeister" [Fussnote: von dem Mannheimer Schauspieler Beck. +Johanna besuchte diese Vorstellung bei ihrem ersten London-Aufenthalt, +am 30. Mai, wenige Tage nach ihrer Ankunft in England.], und +es unterhaelt auch da noch, soviel Muehe sich dessen Verfasser gegeben hat, +es zur Mittelmaessigkeit herabzuziehen, so unbeholfen sich auch +Shakespeare in der engen Uniform eines modernen Leutnants oder +Hauptmanns bewegt. Welch ein ganz anderer Genuss aber ist es, +dieses Stueck mit wenigen Weglassungen, die unsere Sitten durchaus +notwendig machen, in seinem urspruenglichen Glanze zu sehen! +Madame Jordan als Beatrice und Mr. Bannister [Fussnote: John; +"den besten niederen Komiker auf der Buehne" nannte ihn Leigh Hunt +in seinen "Critical Essays", 1807.] als Benedickt waren ganz +an ihrem Orte. Die Szenen zwischen beiden, wo ein Witz den anderen +wie ein Wort das andere jagt, muss man von beiden gesehen haben, +um zu glauben, dass etwas auswendig Gelerntes mit dieser Wahrheit +wiedergegeben werden kann. Die langsam pathetische Abstossung der Worte, +deren wir oben gedachten, war hier wie bei allen guten englischen +Komikern ganz verschwunden; alles ging Schlag auf Schlag, dennoch +verlor kein Zuhoerer in dem ungeheuren Hause nur eine Silbe. +Freilich, sowie die Verse und mit ihnen der Ernst wieder eintreten, +erscheint auch wieder der feierliche Predigerton. Ueber alles ergoetzlich +waren der Richter Dogberry und seine Gesellen mit ihrem breiten +Bauerndialekte. Das ganze grosse Haus bebte vom unaufhaltsamen Gelaechter +der Zuschauer; sowie sie erschienen, mussten sie oft innehalten, +um nur gehoert zu werden. + +Mme. Bland, eine kurze, dicke, aeltliche Favoritin des Publikums, +die fuer eine vortreffliche Saengerin galt, weil sie gewaltig schrie +und dabei deutlich aussprach, sang in einem Zwischenakt +eine englische Liebesromanze, "Poor crazy Jane" (die arme +wahnsinnige Hanna). Es sind die einfachen Klagen eines von +seinem Geliebten betrogenen und darueber wahnsinnig gewordenen Maedchens. +Die Musik war nicht sonderlich; doch musste sie unter lautem Beifall +zweimal wiederholt werden. Hierzulande gilt der Text mehr als die Musik, +und solche Schilderungen des hoechsten menschlichen Elends sind +einmal die groesste Freude der Englaender. Mit ihrem Gefuehl geht +es ihnen wir mit dem Cayennepfeffer: nur das moeglichst Starke +vermag bei ihnen Herz und Magen zu reizen. + +Den Beschluss machte fuer diesen Abend, oder wie man hierzulande passender +sagt, fuer diese Nacht, eine grosse, meistenteils von Italienern +aufgefuehrte Pantomime; ein Schauspiel, das wir in dieser Vollkommenheit +noch nirgends sahen. Ein Zauberer sass auf seinem Throne, umgeben von +dienenden Geistern aller Art. Im Hintergrunde, hinter einem eisernen +Gitter, erblickte man den alten Pantalon, Harlekin, Colombine und den +treuen Diener Pierrot, alle in Todesschlummer versunken, in Saergen +liegen. Der Zauberer musste notwendig verreisen, und alles kam darauf an, +dass jemand einstweilen an seiner Stelle auf dem Throne saesse und das +Szepter aufrecht hielte, ohne einzuschlafen. Ein kleiner, neckischer +Kobold, unuebertrefflich von einem Signor Grimaldi [Fussnote: der Clown +Grimaldi gehoerte seit seiner Kindheit dem Haus an und war ein ueber alle +Massen beliebter, aber auch von der Kritik geruehmter Pantomime.]gespielt, +wird zu diesem Ehrenamt erlesen und weiss sich nicht wenig damit. Der +Zauberer ermahnt ihn auf's Dringendste, ja nicht einzuschlafen, und +faehrt ab in seinem Drachenwagen. Eine Weile geht es vortrefflich; der +kleine naerrische Kobold ist ausser sich vor Freuden auf dem weiten +praechtigen Thron. Nun aber meldet sich der Schlaf, umsonst widersteht er +aus allen Kraeften, umsonst nimmt er aus einer ungeheuren Dose eine so +starke Prise, dass er dreimal niesen muss, bei jedem Niesen wenigstens +drei Ellen hoch vom Sitze in die Hoehe geschnellt wird, in der Luft sich +ein paar mal ueberschlaegt und immer wieder auf den Sitz zurueckplumpt. Die +Natur siegt, er schlaeft ein, das Zepter entsinkt einen Moment seiner +Hand, der Zauber ist zerstoert, und der bunteste Wirrwarr hebt an. Die +Schlafenden erstehen hoch erfreut aus ihren Saergen, alles verschwindet. +Harlekin und die Seinen sind nun auf ewiger Flucht, ueberall, in tausend +Abwechslungen, lassen sie sich haeuslich nieder und fangen an, ihr +lustiges Wesen zu treiben, ueberall verfolgt sie der Kobold. Ewiger +Szenenwechsel, Dekorationen, so praechtig man sie nur erdenken kann, +Verwandlungen, bei denen man verleitet wird, an Hexerei zu glauben, +folgen in der schnellsten Mannigfaltigkeit, dass das Auge kaum Zeit hat, +alles zu bemerken. Die Mimiker waren alle vortrefflich, wie die +Dekorationen; ein echter komischer Zug jagte den andern. Das Haus +erscholl vom unaufhaltsamsten Gelaechter; alles lachte, alles war +erfreut, aber gewiss niemand imstande, zu Hause zu erzaehlen, was er +gesehen hatte. Gegen ein Uhr endigte das Schauspiel. + + + +Covent Garden + + +[Fussnote: Das Haus, das Johanna besuchte, war 1792 durch +den Architekten Henry Holland wesentlich vergroessert worden +(3600 Plaetze statt vorher 2000). Hauptattraktion war ein eiserner +Vorhang, der aber dennoch nicht verhindern konnte, dass das Haus +1806 einer Brandkatastrophe zum Opfer fiel; Neubau 1809. +Nach einem neuerlichen Brand erstand es 1858 in seiner modernen Gestalt +unter dem Namen Covent Garden Opera House.] + +Das Haus, nicht voellig so gross als das von Drury Lane, aber nicht +weniger elegant dekoriert, erscheint fast noch blendender, noch praechtiger +als jenes, denn viele grosse und kleinere angebrachte Spiegel +vervielfaeltigen die Menge der strahlenden Wachskerzen ins Unendliche. + +Hier auf diesen Brettern sah man oft in einer einzigen Vorstellung die +beruehmtesten Kuenstler vereint. Zuerst nennen wir Mme. Siddons die, seit +wir sie sahen, das Theater verlassen hatte. [Fussnote: Sarah (1755-1830), +geniale Tragoedin. Garrick holte sie 1775 zum ersten Mal ans Drury Lane, +doch konnte sie sich nicht durchsetzen und kam 1782, nun schon beruehmt, +ein zweites Mal an diese Buehne. Ihre Glanzrolle, die Lady Macbeth, hat +sie allein in London 139 Mal gespielt. Gerde in der Spielzeit 1804/05 +verlor sie etwas das Publikumsinteresse, da sich dieses dem +dreizehnjaehrigen Wunderknaben Master Betty zuwandte, der Hamlet und +Richard III. spielte. 1802-12 spielte sie im Covent Garden, zog sich +dann vom Theater zurueck, trat aber noch mehrmals auf.] Sie war eine hohe +koenigliche Gestalt. Als ob Melpomene, wie alte Meister sie uns +darstellen, das Piedestal verlassen haette, um unter den Lebenden zu +wandeln, so trat sie einher, gross, schoen, im einfachen Ebenmass. Ihr +ganzes Wesen war zur Tragoedie geschaffen, der Ausdruck, die Form ihres +schoenen Gesichts passte nur fuer das Trauerspiel, unmoeglich konnte man sie +sich froehlich oder gar lachend denken. Unbeschreiblich melodisch war +ihre Stimme, sanft und durchdringend zugleich, sie hatte unnachahmlich +klagende Toene in ihrer Brust. Schon lange war sie nicht mehr jung, aber +die Zeit konnte ihr wenig rauben; bei diesen edlen regelmaessig schoenen +Zuegen vermisste niemand den Glanz der Jugend; sie war ziemlich stark; +aber auch dies machte keinen Uebelstand bei ihrer hohen Gestalt. Sie waere +ein Ideal gewesen, ueber das hinaus man sich nichts denken konnte, haette +sie sich nicht zuweilen von der Lust, dem Publikum zu gefallen, +hinreissen lassen, ihr grosses Talent zu missbrauchen. So aber ueberschritt +sie oft die Grenzen des Schoenen und ward fuerchterlich. + +Als Isabella zum Beispiel in dem Trauerspiel: "The Fair Penitent" +(Die schoene Buessende) [Fussnote: von Nicholas Rowe, seit der Urauffuehrung +(1703) vielgespieltes Repertoirestueck.], wo sie im fuenften Akt +den Dolch sich ins Herz stoesst, verschied sie mit einem lauten, +konvulsivischen, herz- und nervenzerreissenden Gelaechter, das ziemlich +lange anhielt und den Zuschauern die Haare zu Berge straeubte. +Aber so etwas will der Englaender, und halb London stroemte ins Theater, +um Mme. Siddons lachen zu hoeren, obgleich die Damen Kraempfe und +Ohnmachten davontrugen. + +Ihr wahrer Triumph aber war wohl die Rolle der Lady Macbeth: denn in +dieser hatte sie ein weites offenes Feld fuer ihr grosses Talent. In der +Szene des Nachtwandelns machte ihr blosser Anblick jeden Blutstropfen +erstarren. + +Ihr Bruder Kemble verdiente ihr Bruder zu sein [Fussnote: John Philipp, +Bruder der Sarah Siddons, doch nicht von ihrer genialen Begabung. +Seine entscheidende Leistung lag auf dem Gebiete der Regie, +in seinem Bestreben, Kostuem und Szenerie sinnvoll in den Gesamteindruck +einer Auffuehrung einzugliedern, worauf man bis dahin wenig Wert legte.]. +Seine Gestalt war noch sehr edel und schoen, obgleich auch er +die Jugendjahre weit ueberschritten hatte. Zuweilen schien er vielleicht +ein wenig monoton, aber sein Spiel war immer durchdacht und motiviert, +und immer erkannte man darin seine Lehrerin. + +Der junge Siddons, der noch obendrein seiner Mutter sprechend +aehnlich sieht, und seine Frau, die mit Jugend und Schoenheit +ein grosses Talent fuer sanfte, duldende, liebende Rollen vereint, +zeichneten sich ebenfalls aus, teils durch das, was sie schon damals +leisteten, teils durch die Hoffnungen, die sie, gebildet in dieser Schule, +fuer die Zukunft gaben. Unmoeglich kann man die Rolle der Julia +lieblicher dargestellt sehen als von der juengeren Mme. Siddons. + +Ein Meister anderer Art war Cooke. Die Natur versagte ihm eine schoene +Gestalt; dafuer gab sie ihm eine desto ausdrucksvollere Physiognomie, +besonders fuer die Rollen, die er sich erwaehlt hatte, Tyrannen, +Boesewichte; kalte, kuehne, trotzige Charaktere spielte er unuebertrefflich. +Sein Triumph aber war Richard der Dritte. Nie war diese Rolle vor ihm so +dargestellt worden, nie wird sie nach ihm es werden; er machte darin +Epoche. Seine Feinde behaupteten sogar, er spiele sie immer, in allen +seinen anderen Rollen blicke immer Richard der Dritte hervor. Gestalt, +Ton, Blick, Gang, alles war in dieser Rolle Wahrheit an ihm. Wo er +unverhuellt boshaft erschien, schauderte man vor seiner kalten +Besonnenheit, wo er heuchelte, bestach er selbst die Zuschauer Wenn er +mit kaltem Hohne alles, selbst seine eigene Haesslichkeit bespoettelte, +wenn er in wilder Verzweiflung "Ein Pferd! ein Pferd! Mein Koenigreich +fuer'n Pferd!" rief, wenn er mit heuchlerischer Demut das Herz der Lady +Anna am Sarge ihres Gemahls eroberte--immer war er sich gleich, immer +gross und wahr. + +In Hinsicht der sonst hier gewoehnlichen Pracht vernachlaessigt man +oft die Shakespearschen Meisterwerke, die schon ihres inneren Werts +wegen immer ein gefuelltes Haus bringen, und verwendet den Flitter +lieber an neueren Darstellungen, die durch nichts anderes glaenzen +koennen. Dennoch muss man jene Stuecke gerade auf diesem Theater sehen, +um der grossen Schauspieler willen, welche in den Hauptrollen +wahrhaft glaenzen. + +Die Nebenrollen fallen freilich umso unangenehmer auf. Das langsame, +einem Gebelle aehnliche Perorieren der mittelmaessigen Schauspieler +wird erst laecherlich, dann unertraeglich. Freilich mag es sehr +schwer sein, so laut zu sprechen und doch noch Modulation +in der Stimme zu behalten. + +Leider spielt man fast alle Shakespearschen Stuecke, die noch +gegeben werden, nach den Umarbeitungen Garricks der wie viele +seinesgleichen in dem Wahne stand, ein grosser Schauspieler +muesse auch ein guter Dichter sein, und deshalb sich mit dem +grossen Meister ganz unerlaubte Freiheiten herausnahm [Fussnote: +David Garrick (1717-79), beruehmter englischer Schauspieler, +Stueckeschreiber und Theaterdirektor. Verkoerperte eine neue +Schauspielkunst, die auf Schlichtheit und Natuerlichkeit Wert legte.]. +In "Romeo und Julia" zum Beispiel erwacht Julia, wie Romeo +noch sterbend ist; dies verursacht eine unaushaltbare Szene; +die Amme ist ganz gestrichen. "Hamlet" wird dem Originale ziemlich treu +gegeben, nur bleibt Fortinbras am Ende weg. Hamlet ist Kembles +Hauptrolle, er spielt sie bis in die kleinsten Details, +als haette er "Wilhelm Meister" gelesen. + +Was Cooke und Kemble in der Tragoedie, das waren Munden, Fawcett, +Lewis in der Komoedie, vor allem Munden [Fussnote: William Lewis, +Inbegriff des jungen Gecken]. Dumme Bediente, alberne Jungen, wunderliche +alte Herren waren sein Hauptfach und Polonius im "Hamlet" +sein Triumph. Uebrigens uebertraf er in Gesichterschneiden +und naerrischen Stellungen alles, was wir je gesehen haben. +Stuermisch geht es in Covent Garden her wie in Drury Lane. +Einst, bei einer Benefizvorstellung von "Menschenhass und Reue" +[Fussnote: von August Kotzebue. Die erfolgreiche englische Fassung +hiess "The Stranger or Misanthropy and Repentance"], welche in den +komischen Rollen besonders vortrefflich dargestellt ward, +trat im Zwischenakt ein junger Mann mit einem Hornpipe auf [Fussnote: +dazu fuehrt Johanna in einer Fussnote an: "ein in Matrosenkleidung +getanztes Solo, wie man es auch zuweilen auf deutschen Buehnen sieht."]. +Sehr unschuldigerweise gefiel er den hohen Goennern, denn er tanzte +herrlich schlecht. Man forderte Wiederholung des Tanzes, aber +der junge Herr war so ungefaellig, nicht zu erscheinen. Nun entstand +ein Laermen, als sollte das Haus einstuerzen wie weiland die Mauern +von Jericho vor dem Trompetenschalle. Wer solch einem Aufruhr +zum ersten Mal beiwohnt, kann sich in der Tat der Furcht nicht erwehren; +es uebersteigt allen menschlichen Begriff. Ein Schauspieler stand +auf der Buehne und wartete, bis die Schreihaelse einmal wuerden pausieren +muessen. Der Moment kam endlich; mit tiefen Buecklingen trat er hervor +und erbat sich die Erlaubnis, ein Lied zu singen, dabei versicherte er, +der andere Gentleman wuerde gleich darauf tanzen, er erhole sich +nur ein wenig. Jetzt war der Beifall ebenso rauschend als zuvor +der Tadel; der Saenger sang ein naerrisches Lied von einem Yorkshireman +[Fussnote: ebenfalls Johanna: "Die Bewohner von Yorkshire sind wegen +ihrer schlauen Gewandtheit zum Sprichwort geworden. Man sagt von ihnen: +give him a saddle and he will find a horse, d.i. gebt ihm einen Sattel, +ein Pferd findet er schon."]; es hatte unendliche Verse, +musste aber dennoch zweimal wiederholt werden. Dass der Saenger sich +nicht lange darum bitten liess, versteht sich von selbst. +Sowie das Lied geendigt war, trat der Taenzer wieder auf, man liess ihn +gelassen tanzen und pfiff ihn hinterher aus. + +Im folgenden Zwischenakt ahmte ein Schauspieler die bekanntesten +Mitglieder beider Theater auf's taeuschendste nach; etwas, +das doch wohl bei keiner Buehne anderer Nationen geduldet werden wuerde. +Gang, Sprache, Deklamation, alles war zum Verwechseln; mit lautem Beifall +rief das Publikum den Namen des jedes Mal dargestellten Schauspielers +aus. Sehr interessant war es, dieselbe Stelle einer Tragoedie +mehrere Mal hintereinander auf ganz verschiedene Weise deklamieren +zu hoeren. Auf alles dieses folgte noch ein Nachspiel, ohne welches +das Publikum gewiss nicht ruhig nach Hause gegangen waere, obgleich +schon fast der Tag wieder anbrach. + +Den groessten Laerm aber erlebten wir in Sheridans Umarbeitung von +"Rollas Tod", im "Pizarro". Bis jetzt hatte man dieses Stueck +nur in Drury Lane, aber vielmal hintereinander gegeben, denn Sheridan +war bekanntlich Mitdirektor jenes Theaters. Jetzt ward es mit neuen +praechtigen Dekorationen auch im Covent Garden angekuendigt. Mme. Siddons +sollte die Cora, Kemble den Rolla, Cooke den Pizarro spielen. +Alle Logen waren laengst auf diesen Tag vorbestellt, alles war voll +Erwartung. + +Die Direktion von Drury Lane konnte den Triumph von Covent Garden +unmoeglich gleichgueltig ansehen, und sie ergriff sonderbare Mittel +ihn zu vereiteln. Fuer's erste kuendigte sie dasselbe Stueck fuer +den naemlichen Abend an. Der Fall, dass das naemliche Stueck an einem Abend +in beiden Haeusern gegeben werden sollte, war damals nicht vorgekommen, +solange die Londoner Theater existierten. Sodann gab sie den Tag +vor der Vorstellung ein praechtiges Mittagessen, Herrn Cooke zu Ehren. +Dass auf englische Weise dabei viel getrunken ward, dass der Held +des Tags mit einem ziemlichen Rausche nach Hause gebracht werden musste, +war in der Regel. Abends darauf, als das Schauspiel anfing, fand sich +eine ungeheure Menge Zuschauer ein, die glaenzendste Versammlung, +die man seit langer Zeit in Covent Garden gesehen hatte. Zu Anfang +ging alles vortrefflich, bis Cooke als Pizarro auftrat und--trotz +aller Anstrengung--nicht imstande war, auch nur ein lautes Wort +hervorzubringen. Er versuchte zwei, drei Mal zu reden, umsonst, +er musste verstummen. Nur zu gut hatten die Schauspieler von Drury Lane +die Schwaeche ihres ehemaligen Mitgenossen gekannt und berechnet, +denn jedes Mal war Cooke den Tag nach einem Rausche durchaus heiser, +so dass er unmoeglich spielen konnte. Das Uebel dauerte nur den +einen Tag, deshalb hatte man ihn abends vorher so hoch fetiert. +Der Zorn, das Wueten des Publikums ueberstieg nun alle Grenzen; +das vom wildesten Orkan aufgeregte Meer ist nur ein schwaches Bild +des unbeschreiblichen Tobens des Parterres und der Galerien. +In den Logen blieb man ziemlich ruhig, die Damen zitterten, +alle waren leichenblass, und einige wurden ohnmaechtig hinausgebracht. +Alle Schauspieler mussten auf dem Theater bleiben. Mme. Siddons, +Kemble, der in der indischen Tracht [Fussnote: indianische Federmaentel] +wunderschoen aussah, standen aengstlich verlegen dem entsetzlichen Laerm +gegenueber, denn sowie sie nur Miene machten, das Theater zu verlassen, +drohte man es zu stuermen. Cooke war wie vernichtet im Hintergrunde. +So laermte man eine starke Stunde durch; unbegreiflich blieb es uns, +wie es die Lungen nur aushielten. Kemble versuchte endlich Cookes +ploetzliche Krankheit und ein anderes Stueck fuer den heutigen Abend +anzukuendigen, kaum liess man ihn zu Worte kommen. "Pizarro, Pizarro!" +riefen tausend Stimmen, "Cooke ist betrunken!" riefen andere +und achteten nicht darauf, dass Kemble mit den demuetigsten Gebaerden +das Gegenteil versicherte. Das Toben nahm jeden Augenblick zu, +die Schauspieler schienen sich aengstlich untereinander um Rat zu fragen. +Nun trat Kemble wieder vor und fragte: ob das Publikum dem +jungen Siddons erlauben wolle, den Pizarro mit dem Buch in der Hand +zu spielen. Lauter Beifall erfolgte, der Sturm legte sich, Cooke +schlich sich von der Buehne fort, und das Stueck wurde genau +von da an weitergespielt, wo man erst abgebrochen hatte. + +Unbegreiflich war uns die Fassung, mit der alle, besonders +Mme. Siddons und Kemble, nach einem solchen Auftritt fortspielten; +sie uebertrafen sich selbst, die Dekorationen waren wunderschoen, +und auch Pizarro nahm sich trotz des Buchs besser aus als man +erwarten konnte. Alles war vergeben und vergessen, nur da Kemble +das Stueck fuer den folgenden Tag wieder ankuendigte, rief man ihm +von allen Seiten zu: "Sagt Cooke, er solle sich nicht wieder betrinken!" + + + +Die italienische Grosse Oper + + +[Fussnote: das grosse Theater am Haymarket, bis 1714 The Queen's, +nachher The King's Theatre genannt. 1789 abgebrannt, 1791 neu eroeffnet +(dieses Haus stand in seiner Groesse kaum der Mailaender Scala nach), +1867 wieder abgebrannt und 1892 abgerissen, da niemand mehr Geldmittel +fuer dieses kostspielige Theater aufbringen wollte.] + +Von diesem grossen Theater, dem Stolz der Nation, wenden wir uns jetzt +zur italienischen Oper. + +Obgleich die Vornehmsten es beschuetzten, so ist dieses Theater +dennoch dem Volke verhasst, weil es auf alle Weise dem Nationalgeiste +entgegenstrebt. John Bull geht hoechstens einmal hin, um sich hernach +zeitlebens darueber lustig zu machen. Die fremde Sprache, das ganze +auslaendische Wesen, vor allem die franzoesischen Taenzer erscheinen ihm +wie ebenso viele Entheiligungen des vaterlaendischen Bodens. Laengst +waere die ganze Anstalt zugrunde gegangen, wenn nicht der Grossen Eitelkeit, +Prachtliebe und Vorliebe fuer das Auslaendische sie erhielte; +deutlich sieht man, dass sie hier nicht gedeihen kann und trotz +der grossen Summen, die darauf verwendet werden, nur kuemmerlich vegetiert. + +Das Haus, noch groesser als Drury Lane, enthaelt ausser dem Parterre +fuenf Reihen Logen und zwei Galerien. Ueber und ueber mit Malereien +ueberladen, schien es, ungeachtet der sehr glaenzenden Erleuchtung, +dennoch dunkler als die anderen Schauspielhaeuser. Die Verzierungen +waren ziemlich geschmacklos, ueberall schwaermen Amoretten zwischen +tausend Schnoerkeln und Girlanden auf dunklem Grunde; das Ganze +erschien bunt, aber nicht heiter. + +Dieses Theater ist der glaenzendste Vereinigungspunkt des hohen Adels, +dem es hauptsaechlich seine Erhaltung verdankt; wer sonst auch noch +auf feinen Ton, auf Bildung, auf hohen Stil Anspruch macht, +der tut wenigstens als besuche er es fleissig und sei jedes Mal entzueckt, +wenn er auch noch so oft mit geschlossenem Munde waehrend der Vorstellung +gaehnen musste. Alle Logen von unten bis oben sind zu Preisen vermietet, +fuer welche man in mancher Stadt des festen Landes ein ganzes Haus +nich allein mieten, sondern sogar kaufen koennte. + +Vom Monat Dezember bis Ende Junius sieht man woechentlich zweimal, +dienstags und sonnabends, in diesen Logen die schoensten, beruehmtesten, +reichsten und vornehmsten Damen des Reichs in ihrem prunkvollsten +Schmucke versammelt. Strahlend von Diamanten sitzen sie in langen Reihen +und gewaehren einen Anblick, der das eigentliche Schauspiel weit uebertrifft. +Wer nicht abonniert ist, muss ins Parterre, welches hier an Rang +den Logen gleichgehalten wird. Das Billett kostet eine halbe Guinee, +und die Etikette befiehlt auch hier in Gala zu erscheinen, die Herren +in Escarpines, den Dreieck unterm Arme, die Damen auf's schoenste +geschmueckt; sonst wird man auf die erste Galerie gewiesen, die halb soviel +kostet als das Parterre. Ob sich aber dort im sechsten Stockwerk +viel sehen und hoeren laesst, muessen wir billig bezweifeln. + +Unser Schicksal wollte, dass wir die von Winter komponierte Oper +"Calypso" sehen sollten, denn an eine Wahl ist hier nicht zu denken +[Fussnote: Peter von Winter (1754-1825), einst international angesehener +Komponist, seit 1788 in Muenchen Hofkapellmeister. Schrieb ueber 40 Opern, +ferner Oratorien, Messen, Kantaten und Kammermusik. Zur Einstudierung +seiner Oper "Calypso" weilte Winter 1803-05 in London.]. Mehrere Wochen +hindurch erscheint eine und dieselbe Oper, ein und dasselbe Ballett +ununterbrochen hintereinander fort, bis Saenger und Taenzer es muede sind; +denn das Publikum in den Logen ermuedet nicht, immer das naemliche zu +sehen und es vortrefflich zu finden. Kaum dreimal werden den Winter ueber +die Vorstellungen gewechselt. + +Die beruehmte Billington erschien als Calypso wenig zu ihrem Vorteile. +[Fussnote: Elizabeth, geb. Weichsel; geboren in London als Tochter +eines deutschen Musikers, gestorben 1818. 1794-1801 weilte sie +in Italien, kehrte dann nach London zurueck und blieb bis 1809 am Theater.] +Ihre reichlichen vierzig Jahre konnte man uebersehen, waere sie nur nicht +so unerlaubt dick gewesen, wie wir noch nie eine weibliche Gestalt +auf dem Theater erblickten, haette sie sich nur bemueht, durch Spiel +und Ausdruck Jugend und Gestalt zu ersetzen. Aber sie hielt es +unter ihrer Wuerde, Schauspielerin zu sein; bewegungslos stand sie da +und sang, und glaubte damit schon ein uebriges getan zu haben. +Die Englaender hielten sie fuer die erste Saengerin der Welt. +Ihre Stimme war in der Tat rein, voll und besonders in der Hoehe +von grossem Umfang, dabei kunstmaessig gebildet, aber Ausdruck und Vortrag +fehlten ihr ganz. Wie es ihr vorgeschrieben war, so sang sie alles richtig +hintereinander ab, gleich einem Uhrwerke; brachte hin und wieder Kadenzen +und Triller an, wobei dem Zuhoerer der Atem verging, und glaubte so +die hoechste Stufe der Kunst erreicht zu haben. So ein Triller von +einer Viertelstunde, darueber geht dem Eglaender kein Gesang der Welt. + +Alle uebrigen Saenger und Saengerinnen, groesstenteils Italiener, +waren fast noch weniger als mittelmaessig. Unter den schlechtesten +als die schlechteste zeichnete sich die zweite Saengerin aus, und man +sagte uns, die Direktion haette sie bloss engagiert, weil ihr die Kleider +ihrer Vorgaengerin wie angegossen passten. + +Das Orchester war lobenswert, die Dekorationen recht huebsch, aber bei +weitem nicht mit denen der anderen Theater in London zu vergleichen. Die +ganze Anstalt schien uns mit einer Mesquinerie [Fussnote: Kleinlichkeit] +betrieben, die sowohl der grossen Summen, welche darauf verwendet werden, +als des Publikums, das sich dort versammelt, unwuerdig ist. + +Sehr vergnuegt sahen wir den Signore Telemaco endlich seinen Luftsprung +machen und freuten uns auf das Ballett. Leider aber hatte auch dieses +drei Akte und schien gar kein Ende nehmen zu wollen. Es war ein moralisches, +sentimentales Wesen. Mlle. Parisot, L'Arborie, dessen Frau und +noch einige, deren Namen uns nicht beifallen, waren vortrefflich. +Die Haupttaenzer sind es immer; denn man engagiert alljaehrlich +ausgezeichnete Kuenstler aus Paris fuer die Saison um grosse Preise. +Desto schlechter stechen aber die anderen Taenzer, noch mehr +die Figuranten dagegen ab, sowohl in Hinsicht der Kunst als der Kleidung; +nirgends eine Spur des Geistes, der uns im Pariser Ballett in eine +andere Welt versetzt. + +Nach ein Uhr kamen wir ermuedet, als haetten wir mitgetanzt, +zu Hause an, um sieben Uhr waren wir schon hingefahren. + + + +Vauxhall + + +[Fussnote: der Vergnuegungspark entstand um die Mitte des 17. Jahrhunderts +und wurde gegen 1830 aufgelassen. Vauxhall, urspruenglich der Name +eines Dorfes, heute ein Stadtteil von London, diente in der Zeite der Bluete +des Vergnuegungsortes auch fuer aehnliche Anlagen in anderen Staedten, +so auch in Edinburgh, von dem Johanna berichtet.] + +Reizender, blendender, feenhafter laesst sich nichts denken als dieser, +in einer kleinen Entfernung von London am Ufer der Themse gelegene Garten, +besonders in sogenannten Galanaechsten, wenn er zur Feier des Geburtstages +irgend eines Mitglieds der koeniglichen Familie in doppelter Erleuchtung +prangt. Gegen fuenfzehntausend wohlgekleidete Maenner und Frauen wandeln dann +im Schimmer unzaehliger Lampen auf diesem magischen Flecken Erde +zwischen schoenen Baeumen und bluehenden Straeuchern im froehlichsten Gedraenge +umher. Musik toent durch die laue Sommernacht, alles atmet Lust und +Vergnuegen; es ist, als betraete man das Paradies der Mohammedaner. +Nirgends sieht man herrlichere Gestalten als hier, wo die in allen Farben +prangende sonnenhelle Beleuchtung jeden Reiz erhoeht. + +Gleich der Eintritt in diesen Zauberort ueberrascht und blendet. +In der Mitte eines grossen, ringsum mit schoenen Baeumen umgebenen Platzes +erhebt sich das Orchester hoch in die Luft. Aus tausendfarbigen Lampen +zusammengesetzt, strahlt es blitzend gegen den dunklen naechtlichen Himmel +wie ein aus Edelsteinen erbauter Feenpalast. Leicht und lustig steht +das phantastische Gebaeude da, und doch innerlich fest genug, um nahe +an hundert Personen sicher zu tragen. + +Hinter den ebenfalls erleuchteten Baeumen ziehen sich oben +bedeckte Arkaden hin, unter welchen mehrere hundert kleine Bogen +und Pavillons angebracht sind. Auch an diesen Arkaden reiht sich +Lampe an Lampe; oben, unten, an den Seiten, ueberall funkelndes Licht +und brennende Farbenpracht. Von diesem Platze aus laufen mehrere +hell erleuchtete Alleen neben einigen dunklen. Letztere betritt +die gute Gesellschaft nie. Transparente Gemaelde endigen die +erleuchteten Alleen; Saele mit Statuen, Transparenten, Blumen und +kristallenen Girlanden geziert, bieten Schutz gegen Kaelte, Wind +und ploetzlich einfallenden Regen. In einigen vom Orchester entlegenen +Saelen spielen kleine Musikchoere. + +Mehr als hundert wohlgekleidete, gewandte Aufwaerter stehen neben +den Bogen, welche den grossen Platz umgeben. Jedes Winks bereit, +besetzen sie im Nu die darin fertig gedeckt stehenden Tische mit allem, +was man an einem solchen Orte von kalten Speisen und Getraenken +verlangen kann. + +Das Orchester besteht groesstenteils aus Blasinstrumenten. Wir hoerten hier +unter anderen ein Konzert auf der Trompete in einer Vollkommenheit, +deren Moeglichkeit wir nie getraeumt haetten. Ein im Dienste des Prinzen +von Wales stehender Kuenstler blies es. + +Auch die beliebtesten englischen Theatersaenger, einige wenige +der vornehmsten ausgenommen, lassen sich hier mit einzelnen Arien, +Volksliedern, Kanons und vielstimmigen Gesaengen hoeren. Im Freien +klingt jede Musik gut, aber der Effekt, den diese aus dem +Feentempel erschallenden maechtigen Toene in der funkelnden, +schweigenden Nacht hervorbringen, ist unbeschreiblich; +denn trotz der grossen Menschenmenge hoert man doch nirgends +wilden Laerm auf diesem Platze. Schweigend oder fluesternd +wandelt alles umher und horcht der Musik, bis eine Glocke uns +in einen etwas abgelegenen Teil des Gartens ruft. + +Dort sehen wir in einem grossen, sich bewegenden Gemaelde einen Wasserfall +auf das taeuschendste dargestellt. Man hoert das wilde Rauschen +der Flut und sieht sie in staeubendem Schaum sich verwandeln. +Die Szene belebt noch eine am Fusse des Wasserfalls angebrachte Bruecke, +ueber welche mancherlei Fuhrwerke, Fussgaenger, Reiter und Tiere +passieren, alles auf's natuerlichste und taeuschendste dargeboten. + +Von hier kehrt man zum Orchester zurueck, von welchem um diese Zeit +gewoehnlich eine grosse Arie oder sonst ein ausgesuchtes Tonstueck +erschallt; dann lustwandelt man in den hellen Alleen und besucht +die verschiedenen Saele. Pfeilschnell verfliegt die Zeit; ehe man +es erwartete, ist's Mitternacht. Eine zweite Glocke ruft uns +in einen anderen Teil des Gartens, zu einem artigen Feuerwerke, +bei welchem man aber freilich nicht an die Flammenpracht +im Wiener Prater denken muss. Nach dem Feuerwerke verteilt sich +der groesste Teil der Gesellschaft in die Logen, wo man in kleinen, +selbstgewaehlten Kreisen froehlich zu Abend isst und dabei die draussen +umher wandelnde schoene Welt die Musterung passieren laesst. + +Spaeterhin wird auf dem gruenen Rasen in der Naehe des Orchesters +getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, moegen freilich wohl nicht +die unbescholtensten sein. Schwerlich wuerde sich in London +ein Maedchen von gutem Rufe zu einer solchen oeffentlichen Ausstellung +verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Taenzerinnen +und schliessen daraus, dass sie vom Unternehmer der Anstalt +hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit +dem Ausdruck der Freude und dennoch anstaendig, so dass sie +eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schoen, jung +und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl +eigentlich sein moechten? + +Gewoehnlich bricht der Tag ueber alle diese Freuden an, doch +pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen; +spaeter artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch, +als dass man gern dabei verweilen moechte. + + + +Konzerte + + +Beruehmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren +ein Vermoegen erwarben, das sie auf dem festen Lande waehrend +einer ganzen Lebenszeit nicht erworben haetten, wissen am besten, +wie man hier die Musik liebt. + +Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr +nicht bloss an Talent, sondern auch an Gehoer und Geschmack. +Daher gibt's nichts Ungefaelligeres, Monotoneres als die englische +Volksmusik. Wir haben schon frueher bemerkt, dass hier der Text +mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst +des Saengers. + +So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Grossen aber, +welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen, +nehmen auslaendische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr +als fuerstlich. Viele von ihnen haben in ihren Haeusern zu bestimmten +Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde beruehmte Tonkuenstler +teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft +oder Adresse nach London kommt; sein Glueck ist gemacht. + +Verschiedene grosse Subskriptionskonzerte existieren den Winter ueber +in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen +engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind, +werden groesstenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten. +Das glaenzendste derselben wird waehrend der beiden letzten +sogenannten Wintermonate woechentlich einmal in Hanover Square, +in einem schoenen, hochgewoelbten Saale gegeben, an welchen +zwei brillante Konversationszimmer stossen. Es ist hauptsaechlich +der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnuegen +gewaehrt als dies. Das sehr glaenzende Auditorium war still und +aufmerksam. Londons beste Saenger wetteiferten miteinander. +Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor +in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des +beruehmten Klavierspielers [Fussnote: Tochter Domenico Corris, +eines Opernkomponisten. Corri gruendete 1797 mit seinem Schwiegersohn +Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte. +Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Boehmen, gest. 1812 in Paris) +war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose +am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere liess sich auch +auf der Harfe hoeren, die sie meisterhaft spielte. Besonders +entzueckte uns der Tenorist Braham [Fussnote: eigentlich Abraham, John; +(1774-1856). Bedeutender Saenger, der zeit seines Lebens in London wirkte. +In Webers "Oberon", der fuer London komponiert wurde, war er +der erste Hueon.], welcher damals vielleicht die schoenste Stimme hatte, +die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heisst Abraham. +Arien, Duette und vierstimmige Musikstuecke wechselten miteinander ab, +manches musste wiederholt werden, denn der Englaender, hoch oder +niedrig, laesst sich's nicht nehmen, fuer sein Geld zu befehlen, +ohne Umstaende und Ansehen der Person. Die Kuenstler muessen gehorchen, +wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende +noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's +hierzulande nennt. + +Am Ende des Konzerts sang ein siebenjaehriger Knabe, der Sohn +des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug fuer sein Alter. +Die Gutmuetigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende +Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored, +obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen +gleich nach Brahams maennlich schoenem Gesange auch nur einmal +anzuhoeren. + + + +Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens + + +Kein Fuerst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen +kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der +Koenig von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte, +winkelige, rostige Gebaeude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James +Palast prangt [Fussnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die staendige +Residenz der englischen Koenige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809 +zerstoerte ein Feuer den Ostfluegel, so dass wenig mehr vom alten Tudor +Palast uebrigblieb.]. Auch bewohnte Koenig Georg der Dritte es +gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein grosses Bette mit +rotsamtenen Vorhaengen im grossen Leverzimmer. + +Alle Hoffeierlichkeiten wurden zwar nach althergebrachter Weise +in diesem koeniglichen Rattenneste gehalten; aber die hohen Herrschaften +begaben sich immer vorher incognito hin und wohnten eigentlich +im Palaste der Koenigin, Buckingham House genannt [1703 von John Sheffield, +Herzog von Buckingham, erbaut, 1761 von Georg III. angekauft und +von Georg IV. 1825 nach Plaenen von Nash umgebaut und spaeter +noch mehrmals ergaenzt, zum letzten Mal 1913 von Aston Webb. +Seit dem Regierungsantritt der Koenigin Victoria (1837) Residenz +der englischen Herrscher: Buckingham Palace.], einem etwas +moderneren Gebaeude, welches aber auch, weit entfernt von aller +koeniglicher Pracht, weder sehr gross noch sehr schoen aus blossen +Ziegelsteinen erbaut war. Es liegt in dem an den Palast von St. James +anstossenden St.James Park, der Lieblingspromenade der Londoner. + +Dieser Park ist eigentlich nur eine sehr schoene grosse Wiese, +durchschnitten von angenehmen Fusswegen, belebt durch einen ihn +durchkreuzenden Kanal und geziert mit hin und wieder zerstreuten +Gruppen schoener alter Baeume. Alles darin ist einfach, aber +unaussprechlich angenehm durch den Kontrast dieser laendlichen Stille +mit dem Geraeusche der grossen Hauptstadt, aus welchem man +unmittelbar hineintritt. + +Am westlichen Ende des Parks liegt Buckingham House mit seinen Gaerten. +Der Green Park zieht sich laengs diesen hin, ebenfalls eine +zur Promenade eingerichtete Wiese, mit wenigen Baeumen besetzt. +Der Hyde Park begrenzt beide; groesser als sie, geht er bis an +die Gaerten von Kensington; ein in mannigfaltigen Kruemmungen +sich hindurchwindender silberheller Strom verschoent ihn; +Kuehe und schoene Pferde weiden am Ufer, alles ist frisch und gruen, +als waere man hundert Meilen von der Stadt. + +Wenn man vom Hyde Park aus in die Gaerten von Kensington tritt, +waehnt man am Eingange eines uralten heiligen Hains zu sein; +so majestaetisch erheben die hohen, schoenen Baeume, der ausgezeichnetste +Schmuck jener Gaerten, ihr praechtiges Laubgewoelbe. Diese Gaerten, +das gewoehnliche Ziel der Spaziergaenger, gehoeren ebenfalls dem Koenige +und stehen, solange die schoene Jahreszeit waehrt, von acht Uhr morgens +bis acht Uhr abends dem wohlgekleideten Publikum offen. +Sie sind nicht im neuesten Geschmacke angelegt, man findet noch +nach alter Weise breite, nach der Schnur gezogene Alleen darin +und eine gewisse Symmetrie, von welcher die neue Gartenkunst +nichts wissen will; desto besser aber eignen sie sich zur Promenade +einer grossen Hauptstadt. Angefuellt mit Spaziergaengern, die unter +diesen praechtigen Baeumen lustwandeln, machten sie einen ebenso +reizenden als imposanten Eindruck. + +Der zu diesen Gaerten gehoerende Palast von Kensington verdient nur +wegen seines Eigentuemers diesen praechtigen Namen. Die koenigliche Familie +kommt nie hin, er wird von einigen Privatpersonen bewohnt, +welche vom Koenig die Erlaubnis dazu erhielten. + +Jeden Sonntag nachmittags bei schoenem Wetter wimmelt im Sommer +der St. James Park von wohlgekleideten Spaziergaengern, die zwar +Nobodies sind, sich aber doch ebenso gut ausnehmen, als wuerden sie +wirklich mitgezaehlt. Alles was die Woche hindurch sich in den +Ladengewoelben und Arbeitszimmern der City abmuehte und kein Haus +zu hueten hat, eilt dann hinaus, um frische Luft zu schoepfen, +gruene Baeume zu sehen und wohl auch seinen Sonntagsputz zu zeigen. + +Der Anblick dieser wohlgekleideten Menge ist sehr angenehm; +weit interessanter aber noch der, den der Hyde Park im Fruehling +gewaehrt. An schoenen Sonntagsmorgen, nach Londoner Rechnung +zwischen zwei und fuenf Uhr nachmittags, faehrt, reitet und geht +dann die schoene Welt dort spazieren. Eine unzaehlbare Menge +der schoensten Equipagen, der herrlichsten Pferde bedecken +in dieser Zeit den durch Hyde Park fuehrenden Fuhrweg bis Kensington; +kein Fiaker, kein oeffentliches Fuhrwerk darf diesen Weg befahren; +nichts darf sich zeigen, was uns daran erinnern koennte, +dass es auch Leute in der Welt gibt, die nicht reich und vornehm +sind. Der Anblick der vielen schoenen Reiter und Pferde, +der tausend Equipagen von allen Formen und Groessen, der schoenen +Frauen und lieblichen Kinderkoepfchen, die aus diesen herausgucken, +ist einer der praechtigsten, den nur irgendeine grosse Hauptstadt +gewaehren kann. Nichts gibt einen anschaulicheren Beweis +der Opulenz und Bevoelkerung Londons. + +Auch die Spaziergaenge wimmeln von Spazierengehenden, die zum Teil +jene schimmernden Equipagen verliessen, um hier zu lustwandeln +und Bekannte zu treffen. Besonders brillant sind dann die Alleen +von Kensington; man hat berechnet, dass an solchen Tagen bisweilen +hunderttausend Menschen zugleich sich in den Parks und den Gaerten +von Kensington des blauen Himmels und der schoenen Erde freuen. + +Auch im Winter versammeln sich oft viele tausend Menschen dort, +besonders, wenn bei starker Kaelte der Strom im Hyde Park mit Eis +bedeckt ist. Dann zeigen die Schlittschuhlaeufer ihre Kuenste, +man eilt hin, sie zu bewundern; fuer Erfrischungen und Waerme +ist in dazu erbauten Pavillons gesorgt, und was noch besser ist, +fuer Hilfe bei moeglichen Ungluecksfaellen, durch eine sehr zweckmaessige, +an den Ufern des Stroms errichtete Rettungsanstalt. + + + +Des Koenigs Geburtstag + + +Dieser Tag, der vierte Junius, welchen auch der Nachfolger +Georges des Dritten als seinen Geburtstag angenommen hatte, +ist fuer die Londoner feiner Welt der wichtigste im ganzen Jahre, +der Wendepunkt, welcher den Sommer von dem Winter scheidet, +er gibt fuer die naechsten zwoelf Monate den Ton an fuer Moden, Equipagen; +alles wird fuer diesen Tag und nach diesem Tag berechnet. +So war es wenigstens, solange des alten Koenigs Gesundheit +ihm erlaubte, sich oeffentlich sehen zu lassen. Sein spaeteres +anhaltendes Uebelsein wird freilich in Hinsicht des an diesem Tage +ueblichen Zeremonielles manche Aenderung herbeigefuehrt haben, +doch die Hauptsache blieb gewiss, solange er lebte, und es wird +auch spaeter, solange es Koenige von England gibt. + +Schon Monate vorher sind alle Sattler, Wagenfabrikanten, Schneider, +Juweliere und Modehaendler in grosser, eilender Geschaeftigkeit; +neue Kleider, neuer Putz werden ersonnen und gemacht, +Juwelen umfasst, Pracht-Equipagen und glaenzende Livreen angeschafft, +alles wird aufgeboten, um an diesem Tage eine Stunde lang zu glaenzen, +denn viel laenger waehrt die ganze Herrlichkeit nicht. Die Zeitungen +tun freilich das ihrige nach besten Kraeften, um diesen Glanz, +soviel an ihnen liegt, zu verewigen. Sie fuellen viele Tage hindurch +lange Kolonnen mit Beschreibungen desselben aus, jedes Quaestchen +an den Damenkleidern, jeder Stickerei an den Galaperuecken der Herren +wird ehrenvoll darin gedacht, auch Wagen und Livreen werden +nicht vergessen; aber was hilft das alles? Solch eine papierene +Ewigkeit ist in unseren Tagen von gar kurzer Dauer. + +Im Park von St.James bemerkten wir an diesem Tage um ein Uhr +viele Leute vor einer kleinen Hintertuere des Palastes, die den Koenig +dort aussteigen sehen wollten, wenn er vom Buckingham House kaeme. +Kanonendonner verkuendete einstweilen die Feier des Tages; +Erwartung, Freude, Liebe strahlte von allen Gesichtern, denn das Volk +hing mit kindlicher Liebe an dem guten alten Georg, unter dessen +langer Regierung der groesste Teil desselben geboren ward. +Wir warteten seine Ankunft nicht ab, um nicht zu sehr ins Gedraenge +zu geraten, sondern begaben uns in die schoene und breite Strasse +von St.James, welche gerade zum Haupteingange des Palastes fuehrt. +Von dem Balkon eines Privathauses konnten wir dort den Zug +der Glueckwuenschenden bequem ansehen. + +Es war ein schoener, lebensfroher Anblick! Kein Fenster, kein Balkon +der ziemlich langen Strasse blieb unbesetzt, frohe Gesichter +schauten aus allen herab; Kopf an Kopf, dicht gedraengt, sogar die Daecher +wimmelten von Zuschauern; eine unzaehlbare Menge wohlgekleideter +Leute draengte sich auf der Strasse weit ueber den Fusspfad hinaus, +so dass in der Mitte kaum Platz fuer die Wagen blieb. Eine Menge +Equipagen und Mietwagen bildeten an der einen Seite eine lange, +stillstehende Reihe. Fast lauter huebscher Frauen und Maedchen +blickten neben den reizendsten Kinderkoepfchen neugierig +daraus hervor in das bunte Gewuehl. Vor dem Schlosse paradierte +die schoene koenigliche Garde zu Pferd, reich gekleidete Hofbediente +standen am Tore desselben, auch die hundert Yeomen des Koenigs +eigentlich eine Art Schweizergarde [Fussnote: King's Body Guard +Yeomen of the Guard, 1485 als Leibwache fuer den Herrscher aufgestellt. +Nicht zu verwechseln mit den Yeomen Warders, die im Tower den Dienst +versehen und bedeutend frueher gegruendet wurden.]. Ihre Kleidung +ist noch genau dieselbe, die sie im fuenfzehnten Jahrhundert war, +bunt und wunderlich anzuschauen. Das Volk nennt diese Trabanten +des Koenigs Ochsenfresser, the King's Beefeaters, und ihre +wohlgenaehrten Figuren scheinen diesen Ehrentitel reichlich zu verdienen. +So sonderbar sie in der ueber und ueber mit Gold besetzten, scharlachroten +altenglischen Kleidung, mit den auf Brust und Ruecken glaenzenden +silbernen Schilden und dem flachen, mit bunten Schleifen +gezierten Barett auch aussehen, so gibt ihre Erscheinung +dem Feste doch etwas Feierliches, Altvaeterisches, das uns +in vergangene Zeiten versetzt. Dieser Eindruck wurde noch vermehrt, +als die lange Reihe der Leute von der Feuer-Assekuranz-Kompagnie +aus dem Palaste wo sie ihren Glueckwunsch abgelegt hatten, in Prozessionen +nach einer Taverne zog, um dort auf des Koenigs Gesundheit +feierlichst zu trinken. Auch diese erschienen in wunderlicher, +karmesinroter Kleidung. Vor ihnen her wurde das beliebte +God save the King geblasen [Fussnote: in dem zu jener Zeit stark +feuergefaehrdeten London gab es keine staedtische Feuerwehr, +sondern die Phoenix Versicherungsgesellschaft hielt sich +eine Truppe von Leuten, die eingesetzt wurden, wenn ein +bei der Gesellschaft versichertes Haus in Brand geriet.]. + +Durch alles dieses hindurch bewegte sich langsam die unabsehbare +Reihe Kutschen, in welchen die Gratulanten nach Hofe fuhren. +Diese gaben den reichsten und mannigfaltigsten Anblick. +Nirgends kann man praechtigere Kutschen von der neuesten, noch nie +zuvor gesehenen Form, nirgends schoenere, stolzere Pferde erblicken. +Ein Schwarm reichgekleideter Livreebedienten umgab die Schritt +vor Schritt langsam fahrenden Wagen, ungeduldig schnoben die Pferde, +aber der mit einer grossen, runden Peruecke versehene, auf dem +befransten Bocke majestaetisch thronende Kutscher hielt sie in Respekt. +Wie in anderen Laendern Schnurrbaerte, so sind in England solche +dicken runden Peruecken Abzeichen der Kutscher, und je vornehmer +der Herr, je groesser sind die Peruecken. + +Die reichgekleideten Herren und Damen in den Kutschen schienen sich +bei der langsamen Kavalkade ein wenig zu langweilen. Die Damen +nahmen sich von oben nicht sehr grazioes aus in dem ueberladenen +Putze und der steifen, aengstlichen Stellung; fast wie die ueberfuellte +umgestuelpte Schachtel einer Modenhaendlerin, ein formloser Berg +von Flor, Blumen, Federn und tausend schoenen Sachen. + +Der Lord Mayor und die Sheriffs der City in ihrer schwarzen Amtskleidung, +mit schweren goldenen Ketten geschmueckt, fuhren in grossen, ueber und ueber +vergoldeten altmodischen, doch neuen Staatswagen, an welchen ueberall +fast ebenso vergoldete Bediente mit grossen Federhueten hingen. +Zum Teil ziemlich rosige Hofkutschen (die uns an die Dresdner Fahrten +nach Pillnitz erinnerten) machten von Zeit zu Zeit von ihrem Vorrechte +Gebrauch, aus der Reihe hinaus allen anderen vorbeizufahren. + +Die Herzoege von York, von Glocester und andere Glieder der koeniglichen +Familie sassen in beinahe ganz glaesernen Staatswagen, so dass man sie +von allen Seiten deutliche sehen konnte. + +In alle diese Pracht mischten sich ganz gewoehnliche Fiaker +und behaupteten ihren Platz in der glaenzenden Reihe so gut wie die anderen. +Groesstenteils sassen Offiziere und Geistliche darin, ja ein Spottvogel +neben uns wollte in einem derselben drei Bischoefe erblicken, die so, +das Stueck fuer sechs Pence, an den Hof fuhren. + +Zur Seite dieses langen Zuges trabten brillant gekleidete +Portechaisentraeger ihren Hundstrott, mit schoen aufgeputzten +Portechaisen, deren Deckel des hohen Standes der darin sitzenden +glaenzenden Dame, und ein Schwarm reichgekleideter Livreebediensteten +begleitete jede derselben. + +Von ein bis sechs Uhr waehrte dieser Zug ununterbrochen fort, +ohne zu stocken; die Herren und Damen stiegen aus, sowie sie ankamen, +machten dem Koenig und der Koenigin ihr Kompliment, vielleicht ohne +im Gewuehl der Menge einmal bemerkt zu werden, und fuhren dann wieder fort, +um anderen Neuankommenden Platz zu machen. Dies war die ganze Freude, +mit so vielem Aufwande an Geld, Zeit und Vorsorge errungen. + +Nach der Cour gab die Koenigin ein Familiendinner, das einzige im ganzen +Jahre; auf dieses folgte ein Konzert, zu welchem der dafuer besoldete +Hofpoet jedesmal eine neue sogenannte Ode machen muss. Auch zum Konzert +werden nur wenige von den Vornehmsten auserwaehlt und zugelassen. Sonst +pflegte diesem Konzerte noch ein Ball zu folgen, der hoechstens zwei +Stunden waehrte und bei welchem die strenge Rangordnung und Etikette den +Vorsitz hatte; seit einigen Jahren aber begnuegt man sich mit uebrigen +Freuden des Tages. + +Abends waren einige oeffentliche Gebaeude, die Theater und die Haeuser +der Kaufleute und Handwerker, welche den Hof bedienen, ziemlich huebsch +illuminiert, und damit endigte dieser wichtige Tag. + + + +Pension fuer Maedchen + + +[Fussnote: der fuenfzehnjaehrige Arthur notierte dazu: "Mittwoch +den 1sten Juny. Wir waren diesen Mittag bey Hrn. Harris, er wohnt +dicht vor London, hat aber von seinem Hause eine sehr schoene Aussicht. +Wir fuhren diesen Abend mit ihm nach einer Pension (Boarding-School) +von jungen Maedchen, wo Hr. Harris auch zwey Toechter hatte. +Sie lernen hier auch tanzen, und hatten heute eine Art Ball, +wo sie alle in Gegenwart ihrer Eltern, und andrer, die als Zuschauer +hinkommen, tanzen. Es war ein allerliebster Anblick hier ueber 40 +junge Maedchen, von acht bis sechzehn Jahren, wirklich mit vielem +Anstand, unter sich, und alle gleich gekleidet, tanzen zu sehn. +Nachher wurden ein Paar Taenze getanzt in die sich auch Herren mengten, +und die ich auch mittanzte."] + +Oft begegneten wir sonntags auf unseren kleinen Lustreisen in der Gegend +bei London einem Zuge von dreissig bis vierzig jungen Maedchen, auf dem +Fusspfade neben der Landstrasse andaechtig zur Kirche wandelnd. Es war ein +lieblicher Anblick. Schneeweiss gekleidet, mit artigen Strohhueten, gingen +sie paarweise hintereinander fort, einige in eben aufbluehender +jugendlicher Schoenheit, andere frisch und rot in knospender Kindheit. +Mehrere Aufseherinnen begleiteten sie, strenge wachend ueber jeden Tritt, +jede Miene, damit ja kein Freudensprung, kein lautes Lachen ihnen auf +dem ernsten Wege entschluepfte. Zuweilen kam von der anderen Seite ein +aehnlicher Zug Knaben daher, dem naemlichen Ziele zuwandelnd, begleitet +von seinen Lehrern. Die Aufseher und Aufseherinnen und gruessten sich wohl +als Bekannte, aber die Kinder schielten sich nur von der Seite ein wenig +an und wandelten mit gezwungenem Ernst weiter. Es waren die Zoeglinge aus +irgendeiner der vielen Pensionen, welche jeden Sonntag zweimal feierlich +zum Gottesdienste getrieben werden. Doerfer und Flecken ringsumher +wimmeln von solchen Erziehungsanstalten, die alle gedeihen, da fast +niemand seine Kinder zu Hause erzieht, wo sie zu viel Unordnung und +Unruhe machen wuerden. Sowie Knaben und Maedchen aus der Kinderstube +kommen, werden sie in jene Erziehungsanstalten gegeben und kehren erst +nach ganz vollendeter Erziehung, beinahe erwachsen, in das vaeterliche +Haus zurueck. + +Die Maedchen lernen in diesen Anstalten von allem etwas, aber wenig +Gruendliches. Man lehrt sie Geschichte und Geographie; dennoch +weiss eine Englaenderin selten, wie es ausser ihrem Vaterlande aussieht +und was dort in frueheren Zeiten sich begeben hat. Auch in der +franzoesischen und italienischen Sprache erhalten sie Unterricht, +aber dem Fremden, der nicht Englisch kann, ist damit nichts gebessert; +schwerlich wird er in der Gesellschaft eine Dame finden, die ihm +in einer fremden Sprache Rede stuende. Musik und Zeichnen +wird sehr oberflaechlich und gewoehnlich nur betrieben, um beides +spaeterhin so bald als moeglich wieder zu vergessen. Die Maedchen +lernen sticken, Papierblumen machen, sie fabrizieren artige +Papparbeiten, Kaestchen von vergoldetem Papier, Vasen von Eierschalen, +tausend zierliche Dinge; aber was man eigentlich fuer's Haus braucht, +bleibt ihnen gewoehnlich unbekannt. Der Hauptzweck des groessten Teils +der Vorsteherinnen solcher Anstalten ist vor allen Dingen, +einmal im Jahre mit ihren Zoeglingen recht zu glaenzen, wenn sich +die Eltern und Verwandten derselben bei dem grossen Pruefungsfeste +versammeln. Mehrere Monate vor diesem Feste hoert schon aller +ernstliche Unterricht auf, alles wird angewendet, um die Kinder +fuer den wichtigen Tag zu dressieren. Musikstuecke werden ihnen +eingelernt, die sie vor der entzueckten Versammlung mechanisch +ableiern sollen, Zeichnungen werden mit Hilfe des Lehrmeisters +verfertigt und dergleichen mehr. Die Hauptsache aber bleibt, +sie fuer den Ball, der abends gegeben wird, abzurichten, und +der Tanzmeister kommt mehrere Wochen lang kaum aus dem Hause. + +Eine Dame unserer Bekanntschaft, deren Toechter in dem nahe bei London +gelegenen Flecken Southwark in Pension waren, fuehrte uns +zu solch einem Fest dahin. Die Vorsteherin des sehr grossen Hauses +empfing uns mit vieler Artigkeit. Wir wurden in einen grossen Saal +gefuehrt, an dessen einem Ende die hocherfreuten Muetter und uebrigen +Verwandten der jungen Maedchen sassen; die Zoeglinge selbst waren +am entgegengesetzten Ende auf mehreren Reihen amphitheatralisch +uebereinander sich erhebender Baenke wie zur Schau ausgestellt. +Auch gewaehrten sie einen sehr reizenden Anblick. Man denke sich +fuenfzig junge Maedchen von acht bis sechzehn Jahren, huebsch, +in bluehender Gesundheit, einfach, aber geschmackvoll in die Uniform +des Hauses gekleidet, mit schneeweissen kurzen Kleidern und +blauen Schuhen. Ein silbernes Netz um's Haar, eine silberne Schaerpe +um den Leib war ihr ganzer Putz; so sassen sie da, gluehend +vor rascher jugendlicher Erwartung und Freude. + +Unter Anleitung des Tanzmeisters begann endlich der Ball. +Die Maedchen tanzten unter sich lauter ganz bescheidenen Taenze; +keinen Walzer, keinen Shawltanz, keine kuenstlichen Spruenge, +sondern eine Art Menuette zu sechs bis acht Paaren, welche +der Tanzmeister fuer sie eigens komponiert hatte und die wohl +sonst nirgends in der Welt getanzt werden als in Pensionsanstalten +wie dieser. Die geschickten Taenzerinnen hatten kleine Solos darin, +um sich recht zu zeigen. Nach Endigung jedes Tanzes wurden sie +von Muettern und Verwandten gelobt und geliebkost. Nur zwei +arme kleine Hollaenderinnen standen traurig und unbemerkt +in einer Ecke allein, niemand bekuemmerte sich um die Fremden, +die aus ihrem Vaterlande hierher zur Erziehung geschickt waren. +Wir, Fremdlinge wie sie, fuehlten uns ihnen verwandt, riefen sie +zu uns, erzaehlten ihnen, dass wir unlaengst aus ihrem Vaterlaende kaemen, +und hatten bald den Trost, auch aus ihren kindlichen klaren Augen +die Freude leuchten zu sehen. Als die auf die Laenge etwas langweilige +Paradetaenze abgetan waren, kamen einige englische und schottische +an die Reihe. Froh, des Zwangs entledigt zu sein, huepften +die lieblichen Kinder unbefangener umher, und einige junge +anwesende Vettern und Brueder erhielten die Erlaubnis, sich mit ihnen +herumzudrehen. + +Mit stiller Ruehrung sahen wir ihre sorglose Freude. Tanzend bereiteten +sich die holden Geschoepfe zu dem Leben, das sie jetzt, in dem Augenblick, +da wir dies niederschrieben, schon laengst mit seinem ganzen Ernste +ergriffen hat. Erwartungsvoll blickten damals so viele helle Augen +der Zukunft entgegen, als waere auch sie ein Tanz der Freude; +jetzt fuellen sich diese Augen beim Andenken an jene unwiederbringlich +hingeschwundenen Tage wahrscheinlich mit Traenen der Sehnsucht. +Ahnend dachten wir damals ihrer Zukunft und verliessen sie, +noch mitten in der Freude, mit stillen Wuenschen fuer die Zukunft. + + + +Pension fuer Knaben + + +Gewoehnlich sind es Landprediger, die irgend ein grosses schoenes Lokal, +unfern der Kirche, in welcher sie predigen, mieten oder kaufen +und neben ihren Berufsgeschaeften dieses Erziehungsgeschaeft treiben, +wobei sich die sehr ehrwuerdigen Herren ungemein wohl befinden. +[Fussnote: dazu notierte Johanna in einer Fussnote. "Most reverend Sir, +sehr ehrwuerdiger Herr, der Titel der englischen Geistlichen."] + +Wir hatten Gelegenheit, die Erziehungsanstalt des Herrn Lancaster +in Wimbledon, acht englische Meilen von London, genau kennenzulernen. +Sie gilt fuer eine der besten, selbst Lord Nelson liess zwei seiner Neffen +da erziehen [Fussnote: Admiral, Lord, lebte zu dieser Zeit zurueckgezogen +mit Lady Hamilton in der Grafschaft Surry. Am 21. Oktober 1805 +schlug die englische Flotte unter seinem Befehl die spanisch-franzoesische +bei Trafalgar vernichtend. Er selbst kam dabei ums Leben.] Im Grunde +gleichen sich alle; nur die Zahl der Zoeglinge, die groessere oder +beschraenktere Einrichtung des Ganzen unterscheidet sie voneinander. + +Der sehr ehrwuerdige Herr zu Wimbledon befasste sich gar nicht mit +dem Unterrichte; unsichtbar fuer seine Schueler sass er den Tag ueber +in seinem Studierzimmer, wo er eine Anzahl junger Fremder, die bloss +als Kostgaenger, nicht als Schueler in seinem Hause lebten, im Englischen +unterrichtete. Nur mittags, nach vollendeten Schulstunden erschien er +auf einem Katheder im Schulzimmer, um sich von den Lehrern Rapport +abstatten zu lassen. Vier Lehrer, die im Hause wohnten und von denen +wechselweise einer jede Woche die Spezialaufsicht ueber die Schueler hatte, +gaben den notwendigen Unterricht, und zwar alle zugleich in dem +naemlichen grossen Zimmer. Jeder steht auf einem kleinen Katheder, +und die Schueler gehen wechselnd, pelotonweise von einem zum anderen. +Dies waehrt vier Stunden lang ununterbrochen von acht bis zwoelf. + +Die Schule wird mit Gebet eroeffnet und geschlossen, ganz nach +der englischen Liturgie, wobei auch des Koenigs, seines Hauses, +der Schwangeren und Saeugenden usw. von den Knaben christlich gedacht +werden muss. + +Die Knaben erhalten Unterricht in den alten Sprache, in Geographie, +Geschichte, Schreiben, Rechnen und der franzoesischen Sprache. +Wer Fechten, Musik, Tanzen und Zeichnen lernen will, muss es besonders +bezahlen; die Lehrer dazu kommen woechentlich einige Male von London +herueber; an alles uebrige Wissenswerte, was unsere Kinder in Deutschland +lernen, wird nicht gedacht. + +Die Zoeglinge essen zusammen, ziemlich schlecht, unter Aufsicht +des die Woche habenden Lehrers, werden zu bestimmten Zeiten von ihm +auf der Gemeinhut des Dorfes spazieren getrieben, spielen unter +seiner Aufsicht auf dem grossen Hofe und werden taeglich in einem +grossen Bassin gebadet, auch im Winter, wo dann erst das Eis aufgehauen +werden muss. + +Alles, Lehre, Strafe, die ganze Behandlung der Kinder, wird nach +angenommenen Gesetzen mechanisch betrieben, ohne Ruecksicht auf Alter, +Charakter und Faehigkeit. Wie koennte es anders sein, ihrer sind sechzig, +zwischen sechs und sechzehn Jahren; alle Wochen wechselt der +die Aufsicht habende Lehrer und dankt Gott, dass er auf drei Wochen +die Last los ist und sich bei der sehr reichlich besetzten Tafel +des sehr ehrwuerdigen Herrn mit den Kostgaengern und der uebrigen +Gesellschaft, von der in der Woche ausgestandenen Not und Mangel +erholen kann. Kein Lehrer lernt die Kinder genauer kennen, da jeder sie +nur ungefaehr zwoelf Wochen im Jahre in so verschiedenen Zeitraeumen +unter seiner Aufsicht hat. + +Die Kostgaenger haben dagegen ein herrliches Leben, denn sie bringen +dem ehrwuerdigen Herrn dreimal soviel Guineen als die Schueler. +Nur einige Schueler, deren Eltern es zu bezahlen vermoegen, gehoeren +auch dazu. Diese nehmen zwar an den Schulstunden teil, essen aber +an dem gut besetzten Tische, koennen nach Herzenswunsch im Lustgarten +und im Obstgarten ihr Wesen treiben, waehrend ihre Kameraden +auf dem oeden Hofe bleiben muessen und entsetzlich gepruegelt werden, +wenn sie sich einmal in jene verbotenen Reviere eingeschlichen haben. +So muessen die Kinder schon in der Jugend lernen, dass dem Reichen +alles erlaubt, und Geld daher das hoechste Ziel ist, wonach man +zu trachten hat. + +Hat ein Knabe einen Fehler begangen, seine Lektion nicht gelernt +oder beim Spiel Unordnung gemacht, so wird ihm vom Lehrer zur Strafe +aufgegeben, eine Seite Griechisch oder Latein auswendig zu lernen. +Wenn er diese zur bestimmten Zeit nicht auswendig weiss, so schreibt +der Lehrer seinen Namen auf und legt ihn auf's Katheder des Herrn +Lancaster. Abends werden dann die so Verklagten zu ihm ins Studierzimmer +gerufen, so viel ihrer sind, alle zugleich. Er redet sie mit Sir +oder Gentleman an und fragt, ohne fernere Untersuchung ihres Vergehens, +ob sie ihre Aufgabe gewusst haben? Sie muessen natuerlich mit "Nein" +antworten. Ohne sich auf etwas Weiteres einzulassen, fragt er: +was sie dafuer verdient haetten? Sie antworten: gepruegelt zu werden, +und ohne Aufschub vollzieht der sehr ehrwuerdige Herr an ihnen +dies Urteil mit eigener Hand, oft an sieben oder acht nacheinander, +ohne Ruecksicht, ob der Knabe sechs oder sechzehn Jahre alt ist, +und dazu auf die beschimpfendste Weise. + +Haben zwei Knaben miteinander Streit gehabt oder sich geschlagen, so +verklagt einer den anderen; wenn aber auch seine Klage noch so +sonnenklar waere, er bekommt kein Recht, solange der Beklagte leugnet. +Der Klaeger muss Zeugen mitbringen; sagen dagegen er und seine Zeugen noch +so augenscheinlich die Unwahrheit, der Beklagte wird bestraft, wenn er +nicht andere Zeugen beibringen kann, die seine Unschuld beweisen. Alles +wird nach der Form abgetan wie vor englischen Richterstuehlen; den +Charakter der Kinder zu ergruenden, ihr Gefuehl fuer Recht und Unrecht im +hoeheren Sinn, ihre Liebe fuer das eigentliche Wissen zu bilden, daran +denkt niemand. + +Wir enthalten uns aller Bemerkungen ueber eine solche Erziehungsmethode, +jeder macht sie gewiss selbst und fuehlt, welchen Vorzug auch in +dieser Ruecksicht wir Deutsche vor jenen stolzen Insulanern haben, +und welche Resultate sich von einer solchen fruehen Behandlung +erwarten lassen. + +Sonntagmorgens werden die Schueler im Schulzimmer versammelt. +Herr Lancaster ist nicht Prediger in Wimbledon, sondern Merton, +einem eine halbe Stunde weit entlegenen Dorfe; aber zu seiner Uebung +haelt er seinen Schuelern die Predigt, die er mittags dort halten wird, +erst einmal in der Fruehe. Damit verbindet er den in der englischen +Liturgie vorgeschriebenen Gottesdienst, so dass das Ganze eine +starke Stunde waehrt. Um elf Uhr werden sie in sauberen Sonntagskleidern +paarweise auf dem Hofe rangiert und treten dann in Begleitung +der vier Lehrer den Marsch nach der Wimbledoner Kirche an, wo sie +bei Predigt, Gesang und Litanei zwei Stunden verweilen muessen. +Nachmittags werden sie wieder auf die naemliche Weise zur Kirche getrieben, +und abends um acht Uhr wird abermals in der Schulstube grosser Gottesdienst +gehalten, wobei wieder des Koenigs und seines Hauses gedacht wird. +Zwischen allen diesen Andachtsuebungen muessen sie in der Bibel lesen +und duerfen in Begleitung der Lehrer einen Spaziergang machen; alle Spiele +aber und alle lauten Ausbrueche der Freude sind hoch verpoent, +und werden streng bestraft. + + + +Das Britische Museum + + +[Fussnote: groesstes Nationalmuseum Grossbritanniens (Geschichte, Archaeologie, +Kunst und Voelkerkunde) und Nationalbibliothek; die naturgeschichtlichen +Sammlungen sind heute in Kensington untergebracht. 1753 kam die Sammlung +des irischen Arztes Hans Sloane an das Museum, das im Montagu House +untergebracht wurde. Als die Erweiterung der Sammlungen den Raum +beschraenkt werden liess, erbauten die Brueder Smirke in den Jahren +1823-55 das neue Museum.] + +Diese reiche, in einem schoenen Lokal aufgestellte Sammlung verdient, +der grossen Nation anzugehoeren, deren Namen sie fuehrt. Der unermuedliche +Sammler, Sir Hans Sloane, legte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts +den Grund dazu, indem er sein eigenes, sehr bedeutendes Museum +der Nation vermachte. Mehrere grosse Sammlungen wurden damit vereinigt, +und so erreichte das Ganze den Grad von Vollstaendigkeit, auf welchem +es sich heute befindet. + +Die praechtige Vasensammlung des Sir William Hamilton ist die schoenste +Zierde desselben; [Fussnote: Altertumsforscher (1730-1803); +nahm als Gesandter in Neapel an der Entdeckung von Herculanum und Pompeji +teil; Gatte der durch Lord Nelson bekannt gewordenen Lady Hamilton. +Die Vasensammlung, die er dem Britischen Museum verkaufte, ist durch +die 240 Umrisse Tischbeins bekanntgeworden. Hamilton schrieb +ein grundlegendes Werk der Vasenkunde: "Antiquites etrusques, +grecques et romaines", 4 Bde., Neapel 1966-67.] froh verweilten wir +im Anschauen dieser schoenen Formen, welche, von den englischen Fabrikanten +gluecklich benuetzt, durch ganz Europa die bis dahin Mode gewesenen +haesslichen, verkrueppelten Formen verbannten und nach und nach +unserem Hausgeraete die jetzt uebliche schoene, geschmackvolle Gestalt +gaben. + +Alles, was uns an die goldene Zeit, an die schoenen Jahrhunderte der Roemer +und Griechen erinnern konnte, fanden wir hier vereint. Mannigfaltiger +Schmuck, Siegelringe, Lampen, Hausgoetter, unendliches kleines Geraet, +aus den Graebern von Pompeji und Herkulaneum auf's Neue zum +freundlichen Tageslicht gefoerdert, vergegenwaertigte uns das heitere, +gefaellige Dasein der Alten; wir lebten mit ihnen, solange wir +in diesen Zimmern verweilten. + +Schnell streiften wir hernach durch die Saele, welche das +Naturalienkabinett, die ausgestopften Tiere und Mineralien enthalten, so +auch durch das sehr betraechtliche Muenzkabinett. Wenn man in seiner Zeit +so beschraenkt ist, wie wir es hier waren, so muss man entbehrend zu +geniessen wissen und lieber vieles aufopfern und nur etwas mit Musse +betrachten, um davon eine bestimmte interessante Erinnerung mit sich zu +nehmen. Momentanes Verweilen bei vielen Gegenstaenden verwirrt und +ermuedet ohne allen Nutzen. + +Auch die von Kapitaen Cook [Fussnote: James (1728-79), Forscher und +Weltumsegler. Seine Reisebeschreibungen, in Deutschland durch +G. Forster bearbeitet, haben ihn sehr bekannt gemacht.] aus dem +fuenften Weltteile mitgebrachten Merkwuerdigkeiten, die hier ein +ganzes Zimmer anfuellen, betrachten wir nur im Voruebergehen. + +Mehrere Zimmer enthalten in Schraenken, mit Drahtgittern versehen, +die grosse, reichhaltige Bibliothek. Ausser eine grossen Zahl aelterer, +zum Teil sehr seltener Buecher, fasst sie beinahe alles, was bis auf +den heuten Tag in England herauskommt; denn von jedem mit Privilegium +gedruckten Buche muss ein Exemplar hier abgeliefert werden. Wir verweilten +nur einige Zeit in dem Zimmer, in welchem sich die Manuskripte befinden. + +Nicht nur alte Handschriften aller Art, von den beschriebenen +Palmblaettern und in Stein gehauenen aegyptischen Hieroglyphen an bis auf +die krausen, bunten Schriftzuege der Moenche des Mittelalters, werden hier +aufbewahrt, sondern auch zahllose Briefe und Manuskripte der +interessantesten und beruehmtesten Menschen spaeterer Zeiten; eine +unendliche Fundgrube fuer den Geschichtsforscher, dem ein freundliches +Geschick erlaubt, sie mit Musse und Auswahl zu benutzen. Und welch ein +Feld wuerde sich hier dem Anekdotenjaeger und Zeitblaettler eroeffnen, der +nach Willkuer fouragieren koennte! Wie viele Baende interessanter Briefe +koennten da ausgewaehlt werden, zum Nutz und Frommen unseres lese- und +schreibsuechtigen Zeitalters, vor welchem kein Schreibtisch, kein +Portefeuille mehr sicher ist! Briefe vieler englischer Koenige und +Koeniginnen, vieler Maenner, die auf ihr Zeitalter wirkten, fuellen, +wohlgeordnet in Mappen, eine Menge Schraenke. + +Man war so gefaellig, uns manches zu zeigen; unter anderem +einen ganzen Band eigenhaendiger, mitunter ziemlich zweideutiger Briefe +der Koenigin Elisabeth an ihren ungluecklichen Liebling, Grafen Essex. +Ihre Handschrift ist merkwuerdig. Diesen nicht schoenen, aber mit Schnoerkeln +ueberladenen, sehr grossen Buchstaben sieht man es an, dass sie langsam +und vorsichtig geformt wurden, und trotz aller Schmeichelworte, +die sie ihrem Geliebten hinzirkelte, moechte man in etwas veraendertem +Sinne mit Schillers Maria Stuart ausrufen: "Aus diesen Zuegen spricht +kein Herz!" Auch von dieser ungluecklichen Nebenbuhlerin Elisabeths +werden hier viel Briefe aufbewahrt, groesstenteils in franzoesischer Sprache. +Besonders ruehrend war uns der, welchen sie an Elisabeth liebend +und vertrauend schrieb, sowie sie die englische Grenze betreten hatte, +ohne die traurige Zukunft zu ahnen, die sie sich mit diesem Schritt +bereitete. + +Man zeigte uns auch den Entwurf einer ziemlich langen Rede, welche +Wilhelm der Eroberer [Fussnote: I. (1066-87); geb. 1027 oder 1028 +als Sohn Herzog Roberts II., des Teufels, von der Normandie. +1051-52 weilte er als Gast Koenig Eduards des Bekenners in England, +der ihm die Krone versprochen haben soll. Sein Anspruch auf England-- +er liess sich 1066 in Westminster kroenen--stiess das Land +in langwierige kriegerische Unruhen und Aufstaende; dennoch gelang es +ihm, ein autokratisches Koenigtum in England zu errichten und ein +streng durchgefuehrtes feudales Lehenssystem zu begruenden.] +an das englische Volk halten wollte. Sie ist durchaus von seiner Hand +in franzoesischer Sprache geschrieben, ziemlich unorthographisch +und voll Korrekturen und ausgestrichener Stellen. Nach ihrem Inhalte +war er bloss aus Liebe zu dem Volke heruebergekommen, um dieses +gluecklich zu machen. + +Unter den neuen Manuskripten bemerkten wir Popes "Essay on Man", +so wie er ihn zuerst niederschrieb, ebenfalls voll Verbesserungen +und Aenderungen. Nicht ohne Grund nennt ihn einer seiner Zeitgenossen +den Papier sparenden Pope, paper sparing Pope. Das ganze Gedicht +ist auf kleinen Papierstuecken sehr schlecht und unleserlich +niedergeschrieben, auf Briefkuverte, Visitenkarten, Einladungsbillette, +ja sogar auf den Raendern alter Zeitungsblaetter, und dann mit Stecknadeln +und seidenen Faeden bestmoeglichst zusammengeflickt. + +Auf einem Pulte mitten in diesem Zimmer thront triumphierend +das Heiligtum der Englaender, die urspruengliche Magna Charta, +[Fussnote: liberatum, The Great Charter; Privileg fuer die englischen Staende, +am 15. VI1215 von Johann ohne Land unter Druck von Klerus, +Adel und Staedten erlassen; sie sichert Freiheit der Kirche, Feudalordnung, +Widerstandsrecht gegen willkuerliche Bestrafung, persoenliche Freiheit +und persoenlichen Besitz.], unter Glas und Rahmen. Lange war sie +verloren und ward gluecklicherweise in dem Moment entdeckt, in welchem +ein Schneider seine entheiligende Schere schon ansetzte, um Riemchen +zum Massnehmen daraus zu schneiden. Jetzt wird sie hier, wenn auch +etwas verblichen, etwas zernagt vom Zahn der Zeit, dennoch sicher, +kommenden Jahrhunderten aufbewahrt und von jedem echten Briten +mit Ehrfurcht betrachtet. + +Gern waeren wir an einem anderen Tage ins Museum zurueckgekehrt, +aber die bestehende Einrichtung erschwerte uns diesen zweiten Besuch. +Zuviel Fremde wuenschten das Museum zu sehen, als dass die naemlichen +oefter als einmal dazu kommen koennten. Nur wenige Personen duerfen +zugleich zugelassen werden, und man muss sich lange zuvor um die Erlaubnis +dazu anmelden. Donnerstag morgens wird es zwar oeffentlich gezeigt, +aber es ist weder Freude noch Nutzen dabei, von ziemlich unwissenden +Aufsehern mit einer Menge von Leuten durch die Zimmer gedraengt +zu werden. Wer zu wissenschaftlichem Zwecke diese Sammlungen benutzen will, +kann auf gewisse Bedingungen die Erlaubnis dazu von den Vorstehern +erhalten. Ein mit Schreibmaterialien und allem Erforderlichen +wohlversehenes ruhiges Zimmer steht einige Stunden des Tages +den Arbeitenden offen. + + + +Herrn Whitbreads Brauerei + + +Wieviel Anstalten zu einem Kruge Porter! Welch ein Treiben und Knarren +und Rasseln aller Maschinen! Biertonnen, groesser wie ein Haus +in den Hochlanden! Kuehlfaesser wie Meere!--Diese Brauerei verdiente +in Walhalla fuer Odins Helden den staerkenden Gerstentrank zu bereiten. + +Ohne fernere Ausrufungen koennen wir versichern, dass sie wenigstens +zu Londons ersten Sehenswuerdigkeiten gehoert. Der alte Koenig, +welcher sie einmal mit seiner ganzen Familie besuchte, nahm im Brauhause +ein Fruehstueck ein, das dem Eigentuemer auf fuenfzehnhundert Pfund Sterling +zu stehen kam, und der beruehmte englische Dichter, Peter Pindar +[Fussnote: Pseudonym fuer John Wolcot (1738-1819); Arzt und Geistlicher. +1778 kam er nach London und wurde ein gefuerchteter Satiriker, +der weder vor der koeniglichen Akademie noch vor dem Herrscherhaus +zurueckschreckte.], war beflissen, diese merkwuerdige Begebenheit +in wohlgesetzten Reimen auf die Nachwelt zu bringen. Unter anderem +fragte damals der Koenig Herrn Whitbread: wie viel Faesser er besitze? +Die Antwort war: "Der Laenge nach dicht aneinandergelegt, moechten sie wohl +von London bis Windsor reichen." Bekanntlich liegt Windsor +zweiundzwanzig englische Meilen von London: sieht man aber diese +ungeheure Anstalt, so erscheint die Behauptung Herrn Whitbreads +gar nicht unwahrscheinlich. + +Eine nicht grosse, im Souterrain angebrachte Dampfmaschine +ist die Triebfeder des ganzen ungeheuren Werks, die sauberste, einfachste, +geraeuschloseste, die wir je sahen. Man hat berechnet, dass sie +die Arbeit von siebzig, Tag und Nacht beschaeftigen Pferden verrichtet. +Sie schafft das noetige Wasser herbei, leitet den fertigen Porter +durch unterirdische Kanaele quer ueber die Strasse in ein anderes Gebaeude, +wo er in Faesser gefuellt wird, bringt die Faesser zum Aufladen +aus dem Keller herauf, mahlt das Malz, ruehrt es in den zwanzig Fuss +tiefen Malzkufen und windet es vermittelst einer schraubenartigen +Vorrichtung bis oben hinauf in die Spitze des Gebaeudes. + +Dort sind auch die ungeheuer grossen, aber nur sechs Zoll tiefen +Kuehlschiffe oder Zisternen zum Abkuehlen des Porters; wahre Seen, +von denen man uns versicherte, sie wuerden fuenf englische Acker +Land bedecken; auch braucht der Porter nur sechs Stunden darin zu stehen, +um kalt zu werden. Alles in dieser grossen Anstalt traegt das Gepraege +der hoechsten Reinlichkeit und Ordnung und geht mit anscheinender +Leichtigkeit vonstatten. + +Taeglich werden zur Verbesserung des schon so Vollkommenen neue +Erfindungen gemacht; besonders ist man auf Ersparung der Feuerung +bedacht, welche die drei grossen Kessel, jeder zu fuenfhundert Fuss, +erfordern. Zweihundert Arbeiter werden taeglich beschaeftig und +achtzig ungeheuer grosse Pferde. Letztere sind vielleicht die groessten Tiere +ihrer Rasse, die es gibt; denn die Hufeisen eines derselben, +welches krankheitshalber getoetet werden musste, wogen vierundzwanzig +Pfund. Wahre Pferderiesen! + +In einem Gebaeude, hoch und gross wie eine Kirche, stehen neunundvierzig +grosse Faesser, in welchen der Porter aufbewahrt wird, bis man ihn +zum Gebrauch in kleinere abfuellt. Dadurch, dass er eine Zeitlang +in so grosser Masse beisammenbleibt, soll er vorzueglich verbessert werden. +Waere das Fass, welches Diogenes bewohnte, von solchem Kaliber gewesen, +so konnte der Philosoph fueglich an einem runden Tische zwoelf Personen +bewirten und noch ein artiges Boudoir fuer sich behalten. +Das groesste dieser Faesser hat oben eine Art Balkon, zu welchem +eine Treppe fuehrt, es ist siebenundzwanzig Fuss hoch und haelt +zweiundzwanzig Fuss im Diameter; von oben bis unten ist es mit eisernen, +etwa vier Zoll voneinander entfernten Reifen beschlagen, unten +gegen den Boden liegt Reif an Reif. Alle sind von starkem Eichenholz, +mehrere enthalten dreitausendfuenfhundert gewoehnliche Faesser; +der Heidelberger Kollege [Fussnote: das bekannte "Grosse Fass" +im Heidelberger Schloss] kaeme in dieser respektablen Gesellschaft +um seinen Ruhm. + +Als wir das Haus verliessen, waren wir wie betrunken vom Geruche +des Porters; man muesste in dieser Atmosphaere schon von der Luft leben +koennen. Die darin beschaeftigten Arbeiter sahen indessen gar nicht aus, +als ob sie sich auf solche Experimente einliessen. + + + +Greenwich + + +Mitten im Geraeusche der in ewiger Arbeit emsig sich bewegenden City, +an der Londoner Bruecke, schifften wir uns auf einem der Boote ein, +die, so wie die Fiaker in den Strassen, auf der Themse numeriert +und unter polizeilicher Aufsicht dem Publikum zu Gebote stehen. + +Diese Bruecke, die aelteste der drei, welche in London ueber die Themse +fuehren, war schon seit einiger Zeit bestimmt abgebrochen zu werden, +um einer auf einem einzigen Bogen ruhenden eisernen Platz zu machen. +Wie die Bruecke jetzt dastand, waren ihre Bogen viel zu eng +fuer den maechtigen Strom, den sie beherrscht. Ungestuem draengt er sich +wild brausend hindurch und verschlingt jaehrlich mehrere Opfer, +welche die Verwegenheit, trotz der augenscheinlichen Gefahr hier +durchzuschiffen, mit dem Leben bezahlen muessen. + +Unabsehbar erstreckt sich in einer langen Reihe viele Meilen weit +der Wald von Masten, durch den wir schifften. Der Strom wimmelt +wie die befahrenste Landstrasse von Barken und kleinen Fahrzeugen +aller Art; eben ankommende oder abgehende grosse Schiffe bewegen sich +majestaetisch durch sie hin, von allen Seiten ertoent das Rufen +des froehlichen Schiffsvolks, Lebewohl und Willkommen schallen +durcheinander; die mit Auf- und Abladen beschaeftigten Arbeiter +an den Schiffen, die Schiffswerften am Ufer, alles verkuendigt hier +den Markt der Welt. + +Sowie wir uns von London entfernten, boten die Ufer des Stromes +uns von beiden Seiten die mannigfaltigsten, lachendsten Aussichten. +Endlich, fuenf englische Meilen von der Stadt, breitete sich +das Invalidenhospital von Greenwich [Fussnote: 1694 gegruendet +und in dem durch Christopher Wren fertiggestellten Bau untergebracht; +gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufgelassen. Heute Marineschule.] +mit seiner schoenen Terrasse und allen seinen reizenden Umgebungen +praechtig und gross vor unseren Augen aus. + +Diese Freistatt, welche die Nation dem vom Kampfe mit den wilden +Elementen endlich ermuedeten Helden darbietet, ist mit Recht ihr Stolz; +denn die Welt hat dessengleichen nicht. Eigentlich sind es vier +voneinander ganz abgesondert liegende Gebaeude, die aber, +von der Wasserseite gesehen, wie ein einziger grosser Palast sich +ausnehmen, geziert mit Saeulen, Balustraden und aller Pracht +der neueren Architektur. Eine grosse Terrasse, die eine entzueckende +Aussicht nach London zu bietet, zieht sich davor hin bis an den Strom, +zu welchem man auf breiten steinernen Treppen hinabsteigt. Hier bestieg +Georg der Erste [Fussnote: (1660-1727); Kurfuerst von Hannover, +erster englischer Monarch aus dem Hause von Hannover, das mit dem Ableben +der Koenigin Victoria 1901 erlosch. Georg I. betrat am 29. September 1714 +hier zum ersten Mal englischen Boden.] zuerst das Land, ueber welches +er herrschen sollte. Mit welchen Erwartungen mag er nach St. James +gefahren sein, wenn er vom Hospital auf die Residenz der Koenige schloss! + +Das ganze Gebaeude ist aus schoenen Quadersteinen erbaut. Vorzueglich +bewundert man die mit fast verschwenderischer Pracht geschmueckte Kapelle. +Sie prangt mit Marmorsaeulen, einem gut gemalten Plafond und jeder +einem solchen Orte geziemenden Zierde. Einige schoene grosse Hallen +dienen den Invaliden zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter, +besonders zeichnet sich die groesste, mit einer Kuppel versehene Halle aus; +sie ist hundertsechs Fuss lang und hat einen gut gemalten Plafond, +schoene Saeulen und Malereien. Ein angenehmer Park mit einer auf +einem Huegel erbauten Sternwarte umgibt das Gebaeude von der anderen Seite. + +Es war ein schoener, menschenfreundlicher Gedanke, diese Ruhestaette +am Ufer der Themse zu erbauen, im Angesichte aller ankommenden und +auslaufenden Schiffe. Die abgelebten Helden haben hier den Tummelplatz +ihres ehemaligen Lebens noch immer vor Augen; und dem in See +stechenden Schiffer gibt der Anblick dieses Ruhehafens Trost und Mut. +Nahe an dreitausend Veteranen ruhen hier von ihrem muehevollen Leben aus. +Sie wohnen fuerstlich, werden gut genaehrt und gepflegt, alle zwei +Jahre neu, anstaendig, bequem gekleidet und erhalten woechentlich +ein gar nicht unbedeutendes Taschengeld zu ihren kleinen Beduerfnissen +und Vergnuegungen. In Krankheiten werden sie mit Sorgfalt gewartet. +Sie sind nicht, wie in anderen Verpflegungsanstalten, von allem, +was ihr Leben bedeutend machte, geschieden, sie leben und weben noch +darin und kaempfen mit alten Kampfgenossen nochmals alle ihre gewonnenen +Schlachten in froher Erinnerung, vor Gemaelden, welche diese vorstellen +und die Waende ihrer Speise- und Wohnsaele schmuecken. + +Besonders gut eingerichtet fanden wir die Schlafstellen. +In langen, hohen, luftigen Saelen, welche zur Winterszeit von +mehreren grossen Kaminen erwaermt werden, sind auf der den Fenstern +entgegengesetzten Seite eine Reihe Schiffskajueten aehnlicher Kabinette +dicht aneinander gebracht. Jedes derselben hat neben der nach +dem Saale ausgehenden Tuer zwei Fenster und ist gross genug, +um ein nach englischer Art geraeumiges Bett, einen Tisch, einen Stuhl +und einen Koffer zu enthalten. Es gibt nichts Netteres und Saubereres +als diese kleinen Zimmerchen; jedes hat einen Teppich, Fenster +und Bett sind mit reinlichen Vorhaengen versehen, an den Waenden +auf dazu angebrachten Leisten stehen die zierlichen Tabaks- und +Teekaesten, Glaeser, Tassen und dergleichen in gefaelliger Ordnung. +Kupferstiche zieren die Waende. Jeder haengt daran nach Gefallen Bildnisse +des Koenigs, der Koenigin oder beruehmter Seehelden auf; dazwischen +Seeschlachten, Haefen und auch wohl manche lustige Karikatur. + +Hundertvierzig Witwen verdienter Seemaenner wohnen ebenfalls im Hause, +sie verrichten darin alle weiblichen Arbeiten, pflegen die Kranken +und werden in aller Hinsichte ebenso gut gehalten als die Veteranen +selbst. Auch fuer die Waisen der gebliebenen Seemaenner ist hier +gesorgt; denn einige hundert Knaben werden in einem abgesonderten Teile +des Hauses zum Gewerbe ihrer verstorbenen Vaeter erzogen. Noch +dreitausend Invaliden, die im Hause nicht Platz fanden, erhalten +ausser demselben Pensionen. + + + +Die St. Paulskirche + + +[Fussnote: ein barockes Meisterwerk, von Christopher Wren zwischen +1675 und 1710 erbaut in Form eines lateinischen Kreuzes, +auf Anordnung Jakobs II. und gegen den Wunsch des Architekten, +dessen Plaene ein griechisches Kreuz vorsahen. Dazu eine Anmerkung +Johannas: "Man zeigt noch in St. Paul ein Modell von dem ersten Plan +des Baumeisters Sir Christopher Wren. Die damaligen regierenden +Zeloten verwarfen ihn wegen seines heidnischen Ansehens, und +waehlten dafuer die jetzige Kreuzform." Die Behauptung Johannas, +die Kirche waere nach der Peterskirche in Rom die groesste, ist irrig; +die Kathedralen von Mailand, Sevilla und Florenz sind ebenfalls +groesser.] + +Das Aeussere von St. Paul ist durch Kupferstiche allbekannt. +Leider uebersieht man auf diesen das ungeheure Ganze besser +als in der Wirklichkeit, in deren Umgebungen es nirgends einen guten +Standpunkt dafuer gibt. Diese Kirche, nach der Peterskirche in Rom +die groesste in Europa, liegt auf einem viel zu kleinen Kirchhof +eingeklemmt zwischen Haeusern, umgeben von engen Strassen. +Auch im Innern findet sich keine Stelle, von der man sie ganz +uebersehen koennte, ueberall draengt sich die Architektur vor und +verhindert eine reine Uebersicht. + +Mit allen diesen Fehlern macht dieses wunderbare grosse Gebaeude +dennoch einen imposanten Eindruck. Es scheint ganz leer, +denn leicht uebersieht man einige wenige Statuen und eine kleine, +zum Gottesdienst eingerichtete Abteilung. Diese befindet sich +in einem der Fluegel, welche die Kreuzform bilden, in der die Kirche +erbaut ist. Ueberall herrscht ehrfurchtgebietende, schauerliche Stille +und Einsamkeit; nichts wird man von dem kleinlichen Geraete gewahr, +welches die Menschen noetig zu haben glauben, um sich mit dessen Hilfe +zur Gottheit zu erheben. Es ist ein Tempel im hoechsten Sinne +des Worts. Ein feierliches Grauen, eine Art Bangigkeit, +die uns fast den Atem raubte, ergriff uns, als wir, mitten +in der Kirche stehend, da hinauf blickten, wo beinahe unabsehbar +der Dom sich woelbt, "ein zweiter Himmel in dem Himmel". Es war +kein erhebendes, es war mehr ein beaengstigendes Gefuehl. +Die wenigen Menschen um uns her schwanden fast vor unseren Blicken +und machten durch ihre Kleinheit die gewaltige Groesse dieser +Steinmasse uns erst recht anschaulich. + +Es wurde sehr schwer, sich von diesem ersten Eindrucke loszureissen. +Solche Pygmaeen waren es doch auch, dachten wir endlich, welche +dies erstaunenswerte Werk durch vereinte Kraft emportuermten, +und ein einziger unter ihnen bildete es vor in seinem Geiste, +noch ehe es sich in die Luefte erhob. Ja, er dachte es sich noch +weit herrlicher, als es jetzt dasteht, er allein leitete die Kraefte +der vielen Hunderte, die arbeiteten und sich abmuehten und doch nicht +deutlich wussten, was sie taten. Jetzt ruhen der Werkmeister +und die Arbeiter; aber ihr Werk wird stehen, trotzend der maechtigen +Zeit, in herrlichen Ruinen, wenn die ganze volkreiche Stadt +laengst eine Wueste ward wie Palmyra und Persepolis. + +Beherzter blickten wir nun hinauf und wandelten in dem hohen Raume, +in welchem unserer Tritte feierlich widerhallten; wie lauter Donner +ertoente es durch das weite Gewoelbe, als man oben auf der Galerie, +die am Fusse des Doms rings um denselben hinlaeuft, eine Tuer zuwarf. +Wir stiegen hinauf zu dieser Galerie; wunderbar ist der Blick +von dort hinab und hinauf. In der Hoehe glaubt man eine zweite Kirche +sich erheben zu sehen, so hoch ist noch immer von hier das Gewoelbe +des Doms. In der Tiefe scheint der aus grossen schwarzen und weissen +Marmorquadern zusammengesetzte Fussboden wie feines Mosaik. +Die Galerie heisst die Fluestergalerie, Whispering Gallery, weil das +an die Mauer gelegte Ohr auf einer Stelle derselben alles deutlich +vernimmt, was auf der entgegengesetzten Seite ganz leise gegen +die Wand gesprochen wird. + +Von dieser Galerie stiegen wir noch weiter, bis aussen, wo auf +der hoechsten Hoehe des Doms sich die sogenannte Laterne erhebt. +Wir betraten die ihren Fuss umgebende Galerie mit der Hoffnung, +aber der Steinkohlenrauch der vielen Feueressen verbarg uns +die Naehe und der dem englischen Himmel eigene nebelartige Duft +die Ferne. + +Ein Trupp Matrosen, den wir mit grossem Geraeusche heraufsteigen +hoerten, trieb uns hinunter. + +Wie wir durch Ludgate Hill, eine dem Kirchhof zunaechst gelegene +sehr volkreiche Strasse nach Hause gingen, sahen wir alle Fussgaenger +still stehen und aengstlich nach dem von unten sehr klein +scheinenden Kreuze hinblicken, welches ueber einer Kugel oben +auf der Laterne des Doms von St. Paul befestigt ist. Auch wir +sahen natuerlicherweise hin und bemerkten etwas oben am aeussersten +Ende des Kreuzes sich Bewegendes. Mit Hilfe eines Glases +entdeckten wir endlich einen der Matrosen, die uns vorhin +in der Kirche begegneten. Er machte sich das halsbrechende +Vergnuegen, auf dieser entsetzlichen Hoehe allerhand gefaehrliche +Stellungen anzunehmen, den Hut zu schwenken, auf einem Beine +zu stehen, bloss um die Zuschauer unten in aengstliche Bewunderung +zu versetzen. Ihm, der auf dem wilden Meere, oben im hohen +schwankenden Mastkorbe, gewiss laengst jede Idee von Schwindel +verlernt hatte, mochte dieser doch immer unbewegliche Standpunkt +trotz seiner Hoehe wohl gar nicht gefaehrlich duenken, waehrend +uns andere beim blossen Anblick banges Grausen ergriff. + + + +Der Tower + + +[Fussnote: alte Stadtfestung und Gefaengnis von London; aeltester +Teil (White Tower) von Wilhelm dem Eroberer erbaut. Die Graeben +wurden 1843 trocken gelegt. Der Tierpark wurde 1834 in den +zoologischen Garten in Regent's Park gebracht.] + +Wir wollen die Loewen sehen, sagen die englischen Paechter- und +Landjunkerfamilien, wenn sie eine Wallfahrt nach der Hauptstadt +und ihren Merkwuerdigkeiten unternehmen. Diese Loewen, eigentlich +die im Tower aufgewahrte koenigliche Menagerie, dienen ihnen, +als die Hauptmerkwuerdigkeiten der Stadt, zur Bezeichnung alles +Sehenswerten in derselben. Leider sind die edlen Tiere mitsamt +ihrer Residenz durch diese Popularitaet etwas verrufen, und +ein Fremder von gutem Tone wagt es kaum, den Tower zu besuchen. +Wir gingen indessen doch hin, auf die Gefahr etwas gar Unmodisches, +mit dem hohen Stil ganz Unvertraegliches zu unternehmen, +und suchten den Tower mit seinen Loewen am aeussersten Ende der City auf, +wo er nahe am Ufer der Themse liegt. + +Graemlich und duester blickt dieser uralte Schauplatz unzaehliger +Greuel mit seinen grauen Tuermen ueber den ihn umgebenden Wassergraben. +In einem dicht ueber demselben erbauten, ziemlich niedrigen Gewoelbe +ist die Pforte angebracht, durch welche die Staatsverbrecher +hineingefuehrt wurden. Sie heisst das Tor der Verraeter, Traitor's Gate; +man brachte die Unseligen von der Themse bis zu diesem Eingange, +der sich hinter ihnen oft fuer immer verschloss. + +Wir gingen durch das Tor des Haupteinganges hinein, welches zur Not +fuer eine Kutsche Raum hat. Man machte uns aufmerksam auf die kleinen +vergitterten Fenster ueber dem Tore. Sie befinden sich in dem Zimmer, +in welchem der entsetzliche Richard der Dritte die beiden jungen +Soehne seines Bruders ersticken liess, als sie eben sanft und ruhig +im festen Schlummer der Kindheit dalagen und von keiner Gefahr traeumten. +Uns geluestete nicht, das Mordzimmer zu betreten. + +Eine alte Sage gibt Julius Caesar fuer den ersten Erbauer dieser Veste +an; die Geschichte aber sagt uns, dass Wilhelm der Eroberer +in der Mitte des elften Jahrhunderts den Grund dazu legte, um seine +vielgeliebten Londoner im gehoerigen Respekt zu erhalten. Man sieht +es dem sehr weitlaeufigen Ganzen an, dass kein fester Plan bei dessen +Gruendung vorwaltete, sondern waehrend der Regierung mehrerer Koenige +bald hier, bald da daran gebaut und zugesetzt ward. + +Jetzt gleicht der Tower fast einer kleinen Stadt; er umschliesst +in seinem Bezirke mehrere Strassen, eine Kirche, Magazine, Kasernen +fuer die Garnison, Haeuser fuer die Offiziere, Zeughaeuser, die Muenze, +nebst Wohnungen fuer die dabei beschaeftigten Offizianten und sonst +noch mancherlei Gebaeude. Ein breiter Wassergraben laeuft ringsumher, +und zwischen diesem Graben und der Themse befindet sich eine Art +Terrasse, auf welcher sechzig Kanonen stehen, die bei feierlichen +Gelegenheiten abgefeuert werden. Der Tower wird, wie es bei Festungen +Gebrauch ist, mit Sonnenuntergange geschlossen. Die Yeomen oder +Ochsenfresser haben die Wache darin und dienen zugleich den besuchenden +Fremden als Ciceronen. Hier sind sie ganz augenscheinlich am rechten +Platze; ihre Kleidung und ihr ganzes Ansehen traegt gleich am Eintritte +dazu bei, uns in fruehe dunkle Jahrhunderte zu versetzen. + +Die Muenze mit den dazugehoerigen Gebaeuden nimmt ein gutes Drittel +des Towers ein. Sie wird nicht gezeigt. Uns blieb der weisse Turm, +die Schatzkammer und die Loewen zu sehen. Letzteren machten wir +zuerst unseren Besuch. + +Nicht nur Loewen werden hier in einer besonderen Abteilung +in starken Kaefigen bewahrt, auch Panther, Leoparden, Tiger und +mehrere Arten wilder Bewohner der Wuesten, grimmige stattliche Bestien, +denen man es ansieht, dass sie gut gehalten werden. Nach englischer +Sitte hat jede derselben ausser dem Schlafkabinette noch ein Wohnzimmer +in ihrem Kaefig, wo sie Besuch annimmt. Alle prangen mit christlichen +Namen, besonders die Loewinnen; da findet man eine Miss Howe, Miss Jenny, +Miss Charlotte, Miss Nanny, als waere man auf einer englischen Assemblee. +Viele dieser Tiere wurden hier im Tower geboren und erzogen, und es +ist merkwuerdig, dass diese gerade die wildesten und unbaendigsten sind. + +Die Kronjuwelen [Fussnote: sie befinden sich im Wakefield Tower.], +welche ebenfalls der Tower aufbewahrt, +zeigt man auf eine wunderlich aengstliche Weise, die sehr +gegen die Liberalitaet absticht, mit welcher Fremde im Dresdner +gruenen Gewoelbe herumgefuehrt werden. Der uns leitende Ochsenfresser +oeffnete uns eine kleine Tuere, wir traten hinein und mussten uns alle +in einer Reihe auf eine dastehende Bank setzen. Die Tuer ward +hinter uns abgeschlossen, und wir befanden uns in einem kleinen +steinernen, ganz dunklen Gewoelbe wie in einem Gefaengnis. +Die unerwartete Finsternis blendete uns; es waehrte lange, +ehe wir dicht vor uns ein starkes eisernes Gitter entdeckten und +hinter demselben eine alte Frau zwischen zwei Lichtern. + +Dieser etwas drachenaehnliche Hueter unterirdischer Schaetze zeigte uns +nun viele Kostbarkeiten. Manches Stueck davon war wegen der alten, +mitunter sehr feinen Arbeit merkwuerdig; zum Beispiel ein goldener +Adler, dessen Hals das heilige Oel zur Salbung der Koenige enthaelt; +der goldene Loeffel, in welchen der Bischof bei der Kroenung +dieses Oel giesst, und vieles uralte Tischgeraete von Gold und Silber. +Dann sahen wir auch das mit franzoesischen Lilien verzierte Zepter, +den Reichsapfel, viele Kronen und mehr dergleichen Dinge, +die bei Kroenungen und anderen festlichen Gelegenheiten noch +zum Teil gebraucht werden. Eine Perle von unschaetzbarem Werte, +ein Smaragd, der im Umfange sieben Zoll gross ist, und ein +wunderschoener Rubin schmuecken die Krone, welche der Koenig +im Parlamente auf dem Haupte traegt; die Krone des Prinzen von Wales +wird im Parlamente vor diesen hingesetzt, als ein Zeichen, +dass er noch nicht berechtigt ist, sie zu tragen. Alle diese +Herrlichkeiten blitzen von koestlichen Edelsteinen. In der +duesteren Hoehle sahen sie wie ein von boesen Geistern bewachter +Feenschatz aus; ihr Wert wird ueber zwei Millionen Pfund Sterling +angegeben, ohne die seltenen Steine, deren Wert man gar nicht +bestimmen kann. + +Von hier wandten wir uns zum weissen Turme, der aber weder ein Turm +noch weiss ist, sondern ein grosses viereckiges Gebaeude mitten +in der Festung, alt, grau und rostig anzuschauen. Vier Wachttuerme +kroenen dessen Zinnen, von welchen einer zur Sternwarte eingerichtet ist. + +Im ersten Stock sahen wir die der grossen spanischen Armada +abgenommenen Trophaeen. Lauter alte, zum Teil recht sonderbar +erdachte Mordgewehre. Eine Menge Daumenschrauben befinden sich dabei; +die Spanier fuehrten sie bei sich, um damit bei ihrer Landung +von den besiegten Englaendern Auskunft ueber etwa verborgenen Schaetze +zu erpressen. + +In diesem Saale ist eine lebensgrosse Puppe zu schauen, +welche die Koenigin Elisabeth vorstellt, wie sie eben im Begriffe ist, +einen weissen Zelter zu besteigen. Sie traegt die Kleider, +welche Ihre Majestaet trug, da sie nach diesem merkwuerdigen Siege +zum Volke sprach [Fussnote: Untergang der spanischen Armada +im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake 1588.]. +Wir moechten aber keiner Schauspielerin raten, sich zur Rolle +der Elisabeth nach diesem Muster zu kostuemieren. Die gute Dame +sieht schrecklich aus, besonders das zu einem hohen, breiten Turme +aufgekraeuselte Haar, welches gar nicht mehr wie Haar aussieht, +und die unendliche, spitzig zulaufende, in einen Harnisch +gepresste Taille. + +Hier sahen wir auch das Beil, unter welchem der Anna Boleyn +schoenes Haupt fiel [Fussnote: zweite Gattin Heinrichs VIII.; +1536 enthauptet.], und mehr dergleichen traurige Merkwuerdigkeiten, +von denen der Tower wimmelt. + +Die Waffen neuerer Zeit sind in einem anderen sehr grossen Saale +aufgestellt. Nimmer haetten wir diesen Mordgewehren zugetraut, +dass sie einen so huebschen Anblick gewaehren koennten. Sie sind hier +auf's Zierlichste und mit einer Art Erfindungsgeist und Geschmack +geordnet; die Waende blitzen von Bajonetten, Pistolen, Degen +und Saebeln, in tausend verschiedenen Formen gestellt; da sieht man +daraus zusammengesetzte Kirchenfenster, eine Orgel, Wappen, +Sterne, Schlangen; die Decke ruht auf Pfeilern von Musketen, +um welche zierliche Girlanden von Pistolen sich winden. + +In einem anderen grossen Saale sind alle Koenige Englands, von +Wilhelm dem Eroberer an bis auf Georg den Zweiten in einer langen +stattlichen Reihe, zu Pferde, in voller Ruestung zu schauen. +Die zum Teil sehr praechtigen Ruestungen sind die naemlichen, welche +ihre Inhaber bei Lebzeiten trugen. Auch Georg der Zweite hat +eine ueber und ueber vergoldete Ruestung an; der Ochsenfresser, +unser Cicerone, versicherte uns sehr naiv, dieser Herr habe solche +nie getragen. Der beruehmte John of Gaunt, Sohn Eduards des Dritten, +muss ein Riese ohnegleichen gewesen sein; seine Ruestung ist +sieben Fuss hoch, Schwert und Lanze dem angemessen. Auch Heinrich +der Achte war gewiss ein ansehnlicher Herr; die fuer ihn in seinem +achtzehnten Jahre verfertigte Ruestung gibt der des John of Gaunt +an Groesse wenig nach. + + + +Der Palast von Westminster + + +[Fussnote: Der Palast brannte 1834 ab. Im heutigen Parlamentsgebaeude +sind nur die Westminster Hall und die Krypta und der Kreuzgang +der St. Stephens Chapel aus der Zeit von Johannas Besuch. +Als Hauptgerichtshof diente die Hall bis 1883. Sie stammt vom +Palast Richards II. aus dem Jahre 1398.] + +In diesen Ueberbleibseln eines uralten, von Eduard dem Bekenner +erbauten Palastes thront jetzt die Goettin Themis [Fussnote: Goettin +der goettlichen und natuerlichen Ordnung.]. Gleich den Koenigen +von England ist auch sie schlecht logiert, und ihre Residenz +sieht von innen und aussen sehr zerfallen aus. Neugierig, +den Schauplatz so vieler merkwuerdiger Entscheidungen, den Tummelplatz +der beruehmtesten Redner der Welt zu sehen, eilten wir eines Morgens hin. + +Zuerst traten wir in die Westminster Halle. Es ist ein hoher, +gewoelbter Saal, zweihundertfuenfundsiebzig Fuss land und vierundsiebzig +breit. Man haelt ihn in England fuer den groessten in Europa, dessen Decke +nicht auf Saeulen ruht. Dies moegen wir nicht bestreiten, aber trotz +seiner Groesse gewaehrt er keinen brillanten Anblick. Die Waende sind +ohne alle Verzierungen, und die kuenstlich geschnitzte Decke +von Eichenholz nimmt sich, von unten aus gesehen, schon wegen +der braunen Farbe des Holzes nicht besonders aus. In der Naehe +betrachtet, sollen diese Verzierungen im gotischen Geschmacke +nicht ohne Kunstwert sein. + +In frueheren Zeiten diente diese Halle bei grossen Festen und +Schmausereien den Koenigen zum Speisesaal. Richard der Zweite soll +darin auf einmal zehntausend Personen bewirtet haben. Oft ward hier +das Parlament versammelt, hier war der grosse Gerichtshof, +in welchem der Koenig persoenlich praesidierte. Der unglueckliche +Karl der Erste [Fussnote: wegen seiner absolutistischen Bestrebungen +stand er im Gegensatz zu Parlament und Cromwell. Als er mit +den Schotten zu paktieren suchte, wurde er wegen Hochverrats +vor ein ausserordentliches Gericht gestellt, am 25. Januar 1649 +zum Tode verurteilt und am 30. vor seinem Palast Whitehall +enthauptet.] ward in dieser Halle verhoert und verurteilt, +und noch jetzt versammeln sich hier die Richter bei wichtigen +seltenen Rechtsfaellen, wenn ein Pair des Reichs oder irgendeine +andere sehr wichtige Person angeklagt wird. Gewoehnlich aber dient +diese Halle den Advokaten und ihren Klienten zur Promenade, +bis die Reihe sie trifft, bei Gericht vorgelassen zu werden. + +Wir sahen hier viele der ersteren in schwarzen Maenteln, mit grossen, +weissgepuderten Peruecken auf- und abwandeln. Sehr ungeniert +ging es uebrigens zu, jeder wandelte, wohin es ihm beliebte; +keine Wache, kein Tuersteher, niemand, der auf Ordnung hielte, +war sichtbar. Auch wir eilten ungestoert umher, traten von ungefaehr +hinter einen an der Seitenwand der Halle angebrachten Vorhang +und sahen uns ploetzlich zu unserem Erstaunen in einem nicht grossen, +nicht schoenen, aber ziemlich dunklen Zimmer, das uns wie eine +Dorfkapelle vorkam. Auf einer kleinen Erhoehung hinter einem Tische +sass ein schwarzbemaentelter Herr mit einer gewaltig respektablen +Staatsperuecke. Es sprach sehr angelegentlich und eindringend; +wir aber verstanden kein Wort von dem, was er sagte, denn +eine Menge Leute gingen mit grossen Geraeusche aus und ein und +machten einen Laerm, als waeren sie fuer sich allein zu Hause. +Zuweilen rief wohl irgend jemand: "Silence!", aber niemand +kehrte sich sonderlich daran, der Laerm dauerte fort nach wie vor. +Rund um den Tisch sassen dreissig bis vierzig andere Herren auf Baenken, +ebenfalls mit schwarzen Talaren und weissen, obgleich etwas +kleineren Peruecken. Alle schienen emsig beflissen, dem Redner +zuzuhoeren, so gut es sich bei so bewandten Umstaenden tun liess. +Zu unserem Erstaunen vernahmen wir, dies sei der hohe Gerichtshof, +High Court of Chancery, und der Herr obenan der Lordkanzler, +die anderen waeren die Richter, welche in diesem unruhigen Winkel +sich versammelten, um sehr bedeutende Prozesse zu entscheiden. +Man kann indessen von ihrer Entscheidung noch an das Oberhaus +appellieren. + +Verwundert ueber die leichte Art, mit der hier die wichtigsten Dinge +betrieben werden, irrten wir eine Weile im alten Palaste umher, +durch viele uralte gewoelbte Gaenge, Treppen auf und ab, kreuz und +quer; zuletzt fanden wir uns wieder nahe an der grossen Halle, +im Gerichtshofe von Kingsbench, Court of Kingsbench. + +Hier sah es nicht besser aus als im hohen Gerichtshofe; +derselbe Laerm, dieselbe Unordnung. Zwei Herren, mit Peruecken +angetan, die auf einer groesseren Erhoehung sich befanden, praesidierten; +einer von ihnen war der Oberrichter, Lord Ellenborough. Vor ihnen, +hinter Schranken, standen ein paar arme Teufel mit wahren +Armesuendergesichtern, ueber deren Haupt es eben herzugehen schien. + +Vor dem Gerichtshofe von Kingsbench werden fast alle Kriminal- und +Polizeiverbrechen gerichtet; der beruehmte Mr. Erskine [Fussnote: Thomas, +englischer Advokat und Staatsmann, seit 1805 Lord und Lordkanzler. +Verteidiger von Thomas Paine.] und sonst noch mehrere ausgezeichnete +Rechtsgelehrte treten hier oft als Verteidiger oder Klaeger +vor die Schranken. Hoffentlich goennt man diesen Maennern mehr +Aufmerksamkeit, als sonst hier gebraeuchlich ist. Nie und nirgends +sahen wir das, was doch erst das ernsteste Geschaeft der Welt ist, +die Entscheidung zwischen Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld, +Lohn und Strafe, Leben und Tod, auf eine so leichtsinnige Weise +betreiben. Keine Spur war zu erblicken von dem imponierenden Ernste, +der von jedem Richterstuhle unzertrennlich sein sollte. +Unbegreiflich ist es nur, wie Richter und Advokaten diesen Laerm +ertragen, ohne alle Aufmerksamkeit, fuer ihr Geschaeft zu verlieren. +Wir eilten hinaus und resignierten gern darauf, noch zwei Gerichtshoefe +zu sehen, die sich ebenfalls im Palaste von Westminster befinden +und in welchen es nicht besser hergeht als in den beiden, +welche wir besuchten. + +Da das Parlament leider nicht versammelt war, so wollten wir doch +wenigstens das Lokal sehen, in welchem das Oberhaus zusammenkommt. +Dies ist ein alter, mittelmaessig grosser, raeucheriger Saal. +Verblichene gewirkte Tapeten, welche den Sieg ueber die Armada +vorstellen, bekleiden die Waende; man ruehmt ihre Kunstwert, +aber die verheerende Zeit und der ihr treulich beistehende Staub +und Schmutz haben sie dermassen entstellt, dass wenig mehr +von ihrem ehemaligen Glanze zu entdecken ist. Am oberen Ende +des Saals, auf einer Erhoehung, steht der koenigliche Thron, +der wie der Baldachin einer vom Troedel geholten, altmodischen, +rotdamastenen Himmelbettstelle sich ausnimmt. Daneben, zur rechten +Hand, stand ein ebenso alter und unscheinbarer Lehnstuhl fuer +den Prinzen von Wales und zur Linken sechs Stuehle fuer die uebrigen +Prinzen. Mitten im Saal liegen vier grosse viereckige, mit rotem +Zeuge bezogenen Wollsaecke fuer die Lords, welche zugleich Richter +sind; die uebrigen Lords finden ihre Plaetze auf einigen zu beiden +Seiten stehenden Reihen Baenken. Ein sehr grosser Kamin vollendet +das Ganze; er ist mit einer Barriere von eisernem Gitterwerke +versehen, vermutlich damit niemand im Eifer des Debattierens +hineinfalle. + +So sieht der Saal aus, in welchem oft das Schicksal von Millionen +entschieden wird, der Saal, in welchem die ersten und maechtigsten +Glieder einer Nation sich versammeln, welche gern dem ganzen Erdball +Gesetze gaebe und noch nie fremde annahm. Vielleicht ist gerade +diese Unscheinbarkeit der sprechende Beweis des Stolzes, der, +auf innerem Bewusstsein ruhend, allen aeusseren Glanz verachtet. + +Im Unterhause sieht es nicht glaenzender aus; nur der Thron +und die Wollsaecke fallen weg, sonst ist die Einrichtung des Saals +ungefaehr die naemliche. Die Waende sind mit braunem Holze getaefelt, +und an einer Seite, oben, befindet sich eine Galerie fuer die, +welche den Sitzungen als Zuschauer beiwohnen wollen. Keine Frauen +werden hier waehrend derselben zugelassen. Auch moechten wenige es +ertragen koennen, sich zur Erhaltung eines guten Platzes schon +um neun oder zehn Uhr morgens einzufinden und dann oft bis +Mitternacht dort auszudauern. Indessen ist doch dafuer gesorgt, +dass man nicht verhungere; denn ein Gastwirt haelt in einem +unter dem naemlichen Dache befindlichen Kaffeezimmer Erfrischungen +fuer die Mitglieder des Unterhauses bereit; auch Fremden +ist's erlaubt, sich in seiner Kueche zu erquicken und zu staerken. +Es ist Sitte, dass man nach einer solchen Exkursion seinen Platz +in der Galerie unbesetzt wiederfindet. + +Urspruenglich war der Saal des Unterhauses eine Kapelle, vom +Koenige Stephan [Fussnote: Stephan von Blois, Enkel Wilhelm des Eroberers, +von 1135-1154 Koenig von England.] dem Schutzheiligen seines Namens +gewidmet. Der prachtliebende Eduard der Dritte stellte sie +in der ersten Haelfte des vierzehnten Jahrhunderts wieder her. +Heinrich der Sechste gab ihr ihre jetzige Bestimmung, liess sie +dazu einrichten und durch mancherlei Abteilungen zu Gaengen und +Nebenzimmern verkleinern. Leider ward dadurch eins der schoensten Werke +gotischer Kunst so gut als vernichtet. Vor mehreren Jahren riss man +einen Teil der Vertaefelung, welche die Waende bekleidet, herab, +um den Saal zu vergroessern. Mit Erstaunen entdeckte man die Ueberbleibsel +der reichen Verzierungen an der urspruenglichen Mauer und schloss +mit Bedauern aus diesem Wenigen auf die ehemalige Pracht des Ganzen. +Man fand unschaetzbare Spuren der Kunst jener Zeiten, wunderkuenstliches +Schnitzwerk, Malereien und Vergoldungen, frisch und glaenzend, +als waeren sie von gestern; besonders am oestlichen Ende der Kapelle, +wo man noch deutliche Spuren des Hochaltars sah. Seitenwaende +und Decke waren dort mit schoenem Schnitzwerke und alten Wappenbildern +ganz bedeckt; dazwischen einige lebensgrosse gemalte Figuren +und ein uraltes Gemaelde, die Anbetung der Hirten vorstellend, +fuer den Freund der Kunstgeschichte von unendlichem Werte. +Alles wurde barbarischerweise zerstoert und gaenzlich vernichtet, +um dem jetzt existierenden traurigen Saale Platz zu machen, +als gaebe es in ganz London keinen anderen Raum, in welchem +die Herren des Unterhauses sich versammeln koennten. Von aller +dieser Herrlichkeit blieb nur ein einziges schoenes gotisches Fenster, +durch welches die Sonne jetzt truebe blickt, als vermisse sie +den ehemaligen Glanz. + +Von aussen sah das ganze Gebaeude traurig und verfallen aus, sowie auch +die schoene, gegenueberstehende, dazugehoerige Kirche, die beruehmte +Abtei von Westminster. Man wendete wenig Muehe und Kosten daran, +diese Denkmaeler frueherer Zeiten zu erhalten, und sie schienen +allmaehlich ihrem Untergange zusinken zu wollen. + + + +Die Westminster Abtei + + +Diese Behausung beruehmter Toter steht oede und trauernd, selbst +einem grossen Grabmale vergangener Jahrhunderte aehnlich. Die alte +Herrlichkeit und Schoenheit der in der gewoehnlichen Kreuzform +erbauten gotischen Kirche kann man von aussen nur ahnen; +denn hier so wenig wie bei St. Paul ist ein Standpunkt zu finden, +von welchem es moeglich waere, das Ganze zu ueberblicken. Zwei schoene +viereckige Tuerme kroenen die hohe Zinne; jeder derselben ist nach +gotischer Art mit mehreren kleinen, leicht in die Luft sich +erhebenden Tuermchen geziert; ein praechtiges Portal fuehrt in +das innere Heiligtum. + +Vom Eingange an der Westseite ueberblickt man den ganzen Plan desselben. +Einem versteinerten heiligen Haine gleich, steht es vor uns +in seiner ehrwuerdigen erhabenen Pracht. Schlanke und doch +verhaeltnismaessig starke Pfeiler tragen das hohe, wie von Geisterhaenden +kuehn geschaffene Gewoelbe, an welchem Bogen ueber Bogen sich leicht +und luftig erheben. Jeder dieser Pfeiler besteht aus eine Gruppe +von fuenf Pfeilern, die sich zu einem einzigen vereinen. Das durch +die hohen bemalten Fenster verschleiert eindringende Sonnenlicht +verbreitet heilige Daemmerung ringsumher, ueber alle die unzaehligen, +mit unendlichem Kunstfleisse gearbeiteten Verzierungen, welche +diesen ehrwuerdigen Tempel schmuecken. + +Alles Alte darin ist gross, herzerhebend und erfreulich; +desto unangenehmer sticht alles Neuere dagegen ab. Besonders fremd +nimmt sich der moderne, von weissem Marmor im sogenannten +griechischen Geschmacke erbaute Altar in dem wunderherrlichen +alten Chor aus, in welchem die englischen Koenige gekroent werden. + +Auch die unzaehligen Momente, welche diese Kirche eigentlich ueberfuellen, +zerstoeren die Einheit des Gebaeudes. Ohne Ordnung und Wahl stehen sie +durcheinander, als haette man sie vor irgendeinem Unfalle hierher +gefluechtet und einstweilen hingestellt, wo eben ein freies +Plaetzchen zu finden war. Obendrein scheinen die wenigsten, +wenn man sie als Kunstwerke betrachtet, diese Sorgfalt zu +verdienen. Viele sehen in dieser hohen Umgebung nur um so +kleinlicher aus; oft sind Mauern aufgefuehrt, an die sie lehnen, +und obgleich es ein schoener Gedanke ist, dass eine grosse Nation +hier in ihrem heiligsten Tempel, bei den Graebern ihrer Koenige, +das Andenken grosser, verdienter Maenner dankbar aufbewahrt, +so kann man sich doch nicht enthalten zu wuenschen, dass dieses +auf eine weniger stoerende Weise geschehen sein moechte. +Ein grosser Teil der Ausfuehrung des schoenen Zwecks geht durch +die Art verloren, mit welcher alles unter- und uebereinander +gestellt ist. Durch Staub, Schmutz und unzaehlige Spinnweben +muss man sich draengen, um manches Monument in seinem engen Winkel +zu betrachten, und dabei den Kummer zu fuehlen, das wahrhaft +Schoene und Grosse durch soviel Mittelmaessigkeit verdraengt und +entstellt zu sehen. + +Eine Ecke in einem der kuerzeren Fluegel ward dem hoeheren Talent +gewidmet. Sehr unpoetisch nennt man diese Abteilung den Poetenwinkel, +The Poets Corner. Hier finden wir Goldsmith, Haendel, Shakespeare, +Garrick, Chaucer, Buttler, Thomson, Gay, Johnson, Milton, +Dryden und viele andere, nur nach Swift, Sterne und Pope +suchen wir vergebens. Der Platz ist sehr enge, und mancher +hochgefeierte Name muss sich in diesem Pantheon aus Mangel +an Raum mit einem unscheinbaren Winkel behelfen. Ein Medaillon +mit dem Profil des durch Talent und Schicksal unserem Hoelty +so nah verwandten Goldsmith ist ueber der Tuere angebracht. +Haendel sitzt schreibend und aufhorchend, als belausche er +die Melodie der Sphaeren und eile, sie auf dem Papiere festzuhalten. +Im koeniglichen Schmucke tritt Garrick hinter einem Vorhange +hervor und schaut entzueckt und geblendet die neue Szene. +Gedankenvoll lehnt Shakespeare an einem Postament und zeigt +auf eine herabhaengende Pergamentrolle mit folgender Inschrift +aus seinem "Sturm: + + "So werden + Die wolkenhohen Tuerme, die Palaeste, + Die hehren Tempel, selbst der grosse Ball, + Ja, was daran nur Teil hat, untergehen, + Spurlos verschwinden. Wir sind solcher Zeug + Wie der zu traeumen, und dies kleine Leben + Umfasst ein Schlaf." + +Unter den im uebrigen Teil der Kirche zerstreuten Denkmaeler wird das dem +Lord Mansfield gewidmete und von den Englaendern besonders hoch gehalten. +Es ist vom juengeren Flaxmann gearbeitet [Fussnote: John (1755-1826), +bekannter Bildhauer und Illustrator]. Dieses und das des Lords Chatham, +Vater des beruehmten William Pitt [Fussnote: im Gegensatz zu seinem Vater +der juengere Pitt genannt (1759-1806). War zweimal Premierminister. Seine +groessten Verdienste um das Staats- und Wirtschaftsleben Grossbritanniens +waren die Ostindische Bill, die Verfassung Kanadas und die Union mit +Irland. Vorkaempfer gegen Napoleon.], wurden jedes mit sechstausend Pfund +Sterling bezahlt. Lord Mansfield, in der weiten, der plastischen Kunst +gar nicht vorteilhaften Tracht der englischen Richter, sitzt in ziemlich +ungrazioeser Stellung auf dem Richterstuhle; eine Hand stuetzt sich auf's +Knie, die andere haelt eine Pergamentrolle. Neben seinem Sitze, etwas +niedriger, stehen Weisheit und Gerechtigkeit, hinter ihm der die Fackel +ausloeschende Tod, gewagt genug in der Gestalt einer schoenen, nackten, +weiblichen Figur dargestellt. + +Hoch auf dem Piedestal, in Rednerstellung, steht Lord Chatham; +viele Tugenden weinen zu seinen Fuessen und lassen es unentschieden, +ob seine Rede sie ruehrt, oder ob er Dinge sagt, ueber welche +die Tugend weinen muss. + +Auch die traurigen Manen des ungluecklichen Majors Andree, der im +amerikanischen Kriege vom erbitterten Feinde als Spion gehaengt ward, +finden hier ein ehrenvolles, seinem Andenken geweihtes Monument. + +Zwoelf an die Kirche sich anschliessende Kapellen enthalten die Asche +der Koenige und einiger sehr vornehmer Familien. Seit Elisabeths +Zeiten ward keinem Koenige ein Monument hier errichtet, obgleich +alle hier begraben lieben. + +Gern betrachteten wir jene alten Denkmaeler; fast alle sind grosse, +viereckige Sarkophage, auf welchen die Statue des Verstorbenen +in voelliger Staatskleidung ausgestreckt daliegt, mit gefalteten +Haenden, ruhig wie im Schlummer. Keine Zerrbilder fanden wir +wie in Paris aux petits Augustins, wo Franz der Erste, Maria +von Medici und Karl der Neunte in den graesslichsten Verzerrungen +des Sterbens, mit wild zerstreutem Haare, fast nackt, in +entsetzlichen Konvulsionen auf ihren Graebern abgebildet liegen. +Geruehrt standen wir hier am Grabe der Maria Stuart. Man hat sie +unweit ihrer Todfeindin und Moerderin gebettet; das Gesicht ihrer +Statue war durch die Zeit fast unkenntlich geworden. + +Die aelteste der zwoelf Kapellen enthaelt das Grab Eduards des +Bekenners [Fussnote: angelsaechsischer Koenig (1042-66) +[Fussnote: Koenig von England (1272-1307); er kehrte 1274 aus +dem Heiligen Land zurueck, nachdem er mehrere Jahre dort gekaempft +hatte.); es war mit Mosaik von farbigen Steinen geziert, +welche leider groesstenteils von ungezogenen Altertumsfreunden +ausgebrochen und mitgenommen wurden. + +Eduard der Erste ruht ebenfalls hier; neben ihm seine Gemahlin, +Eleonore von Kastilien, dieses Muster ehelicher Lieber und +Treue bis in den Tod. Als ihr Gemahl noch Kronprinz war, +zog auch er 1274 zum frommen Kriege ins gelobte Land. +Eleonore begleitete ihn, achtete nicht der weiten, gefahrvollen +Reise, wollte lieber alles Ungemach dulden, als von dem +so hoch Geliebten entfernt lebten. Gestaerkt durch ihren Anblick, +angefeuert durch ihren Mut, richtete er siegend unter den Sarazenen +bald grosse Verwuestungen an. Die Unglaeubigen raechten sich +aber fuerchterlich und tueckisch. Sie sandten Meuchelmoerder +gegen ihn aus, die ihn mit einem toedlich vergifteten Pfeile +am Arme verletzten. Die Moerder fielen zwar unter den raechenden +Schwertern seiner Getreuen, aber Eduard ward bewusstlos +in sein Zelt getragen. Die Aerzte gaben ihn ohne Rettung verloren, +wenn nicht einer seiner Diener das Gift aus der Wunde zu saugen +und das Leben des Gebieters mit Aufopferung des eigenen Lebens +zu erhalten sich entschloesse. Starr und stumm standen all +um das Sterbebette ihres kuenftigen Koenigs; sie hatten oft +dem Tode in seiner furchtbarsten Gestalt getrotzt, dennoch +konnte keiner zu diesem Opfer sich entschliessen. Da eilte Eleonore +herbei; niemand durfte es wagen, sie zu hindern; sie warf sich +auf den verwundeten Arm, und bald schlug der Gerettete die +Augen wieder auf. Mit welchem Gefuehl er auf diese Weise sich +dem Leben wiedergeschenkt sah, wie sie, fuerchtend ihn auf's +neue zu vergiften, es nicht wagte, ihn zum letzten Mal +an die treue Brust zu druecken, und nur von ferne, zitternd +vor Freude, vor ihm stand, dafuer haben wir keine Worte. +Konnte das Gift diesem engelreinen Wesen nicht schaden? +War es vielleicht nur bei einer aeusseren Verletzung toedlich? +Dies wissen wir nicht; genug, Eleonore lebte noch mehrere Jahre +ein glueckliches, schoenes Leben an der Seite ihres Gatten, +teilte bald darauf mit ihm den Thron und fand erst neunzehn Jahre +spaeter hier ihre letzte Ruhestaette. + +So erzaehlt die Sage, und zu schoen, um ihre Wahrheit zu bezweifeln, +obschon einige beruehmte Geschichtsschreiber diese ruehrende +Begebenheit nicht erwaehnen. + +Auch auf diesem Sarkophage ist die Gestalt der darunter +Schlummernden abgebildet. Die Kunst war damals noch in der +Kindheit, aber diesmal fuehrte ihr Genius den Meissel des Kuenstlers, +ein schuetzender Engel wachte ueber das Bild und barg es vor +der zerstoerenden Zeit. Eleonorens Gesicht strahlt noch von +hoher Schoenheit und wunderbarer Guete und Milde auf dieser +ihre Zuege der Nachwelt aufbewahrenden, wohlerhaltenen Abbildung. + +Die Graeber Eduards des Dritten [Fussnote: Koenig von England +[1327-77)] und Heinrichs des Dritten [Fussnote: Koenig von England +(1216-72)] sind ebenfalls in dieser Kapelle. + +Das Monument Heinrichs des Dritten, ein merkwuerdiges Denkmal +alter Kunst, ist reich verziert mit Porphyr, Mosaik und +Vergoldungen; seine in Erz gegossene Statue ruht darauf. +Hier stehen auch die alten Sessel, auf welchen die Koenige +bei der Kroenung sitzen; in einen derselben ist der Stein eingefuegt, +welcher den Koenigen von Schottland zum Koenigsthrone diente. +Eduard der Erste liess ihn von Scone, welches die Leser aus dem +ersten Teile dieser Erinnerungen kennen, hierher bringen. + +Die dicht daran stossende Kapelle Heinrichs des Fuenften +[Fussnote: Koenig von England (1485-1509] ist wegen ihrer +altertuemlichen Pracht eine der merkwuerdigsten. Leider liegt der +gute Koenig ohne Kopf auf seinem Grabmale, auch Reichsapfel und +Zepter sind seinen Haenden entrissen. Alles dies war, dem +solide Pracht liebenden Geschmack jener Zeit gemaess, ganz von +gediegenem Silber und konnte selbst in diesem Heiligtume +der schlauen Habsucht listiger Diebe nicht entgehen. + +Neun andere Kapellen, verschiedenen Heiligen geweiht, deren +Namen sie noch fuehren, enthalten viele fuer den Altertumsforscher +hoechst merkwuerdige Gegenstaende, viele Belege zur Geschichte +des Kunstgeschmacks und der Lebensweise im Mittelalter; +selbst das uralte hoelzerne Monument des saechsischen Koenigs Sebert, +welcher zuerst an diesem Orte eine Kirche erbaute. + +Merkwuerdig war uns das Grab eines Grafen Leicester wegen +seiner Aehnlichkeit und zugleich Unaehnlichkeit mit dem beruehmten +Bettstelle des Grafen von Gleichen. Gar stattlich ruht +der edle Graf im ritterlichen Schmucke, mitten auf dem +ungeheuer breiten Sarkophage, den er sich selbst errichten liess; +neben ihm, zur rechten Hand, in holder Bescheidenheit, +seine erste Gemahlin; aber der ziemlich weite Platz zur Linken +ist leer. Seine zweite Gemahlin konnte unmoeglich sich entschliessen, +ihrer wenn auch toten Nebenbuhlerin im Range zu weichen, sie wollte +durchaus nicht mit der linken Hand vorlieb nehmen, waehrend +ihre Vorgaengerin zur Rechten laege. Noch auf dem Totenbette +war es bis zum letzten Augenblicke die angelegentlichsten Sorge +der rangsuechtigen Frau, solche Unbilde zu verhindern. Sie erreichte +ihren Zweck, man begrub sie anderswohin; niemand weiss, wo ihre +Gebeine ruhen. Das Andenken ihres Lebens waere laengst verschollen, +wenn nicht das ihrer Torheit auf dieser leeren Stelle kommenden +Jahrhunderten aufbewahrt worden waere. + +Alle diese Kapellen sind mit der Westminster Abtei unter einem Dache, +nur die letzte und schoenste, die Kapelle Heinrichs des Siebenten, +[Fussnote: Koenig von England 1485-1509)] ist daran angebaut, +so dass nur der Eingang dazu in der Kirche steht. + +Dies Gebaeude ist eines der schoensten seiner Zeit, aber leider +sahen wir es in einem unverantwortlich vernachlaessigten Zustande, +mehr noch als die Kirche selbst. Kaum wurde das Dach desselben +notduerftig unterhalten; haette man die langsam zerstoerende Zeit +noch laenger ungehindert fortwueten lassen, so waere bald alles +zu einer schoenen Ruine zusammengesunken, die ueberall sich besser +ausgenommen haben wuerde als an dieser, dem heiligen Andenken +grosser Vorfahren geweihten Stelle. Von aussen ist die Kapelle +mit aller Pracht der gotischen Baukunst geschmueckt, das Ganze +im schoensten Ebenmasse, leicht und erfreulich. Vierzehn schoene +durchbrochene Tuerme sind die Hauptzierde. Zum Eingange, von der +Kirche aus, dient ein praechtiges, in Stein gehauenes Portal, +welches drei sehr kuenstlich gearbeitete Gittertueren von +vergoldetem Eisen verschliessen. Die Decke ist ueber und ueber mit +schoener Bildhauerarbeit von Stein geschmueckt, schoene, gewoelbte +Bogen, unterstuetzt von Pfeilern im reinsten Ebenmasse, praechtige +Fenster, herrliches Schnitzwerk, alle Pracht gotischer Architektur +ist hier zu finden. Unmoeglich kann man dieses schoene Ueberbleibsel +frueherer Zeit zu hoch preisen, und wohl waere es wuenschenswert, +dass die Kapelle einen Freund und Verehrer faende, wie der Dom +von Koeln ihn an dem Herrn von Boisseree fand, [Fussnote: Sulpiz +und Melchior, zwei Brueder, gebuertige Koelner, deutsche Kunstsammler +und -historiker, mit Goethe befreundet. Sulpiz (1783-1854) +vor allem war es, der durch eine Beschreibung die Vollendung +des Koelner Doms anregte. + +Zum ueblen Erhaltungszustand hat Johanna in der Ausgabe von 1830 +in einer Anmerkung ergaenzt: "Dieser Wunsch ist seit dem ersten +Erscheinen dieses Buches erfuellt, und auch fuer die bessere +Erhaltung der Westminsterabtei wird Sorge getragen."] welcher +der kommenden Zeit wenigstens im treuen Bilde ein Andenken +der sichtbar hinsinkenden Herrlichkeit aufbewahrte. + +Mitten in der Kapelle steht das Grab Heinrichs des Siebenten +von schwarzem Basalt, verziert mit vergoldeter Bronze, +umgeben von einem ebensolchen, sehr praechtigen Gelaender. +Sechs Basisreliefs und vier Statuen von vergoldetem Erze +schmuecken dies Werk des Florentiners Pietro Torregiano. + +Ausser diesen wirklich merkwuerdigen und ehrwuerdigen Kunstwerken +werden hier auch aufgewahrte Wachsbilder alter Koenige und +Koeniginnen in alten Glasschraenken gezeigt. Wahre Vogelscheuchen, +die dem Untergange laengst haetten uebergeben werden sollen. +Nur das leiht ihnen einiges Interesse, dass sie mit den naemlichen +Kleidern angetan sind, welche die hohen Herrschaften bei Lebzeiten +trugen. Wuesste besonders die Koenigin Elisabeth, welch ein +haessliches Bild von ihr die Nachwelt hier anstaunt, so wuerde +die ihr im Leben so eigen gewesene Eitelkeit ihr noch im Grabe +keine Ruhe lassen. + + + +LONDONS UMGEBUNGEN + + +Windsor + + +[Fussnote: von Eduard dem Bekenner erstmals erbaut; Eduard III. +liess es niederreissen und durch William of Wykeham im 14. Jahrhundert +ein neues Schloss bauen. Es wurde unter den folgenden Herrschern +mehrfach erweitert, zuletzt im 19. Jahrhundert unter Georg IV., +und Koenigin Victoria unter Leitung des Architekten Sir Jeffrey +Wyattville.] + +An dem suedlichen Ufer der Themse, zweiundzwanzig englische Meilen +westlich von London, thront auf einer Anhoehe das alte stattliche +Schloss von Windsor. Von dieser herab geniesst man eine der +ausgebreitetsten Aussichten auf die schoene, reiche Gegend umher. +Wunderbar kontrastiert diese mit dem ernsten Anblicke des Schlosses, +seinen alten Mauern und mit Efeu umrankten Tuermen. + +Wilhelm der Eroberer erbaute dieses Schloss, kurze Zeit nachdem er +sich zum Herrn von England gemacht hatte. Mit einer Mauer umgab +es Heinrich der Erste und vergroesserte es. Spaeter erwaehlte Eduard +der Erste Windsor zu seinem Lieblingsaufenthalte, und Eduard der +Dritte ward hier geboren. Vorliebe fuer den Ort, an welchem seine +Wiege stand, bestimmte diesen, das Schloss, welches er zu seiner +Sommerwohnung waehlte, nach einem neuen Plane praechtiger zu bauen. +Auch Koenig Karl der Zweite wendete viel auf die Verschoenerung +von Windsor, und seit seiner Zeit blieb es der Lieblingsaufenthalt +der Koenige von England und ihre gewoehnliche Sommerwohnung. +Unter der Regierung Georgs des Dritten ist ebenfalls manche +Veraenderung und Verschoenerung damit vorgenommen worden. +Der Schlossgraben ward ausgefuellt, ein Huegel, welcher die Aussicht +gegen Morgen beschraenkte, wurde geebnet, Festungswerke wurden +abgetragen. Dennoch sieht das Schloss noch immer ehrwuerdig und +altertuemlich genug aus, obgleich es viel von seinem ersten +imponierenden Ansehen verloren haben mag. + +Es hat zwei Hoefe, den oberen und unteren; beide werden durch den +sogenannten runden Turm, die Wohnung des Kommandanten, voneinander +getrennt. An der Nordseite des oberen Hofes befinden sich die Staats- +und Audienz-Zimmer, an der Ostseite die Appartments der Prinzen +und gegen Sueden die der vornehmsten Kronoffizianten. Der untere Hof +ist wegen der St. Georgen Kapelle bemerkenswert. Die verschiedenen +Saele und Staatszimmer zieren Tapeten und Malereien, bald von hoeherem, +bald von geringerem Werte. An allen ist die Wirkung der Zeit sichtbar, +und sie machen im Ganzen keinen heiteren Eindruck. Der merkwuerdigste +unter den Saelen ist der Georgen-Saal, der Kapitelsaal der Ritter +des Ordens vom Hosenbande [Fussnote: Order of the Garter; angesehenster +englischer Orden. Gestiftet von Eduard III. Der Ueberlieferung zufolge +verlor Eduards Geliebte, die Graefin Salisbury, bei einem Tanz +ihr blaue Strumpfband. Der Koenig hob mit dem Band auch den Rocksaum +der Graefin auf und entbloesste dabei ihre Beine. Bis in das 19. Jahrhundert +hinein war es zwar schicklich, die Bueste mehr oder minder frei +zur Schau zu stellen, nicht jedoch irgend etwas von den Beinen +zu zeigen. Aus dieser Situation wird der Wahlspruch abgeleitet.]. +Er ist einhundertacht Fuss lang, am Ende desselben steht der +koenigliche Thron, ueber diesem sieht man das St. Georgen-Kreuz +in einer Glorie, umgeben mit dem von Amoretten getragenen Strumpfbande +und der bekannten Inschrift: Honny soit qui mal y pense. + +Die Staatszimmer haengen voll Gemaelden, welche man aus Mangel an Zeit +nur zu fluechtig betrachten muss. Dem Anschauer werden im Voruebereilen +die Namen der groessten Meister wie Tizian, Poussin, van Dyck, Holbein +und viele andere genannt. Auch eine heilige Familie von Raffael +und eine Anbetung von Paul Veronese zeigt man den Fremden als die Krone +der Versammlung. + +Der schoenste Punkt von Windsor Castle ist die grosse, in ihrer Art +einzige Terrasse. Sie erstreckt sich laengs der oestlichen und +eines Teils der noerdlichen Seite des Schlosses, ist +eintausendachthundertsiebzig Fuss lang und von verhaeltnismaessiger Breite. +Die Aussicht auf die Themse, welche sich durch eine der reichsten +Landschaften hinschlaengelt, auf die mannigfaltigen Landhaeuser, +Doerfer und Flecken, die ihre Ufer beleben, auf den parkaehnlichen Wald +von Windsor und die in der Naehe liegenden Gaerten, ist ueber alle +Beschreibung schoen und reizend. + +Nicht im eigentlichen Schlosse von Windsor wohnte die koenigliche +Familie Georgs des Dritten, sondern in einem modernen Gebaeude, +welches der suedlichen Terrasse gegenueberliegt. Hinter diesem Gebaeude +erstreckt sich ein wohlangelegter Garten, den man von einem Winkel +der grossen Terrasse uebersieht. In ihm befindet sich ein zweites +Gebaeude, das die Prinzessinnen bewohnten. + +Die Koenigin besass nahe bei Windsor noch ein kleines, buergerlich +aussehendes Haus mit einem unbedeutenden Garten. Diese Besitzung, +welche sie sehr liebte, heisst Frogmore. Hierher machte sie oft +Landpartien mit ihren Toechtern und einigen Lieblingen unter ihren +Damen. Kleine laendliche Feste an den Geburtstagen der Prinzessinnen, +Fruehstuecke und dergleichen wurden hier gegeben, in einem sehr +beschraenkten Familienzirkel. + +In Windsor musste man vor der traurigen Krankheit Georgs des Dritten +die koenigliche Familie sehen, um sich von ihrer Lebensweise uns +Persoenlichkeit einen Begriff zu machen. Hier fielen die Schranken, +welche Etikette und strenge Eingezogenheit in London um sich zogen. +Dort hatte man kaum Gelegenheit, sie zu Gesichte zu bekommen, +wenn man sich nicht praesentieren lassen wollte. Im Theater +erschienen sie sehr selten, und beim Spazierenfahren oder Reiten +eilten sie zu schnell vorueber, als dass man die Gestalten auffassen +konnte. + +Waehrend ihres Aufenthaltes zu Windsor hingegen sah man sie alle +Sonntage morgens in bescheidenen Neglige, nach englischer Sitte, +beim Gottesdienst in der Georgen-Kapelle versammelt. War der Koenig +gesund, so versaeumte er auch an Wochentagen nie, um sieben Uhr +des Morgens in der koeniglichen Kapelle im oberen Hofe des Schlosses +seine Morgenandacht feierlich zu halten, wobei ebenfalls +jedermann zugelassen wurde. Spaeter traf man ihn vormittags oft +in den Wirtschaftsgebaeuden, in den Pferdestaellen, ueberall. +Er trug dann einen einfachen, dunkelblauen Oberrock, mit einer +runden braunen Peruecke, die ihm voellig das Ansehen eines +wohlhabenden Paechters gab. Er pflegte es nicht ungern zu hoeren, +wenn man ihn Farmer George nannte; laendliche Oekonomie war in +frueheren Zeiten seine Lieblingsbeschaeftigung. + +An jedem heiteren Sonntagabend promenierte die ganze Familie +auf der grossen Terrasse, und dieses gewaehrte dann einen +in seiner Art einzigen Anblick. Von der einen Seite die grauen +altertuemlichen Mauern des Schlosses mit ihren Zinnen und Tuermen, +von der anderen die oben erwaehnte reiche Aussicht auf den Strom, +Feld und Wald im verklaerenden Glanze der sinkenden Sonne, +und nun das bunte draengende Gewuehl aller Staende, jeden Alters, +beinahe jeder Nation; denn kein Fremder versaeumte es leicht, +Windsor wenigstens einmal von London aus an einem Sonntage +zu besuchen. Zu der Menge von Fremden gesellten sich die Bewohner +der umliegenden Gegend, vom vornehmen Gutsbesitzer bis zum +geringsten Landmann; zwischen ihnen bewegten sich schwerfaellige +Bewohner der City mit ihren wohlbeleibten geputzten Ehehaelften +und zierlichen trippelnden Misses. + +Auch wir waren an einem Sonntage gleich den anderen Fremden +nach Windsor gefluechtet und mischten uns unter die bunte Menge. +Auf und ab wogte das Gewuehl, die grosse Terrasse war fast +zu enge. Um sieben Uhr erschienen zwei Banden militaerischer +Musik auf der Schlossmauer an beiden Ecken der Terrasse. +[Fussnote: dazu Johanna: "In England sagt man immer eine Bande +Musiker. Uns duenkt dies recht charakteristisch."]. Beide +spielten gar lustig God save the King, ohne sich sonderlich +umeinander zu kuemmern; die Entfernung und das Geraeusch waren +auch zu gross, als dass sie viel voneinander haetten hoeren koennen. +Mit dieser beliebten Melodie fuhren sie ohne weitere Abwechslung +den ganzen Abend fort zu musizieren. Die koenigliche Familie +erschien bald darauf; ein einziger Konstabler ging mit dem Stabe +voraus, um nur einigermassen Raum fuer sie zu machen. Man draengte +sich von allen Seiten um sie her. Der Koenig ging zuerst, +an seiner Seite die Koenigin. Wo er einen Bekannten erblickte, +redete er ihn an oder nickte ihm einen freundlichen Gruss zu, +ohne Unterschied von Rang und Stand. Neugierig forschte er +nach den Namen jeder ihm aufzufallenden Gestalt, und wir hoerten +verschiedentlich, wie er nach seiner alten, durch Peter Pindar +so bekannt gewordenen Gewohnheit ein einsilbiges Wort oft +drei- bis viermal hintereinander wiederholte. Mit dem Astronomen +Herschel sprach er, so oft er ihm begegnete, einige Worte; +auch die Koenigin war ausgezeichnet freundlich gegen diesen +ihren Landsmann. Die Promenade schien ihr viel weniger Freude +zu machen als ihrem Gemahl, an dessen Arm sie hing. Das Gehen +auf den hohen, spitzigen Absaetzen, die sie noch immer trug, +wurde ihr sichtbar schwer; sie war sehr klein, und in dem +grautaftenen Kleide, welches sie hoch in die Hoehe nahm, +mit einem altmodischen Maentelchen von weissem Taft, sah sie gar +nicht koeniglich aus. Der Koenig schien oft ganz zu vergessen, dass er +sie fuehrte, und ging, stand oder kehrte ploetzlich um, wie es ihm +eben gefiel. + +Hinter dem koeniglichen Paare wandelten die beiden aeltesten Prinzessinnen +am Arme einer Hofdame. Die zweite, Mary, hat ein interessantes Gesicht. +Jetzt folgte die Prinzessin Elisabeth, auf zwei Hofdamen gestuetzt. +Nach der Prinzessin Elisabeth folgten die beiden juengeren Schwestern +am Arme ihres Bruders, des Herzogs von Cambridge. So zogen sie +in Prozession durch das Gewuehl auf und ab; stand der Koenig, +so standen alle, wendete er um, so folgten sie ihm. + +In der Zeit von anderthalb Stunden begegneten wir ihnen +wenigstens zwanzigmal, denn so wie der Koenig an einen etwas +menschenleeren Teil der Terrasse kam, kehrte er um. Diese Promenaden +machten ihm viel Vergnuegen; selten kehrte er vor der Daemmerung +nach Hause. Wir waren ihrer eher ueberdruessig als er, denn er +wandelte noch ganz munter umher, als wir die Terrasse verliessen. + +Das Staedtchen Windsor hat wenig Ausgezeichnetes; es zieht sich +den ganz betraechtlichen Huegel hinan, auf welchem das Schloss liegt. +Die Strassen sind folglich bergig und unbequem zum Fahren und +Gehen; auch die Gasthoefe fanden wir weniger gut, als man es +in dieser Naehe des Hofes vermuten sollte. + +Das Dorf Eton, bekannt durch die hohe Schule Eton College, +liegt am Fusse des Huegels, jenseits der Themse, und wird nur +durch eine Bruecke von der Stadt Windsor getrennt. Die Schulgebaeude +zeichnen sich nicht durch ihre Bauart aus; die Kapelle aber +ist ein schoenes gotisches Gebaeude, welches die reiche Landschaft +noch mehr verschoenert. Heinrich der Sechste stiftete und erbaute +diese Schule im Jahr 1440. Sechzig Pensionaere werden dort +auf Kosten des Koenigs erzogen, aber auch Soehne guter Familien +fuer Bezahlung darin aufgenommen. Die Schueler sind in zwei Klassen +geteilt, deren jede noch drei Unterabteilungen hat. Die Erziehung +in diesen Anstalten, sowie auch das Studieren in Oxford und +Cambridge haben noch viel Strenges und Kloesterliches, sogar +in der Kleidung. Im Monat August werden die Schueler in Eton +examiniert und diejenigen ausgewaehlt, welche nach Cambridge +gehen sollen, um ihre Studien fortzusetzen. Die zwoelfe unter +diesen, die sich im Examen am besten auszeichnen, haben das Recht, +nach drei Jahren Mitglieder der Universitaet Cambridge zu werden, +Fellows of the University, welches ehrenvoll und eintraeglich ist. +Die Bibliothek in Eton ist bedeutend. Weitlaeufige, wohlunterhaltene +Gaerten umgeben die Schulgebaeude. + + + +Die Gaerten von Kew + + +Durch den Hyde Park hindurch, vorueber an den schoenen Gaerten +von Kensington, fuehrt der Weg zu diesen, besonders in botanischer +Hinsicht mit Recht beruehmten koeniglichen Gaerten. + +Vier englische Meilen faehrt man von Kensington nach Kew zwischen +einer seltenen ungebrochenen Reihe eleganter, mit zierlichen +Grasplaetzen und Gaerten eingefasster Landhaeuser. Groesstenteils +sind diese der Aufenthalt wohlhabender Londoner Familien, +deren Haeupter in der Stadt ihren Geschaeften nachgehen, waehrend Frau +und Kinder, fern von der dunstigen Atmosphaere der City, sich hier +einer reineren Luft und aller Annehmlichkeiten eines laendlichen +Aufenthalts in der schoenen Gegend erfreuen. Oft schon erwaehnten +wir in diese Blaettern der unbeschreiblichen Reize, welche Sauberkeit, +Geschmack und augenscheinliche Wohlhabenheit diesen halb staedtischen, +halb laendlichen Wohnungen geben; beinahe ist es unmoeglich, +nicht immer in neue Lobsprueche auszubrechen, so oft man ihrer gedenkt, +und sich dabei des Gefuehls von haeuslicher Ruhe und behaglichen +Wohllebens erinnert, welches ihr blosser Anblick selbst dem +voruebereilenden Wanderer einfloesst. + +Nur die Gaerten sind in Kew merkwuerdig; das Haus des Koenigs ist klein, +unbedeutend und dient ihm und seiner Familie bei den nicht seltenen +Morgenpromenaden zu diesem Lieblingsorte nur gelegentlich zum +Absteigequartier. Es wird nie von der koeniglichen Familie bewohnt +und ist auch auf keine Weise solcher Bewohne wuerdig. Indessen +war man waehrend unseres dortigen Aufenthalts beschaeftigt, +ein grosses massives Gebaeude zum kuenftigen Witwensitz der Koenigin +zu erbauen [Fussnote: Caroline von Braunschweig, Gattin Georgs IV., +1818 hier gestorben.]. Nie sahen wir etwas Ungeschickt-Schwerfaelligeres +als diese, im seinsollendgotischen, ganz verfehlten Geschmack +aufgetuermte Steinmasse. Ungeheuer dicke Mauern, kleine, +spaltenaehnliche Fenster, dicke, unbeholfene Saeulen geben ihr +eher das Ansehen eines Staatsgefaengnisses als der Wohnung einer Koenigin. + +Die botanischen Gaerten von Kew vereinigen eine unzaehlige +Mannigfaltigkeit von Pflanzen aller Weltteile, aller Zonen, +und gehoeren gewiss zu den merkwuerdigsten in Europa, wenn sie nicht +vielleicht alle uebrigen uebertreffen. Die ueberall wehende englische +Flagge brachte von den entferntesten Ufern auf diesen kleinen Punkt +fast alles zusammen, was nur auf Erden waechst. Von der Zeder +des Libanons bis herab zum bescheidenen Heidekraut findet alles hier +Pflege, Boden und Klima, wie es sie bedarf, um nicht nur kuemmerlich +zu vegetieren, sondern ueppig zu wachsen, zu gruenen und zu bluehen. +Der Koenig liebte die Botanik, er wandte viel Geld und Muehe +auf diese Gaerten und freute sich ihres Gedeihens. Der beruehmte +Weltumsegler Sir Joseph Banks nahm sie unter seine spezielle Aufsicht, +und seine, in den entferntesten Weltgegenden mit unsaeglicher Muehe +und Gefahr erworbenen botanischen Kenntnisse fanden hier ein weites, +fruchtbares Feld. Auf diese Weise musste etwas sehr Vollkommenes +entstehen. Das durch die waermende Seeluft unendlich gemilderte Klima, +der natuerlich warme Boden Englands tragen das ihrige bei, +um der Anstalt das hoechste Gedeihen zu geben. Hier, wo der Winter +den Wiesen ihren gruenen Teppich nie raubt, wo die Herden das ganze Jahr +hindurch im Freien ihre Nahrung finden, wird jede aus einem milden +Klima hergebrachte Pflanze bald einheimisch. Sehr viele, welche +selbst im suedlichsten Teile von Deutschland den groessten Teil des Jahres +im Hause gehalten werden muessen und nur waehrend der Sommermonate dort +der Luft ausgesetzt werden duerfen, wachsen hier ueppig im Freien, +wie in ihrem Vaterlande, zum Beispiel die grossblaettrige Myrte, +der duftende Heliotrop und noch viele mehr. + +Es ist eine grosse Freude, auf den festgewalzten, bequemen Kieswegen +dieser Gaerten zwischen mannigfaltig geformten Blumenbeeten +zu wandeln und sich an dem freundlichen, ewig wechselnden Spiele +der Natur mit Farben und Formen zu ergoetzen; dann in die grossen +Treibhaeuser zu treten, in jedem derselben eine andere neue Welt +zu finden, in dem einen die seltensten Produkte des gluehend heissen +Afrika, im anderen alles zu bewundern, was im suedlichen Amerika +waechst; dann wieder sich an den Pflanzen milderer Zonen zu erfreuen, +und doch immer das auf einem Punkte vereinigt zu sehen, was +zusammengehoert und gleichsam ein fuer sich bestehendes Ganzes ausmacht. + +Auch die lebendigen Blumen der Luefte werden hier gepflegt. +Eine grosse Voliere vereinigt eine Menge der schoensten auslaendischen +Voegel, die darin, wenigstens in scheinbarer Freiheit, ihr lustiges +Wesen treiben, als waeren sie zu Hause. In einer groesseren Abteilung +des Gartens werden eine Menge der schoensten Gold- und Silberfasanen +gehalten, neben ihnen stolzieren praechtige, zum Teil seltene Pfauen +und mehrere andere Arten groesserer fremder Voegel. Mitten in dieser +Abteilung des Gartens befindet sich ein Teich mit einer Insel, +auf welcher ein chinesischer Pavillon erbaut ist. Wasservoegel +aller Art, mit langen und breiten Schnaebeln, schwimmen auf den +silberhellen Wellen, oder wandeln auf langen Stelzbeinen +gravitaetisch am Ufer. Alles dieses fremde Volk ist froh und +lustig, als waere es im Vaterlande. + +Auf einer grossen gruenen Wiese sahen wir ein anderes lustiges +Schauspiel; einige vierzig Kaenguruhs huepften darauf in voelliger +Freiheit umher. + +Nichts Laecherliches gibt es in der Natur als diese wunderlichen +Tiere. Sie wandeln mit Hilfe ihrer langen Schwaenze aufrecht und +machen dabei ganz gewaltige Saetze. Die kurzen Vorderbeinchen, +die sie zum Gehen gar nicht brauchen koennen, halten sie auf eine +possierliche Art vor der Brust. So aufrecht haben sie wohl +Mannshoehe. Neugierig gucken die Jungen aus dem Beutel, in welchem +die Muetter sie tragen, in die weite Welt. Macht die Mama einmal +zu arge Spruenge, so faellt wohl so ein liebes Kleines aus dem +Beutel heraus auf die Erde, wird aber gleich wieder sorgfaeltig +aufgehoben und eingesteckt. Bisweilen erzuernten sich ein paar +Maennchen und fochten miteinander, indem sie, auf einem Hinterfusse +und dem Schwanze stehend, sich mit dem langen scharfen Nagel +am anderen Hinterbeine gewaltige Hiebe versetzten. Lange sahen wir +dem argen, wilden Treiben dieses naerrischen Volkes zu, das uns +oft lautes Lachen abnoetigte. + +Als wir die eigentlichen Lustgaerten von Kew zu sehen wuenschten, +ging unsere alte Not wieder an. Sie wurden nur sonntags gezeigt, +und wir waren an einem Wochentage da. Als kein Zureden, kein +Bitten, keine Vorstellungen etwas fruchteten, wurden wir +verdriesslich und liessen unseren Unmut untereinander in gutem, +vernehmlichem Deutsch aus. Zu unserem Glueck hoerte dies ein in +der Naehe arbeitender deutscher Gaertner. Der suesse Klang aus +dem Vaterlande bewegte sein Herz, und er nahm sich der Landsleute +so kraeftig an, dass ihm endlich erlaubt wurde, unser Fuehrer zu sein. + +Wir fanden die Promenaden sehr angenehm, viel hohe, herrliche +Baeume in einzelnen Gruppen; dichte Schattenpartien wechselten +mit lichten Gaengen zwischen Gras, Blumen und kleinem Gestraeuch. +Besonders reizend erschien uns ein reich geschmueckter Blumengarten +mit einem kleinen Wasserbassin, in welchem Goldfischchen spielten. +Nur ein wenig zu ueberladen mit Gebaeuden sind diese Gaerten. +Da gibt's Tempel in Menge, der Bellona, dem Pan, dem Aeolus, +dem Frieden, der Einsamkeit und wem nicht noch sonst geweiht; +da ist ein Haus des Konfuz, eine Wildnis mit einem maurischen +Gebaeude, eine chinesisch seinsollende Pagode, eine Moschee, +roemische Ruinen, kurz - viel zu viel fuer den guten Geschmack. +Keines dieser Gebaeude ist ausgezeichnet schoen, aber auch keines +seines Platzes ganz unwert. Man kann sich indessen doch nicht +enthalten, manches davon wegzuwuenschen; denn dieses bunte Allerlei +wird niemandem gefallen, der Gelegenheit hatte, die liebliche +Einfachheit der englischen Parks zu bewundern. + + + +Richmond Hill + + +Ein hoechst angenehmer Weg fuehrt durch die Gaerten von Kew zu den +daran stossenden von Richmond. Viele Gebaeude, mit denen auch +diese unter der Regierung mehrerer Koenige und Koeniginnen ueberladen +wurden, sind gluecklicherweise wie von selbst verschwunden. +Auch waren sie wohl nirgends schlechter angebracht als auf diesem +zauberisch schoenen Flecke, wo die ganze Gegend ringsumher +einem grossen herrlichen Garten gleicht. + +Nur ein Landhaus der Koenigin, welches diese oft mit ihrer Familie +besuchte, steht an einem der freundlichsten Plaetzchen des Gartens, +einfach und anspruchslos; an einem andere Orte die vom Koenige +erbaute Sternwarte. Sie soll besonders wegen mehrerer, vom Doktor +Herschel verfertigter Instrumente merkwuerdig sein. Wir besuchten +sie nicht, die Erde erschien uns hier zu schoen, um von ihr +weg den Blick zum Himmel zu wenden. + +Schon von der huebschen steinernen Bruecke aus, die nahe vor dem +beruehmten Huegel von Richmond ueber die Themse fuehrt, geniesst man +einer entzueckenden Aussicht auf dem Strom, seine mit schoenen Villen +geschmueckten Ufer und den sich sanft zu keiner sehr betraechtlichen +Hoehe erhebenden gruenenden und bluehenden Huegel. Weit schoener noch +ist es, wenn man diese Anhoehe ersteigt und nun aus dem Fenster +des darauf erbauten Gasthofs hinabblickt auf eines der +reizendsten Taeler der Welt. Groessere, ausgebreitetere, romantisch +schoenere Aussichten gibt es viele, aber keine, welche an Anmut +diese uebertraefe. Ein unaussprechlich suesses Gefuehl von Ruhe, +stillem Glueck, Freude am Leben ergreift jeden maechtig, der von hier +aus den Blick herabsenkt. Alles gruent und blueht in der herrlichsten, +ueppigsten Vegetation. Die hoechstmoegliche Kultur schmueckt das weite, +von einem der schoensten Sroeme belebte, von sanft anschwellenden, +waldgekroenten Huegeln umgebene Tal. Selbst England bietet keine +solche zweite Aussicht dar, und ausser dieser Insel kann es keine +aehnliche geben; wo faende man noch dieses frische Gruen in Wiese +und Garten, Feld und Wald? + +In mannigfaltigen Biegungen und Kruemmen durchstroemt die Themse +dies Paradies. Hier ist sie noch nicht der maechtige Strom, +der dort, nahe bei der Hauptstadt, sich praechtig weit ausbreitend, +die Schaetze aller Weltteile auf seinem Ruecken traegt. +Nur schiffbar fuer kleinere Fahrzeuge, gleitet sie durch +die friedliche Landschaft, selbst das Bild eines schoenen taetigen +Lebens in stillem Frieden. Ueberall traegt sie die klaren Wellen hin, +verschoent, erfrischt, traenkt die Umgebungen und wandert dann +geraeuschlos weiter. + +Das ueppigste Gedeihen fuellt Wald, Hoehe und Tal, kroent die Ufer, +die schoenen Huegel, so weit das Auge nur reicht. Weisse Giebel +freundlicher Paechterwohnungen, schoene Fassaden praechtiger +mit Saeulen geschmueckter Villen, Landhaeuser, umrankt von +Jelaengerjelieber, Tuerme entfernterer Kirchen, stattliche Schloesser, +freundliche Doerfer und Staedtchen blinken ueberall hervor aus Baeumen +und Gebuesch, in der Hoehe und in der Tiefe, in der Naehe und in der +Ferne. Wohin das Auge sich wendet, erblickt es freundliche Gegenstaende, +ueberall ist Lebensgenuss und Freude, nirgends Geraeusch und aengstliches +Treiben. Am Ufer des schimmernden Stromes draengt sich alles dies +noch freundlicher zusammen und spiegelt sich in den klaren Wellen, +damit alles Schoene und Herrliche verdoppelt erscheine. Aus der Ferne +schauen die ehrwuerdigen grauen Tuerme von Windsor von ihrem Huegel +herueber, unten, mehr in der Naehe, breitet sich stattlich das grosse +koenigliche Schloss Hampton Court aus; fast ganz im Vordergrunde, +nahe an der Themse, liegt das reizende Schloss Strawberry Hill; +dicht daran das aus lauter schoenen Haeusern zusammengesetzte Dorf +Twickenham mit seiner huebschen Kirche. Hart am Strome zeichnet sich +die elegante, ehemals vom Dichter Pope bewohnte Villa aus. + +Es waere sehr zwecklos, diese wunderbar reizende Gegend umstaendlich +beschreiben zu wollen; nicht einmal der Pinsel, viel weniger die Feder +koennen ihren Zauber wiedergeben. Wer von unseren Lesern vielleicht +einst aus dem einen Eckfenster des kleinen Schlosses, auf der Hoehe +von Dornburg bei Jena, hinab in das stille Saale-Tal, auf die sanft +sich hinwindende Saale blickte, der hat einen schwachen Abriss, +ein Miniaturbild des Tales von Richmond gesehen. Uns ergriff +die Aehnlichkeit dieser Aussicht mit der von Richmond Hill beim +ersten Anblick. Nur dass dort alles gross, mannigfaltig ausgebreitet +daliegt, was sich hier eng und klein zusammenschmiegt; auch +schmuecken nicht unzaehlige Tuerme und Gebaeude das stille, einsame +Saaleufer, wie sie dort die Ufer der stolzen Themse kroenen. + +Aus den Fenstern des auf Richmond Hill erbauten Gasthofs zum "Stern +und Strumpfband", Star and Garter, uebersieht man all diese +Herrlichkeiten mit einem Blick. Nicht nur die einzig schoene Lage, +sondern auch die vorzueglich gute Einrichtung und Bedienung erheben +diesen Gasthof zu einem der ersten in England. + +Ihm gegenueber ist der Eingang zum Park, den man zu den groessten +rechnet und dessen Umfang acht englische Meilen betraegt. +Bescheiden hat die Kunst hier nur fuer die Bequemlichkeit der +Wandelnden gesorgt, ohne sich vorzudraengen. Zahme Hirsche und +Rehe weiden hier in grosser Anzahl zwischen herrlichen Baeumen. +Sie wurden von Hampton Court, wo sie sonst wohnten, hierher +gebracht, da der alte Koenig dort selten hinkam. Ueberall im +Park oeffnen sich Aussichten auf einzelne Teile der grossen +Landschaft, die man von Richmonds Huegel erblickt; in anderen +Zusammenstellungen,von einem anderen Standpunkte aus gesehen, +bilden sie hier neue Ansichten und vervielfaeltigen den Genuss +ins Unendliche. + + + +Staines. Slough. Oatlands + + +Wenige Meilen hinter Hampton Court, etwas entfernter von der +Themse, fuhren wir durch den schoenen Park von Claremont, +alsdann durch das nahe daran gelegene freundliche Staedtchen +Chobham nach Painshill. Das Haus von Claremont Park wird +Fremden nicht gezeigt. Seine Aussenseite verspricht nichts +Ausserordentliches. Man lobt sehr dessen innere Einrichtung +und die vielen Gemaelde und anderen Kunstwerke, die es verbirgt. + +Die Gaerten von Painshill waren die ersten, welche wir vor +mehreren Jahren bei einem frueheren Aufenthalte in London besuchten. +In der Naehe dieser Hauptstadt gibt es keinen Landsitz, +dessen Promenaden sie an Groesse und Schoenheit uebertraefen. +Erwartungsvoll, als gingen wir einem alten Freunde entgegen, +langten wir an; aber der heutige Tag war ein Tag getaeuschter +Hoffnungen fuer uns. Wir wurden nicht eingelassen. Painshill +war seit kurzem verkauft. Der jetzige Besitzer, ein reicher +Londoner Bankier, erlaubte niemandem mehr den Eintritt +in sein mit baren Guineen bezahltes Paradies. Traurig +sahen wir von weitem die schoenen Baeume, nach deren Schatten +wir uns sehnten, und wandten uns wieder zur Themse, nach dem +hart an ihren Ufern erbauten Staedtchen Staines, in dessen +Nachbarschaft es eben sehr lustig beim Pferderennen herging. + +Das frohe, bunte Gewuehl der Zuschauer ergoetzte uns und zerstreute +schnell den Verdruss ueber unser Missgeschick in Painshill und +Claremont Park. Er erinnerte uns von neuem auf das Lebhafteste +an die Jahrmaerkte und Kirchmessen, welche in Deutschland +von Zeit zu Zeit Doerfern und kleine Staedten Leben und Freude +bringen. + +Dicht neben dem Gasthofe in Staines fuehrt eine hoch und kuehn +gewoelbte Bruecke ueber den Strom. Nicht ganz so gross als die +bei Sunderland, gleicht sie jener auf's Genaueste und verdient +allein, dass man die kleine Reise von London hierher macht, +besonders wenn man nicht nach Newcastle und Sunderland zu reisen +Gelegenheit hat. Leicht und zierlich wie ein kuehner Sprung +wirft sie sich ueber den Strom, und der Pont aux arts in Paris +laesst sich trotz seiner mit Orangenbaeumen garnierten Gelaender +auf keine Weise mit diesem schoenen, wie von Feenhaenden +durch die Luft gezogenen Bogen vergleichen. + +Von Staines fuehrte uns ein sehr angenehmer Weg durch eine +hoechst reizende, fruchtbare Gegend, fast immer im Angesicht +der Themse, ueber Windsor nach dem nahe dabei gelegenen Salthill, +einem einzelnen Gasthofe, welcher alle Bequemlichkeit bietet, +die man nur wuenschen kann. Von London aus werden oft Landpartien +dahin gemacht, besonders von Fremden, die mehrere Tage hier +verweilen, um alles Schoene mit Musse zu geniessen, was Windsor +und die mannigfaltigen Reize der Gegend ringsumher gewaehren. + +Ganz nahe an Salthill liegt das kleine Dorf Slough, in welchem +Doktor Herschel seit mehreren Jahren in einem nicht grossen, +aber sehr huebschen, vom Koenige ihm geschenkten Hause wohnt +[Fussnote: Sir William (1738-1822); entdeckte den Planeten Uranus +und ueber 250 Nebel und Sternhaufen. Seine Schwester Karoline +(1750-1848) entdeckte mehrere Kometen.]. Wir hatten ein +Empfehlungsschreiben an unseren beruehmten Landsmann. Freundlich +empfing er uns, er und seine ihm an Geist und Ausbildung +aehnliche Schwester. Waehrend diese die Aufsicht ueber den Himmel +mit dem Bruder teilte, machte sie ihm zugleich das Leben +auf der Erde so angenehm als moeglich und ueberhob ihn jeder +irdischen Sorge. Fast gleich aneinander an Jahren, beide +ganz demselben hohen Zwecke ergeben, genossen diese seltsamen +Geschwister in ruhiger, laendlicher Stille hier ein schoenes, +glueckliches Dasein. + +Die koenigliche Familie, unter deren besonderem Schutze sie einzig +ihrer Wissenschaft lebten, zeichnete sie auf alle Weise aus, +besonders waehrend des Sommeraufenthaltes in Windsor. Die ganze +Nachbarschaft, Reiche und Arme, Vornehme und Geringe, ehrten +und liebten sie; ueberall war man ihres Lobes voll, sowie wir +nur ihren Namen nannten. + +Trotz seines hohen Alters und der von seiner Wissenschaft +unzertrennlichen Beschwerden, die in den feuchten englischen +Naechten vielleicht zerstoererischer sind als irgendwo, erfreute +sich Doktor Herschel einer festen, dauerhaften Gesundheit. +Im Umgange war er heiter, anspruchslos und nahm auf's erste +Wort fuer sich ein, so auch seine Schwester. Durch den langen +Aufenthalt in England hatten beide ihre Muttersprache verlernt, +wenigstens wurde es ihnen schwer, sich gelaeufig darin auszudruecken; +uebrigens aber waren sie Deutsche geblieben, und ihr ganzes +Wesen trug unverkennbar den Stempel unserer Nation. + +Gefaellig und freundlich zeigte uns Herschel seine astronomischen +Instrumente. Das grosse Riesen-Teleskop in seinem Hofe betrachtete +er selbst mehr nur als eine Seltenheit und bediente sich fast +immer kleinerer Fernrohre. Er gestand, dass er mit diesen alle +seine wichtigen Entdeckungen machte, und dass nicht die Groesse +der Glaeser, sondern unablaessige Aufmerksamkeit, Fleiss und +Treue in seinen Beobachtungen ihn zu der Hoehe brachten, +die er erreicht hatte. + +Alles, was wir hier sahen, ist in Deutschland bekannter, als wir, +bei unserem Mangel an den dazugehoerigen Kenntnissen, durch unsere +Beschreibung es machen koennten. Herschel erschien uns immer +selbst das Merkwuerdigste unter allen seinen Umgebungen. Nach +dem bekannten Sprichworte lobt zwar das Werk den Meister, +aber uns duenkt doch, dass der Meister immer ueber sein Werk +erhaben bleibt. + +Doktor Herschel gehoerte zu den merkwuerdigen Menschen, die ohne +aeussere Unterstuetzung, ohne dass ihre Eltern sie durch eine, ihrem +Talent angemessene Erziehung auf das Leben vorbereiten konnten, +in die Welt treten, arm, freudlos, aber mit festem Willen, +hellem Blick und nie zu ermuedendem Mute bei allen Stuermen des +Lebens. Er ward 1738 im Hannoverischen geboren. Sein Vater, +ein armer Musiker, mit vielen Kindern, konnte wenig mehr fuer ihn +tun, als dass er ihm, so gut er es vermochte, in seiner eigenen +Kunst Unterricht erteilte. Doch fand der Knabe bald Gelegenheit, +Franzoesisch zu lernen, und gluecklicherweise war sein Lehrer auch +uebrigens ein unterrichteter Mann, der ihm einige logische und +mathematische Kenntnisse beibrachte, die den jungen Geist des +lernbegierigen Schuelers auf das lebhafteste beschaeftigten. +Waehrend des siebenjaehrigen Krieges gingen Herschel und sein Vater +mit dem Musikchor eines hannoverischen Regiments nach England. +Der Vater kehrte nach einiger Zeit mit seinem Regiment zurueck ins +Vaterland, waehrend der Sohn sich entschloss, in London zu bleiben +und dort sein Glueck zu versuchen. Aber sein Stern war noch nicht +aufgegangen. Verloren in der Menge, uebersehen, zurueckgestossen +ueberall, gehoerte sein fester Geist dazu, um hier nicht den Mut +zu verlieren. Er verliess die glaenzende Hauptstadt, die dem +schutzlosen unbekannten Fremdling sich so unfreundlich zeigte, +und wanderte ins noerdliche England. Auch hier irrte er eine +Zeitlang von Ort zu Ort, bis endlich in Halifax ihm eine bleibende +Staette ward. Die Stelle eines Organisten war dort eben erledigt, +er meldete sich dazu, bestand in den Proben und ward angenommen. +Ausser den Stunden, welche er seinem Amte widmen musste, und +einigen anderen, die er, um Geld zu verdienen, auf musikalischen +Unterricht verwendete, gab er alle seine uebrige Zeit jetzt dem +Sprachenstudium hin. Mit der italienischen Sprache fing er an, +dann lernte er mit vieler Anstrengung Latein, in welchem er grosse +Fortschritte machte; das Griechische, was er auch zu studieren +anfing, gab er indessen bald wieder auf. Alle diese Studien +trieb er fuer sich allein, ohne fremde Hilfe. Vom Studium +der Sprachen schritt er weiter zu noch ernsteren Kenntnissen, +immer allein und ohne Lehrer. Zuerst erwarb er sich eine +vollkommene Uebersicht des ihm zunaechst gelegenen, der Theorie +der Harmonie, dann drang er weiter und immer weiter zur Mathematik +und allen ihr verwandten Wissenschaften. + +So verflossen ihm in Halifax einige von ihm hoechst nuetzlich +verwandte Jahre auf das Angenehmste, dann ward er, ebenfalls +als Organist, nach Bath berufen. Hier fand er mehr Arbeit in seinem +einmal erwaehlten Stande, er musste in den Assemblee-Saelen spielen, +in Konzerten, im Theater, aber alles dieses hinderte ihn nicht, +in seinem eigentuemlichen Berufe fortzufahren. Trotz der ueberhaeuften +Arbeit, trotz der Lockungen zu einem zerstreuten Leben in der +glaenzenden Aussenwelt, die ihn umgab, blieb er seinem Genius treu +und verwachte viele Naechte bei den abstraktesten Gegenstaenden. + +Astronomie und Optik beschaeftigten ihn jetzt fast ausschliessend. +Mit unbeschreiblichem Vergnuegen betrachtete er den gestirnten Himmel +durch ein von einem Freunde geliehenes Teleskop. Unwiderstehlich +erwachte in ihm der Wunsch, einen ganzen astronomischen Apparat +zu besitzen. Unbekannt mit den dazu erforderlichen Kosten, +schrieb er einem seiner Londoner Bekannten, er moege ihm fuer's erste +ein groesseres Teleskop aus der Hauptstadt schicken. Dieser, verwundert +ueber den dafuer geforderten Preis, wagte den Einkauf nicht, +ohne Herschel vorher davon zu benachrichtigen. Auch dieser erschrak +nicht wenig darueber, denn die verlangte Summe schien ihm +unerschwinglich. Statt sich aber dadurch niederschlagen zu lassen, +fasste er jetzt den kuehnen Entschluss, selbst ein solches Instrument, +wie er es sich wuenschte, zu verfertigen. Nach unendlichen +fehlgeschlagenen Versuchen mit den schlechtesten Hilfsmitteln, +immer angefeuert durch seinen strebenden Geist, gelang es ihm +endlich im Jahr 1774, den Himmel durch einen, von ihm selbst verfertigten, +fuenffuessigen Newtonschen Reflektor zu betrachten. Jetzt strebte er +weiter und immer weiter, verfertigte Instrumente von einer zuvor +nie gesehenen Groesse und hielt doch fest bei seinem einmal +angefangenen Berufe. Oft eilte er aus dem Theater, aus den glaenzenden +Konzertsaelen, waehrend der Pausen hinaus ins Freie zu seinen Sternen +und kehrte dann zur rechten Zeit zurueck zum Notenpulte. + +Von dieser Zeit an datieren sich seine weltbekannten astronomischen +Entdeckungen. Herschel ward beruehmt und zuletzt drang sein Ruf +bis zum Koenige. Im Jahr 1782 nahm ihn dieser ganz unter seinen +Schutz, befreite ihn von seinen beschwerlichen Berufsarbeiten, +gab ihm eine lebenslaengliche Pension und raeumte ihm die Wohnung +in Slough ein, wo wir so gluecklich waren, den ehrenwerten Mann +persoenlich kennenzulernen, und von wo aus er bis an seinen vor +einigen Jahren erfolgten Tod die Geheimnisse der Sphaeren belauschte. + +Von Slough nahmen wir unseren Weg ueber Oatlands zurueck nach London. +Diese einsame laendliche Wohnung der seitdem auch verstorbenen +Prinzessin Friederike von Preussen [Fussnote: Gattin des Herzogs +von York, eines Bruders von Georg IV., den sie 1791 heiratete. +Wegen Kinderlosigkeit trennten sie sich nach sechsjaehriger Ehe. +Die Wochenendgesellschaften in Oatlands waren beruehmt, und auch +der Herzog besuchte sie bisweilen trotz ihrer Trennung.], Gemahlin +des Herzogs von York, liegt in geringer Entfernung von den Ufern +der Themse, fast am aeussersten Ende des schoenen Tals, welches +der Blick von Richmonds Huegel aus beherrscht. Hier wohnte diese +Fuerstin, die Tochter Koenig Friedrich Wilhelms des Zweiten, als Kind +schon der Liebling ihres grossen Oheims, beinahe das ganze Jahr +hindurch in kloesterlicher Eingezogenheit, umgeben von wenigen Damen. +Selten nur kam der Herzog mit einigen Freunden nach Oatlands und +brachte Abwechslung in ihr einfoermiges Leben. Ihre Hauptbeschaeftigung +waren wunderschoene Stickereien, an welchen sie mit ihren Damen +bis tief in die Nacht arbeitete. Wenn der Morgen daemmerte, ging sie +gewoehnlich erst zur Ruhe, und stand auf, wenn die Sonne wieder +zu sinken begann. + +Der boese Genius, der uns vom Anfange dieser kleinen Reise +begleitete und uns so manche Erwartung vereitelte, schien uns +auch hier noch nicht verlassen zu wollen. Wir waren leider wieder +nicht an dem Tage dort, an welchem Fremden der Eintritt erlaubt +wird, und haetten durchaus an einem Sonntage kommen sollen, +versicherte uns eine alte, ziemlich graemliche, korpulente Dame, +die Frau des Kastellans. Neben ihr stand ein ebenso wohlbeleibter +und verdriesslicher Berliner Mops und wies uns knurrend die +weissen Zaehne. Trotz dieser trueben Aspekte versuchten wir unsere +Redekuenste und gluecklicherweise nicht ohne Wirkung. Wir stellten +ihr vor, wie wir ausdruecklich aus Deutschland ueber's Meer +hierher gekommen waeren, um unseren Landsleuten hernach sagen zu koennen, +wie es in der Wohnung unserer Prinzessin aussaehe und wie es ihr erginge? +Dies ruehrte das Herz der alten Dame, zusehends wurde sie freundlicher, +der knurrende Mops ward auf sein Kissen verwiesen, sie schrieb +ein Billett an Madame Silvester, eine deutsche Favorite der Herzogin, +und machte zuletzt noch eine grosse Toilette, um uns selbst +ins Schloss zu begleiten. Langsam wedelnd watschelte jetzt der Mops +gesellig neben uns her. + +In dieser Begleitung durchwanderten wir zuerst einen schoenen grossen +Park, dann traten wir in einen Blumengarten, voll der schoensten +und seltensten Pflanzen. Eine Menge grosser und kleiner, lang- und +kurzgeschwaenzter Affen trieb darin ihr lustiges Wesen. Die Herzogin +liebte diese und alle Tiere, welche sich zur haeuslichen Geselligkeit +erziehen lassen. Fremde und einheimische Voegel, Papageien, +Hunde aller Art fanden wir in grosser Anzahl ueberall in und um +ihre Wohnung. + +Die groesste Zierde des nicht gross, nicht praechtig, sondern +ganz einfach und fast buergerlich eingerichteten Schlosses waren +die kuenstlichen Stickereien der Fuerstin und ihrer Damen. +Die Spaziergaenge fanden wir sehr angenehm, sehenswuerdig allein +eine schoene, mit seltenen Versteinerungen und Fossilien aus +Derbyshire etwas phantastisch verzierte Grotte, die ein marmornes +Bad enthaelt. Rund um sie her lagen die mit Inschriften versehenen +Graeber der verstorbenen Lieblingshunde und Affen der Fuerstin. +Diese erinnerten uns lebhaft an den Kirchhof, welchen Friedrich +der Grosse in Sanssouci fuer seine vierbeinigen Freunde einrichtete +und in dessen Mitte er einst, in einer trueben Stunde, sein eigenes +Grab bereiten liess. + + + +Westindische Docks. Knole, Landsitz des Herzogs von Dorset + + +Die noerdlichen Ufer der Themse in der Grafschaft Kent sind nahe +bei London mit unzaehligen Magazinen, Schiffswerften und anderen +dem Seehandel unentbehrlichen Gebaeuden bedeckt. Hier auf der +befahrensten Strasse zum "Markte der Welt" ist alles der rastlosesten +Taetigkeit geweiht, und die laendlichen Freuden fliehen von selbst +diesen ewigen Laerm, wo der Amboss und der laute Ruf einer zahllosen +Menge arbeitender Menschen unaufhoerlich ertoent. + +Nahe an der Stadt erblickt man ein Riesenwerk unserer Tage: +die dem westindischen Handel gewidmeten Docks. Eine Gesellschaft +Londoner Kaufleute erbaute sie vor nicht gar langer Zeit. +Sie kosteten die ungeheure Summe von sechshunderttausend Pfund +Sterling. Eine Abgabe von den hier abzuladenden Waren entschaedigt +die Unternehmer fuer ihre Auslage vollkommen, denn alle +Westindienfahrer muessen in diesem durch Kunst hervorgebrachten +Hafen ihre Waren ein- und ausladen. Er besteht aus zwei +ungeheuren Bassins, von welchen das kleinere bloss zum Laden dient, +das groessere zwei- bis dreihundert grosse Schiffe beherbergen kann, +die darin sicher und bequem unter Schloss und Riegel liegen. + +Man kann sich den imposanten Anblick des Ganzen kaum vorstellen. +Schoene breite Quais, belebt von allem Gewuehl des Seehandels, +umgeben die mit Schiffen bedeckten Bassins. Einer Reihe Palaeste +gleich, stehen die grossen praechtigen Magazine die Quais entland; +kein Fleck ist unbenutzt, und trotz der Groesse des Ganzen scheint +es oft noch an Raum zu fehlen. Diese Einrichtung gewaehrt dem Handel +nicht zu berechnende Vorteile; denn die mit den kostbarsten Waren +beladenen Schiffe liegen hier gesichert gegen allen Diebstahl, +in einem ganz abgesonderten Raume, geschieden von den uebrigen +Fahrzeugen, welche den Hafen ueberfuellen. Da die Westindienfahrer +gewoehnlich in grossen Flotten zugleich anlangen, so entstand +bei ihrer Ankunft sonst immer eine gewaltige Verwirrung, +ein fuerchterliches, unendliches Schaden und Verlust mit sich +bringende Gedraenge auf dem Strome. Dem ist nun vorgebeugt, +und alles geht mit Ruhe und Ordnung vonstatten. + +Den praechtigen Docks gegenueber breitet sich das stattliche +Greenwich aus, und man braucht nur in einem der immer bereit +liegenden Boote quer ueber die Themse zu schiffen, so ist man +in diesem der Ruhe gewidmeten Asyl; nur einige Schritte weiter +in dem schoenen Park von Greenwich und die friedlichste Stille +umgibt uns, kein Laut von jenem unruhigen Treiben der +gelderwerbenden Menge toent mehr herueber. + +Hinter dem Park erstreckt sich die nicht grosse, aber als +Haupttummelplatz englischer Strassenraeuber beruechtigte Heide +von Blackheath, welche jedoch in ueblerem Rufe steht, als sie es +verdient. Im Ganzen scheint die Zahl jener Unholde in England +ziemlich abgenommen zu haben, und manche Mordgeschichte, +die man in den englischen Blaettern liest, wurde nur ersonnen, +um den Platz zu fuellen, oder den uebrigen, oft faden Inhalt +der Neuigkeiten bekannter zu machen. + +Von Blackheath aus machten wir eine kleine Lustreise durch +einen anderen Teil der Grafschaft Kent, als der war, welchen wir +auf der Reise von Dover nach London sahen. + +Gleich anfangs erfreute uns, wenige Meilen von London, eine in +ihrer Art einzige, wunderherrliche Aussicht. Wir sahen die +maechtige Stadt, ihre unzaehligen Tuerme und den Dom von St. Paul +ausgebreitet daliegen am Ufer des Stroms, der, bedeckt mit Masten, +wirklich im strengsten Sinne des Worts wie ein seiner Zweige +beraubter Wald sich zeigte. Gerade vor uns lag Greenwich, zur +linken Hand die nicht unbetraechtliche, fast einzig dem Schiffsbau +gewidmete Stadt Deptford mit ihrem Hafen, ihren Docks, +ihren gewuehlvollen Schiffswerften, rechts die ihr aehnliche Stadt +Woolwich, in welcher sich das ungeheure Arsenal der englischen +Seemacht nebst vielen dazugehoerigen Schmieden, Magazinen und +Fabriken befindet. Das sanfthuegelige Land ringsumher, belebt +durch unzaehlige Doerfer, traegt ganz den englischen Charakter; +alles ist gruen, fruchtbar, angebaut und geschmueckt mit +einzelnen Gruppen ehrwuerdiger Eichen und Buchen. + +Manchen schoenen Park mit seiner Villa, manche reizende laendliche +Wohnung sahen wir im Vorbeifahren, bis zu dem vierzehn Meilen +von London entlegenen Landstaedtchen Bromley. Hier draengen sich +indessen die Landsitze nicht so aneinander als in der Gegend +um Richmond herum, denn es fehlen die hoeheren Reize, die dort +der alles belebende Strom gewaehrt, und ueberhaupt mangelt es +der Grafschaft Kent an Gewaessern. + +Nahe bei Bromley besuchten wir einen alten Freund, den wir vor +mehreren Jahren in einem kleinen Hause der City als einen +mittelmaessig wohlhabenden Kaufmann in seinem Comptoir verliessen +und hier als den reichen Besitzer von Tunbridge Park wiederfanden. +Ein schoener Park, angenehme Gaerten und Spaziergaenge umgeben die +elegante, von unserem Freunde ganz im italienischen Geschmacke +erbaute Villa. Der Tempel der Ceres nahe bei Rom diente der +Hauptfassade zum Modell. + +Wenige Meilen weiter, nahe beim Staedtchen Sevenoaks, liegt Knole, +der uralte Sitz des Herzogs von Dorset. Bis hierher behaelt +die Gegend denselben Charakter, huegelig, gruen, angebaut wie +ein Garten. + +Das durch sein Alter ehrwuerdige Schloss liegt mitten in einem +weitlaeufigen Parke, dessen himmelanstrebende Eichen vielleicht +schon vor seiner Erbauung dastanden. Es ist ein duesteres, +weitlaeufiges Gebaeude, dessen innere Einrichtung aus einem +wunderlichen Gemisch von Altem und Neuem besteht. Einige Zimmer +sind ganz modern moebliert, andere, wie sie vor ein paar hundert +Jahren es waren; die uebrigen, gerade die am meisten bewohnt +zu werden schienen, enthalten Altes und Neues durcheinandergemischt +und nehmen sich eben nicht zum besten aus. + +Besonders merkwuerdig fuer den Forscher nach alter Sitte sind +zwei Zimmer; das erste steht noch da, wie Koenig Jakob der Erste +[Fussnote: Koenig von Grossbritannien und Irland (1603-25), +als Koenig von Schottland Jakob IV. (1567-1625), Sohn Maria Stuarts.] +es verliess, der einmal eine Nacht darin zubrachte. In dem hohen +geschnitzten Bette koennten wenigsten sechs Personen bequem Platz +finden; an den Spiegeln ist mehr Schnitzwerk als Glas, +und die zentnerschweren Lehnstuehle sind mit kleinen Treppen +zum Hinaufsteigen versehen. + +Das andere Zimmer, dessen Einrichtung aus derselben Zeit stammt, +ist ein kostbares Denkmal der damaligen soliden Pracht. Die aus +Gold und Silber gewirkten Gardinen des Bettes, welches allein +zwanzigtausend Pfund Sterling gekostet hat, scheinen ihre +Entstehung eher dem Amboss und Hammer als dem Webstuhle zu +verdanken, so massiv sind sie, und die mit einer zolldicken +kuenstlichen goldenen Stickerei ueber und ueber verzierte Decke +desselben wuerde jeden, der darunter schlafen wollte, durch ihre +Schwere erdruecken. Eine silberne Toilette von schoener alter +getriebener Arbeit, ein grosser silberner Tisch und ein geschnitzter +Schrank, gross wie ein Haus in den Hochlanden, ueber und ueber +besetzt mit silbernen Prunkvasen, machen das Ameublement +vollstaendig. + +Viele andere Zimmer enthalten eine Menge guter alter Gemaelde. +Besonders merkwuerdig in dieser Hinsicht ist eine lange Galerie +voll Familienportraits und Bildnissen ausgezeichneten Menschen +frueherer Zeit. Manche wunderliche Karikatur, aber auch mancher +vortrefflich gemalter Kopf blickt hier von den Waenden auf uns herab. +Zu den letzteren gehoert besonders ein sehr charakteristisches +Portraet Cromwells, naechst dem Luthers, dessen bleichen Freundes +Melanchthon und Erasmus, gemalt von Lucas Cranach. Die Portraets +fast aller bekannten und beruehmten Gelehrten und Dichter Englands +fuellen ein besonderes Kabinett. + +Weiterhin hinter Knoles erhebt sich die Gegen allmaehlich; +hoehere Berge gewaehren dem Reisenden manche schoene Aussicht; bald +zeigen wunderbar gestaltete Felsen ihre kahlen Scheitel; +weiter blick man hinab in die tiefen Schluchten eines sehr +pittoresken Steinbruchs; dann zeigt sich die schoene Ruine eines +uralten Schlosses hoch auf einem Berge, der drohend auf das +and seinem Fusse liegende Staedtchen Tunbridge hinabschaut. So geht es +fort bis zu dem einige Meilen weiterhin gelegenen freundlichen +Badeorte Tunbridge Wells. + +Dieser wird sehr haeufig besucht, da er nur sechsunddreissig Meilen +von der Hauptstadt entfernt ist und man den Weg dahin in wenigen +Stunden zuruecklegt. Wir wuerden indessen die Grenzen der naechsten +Umgebung ueberschreiten, wenn wir uns auf dessen naehere +Beschreibung hier einliessen; auch zeichnet er sich weder durch +seine innere Einrichtung noch durch seine Lage vor anderen +aehnlichen Orten aus. Tunbridge sei also der Scheidepunkt, wo wir +dem Leser, der uns freundlich bisher begleitete, ein dankbares +Lebewohl sagen. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Reise durch England und Schottland +by Johanna Schopenhauer + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REISE DURCH ENGLAND UND SCHOTTLAND *** + +***** This file should be named 10823.txt or 10823.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/0/8/2/10823/ + +Produced by Tina Gr"we + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's +eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII, +compressed (zipped), HTML and others. + +Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over +the old filename and etext number. The replaced older file is renamed. +VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving +new filenames and etext numbers. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000, +are filed in directories based on their release date. If you want to +download any of these eBooks directly, rather than using the regular +search system you may utilize the following addresses and just +download by the etext year. For example: + + https://www.gutenberg.org/etext06 + + (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99, + 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90) + +EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are +filed in a different way. The year of a release date is no longer part +of the directory path. The path is based on the etext number (which is +identical to the filename). The path to the file is made up of single +digits corresponding to all but the last digit in the filename. For +example an eBook of filename 10234 would be found at: + + https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234 + +or filename 24689 would be found at: + https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689 + +An alternative method of locating eBooks: + https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL + + diff --git a/old/10823.zip b/old/10823.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f8f7c11 --- /dev/null +++ b/old/10823.zip |
